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Das Schweigen der Mühlen

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Dies gilt insbesondere für die elektronische Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Für die Polizeibehörden der EU-Mitgliedstaaten bilden Ermittlungen gegen international tätige Waffenhändler einen Schwerpunkt.

Damit soll nicht nur der Waffenhandel unterbunden, sondern auch das Missbrauchspotenzial, welches in Verbindung mit Schusswaffen grundsätzlich eine Gefahr darstellt, gesenkt werden.

Quelle:

„Bundeslagebild Waffenkriminalität 2018“ des Bundeskriminalamts.

Prolog

Vier Monate zuvor

Mati Ratsanik stand an einem der hohen Fenster in der Bibliothek der alten Villa, die umgeben von hohen Bäumen verborgen zwischen der Rätsepa tee und der Puki tee lag, und blickte in die Richtung, in der er den nahen Strand wusste. Sein verstorbener Patron, wie er ihn immer ehrfurchtsvoll genannt hatte, schaute gerne von diesem Fenster aus hinüber zur nahen Küste, als könne er sie trotz der hohen Bäume sehen. Dabei hatte er gerne nachgedacht. Und er, Mati Ratsanik, hatte stets wenige Schritte hinter ihm gestanden und auf Befehle oder Anweisungen gewartet, die es dann für den Patriarchen auszuführen galt. Mati Ratsanik war die rechte Hand des Patrons gewesen, bis zu jenem unglückseligen Tag, an dem Joosep Kraana plötzlich und auf merkwürdige Art und Weise verstorben war. Gewiss war sein Patron, der Clan-Chef, schon einige Tage zuvor erkrankt – jedoch nichts Weltbewegendes. Er war Asthmatiker und Raucher, was sich ohne Zweifel nicht immer gut miteinander vertrug, aber vom Sterben war Joosep Kraana dennoch weit entfernt gewesen!

Von dieser Villa aus, die sich schon seit Generationen im Besitz der Familie Kraana befand, hatte der Patriarch seinen Clan gelenkt und geführt – unumstritten, gefürchtet, aber gerecht, wie Mati Ratsanik fand. Er selbst hatte nie einen Grund gehabt, sich über seinen Patron zu beschweren. Aber er war auch die rechte Hand, ein Mann, der Gewicht und Macht hatte im Clan. Bis zu diesem schrecklichen Tag Ende März, an dem er den Clan-Chef am frühen Morgen tot in seinem Bett aufgefunden hatte. Und mit einem Ausdruck im Gesicht, der ihm verriet, dass sein geliebter Patron nicht einfach friedlich eingeschlafen und dann nicht mehr aufgewacht war! Nein, er hatte die Augen weit aufgerissen und starrte mit Entsetzen an die hohe Decke des Schlafzimmers, als hätte er vor seinem Ableben einen prophezeienden Blick in die tiefsten Tiefen der Hölle geworfen, die nun mit all ihren Qualen erbarmungslos auf ihn warten würde.

Hier, im Nordosten von Tallinn, am Piritafluss, hatte Mati Ratsanik sein halbes Leben treu im Dienste seines Patrons verbracht. Man sagte dem Clan-Chef gerne nach, er sei der Kopf der estnischen Mafia hier in Tallinn gewesen. Das hörte Joosep Kraana nicht gern, und schon gar nicht den Begriff „Mafia“. Für ihn war das, was er tat, ein ernstzunehmendes Familienunternehmen zu führen, wenn auch dessen große Betätigungsfelder wie Rauschgiftschmuggel, Prostitution und Waffenschieberei sich von denen eines gewöhnlichen Wirtschaftsunternehmens mehr als deutlich unterschieden, gerade, was die Vereinbarkeit mit dem Gesetz anging. Jedoch hatte Joosep Kraana eine eigene Sichtweise, was diesen heiklen Punkt betraf. Für den Patron mussten Geschäfte in erster Linie lukrativ sein und Gewinn einbringen, und dies in die Tat umzusetzen hatte er vorzüglich verstanden.

Nun jedoch war Joosep Kraana tot, und Mati Ratsanik, die rechte Hand, hatte keine Ahnung, wie es nun weitergehen sollte. Der Streit der beiden Söhne des Patriarchen, Arto und Asko, der um die Nachfolge ging und darum, wer von beiden nun der rechtmäßige und geeignete Nachfolger des Clan-Chefs war, drohte mit einem Mal und unerwartet zu eskalieren. Asko Kraana, der etwas Jüngere der Zwillingsbrüder, die sich zum Verwechseln ähnelten und doch so grundverschieden im Charakter waren, hatte den Anspruch auf die Nachfolge mit dem Argument erhoben, er habe all die Jahre an der Seite seines Vaters gedient und sei mit den Geschäften und Abläufen des „Unternehmens“ bestens vertraut. Außerdem habe er der Familie die Treue gehalten und sei nicht, wie sein älterer Zwillingsbruder, bei Nacht und Nebel ins Ausland verschwunden, um seinen eigenen Geschäften nachzugehen. Dagegen sprach, dass Asko Kraana ein Hitzkopf war, der oftmals ohne Überlegung und aus dem Bauch heraus die falschen Entscheidungen traf und leicht die Beherrschung verlor.

Bis vor zwei Tagen hatte es diese Diskussion um die Nachfolge auch noch nicht gegeben. Asko war der unumstrittene Erbe des Familienimperiums, da sein Bruder Arto offensichtlich keinerlei Interesse zeigte, sich in den Clan einzubringen und immer noch irgendwo in Westeuropa untergetaucht war. Doch dann, vor zwei Tagen, war Arto plötzlich und unerwartet hier aufgetaucht, wie aus dem Nichts – ein dunkler Schatten aus dem Nebel der Vergangenheit! Am frühen Morgen, noch vor Sonnenaufgang, kam er von Bord des Frachters „Kristiina“, der gerade eingelaufen war, und stand unerwartet wie ein böses Omen vor dem Eingangstor der alten Villa. Und Arto hatte nun ebenfalls seinen Anspruch auf die Nachfolge geltend gemacht – sehr zur Freude von Mati Ratsanik, der in ihm den eindeutig geeigneteren Kandidaten für die Führung des Clans sah. Der Clan der Kraniche – Kraana bedeutete Kranich – durfte nicht untergehen, nicht durch die hitzköpfige, unüberlegte und verräterische Art von Asko Kraana, dem jüngeren der beiden Zwillingsbrüder. Seit Generationen waren die Kraanas die Herren in Tallinn, und so sollte es bleiben.

Arto war der kluge, der besonnene von den beiden, und er war, ähnlich wie sein Vater Joosep, in der Lage, Autorität auszustrahlen und sich durchzusetzen, während über die unzulänglichen Eigenarten Askos innerhalb der Familie bereits hinter vorgehaltener Hand geredet wurde. Und Mati Ratsanik hatte noch einen anderen Grund, sich gegen Asko Kraana zu stellen, doch diesen hatte er bisher geflissentlich für sich behalten. Und nun stand er hier am Fenster in der Bibliothek, die Joosep Kraana so gerne zum Nachdenken und zu Vier-Augen-Gesprächen mit ihm, der rechten Hand, genutzt hatte. Und er wartete auf Arto Kraana, den älteren der Zwillingsbrüder, den neuen Patron, wie er hoffte. Nun sollte endlich die eine Sache angesprochen werden, die er schon einige Tage mit sich herumtrug und die ihn nachts nicht mehr zur Ruhe kommen ließ. Er konnte nicht länger warten. Es war Zeit für die Wahrheit!

Gerade sah er durch das hohe Fenster nach oben in den blauen Sommerhimmel und versuchte, sich ein wenig zu sammeln, als er hörte, wie hinter ihm die Tür zur Bibliothek leise geöffnet wurde. Es war Arto, der gerade hereinkam.

„Ich habe schon auf dich gewartet, Junge“, sagte Mati, ohne jeden Vorwurf in der Stimme und ohne sich umzudrehen.

„Ich weiß, Mati. Ich habe mich beeilt so gut es ging.“

„Deine Mutter bestimmt?“

„Ja, offenbar hat sie mich doch sehr vermisst. Ich könnte den ganzen Tag bei ihr sitzen und erzählen, wie es mir ergangen ist.“

„Sie hat dich vermisst, sehr sogar, ich weiß es.“ Ein wehmütiger, schmerzvoller Ausdruck lag auf Mati Ratsaniks Gesicht.

„Hat sie oft von mir gesprochen?“ Arto trat nun an die Seite von Mati und schaute ebenfalls in den klaren Himmel, der die ganze Welt mit seinen stahlblauen Armen zu umspannen schien.

„Sehr oft. Es verging fast kein Tag, an dem sie dich nicht erwähnt hätte, wenn nicht mit der Stimme, dann mit den Augen.“

„Und Vater?“

„Er mit Sicherheit auch. Aber er hat nie darüber gesprochen. Sein trauriger Blick hat mir aber sehr oft die Enttäuschung über dein Weggehen gezeigt.“

„Ich weiß, Mati.“ Arto Kraana, ein Mann, der Menschen töten konnte, ohne mit der Wimper zu zucken, wenn es ihm danach war, hatte auf einmal Tränen in den Augen, als er neben der rechten Hand stand und aus dem Fenster sah. Ein kräftiger böiger Wind neigte die Wipfel der hohen Nadelbäume. „Du weißt, dass ich es mir nicht ausgesucht habe. Ich musste gehen.“

„Das hast du in deinem Brief geschrieben, als du weg warst. Aber du hast nie den Grund dafür genannt“, antwortete Mati nun mit sanfter Stimme. „Dein Vater fragte immer nur, warum du nicht mit ihm gesprochen hast.“

„Dann hätte ich meinen Bruder beschuldigen müssen. Und das wollte ich damals nicht.“

„Asko? Was hat denn Asko damit zu tun?“ Mati Ratsanik sah ihn mehr als erstaunt an. Er verstand nicht, was Arto damit sagen wollte. Was hatte er ihnen all die Jahre verschwiegen? Was war wirklich damals geschehen, bevor er über Nacht aus Tallinn und aus Estland verschwunden war? Arto Kraana zögerte noch mit der Antwort. Offenbar fiel es ihm selbst jetzt noch schwer, etwas Negatives über seinen Zwillingsbruder zu äußern. Asko jedoch hatte seinerzeit keine Sekunde gezögert, ihn zu verraten. Aber irgendwann musste die alte Sache endlich bereinigt werden, und jetzt war dafür genau der richtige Zeitpunkt. Aus diesem Grund war er schließlich gekommen! Arto Kraana sah Mati Ratsanik mit traurigen Augen an, bevor er endlich das Geheimnis lüftete.

„Er war es, der mich damals an Kuldar Vagun verraten hat.“

„Asko?!“ Mati sah ihn an, als hätte er ihm gerade den wissenschaftlichen Beweis dafür geliefert, dass in einer Stunde ein Komet auf Estland stürzen und alles vernichten würde. „Er war es, der dieses unselige Gerücht in Umlauf brachte? Aber dein Vater hätte dich doch beschützen können! Er hätte dir helfen können.“

„Keiner hätte mich auf Dauer hier beschützen können. Auch Vater nicht. Irgendwann hätten sie mich erwischt. Es war Asko, der Vagun gesteckt hat, ich hätte damals auf eigene Faust und ohne Vaters Wissen ihren Drogentransport abgefangen. Das ist die ganze beschissene Wahrheit, Mati!“

„Verdammt!“ fluchte Mati Ratsanik. Er hatte zwar gewusst, was Vagun dem jungen Arto damals anlastete, aber er hatte nicht geahnt, dass der Verräter so nah und sogar in der Familie zu suchen war. Das ließ alles in einem völlig anderen Licht erscheinen!

Damals, vor über sechzehn Jahren, hatte Kuldar Vagun bei seinem Patron vorgesprochen und dessen Sohn Arto beschuldigt, eine seiner Drogenlieferungen gewaltsam „gekapert“ zu haben. Dabei war einer der Söhne Vaguns, Raivo, schwer verletzt worden. Raivo saß seitdem im Rollstuhl, und daran würde sich sein ganzes Leben lang nichts mehr ändern! Arto hatte seinem Vater bei seinem Blute geschworen, nichts damit zu tun zu haben, und der Patriarch hatte ihm geglaubt. Jedoch konnte nicht festgestellt werden, wer den Überfall wirklich ausgeführt hatte und wer Arto damals verraten hatte. Nun war zumindest geklärt, wer der Verräter war, und Mati würde es nicht wundern, wenn Asko auch hinter dem Überfall auf den Drogentransport Kuldar Vaguns stecken würde – nach allem, was er nun vermutete …

„Du musst es der Familie sagen, Arto!“

„Ich bin nicht wie mein Bruder. Ich übe keinen Verrat innerhalb der Familie, aber ich habe einen anderen Plan, und über den wollte ich mit dir sprechen. Bist du auf meiner Seite, Mati? Kann ich mich auf dich verlassen, so wie es mein Vater konnte?“

„Das kannst du! Zu hundert Prozent und bedingungslos, so wie dein Vater es konnte! Das versichere ich dir beim Blute meiner Familie, Arto!“ Es klang beinahe schon feierlich, wie Mati das sagte, fast wie ein Schwur. Aber Arto wusste, dass er dem alten und langjährigen Gefährten seines Vater vertrauen konnte. Das konnte er schon früher immer. So gut kannte er Mati Ratsanik.

„Der Grund ist allerdings nicht allein der, dass ich dich für den rechtmäßigen und geeigneteren Nachfolger deines Vaters halte. Es gibt noch einen anderen Grund.“

„Einen anderen Grund? Was meinst du?“, fragte Arto. Er sah dem Mann an seiner Seite, den er um Kopfes Länge überragte, überrascht und verwundert ins Gesicht. Aber auch Mati Ratsanik schien mit der Antwort zu zögern. „Was ist los? Komm schon. Raus mit der Sprache.“

Auch in Matis Augen lag dieser Zug von Trauer, vermischt mit einer tiefen, verzweifelten Wut, als er sich nun vollends dem jungen Kraana zuwandte. Während sich ihre Blicke trafen, sagte er:

„Ich habe zwar noch nicht den letzten Beweis, Arto, aber ich glaube, dass dein Bruder Asko euren Vater ermordet hat.“

Arto Kraana wurde von dieser Nachricht getroffen wie von einem Hammerschlag! Zunächst fand er keine Worte und starrte die rechte Hand seines Vaters nur an. Dann ging er langsam hinüber zu dem großen Ledersessel, in dem sein Vater immer gesessen und gelesen hatte, und ließ sich schwer hineinfallen. Er senkte den Blick, und erst nach einer gefühlten Ewigkeit schien er begriffen zu haben, was Mati Ratsanik da eben gesagt hatte. Sein Zwillingsbruder Asko war nicht nur der Verräter des eigenen Bruders, sondern auch noch der Mörder ihres Vaters?

Mati war nun zu ihm herübergekommen und stand neben dem schweren Sessel. Er legte Arto die Hand auf die Schulter, wie um ihn zu trösten, obwohl er wusste, dass es für eine solche Ungeheuerlichkeit keinen Trost geben konnte. Dann begann er, mit schwerer Stimme zu erzählen, mit einer Stimme, in der sowohl sein ganzer Schmerz wie auch die Bürde der Last, die er mit sich herumgetragen hatte, mitschwang.

„Am Vorabend des Morgens, als ich den Patron tot in seinem Bett fand, ging ich noch einmal ins Arbeitszimmer deines Vaters, um etwas in den Büchern nachzusehen. Es war nichts Wichtiges, ich weiß nicht einmal mehr, was ich da nachsehen wollte. Ich weiß nur, es war schon ziemlich spät. Ich kam an deines Vaters Schlafzimmer vorbei und hörte von drinnen laute Stimmen. Ich blieb kurz vor der Tür stehen und überlegte gerade, ob ich hineingehen sollte. Da hörte ich Askos wütende Stimme. Er war bei ihm. Sie waren in einen heftigen Streit geraten, weil dein Vater ihn wieder einmal für seine Unbeherrschtheit rügte. Offenbar hatte dein Bruder mal eben ein Geschäft vermasselt, wie es nicht das erste Mal passiert war. Immer wieder hatte Asko mit seiner hitzköpfigen Art mögliche Geschäftspartner deines Vaters verprellt. Er warf deinem Vater vor, ihn absichtlich von den Verhandlungen mit diesen Partnern auszuschließen, was zugegeben auch stimmte. Der Patron hielt deinen Bruder Asko für nicht geeignet, später mal seinen Platz einzunehmen. Und das ließ er ihn auch gnadenlos spüren, jeden verdammten Tag. Doch leider war Asko der einzige seiner beiden Söhne, der für diese Aufgabe in Frage kam, denn der andere war nicht auffindbar. Und dieses Dilemma machte deinem Vater immer wieder zu schaffen, und es war auch nicht der erste Streit zwischen den beiden deswegen. Ich ging dann weiter ins Arbeitszimmer, und als ich nach einigen Minuten zurückkam, hörte ich, wie die Tür zum Schlafzimmer deines Vaters geöffnet wurde und Asko herauskam. Er löschte das Licht und schloss leise die Tür hinter sich. Er hatte mich offensichtlich noch nicht bemerkt, denn ich verbarg mich hinter einer Säule des Gangs im Dunkeln. Er stand noch einen langen Augenblick reglos vor der Schlafzimmertür eures Vaters und schlug beide Hände vor das Gesicht, als wäre er verzweifelt. Dann ging er davon in Richtung Kaminzimmer, und ich bin zurück in mein eigenes Zimmer, ohne mir noch weitere Gedanken zu machen.“

„Und am nächsten Morgen hast du Vater dann gefunden.“

„Ja. Ich habe bisher noch niemandem davon erzählt. Aber ich denke, Asko hat deinen Vater an diesem Abend mit einem Kissen erstickt, dass am nächsten Morgen noch an seinem Fußende lag und dort nicht hingehörte!“

Arto ging wieder hinüber zum Fenster, Mati folgte ihm. Beide sahen sie zu, wie es draußen langsam zu dämmern begann.

„Behalte es bitte für dich, Mati. Ich habe einen Plan, aber dazu ist es noch zu früh …“

„Du kannst dich auf mich verlassen, Junge“, antwortete Mati Ratsanik. Dann wandte er sich um und verließ er die Bibliothek.

1.

Ein leichter Sommerwind wehte von Westen her über die niederländische Provinz Limburg und machte das Leben an diesem heißen Hochsommertag mitten im August mit seinem wolkenlosen, stahlblauen Himmel gerade noch erträglich. Seit mehr als drei Wochen herrschte eine lähmende Hitzewelle über dem ganzen Land, wie man sie schon lange nicht mehr erlebt hatte. Viele behaupteten sogar, sie könnten sich nicht daran erinnern, dass es in dieser Region schon jemals eine solche Hitze gegeben hätte. Zeiten ohne Regen, nun ja, das kannte man schon, jedoch nicht mit dieser brütenden, bleiernen Hitze. Die Nähe zum Meer und die riesigen Wasserflächen der Maas-Seen hatten immer dafür gesorgt, dass diese Region mit angenehmen Sommertemperaturen aufwarten konnte. Aber das Wetter veränderte sich, ohne jeden Zweifel! Die Perioden, in denen es durchgehend regnete, oder, wie gerade jetzt, gar kein Regen fiel, wurden immer länger. Der natürliche und ständige Wechsel zwischen Wärme- und Regenphasen setzte immer häufiger aus, und es hatte fast den Anschein, als hätte die Natur ihren gewohnten Kompass verloren.

Er nahm sich eine kleine Auszeit von dem, was da gerade um ihn herum geschah. Es war noch genug Zeit, sich um diese Dinge zu kümmern. Sein Blick wanderte gedankenversunken über das träge Wasser. Der Wind kräuselte die dunkle Oberfläche des Polderveld, zauberte unzählige kleine glitzernde Sterne, die durch das Sonnenlicht hervorgerufen wurden, auf die flachen Wellen, und entlockte den Blättern der Bäume entlang des Wessem-Nederweert-Kanaals ein sanftes, beinahe schon melodisches Rascheln, das mal lauter, mal leiser wurde. Was für eine wunderschöne und lebensfrohe Idylle, mochte man sagen – wären da nicht diese verdammte Hitze und der unliebsame Grund seines Hierseins.

Die Maas-Seen, das größte Süßwassersportgebiet der Niederlande und das touristische Herz der Provinz Limburg, waren den Sommer über immer gut besucht. Das angenehme Binnenklima lockte Wassersportler aus allen Teilen des Landes in die ausgedehnte Süßwasserregion, geprägt durch den Lauf der Maas und den vielen kleinen und größeren Seen und den unzähligen Verbindungskanälen. Diese waren zum großen Teil durch den Abbau von Kies entstanden und hatten ein völlig verändertes Landschaftsbild kreiert. Die Touristen waren auch in diesem Jahr wieder gekommen, zu Hunderttausenden, trotz der drückenden Schwüle und der anhaltenden Trockenheit, oder gerade deswegen. Die Hitze, die dieser Tage das normale Leben vor allem in den Mittags- und Nachmittagsstunden größtenteils zum Erliegen brachte, hatte dies auch nicht verhindern können. Einige Motorboote waren in der näheren Umgebung auf dem Wasser unterwegs, deren Freizeitkapitäne erhofften sich ein wenig Abkühlung durch den Fahrtwind. Jedoch hielten sie trotz ihrer ausgeprägten Neugierde sicheren Abstand zum hiesigen Geschehen.

Die Restaurants und Cafés entlang der Ufer waren um diese Tageszeit nur sehr spärlich besucht. Das änderte sich erst wieder in den frühen Abendstunden, wenn die Temperaturen sich etwas nach unten bewegten und der Wind von der Meerseite her auffrischte. Dies war jedoch noch lange nicht der Fall. Es war gerade mal früher Nachmittag, und die meisten Urlauber zogen es vor, im kühlen Schatten ihrer Häuser zu verweilen.

Kommissar Simon Hermans blickte über das Brückengeländer hinunter zu der Stelle, an der das Ende des gespannten Drahtseils unter der Wasseroberfläche verschwand. Es hätte ein schöner, ruhiger Nachmittag werden können! Er hatte sich schon ausgemalt, wie es denn wäre, heute ausnahmsweise mal früher die Dienststelle zu verlassen, ein paar Überstunden abzubauen und vielleicht mit Frau und Kindern noch etwas zu unternehmen, wenn es gegen Abend abgekühlt hatte. Es hätte wirklich ein ruhiger und schöner Nachmittag werden können. Doch dann war da gegen Mittag dieser lästige Anruf gekommen!

Die Vorgeschichte, die dazu führte, dass er und viele andere nun hier am Ufer des Polderveld die Zeit totschlugen, ist schnell erzählt. Zwei Sporttaucher hatten unter der Wasseroberfläche ein Fahrzeug entdeckt, von dem zunächst noch keiner wusste, wie es dorthin gekommen war. Doch offenbar hatte es irgendjemand dort auf dem Grund des Polderveld nahe der Fahrrinne versenkt. Aber das Fahrzeug allein wäre noch lange kein triftiger Grund gewesen, ihm, Kommissar Simon Hermans, derart diesen Nachmittag zu versauen. Vielmehr war erst einmal das merkwürdige längliche Paket dafür verantwortlich, das die beiden Sporttaucher trotz der getrübten Sichtverhältnisse unter Wasser innerhalb des dort versenkten Fahrzeugs, und zwar im Fußraum hinter den Vordersitzen, entdeckt zu haben glaubten – ein Paket, das mit Seilen gut verschnürt war und, was Größe und Form betraf, einem menschlichen Körper sehr ähnelte. Nach längerer Diskussion hatten die beiden Männer dann beschlossen, die Wasserschutzpolizei zu verständigen, die dann ihrerseits wiederum die Feuerwehr informierte. Ein Taucher der Wasserschutzpolizei, der das Fahrzeug und dessen recht mysteriösen Inhalt inspiziert hatte, bestätigte dann einen möglichen Leichenfund.

Und so kam es, dass die kleine Brücke über der Bootsdurchfahrt zum Polderveld schon seit über einer Stunde für jeglichen Verkehr gesperrt worden war. Ein Kranwagen der Feuerwehr beanspruchte die gesamte Breite der Brücke, sodass die Anlieger, die diesen Weg gerne nutzten, um von Wessem nach Heel oder umgekehrt zu gelangen, großräumig um den Tesken herum umgeleitet wurden. Und er, Kommissar Simon Hermans, durfte den Nachmittag in dieser üblen Hitze hier am See verbringen, auf die Wasseroberfläche starren und abwarten, was der Kran in wenigen Minuten aus dem dunklen Wasser ans helle Tageslicht befördern würde. Verdammt, er hätte sich wirklich einen schöneren Nachmittag vorstellen können! Doch machte es keinen Sinn, sich jetzt darüber zu ärgern. Die Dinge waren nun mal so, wie sie waren. Er konnte am wenigsten daran ändern, und so fügte er sich ergeben in das, was da auf ihn und seine Kollegen zukam. Was blieb ihm auch anderes übrig.

In Sichtweite hatten inzwischen einige Fahrzeuge angehalten und die schaulustigen Insassen fanden sich an den Ufern ein, um die Bergungsarbeiten mit neugierigen Blicken zu begleiteten. Die Feuerwehrleute und Polizeibeamten standen gleichermaßen erwartungsvoll am abschüssigen Ufer und starrten angespannt auf die Stelle, an der nun das Stahlseil des Krans langsam wieder aus dem Wasser hervorkam, Zentimeter für Zentimeter, und an dem entlang sich Wassertropfen einen Weg zurück in das trübe Nass suchten. Ein glucksendes Geräusch verkündete dann das Auftauchen eines größeren Gegenstands. Zuerst erschien das Heck des Fahrzeugs mit zäher Langsamkeit über dem Wasserspiegel. Es war nahezu vollständig mit Pflanzen und Schlamm bedeckt, und sogleich drängte sich das Wasser aus dem Wageninneren an den undichten Stellen der Karosserie in wahren Wasserfällen und von lautem Plätschern begleitet nach draußen. Vorbei mit der Ruhe und vorbei mit der Idylle, dachte Hermans, und drehte sich dann um zu den Kollegen der Spurensicherung und den Forensikern der Rechtsmedizin, in deren Gesichtern sich ähnliche Gedanken widerspiegelten.

Mit einem kräftigen Ruck des Stahlseils wurden weitere Details des rätselhaften Fundes nach oben befördert, die hinteren Reifen, die Heckscheibe, die Seitentüren, deren Fensterscheiben nicht ganz geschlossen waren. Man hatte sie wohl einen Spalt offen gelassen, damit das Wasser schneller in das Wageninnere dringen konnte. Zum Schluss erschien der Rest. Die Frontpartie des Wagens, es schien sich auf den ersten Blick um einen VW Golf zu handeln, war stark beschädigt. Ob dies nun beim Versenken oder durch einen Unfall davor geschehen war, konnte auf den ersten Blick nicht beantwortet werden. Die Frontscheibe war völlig zersprungen und es gab erhebliche Schäden im vorderen Bereich der Karosserie! Was war da nur passiert? Simon Hermans trat etwas näher und versuchte, mehr zu erkennen, was jedoch durch die starke Verschmutzung des gesamten Wagens zunächst einmal unmöglich war. Er musste sich in Geduld üben, bis der Wagen vollständig geborgen war, auch wenn es schwer fiel.

Das Wasser aus dem Wageninneren war nahezu vollständig abgelaufen. Der Kran der Feuerwehr bewegte das Autowrack – so konnte man es nun getrost bezeichnen – über festen Boden und setzte es auf einer relativ ebenen Fläche am Ufer vorsichtig ab, um die vielleicht nur wenigen noch vorhandenen Spuren nicht auch noch unbrauchbar zu machen.

Sofort machten sich die Männer der Spurensicherung an die Arbeit und fotografierten das Autowrack von allen Seiten und aus allen Perspektiven. Dann wurden vorsichtig die Seitentüren geöffnet. Einer der Männer fluchte, weil er dabei noch einen letzten Schwall Wasser abbekam. Dann endlich, nach weiteren Fotoaufnahmen und einer eingehenden Überprüfung des Wageninneren wurde das merkwürdig verschnürte Paket aus dem Fahrzeug geborgen. Die verpackte Leiche wurde auf dem Boden abgelegt – wieder einige Fotos – dann wurden die Seile, die alles zusammenhielten, vorsichtig zerschnitten. Den Leichnam hatte man in eine Plane gewickelt, die noch gut erhalten war. Jeder einzelne Schritt wurde von den Spezialisten fotografiert und dokumentiert, als hätten sie gerade den einbalsamierten Körper des Tutenchamun im Tal der Könige ausgegraben. Wahrscheinlich wäre das noch schneller erledigt gewesen, dachte Hermans frustriert.

Kommissar Simon Hermans wusste schon in diesem Augenblick, dass es in den nächsten Tagen ganz bestimmt keinen frühzeitigen Feierabend mehr geben würde, noch bevor einer der Kollegen von der Spurensicherung, der gerade den Kofferraum des Wagens geöffnet hatte, einen überraschenden Fluch ausstieß! Simon Hermans trat näher heran und sah sogleich ein zweites Paket, auf genau die gleiche Weise verpackt und verschnürt wie das erste, im Kofferraum liegen! Eine weitere Leiche – verfluchter Mist! Was war das nur für ein beschissener Tag heute!

„Das waren jetzt hoffentlich alle“, knurrte Magnus Severs, der hier am Fundort der leitende medizinische Forensiker war. „Aber noch haben wir nicht unter der Motorhaube nachgesehen“, fügte er etwas ironisch hinzu.

„Wie lange lagen die schon hier im Wasser?“ Es war Simon Hermans‘ erster Satz seit fast einer halben Stunde. Und im Stillen dachte er, dass es die beiden verpackten Leichen sowieso nicht mehr eilig hatten.

„Das kann man erst genauer nach der Obduktion sagen, aber mit Sicherheit schon mehrere Wochen, wenn nicht sogar Monate, würde ich sagen.“ Er hatte sich über die beiden Leichen gebeugt und diese genauer in Augenschein genommen.

Weil Simon Hermans genau dazu keine große Lust verspürte, ging er ein paar Schritte weiter zu dem Autowrack und begutachtete mit aufmerksamen Blicken die Frontpartie. Was in aller Welt war nur mit dem Wagen passiert? Er umrundete das geborgene Fahrzeug, um eventuell noch andere Hinweise an der Karosserie zu finden. Irgendwo musste es ja eine Spur oder eine andere Auffälligkeit für die Beschädigung im Frontbereich geben. Aber Fehlanzeige! Am Heck fand er noch eine Stelle, an welcher der Lack des Golf wie abgeschürft war. Irgendetwas ist da wohl entlanggeschrammt. Er begann fast mechanisch und gedankenversunken, mit seiner Hand den braunen Schlamm und einige Pflanzenreste vom Kennzeichen des Autowracks wegzuwischen – und erstarrte im gleichen Moment!

Nachdem er seine Gedanken wieder etwas sortiert und sich gefangen hatte, war ihm klar, dass er heute noch ganz dringend telefonieren musste …

2.

Kommissar Luuk van der Beek von der Kriminalpolizei des Polizeikorps Amsterdam traute seinen Ohren nicht! Sein Kollege Simon Hermans von der Polizeidienstelle in Roermond hatte ihm soeben mitgeteilt, dass man im Polderveld vor einer Stunde ein versenktes Fahrzeug geborgen hatte, das ihn, Luuk van der Beek, mit Sicherheit brennend interessieren würde! Es sei ein Golf V, in dunkelgrau-metallic, und mit einer deutschen Zulassung. Der Wagen war in Köln angemeldet und das Kennzeichen lautete: K-ST 102! Van der Beek war sofort aufgesprungen und von einer Sekunde auf die andere hellwach. Er kannte das Kennzeichen und wusste sofort, wem das geborgene Fahrzeug gehörte!

Die ganzen Monate hatte er nur darauf gewartet, dass in diesem spektakulären und brisanten Fall, der ermittlungstechnisch seit dem Frühjahr in einer Sackgasse steckte und noch immer nicht abgeschlossen war, ein neuer Hinweis auftauchen würde. Denn zuletzt waren hier alle alten Spuren im Sand verlaufen. Vielleicht war das jetzt die große Chance, auf die sie seit Monaten gewartet hatten!

Es war gerade mal vier Monate her, und Luuk van der Beek erinnerte sich so genau, als wäre der deutsche Kollege Alexander Berger von der Mordkommission in Köln gerade eben erst aus der Tür gegangen. Mit ihm gemeinsam und mit seiner Kollegin Lizzy Huisman hatte er im vergangenen April einen niederländischen Spediteur gejagt – einen Mann namens Claudius Steelmans. Steelmans war nachweislich einer der führenden Köpfe eines Waffenschieber-Netzwerks, gegen das sie in den Niederlanden schon längere Zeit ermittelt hatten. Leider war es Ihnen seinerzeit nicht gelungen, den Schurken zu belangen, denn am Ende war er selbst einem Verbrechen, ausgeführt von seinen Komplizen, zum Opfer gefallen. Sie hatten ihn in einem Hotel in Haarlem in seinem Bett liegend mit zwei gezielten Kopfschüssen ermordet und danach das Bett mitsamt der Leiche in Brand gesetzt, um sämtliche Spuren zu vernichten.

Es dauerte damals über eine Stunde, bis die Feuerwehrleute das Feuer löschen konnten. Der Leichnam Steelmans‘ war zwar völlig verkohlt, aber anhand von zahlreichen Indizien und persönlichen Gegenständen konnte nachgewiesen werden, dass der Tote doch mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit Claudius Steelmans war, der lange gejagte und vielgesuchte Waffenhändler.

Seinen drei Komplizen war es gelungen, zu entkommen und unterzutauchen. Ruud van Dongen, der als Abteilungsleiter bei dem Bonner Waffenmakler Brunex AG die Fäden gezogen hatte, Daan van de Heijden, ebenfalls Spediteur und angeblich ein enger Freund Steelmans‘, der mit diesem gemeinsam die illegalen Waffentransporte durchführte, und Henrik Mulders, der „Notar“ der Bande und gleichzeitig auch der „Mann fürs Grobe“, der als Hauptverdächtiger für die Ermordung von Claudius Steelmans und anderer Personen galt. Sie alle waren seit vier Monaten wie vom Erdboden verschwunden.

Und heute, am Mittwoch, dem 17. August, tauchte aus den trüben und geheimnisvollen Tiefen des Polderveld plötzlich dieser Wagen auf – nachdem sie ihn monatelang in Amsterdam vermutet und wie die Stecknadel im Heuhaufen auch dort gesucht hatten! Leider vergeblich – und nun war auch klar, weshalb. Zugelassen war der Golf auf einen gewissen Marinus Sanders, niederländischer Staatsbürger, der mit zwei weiteren Männern eine Reifenhandelsfirma in Köln-Ossendorf unterhielt. Der besondere Zusammenhang war, dass alle drei nachweislich Helfer von Claudius Steelmans und ebenfalls seit April spurlos verschwunden waren!

Van der Beeks deutscher Kollege Alexander Berger hatte die drei Männer im Laufe eigener Ermittlungen in Köln aufgespürt, während er mit seinem Partner Jan Scheuer auf der Suche nach den Mördern eines Mannes war, dessen Leichnam man auf dem Firmengelände einer Metallhandelsfirma im Deutzer Hafen aufgefunden hatte. Der Name des Mannes lautete Robert Kleinschmidt. Und ganz zufällig arbeitete dieser Kleinschmidt bei demselben Waffenmakler in Bonn, bei dem auch Steelmans‘ Komplize Ruud van Dongen tätig war. Wie die späteren Ermittlungen der Kölner Kriminalpolizei ans Tageslicht brachten, war Robert Kleinschmidt den Machenschaften der Waffenschieber um Steelmans, Van Dongen und Mulders auf die Spur gekommen und musste deshalb sterben. Marinus Sanders, ein weiterer Mann namens Ron Brenner und ein dritter, dessen Name bisher noch nicht festgestellt werden konnte, wurden als Mörder Robert Kleinschmidts ermittelt. Sie entzogen sich jedoch einer Festnahme durch ihre Flucht und waren seither verschwunden.

Und nun diese neue Spur! Luuk van der Beek lauschte elektrisiert den Ausführungen seines Kollegen aus Roermond.

„Wir wissen noch nicht, wie sie es geschafft haben, den Wagen an dieser Stelle im Polderveld zu versenken. Ohne einen Kranwagen, wie wir ihn bei unserer Bergung eingesetzt haben, wäre es eigentlich fast unmöglich, dort ein Fahrzeug tief genug und an der richtigen Stelle zu versenken.“

„Und was ist mit Strömungen? Kann es sein, dass der Wagen von einer anderen Stelle dorthin abgetrieben wurde?“ erkundigte sich der Amsterdamer Kommissar.

„Wohl kaum. Erstens ist das Wasser viel zu flach, und zweitens gibt es hier keine nennenswerte Strömung, die stark genug gewesen wäre. Das Fahrzeug mit seinem Inhalt war viel zu schwer, als dass es hätte abtreiben können. Es lag in einer Vertiefung fest auf dem Grund, deshalb wurde es bisher noch nicht entdeckt. Durch den Kiesabbau gibt es überall kleine Krater, in denen so Manches verschwinden kann. Wir hatten einfach großes Glück, dass die beiden Sporttaucher gerade in diesem Gebiet unterwegs waren und uns von ihrem Fund verständigt haben. Ich würde sagen, ein unerwarteter Zufall.“

„Heißt das, dass diejenigen, die das Fahrzeug dort versenkten, genaue Kenntnis von dieser Stelle hatten? Die wussten, dass es dort eine Vertiefung gab?“

„Möglich. Könnte aber auch wirklich reiner Zufall sein. Merkwürdig ist allerdings, dass die Frontpartie des Wagens wie nach einem Frontalaufprall beschädigt ist.“

„Gibt es sonstige Unfallspuren?“

„Bis auf die Schäden im Frontbereich nur ein kleinerer Lackschaden am Heck. Mehr eine Abschürfung.“

„Und was ist mit den beiden Leichen?“

„Unsere Leute sind da noch dran. Aber ich denke, dass wir bis morgen Vormittag die ersten genaueren Erkenntnisse über ihre Identität und die Todesursache vorliegen haben.“

„Gut, Simon. Danke. Wäre es möglich, dass ich bei Euch vorbeikomme, um mir das mal vor Ort anzusehen?“

„Aber klar, kein Problem.“

„Gut, ich werde morgen Vormittag da sein. Bis dann.“ Luuk van der Beek legte auf und ging hinüber in das Büro seines Chefs

Roger van Leeuwen, dem Dienststellenleiter des Polizeikorps in Amsterdam, um ihn über die überraschenden Entwicklungen in diesem ruhenden Fall zu informieren.

„Wir sollten Kriminalrat Bogener und Hauptkommissar Berger in Köln informieren“, meinte Van Leeuwen, nachdem Van der Beek seinen Bericht beendet hatte. „Ich rufe Bogener an und bitte ihn, Hauptkommissar Berger rüberzuschicken. Mal sehen, ob er ihn entbehren kann.“

„Alles klar, dann informiere ich Alex Berger.“ Mit diesen Worten verließ Luuk van der Beek Van Leeuwens Büro, um den deutschen Kollegen von der Kripo Köln, mit dem er immer noch regelmäßig in Kontakt stand, anzurufen. Keine drei Minuten später hatte er ihn auf dem Handy erreicht.

„Hallo Alex, wie geht es dir? Ich hoffe nicht, dass ich dich beim Kaffeetrinken störe“, erkundigte sich Van der Beek.

„Luuk, schön von dir zu hören! Mir geht es gut. Ich hoffe, dir auch. Nur etwas ruhig bei uns im Augenblick, seit wir den Kerl endlich geschnappt haben, der wahllos auf die Autofahrer an der Autobahnraststätte geschossen hat. Davon hatte ich dir doch erzählt. Du erinnerst dich?“

„Ihr habt ihn? Das ist gut, Alex. Denn es könnte sein, dass wir uns relativ schnell wiedersehen, mein Freund.“

„Oh, was ist passiert?“

„Wir haben heute Mittag ein Fahrzeug aus dem Polderveld, einem der Maas-Seen gefischt. Es wurde dort von Leuten versenkt, die nicht wollten, dass man es findet.“

„Mach‘ es nicht so spannend, Luuk. Gibt es etwa eine neue Entwicklung im Fall des Waffenschieber-Netzwerks? Ich frage nur – weshalb solltest Du mich sonst wiedersehen wollen?“

„Weil du mein Freund und ein toller Typ bist, natürlich! Aber es ist tatsächlich so, dass sich in unserem alten Fall etwas bewegt hat. Du erinnerst dich doch an diesen Marinus Sanders und seine beiden Komplizen, die Kleinschmidt und Behrends auf dem Gewissen hatten?“

„Ja natürlich. Die Schweine sind damals untergetaucht.“ Alex Berger hatte die damaligen Umstände noch klar vor Augen.

„Man könnte es nicht treffender ausdrücken, denn höchstwahrscheinlich sind sie jetzt im wahrsten Sinne des Wortes wieder aufgetaucht, und zwar in diesem versenkten Fahrzeug!“

„Was? Ihr habt ihre Leichen in dem Wagen gefunden?!“

„Zwei von ihnen, höchstwahrscheinlich, sage ich. Die Forensiker haben das zwar noch nicht abschließend bestätigt, aber ja doch, davon müssen wir nach Stand der Dinge ausgehen.“

„Luuk, das würde bedeuten, dass wir vielleicht mit etwas Glück eine neue Spur haben, die uns zu den Mistkerlen führt.“

„Genau meine Gedanken! Deshalb rufe ich dich an. Mein Chef telefoniert gerade mit deinem, und wenn ich das richtig sehe, wird dein Chef in wenigen Minuten in dein Büro kommen und dir den Auftrag erteilen, nach Amsterdam zu fahren, um mit uns gemeinsam die Ermittlungen fortzusetzen.“

„Das glaube ich nicht, dass der mich hier gehen lässt. Ich wette dagegen, fünfzig Euro?“

„Abgemacht, fünfzig Euro. Kannst du dann gleich mitbringen, wenn du kommst.“ Van der Beek ließ ein schadenfrohes Lachen hören. „Jedenfalls freue ich mich auf dich, Kumpel.“

„Mal sehen, ob …“ Alex Berger kam nicht mehr dazu, den Satz zu beenden, denn in diesem Moment öffnete sich die Bürotür und Kriminalrat Edwin Bogener streckte seinen Kopf durch den Spalt.

„Alex, Jan, in mein Büro! Spezialauftrag! Rapidamente!“ Dann verschwand er wieder, ohne die Tür zu schließen, was bedeutete, dass Berger und sein junger Kollege Jan Scheuer sofort dort zu erscheinen hatten. Rapidamente!

„Na, dann aber los, Alex. Und denke an die fünfzig Euro“, hörte er Luuks schalkhafte Stimme mit dem lustigen Akzent am anderen Ende der Leitung, bevor dieser auflegte.

Berger schaute hinüber zum Schreibtisch seines Kollegen Jan Scheuer. Der saß da und bekam den Mund nicht mehr zu. „Meint der wirklich uns beide, Alex?“

„Sieht ganz danach aus, Jan. Auf geht’s! Du bist wohl wieder an Bord, Junge. Ende der Einzelhaft!“ Berger rieb sich die Hände und sprang auf.

Die letzten vier Monate hatte sein Partner Jan Scheuer ausschließlich Innendienst gemacht, denn nach seiner schweren Schussverletzung, die ihm Claudius Steelmans damals bei einem überraschenden Polizeieinsatz in Neuss verpasst hatte, brauchte er Zeit, um sich wieder zu erholen. Aber sein eiserner Wille, so schnell wie möglich wieder mit seinem Partner Berger auf die Straße zu gehen, die Rehamaßnahme, die sich direkt an den Krankenhausaufenthalt anschloss, und eine psychologische Nachbetreuung hatten ihn wieder in die Lage versetzt, seinen Dienst zu machen. Nach Meinung seines Chefs Bogener war nun wohl die Zeit reif, wieder aktiv in das aktuelle Geschehen einzugreifen. Jan Scheuer brauchte man das nicht zweimal sagen. Er war absolut kein Büromensch und viel lieber auf der Straße unterwegs.

Noch etwas zögerlich, als könne er es noch nicht fassen, erhob er sich aus dem Bürostuhl und folgte seinem Partner hinüber in Bogeners Büro.

Edwin Bogener saß lässig hinter seinem Schreibtisch und hatte ein breites Grinsen im Gesicht, als die beiden Kommissare eintraten und ihm gegenüber Platz nahmen.

„Und, Jan, gefällt dir dein Bürojob noch?“ fragte Bogener, als wolle er Jan Scheuer herausfordern.

Jan sah immer noch etwas verwirrt aus. „Nun, schon, na klar, wie Sodbrennen, wenn ich das mal so klar sagen darf. Aber ich will mich nicht beklagen.“

„Sehr gut. Dann wird es höchste Zeit, dass du mal wieder ein wenig auf Touren kommst und deine Nase an der frischen Luft spazieren trägst“, meine Bogener, immer noch grinsend. „Ich habe gerade einen sehr interessanten Anruf bekommen. Und was glaubt ihr, von wem?“ Edwin Bogener machte gerade ein Gesicht, als würde er im nächsten Augenblick das Geheimnis um die Entstehung des Universums lüften und lehnte sich genüsslich zurück. Berger sagte in seinem trockensten Ton:

„Von Van Leeuwen.“

„He! Woher wisst ihr das schon wieder?“ Bogener hatte jedes Grinsen verloren und starrte Berger an, als hätte dieser ihm gerade ein Stück Wurst vom Teller gezogen. „Das macht doch keinen Spaß mehr! Ich dachte, ich hätte mal eine faustdicke Überraschung für euch. Van der Beek hat euch angerufen, stimmts?“

„Genauso ist es! Wann sollen wir los?“ Berger gefiel es, seinen Vorgesetzten ein wenig zu provozieren. Natürlich nur zum Spaß.

„Ihr Spielverderber! Dann habt ihr wohl auch schon alle neuen Informationen?“

„Ja klar. Der versenkte Wagen von Marinus Sanders wurde aus einem der Maas-Seen geborgen, zwei Leichen drin, eine davon ist wohl Marinus Sanders selbst. Luuk hat uns gerade informiert, sorry! Wir sind halt von der Kripo, da informiert man sich eben untereinander. So soll es doch auch sein, oder?“

„Schon gut. Ihr trefft euch morgen Nachmittag im Polizeikorps in Amsterdam. Alex, du kennst ja den Weg, oder?“

„Nur nochmal zur Klarstellung“, erkundigte sich Jan Scheuer. „Heißt das, wir fahren beide?“

„Genau das heißt es, mein Junge! Wird endlich Zeit, dass du mal wieder hinter deinem Schreibtisch hervorkommst, bevor du Rost ansetzt und deine Gelenke steif werden. Also, raus aus dem Bürostuhl und wieder auf die Straße. Alles klar?“

„Das ist, als hätte ich heute Geburtstag“, feixte Scheuer und war schon aus dem Büro, bevor Berger reagieren und Edwin Bogener es sich anders überlegen konnte.

„Van Leeuwen erwartet euch morgen gegen 16 Uhr zu einer ersten Besprechung. Luuk van der Beek ist vormittags noch in Roermond, um sich vor Ort bei den Kollegen zu informieren, die das Fahrzeug geborgen haben.“

„Alles klar.“ Mit einem äußerst zufriedenen Lächeln verließ Alexander Berger Edwin Bogeners Büro. Jan war endlich wieder an Bord! Das war das Ende der Einzelhaft im Innendienst! Eine verdammt gute Nachricht, wie er fand!

3.

Für die meisten Anwohner in der Nachbarschaft war Hector van Loon wie aus dem Nichts aufgetaucht, ein Unbekannter, der plötzlich einfach da war. Der Unternehmer, der vor einiger Zeit das Anwesen in der Molenstraat bezogen hatte, war hier in der Gegend ein unscheinbarer Fremder. Er hatte das Haus direkt am Kanal, so nahmen die meisten Bewohner der Gegend an, vor wenigen Monaten käuflich erworben. Doch hier in der Siedlung am Kinderdijk, wo Lek und Noord zur Nieuwe Maas zusammenflossen, ging jedermann gerne seine eigenen Wege. Da erregte ein neuer Nachbar keine größere Aufmerksamkeit. Wahrscheinlich lag dies daran, dass die Gegend aufgrund ihrer typischen Windmühlen touristisch stark frequentiert wurde. Da zog man sich gerne mal etwas zurück, um dem Trubel aus dem Wege zu gehen. War wohl wieder einer dieser wohlhabenden Großunternehmer aus Amsterdam oder Rotterdam, die hier nun ihren mehr oder weniger verdienten Lebensabend verbringen wollten. Sei’s drum! Man gönnte es ja jedem. Der Mann war freundlich, schien jedoch sehr zurückgezogen zu leben. Eigentlich wusste man gar nichts von ihm, genau so wenig wie von seinem Vorgänger, den man eigentlich so gut wie nie zu Gesicht bekommen hatte und an den sich auch kaum jemand wirklich erinnerte. Im Prinzip hatte sich somit nicht viel verändert für die Leute in der Siedlung.

Hector van Loon hatte auch gar nicht vor, an diesem Umstand etwas zu ändern. Er wollte keine große Aufmerksamkeit bei den Anwohnern erregen. Ihm war es am liebsten, wenn man so wenig wie möglich über ihn wusste und man ihn nicht weiter beachtete. Dann würde auch niemand auf die Idee kommen, dummes Zeug zu erzählen. Und auch die Art und Weise, wie er sein Geld verdiente, war nicht dazu angetan, dies in der gesamten Nachbarschaft bekannt zu machen.

Es war gut, so wie es war. Und so sollte es auch bleiben.

Der große Mann mit den langen blonden Haaren, der ihm in einem Gartenstuhl gerade gegenübersaß, blickte über den leicht zum Kanal hin abfallenden Garten des Anwesens mit direktem Zugang zu einem kleinen Bootssteg, an dem ein Motorboot vertäut war, das dort in der Sonne vor sich hindümpelte.

„Dir ist klar, dass dieser Arto Kraana gefährlich ist, Hector.“ Der große blonde Mann fixierte Hector van Loon über den Rand seiner dunklen Sonnenbrillengläser hinweg.

„Nicht nur das. Er hat uns auch jahrelang betrogen“, erwiderte Hector van Loon. „Außerdem weiß er einfach zu viel. Und genau das ist es, was ihn für uns so gefährlich macht.“

Hendrik Mulders, der große Mann mit den langen blonden Haaren, wirkte nachdenklich. Er kannte Arto Kraana, den sie alle unter dem falschen Namen Daan van de Heijden kennengelernt hatten, lange genug, sogar noch länger als Hector van Loon. Aber sie alle hatten damals keine Ahnung, dass er in Wirklichkeit Arto Kraana hieß und ein Mitglied der estnischen Mafia war. Und sein Vater, Joosep Kraana, war ein von allen gefürchteter Clan-Chef. Arto Kraana hatte sich unmittelbar vor der Ermordung von Claudius Steelmans nach Tallinn abgesetzt und war dort im Schutz seines Clans abgetaucht. Und damit hatte ein gewisser Daan van de Heijden aufgehört zu existieren. So einfach war das!

„Wir können unmöglich nach Tallinn marschieren und versuchen, ihn dort zu erledigen. Der ganze verdammte Mafia-Clan wäre hinter uns her und wir hätten keine Chance, das Land wieder lebend zu verlassen“, war Mulders Einschätzung zur Lage.

„Dann müssen wir eben dafür sorgen, dass er hierher zurückkehrt. Den Weg kennt er ja hoffentlich noch“, erwiderte Hector van Loon, während er sich etwas trotzig zurücklehnte.

„Was wäre, wenn er erfahren würde, dass sein guter Freund damals von Claudius Steelmans umgebracht wurde? Eine falsche Information, die ihm von einer absolut vertrauenswürdigen Person überbracht wird?“

„Sein guter Freund? Du meinst Ruud van Dongen?“ Hector van Loon wurde hellhörig.

„Ja, ich meine Van Dongen, Ruud van Dongen. Arto Kraana weiß noch nicht, dass Claudius Steelmans von uns gegangen ist. Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass er den Tod seines Freundes Van Dongen nicht so einfach hinnehmen würde. Und vielleicht verspürt er ja eine unbändige Lust, ihn zu rächen und Steelmans selbst zu erledigen.“

„Hm, Steelmans gibt es nicht mehr, der hat seine Pflicht mehr als erfüllt“, brummte Hector van Loon. „Gott hab‘ ihn selig. Und außerdem, warum sollte er so etwas glauben? Steelmans und Van Dongen waren ebenfalls enge Freunde, wenn du dich erinnerst. Und Arto Kraana oder Van de Heijden wusste das.“

„Stimmt. Aber Arto Kraana oder Van de Heijden, wie immer sich dieser verfluchte Hund jetzt auch nennen mag, geht davon aus, dass Steelmans noch lebt. Und er weiß natürlich am besten, dass zwischen ihm und Claudius Steelmans in letzter Zeit nicht mehr alles rund lief. Es gab mehr als einmal Streit. Und Steelmans hat sich entschlossen, sich einer Person zu entledigen, die ihm verdammt gefährlich werden konnte.“ Ein zynisches Grinsen zeigte sich jetzt in Mulders Gesicht. „Und wenn er erstmal hier ist … Sein Tod würde uns zwar unser Geld nicht wieder zurückbringen, aber es wäre eine Genugtuung.“

„Zugegeben, das wäre es. Aber vielleicht ist unser Geld noch gar nicht verloren. Warten wir’s ab.“

„Ich denke, ich habe auch schon den richtigen Mann für einen solchen Auftrag“, freute sich Henrik Mulders. „Dieses Mal muss ich es nicht einmal selbst erledigen. Gerrit Visser wird diesen Job mit großer Hingabe und Leidenschaft erfüllen. Davon können wir sicher ausgehen.“

„Allerdings. Gerrit wird es kaum erwarten können, denn er hat noch eine kleine Rechnung mit Arto Kraana zu begleichen. Sein jüngerer Bruder, ich glaube, sein Name war Piet, war wegen Arto Kraana erschossen worden. Bleibt nur noch die Frage, wie können wir es anstellen, dass er hier aufkreuzt.“ Hector van Loon nahm das Glas Cognac, das vor ihm auf dem kleinen Gartentisch stand, und nahm einen genüsslichen Schluck.

„Van Dongens Frau, Lora. Sie könnte uns bestimmt helfen“, schlug Henrik Mulders nun vor. „Und ich hätte da sogar schon eine ausgezeichnete Idee.“

„Und wie sollte sie uns helfen können?“

„Sie und ihr Mann waren mit den Van de Heijdens lange gut befreundet. Aber wenn ich mich recht besinne, war sie von Daan van de Heijden noch nie sonderlich begeistert. Ihre Freundschaft galt vielmehr seiner Frau Ida.“

„Du weißt, wo Lora van Dongen wohnt?“

„Ja, und ich denke, ich werde ihr in den nächsten Tagen einen netten kleinen Besuch abstatten und ihr bei dieser Gelegenheit soufflieren, was für ein böser Bube der Freund ihres Mannes, Daan Van de Heijden, wirklich ist. Man kann gespannt sein, wie Lora van Dongen danach zu dieser zweifelhaften Freundschaft stehen wird. Wenn sie rein zufällig erfahren sollte, dass ihr Mann und alle anderen von Van de Heijden betrogen wurden, nun, ich an ihrer Stelle wäre da wohl ziemlich sauer, glaube ich. Und ich denke, sie wird es auch.“

Hector van Loon lehnte sich nachdenklich in seinem Gartenstuhl zurück. Kein schlechter Plan, alle gegeneinander auszuspielen. Lora van Dongen sollte glauben, dass der falsche Daan van de Heijden ihren Mann betrogen hatte, damit sie half, den Kerl in die Falle zu locken. Und der würde sich an Steelmans rächen wollen, weil er wiederrum dachte, dass der seinen Freund Ruud van Dongen auf dem Gewissen hatte.

„Dann sollten wir dafür sorgen, dass sich ihre Begeisterung, was Van de Heijden angeht, auch weiterhin in Grenzen hält. Ich glaube, du solltest mit deinem netten kleinen Besuch bei ihr nicht zu lange warten, Hendrik.“

4.

Als Alexander Berger mit seinem Partner Jan Scheuer am frühen Nachmittag des 18. August nach Monaten zum ersten Mal wieder das Gebäude des Polizeikorps in Amsterdam betrat, hatte sich eine angenehme Aufgeregtheit in ihm breitgemacht. Einerseits freute er sich auf das Wiedersehen mit den niederländischen Kollegen, andererseits war er äußerst gespannt auf die neuen Erkenntnisse in ihrem ruhenden Fall. Endlich war wieder etwas Bewegung in dieser alten Sache! Vielleicht durften sie sogar auf eine neue Spur hoffen?

Die Kommissare Luuk van der Beek und Lizzy Huisman erwarteten sie schon in freudiger Erwartung. Nachdem Alex Berger seinen jungen Kollegen Jan Scheuer vorgestellt und alle sich herzlich begrüßt hatten, wollten die Niederländer sofort wissen, wie es Jan in den letzten Monaten ergangen war. Sie freuten sich vor allem darüber, dass er mitgekommen war und man sich nun endlich auch persönlich kennenlernen durfte, nachdem sie schon so viel von ihm gehört hatten. Noch während Lizzy Huisman Bergers Kollegen Jan Scheuer mit interessierten Blicken etwas viel zu neugierig musterte, hielt Berger Van der Beek die vereinbarten fünfzig Euro vor die Nase, die dieser grinsend einkassierte.

„Davon machen wir einen drauf! Ist eine gute Investition, Alex. Aber jetzt lasst uns gleich hinüber zu Van Leeuwen gehen, der wartet schon auf uns. Dann erfahrt ihr auch die neuen Entwicklungen“, erklärte Luuk van der Beek und führte die Gruppe direkt in Roger van Leeuwens Büro. Dieser begrüßte die deutschen Kollegen ebenfalls sehr herzlich und erkundigte sich bei Jan Scheuer nach dessen Genesung. Doch dann ging es auch sofort und ohne Umschweife um die aktuellen Ereignisse.

„Ich habe heute Morgen meinen Kollegen Simon Hermans in Roermond besucht und mich über die neue Situation informiert“, erläuterte Luuk van der Beek. „Das Fahrzeug, dass im Polderveld gefunden wurde, gehörte definitiv Marinus Sanders. Es war eines seiner Firmenfahrzeuge, zugelassen in Köln.“

„Dann war es auch eines der beiden Fluchtfahrzeuge, mit denen sich die Bande nach dem Einsatz in Neuss davonmachte?“ wollte Berger wissen.

„Ja, mit Sicherheit. Wir konnten leider nach der langen Zeit im Wasser keine Fingerabdrücke mehr feststellen, aber wir gehen davon aus, dass Sanders den Wagen in der Fluchtnacht selbst gefahren hat.“ Luuk Van der Beek wurde kurz unterbrochen, weil eine Mitarbeiterin soeben ein Tablett mit Kaffee hereinbrachte, was vor allem von Alex Berger mit anerkennenden Worten bedacht wurde. Der letzte Kaffee lag schon mindestens drei Stunden zurück. Nachdem die nette Mitarbeiterin das Büro wieder verlassen hatte, fuhr Van der Beek fort:

„Anhand der Datensätze, die ihr uns damals geschickt habt, konnten wir eine der beiden geborgenen Leichen aus dem Fahrzeug identifizieren. Es ist definitiv Marinus Sanders.“

„Hm, und der andere?“

„Nichts. Der ist bei uns völlig unbekannt. Wir wissen jedoch, dass es sich nicht um diesen Ron Brenner handelt, der ebenfalls bei Sanders angestellt war. Es muss der dritte Mann sein, der euren Ermittlungen nach bei Marinus Sanders arbeitete und leider noch nicht identifiziert werden konnte. Es waren jedenfalls weder seine Fingerabdrücke gespeichert noch war er bei der Gesichtserkennung registriert.“

„Und wie sind sie umgekommen?“, meldete sich nun erstmals Jan Scheuer zu Wort. Er wirkte zwar noch etwas zurückhaltend, aber Berger wusste, dass dies nicht lange anhalten würde, denn Jan war eben Jan, und der würde nicht lange brauchen, um wieder in Fahrt zu kommen.

„Beide Männer wurden durch einen gezielten Kopfschuss getötet, man könnte auch sagen – hingerichtet“, beschrieb Van der Beek die Todesursache, und Lizzy Huisman ergänzte:

„Wir vermuten, dass sie irgendwie bei Steelmans in Ungnade gefallen sind und deswegen beseitigt wurden.“

„Kann man sagen, wie lange der Wagen mit den Leichen schon dort im Wasser lag?“

„Nein, das ist nach so langer Zeit nicht mehr genau festzustellen. Aber laut der Forensiker in Roermond reden wir hier von einem Zeitraum von Monaten. Es ist also gut möglich, dass die beiden schon direkt nach der Flucht getötet wurden. Aber wir haben noch etwas sehr Interessantes für euch.“

„Wird es jetzt spannend?“, fragte Berger.

„Allerdings. Die beiden Leichen waren in Folie verpackt, und in einem der beiden Leichenpakete, nämlich in dem von Marinus Sanders, haben unsere Spurensicherer die Tatwaffe gefunden, mit der Robert Kleinschmidt von der Waffenmaklerfirma und auch der ehemalige Hauptkommissar aus Dortmund, Klaus Behrends, erschossen wurden. Und auf der Waffe, einer Beretta Px4 Storm, waren mit sehr viel Mühe noch einige brauchbare Fingerabdrücke von Marinus Sanders zu finden. Und dass, obwohl die Waffe so lange Zeit im Wasser gelegen hatte. Es waren die einzigen, die der ganze Fund hergegeben hat.“

„Das heißt, die Täter haben die Waffe gleich mit dem Mörder verschwinden lassen“, resümierte Berger.

„Die Spuren deuten jedenfalls daraufhin, dass nur Sanders die Waffe benutzt hat. Es gab wie schon erwähnt keine anderen Fingerabdrücke.“ Luuk van der Beek zuckte mit den Schultern, als wolle er sich für diese Tatsache entschuldigen.

„Nun ja, es passt jedenfalls alles zusammen. Sanders kannte die Metallhandelsfirma von Stoll, also den ersten Tatort, weil er dort mal gearbeitet hat. Das Fahrzeug, dessen Reifenprofil wir dort am Tatort gefunden haben, war auf ihn zugelassen. Es war auch das Fahrzeug, das am zweiten Tatort in Düsseldorf von den Kameras der Verkehrsüberwachung erfasst wurde. An der Tatwaffe, die bei den beiden Morden benutzt wurde, befinden sich einzig und allein Sanders Fingerabdrücke. Was glaubt ihr, eindeutig oder zu perfekt?“ Alex Berger blickte in nachdenkliche Gesichter. Nur Lizzy Huisman räusperte sich und wagte eine Prognose.

„Ich würde sagen, nach allem, was wir wissen: eindeutig. Wir haben keinerlei Hinweise dafür, dass hier etwas getürkt ist, oder?“ Ihr starker Dialekt, den Jan Scheuer heute zum ersten Mal hörte, brachte diesen zum Schmunzeln. Diese Stimme, in Verbindung mit der nicht ganz unfallfreien Aussprache, faszinierte ihn sofort. Sie löste etwas in ihm aus, dass nicht unangenehm auf ihn wirkte. Er musste sich schamvoll eingestehen, dass er nicht ein einziges Wort niederländisch sprach und deshalb froh war, dass sich die niederländischen Kollegen alle so bemühten, gut und verständlich deutsch zu sprechen. Aber was ihn an diesem wilden Lockenkopf faszinierte, war etwas anderes.

„Stimmt“, meldete sich nun Van Leeuwen. „Und solange das so ist, ist dieser Sanders der Mörder. Und außerdem ist doch im Augenblick die noch viel wichtigere Frage zu klären: Wie hilft uns der Fund in der derzeitigen Situation weiter? Können wir neue Spuren erkennen, gibt es neue Hinweise, mögliche Details oder Indizien, die verwertbar sind.“

„Und die Leichen waren in Folie verpackt? Was war das für eine Folie?“ Jan Scheuer versuchte nun, die neuen Informationen aufzugreifen und weiter zu verfolgen. Irgendwie musste doch ein neuer Ansatzpunkt zu finden sein, der sie in ihren Ermittlungen ein Stück voran brachte.

„Nun, die Täter haben die Leichen in Malerfolie verpackt und mit einen handelsüblichen Seil, wie man es in nahezu jedem guten Baumarkt bekommt, verschnürt.“

„In Malerfolie? Hat eure Spurensicherung nach Farbresten auf der Folie gesucht? Wäre doch gut möglich, dass sie nur deshalb diese Malerfolie verwendet haben, weil die am Tatort gerade vorhanden war. Und das wäre dann der Fall, wenn dort, wo man die beiden erschossen hat, zu dem Zeitpunkt gerade Renovierungen, zum Beispiel Malerarbeiten durchgeführt worden wären“, mutmaßte Scheuer weiter.

Luuk van der Beek trank einen Schluck aus dem Kaffeebecher und blickte nachdenklich vor sich auf den Boden.

„Gut möglich. Nehmen wir also an, dass die beiden Fahrzeuge damals in der Fluchtnacht die Grenze hierher überfahren haben. Ihr habt berichtet, dass es fünf Personen waren, die nach dem Schusswechsel von Neuss geflohen sind: Steelmans, Mulders, Van de Heijden und zwei ihrer Helfer, nämlich Sanders und der uns noch unbekannte fünfte Mann. Sie stiegen gemeinsam in Köln-Ossendorf, auf dem Gelände der Reifenhandelsfirma, in zwei Firmenfahrzeuge um, weil sie genau wussten, dass man nach ihrem Fluchtfahrzeug, dem Mercedes-SUV, fahndet. Richtig?“

„Stimmt“, bestätigte Berger.

„Sie fliehen danach mit dem Golf und einem Touareg, beide auf die Firma von Sanders zugelassen, über die offene Grenze in die Niederlande. Steelmans hat die Absicht, die beiden Helfer zu beseitigen. Wo kann er das am besten erledigen?“

„Nicht unterwegs auf der Flucht. Das wäre zu riskant gewesen, denn sie hätten ja immer noch in eine Polizeikontrolle geraten können, und das kann mit zwei Leichen im Kofferraum verdammt unangenehm werden. Und irgendwo unterwegs ablegen, auch schlecht. Man hätte sie zu schnell gefunden.“ Jan Scheuer verfolgte Van der Beeks Gedankengang weiter.

„Nicht nur das. Sie saßen in zwei verschiedenen Fahrzeugen. Und sie hatten wohl kaum Malerfolie und Seile in ihren Wagen dabei. Was bleibt also als logischste Möglichkeit?“, fragte Van der Beek noch einmal in die Runde. Jeder wusste in diesem Moment, auf was er hinauswollte. Berger sprach es aus:

„Verdammt, die hatten irgendwo einen Anlaufpunkt, einen Unterschlupf, ein Haus, irgendein Gebäude, in dem sie für kurze Zeit untertauchen konnten. Und dort wurde gerade renoviert, was erklärt, dass es hier auch Malerfolie in Mengen gab.“

„Genau.“ Luuk van der Beek nahm einen großen Schluck aus seiner Kaffeetasse und ging zu einer Karte an der Wand ihres Büros, die den südlichen Teil der Niederlande, speziell die Provinzen Limburg, Brabant, Zeeland, Gelderland und Süd-Holland zeigte. „Wenn die Kerle von Köln kommend hier rüber sind, dann mussten sie mit hoher Wahrscheinlichkeit durch die Provinz Limburg, und zwar in Höhe von Roermond und den Maas-Seen! Da haben wir unseren Zusammenhang. Hier hatten sie irgendwo die Möglichkeit, unterzukommen und die beiden Helfer zu erledigen. Sie haben sie in Malerfolie verpackt, in eines der beiden Fahrzeuge, nämlich den Golf verladen, und die ganze Angelegenheit im Polderveld versenkt. Wir wissen noch nicht, wie sie es geschafft haben, aber sie haben es geschafft. Erst danach ging es weiter in Richtung Amsterdam.“

Inzwischen standen alle um die Karte herum und folgten den Ausführungen Van der Beek‘s. Der Kommissar hatte recht, es war die naheliegendste Variante. Sie wollten die beiden Helfer auf jeden Fall schnell loswerden, denn die Fahndung bezog sich auf fünf flüchtige Personen. Waren sie aber nur noch zu dritt, hatten sie deutlich bessere Chancen, gegebenenfalls auch durch die engen Maschen einer Polizeikontrolle zu kommen.

„Möglich, dass sie einen Kranwagen hatten“, sinnierte Lizzy.

„Gut möglich“, antwortete Luuk. „Ohne geht es fast nicht.“

„Vielleicht sollten wir damit beginnen, herauszufinden, ob die drei Flüchtigen, also Steelmans, Van de Heijden und Mulders irgendwelche persönlichen Kontakte hatten. Gibt es ein familiäres Umfeld, Freunde, die helfen konnten, haben wir das schon überprüft?“ Roger van Leeuwen stellte die Frage vor allem an seine eigenen Leute.

„Natürlich, schon vor Monaten“, erklärte nun Lizzy Huisman. „Steelmans und Mulders sind beide oder waren weder verheiratet, noch haben sie Kinder. Bei Van de Heijden sieht es etwas anders aus. Er ist wohl verheiratet, hat aber nur selten Kontakt zu seiner Frau. Ida van de Heijden, so heißt sie, lebt wohl schon seit vielen Jahren in Breda. Auch hier keine Kinder. Zumindest ist nichts bekannt. Vielleicht sollten wir ihr trotzdem einen Besuch abstatten und mal nachhören, wann sie das letzte Mal Kontakt zu ihrem Noch-Ehemann hatte.“

„Und Freunde, Helfer?“

„Nichts bekannt. Was ist eigentlich mit Ruud van Dongen? Gibt es da vielleicht Hinweise auf persönliche Beziehungen oder Kontakte?“ Die Frage kam von Luuk.

„Wir hatten damals nach seiner Flucht bei der Brunex in Bonn nachgefragt. In seiner Personalakte stand nichts. Offenbar war er nicht verheiratet, aber gesichert ist das nicht“, erläuterte Berger.

„Und was ist mit einer Adresse?“

„Er bewohnte eine kleine Eigentumswohnung in Königswinter, wo wir ihn damals auch verhaften konnten. Im Zuge der Ermittlungen haben wir die Wohnung zweimal durchsucht. Auffallend war, dass er dort zwar offensichtlich gewohnt hat, wir aber kaum persönliche Gegenstände gefunden haben“, erklärte Jan Scheuer, wobei er mit den Schultern zuckte. „Wenn wir ehrlich sind, wissen wir fast nichts über ihn. Ich denke, wir sollten auch da noch einmal nachhaken.“

„Alles klar, und wir kümmern uns inzwischen um Ida van de Heijden. Wann fahrt ihr wieder zurück nach Köln, Alex?“

„Ich denke morgen Vormittag. Aber so wie es aussieht, werden wir uns jetzt wohl wieder häufiger sehen.“

„Davon dürft ihr ausgehen“, ergänzte Van Leeuwen. „Fakt ist jedenfalls, nachdem der Tod eures Staatssekretärs Kramm aufgeklärt war, hat sich das Bundeskriminalamt überhaupt nicht mehr um diesen Fall gekümmert. Die Ermittlungen wurden dort auf Eis gelegt. Das bedeutet für uns, wir nehmen die Sache wieder gemeinsam in die Hand, Leute. Bogener und ich überlegen gerade, ob wir mit euch eine internationale Ermittlungsgruppe bilden sollen, die den Fall nochmal neu aufrollt.“

„Das wäre kein schlechter Ansatz. Hoffen wir nur, dass uns das BKA nicht wieder dazwischenfunkt.“ Man merkte Berger an, dass die Kollegen des BKA nicht gerade seine besten Freunde waren. Und was die damaligen Ermittlungen anging, hatten sie auch keine Bäume ausgerissen.

„Hier in den Niederlanden hat das BKA keine Befugnisse. Wir bestimmen hier, wie ermittelt wird, und wenn Bogener euch für die Ermittlungsgruppe abstellt, kann das BKA nichts machen. Aber weshalb Luuk euch die Frage gestellt hat: Wir wollten euch vorschlagen, dass wir heute Abend zusammen essen gehen. Was sagt ihr dazu?“

„Wir sind dabei“, antwortete Jan Scheuer, bevor Berger auch nur einen Ton sagen konnte. „Komm schon, Alex, endlich habe ich mal wieder Freigang. Das sollten wir eigentlich gebührend feiern, oder?“

„Ich habe absolut nichts dagegen. Wir mieten uns vorher noch schnell in dem kleinen Hotel an der Armbrug ein, in dem ich bei meinem ersten Besuch gewohnt habe. War ganz nett dort, und das Frühstück war auch gut.“

„Entspannt Euch. Das ist schon alles erledigt. Wir haben euch dort zwei Einzelzimmer mit Frühstück gebucht. Geht übrigens alles auf Kosten des Polizeikorps. Schließlich hattet ihr den Weg hierher.“

„Dann vielen Dank erstmal. Ich hoffe, wir können uns revanchieren, wenn ihr mal nach Köln kommt. Wann und wo wollen wir uns später treffen?“, fragte Berger.

„Das Restaurant ist in der Nähe eures Hotels, wir holen euch gegen 19 Uhr 30 ab.“

„Alles klar, dann bis später.“ Berger und Scheuer verließen das Gebäude des Polizeikorps und fuhren gerade mit ihrem Wagen in Richtung des Hotels, als Bergers Handy klingelte.

„Hallo Herr Kriminalrat, was gibt es?“

„Hallo Kollege Berger. Alles klar bei euch?“

„Ja, wir hatten soeben die Lagebesprechung und sind auf dem Weg ins Hotel. Die Niederländer haben uns heute Abend zum Essen eingeladen. Was gibt es?“

„Ich nehme an, ihr kommt morgen Nachmittag zurück?“

„Ja, wir fahren gleich nach dem Frühstück los. Das wird morgen allerdings etwas später stattfinden.“

„Gibt es neue Erkenntnisse, die uns weiterhelfen könnten?“

„Möglicherweise. Aber alles ist noch sehr vage.“

„Gut, sprechen wir morgen darüber. Das war auch nicht der Grund meines Anrufs“, räusperte sich Edwin Bogener. Er hatte mit einem Mal einen merkwürdigen Unterton in der Stimme, der Berger allerdings sofort auffiel. Fast klag es, als wollte ihr Chef ihnen etwas beichten.

„Sondern?“

„Ich wollte euch morgen jemanden vorstellen.“

„Aha. Und wen, wenn man bescheiden fragen darf?“

„Eine sehr nette junge Dame!“

„Da haben wir nichts dagegen. Und darf man höflich fragen, wer denn die sehr nette junge Dame ist“, bohrte Berger weiter.

„Dürft ihr! Eure neue Kollegin! Dann bis morgen …“

Noch bevor Berger irgendetwas zu dieser Ankündigung sagen konnte, hatte Bogener bereits aufgelegt. Berger sah Jan Scheuer mit erstauntem Blick an und sagte:

„Du wirst es nicht glauben, aber wir bekommen Verstärkung ins Team. Eine neue, sehr nette junge Kollegin …“

Jan Scheuer grinste. „Na, Alex, dann wollen wir doch nicht unhöflich sein und morgen pünktlich die Heimreise antreten. Bei einer solchen Perspektive. Eine sehr nette junge Kollegin … die lässt man schließlich nicht warten.“

5.

Am Freitagnachmittag, kurz nach 15 Uhr, betraten Alex Berger und Jan Scheuer das Büro von Edwin Bogener im Kölner Polizeipräsidium. Nach dem munteren Abend mit den Amsterdamer Kollegen waren sie am späten Vormittag gut gelaunt und in gespannter Erwartung nach Köln aufgebrochen. Die Ankündigung Bogeners, dass sie eine neue Kollegin ins Team bekommen sollten, machte sie beide doch neugierig. Irgendwie würde das ihre gewohnten Strukturen und Abläufe etwas durcheinanderbringen, aber auf der anderen Seite konnten sie eine Verstärkung immer gut gebrauchen. Die spannende Frage war nur: Wie war sie denn so, die sehr nette junge Kollegin?

Diese Frage sollte relativ schnell beantwortet werden. Auf dem Stuhl vor Bogeners Schreibtisch saß sie schon, die „Neue“. Etwa ein Meter siebzig groß, schlank, sportlich, kurze dunkle Haare und dunkle wache Augen, die den Anschein erweckten, als würde ihnen so leicht nichts entgehen. Als die beiden Kommissare eingetreten waren, wollte Edwin Bogener sich sogleich zu einer kurzen Vorstellungsrede aufschwingen, als die „Neue“ kurzerhand aufstand und sich gleich mal selbst vorstellte:

„Kommissarin auf Probe Flora Kramer. Ich bin ihre neue Kollegin, meine Herren. Nennen sie mich einfach Flo.“ Sie sagte dies ohne ein Lächeln im Gesicht. Ihr Blick wirkte vielmehr sehr konzentriert, als sie den männlichen Kollegen die Hand reichte. Nun, schüchtern ist sie ja nicht gerade, dachte Berger.

„Hauptkommissar Alexander Berger, herzlich willkommen.“

„Jan Scheuer, Oberkommissar“, beeilte sich Jan, sich ebenfalls vorzustellen. „Auf gute Zusammenarbeit.“

„Kollegin Kramer hat vor einem halben Jahr ihren Studienabschluss zur Kommissarin beim BKA mit Auszeichnung bestanden, als Jahrgangsbeste wohl bemerkt, und war bis zu ihrer Versetzung zu uns in der Wiesbadener Zentrale tätig. Natürlich auch von mir ein herzliches Willkommen, Kollegin Kramer“, meldete sich Bogener, um auch mal etwas zu sagen.

„Oh, mit Auszeichnung? Nun, gute Verstärkung können wir immer gebrauchen“, kommentierte Jan Scheuer.

„Ist nichts Besonderes“, war die knappe Antwort. Die etwas unnahbare Art der „Neuen“ ließ Berger und Scheuer doch leicht benommen dreinblicken. Sie wechselten einen kurzen Blick, dann versuchte Alex Berger einen neuen Vorstoß.

„Und was hat dich eigentlich bewogen, dich gerade hier zu uns nach Köln versetzen zu lassen, Flo?“

„Euer interessanter Fall. Und eines möchte ich von Beginn an klarstellen. Bitte kommt nicht auf die Idee, euch über meinen Vornamen lustig zu machen. Für Pflanzen habe ich nichts übrig. In meinen Händen würde selbst ein Kaktus vertrocknen, nur um das klarzustellen, Hauptkommissar Berger.“

„Ok, alles klar“, räusperte sich nun Alex Berger leicht verlegen. „Na dann, ich bin Alex.“

„Und es war wirklich der Fall? Würde mich doch mal interessieren, was du daran so interessant findest“, fragte Jan.

„Was ich daran so interessant finde, Jan, werdet ihr noch früh genug erfahren. Wie wäre es, wenn ihr mich nun mal einweihen würdet? Über den neuen Stand der Ermittlungen, meine ich.“

Scheuer zeigte Berger ein verstohlenes und etwas verlegenes Grinsen, dann sagte er:

„Also gut, Flo. Wie weit ist dir die Vorgeschichte bekannt?“

„Ich habe die damaligen Ermittlungen beim BKA genau verfolgt und bin, mal abgesehen von den neuesten Erkenntnissen, gut informiert“, erwiderte Flora Kramer emotionslos.

„Was mich dazu bewogen hat, Frau Kramer mit euch gemeinsam für eine internationale Ermittlungsgruppe vorzuschlagen, die zusammen mit den niederländischen Kollegen Van der Beek und Huisman gebildet werden soll. Ihr Schreibtisch, Frau Kramer, befindet sich drüben im Büro der beiden Kollegen. Also dann.“

Mit einer generösen Handbewegung deutete Edwin Bogener nun an, dass die Vorstellungsrunde beendet war und er noch zu arbeiten hatte. Berger, Scheuer und Kramer verließen daraufhin das Büro ihres Vorgesetzten. In ihrem eigenen Büro stand nun ein zusätzlicher Schreibtisch. Platz war genug vorhanden, aber die Situation kam doch etwas plötzlich und unerwartet für die beiden. Dort angekommen, fragte Alex Berger die „Neue“:

„Das ist jetzt nicht gegen dich, Flo. Aber du hast sicher davon gehört, dass deine ehemaligen BKA-Kollegen nicht gerade meine besten Freunde sind.“

„Ja, Alex. Ich habe davon gehört und finde auch, dass es sinnvoller gewesen wäre, euch in die Ermittlungen mit einzubinden. Aber es gab nun mal Anweisungen.“

„Mich würde trotzdem interessieren, weshalb gerade dieser Fall, Flo? Hattest du einen besonderen Grund dafür?“

„Nun, Alex, den hatte ich. Ich war beim BKA in die laufenden Ermittlungen gegen diesen Staatssekretär Kramm eingebunden und habe nicht verstanden, mit welcher Einseitigkeit dort ermittelt wurde. Es ging nur um Kramm. Der Skandal sollte mit allen Mitteln vertuscht werden. Das ist die Wahrheit. Alles andere war meinen Ermittler-Kollegen egal, aber mir nicht! Genügt das als Erklärung?“ Ihr Blick hatte etwas Herausforderndes, aber Berger tat so, als wäre ihm das entgangen.

„Ja, ja, natürlich. Gut, dann wollen wir dich mal in die neuesten Erkenntnisse einweihen“, erklärte Berger und begann, die neuen Ermittlungsergebnisse des Falls in allen wichtigen Einzelheiten darzulegen. Dabei erwähnte er auch die „privaten“ Ermittlungen, die er in Amsterdam durchgeführt hatte, und zum ersten Mal schien für eine Sekunde ein ganz schwaches Lächeln über ihr Gesicht zu huschen. Während er den Fall erläuterte und Jan Scheuer einzelne Bemerkungen hinzufügte, saß Flo Kramer mit einem konzentrierten und beinahe unbewegten Gesicht da und hörte einfach nur zu. Eine seltsame junge Frau, dachte Berger immer wieder, und Jan Scheuer war anzusehen, dass auch er sich seine Gedanken machte. Nachdem Berger und Scheuer ihre Ausführungen beendet hatten, fragte Flora Kramer nur:

„Was ist mit Van Dongens Wohnung geschehen, nachdem ihr sie durchsucht hattet?“

„Nun, sie wurde verschlossen und der Schlüssel liegt bei der Ermittlungsakte noch hier im Schreibtisch.“ Mit diesen Worten zog Alex Berger die Akte „Van Dongen“ aus der Schublade und öffnete sie. In einer Folie befand sich der Wohnungsschlüssel zu Van Dongens Eigentumswohnung.

„Der Fall ist wie gesagt ja noch nicht abgeschlossen, sondern nur ruhend aufgrund mangelnder Spuren und Hinweise“, warf Jan Scheuer ein.

„Und wenn wir uns die Wohnung noch einmal gemeinsam ansehen? Für mich so zum Warmwerden? Was haltet ihr davon?“ Flora Kramer, die gerne „Flo“ genannt werden wollte, sah die beiden verblüfften Kommissare unverhohlen offen an. Möglich, dass dies der Grund war, weshalb beide keine Einwände erhoben. Und vielleicht sahen sie darin auch eine gute Gelegenheit, ihre neue Musterkollegin bei der Arbeit zu beobachten.

Als sie eine Stunde später vor der Wohnungstür zu Van Dongens Eigentumswohnung in einer ruhigen Seitenstraße von Königswinter standen, zog sich Flora Kramer kommentarlos ein Paar Einweghandschuhe über. Berger und Scheuer wechselten einen kurzen Blick und taten es ihr dann gleich. Dann öffnete Alex Berger die Tür. Sie traten in den hellen, fast leeren Flur, erkannten aber sofort, dass etwas nicht stimmte! Nach der Durchsuchung der Wohnung hatten sie diese mitsamt Van Dongens persönlichen Dingen wie Kleidung, Schuhe, Bücher und dergleichen ordnungsgemäß verschlossen. Nun war die Wohnung vollständig leergeräumt! Flora Kramer ging langsam durch die Räumlichkeiten, gefolgt von Berger und Scheuer. Jedes einzelne der Zimmer wurde von ihrem aufmerksamen Blick regelrecht gescannt. Und als sie dann ins Schlafzimmer trat, stellte sie fest, dass sogar das Bettzeug abgezogen und die Matratze des Bettes verschwunden war! Sie ging nun zurück zur Eingangstür und untersuchte auch diese sorgfältig. Dann kam sie zurück.

„Es gibt hier offensichtlich noch eine weitere Person, die einen Schlüssel zu dieser Wohnung hat, und diese Person hat hier alles ausgeräumt“, stellte sie trocken und nüchtern fest.

„Offensichtlich, ja.“ Scheuer hatte inzwischen alle Schränke geöffnet. Auch sie waren komplett leer. „Aber wer sollte denn in einer Wohnung, die wir schon zweimal mit der Spurensicherung durchpflügt haben, noch alle Sachen verschwinden lassen? Das macht doch gar keinen Sinn!“

Flora Kramer sah in die leeren Schränke im Schlafzimmer und fragte wie beiläufig: „War er verheiratet? Ich meine Van Dongen.

Hatte er eine Frau?“

„Uns ist nichts bekannt, dass es in seinem Leben eine Frau gab. Weshalb fragst du, Flo?“, antwortete Berger.

„Weil nur eine Frau auf die Idee käme, hier alles leerzuräumen. Ich meine die Anzüge, Schuhe, Bücher, alle persönlichen Sachen, einfach alles.“

Jan Scheuer hatte bereits sein Handy hervorgeholt und Edwin Bogener gebeten, die Spurensicherung erneut vorbeizuschicken. Die Kollegen trafen nach einer Stunde ein und begannen sofort, die gesamte Wohnung nach neuen Fingerabdrücken zu untersuchen. Gunnar Stenzel, der das Spurensicherungsteam leitete, kam auf die drei Kommissare zu.

„Herzlich willkommen in Köln erst mal, Gunnar Stenzel“, stellte er sich der neuen Kollegin vor. Diese nickte kurz und sagte dann: „Flora Kramer, aber bitte einfach Flo.“

„Es gibt jede Menge neue Fingerabdrücke, überall, an allen Möbeln, an den Schranktüren und in der Küche. Ich könnte schwören, dass die damals vor vier Monaten noch nicht da waren. Aber warten wir die Untersuchung ab.“

„Alles klar, Gunnar. Und die Tür wurde mit einem Schlüssel geöffnet?“

„Stimmt. Keine Spuren von gewaltsamer Öffnung.“

„Nun gut. Schließt wieder gut ab, wenn ihr geht, und bringt mir den Schlüssel mit den Untersuchungsergebnissen vorbei.“

„Mach ich.“

Alex Berger, Jan Scheuer und Flora Kramer verließen nun die Wohnung und waren auf dem Weg zu ihrem Dienstwagen, als eine der Wohnungstüren im Erdgeschoß des Hauses geöffnet wurde und ein Mann mittleren Alters heraustrat.

„Entschuldigung“, sprach Flo den Mann an und zeigte ihren Dienstausweis. „Kripo Köln. Können Sie uns sagen, ob hier vor einiger Zeit jemand die Wohnung von Herrn Ruud Van Dongen im ersten Stock aufgesucht hat?“

Der Mann überlegte kurz, dann sagte er:

„Ja, doch. Ist aber auch schon eine ganze Weile her, ich schätze mal, gut drei Monate.“

„Und konnten sie erkennen, wer es war?“

„Eine Frau und ein Mann. Sie haben alles leergeräumt und in diesen blauen Plastiksäcken weggeschafft. Ich dachte zuerst, Herr Van Dongen hätte verkauft und es wären die neuen Eigentümer, die die Wohnung ansehen wollten. Aber als ich dann sah, dass sie alles leerräumen, dachte ich mir, es seien Bekannte oder Freunde von Herrn Van Dongen. Die hatten jedenfalls ganz schön was zu schleppen“, meinte er mit anerkennender Miene.

„Waren sie mit einem Fahrzeug hier? Ich meine, wegen des Abtransportes der Sachen?“

„Ja, ein dunkelgrüner Mercedes Kombi, glaube ich. Dunkelgrün jedenfalls, in metallic.“

„Und das Kennzeichen?“

„Darauf habe ich nicht so genau geachtet. Ich glaube, aus Euskirchen, wenn ich mich recht erinnere. Ist denn etwas passiert?“

„Nein. Alles in Ordnung. War nur eine Frage. Vielen Dank.“

Interessiert hatten Berger und Scheuer die junge Kollegin bei ihrem Tun beobachtet. Als sie zum Dienstwagen gingen, warf Jan ihm einen anerkennenden Blick zu, als wolle er sagen: Das hat sie doch gut gemacht! Bewährungsprobe bestanden!

Als sie um kurz vor 18 Uhr wieder im Büro eintrafen, erschien gleich darauf Edwin Bogener in der Tür.

„Könnt ihr mir mal erklären, wer dort die Wohnung von Van Dongen leergeräumt hat. Und auch noch mit einem Schlüssel? Ist uns da was durchgerutscht?“

„Gut möglich. Ein Mann und eine Frau waren laut Auskunft eines Hausbewohners vor etwa drei Monaten dort und haben alles weggeschafft.“

„Und wer soll das gewesen sein?“

Alex Berger und Jan Scheuer sahen sich an und Berger sagte:

„Wissen wir noch nicht genau. Aber es ist nur eine Frage der Zeit, das herauszubekommen.“

„Dann haltet euch ran. Könnte eine neue Spur sein.“

„Schon erledigt“, hörten sie Floras Stimme hinter ihrem Bildschirm. „Eine Lora van Dongen, wohnhaft in Euskirchen in der Hügelstraße. Könnte seine Ehefrau sein. Die sollten wir uns mal ansehen und überprüfen, ob sie einen dunkelgrünen Mercedes Kombi in der Garage hat, oder?“

Nun sahen sich erst einmal Alex Berger und Jan Scheuer ziemlich erstaunt an, ohne ein Wort zu sagen. Nun, das konnte ja noch heiter werden mit der neuen Kollegin. Die legte gleich ein gutes Tempo vor! Gut war sie, jung war sie auch, musste sich nur noch das „sehr nett“ finden, das Bogener so angepriesen hatte …

6.

Am gleichen Nachmittag gegen 17 Uhr fuhr ein silberfarbener BMW X3 langsam an der Einfahrt zu einem Bungalow in der Hügelstraße in Euskirchen vorbei, bog die nächste Möglichkeit rechts ab und parkte dort am Straßenrand. Ein großer Mann mit langen blonden Haaren entstieg dem Wagen und machte sich auf den Weg zurück zum Bungalow. Kurz nach dem Klingeln öffnete eine Frau um die fünfzig. Sie war mittelgroß, mit langen dunkelbraunen Haaren, auffällig geschminkt, und machte einen äußerst gepflegten Eindruck. Eine gewisse Arroganz lag in ihrem Blick, und als sie den Besucher, der vor ihrer Tür stand, musterte und Hendrik Mulders erkannte, fragte sie sofort misstrauisch:

„Der Notar? Was willst du, Hendrik?“

„Mit dir reden, Lora.“

„Ich wüsste zwar nicht, was wir Wichtiges miteinander zu bereden hätten, aber komm‘ rein, bevor dich hier noch jemand sieht.“ Lora van Dongen führte Hendrik Mulders durch das Haus zur hinteren Terrasse und bat ihn, dort Platz zu nehmen.

„Kaffee?“ fragte sie. „Du weißt, ich trinke nur Tee.“

„Nein danke.“ Hendrik Mulders trug ein hellblaues Poloshirt und eine dünne Sommerjacke darüber. Lora van Dongen wusste, dass er die bei den warmen Temperaturen nur trug, um darunter seine Waffe zu verbergen.

„Du kannst die Jacke ausziehen. Ich weiß, dass du ohne deine Waffe nicht aus dem Bett steigst. Aber hier sieht dich niemand.“

„Schon gut, Lora, ich bleibe nicht lange.“

„Und was willst du?“

„Ich denke, dass es einfach mal Zeit wird, dass du die Wahrheit erfährst. Deshalb bin ich hier.“

Lora van Dongen sah Hendrik Mulders gerade an, als habe sie seine Worte nicht verstehen können, als habe er in einer fremden Sprache zu ihr gesprochen.

„Von welcher Wahrheit sprichst du, Hendrik?“

„Von der Wahrheit über euren Freund Daan van de Heijden.“

„Daan? Was ist mit ihm?“

„Nun, ich denke, auch du solltest endlich erfahren, dass wir alle über Jahre hinweg von ihm, eurem guten Freund Daan, betrogen wurden.“

Lora van Dongen reagierte mit betroffenem Schweigen und starrte Mulders an, als sei dieser soeben einem Raumschiff von Außerirdischen entstiegen. Dann, nach einer ganzen Weile, während der Mulders geduldig schwieg und wartete, antwortete sie mit einer merkwürdig rauen Stimme, die wie ein untergründiges Grollen klang:

„Was redest du da für einen Unsinn! Ruud und Daan waren Freunde. Da hätte niemals der eine den anderen um irgendetwas betrogen.“

„So? Dann wusste Ruud wohl, dass Daan van de Heijden in Wirklichkeit gar nicht Daan van de Heijden ist? Und bestimmt hat er dir auch davon erzählt, oder?“

„Was soll das, Hendrik!“ Ein leicht zorniger Unterton lag nun in ihrer Stimme, und ihr Blick verhieß nichts Gutes. Lora van Dongen verspürte nicht die geringste Angst vor dem Mann, der da vor ihr saß und dessen Anblick allein genügte, anderen einen Schauer über den Rücken zu jagen. „Was willst du mit deinen Andeutungen sagen? Raus mit der Sprache!“

„Daan van de Heijden, der gute Freund deines Mannes, heißt mit richtigem Namen Arto Kraana. Und er ist auch kein Niederländer, sondern Este. Seine verdammte Familie ist in Tallinn ein richtiger Mafia-Clan, Lora.“

Dieses Mal kam die Reaktion spontan: „Unsinn! Was soll das? Daan war zwar in meinen Augen ein Widerling, aber er war der beste Freund meines Mannes. Er wäre nie auf den Gedanken gekommen, ihn so zu hintergehen und über seine wahre Identität zu täuschen!“

Sie ist ein harter Knochen. Ich muss jetzt aufpassen, dachte Mulders, sonst ist unser schöner Plan schon hier gescheitert! Er sah Lora mit einem Blick an, der ernster nicht sein konnte und gleichzeitig echtes Bedauern zu Ausdruck bringen sollte.

„Sein Vater verschiebt Drogen und Waffen und sein Hauptgeschäft ist Menschenhandel. Und das ist die Wahrheit! Der Teufel soll mich holen, wenn ich lüge!“

Seine Miene verschwieg, dass er keine Skrupel hätte, genau das gleiche zu tun, aber Mulders sagte das mit solchem Nachdruck, dass in Lora van Dongens Gesicht erste kleine Zweifel zu sehen waren. Ein ungutes Gefühl hatte sie ja schon immer.

„Aber weshalb sollte er so etwas tun, uns derart zu hintergehen?“ Lora van Dongen sah Mulders verständnislos und zugleich immer noch misstrauisch an. Was wollte Mulders von ihr? Es war beileibe nicht so, dass er hier ein häufig gesehener Gast war.

„Weil er hier sowieso seine Zelte für immer abgebrochen hat. Er hat sich nach Estland abgesetzt, Lora!“

„Nach Estland? Was will er denn in Estland?“ Lora van Dongen bedachte Mulders mit einem Blick, als wolle sie ihn fragen, weshalb er ihr einen solchen Unsinn erzählt. Sie war mehr als nur überrascht. „Mein Gott, ich kenne Daan seit Jahren. Das ist nicht dein Ernst, Hendrik!“

„Doch, leider. Er hat uns jahrelang seine wahre Identität verschwiegen und er hat uns um sehr viel Geld betrogen, weil er behauptet hat, dass er das Geld brauche, um in Estland unsere Waffentransporte zu organisieren. Doch er hat die Transporte mit seinem Clan durchgeführt und das Geld in die eigene Tasche gesteckt. Er hat uns alle übelst betrogen – Ruud, Claudius und mich – und natürlich auch dich, einfach uns alle!“

Lora van Dongen wirkte nun lange nicht mehr so selbstsicher wie zu Beginn der Unterhaltung. Sie sah erschüttert aus. Irgendwie konnte sie nicht glauben, was ihr Mulders da erzählte. Doch ihr Bauchgefühl sagte ihr auch etwas anderes. Sie hatte Daan van de Heijden noch nie so richtig über den Weg getraut. Woher kam dieses ständige Misstrauen ihm gegenüber? Sie hatte irgendwie gespürt, dass da etwas nicht in Ordnung war mit dem Kerl, hatte sich jedoch wegen Ida zurückgehalten.

„Nun, wenn ich ehrlich bin, habe ich schon immer geahnt, dass mit ihm etwas nicht stimmen kann. Und ihr seid sicher, was seine falsche Identität betrifft?“

„Hundertprozentig sicher.“ Mulders nickte zustimmend. Er hatte das Gefühl, dass er Lora van Dongen nun doch noch überzeugen konnte!

„Und weiß Ida davon?“

„Wir haben keine Ahnung. Aber ich bin hier, um dich um Hilfe zu bitten. Wir wollen dieses Schwein, Lora, ganz gleich, ob er nun Daan van de Heijden oder Arto Kraana heißt. Er muss für das bezahlen, was er verbockt hat, verstehst du? Wir können so etwas nicht einfach durchgehen lassen.“

„Ihr wollt ihn umlegen?“ Lora van Dongen sah Mulders mit einem schrägen fragendem Blick an. „Was soll das bringen, wenn er sich wirklich aus dem Staub gemacht hat? Er wird wohl kaum so dumm sein, sich hier wieder blicken zu lassen, oder?“ Lora van Dongen kannte Van de Heijden. Er war verschlagen und immer auf der Hut.

„Wenn man ihm einen guten Grund liefern würde, schon. Es ist jedoch notwendig, dass wir in diesem Fall die Wahrheit den Gegebenheiten etwas anpassen, wie man so schön sagt.“ Mulders zeigte eine verschwörerische Miene, um Lora van Dongen neugierig zu machen.

„Und was sollte das für ein Grund sein?

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