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Das Schmetterlingsmädchen

Inhalt

  1. Cover
  2. Titel
  3. Impressum
  4. Teil 1
  5. 1
  6. 2
  7. 3
  8. 4
  9. 5
  10. 6
  1. Teil 2
  2. 7
  3. 8
  4. 9
  5. 10
  6. 11
  7. 12
  8. 13
  9. 14
  10. 15
  11. 16
  12. 17
  1. Teil 3
  2. 18
  3. 19
  4. 20
  5. 21
  1. Danksagung
  2. Über die Autorin
  3. Fußnoten

Teil 1

Wenn eine schöne Frau Dummheiten macht,
findet sich immer jemand, der mitmacht,
aber nicht immer jemand, der sie auf das Niveau
zurückholt, auf das sie gehört.

»Mr. Grundy« für Atlantic Monthly, 1920

Er fand es sogar aufregend,
dass schon viele Männer sich in Daisy verliebt hatten;
sie gewann dadurch nur in seinen Augen.

F. Scott Fitzgerald, Der große Gatsby, 1925

Es gibt keine Garbo!
Es gibt keine Dietrich!
Es gibt nur Louise Brooks!

Henri Langlois, 1955

1

Den Namen Louise Brooks hörte Cora zum ersten Mal, als sie in ihrem Auto, einem Ford Model-T, vor der Wichita Library darauf wartete, dass es aufhörte zu regnen. Wäre Cora allein und gewissermaßen ohne Gepäck gewesen, dann wäre sie vielleicht über den Rasen und die Stufen zur Bibliothek hinaufgeflitzt, aber sie und ihre Freundin Viola Hammond waren an diesem Vormittag in der Nachbarschaft von Tür zu Tür gegangen, um Bücher für die neue Kinderabteilung der Bibliothek zu sammeln, und die ansehnlichen Früchte ihrer Bemühungen befanden sich gut verwahrt und trocken in vier Kartons auf dem Rücksitz. Die beiden Frauen wollten nicht riskieren, dass die Bücher nass wurden, und das Unwetter, meinten sie, würde bald vorbei sein.

Und schließlich, dachte Cora, als sie in den Regen hinausstarrte, war es nicht etwa so, dass zu Hause Arbeit auf sie wartete. Ihre Jungs hatten Sommerferien und arbeiteten beide auf einer Farm in der Nähe von Winfield. Im Herbst würden sie aufs College gehen. Cora hatte sich immer noch nicht an die Stille und auch Freiheit dieses neuen Abschnittes in ihrem Leben gewöhnt. Nun blieb das Hause noch lange nachdem Della gegangen war, sauber; keine schmutzigen Fußabdrücke zierten den Boden, keine Schallplatten lagen rings um den Plattenspieler verstreut. Es gab keine Streitereien darüber zu schlichten, wer den Wagen bekam, keine Tennisspiele im Club anzufeuern und keine Aufsätze zu lesen und zu loben. Vorratskammer und Kühlschrank blieben auch ohne täglichen Einkauf gut gefüllt. Heute, da Alan arbeitete, gab es für sie absolut keinen Grund, schnell wieder zu Hause zu sein.

»Ich bin froh, dass wir euren Wagen und nicht unseren genommen haben«, bemerkte Viola und rückte ihren Hut zurecht, einen hübschen, gebauschten Turban mit einer Straußenfeder. »Viele sagen, geschlossene Wagen wären reiner Luxus, aber nicht an einem Tag wie heute.«

Cora schenkte ihr ein, wie sie hoffte, bescheidenes Lächeln. Nicht nur dass der Wagen geschlossen war, er hatte noch dazu einen Elektrostarter. Probleme beim Anlassen sind nichts für eine Dame, hieß es in der Werbung, aber auch Alan hatte zugegeben, dass er auf Schwierigkeiten beim Starten gut verzichten konnte.

Viola drehte sich um und betrachtete die Bücher auf dem Rücksitz. »Die Leute waren großzügig«, räumte sie ein. Viola war zehn Jahre älter als Cora und an den Schläfen bereits leicht ergraut, und sie sprach mit der Autorität ihrer vorgerückten Jahre. »Die meisten. Dir ist bestimmt aufgefallen, dass Myra Brooks nicht einmal die Tür aufgemacht hat.«

Es war Cora nicht aufgefallen. Sie hatte auf der anderen Straßenseite gearbeitet. »Vielleicht war sie nicht zu Hause.«

»Ich habe das Klavier gehört.« Violas Blick wanderte zu Cora. »Sie hat nicht einmal aufgehört zu spielen, als ich anklopfte. Aber ich muss zugeben, sie spielt wirklich gut.«

Im Westen zuckte ein Blitz über den Himmel, und obwohl beide Frauen zusammenfuhren, musste Cora unwillkürlich lächeln. Sie hatte diese Frühlingsgewitter schon immer gemocht. In Windeseile kamen sie auf dicken Wolkenbergen angerollt und brachten nach der Hitze des Tages eine willkommene Abkühlung. Jetzt prasselte der Regen so heftig auf die Erde, dass er grüne Blätter von der großen Eiche vor der Bibliothek riss. Die Fliederdolden schwankten im Wind hin und her.

»Findest du nicht, dass sie ein unerträglicher Snob ist?«

Cora zögerte. Sie hatte für Klatsch nicht viel übrig, aber andererseits konnte sie Myra kaum als Freundin bezeichnen. Und das, obwohl sie beide auf unzähligen Treffen der Frauenbewegung gewesen waren und gemeinsam an Aufmärschen teilgenommen hatten. Aber wenn sie Myra auf der Straße begegnete, erhielt sie nicht einmal einen flüchtigen Gruß. Trotzdem hatte sie das Gefühl, dass es weniger Snobismus als vielmehr die Tatsache war, dass Myra ihre Existenz schlicht und einfach nicht zur Kenntnis nahm, und das könnte bedeuten, dass es nichts Persönliches war. Myra Brooks sah nie jemanden an, hatte Cora festgestellt, es sei denn, sie sprach selbst, dann beobachtete sie genau, welchen Eindruck sie machte. Und natürlich schaute jeder Myra an. Sie war wahrscheinlich die schönste Frau, die Cora je gesehen hatte: helle, makellose Haut, große, dunkle Augen und dichtes, dunkles Haar. Und obwohl sie ganz sicher eine begabte Rednerin war – ihre Stimme wurde nie schrill, und ihre Aussprache war klar und akzentuiert –, wussten alle, dass vor allem Myras Aussehen sie zur perfekten Sprecherin der Frauenbewegung machte, eine Art Antidot zur herkömmlichen Meinung, wie eine Frauenrechtlerin aussah. Und man sah ihr an, dass sie intelligent und kultiviert war. Sie schien alles über Musik zu wissen, die Werke sämtlicher berühmter Komponisten zu kennen. Und sie wusste, wie man Menschen bezaubern konnte. Einmal, als sie auf dem Podium stand, hatte sie Cora direkt in die Augen gesehen und gelächelt, als seien sie gut befreundet.

»Ich kenne sie eigentlich kaum«, sagte Cora und starrte durch die beschlagene Windschutzscheibe auf die Leute, die aus der Straßenbahn stiegen und sich vor dem Regen duckten. Alan war auch mit der Straßenbahn zur Arbeit gefahren, deshalb hatte sie den Ford nehmen können.

»Dann werde ich dich aufklären. Myra Brooks ist ein unerträglicher Snob.« Mit einem kleinen Lächeln wandte Viola den Kopf zu Cora, sodass die Straußenfeder an ihrem Hut ihr Kinn streichelte. »Hier das jüngste Beispiel: Sie hat der Sekretärin unseres Clubs eine Mitteilung geschickt. Anscheinend sucht Madame Brooks jemanden, der in diesem Sommer eine ihrer Töchter nach New York begleitet. Myra stellt sich offensichtlich vor, dass eine von uns mitfährt. Für über einen Monat!« Violas Augen funkelten, und ihre Wangen röteten sich vor Zorn. »Also wirklich! Was denkt sie sich bloß? Dass wir Hilfskräfte sind? Dass eine von uns für sie das irische Kindermädchen spielt?« Sie runzelte die Stirn und schüttelte den Kopf. »Die meisten von uns haben fortschrittliche Ehemänner, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass einer von ihnen seine Frau einen Monat lang entbehren möchte, damit sie ausgerechnet nach New York fährt. Myra selbst ist zu sehr damit beschäftigt, im Haus auf der faulen Haut zu liegen oder Klavier zu spielen, um selbst mitzufahren.«

Cora presste die Lippen zusammen. New York. Sofort regte sich der alte Schmerz. »Na ja, sie hat noch andere Kinder, um die sie sich kümmern muss.«

»O ja, aber das ist nicht der Grund. Sie kümmert sich doch gar nicht um sie. Diese Kinder sind praktisch mutterlos. Die arme Louise geht immer ganz allein zur Sonntagsschule. Edward Vincent, der Lehrer, fährt sie jeden Sonntag nach der Schule nach Hause. Das habe ich von seiner Frau gehört. Myra und Leonard sind angeblich Presbyterianer, aber in der Kirche sieht man sie nie. Dafür sind sie wohl zu intellektuell. Sie sorgen auch nicht dafür, dass die anderen Kinder hingehen.«

»Es spricht für die Tochter, dass sie allein hingeht.« Cora legte den Kopf schief. »Ob ich sie wohl schon mal gesehen habe?«

»Louise? Oh, daran würdest du dich erinnern! Eine sehr auffallende Erscheinung. Ihr Haar ist schwarz wie Myras, aber ganz glatt wie bei einer Orientalin, und sie trägt einen Pagenkopf.« Viola zeigte auf die Höhe ihrer Ohrläppchen. »Kein gewöhnlicher Bubikopf. Sie hat es sich vor Jahren so schneiden lassen, als sie herzogen. Viel zu kurz und streng, ganz entsetzlich, wenn du mich fragst, und so unweiblich! Aber ich muss trotzdem sagen, dass sie ein bildhübsches Mädchen ist. Hübscher als ihre Mutter.« Sie lehnte sich in ihrem Sitz zurück und lächelte. »Und das scheint mir irgendwie nur gerecht.«

Cora versuchte, sich das schwarzhaarige Mädchen, das noch schöner als seine schöne Mutter war, vorzustellen. Mit ihrer Hand, die in einem Handschuh steckte, tastete sie im Nacken nach ihrem eigenen Haar, das dunkel, aber in keiner Weise auffallend war. Ganz glatt war es sicher nicht, aber sie hoffte, dass es, hochgesteckt unter ihrem Strohhut, annehmbar aussah. Cora wurde immer gesagt, dass sie ein nettes, liebenswertes Gesicht habe und von Glück reden könne, gesunde Zähne zu haben. Aber das ergab noch keine strahlende Schönheit. Und jetzt war sie sechsunddreißig.

»Meine Mädchen drohen auch schon, sich die Haare schneiden zu lassen«, sagte Viola mit einem Seufzer. »So ein Unfug. Diese ganze Schnipselei ist reiner Wahnsinn. Wenn es vorbei ist, können alle, die dem Trend gefolgt sind wie die Lemminge, jahrelang warten, bis ihre Haare nachgewachsen sind. Viele Leute stellen Mädchen mit Bubikopf gar nicht erst ein. Ich habe sie gewarnt, aber sie hören ja nicht auf mich. Sie lachen mich bloß aus. Und sie haben ihre eigene Sprache, einen Geheimcode für sich und ihre Freunde. Weißt du, was Ethel neulich zu mir gesagt hat? Wurp. Das ist kein richtiges Wort. Aber wenn ich ihnen das sage, lachen sie.«

»Sie wollen dich nur ärgern«, sagte Cora lächelnd. »Und ich bin sicher, dass sie sich die Haare gar nicht schneiden lassen.« Es schien tatsächlich eher unwahrscheinlich. Die Zeitschriften waren voll von kurzhaarigen Mädchen, aber in Wichita war ein Bubikopf noch eine Seltenheit. »Ich finde, manchen Mädchen steht es gut«, gestand Cora. »Kurzes Haar, meine ich. Und es muss sich viel kühler und leichter anfühlen. Denk nur, wir könnten all unsere Haarnadeln wegwerfen.«

Viola sah sie mit hochgezogenen Augenbrauen an.

»Keine Angst, ich mache es nicht.« Cora berührte wieder ihren Nacken. »Aber ich würde es vielleicht tun, wenn ich jünger wäre.«

Der Regen fiel noch stärker und prasselte laut aufs Wagendach.

Viola verschränkte die Arme. »Also, wenn sich meine Mädchen die Haare schneiden lassen, dann nicht, um Haarnadeln wegzuwerfen, das kann ich dir sagen! Sie wollen provozieren. Provozierend aussehen. Das gilt heutzutage als modern. Das ist es, was die Jugend interessant findet.« Sie klang auf einmal sehr bekümmert, eher ratlos als empört. »Ich verstehe das nicht, Cora. Ich habe meine Töchter zu anständigen Mädchen erzogen. Aber beide haben auf einmal die fixe Idee, aller Welt ihre Knie zu zeigen. Sie rollen sich die Röcke hoch, wenn sie aus dem Haus gehen, das kann ich am Taillenbund sehen. Ich weiß, dass sie sich mir widersetzen. Und ihre Strümpfe rollen sie nach unten.« Sorgenfalten bildeten sich um ihre Augen, als sie in den Regen hinausstarrte. »Ich weiß bloß nicht, warum, was in ihren kleinen Köpfen vorgeht, warum es ihnen egal ist, welche Signale sie damit aussenden. Als ich jung war, hatte ich nie das Bedürfnis, in der Öffentlichkeit die Knie zu entblößen.« Sie schüttelte den Kopf. »Die zwei machen mir mehr Sorgen als meine vier Jungs zusammen. Ich beneide dich, Cora. Du kannst von Glück reden, dass du nur Söhne hast.«

Vielleicht, dachte Cora. Sie liebte die unkompliziert männliche Art der Zwillinge, ihre robuste Gesundheit und ihr Selbstvertrauen, ihren praktischen Geschmack bei Kleidung, ihre Bereitschaft, sich nach hitzigen Debatten wieder zu versöhnen. Earle war kleiner und ruhiger als Howard, aber auch er schien alle Sorgen zu vergessen, wenn er einen Tennis- oder Baseballschläger in der Hand hielt. Sie freute sich, dass sich beide entschlossen hatten, auf einer Farm zu arbeiten, und das Leben auf dem Land und die körperliche Betätigung als eine Art Abenteuer ansahen, auch wenn sie befürchtete, dass sie sich nicht vorstellen konnten, wie viel Arbeit ihnen bevorstand. Und sie wusste, dass sie mit ihren Söhnen wirklich Glück gehabt hatte, und zwar nicht nur so, wie Viola es meinte. Die Hendersons von nebenan hatten einen Sohn, der nur vier Jahre älter als die Zwillinge war, aber diese paar Jahre machten einen entscheidenden Unterschied aus – Stuart Henderson war Anfang 1918 in Frankreich gefallen. Noch heute, vier Jahre später, konnte Cora es nicht fassen. Für sie würde Stuart Henderson immer ein schlaksiger Jugendlicher bleiben, der lächelnd auf seinem Rad vorbeifuhr und ihren Söhnen zuwinkte, die damals noch klein waren und kurze Hosen trugen. Mit Söhnen Glück zu haben schien auch eine Frage des richtigen Zeitpunkts zu sein.

Aber was Viola auch sagte – Cora war überzeugt, dass sie mit Töchtern genauso gut gefahren wäre. Sie hätte zu Mädchen ein gutes Verhältnis gehabt und genau die richtige Mischung aus Autorität und Verständnis angewandt. Vielleicht hatte Viola es irgendwie falsch angegangen.

»Ich will dir mal was sagen, Cora. Irgendetwas stimmt nicht mit dieser neuen Generation. Sie interessieren sich überhaupt nicht für Dinge, die von Belang sind. Als wir jung waren, wollten wir das Wahlrecht. Heutzutage wollen Mädchen einfach … praktisch nackt herumlaufen, damit sie angestarrt werden. Als hätten sie keinen anderen Lebensinhalt!«

Cora konnte ihrer Freundin kaum widersprechen. Es war tatsächlich schockierend, wie viel Haut die jungen Mädchen heutzutage zeigten. Und sie war weder verklemmt noch eine prüde alte Jungfer; sie war keine Wurp. Cora hatte sich gefreut, als die Rocksäume bis zu zwanzig Zentimeter nach oben wanderten. Zugegeben, ein bisschen Bein war zu sehen, aber die Veränderung schien vernünftig. Die Röcke schleiften nicht mehr durch den Dreck und schleppten Typhus oder Gott weiß was ins Haus. Und die neue Knöchellänge war wesentlich besser als die albernen engen Humpelröcke, in denen sie der Mode wegen vor nicht allzu langer Zeit herumgestakst war. Aber jetzt trugen die Mädchen Röcke, die so kurz waren, dass man bei jedem Windstoß ihre Knie sehen konnte, und dafür gab es keinen logischen Grund. Viola hatte recht: Ein Mädchen, das einen so kurzen Rock trug, wollte angestarrt werden, und zwar auf eine ganz bestimmte Weise. Cora hatte hier in Wichita sogar Frauen ihres Alters gesehen, die ihre Knie zeigten, und ihrer Meinung nach sahen diese halb nackten Matronen besonders vulgär aus.

Viola strahlte sie an. »Das ist einer der Gründe, warum ich dem Klan beitreten will.«

Cora starrte sie an. »Wie bitte?«

»Dem Klan. Ku-Klux-Klan. Letzte Woche war einer ihrer Sprecher bei uns im Club. Schade, dass du nicht da warst, Cora. Sie sind sehr daran interessiert, dass sich auch Frauen ihrer Sache anschließen und innerhalb der Vereinigung Positionen bekleiden.«

»Das glaube ich gern«, murmelte Cora. »Wir haben ja das Wahlrecht.«

»Sei nicht so zynisch! Ihre Argumente waren viel spezifischer! Sie wissen, dass wichtige Frauenfragen anstehen und dass Frauen mitkämpfen müssen.« Violas Hutfeder wippte beim Reden. »Sie sind gegen diese ganze Modernisierung, all diese Einflüsse von außen auf unsere Jugend. Natürlich sind sie auch an der Reinheit der Rasse interessiert, aber genauso viel liegt ihnen daran, junge Frauen etwas über persönliche Reinheit zu lehren. Wir müssen unsere Rasse rein erhalten, und wir müssen bei Gott Bewegung in die Sache bringen. Mein Schwager sagt, dass eine Übernahme bevorsteht, und alles wird in den Hinterzimmern des Vatikans geplant. Das ist der wahre Grund, warum Katholiken so viele Kinder haben, während man bei uns ein, höchstens zwei bekommt …«

Viola brach ab. Cora brauchte einen Moment, bis sie begriff, warum ihre Freundin auf einmal verlegen wirkte.

»Tut mir leid«, sagte Viola. »Ich habe nicht dich gemeint. Deine Situation ist anders.«

Cora winkte ab. Die Zwillinge waren alles, was sie hatte. Sie und Viola sagten eine Weile nichts, und nur das Prasseln des Regens war zu hören.

»Wie auch immer«, fuhr Viola schließlich fort, »ich glaube, es würde den Mädchen guttun, Umgang mit aufrechten, moralischen Menschen zu haben.«

Cora, die auf einmal das Gefühl hatte, keine Luft mehr zu bekommen, schluckte. Sie trug jetzt schon seit so vielen Jahren tagein, tagaus ein Korsett, dass sie es kaum noch als unangenehm empfand. Aber in Augenblicken wie diesem wurde ihr bewusst, wie eingeengt ihr Brustkorb war. Sie musste ihre Worte sorgfältig wählen, um nicht den Eindruck zu erwecken, sie wäre persönlich betroffen.

»Ich weiß nicht«, meinte sie betont beiläufig. »Also wirklich, Viola! Der Klan? Leute in weißen Umhängen und Kapuzen mit gruseligen Sehschlitzen?« Sie flatterte mit den Händen. »Und sie haben Hexenmeister und Große Hexenmeister und Freudenfeuer.« Noch während sie lächelte, spähte sie verstohlen in Violas kleine blaue Augen und analysierte, was sie in ihnen sah. Sie musste ihre Möglichkeiten abwägen, den aussichtsreichsten Weg zum Erfolg. Viola war älter, aber Cora war reicher. Das könnte sie sich zunutze machen.

»Es wirkt einfach ein bisschen … gewöhnlich.« Sie zuckte entschuldigend mit den Achseln.

Viola legte den Kopf zur Seite. »Aber viele Leute sind –«

»Eben.« Wieder lächelte Cora. Sie hatte genau das richtige Wort gefunden. Es war, als würden sie zusammen einen Einkaufsbummel im Innes Department Store machen, und Cora hätte sich abfällig über ein hässliches Porzellan geäußert. Sie wusste schon jetzt mit Gewissheit, dass Viola es sich noch einmal überlegen würde.

Als der Regen nachließ, stiegen sie aus und trugen die Kartons hinein, die Pfützen vorsichtig umgehend. Als sie drinnen auf die Bibliothekarin warteten, plauderten sie über andere Dinge, blätterten in einer brandneuen Ausgabe von Alice im Wunderland und lächelten über die Illustrationen.

Nachdem sie im Lassen Hotel Tee getrunken hatten, fuhr Cora ihre Freundin nach Hause.

Wenn Cora viele Jahre später von dieser Heimfahrt mit Viola erzählte, verlor sie jedes Mal kurzfristig die Achtung einer ihrer Großnichten, die sie sehr gernhatte. Diese Großnichte, die nebenbei mit siebzehn ihr Haar viel länger trug, als ihrer Mutter recht war, war todunglücklich, weil sie im Jahr 1961 noch nicht alt genug war, um sich den Freedom Riders in den Südstaaten anzuschließen. Sie tadelte Cora häufig, weil sie das Wort »Farbige« verwendete, hatte aber im Allgemeinen mit ihr mehr Geduld als mit ihren Eltern, weil ihr klar war, dass Cora kein schlechter Mensch, sondern nur eine alte Frau mit einem antiquierten Wortschatz war.

Aber diese Geduld wurde auf die Probe gestellt, als sie von Viola hörte. Coras Großnichte konnte nicht verstehen, warum ihre Großtante mit einer Frau befreundet blieb, die auch nur mit dem Gedanken gespielt hatte, in den Klan einzutreten. Wusste sie nicht, was diese Leute anderen antaten? Die Großnichte starrte Cora fassungslos und mit Tränen in den Augen an. Hatte sie von deren feigen Verbrechen geahnt? Den Morden an unschuldigen Menschen?

Ja, erwiderte Cora darauf, aber letzten Endes war Viola dann doch nicht dem Klan beigetreten. Nur weil sie ein Snob war, konterte ihre Großnichte, nicht weil der Klan abstoßend ist. Es waren andere Zeiten, konnte Cora dann nur zur Verteidigung ihrer alten Freundin vorbringen, die zu diesem Zeitpunkt schon längst tot war. (Krebs. Sie fing an zu rauchen, als ihre Töchter diese Gewohnheit annahmen.) An jenem Regentag im Sommer 1922, versuchte Cora es weiter. 1922 hatte der Klan allein im Stadtbereich sechstausend Mitglieder – und damals hatte Wichita nicht mehr als insgesamt achtzigtausend Einwohner. Es war für die Zeit nicht ungewöhnlich. Der Klan war mächtig und fand in vielen Städten Zulauf. Waren die Leute früher einfältiger? Bösartiger? Vielleicht, räumte Cora ein. Aber es war borniert, davon auszugehen, dass man sich, wenn man in dieser Zeit gelebt hätte, nicht derselben Ignoranz schuldig gemacht hätte. Cora selbst war nur aufgrund ihrer besonderen Umstände diesem speziellen Schwachsinn entkommen. Andere Irrtümer hatten sich länger gehalten.

Auch heute gibt es noch genug Dummheit, sagte die Großnichte, und ich erkenne sie, wenn ich sie sehe. Stimmt, gab Cora zu, und deshalb bin ich stolz auf dich. Aber vielleicht gibt es noch ganz andere Dinge, von denen du nicht einmal etwas weißt. Verstehst du, was ich damit sagen will? Liebes? Für jemanden, der in der Nähe der Schlachthöfe aufwächst, riecht die Luft dort ganz normal. Du weißt nicht, was jemand, der jünger ist als du, eines Tages über dich denken wird und welchen Gestank wir immer noch einatmen, ohne es wahrzunehmen. Hör auf mich, Liebes. Bitte. Ich bin inzwischen alt, und das gehört zu den Dingen, die ich gelernt habe.

Nachdem sie Viola abgesetzt hatte, fuhr Cora ins Stadtzentrum zurück und parkte direkt vor Alans Büro auf der Douglas Street. Niemand schaute sich nach ihr um, als sie aus dem Auto stieg. Erst vor zwei Jahren war eines der meistdiskutierten Ereignisse der jährlichen Wheat Show die Parade der Damen am Steuer gewesen. Schon damals hatten die Organisatoren keine Mühe gehabt, fast zwanzig Frauen zu finden, die darauf brannten, ihr Können hinter dem Lenkrad zu demonstrieren. Cora hatte den fünften Wagen in der Reihe gelenkt, neben sich einen stolzen Alan.

Sie musste sich gegen die große Tür zu seinem Büro stemmen, um sie aufzudrücken, und als es ihr schließlich gelang, sah und spürte sie, warum. Das große Fenster im Vorzimmer stand offen, um die regenkühle Brise hereinzulassen, und ein großer elektrischer Ventilator war direkt auf sie gerichtet. Links von ihr saßen zwei junge Mädchen, die sie nicht kannte, und tippten. Alans Sekretärin stand hinter einem anderen Schreibtisch und bemühte sich, mit beiden Händen die Kurbel der Vervielfältigungsmaschine zu drehen. Als sie Cora bemerkte, hielt sie inne.

»Oh, Mrs. Carlisle! Wie schön, Sie zu sehen!«

Cora fiel auf, dass das Tippen aufhörte und die beiden Schreibkräfte aufblickten, um sie gründlich zu mustern. Es überraschte sie nicht. Alan war ein gut aussehender Mann. Cora lächelte die Mädchen an. Beide waren jung, und eine war hübsch. Keine von ihnen stellte eine Bedrohung dar.

»Ich sage ihm gleich, dass Sie hier sind«, sagte die Sekretärin, die eine tintenfleckige Schürze über ihrem Kleid trug.

»Nein, nein.« Cora warf einen Blick auf ihre Uhr. »Stören Sie ihn bitte nicht. Es ist gleich fünf. Ich warte einfach.«

Aber in diesem Moment ging die Tür zu Alans Büro auf. Er steckte seinen Kopf ins Vorzimmer und lächelte. »Liebling! Dachte ich mir doch, dass ich deine Stimme gehört habe. Was für eine schöne Überraschung!«

Schon kam er mit ausgebreiteten Armen auf sie zu, groß und schlank und in der Tat eine stattliche Erscheinung in seinem Anzug mit Weste. Er war zwölf Jahre älter als Cora, aber sein hellbraunes Haar war noch voll und dicht. Sie spähte lange genug zu den Schreibkräften, um zu bemerken, dass deren volle Aufmerksamkeit auf ihr ruhte, als wäre sie die Heldin in einem Stummfilm. Als Alan sich vorbeugte, um sie auf die Wange zu küssen, nahm sie leichten Zigarrenduft wahr. Cora glaubte zu hören, wie jemand einen Seufzer ausstieß.

»Du bist nass«, stellte er ein wenig tadelnd fest und strich mit zwei Fingern über ihre Hutkrempe.

»Gerade nieselt es nur, aber es kann jeden Moment wieder losgehen«, erwiderte sie leise. »Ich bin vorbeigekommen, um dich zu fragen, ob ich dich im Auto mitnehmen soll. Ich wollte nicht stören.«

Es sei keine Störung, versicherte er ihr. Er machte sie mit den beiden Schreibkräften bekannt und lobte ihre Tüchtigkeit, während er sie schon mit einer Hand auf ihrer Taille sanft in Richtung Büro schob. Es seien ein paar Leute da, die er ihr gern vorstellen würde, sagte er, neue Klienten von der Öl-und Gasgesellschaft. Drei Männer erhoben sich, als sie eintrat, und Cora grüßte sie alle höflich und versuchte, sich ihre Gesichter und Namen einzuprägen. Sie seien erfreut, sie kennenzulernen, sagte einer von ihnen; ihr Mann habe in den höchsten Tönen von ihr gesprochen. Cora gab sich überrascht, und ihr Lächeln war so gut einstudiert, dass es echt wirkte.

Und dann war es fünf und Zeit zu gehen. Alan schüttelte Hände, setzte seinen Hut auf, nahm seinen Schirm aus dem Ständer und entschuldigte sich im Scherz für seinen übereilten Aufbruch. Die Männer lächelten ihn und Cora an. Einer schlug ein Treffen vor. Seine Frau könne Cora anrufen, um sich zu erkundigen, an welchem Abend es passen würde. »Das wäre sehr schön«, sagte sie.

Als sie nach draußen kamen, regnete es wieder stärker. Alan bot ihr an, den Wagen zu holen und direkt vor dem Eingang zu warten, aber sie sagte, es sei in Ordnung, wenn sie sich den Schirm teilen könnten. Eng aneinandergeschmiegt und mit gesenkten Köpfen liefen sie zusammen zum Wagen. Er hielt ihr die Tür auf, reichte ihr seinen Arm, als sie einstieg, und hielt ihr den Schirm über den Kopf, bis sie wohlbehalten auf dem Beifahrersitz saß.

Im Wagen gingen sie durchaus liebevoll miteinander um, obwohl die Stimmung zwischen ihnen immer anders war, wenn sie allein waren. Sie erzählte ihm von der Bibliothek und der Kinderabteilung, und er gratulierte ihr zu ihrer guten Tat. Sie gestand, dass sie den Großteil des Tages nicht zu Hause gewesen war. Sie könne etwas Suppe zum Abendessen aufwärmen, und, da sie auf dem Markt eingekauft hatte, einen guten Salat machen, und Brot sei auch da. Eine leichte Mahlzeit wäre für ihn in Ordnung, meinte er. Es sei nicht mehr dasselbe, sich jetzt ohne die Jungs zu einem großen Essen an den Tisch zu setzen, aber daran sollten sie sich lieber gewöhnen. Außerdem, fügte er hinzu, könnten sie später ins Kino gehen. Cora stimmte erfreut zu. Alan war der einzige Ehemann, den sie kannte, der sich alles mit ihr anschaute und sogar den Film Der Scheich durchgehalten hatte, ohne über Valentino die Augen zu verdrehen. In dieser Hinsicht hatte sie Glück. Sie hatte in vielerlei Hinsicht Glück.

Dennoch räusperte sie sich. »Alan, kennst du Leonard Brooks?«

Sie wartete auf sein Nicken, obwohl sie die Antwort bereits kannte. Alan kannte alle anderen Anwälte in der Stadt.

»Nun, seine älteste Tochter ist an einer Tanzschule in New York aufgenommen worden«, sagte sie. »Ihm und seiner Frau wäre es lieb, wenn eine verheiratete Frau sie begleiten könnte. Für den Monat Juli und einen Teil vom August.« Sie presste die Lippen zusammen. »Ich denke, ich mache es.«

Sie warf ihm einen kurzen Blick zu und sah seinen überraschten Gesichtsausdruck, bevor sie aus dem Seitenfenster schaute. Sie waren fast zu Hause und fuhren durch baumgesäumte Straßen, vorbei an den hübschen Häusern und gepflegten Vorgärten ihrer Nachbarn. Es gab viel, was sie in ihrer Abwesenheit versäumen würde: Clubabende und Teegesellschaften und das Sommerpicknick in den Flint Hills. Wahrscheinlich würde sie auch die Geburt des vierten Kinds einer Freundin verpassen, was ärgerlich war, da sie als Taufpatin vorgesehen war. Sie würde ihre Freunde und Bekannten vermissen und natürlich Alan. Und diese vertrauten Straßen. Aber ihre Welt würde es immer noch geben, wenn sie zurückkam, und es war eine einmalige Chance für sie.

Alan sagte nichts, bis er vor dem Haus stehen blieb. Als er sprach, war seine Stimme ruhig, behutsam. »Wann hast du dich dazu entschlossen?«

»Heute.« Sie zog einen Handschuh aus und fuhr mit einer Fingerspitze über das Glas, um die Spur eines Regentropfens nachzuzeichnen. »Keine Sorge, ich komme zurück. Es ist nur ein kleines Abenteuer. Wie für die Zwillinge ihre Arbeit auf der Farm. Bevor sie aufs College gehen, bin ich wieder da.«

Sie betrachtete das Haus, das sogar im Regen schön war, wenn auch viel zu groß für sie beide. Es war ein Haus, das für eine große Familie gebaut – und gekauft – worden war, aber nach Lage der Dinge hatten sie den zweiten Stock nie für etwas anderes als ein Spielzimmer und später als Stauraum genutzt. Aber obwohl die Zwillinge nun ausgezogen waren, wollten weder sie noch Alan es verkaufen. Sie liebten beide die ruhige Nachbarschaft, und sie liebten das Haus, das mit seiner Veranda und dem Ecktürmchen von der Straße her so majestätisch aussah. Sie redeten sich ein, dass es für die Zwillinge schön wäre, an einen vertrauten Ort zurückzukommen. Sie hatten ihre Zimmer unverändert gelassen, damit sie in den Ferien und im Sommer umso lieber nach Hause kommen würden; die Betten waren gemacht, und in den Regalen standen ihre alten Bücher.

»New York City?«, fragte Alan.

Sie nickte.

»Gibt es einen besonderen Grund, warum du dorthin willst?«

Sie wandte sich zu ihm um und betrachtete seine warmen Augen, das glatt rasierte Kinn mit dem Grübchen. Sie war noch ein junges Mädchen gewesen, als sie sein Gesicht zum ersten Mal sah. Seit neunzehn Jahren lebten sie zusammen. Er kannte den besonderen Grund.

»Ich könnte ein bisschen recherchieren«, sagte sie.

»Hältst du das für eine gute Idee?«

»Ich kann Della fragen, ob sie morgens früher kommen oder nachmittags länger bleiben kann. Oder beides.« Sie lächelte. »Du nimmst bestimmt zu. Sie kocht viel besser als ich.«

»Cora.« Er schüttelte den Kopf. »Das beantwortet meine Frage nicht.«

Sie drehte sich um und legte ihre Hand auf die Tür. Das war das Ende der Diskussion. Ihr Entschluss stand fest.

2

Die Brooks wohnten in der North Topeka Street, nahe genug bei Coras Haus, dass der Weg normalerweise nicht einmal eine Viertelstunde dauerte. Doch Cora brauchte wesentlich länger, weil sie seit Langem die Angewohnheit hatte, jedes Mal, wenn sie ein Auto vorbeifahren hörte, ihren Schirm zu heben, um nachzuschauen, ob es vielleicht jemand war, den sie kannte. Wenn eine Freundin oder ein Bekannter von Alan so nett war, stehen zu bleiben, um sie zu fragen, ob sie mitfahren wolle, oder eine Bemerkung über das Wetter zu machen, blieb sie gern für einen kurzen Plausch stehen. Sie schätzte das freundliche Miteinander, ganz besonders in dieser Kleinstadt, die ihr nach all den Jahren immer noch so groß erschien. An diesem Morgen jedoch lehnte sie alle Angebote mitzufahren ab und erwähnte lediglich, dass sie eine Freundin besuchen wollte.

Sie erreichte pünktlich ihr Ziel, weil sie früh genug aufgebrochen war, um sich Zeit lassen zu können, und es war Punkt elf, als das Haus der Brooks in Sichtweite kam. Obwohl es in einem matten Grau gestrichen war, war es kaum zu übersehen. In einem Block mit großen Häusern war es bei Weitem das größte: dreistöckig und so weitläufig, dass es fast zu mächtig für die durchschnittliche Größe des Grundstücks wirkte. Alle Vorderfenster standen offen, um die Morgenbrise hereinzulassen – bis auf eines, dessen Rahmen einen tiefen Sprung aufwies und möglicherweise zu beschädigt war, um geöffnet zu werden. Der Rasen war frisch gemäht, und mehrere Fliederbüsche, die noch blühten, rahmten die schattige Kalksteinveranda ein. Als Cora die Stufen hinaufstieg, umkreiste eine Hummel sie zweimal, ehe sie das Interesse verlor und davonbrummte.

Myra öffnete mit einem Lächeln auf den Lippen die Tür, und wieder einmal überraschte es Cora, wie klein ihre Gastgeberin im Grunde war. Cora erreichte knapp Durchschnittsgröße und war es nicht gewohnt, auf andere erwachsene Frauen herunterzuschauen, aber Myra überragte sie um mindestens zehn Zentimeter. Wenn sie an Myra dachte, sah sie keine kleine Frau vor sich – sie wirkte ganz und gar nicht klein, wenn sie auf einem Podium stand, und sie hatte die volle, tiefe Stimme einer größeren Frau. Und trotz ihrer zierlichen Gestalt hatte Cora nie gehört, dass jemand Myra als »süß« oder »entzückend« oder auch nur »hübsch« bezeichnete. Sie wurde »schön« oder »faszinierend« oder »reizvoll« genannt. Heute wirkte sogar Myras blasser Hals lang über der weißen Seidenbluse mit Bubikragen, und ihr schmaler, eng taillierter Rock, der knapp über ihren Knöcheln endete, streckte ihre Figur. Eine dunkle Haarsträhne, die sich aus ihrem Nackenknoten gelöst hatte, hing ihr fast bis auf die Schulter.

»Cora. Wie schön, Sie zu sehen.« Ihre Stimme war weich, melodiös und beinahe überzeugend. Am Telefon hatte sie so getan, als wüsste sie, wer Cora war. Jetzt hielt sie Coras freie Hand und nahm ihr mit der anderen den Sonnenschirm ab. »Sie sind zu Fuß gegangen? Bei der Hitze? Sehr beeindruckend. Ich schmelze förmlich bei dieser Sonne.«

»Es ist ja nicht weit«, sagte Cora, obwohl sie fühlte, dass ihr Rücken feucht von Schweiß war. Sie fischte ein Taschentuch aus ihrer Handtasche und tupfte ihre Stirn ab. Myra, die bei näherem Hinsehen selbst ein wenig derangiert aussah, wartete. Die Perlknöpfe ihrer Bluse waren falsch geknöpft, sodass oben ein Knopfloch und unten ein Knopf übrig war.

»Kommen Sie doch herein. Ich hole uns Limonade. Oder vielleicht lieber Tee? Und entschuldigen Sie bitte, wie es hier aussieht.« Sie schüttelte den Kopf. »Unser Mädchen kommt normalerweise um neun, aber aus irgendeinem Grund hat sie sich heute noch nicht blicken lassen. Und natürlich hat sie kein Telefon.« Sie warf die Hände in die Luft und seufzte. »Da bleibt einem nichts anderes übrig, als zu warten.«

Cora nickte mitfühlend, obwohl sie selbst immer versuchte, im Haus aufzuräumen, bevor Della kam; sie wollte nicht, dass sie einen schlechten Eindruck hinterließ und Della zu Hause erzählte, was für eine Schlampe ihre weiße Dienstgeberin war. Als sie Myra in den Salon folgte, zeigte sich, dass ihre Gastgeberin nicht von derartigen Sorgen belastet wurde. Das Zimmer selbst war hübsch, geräumig, hell und luftig, und durch die zwei großen Fenster wehte eine frische Brise herein. Aber überall lag Zeug herum. Auf dem Boden fanden sich ohne erkennbares Muster ein Löffel, eine Füllfeder, ein Federballschläger, ein Schuhlöffel und eine nackte Puppe, der eines ihrer blauen Augen fehlte, weiterhin neben einem aufgeschlagenen Exemplar von Candide ein Paar schmutzige Socken, die nicht ganz von dem hübschen, mit Brokat bezogenen Sofa verdeckt wurden. Cora gab vor, die Socken nicht zu bemerken, und versuchte, durch den Mund zu atmen. Trotz der offenen Fenster hing der unverkennbare Geruch von verbranntem Brot in der Luft.

Myra seufzte. »Ich war heute den ganzen Vormittag oben und habe gearbeitet. Ich halte nächste Woche einen Vortrag über Wagner.« Sie bückte sich, um den Löffel, die Puppe und den Schläger aufzuheben. »Die Kinder machen mich noch wahnsinnig. Eigentlich dürfen sie sich gar nicht im Salon aufhalten. Es ist mir wirklich peinlich. Ich bin gleich wieder da. Tee? Sie wollten doch Tee, nicht wahr? Oder Limonade?«

Cora antwortete nicht sofort. Sie hatte Perfektion erwartet, Zimmer, die so schön wie Myra selbst waren. »Limonade, bitte.«

Myra verschwand durch eine Schiebetür, die sie fest hinter sich zuzog. Cora blieb, wo sie war, und überlegte, ob sie die schmutzigen Socken unter das Sofa kicken sollte. Nach kurzem Zögern tat sie es, um sich dann, zufrieden mit dem Resultat, noch einmal in dem Zimmer umzuschauen. Überall lagen Bücher herum, stellte sie fest. Auf der Fensterbank ruhte Latein einfach gemacht, aus dem ein zerfranstes grünes Leseband hing und im Wind flatterte. Ein weiterer Stapel Bücher befand sich auf dem Mitteltisch. Sie trat näher und warf einen Blick auf die Titel. Goethes Gedichte. An Artist in Corfu. Die Abenteuer des Sherlock Holmes. Die Entstehung der Arten. Unter einem kleinen Schemel verbargen sich Die gesammelten Werke von Shakespeare.

Das Trappeln von Füßen auf einer knarrenden Treppe war zu hören, und kurz darauf kam ein lockiges Mädchen von ungefähr sieben Jahren herein und löffelte etwas, das nach Schokoladenkuvertüre aussah, aus einer Teetasse. Die Schokolade klebte an ihren hellen Wangen, ihrem Hemd und ihrer Nasenspitze. Sie erschrak, als sie Cora sah.

»Hallo«, sagte Cora mit ihrer freundlichsten Stimme. »Ich bin Mrs. Carlisle. Ich bin eine Freundin deiner Mutter und warte hier nur auf sie.«

Das Mädchen schluckte noch einen Löffel voll Schokolade. »Wo ist sie?«

Cora deutete mit dem Kopf auf die geschlossene Schiebetür. »Da drin, glaube ich.«

Die Tür wurde aufgeschoben, und Myra glitt mit einem Glas Limonade in jeder Hand in den Salon. Ihr Lächeln verblasste, als sie das Mädchen sah.

»Liebling, was isst du denn da?« Ihre Stimme blieb leise und sanft, aber sie reichte Cora beide Gläser, damit sie dem Mädchen Löffel und Tasse wegnehmen konnte. Nach einem kurzen Blick in die Tasse runzelte Myra die Stirn. »June, das ist kein anständiges Mittagessen. Das muss ich dir ja wohl nicht erst sagen. Geh ins Badezimmer und wasch dir die Hände, und dann suchst du Theo.«

»Er spielt gegen sich selbst Badminton«, sagte das Mädchen. »Er hat gesagt, dass er keinen Partner will.«

»Unsinn. Ich habe den anderen Schläger gerade hier gefunden, wo er gar nicht sein sollte, und jetzt liegt er bei der Hintertür. Wenn du dich gewaschen hast, holst du ihn und gehst nach draußen zu Theo. Das wäre alles.«

Damit drehte sich Myra, jetzt wieder lächelnd, zu Cora um und nahm ihr ein Glas Limonade ab. Cora stellte fest, dass ihre Bluse mittlerweile korrekt geknöpft war.

»Ich bin ganz beeindruckt von all den Büchern«, sagte Cora, während sie darauf achtete, beim Hinsetzen nicht den Shakespeare unter ihren Sessel zu treten.

»Oh.« Myra verdrehte die Augen. »Die Kinder lassen sie überall herumliegen. Wegen Leonards Gesetzesbüchern können wir sie nicht in der Bibliothek aufbewahren. Auf der Seite sinkt das Haus buchstäblich ein, weil es so viele sind. Und sie sind schwer.« Sie bemerkte Coras Lächeln und schüttelte den Kopf. »Nein, im Ernst. Das Fundament hat sich fünfunddreißig Zentimeter gesenkt. Deshalb verziehen sich auch die Fenster. Aber er kann sich von keinem einzigen Buch trennen.«

Cora überlegte, ob sie als Beweis für ihr weibliches Verständnis nicht irgendeine kleine Beschwerde über Alan machen konnte, aber ihr fiel einfach nichts ein. Auch Alan besaß viele Gesetzesbücher, aber falls unter ihrem Gewicht jemals die Fundamente ihres Hauses ins Wanken geraten sollten, würde er sich sicher von einigen trennen.

Sie sahen einander an. Cora fand, dass Myra den Anfang machen sollte. »Ein schönes Mädchen«, bemerkte sie dann aber und deutete mit dem Kopf auf die Schiebetür, durch die June verschwunden war.

»Danke. Warten Sie, bis Sie Louise gesehen haben.«

Cora starrte ihre Gastgeberin an.

Myra zuckte mit den Achseln. »Sie kennen sie noch nicht, nehme ich an. Tut mir leid. Ich will ganz offen sein. Das muss ich wohl angesichts der … Mission, zu der Sie sich bereiterklärt haben.« Sie musterte Cora skeptisch. »Sie sollten wissen, dass Sie auf ein Mädchen aufpassen müssen, das nicht nur auffallend hübsch, sondern noch dazu sehr eigenwillig ist.«

Cora geriet ein wenig aus der Fassung. Anscheinend war kein klärendes Gespräch nötig. Myra hatte bereits entschieden, dass Cora eine geeignete Aufsichtsperson war. Cora hatte Freude und sogar Dankbarkeit erwartet, aber auch, dass Myra ihr zuerst ein paar Fragen stellen würde.

»Ich habe schon gehört, dass sie sehr hübsch ist«, sagte Cora.

»Was haben Sie sonst noch gehört?«

Cora setzte sich kerzengerade auf.

»Oh! Ich meine nichts Skandalöses!« Myra beugte sich vor und tätschelte beruhigend Coras Arm. Für eine so zierliche Erscheinung hatte sie große Hände, mit langen, schmalen Fingern. »Ich wollte Sie nicht erschrecken. Aber ich … ich nehme an, dass Sie viele Freunde in der Stadt haben.« Sie lehnte sich zurück und überkreuzte die Knöchel. »Ich frage mich, ob Sie zum Beispiel mit Alice Campbell gesprochen haben.«

Cora schüttelte den Kopf. Die Limonade war viel zu sauer. Es kostete sie Mühe, nicht den Mund zu verziehen.

»Ach so. Na schön. Alice Campbell unterrichtet im Wichita College of Music Tanz und Sprechtechnik.« Myra sprach die letzten Worte aus, als wäre die Vorstellung lachhaft, ein Witz an und für sich. »Louise hat einige Jahre bei ihr studiert. Sie sind gewissermaßen aneinandergeraten. Mrs. Campbell fand sie …« – sie sah aus einem der großen Fenster, als suche sie nach den richtigen Worten – »… verzogen, unbeherrscht und unverschämt. Und noch einiges mehr, soweit ich mich entsinne. Wie auch immer, sie hat Louise aus all ihren Klassen entlassen.«

Cora runzelte die Stirn. Sie wollte nach New York fahren, das stand fest. Wenn sie jetzt einen Rückzieher machte, schaffte sie es vielleicht nie. Aber diese Informationen trübten die Erwartungen, die sie hatte.

»Ich würde nicht sagen, dass diese Eigenschaften bei Louise nicht vorhanden sind«, fuhr Myra fort und stellte ihr Glas auf den Tisch. »Zumindest zeitweise.« Sie lächelte. »Ich kann wohl mit Fug und Recht behaupten, dass ich besser als jeder andere weiß, wie schwierig sie sein kann. Aber ich weiß auch, dass Louise, so viel sie anderen auch abverlangt, am meisten von sich selbst verlangt.« Sie machte eine wegwerfende Handbewegung. »Sie hat das Temperament einer Künstlerin. Und ehrlich gesagt, sie ist schon jetzt weit begabter, als Mrs. Campbell es je sein wird, und das seit einiger Zeit. Sie erkannte es, als sie noch zur Schule ging. Das ist im Grunde das wahre Problem.«

Im Stockwerk über ihnen fiel etwas Schweres auf den Fußboden. Eine männliche Stimme rief: »Idiot!« Coras Blick wanderte zur Decke. Myra schien nichts zu hören.

»Wollen Sie damit sagen, dass sie … unfolgsam sein wird?«, fragte Cora.

»Nein. Ganz im Gegenteil. Ich kann Ihre Ängste beschwichtigen. Sehen Sie, bei allem Temperament, das Louise hat, werden Sie es mit ihr viel leichter haben als jeder andere, einschließlich mir selbst. Sie sind Ihre Fahrkarte nach New York, und das weiß sie. Und wenn Sie erst einmal dort sind, haben Sie immer noch großen Einfluss auf sie, denn wenn Sie beschließen, nach Hause zu fahren, muss sie mitkommen. Das hat ihr Vater ihr unmissverständlich deutlich gemacht.«

Irgendwo über ihnen splitterte Glas, gefolgt von einem weiblichen, aber gutturalen Aufschrei. Wieder schaute Cora zur Decke und dann in das unbewegte Gesicht ihrer Gastgeberin.

»Bei Ihnen«, fuhr Myra fort, »sollte unser kleiner Löwe also lammfromm sein. Louise weiß, wie sehr ich mich bemüht habe, ihrem Vater die Erlaubnis für diese Reise abzuringen, und sie wird nichts tun, um das Ergebnis zu gefährden. Bei Ted Shawn und Ruth St. Denis zu studieren ist eine ungeheure Gelegenheit für sie. Sie sind mit Denishawn vertraut?«

Die Frage wurde so beiläufig gestellt, als ob sich eine Antwort erübrigte. Cora hätte beinahe genickt, bevor ihr einfiel, dass sie ehrlich sein sollte. Sie schüttelte den Kopf.

Myra schien überrascht. »Sie kennen die Denishawn Dance Company nicht?«

Wieder schüttelte Cora den Kopf.

»Hm. Es ist das innovativste Tanzensemble in den Vereinigten Staaten. Haben Sie die Vorstellung nicht gesehen, als sie im letzten November hier aufgetreten sind? Im Crawford?«

Cora, die jetzt leicht verunsichert war, schüttelte erneut den Kopf. Sie konnte sich vage an Anschläge erinnern, auf denen ein Tanzensemble angekündigt wurde, aber weder sie noch Alan hatten Interesse gehabt. Myra sah sie mit leicht gerunzelter Stirn an. Offensichtlich war gerade ein Urteil gefällt worden.

»Dann ist Ihnen etwas entgangen. Ted Shawn und Martha Graham hatten die Hauptrollen, und sie waren sensationell. Das war nicht der Mist, den wir Hinterwäldler normalerweise serviert bekommen.« Wieder runzelte sie die Stirn und schaute aus dem Fenster. »Denishawn zeigt modernen Tanz, der wirklich modern und künstlerisch ist. Die Choreografie basiert zum Teil, aber nicht ganz auf Isadora Duncan. Diese Leute sind wirklich innovativ. Und sie sind die Besten.« Sie machte eine Pause und betrachtete ihre Hände. »Ich freue mich so sehr für Louise.«

Cora hörte das unverkennbare Klatschen eines Schlages und dann einen Schrei, der ebenso gut von einem männlichen wie weiblichen Beteiligten stammen konnte. Sie räusperte sich und zeigte an die Decke. »Sollten wir nicht … nachsehen, was los ist?«

Myra folgte ihrem Blick. »Nicht nötig«, murmelte sie und strich ihren Rock glatt. »Sie kommt zu uns, da können Sie ganz sicher sein.«

Prompt waren auf der Treppe Schritte zu hören, noch schneller und leichter als die von June. »MUTTER!«

Myra antwortete nicht.

»MUTTER!«

»Wir sind hier, Liebling!«, rief Myra. »Im Salon. Und benehmen uns gesittet.«

Ein Mädchen erschien in der Tür. Sie presste eine Hand an ihre linke Schulter, und in ihren dunklen Augen schimmerten Tränen. Cora zweifelte nicht daran, dass sie Louise vor sich hatte. Selbst in Tränen aufgelöst und mit geschwollenen Augen war sie umwerfend schön. Sie war klein und zierlich wie ihre Mutter und hatte ihre helle Haut, das herzförmige Gesicht, die dunklen Augen und Haare. Aber ihre Kinnpartie war fester, und ihre Wangen waren immer noch kindlich gerundet wie bei der kleinen June. Eingerahmt wurde all das von tiefschwarzem Haar, glatt und glänzend und knapp unter die Ohren reichend, dessen Spitzen auf beiden Seiten nach vorn wippten, als wollten sie einen Bogen über den vollen Lippen bilden. Ein dichter Pony endete abrupt über den Augenbrauen. Viola hatte recht. Bei aller Ähnlichkeit mit ihrer Mutter sah dieses Mädchen aus wie niemand sonst.

»Martin hat mich geschlagen«, sagte sie.

»Geschlagen?«, fragte Myra. »Oder dir einen Klaps gegeben? Nach all den Jahren des Zusammenlebens mit euch kann ich den Unterschied erkennen, sogar ein Stockwerk weiter unten.«

»Jetzt ist eine Stelle da!« Louise hob den Ärmel ihres cremefarbenen Kleides und gab den Blick auf einen Hautfleck frei, der nicht nur rot war, sondern oben bläulich zu schimmern begann. Cora schnappte nach Luft. Louise sah kurz zu ihr.

»Er ist größer als ich. Er ist älter. Und er war in meinem Zimmer und hat mein Tagebuch gelesen! Wie kannst du ihm eine solche Gemeinheit durchgehen lassen?« Sie zeigte auf ihren Arm. »Und Brutalität!«

Myra, die sich über die dramatischen Worte ihrer Tochter zu amüsieren schien, lächelte leicht. Aber Cora hielt beide Fragen für gerechtfertigt. Das Mädchen hatte einen hässlichen Bluterguss auf dem Arm. Wenn dieser Martin älter als Louise war, musste er ungefähr im Alter der Zwillinge sein, und sie konnte sich nicht vorstellen, dass Howard oder Earle ein jüngeres Mädchen oder überhaupt ein Mädchen schlagen würden. So etwas würden sie einfach nie tun. Und selbst wenn einer von ihnen die Beherrschung verlor und so etwas machte, würde er sich deswegen vor Cora und auch Alan verantworten müssen, die einen derartigen Vorfall wesentlich ernster nehmen würden als die lächelnde Frau, die ihr gegenübersaß.

»Die Gemeinheit und Brutalität deines Bruders sind bald nicht mehr dein Problem«, sagte Myra und unterdrückte ein Gähnen. »Und dank dieser Dame hier kannst du dein kostbares Tagebuch in New York in Sicherheit bringen. Louise, ich möchte dir Cora Carlisle vorstellen.«

Das Mädchen sah Cora an. Sie sagte nichts, aber ihr Gesichtsausdruck war eine eigenartige Mischung aus Widerwillen und Gönnerhaftigkeit. Cora konnte sich nicht vorstellen, was an ihr derartige Gefühle hervorrief. Sie hatte darauf geachtet, sich für diesen Besuch sorgfältig zu kleiden, und trug ein schlichtes, aber modisches Kleid und sogar eine lange Perlenkette. Sie war mit Sicherheit genauso elegant angezogen wie Myra. Aber die Verachtung in den Augen des Mädchens war nicht zu übersehen. Diesen Ausdruck hatte ein Kind, wenn es den Broccoli ansah, den es vor dem Dessert aufessen musste, oder das Zimmer, das vor dem Spielen aufgeräumt werden musste. Es war ein Blick voller Ablehnung, der durch die Jugend und Schönheit des Mädchens, ihre helle Haut und ihren Schmollmund noch eindringlicher wirkte. Cora spürte, dass sie errötete. Sie war seit Jahren nicht mehr Gegenstand einer derartigen Überheblichkeit gewesen.

Sie stand rasch auf und streckte ihre Hand aus. »Hallo«, sagte sie lächelnd und sah dem Mädchen direkt in die Augen. Der Größenunterschied würde hilfreich sein, dachte sie bei sich. »Wie schön, dich kennenzulernen. Ich hoffe, dass eine wundervolle Reise vor uns liegt.«

»Sehr erfreut«, murmelte das Mädchen, das nicht halb so gut lügen konnte wie seine Mutter. Sie erwiderte Coras Händedruck mit schlaffem Griff und presste ihre Hand wieder an ihren verletzten Arm.

»Das mit deinem Arm tut mir leid. Sieht schlimm aus.«

Es war nur die Wahrheit, aber sie sagte es freundlich, und es war, als hätte sie einen unsichtbaren Schlüssel gedreht. Die schönen Augen füllten sich erneut mit Tränen und schienen Cora noch einmal zu betrachten.

»Danke«, sagte sie. »Es tut wirklich weh.«

»Sie hat noch nie von Denishawn gehört«, bemerkte Myra, die immer noch saß und ihre Tochter erwartungsvoll anlächelte. Cora spürte, wie sich erste Anzeichen einer heftigen Abneigung in ihr regten.

»Wirklich nicht?« Auch Louise wirkte fassungslos.

»Nein«, sagte Cora. Sie hoffte, wenn sie dabei blieb, würden die anderen vielleicht nicht mehr fragen.

Das Mädchen und seine Mutter wechselten einen Blick. Sie starrten Cora aus den gleichen dunklen Augen an und sahen sich auf einmal ähnlicher als vorher.

»Warum wollen Sie dann dorthin?«, fragte Myra freundlich, obwohl ihr Lächeln frostig wirkte. »Was zieht Sie nach New York?«

Cora schluckte. Mit dieser Frage hätte sie rechnen und sich eine Antwort zurechtlegen sollen. Vage Assoziationen mit New York City gingen ihr durch den Kopf: die Freiheitsstatue. Einwanderer. Alkoholschmuggler. Mietskasernen. Der Broadway.

»Ich liebe gutes Theater«, sagte sie.

Louise schnappte nach Luft. Ihr Lächeln ähnelte in nichts dem ihrer Mutter – ihre Freude war genauso aufrichtig wie ihre Verachtung zuvor. »Toll! Dann sind Sie ja gar nicht so schlimm!«

Cora wusste nicht recht, was sie davon halten sollte.

»Ich finde, Bühnenschauspiel ist der Wahnsinn! Ich möchte alle Broadway-Shows sehen.«

Cora nickte liebenswürdig. Gegen Theater hatte sie nichts.

Myra legte den Kopf zur Seite. »Komisch. Ich glaube, ich habe Sie hier in der Stadt noch nie bei einer Aufführung gesehen.«

Cora überlegte fieberhaft, welches Stück sie sich in den letzten fünf Jahren angesehen hatte. Nichts. Sie ging lieber ins Kino, wo man die Gesichter der Schauspieler in Großaufnahme sah. Die Texte zu lesen störte sie nicht.

»Sie hat nicht gesagt, dass sie die hiesigen Theater mag, Mutter.« Louise wandte sich wieder an Cora. »Sie meinen Bühnen mit Qualität, nicht wahr? Das kann ich Ihnen nicht verdenken. Die Theaterszene hier ist grauenhaft, und dasselbe gilt für Tanz. Ich kann es kaum erwarten, eine richtig gute Aufführung zu sehen.«

»Ich auch nicht«, sagte Cora. Sie und Louise lächelten einander an. Warum nicht; der Broadway würde ihr sicher gefallen, dachte Cora bei sich.

»Louise, mein Liebes«, sagte Myra, obwohl ihr Blick auf Cora ruhte, »es freut mich wirklich, dass ihr zwei euch so gut versteht. Aber Mrs. Carlisle und ich haben noch einiges zu besprechen.«

Louise sah erst ihre Mutter, dann Cora an, als hoffte sie zu erraten, worum es in diesem Gespräch genau gehen würde. Da keine von beiden eine Miene verzog, zuckte sie mit den Achseln und wandte sich zum Gehen. Als sie am Mitteltisch vorbeiging, griff sie sich das oberste Buch vom Stapel, ohne auf den Titel zu achten. Dann sah sie noch einmal über die Schulter zurück. »Bis Juli«, rief sie, winkte mit der Hand, in der sie das Buch hielt, und zwinkerte Cora fast unmerklich zu.

Myra informierte sie über die Details: Sie und Louise würden in einem Apartmenthaus in der Nähe des Riverside Drive wohnen, das von Denishawn empfohlen worden war. Leonard hatte bereits die Fahrkarten gekauft und die Wohnung im Voraus bezahlt – obwohl es vermutlich besser wäre, Louise in dem Glauben zu lassen, dass er die Miete wöchentlich zahlte, wie sie hinzufügte. Cora sollte das Geld für die anfallenden Ausgaben verwalten; Leonard würde ihr bei der Abfahrt eine Summe geben, die mindestens die Unkosten einer Woche deckte, und ihr den Rest telegrafisch überweisen. Ihre Mittel waren nicht unbegrenzt, aber sie brauchte nicht übertrieben sparsam zu sein; Myra und ihr Mann wollten, dass Louise New York oder zumindest einen Teil der Stadt kennenlernte. Museen. Theater. Restaurants. Jede vernünftige Zerstreuung war erwünscht.

Während Cora zuhörte und dabei Myra beobachtete, wurde sie ein wenig milder gestimmt. Vielleicht verbarg sich hinter dem versnobten Getue wegen des Denishawn-Ensembles Eifersucht oder schlicht und ergreifend mütterliche Sorge. Vielleicht wünschte Myra, sie selbst könnte Louise begleiten. Es war bestimmt nicht leicht, die Tochter mit einer flüchtigen Bekannten auf die Reise zu schicken. Und Myra hatte immerhin daran gedacht, für eine Begleitung zu sorgen. Offensichtlich war ihr am Wohl ihrer Tochter gelegen. Vielleicht war sie einfach nur ein wenig beunruhigt, wie es jede Mutter gewesen wäre.

Als es Zeit war zu gehen und sie und Myra einander im dunklen Eingangsbereich gegenüberstanden, nahm Cora ihren Mut zusammen. »Ich wollte Ihnen noch danken«, sagte sie zu Myra, wobei sie sich leicht krümmte, um sich nicht so groß vorzukommen, »dass Sie mir von dieser Lehrerin, mit der Louise nicht zurechtkam, erzählt haben. Aber auf mich macht Ihre Tochter wirklich den Eindruck einer sehr netten jungen Frau. Ich habe gehört, dass sie sogar in meiner Kirche den Gottesdienst besucht.«

»Das war einmal«, antwortete Myra knapp.

»Oh. Nun, wie auch immer, ich wollte Ihnen sagen, dass Sie sich wegen der Reise keine Sorgen machen müssen. Ich weiß, ich habe von Theaterbesuchen geredet, aber ich versichere Ihnen, dass ich meine Pflicht sehr ernst nehmen werde. Ich bin überzeugt, dass Louise ein liebes Mädchen ist, aber ich werde gut auf sie aufpassen.«

Myra zog die Augenbrauen hoch und lächelte, als hätte Cora etwas Witziges gesagt. »Leonard hat auf einer Begleitperson bestanden«, sagte sie, während sie die Tür öffnete und Licht und Wärme ins Haus ließ. Sie schirmte ihre Augen mit ihrer Handfläche ab, aber ihr Lächeln blieb unverändert. »Sie zu engagieren war seine Idee. Ich will bloß, dass sie fährt.«

3

Die Union Station war vielleicht das imposanteste Gebäude in Wichita. Der Bahnhof war noch relativ neu, erst ein paar Jahre vor dem Krieg erbaut. An der Vorderfront mit dem Haupteingang befanden sich gut sieben Meter hohe Spitzbogenfenster, die von Granitsäulen flankiert wurden. Drinnen herrschte ein allgemeiner Eindruck von Weite und Großzügigkeit, und an diesem schönen Julimorgen fielen breite Streifen Sonnenlicht auf den Marmorboden. Leute, die ihre Fahrkarten und Koffer in den Händen hielten, marschierten zielstrebig durch Licht und Schatten, und ihre Schritte und Stimmen hallten in der weitläufigen Bahnhofshalle wider. Cora und Alan saßen mit Leonard Brooks auf einer der Holzbänke. Die hochlehnige Bank ähnelte einer Kirchenbank und fühlte sich auch so an. Cora saß kerzengerade auf ihrem Platz und warf gelegentlich einen Blick auf die große Wanduhr. Louise war vor zwanzig Minuten verschwunden, um die Damentoilette aufzusuchen.

»Ihr nehmt bis Chicago den Santa-Fe-Express«, sagte Alan, der Coras Fahrkarte studierte. »Dort habt ihr zwei Stunden Zeit zum Umsteigen, was mehr als genug ist. Hoffentlich findet ihr euren Anschlusszug trotzdem gleich.« Er warf ihr einen bedeutungsschweren Blick zu und wischte sich mit seinem Taschentuch die Stirn ab. »Der Bahnhof in Chicago kann ziemlich überwältigend sein.«

Cora, die Hände krampfhaft im Schoß verschränkt, nickte kurz. Sie war siebzehn gewesen, als sie zum ersten Mal, buchstäblich direkt von der Farm, nach Wichita kam und ihr Zug in den alten Bahnhof einfuhr, der so viel kleiner und weniger prunkvoll als der jetzige gewesen war. Aber damals hatte sie der Anblick all der Leute und des lauten Treibens, der eleganten Frauen in ihren eng taillierten Röcken und Stehkragenblusen gleichzeitig fasziniert und verstört. Noch heute war Wichita für sie eine Großstadt. Alan, der hier aufgewachsen war, nahm die vielen Menschen und die Hektik als gegeben hin, und er besuchte überall im Land Tagungen. Und jetzt erzählte er ihr, dass selbst er manchmal von Chicagos Bahnhof überwältigt war, den sie morgen in aller Frühe erreichen würde, um von dort mit ihrer jungen Schutzbefohlenen im Schlepptau in einen anderen Zug umzusteigen und in eine noch viel größere Stadt zu fahren.

»Den Anschlusszug schafft ihr aber nur, wenn euer Zug pünktlich eintrifft.« Leonard Brooks lehnte sich zurück und zog eine Taschenuhr hervor. »Der Streik könnte den ganzen Sommer andauern. Harding sollte einschreiten.«

Er war relativ klein, aber er hatte Persönlichkeit. Seine Augen waren eher schwarz als braun, seine Haare so dunkel wie die von Myra und Louise, und obwohl er nicht viel größer als die beiden war, vermittelte er den Eindruck, mindestens von durchschnittlicher Statur zu sein. Er hatte eine lange, spitze Nase und die Angewohnheit, auf eine Weise ins Nichts zu starren, als wäre er tief in Gedanken versunken. Laut Alan war Leonard Brooks ein sehr kluger Kopf und hatte gute Chancen, ins Richteramt berufen zu werden. Er schien von seiner Arbeit besessen zu sein. Gleich nachdem er mit Louise an seiner Seite und einem Koffer in jeder Hand in den Bahnhof gestürmt war, hatte er versucht, sich mit Alan über einen Gerichtsentscheid zur Grundsteuer zu unterhalten. Erst nachdem Alan sich betont geräuspert und einen vielsagenden Blick auf Cora geworfen hatte, schien Mr. Brooks sich daran zu erinnern, dass er sich im Moment mit ihr zu befassen hatte. Sowie er sich darauf besonnen hatte, war er ausgesprochen höflich und sagte Cora, wie froh Myra und er seien, dass sie sich um Louise kümmern würde. Aber jetzt war er beim Thema Streik gelandet und redete endlos dahin, obwohl seine Tochter, die immer noch nicht wieder aufgetaucht war, sehr bald zum ersten Mal eine lange Reise antreten und ihr Elternhaus verlassen würde.

»Eine interessante Debatte«, sagte er und sah dabei Alan an. »Die Arbeiter haben das Recht zu streiken, aber die Menschen haben ein Recht auf zuverlässige Transportverbindungen, scheint mir.«

»Ich schaue mal nach Louise«, sagte Cora so unbekümmert wie möglich. Sie wollte nicht den Eindruck erwecken, dass sie, noch bevor sie in den Zug gestiegen waren, wegen des Mädchens nervös war. Aber allmählich machte sie sich Sorgen. Cora war selbst gerade von der Damentoilette zurückgekommen, als Louise verkündete, auch hingehen zu wollen. Als Cora nun mit leise klickenden Absätzen über den Marmorboden eilte, kam ihr der Gedanke, dass das Mädchen absichtlich allein gegangen war.

Dieser Verdacht schien sich zu bestätigen, als sie bei einem Schuhputzer um die Ecke bog und Louise entdeckte. Das Mädchen lehnte an der Wand und trank Coca-Cola direkt aus der Flasche. Ein hochgewachsener Junge in flottem Mantel und Kappe stand neben ihr und stützte sich mit einem Arm an der Wand ab, um Louise zu betrachten, ein Anblick, den er sichtlich genoss.

»Louise! Da bist du ja!«

Beide sahen auf. Louise nahm seufzend den Strohhalm aus dem Mund. Der Junge war, wie Cora jetzt bemerkte, eher ein junger Mann, vielleicht Ende zwanzig, mit blonden Bartstoppeln am Kinn. Grenzenlose Enttäuschung zeigte sich in seinen hellen Augen, als er Cora näher begutachtete.

Cora sah Louise an. »Ich hatte Angst, dass du dich vielleicht verirrt hast«, sagte sie. Schon im nächsten Moment bereute sie die offenkundige Lüge.

Louise nickte. Ohne den Mann noch eines Blickes zu würdigen, ging sie rasch auf Cora zu. Sie trug ein wadenlanges elfenbeinfarbenes Kleid mit großem Bubikragen, keinen Hut und sehr hohe Absätze, so hoch, dass ihr Kopf fast auf einer Höhe mit Coras war. Sie lächelte, aber ihre Augen fixierten Coras Gesicht und versuchten unverkennbar, darin zu lesen. »Willst du mir Ärger machen?«, schien sie zu fragen. »Gleich von Anfang an? Obwohl wir so gut zurechtkommen könnten?«

»Er ist bloß ein alter Schulfreund.«

Cora erwiderte nichts darauf. Die Erklärung wirkte wesentlich wahrscheinlicher als die Möglichkeit, dass Louise es innerhalb einer halben Stunde geschafft hatte, einen wildfremden Mann, vielleicht von außerhalb, kennenzulernen und sich von ihm auf eine Cola einladen zu lassen. Aber ob es wirklich stimmte, ließ sich unmöglich feststellen, und es schien unklug, einen Streit zu beginnen, den sie nicht gewinnen konnte.

»Wir sollten lieber zurückgehen«, sagte Cora freundlich. »Wir steigen bald ein.«

»Möchten Sie einen Schluck?« Louise hielt ihr die Flasche hin.

Cora schüttelte den Kopf. Wenn sie erst einmal in New York waren, hatte sich die Frage alter Bekannter erledigt, und sie würde in einer besseren Position sein, um Louise zu erklären, welche Risiken – für ihre Person und ihren Ruf – es barg, sich von einem Fremden einladen zu lassen. Sie war noch ein Kind, rief Cora sich in Erinnerung. Mutterlos, hatte Viola gesagt. Wahrscheinlich sehnte sie sich nach Rückhalt. Immerhin war das Mädchen aus eigenem Antrieb zur Sonntagsschule gegangen. Sie brauchte einfach Aufmerksamkeit und Belehrung. Und sowie sie im Zug saßen, würde Cora sie mit beidem versorgen.

Sie verabschiedete sich auf dem Bahnsteig von Alan. Die Sonne blendete zu stark, als dass sie zu ihm hätte aufblicken können, deshalb sah sie auf ihre Hände, die in seinen lagen. Sie waren schon früher voneinander getrennt gewesen. Als die Jungs klein waren, war sie mit ihnen zu seiner Schwester und ihren Kindern nach Lawrence gefahren, während Alan in Wichita blieb und arbeitete. Aber sie war noch nie einen ganzen Monat weg gewesen. Und noch nie so weit entfernt.

»Das Gepäck ist aufgegeben«, sagte er. »Es sollte am Abend eurer Ankunft abgeliefert werden. Sag mir auf jeden Fall Bescheid, falls du etwas brauchst.« Er sprach leise, vielleicht weil er nicht wollte, dass Leonard Brooks auf den Gedanken kam, er hätte irgendetwas übersehen. »Auf jeden Fall«, wiederholte er. »Was es auch ist.«

Sie nickte und hielt ihm, als sie spürte, dass sein Gesicht nach unten wanderte, ihre Wange für einen Kuss hin. Über seine Schulter hinweg sah sie, dass Louise unverfroren zuschaute, eine Hand zum Schutz gegen die Sonne unter ihre glatten Stirnfransen gelegt. Ihre Blicke kreuzten sich, und die Augen des Mädchens wurden schmal. Cora wandte den Blick ab.

»Und du machst schön, was Mrs. Carlisle sagt«, ermahnte Leonard Brooks seine Tochter, sprach aber laut genug, um auch von Cora und Alan gehört zu werden. Er wippte auf den Zehen und hakte seine Daumen in seine Hosenträger. Mit ihren hohen Absätzen war seine Tochter größer als er. »Ich verlasse mich darauf, ausschließlich Berichte über deine harte Arbeit und dein gutes Benehmen zu bekommen.«

Louise neigte den Kopf und sah auf ihn hinunter, ihre kleine Reisetasche mit beiden Händen hinter ihrem Rücken haltend. »Ganz bestimmt, Dad. Ich verspreche es.« Sie sah so jung aus, fand Cora, so mädchenhaft. Aber nur manchmal. Und es schien, als beherrschte sie diesen Trick auf Kommando.

Ihr Vater wischte sich über die Stirn und spähte an ihr vorbei zum wartenden Zug. »Angesichts dessen, was diese Schule kostet, erwarte ich, dass du die beste Tänzerin in Wichita bist, wenn du zurückkommst.«

Cora und Alan lächelten. Aber Louise sah ihren Vater bloß an und blinzelte. Einen Moment lang schien es ihr die Sprache verschlagen zu haben; ihr Schmollmund wurde noch betonter, und fast wirkte sie verletzt. Sie alterte vor Coras Augen, und auch ihr Blick war der einer Erwachsenen, als sie ihr Kinn senkte.

»Sei nicht albern. Das bin ich jetzt schon.«

Sie milderte die Worte, soweit es überhaupt möglich war, mit der Andeutung eines Lächelns. Zu Coras Überraschung schien sich Leonard Brooks über die Überheblichkeit seiner Tochter nur zu amüsieren. Entweder das, oder er hatte keine Lust, eine dringend erforderliche Rüge auszusprechen. Cora hätte sich an seiner Stelle eine derartige Unhöflichkeit nicht bieten lassen. Aber sie war nicht an seiner Stelle. Noch nicht.

Schon in wenigen Jahren würde Cora mehr Verständnis für Louises Ärger über die Ignoranz ihres Vaters haben. Die beste Tänzerin in Wichita zu sein war keineswegs ihr größter Ehrgeiz. Schon in wenigen Jahren würde man in Zeitschriften über sie lesen, über ihre Filme, ihr zügelloses Privatleben. Sie würde über zweitausend Fanbriefe pro Woche bekommen, und überall im Land würden Frauen versuchen, ihre Frisur zu kopieren. Noch vor dem Ende des Jahrzehnts würde sie auf zwei Kontinenten eine Berühmtheit sein. Wenn Leonard Brooks dann seine älteste Tochter tanzen und tändeln sehen wollte, würde er wie jeder andere Karten fürs Kino kaufen und sie auf der Leinwand bewundern müssen.

Im Zug hatten sie ihren eigenen offenen Bereich mit zwei gegenüberliegenden Doppelsitzen. Vor den Fenstern hingen Vorhänge aus demselben rotbraunen Samt wie die Sesselbezüge, und über jedem Sitz befand sich eine kleine Leselampe. Da bis Chicago keine Schlafplätze benötigt wurden, gab es zwischen den einzelnen Sitzbereichen keine Trennwände. Normalerweise mochte Cora die offenen Großraumabteile, aber auf dieser speziellen Fahrt war es ihr weniger angenehm. Noch bevor sie aus dem Bahnhof fuhren, fragte sie ein Mann auf der anderen Seite des Mittelgangs, der in Coras Alter sein musste, ob er ihnen dabei behilflich sein könnte, das Fenster zu öffnen. Dieses Angebot hatte er, wie Cora bemerkte, nicht den beiden älteren Frauen gemacht, die direkt hinter ihm saßen – er sprach direkt Louise an. Cora antwortete rasch an ihrer Stelle, dass sie es ihn wissen lassen würde, wenn sie Hilfe bräuchten. Ihr Ton war höflich, aber bestimmt, und ihre eigentliche Botschaft war unmissverständlich: Sie war der Hüter des Schatzes.

Falls Louise Anstoß an Coras ablehnender Haltung nahm, ließ sie es sich nicht anmerken. Das Strahlen auf ihrem Gesicht war nicht zu übersehen und schien niemandem im Besonderen zu gelten. Wo sie auch hinschaute – an die Decke, zu den anderen Fahrgästen oder auf die Douglas Avenue –, ihre Freude war unverkennbar und, wie es schien, so privat, als wäre sie allein. Sie sprach nicht mit Cora, aber als das Stampfen und Schnauben der Maschine zu hören war, lächelte sie, trommelte im Takt mit den Fingern auf ihren Schoß und wippte mit den Zehen. Als schließlich die Pfeife schrillte und der Zug sich in Bewegung setzte, lehnte sie sich zurück, schloss die Augen und stieß einen tiefen Seufzer aus.

»Es ist aufregend«, bemerkte Cora. Die Jungs hatten Zugfahrten geliebt, als sie klein waren, und auch später noch, als sie älter wurden. Beide hatten immer unbedingt am Fenster sitzen wollen, um die Dampfschwaden zu sehen, und jahrelang, wie es ihr schien, hatte sie auf jeder Fahrt den Schaffner gefragt, ob die zwei die Lok besichtigen durften.

»Das kann man wohl sagen!« Louise belohnte sie mit einem hinreißenden Lächeln, bevor sie wieder aus dem Fenster schaute. Cora atmete Zigarettenrauch und den Duft von Talkumpuder ein. Schräg gegenüber schrie ein Baby in den Armen seiner Mutter. Die Mutter versuchte, es mit gurrenden Lauten und Küssen zu beruhigen, und sah ihre Nachbarn, als sich ihre Bemühungen als vergeblich erwiesen, entschuldigend an. Cora fing ihren Blick auf und lächelte.

»Lebe wohl, Wichita!« Louise winkte der Douglas Avenue und dem unablässigen Strom dunkler Autos, die unter der Eisenbahnunterführung verschwanden, zu. »Ich wünschte, ich könnte sagen, dass ich dich vermissen werde! Aber das glaube ich kaum.«

Cora war im Begriff, ihre Hand auf den Arm des Mädchens zu legen. Mit Sicherheit stammten einige der anderen Fahrgäste aus Wichita und hatten ihr Zuhause noch nicht vergessen. Es war nicht nötig, sie vor den Kopf zu stoßen. Aber eine Ermahnung erübrigte sich, da Louise fertig mit Abschiednehmen war. Selbst als sie an den Straßen ihrer Kindheit vorbeirollten, an den quadratischen Ziegelbauten und Einfamilienhäusern, den Parks und den Kirchen, zeigte sie keinerlei Interesse. Stattdessen öffnete sie ihre Tasche und holte ihre Reiselektüre heraus, auf die Cora einen raschen, verstohlenen Blick warf: Die Juliausgabe von Harper’s Bazaar, die Juniausgabe von Vanity Fair und ein Buch mit dem Titel Die Philosophie Arthur Schopenhauers. Noch bevor sie die Stadt hinter sich ließen und gepflasterte Straßen Kieswegen und Feldern wichen, schien Louise tief in das Buch versunken. Gelegentlich legte sie es aufgeschlagen in ihren Schoß und griff nach ihrem Füller, um etwas mit blauer Tinte zu unterstreichen oder die Seiten zu markieren. Aber meistens stand das Buch in seinem nüchternen braunen Einband wie ein Wall vor ihrem Gesicht.

Auch gut, dachte Cora. Ihretwegen musste das Mädchen nicht höfliche Konversation machen. Sie hatte sich ebenfalls Lesestoff mitgebracht, den sie jetzt aus ihrer Tasche nahm. Vielleicht lagen in ihrem Salon nicht alle möglichen Bücher herum, aber auch sie wusste gute Literatur zu schätzen. Für diese Reise hatte sie das Ladies’ Home Journal und den neuen Roman von Edith Wharton mitgenommen. Normalerweise hätte sie vielleicht ihrer geheimen Schwäche für Temple Bailey nachgegeben, eine Autorin, bei der man sich darauf verlassen konnte, dass tapfere Heldinnen dick geschminkte Vamps in die Schranken verwiesen und auf Abwege geratene Ehemänner auf den Pfad der Tugend zurückführten. Aber da sie wusste, dass auf dieser Fahrt jeder Titel dem kritischen Blick des Mädchens standhalten musste und ohne Zweifel Myra gemeldet werden würde, war Cora in die Buchhandlung gegangen und hatte Zeit der Unschuld gekauft, das vor Kurzem, obwohl es von einer Frau verfasst worden war, den Pulitzer-Preis gewonnen hatte und deshalb über den Tadel selbst ärgster Snobs erhaben sein sollte. Außerdem spielte es in New York City, zwar im vergangenen Jahrhundert, aber Cora fand es trotzdem interessant, über die Stadt, die sie besuchten, zu lesen und sich vorzustellen, wie die Personen von einst durch dieselben Straßen gingen, die sie bald selbst betreten würden. Bisher gefiel ihr die Geschichte. Vor allem die historischen Details waren faszinierend, all die Kutschen und langen Gewänder. Während der Zug durch offenes Ackerland fuhr und es durch die höher steigende Sonne allmählich warm im Abteil wurde, blätterte Cora fröhlich weiter und fühlte sich klug und gebildet.

»Was lesen Sie da?«

Sie blickte auf. Louise, deren Buch im Schoß lag, starrte sie an. Ihr schwarzes Haar war selbst in der Hitze spiegelglatt.

»Nur das.« Cora schob einen Finger zwischen die Seiten und zeigte dem Mädchen den Einband. Der Himmel war heller geworden. Sie rückte ihre Hutkrempe zurecht.

»Ach so.« Louise rümpfte die Nase. »Das habe ich schon gelesen. Mutter auch.«

»Hat es dir nicht gefallen?«, fragte Cora, obwohl die Antwort am Gesichtsausdruck des Mädchens zu erkennen war. Die einzige Frage bestand darin, ob Louise und Myra einer Meinung gewesen waren. Vermutlich, dachte Cora.

»Haus der Freude war besser. Aber historische Romane langweilen mich meistens.« Die Stimme des Mädchens klang entschuldigend, nur eine Spur, aber genug, um Cora zu ärgern. »Es geht so furchtbar steif zu. All diese albernen Regeln und das Getue, wer zu welcher Party eingeladen wird und wer mit wem gesehen wird.« Sie griff in ihre Tasche und holte ein Päckchen Kaugummi heraus. »Es ist einfach nervend und verlogen. Ich konnte nichts damit anfangen.«

»Es hat den Pulitzer-Preis gewonnen.«

»Und dieser Held – wenn man ihn so nennen kann. Er entpuppt sich als so erbärmlich, so feige.« Sie steckte sich einen Kaugummi in den Mund und bot Cora auch einen an. Cora lehnte ab. »Er verliebt sich in Gräfin Olenska, die einzige authentische Frau in dem Buch. Aber sie kommt nicht infrage, weil sie geschieden ist. So ein Schwachsinn! Und dann heiratet er diese dämliche May Welland und hält sich deshalb noch für edel. Was für ein Idiot! Er hat sein Elend verdient. Aber ich weiß nicht, ob er ein Buch verdient hat.«

Cora starrte auf ihr Buch. Verliebt in Gräfin Olenska? Eine geschiedene Frau? Das hatte Cora nicht erwartet. Dass er sie begehrte, eventuell. Vielleicht hatte das Mädchen das Ganze missverstanden. Vielleicht kannte sie den Unterschied nicht.

»Oh.« Louise, jetzt wieder ganz Kind, hielt sich die Hand vor den Mund. »Habe ich es Ihnen jetzt verdorben? Tut mir leid.«

»Keineswegs«, sagte Cora. »Ich lese es wegen der Sprache, nicht wegen der Handlung.« Sie hatte einmal gehört, wie jemand das sagte, und jetzt schien eine gute Gelegenheit, den Satz anzubringen. Sie schaute aus dem Fenster, sodass sie das schwarze Haar des Mädchens nur noch aus dem Augenwinkel sah. Die Prärie sah heiß und windstill aus. Eine Herde Angus-Rinder stand knietief in einem schlammigen Teich, die meisten in den Schatten einer einzelnen Weide gedrängt. Wahrscheinlich würde der Zug an der alten Farm vorbeifahren, nicht direkt, aber in der Nähe. Sie erinnerte sich, wie sie früher in völliger Dunkelheit im Bett gelegen und den schrillen Pfiffen der Lokomotive gelauscht hatte.

»Ihr Mann sieht gut aus.«

Cora blickte überrascht auf. »Oh. Ja. Danke.«

»Wie alt ist er?«

»Wie bitte?«

»Wie alt ist er?«

»Achtundvierzig.«

»Viel älter als Sie.«

»Nicht so viel älter«, sagte Cora, die nicht wusste, ob das ein Kompliment an sie war.

»Mein Vater ist fast zwanzig Jahre älter als meine Mutter. Er ist so alt wie ihr Vater.«

»Oh.« Cora lächelte. »Nun, das ist nicht ungewöhnlich. Es sind häufig gute Ehen, wenn der Mann älter ist.«

Das Mädchen starrte Cora an, als hätte sie eine Lebensweisheit ausgesprochen, die sich der allgemeinen Kenntnis entzog.

»Alles in Ordnung, meine Liebe?«

Louise nickte, und eine schwarze Strähne strich über ihre Wange. »Ja.«

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