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Das Schloss der verlorenen Träume

Über die Autorin

Eve de Castro, geboren 1961, ist Roman- und Drehbuchautorin. Bevor sie sich ganz dem Schreiben widmete, studierte sie in Paris internationales Recht und Geschichte. Ihre Romane wurden in Frankreich mit mehreren Preisen ausgezeichnet.

EVE DE CASTRO

Das Schloss der
verlorenen Träume

HISTORISCHER ROMAN

Aus dem Französischen von
Ulrike Werner-Richter

Mit Personenverzeichnis
am Ende des Romans

BASTEI ENTERTAINMENT

VON HINTEN SIEHT der Mann nicht sonderlich beeindruckend aus. Er ist von kleiner Statur, und seine Gestalt wirkt fast so zierlich wie die eines jungen Mädchens. Die mausgraue Weste aus dickem, aber verschlissenem Stoff ist gut geschnitten, die schiefergrauen Strümpfe sind geflickt. Seine Füße stecken in ausgetretenen, alten Schuhen, die ihm viel zu groß sind und die er daher mit frischem Stroh ausgestopft hat. Der Mann, der vom Fenster seines Zimmers in den Hof hinunterblickt, nennt sich Ange Lacarpe. Niemand weiß, ob das sein richtiger Name ist, aber die Leute im Dorf sind sich einig, dass er nicht nur jedermann gegenüber eine Engelsgeduld an den Tag legt, sondern auch sehr wenig redet. Er kümmert sich um kranke Kinder, um die ganz kleinen und um die größeren, und, wenn es nötig ist, auch schon einmal um deren Eltern, denn die Zeiten sind hart. Zu ihm kommen Knaben und Matronen, Junge und Alte und sogar die Ärmsten der Armen, die nichts als ihre Verzweiflung haben und deren Tränen niemandem nützen.

Ange Lacarpe kann sie nicht immer heilen, doch zumindest verschafft er ihnen Erleichterung.

Der Einzige, dem er nie hatte helfen können, war der Herr. Der Gebieter, der im Schloss lebte.

Der Schlossherr, der letzte Nacht gestorben ist.

Die Glocken der Abtei läuten seit dem frühen Morgen, und die Dorfbewohner zerschneiden schwarze Tücher, um sie an die Fenster zu hängen. Ihre Trauer zeigen sie nicht etwa um des Toten willen, der kein achtbarer Mann war, sondern aus Mitgefühl für seinen Sohn, der das schwere Schicksal nicht verdient hat, welches das Leben für ihn bereithielt.

Er ist der neue Gebieter.

Der Mann, der sich Ange Lacarpe nennt, kennt den neuen Herrn gut. Er kennt ihn so gut, dass er ihn »mein Kind« oder gar »Charles« nennen darf, eine Freiheit, die sich nicht einmal seine Amme, die alte Fermat, gestattet. Zwischen dem Kinderheiler und diesem Sohn, der längst ein junger Mann ist, besteht eine sehr enge Bindung, die von den Dorfbewohnern bewundert wird und um die sie die beiden manchmal ein bisschen beneiden.

Der Herr, der vergangene Nacht gestorben ist, war auf dieses innige Band immer eifersüchtig gewesen. Vor allem, als sein Ende nahte.

Der Mann in Grau öffnet sein Fenster. Es bewegt sich nur schwer, weil das Holz durch die Feuchtigkeit aufgequollen ist. Man müsste es abschleifen und streichen, doch dazu bleibt Ange Lacarpe keine Zeit mehr.

Die Luft ist lau und mild. Ein Abend, rosa wie eine Morgendämmerung.

Der Mann setzt seine ebenfalls graue Perücke ab, fährt sich durch die kurzen, dichten Haare, atmet tief ein und schließt die Augen.

Seit nunmehr dreizehn Jahren hat er auf diese Morgendämmerung gewartet.

Unter dem Fenster steht eine Reisetruhe. Sie ist aus Eichenholz, nicht sehr groß und mit komplizierten Eisenbeschlägen ausgestattet. Ange Lacarpe beugt die Knie, zieht einen Schlüssel aus der Tasche, öffnet die Schlösser und hebt den Deckel.

Der Inhalt der Truhe hat nicht gelitten – oder nur ein kleines bisschen. Er bewegt die zwischen mehrere Lagen Seide gebetteten Päckchen, entfernt hier und da ein wenig Staub und lässt die Truhe offen, um die Spitzen zu lüften.

Nachdem der junge Gebieter gegangen ist, hat Lacarpe die Tür abgeschlossen und zwei neue Federn zugeschnitten. Niemand wird ihn hier überraschen. Die hereinbrechende Nacht gehört ihm.

Er fährt sich mit den Händen über das Gesicht, träufelt etwas Weingeist auf ein Tuch und streicht sich damit über Stirn und Wangen. Für das, was er jetzt tun wird, müssen Seele und Gesicht rein sein.

Die Zeit ist reif.

ZU HÄNDEN VON CHARLES, COMTE DE CHOLAY,

VOR DEM ZUBETTGEHEN UND DER EINNAHME

SEINER TROPFEN ZU LESEN.

Monsieur,

seit dreizehn Jahren begegnet Ihr mir jeden Tag und habt mich doch nie wirklich gesehen. Es ist Euch zur lieben Gewohnheit geworden, mich rufen zu lassen, und Ihr behauptet, mich zu schätzen, zu kennen und sogar zu lieben. Ich sehe Euch an und lächele, weil ich mir das Weinen untersagt habe.

Ihr seid Euer selbst sehr sicher, dass Ihr Euch meiner so sicher zu sein glaubt.

Und doch gibt es ebenso viele Möglichkeiten, die Wahrheit zu verschleiern, wie es verschiedene Lebensweisen gibt. Unter der Maske einer Ehrlichkeit, die ich nicht leugne, habe ich Euch bei jedem unserer Zusammentreffen angelogen. Noch heute Morgen, als ich Euch sagte, ich käme am nächsten Tag zurück, log ich Euch an. Beinahe hätte ich mich verraten, als Ihr Euch auf der Schwelle umdrehtet und zu mir sagtet: »Ich weiß nicht, was aus mir würde, wenn auch Ihr mich verließet.« Ich zitterte, weil ich Euch nicht um Verzeihung bitten konnte, und schwieg, damit Ihr mich als Erster verlassen konntet. Denn genau so sollte es geschehen, das hatte ich mir geschworen. Und jetzt bleibt mir keine andere Wahl mehr, als meinen Weg bis zum Ende zu gehen.

Ihr werdet lernen müssen, ohne mich zu leben, Charles. Ja, ich gehe. Ich gehe weit fort. Und für lange Zeit. Da ich Euch nicht mitnehmen kann, bleibt mir nur die Hoffnung, dass Ihr mir eines Tages folgt. Eure Umgebung und Eure Vernunft werden Euch davon abzubringen versuchen, doch ich vertraue Euch. Die Keimlinge, die ich in Eure Seele gesät habe, werden eines Tages erblühen, und die Verbindung zwischen uns gehört nicht zu jenen, die mit zunehmender Entfernung schwinden. Ihr werdet mich verfluchen, aber eines Tages werdet Ihr zu mir zurückfinden. Zeit, Verlust und Schmerz sind überwindbar, das weiß ich besser als jeder andere. Die Worte, die ich Euch hinterlasse, werden Euch zu mir führen.

Folgt meiner Stimme.

Der Ort, an den ich Euch geleiten möchte, ist nicht innerhalb einer Stunde zu erreichen, und den Weg, der mich so oft in die Irre geführt hat, werdet auch Ihr nicht unbeschadet gehen. Lasst meine Hand nicht los, schreit nur, wenn Euch niemand hören kann, und verbrennt diese Blätter erst, wenn Ihr die letzte Seite gelesen habt. Ich bereue keine meiner Taten, und ich schäme mich nicht für die Dinge, die ich ertragen musste. Dass ich Euch meine seltsame Lebensgeschichte nun nicht mehr verberge, verleiht dem Schicksal, zu dem mich der König von Frankreich gezwungen hat, endlich einen Sinn.

Lasst Euch viel Brennholz bringen, gebt Eurem Kammerdiener frei, und macht es Euch bequem. In dieser Nacht werdet Ihr nur wenig Schlaf finden, und in den folgenden Nächten dürfte sich daran nichts ändern. Ihr kennt die Schatten nicht, die darauf warten, in Euer Leben zu treten, doch werden sie Euch bald vertraut sein. Sobald Ihr diese Seiten gelesen habt, sind sie zu einem Teil von Euch geworden.

Liegen Eure Beine bequem auf dem grünen Schemel?

Gut.

Stellt die Kerze in Eure Nähe, und öffnet die Augen so weit wie möglich.

Das erste Wesen, das Euch nun begegnet, ist kein Mensch, sondern ein Frettchen. Ja, ein Frettchen. Das Tier, von dem ich spreche, ist wohlgenährt, nicht sehr groß, eher rötlich als grau und japst und wimmert vor Angst. Ringsherum wird der Rauch mit jeder Sekunde dichter.

Seht Ihr es?

Es hat einen hellen Fleck in Kreuzform auf dem Kopf, klammert sich an ein Fensterbrett und kratzt wie wild an der Dichtung der Scheiben. Die glühende Holzvertäfelung unter ihm spuckt düstere Rußschwaden, draußen herrscht schwarze Nacht, und der Wind heult, drinnen brüllt und röhrt das Feuer. Die Hitze wird so stark, dass das Frettchen jeden Augenblick loslassen wird …

Eine Hand zertrümmert die Scheibe, erwischt das Tier im letzten Augenblick am Bauch, reißt es aus dem Glutofen, der durch die frische Luft noch weiter angefacht wird, und steckt es in eine ihm wohlbekannte Tasche. Eine Stimme murmelt ihm zu: »Alles in Ordnung, Jesus. Alles in Ordnung.« Der Sack, den sein Herr über der Schulter trägt, erdrückt das kleine Tier beinahe, aber das Feuer hat es nicht verschlungen, und nun besteht auch keine Gefahr mehr. Das Frettchen seufzt beruhigt und schläft ein.

Der Retter des Frettchens heißt Batiste. Da er Euch leider nie vorgestellt wurde, kann er Euch auch nicht begrüßen. Aber ich verspreche Euch, dass er es unter anderen Umständen mit einer Herzlichkeit täte, die Euch überraschen würde. Batiste liebt es, andere zu verblüffen, und tut nie das, was man von ihm erwartet.

Folgt ihm.

Am besten jetzt gleich, aber mit ein wenig Abstand und ohne Euch zu zeigen. Ein Mann, der mitten in der Nacht so rasch ausschreitet und einen derart großen Sack über der Schulter trägt, ist nicht erpicht auf Begegnungen. Batiste überquert die Bièvre über den Pont de la Croix-Clamart und die Seine über den Pont Neuf. Er rechnet mit zwei Stunden, um auf dem Weg durch die Sümpfe vom Faubourg Saint-Marceau am Place de Grève zu gelangen. Der Marché du Saint-Esprit öffnet bei Tagesanbruch, und wenn er seine Angelegenheit unbeobachtet von den Altkleiderhändlerinnen zu Ende bringen will, muss er sich sputen – sie sind ein gefährliches Gezücht. Da sie sich straßauf, straßab immerfort irgendwelche Unbekannten schnappen, diese entkleiden und neu ausstaffieren, birgt die menschliche Natur keine Geheimnisse mehr für sie. Batiste möchte nicht von ihnen durchschaut werden. Sie kennen ihn. Oft hat er für sie Unterwäsche vom gröbsten Schmutz gereinigt oder Kleidungsstücke in Teile zerlegt, damit sie diese einzeln verkaufen konnten. Ein paar der Altkleiderhändlerinnen wären ihm gern gefällig gewesen, und manch eine hat ihn eingeladen, Tisch und Bett mit ihr zu teilen. Aber leider fürchten diese Frauen Gott mehr, als sie das Vergnügen lieben, und wenn sie wüssten, was er soeben getan hat, würden sie ihn denunzieren.

Das Viertel um das Hôtel de Ville ist menschenleer. Dennoch drückt sich Batiste vorsichtig an den Wänden entlang. Neben dem Hôpital du Saint-Esprit erstreckt sich die Rue Tirechape mit ihren achtunddreißig unterschiedlich hohen Häusern, deren niedrige Türen und Vorsprünge wie Warzen mitten in einem Gesicht aussehen. Batiste schlängelt sich unter dem Schild mit dem Blumenkorb hindurch. Durch die Gasse eines Weinhändlers führt ein Weg zum Impasse de la Bourdonnais. Der Mann, den er sucht, liegt in einem geborstenen Fass und schnarcht und pfeift unter einem Haufen Lumpen fast ebenso laut wie die Feuersbrunst in der Kirche. Als sich Batiste jedoch über ihn beugt, öffnet er sofort hellwach die Augen und nickt ihm zum Gruß höflich zu.

»Der Himmel schütze dich, mein Junge. Du siehst aus, als hättest du einen Schatz gefunden.«

Batiste setzt seinen schweren Sack neben dem Fass ab. »Willst du ihn sehen?«

»Unrecht Gut gedeihet nicht …«

Batiste zuckt die Schultern. »Ein entlaufener Priester, der mich Mores lehren will?«

Der Mann streckt und dehnt sich, zerrt gleichgültig an dem Lumpen, der einmal eine Soutane war, entkorkt die Flasche, die um seinen Hals hängt, und genehmigt sich einen kräftigen Schluck. Mit seinem langen Körper, der dünner ist als der Schenkel einer Matrone, seinem rasierten Schädel unter einer braunen Wollkappe und seinem geschwungenen, völlig lippenlosen Mund erinnert er an einen Aal. Batiste löst die Kordel, öffnet den Sack und entnimmt ihm ein Priestergewand, das an Hals und Ärmeln reich mit Silber bestickt ist. Der Mann betastet das Gewebe mit einer überraschend zarten und weißen Hand. Am Zeigefinger trägt er einen Bischofsring. Über Batistes Schulter hinweg beobachtet er die langsam heller werdende Gasse.

»Das kommt woher?«

»Vorschuss auf mein Erbe.«

Der Mann lächelt. Er hat noch alle Zähne, was jenseits der Dreißig ein wahres Wunder ist. Langsam steckt er seine mädchenhafte Hand in den Sack und zieht ein seidenes, mit einem großen, goldenen Kreuz besticktes Chorhemd hervor. Ihm folgt ein zweites aus rotem Seidensamt, dann ein Stoffmantel für ein Ziborium mit einem in Silber gestickten Osterlamm, zwei aus Goldstoff gewebte Stolen, zwei Manipel, eine gefältelte Bursa und drei schwere Kirchenfahnen. Eine ist aus violettem Samt und stellt die Jungfrau Maria als Königin mit Heiligenschein dar. Auf der zweiten ist der heilige Marcellinus über seiner Abtei zu sehen, und die dritte zeigt das Martyrium des heiligen Bartholomäus, des Schutzpatrons der Metzger, und des heiligen Crispinus, des Schutzheiligen der Schuhmacher.

»Nicht gerade leicht zu verkaufen …« Der Mann verzieht das Gesicht.

Batiste faltet die Beute wieder zusammen. »Stolz und Geiz gedeihen in der Provinz noch viel prächtiger als in Paris. Jenseits der Vororte schert sich kein Pfarrer um die Herkunft, wenn du ihm anbietest, seine Kirche so auszustatten, wie es in der Hauptstadt Mode ist, und das auch noch zu einem … Freundschaftspreis.«

Der Aalmann kratzt sich zunächst die Brust, dann den Hals. Flöhe. Krätze. Seine Kleidung ist so verdreckt, dass sie auch ohne ihn stehen würde, aber sein Gesicht ist fast sauber, und seine Haltung und seine Stimme sind die eines gebildeten Mannes. »Die Zeiten ändern sich, junger Freund. Wir haben eine neue Regierung und eine neue Polizei. Mit dieser Ware da riskiere ich die Galeere.«

»Entweder du machst mir ein Angebot, oder ich geh woandershin.«

Der Mann nimmt seine Kappe ab und fährt sich mit der Hand über die nicht vorhandenen Haare. Wieder lächelt er. Früher hat er sicher Komplimente bekommen wegen seiner schönen Zähne, und er zeigt sie immer noch gern. »Es gibt kein Woanders, sonst wärst du nicht zu mir gekommen.«

»Ich verhandele mit dir, weil ich weiß, dass du trotz deiner Verbrechen immer noch Beziehungen zu allen Klöstern in Frankreich hast. Ich weiß außerdem, dass der Tag anbricht und dass du dir, wenn du dich nicht beeilst, eine ausgezeichnete Gelegenheit durch die Lappen gehen lässt.«

Der Mann reckt den Hals und schnüffelt. »Die Magd vom Weinhändler hat gerade Feuer gemacht. Wenn ihr Herr dich mit deinem Diebesgut hier erwischt, bist du es, der auf die Galeere geht. Täte mir leid um dich. Du bist nicht auf den Mund gefallen und könntest eine große Zukunft haben … Fünf Louis.«

»Fünf? Wenn du nur das bestickte Zeug verkaufst, bekommst du dafür mindestens zwanzig.«

»Fünf Louis. Das sind hundert Livres. Und du kniest dich hin, damit ich dich segnen kann.«

Batiste macht eine obszöne Handbewegung. »Zehn. Und von einem Kirchenmann lasse ich mich erst segnen, wenn ich tot bin.«

Der Aal nickt enttäuscht. »Wie du meinst. Aber wenn ich schreie, macht der Concierge den Zugang vorne dicht. Dann sitzt du in der Falle.«

Batiste kippt den Inhalt des Sackes in das Fass und packt den Mann an der Kehle. Er ist nicht wütend und empfindet weder Hass noch Angst. Ebenso wenig wie vorhin, als er die Sakristei angezündet hat. Er tut nur, was er tun muss. Nicht mehr und nicht weniger. Er beugt sich zu dem Mann hinunter.

»Ich werde schreien«, flüstert er ihm mit der sanften Stimme, mit der er Mädchen davon überzeugt, ihre Röcke für ihn zu heben, ins Ohr. »Und zwar: ›Haltet den Dieb! Hier sind die Ornate der Église Saint-Marcel. Und der Abschaum, den ich am Wickel halte, ist ein sodomitischer Bischof, der zum Tode verurteilt wurde, weil er seine Novizen gekocht und gegessen hat!‹ Ich kann gut schreien, Exzellenz, und ich kann äußerst überzeugend sein. Dreißig Louis, und zwar jetzt sofort.«

Der Mann schnappt nach Luft und signalisiert mit beiden Händen, dass er dem Handel zustimmt. Batiste lässt ihn los. Der Mann wühlt in seinem von der Leiste bis zum Brustbein reichenden Gürtel und zieht eine schäbige, aber wohl gefüllte Börse hervor. Während er die Silbermünzen vorzählt, beobachtet er Batiste aus dem Augenwinkel. Der Junge ist weder groß noch klein, ziemlich mager, aber muskulös, hat einen breiten Brustkorb, gerade Beine, eine hohe Stirn, eine kurze Nase, einen Wust lockiger Haare, die nie einen Kamm und noch weniger je Pomade gesehen haben, ein trotziges Kinn, einen weichen Mund und den seltsamen Blick einer alten Seele in einem noch kindlichen Gesicht.

»Wie alt bist du eigentlich inzwischen? Ich kann mich noch erinnern, wie du dich zwischen den Rockschößen der Altkleiderhändlerinnen herumgedrückt hast.«

»Zu alt für dich.«

»Kannst du lesen?«

»Niemand kann lesen.«

»Ich könnte es dich lehren. Lesen, schreiben und sogar ein bisschen Latein.«

»Das, was ich brauche, bringe ich mir schon selbst bei.«

»Im Gegenzug könntest du dich in den Kirchen des Königreichs auf andere Weise … nützlich machen.«

»Ich bin kein Dieb.«

»Genauso wenig, wie ich ein Mörder bin. Versteht sich von selbst.« Der Mann hebt schulmeisterlich den Finger. »Gott ist allwissend, aber manche Dinge entgehen ihm. Unsere Vernunft gehört uns selbst, nicht wahr?«

Batiste steckt die Münzen in die Tasche, ohne sie nachzuzählen. Sie fallen auf den Kopf des Frettchens, das aufwacht und sich mit einem Satz auf die Schulter seines Herrn rettet. Im Halbdunkel glitzern seine Augen wie Karfunkelsteine.

Der Mann weicht einen Schritt zurück. »Hast du das Vieh noch immer?«

»Bitte etwas höflicher. Wenn man Jesus den Respekt verweigert, macht er es wie ich: Er beißt.«

Der Mann bekreuzigt sich hastig. »Er hat Augen wie ein Teufel.«

Batiste rollt in aller Ruhe seinen leeren Sack zusammen und knotet ihn sich um den Bauch. »Er ist einer.«

Fürchten Sie den Teufel, Monsieur? Ich habe oft gehört, wie Euer Beichtvater Euch von den Untaten Luzifers und den unzähligen Masken erzählt hat, die der gefallene Engel annehmen kann, um uns zu verführen. Ohne mich mit der Kirche anlegen zu wollen, die sich nicht nur die Kontrolle über unser Urteilsvermögen, sondern auch über unsere Aktionen anmaßt, glaube ich, dass das Böse weder in der Hölle noch bei den Protestanten oder zwischen den Schenkeln der Frauen haust, sondern in uns selbst. Sein Gesicht ist unsere Schattenseite, die wir vor anderen und vor allem vor uns selbst zu verbergen versuchen. Im Gegensatz zu dem, was man Euch gelehrt hat, ist es nicht jener Gott, zu dem wir beten oder auch nicht, der uns zu einem ganz und gar guten oder völlig schlechten Menschen macht. Menschen sind manchmal gut und manchmal böse, und zwar in wechselndem Verhältnis und ganz gleich, zu welcher Konfession sie sich bekennen. Seit ich auf Eurem Hoheitsgebiet lebe, konnte ich viele Kinder beobachten und versichere Euch, dass nicht alle mit der gleichen Veranlagung für das Gute und Schöne geboren werden. Es bedarf keines Satans, um diejenigen zu verderben, die dank ihres sanften Temperaments und ihres Strebens nach Reinheit wie dazu geschaffen wären, andere glücklich zu machen. Der Kontakt zu ihren Mitmenschen genügt. Das Herz des Menschen ist ein Hexenkessel, Monsieur. Unser Jahrhundert verbirgt seinen Schmutz unter wertvollen Spitzen und den Abschaum der Seele unter viel Puder, Katzbuckelei und falscher Bußfertigkeit. Ich weiß von Priestern, die sich im Verbrechen suhlen, von Flegeln, die ihre Frauen totprügeln, von Bürgern, die ihre Töchter an Scheusale verkaufen, von hohen Herren, die Kinder quälen, von Prinzen, die auf Menschen schießen wie auf Kaninchen, und von Königen, die vergewaltigen, verraten und lügen, anstatt ihren Untertanen ein Vorbild zu sein.

Woher ich sie kenne? Und wer ich bin, dass ich so von ihnen rede?

Ich bin ein Opfer. Und ich bin ein Zeuge.

Ihr denkt, dass ich allzu schwarzmale? Dass ich übertreibe?

Dann begleitet mich doch in die Rue de Montpensier unter die Arkaden des Palais-Royal. Der Bischof, der seine Novizen verspeiste, lebt heute hier. Dank seiner Hehlerei konnte er sich aus seinem Fass befreien und betreibt heute im Zwischengeschoss von Nummer 16 ein Geschäft, in dem die Ware nicht ausgestellt wird, aber dessen Umsatz floriert. Ihr erkennt ihn an seinen Zähnen und an seinem Ring. Sprecht ihn auf Batiste Le Jongleur an. Sagt ihm, Ihr wärt von ihm geschickt worden. Wenn der Kerl nicht bleich wird, wenn er nicht mit hastigen Blicken nach einem Ausweg sucht, der ihm die Flucht ermöglicht, dann dürft Ihr an meinen Worten zweifeln.

Inzwischen jedoch kehren wir zu Jesus zurück. Das Frettchen ist kein gewöhnliches Tier. Sein Herr hat ihm beigebracht, sich von Milch und Blut zu ernähren. Es saugt an Frauenbrüsten und ist ganz wild auf Blutegel. Immer wenn Batistes Mutter mit ihrem von schwarzem Saft triefenden Korb nach Hause kommt, schnüffelt das Frettchen an ihren Knöcheln herum und quiekt so lange, bis sie ihm einen Blutegel gibt.

Madeleine Le Jongleur ist eine der besten Blutegelvermieterinnen im Faubourg Saint-Marceau. Vom Frühling bis zum Ende des Sommers, vor allen Dingen in solchen Jahren, in denen es schon früh warm wird und der Sommer lange andauert, ernährt sie ihre Familie mit Roggenbrot oder Gerstenfladen, mit Grütze, Bohnen, fettem Speck oder getrocknetem Fisch. Obendrein kann sie noch ein paar Münzen für die Mitgift der kleinen Blanche beiseitelegen. Blanche ist neun Jahre alt, und Madeleine hofft, sie in einem Kloster unterbringen zu können. Und zwar nicht in einem jener von Scham und Tränen gekennzeichneten Häuser wie dem in Gobelins, in das auf königlichen Befehl Streunerinnen, Waisen, Bettlerinnen und uneheliche Mütter verbannt werden – nein, es soll ein wirklich heiliges Kloster für ehrbare junge Mädchen sein. Madeleine Le Jongleur träumt von diesem Kloster. Wenn sie am Ufer ihre Schuhe auszieht und die Bänder zusammenrollt, mit denen sie die Fliegen daran hindert, sich in den Wunden an ihren Waden zu sammeln, wenn sie in das grüne Wasser hinuntersteigt und darauf achtet, nicht auf den scharfblättrigen Grünpflanzen auszurutschen, wenn sie durch Schilf und Schlamm watet und dabei ihren Rosenkranz betet, um die Zeit zu messen, dann denkt sie an das Kloster. Ein großes Steinhaus mit Bögen, Wasserbecken, Gärten und einer Kapelle, wo die Kleine für die Sünden ihrer Familie beten könnte.

Da wären zunächst ihre eigenen. Madeleine wagt nicht mehr, zur Beichte zu gehen, weil sie zu viel zu erzählen hätte. Dann die Sünden der Männer, die Madeleine zu dem gemacht haben, was sie heute ist. Zum Beispiel die drei Väter ihrer Kinder, einschließlich des Vaters von Blanche, dessen Namen sie nie gekannt hat und an dessen Gesicht sie sich nicht erinnert. Und schließlich die Sünden von Batiste. Batiste, den sie ebenso streng erzogen hat wie seinen älteren Bruder Pierre, der aber trotzdem auf die schiefe Bahn geraten ist. Batiste respektiert nichts und niemanden, lügt wie gedruckt, betrügt beim Spiel, verführt junge Mädchen, geht niemals mit zur Messe und hat sein teuflisches Frettchen Jesus genannt. Jesus als Name für ein Nagetier – welche Blasphemie! Zwischen ihren »Gegrüßet seist du, Maria« deutet Madeleine eine Kniebeuge an, die sie bis zu den Oberschenkeln durchnässt, und betet: »Vergib meinem Sohn, Herr. Er weiß nicht, was er tut.«

Nie steht sie länger als eine halbe Novene im Wasser. Bleibt sie kürzer, haben die Blutegel keine Zeit, sich festzusaugen, bleibt sie länger, saugen die Tiere mehr Blut, als sie aushalten kann, und sie wird ohnmächtig. Das Kniffligste an ihrem Metier ist es, die Grenzen genau abzuschätzen. Es geht darum, die Beute auszumachen, anzulocken und aus dem Wasser zu holen. Dabei dient ihr eigener Körper als Köder, aber sie darf nie vergessen, dass sie innerhalb weniger Sekunden selbst zur Beute werden kann. Die dicke Mathilde, die Frau von Jeannot Le Potager, ist mitten im August ertrunken, als der Fluss seinen niedrigsten Stand hatte. Die Ärmste stürzte mit dem Gesicht nach unten, und als man sie fand, hatten die Egel sie völlig leergesaugt. Friede ihrer Seele.

Es gibt zwei Arten von Blutegeln. Für die dicken, schwarzen, glänzenden bezahlt der Apotheker doppelt so viel wie für die kleinen braunen. Madeleine kennt den Aufenthaltsort und die Gewohnheiten ihrer Beute, aber auf die Launen des Wetters hat sie keinen Einfluss. Wenn es regnet, ein Gewitter droht oder so warm ist, dass die Rosen welken, schmollen die schwarzen. Dann kann Madeleine stundenlang herumwaten, fängt aber höchstens zwei oder drei. Die braunen Egel sind weniger wert, weil die feinen Damen sie nicht mögen. Die feinen Damen, die in Stadtvillen mit in Stein gemeißelten Eingängen wohnen und auf deren gepflasterten Höfen eine Kutsche steht, haben ihre eigenen Vorstellungen. Sie sind der Meinung, dass die schwarzen Blutegel besser saugen als die anderen und dass sie deshalb größer und schwerer sind. Doch das stimmt nicht. Die kleinen Egel sind verfressener und leben auch länger. Doch das ändert nichts an der Tatsache, dass die hübschen Damen finden, man solle sie lieber den Bürgerinnen und den Frauen aus dem Volk überlassen. Dabei weiß jeder, dass Bürgerinnen sich bemühen, dem Adel nachzueifern, und dass sich Straßenhändlerinnen die Miete für Blutegel nicht leisten können.

Ein guter Blutegel hat die gleiche Wirkung wie ein Aderlass, dabei aber den Vorteil, dass man die Anwendung unterbrechen kann. Weil der Patient, wenn man ihm ein Tier anlegt, weniger Blut verliert als nach dem Gebrauch einer Lanzette, fühlt sich der Kranke danach erfrischt, aber nicht erschöpft. Wenn es an schwarzen Blutegeln mangelt, können die angesehenen Apotheker die Bedürfnisse der Ärzte, die gerade in Mode sind, nicht mehr befriedigen, und diese wiederum sind dann außerstande, ihre kapriziösen Patientinnen zu behandeln.

Wenn Madeleine keine Blutegel mehr verkaufen kann, muss sie sich selbst verkaufen. Früher hat sie es getan, um eine Stellung zu bekommen, was zur Geburt ihrer beiden Söhne führte. Für das Versprechen einer Stellung wurde sie mit ihrer Tochter schwanger. Aber noch nie hat sie es für Brot oder Geld getan. Madeleine mag eine Sünderin sein, aber eine Hure ist sie nicht.

Als sie mit zehn braunen und keinem einzigen schwarzen Blutegel aus dem Wasser steigt, wirft sie die Tiere in ihren Korb, reibt ihre geschwollenen Beine mit Weingeist ab und geht zum Schlachthaus. Schlachthäuser gibt es zu beiden Seiten der Seine, aber Madeleine bevorzugt das neben der Salpêtrière, in der Nähe des Quartier des Gobelins, weil hier die meisten Tiere herumwuseln und sie daher mühelos an das kommt, was sie braucht. Um allen Missverständnissen vorzubeugen: Sie hat nicht etwa die Absicht, Fleisch oder auch nur Innereien oder gar Abfälle zu stehlen. Etwas Essbares zu entwenden würde bedeuten, einem anderen das Brot vor der Nase wegzunehmen, und so etwas hält Madeleine in der Hierarchie der Sünden für verwerflicher als Zorn oder Wollust. Sie sucht nach Blut, und auch das ist nicht für sie selbst bestimmt, sondern für ihre Egel. Auf die Kruppe einer Kuh gesetzt, verdoppelt ein Blutegel sein Volumen in weniger Zeit, als man braucht, um das Confiteor aufzusagen. Danach muss man ihn nur noch ein wenig einfärben, und der Streich ist perfekt: Statt zehn brauner hat man zehn schwarze Blutegel, die vom Apotheker gut bezahlt werden. Mit diesem Trick riskiert Madeleine allerdings ihren Ruf, denn wenn der Betrug auffällt, darf sie ihr Metier nicht mehr ausüben. Daher geht sie das Risiko höchstens einmal in der Saison ein und immer nur bei unterschiedlichen Händlern. Seit dem Johannisfest 1665 ist sie jedoch schon zweimal auf dem Schlachthof gewesen, und obwohl sie jeweils eine Hälfte des Tages in der Seine und die andere in den Sümpfen der Bièvre verbringt, hat sie kaum mehr als eine Unze schwarzer Egel gefangen. Eine Unze guter Egel bringt im Sommer zwölf und im Winter zwischen vierzehn und zwanzig Sous ein. Zum Überleben braucht eine vierköpfige Familie ungefähr fünfzig Sous – etwas mehr als zwei Livres – am Tag.

Pierre ist ein guter Sohn, kräftig, rechtschaffen, respektvoll und ein guter Arbeiter, aber der Maurer, der ihn seine Kunst lehrt, zahlt ihm kein Gehalt. Batiste könnte Geld beschaffen, denn er ist ebenso gewitzt wie sein Frettchen, aber Tausendsassa ist kein Beruf, und Madeleine ist es gleichgültig, ob man ihren Sohn für gescheit hält, solange seine angebliche Genialität ihnen nicht aus der Patsche hilft. Sie bekocht den Witwer Jeannot Le Potager für vierzig Sous, die immer im Handumdrehen verbraucht sind.

Schweren Herzens beschließt sie, sich an Blanches Sparsumme zu bedienen. Die Mitgift. Das Kloster. Der Freikauf. Mit jedem verbrauchten Sou scheint sich das Paradies weiter zu entfernen, trotzdem glaubt sie nicht, dass Gott sie im Stich lässt. Dabei musste sie im Lauf ihres Lebens viele Probleme meistern. Rückblickend scheint es ihr, als reihten sich die Prüfungen aneinander wie die Perlen eines Rosenkranzes. Aber immer, wenn sie sich verloren glaubte, ist Gott ihr zu Hilfe gekommen. Wie alle anderen in der ihr bekannten Umgebung hat sie gearbeitet, seit sie Schürze und Haube selbstständig binden konnte. Mit fünf Jahren sammelte sie Blätter. Mit zehn jätete sie Beete und reinigte Gräben. Anschließend verkaufte sie Heilpflanzen. Einer ihrer Kunden, den sie regelmäßig mit Salbei und Fenchel versorgte, bot ihr an, sie bei sich aufzunehmen, um seiner ans Bett gefesselten Frau Erleichterung zu verschaffen. Tatsächlich handelte es sich hauptsächlich darum, ihm selbst Erleichterung zu verschaffen, und gleich beim ersten Versuch nahm der Kerl sie so intensiv zur Brust, dass sie schwanger wurde, ehe sie überhaupt protestieren konnte. Er versprach, sie bei sich zu behalten und für sie und das Kind zu sorgen. Als es jedoch nicht mehr möglich war, ihren dicken Bauch vor der Ehefrau zu verbergen, fand sie sich auf der Straße wieder. Sie gebar ihren Sohn in einem Stall und nannte ihn Pierre, weil sein Erzeuger Maurermeister war. Und genau in diesem Moment, als sie sich einsam und verlassen fühlte, sprach Gott zum ersten Mal zu ihr. Dein Kleiner nuckelt mit großem Appetit, sagte Gott zu ihr, aber sieh doch, du hast noch immer Milch übrig. Du hast Hunger, sagte er, aber schau dich an: Du bist kräftig und hast eine weiße Haut. Du stinkst nach Mist, sagte er, aber deine Haut ist weich, und wenn du dich schneidest, tritt schönes, rotes Blut aus.

Madeleine war zwar naiv, aber nicht dumm. Sie wusch sich in der Viehtränke, stellte sich im Hospital vor und bot ihre Dienste als Amme an. Danach verbrachte sie ein paar anstrengende, aber ruhige Jahre damit, zusätzlich zu ihrem Sohn alle Waisenkinder zu stillen, die die Benediktinerinnen ihr in die Arme legten. Als der Gemeindepfarrer erkannte, dass Madeleine nicht nur moralisch integer, sondern auch hübsch anzusehen war, empfahl er sie einer sehr frommen Familie, die ein geregeltes Leben führte. Madeleine stillte den kleinen Pierre ab und nährte dafür die Zwillinge ihrer Herrin. Sie aß am Tisch der Bediensteten, schlief in einem richtigen Bett und musste zur Beichte nicht einmal das Haus verlassen, denn der Gemeindepfarrer, ein Verwandter ihrer Herrschaft, kam jede Woche einmal zum Abendessen. Als guter Hirte zeigte er ein brennendes Interesse an ihrem Seelenheil. Außerdem an ihren eindrucksvollen Brüsten und den Schönheitsflecken, die an der Innenseite ihres rechten Oberschenkels ein kleines Dreieck bildeten. Aus seiner sehr persönlichen Art, ihr die Absolution zu erteilen, entstand Batiste, der einen Monat zu früh auf dem Boden der Sakristei das Licht der Welt erblickte. Die Amme hatte den Priester aufgesucht, um ihm mitzuteilen, dass die christliche Nächstenliebe dank seines Zutuns so leibhaftig geworden war, dass sie ihm demnächst einen Erben schenken würde. Von Beleidigungen überschüttet und benommen von den Ohrfeigen des heiligen Mannes, der nur Vater seiner Schäflein sein wollte, wischte Madeleine ihr Blut vom Boden der Sakristei, wickelte das Neugeborene in ein Chorhemd und verschwand. Sie tat ihr Bestes, ihre Tränen vor dem kleinen Pierre zu verbergen.

Weil sie nicht den Mut hatte, zu ihrer Herrschaft zurückzukehren, nahm sie verschiedene Stellen an und verkaufte ihre Milch – nach Möglichkeit nicht mehr – gegen etwas zu essen und einen warmen Platz am Kamin für sich und die beiden Kleinen. Man nannte sie »die Zitze«. Der Name passte zu ihr, und sie trug ihn fröhlich, doch nach Blanches Geburt versiegte ihre Milch, und weil weder der Maurer noch der Pfarrer auch nur daran dachten, sie zu unterstützen, wandte sie sich ein zweites Mal an Gott. Er war es, der ihr durch die Vermittlung eines Apothekers zu der Idee mit den Blutegeln verhalf. Zwar hatte sie keine Ahnung von diesem Metier, aber sie bedurfte keiner langen Lehrzeit, denn eigentlich ging es nach wie vor darum, sich aussaugen zu lassen. Anschließend musste man die Wunden mit Gänsefett behandeln, und wenn das Tagewerk getan war, fühlte man sich – auch das kannte sie – wie ein leerer Schlauch. Madeleine pries den Himmel, dass er ihren Körper mit mehreren Arten von Flüssigkeit ausgestattet hatte, die man zu Geld machen konnte, und weil ihre Kinder nicht vorzeitig zu Waisen werden sollten, lernte sie schwimmen, ehe sie sich ihrer neuen Aufgabe widmete. Nie hat sie sich beklagt, nie hat sie die Hand ausgestreckt, und selbst heute, wo sie keinen Ausweg mehr weiß, erwartet sie nur von sich selbst etwas.

Als Pierre ihr anbot, ein paar Louis von seinem Arbeitgeber zu leihen, hat sie dies rundweg abgelehnt, und hätte Batiste ihr vorgeschlagen, seinen Vater aufzusuchen, der inzwischen einem sehr schönen Kloster vorsteht, hätte sie sich ebenfalls geweigert. Doch Batiste denkt nur an seine Locken, seine galanten Stelldicheins und seine Freiheit, zu kommen und zu gehen, wann es ihm passt. Der Junge hat nur Unfug im Kopf und einen Igel anstelle seines Herzens. Möge Gott sich seiner erbarmen und Mitleid mit ihm haben …

In ihrer baufälligen Hütte liegt Madeleine auf den Knien und will eben ihre vierte Novene beginnen, als Batiste die Tür aufstößt. Genau genommen handelt es sich nicht um eine Tür im eigentlichen Sinn, sondern um ein Gatter, das man immer beiseiteräumen muss, wenn man hinein- oder hinauswill. Wortlos legt er seiner Mutter einen Stapel Münzen in den Schoß.

»Zweihundert Livres. Damit kannst du unsere Schulden bezahlen, einen Handkarren kaufen und sehen, was kommt.«

Madeleine betrachtet ihn wie ein Stück Aas auf einem Misthaufen. »Einen Handkarren. Was soll ich mit einem Handkarren?«

»Du packst unsere Habseligkeiten rein. Von hier nach Versailles sind es mindestens fünfunddreißig Meilen, und wir werden sicher unsere Truhe und die Strohsäcke nicht auf dem Rücken dort hintragen.«

»Versailles? Wieso Versailles?«

»Minister Colbert stellt im Auftrag des Königs Arbeiter ein. Man braucht dort jede Menge Hände. Pierre und ich können auf der Baustelle arbeiten, und im Schlosspark oder jedenfalls am Rand – so ganz genau hab ich es nicht verstanden – werden Wohnungen gestellt. Blanche und du …«

»Wie bist du auf diese Idee gekommen?«

»Ich habe Aushänge gesehen und einen Ausrufer gehört.«

Batiste kauert vor seiner Mutter nieder. »Ich möchte, dass du mit den Blutegeln aufhörst. Irgendwann gehst du dabei drauf, und die widerlichen Dinger bringen uns nicht mal über die Runden.«

Madeleine zuckt die Schultern. »Es geht aber nicht darum, was du willst. Meine Entscheidungen treffe ich entweder allein, oder ich bespreche sie mit deinem Bruder.«

Batiste lächelt. »Pierre ist einverstanden. Sein Meister gibt ihm ein Empfehlungsschreiben für Sieur Antoine Bergeron mit, den Hofbaumeister des Königs.«

Madeleine blickt ihm in die Augen. »Woher hast du dieses Geld?«

Batiste weicht ihrem Blick nicht aus. Im frühen Morgenlicht hat seine Iris die Farbe eines Gewitterhimmels. »Das, was ich getan habe, um es zu bekommen, hätte ich schon seit langer Zeit tun sollen.«

Madeleine packt ihn an den Schultern. »Was hast du wieder angestellt, du Strolch?«

Batiste macht sich frei und steht auf. Ruhig rückt er sein Hemd wieder zurecht. »Ich habe genau das getan, was du uns beigebracht hast, liebste Mutter: Ich habe den Herrn gebeten, uns zu Hilfe zu kommen.«

Und so kommt es, dass Madeleine Le Jongleur durch die Gnade Gottes, dessen Wege ihr unergründlich bleiben, am folgenden Sonntag Sieur Boniface die exorbitante Summe in die Hand drücken kann, die ihr angeblich das vorübergehende, aber exklusive Wohnrecht in einer für die Arbeiter am Schloss von Versailles reservierten Unterkunft sichert. Bei dieser Unterkunft handelt es sich um eine Hütte aus schlecht zusammengefügten Brettern. Anselme Boniface, ein großer, dicker, dunkler, deftiger Kerl mit fettigem Mund und verschlagenem Blick, der sich des Titels des Oberaufsehers des Ministers Colbert rühmt, mustert spöttisch die wenigen Münzen.

»Ist das alles? Du bist ziemlich dreist, Mütterchen. Ein Dach über dem Kopf auf dieser Seite des Sumpfes kostet zwei Livres die Woche, zahlbar alle zwei Wochen und für den ersten Monat im Voraus.«

»Acht Livres für einen Schweinestall!«

»Auf der anderen Seite ist es billiger, aber da sterben die Leute wie die Fliegen. Vor allem die Kinder. Die Entscheidung liegt bei dir.«

»In den Vororten von Paris sind ja Schweine besser untergebracht!«

»Dann geh eben wieder zurück. Hier herrscht weiß Gott kein Mangel an Arbeitskräften. Die größte Baustelle Frankreichs zieht jede Menge Leute an. Sie kommen aus der Normandie, aus der Bretagne und sogar aus dem Süden. Und wenn dir die Hütte nicht gefällt, kann dein Mann sie ja richten. Wo ist dein Mann überhaupt?«

»Ich bin Witwe.«

»Pech für dich.« Boniface hält ihr seine riesige Pranke wie einen Napf hin. »Der Tarif steht nun mal fest. Wenn du mit deinen Waisen hier einziehen willst, musst du zahlen. Acht Livres.«

»Und wovon soll ich Brot kaufen?«

»Wovon? Das kann ich dir zeigen!« Boniface dreht Madeleine um, drückt sie gegen die Bretterwand und knetet mit seiner freien Hand ihr Hinterteil. Der Rüpel hat die Konstitution eines Ochsen, und es wäre leicht, ihn zu befriedigen. Man müsste sich lediglich ein Stück vorbeugen und sich rhythmisch bewegen.

Madeleine hat nur einen einzigen Mann wirklich geliebt – Pierres Vater –, aber sie hat viele ertragen und weiß, wie man ihr Vergnügen beschleunigt. Auch dieser hier will nichts anderes von ihr als all die anderen Kerle, er knurrt vor Gier und speichelt in ihren Nacken, und es wäre einfach, ja, und zweifellos ginge es ziemlich schnell … Aber nein! Nein, sie will nicht, sie mag das nicht mehr. Sie hat beschlossen, dass der Umzug nach Versailles einen neuen Abschnitt in ihrem Leben einleitet, und um den zu beginnen, muss sie jungfräulich sein. Zumindest so jungfräulich wie möglich. »Lass mich in Ruhe!« Sie versteift sich und fängt an, sich zu wehren.

Boniface rammt ihr sein Knie zwischen die Beine, drückt sie auseinander und presst ihre Brust, als wolle er sie zerquetschen. Sie schreit. Boniface wirft sich mit seinem ganzen Gewicht auf sie, hält sie fest und will gerade in sie eindringen, als eine harte Faust ihn am Gürtel packt und zurückzerrt. Wütend dreht er sich um.

Der Mann, der ihm gegenübersteht, ist höchstens zwanzig Jahre alt. Er hat rotes Haar, rote Augen, die Muskelpakete eines Galeerensträflings und eine gebrochene Nase in einem offenen Gesicht mit regelmäßigen Zügen. Neben ihm lauert ein Engelsgesicht mit weichen Locken, einem Blick wie geschmolzenes Blei und einer Art Eichhörnchenschwanz um den Hals. Beide mustern die hochrote Männlichkeit, die Boniface eilig zu verstauen versucht.

»Beeindruckend«, sagt der Lockige mit ungerührter Stimme. »Vielen Dank für den Empfang.«

Boniface holt mit seinen Pranken aus, die an Wäschebleuel erinnern, doch ihm bleibt keine Zeit, die beiden niederzuschlagen, denn schon liegt er am Boden und schüttelt sich wie ein Besessener, um das Vieh loszuwerden, das ihm an die Gurgel gesprungen ist.

»Jesus!«

Gierig suchen die Klauen und Zähne des mordlüsternen Frettchens nach der Arterie.

»Jesus!«

Batiste reißt das Tier von seiner Beute weg, hält es am Schwanz fest und lässt es vor der Nase von Boniface baumeln. Der Aufseher stöhnt und hält sich den Hals.

»Du sollst nicht begehren deines Nächsten Weib, aber auch nicht deines Nächsten Mutter. Wusstest du das nicht? Ich werde es dir beibringen.«

Madeleine huscht davon und kehrt mit einem Topf ihrer Blutegelsalbe zurück. Ohne Boniface Zeit zum Protestieren zu lassen, bestreicht sie seine Wunden mit einer dicken Fettschicht, die die Blutung zum Stillstand bringt. Anschließend löst sie die Bandagen von ihren Waden und verbindet die Verletzungen gerade fest genug, um das Blut zurückzuhalten, ohne ihn zu ersticken. Verstört lässt sich der Aufseher einreiben und verbinden wie ein Säugling. Madeleine hebt die Münzen auf, die er hat fallenlassen, und hilft ihm beim Aufstehen. Dann tritt sie einen Schritt zurück und weist auf die beiden jungen Männer.

»Pierre und Batiste. Meine Söhne.«

Boniface spuckt aus. »Bete für sie.«

Madeleine zückt die in ihren Schößen verborgene Börse, leert sie und streckt dem Aufseher den gesamten Inhalt entgegen.

»Für den nächsten Monat. Und für den Arzt, wenn der Verband gewechselt werden muss.« Sie schluckt ihren Stolz hinunter und fügt hinzu: »Bitte lasst uns bleiben.«

Boniface steckt das Geld ein und zeigt mit seinem nussbraunen Zeigefinger auf Batiste. »Dein Tier.«

Batiste lächelt. »Holt es Euch.«

Boniface zögert. Die Brüder blicken ihn an. Madeleine blickt ihn an. Jesus klammert sich an die Weste seines Herrn und blickt ihn ebenfalls an.

Boniface spuckt erneut aus, unmittelbar vor Batistes Füße. »Wie du willst, Rotzbengel. Dann ziehe ich eben dir das Fell über die Ohren.«

Kaum ist er um die Ecke der Hütte verschwunden, versetzt Madeleine ihrem jüngeren Sohn eine heftige Ohrfeige. »Du hättest uns mit deiner Ratte an den Galgen bringen können! An den Galgen! Alle drei. Und Blanche? Was wäre dann wohl aus Blanche geworden?«

Wie ein Kobold taucht ein kleines Mädchen aus einem Haufen welker Blätter auf, läuft auf Batiste zu und umschlingt ihn. »Ich wäre geworden wie Batiste, auch wenn er nicht mehr lebte. Die Schande der Familie.«

Batiste lacht und zieht an den braunen Zöpfen, die sich aus der Haube gestohlen haben.

Madeleine packt das Ohr der zukünftigen Karmelitin, die sich wie ein Aal windet. »Sing deine Entschuldigung!«

»Mama …«

»Sing!«

»Nicht hier im Wald.«

»Gott zürnt überall und ich auch. Sing jetzt!«

Mit einer erstaunlich tiefen und kräftigen Stimme stimmt die Kleine ein Lacrimosa an. Madeleine und Pierre hören andächtig zu. Batiste krault Jesus den Rücken und denkt an seine kürzlich erfolgte, einzige und endgültige Unterredung mit dem Pfarrer von Saint-Marcel in jener Sakristei, wo seine Mutter vor nunmehr achtzehn Jahren unter Schmerzen und Prügeln entbunden hat. Der Priester empfing ihn, ohne nach seinem Namen oder seinen Beweggründen zu fragen. Er hatte gerade die Abendmesse gelesen, seine Bediensteten waren bereits wieder in ihre Klosterzellen zurückgekehrt, und er zog sich um. Auf den ersten Blick fand Batiste ihn schön. Erst auf den zweiten Blick erkannte er seine Blasiertheit, sein kaltes Herz und seine Feigheit. Er sagte, was er zu sagen hatte. Vier, fünf Sätze, mehr nicht. Pfarrer Philippeaux antwortete mit einem einzigen Wort. Batiste trat einen Schritt näher. Der Mann roch nach Weihrauch und Wollfett. Batiste wiederholte seine Frage. Ohne ihn auch nur anzublicken, forderte der Pfarrer ihn auf, zu verschwinden, sonst würde er seine Hunde auf ihn hetzen. Batiste verabschiedete sich, verließ die Sakristei und versteckte sich unter den Zweigen des alten Feigenbaums, der neben der Apsis der Kirche wächst.

Dort wartete er geduldig. Er schlief sogar kurz ein und träumte von einer Frau mit drei Brüsten. Als er wach wurde, waren alle Fenster der Abtei dunkel. Wind war aufgekommen. Dunkle Wolken verbargen den Mond. Batiste löste eine Scheibe aus dem Fenster der Sakristei und warf zwei Heuballen hinein, die er aus dem Stall herbeigewuchtet hatte. Mit dem ersten verbarrikadierte er die Tür zur Kirche, den zweiten verteilte er entlang der Simse. Aus der großen Eichentruhe suchte er sich die am reichsten bestickten Messgewänder heraus, verstaute alles in seinem Sack und zündete das trockene Gras mit der Tabernakelkerze an. Das alles geschah mit der Präzision eines Automaten und mit so leerem Kopf, dass er bei seiner Flucht beinahe Jesus vergessen hätte. Das jedoch hätte er sich trotz des gelungenen Werkes niemals verzeihen können. Die Worte des fleischfressenden Bischofs kamen ihm in den Sinn: »Unsere Vernunft gehört uns selbst, nicht wahr?« Er murmelt: »Amen«, und macht sich an die Arbeit, den Handkarren zu entladen.

»Wenn ihr kein Wasser habt, geb ich euch gern etwas ab.«

Neben dem Karren steht eine junge Frau mit nackten Füßen und schüchternen Augen und hält ihm ihren Krug hin.

Gestalten wie diese, Monsieur, habt Ihr als Kind kennengelernt, als man Euch auf Befehl Eures Vaters durch die Küche in den Keller führte, um Euch von Eurer Angst vor Ratten zu kurieren. Immer beschäftigt, immer beladen mit Körben und Becken drehten sie sich um, wenn Ihr vorüberkamt, warfen Euch Kusshände zu und träumten davon, dass ihr Mann ihnen ein ebenso schönes Kind machen sollte, wie Ihr es wart.

Die Frau, die Batiste Wasser anbietet, ist pummelig. An der Art, wie ihre Röcke an ihren Beinen kleben, erkennt man sofort, dass sie weder Hose noch Unterrock trägt. Ihre Schürze ist mit braunen Schlieren besudelt, ihre Hände sind rot, sie hat Sommersprossen, und ihre Haube ist die einer Bäuerin. Batiste geht auf sie zu. Das Wasser ist lauwarm und schmeckt leicht nach Pilzen.

Als er sich den Mund abwischt, lächelt die junge Frau ihn an. »Ich hatte auch schon Streit mit Boniface. Und fast hätte ich meinen Mann verloren. Schon zwei Mal. Er hatte heftigen Durchfall. Wir wussten nicht, dass man das Wasser aus dem Sumpf nicht trinken darf. Inzwischen holt Benoît es nachts aus dem Brunnen beim Schloss. Das darf er zwar nicht, aber hier darf man überhaupt nichts. Das trockene Holz gehört dem König, die Eichhörnchen und Amseln gehören dem König, nur der Regen gehört allen. Wir wohnen in der Hütte mit dem flachen Dach dort drüben. Falls Ihr durstig seid …« Sie senkt den Kopf. »Eigentlich bleibt hier jeder für sich, aber ich helfe nun mal gern.«

Batiste steht nur einen Schritt von ihr entfernt und betrachtet sie. Sie weiß es noch nicht, aber er, er weiß es ganz genau.

Sie hebt die Augen. Sie hat dichte, blonde Wimpern in einem Puppengesicht, das aussieht wie von Kinderhand gezeichnet. »Ich heiße Mathilde.«

Mathilde rupft das Geflügel für Königin Maria Theresia, die Frau des Königs, die man die Spanierin nennt. Ihre Dienerinnen und Hunde sind gleichermaßen zwergenhaft, sie hat einen drolligen Akzent und bekleckert sich zu jeder Tageszeit mit heißer Schokolade. Wenn der König sich mit seiner Familie im Schloss aufhält – was nicht häufiger als zweimal im Monat vorkommt, weil er hauptsächlich im Louvre oder in Saint-Germain Hof hält –, rupft Mathilde im Schnitt etwa fünfzehn Hühner, Fasanen, Gänse, Enten und Perlhühner je Mahlzeit, hinzu kommen Wachteln, Ammern, Drosseln und Ringeltauben während der Saison. Sie erklärt Blanche, die immer alles wissen will, dass Versailles kein Palast ist, sondern ein »Hof der Wunder« – ein Cour des Miracles –, tatsächlich eine Räuberhöhle und ein Bordell. Blanche kennt solche Höfe, denn der Pate von Batiste wohnt in einem Elendsviertel, und einmal hat Blanche ihn besucht und mit den Kindern gespielt, die er dort zum Betteln dressiert.

An einem Feuer aus Torf und trockenen Blättern, nachdem Mathilde mit den Neuankömmlingen eine wässrige, stark nach Schlamm schmeckende Linsensuppe geteilt hat, beginnt sie zu erzählen.

Königin Maria Theresia ist blond, fett und dumm. Sie ist hoffnungslos verliebt in ihren Ehemann, den König, der gleichzeitig ihr Cousin ersten Grades ist. Ihr Mann hat sie aus staatspolitischen Gründen geheiratet, arbeitet emsig daran, sie zu schwängern, und betrügt sie ebenso emsig. Seit drei Jahren turtelt er trotz der Entrüstung der Königinmutter mit Louise de La Vallière, die blond, mager und naiv ist, um zu verbergen, dass er mit Henrietta Anne Stuart, der englischen Frau seines Bruders, herumschäkert, die mager, dunkelhaarig und spirituell ist. Herzog Philippe d’Orléans seinerseits schäkert mit dem Chevalier de Lorraine, einem Teufel in Engelsgestalt, der mit seinen zwanzig Jahren bereits mit der Hälfte der Damen und Herren bei Hof geschlafen hat. Der Herzog ist ganz wild auf seinen Chevalier, aber auch auf seine Ehefrau. Und er ist eifersüchtig. Molière behauptet in seinen Komödien, dass es nicht ehrenrührig ist, mit Jupiter zu teilen, aber Monsieur beklagt sich so laut, dass jeder über sein Missgeschick informiert ist und dass gut informierte Leute die königliche Familie mit einem Rudel läufiger Hunde vergleichen.

Blanche zupft Mathilde am Ärmel. »Liebst du den König?«

Mathilde errötet. »Natürlich liebe ich ihn. Er ist jung, er ist der schönste Mann, den ich je gesehen habe, und er ist mein König.«

»Wie jung und schön? Wie Batiste? Oder wie Pierre?«

»Oh nein. Seine Haare glänzen, und wenn er in die Ferne blickt, sieht er aus wie ein Denkmal.«

»Bist du ihm schon einmal begegnet? Kennt er dich?«

»Natürlich bin ich ihm schon begegnet. Jeder kann ihn sehen. Man muss sich nur in den ersten Hof stellen, wenn seine Kutsche kommt. Man sieht ihn auch von hier aus, wenn er die Baustelle besucht oder von der Jagd heimkehrt. Ich habe ihn schon dutzende Male gesehen, aber er hat mich nie bemerkt. Wenn er in das Küchengebäude kommt, dann nur, um nach der besten Möglichkeit zu forschen, wie man Fleisch am Verderben hindern oder frisch Gekochtes über den Hof und durch viele Salons tragen kann, ohne dass es kalt auf den Tisch kommt. Würde ich eine Maschine zum Hühnerrupfen erfinden, würde er sich vielleicht nach meinem Namen erkundigen, denn er interessiert sich für Erfindungen und lässt sich häufig Erfinder vorstellen. Aber so bin ich für ihn keine Person. Ich könnte mich ihm nackt in den Weg stellen, er würde mich nicht sehen.«

Batiste muss lachen. »Ein König ist auch nur ein Mann. Er würde dich deiner Bedeutungslosigkeit überlassen, das ja. Aber erst nachdem er dich flachgelegt hat.«

Madeleine versetzt ihm eine Ohrfeige. »So spricht man nicht vom König. Ein König ist kein gewöhnlicher Mann.«

»Ach ja? Hast du ihn mal nackt gesehen? Was hat er, was wir nicht haben?«

»Er ist geboren, um König zu werden, und er ist es geworden. Er ist mit Chrisam gesalbt und der Stellvertreter des Herrn, um hier auf Erden zu regieren.«

»Und als König im Auftrag Gottes nimmt man sich eine Geliebte und schwängert sie gleichzeitig mit seiner Ehefrau, um zu vertuschen, dass man hinter seiner Schwägerin her ist?«

Madeleine versetzt Batiste einen so heftigen Stoß, dass er bis an die Glut rollt. »Für deine lästerlichen Reden wirst du eines Tages noch im Höllenfeuer schmoren!«

Batiste klopft sich ab und steht auf. »Keine Sorge, darauf bereite ich mich schon vor.«

»Du schläfst heute Nacht im Wald. Das wird dich lehren, Leute zu respektieren, die ein Recht darauf haben.«

Batiste pfeift nach Jesus, beugt die Knie und deutet einen Kratzfuß an. »Herzlichen Dank, liebste Mutter. Ich wünsche dir ebenfalls eine friedliche Nacht.«

Zwei oder drei Stunden später, als der Mond dicht über den Baumwipfeln steht, öffnet er leise die Tür der benachbarten Hütte und tritt ein. Ein donnerndes Schnarchen lässt das Dach aus Zweigen erbeben. Die Luft ist stickig. Weiße Strahlen stehlen sich zwischen den Wandbrettern hindurch und werfen einen fahlen Schein auf zwei Gestalten, die auf dem welken Gras auf dem Boden liegen. Batiste beugt sich zu der kleineren hinab und berührt das Laken, das sie bedeckt. Mathilde richtet sich auf. Er legt ihr die Hand auf den Mund. Unter den Fingern, die sich auf ihre Lippen pressen, lächelt sie. Sanft löst sie sich von ihrem Ehemann, der nach einem kurzen Hicks lauthals weiterschnarcht. Batiste löst seinen Gürtel. Mathilde atmet sehr schnell. Sie zittert ein wenig, macht ihm aber ein Zeichen, näher zu kommen. Sie hat ihr Hemd abgelegt. Ihr heller Körper ist weich und mit Sommersprossen übersät, die wie kleine Inselchen auf ihrem Bauch und ihren Beinen schwimmen. Batiste ist durstig, und sie ist wie süßes Wasser. Er kostet sie ohne Eile. Sie gurrt und bedeckt sie beide mit dem großen Laken.

Nein, Monsieur, ich werde keine Einzelheiten der Unterhaltung preisgeben, die dieser junge Mann und diese Rothaarige aneinandergeschmiegt miteinander führten. Ich kenne Euch. Ihr würdet Feuer fangen, und obwohl Ihr langsam darüber nachdenken solltet, diese Seiten beiseitezulegen, würdet Ihr hundert Vorwände finden, um noch ein wenig länger im Feuer zu verweilen. In Eurem Alter jedoch haben derartige Gefühlswallungen oft ein Fieber zur Folge, das einen Mann ebenso erschöpfen kann wie hundert ausgehungerte Blutegel. Ihr werdet Euch beherrschen müssen, denn um in meiner Begleitung weiter voranzuschreiten, bedürft Ihr eines klaren Kopfes und eines geradlinigen Urteilsvermögens.

Habe ich, der ich Euch schreibe, um Euch nicht zu verlassen, obwohl ich von Euch gehe, einen klaren Kopf und ein geradliniges Urteilsvermögen? Ist es mir in meinem Alter gelungen, meine Gefühle und meine Begierden zu beherrschen?

Wenn ich an die Dinge denke, die ich erlebt habe, glaube ich es. Wenn ich aber an das denke, was mir bevorsteht, bin ich mir nicht mehr so sicher.

Nehmt jetzt Eure Tropfen, Charles. Die in dem braunen Fläschchen in der Schublade Eures Nachttischs. Ich habe Euch schwören lassen, niemandem zu vertrauen, und in den heftigen Umwälzungen, die Euch bevorstehen, wiederhole ich meine dringende Bitte, ausschließlich auf Euch selbst zu hören. Zehn Tropfen. Ein wenig Zucker dämpft den bitteren Geschmack.

Morgen Abend, wenn wir wieder zusammentreffen, werde ich Euch von der Bitterkeit erzählen.

Und von Vertrauen.

Und von Lebensbahnen, die sich nach oben schwingen.

WUSSTET IHR, MONSIEUR, dass eine Frau kein eigenständiges Wesen, sondern ein unvollständiger Mann ist? Dass der weibliche Embryo sich später festigt und formt als der männliche, weil der Samen, der ein Mädchen produziert, schwächer und feuchter ist als ein Samen, aus dem ein Junge entsteht? Dass die menschliche Seele – gemeint ist der vernünftige Teil, der neben dem vegetativen und animalischen Teil existiert – bei Mädchen erst nach achtzig Schwangerschaftstagen entsteht und nicht nach vierzig wie bei den Jungen? Dass der Mann bei der Befruchtung die Gestalt und damit den von Natur aus überlegenen Part bestimmt, während die Frau das Material, den Raum und die Nährstoffe liefert, was als weniger wert gilt? Dass ähnlich wie bei den Haustieren, die minderwertige Wesen sind, deren Leben durch die Anwesenheit des überlegenen Wesens Mensch verbessert wird, die Natur die Beziehung zwischen Männern und Frauen so gestaltet, dass ein Mann höherwertig ist als eine Frau und dass aus diesem Grund der Mann lenkt und die Frau sich lenken lassen muss?

Das wusstet Ihr nicht? Hat Euer Vater, der sein Leben damit verbrachte, seine Geringschätzung der Frauen in Gedanken, Worten und Werken zu dokumentieren, Euch nie von Aristoteles erzählt?

Es ist richtig, dass der Comte nicht viel mit Euch gesprochen hat. Und auch, dass man sich in der Normandie lieber mit dem Anbau von Äpfeln für Cidre als mit griechischem Gedankengut beschäftigt. Ich fürchte, man wird Euch in Paris, wo es sich gehört, dass man jedes Thema von allen Seiten erörtern kann, für einen aufgeschlossenen, aber ungebildeten Menschen halten und Euch gleich nach Eurer Ankunft einen Philosophielehrer andienen. Keine Sorge, der Titel hört sich zwar hochtrabend an, aber für die Funktion dieser Herren, deren Verdienste oft geringer sind, als ihre Überheblichkeit erwarten ließe, gibt es keine klare Definition. Stellt Euch einen Philosophielehrer als einen Mann mit süffisanter Miene und einem umso bleicheren Teint vor, als er mit Zinnweiß gepudert ist. Er trägt einen kleinen Kragen von zweifelhafter Sauberkeit auf einer Soutane, deren Ärmel so weit sind, dass man darin bequem eine Lammkeule verstecken könnte. Sein Metier ist das Schwadronieren, das er gern von einer Kanzel aus vor etwa zwanzig ausgesprochen gut situierten jungen Männern ausübt. Häufig handelt es sich um einen Jesuiten. Er nähert sich seinem Thema mit allerlei Geisteseskapaden, viel rhetorischem Können und erheblicher Anmaßung. Die Jesuiten sind sich ihres zweifellos vorhandenen Talents immer sicher und häufig machtgierig. Die Wahrheit ist ihre Handelsware, sie haben sie gepachtet und verbreiten sie, wenn nötig, mit dem Holzhammer.

Euer Leben auf dem Land hat Euch bisher vor ihren Gesängen verschont, doch bei Hof könnt Ihr Euch dem nicht entziehen. Jedes Mal, wenn Ihr Eure Augen zum Himmel erhebt und Euch fragt, ob Gott wirklich dort oben wohnt oder wie Wolken entstehen, wird sich ein Mitglied der Societas Jesu einfinden, sich Eurer Frage anschließen und Euch zu überzeugen wissen, dass seine Antwort – die er Euch natürlich sofort liefert – nicht nur die beste, sondern auch die einzige und universelle ist. Lauscht aufmerksam. Stimmt ihm vorsichtig zu. Bedankt Euch besonnen. Folgt seinem Rat, und bemüht Euch, Eure eigene Ansicht zurückzuhalten. Die Jesuiten im Allgemeinen und die Philosophielehrer im Besonderen werden Euch nie wirkliches Denken beibringen, sondern Euch nur lehren, was andere schon vor Euch gedacht haben. Die angesehenen Herrschaften, die sie zitieren, werden Euch so viel Respekt abfordern, dass Ihr es kaum riskieren werdet, ihre Ideen in Zweifel zu ziehen.

Und doch könnt Ihr Platon widersprechen, ohne dass Zeus seinen Blitz auf Euch niederfahren lässt, und den Apostel Paulus widerlegen, ohne dass Ihr in der Hölle landet.

Das wagt Ihr nicht?

Ich kenne jemanden, der es in Eurem Alter getan hat.

Einen Adligen? Einen Mann von hoher Geburt?

Ganz und gar nicht. Es ist eines dieser weiblichen Wesen, die laut Aristoteles wegen ihrer besonderen Unvollkommenheit weiblich sind, so wie Männer dank ihrer besonderen Vollkommenheit männlich sind. Ein junges Mädchen von bescheidener, aber ehrbarer Herkunft. Geboren wurde sie in Paris am 22. Juni 1653 als Tochter von François Quentin, genannt La Vienne, und seiner Gattin Louise de Courtin. Nine Philippa Louise. Menschen, die sie lieben, nennen sie Ninon, doch davon gibt es nicht sehr viele, weil Nine es nicht darauf anlegt, geliebt zu werden. Sie schätzt die Einsamkeit und geht nur selten engere Bindungen ein. Auf den ersten Blick ist nichts Besonderes an Nine La Vienne. Sie ist klein und mager und kniet in einem Seitenschiff der Église Saint-Roch, scheint inbrünstig zu beten.

Jetzt fragt Ihr Euch, warum ich Eure Aufmerksamkeit auf sie lenke. Weil in ihren Augen unter der Kapuze ein Feuer brennt, das man nur selten bei ins Gebet vertieften Mädchen von zwölf Jahren sieht. Und weil sie an die Ränder ihres Gebetsbuches mit einer für ihr Alter und ihre Erscheinung erstaunlich festen Schrift nicht etwa die Früchte einer frommen Meditation niederschreibt, sondern die Thesen eines Philosophielehrers – ganz ähnlich dem, den ich Euch eben beschrieben habe –, die er in einer benachbarten Kapelle von sich gibt. Der Mann spricht genau über die erwähnten Themen, über die Perfektion der Männer und die Unvollkommenheit der Frauen. Er zitiert Thomas von Aquin, einen Dominikaner, der um die Zeit von König Louis  IX. gelebt und viele Jahre damit verbracht hat, Kommentare zu Aristoteles zu verfassen. Wie der Grieche ist auch Thomas von Aquin der Meinung, dass die Entwicklung eines weiblichen Kindes entweder einer Schwäche des Samens, einem Fehler im empfangenden Uterus oder einem äußeren Einfluss zu verdanken ist, wie zum Beispiel dem Südwind, der für eine zu feuchte Atmosphäre sorgt. Sensu stricto ist die Geburt eines Mädchens ebenso ein Unfall wie die von Missgeburten wie einem Kalb mit fünf Beinen oder einem Huhn mit Entenschnabel.

Ob diese Entartung der Natur eine Seele hat?

Das hängt davon ab, was man Seele nennt, denn die Seele besteht nicht nur aus einem Ganzen, sondern aus mehreren Anteilen. Da ist zunächst die Vernunft. Man findet sie nur beim Mann; sie stirbt nicht mit dem Körper und hat ihren Sitz im Kopf. Der zweite Teil ist doppelschichtig. Seine obere Hälfte ist der Mut. Er wohnt in der Brust und beflügelt Soldaten. Die untere Hälfte ist die am wenigsten edle Seele – die der Begierde. Ihr Sitz ist der Bauch, und es gibt sie bei beiden Geschlechtern. Frauen können sie allerdings nicht kontrollieren, weil ihre Vernunft den Launen ihres Uterus unterworfen ist. Dort wohnt ein gefräßiges Tier, das, wenn man ihm die Nahrung zur richtigen Zeit verweigert, seine Wut im ganzen Körper ausbreitet, den Durchfluss abriegelt, die Atmung blockiert und für alle möglichen Übel verantwortlich ist. Es ist eine Strafe Gottes. Im Anbeginn der Menschheit attackierte es die Männer, die sich als feige erwiesen hatten und die daraufhin als Frauen in ein zweites Leben wiedergeboren wurden. Damit ist die Frau nicht nur ein missratener, sondern auch ein bestrafter Mann. Für alle Ewigkeit.

Nine La Vienne weigert sich, noch länger zuzuhören. Mit hochroten Wangen zieht sie ihre Kapuze tief in die Stirn und gleitet unbemerkt zwischen den Säulen hindurch zum Ausgang der Kirche. Laut geltendem Gesetz ist ihr lediglich das Studium des Katechismus gestattet; im Übrigen darf sie nur nähen, kochen und haushalten lernen. Sie hätte also gar nicht in der Kirche sein dürfen. Während sie den Kai in Richtung Pont Neuf entlanggeht, beobachtet sie Wäscherinnen, die sich über das Ufer beugen, Korbflechterinnen, die unter einer Plane Schutz gesucht haben, Nadelhändlerinnen, die ihre Ware sortieren, und Entlauserinnen, die sich über struppige Köpfe neigen. Natürlich begegnet sie jeden Tag Frauen, aber nach dem, was sie soeben gehört hat, sieht sie sie mit ganz anderen Augen. Bestrafte Männer. Entartungen der Natur. Auf ihren Uterus reduziert. Peinlichkeiten, deren Schicksal die Unterwerfung ist. Nine beißt sich auf die Lippen. Sie kämpft mit den Tränen. In diesem Augenblick hätte sie ihre Seele verkauft, um mit diesen Weibchen nichts gemein zu haben.

Es ist brütend heiß. Das Wasser der Seine steht niedrig, und die Fähren, die von einem Ufer zum anderen übersetzen, müssen ihre Passagiere in stinkendem Schlamm abladen. Die Kleine bahnt sich einen Weg zwischen den Schiffern hindurch, die mit Brettern die Anlegestege verlängern. Als sie in der Rue Neuve-Montmartre ankommt, hat ihr Gesicht die Farbe eines gekochten Hummers, und sie träumt von einem kühlen Bad. Der Laden ihres Vaters ist blau gestrichen und hat ein Glasdach. Das Aushängeschild aus Metall zeigt drei weiße Becken. Da sie keine Lust hat, den Stammkunden zu begegnen, die sich rasieren oder die Ohren reinigen lassen, nimmt sie den Dienstboteneingang, überquert den erst kürzlich mit Sandsteinen gepflasterten Hof und schleicht sich in den Schuppen, der als Lager dient. Nirgends hält sie sich lieber auf, was an den Strahlen pudrigen Lichts liegt, das durch die Dachluken dringt. Und an der Stille, die man auch pudrig nennen könnte. Und wegen der Düfte. Vom gestampften Lehmboden bis zur Höhe der Heuleiter verschwinden die Wände unter aufgestapeltem Holz und hohen Regalen mit Schachteln, Tiegeln und dicken Hanfsäcken, die mit verschiedenen Mehlen, Blütenblättern, Wurzeln, Gewürzen und Kräutern gefüllt sind. In der Mitte steht ein langer Bauerntisch, auf dem eine ganz neuartige Art von Waage steht. Nine hat auf einem Jahrmarkt gesehen, wie die besonderen Funktionen des Geräts vorgestellt wurden, und ihren Vater überzeugt, es aus England kommen zu lassen, wo es hergestellt wird.

Im Gegensatz zu den hängenden Waagschalen, die überall in Frankreich benutzt werden, verfügt diese Waage über einen gleicharmigen Waagebalken mit Schalen, die über einen Unterbalken auf dem Waagebalken gelagert sind. Man nennt sie Roberval-Waage, weil sie von einem Sire de Roberval konstruiert wurde, der in Wirklichkeit Gilles Personne hieß und in einem finsteren Örtchen namens Roberval als Sohn einer noch finstereren Familie geboren wurde. Er lernte Mathematik, Latein und Griechisch bei seinem Pfarrer und wurde ohne eine andere Unterstützung als die seiner eigenen Intelligenz zu einem anerkannten Wissenschaftler. In Nines persönlichem Pantheon sitzt Roberval zur Rechten des Schöpfergottes, gleich neben dem großen Corneille, der stolz von sich behaupten konnte, dass er seinen guten Ruf nur sich selbst verdanke. Gilles de Roberval lehrt Philosophie am Collège Saint-Gervais, zu dem Nine natürlich keinen Zugang hat. Und genau aus diesem Grund hört sie sich heimlich die hier und da in den Kirchen gehaltenen Vorlesungen an. Weil er es geschafft hat, sich kraft seines Geistes aus dem Nichts zu befreien, will sie studieren, vergleichen, erkunden, experimentieren und erfinden. Nine hat hohe Ziele. Sehr hohe Ziele. Und das mit kaum mehr als zwölf Jahren? Ja. Das Talent dafür besitzt sie, zumindest redet sie sich das ein. Und dafür gibt es Gründe. Einleuchtende Gründe. Und um dieser Gründe willen schiebt sie den Vorhang beiseite, der den Schuppen in zwei Hälften trennt, setzt sich an ihren Schreibtisch aus Pappelholz und öffnet das Ein- und Ausgabenverzeichnis, mit dem sie an Rechenexempeln üben soll, wie ihr Vater das Unternehmen »Bains La Vienne« führt. Sie blättert in dem eng beschriebenen Büchlein, bis sie auf folgende Liste stößt:

Anis, grün (Samen), hustenlösend, gut gegen Blähungen

Artischocke (Blüte), entlastet die Leber, regt die Galle an

Baldrian (Wurzel), fiebersenkend, krampflösend

Bärentraube (Blätter), gegen Blasenentzündung

Beifuß (Stängel, Wurzel), gut als Tee

Eibisch (Blüten, Wurzel), entzündungshemmend, heilend

Eisenkraut (Blätter), leberunterstützend, beruhigt überreizte Nerven

Engelwurz (Wurzel, Samen), verdauungsfördernd, schweißtreibend, harntreibend

Enzian (Wurzel), Stärkungsmittel

Faulbaum (Rinde), Abführmittel

Fenchel (Frucht, Wurzel), hustenlösend, krampflösend

Flockenblume (Blätter), verdauungsfördernd

Johanniskraut (Blüten), gegen Blutergüsse, wundheilungsfördernd

Kamille (Blüten), gegen Krämpfe, Schmerzen, Entzündungen, Wunden

Klette (Wurzel), schweiß- und harntreibend, fördert die Wundheilung

Knoblauch (Knolle), gegen Würmer, entkrampfend, stärkt den Gemütszustand

Lavendel (Blüte), beruhigend

Lorbeer (Blätter, Früchte), harntreibend

Malve (Blätter, Blüten), hustenlösend, entzündungshemmend

Melisse (Blätter, Blüten), beruhigend, krampflösend

Meerrettich (Wurzel), desinfiziert

Mohn (Blüten), schlaffördernd

Nieswurz (Rhizom), pulsregulierend

Osterluzei (Stängel, Wurzel), entzündungshemmend

Purpurfingerhut (Blätter), herzstärkend, harntreibend

Tollkirsche (Blätter, Wurzel), krampflösend

Passionsblume (Blüten), krampflösend

Pomeranze (Blüten), stimuliert den Magen

Quecke (Rhizom), harntreibend, desinfizierend

Salbei (Blüten), adstringierend, entzündungshemmend

Schöllkraut (Wurzel), beruhigend, schmerzlindernd

Schwarze Johannisbeere (Blätter), harntreibend

Steinklee (Blüte), gegen Muskelverhärtungen

Thymian (Stängel, Blätter), leberunterstützend, krampflösend

Weinraute (Blüten), gegen Menstruationsbeschwerden

Wurmfarn, männlich (Rhizom), gegen Würmer

Zichorie (Wurzel), unterstützt die Leber

Nichts von alledem gibt eine Handhabe zur Unterdrückung der monatlichen Regelblutung. Dabei geht es nicht darum, die Menstruation für einige Monate oder Jahre zu bezwingen, sondern sie radikal und für immer zu beseitigen. Nines Überlegungen führen lediglich die Logik dessen fort, was sie in der Église Saint-Roch gehört hat. Wenn es stimmt, dass der Uterus der Grund für alle weiblichen Übel ist, dann muss man dieses gefährliche Organ lediglich unschädlich machen, um dem Los der Weiblichkeit zu entgehen. Am besten, indem man es stilllegt. Die wildesten Tiere kann man abrichten oder gar zähmen, daher muss es doch sicher eine Möglichkeit geben, dem Tier, von dem der Philosoph gesprochen hat, einen Maulkorb anzulegen.

Schon seit mehreren Jahren trägt Nine alle Rezepturen zusammen, die sie von Apothekern in Erfahrung bringen kann. Da sie keinen Arzt kennt, der bereit wäre, sein Wissen mit einem jungen Mädchen zu teilen, geht sie auf Märkte und Jahrmärkte, spricht regelmäßig mit Heilkundigen und schreibt sich deren Arzneimittel auf. Es gibt ganze Legionen solcher von der Fakultät höhnisch belächelten Heiler, deren Methoden auf Erfahrungen beruhen und von denen sich die kleinen Leute behandeln lassen, die das Geld für einen studierten Arzt nicht aufbringen können. Da gibt es Spezialisten, die Nine zeigen, wie man ausgerenkte oder gebrochene Knochen richtet, und Heiler, die sie lehren, aus dem Urin eines Kranken dessen Übel zu erkennen und es richtig zu behandeln. Bisher hatte sie noch nie Gelegenheit, einem Wundarzt bei einer Operation zuzuschauen, aber sie hat erfahren, dass Leistenbrüche und geschwollene Lebern geheilt werden können, indem man einen oder manchmal auch beide Hoden entfernt. Diese Behandlung eignet sich besonders für Mönche, die manchmal gleichzeitig unter schmerzhaften Krankheiten und den Qualen leiden, die ihre Fortpflanzungsorgane ihnen bereiten.

Mit gerunzelten Augenbrauen blättert Nine durch die Seiten ihres Heftes. Kakao ist ein ausgesprochen vielseitiges Mittel: Heiß und mit Gewürzen getrunken erleichtert er die Verdauung, hilft bei Brustübeln und weckt die Lebensgeister und die Liebeslust. Er stärkt die Gliedmaßen, reinigt die Haut, indem er die darunter befindliche Feuchtigkeit austrocknet, und verleiht dem gesamten Körper einen angenehmen Geruch. Er heilt Krätze und verdorbenes Blut, Migräne und Wassersucht. Leider wirkt er nicht gegen die Monatsblutung der Frauen, sondern scheint sie sogar zu fördern. Ein Präparat auf Birnenbasis wäre vielleicht sinnvoller. Nicht mit gezüchteten Kulturbirnen, die lediglich den Magen stärken, sondern mit wilden Birnen, deren Name auf ein griechisches Wort zurückgeht, das im Lateinischen mit strangulare – zuschnüren – übersetzt wird. Wenn man diese Frucht kaut, zieht sie einem den Mund und die Kehle so stark zusammen, dass man zu ersticken glaubt. Man müsste sie zermahlen, mit reinigend wirkenden vierblättrigen Kleeblättern und mit Quecksilbersalbe zur Behandlung von Geschlechtskrankheiten mischen und in den Uterus einbringen. Nine weiß nicht, wie ein Uterus aussieht, doch möglicherweise würde die adstringierende Wirkung der Mischung den gewünschten Erfolg bringen. Birnen sind nicht teuer, doch es ist schwierig, das sehr teure Quecksilber zu beschaffen. Da Nine selbst kein Geld besitzt, muss sie ihren Vater fragen.

An jenem Montag um diese Stunde denkt François La Vienne gerade angestrengt nach. Über Badeöfen, die mit jedem Winter ausgeklügelter werden. Über die Einrichtung der Ruheräume, die seine Kunden jedes Mal wieder überraschen sollen. François La Vienne ist Barbier und Bader, und sein Geschäft ist das berühmteste in ganz Paris. Wundert Euch nicht, Monsieur – ein Barbier in Paris ist von einem ganz anderen Schlag als der Dummkopf, der Euch sonntagmorgens die Wangen einschäumt. Er verfügt zwar nicht über ein Chirurgendiplom, und die Fakultät verbietet ihm das Tragen von Doktorhut und Robe, aber unter der Fahne des heiligen Lukas ist er ein äußerst angesehener Mann und führt das Rasiermesser ebenso geschickt wie das Skalpell, mit dem er Furunkel, Karbunkel, Beulen und Milzbrand behandelt. Als geschickter Barbier erwirbt er sich schnell eine Stammkundschaft. Sein Name ist in aller Munde. Er eröffnet ein Geschäft in der Nähe des Louvre, um näher am Zentrum der Macht zu sein. Ein Händler führt ihm einen Bankier zu, der ihn wiederum an einen Parlamentarier weiterempfiehlt, der sein Loblied bei einem Staatssekretär singt, und weil er einerseits schweigt wie ein Grab, aber gleichzeitig aus der Masse hervorsticht, findet der gute Mann sich eines Tages im Umfeld des Throns wieder.

Genau so haben es die Brüder Quentin gemacht. Ihr Aufstieg war geradezu beispielhaft. Ihre Familie stammte ursprünglich aus der Bretagne, hatte sich jedoch bereits vor zweihundert Jahren in der Touraine niedergelassen. Eigentlich wenig bemerkenswerte Leute. Die beiden Jungen, die uns interessieren – François, der Vater von Nine, und sein jüngerer Bruder Jean –, wurden in La-Celle-Saint-Avant in der Nähe von Loches geboren. Nachdem ihr Vater an einem Knoten in der Kehle gestorben war, übersiedelten sie mit ihrer Mutter Antoinette, geborene Binet, zum Großvater. Der alte Binet war Perückenmacher und lebte in der Rue Neuve-des-Petits-Champs Nummer 23 ganz in der Nähe des Palais-Royal, den Ihr, Monsieur, demnächst kennenlernen werdet. Die Werkstatt von Großvater Binet existiert noch heute. Ich rate Euch an, dort einmal hinzugehen, denn nirgends hat man das Ohr näher am Pulsschlag der Macht. Minister, Beamte, Vertraute des Königs, die Gespielen seines Bruders, große Künstler, edle Damen, falsche Freunde und echte Feinde treffen sich dort mitten in der Stadt. Man trinkt Wein aus der Champagne, wählt Haarteile und Masken aus, und vor allem unterhält man sich mit einer Ungezwungenheit, die Ihr bei Hof nie und in den Salons nur selten finden werdet. Von dieser Wohnung aus, die sich in der ersten Etage eines Mietshauses befindet, dessen Erdgeschoss heute ein Kerzengeschäft beherbergt, nahm der Aufstieg der Brüder Quentin seinen Ausgang. Das Barbierhandwerk erlernten sie von selbst, denn Schere und Rasiermesser sind verwandte Gegenstände. Niemand kann sich einen Perückenmacher vorstellen, der nicht in der Lage wäre, seine Kunden auch zu rasieren. Jean, der jüngere Bruder, war nicht sehr einfallsreich, hatte aber geschickte Hände und das Auftreten eines Höflings. Er verlegte sich darauf, allen zu Gefallen zu sein, die seine Karriere unterstützen konnten, und war darin sehr erfolgreich. Seine Kunden wurden zu Förderern, die Förderer erwähnten ihn in hohen Kreisen, die königliche Familie wurde aufmerksam. Der Barbier und Perückenmacher Jean Quentin katzbuckelte sich ganz nach oben und wurde wohlhabend.

Der drei Jahre ältere François liebte die Ruhe und seine Freiheit. Ohne großen Luxus bequem zu leben und niemanden um etwas bitten zu müssen erschien ihm deutlich erstrebenswerter als das Schicksal der ewig Gierigen, die um den Thron scharwenzelten und um eine Gnade nach der anderen bettelten. Als sein Bruder ihm vorwarf, zu wenig Ehrgeiz an den Tag zu legen, antwortete er, dass es ihm unwichtig sei, eine Menge Geld anzuhäufen, aber dass er gern etwas tun würde, was ihm gefiele. Er war ein guter Kerl, etwas rau, groß, breit, mit schwarzem Haar und schwarzen Augen und verglich sich selbst gern mit einem Bären – allerdings einem Bären, der weiß, was er will.

Als er hörte, wie die Kundschaft von Binet sich darüber beschwerte, dass man nirgendwo eine Badestube finden könne, wo man sich in ebenso netter Gesellschaft unterhalten könne wie beim Perückenmacher, machte er sich kundig und wagte das Abenteuer.

Ein Abenteuer war es tatsächlich. Zunächst einmal musste man den Mut haben, gegen den Strom zu schwimmen, denn seit mehr als einem Jahrhundert wurde propagiert, dass Bäder sowohl für den Körper als auch für die Seele schädlich seien. Zuzeiten von König François I. hatte niemand Angst vor dem Wasser. Man genoss es und tauchte gern ins kühle oder warme Nass. Edle Damen und Herren ließen sich von ihren Domestiken baden, und an schönen Tagen taten sie es dem Volk gleich und suchten ihr Wohlbefinden in den Flüssen. Männer, Frauen und Kinder badeten sowohl zu Hause als auch draußen allesamt nackt, und wenn Augen oder Hände einmal auf Abwege gerieten, wandte Gott lächelnd den Blick ab. Der Kirche missfiel es, dass die Menschen sich so unschuldig vergnügten wie im Paradies vor dem Sündenfall. Sie verbreitete die Behauptung, dass im Wasser die Pest übertragen würde. Dabei sollte es angeblich nicht einmal nötig sein, davon zu trinken – schon wenige Tropfen auf die Hände würden genügen, das Übel über die Poren direkt ins Blut zu übertragen. Weil die Leute große Angst vor Ansteckung hatten, ließen sie sich leicht davon überzeugen, dass jede Art von Bad die unterschiedlichsten Krankheiten überträgt. Eine dicke Schmutzschicht sollte, so glaubte man, vor Ausdünstungen schützen, die angeblich vom Wind, von Tieren und vom Atem Sterbender übertragen wurden. Warmes Wasser hingegen stand im Ruf, die Haut, die Gliedmaßen und das Temperament aufzuweichen, die Manneskraft zu schwächen und den Körper verletzbar zu machen.

Hinzu kam, dass die Geistlichkeit die Unmoral in den Bädern anprangerte, wo sich Personen beiderlei Geschlechts in verdächtig undurchschaubaren Dunstschwaden aufhielten. Das Misstrauen im Volk wuchs, und die öffentlichen Bäder schlossen eines nach dem anderen. Zu dem Zeitpunkt, als François Quentin beschloss, die Herausforderung anzunehmen, gab es in Paris nur noch drei Einrichtungen, die man als öffentliches Bad hätte bezeichnen können. Das erste war ein als Massagesalon getarntes Bordell, in dem man zwar mit allerlei Flüssigkeiten in Berührung kam, wo man sich aber mit Sicherheit auch die Syphilis holte. Das zweite lag in der Rue du Cimetière Saint-Nicolas und besaß keine Becken, sondern lediglich Holzbottiche. Das Wasser dort war höchstens lauwarm, und die Bürsten gingen von Hand zu Hand, ohne zwischendurch gereinigt zu werden. Ein adeliger Herr hätte keinesfalls seinen Fuß in dieses Etablissement gesetzt. Das dritte Bad war sehr groß, aber schlecht eingerichtet. Es befand sich in der Rue Neuve-Montmartre, nur wenige Schritte vom Seine-Ufer entfernt, und Nines Vater beschloss, es zu kaufen. Damit kam gleich die nächste Herausforderung ins Spiel.

Ein Badehaus muss sich in der Nähe eines Fließgewässers befinden, damit man die Becken fluten und ausspülen kann. Handelt es sich bei diesem Gewässer jedoch um einen Fluss, der zeitweilig Hochwasser führt, muss es weit genug vom Ufer entfernt liegen, um nicht überschwemmt zu werden. Das von François gewählte Badehaus war vom Fluss lediglich durch einen ständig überschwemmten Streifen Land getrennt. Im Sommer wimmelte der Schlamm von Mücken und Fröschen, im Winter rutschte man auf dem Eis aus. Nines Vater verpfändete das Einkommen der nächsten fünf Jahre bei einem Geldverleiher, kaufte die Einrichtung samt aller Möbel, Geräte, Grundstücke und Anbauten und krempelte die Ärmel auf. Er legte Rohre um und installierte neue Zu- und Abflüsse, mit deren Hilfe er einerseits sein Grundstück trockenlegte und andererseits die Strömung der Seine benutzen konnte, um seine Becken zu füllen, zu leeren und zu reinigen. Er baute drei Öfen, mit denen er drei Wannenreihen heizen konnte, sowie ein gekacheltes Becken zur »Abkühlung«. Danach meldete er sein Geschäft unter dem Namen »Bains La Vienne« an, weil er am Ufer der Vienne seine große Liebe gefunden hatte. Gleich darauf hielt er um die Hand von Louise de Courtin an, die ihm sowohl vom Charakter als auch vom Äußeren her etwa so ähnlich war wie eine Taube einem Wildschwein. Trotzdem war sie die einzige Frau auf der Welt, mit der er leben wollte.

Louise entstammte dem niederen Landadel aus der Gegend um Poitiers und hatte ihre Kindheit damit verbracht, auf die Liebe zu warten, wie man auf den Sonnenaufgang wartet – ohne Hast und ohne Unruhe. Antoine de Courtin, ihr Zwillingsbruder, der ebenso blond und zierlich war wie sie, hielt sich nicht gern in der Sonne auf und zog der Gesellschaft von heiratsfähigen Fräulein diejenige von Stallknechten vor. Trotz seines eher deftigen Umgangs arbeitete er an einem Buch über zwischenmenschliche Höflichkeit. Louise pflegte mit ihm am Ufer der Vienne spazieren zu gehen und seinen Erklärungen zu lauschen, weshalb Sauberkeit ein wichtiger Bestandteil des Anstands ist und mehr als alles andere dazu dient, den Geist und die Tugend einer Person zu erkennen.

Und so kam es, dass Louise eines schönen Morgens im Frühling zum ersten Mal im Leben einen nackten Mann sah. Ohne sich um mögliche Zuschauer zu kümmern, schüttelte er sich laut lachend mit zurückgelegtem Kopf und weit geöffneten Armen im Wasser. Überrascht, aber nicht ängstlich, zumal ihr Bruder den Hals reckte, um den Badenden besser sehen zu können, bewunderte Louise dieses freie Lachen, das Fröhlichkeit und Gesundheit ausstrahlte. Der Mann stieg aus dem Fluss. Louise musterte ihn bedächtig und mit Vergnügen von unten nach oben, und als ihr Blick das Gesicht erreichte, war sie bezaubert und äußerst angetan. Der Unbekannte blieb wie angewurzelt im Schilf stehen und erwiderte ihren Blick. Louise kehrte in ihr Herrenhaus zurück und erklärte ihrer Großmutter, dass sie nur diesen und keinen anderen Mann heiraten wolle.

Einige Jahre vergingen. Antoine de Courtin übermittelte Briefe und Nachrichten und bedauerte, dass sich das große, braune Tier mit dem ansteckenden Lachen für seine Schwester und nicht für ihn entschieden hatte. Louise lehnte vier vorteilhafte Partien ab. Dann starb die Großmutter. François Quentin begab sich zum Gutshaus, um sein Beileid auszusprechen. Man signalisierte ihm, dass man nur ihn allein liebe, aber dass ein Ehemann verpflichtet sei, seiner besseren Hälfte ein anständiges Leben zu ermöglichen. Er schwor, Tag und Nacht zu arbeiten, um dieses Ziel zu erreichen. Tatsächlich arbeitete er Tag und Nacht, kehrte als stolzer Besitzer eines nagelneuen Badehauses zurück und wurde zu seiner eigenen wie auch zur großen Freude seiner Verlobten dafür belohnt.

Die Turteltäubchen verbrachten ihren Honigmond in der heimatlichen Touraine und kehrten in mehreren Etappen mit dem festen Vorsatz in die Hauptstadt zurück, aus den »Bains La Vienne« den beliebtesten Treffpunkt von Paris zu machen. Es war Ironie des Schicksals, dass sie die Stadt in den letzten Augusttagen des Jahres 1648 erreichten, just als die Aufstände der »Fronde« gegen die Monarchie überall wie Zunder aufloderten.

ICH GLAUBE KAUM, Monsieur, dass man Euch über die Umstände des Aufruhrs berichtet hat, den man »Fronde« nennt. Noch viel weniger hat man Euch wahrscheinlich erklärt, dass die Geschichte der jetzigen Regierung und Eure eigene Geschichte ihre Wurzeln in diesen vier blutigen, beschämenden Jahren voller falscher Einigungen haben. Die Unwissenheit, in der man Euch beließ, hat ihren Grund darin, dass sich der schöne Emmanuel de Cholay – Euer Vater – damals nicht auf die richtige Seite geschlagen hatte. Der König hat ihm zwar verziehen, aber er hat es nie vergessen.

Ihr müsst wissen, dass der König niemals etwas vergisst. Zwei Tage, zwei Monate oder zwanzig Jahre später erinnert er sich noch einer Bewegung, eines Wortes oder gar eines Blickes. Er kennt auch das Timbre Eurer Stimme, den Namen Eures Beichtvaters, den Eures Hundes, weiß, ob Ihr beim Lachen den Mund öffnet, welchen Dienst Euer Urgroßvater für den Thron geleistet hat und womit er dafür belohnt wurde. Wenn es Euch gelingt, seine Neugier zu wecken, die ständig unter einem gleichgültigen Äußeren lauert, wenn Ihr seine künstlerische Empfindsamkeit berührt, die seine ehrlichsten Gefühle nährt, wenn Ihr es schafft, durch eine mutige Tat oder Dienstbarkeit seine Wertschätzung zu erreichen, so wird er Euch vorteilhaft im Gedächtnis behalten und Euch mit der Freundlichkeit behandeln, die er seinen loyalsten Dienern vorbehält. Wenn er Euren Blick jedoch für zu lebhaft, Eure Stirn als zu hoch und Eure Äußerungen als zu scharfzüngig empfindet, wenn Ihr zu geschickt zu Pferde sitzt, zu angenehm Gitarre spielt, zu hübsche Verse schmiedet und Euch die Herzen anderer Menschen zu leicht zufliegen, wenn er spürt, dass Euer Geist zu frei und Eure Seele zu stolz ist, um ihm und seinem Thron Ergebenheit zu zollen, dann wird er Euch aus Rücksicht auf diejenigen, die Euch empfohlen haben, zwei- oder dreimal zunicken und Euch danach nicht mehr kennen. Denkt daran, wenn Ihr ihm vorgestellt werdet.

Die »Fronde« ist ein Theaterstück, eine mit Schießpulver geschriebene Tragödie, die von illustren Persönlichkeiten des Königreiches auf einer recht willkürlich zusammengezimmerten Bühne aufgeführt wird.

Ihr habt noch nie ein Theaterstück gesehen?

Nun, das wird sich bald ändern. Da, wo man Euch erwartet, werdet Ihr sogar jeden Tag eines sehen, und oft werden sie demjenigen ähneln, von dem ich Euch jetzt berichte. Seid Ihr bereit?

Als der Vorhang sich hebt, ist Louis XIV. zehn und sein Bruder Philippe d’Orléans acht Jahre alt. Königinmutter Anna sieht sie jeden Tag, liebt sie und kennt sie besser, als es bei Müttern ihres Ranges sonst üblich ist. Kardinal Mazarin, ein Meister der Intrige und politischer Magier, der vom Adel, der Bourgeoisie und dem Volk gleichermaßen gehasst wird, ist Pate, Mentor und regierender Minister des noch unmündigen Königs. Der Dreißigjährige Krieg hat Frankreichs Schatzkammern geplündert. Um sie wieder zu füllen, erhöht Mazarin die Handelssteuer, die Grundsteuer und die Vermögenssteuer und setzt die Einkünfte für Ämter in der Regierung auf vier Jahre aus. Man kann diese Ämter als Gunstbeweis des Königs erhalten, doch sie verkaufen sich auch gut, weil damit die Erhebung in den Adelsstand und ein jährliches Einkommen verbunden ist. Die Parlamentarier, die ihre Einkünfte dahinschwinden sehen, rufen zum Widerstand auf. Das Volk begreift zwar nichts von diesen Dingen, aber wie jedes Mal, wenn es heiß wird und man um die Zukunft fürchtet, werden in Paris Barrikaden errichtet.

Durch solche rings um den Palais-Royal – damals hieß er noch Palais Mazarin – errichteten Barrikaden mussten François und Louise La Vienne sich einen Weg bahnen, um ihre neue Wohnung zu erreichen. Louise hat noch niemals Bewaffnete und erst recht noch keine blutenden Männer gesehen. Das Gebrüll der Fanatiker auf der Jagd nach dem Justizminister, dem unglücklichen Chevalier Séguier, und der Brand im Hôtel de Luynes, wohin er sich geflüchtet hatte, ängstigen sie sehr. Ihr Gatte versicherte ihr, dass die Unruhen nur von kurzer Dauer seien und den Erfolg ihres Unternehmens nicht beeinträchtigen würden. Er versprach ihr auch, dass sie nie wieder Angst zu haben brauche. Zwar ahnte er, dass er sie anlog, doch er wusste noch nicht, wie sehr.

Der nächste Vorhang öffnet sich auf eine Winterlandschaft. Es ist Januar, die Nacht vor Dreikönig. Den Pferden vor den Tuilerien hat man die Nüstern verbunden und die Hufe in Tücher gewickelt. Königinmutter Anna, die beiden königlichen Prinzen, der Kardinal, Kammerdiener, Ärzte, Beichtväter, Hofdamen, Offiziere des königlichen Hauses, die zuständigen Beamten für Zimmer, Garderobe, Nahrung, Musik, Hunde und Vögel drängen sich starr vor Kälte unter feuchten Decken in mehreren Kutschen. Ein Geisterzug ohne Fackeln und Trommeln durchquert eilig und stumm die Vorstädte, um Schloss Saint-Germain-en-Laye noch vor Tagesanbruch zu erreichen. Ziel dieses Manövers ist ein Rundumschlag. Die vier unabhängigen Kammern hatten eine Charta zur Erhaltung ihrer feudalen Privilegien aufgesetzt, die Mazarin ursprünglich akzeptieren wollte. Die Regentin jedoch lehnt es ab, sich Gesetze diktieren zu lassen.

Louis II. de Bourbon-Condé, den man auch »le Grand Condé« nennt, achtundzwanzig Jahre alt, dürr wie eine Bohnenstange, mit brennendem Blick und dem Profil eines Raubvogels, ist ein militärisches Genie und Cousin ersten Grades des Königs. Er findet die Unverfrorenheit der Parlamentarier unerträglich und die Unterstützung, die einige Herren des Hochadels ihnen gewährt hatten, unzulässig. Er hat die Siege von Rocroi und Lens errungen, die Frankreich im Dreißigjährigen Krieg in Vorteil brachten. Sein Ansehen ist immens, sein Streben nach Ruhm desgleichen. Er bietet dem jungen König seine Dienste an, um diejenigen zu bekämpfen, die ihm trotzen. Gewitzt verspricht Mazarin ihm den Vorsitz im Rat, sobald er die Revolte niedergeschlagen hat.

Nachdem der König Paris verlassen hat, übernimmt Condé das Kommando über die Truppen, verstärkt sie mit viertausend deutschen Söldnern, die er ordentlich aufhetzt, und belagert die Hauptstadt mit zehntausend Mann. Innerhalb der Stadtmauern beschließt das Parlament, den Kardinal zu bannen. Der Hochadel erkennt die Möglichkeit, gleichzeitig die eigenen Interessen zu verwirklichen und Ruhm und Ehre zu erlangen, und sammelt sich unter der Fahne der Herzogin von Longueville, der Schwester des Grand Condé. Anne Geneviève de Condé ist dreißig Jahre alt, blond, hat veilchenblaue Augen, ebenso viel Geist wie Ehrgeiz und ebenso wenig Moral wie Skrupel.

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