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Das Schloss der Träume

1. KAPITEL

Die Zeit schien stillzustehen. Alannah hätte schwören können, dass sich die Zeiger der großen Standuhr, seit sie hier saß, überhaupt noch nicht bewegt hatten. Sie standen noch immer in exakt der gleichen Position wie bei ihrem letzten Blick darauf.

Es kam ihr so vor, als hätte sie bereits den ganzen Tag hier verbracht. Doch tatsächlich schienen erst ein paar Minuten vergangen zu sein, seit sie hereingekommen war und sich in den abgenutzten Sessel in der Mitte des Zimmers gesetzt hatte.

Von hier aus hatte sie die Tür gut im Blick. Durch die Milchglasscheibe konnte sie sehen, wenn sich jemand näherte. Sie war bereit für den Moment, in dem sich die Tür öffnen und der Mann, den sie erwartete, das Zimmer betreten würde.

Der Mann, den sie erwartete? Den sie fürchtete, traf es eher. Alannahs grüne Augen verschleierten sich.

Sie schüttelte den Kopf, sodass ihr das rotgoldene Haar über die Schultern strich. Einzelne Strähnen hatten sich seit dem Morgen aus dem schwarzen Haarband gelöst. Mit dem Handrücken rieb sie sich über die Augen und versuchte vergeblich, ihre Müdigkeit und die Anspannung zu vertreiben.

Sie sah blass aus. Die Strapazen und Sorgen der vergangenen Tage hatten ihr die letzte Farbe aus dem Gesicht getrieben, und endlose Tränen hatten ihren Augen das Strahlen genommen. Ihren feinen Zügen sah man nur zu deutlich an, dass sie eine schreckliche Woche hinter sich hatte. Die schlichte Jeans und das schwarze langärmlige T-Shirt unterstrichen diesen Eindruck noch.

Beim Anziehen war sie mit den Gedanken ganz woanders gewesen. Und sie hatte auch weder Zeit noch Muße gehabt, sich mit irgendeinem Make-up zu beschäftigen, bevor sie am Morgen das Haus verlassen hatte. Stattdessen hatte sie alles darangesetzt, ihre unter Schock stehende Mutter wohlbehütet bei deren Schwester unterzubringen. Da war ihre persönliche Schönheitspflege zweitrangig gewesen.

Was spielte das auch noch für eine Rolle? Dem Mann, den sie hier gleich treffen würde, war es ohnehin egal, wie sie aussah oder wie sie gekleidet war. Es war ihm sicher nicht einmal recht, sie überhaupt hier zu sehen. Und er würde wahrscheinlich noch weniger erfreut sein, wenn er hörte, was sie ihm zu sagen hatte.

„Natürlich, Señor Marcin …“

Der Klang des nur allzu vertrauten Namens ließ sie aufschrecken. Und die lärmende Betriebsamkeit auf der anderen Seite der Tür bestätigte ihren Verdacht. Wann und wo auch immer Raul Marcin auftauchte, herrschte sofort Lärm und Hektik. Alles um ihn herum schien in Aufruhr zu geraten, und seine Autorität ausstrahlende Präsenz beherrschte die gesamte Atmosphäre.

Es hatte eine Zeit gegeben, in der Alannah diese Atmosphäre genossen hatte. Sie hatte sich mitreißen lassen von der Welle aus Energie und Kraft, die Don Raul Esteban Marquez Marcin ständig vor sich her schob. Doch diese Zeiten waren vorbei. Sie war aus seiner Welt geflohen und hatte alles hinter sich gelassen, was dazugehörte.

Und darüber war sie froh.

Es war zwar eine Welt voller Geld und Luxus gewesen, aber auch eine Welt eiskalter Macht und noch kälterer Berechnung. Don Raul Marcin benutzte andere Menschen, ohne Rücksicht auf deren Gefühle zu nehmen.

So hatte er sich auch ihr gegenüber verhalten. Und er hätte sie weggestoßen, nachdem sie ihren Zweck erfüllt gehabt hätte, daran bestand keinerlei Zweifel. Glücklicherweise war sie rechtzeitig dahintergekommen. Damit hatte sie ihrem verwundbaren Herzen einen großen Gefallen getan. Sie hatte das Ganze beendet, bevor die albernen Gefühle, die sie sich erlaubt hatte, ihr Herz vollkommen beherrschten. Sie war geflohen, so weit und so schnell sie konnte, hatte sich nicht mehr umgedreht und hatte Raul Marcin niemals wiedersehen wollen.

Und genau so hätte es auch bleiben sollen. Nur dass sie jetzt keine andere Wahl hatte. Sie musste Raul Marcin noch einmal gegenübertreten. Und sie musste ihm Dinge sagen, die er garantiert nicht hören wollte.

„Wenn Sie bitte hier warten würden …“

Die Tür wurde aufgestoßen, und Alannah hätte schwören können, dass im gleichen Moment eine greifbare Spannung den Raum erfüllte. Eine ungeduldig klingende Männerstimme murmelte einige Dankesworte.

Mit einem Anflug von Verärgerung bemerkte Alannah, dass sie sich mit den Händen durchs Haar gefahren war und ihr T-Shirt glatt gestrichen hatte. Auf keinen Fall sollte er denken, dass sie sich für ihn herrichtete. Oder dass es ihr wichtig war, was er von ihr dachte. Früher einmal hatte das eine Bedeutung für sie gehabt. Früher einmal hatte sie alles dafür getan, dass er sie ansah und dabei lächelte, mit Verlangen in den Augen. Heute war sein Verlangen das Letzte, was sie sich wünschte.

„Ich werde mich sofort darum kümmern.“

Gracias.“ Der dunkle Klang dieser Stimme jagte ihr eine Gänsehaut über den Rücken. Doch sie würde es sich nicht erlauben, irgendetwas zu empfinden. Nicht mehr. Nicht nach allem, was geschehen war.

Alannah hörte, wie er den Raum betrat, fühlte seine Anwesenheit, traute sich aber nicht, den Kopf zu heben und ihn anzusehen. Ihre nervöse Unruhe steigerte sich fast zu körperlichem Schmerz. Sie starrte auf das grau-grüne Muster des abgetretenen Teppichs zu ihren Füßen.

Perdón!“

Er hatte ihre stumme Anwesenheit wahrgenommen, und sie sah aus dem Augenwinkel, dass er reglos stehen blieb und sein Körper sich anspannte. Obwohl sie sein Gesicht nicht sehen konnte, spürte sie, wie sich seine Haltung veränderte, von höflicher Rücksichtsnahme hin zu Erkennen, zur Erkenntnis, dass …

„Alannah?“

Oh Gott, sie hatte vergessen, wie sehr es sie stets durcheinander gebracht hatte, wenn er ihren Namen sagte. Sein harter Akzent und die Art, wie seine Stimme sie umhüllte, versetzten ihrem Herzen einen Stich.

„Alannah?“

Nun musste sie ihn ansehen. Sie hatte keine andere Wahl. Andernfalls würde er merken, dass er sie nervös machte. Und das durfte auf gar keinen Fall passieren.

Alannah musste zugeben, dass ihre Reaktion auf ihn sie selbst überraschte. Sie hatte sich eingeredet, dass es für sie kein Problem sei, ihn zu treffen, mit ihm zu sprechen und dann wieder ihrer eigenen Wege zu gehen. Ihr Leben, das sie sich hier in England nach ihrer Trennung aufgebaut hatte, weiterzuleben, als wäre sie Raul nie wieder begegnet. Schließlich fühlte sie sich hier frei und unabhängig und würde es auch bleiben. Niemals würde sie zu ihm zurückgehen.

Doch der vertraute Klang ihres Namens auf seinen Lippen hatte ihre Überzeugung von einem Moment auf den anderen empfindlich erschüttert. Sie wusste zwar nicht, was das bedeutete, war sich aber dennoch ganz sicher, dass er um nichts in der Welt etwas davon merken durfte.

„Hallo Raul.“

Das klang zwar wenig überzeugend und auch etwas banal, aber zu mehr war sie nicht in der Lage. Jetzt musste sie ihm nur noch ins Gesicht sehen.

Sie hob ihren Kopf, bemüht um einen selbstbewussten Blick, und sah direkt in seine bronzefarbenen Augen.

Er war größer, als sie es in Erinnerung hatte. Oder hatte sie nur vergessen wollen, wie groß, wie stark und wie eindrucksvoll seine Erscheinung war? Und offensichtlich hatte sein selbstsicheres Auftreten seit ihrem letzten Treffen noch an Kraft dazugewonnen.

Alannah wünschte, sie würde nicht sitzen! Der Sessel war niedrig, und sie fühlte sich verletzlich, weil Raul sie so gewaltig überragte – fast wie eine greifbare Bedrohung.

In den zwei Jahren, die sie sich nicht gesehen hatten, war aus dem energiegeladenen Jungen ein reifer Mann geworden. Seine Figur wirkte noch kraftvoller und muskulöser als damals. Doch besonders sein Gesicht hatte sich verändert. Die markante Gesichtsform und die hohen Wangenknochen wurden von den kleinen Fältchen um Mund und Augen noch unterstrichen. Die Augenbrauen wirkten kräftiger und dunkler, und seine Augen, deren Farbton sie an flüssiges Gold erinnerte, sahen sie unverwandt an.

Im Gegensatz zu ihr war Raul tadellos gekleidet. Er trug einen maßgeschneiderten stahlgrauen Anzug und darunter ein körperbetontes weißes Hemd, das seine festen Muskeln, die breiten Schultern und die schmalen Hüften perfekt betonte. Sie stellte zynisch fest, dass diese Kleidung noch immer ganz und gar dem Raul entsprach, den sie damals gekannt hatte. So gut wie immer hatte sie ihn in edlen Anzügen gesehen, fast nie in bequemer Freizeitkleidung. Und genau das spiegelte alles wider, was ihn als Menschen charakterisierte: immer aufs Geschäftliche konzentriert, immer auf Arbeiten und Geldverdienen eingestellt. Und wenn er einmal nicht arbeitete, dann galt seine ganze Aufmerksamkeit den Besitztümern und Ländereien seiner Familie, dem Herzogtum Marquez Marcin.

Buenas tardes, Alannah“, sagte er steif. Seine arrogante Kopfhaltung und die Art, wie er sie herablassend betrachtete, empörten sie.

Lange nicht gesehen. Dieser Satz spukte in ihrem Kopf herum, aber er kam ihr nicht über die Lippen. Sie bemühte sich, etwas Angemesseneres zu sagen. Doch er kam ihr zuvor.

„Was bitte machst du hier?“

Sein harscher Tonfall brachte sie wieder auf den Boden der Realität zurück.

„Vermutlich dasselbe wie du. Dies ist ein Krankenhaus.“

„Aber ich …“

Er begann zu verstehen, und sie schluckte schwer, denn

der mitfühlende Blick aus seinen durchdringenden Augen hatte ihr für einen Moment den Atem stocken lassen. „Ist jemand krank?“, fragte er kühl. „Jemand aus deiner Familie …“

„Mein Bruder“, Alannah gelang es mühsam, ihre Tränen zurückzuhalten. Sie würde gleich die ganze Wahrheit erzählen müssen. Doch vorher brauchte sie einen Moment, um durchzuatmen und sich zu sammeln.

Besonders weil ausgerechnet sie es diesem Mann sagen musste.

„Ist es sehr schlimm?“

Der Ausdruck, der nun auf seinem Gesicht lag, nahm ihr alle Kraft und Selbstbeherrschung. Sein mitleidiger, verständnisvoller Blick wirkte echt, so echt, dass es sie fast aus der Fassung gebracht hätte. Sie schwankte leicht und griff nach der Armlehne des Sessels. Er sah aus, als würde es ihn wirklich interessieren, als würde ihn die Sache wirklich bekümmern – doch Alannah wusste, dass er nur seine höfliche Maske trug und dass sein Verhalten auf reinem Pflichtgefühl beruhte. Und sie wusste auch, sobald sie ihm die Angelegenheit erklärt hätte, wäre diese Anteilnahme wieder aus seinem Gesicht verschwunden.

„Ziemlich schlimm.“

Schlimmer geht es nicht, hätte sie sagen sollen. Aber noch fühlte sie sich nicht imstande, eine derart drastische Aussage näher zu erklären.

„Das tut mir leid.“

Die Worte kamen ganz automatisch über Rauls Lippen. Und obwohl ihm klar war, dass seine Worte kalt klangen und seine Stimme barsch war, hatte er nicht geringste Kraft, dies zu ändern. Es war nicht so, dass er kein Mitleid für ihren kranken Bruder hatte. Doch am Ende dieses furchtbaren Tages war Alannah einfach die letzte Person, die er sehen wollte. Die er grundsätzlich jemals wieder sehen wollte.

Als sie ihn vor 25 Monaten verlassen hatte, war er froh darüber gewesen. Mehr als das. Wenn er sie im nächsten Leben wiedergesehen hätte, wäre das noch zu früh gewesen. Sie hatte ihm so nahe gestanden wie keine Frau zuvor oder seither. Sein ganzes Leben hatte er mit ihr teilen wollen. Und er hatte sie sogar gefragt, ob sie ihn heiraten wolle.

Doch damals hatte sie ihn nur ausgelacht.

„Warum um alles in der Welt sollte ich dich heiraten?“, hatte sie gefragt. In ihrer Stimme hatte Verachtung gelegen, ihre Augen hatten ihn kalt angesehen, und ihr Mund hatte sich zu einem spöttischen Lächeln verzogen. „So hatte ich mir unsere Beziehung nicht vorgestellt. Ich wollte Spaß haben – und die Tatsache, dass du reich bist, ist auch nicht zu verachten. Aber wenn Du jemanden für eine feste Beziehung suchst – nicht mit mir.“

Danach hatte sie ihm gebeichtet, dass sie jemand anders kennengelernt hatte. Das hatte seinen Stolz verletzt, und die alte Wunde war wieder aufgerissen, als er ihr nun so unerwartet wieder gegenüberstand. Alannah zu sehen ließ ihn tatsächlich für einen Moment vergessen, warum er hierher gekommen war.

Doch das wollte er nicht vergessen. Wenn er es irgendwie hätte ungeschehen machen können, dann hätte er alles dafür getan. Aber er konnte es nicht.

„Das tut mir leid“, wiederholte er noch einmal. Trotz des Hasses und der Wut, die sie ihm damals entgegengebracht hatte, war ihm klar, dass sie hier und jetzt sein Mitgefühl verdiente – selbst wenn sie nur einen Bruchteil dessen erlitt, was er gerade durchmachte.

„Danke.“ Sie klang fast so verwirrt, wie er sich gerade fühlte. Das war ja auch nicht verwunderlich, wenn es ihrem Bruder tatsächlich so schlecht ging.

Und es erklärte auch, warum sie so fahl aussah. Seine geschundene Seele nahm plötzlich mehr wahr, als ihm lieb war. Viel mehr als nur die Tatsache, dass sie Alannah Redfern war. Die Frau, die er in seinem ganzen Leben niemals hatte wiedersehen wollen.

Doch nachdem er seine Augen auf ihr Gesicht gerichtet hatte, musste er nun feststellen, dass er seinen Blick nicht mehr von ihr lösen konnte.

Sie sah aus wie ein blasser Schatten ihrer selbst. Als hätte man sie mit Wasserfarben gemalt oder ein Foto von ihr zu lange in der Sonne liegen lassen. All ihr Glanz, all ihr Strahlen schien verloren.

Wann auch immer er sich während der vergangenen zwei Jahre an Alannah erinnert hatte – trotz aller Versuche, dies nicht zu tun –, so hatte er sie stets in leuchtenden Farben vor sich gesehen, mit wachem Gesicht, strahlendem Lächeln und funkelnden grünen Augen.

Doch nun hatten selbst diese Augen ihre Kraft verloren. Das leuchtende Grün hatte seine Farbe verändert und schimmerte oliv-braun, wie das aufgewühlte Meer im Winter. Ihre vornehm blasse Haut, die sie ihren keltischen Vorfahren zu verdanken hatte, war fahl und grau.

Zudem war Raul sich sicher, dass sie abgenommen hatte. Die verführerischen Kurven, an die er sich nur zu gut erinnerte, hatten an Sinnlichkeit verloren. Stattdessen sah sie empfindlich aus, fast zerbrechlich. Und waren ihre langen dichten Wimpern etwa benetzt von … Tränen?

Tränen waren an einem Ort wie diesem – der Intensivstation eines Krankenhauses – immer ein schlechtes Zeichen. Er vermutete, dass wahrscheinlich ebensolche Schatten seine Augen verdunkelten und dass sein Gesicht ähnlich farblos war wie ihres. Sein Herz und seine Seele hatten die schlechte Nachricht noch nicht annähernd verarbeitet.

„Alannah?“

Wenn sein mitleidiger Blick von vorhin sie schon ins Schwanken gebracht hatte, dann tat es diese gefühlvolle Stimme nun erst recht. Es war genau das, was sie im Moment am nötigsten brauchte, und zugleich, was sie am meisten fürchtete. Ihr schwaches und aufgewühltes Inneres sehnte sich nach Halt und Beistand, aber sie wusste, dass sie seine Hilfe nicht annehmen konnte. Und dass sie sich nicht erlauben würde, sich an ihn anzulehnen. Denn wenn sie einmal seinen Rückhalt spürte, würde es sie zerreißen, diesen wieder zu verlieren.

Und so widerstand sie der Versuchung, die sie schon halb mitgerissen hatte. Ohne es zu bemerken, war sie zwei Schritte auf ihn zu gegangen. Doch nun hatte sie sich wieder unter Kontrolle. Sie spürte ihre Entscheidung, ihren Rückzug in jeder Faser ihres Körpers. Da war ein Ziehen im Herzen, und ihren ganzen Körper umhüllte ein leichter Schmerz. Ihre Beine begannen zu zittern, und Alannah zwang sich, sich von ihm abzuwenden. Sie tat so, als wolle sie sich nur schnell am Getränkewagen bedienen.

„Möchtest du einen Kaffee? Er schmeckt ganz furchtbar, aber …“

Was redete sie da? Sie bot ihm Kaffee an, um gleich darauf zu erklären, wie abscheulich er schmeckte? Sie hörte sich an wie … Sie wusste auch nicht, wie sie sich anhörte. Ihr war nur klar, wie durcheinander sie wirken musste und dass Raul bestimmt spürte, wie sehr er sie aus der Fassung brachte.

Ihr Magen zog sich zusammen, und ihr Herz begann nervös zu rasen.

„… Kaffee, gracias.“

Zumindest glaubte sie, diese Worte zu vernehmen, denn das Herz schlug ihr bis zum Hals, und das Rauschen in ihrem Kopf verzerrte seine Stimme. Doch irgendwie hatte sie das Gefühl, sich mit ihm unterhalten zu müssen, so sehr sie sich auch dagegen sträubte. Und weil sie das unverfängliche Geplauder auf den Weg gebracht hatte, fühlte sie sich nun verpflichtet, es aufrechtzuerhalten. Auch wenn sie nicht den geringsten Einfluss darauf zu haben schien, was sie sagte.

„Sie versuchen, es hier einigermaßen gemütlich einzurichten. Für die Familien und Freunde, die zu Besuch kommen oder auf Nachricht warten, aber so richtig zu funktionieren scheint das nicht … Ich meine, wer möchte sich im Wartezimmer der Intensivstation schon zu Hause fühlen?“

Durch eine unbedachte Bewegung wäre ihr beinahe der Plastikbecher entglitten, in den sie gerade den Kaffee füllen wollte. Sie drückte ihn fester zusammen und zerbrach dabei das empfindliche Material.

„So ein Mist!“

Ihr wurde schmerzhaft bewusst, wie Raul sie ansah. Wie ein aufmerksamer Zuschauer stand er hinter ihr, die goldfarbenen Augen ruhig und wartend auf sie gerichtet. Den kaputten Plastikbecher warf sie achtlos weg. Er fiel neben den grau lackierten Metallmülleimer, doch sie bemerkte es nicht einmal. Alannah griff nach einem neuen Becher.

„Und wer könnte sich hier jemals wohlfühlen? Ich meine …“

Sie schrie auf, denn der kräftige Druck auf den Deckel des Kaffeespenders hatte die heiße Flüssigkeit herausschießen lassen. Innerhalb von Sekunden war der Becher gefüllt gewesen und übergelaufen.

„Ach Mist!“

Irgendwo musste sie den Becher abstellen und suchte verzweifelt nach einem Platz auf dem Metalltablett. Doch die Tränen, die sie bis eben noch hatte zurückhalten können, stiegen ihr nun in die Augen und nahmen ihr die Sicht. Wenn sie den Becher jetzt einfach abstellte, würde sie das Tablett vielleicht verfehlen. Also stand sie einfach nur da, hilflos und unfähig, sich aus ihrer misslichen Lage zu befreien.

„Alannah …“

Rauls Stimme klang überraschend sanft. Er streckte seine beiden großen gepflegten Hände nach ihr aus. Mit der einen hielt er sie einfach am Handgelenk fest, und mit der anderen nahm er ihr den randvollen Plastikbecher ab und stellte ihn auf das Tablett. Die Wärme seines Körpers umschloss sie, und der feinwürzige Duft seiner Haut stieg ihr in die Nase. Alannah wusste, dass sie seinen starken Körper berühren würde, wenn sie nur einen halben Schritt nach hinten ginge.

„Würdest du mir bitte verraten“, fragte er mit seinem wundervollen Akzent, „was das alles zu bedeuten hat?“

„Du wolltest Kaffee …“

Ihre Stimme zitterte, und Raul musste spüren, dass sie mit den Nerven am Ende war.

„Ich wollte keinen Kaffee! Ich habe heute schon eimerweise Kaffee getrunken. Und auf gar keinen Fall möchte ich etwas davon …“

Er deutete auf den Plastikbecher, der bis zum Rand mit einer unappetitlich aussehenden und undefinierbaren Flüssigkeit gefüllt war.

„Aber du hast doch gesagt …?“

Eine weitere Panikwelle schlug über ihr zusammen. Ihre Verteidigungsstrategie, irgendetwas zu tun oder zu sagen, egal, was, war gescheitert. Sie hatte sich ablenken wollen, um nicht in sein Gesicht schauen zu müssen. Doch genau das hatte sie in diesem Moment nun doch getan. Und, schlimmer noch, sie hatte ihn spüren lassen, dass sie in seiner Gegenwart nicht in der Lage war, die Kontrolle über sich zu behalten. Er musste ahnen, dass es Dinge gab, die sie vor ihm verheimlichte, Geheimnisse, die sie zu verraten noch nicht in der Lage war.

Hatte er tatsächlich „Keinen Kaffee“ gesagt? Hatte sie das Gegenteil verstanden, weil sie das Gegenteil verstehen wollte?

„Keinen Kaffee …“, wiederholte sie mechanisch.

„Keinen Kaffee“, bestätigte Raul mit heiterem Nachdruck, und sein warmer Atem streifte ihre Wange und ließ sie erbeben.

Sie hatte das Gefühl, das sich Tausende kleine Nadeln in ihre Haut bohrten und ihr Bewusstsein schärften. Vor zwei Jahren noch wäre Raul der Erste gewesen, an den sie sich in ihrer verzweifelten Situation gewandt hätte. Er hätte sich um sie gekümmert, hätte ihr geholfen, sie unterstützt und getröstet. Zumindest hatte sie das damals geglaubt.

Und sie wäre in seine Arme geflogen wie ein kleiner Vogel in sein Nest. Hier hätte sie Sicherheit gefunden, ein Gefühl von Heimat und Geborgenheit und wäre davon überzeugt gewesen, hier ewig bleiben zu können. Doch das Leben hatte sie gelehrt, dass dieses Gefühl von Sicherheit völlig falsch gewesen war. Ihr Zufluchtsort war eine reine Illusion gewesen. Überall sonst war sie besser aufgehoben, selbst in der harten Realität.

„Und jetzt …“

Alannah hing noch immer ihren Gedanken nach und wehrte sich nicht, als Raul ihren Arm ergriff und sie zu sich umdrehte.

Sie stand jetzt dicht vor ihm, direkt vor seiner starken Brust. Ihre Nasenspitze befand sich unmittelbar vor seinem obersten Hemdknopf. Sie sah direkt auf die zarte, bronzefarbene Haut seines Halses und konnte die Bewegungen der einzelnen Muskeln erkennen, als er schluckte.

„Und jetzt erklärst du mir mal bitte, was hier eigentlich los ist.“

„Was …?“

Sie stockte. Raul hatte ihr Kinn mit den Fingern angehoben, sodass sie ihm nun direkt in die Augen sehen musste.

„Bevor du jetzt fragst ‚Was los ist?‘ und mir erzählst, dass alles in Ordnung sei, sage ich dir, dass ich dir das ohnehin nicht abnehme.“

Woher hatte er gewusst, was sie sagen wollte? Konnte er Gedanken lesen?

„Warum nicht?“

Als er seinen Kopf senkte, glaubte sie für einen Moment, dass er seine Stirn an ihre legen würde, genau so, wie er es früher immer als Zeichen seiner Zuneigung getan hatte. Vor Schreck schlug ihr das Herz bis zum Hals, und in ihren Adern pochte das Blut. Doch wenige Zentimeter bevor seine Stirn die ihre berührt hätte, hielt er inne. Stattdessen legte er seine Hände um ihre Schultern und zog sie so fest

an sich, dass sie sich nicht befreien konnte.

„Weil ich dich kenne …“

„Du hast mich zwei Jahre nicht gesehen!“

„Zwei Jahre sind keine so lange Zeit …, und jemanden wie dich würde ich nie vergessen.“

Nie vergessen … wie meinte er das?

Wenn sie einen klaren Gedanken hätte fassen können, dann wäre für sie offensichtlich gewesen, wie Raul das gemeint hatte. Schließlich hatte sie ihn zurückgewiesen. Doch alles, was sie wahrnehmen konnte, waren seine durchdringenden Augen auf ihrem Gesicht.

Und Raul gab ihr auch nicht die Möglichkeit, weiter darüber nachzudenken.

„Immer wenn du versuchst, etwas zu verheimlichen, dann nimmt dich das innerlich völlig mit. Du redest und bewegst dich wie ein Roboter – nur dass ein Roboter im Gegensatz zu dir etwas Sinnvolles macht. Und diese …“

Mit einer Fingerkuppe strich er sanft über die Schatten unter ihren Augen. „… diese Schatten verraten dich. Was ist es also, Alannah? Was ist mit Chris passiert?“ Wieder erschrak sie. Vor Überraschung zog sie ihren Kopf zurück und riss die Augen auf. „Chris … du erinnerst dich an den Namen meines Bruders?“

„Ich erinnere mich an jede Einzelheit“, erklärte Raul. Seine Stimme jagte ihr einen Schauer über den Rücken. „Verrätst du mir jetzt, was passiert ist? Was ist mit deinem Bruder?“

Als er sie mit seinen unbeschreiblichen Augen ansah, fühlte Alannah sich wie ein Reh, das vom ...

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