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Das Schloss auf den Klippen

Lee Wilkinson

Das Schloss auf den Klippen

1. KAPITEL

Am vierzehnten Februar fand sich in der Tageszeitung folgender Artikel:

Verdientes Valentinsgeschenk für einen verdienten Autor

Zum zweiten Mal hintereinander hat Michael Denver den renommierten Quentin Penman Literaturpreis gewonnen, diesmal für seinen Roman „Withershins“. Nach Meinung maßgeblicher Literaturkritiker ist Denver als Schriftsteller auf dem Gebiet des Psychothrillers nicht zu übertreffen. Mit fünf preisgekrönten Werken ist er einer der bedeutendsten Schriftsteller unserer Zeit.

Dennoch scheut er die Öffentlichkeit, lässt sich nicht fotografieren und verweigert jegliche Interviews. Obwohl er durch seine Scheidung von Supermodel Claire Falconer und die Gerüchte um eine Aussöhnung immer noch in den Schlagzeilen steht, gibt er keine Presseerklärungen.

Die ersten vier Romane Denvers sind alle von Hollywood als Drehbuchvorlagen aufgekauft worden, drei Verfilmungen sind bereits in die Kinos gekommen und haben sich als Kassenschlager entpuppt. „Withershins“, sein bisher bestes und reifstes Werk, wird da keine Ausnahme machen.

Michael stellte das Telefon zurück auf die Station und fuhr sich mit beiden Händen durch das dichte dunkle Haar. Der Anruf seines alten Freundes Paul Levens hatte seine letzten Zweifel so gut wie beseitigt. Er brauchte Unterstützung und musste eine PA, eine persönliche Assistentin, einstellen, sosehr er sich auch innerlich dagegen sträubte.

Paul, frisch gebackener Direktor bei Global Enterprises, hatte bei einem Treffen vor einiger Zeit eine Mitarbeiterin ins Gespräch gebracht, die ihm für den Job geradezu ideal schien. Michael hatte mit diversen Gegenargumenten aufgewartet, die, völlig untypisch für ihn, alles andere als logisch waren.

„Ich verstehe dich.“ Paul nickte. „Nach deiner Scheidung sehen alle heiratswütigen Frauen in dir das perfekte Opfer, und daher wünschst du das gesamte weibliche Geschlecht auf den Mond. Trotzdem musst du den Tatsachen ins Auge sehen. Du brauchst dringend eine fähige PA, und eine bessere als Jennifer Mansell wirst du nicht finden.“

„Wenn sie so gut ist, warum lässt du sie dann gehen?“, konterte Michael.

„Weil ich keine andere Wahl habe. Jenkins muss aus gesundheitlichen Gründen in den Ruhestand gehen, und die Geschäftsleitung nutzt die Gelegenheit, um seine Abteilung an den Export anzugliedern. Aber Cutcliff, der die Exportabteilung seit über zehn Jahren leitet, möchte natürlich seine PA behalten.“

In Michaels grünen Augen funkelte es amüsiert. „Mit anderen Worten, du willst diese Jennifer Mansell an mich abschieben.“

Paul, ein bulliger rotblonder Rugbyspieler mit hellen blauen Augen, seufzte. „Ich will nur eins: dir helfen. Weshalb ich mich allerdings mit dir sturem Bock überhaupt noch abgebe, weiß Gott allein.“

„Ich werde es mir überlegen.“

Paul verdrehte die Augen. „Deine überschwängliche Dankbarkeit ist mir echt peinlich.“

Michael lachte und klopfte seinem Freund auf die Schulter. „Danke, Kumpel.“

Paul mochte es nicht begreifen, aber für ihn, Michael, kam es einer Revolution gleich, eine Bürokraft einzustellen und somit den ganzen Tag jemanden um sich zu haben. Dass es sich dabei um eine Frau handelte, machte die Sache noch komplizierter.

Nach einer Woche Bedenkzeit hatte er sich immer noch nicht entschieden, obwohl er längst in Slinterwood hätte sein wollen, um mit seinem neuen Roman zu beginnen. Zu allem Unglück rief dann auch noch Claire an. Wortreich teilte sie ihm mit, wie sehr sie unter der Scheidung litt und wie gern sie wieder seine Frau wäre. Das trug auch nicht gerade zur Verbesserung seiner Laune bei.

Die Einstellung, sie brauche nur mit den Fingern zu schnippen, und er läge ihr wieder zu Füßen, machte ihn wütend und bestärkte ihn in seiner Voreingenommenheit gegenüber Frauen – besonders Frauen, die Sex als Mittel zum Zweck benutzten.

Und jetzt setzte Paul ihm auch noch die Pistole auf die Brust.

„Dies ist deine letzte Chance, alter Freund“, hatte er am Telefon gesagt. „Freitagabend tritt Jennifer Mansell noch einmal als Organisatorin bei Jenkins festlicher Verabschiedung auf. Das ist deine allerletzte Möglichkeit.“

Als Michael nicht reagierte, redete er weiter. „Warum kommst du nicht einfach zu dem Empfang und lernst sie kennen? Sie sieht super aus, ohne eine auffallende Schönheit zu sein, und ist bestimmt keine Frau, die sich Männern an den Hals wirft. Ich kann dir Jennifer auf der Party ganz zwanglos vorstellen. Wenn du aber selbst das als Zumutung empfindest, beobachte sie einfach diskret aus dem Hintergrund.“

Michael wählte schließlich Letzteres, und Paul war zufrieden.

„Bis dahin werde ich alles Wichtige über sie herausgefunden haben“, versprach er.

Freitag um acht Uhr abends, gut versteckt hinter den Kübelpflanzen des Londoner Luxushotels, beobachtete Michael, was im Ballsaal vor sich ging. Er bereute bereits, auf Pauls Vorschlag eingegangen zu sein. Zugegeben, er benötigte Hilfe. Aber musste es unbedingt eine Frau sein? Um jedoch endlich Ruhe vor seinem Freund zu haben, würde er sich diese Miss Mansell wenigstens anschauen.

Michael hatte sich seinen Platz klug gewählt, denn er hatte freien Blick auf die Bühne, ohne selbst gesehen zu werden. Im Moment spielte dort noch eine Kapelle, und mehrere Paare tanzten. Andere standen in Gruppen im Raum, plauderten angeregt und tranken Champagner, der großzügig ausgeschenkt wurde. Arthur Jenkins war dreißig Jahre lang bei Global Enterprises gewesen, und die Gesellschaft hatte trotz der angespannten wirtschaftlichen Lage an nichts gespart, um ihn würdig zu verabschieden.

Einen genauen Blick auf Jennifer Mansell hatte Michael bisher noch nicht erhaschen können. Er hatte sie nur von Weitem gesehen, groß und schlank, das dunkle Haar hochgesteckt. Sie trug ein luftiges und zugleich elegantes knöchellanges Chiffonkleid in einem Muster aus Aquamarin, Türkis, Lapislazuli und Gold.

Paul, der einzige Mensch, den Michael hier kannte, hatte ihn zu Anfang unauffällig beiseite genommen und ihm Jennifer Mansell und Arthur Jenkins gezeigt.

„Was hast du über sie in Erfahrung bringen können?“, hatte Michael wissen wollen.

„Nicht viel. Die Personalabteilung wusste nur, dass sie vierundzwanzig ist, sehr zurückhaltend und alle ihre Aufgaben perfekt erledigt. Sie kam direkt nach ihrem Examen an einer Londoner Fachhochschule für Wirtschaftswissenschaft zu Global Enterprises.“

„Und ihr Privatleben?“

„Darüber ist so gut wie nichts bekannt. Von ihren Kollegen erfuhr ich lediglich, dass sie für einige Zeit einen Verlobungsring trug. Vor einigen Monaten war er dann plötzlich von ihrer Hand verschwunden, was mehrere Kollegen zum Anlass nahmen, ihr Glück bei ihr zu versuchen. Sie ließ jedoch alle abblitzen. Wahrscheinlich hat sie genug von Männern.“

Obwohl diese Einschätzung in Michaels Ohren sehr vielversprechend klang, ließ er sich das nicht anmerken. „Danke für deine Bemühungen, alter Freund“, meinte er lediglich.

Paul zuckte die kräftigen Schultern. „Keine Ursache. Ich muss mich wieder unter die Gäste mischen. Soll ich sie dir vorstellen?“

„Bitte nicht.“ Michael schüttelte den Kopf.

„Solltest du deine Meinung ändern, lass es mich wissen.“ Eine kurze Verbeugung, und Paul war schon wieder in der Menge verschwunden.

Michael musste nicht lange warten, dann traten Arthur Jenkins und Jennifer Mansell erneut in sein Blickfeld. Der schlichte, körpernahe Schnitt des Kleides betonte die Vorzüge ihrer Figur auf das Verführerischste, ohne ihre weiblichen Reize zur Schau zu stellen. Als sie näher kam, erkannte Michael, dass sie außer einem schlichten Goldring am rechten Ringfinger und einer eleganten Abenduhr keinen Schmuck trug.

Ihr Gesicht hatte er noch nicht erkennen können, da sie mit Arthur Jenkins sprach und den Kopf zur Seite geneigt hielt. Als sie endlich in seine Richtung blickte und lächelte, verschlug es Michael regelrecht den Atem.

Das Gesicht kannte er – und dies nicht nur, weil es ihn an eine jüngere Ausgabe von Julia Roberts erinnerte.

Wo und wann hatte er diese Frau schon gesehen? Plötzlich fiel es ihm ein, und sein Herz schlug schneller: An einem Spätnachmittag vor fünf oder sechs Jahren hatte er gedankenverloren von der Burgmauer seines Anwesens in den mit Kopfstein gepflasterten Innenhof geblickt. Zwischen den Blumenkübeln entdeckte er eine letzte Besucherin – Jennifer Mansell.

Den Kopf in den Nacken gelegt, verfolgte sie den Flug der ersten Schwalben, der Wind spielte mit ihrem dunklen Haar, und um ihren Mund spielte ein verträumtes Lächeln. Plötzlich wandte sie den Kopf und blickte zu ihm auf. Für Sekunden sahen sie einander an, bis sie schüchtern zu Boden blickte.

Ohne im Geringsten zu wissen, weshalb, war ihm Jennifer Mansell schon damals vertraut vorgekommen, so, als würden sie sich seit Ewigkeiten kennen.

Als sie sich umdrehte, um zum Hauptausgang zu gehen, eilte er ihr sofort hinterher. Doch die steinerne Wendeltreppe des Nordturms war lang und steil, und unten angekommen, war die Fremde verschwunden. So schnell er auch zum Tor lief, alles, was er sah, war ein kleines Auto, das gerade die enge, holperige Auffahrt hinunterfuhr. Er winkte wie wild, doch die Fahrerin setzte ihren Weg fort.

Unsagbar traurig und enttäuscht stieg er wieder auf die Mauer, um den kleinen silbernen Wagen wenigstens mit den Augen zu verfolgen. Er fuhr die gewundene Küstenstraße entlang und über den Damm, der die Insel mit dem Festland verband.

Seine Gedanken kreisten stets und ständig um die geheimnisvolle Fremde, und ihr Gesicht hatte sich für alle Zeiten in seinem Gedächtnis eingeprägt.

Später dann hatte er versucht, seine Enttäuschung über ihr Verschwinden zu bagatellisieren, sich weiszumachen, kein Mann könne wirklich tief für eine Frau empfinden, die er ein einziges Mal und nur für einen kurzen Augenblick gesehen hatte. Trotzdem ertappte er sich immer wieder dabei, ihr Gesicht in der Menge zu suchen. Mit der Zeit verblasste die Erinnerung, doch die Unbekannte ganz zu vergessen, gelang ihm nicht.

Jetzt hatte das Schicksal sie ihm ein zweites Mal vor Augen geführt, was ihn tief berührte, denn er sah darin eine höhere Fügung. Trotz seiner derzeitigen Abneigung gegen Frauen fühlte er sich wie magisch von ihr angezogen und wäre am liebsten zu ihr gegangen, um sie aus der Nähe zu betrachten und ihre Stimme zu hören. Doch sein Verstand verbot es ihm.

Er war nicht mehr zweiundzwanzig und voller romantischer Ideale, sondern älter und abgeklärter – vielleicht sogar zynisch. Obwohl ihr Gesicht ihm wohlvertraut war, wusste er nicht, welche Persönlichkeit sich dahinter verbarg.

Noch während er seinen Gedanken nachhing, verbeugte sich ein älterer Mann mit schütterem Haar vor Jennifer Mansell und führte sie zur Tanzfläche, wo das Paar sehr schnell im Gedränge verschwand.

Nachdenklich strich sich Michael das glatt rasierte Kinn. Er wollte diese Frau näher kennenlernen, dessen war er sich sicher, doch seine Vorbehalte gegen eine PA bestanden nach wie vor. Er hatte keinesfalls die Absicht, die Dinge zu überstürzen.

„Du bist ja doch noch hier, ich war mir nicht sicher.“ Pauls Worte schreckten Michael aus seinen Überlegungen auf.

Er drehte sich zu seinem Freund um. „Ich wollte noch mit dir sprechen, bevor ich gehe.“

„Du hast sie also gesehen? Was hältst du von ihr?“, fragte Paul mit mühsam bezähmter Neugier.

„Soweit ich es bisher beurteilen kann, macht sie den allerbesten Eindruck, aber …“

„Aber du wirst nichts weiter unternehmen“, unterbrach ihn Paul resigniert. „Natürlich ist es deine Entscheidung, aber meiner Meinung nach machst du einen großen Fehler. Eine persönliche Assistentin vom Format einer Jennifer Mansell lässt man sich nicht einfach so durch die Finger schlüpfen.“

„Das habe ich auch nicht vor. Doch dies ist weder der Ort noch die Zeit, um aktiv zu werden. Ich möchte dich bitten, ihr zu sagen …“ Eine Gruppe lachender Menschen näherte sich, und Michael senkte die Stimme, sodass nur Paul ihn verstehen konnte.

„Geht in Ordnung, Kumpel.“ Paul klopfte Michael auf die Schulter und verschwand.

Laura hörte ein Motorengeräusch auf der Straße und öffnete den Vorhang einen Spalt weit, um in die Dunkelheit zu blicken. Gerade stieg Jenny aus dem Taxi und ging zur Tür.

„Hi“, begrüßte Laura ihre Mitbewohnerin beim Betreten des Wohnzimmers lakonisch.

„Hi.“ Jennifer warf ihren Abendmantel über eine Stuhllehne und musterte Laura in ihrem pinkfarbenen Morgenmantel und den pelzbesetzten Pantoletten. „Du bist noch auf? Das überrascht mich.“

Lauras rundes, kindliches Gesicht glänzte, so dick hatte sie es eingecremt. Ihr blondes Haar ringelte sich schon wieder, obwohl sie gerade Stunden damit zugebracht hatte, es zu glätten.

„Normalerweise wäre ich auch schon längst im Bett, aber Tom und ich waren aus und mussten Ewigkeiten auf ein Taxi warten. Wie war die Party?“

„Alles lief glatt“, antwortete Jenny ausweichend.

Laura jedoch entgingen weder Jennys glänzende Augen noch ihre mühsam unterdrückte Aufgeregtheit. „Du schwebst ja auf Wolke sieben“, meinte sie. „Bist du etwa deinem Traumprinzen begegnet?“

„Nein.“ Jenny schüttelte den Kopf. „Es ist etwas anderes.“

„Was denn? Los, erzähl schon!“

„Gut, aber erst hätte ich gern eine Tasse Tee.“

„Bescheiden bist du wirklich nicht!“ Laura seufzte. „Das Glück ist allerdings auf deiner Seite, denn unsere Wünsche decken sich.“ Sie verschwand in der Küche.

Jenny machte es sich in dem Sessel vor dem elektrischen Kaminfeuer bequem, streifte ihre hohen Schuhe von den Füßen und schloss die Augen. War sie zu Tode betrübt zu der Veranstaltung gegangen, weil sie von nun an arbeitslos sein würde, jauchzte sie jetzt himmelhoch. Das war die Chance ihres Lebens!

Seit der Geschichte mit Andy hatte sie nicht mehr so viel Lebensfreude empfunden. Durch seine Untreue war ihrem Selbstwertgefühl ein harter Schlag versetzt worden, und sie litt unter der Vorstellung, als Frau unzulänglich und nicht begehrenswert zu sein.

Laura kam mit zwei dampfenden Bechern zurück, einen davon reichte sie Jenny. „Jetzt rück endlich raus mit der Sprache“, forderte sie ihre Freundin auf, nachdem sie sich gesetzt hatte.

„Kennst du Michael Denver?“, begann Jenny.

„Du meinst diesen Schriftsteller, den du regelrecht vergötterst?“

„Das ist eine Übertreibung!“

„Nein, es ist die Wahrheit.“

Insgeheim musste Jenny ihrer Freundin jedoch recht geben. Seit sie das erste Buch von Michael Denver gelesen hatte, kannte ihre Bewunderung für ihn keine Grenzen. Seine Romane faszinierten sie. Was musste das für ein Mann sein, der sich derartig komplexe, spannende und trotzdem überzeugende Handlungen ausdenken konnte?

Obwohl anspruchsvoll und tiefgründig, ließen sich seine Werke leicht lesen, waren einfühlsam und zeugten von der Liebe des Autors zu seinen Mitmenschen. Seine Figuren waren aus dem wirklichen Leben gegriffen, hatten ihre Schwächen, Fehler und auch Schattenseiten, waren andererseits auch mutig und stark. Es waren Charaktere, an denen die Leser Anteil nehmen und in denen sie sich wiederfinden konnten.

„Was also ist mit Michael Denver?“ Laura wurde ungeduldig.

„Er braucht eine persönliche Assistentin, und ich soll mich bei ihm vorstellen – morgen früh um halb neun.“

Ungläubig schüttelte Laura den Kopf. „Morgen ist doch Sonntag!“

„Ich weiß, anscheinend ist ihm die Angelegenheit enorm wichtig. Er lässt mich von seinem Chauffeur abholen. Weißt du, ich habe das Gefühl, alles nur geträumt zu haben.“

„Das glaube ich dir aufs Wort. Hast du vielleicht einfach nur zu viel getrunken?“

„Mit Sicherheit nicht. Der gute alte Mr. Jenkins hat wohl Paul Levens, dem neuen Direktor gegenüber, ein Loblied auf mich gesungen, und der ist, wie der Zufall so spielt, eng mit Michael Denver befreundet. Daher wusste Paul Levens auch, dass Michael Denver eine PA sucht, und empfahl mich, weil er selbst mir keinen Job anzubieten hat.“

„Wahnsinn! Was für eine Karriere.“

„Noch habe ich den Job nicht, Laura, sosehr ich es mir auch wünsche. Für einen Mann wie ihn zu arbeiten, muss der Himmel auf Erden sein.“

Laura schnaufte verächtlich. „Wenn er dich nicht mit Kusshand nimmt, ist er ein ausgemachter Idiot.“

Jenny war gerührt über so viel Loyalität und lächelte. „Warten wir es ab.“ Sie trank den letzten Schluck Tee. „Jetzt muss ich aber schnellstens ins Bett, damit ich morgen ausgeruht bin und meine fünf Sinne beieinanderhabe. Wie ich Michael Denver einschätze, ist er ein Boss mit hohen Ansprüchen.“

„Spielverderberin!“ Laura machte ein enttäuschtes Gesicht. „Gerade wollte ich dich fragen, was du schon über ihn erfahren hast.“

„Nicht viel, aber das werde ich dir morgen früh erzählen.“

„Abgemacht! Schlaf gut.“

Als Jenny am nächsten Morgen nach einer schlaflosen Nacht die Küche betrat, duftete es bereits nach Kaffee und geröstetem Weißbrot. Laura, normalerweise eine ausgemachte Langschläferin, deckte gerade den Tisch.

„Die pure Neugier“, gestand sie auf Jennys Frage, was sie denn schon so früh aus dem Bett getrieben habe. „Ich brenne darauf, alles über Michael Denver zu erfahren – außerdem wollte ich es nicht verpassen, wenn er dich persönlich abholt.“

„Das ist mehr als unwahrscheinlich.“ Dankend lehnte Jenny den Toast ab, den Laura ihr reichen wollte. „Für mich bitte nur Kaffee, zum Essen bin ich viel zu aufgeregt.“

Laura schenkte ihr ein. „Nun erzähl doch endlich“, bat sie ungeduldig.

„Es gibt gar nicht viel zu erzählen, und das meiste habe ich dir schon gestern Abend gesagt. Michael Denver ist ein Senkrechtstarter, schon nach dem zweiten Roman feierte man ihn als Ausnahmeautor. Doch an all dem Trubel um seine Person scheint ihm nichts zu liegen, denn er scheute die Öffentlichkeit – bis er Claire Falconer traf und heiratete.“

„Das weltberühmte Topmodel?“

„Ja, die Schöne und das Superhirn, so nannte man die beiden. Sie hatten sich auf den ersten Blick ineinander verliebt und schienen wie füreinander geschaffen. Die Medien feierten sie als das Traumpaar und verfolgten sie auf Schritt und Tritt. Claire Falconer genoss es, im Blickpunkt des öffentlichen Interesses zu stehen, Michael Denver hasste es. Gerade ließ der Rummel, den die Reporter um sie machten, etwas nach, als Claire einen Skandal verursachte.“

„Ich erinnere mich dunkel.“ Laura nickte.

„Claire wurde mit einem anderen Mann in einem abgelegenen Hotel gesehen“, erzählte Jenny weiter. „Zuerst stritt Claire alles ab, doch dann wurde ein Foto veröffentlicht, das sie und ihren Lover beim Verlassen des Hotels zeigte, und sie musste die Wahrheit gestehen. Nach nur sechs Monaten wurde ihre Ehe mit Michael Denver geschieden, für die Medien ein gefundenes Fressen. Er verweigerte jegliche Stellungnahme, doch Claire gab ein groß aufgemachtes Interview. Sie erklärte, sie würde Michael immer noch lieben und alles in ihrer Macht Stehende unternehmen, um sich mit ihm auszusöhnen.“

„Stimmt.“ Laura nickte. „Jetzt fällt mir die unschöne Geschichte wieder ein. Michael Denver tat mir damals sehr leid.“

„Mit Recht. Wie Mr. Levens andeutete, ist er in dieser Zeit durch die Hölle gegangen. Claire ließ keinen Trick aus, um die Scheidung zu verhindern, und die Reporter verfolgten Michael gnadenlos. Seine Weigerung, eine Presseerklärung abzugeben oder sich fotografieren zu lassen, machte die Angelegenheit für die Medien nur noch interessanter. Schließlich sah er sich sogar gezwungen, die Wohnung zu wechseln.“

„Der arme Kerl! Das erklärt vielleicht, weshalb ich noch nie ein Bild von ihm gesehen habe. Weißt du, wie alt er ist und wie er aussieht?“

Jenny schüttelte den Kopf.

„Ich stelle ihn mir hager und schon etwas ältlich vor, mit hoher Stirn, Adlernase und stechend blauen Augen.“

„Und die Ohren?“

„Abstehend, spitz und groß“, antwortete Laura wie aus der Pistole geschossen.

„Und wie kommst du darauf?“

„Berühmte Schriftsteller sehen einfach so aus.“

Jenny lachte. „Wenn du meinst.“

„Wenn du zurückkommst, werde ich wohl nicht da sein“, sprach Laura weiter. „Tom und ich fahren nach Kent. Seine Eltern haben heute Hochzeitstag, und wir sind zum Essen eingeladen.“

„Wie schön! Bestell Mr. und Mrs. Harmen liebe Grüße von mir, ich wünsche Ihnen für die weiteren Jahre ihrer Ehe alles Gute.“ Jenny stand auf, um sich umzuziehen.

Sie wählte ein taupefarbenes Kostüm mit farblich abgestimmter Bluse, kämmte das Haar aus der Stirn und fasste es im Nacken zu einem Knoten zusammen. Dann befestigte sie ihre schlichten goldenen Ohrstecker und trug gerade genug Make-up auf, um frisch und ausgeruht zu wirken. Da sie nicht wusste, was Michael Denver von einer PA erwartete, konnte sie nur hoffen, dass ihr klassisch-eleganter Stil seine Billigung finden würde.

Pünktlich zur verabredeten Zeit fuhr der Wagen vor. Laura, die sich hinter der Gardine versteckt hielt, entdeckte ihn sofort. „Was für ein tolles Auto! Viel Glück, Jenny!“

Aufgeregt griff Jenny nach ihrer Handtasche, wünschte Laura einen schönen Tag in Kent und eilte nach unten. Kalte Luft schlug ihr entgegen, und auf der Straße glitzerte Raureif.

Der Chauffeur war bereits ausgestiegen und öffnete ihr die Tür. „Guten Morgen, Miss“, begrüßte der ältere Mann sie höflich.

Jenny erwiderte den Gruß und stieg ein. Sie genoss die Wärme und machte es sich in den üppigen Polstern bequem. Doch so richtig genießen konnte sie den Luxus nicht. Sie litt unter dem Gefühl, etwas in Anspruch zu nehmen, das ihr eigentlich nicht zustand.

Als sie der Chauffeur dann jedoch vor einem eleganten Apartmenthaus im vornehmen Stadtteil Mayfair aussteigen ließ, hatte sie sich wieder im Griff und wirkte kühl und gelassen.

Der Portier kontrollierte ihre Personalien und führte sie zu einem Fahrstuhl, der zum zweiten Stock führte. Als sich die Türen wieder öffneten, befand sie sich in einem geschmackvoll eingerichteten Foyer. Ein älterer, auffallend hagerer Butler begrüßte sie mit undurchdringlicher Miene.

„Miss Mansell? Mr. Denver erwartet Sie bereits, bitte folgen Sie mir.“

Er brachte sie in ein großes, modern eingerichtetes Büro, verbeugte sich und schloss die Tür hinter ihr. Ein großer, breitschultriger Mann mit dunklem Haar, lässig gekleidet, erhob sich vom Schreibtisch.

Jennys Herz setzte einen Schlag aus. Dieser Mann war ihr nicht fremd, obwohl sie ihm noch nie begegnet war! Aus unerklärlichen Gründen hatte sie das Gefühl, einen alten, vertrauten Freund nach langer Zeit wiederzutreffen.

Spielte ihr das Gedächtnis einen Streich? Hatte sie sein Bild vielleicht doch schon einmal in der Zeitung gesehen und es nur wieder vergessen? Nein, das war es nicht. Ihre tiefen Gefühle für diesen Mann mussten einen anderen Grund haben.

Musste Jenny um Fassung ringen, fiel Michael ein Stein vom Herzen. Jenny Mansell stand tatsächlich vor ihm! Sonst mit einem gesunden Selbstbewusstsein ausgestattet, hatte er in diesem Fall bis zur letzten Sekunde an ihrem Kommen gezweifelt – und sich darüber geärgert. Er sträubte sich gegen die Emotionen, die diese Frau in ihm weckte.

Hatte sie anfangs unsicher gewirkt und wäre sogar bei seinem Anblick beinahe gestolpert, wirkte sie jetzt ruhig und gefasst. Ohne seinem Blick auszuweichen, sah sie ihm offen ins Gesicht.

„Es freut mich, Sie kennenzulernen, Miss Mansell“, begrüßte er sie mit formeller Höflichkeit.

Jenny ergriff seine ausgestreckte Hand. Michael Denvers angenehm tiefe Stimme gefiel ihr ebenso wie sein Gesicht, das eher markant als schön war. „Das Vergnügen ist ganz auf meiner Seite“, erwiderte sie im gleichen distanzierten Ton, obwohl es ihr heiß unter seinen Blicken wurde.

Noch nie hatte sie bei einem Mann derart faszinierende Augen gesehen, olivgrün und von dichten, dunklen Wimpern umrahmt. Außerdem war er viel jünger, als sie erwartet hatte. Michael Denver war bestimmt nicht älter als Ende zwanzig und besaß nicht die geringste Ähnlichkeit mit dem Bild, das Laura von ihm entworfen hatte.

Michael war von Jenny ähnlich tief beeindruckt. Sie war nicht nur schön, sondern strahlte Persönlichkeit aus. Aus ihrem Gesicht sprachen Klugheit und Humor, gleichzeitig jedoch auch eine geheimnisvolle Melancholie, die ihn magisch anzog.

„Setzen Sie sich doch“,

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Viel Spaß!



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