Logo weiterlesen.de
Das Schiff im Baum

 

Die Insel ist auf keiner Karte verzeichnet.

Die wahren Orte sind das nie.

 

Herman Melville, Moby Dick

 

INHALT

 

ERSTES KAPITEL, in dem wir wirklich nicht

13nach Betenbüttel wollen

 

ZWEITES KAPITEL, in dem Onkel Fiete

17auf große Fahrt gehen will

 

DRITTES KAPITEL, in dem wir nach einer

22langen Reise das Schlimmste befürchten müssen

 

VIERTES KAPITEL, in dem Tante Polly einen

30Freudenschrei ausstößt

 

FÜNFTES KAPITEL, in dem es Zitronenlimonade,

33Streit und einen Abschied gibt

 

SECHSTES KAPITEL, in dem Onkel Fiete sich

42nicht erinnern kann

 

SIEBTES KAPITEL, in dem es Kirschen, Blutsbrüder und

47Menschenfresser gibt

 

ACHTES KAPITEL, in dem ein Bett knarrt und

54ein Menschenfresser unseren Schlaf stört

 

NEUNTES KAPITEL, in dem uns Long  John Silver

60aus dem Schlaf kräht

 

ZEHNTES KAPITEL, in dem das Schifferklavier in

63Tante Pollys Küche spielt

 

ELFTES KAPITEL, in dem wir Mäuse auf

67den Pinn treiben

 

ZWÖLFTES KAPITEL, in dem wir anfangen,

76das Baumschiff zu bauen

 

DREIZEHNTES KAPITEL, in dem Onkel Fiete

80verschwunden ist

 

VIERZEHNTES KAPITEL, in dem der Baum

ein Baumschiff wird und Onkel Fiete uns

84einen Schrecken einjagt

 

FÜNFZEHNTES KAPITEL, in dem ich

93nicht einschlafen kann

 

SECHZEHNTES KAPITEL, in dem Onkel Fiete

98uns eine Flagge schenkt

 

SIEBZEHNTES KAPITEL, in dem Kapitän Ahab

103sich endlich an Deck zeigt

 

ACHTZEHNTES KAPITEL, in dem es um Tod

109und Leben geht

 

ERSTES KAPITEL,

 

in dem wir wirklich nicht

nach Betenbüttel wollen

 

Es gab dort nichts … und Ole und ich wussten sofort, das würde der langweiligste Sommer unseres Lebens werden.

»Es wird euch schon gefallen«, hatte Mama gesagt.

»Tante Polly freut sich so auf euch und Onkel Fiete ist wirklich nett und sie haben einen Hund, eine Katze und Hühner und es ist ja nicht für immer! Ich brauche die Zeit einmal für mich!«

Mama hatte ganz schnell gesprochen und ihre Stimme war immer lauter geworden und den letzten Satz hatte sie fast geschrien und dabei waren ihr die Tränen in die Augen geschossen und liefen dann langsam die Backen hinunter und Mama wischte sie mit dem Handrücken weg.

Aber Mama hatte keine Ahnung.

Drei Wochen waren die Ewigkeit.

Drei Wochen waren so viel wie für immer.

Drei Wochen waren ein ganzer Sommer lang.

Wir mussten packen.

»Haben die einen Computer?«, fragte Ole.

»Bestimmt«, sagte Mama.

Ole packte seine Lieblingsspiele ein.

»Haben die einen DVD-Player?«, fragte ich.

»Bestimmt«, sagte Mama.

Ich packte meine Märchenfilme ein.

»Gibt es da ein Schwimmbad?«, fragte Ole.

»Bestimmt«, sagte Mama und Ole holte den Schnorchel und die Schwimmflossen und das große grüne Plastikkrokodil aus dem Keller.

Wir legten alles in die Reisetasche zwischen die frisch gewaschene Wäsche, die nach zu Hause roch, und Mama zog den Reißverschluss zu.

»Nun macht mal nicht so ein Gesicht«, hatte Mama gesagt. »Ihr werdet sehen, es ist wunderschön in Betenbüttel. Ich war als Kind auch immer dort.«

Draußen hupten wütend die Autos, die Straßenbahn schrillte und fuhr quietschend um die Ecke und ich musste an Maike denken mit den rosa lackierten Zehennägeln. Maike, die jetzt ihre Füße am Lago Maggiore ins Wasser steckte. Wie das geklungen hatte, als sie Lago Maggiore sagte.

Laago Madschioore, Laago Madschioore, Laago Madschioore.

»Und was macht ihr in den Ferien, Katharina?«, hatte Frau Buntschuh gefragt.

»Die machen Urlaub auf Balkonien.«, kicherte Maike. »Machen die doch immer!«

»Halt die Klappe!«, hatte ich gezischt.

»Mein Bruder und ich fahren nach Betenbüttel, Frau Buntschuh!«

Noch bevor Frau Buntschuh die rechte Augenbraue hochziehen konnte, war in der Klasse die Hölle losgebrochen.

»Betenbüttel! Habt ihr das gehört? Betenbüttel!« Maike schüttete sich aus vor Lachen.

»Betenbüttel! Genauso siehst du auch aus!« Martin Niedecker schlug sich auf die Schenkel.

»Ich fasse es nicht: BETENBÜTTEL!«

Sogar der stille Dennis Schuster hatte gegrinst.

 

»Nun macht mal nicht so ein Gesicht!«, hatte Mama gesagt. »Ihr werdet sehen, es ist wunderschön in Betenbüttel. Ich war als Kind auch immer dort.«

 

Die Stadt roch nach Sommer, nach frischem Teer, nach Waffeln, nach Pizza und nach Benzin. Die Tauben gurrten, die Mauersegler schossen im Sturzflug über die Dächer und die Bässe der Autoradios wummerten in die weit geöffneten Fenster.

Wenn Mama morgens ganz leise die Tür zugemacht hatte, waren Ole und ich sofort aufgestanden. Wir hatten uns Haferflocken mit Zucker, Wasser und Kakao gemacht und dann nichts wie weg.

Wir kannten alle Computerabteilungen der Kaufhäuser, wir kannten die neuesten Spiele und wir waren immer die Ersten am Joystick. Das waren unsere Ferien und wir wussten, es gab nichts Besseres als Ferien in der Computerabteilung. Wir kannten alle Tricks, wir wussten, wann wir abtauchen mussten, wir wussten, wo man am längsten spielen konnte, ohne rauszufliegen. Wenn Mama uns abends fragte, ob wir uns gelangweilt hätten, grinsten wir und schüttelten die Köpfe.

Nein, wir wollten nicht nach Betenbüttel.

»Warum musst du denn zur Kur?«, hatte Ole gefragt und Mama hatte ihr Sorgengesicht gemacht und geantwortet, dass sie eine Pause brauche, dass der Arzt ihr das verordnet habe und dass wir das verstehen müssten. »Nun macht mal nicht so ein Gesicht!«, hatte Mama gesagt. »Ihr werdet sehen, es ist wunderschön in Betenbüttel. Ich war als Kind auch immer dort.«

 

ZWEITES KAPITEL,

 

in dem Onkel Fiete auf

große Fahrt gehen will

 

Die ganze Küche roch nach Erdbeermarmelade. Tante Polly stand mit hochrotem Kopf am Herd. Auf ihrer Stirn glitzerten Schweißtröpfchen. Die gespülten Marmeladengläser hatte sie auf ein sauberes Trockentuch gestellt.

»Sie war doch früher auch immer bei uns, Fiete!«

»Das ist dreißig Jahre her!«

»Ach was! Du bist nur nickelig!«

»Da waren wir dreißig Jahre jünger, Polly!«

»Jetzt tu mal nicht so, als wärst du ein Tattergreis!«

»Ich will aber meine Ruhe!«

»Du wirst sie gar nicht sehen. Sie werden den ganzen Tag draußen spielen!«

»Und alles kaputt machen! Durch die Beete trampeln, den Hund quälen, die Katze ärgern, die Hühner scheuchen! Denk an meine Worte, Polly!«

»Papperlapapp! Das sind nette Kinder und ein bisschen Leben im Haus kann nicht schaden. Es ist ja nicht für immer! Und jetzt reiß dich mal zusammen, Fiete Feddersen, und mach nicht so ein Gesicht!«

Tante Polly hielt ihm den Holzlöffel hin.

»Probier mal!«

Onkel Fiete leckte die Marmelade vom Löffel.

»Und sie werden uns die Ohren vom Kopf fressen.«

Aber das sagte er so leise, dass Tante Polly es nicht hören konnte.

»Warst du schon mit dem Hund draußen?«

Onkel Fiete schüttelte den Kopf.

»Dann aber mal los!«, sagte Tante Polly. »Das Tier braucht Bewegung!«

Onkel Fiete nahm die Kappe vom Haken und verließ wortlos die Küche.

Draußen flirrte das Sonnenlicht durch die Blätter des mächtigen Walnussbaums, der wie ein Wächter vor dem kleinen reetgedeckten Haus stand. Die Schwalben übten den Sturzflug und ihr lautes Srii-Srii schrillte übers Dach. Onkel Fiete schlurfte langsam den gepflasterten Vorgartenweg entlang bis zur Buchenhecke, wo eine kleine weiße Pforte das Grundstück von der Welt trennte. Dort lag ein uralter zottiger weißer Hund im Schatten eines Fliederbusches und döste.

»Komm, Freitag«, sagte Onkel Fiete. »Die Frau will, dass wir unsere Runde machen!«

Der Hund wedelte matt mit der Schwanzspitze, dann riss er das Maul auf und gähnte lang und ausgiebig.

»Nun komm schon, Freitag! Sie beobachtet uns! Das gibt nur Ärger, wenn du liegen bleibst!«

Die Pforte quietschte leise, als Onkel Fiete sie öffnete. Der Hund stand unwillig auf , er reckte und streckte sich und schlich dann mit gesenkter Rute hinter Onkel Fiete her.

Die schmale Straße von Betenbüttel nach Großwedau war mit Apfelbäumen gesäumt.

Sie führte schnurgerade durch Mais- und Haferfelder, die mit hohen Wallhecken voneinander getrennt wurden. Die Apfelbäume wuchsen alle schief in eine Richtung und es sah aus, als würden sie sich ins Maisfeld ducken.

Onkel Fiete kannte jeden Baum. Als er die Bäume gesetzt hatte, hatte er die Stämmchen einzeln angepflockt, aber der Wind, der Wind hatte damals so stark geblasen, dass die Bäume sich trotzdem geneigt hatten und schief gewachsen waren, egal wie oft Fiete Feddersen die Sisalseile nachgezogen hatte.

»Gib endlich auf, Fiete! Gegen unseren Wind kommst du doch nicht an!«, hatte Tante Polly gesagt.

»Und außerdem kann man so die Äpfel viel besser ernten! Oder willst du noch mit neunzig auf die Leiter?«

»Hör mal, Freitag, wo die Frau recht hat, hat sie recht!«, murmelte Onkel Fiete. »Aber dass die Kinder kommen, das ist falsch! Das schwör ich dir, dann ist es vorbei mit unserer Ruhe, Freitag! Und auf große Fahrt gehen wir dann auch nicht mehr. Kinder kann man nämlich nicht alleine lassen! Kinder haben nur Flausen im Kopf! Denk an meine Worte, Freitag! Die Frau weiß doch nicht, auf was sie sich da einlässt! Das ist doch wieder typisch! Sie überschätzt sich, wo sie kann! Und man sagt ihr noch, lass das, Polly, das geht nicht mehr in unserem Alter, aber nein, sie setzt ihren Kopf durch. Das war doch schon immer so, Freitag, das war doch schon immer so!«

Das Buswartehäuschen war nicht ganz so schief wie die Apfelbäume. Es war aus alten Brettern zusammengenagelt und innen gab es eine Sitzbank. Das gelbe Halteschild mit dem grünen Rand leuchtete in der Sonne.

»So, Freitag!«, sagte Onkel Fiete. »Hier ist es schattig. Und wenn dann der Bus kommt, gehen wir auf große Fahrt. Du und ich. Wie früher! Über die Weltmeere, Freitag. Du bist ja der beste Schiffshund der Welt! Da wird sie Augen machen, die Frau! Und kann sehen, wie sie mit den Kindern klarkommt. Wir sind dann mal weg, Freitag!«

Der Hund, der Freitag hieß, hechelte und rollte sich unter der Bank im Wartehäuschen zusammen. Onkel Fiete setzte sich ächzend auf die Bank, schloss die Augen und fing an zu warten …

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Das Schiff im Baum" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen






Teilen