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Das Schattenlicht

Inhalt

  1. Cover
  2. Über den Autor
  3. Titel
  4. Impressum
  5. Widmung
  6. Zitat
  7. WICHTIGE FIGUREN IM ROMANZYKLUS
  8. WAS ZULETZT GESCHAH
  9. DAS SCHATTENLICHT
  10. ERSTER TEIL
  11. ERSTES KAPITEL
  12. ZWEITES KAPITEL
  13. DRITTES KAPITEL
  14. VIERTES KAPITEL
  15. FÜNFTES KAPITEL
  16. SECHSTES KAPITEL
  17. SIEBTES KAPITEL
  18. ZWEITER TEIL
  19. ACHTES KAPITEL
  20. NEUNTES KAPITEL
  21. ZEHNTES KAPITEL
  22. ELFTES KAPITEL
  23. ZWÖLFTES KAPITEL
  24. DREIZEHNTES KAPITEL
  25. VIERZEHNTES KAPITEL
  26. DRITTER TEIL
  27. FÜNFZEHNTES KAPITEL
  28. SECHZEHNTES KAPITEL
  29. SIEBZEHNTES KAPITEL
  30. ACHTZEHNTES KAPITEL
  31. NEUNZEHNTES KAPITEL
  32. ZWANZIGSTES KAPITEL
  33. EINUNDZWANZIGSTES KAPITEL
  34. VIERTER TEIL
  35. ZWEIUNDZWANZIGSTES KAPITEL
  36. DREIUNDZWANZIGSTES KAPITEL
  37. VIERUNDZWANZIGSTES KAPITEL
  38. FÜNFUNDZWANZIGSTES KAPITEL
  39. SECHSUNDZWANZIGSTES KAPITEL
  40. SIEBENUNDZWANZIGSTES KAPITEL
  41. ACHTUNDZWANZIGSTES KAPITEL
  42. FÜNFTER TEIL
  43. NEUNUNDZWANZIGSTES KAPITEL
  44. DREISSIGSTES KAPITEL
  45. EINUNDDREISSIGSTES KAPITEL
  46. ZWEIUNDDREISSIGSTES KAPITEL
  47. DREIUNDDREISSIGSTES KAPITEL
  48. VIERUNDDREISSIGSTES KAPITEL
  49. FÜNFUNDDREISSIGSTES KAPITEL
  50. EPILOG
  51. NACHWORT
  52. DANKSAGUNG

Über den Autor

Stephen Lawheads Romane sind angesiedelt in jenem Zwischenreich, wo sich Historie, Mythos und Fantasie begegnen. Auch der Autor selbst ist ein Wanderer zwischen den Welten. Den gebürtigen Amerikaner zog es vor vielen Jahren nach England. Nach einem längeren Aufenthalt in Österreich wohnt er heute wieder in einem Vorort von Oxford. Besuchen Sie den Autor auf seiner Webseite: www.stephenlawhead.com

Stephen R. Lawhead

Die schimmernden Reiche
Vierter Band

DAS SCHATTENLICHT

Roman

Aus dem Englischen von
Arno Hoven

 

Für Margaret,
meine Lieblingsschwiegermutter

 

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Emma Bull, Schriftstellerin

WICHTIGE FIGUREN IM ROMANZYKLUS

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Anen – Freund von Arthur Flinders-Petrie, Hoher Priester des Amun-Tempels in Ägypten; lebte während der 18. Dynastie

Archelaeus Burleigh, Earl of Sutherland – Erzfeind von Flinders-Petrie, Cosimo, Kit und allen rechtschaffenen Menschen

Arthur Flinders-Petrie – auch bekannt als Der Mann, der eine Karte ist, Stammvater seines Geschlechts; zeugte Benedict, dessen Sohn Charles war, der wiederum Douglas zeugte

Bruder Roger Bacon – ein Philosoph, Wissenschaftler und Theologe, der etwa von 1240 bis 1290 in Paris und Oxford lehrte; man nannte ihn Doctor Mirabilis (»wunderbarer Lehrer«) wegen seines wundervollen Unterrichts

Balthasar Bazalgette – Erster Oberalchemist am Hof des Kaisers Rudolf II. in Prag; Freund und Vertrauter von Wilhelmina

Benedict Flinders-Petrie – Sohn von Arthur und Xian-Li; Vater von Charles

Brendan Hanno – gehört zur Zetetischen Gesellschaft in Damaskus; ein Berater für Ley-Reisende

Burley-Männer – Con, Dex, Mal und Tav; Handlanger von Lord Burleigh; sie halten sich eine steinzeitliche Höhlenlöwin namens Baby

Cassandra Clarke – eine Paläontologin und Doktorandin, die zufälligerweise in die Suche nach der Meisterkarte hineingeraten ist

Charles Flinders-Petrie – Sohn von Benedict und Vater von Douglas; er ist der Enkel von Arthur

Cosimo Christopher Livingstone der Ältere, wird oft nur Cosimo genannt – ein Gentleman aus dem Viktorianischen Zeitalter und Gründungsmitglied der Zetetischen Gesellschaft, die sich darum bemüht, die Einzelteile der Meisterkarte wieder miteinander zu vereinigen und deren Geheimnisse in Erfahrung zu bringen

Cosimo Christopher Livingstone der Jüngere, wird oft nur Kit genannt – Cosimos Urenkel

Dardok – Anführer des Fluss-Stadt-Clans, dem Kit zuerst in der Steinzeit begegnet; er ist auch bekannt als Großer Jäger

Douglas Flinders-Petrie – Sohn von Charles und Urenkel von Arthur; er verfolgt still und leise seine eigene Suche nach der Meisterkarte, von der ein Teil in seinem Besitz ist

Engelbert Stiglmaier, wird oft liebevoll Etzel genannt – Bäcker, der aus der deutschen Stadt Rosenheim kommt

En-Ul – Stammesältester des Fluss-Stadt-Clans

Giambattista Becarria, Fra Becarria alias Bruder Lazarus – ein Priester und Astronom am Observatorium des Klosters Montserrat und Minas Mentor

Gianni – siehe Giambattista Becarria

Giles Standfast – Sir Henry Fayths Kutscher, Kits Verbündeter und ehemaliger Diener von Lady Fayth

Gustavus Rosenkreuz – Assistent des Ersten Oberalchemisten des Kaisers und Wilhelminas Verbündeter

Lady Haven Fayth – Sir Henrys eigensinnige und wechselhafte Nichte

Sir Henry Fayth, Lord Castlemain – Mitglied der Königlichen Gesellschaft zur Förderung der Naturkunde; treuer Freund und Verbündeter von Cosimo; er ist der Onkel von Haven

Jakub Arnostovi – wohlhabender, einflussreicher Vermieter und Geschäftspartner von Wilhelmina

J. Anthony Clarke III., wird oft nur Tony genannt – renommierter Astrophysiker, der für den Nobelpreis nominiert wurde; er ist Cassandras beunruhigter und fürsorglicher Vater

Kaiser Rudolf II. – König von Böhmen und Ungarn, Erzherzog von Österreich und Kaiser des Heiligen Römischen Reichs; ist ziemlich verrückt

Rosemary Peelstick – Hausherrin der Zetetischen Gesellschaft und Kollegin von Brendan Hanno

Snipe – wildes Kind und heimtückische Hilfskraft von Douglas Flinders-Petrie

Turms – König von Velathri (Etrurien) und einer der Unsterblichen, ein Freund von Arthur; er überwacht die Geburt von Benedict Flinders-Petrie, als die Schwangerschaft von Xian-Li problematisch wird

Wilhelmina Klug, auch Mina genannt – einstmals eine Londoner Bäckerin und Kits Freundin; sie besitzt zusammen mit Etzel das Große Kaiserliche Kaffeehaus in Prag

Xian-Li – Ehefrau von Arthur Flinders-Petrie und Mutter von Benedict; Tochter des Tätowierers Wu Chen Hu aus Macao

Dr. Thomas Young – Arzt, Naturwissenschaftler und Universalgelehrter, wie allseits bestätigt worden ist, mit einem starken Interesse am alten Ägypten; er wird auch als »der letzte Mensch in der Welt, der alles weiß« bezeichnet

WAS ZULETZT GESCHAH

Inzwischen ist die Zahl der Personen gestiegen, die von der Suche gefangen sind, die Bedeutung des Stücks menschlichen Pergaments zu enträtseln, das als die Meisterkarte bekannt ist: Cassandra, das jüngste Mitglied unserer Gruppe furchtloser Abenteurer, wird recht unsanft mitten aus ihrer Arbeit als Aushilfsarchäologin gerissen. Kopfüber stürzt sie in einen wahren Mahlstrom aus neuen Ideen, Erfahrungen und besorgniserregenden Enthüllungen, als sie versehentlich das Ley-Reisen entdeckt: diese heftige, unvorhersehbare Form der Beförderung zwischen den Dimensionen mithilfe von Regionen geomagnetischer Kraft, die den Planeten umgeben und durch den Kosmos strahlen – und die, der Kürze wegen, als Ley-Linien bezeichnet werden und unter diesem Begriff bekannt sind. Obgleich ein akademisches Leben sie auf die tatsächlichen Gegebenheiten eines multidimensionalen Universums unvorbereitet gelassen haben mag, ist sie nichtsdestoweniger gut aufgestellt, um sich dieses Phänomen zu erschließen. Unsere Cass ist sehr willensstark und ausgeglichen und wird nicht schnell durch ihr neues Leben als Quästorin überfordert. Und es ist Cass gewesen, die den Kontakt zu der Geheimorganisation aufgenommen hat, die als Zetetische Gesellschaft bekannt ist. Dort hat sie im Schnellverfahren ihre Ausbildung in allen Bereichen durchlaufen, die mit der großen Suche sowie den dazugehörigen Möglichkeiten und Schwierigkeiten verbunden sind.

Aufmerksame Leser werden sich entsinnen, dass ziemlich am Anfang der in diesem Romanzyklus dargestellten Geschehnisse genau diese Gesellschaft von Cosimo Livingstone und Sir Henry erwähnt wurde, und zwar als eine Gruppe, der sie beide angehörten und in der sie geschätzte und aktive Mitglieder waren. Die Zetetische Gesellschaft, deren Hauptquartier sich in der zeitlosen Stadt Damaskus befindet, existiert zu dem Zweck, die aktiven Quästoren zu unterstützen, ihnen Informationen zu liefern sowie für ihr leibliches Wohl zu sorgen. Sie wird gegenwärtig von einem Mann namens Brendan Hanno und der Respekt gebietenden Mrs Peelstick geleitet. Sie haben Cass in die Gemeinschaft aufgenommen und ihr die Aufgabe zugewiesen, herauszufinden, was Cosimo und Sir Henry passiert ist, deren Schicksale ein Geheimnis für sie sind – wenn nicht sogar für Leser vorangegangener Bände dieser Saga.

Es ist darauf hinzuweisen, dass Sir Henry Fayth ein Gründungsmitglied der Zetetischen Gesellschaft war, und da ihm ein direkter eigener Erbe fehlte, hoffte er, eines Tages den Stab der Mitgliedschaft an seine Nichte Haven weiterzugeben. Es handelt sich hierbei um genau jene Lady Fayth, die – was wir gerne berichten – es geschafft hat, sich von dem schändlichen Lord Archelaeus Burleigh vollkommen zu trennen, nachdem sie sich in eine komplizierte Beziehung mit ihm verstrickt hatte. Und nun ist sie frei, den eigenen Interessen nachzugehen. Es hat sicherlich etwas von einem Rätsel, dass sie eine wacklige Freundschaft mit Wilhelmina eingegangen ist. Doch die beiden haben sich bei mindestens einer Gelegenheit verschworen, um die Pläne von Burleigh zu durchkreuzen und bislang verhindert, dass Mina in die Hände des Mannes gefallen ist, den Haven den Schwarzen Earl nennt – einen Schurken erster Klasse.

Unglücklicherweise sind der niederträchtige Earl und seine Burley-Männer nicht die Einzigen, die an der Verwirklichung ihrer düsteren Absichten arbeiten. Noch so ein Halunke ist Douglas Flinders-Petrie, der Sohn von Charles und Urenkel von Arthur Flinders-Petrie, dem Besitzer der ursprünglichen Meisterkarte: Diese hält – wie wir alle inzwischen wissen sollten – die verschlüsselten Bestimmungsorte der verschiedenen Ley-Portale fest, die überall im Multiversum verstreut sind. Überdies glaubt man, dass diese Karte auf den Ort des Schatzes verweist, nach dem jeder sucht. Douglas hat sich als ein Mann erwiesen, der ebenso vollkommen skrupellos wie äußerst einfallsreich ist; und zudem hat er die Unterstützung eines mittelalterlichen Gelehrten von großem Ansehen erworben – es ist kein Geringerer als der altehrwürdige Bruder Roger Bacon, der Oxforder Universalgelehrte aus dem dreizehnten Jahrhundert. Durch eine jener merkwürdigen Launen der Geschichte stellt sich heraus, dass Bacon (der auch unter der liebevollen Bezeichnung Doctor Mirabilis, »wunderbarer Lehrer«, bekannt ist) ausführlich über das Ley-Reisen geschrieben hat, und zwar in einem Buch, das Inconssensus Arcanus oder Verbotene Geheimnisse genannt wird: ein Werk von solch aufrührerischem Inhalt, dass es in einem nicht lesbaren Geheimcode aufgeschrieben werden musste – demselben, mit dem die Meisterkarte verschlüsselt worden ist. Somit ist Douglas, der von seinem widerspenstigen Gehilfen Snipe unterstützt wird, auf dem besten Wege, das Geheimnis der Karte und den Ort des Schatzes zu erfahren – der nicht bloß finanzieller Natur ist, wie wir schon seit Langem vermuten.

Was unsere alten Freunde Kit und Wilhelmina anbelangt, können wir erfreulicherweise berichten, dass eine freudige Wiedervereinigung in der ungewöhnlichen, wenngleich bemerkenswert schönen Umgebung der Abadia de Santa Maria auf dem Montserrat stattgefunden hat, hoch oben im Katalanischen Vorküstengebirge. Das Kloster ist, wie so viele Stätten von religiöser Bedeutsamkeit, Teil einer heiligen Landschaft, die von tellurischer Energie förmlich überfließt. Deshalb handelt es sich auch um einen Ort, der bestens zu den Bedürfnissen eines Priesters wie Giambattista Becarria passt, der Ley-Sprünge durchführt: Der italienische Mönch ist außerdem zufällig ein erstklassiger Wissenschaftler mit einem sehr starken Interesse und sehr großen Verständnis für Astronomie und Physik. Fra Becarria kam zum Kloster auf dem Montserrat, um einer zunehmend schwierigeren Vergangenheit zu entfliehen; Wilhelmina kam mit der Absicht, einen Mann zu finden, von dem sie hoffte, dass er ihr helfen könnte, mehr über die Grundlagen des Ley-Reisens zu erlernen. Sie fand dies bei ihm und sogar mehr. In Bruder Lazarus – dies ist der Name, den er annahm, um sein Geheimnis des Ley-Springens besser zu schützen – hat Wilhelmina einen verständnisvollen Freund und Mentor bekommen.

Bevor wir zu unserer Geschichte zurückkehren, bleiben nur noch Kits Erfahrungen in der Steinzeit zu erwähnen, die ihn, wie ersichtlich, nicht nur kräftiger und schlauer gemacht haben, sondern auch entschlossener, die große Suche unter allen Umständen zu ihrem Ende zu führen. Kits Aufenthalt in der Steinzeit, der weit davon entfernt war, bloß eine bedeutungslose Sackgasse auf dem Weg zu größeren Dingen zu sein, könnte sich sogar für alle Betroffenen sehr bezahlt machen. Denn es geschah dort, dass Kit die Bedeutung des Knochenhauses herausfand und – als Einziger unter den Quästoren – tatsächlich die wundertätige Seelenquelle aufsuchte. Und während die Bedeutung dieses legendenumwobenen Ortes sich noch einer vollständigen Untersuchung unterziehen muss, könnte Lesern verziehen werden, wenn sie denken, dass sie den matten Schimmer einer Enthüllung zu erkennen beginnen, die nicht nur das Schicksal der einzelnen Quästoren, sondern ebenso des gesamten Universums dramatisch verändern könnte. Denn wie wir ein ums andere Mal auf den vorangegangenen Seiten gesehen haben, können selbst die kleinsten Geschehnisse gewaltige Auswirkungen haben.

DAS SCHATTENLICHT

ERSTER TEIL

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ERSTES KAPITEL

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Kit stand da und starrte auf die ausgebrannte Ley-Lampe, die immer noch zu seinen Füßen zischte. Die Hitze der metallenen Schale hatte das trockene Gras versengt und sandte winzige weiße Rauchfäden aus, die nach oben wehten, um seine Nasenöffnungen mit einem strengen metallischen Geruch zu bestürmen. Die Apparaturen waren in einem Ausbruch von Hitze und blauem Licht erloschen, überwältigt von der Energie, die rund um sie herum und durch den riesengroßen Baum vor ihnen strömte.

»Ich schätze, das war’s«, folgerte er.

Bruder Lazarus beugte sich über Minas Hand und betrachtete genau die Verbrennung.

»Wir wissen, der Ley ist hier; daran besteht kein Zweifel«, stellte Kit fest. Eingehend taxierte er den riesigen Stamm der Eibe, der so hart wie Eisen und so groß wie ein Haus war – und der genau in der Mitte des Leys wuchs. »Das Einzige, was wir jetzt noch herausfinden müssen, ist, was wir mit diesem monströs großen Baum anstellen sollen.«

»Ich denke, das wird das Problem eines anderen Tages sein müssen«, sagte Wilhelmina, die ihre Hand zurückzog und sie behutsam schüttelte. Sie hob die Augen und wies auf den kreisrunden Ausschnitt des Himmels über der Lichtung hin; die Wolken hatten nun eine dunkle Schattierung. »Wir werden hier bald kein Licht mehr haben. Was wollt ihr jetzt machen?«

»Wir könnten hierbleiben und ein Lager aufschlagen«, schlug Kit vor, »und dann am Morgen versuchen, Kontakt mit dem Fluss-Stadt-Clan aufzunehmen.« Er sah in Wilhelminas dunklen Augen jenes Funkeln, das auf eine gegenteilige Meinung hinwies, und fügte schnell hinzu: »Oder wir könnten uns etwas anderes ausdenken.«

»Wie wär’s damit?«, erwiderte sie. »Wir könnten schauen, ob der Tal-Ley aktiv ist und ihn benutzen, um nach Prag zurückzukommen.«

»Was ist mit Burleigh? Ich dachte, wir würden versuchen, ihm aus dem Weg zu gehen.«

»Ich bezweifle, dass er sich noch immer dort herumtreibt. Inzwischen ist er wahrscheinlich schon längst verschwunden.«

»Aber wenn er da ist und auf uns wartet?«

»Es gibt ein Element der Gefahr, wie ich zugebe«, antwortete sie. »Aber herumzustehen und das Problem anzugaffen« – sie gestikulierte in Richtung der gigantischen Eibe vor ihnen – »wird uns nicht weiterhelfen. Jedenfalls ist es nicht so, als ob dieser Baum irgendwo hingehen würde.«

Bruder Lazarus kam wieder in Sicht; er hatte den Kreis abgeschritten, den die Nadeln bildeten, die von den sich ausbreitenden Zweigen der Eibe heruntergefallen waren. Er verkündete etwas auf Deutsch und benutzte dabei eine wunderliche, von italienischen Flexionen geprägte und nur ihm eigene Version dieser Sprache. Kit verstand nichts von dem, was der Mönch sagte, doch er verspürte einen aufgeregten Unterton im Klang seiner Stimme. Nachdem Bruder Lazarus seine Botschaft mitgeteilt hatte, marschierte er von ihnen weg, um abermals den Baum zu umrunden.

»Und nun?«, fragte Kit, während er beobachtete, wie der Geistliche seine Schritte zählte.

»Er sagt, dass du recht hattest: Der Größe des Baums und dem Durchmesser des Stammes nach zu urteilen, ist mindestens ein Jahrtausend vergangen, seitdem du zuletzt hier warst – plus oder minus ein, zwei oder drei Jahrhunderte. Deine Steinzeit-Kameraden sind leider längst Geschichte.« Sie gab Kit einen mitfühlenden Klaps auf die Schulter. »Tut mir leid.« Dann wandte sie sich wieder dem rasch dunkler werdenden Himmel zu und sagte: »Es bringt wirklich nichts, jetzt hierzubleiben. Lass uns nach Prag zurückkehren. Dort kaufe ich uns allen ein nettes Abendessen: Schnitzel und Bier – das Beste, das du jemals bekommen hast. Was sagst du dazu? Wir können heute Nacht zwischen sauberen Laken schlafen, und morgen stecken wir unsere Köpfe zusammen und finden heraus, was unsere nächsten Schritte sein werden.«

»Geht klar.« Kit schaute sich ein letztes Mal auf der Lichtung um und stimmte dann ein wenig widerwillig zu. Er bückte sich und überprüfte behutsam die Hitze des Gehäuses seiner Ley-Lampe. Es hatte sich so weit abgekühlt, dass man es berühren konnte, ohne sich zu verbrennen. Also hob er die Ley-Lampe auf und barg anschließend die von Mina. »Am besten lassen wir diese Geräte nicht hier herumliegen. Man weiß ja nie, wer über sie stolpern könnte.«

Kit nahm seinen Rucksack ab, stopfte die defekten Vorrichtungen hinein und bettete sie unten neben seinem Pelzkittel, den er aus dem Höhleneingang geborgen hatte. Das Hemd – es bestand aus zurechtgeschnittenen Fellen und war von Hand mithilfe einer primitiven Knochennadel sowie getrockneter Darmstränge zusammengenäht worden – stellte keinen Schatz dar, und Kit hätte es schon vor langer Zeit weggeworfen, wenn da nicht in einer beutelähnlichen Innentasche ein unbezahlbarer Gegenstand eingenäht wäre: Sir Henrys grünes Buch. Es war ein kleines Wunder, dass er es während seiner qualvollen Abenteuer nicht verloren hatte, und Kit hatte nicht die Absicht, es gerade jetzt zu verlieren. Er hievte sich den Rucksack wieder auf den Rücken, strich die Vorderseite seines geliehenen Priesterrocks gerade, zog an den voluminösen Ärmeln und sagte: »Okay. Mal sehen, ob wir unseren Weg zurück nach Prag ansteuern können, bevor weitere zehntausend Jahre vergangen sind. Glaubst du, dass du den Ley finden kannst?«

Mina sah sich um und blickte nach Süden auf die weißen Felsenwände aus Kalkstein, die durch die Bäume kaum sichtbar waren. »Sollte kein Problem sein«, meinte sie. »Wie dem auch sei: Wenn wir hierbleiben, werden wir wahrscheinlich von etwas Großem und Haarigem gefressen.«

»Dann also diesen Weg.« Kit führte sie zurück zum Rand der Schlucht und zu dem langen, nach unten führenden Pfad, der den Ley beinhaltete. Sie stiegen in das Tal und in die immer dunkler werdenden Schatten hinab. Auf der linken Seite des Pfads ragte die wie gemeißelt aussehende nackte Felswand empor, während das Gelände rechts in einem spitzen Winkel abfiel – hin zu dem dichten Gebüsch und den Wipfeln von Bäumen, die weiter unten am Hang wuchsen.

»Weißt du, ich konnte den Ley niemals erfassen, wenn er offen war«, erzählte er Mina, während sie nach unten gingen. »Ich habe es versucht, so oft ich nur konnte, doch ohne Erfolg, bis ich es schließlich aufgab. Aber ich hatte deine Lampe und dachte: Falls ich jemals über einen anderen Ley stolpern sollte, dann würde sie es mir schon anzeigen.«

»So wie die Ley-Lampe dir die Seelenquelle angezeigt hat?«

»Das war eine totale Überraschung«, räumte Kit ein. »Das Letzte, was ich erwartet habe – wirklich. Etwas sehr Seltsames und …« – er zuckte mit den Schultern – »… vielleicht Tiefgründiges hat sich in dem Knochenhaus abgespielt. Ich würde vieles darum geben, wenn ich wüsste, was En-Ul dort tatsächlich getan hat.«

»Was glaubst du denn, was er getan hat? Irgendeine Ahnung?«

»Ich hatte den Eindruck … Die Clanmitglieder benutzen die Sprache nicht so wie wir, vergiss das nicht. Es ist mehr eine mentale Angelegenheit: Du erhältst Eindrücke und Bilder, also musst du dir bildlich vorstellen, was du meinst und es in deinem Kopf festhalten. Es ist bizarr, aber es funktioniert.« Kit blieb stehen. »Dem am nächsten, was ich begreifen konnte, war jedenfalls, dass En-Ul in irgendeiner Weise Zeit träumte

»Du meinst, er erschuf Zeit?«

»Vielleicht. Oder vielleicht sah der Alte, was die Zeit bringen würde, und interagierte irgendwie mit dem, was er erblickte. Wie ich bereits gesagt habe, die Feinheiten sind mir entgangen. Alles, was ich vermittelt bekommen habe, war ein Eindruck von Schlaf und vom Träumen, und all das ist irgendwie vermischt gewesen mit Zeit und Schöpfung und … ich weiß es nicht … Sein

Wilhelmina sah, dass Kit angehalten hatte, und trat an seine Seite. »Wieso sind wir stehen geblieben?«

Kit streckte eine Hand aus und zeigte auf einen Felsen, der einer Sitzbank ähnelte und aus der Klippenwand herausragte. »Dies ist die Stelle, wo ich gelandet bin, als ich das erste Mal ankam.«

Mina nickte. »Ich erkenne den Ort wieder – von meinen experimentellen Reisen.« Sie zeigte die schmale Trittspur hinab. »Aber ich bin immer weiter unten auf dem Pfad gelandet. Daher ist dies vielleicht der Punkt, wo der Ley anfängt.«

»Wie auch immer«, meinte Kit. Er blickte kurz nach oben zum Himmel und dann nach unten zu den Schatten, die überall in der tiefen Schlucht dunkler wurden. »Jetzt sollte er jeden Moment aktiv werden – wenn er überhaupt funktionieren wird.«

»Sag das nicht«, schalt ihn Wilhelmina. »Möglicherweise verhext du ihn.«

Bruder Lazarus sagte etwas, auf das Wilhelmina eine Antwort gab. Der Geistliche trat nach vorn und streckte seine Hand aus, wobei seine Finger weit auseinandergespreizt waren. Er vollführte drei weitere Schritte, dann drehte er sich mit einem Grinsen um und sprach erneut.

»Er sagt, dass der Ley inzwischen aktiv ist – nicht mit voller Stärke, aber ausreichend«, gab Mina die Worte des Mönchs wieder.

»Er kann das erkennen, indem er es fühlt?«

»Es ist etwas, das er über die Jahre hinweg entwickelt hat: Erfahrung, nehme ich an.« Sie ging weiter, um sich dem Priester auf dem Pfad anzuschließen. »Hast du niemals etwas gefühlt, wenn du mit einem Ley in Kontakt gekommen bist?«

»Da ist das Gefühl, sich übergeben zu müssen«, erwiderte Kit und schloss zu ihr auf. »Heftige Reisekrankheit, trockenes Würgen, Schwindel, Desorientierung – diese Art von Empfindungen. Gewiss.«

»Abgesehen davon, du Dummkopf. Bevor du springst – fühlst du es nicht?«

»Ein wenig, schätze ich«, räumte Kit ein. »Eine Art von Prickeln, das manchmal dazu führt, dass sich die Haare auf meinen Armen und im Nacken aufrichten. Nicht immer, aber meistens.«

»So geht es mir auch.«

Sie gingen weiter den Pfad hinunter. Sogleich fühlte Kit diesen unverwechselbaren Energiewirbel um sich herum; statische Elektrizität schien mit einem schwachen Kribbeln über seine Haut zu tanzen. Bruder Lazarus blieb stehen und hielt Wilhelmina seine Hand entgegen.

Mina wiederum streckte die Hand nach Kit aus. »Sollen wir gehen?«

Kit sah sich ein letztes Mal um, als wollte er den Ort in seinem Gedächtnis festmachen. Wilhelmina nahm seine Hand, sagte zum Geistlichen etwas auf Deutsch und wiederholte für Kit: »Der Sprung erfolgt beim Schritt Nummer sieben. Bereit?«

»Warte!«, rief Kit und entzog ihr seine Hand. »Ich kann nicht. Noch nicht.«

»Was ist denn los?«

»Es tut mir leid – aber was ist, wenn wir uns irren, was den Baum und alles andere anbelangt? Was, wenn der Clan immer noch in der Gegend ist?« Er drehte sich um und schaute den Pfad entlang zurück, als hoffte er, einen Blick auf die Mitglieder des Stammes zu erhaschen. »Sieh mal, die Sache ist so … Ich kann nicht weggehen, ohne selbst nachzusehen, ob sie hier sind oder nicht.«

»Aber das könnte einige Zeit in Anspruch nehmen«, hob Mina hervor. »Der Ley wird nicht allzu lange aktiv sein, und –«

»Dann kommen wir morgen zurück«, schnitt Kit ihr das Wort ab. »Schau, wir sind den ganzen Weg hierhergekommen, und es ist wichtig für mich, das herauszufinden.«

Wilhelmina konnte erkennen, dass es keine Möglichkeit gab, ihm dieses Vorhaben auszureden, und so lenkte sie anstandslos ein. Sie erklärte Bruder Lazarus, weshalb es Kit widerstrebte, jetzt zu springen, und dann sagte sie: »Okay, sicher. Warum nicht? Lass uns gehen und nach deinen Freunden sehen.«

Kit dankte beiden für ihr Verständnis und brach auf.

Sie gingen weiter auf dem nun rampenähnlichen Pfad, wobei sie sorgsam darauf achteten, bei jedem dritten oder vierten Schritt aus dem Tritt zu geraten, bis der Weg um eine Biegung führte und somit die Aktivitätszone der Ley-Linie hinter sich ließ. Sobald sie den Talboden erreicht hatten, führte Kit sie am Ufer des langsam dahinströmenden Flusses entlang.

»Das Fluss-Stadt-Lager ist ungefähr sechs Meilen von hier entfernt«, erläuterte er den beiden anderen. »Das Jahr ist immer noch nicht allzu weit fortgeschritten; also ist das der Ort, wo sie sein werden. Wenn sie immer noch tatsächlich in der Gegend sind, wird etwas Fantastisches auf euch zukommen. Mit ihnen zusammen zu sein ist mit nichts zu vergleichen, was ihr jemals erlebt habt. Es ist wie …« In diesem Moment fehlten ihm die Worte, und er begriff, dass das Zusammenleben mit dem primitiven Stamm schlichtweg jenseits aller Vergleiche war, die er machen oder an die er denken konnte. Er wäre imstande, es mehr schlecht als recht zu beschreiben, doch er würde es nicht einfangen. »Ihr müsst es einfach mit eigenen Augen sehen.«

Bruder Lazarus, der diesen Gedankengängen gelauscht hatte, sah sich rasch um und fragte etwas auf Deutsch. Mina hörte ihm aufmerksam zu, dann schaute sie sich ebenfalls um.

Kit sah den ängstlichen Ausdruck in ihrem Gesicht. »Was?«, fragte er.

»Er hat sich gefragt, ob es hier vollkommen sicher ist. Es ist doch sicher, oder?«

Kit lächelte sie schief an. »So sicher, wie es immer ist«, antwortete er. »Halt dich an mich, Schätzchen, und du solltest okay sein.«

»Es ist nur, dass wir nicht unbedingt passend ausgerüstet sind, um hier draußen unter primitiven Geschöpfen zu sein – dass wir schutzlos sind und all das.«

»Schutzlos?« Kit lachte. »Wir sind nicht schutzlos.«

»Nein?«

Kit schüttelte seinen Kopf. »Wir haben doch mich!«

»Oh, das ist wirklich beruhigend.« Sie rollte mit ihren Augen. »Sei mal ernst.«

»Ich bin ernst.« Kit nickte. »Es gibt freilich Bären und Löwen und so. Aber sie neigen dazu, sich von Menschen fernzuhalten – außer sie werden in irgendeiner Weise herausgefordert oder sind krank oder sehr hungrig.«

»Also wird alles mit uns in Ordnung sein, solange wir nicht zufällig auf einen kranken oder hungrigen Löwen treffen: Ist es das, was du sagen willst? Nun, danke schön, Tarzan, du bist eine große Hilfe gewesen.«

»Du kannst auf mich zählen.« Kit lachte abermals.

Wilhelmina kam in den Sinn, dass eine sehr lange Zeit vergangen war, seitdem sie ihn zuletzt lachen gehört hatte. Vielleicht war der Bursche auf irgendeine merkwürdige Art und Weise in der Steinzeit wirklich in seinem Element. Sie lächelte bei diesem Gedanken. Wer hätte das vermuten können?

Der Hinweis auf sich heranpirschende Löwen und ausgehungerte Bären warf allerdings einen Schatten auf die Stimmung; und die drei waren nun ein wenig vorsichtiger und stiller, während sie weitergingen. Die nachmittägliche Sonne sank unter die obere Kante der Felsen, sodass die Schlucht nun ganz im Schatten lag. Nach einer Weile legten sie eine Pause ein. Sie tranken aus einem klaren Teich am Rand des Flusses und ruhten sich einen Augenblick aus, bevor sie weitermarschierten. Die Schatten um sie herum wurden dunkler, und bald tauchten direkt über ihren Köpfen Sterne am Himmel auf. Das Tal hallte wider von den Rufen der Vögel, die scharenweise zu ihren Schlafplätzen in den höheren Ästen der Bäume ringsum zurückkehrten; und die niedrigeren Dickichte zitterten im Einklang mit dem heimlichen Rascheln der kleinen Geschöpfe, die ihre Nester für die Nacht bauten. Abgesehen davon waren die einzigen Geräusche, die zu hören waren, das Lecken und Spritzen von Wasser, das über und um die Steine herumströmte, die den Flusslauf säumten.

»Ist es noch weit?«, fragte Mina irgendwann. »Ich kann meine Hand kaum noch vor Augen sehen. Vielleicht sollten wir anhalten.«

»Wir sind fast da«, versicherte Kit ihr. »Es ist gleich um die nächste Biegung.«

Wenige Dutzend Schritte später erreichten sie eine Stelle, wo der Fluss in einem weiten Bogen um eine scharfe Krümmung der Felswand strömte und dabei eine kleine Halbinsel formte. Das Land an der Biegung des Flusses – an drei Seiten von Wasser umgeben – war der Ort, dem Kit den Namen Fluss-Stadt gegeben hatte. Er blieb stehen, spähte in die Dunkelheit hinein und suchte den Ort nach irgendwelchen Anzeichen von menschlichen Behausungen ab. Er schnupperte in der Luft, doch er nahm nur die Gerüche des Flusses wahr: die Steine, den Schlamm und die Wasserpflanzen.

»Es ist ziemlich ruhig«, flüsterte Mina. Sie blickte auf Bruder Lazarus neben ihr, der mit den Achseln zuckte. »Ich glaube nicht, dass es hier irgendjemanden gibt.«

»Du würdest sie nicht erblicken, es sei denn, sie wollen gesehen werden«, entgegnete Kit. »Los, lass uns das überprüfen.«

Er führte sie weiter in das Gelände an der Flussbiegung hinein und zum Herzen der primitiven Siedlungsstätte. Sie schlugen sich durch Gebüsch und Bestände junger Birkenbäume, bis sie zur äußersten Spitze der Halbinsel kamen, wo Kit stehen blieb. »Hier verbrachten wir die warmen Monate«, berichtete er und schaute sich auf der kleinen Lichtung um. »Wenn der Clan immer noch existierte, würde er hier sein.«

Mina bemerkte den melancholischen Unterton in seiner Stimme. »Es tut mir leid, Kit. Wirklich.« Sie legte eine Hand auf seinen Arm. »Aber wir wussten, dass es eine weit hergeholte Vermutung war.«

»Oh, ja«, seufzte er, und ein sehnsüchtiger Schmerz durchfuhr ihn auf einmal. »Dennoch habe ich gehofft … dass wir etwas finden würden, weißt du?«

»Du hast immer die Möglichkeit, irgendwann zurückzukommen. Beim nächsten Mal hast du vielleicht mehr Glück, sie ausfindig zu machen.«

»Ich nehme es an.«

»Was jetzt?«

»Wir werden die Nacht hierbleiben«, antwortete er. »Es gibt keinen besseren Platz in der Gegend, um ein Lager aufzuschlagen. Wir können ein wenig schlafen und am Morgen zu der Ley-Linie zurückkehren.«

»Und dann zurück nach Prag? Zu Schnitzel und Bier?«

»Zurück zu Schnitzel und Bier – und zu Engelberts außergewöhnlichem Strudel.«

Kit zeigte den beiden anderen, wie die Mitglieder des Stammes aus gebogenen Ästen ihre primitiven Hütten anfertigten, und tat in der Dunkelheit sein Bestes, um einen Unterschlupf für sie zu errichten. Bruder Lazarus fand Brombeeren und sammelte für jeden von ihnen einige Hand voll dieser Früchte. Sie verbrachten eine angenehme Nacht – so angenehm, wie eine Nacht ohne richtiges Essen, Feuer oder auch nur viel Schlaf es zuließ – und weckten sich gegenseitig lange vor Tagesanbruch wieder auf, sodass sie rechtzeitig die Ley-Linie erreichen konnten.

Als sie sich dem Pfad näherten, der nach oben und aus der Schlucht herausführte, hielt Kit inne. »Danke, dass ihr beide mit mir zusammen dorthin gegangen seid«, sagte er. »Es hat mir eine Menge bedeutet.«

»Wir haben eigentlich überhaupt nichts gemacht«, entgegnete Wilhelmina und übersetzte die Worte für Bruder Lazarus, der ihr zustimmte.

»Ihr seid dazu bereit gewesen«, betonte Kit. »Das ist genug.«

Als die Sonne die hohen Kanten des Schluchtrandes berührte und den weißen Kalkstein in Brand zu setzen schien, wandte Kit sein Gesicht dem Pfad zu. »Sollen wir?«

»Vorwärts in die Zukunft!«, antwortete Mina, trat zwischen die beiden Männer und streckte ihre Hände aus. »Bewegt euch zügig, meine Herren. Das Frühstück im Großen Kaiserlichen Kaffeehaus wartet auf uns. Und ich weiß ja nicht, wie es euch so geht, doch ich könnte jetzt sofort eine Tasse starken Kaffee gebrauchen.«

ZWEITES KAPITEL

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Schau her«, sagte Tony Clarke mit erhobener Stimme, »meine Tochter ist seit drei Tagen verschwunden! Niemand hat auch nur eine einzige Spur von ihr gefunden. Du bist der letzte Mensch gewesen, der sie gesehen hat –«

»Nicht der letzte Mensch«, verbesserte ihn Freitag. »Ihre Freunde haben sie gesehen.«

»Das stimmt«, räumte Tony ein, der sich bemühte, seine gereizte Stimmung unter Kontrolle zu halten und in einem ausgeglichenen Ton zu reden. »Das gebe ich zu: Ihre Freunde haben sie im Red Rocks Café gesehen. Später an jenem Abend habe ich mit ihr telefoniert, und da hat sie berichtet, dass sie mit dir draußen in der Wüste gewesen war.«

»Das ist richtig.«

»Sie hat mir gesagt, etwas Außergewöhnliches wäre geschehen.« Tony betrachtete den großen, schlaksigen Mann aus Arizona, um irgendein verräterisches Anzeichen eines Gefühls, eines Wiedererkennens oder eines bloßen Interesses zu erkennen. »Sie hat mir erzählt, du hättest sie auf etwas mitgenommen, das sie die Geisterstraße nannte – dass du und sie eine andere Welt besucht habt oder zumindest einen anderen Ort in dieser Welt.«

»Deine Tochter redet viel.«

»Das tut sie, ja – wenn sie aufgeregt ist. Ich konnte am Telefon erkennen, dass sie schrecklich aufgeregt war – entnervt, verängstigt sogar –, was bei ihr selten der Fall ist. Sie sagte, dass du ihr, wissenschaftlich gesprochen, ein Phänomen jenseits der normalen menschlichen Erfahrung gezeigt hattest. Sie bat mich, herzukommen und ihr zu helfen, mehr darüber in Erfahrung zu bringen.« Dieser letzte Teil seiner Darstellung entsprach streng genommen nicht der Wahrheit. Er selbst war es gewesen, der darauf bestanden hatte, nach Sedona zu kommen, um Cassandras Geschichte zu überprüfen. Doch er hatte das Gefühl gehabt, die Aufforderung dazu wäre unausgesprochen in der Tatsache enthalten gewesen, dass seine Tochter ihn überhaupt erst angerufen hatte. »Das ist der Grund, weshalb ich hier bin.«

»Du hast gesagt, du wärst hier, um deine Tochter zu finden.«

Der Physiker ignorierte die Starrköpfigkeit des Mannes und versuchte weiterhin, sich auf sein Hauptanliegen zu konzentrieren. »Cass sagte, sie hätte etwas Unglaubliches und Lebensveränderndes entdeckt.«

»Das hat sie nicht.«

Tony starrte den verstockten Indianer an. Versuchte Freitag etwa, ihn zu provozieren?

»Wie bitte?«, entfuhr es Tony. »Was hat sie dann gemeint? Was ist da draußen in der Wüste passiert, das sie hat glauben lassen, sie hätte etwas gesehen, das ihre Fähigkeiten, Dinge zu beschreiben, weit übersteigen würde?«

»Die Yavapai haben immer schon von der Geisterstraße gewusst. Deine Tochter hat sie nicht entdeckt.«

»Richtig. Hab ich nun begriffen. Cassandra fand diese Geisterstraße, und sie wusste nicht, was das war: Es war für sie neu; sie hatte noch nie zuvor eine gesehen. Also, was ist dann geschehen? Wohin hast du sie mitgenommen?«

»Ich habe sie nicht mitgenommen«, entgegnete Freitag. »Sie ist mir gefolgt.«

Tony begriff allmählich, wie dieser Bursche tickte. Er mochte eine Feder in seiner langen schwarzen Haarflechte tragen sowie die verblassten Denim- und Chambray-Stoffe eines modernen Cowboys aus dem Südwesten anhaben, doch dieser störrische Nachkomme amerikanischer Ureinwohner war allen auf strenge Auslegungen bedachten Pedanten im Laborkittel ebenbürtig, denen Tony in seinen Jahren als Physiker in der Forschung jemals begegnet war. Wie Tonys akademische Amtskollegen beharrte Freitag starrköpfig auf der präzisen Bedeutung seiner Worte und unternahm nicht die geringsten Anstrengungen, um die Kommunikation zu vereinfachen.

»Okay, sie ist dir gefolgt«, sagte Tony. »Cass hat mir von einem Ort erzählt, der Geheimer Canyon genannt wird. Ich habe ihn auf der Landkarte ausfindig gemacht. Ist es dort, wo die Geisterstraße gefunden werden kann?«

»Ja.«

»Ich möchte ihn sehen. Ich möchte, dass du mich dorthin bringst.«

»Nein.«

»Warum nicht?«

»Er ist nicht für dich.«

»Ist mir egal. Meine Tochter wird vermisst, und ich werde sie finden. Der Geheime Canyon scheint mir ein sehr guter Ort zu sein, um mit der Suche zu beginnen.« Er fixierte den widerwilligen Führer mit dem starren Blick eines Vaters, der sich nicht verärgern oder abweisen ließ. »Und du, mein Freund, wirst ihn mir zeigen.«

Freitags Gesichtsausdruck veränderte sich nicht. Er sah aus, als hätte man ihn aus Eichenholz geschnitzt. »Nein.«

»Lass uns diese Angelegenheit auf eine andere Weise betrachten«, schlug Tony vor, der nun einen angemesseneren Tonfall annahm. »Du kannst mir genau das zeigen, was du Cassandra an jenem letzten Tag gezeigt hast, an dem sie in Sedona gesehen worden ist. Oder du wirst es der Polizei zeigen, nachdem ich ihr erzählt habe, dass du Cassandra zu einem Spaziergang in die Wüste mitgenommen hast.«

Das hinterließ einen Eindruck. Tony sah einen Schimmer der Besorgnis in den schwarzen Augen aufblitzen.

»Ja«, fuhr Tony fort und nickte langsam, »das ist das Angebot. Entweder nimmst du mich mit, damit ich da draußen die Geisterstraße zu sehen bekomme, oder ich gehe mit dieser Information zur Polizei. Bis jetzt sind die Polizisten extrem hilfsbereit gewesen; und sie haben entsprechend ihrem Wissensstand alles getan. Stell dir nur mal ihre Aufregung vor, wenn ich ihnen von dir erzähle – und von dem, was du mit meiner Tochter angestellt hast.«

»Ich habe nichts mit deiner Tochter angestellt.«

Tony hatte einen wunden Punkt berührt; er konnte dies an dem veränderten Tonfall von Freitags Stimme hören. Er nutzte seinen Vorteil. »Wenn das deine Geschichte ist, dann berichte ihnen einfach, was passiert ist. Zweifellos wirst du in der Lage sein, jede Einzelheit zu ihrer vollständigen Zufriedenheit zu erklären. Tatsächlich bin ich mir über eines sicher: Auch sie werden alles über die Geisterstraße wissen wollen.«

Besiegt ließ Freitag seinen Kopf nach unten sinken. »Ich werde es dir zeigen.«

»Schön.« In Anbetracht dieses kleinen Sieges hob sich Tonys Stimmung. »Lass uns keine Zeit verschwenden. Auf geht’s.«

In Tony Clarkes Mietwagen fuhren sie durch Sedona und hinaus zur Ausgrabungsstätte. Die archäologischen Arbeiten hatte man vorübergehend ausgesetzt, während die kriminaltechnischen Untersuchungen wegen des Verschwindens von Cass fortgesetzt wurden. Als sie auf der Landstraße ungefähr fünfzig Yards vom Eingang der Grabungsstätte entfernt waren, fuhr Tony von der Straße herunter und hielt an. »Wir gehen von hier aus zu Fuß«, erklärte er. »Die Polizei würde wohl nicht gerade erfreut sein, wenn wir das Gelände mit unseren Spuren verunreinigen.«

Freitag sagte nichts, sondern schlug die Tür zu und begann, die Landstraße entlangzugehen.

Tony verschloss das Auto und eilte dem mit ausgreifenden Schritten marschierenden Burschen hinterher. »Erzähl mir von der Geisterstraße.«

»Was willst du wissen?«

»Nun, zunächst einmal … Was ist sie? Wie funktioniert sie?«

»Das weiß ich nicht.«

»Schau mal, ich dachte, wir hätten eine Übereinkunft, dass du hilfsbereit sein würdest.«

»Aber es entspricht der Wahrheit: Ich weiß nicht, wie sie funktioniert. Ich weiß nur, dass sie existiert und dass sie von meinem Volk viele Hunderte Jahre lang benutzt worden ist.«

»Wer benutzt sie? Wofür wird sie benutzt?«

»Der Schamane benutzt die Geisterstraße, um die Coyote-Brücke zu überqueren.«

Tony seufzte. Informationen zu erhalten würde so sein wie Zähne zu ziehen. Doch diesem Gedanken folgte ein anderer: Er hatte es mit der Beschreibung eines originären Wunders durch eine indigene Kultur zu tun. Natürlich drückten solche Menschen es in Begriffen aus, die sie verstehen konnten – in Worten, die Freitag und seinem Volk etwas bedeuteten. Sie hatten für dieses Phänomen wahrscheinlich keinen anderen Sprachschatz und möglicherweise sogar keine andere Art des Denkens. Wie dem auch sei, was Tony gerade berichtet wurde, reihte sich in das ein, was Cassandra ihm bei jenem spätabendlichen Telefonanruf mitgeteilt hatte, durch den er veranlasst worden war, gleich das nächste Flugzeug nach Arizona zu besteigen.

Sämtliche Alarmglocken hatten in dem Augenblick angefangen zu schrillen, als er die Fluggastbrücke verließ und im Regionalflughafen von Flagstaff versuchte, Cass anzurufen. Ihr Handy war ausgeschaltet, und im Motel ging sie nicht ans Telefon. Anschließend hatte er seinen Mietwagen abgeholt und war nach Sedona gefahren. Nach einem kurzen Zwischenstopp in seinem Motel war er zur Ausgrabungsstätte geeilt – die an diesem Tag aufgrund irgendeines lokalen politischen Gags geschlossen war, den er bislang noch nicht verstanden hatte. Zurück im Motel traf er zwei von Cassandras Mitarbeitern, die ihm erzählten, sie alle hätten am Abend zuvor seine Tochter im Red Rocks gesehen. Doch seitdem hätten sie sie nicht mehr getroffen.

Es dauerte ein paar Stunden, um in Erfahrung zu bringen, dass einer der weißen Transporter, die von den Ausgräbern benutzt wurden, vom Parkplatz verschwunden war. Da die Ausgrabung für einen Tag ausgesetzt war, hatte es so lange gedauert, bis das Fehlen des Fahrzeugs von jemandem bemerkt worden war. Nichtsdestoweniger wurde der Transporter rasch auf dem Ausgrabungsgelände ausfindig gemacht; er stand hinter einem Hügel aus Beuteln, in denen der Schutt der Ausgrabung aufbewahrt wurde. Das Fahrzeug war unverschlossen, und die Schlüssel lagen unter der Fußmatte. Man brauchte kein Genie zu sein, um zwei und zwei zusammenzuzählen: Cass war an jenem Morgen ganz früh in dem Transporter rausgefahren, hatte ihn im Schatten geparkt und war dann losgegangen, um die Geisterstraße wieder zu erforschen.

Er hatte sofort die Polizei darüber informiert, dass seine Tochter verschwunden war und einen Besuch des Geheimen Canyons erwähnt hatte. Nach der obligatorischen bürokratischen Verzögerung war der Canyon spät am nächsten Tag von National Park Rangers und zwei Mitgliedern der örtlichen Polizeihundestaffel mit ihren Tieren gründlich durchsucht worden. Die Suche brachte nur sehr wenig zum Vorschein: Zwar nahmen die Hunde eine Duftspur auf, die vom Transporter wegführte, doch sie verloren sie, sobald sie im Innern der Schlucht waren.

Nun würden Tony und Freitag die Suche in einem anderen Rahmen fortsetzen.

Die zwei Männer marschierten den Standstreifen der Landstraße entlang, bis sie eine Stelle erreichten, wo sie einen von Unkraut völlig zugewucherten Wassergraben überqueren konnten, und machten sich auf den Weg in die Wüste. Tony lauschte dem Knirschen der trockenen, von Kieselsteinen übersäten Erde unter seinen Füßen und dachte an das zurück, was ihm Cass über ihre Begegnung mit einer Kraft oder einem Phänomen erzählt hatte, die oder das sie sich nicht zu erklären vermochte. Er konnte noch immer ihre Stimme hören – ein wenig aufgeregt vor Unsicherheit –, als sie ihm mitteilte: »Dad, ich glaube, ich bin in eine andere Dimension gereist … In der einen Sekunde war ich im Canyon, wo Sand, Sturm und Regen auf mich einprasselten, und in der nächsten … Dad, ich stand auf einer Ebene, und die obere Bodenschicht war eine Ablagerung aus vulkanischer Schlacke. Es gab keinen Canyon mehr, keine Kakteen, rein gar nichts – nur Linien, die sich in entgegengesetzten Richtungen bis zum Horizont erstreckten …«

Als er sie dazu drängte, Einzelheiten zu schildern, erwiderte sie: »Linien … Du weißt schon. Als ob jemand eine Schneeschippe genommen und in der Schlacke auf der Ebene eine flache Mulde ausgeschaufelt hätte. Jedoch nicht willkürlich oder planlos: Diese Linien waren vollkommen gerade, und sie erstreckten sich meilenweit.«

Ihre Beschreibung erinnerte ihn an die uralten Muster, die in den Boden der Nazca-Hochebene im Süden Perus eingekratzt worden waren. Eine schnelle Durchsicht von verfügbaren Fachbüchern schien ihre Beschreibung zu bestätigen: Es war das, was man vom Boden aus sehen würde, wenn man in die Mitte der Nazca-Ebene fiele, schlussfolgerte er. Tony Clarke, der Vater, glaubte, dass seine Tochter eine sehr beeindruckende Erfahrung erlebt hatte, die ihre normalerweise rationale Ansicht von der Welt durcheinandergebracht hatte. J. Anthony Clarke, der Wissenschaftler, stellte die Hypothese auf, dass sie eine Erfahrung von translokationaler Wahrnehmung erlebt hatte, die vielleicht durch den Zusammenstoß elektromagnetischer Kräfte hervorgerufen worden war, entstanden durch irgendwelche Faktoren der einzigartigen physikalischen Geografie von Arizona.

Bekannt und berühmt als die Sedona Vortexes, konnten diese tellurischen Energieausstrahlungen außergewöhnliche Effekte produzieren. Er fragte sich, ob sie in der Lage waren, das Erkennen und die Wahrnehmung signifikant zu beeinflussen. Er hatte Kurzberichte von Experimenten gelesen, bei denen freiwillige Testpersonen, die starken Magnetfeldern unterworfen waren, veränderte Bewusstseinszustände erlebten. War es das, was Cassandra widerfahren war?

Natürlich war mentale Dislokation eine Sache und körperliches Verschwinden etwas vollständig anderes. Als guter Wissenschaftler weigerte sich J. Anthony Clarke, Vermutungen anzustellen, solange er nicht mehr Fakten zur Verfügung hatte. Und dies war der Grund, weshalb er Freitag an diesem strahlenden, frischen Morgen aufgesucht hatte.

»Okay, du weißt also nicht, wie die Geisterstraße funktioniert«, räumte Tony ein. »Aber wie handhabst du sie? Wohin führt sie? Ich möchte alles wissen, was du mir erzählen kannst.«

Ein schwaches Lächeln erschien auf Freitags Lippen. »Du bist genauso wie deine Tochter.«

»Danke schön. Ich warte …«

Freitag beschrieb kurz seine Erfahrung mit der Geisterstraße, dass die sogenannten Seelenpfade nur zu bestimmten Zeiten am Morgen und am Abend gefunden werden konnten und dass man in ihrer Anwendung von einem anderen Reisenden eingeweiht werden musste. Er deutete an, dass es verschiedene Zielorte gab, die erreicht werden konnten, indem man Pfade miteinander verband, wobei einem Reisenden die Möglichkeit eröffnet wurde, von einem Ort zum anderen zu springen. Außerdem berichtete er, dass Schamanen, welche die mysteriösen Pfade benutzten, sehr langsam zu altern schienen – wenn überhaupt. Und dass es durch das Reisen auf den Geisterstraßen eine große Weisheit zu erringen gab.

Tony begriff, dass er einen Crashkurs in interdimensionalem Reisen erhielt, und sog alles auf, was gesagt wurde. Sein Verständnis von der Sache wuchs in großen und kleinen Sprüngen, da sein schnell arbeitender Verstand augenblicklich Verbindungen herstellte zwischen dem, was ihm erzählt wurde, und der Wissenschaft, die bislang sein Lebenswerk war.

Während sie redeten, kamen die roten Felswände näher: Abrupt erhoben sie sich aus der sie umgebenden Ebene, schroff und Achtung gebietend im glänzenden Morgenlicht. Bevor die Sonne die hoch aufragenden Felsstapel im Osten aufgehellt hatte, war er von seinem Führer zum halb verborgenen Eingang der Trockenschlucht geleitet worden, die als Geheimer Canyon bekannt war.

Während Freitag einen letzten Blick zum Himmel warf, sagte er: »Wir sind rechtzeitig da.«

Tony schaute sich um. Steile Wände aus tiefrotem Sandstein formten senkrechte Vorhänge auf jeder Seite einer engen Schlucht, deren Boden zumeist glatt und eben war. Das Innere des Tals zwischen den zwei welligen Wänden war durchdrungen von Schatten. »Was geschieht als Nächstes?«, fragte er.

»Wir gehen.«

»Nach dir.«

Freitag nickte und ging in den Canyon hinein; einen Schritt hinter ihm folgte Tony. Es dauerte ein paar Momente, bis sich die Augen des Wanderers dem dämmrigen Licht angepasst hatten, das vom Himmel hoch oben nach unten durchdrang. In der Luft war ein mineralischer Geruch – von Stein und Wasser und Ozon –, der durch den trockenen Wüstenwind entstand, wenn er über den Rand des Canyons hinwegstrich. Die zwei folgten dem sich sanft biegenden Pfad durch die Schlucht, bis sie zu einer Stelle kamen, wo der Wanderweg gerade wurde. Freitag begann schneller zu gehen, und seine Schritte wurden länger.

Tony, der seinen indianischen Führer beobachtete, ahmte den langen, schreitenden Gang so gut wie möglich nach. Und einen Augenblick später spürte er den leichten Atem einer frischen Brise, die über sie hinwegwehte. Ein paar weitere Schritte, und die Schatten wurden sogar noch dunkler. Als er hochblickte, sah er, dass sie in ein Gebiet von Nebelschleiern geraten waren, die entlang des Canyon-Randes herabhingen. Ein oder zwei Sekunden später spürte er die ersten kleinen Regentropfen auf seinem Hals und seinen Händen.

Der leichte Wind frischte auf. Er pfiff zwischen den hohen Felsen herum und sandte einen kleinen Hagel von Kieselsteinen auf sie herab.

»Bleib dicht bei mir, und pass auf deinen Schritt auf«, wies Freitag ihn an.

»Ist das ein Teil davon?«, fragte Tony.

»Ja.«

Freitags Schritte wurden schneller, ohne dass es den Anschein hatte, er würde sich irgendwie rascher bewegen. Er streckte eine Hand nach Tony aus, der sie ergriff und beinahe augenblicklich von einer fürchterliche Windböe von den Füßen gerissen wurde. Oder zumindest war es das, was sich entsprechend seiner Vorstellung ereignet hatte. Denn im selben Augenblick, als der Wind ihn traf, zeigte der Boden des Canyons eine Veränderung seines Niveaus – bloß ein halber Schritt, aber genug, um den Wissenschaftler vehement aus dem Tritt zu bringen. Er verlor sein Gleichgewicht und wäre nach vorn auf Hände und Knie gestürzt, hätte Freitags Griff ihm nicht Stabilität verliehen.

Alles geriet ein wenig durcheinander. Der herabhängende Nebel schien vor ihm vorüberzuziehen, und Tony fühlte eine glitschige Dunstschicht auf seinem Gesicht. Dann verschwand die Wolke, und er stand bei hellem Tageslicht in der Wüste. Zuerst dachte er, dass sie lediglich den Canyon verlassen hatten, und als Tony zurückschaute, ging er fest davon aus, hinter sich die roten Felsenwände zu sehen. Was er stattdessen erblickte, verschlug ihm den Atem und warf seinen Verstand aus der Bahn.

Die charakteristischen Sandstein-Stapel von Sedona waren nirgendwo mehr zu entdecken – und auch keine einzige Yucca-Pflanze und kein einziger Riesen- oder Barrel-Kaktus. Stattdessen sah er, dass sie auf einer ungeheuer großen, leeren Ebene standen, die flach wie eine Pfanne war – bis zum Horizont, wo in der blauen Ferne eine Gruppe uneinheitlicher Hügel zu sehen war. Tony stand in einem flachen Graben, der aus dem losen vulkanischen Bimsstein, der die Ebene bedeckte, herausgekratzt worden war. Dieser Graben erstreckte sich vor und hinter ihnen, so weit Tony zu sehen vermochte, und war so gerade wie die Linie eines Landvermessers.

Freitag blieb stehen und ließ Tonys Hand los. »Wir sind da.«

»Wo?«, fragte Tony, der sich voll Staunen umblickte. Es war beinahe so, wie Cassandra am Telefon beschrieben hatte. »Was für ein Ort ist das?«

»Das ist Tsegihi«, erwiderte Freitag. »Du würdest sagen, es ist die Geisterwelt.«

»Es mag die Geisterwelt sein, aber es sieht für mich wie Peru aus.«

»Wenn du das sagst.«

Tony schaute um sich herum und fühlte, wie die Sonne heiß auf seinen Rücken und den Kopf brannte. »Das ist der Ort, wo du Cass hingebracht hast …«, begann er und wurde dann von einem plötzlichen und heftigen Brechreiz überwältigt, der dazu führte, dass er sich tief nach unten krümmte und in den Staub erbrach.

»Das passiert«, bemerkte Freitag.

Tony hob den Kopf und warf seinem Führer einen finsteren Blick zu. »Du hättest mich warnen können«, sagte er und tupfte sich den Mund mit einem Ärmel ab. Er sog die Luft tief in seine Lungen ein, und die Wellen der Übelkeit gingen allmählich zurück. Er richtete sich wieder auf. »Was machst du hier?«

Freitag erwiderte seinen Blick, machte jedoch keinen Versuch, darauf zu antworten.

»Okay, lass mich dir dann diese Frage stellen: Was hat Cass gemacht, als sie hierhergekommen ist?«

»Nichts«, entgegnete Freitag. »Wir haben uns Tsegihi angeschaut, und anschließend habe ich sie nach Hause gebracht.«

»Das ist alles? Das war’s?«

»Das war’s.« Freitag richtete seinen Blick auf die fernen Berge, atmete tief ein und dann aus und sagte schließlich: »Jetzt bringe ich dich auch nach Hause.«

»Nicht so schnell, mein Freund. Wenn Cass allein hierhergekommen ist, hat sie wahrscheinlich irgendeine Art von Spur zurückgelassen – vielleicht ist sie immer noch irgendwo hier. Wir werden nach ihr suchen.«

Freitag gab darauf keine Antwort. Also drehte Tony sich um und überblickte die Ebene, auf der sie standen. So weit das Auge reichte, war kein anderes Lebewesen zu sehen, und zwar in allen Richtungen. Wenn da irgendjemand oder -etwas gewesen wäre, das sich auf dieser Ebene bewegte, hätten sie es gesehen. Wenn man annahm, dass Cass ungefähr an derselben Stelle wie sie beide angekommen war – was hatte sie dann als Nächstes getan?

»Gibt es andere Linien hier in der Gegend?«, erkundigte sich Tony.

»Viele.«

»Weißt du, wohin sie führen?«

»Nein. Sie gehen überallhin. Es ist gefährlich, dorthin zu reisen, wo man sich nicht auskennt.«

Tony dachte darüber nach. »Wenn sie einfach weitergegangen ist, würde sie jemals eine Stadt oder ein Dorf oder irgendwas erreichen?«

Freitag schüttelte kurz den Kopf.

»Dann vermute ich, dass sie wahrscheinlich versucht hat, nach Hause zu kommen«, folgerte Tony. »Ich kenne sie, und das ist es, was sie tun würde, wie ich glaube.« Er schaute auf die Linien um sich herum, die in den Bimssteinschotter der Ebene geätzt waren. »Gehe ich richtig in der Annahme, dass diese Linien verschiedene Seelenstraßen oder -pfade markieren?«

Freitag blickte stoisch über die leere Ebene hinweg. »Einige von ihnen.«

»Da sie keine Möglichkeit haben würde, zu erraten, welche Linien aktive Pfade sein könnten, wäre das Logischste für sie gewesen, einfach ihre Schritte zurückzuverfolgen. Habe ich recht?«

Freitag sagte nichts.

»Wir wollen für den Moment annehmen, dass meine Einschätzung richtig ist.« Tony zeigte auf den Pfad, auf dem sie standen, und fragte: »Führt dieser Weg zum Geheimen Canyon zurück?«

»Nein.«

Tony dachte darüber nach. Er betrachtete den flachen Graben der Länge nach, schaute rauf und runter und nickte nachdenklich. »Okay. Also, wohin führt er?«, fragte er zum Schluss.

Sein widerwilliger Führer zögerte einen unschlüssigen Augenblick lang, dann gestand er ein: »Ich weiß es nicht.«

»Nun, Freitag, mein Freund, wir sind im Begriff, herauszufinden, wohin er führt.«

DRITTES KAPITEL

Abbildung

Cassandra – die erschöpft war, sich die Füße wundgelaufen hatte und sich wie ein alter, abgenutzter Reifen fühlte, dem die Luft entwich – kam vor einem gewaltigen schmiedeeisernen Tor zum Stehen, das den Zugang zu einem stattlichen Haus am Ende einer Stadtstraße schützte. Die rauchverschmutzten Ziegelsteine waren fast schwarz, und das Tor war trübe vom Rost. Es gab keine Straßenlampen, keine Lichter aus den Häusern der Umgebung, überhaupt keine Lichter – mit Ausnahme des letzten Schimmerns von Tageslicht, das rasch im Westen erlosch.

Brendans Wegbeschreibungen waren fehlerlos gewesen; seine Schilderungen über das Reisen ins England des siebzehnten Jahrhunderts ließen jedoch eine Menge zu wünschen übrig. Andererseits wäre wahrscheinlich nichts, was er hätte Cass erzählen können, dem gerecht geworden, was sie erlebt hatte in den letzten … Wie lange war sie unterwegs? Einen Tag? Zwei? Es schien bereits so lange zu dauern wie ein ganzes Lebens.

Wo sollte man indes beginnen, fragte sie sich, um eine Welt zu beschreiben, die gleichzeitig so vertraut und dennoch so fremd war?

Vor ihr stand das imposante Backstein-Herrenhaus eines englischen Aristokraten mit Dachvorsprüngen in Giebelform und zahlreichen Kaminen, von denen jeder eine unterschiedliche Struktur und Bauweise besaß. Es hatte der Länge nach unterteilte Fenster mit winzigen, rautenförmigen Scheiben, die aus geblasenem Glas bestanden, und kunstvoll verzierte Eisengitter rund um die Grenze des gesamten Anwesens, auf denen es Platanen mit breiten Ästen gab, die einen finsteren gemusterten Hintergrund bildeten. Mitten auf der Straße hinter Cass führte ein Hirte mit einer Weidengerte vier Kühe hinunter; ein Mann stand an der Ecke, läutete mit einer Glocke und schrie etwas aus voller Lunge. Frauen in langen Röcken und mit Weidenkörben auf den Köpfen spazierten Hand in Hand; unbekümmert plauderten sie miteinander, während sie vorbeigingen.

Cass nahm die absolut traumähnliche Qualität dieser Szenerie auf, indem sie ihren müden Kopf lange und langsam schüttelte. Falls William Shakespeare auf der Türschwelle auftauchte, um sie zu grüßen, würde es sie nicht im Mindesten überraschen. Die Leute, die sie unterwegs getroffen hatte und die über die Straßen gingen, schienen mit Sicherheit direkt aus einem Shakespeare’schen Stück zu kommen. In ihrer Kleidung und ihren Gepflogenheiten wirkten die Menschen so, als würden sie sich in der Welt von Die lustigen Weiber von Windsor gut und gern zu Hause fühlen. Sie sprachen auch wie die Figuren von Shakespeare – was eine weitere Sache war, wovor Brendan sie mit ein wenig mehr Eindringlichkeit hätte warnen können: Die Sprache war beinahe nicht mehr zu verstehen, wenn man ihr nicht mit qualvoller Aufmerksamkeit folgte. Cass musste sich selbst durch die offensichtlichsten Äußerungen und einfachsten Wortwechsel mühen und beschränkte sie daher auf ein Mindestmaß. Es ist Englisch, Jim, dachte sie, aber nicht so, wie wir es kennen.

Dies hatte sie – zusätzlich zu all den anderen Erschütterungen und Schocks, die durch die Ankunft in der fremdartigen Londoner Welt der Sechzigerjahre des siebzehnten Jahrhunderts auf sie niedergefahren waren – so entkräftet, dass sie zu einem erschöpften Klümpchen geworden war. Sie wollte nichts mehr, als sich mit einem warmen Getränk zusammenzukauern, auszuruhen und neu zu organisieren. Unglücklicherweise würde eine solche Tröstung warten müssen. Gerade jetzt stand sie kurz vor ihrer bislang größten Herausforderung.

Nachdem sie durch das Tor getreten war, begab sie sich auf den kurvenreichen Weg zur Eingangstür. Dort angekommen, legte sie eine Pause ein, um ihre Gedanken zu sammeln. Sie holte tief Luft und legte ihre Hand an den großen Türklopfer aus Messing. »Wird schon schiefgehen«, murmelte sie und pochte dreimal kräftig gegen die Tür.

Sie wartete. Die Erschöpfung schien durch den Erdboden in ihr Blut nach oben zu sickern und schickte ein Durcheinander von Tagesereignissen hoch, die durch ihr Bewusstsein stürzten.

***

Der Tag hatte lange vor Sonnenaufgang mit einem Schnellkurs in Ley-Reisen begonnen, der von Brendan Hanno geleitet wurde – dem Chef-Zetetiker, wie sie ihn jetzt gerne in Gedanken nannte. Er war ihr Mentor und Führer in dieser schönen neuen Welt der interdimensionalen Erforschung, und sie waren sich mittlerweile so nahegekommen, dass sie sich duzten.

»Du wirst ein paar grundlegende Rahmenrichtlinien nicht vergessen wollen«, hatte er ihr erzählt, während sie eine einsame syrische Straße entlangrumpelten, die in die trockenen Hügel nördlich von Damaskus führten. »Je näher man dem Anfang einer Ley-Linie ist, desto enger scheint man in Verbindung mit ihrem Ursprungspunkt in der Zeit zu sein. Es ist gut, dies im Auge zu behalten, aber vertrau dem nicht dein Leben an – es gibt zu viele Ausnahmen.«

»Da ist noch etwas«, sagte Cass, die ein großes Stück von dem pappigen süßen Brötchen abbiss, das ihr Frühstück darstellte. »Was führt überhaupt erst zur Entstehung der Ley-Linien? Wie werden sie erschaffen?«

»Wenn wir das wüssten«, entgegnete Brendan lachend, »hätten wir wahrscheinlich bereits vor Jahren die große Suche abgeschlossen. Die Erschaffung der Leys ist eine der vielen fantastischen Mysterien unseres einzigartigen Unterfangens.«

»Vielleicht kann das ja einer Ihrer Beiträge zu der großen Suche sein«, schlug Mrs Peelstick vor, die auf der Rückbank saß. »Noch ein weiteres süßes Brötchen, meine Liebe? Ich habe auch ein paar sehr hübsche Birnen.«

»Wir sind fast da«, verkündete Brendan und drosselte die Geschwindigkeit des Fahrzeugs. »Wir werden direkt an der Straße anhalten, und ich geleite dich zum Ley. Ich glaube nicht, dass dort jemand in der Gegend ist, aber man weiß ja nie.«

Sie erreichten das Tal und gelangten an eine Wegkreuzung, die durch eine alte Steinmarkierung gekennzeichnet war. Ein paar Hundert Meter westlich davon gab es ein kleines Landgut, das von Olivenbäumen umgeben war, und einige Hundert Meter dahinter einen weiteren Bauernhof. Ansonsten war die Gegend verlassen. Brendan brachte den Wagen zum Stehen, zog die Handbremse an und schaltete den Motor ab. Cass stieg aus dem Fahrzeug und trat in einen kühlen, frischen Morgen hinein. Der Himmel zeigte im Osten ein schwaches, rosafarbenes Licht.

Mrs Peelstick öffnete die hintere Tür und gesellte sich zu Cass, die auf der Straße stehen geblieben war. »Ich werde für Ihre Sicherheit auf jedem Schritt Ihres Weges beten, Cassandra«, versprach sie. »Gehen Sie mit Gott.«

Cass umarmte sie kurz, nahm Abschied von ihr und schritt dann an der Seite von Brendan fort.

»Diese Wegmarkierung«, sagte er und wies auf den Meilenstein neben der Straße, »wurde von den alten Römern errichtet. Wenn du ganz genau hinschaust, kannst du immer noch die Entfernungsangabe erkennen.«

»Entfernung zu welchem Ziel?«

»Rom natürlich«, erwiderte Brendan vergnügt. »Alle Wege führen bekanntlich nach Rom. Der Ley, den wir benötigen, ist nicht weit von hier.« Er führte sie den Hügel hinauf, der aufgehenden Sonne entgegen. »Ich nenne ihn den ›Alten Zuverlässigen‹.«

»Weil er dich niemals im Stich lässt?«, fragte Cass nach und hob ihren Kleidersaum an. Zu ihren robusten Wanderschuhen trug sie nun den typischen langen Rock einer Bäuerin, dazu eine Bluse und ein blau kariertes Kopftuch – Mrs Peelsticks kühner Versuch, sich der Mode im guten alten England anzunähern. Während Cass den ansteigenden Pfad hochstieg, suchte sie sich einen Weg zwischen den Felsstücken, von denen der Boden übersät war.

»Weil er ausnahmslos stabil ist: ein Zeichen, das allgemein auf eine sehr alte Ley-Linie hinweist. Wenn man einen Ley findet, der von verschiedenen, einander nachfolgenden Epochen menschlicher Kultur markiert worden ist – durch stehende Steine, neolithische Grabhügel, heilige Quellen, Kirchen und dergleichen, die alle quer durch die Landschaft aufgereiht sind –, dann kann man einigermaßen sicher sein, dass der Ley nicht nur ziemlich alt ist, sondern auch sehr stabil.«

»Inwiefern stabil?«, fragte Cass.

»Sagen wir mal so: Es ist unwahrscheinlich, dass du kopfüber in eine schwierige Situation hineingeworfen wirst.«

»Also könnte man sagen, dass, je älter eine Ley-Linie ist, desto zuverlässiger ist sie in puncto Bestimmungsort.«

»Allgemein gesprochen. Es gibt allerdings Ausnahmen.«

Cass schüttelte den Kopf. »Wo würden wir bloß ohne Ausnahmen sein?«

Sie marschierten durch eine kümmerliche Ödnis mit spärlichem Grasbewuchs und felsigem Erdboden von der Art, die in Syrien als üppiges Weideland durchging. Der Himmel hellte sich nach wie vor stetig auf, und entlang des östlichen Horizonts breitete sich ein rötliches Gold aus. Die Luft war frisch und kühl, enthielt jedoch eine Spur von latenter Wärme; später würde es heiß sein. Andererseits, brachte Cass sich selbst in Erinnerung, würde sie zu diesem Zeitpunkt irgendwo anders sein – und zu einer ganz anderen Zeit. »Nun erzähl mir schon etwas über das London im siebzehnten Jahrhundert«, bat sie.

»Dein endgültiger Bestimmungsort ist London, richtig«, antwortete Brendan, der bei jedem seiner lockeren Schritte mit seinen langen Beinen weit vorwärtskam. »Von hier aus ist es eine Reise in drei Sprüngen. Wenn alles nach Plan läuft, solltest du allerdings – relativ gesprochen – in der Lage sein, es innerhalb eines Tages zu schaffen. Du wirst dich rückwärts in der Zeit bewegen und das Jahr 1665 als Ziel anpeilen – obwohl jeder Zeitpunkt zwischen 1663 und 1667 wahrscheinlich akzeptabel sein wird.«

»So genau? Wirklich?«

Brendan lachte; seine Stimme ertönte klar in der frühen Morgenluft. »Schön wär’s! Das wär mal was anderes.« Er blickte sie funkelnd an; er genoss ihre unschuldsvolle Reaktion. »Die Verlockung, vor dir zu prahlen, ist beinahe unwiderstehlich. Aber nein, eine solche Sachkompetenz nehme ich nicht für mich in Anspruch. Wir können in diesem Fall jedoch ziemlich sicher sein, weil London zu jener Zeit das Zuhause von Sir Henry Fayth ist. Cosimo Livingstone ist zufälligerweise ebenfalls ein Londoner. Als Mitglieder unserer Vereinigung sind Sir Henry und Cosimo über die Jahre hinweg wegen zahlreicher Aufgaben der Gesellschaft hin- und hergereist: Sie hatten genügend viele Gelegenheiten, um den Weg genau zu ermitteln und sehr gut zu dokumentieren.« Er lächelte sie an. »Du folgst ihnen einfach in ihren Fußstapfen.«

»Beinahe buchstäblich«, merkte Cass an.

»Die Notizen, die ich dir gegeben habe, sind aus der Wegbeschreibung, die Cosimo Livingstone zu den Akten gelegt hat. Sie führen dich zum Clarimond House, Sir Henrys Wohnsitz in London. Befolge sie buchstabengetreu, und du solltest nicht zu weit vom Weg abkommen.« Er blickte sie von der Seite an. »Ich würde mit dir gehen, aber Angelegenheiten der Gesellschaft halten mich im Augenblick hier fest.« Er gab ihr einen beruhigenden Klaps auf den Rücken. »Sorge dich nicht. Wenn das vorüber ist, wirst du Lektionen in Ley-Reisen geben.«

»Hoffen wir’s.« Cass dachte einen Moment nach, dann fragte sie: »Wie sieht eigentlich der Mechanismus aus, der hierbei beteiligt ist? Was für ein Phänomen dient als Antrieb, der das Ley-Reisen ermöglicht?«

»Das ist die Eine-Million-Dollar-Frage«, erwiderte Brendan. »Die kurze Antwort lautet: Wir wissen es immer noch nicht. Wir haben Theorien.« Er lachte kurz auf. »Viele gute und nützliche Theorien.«

»Nenn mir eine.«

»Nun, die beste Hypothese ist, dass dort, wo zwei Dimensionen eines multidimensionalen Universums aufeinandertreffen, sie eine Linie der Kraft in der physikalischen Landschaft formen.«

»Ein tellurisches Energiefeld«, sagte Cass.

»Du weißt Bescheid über tellurische Energie – gut. Für uns Erdlinge manifestiert sie sich als gerade Linie, doch es gibt Anlass, zu vermuten, dass dieses Energiefeld in Wirklichkeit alles andere als gerade ist. Wenn wir die physikalische Apparatur hätten, um dieses Kraftfeld in seiner tatsächlichen multidimensionalen Darstellung wahrzunehmen, würde es meiner Vermutung nach ganz anders aussehen.« Brendan blickte Cass an. »Hast du jemals das nördliche Polarlicht gesehen?«

»Nur auf Bildern«, antwortete Cass.

»In den Nordlichtern hast du diese ungeheuren Wirbel und dieses gigantische Gewirr von hochenergetischen Partikeln, die von einem heftigen Sonnenwind wild durch die obere Atmosphäre gepeitscht werden. Das Phänomen erscheint Beobachtern unten auf der Erde als ein gewaltiger schimmernder Vorhang aus geisterhaftem Licht, der sanft in einer Brise weht, die sie nicht zu fühlen vermögen.« Er blickte Cass erneut an, als er abschließend erklärte: »Wenn wir eine Ley-Linie so wahrnehmen könnten, wie sie wirklich in Raum und Zeit ist, dann würde sie, wie ich glaube, genau so aussehen.«

»Und diese chaotische, wie von Peitschenhieben erzeugte Bewegung soll das sein, was sie so unvorhersehbar macht, nehme ich an«, äußerte Cass vorsichtig. Als Brendan zustimmend nickte, entgegnete sie rasch: »Aber wir Reisende erfahren nichts dergleichen, wenn wir einen Sprung machen. Für mich zumindest ist es mehr wie ein Blinzeln mit dem Auge: In dem einen Moment bist du an einem bestimmten Ort, und im nächsten Augenblick bist du anderswo – und nichts ist dazwischen. In Wirklichkeit reist man überhaupt keine Wegstrecke.«

»Es ist komisch«, erwiderte Brendan, »doch die meisten Leute hören den Begriff ›Quantensprung‹ und glauben, es sei ein gewaltiger, übermenschlicher Sprung, aber in Wirklichkeit ist es nichts dergleichen.«

»Tatsächlich ist es das genaue Gegenteil«, sagte Cass. »Ein Elektron knallt von einer Ebene zur anderen auf seiner Umlaufbahn um den Kern eines Atoms herum – es bewegt sich einfach unverzüglich von hier nach dort, ohne den unglaublich winzigen Raum zwischen den beiden Punkten zu durchqueren.«

»Richtig. In dieser Analogie nehmen wir die Position der Elektronen ein. Wenn wir mit einem Ley interagieren, springen wir von einer dimensionalen Wirklichkeit in die andere, ohne irgendeine Wegstrecke dazwischen zu durchqueren … Obschon ich vermute, dass in Raum-Zeit-Modalitäten die Entfernung, die wirklich zurückgelegt wurde, tatsächlich atemberaubend groß sein könnte – dass die verschiedenen Reiseziele ganze Galaxien oder Universen voneinander entfernt sind.« Er verstummte einen Augenblick lang, dann lachte er ein weiteres Mal. »Oder vielleicht auch nicht. Möglicherweise werden wir es niemals wissen.« Er wies auf eine weitere steinerne Markierung direkt vor ihnen und erklärte: »Dort ist der Anfang des Leys.«

Cass schaute auf die Stelle, auf die er zeigte, und sah einen gerundeten Stumpf aus Stein – ähnlich dem einer durchgebrochenen Säule, die auf einem stark erodierten Sockel errichtet war. Von dem Säulenstein dehnte sich ein flacher Graben aus, der lediglich eine geringe Vertiefung in der rauen Erde darstellte: Er war leicht zu übersehen, wenn man nicht konkret nach ihm Ausschau hielt. Ungefähr hundert Meter entfernt stand ein weiterer Stein und dahinter ein glatter, runder, kleiner Erdhügel – ein Tel im einheimischen Sprachgebrauch.

»Ich kann ihn sehen«, sagte Cass. Sie blieben am Säulenstein stehen und schauten hinunter auf die pfeilgerade Linie des Leys. Cass blickte den schmalen Pfad entlang und nickte entschlossen.

»Noch Fragen?«, wollte Brendan wissen. Als sie den Kopf schüttelte, erklärte er: »Dann fort mit dir.«

»Wenn alles gut läuft, werde ich im Handumdrehen zurück sein.« Cass brach zum Pfad auf. »Bis bald!«

»Gott möge mit dir sein, Cassandra!«, rief er ihr hinterher.

Sie winkte ihm zu und ging zum Anfangspunkt, dann blieb sie stehen. »So«, sagte sie und bereitete sich auf das unangenehme Gefühl der Reisekrankheit vor, das sie auf der anderen Seite erwartete. Jene flüchtige Übelkeit war nichts im Vergleich zur psychischen Dislokation, die der Sprung von den Dreißigerjahren des zwanzigsten Jahrhunderts zu den Sechzigerjahren des siebzehnten Jahrhunderts mit sich brachte.

Was sich daran anschloss, war auf zwei von Hand geschriebenen Karten detailliert und – obschon recht verschlungen formuliert – in leicht nachzufolgenden Schritten festgehalten. Die Wegbeschreibung führte Cassandra durch zwei unterschiedliche Welten, von denen sie fast nichts sah. Schließlich gelangte sie zum äußersten Randgebiet einer Version von London, die Samuel Pepys wiedererkennen würde – falls er nicht in diesem Augenblick tatsächlich darin lebte.

Jetzt, wo sie zitternd am Rande der mentalen und körperlichen Erschöpfung stand, wartete Cass darauf, dass man ihr an einer schweren, eisenbeschlagenen Tür antwortete und ihre nächste Herausforderung begann. Sie klopfte erneut und war gerade im Begriff, sich auf die Türschwelle herabsinken zu lassen und völlig zusammenzubrechen, als sie auf der anderen Seite das Geräusch von Schritten hörte. Dann erfolgte das Klicken eines Riegels, der hochgehoben wurde, und die Tür öffnete sich.

Ein Mann, der einen langen schwarzen Mantel, ein weißes Hemd mit einer zu einem Band geknoteten Halskrause und weiße Strümpfe unterhalb seiner kurzen, knielangen Hose trug, stand in der Tür. In der Hand hielt er eine Messinglampe. »Ja?«, sagte er trocken und blickte auf Cass mit dem gelangweilten Ausdruck des gewohnheitsmäßig Unbeeindruckten.

»Ich wünsche Euch einen guten Abend, Villiers«, sagte Cass, die bei der Begrüßung den Namen benutzte, den Brendan ihr genannt hatte.

Der Diener hob die Lampe und hielt sie dichter an Cass. »Ich fürchte, ich bin im Nachteil, Miss …?«

»Ich heiße Cassandra Clarke«, erwiderte sie. »Ich bin aus sehr großer Entfernung hergekommen, um mit Sir Henry Fayth zu sprechen. Ist er heute Abend zu Hause?«

Bevor der Hausdiener eine Antwort gab, starrte er Cass genauer an und nahm die von der Reise schmutzig gewordene Kleidung besonders zur Kenntnis. »Seine Lordschaft ist nicht zu Hause«, entgegnete er schließlich und begann, die Tür zu schließen. »Ich wünsche Euch eine gute Nacht.«

»Villiers?«, rief eine Stimme irgendwo im Innern des Hauses. »Ist da jemand? Ich dachte, ich hätte die Tür gehört.«

Einen Augenblick später tauchte eine Gestalt aus der Dunkelheit im Inneren des Hauses auf, und Cass fand sich in der Gegenwart einer wunderschönen jungen Frau wieder. Gekleidet war sie in einem langen Kleid aus gleißendem blauem Satin, das am Hals, an den Handgelenken und am Saum in cremefarbener Spitze eingefasst war. Ihr langes rostbraunes Haar ergoss sich in Fülle über ihre schmalen Schultern. Ein Ausdruck ernsthaften Interesses zeigte sich auf ihrem hübschen Gesicht, als sie in das Licht trat, das die Öllampe verströmte.

»Eine Bettlerin, die Sir Henry sucht, Mylady«, intonierte der Diener steif; seine Hand war immer noch an der Tür. »Ich habe sie unterrichtet, dass Seine Lordschaft sich nicht hier aufhält. Sie ist gerade im Begriff, wieder zu gehen.«

»Selbstverständlich«, erwiderte die junge Frau. Dann wandte sie sich Cass zu und sagte: »Es ist wahr, mein Onkel ist gegenwärtig nicht zu Hause. Vielleicht kann ich Euch einen geringfügigen Dienst erweisen? Ist es ein Essen, das Ihr wollt? Oder Arbeit?« Sie lächelte sanft. »Vergebt meine Offenheit, ich bitte Euch. Ich bin Lady Fayth.«

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