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Das Sakrament

Inhaltsübersicht

PROLOG

In den Fogarasch-Bergen – Auf der ostungarischen Steppe

TEIL I

Im Kastell St. Angelo – In Birgu – Auf Malta

In der Villa Saliba – In Messina – Auf Sizilien

In der Taverne »Zum Orakel« – In Messina – Auf Sizilien

In der Taverne »Zum Orakel« – Am Tor von Messina – In den Neptun-Bergen

In der Abtei von Santa Maria della Valle

Im Gästehaus der Villa Saliba

Auf der Straße nach Messina – In der Taverne »Zum Orakel«

Auf der Straße nach Syrakus

Am Hafen von Messina – Auf der Couronne

In der Kalkara-Bucht – In Birgu – Auf Malta

In der Herberge der englischen Zunge

Auf der Bastion von Kastilien – Auf der Bastion von Italien – Auf der Bastion der Provence

Auf der Anhöhe von Santa Margharita – Auf der Großen Ebene

TEIL II

Im Kloster Santa Sabina – In Rom

Im Hafen – In Birgu

In der Herberge von England – In den Außenbezirken – Im Kastell St. Angelo

Auf der Piazza vor dem Hospital – Im Kastell St. Angelo

In Mdina

Am Galgenpunkt

Im Heiligen Hospital – In der Herberge von England

In Zonra – In Marsaxlokk – In der Herberge von England – Am Kai

Am Schrein Unserer Lieben Frau von Philermo – In der Herberge von England – Im Kastell St. Angelo

In der Herberge von England – Bei der Überfahrt – Auf dem Ehrenposten

Im Laufgraben – Im Burghof – Auf dem Damm

Im Niemandsland

In St. Elmo – Auf dem Außenwerk – Im Solar – Am Kai

Auf Amparos Felsen

In St. Elmo – Auf den Befestigungswällen – In der Schmiede

In Birgu – In St. Elmo

In St. Elmo – In St. Angelo – Im Festungshof

Der Fall von St. Elmo

Im Kastell St. Angelo – In der Herberge von England

An der Hafenmauer – Am Kalkara-Tor – Im Ehrwürdigen Rat

TEIL III

In der Festung von St. Michael – L’Isla

In Birgu – Im Hospital – In der Herberge von England

Auf der Marsa-Ebene – Im rosa Pavillon – In der Bucht von Marsamxett

Auf der Höhe von Santa Margherita – Auf der Straße nach Mdina – Auf dem Monte Salvatore

TEIL IV

Auf dem Posten von Italien – In der Festung St. Michael

In der Bastion von Deutschland – In der Wanne – In der Bastion von Kastilien

Am Posten von Kastilien – Beim Feuer in der Ruine

In der Herberge von England – In der Bastion der Provence

Auf den Anhöhen des Corradino

In den Stallungen des Großmeisters – In der Herberge von England

Im Obersten Rat – Im Kastell St. Angelo

In Birgu – Auf dem Monte San Salvatore

Auf der Bastion von Deutschland – Im Heiligen Hospital – Am Posten von Kastilien

Am Kalkara-Tor – In der Guva

TEIL V

Im Gerichtshof – In der Oubliette

Im Gerichtshof

In der Guva

In der Verkündigungskirche – In San Lorenzo – Im Gerichtshof

Auf der Großen Ebene – Auf den Naxxar-Anhöhen – In der St.-Pauls-Bucht

Am Paß von Naxxar – Auf den Anhöhen des Corradino

In Mdina

In Hal Saflieni

EPILOG

Leseprobe aus »Die Blutnacht«

PROLOG

DER DEWSCHIRME

Keuz

In den Fogarasch-Bergen – Auf der ostungarischen Steppe

1540 IM FRÜHJAHR

Eines Nachts trugen ihn die purpurroten Reiter mit sich fort – weit weg von allem, was er kannte. Der Vollmond stand im Zeichen des Skorpions, seinem Geburtszeichen, und das Licht leuchtete den Teufeln den Pfad zu seiner Tür. Wenn sich die Kriegshunde nicht verirrt hätten, wäre der Junge niemals gefunden worden, und Liebe und Frieden hätten ihn sein Leben lang begleitet. Aber so ist nun einmal das Schicksal in Zeiten des Aufruhrs. Und wann hätte es jemals eine Zeit ohne Aufruhr gegeben? Wann war nicht der Krieg die Brutstatt alles Bösen? Wer trocknete die Tränen der Namenlosen, wenn sogar Märtyrer und Heilige in ihren Grabmälern liegen und schlafen? Ein König war gestorben, sein Thron war bitter umkämpft, und Kaiser fochten miteinander wie Schakale um ein Aas. Wenn sich schon Kaiser wenig um die Gräber scheren, die sie ringsum hinterlassen, warum sollte es ihre Diener mehr kümmern? Wie der Herr, so die Knechte, sagen die Weisen.

Der Junge hieß Mattias und war zwölf Jahre alt. Seine Familie waren sächsische Schmiede, die der wandernde Großvater in ein Tal in den Karpaten verpflanzt hatte, in ein Dorf, das für niemanden von Belang war, außer für die Menschen, die es ihr Zuhause nannten. Mattias schlief beim Herdstein in der Küche und träumte von Feuer und Stahl. Bereits vor der Dämmerung wachte er auf. Sein Herz pochte ihm wie ein wilder Vogel in der Brust. Er schlüpfte in die Stiefel und zog sich den Mantel über. Ganz leise, weil zwei Schwestern und die Mutter nebenan schliefen, holte er Holz und entfachte aus der Glut im Kamin Flammen, damit die Wärme die Mädchen beim Aufstehen begrüßen würde.

Wie alle Erstgeborenen seiner Familie war Mattias ein Schmied. An diesem Tag wollte er einen Dolch zu Ende schmieden, und der Gedanke an dieses Vorhaben erfüllte ihn mit Freude. Er nahm ein brennendes Scheit aus dem Kamin und stahl sich auf den Hof. Die scharfe Nachtluft strömte in seine Lungen. Ringsum wurde die Welt vom Mondlicht in schwarze und silberne Farben getaucht. Über dem Bergkamm zogen die Sterne ihre Bahnen. Mattias suchte bekannte Formen und benannte sie flüsternd. Die Jungfrau. Der Bärenhüter. Kassiopeia. Weiter unten auf den Berghängen zeichneten Streifen gleißender Helle den verzweigten Lauf des Bergbachs nach. Unterhalb der Wälder schwebten die Weiden im Dunst. Auf der anderen Seite des Hofs stand die Schmiede des Vaters wie ein Tempel für einen unbenannten Propheten. Der Feuerschein auf ihren hellen Steinmauern versprach Zauber, Wunder und Taten, die niemand je vollbracht hatte.

Wie es ihn sein Vater Kristofer gelehrt hatte, bekreuzigte sich Mattias auf der Schwelle und flüsterte ein Gebet zum heiligen Jakobus. Sein Vater war unterwegs, beschlug Pferde und schärfte Gerätschaften auf den Bauernhöfen und in den Herrenhäusern. Würde er bei seiner Rücckehr zornig werden, wenn er herausfand, daß Mattias drei Tage für einen Dolch verschwendet hatte? Anstatt Angelhaken oder eine Säge oder eine Sense zu schmieden – Dinge, für die man jederzeit Käufer fand? Nein, nicht, wenn die Klinge perfekt geworden war. Dann wäre sein Vater stolz auf ihn.

Die Schmiede roch nach Ochsenhuf und Meersalz, nach Pferden und Kohle. Der Feuertopf war bereit, wie er ihn am Vorabend hinterlassen hatte, und bei der ersten Berührung mit dem brennenden Holzscheit loderten die Kienspäne auf. Mattias betätigte den Blasebalg und gab die am Vortag verkokste Kohle auf das Feuer, baute es auf, bis die brennende Holzkohle zwei Fingerbreit auf der Spitze des Blasebalgrohres lag. Dann zündete er die Lampe an und nahm seine Klinge aus der Asche, in der er sie über Nacht vergraben hatte.

Zwei Tage hatte er gebraucht, um den Stahl zu begradigen und zu härten, sechs Fingerbreit in der Klinge und vier im Heftzapfen. Messer hatte er schon vorher gemacht, aber dies war sein erster Dolch. Das Schmieden des starken Grats forderte ein Vielfaches an Geschick. Mattias blies die letzte Asche fort und schaute an den Schrägen entlang, konnte weder Verwerfungen noch Verdrehungen entdecken. Mit einem feuchten Lappen wischte er die Klinge sauber und glättete beide Oberflächen mit Bimsstein. Dann polierte er sie mit Schmirgelpulver und Butter, bis sie dunkelblau glänzte. Nun würde seine Kunst beim Härten auf die Probe gestellt werden.

Auf die Unterlage aus Holzkohle häufte er einen Viertel Fingerbreit Asche auf, darauf legte er die Klinge. Anschließend beobachtete er, wie sich die Farbe langsam im Stahl ausbreitete, drehte die Klinge mehrmals herum, damit die Hitze gleichmäßig blieb. Als die Schneiden so hell glühten wie frisches Stroh, zog er die Klinge mit der Schmiedezange heraus und stieß sie in einen Eimer mit feuchter Erde. Beißende Dämpfe stiegen auf, und der Geruch machte ihn beinahe trunken. Bei diesem ersten Abschrecken, so hatte es ihm der Großvater beigebracht, erhob die Klinge im Augenblick ihrer Geburt Anspruch auf die Macht aller vier Elemente: Erde, Feuer, Wasser und Luft. Eine solche Klinge würde vieles überdauern. Mattias schichtete in der Esse wieder das Bett aus Holzkohle auf, legte die Asche darüber und nahm den Deckel vom Gefäß für die zweite Abschreckung, einem Eimer mit Pferdepisse. Er hatte ihn erst am Vortag gefüllt, vom schnellsten Pferd des Dorfes gesammelt.

»Darf ich zuschauen, Mattie?«

Einen Augenblick lang ärgerte ihn die Stimme seiner Schwester. Das war seine Arbeit, sein Ort, ein Ort für Männer, nicht für fünfjährige Mädchen. Aber Britta betete ihn an … Mattias bemerkte, wie ihre Augen aufleuchteten, wenn sie ihn anschaute. Sie war die Jüngste in der Familie. Der Tod zweier kleiner Brüder blieb Mattias stets im Gedächtnis. Vielleicht weniger ihr Tod als die Erinnerung an den Schmerz seiner Mutter und die stumme Trauer seines Vaters. Als er sich zu seiner Schwester umdrehte, war sein Zorn schon verraucht, und er lächelte, wie er Britta in der Tür stehen sah und ihre Silhouette sich puppenhaft vor dem ersten grauen Licht der Morgendämmerung abzeichnete. Sie trug ein Nachthemd und Holzpantinen und umfaßte die dünnen Ärmchen mit den Händen, weil sie vor Kälte zitterte. Mattias zog seinen Mantel aus, ging zu ihr und legte ihr den Stoff um die Schulter. Dann hob er sie auf die Salzsäcke bei der Tür.

»Von da aus darfst du zuschauen, solange du nicht ans Feuer herangehst.« Dieser Handel behagte ihr offensichtlich nicht, aber sie muckte nicht auf. »Schlafen Mama und Greta noch?« fragte er.

Britta nickte. »Ja, aber die Hunde im Dorf bellen. Da habe ich Angst bekommen.«

Mattias lauschte. Tatsächlich, von unten im Tal ertönte ein Knurren und Bellen. Er war so auf das Knistern des Feuers in der Esse konzentriert gewesen, daß er nichts davon gehört hatte.

»Sie müssen einen Fuchs gefunden haben«, sagte er.

»Oder einen Wolf.«

Er lächelte. »Wölfe kommen nicht mehr hierher.«

Mattias wandte sich wieder seiner Klinge zu. Sie war nun so abgekühlt, daß man sie anfassen konnte. Er wischte sie sauber, legte sie noch einmal auf das Feuer. Er war beinahe versucht, erneut den Blasebalg zu betätigen, denn er liebte es, wie die Kohlen dann zu wildem Leben erwachten. Doch wenn die Temperatur zu schnell anstieg, wurde der Stahl vielleicht im Kern geschwächt. Also widerstand er der Versuchung.

»Warum kommen die Wölfe nicht mehr hierher?«

Mattias drehte die Klinge um. »Weil sie sich vor uns fürchten.«

»Warum fürchten sich die Wölfe vor uns?«

Die Kanten liefen in einem dunklen Braun an, wie Rehe im Herbst. Er packte die Klinge mit der Zange, drehte sie noch einmal um. Ja, die Farbe war noch gleichmäßig, breitete sich weiter aus, mit einem tiefen Violett am Grat der Klinge und am Heftdorn. Nun war es Zeit für die zweite Abkühlung. Er zog die Klinge aus der Esse und stieß sie in den Urin. Das Zischen war wie eine Explosion, und er mußte das Gesicht von dem beißenden Dampf abwenden. Sogleich begann er ein Ave Maria zu beten. Auf der Hälfte fiel auch Britta ein, stolperte aber über die lateinischen Wörter. Mattias betete allein weiter, maß die Zeit für die Abkühlung am Takt des Gebets. Als er fertig war, zog er den rauchenden Stahl aus dem ätzenden Gebräu, steckte ihn wieder in den Aschenkasten und wischte sich den Schweiß von der Stirn.

Die zweite Härtung war vollendet. Mattias hoffte, daß sie gut genug verlaufen war. Der Urin würde auf das Metall übergehen und ihm seine Schärfe bewahren. Vielleicht würde auch die Leichtfüßigkeit des Pferdes den Dolch auf seinem Weg zum Ziel beschleunigen. Für das dritte Härten, den magischsten Vorgang, würde Mattias die glühende Klinge auf das üppige grüne Gras beim Gemüsegarten tragen und es dort mit dem frisch gefallenen Morgentau abschrecken. Kein Wasser war reiner, denn niemand hatte diese Tropfen je fallen sehen, selbst wenn er über Nacht Wache gestanden hätte. Manche glaubten, es seien die Tränen, die Gott über seine schlafenden Geschöpfe vergoß. Durch diesen kühlenden Tau würde der Geist des Berges selbst in das Herz des Dolches eingehen. Mattias schob die Härtezange in die Kohlen und fachte das Feuer an, bis die Enden gelbrot glühten.

»Mattie, warum fürchten sich die Wölfe vor uns?«

»Weil sie Angst haben, daß wir sie jagen und töten.«

»Warum sollten wir das tun?«

»Weil sie unsere Schafe reißen. Und weil ihre warmen Felle uns vor dem Winter schützen. Deswegen trägt doch Vater einen Wolfspelz.«

»Hat er den Wolf getötet?«

Kristofer hatte ihn tatsächlich getötet, aber diese Geschichte war nichts für ein kleines Mädchen. Mattias wischte die Asche von der Klinge und legte sie ans Feuer. Nun mußte er der Klinge seine größte Aufmerksamkeit widmen. Er sagte: »Warum singst du mir nicht ein Lied vor? Dann wird dein Lied zu einem Teil des Stahls, und dann ist es genauso deine wie meine Klinge.«

»Welches Lied? Schnell, Mattie, welches Lied?«

Er schaute ihr ins Gesicht und sah, wie begeistert sie war. Einen Augenblick lang überlegte er, ob er mit diesem Vorschlag die Klinge auf immer dazu bestimmt hatte, ihre zu sein, zumindest in ihren Gedanken.

»Der Rabe«, sagte er.

Dieses Lied sang ihre Mutter für sie, und Britta hatte große Verwunderung erregt, als sie mit nur drei Jahren alle Strophen mit ihrer Piepsstimme mitgeträllert hatte. Das Lied handelte von einem Prinzen, den eine eifersüchtige Stiefmutter in einen Raben verzaubert hat, und von der Prinzessin, die das Leben ihres einzigen Kindes aufs Spiel setzt, um ihn zurückzuverwandeln. Trotz aller finsteren Taten war es schließlich doch eine glückliche Geschichte, wenn Mattias auch nicht mehr so daran glaubte wie früher. Britta jedoch sah noch jedes Wort als Wahrheit an. Sie begann mit ihrer hohen, bebenden Stimme zu singen. Mattias war froh, daß er sie um das Lied gebeten hatte, denn sein Vater Kristofer hatte ihm gesagt, daß niemand das Geheimnis des Stahles vollständig zu ergründen vermochte. Wenn eine Klinge, die während eines Schneesturms geschmiedet wurde, anders war als eine in der Sonne geschmiedete – und wer wollte das bezweifeln? –, dann würde doch gewiß auch ein so süßer Klang wie Brittas Gesang seine Spuren hinterlassen.

Während seine Schwester sang, legte Mattias sein ganzes Können in die letzte Härtung. Er schreckte die Griffe der Härtezange ab und zog ihre glühenden Backen über den Grat des Dolches. Als der Grat ein tiefes Dunkelblau angenommen hatte, arbeitete er am Heftdorn und am Ricasso weiter, bis sie noch dunkler waren. Der äußersten Spitze der Klinge gab er eine blaßblaue Temperierung, so daß sie aussah wie der Himmel am frühen Neujahrsmorgen. Derweil er arbeitete, sang Britta ihr Lied, der Rabe gewann das Herz der Prinzessin, und in seinem Herzen wußte Mattias, daß sein Vater auf diese Klinge stolz sein würde. Er ließ die erhitzte Zange ins Wasser fallen und nahm eine kalte auf. Wieder schichtete er die Holzkohlen auf, verteilte die Asche darauf und legte die Klinge auf die Kohlen, die Spitze auf einen rohen Klumpen Holzkohle. Sobald die Schneiden in der Haarfarbe seiner Mutter erglühten – in einem wilden Bronzeton –, würde Mattias die Klinge in den Tau tragen und den Augenblick der Wahrheit erleben. Er beobachtete den Stahl, als hinge sein Platz im ewigen Leben davon ab. Dann plötzlich fiel ihm auf, daß seine Schwester aufgehört hatte zu singen.

Über die Schulter rief er: »Britta, sing weiter! Wir sind beinahe fertig.«

Tatsächlich: Die Farbtöne änderten sich, stiegen auf wie das Gold der Alchemisten. Auf einmal wußte Mattias, daß die Stimme seiner Schwester ihm helfen würde, eine wahrhaftig ganz außergewöhnliche Klinge zu schmieden, doch noch immer blieb sie stumm. Er wandte sich vom Feuer ab, um Britta anzuschauen. Seine Hände umklammerten noch die Härtezange.

»Wir sind beinahe fertig«, wiederholte er.

Seine Schwester lag auf dem Boden.

Ihr Schädel war eingeschlagen, zerschmettert wie ein Weinkrug. Sein Mantel war ihr von der Schulter gerutscht. An ihrem Nachthemd klebte eine dunkle Flüssigkeit, die wie Sirup durch ihr hellblondes Haar rann.

Über sie gebeugt, mit der gleichgültigen Miene eines Bauern, der einen Maulwurf mit dem Spaten erlegt hat, stand ein junger Mann mit schütterem Bart. Er war in bunte Lumpen gehüllt, und auf dem Kopf trug er eine schmutzige grüne Kappe. An der Seite hielt er ein kurzes Krummschwert, das ebenfalls mit der dunklen sirupartigen Flüssigkeit besudelt war. Als der Junge von dem ermordeten Kind aufsah, waren seine Augen tot wie Steine. Sein unsteter Blick ruhte kaum länger auf Mattias als auf dem Amboß und den Werkzeugen. Er grunzte eine Frage in einer fremden Sprache.

Mattias stand wie verloren in der Hitze der Esse, aber sein Herz war eiskalt und leer, aller Gefühle beraubt. Er suchte Zuflucht im Feuer, wo etwas, das er kannte, noch auf ihn wartete. Er drehte sich um und schaute auf seine Klinge. Er sah die Schneide, wie sie in der Haarfarbe seiner Mutter erblühte – einem feurigen Bronzeton, der über die Schrägen zum dunkelblauen Grat hinaufwuchs. Er spürte, wie ihm die letzte Härtung aus den Händen glitt und mit ihr all der Zauber, den sie im Morgengrauen gewirkt hatten. Fest griff er das Ricasso mit der Zange und zog die Klinge aus den Kohlen. Dann drehte er sich um.

Der Mörder war auf ihn zugekommen. Sein Gesicht war furchtlos, bis er sah, was Mattias in Händen hielt. Die Angst, die ihn durchzuckte, verriet seine Jugend, aber sie erwirkte ihm keine Gnade. Beinahe als hätte er einen eigenen Willen, stürzte sich der Dolch auf den Fremden. Den ersten Schritt taumelte Mattias mit bleischweren Beinen, den zweiten trieb schon eine Wut an, die ihm die Kehle zuschnürte. Mit dem dritten Schritt leitete blanker Haß Jungen und Dolch. Der Jüngling schrie in seiner fremdartigen Zunge auf, als Mattias ihm die Klinge in den Bauch rammte. Fleisch zischte auf Stahl, und der Gestank von brennender Wolle drang ihm in die Kehle. Der Mörder schrie auf, ließ sein Schwert fallen und packte die Klinge, schrie erneut auf und kreischte, als der rotglühende Heftdorn ihm die Handflächen verbrannte. Mit der linken Hand hielt Mattias ihm den Mund zu. Dann betete er: »Ave Maria, gratia plena, Dominus tecum, benedicta tu in mulieribus et benedictus fructus ventris tui Iesus.«

Der Hals des Jünglings krampfte sich zusammen. Blut rann Mattias durch die Finger. Er umklammerte die Zange noch fester mit der anderen Hand und beendete sein Gebet.

»Heilige Maria, Muttergottes, bitte für uns Sünder, jetzt und in der Stunde unsres Todes.«

Mattias spürte, wie etwas den anderen Körper verließ, so heimlich davonschlich, daß er bis ins Mark erschauerte, irgend etwas, das da gewesen war und nun verschwand. Der Junge sackte zusammen, die halb geschlossenen Augen wurden stumpf. Das war also der Tod.

Mattias sagte: »Amen.« Und er dachte: Die Härtung.

Er zog den Dolch heraus. Bis zum Ricasso rauchte die Klinge schwarz wie die Sünde. Er ließ die Leiche zusammensacken und schaute sie nicht noch einmal an. Verwirrung vernebelte ihm jeden Gedanken. Zwischen all dem fernen Hundegebell hörte er fremde Laute aus rauhen Kehlen und Schreckensschreie. Britta lag reglos auf der Türschwelle. Die Zange in seiner Hand begann zu zittern, seine Knie gaben nach. Ihm verschwamm alles vor Augen. Mattias wandte sich um, zur Esse, den Werkzeugen, dem Feuer. Er wischte mit einem feuchten Tuch über die dampfende Klinge, aber die schwarze Färbung blieb. Irgendwie wußte er, daß diese Klinge auf immer schwarz bleiben würde. Der Stahl war noch zu heiß, als daß man ihn hätte anfassen können. Er tauchte das Tuch in kaltes Wasser und wickelte es um den Heftdorn. Dann hielt er inne.

Aus dem Tumult jenseits der Tür zur Schmiede hörte er eine Stimme heraus – näher als die anderen. Sie rief Gott an, aber nicht um Gnade. Vielmehr beschwor diese Stimme die Rache und den Zorn Gottes. Es war die erste Stimme, die Mattias je gehört hatte. Die Stimme seiner Mutter.

Mattias umklammerte den feuchten Griff. Die Hitze des Heftdorns war zu ertragen. Bei der letzten Härtung war dieser Dolch nicht mit dem reinsten Morgentau, sondern mit Mörderblut abgeschreckt worden, und so wie sich Schicksal und Zweck der Waffe anders als geplant entwickelt hatten, so hatte sich auch seines gewendet. Er suchte nach einem Gebet, aber seine Zunge blieb stumm. Etwas war aus seinem Inneren gerissen worden, von dessen Existenz er nichts gewußt hatte, bis die Lücke, die es hinterlassen hatte, ihn vor Schmerzen aufheulen ließ. Doch dieses Etwas war nun fort. Nicht einmal Gott würde es ihm wiedergeben können. Die Wut seiner Mutter erfüllte auch ihn. Seine Mutter hatte sich entschieden, in Wut zu sterben.

Der Junge trat in die Kälte hinaus. Vom schwarzen Dolch in seiner Faust stieg Dampf auf, als wäre Mattias wie ein dämonischer Mörder gerade aus der Höllenfinsternis heraufgestiegen. Der Hof war menschenleer. Aus dem Dorf stiegen Rauchsäulen gen Himmel, mit ihnen Angstschreie und das Knistern von Flammen. Schwindelig vor Furcht lief er über das Steinpflaster. Furcht vor dem, was seine Mutter quälte. Furcht vor der Schande. Vor dem Wissen, daß er sie nicht würde retten können. Vor der Finsternis, die sich in seinem Gemüt eingenistet hatte und zu ihm sprach.

Stürze dich hinein! sagte die Finsternis.

Mattias wandte sich um und schaute zur Schmiede zurück. Zum erstenmal in seinem Leben sah er sie nur als eine graue Steinhütte.

Wie die Klinge beim Abschrecken.

Stürze dich hinein!

In der Küche lag die kleine Greta zusammengesunken auf dem Herdstein. Ihr Gesicht war in Verwunderung erstarrt. Mattias kniete nieder und küßte sie auf den Mund. Er deckte ihren Leichnam mit der Decke zu, unter der er geschlafen hatte. Auf der anderen Seite des durchwühlten Raumes hing die Tür quietschend in einer Angel. Im Schlamm draußen herrschte Aufruhr. Mattias trat näher heran. Er sah Vater Giorgi, den Dorfpfarrer, dem er am Sonntagmorgen als Meßdiener am Altar gedient hatte. Vater Giorgi schrie unsichtbaren Angreifern etwas zu, hielt das Kruzifix hoch erhoben in den Händen. Eine gedrungene Gestalt hieb ihm in den Nacken, und Vater Giorgi fiel zu Boden. Mattias trat noch näher. Was mußte das für ein Mann sein, der einen Priester tötete? Dann hielt er inne und fuhr herum. Was er sah, schien alle Gedanken aus seinem Kopf zu verbannen.

Er blinzelte und rang um Atem. Der nackte Körper seiner Mutter, ihre blassen Brüste und dunklen Brustwarzen, ihr heller Bauch, das Haar zwischen ihren Beinen. Scham drehte ihm die Eingeweide um, er wollte wegrennen. Über den Hof, weg von der Schmiede, in den Wald, wo ihn niemand je finden würde. Die Finsternis, die nun sein einziger Ratgeber und Führer war, ließ ihn zur Tür zurückgehen und noch einmal hinschauen.

Ein von Pfeilen durchbohrtes Pferd lag sterbend auf der Seite, schlug den großen Kopf hin und her. Die Augen rollten, und rosafarbener Schaum stand ihm vor dem Maul. Daneben ausgestreckt lag ein Dorfbewohner, ebenfalls von Pfeilen durchbohrt. Über den Körper des Pferdes gestreckt lag seine Mutter. Ihr kupferrotes Haar peitschte hin und her, während sie sich mit aller Kraft gegen die vier Männer wehrte, die wild fluchten und sie nur mit Mühe auf dem Boden halten konnten. Ihre nackte Haut war marmorweiß, von roten Striemen zerfurcht. Ihr Gesicht zeigte völlige Erschöpfung, ihre blauen Augen zuckten wild hin und her. Sie sah Mattias nicht, und während ein Teil von ihm sich danach sehnte, daß ihr blauer Blick noch einmal auf seine Augen fiel, wußte er doch, daß das Wissen, ihn als Augenzeugen zu haben, ihr alle Kraft rauben würde.

Jemand hieb ihr auf den Kopf und schrie ihr ins Ohr. Sie wandte sich zu dem Angreifer und spuckte ihm ins Gesicht. Ein fünfter Mann kniete sich zwischen ihre Beine, die Hose heruntergelassen. Alle schrien in einer schrecklichen fremden Sprache durcheinander. Sie vergewaltigten eine Frau, die sie im Halbschlaf aus dem Bett gezerrt hatten, und dabei benahmen sie sich wie Hirten, die ein jammerndes Kalb aus einem Sumpf zogen. Der Mann, der über der Mutter kniete, verlor allmählich die Geduld. Er zog ein Messer aus dem Stiefel und rammte ihr die Klinge ins Herz, ohne daß jemand den Versuch machte, ihn aufzuhalten. Seine Mutter hörte auf sich zu bewegen, ihr Kopf sank nach hinten.

Mattias unterdrückte die Tränen, die ihm nicht zustanden. Er hatte seine Schwestern im Stich gelassen. Der Leichnam seiner Mutter lag da und wurde von diesen Unmenschen geschändet. Er allein stand noch da, machtlos und verloren. Er kam erst wieder zu sich, als er spürte, daß er sich die Spitze des Dolches in die Handfläche getrieben hatte. Sein Blut schimmerte hell auf dem Schmutz auf seinen Fingern. Der Schmerz war echt und klärte ihm die Gedanken. Seine Mutter hatte den Fremden verweigert, was sie noch mehr begehrten als ihr Fleisch: ihre Erniedrigung, den Verlust ihres Stolzes. Mattias legte die Klinge so gegen seinen Arm, daß niemand sie sehen konnte. Ohne Hast schritt er den Männern entgegen.

Der erste Fremde erhob sich von der Mutter und taumelte zurück, die Hose noch um die Knie. Ein zweiter Kerl kniete sich hin, um in seine Mutter einzudringen, und die anderen drei packten sie bei den Schenkeln und Brüsten, um sich aufzugeilen, bis sie an der Reihe waren. Alle außer dem zweiten schauten auf Mattias. Sie sahen nichts als einen jammervollen kleinen Jungen. Vom Dorf hörte man galoppierende Hufe, doch Mattias scherte sich nicht darum. Finsternis stieg in ihm auf.

Er stieß mit seinem Dolch zu.

Verglichen mit dem Schmiedehammer und der Zange schien ihm die Klinge papierzart, und doch stieß er sie zweimal in den Rücken des ersten Fremden, als wären dessen Rippen aus Stroh. Der Kerl seufzte auf, seine Hose schlang sich ihm um die Knöchel, so daß er mit dem Hintern in der Luft auf alle viere fiel und wie ein erschöpfter Hund hechelte. Mattias beförderte ihn mit einem gezielten Tritt in den Schlamm und stapfte weiter.

Der zweite Kerl, der über seiner Mutter lag, ahnte nichts Böses, bis Mattias ihm die Mütze vom Kopf riß und ihn an den Haaren packte. Mattias nahm einen verwirrten Blick der Entrüstung in seinen Augen wahr, als hätte man ein Kind unvermutet von einem Topf voller Zuckerwerk weggezerrt. Dann hieb er dem Mann die Klinge durch die Wange, zog sie heraus, stach noch einmal zu.

Schließlich hielt Mattias inne und keuchte. Einen lauten Schrei ausstoßend, schaute er die anderen drei Teufel an, die fassungslos zusahen und auf der anderen Seite des Pferdekadavers zurückwichen. Einer kam dann wieder zu Sinnen und zog den Bogen vom Rücken. Er nestelte einen Pfeil aus dem Köcher und ließ ihn zu Boden fallen. Mattias wandte sich ab und schaute seine Mutter an. Auf einmal verflog sein Wahnsinn. Er kniete bei ihr nieder, ergriff ihre Hand und drückte sich ihre Finger an die Wange. Die Finger waren noch warm, und eine Hoffnung zuckte ihm durchs Herz. Er schaute auf, doch ihre wilden blauen Augen starrten blind zum Himmel empor. Ein heftiger Schmerz durchbohrte sein Herz, und er schluchzte in die Hand, die er an sein Gesicht preßte.

Sein Kopf zuckte hoch, als er ein Krachen hörte, das lauter war als jeder Donner. Der Kerl, der den Pfeil an den Bogen geführt hatte, stürzte zu Boden. Die beiden anderen Schänder fielen auf die Knie und plapperten wie Wahnsinnige, während ihre Stirn den Staub berührte.

Mattias wandte sich um und nahm einen Anblick wahr, wie er ihn noch nie gesehen hatte.

Ein Mann, der eher wie ein Gott wirkte, saß auf einem grauen Araberhengst, aus dessen Nüstern zwei Atemwolken aufstiegen, die Mann und Pferd wie Phantome aus einem Märchen erscheinen ließen. Der Reiter war jung und stolz und von dunkler Hautfarbe, mit hohen Wangenknochen und einem feinen Bart. Er trug einen scharlachroten Kaftan, weite scharlachrote Hosen und gelbe Stiefel, und sein schneeweißer Turban war mit einer Brosche aus Diamanten verziert, die bei jeder Bewegung funkelten. Am Gürtel hatte er ein Krummschwert, dessen Griff und Scheide mit glitzernden Edelsteinen besetzt waren. In seiner Hand rauchte eine Pistole mit langem Lauf, die mit Silber ziseliert war. Der Mann hatte braune Augen, die sich mit einer gewissen Zuneigung auf Mattias richteten.

Später sollte Mattias erfahren, daß dieser Krieger ein Hauptmann der Sari Bayrak war, der uralten und kühnen Wächter über das Waffenarsenal des Sultans, und daß er Abbas bin Murad hieß.

Hinter dem Hauptmann tauchten zwei weitere scharlachrote Reiter auf. Auf der Straße dahinter bekämpften die Dorfbewohner ein Feuer, rannten verzweifelt hin und her, zerrten Möbel aus ihren Behausungen, brachten Kinder und alte Leute vor den Flammen in Sicherheit. Durch diesen Aufruhr ritten etwa zwölf weitere scharlachrote Reiter, die mit Lanzen und Peitschen die plündernden Fußsoldaten fortjagten. Abbas steckte seine Pistole in das Halfter am Sattel zurück. Er schaute auf die leblose Frau, die geschändet über dem Pferdekadaver lag. Dann blickte er wieder zu Mattias und sagte etwas. Obwohl Mattias die Worte nicht verstand, wußte er doch, was er gefragt wurde.

»Dies ist deine Mutter?«

Mattias nickte.

Abbas bemerkte den Dolch in der Hand des Jungen und das Hemd, das ihm blutbefleckt am Körper klebte. Er schüttelte den Kopf und schaute an Mattias vorbei, wo der erste Mann lag, den der Junge erstochen hatte. Der zweite kroch halbnackt und laut jammernd durch den Schlamm. Einer der Adjutanten ritt vor und zog das Schwert. Mattias starrte voller Bewunderung auf eine makellose Damaszenerklinge. Der Adjutant hielt bei dem jammernden Kerl an und lehnte sich vor. Beinahe völlig geräuschlos hob und senkte sich das Schwert.

Abbas ritt zu Mattias herüber und streckte ihm die Hand entgegen.

Mattias ließ seine Mutter los, wischte die Klinge an der Hose ab, wickelte den Lappen vom Heftdorn, um auch ihn zu säubern. Dann nahm er die Klinge bei der Spitze und reichte sie Abbas ohne Furcht. In dem Augenblick, als er den Dolch berührte, zog Abbas verwundert die Augenbrauen hoch und hielt sich die Klinge gegen den Handrücken. Mattias begriff, daß der Stahl noch warm sein mußte. Abbas machte eine Geste mit dem Dolch.

»Du hast diesen Dolch gemacht?«

Wieder verstand Mattias zwar die Worte nicht, wohl aber die Frage. Er nickte. Dann trieb Abbas sein Pferd auf das Haus zu, lehnte sich aus dem Sattel und schob drei Fingerbreit des Dolches in den Spalt zwischen dem Türrahmen und der Wand. Mit seinem ganzen Körpergewicht stemmte er sich auf den Heftdorn. Mattias zuckte zusammen, als die Klinge sich krümmte. Panik breitete sich in seinen Eingeweiden aus, während er erwartete, daß der Stahl zerbrechen würde – aber er zerbrach nicht. Als Abbas losließ, federte die Klinge zurück. Abbas zog den Dolch aus dem Spalt, untersuchte ihn noch einmal und schaute Mattias an. Einen Moment später verschwand der Dolch in der Dolama des Hauptmanns.

Abbas gab Befehle, und Mattias beobachtete, wie der zweite Adjutant kehrtmachte und fortritt. Der erste, der seine Damaszenerklinge noch nicht wieder in die Scheide gesteckt hatte, trabte zu den beiden knienden Schändern. Sie zeterten und bettelten gestenreich. Der Adjutant trieb sie mit der Klinge dazu, aufzustehen und vor ihm her zu stolpern, zurück auf die Straße.

Abbas wandte sich um und faßte hinter die Hinterpausche seines Sattels. Er hakte eine zusammengerollte milchweiße Decke dort los und warf sie Mattias zu. Sie war aus feinster Lammwolle gewirkt. Noch nie hatte Mattias ein so feines Gewebe in Händen gehalten. Verwirrt über dieses Geschenk, starrte er Abbas an, der daraufhin eine Geste in Richtung seiner toten Mutter machte.

Mattias spürte, wie sich ihm der Hals zuschnürte und die Tränen in den Augen brannten. In Wahrheit hatte er keine Decke geschenkt bekommen, sondern die Würde einer Frau. Er wandte sich um und rollte die Decke auf. Wie eine zärtliche Berührung fiel sie über seine Mutter. Tränen stiegen ihm in die Augen, als sie für immer darunter verschwand. Sie war tot und doch nicht tot, denn sie erfüllte sein Herz mit einer Liebe, die alle Bande sprengte. Er fragte sich, ob sie wohl schon im Himmel war und ob Gott wohl je zulassen würde, daß er sie wiedersah. Dann hörte er Abbas’ Stimme und drehte sich zu ihm um.

»Alles Fleisch ist nur Staub«, sagte Abbas. Er zog ein Buch aus seiner Satteltasche. Der grüne Ledereinband war mit einer goldenen Schrift von wunderbarer Kunstfertigkeit verziert. Als ließe er sich die Hand von Gott führen, öffnete Abbas das Buch an einer zufälligen Stelle. Seine Augen überflogen die Seite und verharrten dann, als hätten sie etwas Besonderes gefunden. Er blickte von dem Buch auf und zeigte auf den Jungen.

Er sagte: »Ibrahim.«

Mattias starrte ihn verständnislos an.

Abbas deutete erneut auf ihn, mit drängender Geste: »Ibrahim.«

Nun begriff Mattias, daß dies der Name war, bei dem ihn der Hauptmann von nun an rufen wollte und den er anscheinend in dem heiligen Buch gefunden hatte. Mattias blinzelte. Seine Mutter war fort. Britta und Gerda waren fort. Sein Vater würde zu einer Totengrube zurücckehren. Der scharlachrote Hauptmann wartete auf seinem hohen grauen Araberhengst. Mattias tippte sich mit dem Zeigefinger auf die Brust.

Er sagte: »Ibrahim.«

Abbas nickte, schlug das heilige Buch zu und verstaute es wieder. Der Adjutant kehrte mit einem gesattelten Pferd zurück und reichte Mattias die Zügel. Der Junge begriff, daß er mit diesen scharlachroten Reitern fortziehen sollte. Er zögerte nicht, sondern stieg auf das Pferd. Von dieser hohen Warte aus hatte die Welt sich bereits verändert. Mattias beugte sich zum Kopf des Pferdes herunter und flüsterte, wie sein Vaters es ihm vor dem Beschlagen der Pferde beigebracht hatte: »Hab keine Angst, mein Freund.«

Abbas machte kehrt, und sein Adjutant folgte ihm. Mattias schaute auf den mit der Decke verhüllten Leichnam und dachte an seinen Vater. Er würde nun nie den Zauber lernen, den sein Vater ihm noch hatte beibringen wollen. Wäre die Klinge gesprungen, hätten ihn die Reiter vielleicht zurückgelassen, um die Toten zu begraben. Mattias unterdrückte seine Furcht und trieb sein neues Reittier an. Er schaute kein einziges Mal zurück.

So wurde im Jahr des Herrn 1540 Mattias, der Sohn des Schmieds, ein Dewschirme: ein Christenjunge, den man bei der Knabenlese eingefangen hatte und der einer der Sklaven des Todes werden würde. Er würde durch viele fremde Länder ziehen und viele seltsame Dinge sehen, ehe die berühmten Minarette des alten Stambul am Goldenen Horn in der Sonne vor ihm aufragten. Weil er getötet hatte, noch ehe er zum Mann herangereift war, würde er im Enderun des Serails von Topkapı ausgebildet werden. Er würde sich der gewalttätigen Bruderschaft der Janitscharen anschließen. Er würde fremde Sprachen und Sitten kennenlernen und die vielen Künste des Krieges. Er würde lernen, daß es nur einen Gott gab und Mohammed sein Prophet war. Es würde ihn danach verlangen, im Namen Allahs zu kämpfen und zu sterben. Er würde sein Leben dem Schatten Gottes auf Erden widmen. Dem Padischah des Weißen und des Schwarzen Meeres. Der Zuflucht aller Völker dieser Erde. Dem Sultan der Sultane und König der Könige. Dem Gesetzgeber, dem Prächtigen. Dem Kaiser der Ottomanen, Suleiman Schah.

TEIL I

TRAUMWELT

Keuz

SONNTAG, 13. MAI 1565

Im Kastell St. Angelo – In Birgu – Auf Malta

So wie Starkey es beurteilte, stellte sich die Lage folgendermaßen dar:

Auf der größten Flotte seit der Antike hatte sich die beste Armee der Neuzeit eingeschifft. Suleiman Schah hatte sie ausgeschickt, um Malta zu erobern. Sollten die Türken siegen, würde ganz Südeuropa unter die Herrschaft des Islams geraten. Sizilien würde ihnen wie ein reifer Apfel in den Schoß fallen. Auch eine Rückeroberung Granadas durch die Moslems wäre nicht undenkbar. Rom selbst würde erzittern. Suleimans glühendster Wunsch aber war es, die Johanniter auszurotten – jene einzigartige Truppe von Krankenpflegern und kriegerischen Mönchen, die manche auch die Ritter vom Hospitalerorden nannten und die es selbst im Zeitalter der Inquisition wagten, sich als die »Wächter des Glaubens« zu bezeichnen.

Die Armee des Großtürken wurde von Mustafa Pascha befehligt, der den Widerstand der Ritter schon einmal gebrochen hatte – bei der Belagerung von Rhodos im Jahre 1521. Seitdem hatte Suleiman, der seine Politik vor allem von der heiligen Pflicht bestimmen ließ, die Welt für den Islam zu erobern, bereits Belgrad, Buda, Bagdad und Täbris eingenommen. Er hatte Ungarn, Syrien, Ägypten, den Iran und Irak, Transsylvanien und den Balkan unterworfen. Fünfundzwanzig venezianische Inseln und alle Häfen in ganz Nordafrika waren seinen Korsaren zum Opfer gefallen. Seine Kriegsschiffe hatten die Heilige Liga vor Preveza vernichtend geschlagen. Nur der Einbruch des Winters hatte ihn vor den Toren von Wien umkehren lassen. Niemand hegte irgendeinen Zweifel, wie der letzte Dschihad Suleimans in Malta ausgehen würde.

Außer vielleicht einer Handvoll von Rittern.

Bruder Oliver Starkey, Turkopolier-Leutnant in der englischen Zunge des Ordens, stand am Fenster im Arbeitszimmer des Großmeisters. Von dieser Warte, hoch in der südlichen Mauer des Kastell St. Angelo, konnte er das zukünftige Schlachtfeld ausmachen. Von Berghöhen umgeben, bildeten drei Landzungen die Grenzen des Großhafens, der das Zuhause der seefahrenden Ritter war. St. Angelo ragte an der Spitze der ersten Halbinsel auf und beherrschte die Hauptstadt Birgu. Hier befanden sich die Herbergen der Ritter, das Heilige Hospital und die Ordenskirche San Lorenzo, die Wohnhäuser der Städter, die Hauptkais und Warenlager und all die geschäftigen anderen Einrichtungen einer kleinen Metropole. Zum Festland hin war Birgu durch eine riesige, geschwungene Umwallung abgeschlossen – eine mit Verteidigungsbastionen besetzte Kurtine, auf der es nur so von Rittern und Miliz beim Drill wimmelte.

Starkey blickte über die Galeerenbucht hinweg auf die zweite Landzunge, L’Isla, wo die Segel von einem Dutzend Windmühlen sich mit eigenartigem und beinahe unwirklichem Gleichmut drehten. Karrees von Milizsoldaten schwenkten dort in Formation. Das Sonnenlicht blitzte auf ihren Helmen. Hinter ihnen stemmten sich nackte Moslemsklaven, die man zu Paaren zusammengekettet hatte, im Rhythmus der Pfeife ihres Aufsehers in die Seile und zogen Sandsteinblöcke an der Außenmauer von St. Michael hinauf, zu der Festung, die L’Isla gegen das Festland abschirmte. Sobald die Belagerung einmal begonnen hatte, würde die einzige Verbindung zwischen L’Isla und Birgu die äußerst verwundbare Bootsbrücke über die Galeerenbucht sein. Im Norden, eine halbe Meile über den Großhafen hinweg, an der seeseitigen Spitze der dritten Halbinsel, lag die Festung St. Elmo. Dies war der abgelegenste Außenposten, der, einmal belagert, nur noch über das Wasser zu erreichen sein würde.

Überall waren die Vorbereitungen im Gange. Befestigungsarbeiten und militärischer Drill. Gräben und Wälle. Ernten, Einsalzen und Anlegen von Vorräten. Polieren, schleifen und beten. Feldwebel brüllten ihre Pikenträger an. In den Waffenschmieden dröhnte es. In den Kirchen läuteten die Glocken, Tag und Nacht beteten die Frauen zur Gottesmutter. Acht von zehn Verteidigern der Festungen waren einfache Bauern mit selbstgemachten ledernen Rüstungen und Speeren, und doch, wenn sie die Wahl hatten zwischen Sklaverei oder Tod, dann zögerten die stolzen und kühnen Malteser keinen Moment. Über der ganzen Stadt lag eine Stimmung von grimmigem Trotz.

Aus dem Augenwinkel bemerkte Starkey eine Bewegung und schaute auf. Zwei schwarze Falken stürzten sich durch den türkisblauen Himmel auf die Erde zu, als müßte ihr Fall ewig andauern. Dann schwenkten sie einträchtig ab und stiegen gemeinsam wieder auf, schwebten ohne sichtliche Anstrengung weiter zum westlichen Horizont. In jenem unbestimmten Augenblick, als sie mit dem Dunst verschmolzen, stellte sich Starkey vor, es seien die letzten Vögel auf Erden. Eine Stimme vom anderen Ende des großen Raumes riß ihn aus seiner Träumerei.

»Wer den Krieg nicht kennt, der kennt auch Gott nicht.«

Dieses unheilige Motto hatte Starkey schon oft gehört. Stets rührte es sein Gewissen an. Nun erfüllte es ihn mit dunklen Vorahnungen. Er fürchtete, daß er schon bald herausfinden würde, wie wahr dieser Satz war. Er wandte sich vom Fenster ab und gesellte sich wieder zu der Besprechung.

Jean Parisot de la Valette, der einundsiebzigjährige Großmeister des Ordens, stand zusammen mit dem großen Obersten Le Mas an einem Tisch mit Landkarten, hoch aufgeschossen und streng, in seinem langen schwarzen Ordensgewand mit dem Johanniterkreuz. Fünfzig Jahre des Kampfes auf hoher See hatten seine Persönlichkeit geschmiedet. Er wußte, wovon er sprach. Mit zwanzig Jahren hatte er die blutige Tragödie von Rhodos überlebt, als die Überreste des Ordens auf den letzten verbliebenen Schiffen über das Meer geflohen waren. Mit sechsundvierzig hatte er ein Jahr als Sklave auf der Galeere von Abd-ur-Rahman überlebt. Während andere sich um ein hohes Amt im Orden – und auf sicherem Land – bemüht hätten, hatte sich La Valette für Jahrzehnte endloser Piraterie entschieden, stets mit Tabak die Nase gegen den Gestank verstopft. Seine Stirn war hoch, Haar und Bart waren inzwischen weiß. Die Sonne hatte ihm die Augen zu einem steinernen Grau gebleicht. Sein Gesicht schien aus Bronze gegossen zu sein. Für ihn war die Nachricht von der Invasion wie ein Jungbrunnen. Er hatte sich dem Kampf gegen den drohenden Untergang mit der Leidenschaft eines jungen Liebenden hingegeben. Er war unermüdlich. Er war zutiefst beglückt. Er war inspiriert wie einer, dessen Haß nun endlich ohne Mitleid und Zurückhaltung frei toben durfte. Was La Valette haßte: den Islam und all seine Missetaten. Was er liebte: Gott und den Orden. Nun, in seinen letzten Lebenstagen, hatte Gott den Wächtern des Glaubens den Segen des Krieges geschenkt. Krieg als Offenbarung des göttlichen Willens. Krieg, rein und ohne Fesseln. Krieg, den man bis zum bitteren Ende ausfechten würde.

Wer den Krieg nicht kennt, der kennt auch Gott nicht? Christus hatte nie, mit keinem Wort den Einsatz von Waffen gutgeheißen. Es gab Zeiten, in denen Starkey meinte, daß La Valette verrückt war. Verrückt auf die Aussicht ungeheuerlicher Grausamkeiten. Verrückt im Wissen, daß die Macht Gottes durch ihn hindurchströmte. Verrückt, denn wer außer einem Verrückten konnte das Schicksal eines ganzen Volkes in der Hand halten und mit solchem Gleichmut das Metzeln von Tausenden vorhersehen? Starkey ging quer durch das Zimmer zu den beiden alten Kameraden, die sich über den Kartentisch hinweg unterhielten.

»Wieviel länger müssen wir noch warten?« fragte Oberst Le Mas.

»Zehn Tage? Eine Woche? Vielleicht weniger«, antwortete La Valette.

»Ich dachte, wir hätten noch einen Monat?«

»Da haben wir uns geirrt.«

La Valettes Arbeitszimmer spiegelte seine strenge Persönlichkeit wider. Verschwunden waren die Gobelins, Porträts und feinen Möbel seiner Vorgänger. Statt dessen Stein, Holz, Papier, Tinte, Kerzen. Ein schlichtes Holzkreuz war an die Wand genagelt. Oberst Pierre Le Mas war am Morgen aus Messina eingetroffen, mit einer unerwarteten Verstärkung von vierhundert spanischen Soldaten und zweiunddreißig Ordensrittern. Er war ein bulliger, schlachterprobter Seebär Ende Fünfzig. Er nickte Starkey zu und deutete auf die Karte auf dem Tisch.

»Nur ein Philosoph könnte diese Hieroglyphen entziffern.«

Die Karte war – zum Kummer Starkeys, der persönlich die feinen Arbeiten an der Kartographie überwacht hatte – dicht mit geheimnisvollen Notizen und Symbolen La Valettes beschrieben. Der Johanniterorden war nach der Nationalität der Mitglieder in acht Zungen – oder Sprachen – aufgeteilt: Frankreich, Provence, Auvergne, Italien, Kastilien, Aragon, Deutschland und England. La Valette fuhr den Verteidigungswall nach, der Birgu in einem großen steinernen Bogen von Westen nach Osten abriegelte, deutete auf die Bastionen, die er den einzelnen Zungen zugewiesen hatte.

»Frankreich«, sagte er und zeigte auf eine Position am äußersten rechten Rand, gleich bei der Werftbucht. Wie Le Mas stammte La Valette aus jenem überaus kriegerischen Volk der Gascogner. »Unsere edle Zunge der Provence ist die nächste, hier auf der vordersten Bastion.«

Le Mas erkundigte sich: »Wie viele sind wir aus der Provence?«

»Siebenundzwanzig Ordensritter und Feldwebel.« La Valettes Finger fuhr auf der Karte weiter nach Westen. »Zu unserer Linken ist die Zunge der Auvergne. Dann die Italiener – einhundertneunundsechzig Lanzen –, dann Aragon. Kastilien. Deutschland. Insgesamt fünfhundertzweiundzwanzig Brüder sind unserem Ruf zu den Waffen gefolgt.«

Le Mas runzelte die Stirn. Die Zahl war jämmerlich klein.

La Valette fügte hinzu: »Mit den Männern, die Ihr mitgebracht habt, haben wir achthundert spanische Tercios und vierzig adelige Abenteurer. Die maltesische Miliz zählt ein wenig über fünftausend.«

»Ich habe gehört, daß Suleiman sechzigtausend Gazi ausgeschickt hat, um uns ins Meer zu treiben.«

»Einschließlich der Matrosen, der Arbeitsbataillone und Hilfstruppen sind es viel mehr«, erwiderte La Valette. »Die Hunde des Propheten drängen uns nun schon beinahe seit fünfhundert Jahren zurück – von Jerusalem zum Krak des Chevaliers, vom Krak nach Akko, von Akko nach Zypern und Rhodos –, und jede Meile unseres Rückzugs ist mit Blut und Asche gezeichnet. In Rhodos haben wir uns für das Leben und gegen den Tod entschieden, und während die ganze Welt dies als einen glorreichen Schachzug feiert, ist es in meinen Augen eine Schande. Diesmal wird es keine ehrenvolle Niederlage geben. In Malta werden wir bis zum letzten Blutstropfen kämpfen.«

Le Mas rieb sich die Hände. »Laßt mich den Anspruch auf den Ehrenposten anmelden.« Damit meinte er den Ort der größten Gefahr. Den Todesposten. Er war nicht der erste, der darum bat, und er wußte das wohl auch, denn er fügte hinzu: »Das schuldet Ihr mir.«

Worauf er sich damit bezog, war Starkey nicht bekannt, aber irgend etwas war zwischen diesen beiden Männern vorgefallen.

»Darüber reden wir später«, meinte La Valette, »wenn wir die Absichten Mustafas besser kennen.« Er zeigte auf die Ecken der Befestigungen. »Hier am Kalkara-Tor liegt der Posten Englands.«

Le Mas lachte. »Ein ganzer Posten für einen einzigen Mann?«

Die altehrwürdige Zunge Englands, früher einmal eine der großartigsten Zungen des Ordens, war von Heinrich VIII., dem Frauenheld und Erzketzer, völlig zerstört worden. Starkey war der einzige Engländer, der noch im Johanniterorden verblieben war.

La Valette erwiderte: »Bruder Oliver ist die englische Zunge. Und meine rechte Hand. Ohne ihn wären wir verloren.«

Verlegen wechselte Starkey das Thema. »Wie schätzt Ihr die Männer ein, die Ihr mitgebracht habt?«

»Gut ausgebildet, gut ausgerüstet und alle fromme Christen«, antwortete Le Mas. »Ich habe dem Gouverneur von Toledo noch zweihundert Freiwillige abgerungen, indem ich ihm androhte, seine Galeeren zu verbrennen. Die übrigen hat der Deutsche für uns rekrutiert.«

La Valette zog fragend eine Augenbraue hoch.

»Mattias Tannhäuser«, antwortete Le Mas.

Starkey fügte hinzu: »Der uns als erster von den Plänen des Sultans berichtet hat.«

La Valette schaute ins Leere, als wolle er ein Gesicht heraufbeschwören. Er nickte.

»Tannhäuser hat diese Nachricht überbracht?« wollte Le Mas wissen.

»Es war keine Tat der christlichen Nächstenliebe«, meinte Starkey. »Tannhäuser hat uns ungeheure Mengen von Waffen und Munition für die Kriegsführung verkauft.«

»Der Mann ist ein schlauer Fuchs«, sagte Le Mas mit einiger Bewunderung. »In Messina entgeht ihm kaum etwas. Er kann auch gut mit Männern umgehen und wäre im Kampf sicherlich ein guter Gefährte, denn er war ein Dewschirme und hat dreizehn Jahre bei den Janitscharen des Sultans verbracht.«

La Valette blinzelte. »Bei den Löwen des Islam.«

Die Janitscharen waren die wildeste Infanterie der Welt, die Elite des osmanischen Heeres, die Speerspitze ihres väterlichen Herrschers, des Sultans. Die Sekte setzte sich ausschließlich aus Christenjungen zusammen, die so erzogen und ausgebildet wurden – von den Angehörigen einer fanatischen und erbarmungslosen Gruppierung der Bektasi-Derwische –, daß sie den Tod im Namen des Propheten herbeisehnten. La Valette blickte Starkey an, um von ihm eine Bestätigung zu erhalten.

Starkey überlegte, an welche Einzelheiten aus dem Werdegang Tannhäusers er sich erinnern konnte. »Die Eroberung Persiens, des Vansees, die Niederschlagung des Aufstandes der Safawiden, die Einnahme von Nachtschiwan.« Er bemerkte, wie La Valette ein zweites Mal blinzelte. Es hatte also einen Präzedenzfall gegeben. »Tannhäuser hat den Rang eines Janitor erreicht, was soviel ist wie ein Hauptmann, und er wurde Mitglied der Leibgarde von Suleimans erstgeborenem Sohn.«

La Valette fragte: »Warum hat er die Janitscharen verlassen?«

»Ich weiß es nicht.«

»Ihr habt ihn nicht gefragt?«

»Er hat mir keine Antwort gegeben.«

La Valette packte Le Mas bei den Schultern. »Bruder Pierre, wir sprechen bald weiter – über den Ehrenposten.«

Le Mas begriff, daß er entlassen war, und schritt zur Tür.

»Sagt mir noch eines«, meinte La Valette. »Ihr sagtet, Tannhäuser könne gut mit Männern umgehen. Wie verhält es sich mit Frauen?«

»Nun, er ist von einer großen Schar schöner Frauen umgeben, die für ihn arbeiten.« Le Mas errötete über seine eigene Begeisterung. Seine gelegentlichen Ausflüge in ein ausschweifendes Leben waren allseits wohlbekannt. »Wenn ich auch gleich hinzufügen muß, daß sie für andere nicht zu haben sind. Tannhäuser hat keine Ordensgelübde abgelegt, und wenn ich an seiner Stelle wäre – nun, wenn dem Mann der Geschmack nach Frauen steht, dann würde ich das nicht gegen ihn verwenden.«

»Danke«, antwortete La Valette. »Das tue ich auch nicht.«

Le Mas schloß die Tür hinter sich. Der Großmeister setzte sich auf seinen Stuhl und legte nachdenklich die Fingerkuppen aneinander. »Tannhäuser – das ist kein Adelsname.«

Um für den Eintritt in den Johanniterorden in Frage zu kommen, mußte ein Mann sechzehn Adelswappen in seinem Stammbaum vorweisen. Vom Nutzen dieser Bedingung war der Großmeister felsenfest überzeugt.

Starkey antwortete: »Tannhäuser ist nur der Kriegsname, den er sich zugelegt hat, während er im französisch-spanischen Krieg im Dienste von Alva stand.«

»Wenn Tannhäuser dreizehn Jahre bei den Löwen des Islam verbracht hat, dann weiß er mehr über unseren Feind – seine Taktik, seine Gefechtsformationen, seine Stimmungen und seine Moral – als sonst jemand in unserem Lager. Ich brauche ihn hier in Malta – für die Belagerung.«

Starkey war verdutzt. »Bruder Jean, warum sollte er sich zu uns gesellen wollen?«

»Am Mittag bricht Giovanni Castrucco auf der Couronne nach Messina auf.«

»Von Castrucco läßt sich Tannhäuser bestimmt nicht überreden.«

»Richtig«, antwortete La Valette. »Ihr fahrt mit. Wenn Castrucco zurücckehrt, bringt Ihr diesen Deutschen mit nach Malta.«

»Aber dann bin ich fünf Tage nicht hier – ich habe noch so viel zu erledigen …«

»Wir werden Eure Abwesenheit überleben.«

»Tannhäuser würde nicht kommen, nicht einmal, wenn wir ihn in Ketten legen.«

»Dann denkt Euch eine andere Methode aus.«

»Warum ist er so wichtig?«

»Vielleicht ist er das nicht, doch das sei dahingestellt.«

La Valette erhob sich. Er ging zur Karte zurück und schaute auf das Terrain, das sie schon bald mit ihrem Leben verteidigen würden. »Diese Schlacht für unseren heiligen Glauben wird nicht durch einen genialen Handstreich gewonnen«, überlegte er. »Es wird dabei keine brillanten und entscheidenden Schachzüge geben, weder einen Achill noch einen Hektor, keinen Samson mit dem Kinnbacken eines Esels. Derlei Geschichten werden immer im nachhinein erdacht. Es wird nur eine Vielzahl kleinerer Schläge geben, die eine ebenso große Vielzahl kleinerer Helden – unserer Männer, Frauen und Kinder – austeilt. Keiner von ihnen wird wissen, wie die Schlacht schließlich ausgeht, und nur wenige werden diesen Ausgang auch erleben.«

Zum erstenmal bemerkte Starkey so etwas wie eine böse Vorahnung in La Valettes Augen.

»Im Schmelztiegel Gottes strömen unendlich viele Möglichkeiten. Nur Gott weiß, wer letzten Endes für den Ausgang dieser Schlacht den Ausschlag gibt. Ob es der Ritter war, der in der Bresche fiel, oder der Wasserträger, der ihm den Durste stillte, oder der Bäcker, der ihm das Brot buk, oder die Biene, die seinen Feind ins Augenlid stach. So empfindlich ist das Gleichgewicht des Krieges. Deswegen will ich Tannhäuser bei uns haben – um seines Wissens und seines Schwertes willen, wegen seiner Liebe zum Glauben oder seines Hasses auf den Türken.«

»Vergebt mir, Bruder Jean, aber ich versichere Euch, daß Tannhäuser nicht kommen wird.«

»Setzt uns Contessa Carla eigentlich noch immer mit Briefen zu?«

Starkey blinzelte, weil der Großmeister so plötzlich zu einem so trivialen Thema übergegangen war. »Die Contessa von Penautier? Ja, sie schreibt immer noch – die Frau begreift einfach nicht, was eine Weigerung ist. Aber warum fragt Ihr?«

»Dann benutzt sie als unseren Hebel.«

»Gegen Tannhäuser?«

»Der Mann mag Frauen«, sagte La Valette. »Dann sorgt dafür, daß er auch die Contessa mag.«

»Ich habe sie nie kennengelernt«, protestierte Starkey.

»In ihrer Jugend besaß sie außerordentliche Schönheit. Ich bin sicher, daß ihr die Jahre keinen Abbruch getan haben.«

»Das mag ja sein, aber sie ist doch eine Dame von edler Geburt, und Tannhäuser ist – nun ja – beinahe ein Barbar.«

La Valettes Gesichtsausdruck verbot jegliche weitere Diskussion.

»Ihr segelt auf der Couronne und bringt Tannhäuser mit nach Malta.«

La Valette nahm Starkey beim Arm und führte ihn zur Tür.

»Schickt mir den Inquisitor herein, wenn Ihr gegangen seid.«

Starkey schlug die Augen nieder. »Ich soll an der Besprechung nicht teilnehmen?«

»Ludovico begleitet Euch auf der Couronne.« La Valette sah, wie verwirrt Starkey war, und schenkte ihm eines seiner seltenen Lächeln. »Bruder Oliver, Ihr wißt, daß Ihr mir lieb und wert seid.«

Im Vorzimmer ließ Ludovico Ludovici, Richter und Jurist des heiligen Ordens der Inquisition, gleichmütig die Perlen seines Rosenkranzes durch die Finger gleiten. Ausdruckslos erwiderte er Starkeys Blick, und einen Augenblick lang verschlug es Starkey beinahe die Sprache.

Genau wie Starkey war Ludovico etwa vierzig Jahre alt, doch waren die kurzen Haare seiner Tonsur noch rabenschwarz und bisher keinen Fingerbreit von der in die Stirn ragenden Spitze zurückgewichen. Die Stirn war glatt, das Gesicht bartlos. Sein langer Oberkörper wies breite Schultern auf. Ludovico war in das weiße Skapulier und den schwarzen Umhang des Dominikanerordens gekleidet. Seine Augen schimmerten wie Kugeln aus Obsidian und zeigten weder Drohung noch Wärme. Als hätten sie die in Sünde gefallene Welt ringsum seit dem Fall Adams betrachtet, nahmen diese Augen alles mit einer Offenheit wahr, die jegliche Freude und jeglichen Schrecken ausschloß, und mit einer außerordentlichen Intelligenz, die unmittelbar zum Kern jeder Sache vorzudringen suchte, auf die sie schauten. Hinter diesen Augen lag wie ein Schatten eine ungeheure Melancholie, als hätte Ludovico eine bessere Welt gesehen, wüßte aber, daß er sie niemals wieder erreichen würde.

Mach mich zum Hüter der Geheimnisse deiner Seele, schienen die unendlich tiefen schwarzen Augen zu sagen. Lege deine Bürde auf meine Schultern, dann ist dir das Ewige Leben sicher.

Starkey verspürte das Bedürfnis, sich ihm anzuvertrauen, doch gleichzeitig befiel ihn auch eine ungewisse Furcht. Ludovico war der päpstliche Sonderlegat von Pius IV. bei der maltesischen Inquisition. Jedes Jahr reiste er Tausende von Meilen auf der Suche nach Ketzerei. Unter anderem hatte er Giovanni Mollio, den berühmten Professor aus Bologna, den Flammen des Campo del Fiori überantwortet. Er leitete Herzog Albrecht von Bayern bei dessen brutaler Wiederherstellung des wahren Glaubens an. Während der Säuberungen in Piemont hatte er einen ganzen Zug von Gefangenen, die zur Buße brennende Fackeln trugen, den Autodafés von Rom überantwortet. Trotz alledem war Ludovico von tiefster Bescheidenheit, so demütig, daß es keine Verstellung sein konnte. Noch nie hatte Starkey jemanden gesehen, der so große Macht so leicht trug. Auf Malta hatte Ludovico die Aufgabe, unter den Brüdern des Johanniterordens nach lutherischer Ketzerei zu fahnden. Er hatte jedoch noch niemanden festgenommen. Allerdings wurde er wegen dieser Untätigkeit eher noch mehr gefürchtet. Wollte La Valette den Inquisitor in Sizilien in Sicherheit wissen? Oder waren noch andere Intrigen im Spiel? Starkey bemerkte, daß er den Legaten schon ungebührlich lange anstarrte.

Er verneigte sich und sagte: »Eure Exzellenz, der Großmeister erwartet Euch.«

Ludovico erhob sich. Mit einer raschen Bewegung und einem Klirren der Perlen band er sich den Rosenkranz um die Taille. Ohne ein Wort ging er an Starkey vorüber ins Arbeitszimmer des Großmeisters. Die Tür schloß sich hinter ihm. Starkeys Erleichterung wurde durch den Gedanken an zwei Tage Seereise in der Gesellschaft des Dominikaners getrübt. Er begab sich in sein Quartier, um sich auf die Reise vorzubereiten. Ausflüchte und Unehrlichkeit waren nicht gerade seine Stärken, aber in diesen schweren Zeiten verwechselte nur ein Narr Gottesfurcht mit Moral. Er liebte La Valette und seinen Orden. Im Dienste der beiden und ohne Rücksicht auf den Preis, den seine Seele dafür zahlen mußte, war Starkey zu allem bereit.

Keuz

DIENSTAG, 15. MAI 1565

In der Villa Saliba – In Messina – Auf Sizilien

… mit anderen Worten: Aus militärischen Erwägungen kann ich Euch leider auch weiterhin die Überfahrt auf die Insel Malta nicht genehmigen. Ich bin jedoch in der erfreulichen Lage, Euch eine andere Art zu weisen, wie Ihr Euren sehnlichsten Wunsch erreichen könntet.

Im Hafen von Messina befindet sich ein Mann namens Mattias Tannhäuser, dessen Herkunft viel zu verworren ist, als daß ich sie Euch hier erläutern könnte. Für den Augenblick sei soviel gesagt, daß er nur zur Musik seiner eigenen Trommel marschiert. Er ist zwar ein Ausländer niederer Herkunft, achtet Recht und Gesetz nur wenig und soll ein Atheist oder gar Schlimmeres sein, aber ich kann mich dafür verbürgen, daß er zu seinem Wort steht, und Euch versichern, daß ich keinen Grund zu der Annahme habe, daß er Euch ein Leid zufügen würde. Allerdings habe ich auch keinen Grund zu der Annahme, daß er Euch behilflich sein würde. Doch kann ich auch nicht sagen, welche Macht eine Edeldame Eurer Anmut und Schönheit besitzen könnte, um seine edleren Triebe, sollte er sie denn besitzen, anzusprechen.

Ich möchte offen mit Euch reden, Mylady. Die Anwesenheit von Hauptmann Tannhäuser auf Malta wäre für uns im Kampf gegen die Türken von großem Vorteil. Da er uns weder Loyalität schuldet noch sich der drohenden Gefahren bewußt ist, hat er bisher keinerlei Neigung gezeigt, sich uns anzuschließen. Eine heilige Pflicht zum Kampf – ein Sacramentum, in des Wortes erster Bedeutung –, wie es der Orden verspürt, ist ihm fremd. Solltet Ihr ihn dennoch überzeugen können, die Seereise für Euch zu unternehmen, so könnte ich Euch eine Überfahrt als seine Begleiterin garantieren. Die Couronne läuft heute um Mitternacht von Messina aus. Wenn die letzten Berichte, die uns erreicht haben, zutreffend sind, wird dies das letzte christliche Schiff sein, das noch durch die türkische Blockade gelangt.

Ihr findet Tannhäuser in einer Taverne, die »Zum Orakel« heißt und am südlichen Ende des Hafens liegt. Ich kann Euch wohl kaum empfehlen, Euch persönlich in ein solches Etablissement zu begeben, aber ich denke, Tannhäuser wird auf die üblichen Boten wahrscheinlich nicht reagieren. Wie Ihr Euch ihm nähert, hängt davon ab, wie dringend Euer Wunsch ist.

Mein Gewissen gebietet mir, Euch meine schon früher ausgesprochenen Warnungen noch einmal ins Gedächtnis zu rufen: Die Insel befindet sich im Kriegszustand, und die Gefahr des Todes oder der Sklaverei ist für alle, die sich in der nächsten Zeit dort aufhalten, außerordentlich groß. Wenn ich Euch sonst noch mit Rat und Hilfe zur Seite stehen kann, findet Ihr mich bis zur Abreise der Couronne in Messina, in der Priorei der Ritter vom heiligen Johannes von Jerusalem.

Starkeys Schrift war die schönste, die Carla je gesehen hatte. Sie überlegte, wie viele Stunden er wohl als Junge damit zugebracht hatte, diese anmutigen Schwünge, die eleganten Übergänge zwischen den breiten Abstrichen und den feinen Aufstrichen zu vervollkommnen. Seine Schrift war ein Abzeichen der Macht, eine Schrift, die einen König zwang, genau zur Kenntnis zu nehmen, was gesagt wurde – und das taten die Könige ja auch, denn Starkey schrieb die gesamte diplomatische Korrespondenz des Ordens. Carla hatte ihn noch nicht persönlich kennengelernt. Sie fragte sich, ob er genauso geschliffen war wie seine Kalligraphie oder ob er ein verstaubter, dürrer Mönch war, der über seinen Schreibtisch gebeugt saß. Sie dachte an ihren Sohn und fragte sich, ob er überhaupt lesen und schreiben konnte. Bei dieser Erinnerung daran, wie sehr sie ihre Mutterpflichten ihm gegenüber vernachlässigt hatte, krampfte sich ihr Magen zusammen, und ihr Verlangen, nach Malta zurückzukehren, und ihre Furcht, daß es ihr nie gelingen würde, steigerten sich zu ungeahnter Intensität.

Carla faltete den Brief zusammen und umklammerte ihn mit der Hand. Seit sechs Wochen korrespondierte sie bereits mit Starkey. Seine vorherigen Verbote einer Rücckehr waren die Antworten eines vielbeschäftigten Mannes gewesen, der eine unwichtige Kleinigkeit abhandelte und sich die Mühe nur aus Achtung vor ihrer edlen Geburt und wegen des großen Namens ihrer Familie gemacht hatte. Im gleichen Zeitraum hatte Carla viele Schiffskapitäne und Ritter, die durch Messina kamen, gebeten, sie nach Malta mitzunehmen. Man hatte ihr mit äußerster Höflichkeit zugehört und gelegentlich auch Hilfe versprochen, und doch war sie noch immer hier und betrachtete von der Villa Saliba aus den Sonnenaufgang.

Der Großmeister La Valette hatte beschlossen, daß jeder, der nicht in der Lage war, zur Verteidigung der Insel beizutragen, ein »unnützer Esser« sei. Hunderte von schwangeren Frauen, älteren und gebrechlichen Menschen sowie eine nicht genannte Zahl von Mitgliedern des schwindenden maltesischen Adels, gebrechlich oder nicht, waren über die Meerenge von Malta nach Sizilien verschifft worden. Jeder Malteser, der eine Axt oder eine Schaufel halten konnte, blieb auf der Insel, völlig unabhängig vom Alter oder Geschlecht. Carla, die in den Augen der Ritter eine schwache Edelfrau war, die man zu schützen hätte, war überflüssiger Ballast. Außerdem war der Platz auf den Galeeren, die in den Großhafen zurücckehrten, für kämpfende Männer, Material und Proviant reserviert, nicht für müßige Damen mit einem unerklärlichen Todeswunsch. Carla verachtete Untätigkeit und hielt sich ganz gewiß nicht für schwach. Sie führte ihre eigenen bescheidenen Güter in Aquitanien ohne fremde Hilfe. Sie unterstand niemandes Autorität oder Einfluß. Sie und ihre Gefährtin Amparo waren allein quer durch das Langue d’ Oc geritten, geschützt nur durch die Gnade Gottes und Carlas Klugheit. Der Hugenottenkrieg hatte Narben hinterlassen, und die Lage war nicht ungefährlich, aber die beiden Frauen hatten Marseille unversehrt erreicht und sich ohne Schwierigkeiten nach Neapel und Sizilien eingeschifft. Die Tatsache, daß sie ohne fremde Hilfe so weit gekommen waren, hatte viele Menschen schockiert, denen sie begegneten. Rückblickend gestand sich Carla ein, daß ihre Reise nicht eines gewissen Ungestüms, vielleicht sogar der Unvorsichtigkeit entbehrt hatte. Doch sobald sie sich dazu entschieden hatte, war ihr der Gedanke, daß sie nicht mindestens bis hierher kommen würden, niemals gekommen. Sie war eine Frau, die längst beschlossen hatte, ihr Leben selbst zu bestimmen. Daher hatten sie die Wochen, die sie in der glühenden Hitze von Messina verbringen mußte, sehr ungehalten gemacht. Starkeys Brief war ihr erster Hoffnungsschimmer. Nun besaß sie vielleicht doch einen Wert für die Militärs. Wenn sie diesen Mann Tannhäuser bis Mitternacht auf die Couronne bekam, durfte sie mit ihm reisen.

Bei allen Verhandlungen mit Starkey, mit den Schiffskapitänen und Rittern hatte Carla niemals den Grund enthüllt, warum sie nach Hause gehen wollte. Damit hätte sie in deren Augen nur den Verdacht bestätigt, daß sie tatsächlich die überspannte Frau war, für die man sie hielt. Sie verbarg ihre Motive allerdings nicht nur aus diplomatischen Gründen. Sie wahrte ihr Geheimnis auch aus Scham. Sie hatte einen Sohn, einen Bastard, den man ihr vor zwölf Jahren aus den Armen gerissen hatte, und sie glaubte, daß ihr Sohn in Malta war.

Carla öffnete die Glastür, die einen Blick auf den Garten freigab. Die Salibas, entfernte Verwandte ihrer eigenen Familie, den Manducas, hatten sich nach Capri zurückgezogen, um dem sizilianischen Sommer zu entkommen, und hatten ihr das Gästehaus überlassen. Es war elegant und bequem, mit einem Koch, einer Zofe und einem unverhohlen verächtlichen Verwalter namens Bertholdo. Sie hatte Bertholdo schon gebeten, Hauptmann Tannhäuser im »Orakel« eine Botschaft zukommen zu lassen, aber der kunstvoll vorgetäuschte Schrecken, mit dem der Verwalter auf ihre Bitte reagiert hatte, hatte Carla davon überzeugt, daß es Tage dauern würde, bis sie ihn dazu bringen könnte, ihren Befehl zu befolgen. In jedem Falle würde ohnehin Bertholdos unverbesserlicher Hochmut dafür sorgen, daß er mit seiner Mission nicht erfolgreich sein würde.

Carla schaute auf den Garten. Amparo kniete in einem Blumenbeet, in ein entzücktes Zwiegespräch mit einer hohen weißen Rose vertieft. Derlei exzentrisches Verhalten war nichts Ungewöhnliches für das Mädchen. Während Carla ihr zuschaute, kam ihr ein Gedanke. Sie fürchtete sich nicht, selbst zum »Orakel« zu gehen. Sie hatte oft genug Verhandlungen mit den Kaufleuten von Bordeaux geführt, aber sie wußte, daß sie sich, wenn sie den berüchtigten Tannhäuser in seiner Höhle aufsuchte, in eine Situation der Schwäche begeben würde. Wenn man ihn hierherlocken könnte, wo sie inmitten aller Anzeichen der Macht residierte, wäre der Vorteil auf ihrer Seite. Amparo würde Tannhäuser viel gewisser in die Villa Saliba bringen als sie selbst. Wenn die üblichen Boten nicht reichten, dann würde eben Amparo die seltsamste Botin sein, die den Mann je besucht hatte.

Carla trat unter die Palmen, deren Schatten den Pflanzen überhaupt nur das Überleben ermöglichte. Amparo küßte die weiße Rose und stand auf, um sich die Erde vom Rock zu bürsten. Ihre Augen ruhten noch auf den Blumen, als Carla zu ihr trat. Amparo wirkte ruhig. Beim Aufstehen war sie noch bestürzt von dem gewesen, was sie am Abend zuvor in ihrem Zauberglas gesehen hatte. Die Bilder, von denen sie berichtete, waren so unterschiedlich, so außergewöhnlich, daß man es zumeist als puren Zufall abtat, wenn sie einmal auch nur im geringsten mit der Wirklichkeit zusammentrafen. Vom Zufall einmal abgesehen, konnten Symbole jede beliebige Bedeutung haben, je nachdem, wie sie der Betrachter deutete, doch Amparo deutete nie. Sie sah nur.

Sie hatte ein schwarzes Schiff mit roten Segeln gesehen, dessen Mannschaft aus winzigen, Trompete blasenden Affen bestand. Sie hatte eine gigantische Bulldogge gesehen, der ein Halsband mit eisernen Krallen trug und eine brennende Fackel im Maul hatte. Sie hatte einen nackten Mann gesehen, dessen Körper mit Hieroglyphen bedeckt war und der auf einem Pferd von der Farbe geschmolzenen Goldes ritt. Und während der Mann vorbeiritt, hatte die Stimme eines Engels zu ihr gesprochen: Das Tor steht weit offen, aber der Weg dorthin ist schmal wie eine scharfe Klinge.

»Amparo?«

Die Seherin wandte den Kopf. Stets erwartete Carla einen kurzen Augenblick lang, daß sie sich weiterdrehen und in die Ferne starren würde, als bereitete es ihr Schmerzen, einem anderen Menschen in die Augen zu schauen, und als zöge sie es vor, eine Schönheit zu suchen, die für jedermann außer ihr unsichtbar blieb. So hatte es Amparo zumeist in den ersten Monaten getan, die sie miteinander verbracht hatten, und so hielt sie es noch immer mit allen Menschen mit Ausnahme von Carla. Nun jedoch blickte Amparo sie geradewegs an. Ihre Augen waren von unterschiedlicher Farbe, das linke so braun wie der Herbst, das rechte so grau wie der Wind über dem Atlantik. In beiden standen lebendige Fragen, die Amparo aber nie aussprechen würde, als gäbe es noch keine Wörter, in die man sie fassen könnte. Amparo war ungefähr siebzehn Jahre alt. Ihr genaues Alter kannte niemand. Ihr Gesicht war frisch wie ein Apfel und zart wie eine Blüte, aber eine deutliche Vertiefung in dem Wangenknochen unter ihrem linken Auge verlieh ihren Zügen eine verstörende Asymmetrie. Ihr Mund verzog sich niemals zu einem Lächeln. Gott, so schien es, hatte ihr diese Möglichkeit vorenthalten, genauso wie einem Blinden das Augenlicht. Er hatte dem Mädchen auch anderes vorenthalten. Amparo war von einer fremden Macht angerührt – vom Genie, vom Wahnsinn, vom Satan oder von einer Verschwörung aller drei. Sie verweigerte die Sakramente und schien unfähig zum Gebet. Sie hatte schreckliche Angst vor Uhren und Spiegeln. Ihrer eigenen Angabe zufolge sprach sie mit Engeln und konnte die Gedanken von Tieren und Bäumen hören. Sie war von einer leidenschaftlichen Zärtlichkeit für alle Lebewesen erfüllt. Sie war Sternenlicht, das in einem menschlichen Körper eingesperrt war, aber nur auf den rechten Augenblick wartete, um seine Reise in die Ewigkeit fortzusetzen.

»Ist es Zeit zum Spielen?« fragte Amparo.

»Nein, noch nicht.«

»Aber wir spielen doch?«

»Natürlich.«

»Du hast Angst.«

»Nur um deine Sicherheit.«

Amparo schaute auf die Rosen. »Ich verstehe nicht.«

Carla zögerte. Sie hatte sich so sehr daran gewöhnt, sich um Amparo zu kümmern, daß es ihr beinahe wie ein Verbrechen erschien, sie zu bitten, sich in diese Räuberhöhle zu begeben. Amparo hatte jedoch auf den Straßen von Barcelona überlebt: eine Kindheit voller Gewalt und Entbehrungen, die Carla sich überhaupt nicht vorzustellen wagte. Feigheit war keiner von Amparos Fehlern, während Carla tief in ihrem Herzen glaubte, daß es durchaus einer von ihren eigenen Fehlern war.

Carla lächelte. »Was muß das Sternenlicht von der Dunkelheit fürchten?«

»Nun, nichts.« Amparo runzelte die Stirn. »Ist das ein Rätsel?«

»Nein. Ich möchte, daß du etwas für mich tust, etwas, das von äußerster Wichtigkeit ist.«

»Ich soll für dich den Mann auf dem goldenen Pferd suchen.«

Amparos Stimme war weich wie der Regen. Sie sah die Welt durch die Augen einer Mystikerin. Carla war mit der Phantasie ihrer Gefährtin so vertraut, daß sie diese Antwort nicht seltsam fand. Sie antwortete: »Er heißt Mattias Tannhäuser.«

»Tannhäuser«, wiederholte Amparo, als prüfte sie den reinen Klang einer soeben gegossenen Glocke. »Tannhäuser.« Sie schien zufrieden zu sein.

»Ich muß heute noch mit ihm sprechen. Ich möchte, daß du zum Hafen gehst und ihn mit hierher zurückbringst.«

Amparo nickte.

»Wenn er sich weigert, mitzukommen …«, fuhr Carla fort.

»Er wird kommen«, sagte Amparo, als wäre alles andere undenkbar.

»Wenn er nicht kommen will, dann frage ihn, ob er mich, sobald es ihm genehm ist, bei sich empfangen will – aber es muß noch heute sein, verstehst du?«

»Er wird kommen.« Amparos Gesicht leuchtete in der seltsamen Freude, die ihre nächste Annäherung an ein Lächeln war.

»Ich sage Bertholdo, daß er die Kutsche fertig machen soll.«

»Ich hasse die Kutsche«, sagte Amparo. »Sie ist stickig und langsam und außerdem grausam zum Pferd. Ich werde reiten, und wenn Tannhäuser nicht kommen will, dann ist er nicht der Mann, der über den messerscharfen Grat geht. Aber warum willst du ihn nicht zu einem späteren Zeitpunkt treffen?«

Carla wußte, daß hier alle Argumente nichts nutzen würden. Sie nickte. Amparo wandte sich ab, blieb dann jedoch stehen und blickte zurück. »Können wir spielen, wenn ich zurück bin? Sobald ich zurück bin?«

In Amparos Tagen gab es zwei unveränderliche Elemente, ohne die sie traurig und verzweifelt wurde: die Stunde, die sie jeden Nachmittag mit Musizieren verbrachten, und ihre Zeit mit ihrem Zauberglas nach Einbruch der Dunkelheit. Sie ging auch jeden Morgen zur heiligen Messe, aber nur um Carla zu begleiten, nicht aus Frömmigkeit.

»Nicht, wenn Tannhäuser mit dir kommt«, sagte Carla. »Was ich ihm zu sagen habe, ist dringend. Dieses eine Mal muß die Musik warten.«

Amparo schien über Carlas Torheit erstaunt. »Aber du mußt für Tannhäuser spielen. Für ihn haben wir doch so lang geprobt.«

Das war ein absurder Gedanke, denn sie spielten schon seit Jahren. Jedenfalls fand Carla diesen Gedanken völlig abwegig. Amparo sah ihre Zweifel. Sie ergriff Carla bei den Händen und schüttelte sie wild, als tanze sie mit einem Kind.

»Für Tannhäuser! Für Tannhäuser!« Wieder ließ sie seinen Namen klingen wie eine Glocke. Ihr Gesicht leuchtete. »Stell dir vor, meine Liebe. Wir spielen für ihn, wie wir niemals zuvor gespielt haben.«

Der Anfang mit Amparo war schwierig gewesen. Carla hatte sie gefunden, als sie an einem kristallklaren Februartag einen frühmorgendlichen Ausritt machte, als die Nebel noch um die Beine ihres Pferdes rauchten und die ersten Kirschbäume schon blühten. Der Nebel hatte Amparo vor ihren Augen verborgen, und ihre Pfade hätten sich nicht gekreuzt, hätte Carla nicht in der Landschaft eine hohe, flötende Stimme vernommen, wie den Klageruf eines Engels. Die Stimme sang in kastilischem Dialekt eine Melodie, die auf den Schwingen des Todes daherkam. Was immer die Worte bedeuteten, die überirdische Schönheit des Liedes ließ Carla ihr Pferd anhalten.

Sie fand Amparo in einer von Weiden gesäumten Lichtung. Hätte sie es nicht bereits an der Stimme gehört, sie hätte schwerlich sagen können, ob die Gestalt, die dort an einen Baumstamm gekauert lag, männlich oder weiblich war, ob sie überhaupt ein Mensch war und nicht ein phantastisches Geschöpf des Waldes. Außer einem schmutzigen Pelz, den sie um den Hals trug, und dem Überrest einer langen wollenen Hose war Amparo nackt. Ihre Füße waren groß für ihre Statur und blaugefroren, genau wie die Hände, die sie zwischen den Brüsten zusammengeklammert hielt. Beide Arme waren von den Schultern bis zum Handgelenk mit blauen Flecken übersät, genauso wie die blasse, durchscheinende Haut, die sich über ihren Brustkorb spannte. Ihr Haar war rabenschwarz und grob abgeschnitten. In den verschiedenfarbigen Augen waren weder Angst noch Selbstmitleid zu erkennen, und das machte sie jammervoller als alles, was Carla je gesehen hatte. Amparo erklärte ihr nie, wie sie in diesen Wald gekommen war, ausgehungert, schmutzig und dem Tode nah. Sie redete kaum je von ihrer Vergangenheit und antwortete auch dann nur mit ja und nein auf Carlas Vermutungen.

Während Carla bei dieser ersten Begegnung abstieg und sie beim Arm nahm, schrie Amparo so durchdringend auf, daß sich Carlas Pferd beinahe losgerissen hätte. Das Erschrecken des Tieres ließ Amparo aufspringen. Sie tröstete das Pferd und murmelte ihm leise ins Ohr, ganz unbesorgt um ihren eigenen jämmerlichen Zustand. Als Carla ihr den eigenen Umhang um die Schulter legte, wehrte sich Amparo nicht, und obwohl sie den Sattel ablehnte, war sie es doch zufrieden, neben dem Pferd herzulaufen und den Zügel zu halten. So war Amparo vor sieben Jahren in Carlas Haushalt angekommen. Sie begleitete ihre neue Herrin nach Hause, hinter ihr schleifte der lange grüne Umhang auf dem Boden, und sie wirkte wie ein barfüßiger und zerlumpter Page aus einer nie erzählten Geschichte.

Die Mitglieder von Carlas Haushalt, der Priester, ihre wenigen Bekannten im Dorf und all die vielen Klatschmäuler waren sich darin einig, daß Carla schlecht beraten war – ja wahrscheinlich so verrückt wie das Mädchen selbst –, als sie dieses seltsame Wesen aufnahm. Amparo, die damals gerade einmal ihr zehntes Lebensjahr vollendet haben konnte, neigte zu gewaltsamen Ausbrüchen, zu denen sie die merkwürdigsten Dinge provozierten, verbrachte viele Stunden im Gespräch mit Pferden und Hunden, denen sie mit Leidenschaft in ihrer silbrigen Stimme Lieder vorsang. Sie weigerte sich, Fleisch oder Geflügel zu essen, lehnte manchmal frisches Brot ab und nahm bei ihrer Lieblingsernährung, die aus Nüssen, wilden Beeren und rohem Gemüse bestand, kaum eine Unze zu. Sie blieb so ausgemergelt, wie Carla sie gefunden hatte. Ihre Weigerung, dem Priester in die Augen zu schauen, die Tatsache, daß ihre Augen von unterschiedlicher Farbe waren, all das waren sichere Anzeichen dafür, daß Amparo teuflische Neigungen hatte.

Carla hielt zu Amparo, obwohl sie manchmal tagelang verschwand, trotz aller Schwierigkeiten, die ihr die Gesellschaft machte, trotz aller Angebote von Exorzismus und obwohl das Mädchen offensichtlich nicht in der Lage war, Zuneigung zu erwidern. Sie schien die Gefühle anderer nicht zu spüren, oder wenn sie sie doch spürte, waren sie ihr völlig gleichgültig. Trotzdem zeigte Amparo in der Loyalität, die sie zu Carla entwickelte, darin, daß sie ihr von den Entdeckungen in ihrem Zauberglas erzählte, am meisten aber in dem naiven Genie, mit dem sie sich ihren musikalischen Studien widmete, eine tiefere Liebe, als die meisten Menschen sie je erfuhren. Sie waren seltsame Freundinnen, und doch hatten sich kaum je Freundinnen nähergestanden.

»Ich gehe nicht nach Messina, ehe du es mir versprochen hast«, beharrte Amparo. »Spielen wir jetzt für ihn oder nicht?«

Carlas Herz pochte bei diesem Gedanken schneller. Man lud nicht einen Mann – noch dazu einen Mann von zweifelhaftem Ruf – in eine fremde Villa ein und drängte ihm ohne jede Warnung seine Künste auf. Tannhäuser würde sie für wahnsinnig halten. Ihr Verstand sagte ihr, es wäre töricht, für ihn zu musizieren. Doch ihr Herz sagte ihr, es würde über alle Maßen wunderbar sein. Amparo wartete auf ihre Antwort.

»Ja«, sagte Carla. »Wir spielen für ihn. Wir spielen, wie wir nie zuvor gespielt haben.«

Amparo erwiderte: »Du nimmst mich mit, nicht wahr? Wenn du mich zurückließest, könnte ich es nicht ertragen.«

Diese Frage hatte das Mädchen schon unzählige Male gestellt, seit sie auf diese Reise aufgebrochen waren. Nun könnte sich die Lage tatsächlich ändern. Würde Starkey es erlauben? Würde Tannhäuser es erlauben? Zum erstenmal antwortete Carla, ohne zu wissen, ob sie ihr Versprechen würde halten können. »Ich würde dich niemals hier zurücklassen.«

Wieder leuchtete ernste Freude auf Amparos Gesicht, und sie äußerte eine weitere Eingebung: »Trage das rote Kleid.«

Amparo sah Carlas Gesicht. »O ja, das rote Kleid«, beharrte sie. »Du mußt es tragen.«

Carla hatte sich dieses Kleid in Neapel schneidern lassen, aus Gründen, die sie nicht einmal zu jener Zeit hatte erfassen können. Der Ballen Seide hatte ihre Aufmerksamkeit gefesselt: eine Phantasie von Farbe, die aus Samarkand durch die Wüste und über das Meer hierhergelangt war. Der Schneider hatte sie in ihren Augen gespiegelt gesehen und die Hände gefaltet, als stehe er mit einer ihrer Visionen in Verbindung, die sie selbst noch nicht gesehen hatte.

Als sie eine Woche später das Kleid zum ersten Mal angezogen hatte, hatte ihre Haut vor Wonne geseufzt, ihr Herz hatte wild geschlagen, und ein Gefühl, das beinahe schon Panik war, hatte ihr den Hals zugeschnürt. Es war, als sei sie an etwas erinnert worden, das in ihr schlummerte, vor dem sie sich aber mehr als vor allem anderen fürchtete, das sie schon längst zu vergessen beschlossen hatte. Als sie aus dem Umkleidezimmer trat, waren Amparos Augen groß und tränenfeucht geworden. Vor dem Spiegel stehend, hatte Carla eine Frau gesehen, die sie nicht kannte und die es nicht geben durfte. Und obwohl es ihr sofort teurer war als jeder andere Besitz, den sie je gehabt hatte, wußte sie auch, daß sie dieses wunderbare Kleid niemals tragen würde, denn der Augenblick, in dem sie die Frau im Spiegel werden konnte – zu werden wagte –, würde niemals kommen. Das Kleid war für eine Frau in voller Blüte gemacht, und sie hatte den Frühling und Sommer ihres Lebens bereits hinter sich. Das Kleid lag in ihrer Reisetruhe, fein in das Seidenpapier gehüllt, in das sein Schöpfer es damals eingeschlagen hatte.

»Es hat nie eine passende Gelegenheit gegeben«, antwortete Carla. »Und jetzt ist sie es gewiß nicht.«

»Wenn nicht jetzt, wann dann?« fragte Amparo.

Carla schaute weg. Amparo blieb beharrlich.

»Wenn Tannhäuser über den messerscharfen Grat wandert, mußt du es ihm gleichtun.«

Es lag eine gewisse Logik darin, aber es war Amparos Logik. »Ganz gleich, wie bemerkenswert dieser Mann ist, rote Seide wird er sicherlich nicht tragen.«

Amparo schüttelte traurig den Kopf.

»Nun, genug von diesen törichten Hirngespinsten«, sagte Carla. »Bitte geh jetzt!«

Sie schaute Amparo nach, die zum Haus rannte, und fragte sich, wie es wohl sein mochte, so ganz ohne jede Furcht zu leben, ohne Schuld und Scham – so wie Amparo lebte. Eine Ahnung von einem solchen Leben hatte Carla an jenem Morgen im Frühling verspürt, als sie von Aquitanien nach Sizilien aufgebrochen waren. Zwei Wahnsinnige auf einer Reise, von der sie wußte, daß sie beide sie niemals zu Ende führen würden. An jenem Morgen hatte Carla sich frei gefühlt, frei wie der Wind in ihrem Haar.

Carla ging zum Gästehaus zurück. Sie würde in der Hauskapelle der Villa einen Rosenkranz beten und um Erfolg für das Mädchen bitten. Wenn Amparo allein vom »Orakel« zurücckehrte, war ihre Suche zu Ende.

Keuz

DIENSTAG, 15. MAI 1565

In der Taverne »Zum Orakel« – In Messina – Auf Sizilien

Grelles Tageslicht und der Gestank von Abwasser aus dem Hafen drangen durch die Türen des Lagerhauses zu dem bunt zusammengewürfelten Häuflein von Männern, Kriminellen und Militärs aller Ränge und aller Länder. Es herrschte ein Gefühl allgemeiner Erregung. Taschendiebe, Matrosen, Schmuggler, Soldaten, Bravi und Schiffsmaler hockten an den groben Wirtshaustischen und vertranken ihr Salär. Die Gespräche handelten wie immer von der unmittelbar bevorstehenden Invasion auf Malta und von den grausamen Türken und den Seltsamkeiten des Islams. Ihr Mangel an Wissen über all diese Themen mochte ja beinahe schon vollkommen sein, aber solange die Männer fleißig becherten, hatte Tannhäuser keinen Grund zur Beschwerde. Er hatte die feste Absicht, Gewinn aus diesem Krieg zu schlagen, ganz gleich, wer als Sieger daraus hervorging. Also wahrte er seinen inneren Frieden, wie das ein weiser Mann machte, und widmete seine ganze Aufmerksamkeit dem wie gewöhnlich späten Frühstück, das aus einer schmackhaften Blutwurst aus dem Benediktinerkloster von Maniacio bestand, die er mit einem gleichfalls von diesen Mönchen gekelterten herben Rotwein herunterspülte.

Seine Schultern füllten einen massigen Stuhl aus Walnußholz ganz aus, der mit abgewetztem grünem Leder bezogen war, in das mit Blattgold der Spruch Usque ad finem eingeprägt war. Der Stuhl war in der Taverne als »Tannhäusers Thron« bekannt, und jedem Säufer, der betrunken genug war, um sich einzubilden, er könne sich hierhersetzen, drohte eine Tracht Prügel, gefolgt von einem Sturz in die Gosse vor der Tür. Tannhäuser war erst vor kurzer Zeit zu einem Geschäftsmann von einigem Wohlstand geworden, und er hatte das Gefühl, daß ihm sein neuer Berufsstand gut bekam.

Die Taverne hatte sich beinahe wie von selbst aus dem Vorraum des Lagerhauses entwickelt, das Tannhäuser für sein anderes Geschäft, den Waffenhandel, als Stützpunkt benutzte. Der Tisch, an dem er aß, stand in einer Nische zwischen den Fässern im hinteren Bereich, von wo aus er den gesamten Raum überblicken konnte. Dieser Alkoven war mit Teppichen von exotischer Herkunft und voller wundersamer Muster ausgeschlagen, die seiner Arbeitsstube einen Hauch von Karawanserei schenkten. Auf dem Tisch befand sich eine zerbrochene Uhr aus Prag, deren Innenleben er mit selbstgeschmiedeten Teilen reparieren wollte. Daneben lag ein Astrolabium aus Messing, mit dem man die Position der Himmelskörper berechnen konnte und in dessen Gebrauch ihn Professor Mauricolo höchstselbst unterwiesen hatte. Um diese Instrumente herum aufgehäuft waren dicke Bücher der seltsamsten Herkunft. Sie waren in vielen verschiedenen Sprachen verfaßt, die Tannhäuser zwar nicht alle verstehen konnte, aber aus einigen deklamierte er, wenn er betrunken war. Seine Bibliothek enthielt auch Bruciolis verbotene Übersetzung des Neuen Testamentes – deretwegen der Mann in den Kerkern der Inquisition gestorben war – und Traktate von Ramón Lull und Trithemus von Sponheim sowie Bücher über Naturmagie, in denen die Anschauungen antiker Philosophen und die Ursachen wunderlicher Wirkungen ausgeführt wurden. Inmitten all dieser bizarren Gerätschaften erschien Tannhäuser mit seinen sehnigen Unterarmen und den heidnischen Tätowierungen, mit seinem narbenübersäten Gesicht, dem bronzefarbenen Haar und den Lapislazuliaugen seinen Mitmenschen wie ein Mogul aus einem fernen, fremden Reich. Das gefiel ihm, denn in jedem Mysterium lag Macht, und die Macht allein schenkte ihm ein Gefühl der Freiheit.

Sobald Tannhäuser mit dem Essen fertig war, kam Dana mit schwingenden Hüften herüber, um seinen Teller zu holen. Sie war füllig und in voller junger Schönheit erblüht. Wie die drei anderen Frauen, die an den Tischen bedienten, stammte Dana aus Belgrad. Man hatte die vier aus einem Bordell für Korsaren in Algier befreit, als die Galeeren des Ordens ihr Schiff gefangennahmen. Tannhäuser seinerseits hatte die Mädchen aus den Bordellen von Messina gerettet, nicht ohne ein wenig Gewalt an den Docks und zum Nachteil eines zeternden Haufens geprellter Zuhälter. Wegen dieser Tat hielten ihn die Damen für außerordentlich galant, nicht zuletzt, weil sie zu ihrer großen Verwunderung feststellten, daß Hurerei im »Orakel« verboten war. Trotzdem trugen die Mädchen ein gerüttelt Maß zu seinem Geschäft bei, denn die Männer, die hierherkamen, wollten genauso gern ihre Augen erfreuen wie ihren Durst stillen, den ihre unbefriedigte Lust nur noch erhöhte. Da die Mädchen wußten, daß unwillkommene Aufmerksamkeiten mit noch größerer Strenge bestraft wurden als das Benutzen des hausherrlichen Stuhls, trugen sie ihre Reize ohne jede Scham und ohne jegliches Mitleid zur Schau.

Dana hob einen Krug in die Höhe und warf Tannhäuser ein Lächeln zu, das man kaum noch ehrbar nennen konnte. Er lehnte den Wein ab, indem er die Hand auf den Becher legte. Er vermochte allerdings seine zweite Hand nicht daran zu hindern, ihr unter dem Rock die Waden zu liebkosen. Dana streifte seine Wange mit ihrer Brust und murmelte leise eine serbische Zärtlichkeit. Mächtig erregt verschob er sein Gewicht auf dem Stuhl und ließ die Hand unter dem Stoff weiter nach oben gleiten. In den letzten Wochen hatte sie schon das Bett mit ihm geteilt – und sich auch, der Eingebung des Augenblicks folgend, an einer ganzen Reihe von anderen Orten tief in den verborgenen Winkeln seines Lagerhauses mit ihm getroffen. Inzwischen genossen sie diese Stelldicheins mehrere Male an jedem Tag. Tannhäuser war klar, daß er es eigentlich besser wissen müßte, aber der Gedanke an einen kleinen Besuch in seiner Kammer schien ihm ungeheuer anziehend. Die Liebe war gut für die Verdauung, und obwohl er noch eine Reihe von Aufgaben zu erledigen hatte, fiel ihm doch keine ein, die im Augenblick dringend gewesen wäre. Er sog den Duft ihres Körpers ein und seufzte. Danach noch ein kleines Nickerchen. Welche Freuden konnte der Kosmos sonst noch für ihn bereithalten?

Dana zog ihn am Haar, und er schob den Stuhl ein wenig zurück. Leider jedoch hatte er sich zu lange bei seinen erotischen Träumen aufgehalten. Ehe er Dana beim Arm nehmen und sich mit ihr davonstehlen konnte, tauchte Sabato Svi aus den Tiefen des »Orakels« auf und setzte sich zu ihm an den Tisch.

Außer einem höflichen Nicken schenkte Sabato der Serbin und dem finsteren Blick, den sie ihm zuwarf, keinerlei Aufmerksamkeit. Er schuf sich zwischen den Büchern einen Platz für seine Ellbogen, schüttelte die öligen Locken, die ihm unter seiner Jarmulke von den Schläfen baumelten, und lächelte Tannhäuser mit seinen tiefen Augen an, in denen immer eine Flamme göttlichen Wahnsinns loderte. Sabato zog einen Brief aus dem Ärmel, und Tannhäuser zuckte zusammen. Er konnte sich noch nicht überwinden, seine Hand wegzuziehen, liebkoste aber Danas Fleisch etwas weniger intensiv und brachte gar einen Gruß zustande.

»Sabato«, sagte er. »Neuigkeiten?«

»Pfeffer«, erwiderte Sabato.

Sabato war ein furchtloser Jude aus dem Ghetto von Venedig. Mit seinen siebenundzwanzig Jahren war er zwar zehn Jahre jünger als Tannhäuser, ihm aber in allen Angelegenheiten weit voraus, die mit ihrem Wohlstand zusammenhingen. Sie waren schon ein halbes Jahrzehnt lang Geschäftspartner, und doch hatten sie in all der Zeit niemals miteinander Streit gehabt, selbst wenn einmal ein kleiner Fehler dazu führte, daß sie unversehens der Sklaverei oder einem schlimmeren Schicksal ins Auge blickten. Sabato machte sich ein Vergnügen daraus, Leute durch klug kalkulierte Bemerkungen zur Weißglut zu bringen, indem er, wenn zähe Verhandlungen ihrem Höhepunkt entgegengingen, in gespielter Wut aus dem Raum ging, indem er Raufbolden, die dreimal so schwer waren wie er, unverschämte Fragen stellte. Trotzdem schaffte es Sabato, daß sich mit einigen denkwürdigen Ausnahmen alle diese Situationen zu seinen Gunsten entschieden. Tannhäuser ging sehr wählerisch mit seiner Zuneigung um, denn diejenigen, denen er sie schenkte, hatten allzuoft einen Hang zum Unglück gehabt. Doch wenn jemand dazu bestimmt war, ihn zu begraben, dann war das Sabato Svi. Tannhäuser liebte keinen Menschen mehr als ihn.

»Ich habe es dir doch bereits gesagt«, sagte Tannhäuser. »Ich weiß beinahe nichts über Pfeffer, und es juckt mich auch nicht, mehr darüber zu erfahren.«

»Ich habe dir doch bereits alles erzählt, was du wissen mußt«, antwortete Sabato. »Und das ist, daß der Pfefferpreis sich zwischen dem Lagerhaus in Alexandria und dem Marktstand in Venedig mehr als vervierfacht.«

»Wenn ich dem Warenzoll und der Bastonade entgehe …«

»Was dir, wie immer, gelingen wird.«

»… und wenn ich nicht von El Louck Ali gefangengenommen und ans Ruder einer Galeere gekettet werde …«

»Dieser Moslem ist gerade unterwegs, um sich der Armada des Sultans anzuschließen, genau wie Torghoud Rais, Ali Fartax und jeder andere Korsar auf dem gesamten Mittelmeer.«

»Und von wo segeln Suleimans Mamelucken nach Malta? Von Alexandria!« entgegnete Tannhäuser zufrieden.

Sabato deutete auf die Lagerhöfe hinter der Tür. »Sieh sie dir doch an, die Genueser! Sie hocken hier in der Bucht wie Muschelsammler, aber für einen Mann wie dich ist doch das Meer noch nie sicherer gewesen.«

Tannhäuser, den man mit einer Herausforderung seiner Stärke immer leicht herumbekommen konnte, unterbrach seine Zärtlichkeiten. Dana spannte ihre Hinterbacken an, um ihre Enttäuschung kundzutun, und er machte weiter, war aber nicht mehr so sehr bei der Sache. Wenn er der Flotte der Moslems aus dem Weg gehen konnte, die um Malta zusammenlief, dann wäre der ganze Rest des Meeres diese paar Wochen lang wirklich außergewöhnlich ruhig. Genau da fuhr ihm Dana mit dem unheimlichen Gefühl für den rechten Augenblick durch das Haar.

»Ich habe nichts für das Meer übrig«, antwortete er. »Es ist ein steiniges Feld, das ich schon viel zu lange beackert habe, und ich habe vielleicht hier wichtige Pflichten zu erfüllen.«

Sabato schaute auf Danas Brüste, und sie reagierte mit einem obszönen Schmollen.

»Mattias, mein Freund«, fuhr Sabato fort. »Fünfundachtzig Zentner Pfeffer aus Java liegen in Ägypten und warten auf uns.« Er wedelte Tannhäuser mit dem Brief unter der Nase herum, als sei er mit Myrrhe parfümiert. »Und in einem Lagerhaus, das unserem Ansinnen außerordentlich geneigt ist.«

Tannhäuser erhaschte einen Blick auf die hebräischen Schriftzeichen. »Mosche Mosseri?«

Sabato nickte. »Fünfundachtzig Zentner – und in einem Monat sind die für immer fort.« Er lehnte sich vor. »Jede Stadt in ganz Europa schreit nach Pfeffer. Die Franzosen essen nicht einmal mehr ihre Suppe ohne Pfeffer. Zeno, d’Este und Gritti versuchen einander zu überbieten. Hast du auch nur eine Vorstellung davon, wieviel sie zahlen würden?«

Tannhäuser blickte finster.

»In drei Wochen bist du in Alexandria, füllst den Laderaum noch mit Muskatblüte, Bienenwachs und Seide auf, und in acht Wochen zählen wir auf dem Markusplatz unsere Golddukaten.« Sabato hatte Frau und zwei Söhne in Venedig, nach denen er sich von Herzen sehnte. Tannhäuser kannte ihn jedoch besser und wußte, daß Gefühle allein ihn niemals nach Hause treiben würden. »Möchtest du den geschätzten Betrag hören? Den vorsichtig geschätzten Betrag?«

»Wenn es denn sein muß.«

»Fünfzehntausend Gulden. Eher noch zwanzig.«

Diese Summe war so ungeheuerlich, daß Tannhäuser sogar seine Hand unter Danas Rock hervorziehen mußte, um sich das Kinn zu reiben. Die Bartstoppeln kratzten an seinen Fingern, und Dana gab ein wütendes Knurren von sich.

Beinahe wie einen nachträglichen Einfall fügte Sabato hinzu: »Für die Hinreise habe ich eine Ladung Zuckerrohr besorgt.«

Sabato überraschte Tannhäuser gewöhnlich mit diesen Handelsabenteuern, wenn sie in der Planung bereits so fortgeschritten waren, daß er kaum noch eine Wahl hatte und sich einfach darauf einlassen mußte. Der Erfolg des »Orakel« war offensichtlich gewesen und hatte ihnen neue Kreditmöglichkeiten eröffnet, die sie zusammen mit den bereits vorhandenen beinahe nach Belieben nutzen konnten. Tannhäuser war jedoch immer noch nicht überzeugt und suchte nach einem neuen Hinderungsgrund.

»Ein Navigator? Ein Schiff? Ein solides Schiff, wohlgemerkt, nicht eines dieser wurmzerfressenen Teesiebe, mit denen du mich früher auf See geschickt hast!«

»Dimitrianos. Und die Zentaurus

Der Gedanke an den schrecklichen Gestank, an die endlosen Wochen der Langweile und an das unaufhörliche Jammern des Griechen über seine Verluste beim Kartenspiel bewirkte einen unangenehmen Krampf in Tannhäusers Gedärmen. Aus Rücksicht auf Dana unterdrückte er das Verlangen, einen Wind streichen zu lassen. »Zu viele Eisen im Feuer, und schon kühlen einige ab«, warnte er. »Außerdem mag ich den Griechen nicht.«

»Der Grieche wartet, und seine Taschen sind leer. Wir können innerhalb von drei Tagen laden. Die beste Zeit, um in See zu stechen …«, Sabato zuckte die Achseln, während er die Last auf Tannhäuser abwälzte, »… hängt natürlich immer von deinen Informationen ab.«

Tannhäuser hatte einen Fuß in jedem der feindlichen Lager. Für die Venezianer, die spanischen Herrscher von Sizilien und die Ritter von Malta war er ein inzwischen geachteter Kaufmann, der mit Opium, Waffen und Munition handelte. Für die Moslems war er Ibrahim Kirmizi – Ibrahim der Rote –, ein Veteran des Blutbades von Ostanatolien und im Iran. Er kannte die Art der Ottomanen, ihre Sitten und Sprachen. Tannhäuser hatte Handelspartner in Bursa, Smyrna, Tripolis und Beirut. Er hatte Seide und Opium von Mazandaran verschifft. Kein Mensch in der Christenheit kannte die Küste von Stambul – und Eminönü und Üsküdar und den Buyuk Carsi und die Bäder und Herbergen und Basare dort – so gut wie er. In Messina war er wohlvertraut mit Lotsen, Aufsehern und Navigatoren, die ihm wertvolle Informationen geben konnten – über Waren und Schiffe auf der Durchfahrt, über Konkurrenten, deren Stern stieg oder fiel, über beschlagnahmte Schiffsladungen, die zur Auktion kommen würden, über Seeräuber und Intrigen, über den Wandel der politischen Geschicke in fremden Landen. Er fragte auch die Sklaven in ihren Gefängnissen am Dock aus, am meisten die Moslems, denn die waren ja für alle anderen stumm. Diese Männer brachten ihm Kunde von den Küsten der Berberei, die ihm niemand sonst verschaffen konnte. In einer Zeit, da Nachrichten sich langsam ausbreiteten, konnten einige Tage Vorsprung sehr wertvoll sein.

So hatten auch seine Handelsbeziehungen mit den Rittern von Malta begonnen, als er mit eigenen Augen vom Unkapani-Kai am Ufer von Stambul aus die rohen Holzkiele von Suleimans Flotte erblickt und begriffen hatte, daß dieses Wissen ihn und Sabato Svi zu reichen Männern machen konnte.

Noch in dieser Nacht waren sie von Stambul in See gestochen, Sabato nach Venedig, um Waffen und Schießpulver einzukaufen, und Tannhäuser nach Messina, wo er ein Lagerhaus mietete, und dann nach Malta, um mit dem Orden in Verhandlung zu treten. Die unschätzbare Warnung vor Suleimans Flotte gab er ihnen kostenlos, um sich als aufrichtiger Handelspartner einzuführen und um sich einen einträglichen Vertrag über die Lieferung von Waffen zu sichern. »Der Krieg ist ein goldener Fluß«, hatte er Sabato versprochen, »und wir werden mit Eimern am Ufer stehen.« So kam es auch, denn der Hunger des Ordens nach Schießpulver, Kanonen und Kugeln erwies sich als unersättlich, und da der Hospitalerorden in ganz Europa reiche Ländereien besaß, waren seine Taschen niemals leer.

»Ich weiß gewiß«, meinte Tannhäuser zu Sabato Svi, »daß wir reicher und reicher werden, ob nun die Franzosen Pfeffer in ihre Suppe schütten oder ihn als Mittel gegen die Spanische Krankheit auf ihre Weichteile streuen.«

Sabato lachte jenes keckernde Lachen, mit dem er diejenigen, die er überlistet hatte, so oft wütend machte. Dana strich an Tannhäusers Schulter vorbei, aber die Freuden ihres Rocks waren ihm nun vergällt. Mit einer Handbewegung schickte er sie fort. Im Gehen warf sie Sabato Svi noch einen giftigen Blick zu. Tannhäuser blickte ihren schwingenden Hüften nach, wandte sich dann um und klopfte mit dem Zeigefinger auf den Tisch.

»Du verlangst also von mir, daß ich zwei Monate auf hoher See verbringe, wenn hier vor unserer Tür der blutigste Waffengang seit Menschengedenken unmittelbar bevorsteht.«

»Jetzt kommen wir endlich zum Kern der Sache. Anstatt unseren Reichtum zu vermehren, würdest du lieber hier sitzen und mit den Säufern tratschen und den Klatsch vom Dock durchhecheln.« Sabato deutete mit einer Kopfbewegung auf die räudige Gesellschaft, die sich auf den Bierbänken lümmelte. »Du hast schon so viel Zeit mit diesen schweinischen Säufern verbracht, daß du sogar ihre Gewohnheiten übernimmst.«

»Friede!« versuchte Tannhäuser ihn zu beruhigen.

»Der Waffenhandel ist gut gelaufen, aber die Kanonen werden nicht ewig donnern. Wir haben nur wenig Besitz. Wir besitzen kein Land. Wir haben keine eigenen Schiffe.« Sabato wedelte verächtlich in Richtung der Deckenbalken. »Das hier heißt nicht reich sein. Es ist nur eine Gelegenheit, einmal reich zu werden.«

»Ich halte nichts von Träumen«, antwortete Tannhäuser. Sein letzter Traum war gewesen, eine Klinge zu schmieden, auf die sein Vater stolz sein würde. »Wir reden nicht mehr über Pfeffer, zumindest heute nicht.«

Sabato bemerkte seinen Stimmungsumschwung und legte Tannhäuser eine Hand auf den Unterarm. »Melancholie paßt nicht zu dir, und sie ist auch schlecht für die Leber – genau wie die Luft in diesem Dreckloch. Laß uns nach Palermo reiten und sehen, was wir dort an einträglichen Streichen anstellen könnten.«

Tannhäuser legte seine Hand über Sabatos Finger und grinste. »Du verdammter Jude«, sagte er, »wenn es nach dir ginge, würde ich schon nächste Woche auf dem Schiff des Griechen schwitzen.«

Tannhäuser blickte auf. Eine riesige Gestalt verdunkelte die Türöffnung. Es war Bors von Carlisle, der eigentliche Betreiber der Taverne und der dritte in der unheiligen Dreifaltigkeit, die das »Orakel« in Gang hielt. Am Morgen hatte ihn Tannhäuser bei ihrem alltäglichen Drill mit dem Knauf seines Schwertes am Wangenknochen erwischt. Bors hatte nicht geklagt, aber sein eigener Fehler hatte ihn nicht gerade sanft gestimmt. Der tiefblaue Bluterguß unter dem Auge war weithin deutlich zu sehen. Sein Gesicht machte den Eindruck, als hätte es einmal als Amboß gedient, daher schien der blaue Fleck nicht unangebracht. Während er in die Taverne stürmte, hörte Bors von irgendwo eine spitze Bemerkung über seine Verunstaltung. Ohne seinen Schritt zu verlangsamen, schwang er zu seinem Beleidiger herum und hieb ihm seine ungeheure Faust in den Nacken. Sein Opfer taumelte zu seinen Saufkumpanen, derweil Bors zu seinem gewöhnlichen Platz zu Tannhäusers linker Hand ging. Während er sich niederließ, setzte ihm Dana bereits einen Krug und seinen eigenen Becher vor.

Dieser Becher war kunstvoll aus einem menschlichen Schädel gefertigt worden. Bors füllte den Schädel, trank ihn aus und schenkte ihn wieder voll, ehe er in einem reichlich verspäteten Anfall guter Manieren den kleinen verbliebenen Rest in Tannhäusers Becher schüttete. Er schob Dana den Krug hin, die daraufhin ging, um Nachschub zu holen. Bors hatte eisengraues Haar, und zu seinem Glück wogen buschige Augenbrauen und ein üppiger Bart den beginnenden Kahlkopf mehr als auf. Er nickte Sabato Svi zu und wandte sich an Tannhäuser.

»Ein rotes Schiff hat im Hafen festgemacht«, sagte Bors, »an der Werft des Hospitalerordens.«

»Siehst du?« meinte Tannhäuser zu Sabato. »Das Eisen des Ordens ist noch heiß. Das Gold rollt nur so herein.«

Bors fuhr fort. »Ich habe Gasparo angewiesen, die Wagen zu beladen und unsere Reitpferde zu satteln.« Er schaute zu Sabato Svi. »Soll er auch deines satteln lassen?«

Sabato schüttelte den Kopf. »Das Geld des Ordens ist mir willkommen, aber die Ritter halten mich für einen Christusmörder.«

»Sie sind heilige Männer vom Orden Johannes’ des Täufers«, bemerkte Bors und bekreuzigte sich.

»In den Sklavenpferchen des Ordens stöhnen unzählige levantinische Juden, die für einen Sieg der Türken beten – genau wie ich auch«, erwiderte Sabato Svi. »Es gehen Gerüchte um, daß die Juden von Istanbul diese Invasion finanzieren. Das stimmt zwar nicht, aber ich wünschte, es wäre so. Wenn Malta fällt, wird jeder Jude, der am Leben ist, den Herrn lobpreisen.«

»Da sie ohnehin alle zur ewigen Hölle verdammt sind, sollen sie preisen, wen sie wollen.«

Sabato schaute Tannhäuser an. »Ich habe selbst das Lösegeld für zwei gefangene Juden aus Alexandria aufgebracht, daher ist uns Mosche Mosseri so wohlgesonnen.«

»Du warst es aber zufrieden, Waffen für das Gold der Ritter einzutauschen«, erwiderte Bors.

»Ich bin es mehr als zufrieden, mit ihnen meinen Gewinn zu machen, ehe sie ausgelöscht werden«, sagte Sabato. »Was sind das nur für Fanatiker, die bereit sind, für einen sonnenverbrannten Felsen zu sterben?«

»Sie sind dort zusammengekommen, um im Kampf den Willen Gottes festzustellen«, verbesserte ihn Bors. »Und wenn wir in Malta nicht gegen die Moslems kämpfen, dann müssen wir eines schönen Tages in Paris gegen sie kämpfen, denn ihr großer Plan ist, die ganze Welt zu erobern.«

»Wir?« fragte Sabato Svi.

»Auch deine Zeit wird schon noch kommen«, antwortete Bors. »Außerdem haben die Ritter die unerschrockenste Schar von Totschlägern um sich versammelt, die man je auf einem Haufen gesehen hat.« Er blickte zu Tannhäuser. »Die werden auf der Insel einen Höllenkampf liefern – und du und ich, wir sind nicht dabei, um unsere Kraft zu erproben.« Ärgerlich ballte er seine Riesenfaust zusammen. »Das geht mir gegen die Natur!«

»Mattias hat allem Töten und allem Krieg Lebewohl gesagt. Ich dachte, du auch.«

Bors ignorierte Sabato und schaute finster drein, ein verärgerter Riesensäugling. »Im Vergleich zu dieser Streiterei war Sankt Quentin das reinste Spielchen.«

»Nein«, erwiderte Tannhäuser, »eher wie zwei alte Damen, die in der Kirche Votivkerzen anzünden.«

»Dann denkst du das also auch!« rief Bors, in dessen Brust sich Hoffnung regte. »Und das rote Schiff hier ist unsere letzte Gelegenheit, noch unsere Rolle in diesem Stück zu übernehmen. Komm, wir packen gleich unsere Kriegskisten und laden sie auf den Karren. Das Schicksal ruft. Sag nicht, daß du es nicht hören kannst!«

Tannhäuser rutschte unruhig hin und her. Auch ihm war das Blut in Wallung geraten, und er konnte Bors kaum in die vorwurfsvollen Augen schauen. In Sabatos Blick dagegen konnte er den Schrecken darüber ablesen, daß nun all ihre Pläne zerfallen könnten. Tannhäuser drehte spielerisch an seinem Ring, einem Würfel aus russischem Gold, durch dessen Mitte ein Loch getrieben war.

»Bors«, erwiderte er, »du bist mein ältester und treuster Begleiter, aber wir drei haben uns doch geschworen, daß wir miteinander reich werden wollten, und das haben wir gemacht, und das tun wir noch weiter. Ob wir gewinnen oder verlieren, wir kämpfen jetzt auf einem anderen Schlachtfeld. Denk doch an das Motto, das du für uns aufgestellt hast: Usque ad finem. Bis zum Ende. Bis zum bitteren Ende.«

Bors schwieg hinter dem erhobenen, mit Wein gefüllten Schädel.

»Aber«, fuhr Tannhäuser fort, »die englische Zunge würde dich freudig begrüßen. Wenn du die letzte Gelegenheit ergreifen willst, dann geh. Niemand hier wird dich wortbrüchig nennen.«

Tannhäuser schaute Bors in die Augen, die von einem Netz von vernarbter und faltiger Haut umgeben wurden. Wenn Bors beschloß, sich dem Krieg zwischen dem Kreuz und dem Halbmond anzuschließen, dann würde Tannhäuser mit ihm fahren – was Bors nicht ahnte, denn er war kein Mann, der von anderen Opfer um seinetwegen erwartete. Sabato wartete mit angehaltenem Atem auf die Entscheidung. Bors schenkte sich grunzend den Becher noch einmal voll.

»Vielleicht ist es kein Zufall«, meinte Bors, »daß ich der einzige Mann hier an diesem Tisch bin, der nicht beschnitten ist.«

»Dieses Ungleichgewicht zumindest ließe sich beheben«, meinte Tannhäuser.

»Da müßtest du mir aber zuerst den Kopf abschneiden.«

»Ganz gleich, womit wir anfangen, wir könnten dadurch deine Laune nur verbessern.« Tannhäuser lachte. »Komm schon, entscheide dich! Bist du einer von uns oder einer von den Fanatikern?«

»Wie du schon gesagt hast, wir sind eine verschworene Gemeinschaft, wir stehen und fallen miteinander«, grummelte Bors. »Bis zum bitteren Ende.«

Sabato Svi blies erleichtert die Backen auf.

Tannhäuser stand auf. »Dann wollen wir jetzt gehen und unsere Waren verhökern.«

In seiner Kammer zog sich Tannhäuser um, legte ein burgunderrotes seidenes Wams an, das von goldenen Streifen durchzogen war. Er gürtete sein Schwert um, das von Julian del Rey gefertigt war und als Knauf einen silbernen Leopardenkopf hatte, fuhr sich mit der Hand nur über die Bartstoppeln, anstatt sich zu rasieren. Er besaß zwar keinen Spiegel, aber er war überzeugt, daß er die auffälligste Erscheinung am ganzen Ufer sein würde. Bors brüllte von der Straße unten seinen Namen und eine unflätige Bemerkung hoch, und Tannhäuser gesellte sich zu ihm.

Draußen warteten acht zweirädrige Ochsenkarren. Die großen Tiere standen gelassen in der Sonne. Die Karren waren mit Schießpulver, Kanonenkugeln aus Messing, Holzkohle aus Weidenholz und Bleibarren beladen. Bors saß ungeduldig auf seinem Braunen, während Gasparo Buraq am Zügel hielt.

Tannhäuser fragte: »Gasparo, wie geht es heute?«

Gasparo war ein stämmiger junger Mann von sechzehn Jahren, schüchtern, aber treu wie Gold. Er antwortete mit einem Grinsen, verlegen über die Ehre, daß Tannhäuser sich nach ihm erkundigt hatte. Tannhäuser schlug ihm freundlich mit der Hand auf den Rücken und wandte sich Buraq zu. Buraq war ein Teckiner aus der Oase von Achal. Diese Rasse hatte den Vorvätern als heilig gegolten, die Tiere waren auch als Nisäische Pferde bekannt. Ein solches Pferd hatte Dschingis Khan geritten. Es waren die schnellsten, stärksten und anmutigsten Tiere. Buraq hielt den Kopf hoch erhoben und bewies seine angeborene Majestät. Sein Fell hatte die Farbe frisch geprägter Goldmünzen. Sein Schweif und die kurze buschige Mähne waren golden wie Weizenähren. Tannhäuser fütterte ihn mit Hammelfett und Gerste und hätte ihn auch im »Orakel« untergebracht, wenn seine Partner ihn gelassen hätten.

Tannhäuser streichelte das Pferd. »Er ist einfach der Schönste«, sagte er, und Buraq schnaubte und warf den langen Hals zurück.

Tannhäuser stieg auf und fühlte sich sofort wie ein Kaiser. Buraq brauchte keine Stange, so weich war er im Maul. Die liebevolle Einheit zwischen Pferd und Reiter war vollkommen. Buraq setzte sich in Bewegung, als sei der ganze Wagenzug seine Idee gewesen. Die Karrenführer ließen die Peitschen knallen, und die Ochsen stemmten sich mächtig in die Spuren. Von den Reitern angeführt, setzte sich der Wagenzug in Richtung Hafen in Bewegung.

Sizilien war zwar allgemein nicht besonders aufgeschlossen für Menschen wie sie, aber Messina, das jahrtausendelang Dutzende von Eroberern überdauert hatte, war offen für Fremde, Schurken und Unternehmer jeglicher Couleur. Es war eine unabhängige Republik, hatte so viele Einwohner wie Rom und scherte sich so wenig um die letzten – die spanischen – Eroberer, welche die Insel gerade bis auf die Knochen aussaugten, wie es sich um die Römer, die Araber, die Normannen und den ganzen Rest geschert hatte. Es war eine turbulente und reiche Stadt, und da der sichere Hafen von Kalabrien nur zwei Meilen über die Meerenge entfernt lag, beherbergte Messina eine ungeheure Anzahl von Gesetzlosen von jeglichem Stand. Hier plünderte der Gouverneur in einem einzigen Jahr mehr für die spanische Krone, als der Rest der Insel in fünf Jahren erbrachte. Was die Kirche betraf, bestand hier die Heilige Inquisition aus einer Legion von Entführern, Mördern und Dieben und zählte in ihren Reihen Ritter, Barone, Kaufleute, Handwerker, Kriminelle aller Art und selbstverständlich den größten Teil der Polizei. Ein Ort ohnegleichen, an dem ein Mann wie Tannhäuser sein Glück machen konnte.

Die Bucht von Messina bildete einen vollkommenen Naturhafen, der von befestigten Molen und den Kanonen des ungeheuren Arsenals geschützt wurde, das hier das Meer beherrschte. Dahinter lag die alte, mit einer Mauer bewehrte Stadt. Die Umrisse ihrer Türme und Campanili flirrten in der Hitze des Mittags. An den riesigen Docks ragte ein Wald von Masten, Spieren und gerefften Segeln auf. Außer einigen Fischerbooten und Küstenfahrern und einer spanischen Galeasse, die auf der offenen See Patrouille fuhr, lag das Meer ruhig da, denn die meisten Seefahrer harrten in diesen gefährlichen Tagen aus, bis man mehr über die Absichten des Großtürken wußte.

Der Kai der Ritter vom Hospitalerorden befand sich eine halbe Seemeile vom »Orakel« entfernt. Unterwegs dorthin klapperten Tannhäuser und sein Gefolge über die Pflastersteine, passierten Kramerläden und Seilerbahnen, Gewürzlager und Getreidespeicher, Bordelle und Geldwechselstuben. Sie ritten vorbei an Lastkränen, die von Sklaven in riesigen Treträdern angetrieben wurden, vorbei an aufgebockten Galeeren; vorüber an Essensverkäufern, die Innereien brieten, vorbei an Krummhölzern, an denen frisch abgehäutete Lämmer hingen; vorbei an Straßenfegern, die Exkremente auf stinkende, von Fliegen übersäte Karren schaufelten; vorbei an Bettlern ohne Beine und barfüßigen Straßenjungen und Bettelmönchen, die um Almosen flehten; vorbei an Frauen, die mit den Händlern feilschten; vorbei an Horden von Bravi, die höhnisch grinsend und mit verborgenen Dolchen herumstolzierten. Das ungeheure Ausmaß dieses Tumultes, der sich erstreckte, so weit das Auge reichte, offenbarte Tannhäuser wieder, daß Sabato Svi recht hatte: Sie waren noch nicht reich genug. Er beschloß, auf dem Nachhauseweg Dimitrianos seine Aufwartung zu machen und sich anständigen Proviant für die Reise zu besorgen.

Die Couronne war lang und schnittig, einhundertachtzig Fuß vom Vorder- bis zum Achtersteven und nur zwanzig Fuß breit. Wie alle Schiffe der Ritter war sie auf Geschwindigkeit und Angriff ausgelegt. Der Schiffsrumpf war schwarz gestrichen, und die riesigen Lateinsegel waren blutrot. Das goldene Kreuz mit den acht Spitzen, das darin eingewebt war, blendete das Auge. Am Kai standen etwa zwanzig Ordensritter in langen schwarzen Umhängen, um das Schiff willkommen zu heißen. Alle trugen Schwerter über den Kutten und sahen aus, als seien sie auf jede Gefahr gefaßt. Tannhäuser nahm an, daß sie erst kürzlich aus den am weitesten entfernten Prioreien des Ordens angekommen waren. Tatsächlich hatten einige deutlich deutsche oder skandinavische Züge, und andere sahen eher aus wie Spanier oder Portugiesen. Der Reihe nach umarmten sie zur Begrüßung einen schlanken Mitbruder, der mitten unter ihnen stand. Als der sich umwandte, um den nächsten zu begrüßen, erkannte Tannhäuser Oliver Starkey. Als ihre Blicke sich trafen, zeigte sich kurz Unbehagen auf Starkeys Gesicht, doch dann lächelte er und nickte, ehe er sich wieder seinen Mitbrüdern zuwandte. Tannhäuser winkte Bors zu sich.

»Komm, wir wickeln unsere Geschäfte mit dem Kapitän ab und sprechen später mit Bruder Starkey.«

Tannhäuser wollte schon den Fuß auf die Laufplanke setzen, als Bors ihm warnend eine Hand auf den Arm legte. Drei Männer kamen über das Fallreep herunter, die Sonne im Rücken. Zwei trugen die Gewänder der Dominikaner. Sie waren seltsame Weggefährten; der eine war beinahe doppelt so groß wie der andere. Hinter ihnen tauchte ein Spanier auf, der um die zwanzig Jahre alt sein mochte, mager wie ein Stecken und in ein feines schwarzes Wams gekleidet. Er hatte einen verderbten Zug um Augen und Mund und wirkte wie ein Mörder. An seinem Gürtel hingen ein Dolch und ein Schwert. Der größere der beiden Mönche schritt mit der Haltung eines Prinzen und der Demut eines Armen. Sein Weg mußte sich mit dem Tannhäusers kreuzen. Als der Mann aus dem grellen Licht trat, sah Tannhäuser sein Gesicht, und sofort krampfte sich ihm der Magen zusammen.

Tannhäuser murmelte: »Ludovico Ludovici.«

»Der Inquisitor?« wollte Bors wissen.

Die Welt, in der Tannhäuser lebte, schien wahrscheinlich den meisten gewöhnlichen Sterblichen sehr groß, doch die Landkarte, auf der er seine Freunde verzeichnete, war sehr viel kleiner. Und die Landkarte des Bösen war noch viel kleiner.

Er antwortete: »Ludovico hat Petrus Grubenius auf den Scheiterhaufen geschickt.«

Bors packte ihn an der Schulter und versuchte, ihn aus Ludovicos Weg zu schieben. »Was vorbei ist, ist vorbei. Wir sollten uns um unsere Geschäfte kümmern.«

»Ich war ein Barbar, und Petrus hat einen Menschen aus mir gemacht. Er war mein Lehrer. Er war mein Freund.«

»Und wer sich einen Feind hält, gegen den er nicht ankämpfen kann, der ist ein Narr.«

Tannhäuser trat einen Schritt zurück, aber er wandte die Augen nicht von Ludovicos Gesicht und bemerkte, daß auch der Inquisitor ihn musterte, während er näher trat. Der kleinere Mönch, ein blasser Bursche mit verächtlichem Gesichtsausdruck, der unter zwei schweren Satteltaschen schwitzte, wollte schon an ihnen vorbeigehen. Im letzten Augenblick hielt jedoch Ludovico inne, wandte sich um und schaute Tannhäuser höflich an. Er deutete auf den wachsbleichen Mitbruder.

»Darf ich Pater Gonzága vorstellen, den Legaten der Heiligen Inquisition in Messina.«

Gonzága, den Ludovicos Verweilen sehr verblüfft hatte, schaffte mit knapper Not ein Nicken.

»Und dies ist – Anacleto.«

Der seelenlose junge Spanier starrte Tannhäuser mit eiskalten Augen an.

»Ich bin Pater Ludovico. Doch Euch zu kennen habe ich nicht die Ehre.«

Ludovicos Stimme rollte über ihn hinweg, ruhig und tief wie eine stille See. Und doch lauerten unter der Oberfläche Ungeheuer. Tannhäuser deutete mit der Hand auf Bors. »Bors von Carlisle.« Dann verneigte er sich kurz. »Hauptmann Mattias Tannhäuser.«

Ludovicos Aufmerksamkeit war gefesselt. »Euer Ruf eilt Euch voraus.«

»Jeder Hahn ist König auf seinem eigenen Misthaufen«, erwiderte Tannhäuser.

Diese barsche Antwort erstaunte Ludovico, und sein Mund verzog sich zu einem matten Lächeln. Gonzága entfuhr ein entsetzter Laut. Anacleto beobachtete Tannhäuser, wie eine Katze einen Vogel auf dem Hof belauert. Bors schaute auf Anacleto und ließ die Finger spielen, die viel lieber ein Messer gehalten hätten.

»Ihr seid ein Philosoph«, meinte Ludovico, »und ein scharfsinniger noch dazu.«

Trotz des alten Hasses, der wieder in ihm aufgelodert war, stellte Tannhäuser fest, daß er begann, sich für den Mönch zu erwärmen, ein Zeichen dafür, daß Ludovico gefährlicher war, als er sich vorzustellen vermochte. Tannhäuser schüttelte den Kopf. »Euer Gnaden schmeicheln mir. Ich bin ein Mann, den das Glück begünstigt hat, aber ein einfacher Mann.«

Diesmal lachte Ludovico laut auf. »Und ich bin ein bescheidener Priester.«

»Dann treffen wir uns als unseresgleichen«, antwortete Tannhäuser.

Gonzága betrachtete inzwischen seinen Herren mit unverhohlener Überraschung.

Ludovico lächelte wieder. »Sagt mir, woher Ihr mich kennt, Hauptmann Tannhäuser. Wenn wir uns schon einmal getroffen hätten, würde ich mich gewiß daran erinnern.«

»Ich habe Euch bisher nur einmal gesehen, vor vielen Jahren, und da auch nur von weitem. In Mondovi.«

Ludovico schaute in die Ferne, als müsse er sich eine Szene in Erinnerung rufen. Dann nickte er. »Außer mir wart Ihr der größte Mann auf der Piazza.« Sein Blick kehrte zu Tannhäuser zurück, und der Schatten einer ungewissen Trauer huschte über sein Gesicht. Tannhäuser wußte nun, daß sie sich beide an dieselbe Feuersäule und die wilden Schreie desselben Mobs erinnern konnten.

Ludovico sagte: »Die Welt ist vom Bösen überschwemmt, und überall zeigen sich Zeichen für das Werk des Satans.«

»Darin will ich Euch nicht widersprechen«, erwiderte Tannhäuser.

»Unter den Piemontesen ging die Gottlosigkeit um«, sagte Ludovico. »Die Reinheit des Glaubens war durch Kriege getrübt. Üble Lehren gediehen. Die Disziplin mußte wiederhergestellt werden. Ich bin froh, daß Ihr nicht unter den Schuldigen wart.«

Tannhäuser spuckte auf den Kai. »Meine Bosheit ist von zu gewöhnlicher Art, als daß sie die Aufmerksamkeit von Menschen wie Euch erregen würde«, antwortete er. »In Mondovi habt Ihr nur ungewöhnliche Menschen ermordet. Ungewöhnlich gelehrte Menschen. Wie Petrus Grubenius.«

An der leichten Veränderung im Licht von Ludovicos Augen konnte man ablesen, daß er den Namen seines Opfers kannte, aber er sagte nichts.

Tannhäuser deutete nach Süden, in Richtung Syrakus. »Nicht weit von hier wurde der große Archimedes gleichfalls umgebracht, von einem römischen Soldaten, der weder lesen noch schreiben konnte, nur weil er mathematische Zeichen in den Staub gezeichnet hatte.« Er wandte sich wieder Ludovico zu. »Es ist tröstlich, daß in den vielen Jahrhunderten, die sich inzwischen aufgehäuft haben, Rom die gelehrten Männer immer noch genauso sehr bewundert.«

Niemand hier hatte je gehört, daß jemand einen Inquisitor des Mordes angeklagt hatte. Das gleich zweimal zu hören versetzte Bors und Gonzága in fassungsloses Staunen.

Ludovico nahm es gelassen. »Mich tröstet, daß die Ordnung über die Anarchie triumphiert hat. Und die Ketzerei – der Feind jeglicher guten Ordnung – ist im Hochmut gelehrter Männer verwurzelt. Wer das Wort des Ewigen hört, der braucht keine Gelehrsamkeit, denn Gelehrsamkeit allein ist keine Tugend, sondern oft sogar der Weg in die ewige Finsternis.«

»Ich stimme Euch zu, daß Gelehrsamkeit keine Garantie für Tugendhaftigkeit ist, denn der Beweis dafür steht hier vor mir.« Tannhäuser konnte spüren, wie sich ihm Bors’ Blicke in den Rücken bohrten, aber er war gerade in Stimmung gekommen. »Und was die ewige Finsternis betrifft: So führen breitere Wege dorthin als die Gelehrsamkeit.«

»Was nützt uns Wissen ohne Gottesfurcht?«

»Wenn Gott menschliche Stellvertreter braucht, damit wir Ihn fürchten, dann müßt Ihr mir sagen, was für ein armseliger Gott Er dann sein muß.«

»Ich bin kein Stellvertreter Gottes«, antwortete Ludovico, »sondern ein Vertreter der einen wahren Kirche.« Er wies auf die Ritter am Kai. »Diese edlen Ritter von Johannes dem Täufer, deren Tapferkeit Ihr doch sicher anerkennt, sind gekommen, um das Kreuz gegen den Islam zu verteidigen. Der Krieg, den unsere Mutter Kirche um ihr Überleben führt, ist wesentlich verzweifelter. Von allen Seiten wüten die Feinde gegen sie, und die allerschlimmsten wurden in ihren eigenen Reihen gezeugt. Der Krieg der Kirche läßt sich nicht in Wochen, nicht einmal in Jahren, sondern nur in Jahrtausenden messen. Hier steht nicht nur eine Armee auf dem Spiel, nicht nur eine Insel oder ein Volk, sondern vielmehr das Geschick der gesamten Menschheit für alle Ewigkeit. Mein Ziel ist daher nicht, Furcht und Schrecken zu verbreiten, sondern den Felsen zu verteidigen, auf den Petrus die Gemeinde Christi begründet hat.«

»Es stimmt, ich ehre diese Ritter«, sagte Tannhäuser, »aber sie sind gekommen, um mit den tapfersten Kriegern der Welt die Klingen zu kreuzen. Nicht um die Machtlosen zu foltern und die Schwachen hinzurichten.«

»Und das Paradies mit all seinen Heiligen ist ihnen als Belohnung sicher. Doch auch Ihr tragt ein Schwert. Wenn Ihr in Eurem Herzen glaubt – an jenem Ort, wo selbst Ihr die Stimme Gottes hört –, daß Ihr Seine Welt vom Bösen befreien könnt, indem Ihr sie von mir befreit, dann möchte ich Euch dringend auffordern, jetzt mit Freuden Euer Schwert zu zücken und mich zu erstechen.«

Je mehr der Inquisitor redete, desto mehr respektierte Tannhäuser ihn, und desto mehr war er auch davon überzeugt, daß er die Welt wahrhaftig von einer sehr großen Bedrohung befreien würde, wenn er ihn totschlug. Er lächelte: »Ich will nicht länger mit Euch Wortgefechte austragen, denn ich gebe zu, daß ich Euch nicht übertreffen kann.«

»Die Herausforderung war ernst gemeint«, erwiderte Ludovico. »Und Euer Kamerad zumindest ist der Meinung, daß Ihr sie annehmen solltet.«

Tannhäuser schaute zu Bors, der tatsächlich drauf und dran war, sich auf ihn zu stürzen. Als Tannhäuser ihn ansah, entspannte er sich ein wenig und schaute leicht einfältig drein.

»Ich verfolge nicht das Ziel, das Böse aus der Welt zu tilgen«, sprach Tannhäuser. »Vielmehr strebe ich danach, Reichtümer anzuhäufen – und vielleicht auch ein wenig Gelehrsamkeit – und dann an all den Lastern zu sterben, die mir in der mir zugeteilten Lebensspanne möglich sind. Von Gott habe ich mich schon vor sehr langer Zeit abgewandt.«

»Glaubt mir, Er lebt in Euch so sicher wie in mir«, erwiderte Ludovico. »Und genauso gewiß ist, daß Er mich für jede meiner Taten richten wird, genau wie Euch für Eure.«

»Dann sitzen wir vielleicht am Tag des Jüngsten Gerichtes beide zusammen auf der Anklagebank, Seite an Seite.«

Ludovico nickte. »Auch daran sollten wir keinerlei Zweifel hegen.«

Der Inquisitor blickte zu Gonzága, den das Geschehen nicht nur schockiert hatte, sondern der auch nur mit größter Mühe verhindern konnte, daß ihm die Satteltaschen aus der Hand glitten. Ludovico wandte sich wieder zu Tannhäuser.

»Wir wollen beten, daß die Gnade Gottes uns beide von Sünden befreit.«

»Ich dachte, diese Macht hättet Ihr Priester Euch vorbehalten.«

»Da gehen die Meinungen der Gelehrten auseinander«, entgegnete Ludovico. »Der Priester kann Euch von der Bestrafung für Eure Sünden freisprechen, aber wenn, wie es einige der höheren Obrigkeiten behaupten, die Sünde als Verhärtung des Herzens zu sehen ist, dann kann diese nur durch Leid gebrochen werden.«

»Auch Ihr habt ein gerüttelt Maß an Leid verursacht«, meinte Tannhäuser.

»Wer von uns hätte das nicht?« sagte Ludovico, und Tannhäuser nickte. Der Inquisitor fuhr fort: »Und wenn uns das Leid die Tore zur Gnade Gottes öffnet, welcher Mensch würde dann davor zurückschrecken?«

Tannhäuser gab ihm keine Antwort. Ludovico lächelte mit einem Anflug von Melancholie. »Ich halte Euch von Euren Geschäften ab. Trotz Eurer schamlosen Gotteslästerungen würdet Ihr vielleicht die Absolution eines bescheidenen Priesters annehmen, ehe wir voneinander scheiden? Es würde mein Gewissen beruhigen, wenn schon nicht Eures.«

Tannhäuser warf einen Blick auf Anacleto und bemerkte den Schatten eines Lächelns auf dessen Lippen. Er zögerte, dann neigte er den Kopf. Ludovico hob die Hand und schlug das Kreuzzeichen über ihm.

»Ego te absolvo a peccatis tuis, in nomine Patris et Filii et Spiritus Sancti, Amen.«

Tannhäuser blickte hoch. Er bemerkte, daß Ludovico die kältesten Augen hatte, die er je gesehen hatte.

»Assalaamu alaykum wa rahmatullahi wa barakatuh«, sagte Tannhäuser.

»Bis wir uns wiedersehen«, erwiderte Ludovico.

»Ich werde mein eigenes Feuerholz mitbringen.«

Tannhäuser schaute dem Dominikaner nach, der davonschritt, den keuchenden Gonzága im Schlepp. Anacletos wölfische Gestalt bildete die Nachhut. Als sie sich zehn Schritte entfernt hatten, schaute Anacleto ganz betont über die Schulter zurück. Tannhäuser wich seinem Blick nicht aus, und Anacleto wandte sich ab. Sogleich wurde das Trio vom Tumult des Hafens verschluckt.

»Willst du uns alle auf die Folterbank bringen?« herrschte ihn Bors an. »Solche Torheit habe ich noch nie gesehen.«

»Der Adler jagt keine Würmer«, erwiderte ihm Tannhäuser. »Ludovico hat es auf den Orden abgesehen.«

»Ich habe sein Gesicht gesehen, als er dir die Absolution erteilt hat«, beharrte Bors. »Als würde er dich geradewegs zum Galgen schicken. Oder zum Scheiterhaufen. Merk dir meine Worte: Dieser Segen wird dir noch zum Fluch werden!«

Tannhäuser schlug ihm auf die Schulter. »Segen oder Fluch, ich glaube an keines von beiden. So, und jetzt an die Arbeit.«

Der Kapitän der Galeere war der Cavaliere Giovanni Castrucco, den Tannhäuser kannte. Es wurden also nur kurz Höflichkeiten ausgetauscht, und dann bat man ihn mit Bors an Bord, wo ihr Frachtbrief vom Proviantmeister geprüft und abgestempelt wurde. Anschließend machten sie sich daran, das Laden der Fracht zu organisieren, das den ganzen restlichen Tag in Anspruch nehmen würde. Die Zahlung würde auf ihr Bankkonto in Venedig erfolgen. Die Couronne würde mit der Mitternachtsflut auslaufen, da die Vorhut der Türken jederzeit auftauchen konnte. Castrucco wollte auf keinen Fall eine Blockade riskieren. Als alle Geschäfte erledigt waren, gingen Tannhäuser und Bors von Bord und trafen am Kai Oliver Starkey. Tannhäuser streckte ihm die Hand entgegen.

»Bruder Starkey. Ein unerwartetes Vergnügen.«

»Tannhäuser.« Starkey drehte sich um und schüttelte auch Bors die Hand. »Und Bors von Carlisle.«

Er sprach den Namen seines Landsmannes mit ironischem Vergnügen aus. Es stimmte schon, Bors’ Spitzname war ein wenig extravagant, da er doch einen Hauch von edler Geburt andeutete, aber das galt auch für »Tannhäuser«. Sie hatten sich in Mailand über einer Flasche Branntwein ihre noms de guerre ausgedacht, als sie versuchten, Alva ihre Kriegsdienste anzubieten. Das Schlammloch, aus dem Bors stammte und das auf keiner Karte verzeichnet war, lag zumindest in der Nähe von Carlisle. »Tannhäuser« war aus einer Ritterballade entlehnt, in der ein Ritter von Frauen geplagt und dann aus der Gottesstadt verbannt wurde. Legitim oder nicht, ein Name besaß eine ganz eigene Kraft, und ihre hatten ihnen bisher gute Dienste geleistet.

»Was bringt Euch so spät nach Messina?« fragte Tannhäuser.

»Ihr«, erwiderte Starkey.

»Wenn Ihr noch mehr Krieger braucht, kann ich ein paar zusammentrommeln – wenn auch die meisten betrunken sind und alle nichts als der Abschaum der Erde.« Er unterbrach sich, weil er auf Starkeys Zügen keinerlei Interesse wahrnahm. »Aber ich vergesse meine guten Manieren. Kommt und eßt mit uns an unserem Tisch …«

»Vergebt mir, Tannhäuser, aber mir steht der Sinn nicht nach Verstellung. Ich bin nicht gekommen, um mit Euch Handel zu treiben, sondern um Euch um einen großen Gefallen zu bitten.«

»Ihr seid unter Freunden. Fragt und dann zu Hölle damit.«

»Ich bin auf die dringende Anordnung des Großmeisters hergekommen, um Euch anzuflehen, mit dem Orden im Krieg gegen den Großtürken gemeinsame Sache zu machen.«

Tannhäuser blinzelte. Er warf Bors einen verstohlenen Blick zu.

Bors strich sich über den Schnurrbart und leckte sich die Lippen.

»Kurz gesagt«, fuhr Starkey fort, »der Großmeister möchte, daß Ihr Euch zu uns gesellt.«

»Auf Malta?«

»Auf Malta.«

Tannhäuser starrte Starkey so ungläubig und argwöhnisch an, daß Bors sich mit den Händen auf die Schenkel schlug und vor Lachen brüllte. Er lachte so unbändig, daß die Matrosen, die die Lateinsegel rafften, und die Stauer, die an den Karren schwitzten, ihre Arbeit unterbrachen und ihn anstarrten.

Keuz

DIENSTAG, 15. MAI 1565

In der Taverne »Zum Orakel« – Am Tor von Messina – In den Neptun-Bergen

Tannhäuser kehrte übelgelaunt von der Couronne zurück. Starkey hatte all seine Überredungskünste angewendet und moralische, politische, finanzielle und landsmannschaftliche Gründe angeführt, um ihn für seine Sache zu gewinnen. Er hatte ihm Ruhm, Reichtümer, Ehre und die ewige Dankbarkeit Roms versprochen. Er hatte gebettelt, geschmeichelt und gedroht. Er hatte die Summae des Thomas von Aquin heraufbeschworen, die Autorität des heiligen Bernhard von Clairvaux sowie rührende Beispiele von Heldenmut aus Antike und Neuzeit. Nur des Mangels an Mut hatte er Tannhäuser nicht bezichtigt, und doch hatte der auf all diese Versuche und Vorschläge mit einer kategorischen Weigerung reagiert, für den Orden zu den Waffen zu greifen. Die maltesische Ilias, wie Starkey sie bezeichnete, würde ohne ihn stattfinden müssen. Tannhäuser hatte seit Jahren keinen Menschen mehr getötet, und obwohl derlei Taten gewöhnlich sein Gewissen nicht belasteten, vermißte er das Töten auch nicht. Als Belohnung für die Schufterei des Morgens hatte er sich ein Bad im Lagerhaus versprochen. Bors ritt schweigend neben ihm. Als sie sich dem »Orakel« näherten, deutete Bors mit einer Kopfbewegung auf ein im Schatten angebundenes Pferd und sagte nur: »Ärger.«

Tannhäuser sah, daß das Pferd eine herrliche braune Stute war, mit einem teuren Sattel und einer kostbaren Schabracke geschmückt. Von einigen wenigen Ausnahmen abgesehen, war es für die Gäste seiner Taverne unwahrscheinlicher, je ein solches Pferd zu besitzen, als ins Kardinalskollegium aufgenommen zu werden. Als sie auf dem Weg zu den Stallungen an der Tür des »Orakels« vorbeikamen, warf Tannhäuser einen kurzen Blick hinein und bemerkte einen besonderen Tumult. Den Kern des Aufruhrs bildete eine Gruppe Säufer, die Schulter an Schulter im Kreis stand wie Zuschauer bei einer Rauferei. Tannhäuser stieg sofort vom Pferd, reichte Bors die Zügel und trat über die Schwelle, um den schmutzigen Kerlen über die Schulter zu spähen.

Mitten im Schankraum wirbelte ein Mädchen in einem grünen Reitgewand wie ein Derwisch herum, die Arme wie Flügel ausgestreckt. Um sie herum stand eine aufgeregte Menge lärmender Trinker, die ihr in sizilianischer Mundart zotige Bemerkungen zuschrien und ihr Käserinden, Kerzenwachs und Brot an den Kopf warfen. Das Mädchen war eindeutig von Sinnen, obwohl man ihr das bei diesem Bombardement von Unflätigkeiten und Unrat kaum übelnehmen konnte. Zu allem Übel stachelte sie die primitive Phantasie ihrer Peiniger noch weiter an, indem sie mit schriller Stimme seinen Namen sang. »Tannhäuser! Tannhäuser! Tannhäuser!«

Tannhäuser seufzte. Er zog sein Schwert zurecht, so daß es noch eindrucksvoller wirkte, und trat mit großen Schritten in die Taverne, als wüßte er genau, was nun zu tun sei.

Die Rüpel hatten solchen Spaß, daß nur wenige sein Erscheinen bemerkten. Als ein stiernackiger Kerl sich von seiner Bank zurücklehnte und den Arm erhob, um dem Mädchen einen Kanten Brot an den Kopf zu werfen, packte ihn Tannhäuser beim Kragen und donnerte seinen Kopf mit einer solchen Kraft auf die Holzplatte, daß das andere Tischende in die Luft sprang und die Dasitzenden mit Bier übergossen wurden.

»Zurück zu eurem Bier, ihr Schweine!« brüllte Tannhäuser.

Zu seiner Genugtuung trat sofort Stille ein. Das Mädchen blieb mitten in der Bewegung stehen und schaute ihn ohne jede Spur von Schwindel an. Soweit er es im trüben Licht beurteilen konnte, hatte sie ein braunes und ein graues Auge, ein sicheres Zeichen für einen überspannten Geist. Ihn faszinierte, daß die Augen vollkommen zu dem Feuer paßten, das aus ihnen funkelte. Obwohl ihr Gesicht ein wenig schief wirkte und ihr Haar aussah, als hätte sie es selbst geschnitten, und zwar ohne einen Spiegel, fragte er sich unwillkürlich, wie es wohl sein würde, sie zu lieben. Das Kleid verriet nicht viel, aber sein erfahrener Blick sagte ihm, daß sie herrliche Brüste haben mußte.

»Tannhäuser«, sagte das Mädchen mit einer Stimme, die in seinen Ohren wie Musik klang.

»Zu Euren Diensten, Signorina«, antwortete er mit einer eleganten Handbewegung und einer Verbeugung.

Ihre Augen schauten an ihm vorbei, und Tannhäuser wandte sich um, als der Stiernackige seine fünf Sinne wieder genügend beieinander hatte, daß er taumelnd von seiner Bank aufstehen und mit erhobenen Fäusten auf ihn zukommen konnte. Ehe der Kerl seinen trüben Blick auf den Feind richten konnte, war schon Bors mit grimmigem Vergnügen über ihn hergefallen. Das Mädchen schien von den Vorkommnissen nicht weiter verstört, als seien ihr derlei gewalttätige Auseinandersetzungen in zweifelhafter Umgebung nicht unbekannt.

»Sprecht Ihr Französisch?« fragte sie in dieser Sprache.

Tannhäuser hüstelte und straffte die Schultern. »Natürlich«, erwiderte er in der gleichen Zunge. Mit seiner Meinung nach bewundernswerter Sprachfertigkeit fragte er das Mädchen nach seinem Namen.

»Amparo«, erwiderte sie.

Wunderschön, dachte Tannhäuser. Er deutete mit der Hand auf seinen geschützten Alkoven, nicht ohne Stolz auf die exotische Möblierung und die Wandteppiche, und sagte: »Mademoiselle Amparo, kommt bitte.«

Amparo schüttelte den Kopf, die Augen immer noch fest auf seine Brust geheftet, und antwortete mit einem Wortschwall, den Tannhäuser zu seinem Entsetzen kaum verstehen konnte. Vielmehr erfaßte er höchstens eins von fünf Worten, während der Rest an ihm vorbeirauschte und ihm die Gedanken verwirrte. Er hatte in seiner Familie Deutsch gesprochen, und mit zwölf Jahren war er in der Schule der Janitscharen mit eherner Disziplin gezwungen worden, Sprachen und Schriften zu erlernen, die ihm äußerst fremd waren. Danach war ihm das Erlernen des Italienischen leichtgefallen. Während seines Aufenthaltes bei Petrus Grubenius, der in jedem Satz viele rhetorische Nebenwege beschritt, ehe er zum eigentlichen Thema kam, hatte er die Extravaganz schätzen gelernt, zu der die römische Sprache einige Auserwählte verleitet. Nun hatte ihm Messina auch ein passables Spanisch beigebracht. Französisch hingegen war eine verzwickte Sprache, gespickt mit seltsamen Ausspracheregeln, und das Vokabular, das er zur Verfügung hatte, hatte er von Soldaten gelernt.

Er hob die Hand, um dem Mädchen Einhalt zu gebieten.

»Bitte«, sagte er. Die verstohlenen Blicke des Pöbels ruhten auf ihm. Er wies zur Tür: »Wir wollen draußen reden.«

Amparo nickte, und er bot ihr seinen schützenden Arm, den sie jedoch übersah. Leichtfüßig ging sie an ihm vorüber nach draußen und zum Kai, wo er sich mit den Pferden im Schatten zu ihr gesellte. Er sah, daß sie Buraq anstarrte, den Bors neben ihrer Stute angebunden hatte. Sie hatte offensichtlich ein gutes Auge für Pferde.

»Das ist Buraq«, erklärte Tannhäuser. Er hatte sich auf die italienische Sprache zurückgezogen und hoffte, sie würde ihn verstehen, wenn er nur langsam genug redete. »Er ist nach dem geflügelten Pferd des Propheten benannt.«

Amparo wandte sich um und schaute ihm zum erstenmal in die Augen. Sie war nicht eigentlich hübsch zu nennen, aber sie hatte eine ungeheure Ausstrahlung. Ihr Gesicht wirkte schief, weil der Knochen unter ihrem linken Auge gewaltsam gebrochen war, und es leuchtete mit einer Ekstase, die ihn verstörte. Amparo strahlte eine schlichte Unschuld aus, die kaum zu der Art passen wollte, wie sie mit dem Mob in der Taverne umgegangen war. Sie schwieg.

Tannhäuser versuchte es noch einmal mit seinem unbeholfenen Französisch. »Bitte sagt mir, wie ich Euch helfen kann.«

Er hörte zu, während Amparo zu ihm sprach wie zu einem einfältigen Kind, und obwohl ihn dies in die Lage versetzte, ungefähr zu verstehen, was sie sagte, konnte er sich doch des Gefühls nicht erwehren, daß sie ihn auch als törichtes Kind sah. Sie redete einigen Unsinn über einen nackten Mann auf irgendeinem Pferd, wobei sie mit fuchtelnden Händen auf Buraq deutete, und von einem Hund, der Feuer im Maul trug. Neben diesen rätselhaften Bemerkungen konnte er heraushören, daß sie von ihm verlangte, er solle ihrer Herrin, einer gewissen Madame La Penautier – nichts Geringeres als eine Contessa –, in der Villa Saliba in den Bergen jenseits der Stadt einen Besuch abstatten.

»Ihr wollt, daß ich die Contessa La Penautier in der Villa Saliba besuche?« Das Mädchen nickte. »Verzeiht«, fuhr er fort, »aber warum?«

Amparo wirkte erstaunt. »Es ist ihr Wunsch. Reicht das nicht?«

Tannhäuser stutzte. Er hatte keinerlei Erfahrung mit französischen Edeldamen, nicht einmal mit deren Zofen, falls Amparo eine war. Vielleicht befahlen sie stets Herren in dieser Manier zu sich, vielleicht waren ihre Zofen immer so seltsam wie dieses elfengleiche Mädchen. Wahrscheinlich aber eher nicht. Trotzdem war es für ihn ein völlig neues Erlebnis, und er fühlte sich geschmeichelt. Was konnte es schon schaden? Tannhäuser brauchte einen Augenblick, um seine Antwort zu formulieren.

»Sagt der Contessa, daß ich mit Vergnügen morgen in die Villa Saliba komme und zu ihren Diensten stehe.« Er lächelte zufrieden darüber, wie er diese verzwickte Sprache immer besser beherrschte.

»Nein«, erwiderte das Mädchen. »Heute. Jetzt.«

Tannhäuser warf einen Blick in die Gluthitze des sizilianischen Nachmittags. Die Aussicht auf sein Bad schmälerte sich zusehends. »Jetzt?« fragte er.

»Ich bringe Euch sofort zu ihr.«

Die Züge des Mädchens wirkten plötzlich beinahe gefährlich, als würde sie bei einer Weigerung unverzüglich wieder anfangen, herumzuwirbeln und seinen Namen zu schreien. Wegen der Zeit, die er inzwischen als die finsteren Jahre seines Zölibats betrachtete – denn so war die Regel der Janitscharen –, hatte Tannhäuser das zarte Geschlecht erst in fortgeschrittenen Jahren kennengelernt. Nur er allein wußte, daß er schon sechsundzwanzig Jahre alt gewesen war, als er endlich die Keuschheit hinter sich ließ. Daher schrieb er oft Frauen eine Macht und Weisheit zu, von der er zu vermuten begann, daß die meisten sie gar nicht besaßen.

»Nun gut«, lenkte er ein. »Die Luft wird meiner Gesundheit guttun.«

Er warf ihr ein Lächeln zu, von dem er hoffte, daß es bezaubernd war, das aber nicht erwidert wurde. Amparo machte auf dem Absatz kehrt, rannte zu ihrer Stute und sprang mit bewundernswerter Leichtigkeit in den Sattel. Kurz blitzte dabei eine muskulöse Wade auf, und die Bewegung unter ihrem Kleid bestätigte seine schönsten Hoffnungen auf die Größe ihrer Brüste. Mit übertriebener Geduld blickte sie auf ihn herab. Tannhäuser zögerte. Er war es nicht gewöhnt, so gehetzt zu werden. Bors tauchte im Türrahmen auf und wischte sich Blut von den Händen. Er sah zu dem Mädchen hin und warf Tannhäuser einen fragenden Blick zu.

»Man hat mich eingeladen, eine Dame zu besuchen«, verkündete Tannhäuser. »Keine Geringere als eine Contessa.«

Bors schnaubte vielsagend und lachte.

»Genug«, sagte Tannhäuser. Er schritt zu Buraq.

»Er ist Euer Vater?« erkundigte sich Amparo nüchtern.

Bors, dessen Französisch weit besser war als Tannhäusers, hörte auf zu lachen.

Nun war Tannhäuser an der Reihe zu lachen. »Nein, aber alt und fett genug wäre er.«

Amparo erwiderte: »Warum bittet Ihr ihn dann um Erlaubnis?«

Tannhäuser blieb das Lachen im Halse stecken. Er war entsetzt, daß sie die Lage so gedeutet hatte.

»Du gehst besser zu deiner Contessa«, meinte Bors, »bevor dieses Geschöpf hier uns beide besiegt.«

Tannhäuser stieg aufs Pferd. Ehe er wie beabsichtigt voranreiten konnte, hatte das Mädchen ihn schon hinter sich gelassen.

Sie ritten durch Straßen, die wegen der mörderischen Hitze menschenleer waren und vor Unrat in den Gossen stanken. Am nördlichen Stadttor kamen sie an Wagenrädern vorüber, die auf Stangen steckten und an denen man die Leichname von Gotteslästerern, Sodomiten und Dieben zur Schau stellte, deren Haut so von der Sonne verbrannt war, daß sogar die Krähen sie verschmähten. Nach diesem unerfreulichen Anblick wandten sie sich den Neptun-Bergen zu, wo die Luft überaus lieblich war und Falken über den Monti Peloritani kreisten.

Durch vorsichtige Fragen hatte er von dem Mädchen den Eindruck bekommen, daß die Dame Penautier eine Witwe war, die in Aquitanien ihr Gut ohne jede fremde Hilfe leitete. Vom verstorbenen Ehemann wußte Amparo nichts zu sagen, da sie ihn nicht gekannt hatte, aber die Contessa hatte niemals Anzeichen gegeben, seine Gesellschaft zu vermissen. Amparo konnte zwar keine genaue Zahl nennen, es schien jedoch, daß die Dame noch keine dreißig Jahre alt und von beträchtlicher Schönheit war.

Im Augenblick war Tannhäuser es zufrieden, festzustellen, daß Amparo lange, schlanke Finger mit mandelförmigen Fingernägeln hatte und daß ihr Nacken so anmutig war wie der eines Schwans. Unter der grünen Seide, die der Schweiß inzwischen unter den Armen dunkel gefärbt hatte, sah ihre Brust noch voller aus, als er vermutet hatte. Daß sie ihn kaum anschaute, lag gewiß an ihrer Schüchternheit. Zu seiner großen Erleichterung erfuhr Tannhäuser, daß Amparo Spanierin war und einen großen Teil ihrer Kindheit in Barcelona verbracht hatte. Die kastilische Sprache gab ihm nun die Möglichkeit, den unzutreffenden Eindruck, daß er einfältig sei, wieder wettzumachen. Er sprach vom Hafen und der schönen alten Kathedrale in dieser großartigen Stadt, obwohl er nie selbst dort gewesen war und sein Wissen nur aus zweiter Hand besaß. Amparo reagierte schweigend auf seine Begeisterung, und so stellte er ihr weiter Fragen, die sie zumindest höflich beantwortete.

Madame und sie waren von einem Ort bei Bordeaux gekommen, aber darüber hinaus war ihre Vorstellung von der Geographie nur sehr verschwommen. Für Amparo waren Marseille, Neapel und Sizilien nur Trittsteine, die im großen Gewässer des Unbekannten verstreut lagen. Daß zwei Frauen eine solche Reise ohne Begleitung unternahmen, war außerordentlich leichtsinnig, vor allem, da sie auch jeglichen bewaffneten Geleitschutz verschmäht hatten. Und doch erklärte Amparo zufrieden, daß sie ihrer Herrin »bis ans Ende der Welt« gefolgt war. In Tannhäusers Erfahrung war derlei treue Gefolgschaft ungewöhnlich für eine verdingte Arbeitskraft – und auch in Beziehungen zwischen Frauen im allgemeinen eher selten. Als sie die Bougainvilleen erreicht hatten, die das Ende ihres Rittes ankündigten, war Tannhäuser neugieriger als je zuvor.

Die Villa Saliba war ein prunkvolles Gebäude aus Marmor. Tannhäuser dachte bei sich, daß eine Residenz dieser Art ihm wohl anstehen würde. Die Villa selbst war jedoch nicht ihr Ziel. Sie ließen ihre Pferde zurück, die in den Ställen getränkt werden sollten. Dann führte ihn Amparo in einen wunderbaren Garten, der ganz weißen und roten Rosen vorbehalten war. Palmen und Myrtenbäume spendeten Schatten. Ort und Anlage des Gartens waren herrlich ausgedacht. Mit Genugtuung bemerkte Tannhäuser, daß hier keine der sonst überall wuchernden Magnolien wuchsen, die jeden zarten Duft übertönt hätten. Jenseits des Gartens stand ein viel kleineres, aber immer noch eindrucksvolles Haus aus kühlem weißem Stein.

Amparo blieb bei einem Rosenbeet stehen und kniete sich neben einer weißen Blüte nieder. Tannhäuser beobachtete sie einen Augenblick lang, während sie in einer Sprache flüsterte, die weder Französisch noch Kastilisch war. Sie war wahrhaftig ein einzigartiges Geschöpf. Als hätte sie seine Gedanken gelesen, wandte sie sich von der Blüte zu ihm.

»In Arabien«, erklärte er, »sagt man, daß früher einmal alle Rosen weiß waren.«

Mit hellwacher Neugier stand Amparo auf. Sie blickte auf die roten Blüten, die dicht an dicht hingen, und dann wieder zu ihm.

»Eines Abends, bei abnehmendem Mond«, fuhr Tannhäuser fort, »landete eine Nachtigall bei solch einer Rose – einer hohen weißen Rose – und entbrannte beim ersten Anblick in Liebe zu ihr. Nun hatte man bis zu diesem Tage niemals eine Nachtigall singen hören …«

»Die Nachtigallen konnten nicht singen?« fragte Amparo voller Eifer.

Tannhäuser nickte. »Sie verbrachten stumm ihr Leben, vom Anfang bis zum Ende, aber die Liebe dieser Nachtigall war so übermächtig – die Liebe zu dieser wunderbaren weißen Rose –, daß ihr ein Lied von wundersamer Schönheit aus der Kehle strömte. Dabei breitete sie ihre Flügel wie zu einer leidenschaftlichen Umarmung aus und …«

Er hielt inne, denn das Mädchen schien völlig verzaubert und schaute ihn mit so schmerzlicher Verzückung an, daß er sich fürchtete, ihr das Ende der Geschichte zu erzählen.

»Bitte«, drängte sie ihn, »fahrt fort.«

»Die Nachtigall drückte die Rose an die Brust, aber mit so wilder Leidenschaft, daß die Dornen ihr Herz durchbohrten und sie starb, während ihre Flügel noch um die Blüte gebreitet waren.«

Amparo schlug entsetzt die Hände vor den Mund, und sie trat einen Schritt zurück, als wäre ihr eigenes Herz durchbohrt worden. Tannhäuser deutete auf die roten Blüten.

»Das Blut der Nachtigall färbte die weißen Blütenblätter. Und deswegen blühen seither bestimmte Rosen rot!«

Amparo dachte eine Weile darüber nach. Mit großem Ernst fragte sie dann: »Ist das wahr?«

»Es ist eine Geschichte«, antwortete Tannhäuser. »Die Araber haben noch mehr Geschichten über Rosen, denn sie schätzen diese Blumen sehr. Die Wahrheit einer Geschichte liegt jedoch in dem Geschenk, das der Erzähler seinen Zuhörern macht.«

Amparo schaute auf die blutroten Blüten ringsum.

»Ich glaube, es ist wahr«, meinte sie, »wenn auch sehr traurig.«

»Die Nachtigall war sicherlich glücklich«, erwiderte Tannhäuser, der sie nicht betrüben wollte. »Sie hat für ihre Brüder und Schwestern die Macht des Gesangs gewonnen, und nun singen sie für uns.«

»Und die Nachtigall hat die Liebe erfahren«, fügte Amparo hinzu.

Tannhäuser nickte. Diese wichtige Beobachtung war ihm bisher entgangen.

»Das ist ein besserer Handel, als die meisten von uns ihn im Tod machen«, sagte er.

Zum erstenmal, seit sie sich begegnet waren, hob sie ihre Augen zu ihm. Sie schaute ihn an, als habe sie sich völlig vor ihm entblößt.

»Ich werde die Liebe nie erfahren«, sagte sie.

Tannhäuser hätte beinahe geblinzelt, hielt aber ihrem Blick stand.

»Das glauben viele Menschen«, meinte er. Tatsächlich war er auch davon überzeugt, sagte es ihr aber nicht. »Manche fürchten sich vor dem Wahn und dem Aufruhr, den die Liebe mit sich bringt. Manche denken, sie seien ihrer Herrlichkeit nicht würdig. Die meisten irren sich darin.«

»Nein, ich kann nicht lieben, so wie der Vogel nicht singen konnte.«

»Auch der Vogel hat sein Lied gefunden.«

»Und ich wäre ein Vogel, wenn ich nur könnte, aber ich kann nicht.«

Tannhäuser konnte nicht leugnen, daß er sich seltsam zu diesem Mädchen hingezogen fühlte.

»Ihr seid der Mann auf dem goldenen Pferd«, sagte sie.

Nun, da sie den tückischen Sumpf der französischen Sprache verlassen hatten, verstand er diesen Satz, den sie auch schon in der Taverne mit so großer Erregung gesprochen hatte. Ein goldenes Pferd. Buraq.

Er zuckte die Schultern. »Ja.«

Amparo wandte sich um und ging auf das Gästehaus zu. Tannhäuser folgte ihr. Er fühlte sich ein wenig wie ein großer, ungelenker Hund, der hinter einem eigensinnigen Kind hertrabt. Im Gehen fiel ihm auf, wie katzengleich sie ihre Hüften schwenkte, wie herrlich das Leinen sich um ihre Schenkel schmiegte. Der Schatten der Villa fiel auf eine Holzbank, auf der Kissen mit Blumenmustern lagen und von der man einen wunderbaren Blick auf Garten und Meer hatte. Mit einer Handbewegung lud Amparo ihn ein, sich dort hinzusetzen.

»Wartet hier«, sagte sie.

Amparo ging durch eine Flügeltür mit Glasscheiben und ließ sie hinter sich offenstehen. Tannhäuser konnte nur ein paar Fuß weit in das Gebäude hineinschauen. Die Decke schien mit Bildern antiker Mythen verziert zu sein, die bei den Franken so beliebt waren. Das hintere Ende des Zimmers lag im Dunkeln, und davor tanzten, als hätte Amparo in ihrem Kielwasser ihre elfenhafte Aura hinterlassen, goldene Stäubchen in der Luft.

Tannhäuser ließ sich auf der Bank nieder und freute sich daran, wie bequem sie war. In der Ferne lag das Meer wie ein Spiegel in Weiß und Gold, der der Sonne entgegengestreckt wurde. Jenseits der Meerenge zwischen Scylla und Charybdis flirrten die Berge von Kalabrien in der Nachmittagshitze. Die Luft war von einem Duft erfüllt, wie er ihn seit Monaten nicht gerochen hatte, und die Rosen, die Berge und das Wasser trugen ihn fort in einen abgeschiedenen Garten in Trapezunt, in den Palast, in dem Suleiman Schah geboren worden war und wo Tannhäuser geschworen hatte, den Erstgeborenen des Kaisers zu beschützen.

Das Vergnügen wurde nur von dem Wissen um seinen eigenen Geruch getrübt, der ihm bis dahin nicht aufgefallen war, nun aber an die Taverne, die Kais und die erotischen Abenteuer der vergangenen Nacht gemahnte. Das hatte vielleicht nichts zu bedeuten, denn Christen waren ja schmutzige Gesellen, die eine krankhafte Furcht vor Wasser hegten, aber Tannhäuser war doch sehr betrübt, daß er sein Bad nicht bekommen hatte. Diese Vorliebe dafür, ganz im Wasser abzutauchen, hatte er sich in der Türkei angewöhnt, wo der Prophet verlangte, daß die Gläubigen sich zumindest für das Gebet am Freitagmittag reinigten, ganz besonders aber, nachdem sie sich durch Geschlechtliches besudelt hatten. Tannhäuser atmete tief ein. Kein Zweifel, er stank. Vielleicht hatte ihn Amparo deshalb im Garten zurückgelassen.

Dann zerstreute ein Schwall göttlicher Töne seine Sorgen, Töne, die so himmlisch waren und von einer so reinen Schönheit, daß er einen Augenblick brauchte, um überhaupt zu bemerken, daß es Musik war. Diese Musik war so wunderschön, daß er sich nicht einmal überwinden konnte, sich umzuwenden und nach ihrem Ursprung zu forschen, denn sie hatte alle seine Sinne erfaßt und ihn so tief ins Herz getroffen, daß er machtlos ihrem Zauber erlag. Zwei Instrumente, beide mit Saiten. Eines gezupft, das andere mit einem Bogen gestrichen. Eines leicht und geschmeidig, daß die Töne perlten wie ein weicher Sommerregen, das andere dunkel und schwellend wie die Flut in einer stürmischen Nacht. Beide tanzten miteinander in wilder Umarmung.

Tannhäuser schloß im Schatten die Augen, eingehüllt in den Duft der Rosen, und ließ die Musik in seine Seele sinken, eine Sarabande, die das Angesicht des Todes liebkoste, wie Liebende das Antlitz eines Geliebten liebkosen. Das dunklere Instrument überwältigte seine Sinne mit Wellen ekstatischer Melancholie, um dann im nächsten Augenblick so zart zu glänzen wie der Kerzenschein. Nichts, was er nicht nur gehört, sondern jemals erfahren hatte, hatte ihn auf diese überweltliche Musik vorbereitet. Was überkam ihn da, warum ließ er zu, daß seine Seele sich dieser Macht ergab? Welche Zauberei konnte derlei Gespenster heraufbeschwören, sie bis in sein Herz vordringen lassen und dann fort und weiter in eine namenlose und unbekannte Ewigkeit? Wohin verflogen die Töne, wenn sie vergangen waren? Wie konnten sie sein und doch nicht sein? Oder hallten sie alle wider bis zum Ende aller Dinge, von einem fernen Ende der Schöpfung zum andern? Die Musik flutete auf und ab, eine Melodie schloß an die andere an und strömte mit wilder Hoffnung und dämonischer Verzweiflung, als hätten Götter sie hier aus Fell und Holz und Saiten aus Darm heraufbeschworen, Götter, die kein Priester oder kein Prophet je angebetet hatte. Jedesmal, wenn er gewiß war, daß die Musik nun verklingen müßte, von ihrer eigenen ungeheuerlichen Sehnsucht verzehrt, da erstand sie von neuem wieder auf, sank und erhob sich zum nächsten Gipfel.

Schließlich schlich mit der gleichen unsagbaren Heimlichkeit, wie sich die Töne an ihn herangestohlen hatten, die Stille herbei. Das Universum schien öd und leer. Und in dieser Leere saß er.

Die Zeit trat ihre Herrschaft wieder an. Allmählich gewahrte Tannhäuser wieder den Duft der Rosen, die kühlende Brise und das Gewicht seiner Gliedmaßen. Er stellte fest, daß er dasaß, den Kopf in die Hände gestützt, und als er seine Hände zurückzog, bemerkte er, daß sie feucht von Tränen waren. Er schaute sie verwundert an, denn er hatte seit Jahrzehnten nicht mehr geweint und war überzeugt gewesen, es verlernt zu haben. Er hatte nicht mehr geweint, seit er gelernt hatte, daß alles Fleisch wie Staub war, daß nur Gott allein groß war und daß in dieser Welt die Tränen nur ein Trost der Besiegten waren. Gerade noch rechtzeitig wischte er sein Gesicht am burgunderroten Ärmel seines Wamses trocken.

»Chevalier Tannhäuser, ich danke Euch, daß Ihr gekommen seid.« Die Stimme war beinahe so schön wie die Musik. »Ich bin Carla La Penautier.«

Er stand auf und sammelte sich. Eine Frau beobachtete ihn aus einiger Entfernung vom Weg aus. Sie war zart gebaut und schmal in den Hüften. Ihre Beine wurden von einem Kleid bedeckt, das selbst auch ein ungeheurer Anblick war. Es hatte die Farbe von Granatapfelsaft und schmiegte sich so sinnlich an ihren Körper, daß er sie beinahe mit offenem Mund angestarrt hätte. Es umfloß ihren Körper wie Öl, schimmerte bei jeder ihrer Bewegungen in langen Lichtbahnen auf. Tannhäuser merkte, wie seine Finger zuckten, und bemühte sich, sie zu beruhigen. Langsam wurde er wieder Herr seiner Sinne und richtete seine Aufmerksamkeit auf das Antlitz der Contessa.

Sie hatte starke, klare Gesichtszüge. Die Iris ihrer Augen war grün und wie mit Tusche von dünnen schwarzen Linien umrandet. Trotz ihres Namens sah sie nicht wie eine Französin aus, sondern hatte den Körperbau und Hochmut einer Sizilianerin. Ihr Haar war honigfarben, als hätte einer der normannischen Eroberer sich in ihrem Blut verewigt. Das Haar war zu einem Knoten gebändigt, würde aber, sobald man es gewähren ließ, in golden schimmernden Wellen herabfallen. Wider besseres Wissen kehrte sein Blick zu ihrem Busen zurück. Vorn war das Kleid mit einer geschickten Kombination aus Haken und Ösen verschlossen und stützte so ihre Brüste, die betörend weiß waren, wie man im Ausschnitt sehen konnte. Die Umrisse ihrer Brustwarzen zeichneten sich vage ab und schienen, wenn er sich nicht irrte, unter seinem Blick deutlicher hervorzutreten, aber vielleicht schmeichelte er sich zu sehr. Jedenfalls war sie eine Schönheit, wahrhaftig.

Er wandte seine Augen wieder ihrem Gesicht zu. Wenn Amparo eine gewisse Härte besaß, die es aber nicht vermocht hatte, ihre Unschuld auszulöschen, so war um Carla eine Traurigkeit, die von großem Mut in Grenzen gehalten wurde. Instinktiv begriff er, daß sie die dämonischere Musikantin gewesen war. Er faßte sofort eine Zuneigung zu ihr und verneigte sich.

»Mein Vergnügen, Madame«, sagte er. »Ich muß allerdings gestehen, daß ich kein Chevalier bin.«

Er lächelte, und Carla erwiderte sein Lächeln mit einer Wärme, die sie selten fühlte oder zeigte, wie er zu spüren glaubte.

»Wenn Ihr wünscht, könnt Ihr mich Hauptmann nennen, denn das ist mein Rang – oder entspricht ihm jedenfalls – in einer Reihe von Armeen. Ich sollte jedoch hinzufügen, daß ich inzwischen ein Mann des Friedens bin.«

»Ich hoffe, Ihr vergebt mir, daß ich Euch nicht gleich begrüßt habe, Hauptmann.« Ihr Italienisch war elegant und hatte einen Akzent, den er nicht einordnen konnte. »Amparo hat darauf bestanden, daß wir musizieren, wie das unsere Angewohnheit ist. Wenn wir es nicht tun, ist sie sehr betrübt.«

»Dann stehe ich in ihrer Schuld«, sagte er, »denn ich habe noch nie etwas dergleichen gehört. Noch nie haben mich Wonnen so sehr verzückt.«

Carla nahm dieses Kompliment mit einem Neigen des Kopfes entgegen. Er ergriff die Gelegenheit, seine Augen wieder an ihrem Kleid zu weiden, dem wunderbarsten Kleid, das er je gesehen hatte. Zwei begehrenswerte Frauen an einem einzigen Tag kennenzulernen war eine willkommene Neuheit für ihn. Schade, daß sie so eng miteinander vertraut waren. Doch dieses Dilemma konnte wirklich noch warten. Er blickte Carla wieder in die Augen. Konnte sie seine Gedanken lesen?

»Ihr amüsiert Euch über mich?« fragte sie, nun wieder lächelnd.

»Ich amüsiere mich über mich selbst«, antwortete er. »Und ich bin voller Freude über diese unverhoffte Begegnung.«

Er neigte sein Haupt in einer, wie er hoffte, eleganten Geste, die sie, um einiges eleganter, erwiderte. Er strich sich mit dem Handrücken über das Kinn und wurde wieder daran erinnert, daß er unrasiert vor ihr stand und im allgemeinen einen recht ungehobelten Eindruck machen mußte.

»Bitte, edle Dame«, sagte er. »Sagt mir, wie ich Euch dienen kann.«

Keuz

DIENSTAG, 15. MAI 1565

In der Abtei von Santa Maria della Valle

Gott weiß um die verborgensten Gedanken eines Menschen und um dessen Phantasien und Träume und vor allem um jene Begierden, die der Mensch nicht einzugestehen wagt, nicht einmal sich selbst. Eben aus diesen finsteren Begierden entspringen spirituelle Verfehlungen, die Quelle alles Bösen im Menschen. Deswegen mußte man diese Begierde mit unermüdlicher Wachsamkeit genau studieren – und überwachen. Nackt und schwitzend stand Ludovico Ludovici im goldenen und marmornen Lavatorium des Abtes. Dort hatte er seinen Körper vom durchdringenden Gestank der Galeere gereinigt. Sein wacher Geist und die elementare Gewalt des Fleisches führten ihn mehr als andere in Versuchung, seine Macht zu mißbrauchen. Und seine Macht war ungeheuerlich. Nicht nur war er der Generalbevollmächtigte Seiner Heiligkeit des Papstes Pius IV., er war auch der geheime Agent von Michele Ghislieri, dem Generalinquisitor für die gesamte Christenheit.

Ludovico hielt ein Stück rauhes Sackleinen in der Hand, mit dem er sich das Gesicht und seinen hoch gewölbten Schädel abwischte. Er tauchte den Stoff in ein Faß mit Brunnenwasser, das man mit Orangenblüten und den Blättern der wilden Betonie parfümiert hatte. Er hätte Schwämme aus dem Roten Meer oder weiche weiße Leinentücher benutzen können, und es standen ihm unzählige seltene aromatische Öle und Salben zur Verfügung, denn diese Gemächer waren, solange er sie benötigte, allein für seinen Gebrauch bestimmt. Der Abt lebte in großer Pracht, doch Luxus war ein Fallstrick für die Schwachen und Unbedachten. Ludovico schlief nun schon seit dreißig Jahren auf nacktem Stein. Er fastete von September bis Ostern von der Morgendämmerung bis zum Sonnenuntergang. Freitags trug er ein härenes Gewand. Er aß nur zweimal in der Woche Fleisch, um sich seine geistigen Kräfte zu erhalten, und so sehr er auch Gespräche schätzte, übte er sich doch in Schweigen, wenn seine Arbeit es ihm erlaubte. Die Kasteiung des Fleisches war die Rüstung der Seele.

Er wischte sich Nacken und Schultern ab. Das Wasser kühlte ihn. Er hatte über das Schicksal zweier Menschen zu entscheiden. Er unterzog derlei Angelegenheiten stets einer außerordentlich strengen Prüfung, und diese beiden Fälle lasteten schwer auf seiner Seele. Ludovico spülte das Tuch aus und wusch sich die Arme.

Ludovico war in Neapel aufgewachsen, in der reichsten und lasterhaftesten Stadt der Welt. Er stammte aus einer Familie von Höflingen, Diplomaten und Intellektuellen. Er war der zweite Sohn seines Vaters aus dessen erster Ehe. Im Alter von dreizehn Jahren war er in die Universität von Padua eingetreten, ein Jahr später in den Dominikanerorden. Man schickte ihn zum Studium nach Mailand, wo ihm sein kluger Kopf einen Platz in der Fakultät für Theologie und Kirchenrecht einbrachte. Sein Vater hatte ihn stets ermutigt, jede sich bietende Gelegenheit schlau und mutig zu ergreifen, und so ging er mit Ende Zwanzig nach Rom und promovierte dort in diesen Fächern. Dort fiel er sowohl Papst Paul IV., Gian Pietro Carafa, als auch dem Generalinquisitor Michele Ghislieri auf. Mit dem Zweck, die moralische Reinheit Italiens wiederherzustellen, hatte Carafa 1542 das Heilige Offizium der Römischen Inquisition eingerichtet und damit die Säuberungsaktionen entfesselt, die seither dafür sorgten, daß die Gefängnisse voll waren. Ein junger Mann von solcher Brillanz und Makellosigkeit wie Ludovico war selten, und Carafa hatte ihn rekrutiert, um gegen Männer in hohen Ämtern vorzugehen, »denn von deren Bestrafung wird die Rettung auch der niederen Ränge abhängen«.

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