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Das Reich des Todes

Das Reich des Todes

Novellen von Karl Plepelits

© dieser Digitalausgabe by Alfred Bekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen

www.alfredbekker.de

postmaster@alfredbekker.de

EDITION BÄRENKLAU, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius

Das Reich des Todes, 3 phantastische Erzählungen, von Karl Plepelits, 2014

Cover: Steve Mayer, 2014

Der Umfang dieses Ebook entspricht 93 Taschenbuchseiten.

Dieses Ebook enthält drei phantastische Erzählungen:

Zu Gast im fünften Himmel

Welch wunderbarer Ort

Akt des Glaubens

Zu Gast im fünften Himmel

Ein Liebespärchen liegt nach einem Verkehrsunfall im Koma und erlebt währenddessen im fünften Himmel faszinierende Abenteuer.

1

Ja, zum Kuckuck, was ist da los? Wieso liege ich mit einem Mal auf dem Bauch und kann kein Glied mehr rühren, nicht einmal den Kopf bewegen? Sogar der Mund ist mir buchstäblich versiegelt, als ob mit einem Klebeband verschlossen. Und ich kann nichts dagegen tun. Nicht einmal schreien kann ich, so sehr mir auch danach ist. Leise brummen, das ist das höchste der Gefühle. Cornelias Mund dagegen wird durch nichts behindert. Unüberhörbar sind ihre Entsetzensschreie. Aber gut, ihre Lippen sind ja auch fest an mein linkes Ohr gepresst. Es hört sich an, als stünde ich unmittelbar neben den Düsen eines startenden Großraumflugzeugs. Und es fühlt sich an, als würde Cornelia mein Ohr inbrünstig küssen und könnte gar nicht mehr aufhören damit.

Ja, aber wieso liege ich mit dem Gesicht, sprich, mit dem Mund, nach unten, sodass mir das vermeintliche Klebeband sogar die Lippen unbeweglich macht? In Wirklichkeit ist das ja vermutlich ein dünnes, feines Netz, in dem wir beide gefangen sind. So bekommt wenigstens die Nase genügend Luft. Sonst müssten wir elendiglich ersticken. Nur, wieso sind wir überhaupt in einem solchen engen Netz gefangen?

Und noch etwas: Wieso können wir mit einem Mal fliegen? Bewegen können wir uns zwar nicht, wohl aber fliegen wie die lieben Vöglein? Dass wir durch die Lüfte schweben, ist nämlich trotz der undurchdringlichen Finsternis eindeutig zu erkennen und überdies am Fahrtwind zu spüren und trotz Cornelias Entsetzensschreien zu hören.

Allmählich kommt mir die Erinnerung zurück: Wir sind doch soeben noch vergnügt und voll beweglich in unserem Auto gesessen, Cornelia und ich. Wir waren auf der nächtlichen Heimfahrt von unserem gemeinsamen Sommerurlaub in Italien. Mit der linken Hand lenkte ich, natürlich vollkommen sicher, schließlich bin ich ein ausgezeichneter Autofahrer, und meine rechte Hand lag unter Cornelias Miniröcklein auf der geheimsten Stelle ihres Körpers und bemühte sich, ihr die von ihr so geliebten geheimen Freuden zu bereiten. Ach ja, jetzt erinnere ich mich: Ehe noch Cornelia durch bestimmte Laute, wie sie ihr bei solchen Anlässen zu eigen sind, zu erkennen gab, dass die geheimen Freuden ihren Höhepunkt erreichen, blendeten mich plötzlich zwei grelle Scheinwerfer, und seither habe ich nicht mehr Cornelias Lustschreie im Ohr, sondern nur noch ihre Entsetzensschreie. Und seither fliegen wir unbeweglich und gefesselt durch die Lüfte. Heißt das, dass ich ...? Heißt das, dass wir ...?

Doch ehe ich noch mit meinen vielen Fragen auf einen grünen Zweig komme oder auch nur meine schlimmen Ahnungen entweder bestätigen oder widerlegen kann, habe ich unverhofft wieder festen Boden unter den Füßen, genauer, unter Mund und Nase, und es ist keinerlei Fahrtwind mehr zu spüren. Dafür steigt mir wunderbarer Kamillenduft in die Nase. Sollen wir hier begraben werden? In einem Grab mit Kamillenblüten als Zierde anstelle von Rosen oder Lilien?

Nein, begraben werden wir nicht. Oder noch nicht. Eine helfende Hand befreit uns freundlicherweise von dem dünnen, feinen Netz, oder womit wir eben unbeweglich gemacht wurden und mein Mund verschlossen wurde, und hilft uns auf, nur dass meine Standfestigkeit fürs Erste höchst fragwürdig ist, ebenso, scheint's, die meiner Freundin; denn sie hängt sich sogleich wie eine Hilfesuchende mit beiden Händen an meinen Hals, und ich spüre, wie sie schwankt und zittert. Ihr Schreien hat sie unterdessen eingestellt.

Und schon wieder muss ich geblendet die Augen schließen. Nun blendet mich jedoch kein grelles Scheinwerferpaar, sondern zu meinem Entsetzen ein Kreis von lodernden Flammen, der uns auf allen Seiten umgibt. Noch größer wird mein Entsetzen, als mir klar wird, dass diese Flammen allesamt grauenerregenden Schwertern entspringen. Und erst nachdem sich meine Augen an das grelle Licht gewöhnt haben, kann ich erkennen, wer diese Flammenschwerter in den Händen hält: geflügelte Gestalten mit überirdisch schönen Gesichtern. Was ich freilich nicht erkennen kann: Sind das weibliche oder doch eher männliche Gesichter? Jedenfalls wirkt ihr Blick reichlich grimmig, als wollten sie sich im nächsten Moment auf uns stürzen und uns mit ihren Schwertern nicht nur durchbohren, sondern zugleich wie einst die Ketzer den Flammen übergeben. Aber man weiß ja: Auch überirdisch schöne weibliche Gesichter blicken manchmal grimmig.

Da öffnet sich der Feuerkreis, die geflügelten Gestalten treten auseinander, und in der so entstandenen Lücke wird eine dunkle Gestalt erkennbar; hell leuchtet nur ihre Glatze. Direkt lustig, wie sich in ihr die Flammen spiegeln. Dies ist nun eine eindeutig männliche Gestalt. Überdies trägt sie einen Rauschebart wie der heilige Nikolaus. Hinter ihm kommt ein zweiter Mann ohne Bart, aber auch ohne Glatze nachgetrottet.

Sichtlich zögernd, kommt der Bärtige auf uns zu, mustert uns von Kopf bis Fuß und sagt mit griesgrämiger, aber nicht unfreundlicher Stimme: „O Sankt Michael, was soll ich mit den zweien?“

Wie bitte? O Sankt Michael?

Nun erinnere ich mich, dass es da noch einen Dritten geben muss, der unsere Bewegungslosigkeit behoben und uns aufgeholfen hat; und wahrscheinlich hat er uns auch durch die Lüfte getragen und zuvor mit einem Netz oder dergleichen unbeweglich gemacht. Ich wende mich um und erstarre vor Schreck, nein, vor Ehrfurcht. Auch Cornelia wendet sich um und gibt einen leisen Überraschungsschrei von sich. Hinter uns steht ein bartloser Riese, bestimmt über zwei Meter groß. Sein gigantischer Körper strahlt ein geheimnisvolles Licht aus, genauer, ist wie von einem geheimnisvollen inneren Licht erleuchtet. Und aus seinen Schultern wachsen ebensolche Flügel, wie sie die Feuerschwertträger haben. Nun, inzwischen wundert mich ja gar nichts mehr.

Jetzt spricht der Riese. Seine Stimme ist überirdisch wohltönend wie der des Engels Gabriel, als er der Jungfrau Maria die Geburt eines Sohnes verkündete, der Ton salbungsvoll wie der des Priesters während eines feierlichen Gottesdienstes.

„O Sankt Joseph, sei so lieb und beherberge mir diese zwei für kurze Zeit, bis sie wieder zurückgeschickt werden.“

„Zurückgeschickt werden?“, wiederholt Sankt Joseph und schüttelt den Kopf. „Sind sie denn ...“

„Du sagst es. Sie sind nur scheintot.“

„Schon wieder zwei Scheintote. Na gut, mir soll's recht sein.“

Nun wendet sich Sankt Michael zu uns, das heißt, er blickt mit gütigen Augen auf uns herab und sagt: „Ihr werdet jetzt mit Sankt Joseph mitgehen und schön brav bei ihm bleiben, bis ihr zurückgeschickt werdet. In der Zwischenzeit werden die himmlischen Heerscharen auf euch aufpassen.“

Zugleich legt er mir und wohl auch Cornelia die Hand auf den Rücken und schiebt uns mit sanfter Gewalt auf Sankt Joseph zu.

„Folgt ihr mir?“, murmelt dieser, dreht sich um und geht uns mit langsamen Schritten voran, und hinter uns folgt der Bartlose nach. Beim Gehen wird mir plötzlich bewusst, dass ich barfuß bin. Verblüfft blicke ich an mir hinunter: Ja, ich schreite über einen wahren Kamillenteppich, der nicht nur meiner Nase, sondern auch meinen Fußsohlen schmeichelt. Ebenso Cornelia. Und während ich so an Cornelia hinunterblicke, erkenne ich zu meiner noch größeren Verblüffung, dass sie nicht wie zuletzt ihr süßes Miniröcklein anhat, sondern eine Art weißes, fußlanges „Nachthemd“, anscheinend aus zarter Seide. Und siehe da, exakt dasselbe „Nachthemd“ habe ich selber an.



2

Wohin wandern wir? Ah, auf ein prächtiges, aber nicht allzu großes Gebäude zu, das, von den Flammenschwertern schwach beleuchtet, vor uns in Sicht kommt. Je näher wir kommen, umso genauer sehe ich, dass die Fassade mit Türmchen und wunderbaren, gotisch angehauchten Reliefs verziert ist. Ist es eine Kirche? Nein, man muss es wohl einen kleinen Palast nennen. Durch ein pompöses Portal betreten wir einen langen Korridor und von da aus ein außerordentlich hübsch eingerichtetes Zimmer mit einem schmalen Bett. Cornelia hängt nach wie vor an meinem Hals, wenn auch nur noch mit einer Hand, entweder weil ihre Standfestigkeit noch nicht wiederhergestellt ist, oder einfach aus Angst vor dem Ungewissen. Ich verspüre sie ja selbst nur allzu deutlich. So viele Fragen liegen mir auf der Zunge. Aber diese ist ebenso gelähmt wie vorhin meine Glieder.

Sankt Joseph ist es, der das Schweigen bricht. Der Bartlose hat sich mittlerweile wortlos absentiert.

„Wie heißt ihr eigentlich? Das hat man mir nämlich nicht verraten.“

„Cornelia“, sagt Cornelia, deren Zunge offenbar nicht ganz so gelähmt ist wie die meine. „Cornelia de Rota.“

„Und ich Sebastian Taus“, stammle ich und hoffe, dass es verständlich war.

„Aha. Kirchlich verheiratet seid ihr also nicht, wie?“

Betreten schütteln wir beide den Kopf.

„Hab ich's mir doch gleich gedacht. Ihr lebt also im Konkubinat und treibt sicher Unzucht miteinander?“

„Unzucht?“, sagt Cornelia. „Das ist aber kein schönes Wort für unsere Liebe.“

„Aber ein wahres. Also, mit anderen Worten, die Regel: Was Gott verbunden hat, das darf der Mensch nicht trennen – diese Regel trifft auf euch nicht zu?“

Abermals: Betretenes Kopfschütteln.

Und Sankt Joseph: „Na gut. Lassen wir das. Ihr werdet sicher total erschöpft sein und gleich schlafen wollen, wie?“

„O ja“, erwidert Cornelia und strahlt ihn an. Dann sieht sie sich um und murmelt: „Hm, schön schmal, das Bett hier. Müssen wir wirklich so beengt schlafen?“

„Du wirst hier schlafen, mein Kind“, sagt Sankt Joseph mit gleichmütiger Stimme. „Und für dich ist es, glaube ich, breit genug. Der junge Mann wird in einem anderen Bett schlafen.“

„Ja, aber wo ist es? Ich sehe es nicht.“

„Natürlich siehst du es nicht, mein Kind. Es steht ja auch in einem anderen Zimmer.“

„Aber ich will nicht alleine schlafen. Zur Not könnten wir auch zusammen in diesem schmalen Bett schlafen. Wir sind nicht so heikel. Nicht wahr, Mäuschen?“

Mäuschen nickt heftig. Dabei habe ich, um ganz ehrlich zu sein, mit einem so schmalen Bett keine große Freude.

„Aber das geht doch nicht, mein Kind.“

„Wieso soll das nicht gehen?“

„Welche Frage! Ihr habt doch gerade erklärt, ihr seid nicht kirchlich verheiratet ...“

„Überhaupt nicht“, wirft Cornelia ein.

„Ja, eben. Und ihr treibt Unzucht miteinander. Aber ihr sollt wissen, dass wir uns hier im heiligen Reich der Keuschheit befinden. Und da werdet ihr doch nicht mein Haus entweihen wollen.“

„Entweihen? Ich bitte dich. Im Übrigen sind wir momentan sowieso in keiner sonderlich romantischen Stimmung. Nicht wahr, Mäuschen?“

Mäuschen nickt schicksalsergeben.

„Mit anderen Worten: Der Sinn steht uns nicht im Geringsten danach, dein schönes Haus oder das heilige Reich der Keuschheit zu entweihen.“

Aber Sankt Joseph bleibt unerbittlich und weigert sich beharrlich, uns im selben Bett oder auch nur im selben Zimmer schlafen zu lassen. Mir bleibt nichts übrig, als Cornelia zum Abschied einen keuschen Kuss auf die Lippen zu drücken – dagegen wenigstens erhebt er keinen Einspruch –, und sie allein zurückzulassen. Bei all dem habe ich jedoch ein ausgesprochen unbehagliches Gefühl.

Sankt Joseph führt mich in ein anderes Zimmer, in dem ebenfalls nur ein schmales Bett steht, und weist mir dieses als Schlafstätte zu.

Nun bin ich wohl nicht sehr viel weniger erschöpft als meine Cornelia. Andererseits verspüre ich das dringende Bedürfnis, meine Neugier endlich zu stillen. Und diese ist wie immer unermesslich. Zwar bekam ich als Kind von meinen Altvorderen pausenlos zu hören: Neugierige Leute sterben bald. Doch in Wahrheit ist Neugier, wie man weiß, stärker als die Angst der Kinder vor dem Sterben und darum natürlich auch stärker als die Müdigkeit.

„Bitte, ich hätte da noch ein paar Fragen“, beginne ich zögernd und hoffe, dass er sie mir nicht übelnimmt. „Und sie lassen mir keine Ruhe. Darf ich?“

„Aber sicher“, erwidert Sankt Joseph mit freundlicher Stimme. „Frag nur, mein Sohn.“

„Also gut. Sie sagten, wir sind hier im heiligen Reich der Keuschheit. Was dürfen wir darunter verstehen?“

„Ah, das heilige Reich der Keuschheit. So nennen wir das Himmelreich. Und dies hier ist der fünfte Himmel.“

„Der fünfte Himmel? Ich glaub's nicht. Sind wir jetzt tot?“

„Nein, tot seid ihr nicht. Ihr seid scheintot. Sonst wärt ihr nicht bei mir, nicht im fünften Himmel. Weißt du, hier befinden sich die Werkstätten und sonstigen Betriebe, die der Versorgung des sechsten und siebten Himmels dienen, mitsamt ihrem Personal, sprich, der Mehrzahl der Heiligen.“

„Oh! Da sind Sie also auch selbst ein Heiliger? Etwa gar der heilige ...?“

Ich glaube zu träumen. Die Worte bleiben mir im Mund stecken.

„Du sagst es. Ich bin Sankt Joseph, der Vater Jesu.“

„Und der Ehemann der heiligen ...?“

„Natürlich, der Ehemann der Jungfrau Maria.“

„Oh! Und Sankt Michael?“

„Ist der Erzengel Michael, der große Seelengeleiter. Er geleitet die Toten ins Himmelreich.“

„Und die Scheintoten zu Ihnen, in den fünften Himmel, wie? Wer hätte das gedacht. Also gibt es auch einen sechsten und einen siebten Himmel, ja? Kommen dorthin die richtig Toten?“

„Nein, nein. Im sechsten Himmel leben die Engel, die Erzengel und die himmlischen Heerscharen, von denen ihr ja schon einen kleinen Teil gesehen habt. Und der siebte Himmel ist die Residenz der Heiligen Dreifaltigkeit und meiner Gemahlin.

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