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Das Reich der Sieren

Autor

Katrin Lachmann, 1968 in Görlitz geboren, wuchs in Weißwasser auf, wo sie heute noch mit ihrem Mann lebt.

Seit 2003 schreibt sie vorwiegend Kurzgeschichten, Erzählungen und Romane. Sie liebt es, mit ihrer Fantasie und ihren Protagonisten auf Reisen zu gehen.

Im Jahr 2008 veröffentlichte sie ihre erste Kurzgeschichte mit dem Titel „Hans im Unglück“ in der Anthologie „Gefühlte Welt“.

Das Werk inklusive aller Abbildungen ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig und strafbar.

Es war der letzte Schultag vor den großen Sommerferien. Agathe kam aus der Tür ihres Hauses im Lilienweg 2. Sie schaute zum Nachbargrundstück. Wo blieb Alina? In fünf Minuten kommt der Schulbus, dachte die Zwölfjährige. Gerade wollte sie zur Bushaltestelle laufen, da hörte sie die Eingangstür der Familie Marcus mit einem lauten Knall zuschlagen und Alina, ihre Freundin, lief, so schnell sie konnte zum Gartentor.

Ihre Jacke war offen und der Rucksack hing nur auf einer Schulter.

„Ich bin spät dran. Mein Wecker hat nicht geklingelt.“ Die Mädchen rannten den Lilienweg hinunter bis zum Dorfplatz. Der Bus stand schon mit laufendem Motor an der Haltestelle. Die Freundinnen waren, wie so oft, die letzten.

Der Busfahrer begrüßte beide: „Na, wieder einmal nicht aus den Federn gekommen?“

Er schloss die Tür und fuhr so rasant an, dass beide Mühe hatten, sich auf die freien Plätze zu setzen. Agathe rempelte Peter, einen Jungen aus der zehnten Klasse, unsanft an.

„Kannst du nicht aufpassen, du blöde Kuh!“

Seine Stimme hallte durch den Bus. Agathe hatte das Gefühl, als ob jeder Fahrgast sie anstarrte.

Von vorn kam die Bemerkung: „Das war doch Agathe, die Granate.“ Gelächter ging durch die Reihen.

Sie wurde rot und wäre am liebsten im Erdboden versunken. Warum musste ihr das immer passieren? Niemand lief mit solch einem bescheuerten Namen herum. Wie kann man sein Kind bloß Agathe nennen? Diese Frage hatte sie sich oft gestellt.

Verstohlen schaute sie zu ihrer Freundin, die gelangweilt aus dem Fenster sah. Ihre blonden Haare waren kunstvoll hochgesteckt, die Augen mit einem schwarzen Kajalstift schwach umrandet und die Wimpern unauffällig getuscht.

Agathe nestelte an ihren Ärmeln herum, und sie hatte das Gefühl, dass ihr Haargummi nicht richtig saß. Hastig zog sie ihn fest. Sie schaute an sich hinunter. Selbst durch die Jeans sah man ihre dünnen Beine, an deren Enden riesige Füße hingen. Ihre Finger sahen nicht besser aus – wie Spinnenbeine eben.

„Lass sie doch reden. Du musst selbstbewusster werden, dann stört dich so ein Gequatsche nicht. Du bist doch wer“, sage Alina.

„Ja, du hast recht, aber es ärgert mich trotzdem.“

Und im Stillen dachte Agathe: Wer bin ich denn? Ich habe vor jeder Kleinigkeit Angst, und wenn mich jemand anschaut, werde ich rot. Das Einzige, was ich gut kann, ist ins Reich der Träume zu verschwinden. Dort kann ich so sein, wie ich wirklich bin.

Während Alina weiter redete, schaute Agathe aus dem Fenster, aber die Stimme ihrer Freundin erreichte sie nicht mehr. Stattdessen verwandelten sich die vorüberziehenden Bäume in stattliche Ritter und die Wolken in schneeweiße Schlösser.

Die letzte Kurve riss Agathe aus ihrem Traum und kurz darauf hielt der Bus vor einem alten ehrwürdigen Gebäude, der Leonardo-da-Vinci-Schule von Allerberg.

Die Schule wurde vor mehr als hundert Jahren erbaut. Die Fassade war an einigen Stellen bröckelig und das Dach hätte neu gedeckt werden müssen. Der steinerne Balkon, der vom Lehrerzimmer aus zu erreichen war, sah nicht vertrauenswürdig aus, und schon lange durfte ihn niemand mehr betreten.

Das Vorklingeln ertönte. Die zweiflüglige Eichentür wurde vom Hausmeister geöffnet und gab den Weg ins Innere des Gebäudes frei. In der Mitte des großen Vorraumes befand sich die Treppe zu den oberen Etagen. Diese Treppe hatte in der Mitte ein Podest und von dort aus teilte sie sich, einmal nach rechts und einmal nach links. Das linke Geländer war ein wahrer Blickfang. Von oben, bei der aufragenden Säule am Ende des Geländers, zog sich eine Schlange, deren Schwanz sich um die Säule wand, nach unten, und der züngelnde Kopf bildete das krönende Ende des Geländers.

Sollte man den alten Geschichten, die sich rund um das Haus rankten, glauben, so erwachte diese Schlange in der Nacht zum Leben und schlängelte sich durch die Gänge der Schule. Aberglaube sagten die einen, Mumpitz die anderen und trotzdem nahmen die meisten Schüler
die rechte Seite der Treppe.

***

Agathe hatte es nicht eilig. Es war der letzte Schultag und in der dritten Stunde sollten die Zeugnisse ausgeteilt werden. Sie konnte sich vorstellen, was zu Hause für dicke Luft sein würde, wenn sie ihr Zeugnis auf den Küchentisch legte und ihre Mutter es sich ansah. Die erste Ferienwoche würde gelaufen sein, denn ihre Mutter war ihr gegenüber mit Stubenarrest immer sehr großzügig.

Ihr Bruder Björn, knapp drei Jahre älter als sie, war nach der Meinung ihrer Mutter mit seinen 15 Jahren schon erwachsen. Sie übersah seine Zigaretten in der Jacke. Jedes Mal drückte sie beide Augen zu, wenn er zu spät nach Hause kam und nach Alkohol roch. Nach Agathes Empfinden war das viel schlimmer als mittelmäßige Leistungen.

Ihre Mutter sagte zu ihr, wenn es wieder nicht so gelaufen war, wie sie es sich vorgestellt hatte: „Ich wollte nie ein zweites Kind. Dein Vater war anderer Meinung. Wo ein Kind groß wird, ist Platz für ein weiteres. So ein Schwachsinn. Uns wäre manches erspart geblieben.“

Wenn sie mich lieben würde, würde sie so etwas nicht sagen und würde wissen, wie elend ich mich dabei fühle, dachte Agathe. Von ihrem Vater hatte sie noch nie Worte gehört, die ihr wehtaten. Bei Ärger zwinkerte er ihr hinter dem Rücken ihrer Mutter verschwörerisch zu.

Na ja. Hoffentlich darf ich in den Ferien zu meinen Großeltern gehen, dachte Agathe. Wenn nicht, wäre das wirklich eine Strafe.

„Agathe! Du bist schon wieder mit deinen Gedanken wo anders. Sei bitte aufmerksam! Ich möchte nicht, dass du etwas überhörst. Ich diktiere gerade die Lehrmittel und Arbeitshefte, die ihr für das neue Schuljahr benötigt. Das Fehlende schreib dir von Belinda ab“, mahnte Frau Gerlach, ihre Klassenlehrerin.

„Es ist kein Wunder, dass du so schlechte Noten hast und ständig was vergisst“, sagte Belinda in der Pause. „Was ist denn los mit dir?“

„Nichts.“ Verärgert holte Agathe ihr Frühstück aus dem Rucksack. Wieder Käseschnitte, dachte sie und aß ohne Appetit. Den Rest schmiss sie in den Müllbehälter.

Das schrille Klingeln der Schuluhr sagte ihr, dass die letzte Stunde vor den großen Ferien angebrochen war. Für sie würden es sechs unendlich lange Wochen werden.

Wann war sie eigentlich das letzte Mal mit ihren Eltern in den Urlaub gefahren? Es musste schon eine Ewigkeit her sein. Dunkel konnte sie sich erinnern, dass die Reise an die Ostsee gegangen war. Manchmal träumte sie vom Meer mit dieser unendlichen Weite, dieser gigantischen Kraft und Schönheit. Vor allem das Farbspiel vom satten Blau bis hin zum Smaragdgrün. Jeden Tag sah das Meer anders aus, jeden Tag gab es etwas Neues zu entdecken. Eine Faszination, die sie seit dem Ostseeurlaub nicht mehr losgelassen hatte.

Frau Gerlach trat vor die Klasse. Vor ihr auf dem Lehrertisch lagen die Zeugnismappen, aufgeteilt in zwei ungleich große Stapel.

Mit den Worten: „Das Schuljahr ist zu Ende. Gleich bekommt ihr eure Zeugnisse, eure Leistungen von einem ganzen Jahr“, begann sie die Zeugnisausgabe.

Agathe schaute aus dem Fenster. Auf der Straße liefen die Menschen hektisch hin und her. Keiner von ihnen bemerkte den kleinen Vogel, der sich mit einem Stück Brötchen abmühte. Hüpfend wich er den vielen Füßen aus. Endlich bekam er das Stück zu packen und flog davon.

Agathe hörte nicht zu, was Frau Gerlach zu den einzelnen Leistungen zu sagen hatte. Es interessierte sie nicht.

„So, das letzte Zeugnis ist von Agathe Kraft. Es ist mittelmäßig mit einer Tendenz, die keine Verbesserung erhoffen lässt. Du musst dich besser konzentrieren und fleißiger werden, dann wirst du auch Noten auf deinem Zeugnis sehen, die dir besser gefallen als die jetzigen. Ich wünsche euch schöne erholsame Ferien. Im September sehen wir uns wieder.“

***

Zügig packten die Schüler ihr Schulzeug zusammen. Alina wartete auf Agathe, die noch nicht ganz fertig war.

„Nun beeil dich. Der Bus wird gleich da sein.“

„Ja, nur noch die Federtasche.“

Hastig rannten die beiden Mädchen durch die Gänge des Schulgebäudes und durch die massive Eichentür nach draußen. Als vom Bus noch nichts zu sehen war, verlangsamten sie ihr Tempo.

„Was wirst du in den Ferien machen?“, fragte Alina.

„Nichts Besonderes. Wahrscheinlich werde ich, wie jedes Jahr, viel bei Oma und Opa sein“, antwortete Agathe.

Ihre Großeltern wohnten auch im Lilienweg, in der Nähe des Dorfplatzes.

Oma Liesbeth kochte oft ihr Lieblingsessen, Spaghetti mit Tomatensoße, und sie liebte es, von früher zu erzählen. Vieles kannte Agathe schon und hatte es mehr als nur einmal gehört, aber manchmal fiel Oma doch noch etwas Neues ein.

Opa Aaron konnte wunderschöne Geschichten erzählen. In seiner Werkstatt verbrachte sie mit ihm nahezu die gesamte Freizeit. Er schnitzte herrliche Sachen. Die meisten davon verschenkte er. Am besten gefielen Agathe die Märchenfiguren und Sagengestalten. Wenn Opa ein Stück Holz in der Hand hielt, wusste er sofort, was er daraus schnitzen wollte. Dabei dachte er sich die tollsten Geschichten aus. Einige von ihnen wusste sie heute noch. Zum Beispiel die von der weißen Fee, die im Winter erscheint und nur von den Kindern gesehen werden kann. Eine andere war die von einem Jungen namens Phil, der auf der Suche nach einer besseren Welt war. Einer Welt, die es eigentlich gar nicht gab. Phil hatte eine außergewöhnliche Freundschaft zu einem alten Mann. Diesen alten Mann verglich Agathe immer mit ihrem Opa: weise, liebevoll und reich an Ideen. Opa Aaron war ein guter Zuhörer und er merkte sofort, wenn bei Agathe etwas nicht in Ordnung war. Dann schaute er über seine Halbmondbrille und sagte: „Komm, setz dich und erzähl, wo der Schuh drückt. Vielleicht können wir gemeinsam dem Problem zu Leibe rücken.“ Wenn sie nach der Unterhaltung nach Hause ging, war ihr Kopf frei und ihr leichter ums Herz.

„Hast du schon für Griechenland gepackt?“, fragte sie Alina.

„Klar, ein paar Sachen. Dieses Mal habe ich einen Koffer für mich allein. Auf alle Fälle werde ich dir eine Karte schreiben. Die kannst du dann zu deiner Sammlung tun.“

„Das wäre toll. Manchmal schickt mir Onkel Darius eine. Seine letzte kam im Frühjahr zu meinem Geburtstag.“ Sie spürte tief im Inneren eine Traurigkeit, die sich nicht wie eine lästige Fliege verscheuchen ließ.

Alina gab Agathe einen leichten Stoß in die Seite.

„Schau mal! Da kommt der Bus.“

Die letzten Meter zur Haltestelle gingen sie schneller. Nach dem üblichen Gedränge hatten Agathe und Alina einen der vorderen Plätze ergattert.

Die Häuser und Menschen huschten nur so vorbei. Nach den Häusern kam der Wald. Wie schön er anzusehen war. Trotz seiner Dichte fanden die Sonnenstrahlen den Weg zum Boden.

Agathe hatte ein merkwürdiges Gefühl. Ihr ganzer Körper kribbelte und im Inneren fühlte sie eine große Unruhe – wie eine Vorahnung.

***

Auf dem Weg nach Hause sah Agathe schon von Weitem das Auto ihrer Mutter in der Einfahrt stehen. So ein Mist! Die Moralpredigt würde gleich fällig sein.

Agathe schloss die Tür auf und ihr Kater Kasimir strich ihr verschmust um die Beine. Sie hörte ihre Mutter in der Küche hantieren.

Also dann, bringe ich es hinter mich, dachte Agathe. Schweigend legte sie das Zeugnis auf den Tisch. Während die Mutter die Einkäufe wegräumte, schaute sie flüchtig darauf. „Ich habe nichts anderes erwartet. Du wirst nie begreifen, dass deine Noten für deine, nicht für meine Zukunft sind. Egal! … Morgen gehen wir alle - und ich meine auch alle! - in die Pilze. Da gibt es keine Widerrede. Ich habe die Postfrau getroffen und die hat mir erzählt, dass Schulzes zwei Wassereimer voll gefunden haben. Wir haben noch nicht einmal ein Glas eingeweckt.“

In die Pilze zu gehen war Agathe zehnmal lieber, als Stubenarrest zu haben.

***

Punkt Halbsieben hieß es frühstücken. Da war ihre Mutter unnachgiebig. Sie wurde schon richtig böse, weil Björn noch nicht am Tisch saß.

Ungewaschen und mit verschleiertem Blick erschien er. Die Eltern tolerierten das. Hauptsache pünktlich am Tisch sitzen, war ihr Motto. Mühsam quälte er sich eine Toastschnitte und eine Tasse Kaffee hinein. Agathe dagegen aß mit großem Appetit ihr Bienenhonigbrötchen und Vater las noch schnell einen Artikel in der Zeitung, bevor er sie zu schlug und auf den Tisch legte.

„Agathe, hol die Körbe aus dem Schuppen und vergiss die Messer nicht. Nun beeilt euch, damit wir endlich losfahren können.“

Agathe holte die Pilzkörbe aus dem Schuppen und warf in jeden Korb ein Messer.

Gleich hinter Alinas Haus begann der Wald. Geschlossen fuhr Familie Kraft mit ihren Fahrrädern auf dem Waldweg zu ihrer Pilzstelle. Ihr Treffpunkt war ein umgeknickter Eichenbaum. Vor einem Jahr hatte hier der Blitz eingeschlagen. Seitdem lag er unverändert auf dem Waldboden. Die Größe der Eiche war beeindruckend und sie sah immer noch majestätisch aus. Dort hielten die vier an und schlossen ihre Räder ab.

Die Luft war klar und frisch. Der Morgentau glitzerte in der Sonne und zwischen zwei Bäumen sah Agathe das kunstvoll gewebte Netz einer Spinne, behangen mit hunderten kleinen Tautropfen, aufgereiht zu einer Perlenkette. Das schien die Spinne nicht zu interessieren. Sie wartete geduldig auf ihre Beute.

Agathe hatte keine Zeit, sie weiter zu beobachten. Ihre Mutter gab die ersten Anweisungen.

„Wir halten uns vom Weg aus rechts und gehen in Richtung Schlucht. Dort wird der Boden feucht sein, ideal für Pilze, aber geht nicht zu weit und bleibt mir schön zusammen. Nicht, dass jemand verloren geht. Auch Einheimische haben sich hier schon verlaufen.“ Ihre Mutter drehte sich zum Vater um. „Weißt du noch, der alte Helmar, der aus Allerberg?“, fragte sie ihren Mann.

„Den haben sie zwei Tage gesucht und gefunden haben sie ihn total verwirrt in der Schlucht. Er hat andauernd komische Geschichten erzählt von Menschen mit feuerrotem Haar und Edelsteinen. Nach seinen Erzählungen war er mindestens einen Monat weg, dabei waren es nur zwei Tage. Los dann! Und Agathe: Es wird nicht geträumt, sondern Augen auf!“, ermahnte sie ihre Mutter.

Sie gingen, wie Mutter es gesagt hatte, rechts vom Weg aus in den Wald hinein. Jeder suchte sich seinen Weg zwischen den Bäumen, immer in Sichtweite von einem Familienmitglied. Agathe konzentrierte sich auf ihren Vater. Er genoss sichtlich die Ruhe und die Luft.

Die Bäume standen nicht allzu dicht und man konnte gut laufen. Vogelgezwitscher machte die Idylle komplett. Agathe hatte die ersten Maronen und Pfifferlinge gefunden. Wenn das so weiter ging, würde der Korb bald voller Pilze sein. Je schneller er sich füllte, umso eher hatte sie Freizeit. Für heute hatte sie sich mit Alina verabredet. Sie wollten sich gemeinsam eine neue CD anhören und die letzten zwei Tage vor Alinas Urlaub zusammen verbringen.

Wie schön es hier war. Das Moos war saftig grün und dick. Wie Frau Gerlach sagte, das Moos ist der Wasserspeicher des Waldes. Agathe bückte sich und nahm einen Mooshügel in die Hand. Er fühlte sich ganz feucht an. Vorsichtig setzte sie ihn wieder zurück und drückt ihn sanft ans Erdreich.

Ein Stück weiter stand hohes Farnkraut. Dort würde sie wohl wenig Glück mit Pilzen haben. Nach dem Farnkraut begann die Schlucht mit einem kleinen Fluss. Auf der einen Seite der Schlucht befand sich der Wald, und auf der anderen Seite begannen die Felsen vom Sierengebirge.

Die Heimatforscher hatten bis jetzt nicht herausgefunden, warum das kleine Gebirge Sierengebirge hieß. Ein ungewöhnlicher Name, fand Agathe. Außerdem passte das Gebirge nicht so recht in die Landschaft. Ringsherum waren, soweit die Augen sehen konnten, nur Flachland, Wiesen und Felder.

***

Die ersten Sonnenstrahlen fanden ihren Weg durch die Baumkronen und der Tau stieg als Wasserdampf auf. In ihm hatten einige Bäume bizarre Formen und sahen wie sagenhafte Gestalten aus. Mit einem Mal wurde Agathe bewusst, dass hier etwas nicht stimmte. Stille umgab sie. Sie hörte keinen einzigen Vogel zwitschern. Was geschah hier? Der Wald war sonst voller Geräusche.

Agathe konnte sich gar nicht mehr auf die Pilze konzentrieren. Aufmerksam schaute sie sich um. Warum fehlten die Geräusche? Sie ging weiter in Richtung Farnkraut. Agathe kämpfte sich durch den hohen Farn. Von hier aus konnte sie den Fluss und den kleinen Wasserfall hören. Das Rauschen blieb das einzige Geräusch. Ein paar Schritte weiter stand sie vor dem Fluss. An der gegenüberliegenden Felswand floss das Wasser gleichmäßig nach unten.

Agathe drehte sich um und wollte gerade wieder zurück zu den anderen gehen, da sah sie etwas zwischen dem Farnkraut und den Bäumen leuchten.

Merkwürdig, dachte sie, war dort am Baum etwas hängen geblieben? Je näher sie kam, umso größer wurde es und darüber leuchtete etwas Helles. Sie war jetzt so nah, dass sie es erkennen konnte. Es waren Haare, ungewöhnlich blondes Haar. Die Haare bewegten sich und plötzlich sah sie in das Gesicht eines Jungen. Seine
tiefblauen Augen hypnotisierten Agathe förmlich.

Im gleichen Augenblick erinnerte sie sich an den alten Helmar und seine Geschichten von den Menschen mit feuerrotem Haar. Alles Quatsch! Der Junge hatte blonde Haare und keine roten.

Agathe musterte ihn von oben bis unten. Der Aufzug des Jungen war eigenartig, das musste sie zugeben. Er trug ein viel zu großes Leinenhemd, in dem er seine breiten Schultern nicht verstecken konnte. Die Ärmel waren unordentlich aufgekrempelt und die ersten Knöpfe standen offen. Sie konnte seine Brust sehen. Um den Hals hing ein Beutel an einem schwarzen Lederband. Die Hose erinnerte Agathe an eine Pluderhose. Neben seinen Füßen standen Sandalen mit dünnen Lederriemen.

In diesem Aufzug ging man doch nicht in die Pilze oder im Wald spazieren. Einen Korb oder ein anderes Behältnis sah Agathe auch nicht.

Wie alt mochte er wohl sein? Über seinen Lippen schimmerte ein blonder Flaum. Er könnte in Björns Alter sein, rätselte sie im Stillen.

„Kann ich dir helfen?“, fragte sie.

Die saphirblauen Augen starrten sie immer noch an und der Junge öffnete den Mund, aber es kam kein Ton heraus.

„Mein Bruder hat bestimmt sein Handy mit, da können wir jemanden für dich anrufen.“

Der Junge presste ein mühsames „Nein!“ heraus.

„Kann ich dir wirklich nicht helfen?“, fragte Agathe noch einmal eindringlich entgegen ihrer eigenen Schüchternheit.

„Wenn du Salbe von der Pflandele dabei hast, dann vielleicht.“ Sein Gesicht verzog sich schmerzhaft.

„Wozu brauchst du die?“, fragte Agathe, ohne zu wissen, um was für eine Salbe es sich handelt.

„Ich hab mir den Fuß verstaucht. So kann ich nicht weiter gehen. Jedenfalls nicht sehr lange.“

Mit einer kreisenden Handbewegung massierte er seinen Knöchel. Dieser begann sich zu verfärben und Agathe schien es, dass er etwas angeschwollen war. Bei den Schuhen und dem unebenen Waldboden wunderte es Agathe nicht, dass er umgeknickt war.

„Salben sind nicht deine Stärke, oder?“, fragte er mit einem leichten Unterton.

„Die Fadelesalbe kenn ich nicht, aber wenn du willst, dann bringe ich dich zum Arzt.“

Der Junge verdrehte die Augen und stöhnte laut auf. Er hörte auf zu massieren. „Das heißt nicht Fadelesalbe, sondern Pflandelesalbe. Pflanze des Lebens, um genau zu sein.

„Auch die kenne ich nicht. … Du willst nicht, dass ich dir helfe, oder?“ Wie konnte sie nur glauben, dass ein Junge, der auch noch so verdammt gut aussah, in seiner Not ihre Hilfe annehmen würde?

„Es ist wirklich besser, wenn du gehst“, quetschte er zwischen seinen Zähnen hervor.

Verlegen fingerte sie an dem Pilzkorb, nur um ihn nicht anschauen zu müssen.

„Verstehe!“, sagte sie kurz.

In der Ferne hörte Agathe, wie ihr Namen gerufen wurde.

„Das ist meine Familie. Sie suchen mich. Ich muss ihnen antworten, sonst gibt es Ärger.“

Der Junge griff nach seinen Schuhen, drehte sich abrupt um und humpelte in Richtung Schlucht.

„Warte, da geht’s zur Schlucht“, rief Agathe.

„Ich weiß! Vergiss das alles hier einfach!“

„Wieso? Wer bist du?“

Der Junge blieb stehen und drehte sich um. Ihre Blicke verschmolzen für einen winzigen Moment. Über seine Lippen huschte ein Lächeln.

„Ich bin Rai. Mehr musst du nicht wissen. Geh zu deiner Familie und verschweige einfach, dass du mich gesehen hast, ja?“, sagte er sanfter.

Mit einem Auge zwinkerte er. Agathe merkte, wie ihre Wangen heiß wurden.

„Sehen wir uns wieder?“, fragte sie hastig und im selben Moment sah sie, wie er sich eine kleine Fliege aus dem Auge wischte. Er hatte ihr gar nicht zugezwinkert. Es war bloß eine blöde Fliege. Diese Erkenntnis brachte sie in Verlegenheit.

„Vielleicht!“

***

Die Rufe nach ihr wurden lauter. Ohne sich noch einmal umzudrehen, lief sie ihrer Familie entgegen.

Als Erstes traf sie auf ihren Vater. Erleichterung zeichnete sich auf seinem Gesicht ab.

„Wo bist du denn abgeblieben? Du warst auf einmal nicht mehr in Sichtweite und auf mein Rufen hast du nicht geantwortet.“

Sollte sie die Wahrheit sagen? Ihrem Vater konnte sie bisher vertrauen. Aber Ral hatte sie darum gebeten, nichts zu sagen.

„Ich dachte, dort hinten würde ich besonders viele Pilze finden. Dann wäre mein Korb schneller voll gewesen.“

Mit einer Hand zeigte sie wahllos in eine Richtung. Ihr Vater zog die Augenbrauen hoch und schüttelte andeutungsweise den Kopf. So eine fadenscheinige Antwort, die nimmt mir im Leben niemand ab, sinnierte sie.

„Ich dachte, ich hätte etwas Interessantes gesehen. Das war eine Täuschung und dann bin ich ein bisschen hin und her gelaufen. Eure Rufe habe ich einfach nicht gehört.“ Hoffentlich war Vater jetzt zufrieden. Er schaute sie immer noch ungläubig an.

Inzwischen waren Mutter und Björn bei ihnen.

„Na, hat sich unser kleines Aschenputtel wieder eingefunden. Können wir weitermachen? Ich will dann auf den Fußballplatz, wenn niemand was dagegen hat.“ Dabei schniefte Björn demonstrativ.

Agathe war ihrem Bruder dankbar, obwohl sie ihn nicht ausstehen konnte. Aber er hatte die anderen unbeabsichtigt von ihr abgelenkt. Die Situation war gerettet. Unverhohlen betrachtete sie ihren Bruder. Noch nie waren ihr seine breiten Schultern aufgefallen. Genau solche hatte Ral. Auch in der Körpergröße unterschieden sie sich kaum. Selbst den Flaum über Björns Oberlippe schien sie das erste Mal zu sehen.

„Ich hoffe, dass wir auf niemanden mehr warten müssen. Suchen wir weiter!“ Dabei schaute die Mutter Agathe vorwurfsvoll an.

Die Familie verteilte sich wieder im Wald und suchte weiter nach Pilzen. Agathe ging ihnen hinterher, aber ihre Gedanken waren bei Ral, dem Jungen mit den wunderschönen blauen Augen und dem halblangen blonden Haar. Mit der auffälligen Kleidung sah er schon etwas komisch aus, aber er machte eine gute Figur darin. Ral, was war das für ein Name? Er hatte Klang. Dann fiel ihr die Geschichte vom alten Helmar wieder ein. All das schwirrte in ihrem Kopf herum.

Ein schriller Pfiff schallte durch den Wald. Er kam vom Vater und war das Zeichen, sich an der Eiche zu treffen. Kurz bevor Agathe am Treffpunkt ankam, hörte sie die Vögel zwitschern.

Die Körbe waren randvoll mit Pilzen gefüllt und ihre Mutter war sehr zufrieden. Jeder schwang sich auf sein Rad und fuhr los. Dieses Mal fuhren Björn und Agathe vorn. Beide wollten so schnell wie möglich nach Hause.

Wie komme ich um das Pilzeputzen herum? Vater wird im Schuppen zu tun haben. Björn will zum Fußballplatz und Mutter wird nie und nimmer allein putzen.

Zu Hause angekommen, stellte sie ihr Fahrrad in den Schuppen und begab sich gleich in die Küche. Heute sollten es Bratkartoffeln mit Spiegelei und Gewürzgurken geben. Agathe schälte eine große Schüssel Pellkartoffeln und eine Zwiebel. Als sie den Speck würfelte, kam die Mutter herein.

„Du überschlägst dich ja förmlich. … Pass auf, dass dir der Speck und die Zwiebel nicht verbrennen!“

„Kann ich danach zu Alina gehen? Sie fährt übermorgen in den Urlaub.“

„Zuerst die Arbeit, dann das Vergnügen!“, entgegnete ihre Mutter.

Agathe stellte die Pfanne auf den Herd und briet die Kartoffeln. Als sie fertig war, rief sie ihre Leute mit dem Gong zum Mittagessen. Sie liebte diesen unverwechselbaren Klang.

Nach und nach erschienen alle in der Küche und setzten sich an den gedeckten Tisch. Agathe wünschte sich, dass die Mahlzeit genauso feierlich ablief, wie bei Oma und Opa. Bei ihnen wurde der Tisch nicht in der Küche, sondern in der Stube gedeckt. In der Mitte des Tisches stand eine kleine Vase mit frischen Blumen und daneben eine Kerze, die zum Essen angezündet wurde. Wenn alle saßen, wurde ein Tischgebet gesprochen und man wünschte sich einen guten Appetit. So wurde jedes Essen zu etwas Besonderem und es schmeckte doppelt so gut.

„Die Bratkartoffeln sind heute ausgezeichnet, gut gewürzt und schön knusprig. Genauso müssen sie sein. Findet ihr nicht auch?“, fragte der Vater in die Runde.

Die Mutter rollte mit den Augen und Björn quälte sich ein „Ja, ja“ heraus. Was so viel bedeutete wie: LmaA!

Wenigstens wird nicht soviel Zeit vertrödelt, dachte Agathe und aß schneller als gewöhnlich. Mit dem Essen waren sie schnell fertig.

Björn verließ fluchtartig die Küche und ihr Vater meinte beim Rausgehen: „Wenn ihr mich braucht, ich bin im Schuppen.“

Agathe räumte das Geschirr weg und wischte den Tisch ab. Mit ein paar alten Zeitungen deckte sie die Tischplatte ab. Ihre Mutter kam mit dem ersten Schwung Pilzen herein. Kater Kasimir schwänzelte um ihre Beine, sodass sie zu stolpern drohte.

„So ein blödes Katzenvieh! Schaff ihn raus!“, fauchte ihre Mutter.

Sie mochte keine Tiere und schon gar nicht im Haus.

Agathe nahm den Katzennapf und ging zur Tür. Kasimir wusste, was es bedeutete, und lief hinterher. Sie stellte das Fressen vor die Tür, aber nicht, ohne ihn zu streicheln. Er dankte es ihr mit einem lauten Schnurren und einem leichten Stoß mit seinem Kopf an ihr Bein. Sie mochte seine zarten Gesten.

Die Pilze waren trocken. So ließen sie sich besonders gut säubern. Agathe vermied es, auf die Küchenuhr zu schauen. Je öfter sie auf die Zeiger sah, umso mehr hatte sie den Eindruck, die Zeit blieb stehen. Nun riskierte sie doch einen Blick. Anderthalb Stunden waren vergangen und es lagen nur noch wenige Pilze auf dem Tisch. Es war fast geschafft.

„Ich brauche Einweckgläser. Zehn Stück reichen vorerst. Dann kannst du zu Alina gehen“, sagte Mutter und klirrte mit den Gläsern.

Agathe stellte das Gewünschte auf den Küchentisch. Als sie gerade zur Tür hinaus wollte, rief die Mutter sie zurück.

Was war denn nun noch, dachte sie.

„Grüß Frau Marcus von mir und zum Abendbrot bist du wieder da!“

„Ja.“

Nichts wie weg, bevor ihr noch etwas anderes einfällt, sagte sich Agathe.

***

Ungeduldig klingelte sie bei Alina an der Haustür. Ihre Freundin öffnete und ließ sie herein.

„Da bist du endlich. Ich dachte, du kommst nicht mehr. Musstest zu Hause wieder helfen, was?“, bemerkte Alina und schob Agathe in Richtung Treppe.

„Ja, das Übliche. Na ja, nicht ganz. Egal. Ich muss dir was erzählen, etwas ganz Unglaubliches.“

„Geht Belinda nun doch mit Thomas? Hast du sie gesehen? Wusste ich‘s doch“, meinte Alina.

„Ich weiß nichts von Belinda und dem Zach. Kann ich mir auch nicht vorstellen. Was soll die taffe Belinda mit dem schlaksigen Zach?“ Agathe schniefte und sprach weiter, um auf das eigentliche Thema zu kommen. „Im Wald ist mir was Komisches passiert.“

Sie machten es sich in der Sitzecke, bestehend aus vier Sitzkissen und einem abgesägten Tisch, gemütlich. Dazu spielte die neue CD.

Agathe begann zu erzählen. Manchmal stand sie auf und lief hin und her, dann setzte sie sich wieder. Sie redete wie ein Wasserfall. Alina konnte sie nicht einmal unterbrechen.

„… und dann hörte ich die Vögel wieder zwitschern“, endete Agathe. Sie hatte nicht eine Kleinigkeit ausgelassen.

Alina schaute sie mit großen Augen an.

„Mann, das ist eine irre Geschichte. Du kannst vielleicht gut erzählen. Man könnte meinen, du hast das wirklich erlebt.“

„Alina!“, sagte Agathe betont. „Ich habe mir das nicht ausgedacht. Ral stand vor mir. Er existiert, genauso wie du und ich. Kennst du die Geschichte von dem alten Helmar, der in der Schlucht verschwunden und dann nach zwei Tagen verwirrt wieder aufgetaucht war? Er erzählte von Menschen mit feuerrotem Haar und andere komische Sachen. Na gut, Ral hat blonde Haare. Na und? Was ist, wenn der Alte recht hat und Ral solch ein Mensch ist?“

„Mann, Agathe, wo sollen denn die Menschen in der Schlucht leben? Denkst du nicht, dass noch jemand sie gesehen hätte? So riesig ist die Schlucht nun auch wieder nicht, dass da jemand unbemerkt leben könnte. Und wenn jemand auch komische Kleidung trägt, heißt es noch lange nicht, dass mit ihm etwas nicht stimmt. Vielleicht ist es auch der letzte Modeschrei oder er gehört zu irgendwelchen Aussteigern oder Ökofreaks.“

Enttäuscht ließ sich Agathe auf eines der vier Sitzkissen fallen und versuchte ihren Ärger zu verbergen. Die Wut, die sie gerade empfand, drückte ihr Tränen in die Augen und nicht nur das. Es bildete sich ein Knäuel im Magen.

„Also gut, ich glaube dir, dass du einen gut aussehenden, fremden Jungen gesehen hast. Blonde Haare, tiefblaue Augen und mit einem Ausschnitt, dass man seine Wahnsinnsbrust sehen konnte.“ Alina zwinkerte ihrer Freundin zu.

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