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Das Regenorchester

PROLOG

Zwei Wochen und vier Tage nachdem mich meine Frau verlassen hatte, lernte ich Niamh kennen. Ich hatte mir angewöhnt, jeden Tag ein paar Kilometer zu laufen, um wenigstens für eine Weile zu vergessen, dass ich an einem Punkt angelangt war, an dem ich nicht mehr ein noch aus wusste. Manchmal musste ich stehen bleiben, weil mir von einer Sekunde zur nächsten die Brust eng wurde und ich wie ein alter Mann nach Luft schnappte. Nach ein paar Minuten war ich dann jeweils wieder so weit hergestellt, dass ich weiterlaufen konnte.

Niamh stand mitten auf der Straße und rauchte. Sie trug ein abgeschlossenes zitronengelbes Kleid, Gummisandalen, von denen die Farbe abging, und einen Strohhut. Die Einkaufstasche, die auf dem Asphalt vor ihr stand, platzte aus allen Nähten. Niamh nahm einen tiefen Zug aus ihrer filterlosen Zigarette und hob die Hand, als wolle sie einen Verkehrssünder stoppen. Auf den ersten Blick hielt ich sie für mindestens siebzig, aber wie ich bald erfahren sollte, war sie wenige Wochen zuvor vierundsechzig Jahre alt geworden.

Ich blieb vor Niamh stehen, keuchend, mit zusammengekniffenen Augen, weil der blitzende Kupfergong der Maisonne direkt hinter ihr über der Hügelschulter stand. Sie nahm einen weiteren Zug, drückte genießerisch die Augen zu, ließ den Rauch aus den Nasenlöchern strömen und schnippte die Kippe hinter uns auf die Straße.

– So you’re the Swiss who lost his wife, sagte sie.

Was gab es darauf zu sagen? Im Lederband ihres Strohhutes steckte eine zerzauste Vogelfeder. Ihr Kleid hatte ein Risschen unter der rechten Brust.

– Lost?

Meine Antwort sollte wie eine abschätzige Bemerkung klingen, die dies Thema ein für allemal abschloss, nicht wie eine Frage.

– She left ya, did she not?

Ich nickte. Hatte Niamh die Einkaufstasche etwa den ganzen Weg aus dem Städtchen bis hierher getragen, sechs Kilometer weit?

– You’re a happy man!

– What?

– She was the wrong one! Believe you me! She was the wrong one!

Ich bemerkte es nicht sofort, aber ich nickte schon wieder. Niamh roch seltsam, nicht schlecht, aber seltsam. War es ihr Deodorant, das mir in die Nase stieg, oder ihr Schweiß? Aus einem Muttermal an ihrem Kinn wuchs ein langes schwarzes Haar.

– Getting divorced sucks, sagte sie, I bet you’d rather be a widower!

Ihr Lachen klang, als zerdrücke jemand eine Bierdose. Das Haar, das aus ihrem Muttermal wuchs, war bestimmt vier Zentimeter lang.

– Love and marriage, sang sie mit erstaunlich tiefer Stimme, love and marriage go together like horse and carriage!

Ich hätte das Haar gern ausgerissen, mit einem Ruck. Jetzt bemerkte ich die grauen Splitter in ihren blauen Augen. Hatte ihr Gesicht darum diesen pfiffigen Ausdruck? Oder lag das an ihrem spöttischen Lächeln?

– My eyes are lovely, are they not?

Die Zehennägel ihres linken Fußes waren perlmuttfarben lackiert, die des rechten nicht. In dem Augenblick, in dem wir uns wortlos ansahen, ohne zu lächeln, wusste ich, ich hatte eine Freundin gefunden. Oder eher noch eine Komplizin.

– What would you call the color of my eyes? fragte Niamh unvermittelt.

Die Vorstellung, dass sie mit mir flirten könnte, wäre absurd gewesen; ihre Stimme war freundlich, aber sachlich. Die Frage nach der Farbe ihrer Augen war eine Testfrage. Sie wollte wissen, ob ich sah oder bloß guckte. Niamh prüfte meine Beobachtungsgabe.

– Kornblumenblau, sagte ich.

– That would be nice too, sagte sie und fuhr plötzlich auf Deutsch fort, aber meine Augen sind vom Blau eines Mohnkorns.

Ihr Deutsch war beinahe ohne Akzent. Der weiche Singsang der Irin machte die Sprache melodiöser, als sie ist.

– Warum sprechen Sie so gut Deutsch? fragte ich erstaunt.

– Weil ich dort gearbeitet habe.

– Wo?

– Köln.

– Köln gefällt mir.

– Mir auch.

– Mohnkörner sind übrigens schwarz, sagte ich, nicht blau.

– Horse-Shite! Bist du nicht Dichter?

– Schriftsteller, antwortete ich.

Sie sah mich prüfend an, lachte laut heraus und hob beide Hände in die Luft, als kapituliere sie.

– Trägst du mir die nach Hause? fragte sie und deutete auf die Einkaufstasche.

– Ich weiß doch gar nicht, wo Sie wohnen.

– But I do, sagte sie, don’t you worry, I do.

EINS

Ihr Haus lag in einer Talsenke am Ende einer Karrenspur, die erst durch eine hochstehende Wiese und danach durch ein Wäldchen führte, in dem die Rhododendren zu einer Wand zusammengewachsen waren, zu einem Paravent, der sich im Wind bewegte und dessen ineinanderverschlungenen kakaobraunen Äste vertraulich knarzten, wenn sie sich aneinander rieben.

Neben dem Eingang wuchs eine Topfpflanze in die Höhe, deren Blattpaddel die Sonne teilweise zurückhielten und ein tanzendes Schatten- und Lichtgitter auf das rot gestrichene Türblatt warfen, ein Raster, das im selben Augenblick verschwand, in dem sie die Tür öffnete. Sie schob mich durch die Diele in eine Küche, deren Fenster auf einen Garten hinausging, der sich zu einem Bach absenkte. Ich stellte die Einkaufstasche auf den Tisch, wobei ich mir Mühe gab, mich nicht allzu neugierig umzusehen.

– Thanks a bunch, sagte Niamh und fing an, die Einkäufe in die Schränke einzuräumen.

Nach einer Weile nahm sie den Strohhut ab, und ich sah, dass ihr Haar kurz und nicht sehr dicht war, leicht und fein wie Flachs oder Flaum. Der Flaum hatte die Farbe von Taubenfedern, und ich wollte ihn – der Wunsch erschreckte mich – anfassen.

Die Küche war leer und sauber, es war die Küche einer Frau, die entweder nie kochte oder aber sehr ordentlich war. Auf der hölzernen Arbeitsfläche lagen eine Zitrone und ein gespitzter Bleistift, auf dem Fenstersims Steine in verschiedenen Grau- und Schwarztönen.

Niamh öffnete den Schrank über dem Belfast Sink, und ich bemerkte die Medikamentenpackungen, die ein ganzes Regal füllten. Da sie die Tür sofort wieder zuschlug, konnte ich nicht erkennen, wofür sie waren. Der Geruch, der in der Luft lag, fiel mir erst nach einer Weile auf, er war so angenehm, dass ich ihn angenommen hatte, ohne darüber nachzudenken: In Niamhs Cottage duftete es nach Anis und Zimt. Natürlich nahm ich damals an, sie habe einen Kuchen gebacken, aber ich sollte bald feststellen, dass es bei Niamh immer nach Anis und Zimt roch. Nicht einmal sie selbst wusste, woran das lag. Wie es wohl in meinem Haus riecht, frage ich mich seither? Wir sind ja nicht nur blind dafür, wie wir auf andere wirken, da wir uns nicht wirklich von außen sehen können, wir sind auch taub dafür, wie wir riechen, taub für den Geruch unseres Körpers wie für den Geruch unserer Wohnungen oder Häuser. Nur wenn ich nach einer langen Reise nach Hause komme, kriege ich eine Ahnung, wie es bei mir riecht, wie ich rieche, eine Ahnung, die sich aber nach wenigen Augenblicken verflüchtigt.

– So a poet you are, are you not, sagte sie, zündete sich eine Zigarette an und inhalierte mit geschlossenen Augen.

Ich verzichtete darauf, sie noch einmal zu korrigieren, weil sie genau darauf wartete, und nickte bloß.

Dann interessierst du dich für Geschichten?

– Natürlich.

– Auch für Liebesgeschichten?

Ich brauchte nicht zu antworten. Sie sah mich an und lächelte wie eine Frau, die grade eben die Männer durchschaut hat.

– Wenn du morgen vorbeikommst, erzähle ich dir eine Liebesgeschichte. Dann mache ich dir auch eine Tasse Tee.

– Ich trinke keinen Tee.

– Na ja, bei mir schon, sagte sie und schob mich aus der Küche in die Diele ihres Cottage.

– Ich heiße Niamh.

– Ich hei…

– Ich weiß, wie du heißt. Wie oft warst du eigentlich verheiratet?

– Einmal natürlich!

Die Entrüstung und Schärfe in meiner Stimme erstaunten mich selber. Niamh lächelte nachsichtig und öffnete die Haustür. Ich trat aus dem Zwielicht der Diele ins helle Rechteck, das die Nachmittagssonne auf den Kies ihres Hausplatzes warf.

Kannst du ein Geheimnis hüten?

– Kommt auf das Geheimnis an.

– Ja oder nein?

– Ja!

– Geduld wirst du auch brauchen. See you tomorrow, sagte Niamh, schob mich aus ihrem Haus und warf die Tür ins Schloss.

Schwalben saßen auf der Stromleitung, als warteten sie darauf, gezählt zu werden. Ein Geräusch genügte, mein Fingerschnippen, und die Versammlung stob hoch und löste sich geschwind auf, um sich an einer anderen Stelle wieder zusammenzufinden, Vogel um Vogel, eine aufgebracht fiepende Reihe, die aus sicherer Distanz überwachte, wie ich mich weiter und weiter von Niamhs Cottage entfernte, ohne mich einmal umzusehen.

Und dann wählte ich eine falsche Verzweigung und ging auf einem Feldweg, der nach kurzer Strecke einfach aufhörte und zu verschilftem Weideland wurde. Eine Kuh schob schnaubend ihren Schädel nach mir, mit erschreckend teilnahmslosen Augen, die gleichwohl mehr Wissen ausdrückten, als mir lieb war. Aus ihrem weichen Maul hingen Speichelfäden, ihr Fell fühlte sich rauer an als erwartet. Das Tier ließ sich meine Berührung nicht nur gefallen, die Augen hatte es nun geschlossen, es drückte seinen Kopf regelrecht in meine Hand und bewegte ihn auf und nieder. Über uns standen Fliegenschwärme, es stank nach Kuhdung.

Vor dem Schlaf – oder vielmehr der Schlaflosigkeit – hatte ich mich lange nicht mehr gefürchtet, nicht vor der Nacht. Und warum hatte mir niemand beigebracht, dass die Trauer der Furcht gleicht? Als Junge hatte ich Angst gehabt, nachts, im Kinderzimmer, diesem Verlies, durch dessen Vorhänge und Holzläden kein Licht fiel, kein Schimmer, nichts. ›Du bist nicht der Einzige, der wächst‹, flüsterte das Grauen dann in mein Ohr, ›ich wachse auch. Und wenn du groß bist, werde ich noch größer sein als du, viel größer.‹ Geschieht das Schlimmste im Schlaf, hatte ich mich damals gefragt, oder tagsüber, wenn du wach bist, unter deinesgleichen? Das fiel mir nun wieder ein, im Schlafzimmer unter dem Dach, das Knirschen und Klagen der losen Regenrinne im Ohr, wenn ich es nicht schaffte, in den gnädigen, weil hoffentlich traumlosen Schlaf zu entkommen. ›Dann werde ich noch größer sein als du, viel größer.‹

Ich lag auf der Matratze, die ich aus dem Gästezimmer ins Schlafzimmer hochgeschleppt hatte, Stufe um Stufe. Die gemeinsame Matratze hatte ich im Garten mit Hilfe von Benzin verbrannt, das Ehebett mit seinem hohen Kopf- und Fußende aus ziseliertem Eisen mit einem Vorschlaghammer zerschlagen, eine Arbeit, die Stunden gedauert, einen Schweißfilm auf meinen Körper getrieben und mich glücklich gemacht hatte wie lange nichts mehr. Glücklich und leicht, eine Feder war ich gewesen, zumindest für ein paar Tage. Ballast, abgeworfen, den Ballon noch einmal zum Steigen zu bringen. Und sie, nahm ich mir vor, sie kommt in den tiefsten Keller, den ich habe. Hundert Männer können ein Lager machen. Für ein Haus braucht es eine Frau! Schwachsinn! Unsere Bettdecke hätte ich auch fast ins Feuer geworfen, den schweren Federberg, unter dem wir lagen wie zwei, die den Untergang ihres zerschlagenen Bootes überlebt hatten und von einer Welle in diese Hügel nahe der Küste gespült worden waren. Zwei Schiffbrüchige, die es an Land schafften. In den ersten Jahren entzog die Tatsache, dass wir ausgewandert waren, jedem Streit den Boden. Streiten kostete zu viel Kraft, das Leben in der Fremde brauchte unsere ganze Aufmerksamkeit und verbündete uns: Wir verbrachten Nächte unter unserem Federberg, über die Schweiz zu lästern, die wir endgültig hinter uns gelassen glaubten. Kein gutes Haar ließen wir an unserer alten Heimat, versicherten uns, das Richtige getan zu haben, indem wir uns von unserer Vergangenheit abgrenzten. Man vergisst so viel, welch ein Segen. Ich hatte die Decke also nicht ins Feuer geworfen. Dabei sollte von nun an ein Koffer, nein, eine Tasche mein Hausstand sein. Du reist am weitesten, wenn du nichts mehr hast, das dir abgenommen werden kann. Ein Bett brauchst du auch nicht mehr, nie mehr, ein Ruhelager reicht, redete ich mir mit dem jämmerlichen Pathos des Verlassenen ein, ein Tier bist du jetzt, ein Tier, das sich nicht darum kümmern muss, was vorgeht zwischen den Menschen, weil du es sowieso nicht verstehst. Schon wuchsen mir Öhrchen, spitz, behaart und lederhart, auf dem Rücken spürte ich Pelz. Ihr versteht mich ja auch nicht, dachte ich trotzig, reckte die tütenförmige Schnauze, die in jede Ritze reicht, vor allem in die hinterste, und zeigte Krallen, perlmuttfarben, messerscharf.

ZWEI

Am anderen Nachmittag hing der Nebel so dicht in der Talsenke, dass ich Niamhs Haus erst sah, als ich buchstäblich davorstand. Der Regen, der schon seit vielen Stunden ohne das kleinste Rauschen niederging, war kaum zu erkennen, dafür aber deutlich zu spüren. Zusammen mit dem Nebel dämpfte er jedes Geräusch so weit ab, als liege Schnee. Umso lauter war das Schurren der Blattpaddel, die neben meinem Kopf über die Wand rieben.

Ich war früh aufgestanden und gleich in den Laufsachen aus dem Haus, um mir gar nicht erst die Gelegenheit zu geben, darüber nachzudenken, ob ich Lust hatte, durch den Niesel zu traben, nach Luft zu schnappen und mit brennenden Oberschenkeln an mein Alter erinnert zu werden. Den Rest des Vormittags hatte ich damit vertrödelt, in meinem Schreibzimmer zu sitzen, auf den Bildschirm des Laptops zu starren, eine Partie Spider Solitaire nach der anderen zu spielen und immer wieder neue LPs aufzulegen. LPs, die alle eine Geschichte hatten und mich auf falsche Gedanken brachten. Ich hatte Bleistifte auf dem Tisch hin und her gerollt und eine Truhe mit alten Manuskripten und vor allem Fotos ausgeräumt. Ich fand nicht ein Bild von uns gemeinsam, sie hatte sie alle mitgenommen oder weggeworfen. Dann war mir ein Schwarz-Weiß-Foto in die Hände gefallen, an das ich keine Erinnerung hatte: Meine Mutter – was war sie doch für eine schöne Frau – hielt meine linke Hand, mein Vater, unbeschwert lachend, die rechte. An meinen Winterschuhen waren Kufen festgeschraubt, sogenannte Örgeli, wahrscheinlich schnitt ich darum ein skeptisches Gesicht. Dass wir auf dem gefrorenen Zürichsee standen, wusste ich nur, weil es auf der Rückseite der Aufnahme stand, gemeinsam mit dem Datum ›Januar 1963‹ und meinem Alter: Ich war ein Knirps, als wir das Wunder vollbrachten und übers Wasser liefen. Krachend gingen Risse durchs Eis, daran erinnerte ich mich plötzlich genauso wie an den Schneepuder, den der Wind übers Eis blies, und an den Gedanken, der mich damals in Panik versetzte: Der kalte, schwarze Block, der unter dem Eis liegt, ist Wasser, nichts als Wasser! Das Schilf am Uferstreifen war erstarrt, die Rispen, zu Glas geworden im strengen Frost, brachen unter den Schritten unserer kleinen Familie. Auf dem Heimweg hatte mir mein Vater erzählt, wie die Welt zu ihren Seen gekommen war: Vor langer Zeit, als es noch nichts gab, nicht einmal Seen, fasste sich ein Junge in meinem Alter ein Herz und schleuderte mit aller Kraft einen Stein in den Himmel, um ihn in tausendundzwei Scherben zu zersplittern. Diese Scherben fielen auf die Erde nieder und blieben zwischen Tälern, Bergen und Hügeln liegen. Seither spiegelten sie das, was sie früher einmal selbst gewesen waren: Himmel …

Ausländer und Touristen erkennt man in Irland auch, weil sie, meist vergeblich, nach Klingelbrettern suchen. Ich klopfte gegen Niamhs Tür, laut und entschlossen, um nicht den Eindruck zu erwecken, hier um etwas zu bitten oder gar zu betteln, Gesellschaft zum Beispiel oder eine Geschichte. Niamh antwortete fast im selben Augenblick: Sie hatte auf mich gewartet.

– Come on in, Swissman!

Sie stand am Ende der Diele vor einer angelehnten Tür, hatte eine brennende Zigarette im Mund und sah mich abwartend, nein herausfordernd an. Sie trug eine Lesebrille mit nahezu blinden Gläsern, eine Wollmütze und Hausschuhe, die mich an Schweizer Militärdecken erinnerten.

– Macht es dir etwas aus, mich nicht Swissman zu nennen?

– Das bist du aber. A Swissman!

– Trotzdem. Wär mir lieber.

– Dein Name ist mir zu schwierig, Swissman.

– Wie wär’s mit John?

– Sean gefällt mir besser.

Ich nickte, Sean also. Sie stieß die Tür auf und schob mich in ein Zimmer im hinteren Teil des Hauses, das ihr wohl als Wohnstube diente.

– So I’ll put the kettle on and make us a nice cup of tea!

– I don’t like tea.

– Oh you will, Sean, believe you me, you will.

Sie ging durch eine weitere Tür in die Küche hinüber, und ich bekam das erste Mal Gelegenheit, mich in ihrem Wohnzimmer umzusehen, in dem ich in den nächsten Monaten so oft sitzen würde, dass es mir bald vertrauter war als meine eigenes. Dabei war das Zimmer zu klein und zu leer, als dass es viel zu sehen gab: keine Regale oder Schränke, kein Krimskrams, keine Bilder, keine Bücher. An der einen Wand stand eine Kommode unter dem Fenster, darauf war eine Sammlung blauer Vasen und Gläser aufgebaut, die, wie sich zeigen würde, noch das schwächste Sonnenlicht fingen und als Kringel oder Fleck auf die Wände und den Fußboden warfen: Wasserzeichen aus Licht, die nach einer Weile erlöschen. Über dem Kamin hing eine vergrößerte Farbfotografie in einem Holzrahmen, verblichen und unscharf. Niamh, Mitte vierzig, wie ich schätzte, stand lachend zwischen einer blonden Frau in ihrem Alter und einem jungen Mann von vielleicht zwanzig. Sie lehnten an einem Auto, von dem man nur den hinteren Kotflügel sah; der junge Mann blickte mit geröteten Wangen am Betrachter vorbei, einen Ausdruck im Gesicht, als gehöre Mut dazu, fotografiert zu werden. Was wie ein trotziges Lächeln wirkte, war der Schreck des jungen Menschen, der erkannt hat, dass er etwas aus sich wird machen müssen. Dass er etwas, nein jemand werden muss. Den Falz, der wie ein Riss durch die Aufnahme lief, bemerkte ich nicht gleich. Im Hintergrund waren lärchengesäumte Bergzüge zu sehen, darüber ewiger Schnee. Die Fotografie war nicht in Irland aufgenommen worden. Alle drei trugen Wanderhosen, Bergstiefel und Windblusen.

Ich trat ans Fenster und blickte auf einen bekiesten Hinterhof, der in eine ungemähte Wiese überging. An einem Apfelbaum lehnte ein Damenrad ohne Sattel, im Kies lag ein Rechen mit zerbrochenem Stiel. Es ging mir durch den Kopf, dass Niamh diese deutlichen Zeichen der Vergänglichkeit für mich arrangiert hatte, als Bild, das mir zu denken geben sollte, darum setzte ich mich schnell auf einen der fünf Stühle am dunkel gebeizten Tisch.

Es dauerte, bis Niamh mit einem Tablett zurückkam. Die Art und Weise, wie sie die Tassen, den Teekrug, die Zuckerdose, das Milchkännchen und den Teller mit den Keksen in die Mitte des Tisches stellte und sich dann aufrecht hinsetzte, zeigte, dass dies ein Ritual war, das zu unseren Begegnungen gehören würde. Auch dass Niamh nach ein paar Sekunden wieder aufstand, noch einmal in der Küche verschwand und mit einem Aschenbecher, Streichhölzern und einer Schachtel Zigaretten zurückkam, war Teil dieses Rituals.

– Weißt du, was mir an Deutschland am besten gefallen hat? Die Bäume. Die Wälder, die es in Deutschland gibt. Seither weiß ich, dass Grün die Farbe der Stille ist. Das müsste einem Dichter gefallen.

Damals wusste ich noch nicht, wie wichtig es Niamh war, ihr zu zeigen, wie sehr mir ihre Formulierungen und Wendungen gefielen, egal ob in Deutsch oder Englisch. An jenem ersten Tag nickte ich nur beiläufig und nahm mir einen Keks. Sie steckte sich eine Zigarette an und hielt mir die offene Schachtel hin.

– Ich rauche nicht.

– Maybe you should, sagte sie und ließ die Schachtel im Ärmel ihres Kleides verschwinden.

– Und was gefällt dir an Donegal?

– Dass man mich in Ruhe lässt, antwortete ich, ohne nachzudenken.

Sie lächelte, goss Tee in beide Tassen und stellte eine vor mich hin. Die Tischplatte vor mir war mit hellen Ringen von Tassen oder Gläsern übersät, Stempeln der Geselligkeit vieler Jahre genauso wie der Einsamkeit.

– Hast du sie geliebt?

– Ja.

– Liebst du sie immer noch?

– Nein.

Niamh wirkte zufrieden, nun hatte sie das Gesicht einer jungen Frau. Sie blies mit gespitzten Lippen über ihre Tasse.

– Was für eine Geschichte erzählst du mir? fragte ich.

– Meine.

Niamh schob Milchgefäß und Zuckerdose zu mir herüber. Ihre rechte Gesichtshälfte war gerötet wie nach einem Schlag.

– Und warum mir?

– Du wirst Geduld brauchen, Sean.

Sie sprach meinen neuen Namen so beiläufig aus, als habe er immer zu mir gehört.

– Das hast du schon einmal gesagt, Niamh.

– Meine Geschichte ist lang. I’m an old lady. Und ich fange vorne an.

Das tat Niamh nicht, natürlich nicht. Welche Geschichte beginnt schon an ihrem Anfang? Für die Dinge, die uns im Leben zustoßen, können wir kaum je einen Anfang bestimmen; den bekommen erst unsere Geschichten darüber. Selbstverständlich erzählte Niamh, um sich ihres vergangenen Lebens zu versichern. Heillos ist nicht, wenn man sich der Vergangenheit erinnert, heillos ist nur, wenn man sich nach ihr sehnt. Dann wird die Gegenwart zur Qual, zur Hölle. Niamh erzählte nicht für mich, sie erzählte für sich selbst. Sie führte ein langes, von Pausen unterbrochenes Selbstgespräch, für das sie einen Zeugen brauchte – mich.

Hatte sie mich dafür ausgewählt, weil ich meine Zeit mit Schreiben verbringe und sie damit rechnen durfte, ich könne mit Geschichten umgehen? Oder weil ich ein Fremder bin, ein blow in? Niamh erzählte mir ihr Leben, weil wir alle jemanden brauchen, der uns zuhört, denn schließlich wird eine Geschichte nicht lebendig, indem sie erzählt, sondern erst, indem sie gehört wird. Man teilt vor allem das, was man verlieren kann.

– Nobody lives where they grew up anymore, sagte sie schließlich.

– Und du? Lebst du dort, wo du aufgewachsen bist?

Niamh schüttelte unwirsch den Kopf. Dann erzählte sie mir, dass sie das Cottage 1992 nach ihrer Rückkehr aus Köln gekauft hatte; der Farmer, der über fünfzig Jahre allein darin gelebt hatte, verkaufte die Kühe und zog von einem Tag auf den anderen ins Altenheim von Ballyshannon. ›Ich will nicht mehr allein sein‹, soll er dem Auctioneer gesagt haben, dem er den Verkauf des Hauses anvertraute.

– Erinnerst du dich an deinen ersten Toten?

– In meinem Leben hat es bis jetzt keine Toten gegeben, log ich.

Ich wollte nicht über meine ältere Schwester reden mit Niamh, meine tote ältere Schwester, oder vielmehr nicht darüber, dass ich sie eben nicht tot gesehen hatte, weil ich zu spät aus Irland nach Zürich zurückgereist war, meine große schöne Schwester, als Leiche im Universitätsspital, sechs Jahre älter als ich und mit siebenundvierzig gestorben an Krebs, gegen den sie zwei Jahre gekämpft hatte, ohne ihren Humor zu verlieren. Meine Schwester, zu deren Beerdigung ich einen jungen Baum gebracht hatte, um ihn auf dem Urnengrab zu pflanzen, damit er ihr aus der Brust wachse, blühe und groß werde und Schatten spende.

– Du hast noch nie einen Toten gesehen?

– Muss man das?

Meine Stimme klang verdächtig aggressiv, aber Niamh ging nicht darauf ein. Im höchsten Baum ihres Gartens verfing sich das graue Tuch des Himmel, die Telefon- und Stromleitungen, die vom Haus weg über die Hügel führten, schwangen im Wind.

– Mein erster Toter war meine Großmutter.

– Meine erste Tote, korrigierte ich Niamh.

Es blieb das erste und einzige Mal, dass ich Niamh auf einen Fehler in ihrem Deutsch hinwies. Sie sah mich streng an, stand auf und zündete sich mit entrüstetem Gesicht eine Zigarette an.

– So you are telling my story now, entgegnete sie barsch und blies mir den Rauch ins Gesicht!

– Entschuldigung, sagte ich, I’m sorry.

Ich klopfte mit der flachen Hand auf den Tisch, und Niamh setzte sich tatsächlich hin, das Lächeln der Siegerin im Gesicht.

– Meine Großmutter Catriona war mein erster Toter. Ich war fünf, als sie zu uns kam, sie schaffte ihren Haushalt nicht mehr allein. Und sie war, wie sagt man … she used to forget things, you know.

– Sie war vergesslich, sagte ich leise.

– Vergesslich! Catriona ist nur ein halbes Jahr bei uns geblieben.

– Und dann?

– Dann ist sie gestorben. Im Bett. Neben mir.

– Du hast neben ihr gelegen, als sie gestorben ist?

– Das erzähle ich dir das nächste Mal.

Niamh goss Tee nach und sah mich an. Wind warf Regen gegen das Fenster, ich spürte Zugluft an den Beinen.

– Kennst du das irische Wort für Exil?

Sollte ich Niamh fragen, ob sie das berndeutsche Wort für Sehnsucht kenne? Längi Zyti. Lange Zeit. Ich hatte das Wort immer geliebt. Nun verstand ich es auch.

– Deorai. Deor bedeutet Träne. Und deorai ist der, der weiß, was Tränen sind. Der sich mit Tränen auskennt.

– Hast du Heimweh gehabt, Niamh?

– In England oder in Köln?

– Hattest du Heimweh?

– Every single day.

– Und du?

– Wonach?

– Nach der Schweiz natürlich.

– Ja. In letzter Zeit schon. Aber erst in letzter Zeit. Außerdem bin ich kein Exilant. Ich will hier sein. Hier. Und nicht dort.

– Ein Fremder bist du trotzdem.

– Ich weiß.

– Und das wirst du auch bleiben. Für immer.

– Hast du mir nicht eine Liebesgeschichte versprochen?

– Und hast du nicht gesagt, dass du Geduld hast?

Sie rauchte schon wieder; das brennende Streichholz ließ sie in den Aschenbecher fallen, wo es verglühte. Niamh summte, tief, laut und selbstvergessen, aber eine Melodie, eine Melodie konnte ich nicht erkennen. Niamh sah blass aus, müde und abweisend, als wollte sie plötzlich allein sein. Lass mich in Deinem Schatten ruhen, ich bin müde, müde von der langen Wanderung, dem beschwerlichen Weg, müde bin ich. Es war noch nicht Abend und nicht mehr Tag. Das diffuse Licht ließ die Landschaft vor dem Fenster in Unschärfe verschwimmen.

– Being happy reminds you of all the times you haven’t been, sagte Niamh und stand auf.

Der Regen war jetzt ein stetes Geräusch, beruhigend, einschläfernd.

An jenem Abend sah ich mir im Spiegel meines Badezimmers dabei zu, wie ich ein Gesicht machte wie einer, der eben erfährt, dass man ihm Hörner aufgesetzt hat, sie hat mit einem anderen geschlafen, und der trotzdem lacht, und wie er lacht, es schüttelt ihn regelrecht, sie lässt sich von einem anderen ficken, gleich verschlägt es ihm die Luft, dem grauen Liebesveteranen, der weiß, die Liebe ist eine Schlacht, der aber auch weiß, er wird immer wieder in diese Schlacht ziehen, unermüdlich, unverbesserlich. Mit seinem Kopf, der schmal genug ist, um zwischen zwei Hörner zu passen. Früher hat er die Schrecken der Eifersucht durch das Wort gebannt; auch das ist vorbei. Ein Mann, der von seiner Frau verlassen worden ist, steht nicht gut vor dem Spiegel. Und wie hilflos er wirkt in seiner Nacktheit! Bringt ihm einen Stuhl. Wie soll ich je wieder Fuß fassen in der Zeit, im Leben? Try to recognize me now, Missus, sagte ich laut und löschte das Licht.

DREI

In den ersten drei Wochen besuchte ich Niamh nur donnerstags. Ich hatte also noch immer viel Zeit, um am Küchentisch zu sitzen und zum Beispiel darüber nachzugrübeln, ob ich mich nicht doch um die Stelle als Aushilfskellner im indischen Restaurant in Donegal Town bewerben solle, ob es gescheiter wäre, mich in Asche zu wälzen, zu tanzen, bis mir das Blut im Schuh stand, mein Haus niederzubrennen, meine Plattensammlung neu zu ordnen, mir einen Adler mit aufgespannten Schwingen auf den Rücken tätowieren zu lassen oder endlich die Reise nach China anzutreten, ins Wolong-Panda-Reservat, in dem man gegen viel Geld ein Pandababy umarmen durfte. Dass ich dieser Umarmung zu viel Gewicht beimaß, war mir bewusst. Trotzdem sah ich mich in einem Käfig aus Maschendraht in raschelndem Laub kauern, umklammert von einem kleinen Panda, der genau wie ich nicht loslassen wollte, nie mehr, beobachtet von allein reisenden Touristinnen, die mit ihrer Rührung kämpften, wie von chinesischen Pandapflegern, die auf ihre Armbanduhren sahen und darauf warteten, dass ich endlich losließ. Dass wir endlich losließen.

Die Zeit verging langsam, sehr langsam, aber sie verging. Und es ging mir besser, doch, viel besser. Noch vor kurzem hatte ich mich durch die Tage getrieben wie der Hund die Schafe, hatte der windigste Anlass genügt, mich entweder in Tränen oder in hemmungsloses Gelächter ausbrechen zu lassen: Eine alte Frau, die im SUPER VALUE mit den Rädern ihres Einkaufswagens in ein Rille geriet, worauf er vornüberkippte und Toastbrote, Milchkartons und Katzenfutter auf den Boden fielen, löste einen Heulkrampf bei mir aus, den ich nur in den Griff bekam, weil mir besorgte Hausfrauen gut zuredeten; der alten Frau half niemand, auch ich nicht. Ein Mädchen in weißen Kniestrümpfen, das mit unglücklichem Gesicht und geballten Fäusten zwei Meter hinter ihren Eltern herging, ließ mich ebenso flennen wie der Anblick eines Dackels, den sein Meister in ein rotes Strickmäntelchen mit dem Schriftzug FC LIVERPOOL gesteckt hatte.

Andererseits genügte ein Zeitungscartoon, auf dem eine Frau mit gepackten Koffern aus der Wohnungstür stürmt und von ihrem Mann mit den Worten ›Wer beendet jetzt meine Sätze‹ verabschiedet wird, um mich geschlagene fünf Minuten Tränen lachen zu lassen. Derart nah am Wasser gebaut hatte ich nun nicht mehr. Nun arbeitete ich an Ruhe und Gelassenheit. Stand mehrmals lange reglos im Garten, die Stille mit ausgebreiteten Armen und kontrolliertem Atem zu würdigen, stand sehr lange und wurde doch kein anderer. Insekten umkreisten mich. Als ich die Augen öffnete, bemerkte ich den Hund des Nachbarn: Er lag in sicherer Entfernung unter einem Busch und sah mir misstrauisch zu. Ein Schritt in seine Richtung genügte, und er sprang auf die Beine, legte den Kopf schief, wedelte bedauernd mit dem Schwanz und machte sich davon. Welches Tier, abgesehen vom Hund, empfindet derart tiefe Beschämung für uns Menschen? Ich saß im Schneidersitz auf dem Schlafzimmerboden, nackt, mit geschlossenen Augen, um die Zeit durch mich hindurchwehen zu lassen, wieder und wieder durch mich hindurchwehen zu lassen, durch mich, die Öffnung, das Nichts, den Verlassenen. Ich saß, bis meine Oberschenkel gefühllos waren. Ruhiger wurde ich deswegen nicht, nur müder. Da ich die Vorstellung nicht mehr aus dem Kopf bekam, in dieser Sitzstellung eingefroren und in einem Naturhistorischen Museum in einer Glasvitrine ausgestellt zu werden, stand ich auf, musste mich aber sofort hinlegen, weil mich meine Beine nicht trugen nach all der Sitzerei. Sogar das Schild, das mich beschrieb, hatte ich vor mir gesehen: ›Rural middle-aged single male/early twenty-first century/exercising human ritual intended to calm down and gain self-respect.‹

Das Buch, das mir die Übungen empfohlen hatte, warf ich weg. Mein Leben war nicht länger das Leben, das ich bis dahin geführt hatte, schlechter aber war es nicht. Ich führte Gespräche, die ich mir früher noch nicht einmal ausgedacht hätte. Ein Mann, der an der Bar des ABBEY HOTEL neben mir stand, fragte aus heiterem Himmel: ›Bist du nicht der Kerl, der aus dem Ausland kommt?‹ Ich nickte und wollte ihm erklären, dass ich schon seit zehn Jahren hier in Donegal lebte, aber er fiel mir ins Wort: ›Ich hab einen Deutschen getötet.‹ Meine Entgegnung, ich sei aus der Schweiz, wischte er mit unwirscher Handbewegung beiseite. ›Ich hab einen Deutschen getötet!‹ ›Im Krieg?‹, fragte ich vorsichtig. ›Autounfall!‹ Meine Bemerkung, das tue mir leid, gefiel ihm nicht. ›Mir tut es gar nicht leid! Und wie sieht es mit dir aus? Was hast du verbrochen?‹ Ich zuckte mit den Schultern, sein Kiefer mahlte. Hinter dem Tresen wurde die Geschirrspülmaschine geöffnet, eine Dampfwolke beschlug die Brille des Mannes: ›Schön. Behalt es für dich, kein Problem. Behalt es für dich, genau wie all die anderen. Aber so wird man krank! Ein Magengeschwür wirst du dir holen, Krebs!‹, sagte er, ›behalt es für dich, und du wirst krank. Ich erzähl alles. Du kannst mich fragen, was du willst, ich erzähl dir alles!‹

Als sich der Dampf verzogen hatte, konnte ich das Schild lesen, das hinter ihm über der Spüle hing: ›Mr Credit is on vacation. Until further notice deal with Mr Cash.‹ Der Mann drehte mir den Rücken zu. Aus dem Riss auf der Schulter seiner Jacke quoll gelbes Futter. Ich hätte beinahe daran gezogen, wie als Junge, als ich das Futter aus dem Bauchriss meines Teddys gezerrt hatte, bis ich eine schlaffe, unförmige Bärenhülle in Händen gehalten hatte. Eine Haut aus synthetischem Fell, die ich mir damals gern übergestreift hätte. Mit wem teilst du jetzt die Glücksmomente, die klein sind, aber doch groß genug, dass man sie eben teilen will? Mit keiner. Diese Erkenntnis fuhr mir als Schlag in den Nacken, ich ging für Tage gebückt, ein steifer Greis; meine Knochen knirschten, als hielten rostige Nägel sie zusammen.

Die weißhaarige Dame, die in der Schlange auf dem Postamt vor mir stand, wandte sich mir schließlich zu, nachdem sie mich eingehend gemustert hatte. Sie musste auf die Zehenspitzen, um mein Ohr zu erreichen: ›Ich kann nicht sterben, junger Mann, ich kann einfach nicht sterben!‹, flüsterte sie. Sie roch nach Schnittblumen und hatte Lippenstift an den Schaufelzähnen. Die Frage, ob sie denn sterben wolle, fiel mir erst Stunden später ein. Den Geschmack der Briefmarke, die ich nach der Dame am Schalter kaufte und auf das Couvert mit den Scheidungsdokumenten klebte, diesen Geschmack nach Brombeeren behielt ich tagelang auf der Zunge.

Für eine Weile kaufte ich nur ein, was auf den Zetteln stand, die ich in den Einkaufskörben bei SUPER VALUE fand. Leber, Zungenwurst, Spaghetti mit Tomatensauce aus der Dose. Ich aß Dinge, die ich sonst nie aß, und vermisste sie trotzdem. ›Ihr Männer seid ja so arglos!‹ Hatte sie das wirklich gesagt und damit mit einem Satz zugegeben, was sie Monate abgestritten hatte? Misstrauisch, aber gleichwohl arglos, jawohl. ›Ich muss ihn sehen! Für mich ist es auch nicht einfach!‹ Wollte sie etwa für ihren Mut, sich auf einen anderen Mann eingelassen zu haben, von mir gelobt werden? Ich hängte Bilder ab, verrückte Möbel, strich Zimmerwände. Immer wieder fand ich mich vor dem Käfig, in dem ihr Papagei VIAN saß, beleidigt, verschüchtert und schmollend, weil sie nicht einmal in Erwägung gezogen hatte, ihn mitzunehmen. VIAN, ihr Hausgott, der die letzten Jahre alles beobachtet hatte, was in den Zimmern, in denen sein Käfig gerade stand, zwischen uns vorging. Er hatte mit spöttischem Gesichtsausdruck zugesehen, wie wir miteinander schliefen, und er hatte, schimpfend, mitbekommen, wie wir uns stritten. Ihr Papagei, den wir in unserem Auto aus der Schweiz auf die Fähre durch den Zoll nach Irland geschmuggelt hatten und der von ihr nun ebenso zurückgelassen worden war wie ich, unterwegs zu neuen Weidegründen. Es war nicht schön, was ich dem Vogel zu sagen hatte, sein Kreischen war mir von Anfang an zu laut gewesen. ›Da hockst du jetzt mit einem, der dich nicht ausstehen kann, du dummer, dummer Vogel‹, sagte ich zum Beispiel, worauf er hochmütig den Federkopf zur Seite neigte, ein Bein hob, einen weißen Faden in die Käfigecke schiss und den einzigen Satz loswurde, den sie ihm hatte beibringen können: ›Bern isch schön!‹ Abgesehen von diesem Satz konnte VIAN die Klospülung so perfekt nachahmen, dass wir immer wieder darauf hereinfielen. Ich warf ein Tuch über den Käfig, es wurde Nacht für ihn, und er gab Ruhe. Funktionierte seine innere Uhr tatsächlich nur über das Tageslicht, über Hell und Dunkel?

Teller zerbrachen mir in der Hand, Weingläser. Durfte ich aus der Flasche trinken? Ich trank gar keinen Alkohol mehr, keinen Tropfen, auch darin hatte sie unrecht gehabt. Meine Schuhe stellte ich immer mit der Spitze zur Wand, Kinder, die zur Strafe in der Ecke stehen. Meine nackten Füße sahen aus, als gehörten sie zu einem anderen Mann. Würdest du sie auch in Socken erkennen, fragte ich mich? Ich hörte auf, ihr eine Krankheit an den Hals zu wünschen, die sie schneller tötete als das Leben. Mir wurde bewusst, dass ich nie mehr mit ihren Eltern zu tun haben würde. Welche Erleichterung! Nie mehr mit dieser Mutter, die ihren Mund aufriss, wenn sie lachte, und dabei keinen Ton von sich gab. Nie mehr mit diesem Vater, von dem zu befürchten war, dass er jede Sekunde explodieren und seine geheuchelte Freundlichkeit abstreifen könnte wie ein Boxer den Mantel. Und was sollte ich von der Erleichterung halten, die mich jeden Tag mehrmals überkam, seit sie weg war, das Gefühl der Befreiung, das mich entsetzte, beschämte, vor allem jedoch diebisch freute?

Der Junge, der viele Jahre geduldig darauf gewartet hatte, wieder leben zu dürfen, und den ihr Verrat in mir wiedererweckt hatte, dieser Junge sorgte dafür, dass meine Haut spannte wie ein Kostüm, aus dem ich herausgewachsen war. Es gab also doch ein Entkommen aus dem gemeinsamen Kerker. Ich kam mir vor, als hätte ich jahrelang fremde Schuhe getragen, nun hatte ich plötzlich die eigenen an, und sie drückten nicht. Ich wanderte durch die Zimmer des Hauses, das mit einemmal nicht mehr zu groß war für mich allein, auf der Suche nach letzten Sachen von ihr, die ich beseitigen konnte. Aber ich fand nichts. Nichts, nur den betrübten Papagei. Sie hatte alles mitgenommen, jede Spur verwischt. Hatte sie je hier gelebt? Das gerahmte Hochzeitsfoto hatte ich schon lange von der Wand genommen, in einer Schublade versenkt und durch eine Aufnahme von Dick und Doof ersetzt, auf der die zwei Komiker hohe Spitzhüte trugen und Händchen hielten, nun verbrannte ich das Hochzeitsbild in der Spüle. Das beschichtete Papier fing nicht sofort Feuer, es bog sich, zog sich zusammen, dann ging ein Schauer über das ...

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