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Das Rad der Ewigkeit

ÜBER DEN AUTOR

Tibor Rode, 1974 geboren, arbeitet als Autor, Rechtsanwalt, Mediator und Lehrbeauftragter in Hamburg. Mit zwölf Jahren wurde er als jüngster Teilnehmer in das vom Bundesbildungsministerium initiierte Programm »Kreatives Schreiben« aufgenommen. Neben Studium und Beruf war Tibor Rode lange Jahre für verschiedene Medien als Journalist tätig.

Tibor Rode lebt mit Familie und Hund in Schleswig-Holstein.

DAS RAD DER EWIGKEIT ist sein erster Roman.

Tibor Rode

Das Rad der Ewigkeit

Roman

BASTEI ENTERTAINMENT

Für
Sandra, Cécilia und Josephine
– und M.

»Die Konstruktion der immerwährenden Bewegung
ist absolut unmöglich …«
Französische Akademie der Wissenschaften, 1775

PROLOG

Vieles, was ich früher für unmöglich hielt, scheint nach den unglaublichen Erlebnissen der vergangenen Monate nun doch möglich zu sein. Dazu gehört auch, dass man mehr als nur ein Leben haben kann. Mein erstes Leben habe ich gemeinsam mit dem Namen Robert Weber hinter mir gelassen. Mein zweites Leben hat gerade begonnen. Und wie jeder Neugeborene werde auch ich nie wieder dorthin zurückkehren können, woher ich gekommen bin. Im Unterschied zu einem Säugling erinnere ich mich jedoch an meine vorherige Existenz – und kann daher erzählen, wie es zu ihrem Ende kam.

Während ich dies aufschreibe, blicke ich über die unendliche Weite eines Meeres. An manchen Tagen, an denen der Wind stillsteht, erscheint nicht weit entfernt von der Küste eine Luftspiegelung, die man für eine kleine Insel halten könnte. Versucht man jedoch mit einem Boot zu ihr überzusetzen, löst sie sich immer mehr auf, je näher man ihr zu kommen scheint.

An Avalon dachten einst die Italiener, als sie eine solche Fata Morgana in der Straße von Messina entdeckten. Avalon, die mystische Insel aus der Artussage: ein Ort, den nur Eingeweihte erreichen können. Ich verstecke mich nun schon seit Monaten vor denen, die an das Unmögliche geglaubt haben. Und wenn ich hier sitze und über all das Abenteuerliche und Fantastische nachdenke, was mir passiert ist – und was ich Ihnen von Beginn an erzählen möchte –, dann kann ich nicht mit Bestimmtheit sagen, ob nicht ich es bin, der auf Avalon sitzt und zur Küste der Normalsterblichen hinüberschaut. Denn alles um mich herum ist unwirklich geworden.

Vielleicht gerade deshalb erkenne ich heute dort Zeichen, wo ich früher keine sehen konnte.

Als kleiner Junge hätte ich eine Walnusshälfte stundenlang anstarren können, ohne auf die Idee zu kommen, dass sie mit ihrer Form und dem Muster ihrer rauen, von Furchen durchzogenen Oberfläche dem menschlichen Gehirn ähnelt. Ich war als Jugendlicher stolz darauf, die Schale nur mit der Kraft meiner Hand mühelos knacken zu können, wusste aber nicht, dass die Nuss wertvolle Fettsäuren enthält, die ausgerechnet dem Gehirn nützlich sind.

Oder die Herbst-Zeitlose. Ich kannte sie als giftige Pflanze, die ich früher gemeinsam mit meinem Großvater aus dem Waldboden riss, um ihre Knollen meiner Großmutter zu bringen, damit sie daraus ein Hausmittel gegen ihre Gicht herstellen konnte. Was mir damals nicht auffiel, war die Ähnlichkeit zwischen dem Aussehen einer an Gicht erkrankten Zehe und der heilbringenden Knolle.

Es ist diese unscheinbare Signatur der Dinge, die ich erst in jüngster Zeit entdeckt und verstanden habe.

Es war keine Erleuchtung, die mir diese Erkenntnis verschaffte. Auch kein metaphysisches Ereignis im eigentlichen Sinn. Es war die Tatsache, dass mir etwas passierte, was scheinbar jedem von uns hätte geschehen können.

Merkwürdig ist, dass es ausgerechnet mich als Physiker und Patentanwalt traf. Wäre mir der Zusammenhang früher aufgefallen, hätte ich ihn als Zufall abgetan.

Inzwischen weiß ich, dass wir Menschen – wie alle anderen Dinge und Lebewesen auf dieser Erde – eine Signatur besitzen. Und alle Geschehnisse der vergangenen Monate standen im untrennbaren Zusammenhang mit meiner ganz eigenen Signatur.

Und je länger ich darüber nachdenke, umso mehr bin ich der Überzeugung, dass Johann Elias Bessler alias Orffyreus und ich mit derselben oder wenigstens einer ganz ähnlichen Signatur geboren wurden – nur dass uns dreihundert Jahre trennen. Es ist daher folgerichtig, dass ich auch über ihn erzähle, denn aufgrund unserer Signaturen sind seine und meine Lebensgeschichte eng miteinander verwoben.

Sollte ich auf meiner Reise nach Avalon – oder während meines Aufenthalts auf dieser sagenumwobenen Insel – doch noch für immer verloren gehen, möchte ich darauf hinweisen, dass nicht nur jeder Anfang unweigerlich auf ein Ende hinführt, sondern in jedem Ende immer auch ein neuer Anfang enthalten ist.

Die Sonne geht nur auf, um im selben Augenblick woanders unterzugehen, und sie geht nur unter, um anderenorts gleichzeitig wieder aufzugehen. Und während Sonne und Erde einen scheinbar ewigen Kreislauf bilden, bin ich auf einen weiteren Beweis für die unendliche Kraft der Natur gestoßen:

Das Perpetuum mobile.

1

Der Mann vor mir schaute mich aus tiefliegenden blauen Augen an. Leicht hätte man den Ausdruck in seinem Blick für Trauer halten können, ich wusste aber, dass es vor allem Müdigkeit war. Die kurz geschnittenen dunkelblonden Haare zeigten an den Schläfen einen ersten Schimmer von Grau, der vor einigen Wochen noch nicht zu erkennen gewesen war; das Gleiche galt für die Falten unter seinen Augen. Daher wirkte derjenige, der mir hier so unverhohlen entgegenstarrte, wie vierzig oder noch älter, doch er war erst zweiunddreißig Jahre, vier Monate und drei Tage alt.

Die Nase war nicht ganz gerade, sondern hatte einen leichten Knick in der Mitte, aber vielleicht fiel dies auch nur mir auf. Mein Gegenüber verzog das Gesicht zu einem gekünstelten Lächeln, das in den Mundwinkeln spannte. Eine Reihe blitzweißer Zähne kam zum Vorschein. Zähne verrieten den Gemütszustand ihres Besitzers nicht, dachte ich. Ich hatte den Mann bereits an den verschiedensten Orten getroffen: in Toiletten, an Seen oder flüchtig beim Schaufensterbummel. Doch heute kam er mir reifer vor. Er trug denselben Anzug wie ich und hatte zudem mit einem Meter zweiundachtzig haargenau meine Körpergröße. Auch unsere Namen waren identisch: Robert Weber. Hinter seinem Rücken öffnete sich plötzlich eine Tür, und ich sah, wie eine junge Frau zu ihm trat. Ihr schwarzes Kostüm betonte ihre atemberaubende Figur, und ihre langen Haare fielen wild über ihre schmalen Schultern. Ich drehte mich um und gab ihr einen Kuss.

»Die Anwälte sind da – mit dem Vertrag!«, sagte sie und ordnete mit einer liebevollen Geste meine Frisur. Sie warf meiner seitenverkehrten Kopie einen flüchtigen, aber verführerischen Blick zu und verschwand durch die Tür, durch die sie gekommen war.

Ich fing mit beiden Händen das kalte Wasser auf, das seit geraumer Zeit vor mir in den Abfluss plätscherte, und warf es mir ins Gesicht. Dann drehte ich den Wasserhahn zu, nahm eines der flauschigen Handtücher und trocknete mir damit Gesicht und Hände. Anschließend verabschiedete ich mich von meinem Spiegelbild im Badezimmer des Empire Riverside Hotels.

Wenn mein Ebenbild und ich uns das nächste Mal wiedersahen, würde ich um dreißig Milliarden und eine Million Euro reicher sein – und erneut auf der Flucht.

Einige Monate zuvor

Es war ein sogenannter italienischer Torpedo, der meine Karriere beenden sollte. Kurioserweise war ich es selbst, der ihn abfeuerte. Dem ging eine Entscheidung voraus, auf welcher Seite ich stehen wollte. Ich hatte die Wahl zwischen der richtigen und der einzig möglichen. Natürlich entschied ich mich für Letzteres.

Alles hatte mit meiner ersten Anstellung als frischgebackener Patentanwalt begonnen.

Wer bei dem Beruf des Patentanwalts an einen Juristen denkt, der irrt. Wer Patentanwalt werden möchte, muss nicht Jura studieren. Erforderlich ist vielmehr ein naturwissenschaftliches oder technisches Studium.

Ich hatte Physik studiert. Meiner Universitätszeit schloss sich eine Zusatzausbildung in einer Patentanwaltskanzlei und beim Deutschen Patentamt an. Die abschließenden Prüfungen zum Patentanwalt absolvierte ich als einer der besten meines Jahrgangs. Dabei trieb mich nicht der unbedingte Wille an, beruflich ganz nach oben zu kommen, sondern vielmehr der Wunsch, es einmal besser zu haben als meine Eltern. Dies erscheint mir im Nachhinein seltsam, da auch sie bis heute ein recht gutes Leben geführt haben.

Mein Vater hatte jahrzehntelang als Flugzeugmechaniker am Hamburger Flughafen gearbeitet, bis er wegen eines Rückenleidens in Frührente gehen musste. Meine Mutter war Krankenschwester und halbtags in einem evangelischen Krankenhaus tätig. Das Leben in unserer Familie verlief zumeist harmonisch: Wir hatten oft Spaß miteinander und unterstützten uns gegenseitig, und es gab selten Streit. Alles, was wir nicht hatten, war Geld. Merkwürdigerweise führte allein dieser Mangel zu der allgemeinen Annahme, dass es mir einmal besser ergehen müsste als meinen Eltern. Weder mein Vater noch meine Mutter noch irgendein Vorfahre, an den man sich erinnerte, hatte studiert, und so war es von frühester Kindheit an eine ausgemachte Sache, dass ich der Erste aus der Familie Weber sein würde, der eine Universität besuchen sollte. Ich werde niemals den Blick meines Vaters bei der Abschlussfeier der physikalischen Fakultät vergessen. An diesem Tag erhielt nicht nur ich ein Diplom verliehen, sondern auch er. Wie viel größer war der Stolz meiner Eltern, als ich auch noch Anwalt wurde. Ich war der erste Anwalt, den sie persönlich kannten.

Mein guter Abschluss brachte mir ein Angebot der bekanntesten Patentanwaltskanzlei in Hamburg ein, und so begann ich meine Laufbahn in einem Büro in der Hamburger Hafencity. Mein Büro verfügte über bodentiefe Fenster und bot einen fantastischen Ausblick auf die Elbe. Diesen Ausblick ersparte ich mir jedoch bereits nach meinem ersten Arbeitstag: Obwohl ich vier Stockwerke über dem Fluss an einem Schreibtisch saß, löste der Anblick des sich leicht bewegenden Wassers bei mir das gleiche Gefühl von Seekrankheit aus wie bei einer längeren Schiffsfahrt.

Ich weiß nicht, ob die Nähe zu einem Gewässer in mir die Idee zum Abschuss des italienischen Torpedos auslöste. Wahrscheinlicher ist, dass es der unerträgliche Charakter meines ersten eigenen Mandanten war. Er gehörte zu dem Typ Mensch, der als junger Erwachsener ohne große Mühe zu Geld gekommen war und dies vor allem seiner Rücksichtslosigkeit verdankte. Als Anwalt war ich für ihn genauso wenig respekteinflößend wie alle anderen, die er bezahlte – einschließlich seiner Ehefrau. Sie war gut halb so alt wie er und begleitete ihn zu dem Termin in unserer Kanzlei. Begleitet wurde sie wiederum von einem kleinen Schoßhund, der schnüffelnd zwischen unseren Beinen umherirrte. Wir saßen im Konferenzraum der Kanzlei, der Besprechungszimmer und Visitenkarte zugleich war; aufgrund seines atemberaubenden Blicks über das Panorama des Hamburger Hafens erinnerte er eher an eine Aussichtsplattform.

»Sie müssen jemanden zur Räson bringen«, begann mein neuer Mandant das Gespräch und lächelte. Ich schätzte ihn auf etwa siebzig Jahre. Seine Haare wirkten durch den Kontrast zu der typischen Gesichtsbräune eines Golfspielers noch weißer, als sie eh schon waren. Er hatte wohl ursprünglich einen sorgsam gekämmten Scheitel getragen, doch jetzt standen einige Strähnen senkrecht nach oben. Für mich verriet die Frisur, dass er Cabrio-Fahrer war. Auch in unseren Büroräumen hatte er seine Sonnenbrille nicht abgenommen.

Dr. Hans Grünewald, einer der Seniorpartner der Kanzlei, hatte diesen Termin mit diesem Mandanten vereinbart, konnte nun aber nicht selbst an dem Treffen teilnehmen. So durfte ich jetzt zum ersten Mal ganz allein – ohne einen der Seniorpartner an meiner Seite – einen Mandanten betreuen und war deshalb recht angespannt. Dies war auch einer der Gründe, weshalb ich auf seine aggressive Eröffnung zurückhaltend reagierte.

»Erzählen Sie bitte erst einmal, worum es geht«, ersuchte ich ihn.

Er ignorierte meine Bitte. »Ich möchte alles pfänden lassen, was sie besitzt«, erklärte er und grinste selbstgefällig. »Das ist wichtig. Ein Blutbad, ich will ein richtiges Gemetzel. Es muss wehtun!«

Er warf seiner Ehefrau einen Blick zu, als ob er von ihr erwartete, dass sie seine Forderungen bekräftigte. Doch sie lächelte verlegen und beugte sich zur Seite, um ihrem Hund ein Leckerli zu geben.

»Ich bin kein Auftragsmörder oder so etwas«, entgegnete ich etwas ärgerlich.

Das Grinsen im Gesicht meines Mandanten erstarb, und er schaute mich überraschend ernst an. »Nicht?«, fragte er mit gespielter Enttäuschung. »Aber Hans hatte mir doch jemanden mit Killerinstinkt versprochen!«

Sogleich brach er in heftiges Lachen aus.

2

Gera, 1712

Der Platz vor dem Richter’schen Freihaus war überfüllt. Immer mehr Neugierige drängten auf den Nikolaiberg und schoben dabei die in der ersten Reihe Stehenden gegen die aus Holz gefertigte Bühne. Hinten fluchte man, weil vorne scheinbar nicht aufgerückt wurde; vorne stießen die Leute Verwünschungen gegen ihre Hintermänner aus, weil sie zu sehr drückten.

Auf dem Podium vor der Menschenmasse erhob ein Mann seine kräftige Stimme und versuchte, gegen den Lärm anzuschreien. Er war ein gut aussehender Mann im besten Alter und von ungewöhnlich großer Statur. Auf seiner Allongeperücke bildete das Mehl einen weißen Schleier wie Raureif; ein untrügliches Zeichen von Wohlstand, da das Pudern der Perücken mit Mehl gerade erst mit einer kräftigen Steuer belegt worden war. Die Kleidung des Mannes entsprach der eines Adeligen. Über der modischen Kniehose trug er ein weißes Hemd, darüber eine kunstvoll bestickte Weste. Der nur leicht geöffnete, samtblaue Justaucorps fiel gerade bis über die Knie und wies so gut wie keine Taillierung auf. Um den Hals hatte der Mann die obligatorische Cravate gebunden, was in diesem Fall nichts anderes war als ein schneeweißes Halstuch.

»Ihr Bürger von Gera, tretet näher und bestaunt hier in Eurer Stadt eine Premiere. Seid Zeuge, wie der vom Genius erleuchtete Orffyreus – das bin ich – erstmals der Öffentlichkeit das triumphierende Perpetuum mobile präsentiert!«

Die Ankündigung ging in der Geräuschkulisse unter. Auf die Rufe aus den letzten Reihen, was man denn genau präsentieren würde, rief von vorne jemand: »Peter der Mollige«, die hinten Stehenden verstanden »destillierten Äther aus Wolle«. Das Gedränge nahm weiter zu.

Fahrende Händler oder Gaukler kamen gerade in den Sommermonaten immer wieder nach Gera, um ihre Wunderwaren feilzubieten oder gegen ein paar Pfennige aufsehenerregende Attraktionen aus aller Welt zu präsentieren. Nach den verheerenden Bränden, die in den letzten Jahren große Teile der Stadt heimgesucht hatten, gierte das Volk nach jeder Ablenkung, die sich ihm bot.

Der Aussteller, der sich heute an sie wandte, hatte in den beiden Tagen zuvor unter größter Geheimhaltung ein gewaltiges Rad aus Holz auf dem Podium errichtet. Es war so groß wie zwei ausgewachsene Männer und ruhte auf einer Holzachse zwischen zwei starken Pfosten. Dabei maß es in der Tiefe etwa vierzehn Zoll und glich in seinem Aufbau somit eher einer Trommel. Beide Seiten des Rades waren mit dünnen Holzbrettern vernagelt. Von dem Rad führten Streben in das Innere eines Kastens, der mit einem Wachstuch verhängt war, um neugierige Blicke abzuwehren.

Nachdem die Menge sich endlich beruhigt hatte, fuhr der Mann, der sich Orffyreus genannt hatte, mit seiner Ankündigung fort.

»Sogleich, mein wertes Publikum, werde ich, Orffyreus, dieses Rad anstoßen, und zwar mit dieser Hand.« Bei diesen Worten reckte er seine Hand wie ein Ertrinkender in die Höhe und streckte sie theatralisch nach allen Seiten aus. Plötzlich herrschte absolute Stille.

»Das Rad wird sich dann zu drehen beginnen, und zwar in jene Richtung.« Bei diesen Worten wandte der Mann seinen Körper mit einer raschen Bewegung nach links und zeigte in eine der schmalen Gassen hinauf zur Mühle. Alle Blicke folgten seinem Zeigefinger.

»Und dann, verehrte Augenzeugen, wird das Rad sich …« – er machte eine kurze Pause, bevor er fortfuhr – »… weiterdrehen.«

Ein Stöhnen ging durchs Publikum.

»Und weiterdrehen …«

Jetzt war nur noch ein deutlich leiseres Raunen zu vernehmen. Dann aber wurden die Zuschauer unruhig und begannen, sich aufgeregt miteinander zu unterhalten.

Ein schlaksiger Kerl, der auf einen Marktstand geklettert war, krakeelte mit heiserer Stimme: »Ein drehendes Rad? Was soll denn daran besonders sein?«

Andere stimmten ihm zu.

Von irgendwo flog ein brauner Kohlkopf auf die Bühne, der Orffyreus aber weit verfehlte.

Der fremde Aussteller erstarrte in diesem Moment. Er schloss die Augen, breitete die Arme aus, als würde er gleich zum Himmel emporfahren, und rief mit donnernder Stimme: »Schweigt, Ihr verdammten Sünder! Sonst wird der Herr Euch alle bestrafen!«

Augenblicklich herrschte wieder gespenstische Ruhe auf dem Platz.

»Das Rad …«, schrie Orffyreus, wobei seine Schlagader und die Sehnen am Hals hervortraten, »dieses Rad, welches ich erfunden habe, wird, wenn es von mir einmal angestoßen wurde, nie wieder anhalten! Es wird sich bis in alle Ewigkeit weiterdrehen! Selbst dann noch …« – er öffnete wieder die Augen und lehnte sich weit nach vorn, wodurch er in das Publikum zu fallen drohte –, »… wenn Ihr alle bereits tot und verfault seid!«

Bei den Worten »tot« und »verfault« stöhnte die Menge auf.

»Was Ihr Unwissenden hier seht, ja sehen dürft, ist ein Perpetuum mobile! Eine Apparatur, in der sich die göttliche Kraft, die Ewigkeit auf Erden manifestiert! Und ich habe sie erfunden! Ich – Orffyreus!« Bei den letzten Worten fasste er sich an die Brust und schaute ergriffen in den bewölkten Himmel.

Erstmals wichen die Zuschauer ein wenig vom Podium zurück, sodass sich die Welle zusammengepresster Leiber nun von vorn nach hinten über den Platz ausbreitete.

»Wenn Ihr also Gott sehen wollt, und zwar hier und jetzt, dann gebt einen kleinen Obolus in die Beutel meiner Gehilfen. Wenn die Beutel ausreichend gefüllt sind, um dem Herrn gerecht zu werden, werde ich mit dieser Hand das Rad anstoßen. Und Ihr werdet Zeuge der göttlichen Energie und Unendlichkeit!«

Wieder zeigte Orffyreus seine Hand, schloss die Augen und verharrte in dieser Pose auf dem Podium, als sei er in Stein gegossen worden. Gleichzeitig drängten sich mit spitzen Ellbogen vier schmutzige Burschen in abgewetzter Kleidung durch die Menge und forderten die Männer und Frauen mit drohenden Gesten auf, ein paar Pfennige in ihre Beutel zu werfen.

Nachdem einige Minuten vergangen waren, wurde die Menge erneut ungeduldig. Und als gar die Rufe und Beschimpfungen wieder zunahmen, blies der Mann auf dem Podium in ein großes Horn, sodass alle zusammenfuhren.

»Die prallen Beutel zeigen mir, dass Ihr gottesfürchtig genug seid. Nun werde ich das Rad anstoßen. Silence, bitte! Attention!«

Als es etwas ruhiger war, schritt der selbsternannte Erfinder zu dem Rad, fasste es auf der linken Seite so weit oben an, wie er nur greifen konnte, und gab ihm einen mächtigen Stoß nach unten. Das Publikum applaudierte. Das Rad nahm zügig an Fahrt auf und erreichte alsbald einen ruhigen und gleichmäßigen Lauf, sodass es weder langsamer noch schneller wurde. Gespannt starrten die Menschen vor der Bühne auf das Rad, und für einen Augenblick waren nur die klappernden Geräusche aus dem Inneren des Rades zu hören. Orffyreus schritt währenddessen stetig von einem Ende des Podiums zum anderen. Kurz bevor er jeweils kehrtmachte, zeigte er mit einer ausladenden Bewegung seiner Arme erst auf das Rad, dann in den Himmel und schließlich auf sich selbst.

Das Publikum beobachtete dieses Schauspiel einige Zeit, dann griff erneut Unruhe um sich.

»Ich kann hier nicht bis in alle Ewigkeit stehen, um abzuwarten, ob erst ich sterbe oder vorher das Rad stehen bleibt!«, rief ein Mutiger, der auf den Rand eines Brunnens gestiegen war, um einen besseren Blick auf das Rad zu haben.

Schallendes Gelächter brach aus.

»Da sitzt ein Zwerg drin!«, behauptete ein anderer mit lauter Stimme.

Abermals wurde herzhaft gelacht.

»Ja, entfernt das Wachstuch und zeigt uns, was oder wer das Rad antreibt!«, rief eine Frau.

»Ja, zeigt uns das Innere!«

Orffyreus versuchte vergeblich, das Publikum mit beruhigenden Handbewegungen und Gesten zu beschwichtigen. Zwischendurch deutete er immer wieder auf das Rad und in den Himmel.

Ein Knabe, der kaum älter als neun Jahre sein mochte, erklomm schließlich das Podium und rannte unter dem Gejohle der Anwesenden auf das Rad zu, um das Wachstuch herunterzureißen. Kurz bevor er es erreichte, wurde er von zwei Gehilfen, die Orffyreus assistierten, zu Fall gebracht und trotz seiner heftigen Gegenwehr vom Podest in die Zuschauermenge geworfen. Dies ermunterte nun weitere Wagemutige dazu, ebenfalls zu versuchen, auf das Podium zu gelangen, um einen Blick zu riskieren. Verzweifelt traten und schlugen die Gehilfen nach den meuternden Menschen, die von unten nach dem Bühnenrand griffen.

Aus der Menge flogen nun Gemüseabfälle, Fischköpfe und andere Überbleibsel des morgendlichen Markttreibens.

»Scharlatan, Betrüger!« Immer wütender wurden die Rufe aus dem Publikum.

Als die Anzahl derjenigen, die das Podium stürmen wollten, von den oben Stehenden nicht mehr zu bewältigen schien, ergriff Orffyreus eine am Boden bereitliegende schwere Axt. Mit wilden Schwüngen schlug er nach den Aufmüpfigen, die erschrocken zurückwichen.

Dann holte er mit der Axt zu einem mächtigen Hieb aus – gegen sein eigenes, sich immer noch gleichmäßig drehendes Rad. Die scharfe Schneide bohrte sich in das Holz hinein, die runde Konstruktion geriet aus dem Gleichgewicht und stürzte krachend nach hinten. Der am Rad über Streben befestigte Kasten wurde durch den Sturz ausgehebelt und im hohen Bogen in das Publikum katapultiert. Die vorne Stehenden stoben kreischend auseinander, um dem Geschoss zu entgehen, das auseinanderbrach, als es auf dem Boden aufschlug. Auch das Rad zerbarst am Rande des Podiums in Hunderte Teile, die meterweit in die Menge geschleudert wurden.

Die Panik, welche die Masse auf der Flucht vor den Trümmerteilen erfasst hatte, nutzten Orffyreus und seine Gehilfen. Gemeinsam sprangen sie von der Bühne und bahnten sich den Weg in eine der kleinen Gassen, die sternförmig in alle Richtungen aus der Stadt führten.

Bevor der kleine Trupp um Orffyreus den Platz verließ, griff er einen älteren Mann, der sich ängstlich gegen das Mauerwerk eines Hauses gedrückt hatte, um die Fliehenden passieren zu lassen, am Kragen. Er zog den Greis nahe zu sich heran und schrie ihm ins Gesicht: »Ich wollte Euch ein Stück Gott zeigen, Ihr aber habt nur den Teufel verdient!«

Wütend stieß Orffyreus den Alten von sich weg, sodass er rücklings auf den staubigen Boden fiel, und folgte seinen Knechten in den dunklen Schatten der Gasse.

3

»Ich bin ein guter Patentanwalt«, sagte ich in einem ruhigen, sachlichen Ton. »Schildern Sie mir bitte einfach den Fall, und ich werde sehen, was ich für Sie tun kann.«

»Endlich wird er ärgerlich!«, spottete mein Mandant und drehte sich zu seiner Ehefrau, die jedoch nicht darauf reagierte. »Nun gut«, meinte er daraufhin und richtete den Blick wieder auf mich; hinter der Sonnenbrille konnte ich seine Augen allerdings nur erahnen.

»Ich bin im Besitz eines Patents. Und dieses wird von einem Unternehmen verletzt. Und das müssen Sie bitte beenden.« Er hatte diese Sätze betont leise gesprochen, nun aber fügte er laut aufbrausend hinzu: »Und bei der Gelegenheit beenden Sie das Unternehmen, das mein Patent verletzt, bitte auch gleich mit! Pfänden Sie dort alles, was es zu holen gibt. Ich werde Ihnen eine Liste mit Gegenständen zur Verfügung stellen.«

Er schlug mit der Hand auf den Tisch. Ich registrierte, wie seine Ehefrau kaum merklich den Kopf schüttelte.

Die Geschichte, die ich in der nächsten Stunde mit viel Geduld aus meinem Mandanten wie aus einer alten, trockenen Zitrone herauspresste, unterschied sich nicht allzu sehr von den anderen Geschichten, die wir in der Kanzlei täglich hörten. Lediglich die Art, wie sie erzählt wurde, war lauter und ordinärer.

Der Mandant hatte das Patent vor Jahren von einem Maschinenbauunternehmen erworben. Dessen Betriebsinhaber, der sich mit dem Verkauf des Patents vor der sicheren Insolvenz retten wollte, verstarb kurze Zeit danach. Nun hatte mein Mandant herausgefunden, dass die Ehefrau des Verstorbenen den Betrieb übernommen und die Produktion weitergeführt hatte, ohne sich um den Verlust des Patents zu kümmern. Es war nun die Aufgabe unserer Kanzlei, die Frau abzumahnen und auf Schadensersatz zu verklagen. Ziel sollte es sein, die Patentverletzung zu unterbinden und, so mein Mandant, die Unternehmerin finanziell zu ruinieren. Auf meinen zaghaften Versuch hin, gegen diesen martialischen Wunsch zu intervenieren, hielt er mir einen Vortrag über die freie Marktwirtschaft und einen gesunden Darwinismus in einem solchen System. Schließlich gelang es mir, unter Hinweis auf die letzte Erhöhung unseres Stundenhonorars und die bereits verstrichene Zeit ihn samt Ehefrau und Hund aus dem Konferenzraum und auch aus der Kanzlei zu komplimentieren.

Zurück in meinem Büro schlich ich eine Weile um den Schreibtisch herum und starrte dabei immer wieder aus dem Fenster. Meinem Büro gegenüber lag der Containerhafen, und ich konnte beobachten, wie die riesigen, auf Schienen hin- und herfahrenden Kräne einen riesigen Behälter nach dem anderen von den Schiffen hoben und auf Bahnwaggons oder die Auflieger von Sattelzügen verluden.

Ich musste an Marie denken. Jedes Mal wenn wir von Süden den Elbtunnel erreichten und dabei die riesigen Containertürme passierten, sah sie lange auf die Stapel aus bunten Stahlkästen und wünschte sich, irgendeinen der Container mitnehmen zu können.

»Was da wohl drin ist?«, hatte sie dann gefragt und fast sehnsüchtig hinzugefügt: »Vielleicht Tausende von Schuhe oder ein Auto?«

»Oder eine Ladung trommelnder Batterie-Häschen aus China«, hatte ich grinsend geantwortet.

Marie aber war ernst geblieben. »Es wäre reine Glückssache, wenn man einen auswählt. Wenn man Pech hat, ist er sogar leer.«

Marie und ich waren inzwischen seit über einem Jahr getrennt. Und da sie die Beziehung für mich vollkommen überraschend beendet hatte, tat mir die Erinnerung an sie immer noch weh. Ich hatte schon seit vielen Monaten nichts mehr von ihr gehört. Seit der Trennung hatte ich mir vorgenommen, ihr einen Container ohne Absender zu schenken, sollte ich jemals zu sehr viel Geld kommen. Ich stellte mir vor, wie ich in den Hafen ging, wahllos einen aussuchte und ihn kaufte. Hoffentlich erwischte ich dann keinen leeren.

Während mir diese Gedanken durch den Kopf gingen, hatte ich den Schreibtisch ein weiteres Mal umrundet und blickte auf die rote Akte vor mir, die ich von der Patentanwaltsgehilfin zu dem Fall hatte anlegen lassen. Ich schlug sie auf. Ganz oben lag ein Schreiben meines Mandanten, das dieser selbst verfasst hatte, gerichtet an »die Patentverletzerin«. Weiter hieß es: »Dies ist die letzte Warnung. Solltest Du Miststück die Patentverletzung nicht einstellen, werde ich die Angelegenheit meinem Anwalt übergeben und dafür sorgen, dass Du in diesem Leben nicht mehr glücklich wirst. Denk daran, was mit Siggi geschehen ist. Ansgar.« Der Mandant duzte die Gegnerin. Offenbar kannten sie sich persönlich.

Ich tat, was ich niemals zuvor getan hatte. Es war keine übliche und noch nicht einmal eine angebrachte Handlung. Heute kann ich sie mir auch nicht mehr erklären. Vielleicht geschah es aus Trotz gegen meinen so unsympathischen Mandanten. Oder wegen meiner sentimentalen Erinnerungen an Marie kurz zuvor.

Ich griff zum Telefonhörer und wählte eine der in meiner Akte aufgeführten Nummern. Ich wollte schon wieder auflegen, als sich am anderen Ende der Leitung eine ältere, aber immer noch zarte Frauenstimme meldete.

»Ja?«

»Guten Tag, mein Name ist Robert Weber. Ich bin Patentanwalt. Herr Ansgar Kiesewitz hat mich beauftragt. Spreche ich mit Frau Ingrid Söhnke?«

Für einen Moment herrschte Schweigen am anderen Ende der Leitung.

»Legen Sie nicht auf!«, sagte ich schnell, etwas flehender als beabsichtigt. Wieder entstand eine Pause, bevor ich eine Erwiderung zu hören bekam.

»Sie sind also der Mann, der mich zur Strecke bringen soll?«, fragte meine Gesprächspartnerin trocken. Ich war nicht sicher, ob sie dabei verbittert oder süffisant klang.

»Ich bin der Anwalt, der von Herrn Kiesewitz wegen des Patentrechtsstreits beauftragt wurde«, stellte ich etwas umständlich klar. Ich fühlte mich plötzlich unwohl und bereute es schon, dass ich überhaupt angerufen hatte.

»Kiesewitz ist ein Mörder!«, drang es aus dem Hörer.

Ich brauchte einen Moment, bis ich mich wieder gefangen hatte.

»Ich verstehe nicht«, sagte ich.

»Er hat meinen Gatten auf dem Gewissen.«

»Ich verstehe immer noch nicht.«

»Kommen Sie mich besuchen, wenn es Sie wirklich interessiert; dann erkläre ich es Ihnen.«

Ich stockte. Als Patentanwalt war ich ausschließlich meinem Mandanten verpflichtet. Es war mir nicht nur berufsrechtlich verboten, mich über die Maßen mit der Gegenseite zu beschäftigen; es stellte sogar eine Straftat dar, für die ich ins Gefängnis kommen konnte.

»Ich komme«, versprach ich und konnte selbst nicht glauben, was ich hier tat.

»Samstag. Wann, ist egal, ich bin den ganzen Tag hier. Sie fahren auf den Hof und lassen die Betriebshalle links liegen. Dahinter steht ein kleiner Bungalow.«

»Ich werde gegen Nachmittag bei Ihnen sein.«

»Bis dann.«

Meine Gesprächspartnerin legte auf, und ich hörte das kurze Tuten des Besetztzeichens. Mit bedächtigen Bewegungen legte ich den Hörer auf, lehnte mich in meinem Bürostuhl zurück und lockerte meinen Krawattenknoten.

Ich war jung, erfolgreich – und auf dem direkten Weg in die Patentanwaltshölle.

Erstaunlicherweise fühlte ich mich nicht schlecht dabei.

4

Draschwitz, 1714

Seit der missglückten Aufführung in Gera waren zwei Jahre vergangen. Orffyreus hatte in der kleinen Stadt Draschwitz Zuflucht gefunden, die keine Tagesreise von Gera entfernt lag. Mit seiner Frau Barbara, den Kindern Jonas, Elias und David sowie der Magd Anne Rosine Mauersberger war er im leer stehenden Bediensteten-Trakt eines verfallenen Ritterguts untergekommen. Es bot auch genügend Platz für die fünf jungen Männer, die ihn begleiteten und ihm als Gehilfen dienten. Drei waren Waisen. Sie hießen Hannes, Franz und Paul und trugen alle den Nachnamen Moser. Sie waren Brüder, keiner älter als sechzehn Jahre. Orffyreus hatte sie aus einem Zuchthaus in Zittau freigekauft, wo sie wegen Bettelei inhaftiert gewesen waren. Sie zeigten sich dankbar für die zurückgewonnene Freiheit und folgten ihm gegen freie Kost und Logis. Gustav, ein bärbeißiger Knecht Ende zwanzig, hatte bereits Barbaras Vater gedient und war ihnen von deren Familie im Zuge der Mitgift überlassen worden. Ein weiterer Knabe, der sich Xaver nannte und dessen Alter niemand kannte, hatte sich ihnen in Meuselwitz angeschlossen. Er redete kaum, arbeitete aber im Austausch für eine tägliche Mahlzeit hart und zuverlässig.

Ihr neues Zuhause lag etwas versteckt am Rande der kleinen Gemeinde, was Orffyreus nach den Geschehnissen von Gera nur gelegen kam. Im Wirtshaus erzählte man sich, dass der Gutsherr, der Freiherr von Seitz, sein Vermögen in einer einzigen Nacht beim Pharaospiel verloren hatte. Sämtliches Gesinde außer einer einzigen Köchin und einer tauben Magd waren vom Freiherrn schon vor Jahren aus dem Dienst entlassen worden, sodass die ehemaligen Behausungen der Bediensteten verwaist waren.

Als Gegenleistung für die Unterkunft war anstelle eines Mietzinses vereinbart worden, dass Orffyreus, der seine eigene handwerkliche Begabung herausgekehrt hatte, einige dringende Reparaturarbeiten am Dach, an den Ställen und dem Brunnen des Ritterguts vornehmen sollte. Zudem hatte man sich darauf geeinigt, dass Orffyreus die große Scheune auf dem Gutsgelände nutzen durfte, um dort wissenschaftliche Experimente gegen Entgelt vorzuführen. Von den zu erwartenden Einnahmen sollten die Besitzer des Anwesens jeweils den fünften Teil erhalten.

Orffyreus und seine Begleiter hatten nach ihrer Ankunft nur sehr schleppend mit den vereinbarten Instandsetzungsarbeiten an den Gebäuden begonnen. Obwohl Orffyreus mit seinem Gefolge nun bereits seit zwei Jahren dort wohnte, waren sie kaum vorangekommen. Lediglich das Dach des großen Wohnhauses war gleich in den ersten Tagen notdürftig mit Platten vernagelt worden, um die Bewohner vor dem Regen zu schützen.

An den Ställen hatten sie damit begonnen, Holzlatten auszutauschen. Hierfür hatte Orffyreus den Ankauf großer Mengen Holz gefordert, doch der Freiherr und seine Frau benötigten allein ein Jahr, um das Geld dafür aufzubringen. Unter anderem mussten sie Vieh und wertvollen Familienschmuck aus besseren Zeiten veräußern. Orffyreus bot hierbei bereitwillig seine Hilfe an, und so nahm er eines Tages die Tiere und das Goldgeschmeide mit in die Stadt, um alles im Auftrag seiner Gastgeber treuhänderisch zu verkaufen. Jedoch, so berichtete er den enttäuschten Herrschaften nach seiner Rückkehr aus der Stadt, war es ihm wegen des dürftigen Zustands der Tiere und des Alters des Schmucks nicht gelungen, einen guten Preis zu erzielen. Nach Abzug einer kleinen Provision für sich selbst vermochte er kaum zwei Taler an die Verkäufer zu übergeben. Dennoch war zu guter Letzt eine Holzlieferung eingetroffen.

Obwohl dieser Holzstapel, der hinter den Stallungen lagerte, über die Monate stetig abnahm, war an den Ställen fast kein Fortschritt zu erkennen. Es war nur der nachlassenden Sehkraft und dem schlechten Gehör der gealterten Gutsbesitzer zu verdanken, dass diese nicht bemerkten, wie Orffyreus und seine Knechte mit dem Anbruch der Dunkelheit große Mengen der angekauften Bretter in die nahe Scheune schleppten und dort während der Nachtstunden unter lautem Sägen und Hämmern verarbeiteten.

Tagsüber verschwand Orffyreus oft für Stunden mit seiner großen Ledertasche in der Stadt und den umliegenden Dörfern.

Es hatte sich nach seiner Ankunft herumgesprochen, dass er von sich behauptete, nicht nur ein Baumeister, sondern vor allem auch ein erfahrener Mediziner zu sein. Er sei, so erzählte man sich, als Arzt durch Europa gereist und habe selbst Könige schon erfolgreich zur Ader gelassen. Und daher kam es immer wieder vor, dass eine Kutsche den Weg hinaus zum Rittergut fand oder spätabends noch ein Reiter auf einem erschöpften Pferd in den Hof preschte, um mit Orffyreus zur Behandlung eines erkrankten Familienmitglieds oder Herrn davonzueilen.

Diese Tätigkeit brachte Orffyreus einen beträchtlichen Nebenverdienst ein, sodass er und seine Familie in den Unterkünften für die ehemaligen Bediensteten bald fürstlicher lebten als die verarmten Gastgeber im Haupthaus.

An einem der ersten schönen Sommertage im Juli geschah es, dass Orffyreus beim Freiherr und seiner Gattin vorsprach, um das zu fordern, was bei ihnen am wenigsten vorhanden war.

Die beiden hatten Orffyreus im Salon empfangen und eine Tasse Kaffee servieren lassen. Man konnte nur raten, wie es ihnen gelungen war, an die kostbaren Kaffeebohnen zu gelangen. Ihr Genuss war wegen ihrer schadhaften Wirkung für Körper und Geist verboten worden, und seitdem stiegen die Preise in astronomische Höhen.

»Ich bin hocherfreut, Euch eine wichtige Mitteilung machen zu können«, eröffnete der stets fein gekleidete Orffyreus das Gespräch. »Meine Experimente sind nun so weit fortgeschritten, dass wir sie der Öffentlichkeit präsentieren können. Und wie Ihr wisst, haben wir die Abmachung, dass von den Erlösen dieser Vorführungen ein ganzes Fünftel Euch zustehen soll.«

Die Dame des Hauses stimmte dem angedeuteten Vorhaben entzückt zu; und ein großer Teil ihrer Freude bestand darin, dass sich ihr Gast noch an diese bei seiner Ankunft getroffene Abrede erinnerte. Es waren schlimme Zeiten, in denen jeder seinen Gewinn suchte.

»Es ist beruhigend, dass es noch Ehrenmänner wie Euch gibt, welche die Bedeutung des Wortes achten«, merkte sie an. »Offenbar haben wir es hier mit einem solchen zu tun!« Sie lehnte sich zurück und legte ihre Hände in den Schoß.

Ihr Ehemann, der gerne Wein trank und dessen Wangen von roten Äderchen durchzogen waren, warf Orffyreus einen erwartungsfrohen Blick zu.

»Ich rechne aufgrund der Einzigartigkeit meiner Erfindung mit einem erheblichen Vermögen aus den Eintrittsgeldern«, verkündete Orffyreus. »Und ich bin froh, dass ich auf diese Weise ein Stück Eurer überaus großen Gastfreundschaft zurückgeben kann.«

Nun lächelte die Dame verlegen, breitete ihren Fächer aus und versteckte ihr Gesicht dahinter, um sodann kokett hervorzublicken. Ihr Mann leckte sich mit der Zunge aufgeregt die Lippen. Offenbar schien er den angekündigten Geldsegen in seinen Vorstellungen bereits am Spieltisch zu verdoppeln.

»Jedoch«, fuhr der Besucher fort, »ist der Erfolg ernsthaft in Gefahr.«

Ängstlich riss der Mann seine Augen auf, und auch seine Ehefrau ließ erschrocken den Fächer sinken. Zu sehr hatten die letzten Jahre an ihnen gezehrt, und nun drohte sich die Hoffnung auf Geld – die seit Langem erste Aussicht auf neuerlichen Reichtum – wieder in Luft aufzulösen.

Beruhigend legte Orffyreus seine Hände auf je eine Hand seiner Gesprächspartner und senkte verschwörerisch seine Stimme. »Keine Sorge, wir können es noch abwenden.«

In den Blicken des alten Ehepaares keimte Hoffnung auf.

»Das Problem ist, dass dieser Ort hier, wie Ihr selbst wisst, sehr abgelegen ist. Die Menschen müssen davon erfahren, dass hier, auf Eurem Land, eine wissenschaftliche Sensation vorgeführt wird. Nur so können wir sie hierherlocken. Ich habe in den vergangenen Wochen viele Möglichkeiten geprüft und bin zu dem Ergebnis gekommen, dass wir Aushänge werden drucken müssen. Auch fliegende Blätter sollten wir verteilen.«

Orffyreus machte eine kurze Pause, um die Wirkung seiner Worte zu überprüfen. Seine Gegenüber sahen ihn weiterhin mit regungsloser Miene an.

»Meine Leute und ich sind gern bereit, diese schwierige Arbeit der Bewerbung auf uns zu nehmen. Jedoch werden wir für die Herstellung der Anschläge und der zu verteilenden Schriften Geld investieren müssen. Ich habe mich erkundigt; der Drucker in Seitz verlangt dafür einen vergleichsweise unwesentlichen Betrag.«

Wieder hielt Orffyreus inne und schaute erst den Freiherrn, dann die Freifrau mit zur Seite geneigtem Kopf an. Immer noch wirkten beide wie Statuen. Vergeblich wartete er auf eine Reaktion von ihnen.

»Leider ist der Betrag nicht so unwesentlich, dass ich allein dafür aufkommen könnte. Auch ist es ja so, dass Ihr von den Erlösen der Vorführung mit profitieren werdet. Hinzu kommt – es ist mir sehr unangenehm, darauf hinweisen zu müssen –, dass ich natürlich die Investitionen für den Bau meiner Erfindung in den vergangenen Monaten auch schon allein getragen habe.« Orffyreus senkte bei diesen letzten Worten seinen Blick zu Boden, als sei es ihm tatsächlich unangenehm, darüber zu sprechen. »Allein das viele Holz, welches ich für den Bau meiner Apparatur benötigte, hat meine Ersparnisse fast zur Gänze aufgezehrt.«

In die Dame des Hauses kehrte zuerst das Leben zurück.

»Aber nein, Inventore, das muss Euch nicht unangenehm sein. Wir wissen zu schätzen, was Ihr für uns tut!«

»Keineswegs wollen wir uns von Euch aushalten lassen, Inventore«, stimmte auch ihr Ehemann mit ein.

»Das habe ich nicht behauptet«, empörte sich Orffyreus und machte eine abwehrende Handbewegung.

»Es ist eine Selbstverständlichkeit, dass wir bei allen Mühen und Investitionen, die Ihr hattet, die Kosten für den Druck dieser Reklame-Blätter übernehmen«, erklärte nun der Gutsbesitzer und schaute dabei etwas unsicher zu seiner Frau.

»Naturellement!«, bestätigte diese sogleich und blickte ihrerseits mit gespielter Beschämung auf die abgenutzten Holzdielen des Salons, in denen der Holzbock hauste.

»Nur habe ich zuvor eine Frage, Herr Inventore, wenn Ihr erlaubt«, warf der Gutsbesitzer ein.

»Fragt, mein Herr.«

»Was genau ist eigentlich Eure Erfindung?«

»Eine sehr gute Frage«, lobte Orffyreus. Dann beugte er sich vor, blickte kurz nach links und rechts, als würde er sichergehen wollen, dass man unbeobachtet war, und antwortete mit flüsternder Stimme: »Es handelt sich wahrhaftig um ein triumphierendes Perpetuum mobile.«

»Wahrhaftig!«, wiederholte der Mann mit lauter Stimme und schlug sich mit den Händen auf die Schenkel, die in einer speckigen Kniehose aus grünem Samt steckten.

Und seine Frau rief etwas unsicher, dafür aber mit übertriebener Verzückung: »Ein triumphierendes! Und dies hier bei uns in Draschwitz! Welche Ehre!«

Es war deutlich zu spüren, dass beide noch niemals zuvor von diesem lateinischen Begriff gehört hatten und sich auch nicht das Geringste darunter vorstellen konnten. Doch offenbar verbat Ihnen ihre Stellung, diese Wissenslücke zuzugeben. Wenn das Geld in diesem Hause schon knapp war – die Bildung sollte es nicht auch sein. Der Gast, der geübt darin war, die Reaktionen seiner Mitmenschen auf den lateinischen Namen seiner Erfindung zu deuten, bemerkte dies selbstverständlich. Er dachte aber nicht daran, diesen Mangel an Wissen jetzt auszugleichen.

»Ich darf doch darauf vertrauen, dass Ihr dieses Geheimnis noch eine kurze Zeit für Euch bewahrt?«, fragte er stattdessen.

»Naturellement!«, bestätigten beide mit gespielter Empörung.

»Zurück zum Geld«, sagte Orffyreus plötzlich in einem sehr harschen Tonfall, der seine beiden Gesprächspartner zusammenfahren ließ. »Mir ist bekannt, dass die finanzielle Lage bei Euch derzeit ein wenig, wie soll ich sagen, angespannt ist. Wenn Ihr nicht in der Lage seid, das Geld für die Werbung aufzubringen, könnte ich mein Perpetuum mobile auch woanders ausstellen. Zentraler. Dann würde ich Euch Unannehmlichkeiten ersparen. Nur Eure Beteiligung – die wäre dann natürlich hinfällig.«

»Das kommt gar nicht infrage!«, riefen nun beide wie aus einem Munde und erhoben sich, so als wollten sie Orffyreus am Gehen hindern.

»Wie Euch vielleicht aufgefallen sein mag, haben wir aktuell einen, na ja, kleinen Engpass, was die Liquidität angeht«, fuhr der Freiherr erregt fort. »Aber wir besorgen Euch das Geld.« Er wandte sich an seine Ehefrau. »Emalia, vielleicht ist es jetzt an der Zeit, dass du dich von deiner Kette mit dem Anhänger trennst.« Er hielt seiner Gattin die offene Hand entgegen.

Sie fasste sich unvermittelt an ihr Dekolleté und stieß einen schrillen Schrei aus. »Nein, die ist von meiner Frau Mutter. Das letzte Erinnerungsstück! Nicht diese Kette!«

Flehentlich sah sie zu ihrem Mann herüber und dann sich im Raum um, so als suchte sie etwas anderes, was noch versilbert werden konnte. Viel war indes nicht mehr vorhanden, da die beiden das wertvolle Mobiliar bereits vor langer Zeit versetzt hatten, um verschiedene Gläubiger zu befriedigen.

Unerwartet sprang Orffyreus ihr zur Seite. »Meine Dame, nie würde ich verlangen, dass Ihr dieses wertvolle Erbstück, dieses Kleinod Eurer geliebten Frau Mutter – der Herr hab sie selig –, verkauft!«

Die Frau stieß einen erleichterten Seufzer aus und umklammerte weiter mit der linken Hand den Anhänger, der an einer Goldkette um ihren Hals hing, gleich so, als müsse sie ihn beschützen.

»Wie wäre es, wenn ich Euch, und bitte versteht dies ausschließlich als Zeichen meiner Dankbarkeit und meiner Ehrerbietung, einen Kredit gewähre?«, fragte Orffyreus nun.

»Einen Kredit?«, entgegnete der Hausherr. »Wie sollen wir Euch glaubhaft zusagen, diesen zurückzuzahlen?«

»Oh, gar nicht!«, antwortete Orffyreus.

»Gar nicht?«, wiederholte der Freiherr irritiert.

»Ganz genau. Ich gewähre Euch einen Kredit. Ihr zahlt ihn zurück, indem ich Euch in der ersten Zeit der bald beginnenden Vorführungen – sagen wir, in den ersten sechs Monaten – das Euch zustehende Fünftel an den Einnahmen nicht auszahle, sondern es mit dem Darlehen verrechne. Danach erhaltet Ihr dann Monat für Monat Euren Anteil. Euch verbleibt somit noch immer genügend Zeit, um mit Eurer Beteiligung ein Vermögen anzuhäufen!« Orffyreus hatte seinen Einfall mit freudiger Stimme verkündet und blickte nun mit einem gespannten Grinsen in die Gesichter seiner Gastgeber. Nachdem die beiden einen Augenblick gebraucht hatten, um den Vorschlag zu verstehen, breitete sich auch auf ihren Gesichtern endlich Freude aus.

»Das würdet Ihr für uns tun, Inventore?«, fragte die Freiherrin.

»Wir stehen in Eurer Schuld«, sagte ihr Ehemann und vollzog im Sitzen eine angedeutete Verbeugung.

»Nicht doch. Ihr habt mich und meine Familie hier so selbstlos und warmherzig aufgenommen«, wehrte Orffyreus ab und erhob sich mit einem Sprung von seinem Sitzplatz.

Auch seine Gastgeber quälten sich aus den durchgesessenen Polstern ihrer Stühle.

»Schön, dass wir das geklärt haben«, sagte Orffyreus, griff nach seinem Mantel und machte Anstalten zu gehen. Plötzlich hielt er inne, als hätte er etwas vergessen.

»Ach, eins noch. Ich würde es für angebracht halten, wenn wir angesichts der Bedeutung des Perpetuum mobile während der Vorführungen ein Kreuz in der Scheune aufhängen.«

»Ein Kreuz?«, rief die Dame erstaunt.

»Ich denke, Ihr führt ein gottesfürchtiges Haus. Und Ihr wisst, dass sich nirgends die Kraft des Schöpfers so rein, so unvermittelt zeigt wie in einem funktionierenden Perpetuum mobile, das ewige Bewegung verspricht.«

Für einen kurzen Augenblick schienen seine Gesprächspartner verstört zu sein. Diesmal fand der Freiherr zuerst die Contenance wieder.

»Naturellement sind wir ein gottesfürchtiges Haus. Und naturellement ist es von größter Notwendigkeit, neben Eurem Pertu Nobile ein Kreuz aufzustellen. Ich könnte mir, offen gestanden, keine Präsentation ohne ein solches vorstellen.«

»Es freut mich, dass wir auch hier einig sind«, stellte Orffyreus zufrieden fest. »Da es Eure Scheune ist und das Kreuz mit Sicherheit dauerhaft hier auf Eurem Gut verbleiben wird, wäre ich dankbar, wenn Ihr diese kleine Anschaffung noch übernehmen könntet.«

»Nachdem Ihr uns in den anderen Dingen so entgegengekommen seid, wie könnten wir da ablehnen?«, sagte der Mann und wandte sich zu seiner Frau um. Ehe diese zu einer Reaktion in der Lage war, griff er nach ihrem Anhänger und riss ihn mit einem Ruck, der die Kette zum Reißen brachte, von ihrem Hals. Sie schrie auf und fasste sich an das Dekolleté, doch es war zu spät. Augenblicklich füllten sich ihre Augen mit Tränen.

»Nehmt dieses und erwerbt von dem Verkaufserlös ein Kreuz, welches Ihr für angemessen erachtet, mein Herr!« Der Freiherr hielt Orffyreus den Anhänger hin, von dem die zerrissene Kette herabhing.

Ohne zu zögern, griff er mit einer schnellen Bewegung zu. Er machte einen großen Schritt nach vorn und gab der nun von einem Weinkrampf geschüttelten Dame des Hauses einen sanften Kuss auf die Stirn.

»Es ist für Gott, meine Dame«, tröstete er sie mit warmherziger Stimme. »Ich werde für Eure Mutter beten. Ich durfte sie nicht kennenlernen, bin aber sicher, sie hätte es so gewollt.«

Die Freifrau jammerte bei diesen Worten noch lauter auf, um sich anschließend einem verzweifelten Schluchzen hinzugeben.

Orffyreus marschierte zur Tür, öffnete sie und drehte sich noch einmal um. Mit einer galanten Bewegung vollführte er eine angedeutete Verbeugung und verabschiedete sich dann beim Hinausgehen mit den Worten: »Ich empfehle mich!«

»Vielen Dank, Ihr seid sehr großzügig!«, rief der Hausherr ihm hinterher, bevor die Tür ins Schloss fiel. Dann überließ er seine weinende Frau sich selbst und eilte zu seinem bescheidenen Weinlager, um rasch eine Flasche vom Roten zu entkorken.

5

Der Kassierer an der Tankstelle in Göttingen hatte mir erklärt, wo ich die Maschinenbaufirma Söhnke & Söhne finden würde. Sie lag versteckt in einer kleinen Seitenstraße hinter einer Gärtnerei. Ich bog nun in die schmale Hofeinfahrt ein und hielt kurz meinen Wagen an.

Es war Samstagmittag, und der Betrieb lag verlassen vor mir. Das Unternehmen schien seine besten Jahre schon seit längerer Zeit hinter sich zu haben. Das Fabrikgebäude bestand aus rotem Backstein, der von der Witterung stark angegriffen war, und wirkte in seiner Bauweise wie ein Relikt aus einer anderen Epoche. Davor lagerten Holzpaletten, die mit wenig Sorgfalt hochkant nebeneinandergestellt worden waren; einige von ihnen waren bereits wieder umgestürzt. Überall auf dem Hof lagen zerschnittene Nylon-Banderolen. Mit ihnen war offenbar die angelieferte Ware gesichert gewesen, und nach dem Entfernen hatte man sie einfach achtlos auf den Boden geworfen.

Im Schritttempo fuhr ich weiter. Nach einigen Metern gab das Fabrikgebäude den Blick auf einen Bungalow frei. Er war in keinem besseren Zustand als das Fabrikgebäude und strahlte auf den ersten Blick eine gewisse Traurigkeit aus. Vielleicht lag es an den halb heruntergelassenen Rollos, die etwas von halb geschlossenen Augen hatten. Vor dem Bungalow befand sich ein schmales Blumenbeet, das schon lange nicht mehr gepflegt worden war. Direkt daneben parkte ich und stieg aus.

Für einen Moment machte ich mir Gedanken darüber, ob überhaupt jemand da war, weil ich mein Kommen erst für den Nachmittag angekündigt hatte: Ich war schneller hergekommen, als ich vermutet hatte, denn die von mir erwarteten Staus waren ausgeblieben, und die Fahrt von Hamburg nach Göttingen hatte nur etwa drei Stunden gedauert. Doch kaum hatte ich meine Autotür zugeschlagen, öffnete sich schon die Haustür des Bungalows. Heraus trat eine zierliche Frau. Ich schätzte sie auf Ende fünfzig. Sie blickte mich aus wachen, stahlblauen Augen ohne jede Feindseligkeit an. Als junge Frau musste sie sehr hübsch gewesen sein. Das Leben war jedoch nicht spurlos an ihr vorübergegangen. Ihre blonden Haare waren von ersten grauen Strähnen durchzogen. Um die Augen herum hatten sich kleine und größere Falten eingegraben, die von traurigen Erlebnissen zeugten. Sie kam mit energischen Schritten auf mich zu und hielt mir ihre Hand entgegen. Ihre gesamte Körperhaltung war nicht ohne Stolz, ihr Händedruck fest.

»Ich bin ein wenig früh«, sagte ich entschuldigend.

»Kommen Sie herein, ich habe einen frischen Kaffee für Sie, und wenn Sie sich benehmen, auch ein Stück Kuchen.«

Sie drehte sich um und marschierte mit einem solchen Tempo zurück ins Haus, dass ich Mühe hatte, ihr zu folgen. Kaum hatten wir die Türschwelle überschritten, schienen wir in eine andere Welt gekommen zu sein. So vernachlässigt es draußen auf dem Hof gewirkt hatte, so penibel ordentlich und aufgeräumt war das Innere des Bungalows. Er bestand aus nur drei Räumen. Die Hausherrin führte mich in das Wohnzimmer. Dort war bereits für zwei Personen eingedeckt. Wir setzten uns, und sie schenkte mir Kaffee ein.

»Ich denke, Sie trinken ihn schwarz«, erklärte sie und schaute mich dabei mit einem durchdringenden Blick an. Ich nickte, und sie musterte mich einen langen Augenblick. »Ist es üblich, dass Sie die Gegner Ihrer Mandanten persönlich aufsuchen?«

Ich schüttelte den Kopf und nahm, auch aus Verlegenheit, einen Schluck vom Kaffee.

»Brauche ich für diese Unterredung einen Rechtsanwalt?«, fragte sie. »Ich könnte jemanden anrufen. Er kommt auch am Samstag: ein Freund meines verstorbenen Ehemannes.« Dann fügte sie mit entwaffnender Ehrlichkeit hinzu: »Ein lieber Kerl, aber leider kein besonders guter Anwalt.«

Ich schüttelte abermals den Kopf. »Nein, ich denke, es ist nicht notwendig.«

Meine Gastgeberin nickte zufrieden. Sie nahm den Tortenheber und gab jedem von uns ein Stück von einem Apfelkuchen, der in der Mitte des Tisches stand.

»Ich habe keine Sahne«, sagte sie mit einem Lächeln. »Ich hoffe, es schmeckt Ihnen auch ohne.«

»Das ist gut«, entgegnete ich, erwiderte ihr Lächeln und legte meine rechte Hand auf meinen Bauch. »Also … Sie sagten am Telefon, mein Mandant, Herr Kiesewitz, sei ein Mörder?«

Sie zögerte. Schon befürchtete ich, sie würde zurückrudern.

»Nicht nur ein Mörder, sondern auch ein Vergewaltiger und Betrüger«, bemerkte sie nüchtern.

Ich atmete tief durch und legte die Kuchengabel auf dem Teller ab. »Sie müssen wissen … er ist mein Mandant. Ich habe nur die Fakten des aktuellen Falls zu berücksichtigen …«

Sie lachte auf. »Wenn es so wäre, dann hätten Sie sich wohl nicht die Mühe gemacht, hierherzufahren!«

Ich wusste nicht, was ich darauf entgegnen sollte.

»Ich hole mir einen Cognac, und dann erzähle ich Ihnen, was Sie über Ihren Mandanten wissen müssen«, fuhr sie fort. »Möchten Sie auch einen?«

Ich hob abwehrend die Arme. »Ich muss noch fahren.«

Sie ging zu der Anrichte am anderen Ende des Zimmers, öffnete die Schranktür und schenkte etwas ein. Dann kam sie mit zwei Gläsern zurück und stellte eines vor mir ab. Als sie merkte, dass ich protestieren wollte, legte sie mir für einen kurzen Moment beschwichtigend die Hand auf den Unterarm.

»Lassen Sie«, sagte sie. »Sie werden ihn brauchen.«

Sie setzte sich und schaute mich lange schweigend an. Offenbar suchte sie nach einem geeigneten Anfang für ihre Geschichte.

»Es gab eine Zeit, als Ihr Mandant und mein Siggi befreundet gewesen sind. Sie wuchsen in derselben Gegend auf. Es war keine schöne Gegend.«

Ich lauschte, ohne mich zu bewegen.

»Eines Tages zerstörte etwas diese Freundschaft«, fuhr sie fort. Ich blickte sie fragend an, und sie zeigte auf sich selbst. »Ich. Wir lernten uns an einem Tanzabend kennen. Eine Freundin von mir war auch dabei. Aber Ansgar und Siggi interessierten sich nur für mich. Ich mochte beide gern, damals war Ansgar noch … anders.« Sie verzog angewidert das Gesicht. »Aber ich verliebte mich in Siggi.«

Tief atmete ich durch. Ich hatte nicht damit gerechnet, in ein Liebesdrama verwickelt zu werden. Schon begann ich zu bereuen, den Weg nach Göttingen auf mich genommen zu haben. Ich blickte auf den halb leeren Kaffee vor mir, den Rest Kuchen auf meinem Teller. Was zum Teufel machte ich hier? Ich war Patentanwalt.

»Ansgar ist nie damit zurechtgekommen, dass ich mich gegen ihn und für Siggi entschieden habe. Er brach den Kontakt zu uns ab. Eines Tages traf ich ihn auf dem Geburtstag einer Freundin wieder. Ich war dort ohne Siggi hingegangen. Siggi hatte die Firma von seinem Vater übernommen. Sie stand eigentlich ständig vor dem Bankrott, und Siggi musste zu dieser Zeit viel arbeiten. Ansgar hingegen fiel das Geld nur so zu. Ich vermute, weil er unehrlichen Geschäften nicht abgeneigt war. An jenem Abend wurde viel getrunken. Ansgar und ich waren da keine Ausnahme. Irgendwann gingen alle Gäste fort; nur wir beide blieben noch da. Die Gastgeber hatten sich irgendwohin zurückgezogen, vermutlich zum Vögeln.«

Beim letzten Wort zuckte ich zusammen. Ich versuchte vergeblich, meine Reaktion zu verbergen. Für einen kurzen Moment huschte ein Lächeln über ihre Lippen, erstarb aber sofort wieder.

»Ansgar fiel über mich her. Ich versuchte mich zu wehren – schrie, biss ihn. Aber ich war zu betrunken. Er hat mich vergewaltigt.«

Ich spürte, wie ein Schauer über meinen Rücken lief, und sah meinen Mandanten vor mir, wie er vor einigen Tagen noch mit seiner getönten Brille und seiner jungen Frau in meinem Konferenzraum gesessen hatte. Ich wusste nicht recht, was ich sagen sollte.

»Haben Sie ihn angezeigt?«, fragte ich schließlich.

Sie machte ein verächtliches Geräusch. »Nein, habe ich nicht. Wer hätte mir schon geglaubt? Das Wort einer stark betrunkenen jungen Frau zählt nicht viel. Zumal ich früher auch kein Kind von Traurigkeit war.«

»Und Siggi … Entschuldigung, ich meine Ihren Mann?«, fragte ich.

»Er hat Ansgar fast totgeschlagen. Ich musste ihm gar nicht viel erzählen. Er hatte nur meine Verletzungen gesehen und mich gefragt: ›Wer?‹ Kaum hatte ich den Namen genannt, stürmte er los. Er erwischte ihn zu Hause in seinem Bett, wo er seinen Rausch ausschlief. Er hat die Tür eingetreten und mit einer Nachttischlampe auf ihn eingeprügelt. Ansgar überlebte nur, weil ein Nachbar eingriff. Ansgar kam ins Krankenhaus. Er verlor sein rechtes Auge.«

Deswegen also die Sonnenbrille, dachte ich.

Sie nahm einen Schluck von ihrem Cognac. »Siggi musste ins Gefängnis. Ein Jahr saß er ab.«

»Und die Vergewaltigung?«

Sie schüttelte den Kopf. »Ansgar wollte Rache. Er lauerte auf die Gelegenheit, sich an Siggi zu rächen. Und er bekam sie.«

Ich spürte, wie die Anspannung in mir wuchs. Nun schienen wir zu dem Punkt zu kommen, der für meinen Fall eine entscheidende Rolle spielte.

»Während Siggis Haft hatte ich das Unternehmen weitergeführt und sogar ausgebaut«, fuhr sie fort. »Nachdem Siggi endlich frei war, wuchs unser Betrieb zu einem mittelständischen Unternehmen mittlerer Größe. In guten Zeiten waren bis zu hundertzwanzig Arbeiter und Angestellte bei uns beschäftigt. In Vollzeit!« Stolz schwang aus ihrer Stimme. »Die meisten unserer Kunden kamen aus Asien. Daher traf uns die Asienkrise besonders hart. Plötzlich hatten wir riesige Außenstände und gerieten in Zahlungsschwierigkeiten. Wir brauchten dringend Kapital. Doch die Banken verlangten horrende Darlehenszinsen und sperrten gleichzeitig unsere Kreditlinien.«

»Lassen Sie mich raten«, unterbrach ich sie. »In dieser Phase kam Ansgar um die Ecke.«

Sie lächelte bitter. »Nicht direkt. Wir hätten niemals mit Ansgar Geschäfte gemacht, und das wusste er. Aber es kam ein Investor aus Bayern, der Interesse zeigte, bei uns einzusteigen, und zwar zu besten Konditionen. Wir hatten gar keine andere Wahl, als nach dem rettenden Strohhalm zu greifen.« Sie stockte. »Doch schon bald kam das böse Erwachen. Der Investor verkaufte sein Darlehen weiter …«

»… und zwar an Ansgar«, beendete ich den Satz.

Sie nickte. »Wir dachten, dies sei nicht möglich. Aber die Verträge, die wir in aller Eile geschlossen hatten, gaben das her. Ich sagte ja, unser Anwalt ist nicht besonders gut.« Ein bitteres Lächeln huschte über ihre Lippen. »Plötzlich war Ansgar unser größter Gläubiger.«

Ich konnte die Verzweiflung nachempfinden, die damals in diesem Wohnzimmer geherrscht haben musste.

»Kurz darauf saß er dort, wo Sie jetzt sitzen. Auf genau dem Platz. Und hier, auf meiner Seite, saßen ich und … Siggi.«

Ich fühlte mich plötzlich unwohl auf meinem Sitz.

»Ansgar hatte alles genau geplant. Er drohte damit, das Darlehen sofort fällig zu stellen. Auch dies ließen die Verträge zu. Dann wären wir auf einen Schlag pleitegegangen, und alle Mitarbeiter hätten ihren Arbeitsplatz verloren. Jedoch ließ er uns einen Ausweg …«

»Was forderte er?«, fragte ich.

Meine Gesprächspartnerin stockte. »Unser Unternehmen … und mich.«

»Sie?«, rief ich ungläubig.

»Ja, mich. Er hatte nicht vergessen, was damals passiert war, und er konnte nie die Demütigung ertragen, dass ich mich für Siggi und nicht für ihn entschieden hatte.« Danach schwieg sie eine lange Zeit.

Schließlich wagte ich, die Frage zu stellen: »Und wie … haben Sie sich entschieden?«

Sie schlug die Augen nieder und schaute auf den Teller vor ihr. »Es ging um Arbeitsplätze, um unsere Mitarbeiter. Deren Familien, Kinder …«

Irgendwo im Flur hörte ich das gleichmäßige Ticken einer Uhr, das mir zuvor noch nicht aufgefallen war.

»Auch mussten wir alle unsere Patente an ihn übertragen, auch das für die medizinischen Cerclagen, die wir herstellten: unser wichtigstes Patent, um das wir uns nun streiten.«

Ich stieß die Luft aus, die ich während ihrer vorangegangenen Sätze angehalten hatte.

»Siggi brachte sich ein Jahr später um«, fuhr sie schließlich fort. Sie sprach ganz nüchtern, fast emotionslos, sodass ich schauderte. »Er kam mit der Situation nicht mehr zurecht. Meine Besuche bei Ansgar … Manchmal kam er auch hierher, und Siggi musste dann für ein oder zwei Stunden das Haus verlassen. Und eines Abends kam mein Mann nicht mehr zurück. Ich fand ihn drüben in der Fabrik – er hatte sich an einer der Heizstangen aufgehängt. Mit seinem Gürtel.«

Ich wusste nicht, was ich sagen sollte. Das Haus, in dem wir saßen, das alte Fabrikgebäude, das ich durch das Fenster sehen konnte, die zu einem festen Charaktermerkmal erstarrte Trauer meiner Gesprächspartnerin: All dies ließ mich die Geschichte nachfühlen.

»Was ist mit Ihren Söhnen?«, fragte ich schließlich, um die eingetretene Stille zu unterbrechen.

»Welche Söhne?«, entgegnete sie verwundert.

»Der Firmenname: Söhnke & Söhne …«

Sie lächelte. »Es gibt keine. Siggi und sein verstorbener Bruder waren die Söhne. Sein Vater hat das Unternehmen gegründet.«

Ich nickte. Eine Weile schwiegen wir.

»Was passierte nach dem Tod Ihres Ehemannes?«

»Ich erhielt eine sehr große Summe ausbezahlt. Siggi hatte mehrere Lebensversicherungen.«

»Ich dachte immer, bei Selbstmord zahlt eine Versicherung nicht …«, hielt ich entgegen, fand meinen Einwurf aber noch im selben Augenblick unpassend. »Man kam zu dem Ergebnis, dass Siggi sich in einem ›die freie Willensbildung ausschließenden Zustand krankhafter Störung der Geistestätigkeit‹ befand. In diesem Fall wird gezahlt. Mit dem Geld konnte ich die Darlehen bei Ansgar sofort ablösen. Insofern hat Siggi mit seinem Tod sein Unternehmen und seine Mitarbeiter gerettet – und mich.«

Ich atmete tief durch. »Und das Patent?«

»Ansgar hatte die Übertragung ›unbedingt gestaltet‹. Sie war nicht mehr rückgängig zu machen. Uns jedoch hatte Ansgar erklärt, dass wir die Patente nur zur Sicherung des Darlehens übertragen würden. Auch das war gelogen.«

Ich war tief in meinem Sessel zusammengesunken.

Meine Gastgeberin warf mir ein gequältes Lächeln zu. »Jetzt kennen Sie die Wahrheit über Ihren Mandanten.« Sie zeigte auf den Rest Apfelkuchen vor mir. »Essen Sie. Ich habe ihn extra für Sie gebacken.«

Ich schaute auf den Apfelkuchen und das gut gefüllte Cognac-Glas, das danebenstand. Ich griff nach dem Schwenker und leerte ihn in einem Zug.

»Sehen Sie«, sagte meine Gastgeberin. »Ich habe Ihnen doch gesagt, Sie werden es brauchen.«

6

Draschwitz, 1714

Auf dem Rittergut herrschte großes Getümmel. Die Einfahrt zum Hof war zugestellt mit Kutschen und Pferden, um die sich ein Gehilfe des Orffyreus kümmerte, der ihnen etwas Heu und ein wenig schmutziges Wasser aus den Regenfässern vorsetzte. Vor der Scheune bildete sich eine lange Schlange, und Orffyreus’ Frau Barbara war eifrig damit beschäftigt, am Eingang Eintrittskarten zu verkaufen.

In der Scheune wies die in ein schneeweißes Kleid mit ausladendem Dekolleté gekleidete Magd den zahlreich Erschienen Plätze zu. Aus Holzlatten genagelte Bänke standen im Halbkreis um einen mit Sägespänen ausgelegten Platz und bildeten so eine Art Manege. Es war bereits der zehnte Tag der Vorführungen, und das Interesse schien nicht abzureißen. Immer wieder kam es vor, dass Neugierige wegen Überfüllung der Scheune abgewiesen werden mussten.

In der Umgebung hatte es sich herumgesprochen, dass der Arzt auf dem Rittergut ein wissenschaftliches Experiment von ganz außergewöhnlicher Natur vorführen würde. Das Ganze erinnere an einen Gottesdienst, erzählten sich die Leute, und es sei jedes Christen Pflicht, dieses wenigstens einmal gesehen zu haben. Überall in den umliegenden Gemeinden waren große Plakate aufgestellt worden. Sie zeigten die Zeichnung eines Mannes, der mit einer Gerte in der einen und einer Peitsche in der anderen Hand eine große Apparatur zu bändigen versuchte. Der Zeichner hatte die Maschine mit zwei zusammengekniffenen, bösartig blickenden Augen und einem großen Maul mit scharfen Zähnen versehen. Der Text darunter kündete von einer Zähmung der Naturkräfte – vorgenommen durch den vom Herrgott dafür auserwählten Orffyreus. Außerdem waren Tageszeiten angegeben, zu denen diesem Ereignis auf dem Rittergut vor den Toren von Draschwitz beigewohnt werden konnte. Dieselben fantastisch bebilderten Mitteilungen wurden überall auch auf kleinen Handzetteln verteilt.

Nachdem nun alle Bänke besetzt waren, schlossen die Knechte unter großem Protest der noch Wartenden das große Scheunentor, in dem sämtliche Löcher mit Wachstuch vernagelt worden waren, damit auch kein Schaulustiger, ohne zu bezahlen, hineinschauen konnte. Jetzt war es in der Scheune stockdunkel. Der Geruch von frisch gesägtem Holz und Schweiß lag in der Luft.

Plötzlich erhob sich ein Trommeln, das stetig lauter wurde, bis unvermittelt eine sich überschlagende Frauenstimme rief: »Orffyreus, der vom Herrn auserwählte Schöpfer des triumphierenden Perpetuum mobile.«

In selben Augenblick wurde in der Mitte des Raumes eine Fackel entzündet, deren flackerndes Licht gerade ausreichte, um die Umrisse einer vor ihr stehenden Person auszuleuchten.

»Es sollen Euch Eure Sünden vergeben werden, da Ihr nun hier erschienen seid, um das Perpetuum mobile in seiner wahren Schönheit zu bestaunen!« Orffyreus sprach langsam und mit dem tragenden Tonfall eines Priesters. »Damit Ihr rein genug seid, um das, was Ihr sogleich seht, in Euch aufzunehmen, möchte ich zuvor jedoch, dass wir gemeinsam beten. Lasset uns dem Herrn danken, dass er uns das, was ich Euch gleich präsentieren werde, geschenkt hat.« Dann schmetterte er ein Gebet in die Dunkelheit der Scheune hinein: »Heiliger, allmächtiger Gott! Du hast Himmel und Erde geschaffen, Tag und Nacht, Licht und Schatten, Raum und Zeit, Vergänglichkeit und die Ewigkeit. Tiere, Pflanzen und Menschen rühmen deine Macht und Herrlichkeit. Gib uns Menschen, denen du deine unendliche Liebe schenkst, gib uns aufrechten Glauben und den Willen, die Weisheit und die Tapferkeit, dem Bösen zu widerstehen. Amen.«

Kaum war das »Amen!« verhallt, das alle Anwesenden ehrfürchtig mitgesprochen hatten, wurden überall Fackeln entzündet; und das Licht ließ in der Mitte des Raumes ein großes, aus Holz gezimmertes Rad erkennen, das zwischenzeitlich dorthin geschoben worden sein musste. Zu beiden Seiten postierten sich die beiden ältesten Moser-Brüder, von denen jeder ein langes Schwert in der Hand hielt.

»Diese Männer«, erläuterte Orffyreus und deutete auf die beiden Wächter, »dienen nur Eurem Schutz. Denn diese Maschine dort ist unberechenbar!«

Orffyreus registrierte mit Genugtuung ein angstvolles Stöhnen im Publikum. Dieses Mal würde niemand versuchen, sich dem Rad zu nähern – und wenn doch, würden die Schwerter ihr Übriges tun.

»Ich werde das Perpetuum mobile nun loslassen«, kündigte Orffyreus an. Xaver eilte herbei und übergab ihm ein langes Messer.

Mit der Schneidwaffe in der Hand ging Orffyreus hinüber zum Rad. Von diesem führten drei dicke Seile zu einem Pfosten, an den das Rad festgebunden war. Mit zwei gezielten Hieben schlug Orffyreus zwei der Taue durch, sodass nur noch eines der Seile das Rad hielt. Es war deutlich zu sehen, dass das Rad an dem verbleibenden Seil zerrte und zog. Alle befürchteten, das Tau würde jeden Augenblick nachgeben und reißen.

»Wie Ihr seht, wertes Publikum, muss dieses Rad daran gehindert werden, sich zu drehen. Die Bewegung ist seine Natur. Wenn es nicht aufgehalten wird, dreht es sich in einem fort. So wie Gott unaufhaltsam auf dieser Erde wirkt, so unaufhaltsam dreht sich dieses Rad.«

In der Scheune herrschte gespannte Stille, und niemand unter den Zuschauern wagte es, auch nur zu atmen.

»Wenn ich dieses letzte Seil nun gleich kappen werde, wird dieses von mir erfundene und geschaffene Perpetuum mobile seine Arbeit aufnehmen. Und es wird Euch erlaubt sein, dabei für einen kurzen Augenblick zuzuschauen.«

Das Publikum klatschte Beifall, doch Orffyreus gebot ihm sogleich mit einer Handbewegung, ruhig zu sein.

»Dieses Rad dreht sich, seitdem ich es vor nun vierzehn Tagen hier in Draschwitz geboren habe – wenn ich ihm nicht durch die Seile eine kleine Rast gönne. Und es wird sich noch immer drehen, wenn wir alle vor den Schöpfer getreten sind.«

Bei dem Gedanken an den Tod ging wieder ein Murmeln durch die Reihen. Einige Zuschauer bekreuzigten sich.

»Keineswegs dient diese meine Erfindung aber nur dazu, die göttliche Kraft sichtbar zu machen«, fuhr Orffyreus fort. »Bedenkt, welchen Nutzen ein solcher Antrieb hat. Wie viele tapfere Leben haben wir in überfluteten Stollen gelassen? Diese Maschine wäre in der Lage, ohne jede Mühe das Wasser aus den tiefsten Tiefen der Bergwerke herauszupumpen!«

Nun applaudierten alle. Eine wie eine Bäuerin angezogene Frau in der ersten Reihe sprang auf und rief dreimal hintereinander »Bravo«.

Abermals bedeutete Orffyreus den Anwesenden, sich zu beruhigen. Er war noch nicht fertig. »Sie kann aber auch Lasten heben, ohne dass es ihr Mühe macht und ohne dass sie eine Rast benötigt!«

Wieder spendeten die Zuschauer Beifall, den Orffyreus nun gewähren ließ. Er schritt zum Rad und deutete darauf.

»Wie Ihr seht, ist dieses Rad zu schlank, um etwas zu verbergen. Es gibt keinerlei Trick, keine Gauklerei. Nur kann ich das Innere nicht präsentieren, denn ich muss es vor Nachahmung durch Ungläubige schützen. Ich wurde von unserem Herrn auserwählt, um es zu erfinden, und nun ist es meine heilige Pflicht, das Geheimnis zu behüten.«

Orffyreus entfernte sich mit großen Rückwärtsschritten von der Konstruktion, als plötzlich ein lauter Knall die Anwesenden zusammenfahren ließ. Das letzte Seil hatte dem Ziehen und Zerren des Rades nachgegeben und war gerissen. Zwei kleine Kinder, die eben noch neben der Manege miteinander gespielt hatten, schrien erschrocken auf und begannen zu weinen. Das Rad begann, sich laut knarrend zu drehen, nahm Fahrt auf und ging schließlich in eine beständige Rotation über. In der Scheune waren jetzt nur noch die Geräusche zu vernehmen, die das Rad von sich gab. Aus seinem Bauch ertönte ein regelmäßiges Klopfen, wie Hammerschläge. Dazu knarrte und ächzte das Holz des Rades unter der Last der Bewegung.

Nachdem Orffyreus die geräuschvolle Arbeit des Rades einen Augenblick auf die Anwesenden hatte wirken lassen, erhob er erneut seine Stimme. »Nun wo es Euch vergönnt ist, die Natur dieses Rades zu bewundern, und wo Ihr sehen könnt, dass es unaufhörlich läuft und keinerlei Anstalten macht, abzubremsen, möchte ich Euch die Gelegenheit geben, Euch in einer Reihe aufzustellen, und zwar dort vor dem Ausgang.« Orffyreus wies mit dem Zeigefinger zu einer Tür im hinteren Teil der Scheune. »Dort wird Euch ein auf Euren Namen lautendes Zertifikat ausgehändigt: eine Urkunde von höchstem Rang, mit dem Euch bestätigt wird, dass Ihr Augenzeuge geworden seid, wie sich dieses Perpetuum mobile von Gottes Gnaden bewegt. Niemand anderes als ich wird Euch dieses Zeugnis ausstellen!«

Aufgeregt sprangen die Versammelten auf, um einen guten Platz in der Reihe vor dem Ausgang zu ergattern, als gäbe es nicht genug Urkunden zu verteilen. Die Tür wurde aufgerissen, und Sonnenlicht strömte herein. Die Lichtstrahlen fielen genau auf das Rad, das in der Dunkelheit der Scheune wirkte, als würde es selbst leuchten. Vor dem Ausgang stand ein kleiner Tisch mit Schemel, auf dem Orffyreus Platz nahm. Vor ihm lag ein Stapel Papiere und ein Federkiel, daneben stand ein Tintenfass. Während das Rad im Hintergrund gleichmäßig weiter seine Runden absolvierte, fragte Orffyreus jeden, der die Scheune verließ, nach seinem Namen, trug diesen sorgfältig in eine der Urkunden ein und übergab diese mit einer ausladenden Bewegung, wohl versehen mit dem Hinweis, die Tinte auf dem Heimweg behutsam trocknen zu lassen. So arbeitete er die Schlange der Wartenden ab, die sich jedoch nur langsam verringerte. Endlich stand der letzte Besucher vor ihm. Ohne aufzuschauen, erbat Orffyreus auch seinen Namen. Der Mann nannte ihn jedoch nicht, sondern hob beide Hände und begann zu klatschen.

»Eine sehr gelungene Demonstration, mein aufrichtiger Dank dafür, verehrter Baumeister!« Er sprach mit einem breiten sächsischen Dialekt, ohne dabei mit dem Klatschen aufzuhören. Irritiert sah Orffyreus auf. Da er durch das einströmende Licht geblendet wurde, erkannte er nur die Umrisse eines elegant gekleideten Herrn mit einer beachtlichen Haartracht auf dem Kopf, die der seinen an Eleganz noch überlegen schien.

»Vielen Dank; nun seid bitte so freundlich und nennt mir Euren Namen, damit ich auch Euch dieses Augenzeugnis hier ausstellen kann«, erwiderte Orffyreus und setzte den Federkiel an.

Der Fremde überhörte auch diese Aufforderung einfach und deutete auf das Rad. »Ich würde etwas darum geben, wenn ich einen Blick in das Innere Eurer Maschine werfen dürfte. Die Mechanik muss von ganz besonderer Anordnung sein. Sie läuft tatsächlich noch genau im selben Takt.«

Bei den letzten Worten zog der Mann eine goldfarbene Taschenuhr aus seinem Gehrock, las die Zeit ab, schaute dann zum Rad und zählte halblaut vor sich hin, während er Orffyreus nicht mehr beachtete. Orffyreus erhob sich nun von seinem Schemel und schaute auf den Mann herab, der deutlich kleiner war als er selbst. Er blickte in das freundliche Gesicht eines älteren Mannes, in dessen Mitte sich eine Nase von imposanter Größe befand. Eine schwarze, durch einen Mittelscheitel geteilte Perücke schmückte seinen Kopf und fiel bis weit über die Schultern. Zwei sehr kleine, aber überaus aufmerksame Augen fixierten das Perpetuum mobile. In die Wangen hatten sich Lachfalten eingegraben, die von einem lebensbejahenden, wenn nicht gar fröhlichen Menschen kündeten. Seine rechte Hand stützte der Mann auf einen Gehstock. Durch die gespreizten Finger erkannte Orffyreus einen großen, silbernen Knauf in der Form eines Löwenkopfes. Bei der Zahl fünfzig angekommen, klappte der Mann die Taschenuhr mit einem lauten Geräusch zu, sodass Orffyreus unwillkürlich zusammenzuckte.

»Konstant fünfzig Umdrehungen: keine mehr, keine weniger«, gab der Mann mit einem Lächeln zu Protokoll. »Genauso viele wie noch vor sechs Minuten. Ich vermute, dem Geräusch nach zu urteilen, dass es acht Gewichte sind, richtig?« Er sah Orffyreus erwartungsvoll an, wie ein Lehrer, der seinen Schüler abfragte.

Orffyreus schien in einem Reflex kurz gewillt, Antwort zu geben, schüttelte sich dann jedoch und machte einen Schritt zurück. »Mein Herr, Euer Interesse für meine Erfindung ehrt mich. Aber – abgesehen davon, dass ich erklärt habe, niemandem Einblick in das Innere meiner Maschine zu gewähren – glaubt mir, es würde Euch nichts bringen. Es wäre ein nutzloser Blick. Es verbirgt sich dort eine zu komplexe Mechanik, an der ich fast mein Leben lang geforscht habe. Gewichte, Federn, Seile, Hebel, Zahnräder. Es würde Euch mit Sicherheit überfordern. Glaubt mir!«

»Überfordern?«, fragte der Fremde, aus dessen Gesicht das gutmütige Lächeln kurz verschwand. Offenkundig war er im ersten Augenblick versucht, etwas zu antworten, was er sich dann jedoch verkniff. Er blickte zur Maschine, dann zu Orffyreus, welchen er von unten nach oben musterte, und fand schließlich sein Lächeln wieder.

»Tut mir einen Gefallen, und besucht mich und meinen Freund, den Herzog Wilhelm von Sachsen-Zeitz, auf Schloss Moritzburg«, fuhr der Fremde fort. »Vielleicht an diesem Sonntag. Und bringt diesen überaus interessanten Entwurf eines Perpetuum mobile dort möglichst mit. Der Herzog wird ihn ebenfalls bewundern wollen.« Er deutete auf die Apparatur in seinem Rücken.

Die Worte zeigten Wirkung. Orffyreus taumelte ein wenig zur Seite, ließ sich, um dies zu verbergen, auf den Hocker neben sich niedersinken und schaute zu dem Mann hinauf. »Ihr meint zum Herzog höchstpersönlich?«

»Wie ich sagte«, antwortete sein Gegenüber mit an Überheblichkeit grenzendem Edelmut. »Die Cour beginnt sonntäglich gegen zwei Uhr mittags. Vielleicht gebt Ihr eine Privataufführung für den Herzog und seine Gäste?«

»Aber sicher doch«, antwortete Orffyreus mit lauter Stimme, der wieder zu sich gefunden hatte. »Ich werde kommen, und das Perpetuum mobile wird mir folgen! Überbringt dem Herzog meinen besten Dank und meine Ehrerbietung für diese Einladung.«

»Das werde ich. Die Freude ist auf meiner Seite und der des Herzogs!« Der edle Herr machte Anstalten, aus der kleinen Scheunentür hinauszugehen.

»Euer Name noch, für das Zertifikat!«, rief Orffyreus ihm hinterher und griff ein weiteres Mal nach dem Federkiel.

Der Fremde blieb an der Tür stehen und wandte sich noch einmal um. Mit dem Gehstock deutete er auf den Tisch. »Eure Urkunde da – die benötige ich nicht. Ich war schon Augenzeuge bei so vielen großartigen Ereignissen. Hätte ich von all diesen Gelegenheiten in meinem Leben ein schriftliches Zeugnis meiner Anwesenheit erhalten, ich bräuchte eine eigene Bibliothek dafür zur Aufbewahrung. Spart das Papier lieber, junger Mann; Papier ist sehr wertvoll. Viel wertvoller als gemeinhin angenommen.« Er lächelte weise.

»Nennt mir wenigstens Euren Namen, mein Herr«, bat Orffyreus. Er drückte die Hand gegen seine Augenbrauen und versuchte so das eindringende Licht abzuwehren, das ihn blendete.

»Oh, den kann ich Euch natürlich sagen, verzeiht mein Versäumnis: Gottfried Wilhelm Leibniz. Vielleicht habt Ihr schon einmal von mir gehört?« Ohne die Antwort abzuwarten, verließ Leibniz die Scheune und machte sich, seinerseits geblendet vom hellen Sonnenlicht, mit vorsichtigen kleinen Schritten auf die Suche nach der Kutsche, die auf ihn wartete.

»Und ob ich schon von Euch gehört habe, Professor!«, murmelte Orffyreus ungläubig dem ins Licht verschwundenen Mann hinterher. Er saß immer noch auf dem Hocker, und ein Lächeln breitete sich auf seinem Gesicht aus. »Und ob«, wiederholte er.

Im Hintergrund drehte das Rad derweil unermüdlich weiter seine Runden.

7

»Ich werde das Mandat niederlegen«, erklärte ich, nachdem ich das leere Cognac-Glas abgesetzt hatte. Ich stellte mir kurz vor, wie ich meinem Senior-Partner von dieser Unterhaltung berichten würde, den mein Mandant in unserem Gespräch so vertraut als »Hans« bezeichnet hatte. Offenbar waren sie befreundet. Eventuell würde das mit der Mandatsniederlegung schwieriger werden, als von mir soeben dahingesagt.

Sie lächelte. »Er wird sich einen neuen Anwalt nehmen. Vermutlich einen, der noch besser ist als Sie. Er ist reich.«

Ich war etwas beleidigt. »Denken Sie, ich bin kein guter Anwalt?«

Sie schaute mir fest in die Augen und wählte ihre Worte mit Bedacht. »Wären Sie ein sehr guter Patentanwalt – würden Sie dann hier sitzen, bei der Gegnerin Ihres Mandanten?«

Ich suchte nach einer empörten Antwort, fand aber keine. Nach kurzem Nachdenken deutete ich auf das leere Cognac-Glas. »Kann ich noch einen haben?«

Meine Gastgeberin erhob sich und schenkte uns beiden ein. Wir saßen eine Weile zusammen und hingen unseren Gedanken nach.

Mandantenverrat – also das Beraten des Gegners hinter dem Rücken seines Mandanten – war so ziemlich das Schlimmste, was ein Anwalt oder Patentanwalt tun konnte. Ich ließ meinen Blick über die Frau, die mir gegenübersaß, gleiten. Nachdem sie mir die Geschichte erzählt hatte, strahlte sie eine gewisse Ruhe aus. So als wenn jedes Mal, wenn Sie ihre Erlebnisse teilen konnte, tatsächlich ein Stück der Last von ihr abfallen würde. Ich hingegen konnte diese Last nun auf meinen Schultern spüren. Ich schaute auf die Anrichte. Nebeneinander standen dort mehrere Dampfmaschinen aufgereiht. Offensichtlich hatte diese Sammlung Siggi gehört. Ich sah hinüber zu der Sitzgarnitur. Auf welchem Sessel hatte er wohl immer gesessen, wenn er abends in den alten Röhrenfernseher geschaut hatte? Das Fehlen eines Menschen zu spüren war eigenartig.

Plötzlich kam mir eine Idee. »Waren Sie schon einmal in Italien?«, erkundigte ich mich.

Sie schaute mich irritiert an. »Ganz früher einmal. Am Gardasee.«

»Wissen Sie, was ein Torpedo ist?«, fragte ich.

»Ein Torpedo?«, wiederholte sie verwundert. »Ich denke, das ist eine Unterwasserrakete oder so etwas Ähnliches.«

Ich nickte. »Dann werde ich Ihnen jetzt einmal eine Geschichte erzählen. Von einem italienischen Torpedo.«

Mein Herz klopfte aufgeregt.

8

London, 1714

Die Royal Society, die einst im Gresham College gegründet worden war, hatte vier Jahre zuvor ihren Sitz an den Crane Court, Ecke Fleet Street, verlegt. An Tagen, an denen die Mitglieder sich trafen, um Experimente durchzuführen und ihre regelmäßigen Sitzungen abzuhalten, brannte draußen vor dem Eingang die Laterne.

So auch heute.

Immer wieder hielten Kutschen vor dem Gebäude, um vornehm gekleidete Männer abzusetzen, die rasch – und ohne Aufsehen zu erregen – in dem nur wenige Schritte entfernten dunklen Eingang verschwanden. Über dem Tor war in verschnörkelten Lettern als schmiedeeiserner Schriftzug das Credo der Gesellschaft angebracht: Nullius in Verba.

Während die Mitglieder sich in dem großen Saal sammelten, Gerätschaften aufbauten, Chemikalien anmischten und freudig erregt über die anstehenden Versuche diskutierten, bereitete sich ein Stockwerk höher, in einer kleinen Kammer, der Präsident der Gesellschaft auf den Abend vor.

Tief gebeugt saß der alte Mann mit dem Rücken zur Tür an einem einfachen Schreibtisch, auf dem sich Bücher stapelten, und schrieb seine Notizen nieder. Eine Perücke verbarg seine weißen Haare und verlieh ihm so ein deutlich jüngeres Aussehen. Die Augen des Mannes erinnerten an die eines Greifvogels; seine lang gezogene, spitze Nase passte ebenfalls in dieses Bild.

Urplötzlich hielt er inne und lauschte Schritten, die aus dem Flur drangen. Es klopfte leise an der Tür. Auf sein kaum wahrnehmbares »Ja« hin öffnete sie sich nur einen kleinen Spalt, und mit der wendigen Bewegung einer Katze huschte ein Mann hinein. Er war komplett in Schwarz gekleidet und hielt sein Gesicht unter einem Hut mit großer Krempe verborgen.

»Was gibt es?«, herrschte ihn der Alte am Schreibtisch an, ohne aufzublicken.

»Sir, ich habe eine Nachricht aus Sachsen empfangen.«

»Und?«

»In Sachsen behauptet ein Mann, welcher sich wohl Orffyreus nennt, ein Perpetuum mobile erfunden zu haben. Nach einigen gescheiterten Versuchen scheint er es nun mit einigem Erfolg in der kleinen Stadt Draschwitz vorzuführen.«

»Und?«, fragte der Alte erneut, drehte sich nun aber zu seinem Gast um und blickte ihn mit unbewegter Miene an.

»Es heißt, er habe bereits viele Unterstützer. Und einer davon … Also einer, Sir … Wie soll ich sagen … Einer scheint Leibniz zu sein. Unser Informant meldet, dass Leibniz sogar höchstpersönlich einer Aufführung der Maschine beigewohnt habe.«

Bei der Erwähnung des Namens Leibniz schlug der Alte plötzlich wütend mit der Faust auf den Tisch und schob seine Unterlagen von sich weg.

»Leibniz, dieser Hund! Dieser Heuchler! Ich verstehe nicht, warum wir ihn in der Society noch dulden. Wir hätten ihn bereits ausschließen sollen, als er mich bestohlen hat!«

»Es ist nicht bewiesen, Sir …«

»Zweifelt Ihr etwa an mir?«, schrie der Alte und erhob sich. »Es ist bewiesen, dass ich es war, der das Infinitesimalkalkül zuerst entdeckte! Er hat es abgekupfert!«

»Ich weiß, Sir«, versuchte der Gast, ihn zu beruhigen.

Der alte Mann atmete schwer und ließ sich wieder auf seinen Stuhl zurückfallen. Nachdem er sich gesammelt hatte, hakte er nach. »Ein Perpetuum mobile, sagt Ihr? Das ist unmöglich!«

»Deswegen bin ich hier, Sir.«

Der Alte rieb sich sein Kinn und überlegte eine Weile. Dann griff er zu einem Blatt Papier, schrieb etwas darauf, faltete es zusammen und reichte es seinem Besucher. »Gebt dies weiter an Willem, er soll sich darum kümmern. Ich glaube, wir haben auch in Sachsen uns treu Ergebene. Er soll einen Anwärter damit beauftragen.«

»Sehr wohl«, sagte der Besucher und steckte das Papier in eine kleine Tasche, die er am Gürtel trug.

»Wir haben in der Society beschlossen, dass wir die Erfindung eines Perpetuum mobile nicht dulden werden. Aber diese törichten Gaukler und Taugenichtse sterben niemals aus. Wenn Willem sich um diesen Scharlatan kümmert, soll er Leibniz bei dieser Gelegenheit an unsere Beschlüsse erinnern!«

»Das wird er, da bin ich sicher.«

Als der Präsident sich wieder zu seinem Schreibtisch umdrehte und damit die Unterhaltung beendete, schlüpfte der Besucher genauso lautlos aus dem Zimmer, wie er gekommen war. Der Alte seufzte auf. Sein Blick fiel auf eine kleine Standuhr, die vor ihm stand, und er erhob sich. Er griff nach seinem Gehrock, der neben ihm über einem großen Globus hing, und zog ihn mit einiger Umständlichkeit an. Mühsam und entgegen jeder Mode schlossen seine knöchrigen Finger die Knöpfe. Anschließend strich er sorgfältig den Stoff glatt. Nachdem er noch die Perücke vor einem kleinen, hinter der Tür angebrachten Spiegel gerichtet hatte, sammelte er die Notizen vom Schreibtisch zusammen. Sein letzter Griff galt einem schlichten Gehstock, der neben dem Schreibtisch lehnte.

Begleitet von langen Seufzern machte er sich auf den Weg. Als er sich auf der Treppe nach unten befand, war aus dem großen Versammlungsraum im Erdgeschoss eine fistelige Männerstimme zu vernehmen, die den Anwesenden das Erscheinen des Alten ankündigte.

»Meine Herren, begrüßt mit mir den Präsidenten der Royal Society, Sir Isaac Newton.«

Applaus brandete auf.

9

Der Rauswurf erfolgte kurz und schmerzhaft.

Es begann damit, dass die Sekretärin von Herrn Dr. Grünewald in meinem Türrahmen erschien. Die Art, wie sie sprach, ihre roten Bäckchen, der scheue Blick, der versuchte, dem meinigen auszuweichen – all das verriet, was mich erwarten würde. Ich bedankte mich bei ihr besonders höflich, da es mir unangenehm war, dass ich sie in eine solche Lage gebracht hatte. Ich zog mein Jackett über, straffte noch einmal den Knoten meiner Krawatte und nahm mir vor, Haltung zu bewahren.

Langsamen Schrittes ging ich den Flur hinunter, vorbei an den offenen Büros, deren Türen auf Anordnung der Geschäftsführung niemals geschlossen sein durften. Im Vorbeigehen schnappte ich Wortfetzen auf, die in den kleinen Zimmern in Diktiergeräte oder Telefonhörer hineingesprochen wurden. Das schrille Lachen einer Anwaltsgehilfin drang von irgendwo am Ende des Ganges zu mir.

Die Tür des Seniorpartners war geschlossen. Sie war aus schwerem Holz, und ich brauchte erhebliche Kraft, um sie zu öffnen. Nur zentimeterweise gab sie den Blick in das Büro frei, während ich die kalte Türklinke in meiner Hand spürte. Ich erspähte zunächst ein Knie, das von einem teuren Anzugstoff bedeckt war. Einen Moment später wusste ich, dass es dem Namenspartner der Kanzlei, Herrn Prof. Dr. Schrot, gehörte. Als Nächstes erkannte ich eine Gesichtshälfte von Dr. Walkner, dem geschäftsführenden Partner. Dann die Kurzhaarfrisur von Frau Kiesslich, der Büromanagerin; sie galt als eine strenge Vorgesetzte, die von den Rechtsanwaltsgehilfinnen gefürchtet war, deren direkte und ehrliche Art ich jedoch stets geschätzt hatte. Als ich schließlich meinen gesamten Körper durch den Spalt der Tür geschoben hatte, fiel mein Blick auf Dr. Grünewald. Er saß an seinem Schreibtisch, während alle anderen um ihn herumstanden, als hätten sie sich für ein Foto aufgestellt.

Dr. Grünewald deutete auf einen Stuhl vor seinem Schreibtisch. Offensichtlich sollte mir das Privileg zuteilwerden, mich zu setzen. Ohne Eile schritt ich zu dem mit Leder bezogenen Stuhl und bedachte jeden der Anwesenden mit einem Nicken. Es war ganz still in dem Büro, das einen der besten Ausblicke über den Museumshafen bot.

»Sie wissen, warum wir mit Ihnen sprechen wollen?«, fragte Dr. Grünewald, nachdem ich mich gesetzt hatte.

Ich zuckte mit den Schultern. Allzu leicht wollte ich es ihnen auch nicht machen.

Dr. Grünewald hielt ein Schreiben in die Höhe, das vor ihm auf dem Schreibtisch gelegen hatte. »Das ist eine Klage des Unternehmens Söhnke & Söhne, die in der vergangenen Woche eingereicht wurde beim Tribunale di Milano. Sie richtet sich gegen einen unserer Mandanten, Herrn Ansgar Kiesewitz. Einen Mandanten, den Sie in meinem Auftrag betreuen, richtig?« Er hatte mit einer gewissen Schärfe gesprochen und fixierte mich nun über seine schmale Lesebrille hinweg.

Ich rührte mich nicht und sagte auch nichts. Ich stellte mich tot.

»Mit der Klage begehrt das Unternehmen Söhnke & Söhne von dem Mailänder Gericht die Feststellung, dass es ein Patent unseres Mandanten nicht verletzt. Wissen Sie, was dies für unseren Mandanten bedeutet?«

Ich hatte beschlossen, zu den Lebenden zurückzukehren, und nickte. Wenn ich schon untergehen musste, dann richtig.

»Es bedeutet, dass unser Mandant in Deutschland keine Klage mehr gegen das Unternehmen Söhnke & Söhne einreichen kann, weil bereits eine andere Klage zu demselben Sachverhalt innerhalb von Europa, nämlich in Italien, anhängig ist. Jede Klage in Deutschland müsste daher wegen doppelter Rechtshängigkeit sofort abgewiesen werden.« Dr. Grünewald ließ seinen Blick für einen kurzen Moment auf mir ruhen und schaute dann einmal in die Runde. »Und wissen Sie auch, wie lange Verfahren in Italien durchschnittlich dauern?«

Abermals nickte ich. »So lange wie in nahezu keinem anderen Land in Europa. Fünf Jahre oder länger. Und das ist nur die erste Instanz. Mit Berufung sogar bis zu sieben Jahre.«

»Und wissen Sie, was das für unseren Mandanten bedeutet?« Dr. Grünewald hatte Mühe, sich zu beherrschen.

»Dass er in den nächsten sieben Jahren nichts mehr gegen Söhnke & Söhne unternehmen kann, da die Klage in Italien anhängig ist. Das heißt, Söhnke & Söhne hat sieben Jahre Ruhe vor unserem Mandanten und kann das Patent weiterhin nutzen. Und wenn in sieben Jahren in Italien einmal ein Urteil gefällt ist, wird die Nutzungsdauer des Patents bereits abgelaufen sein, und das Unternehmen Söhnke & Söhne kann die Technik für immer und ewig weiter benutzen. Vollkommen unbehelligt. Und unser Mandant kann nichts dagegen tun. Denn wir leben in einem vereinten Europa. Und dort zählt ein italienisches Gericht genauso viel wie ein deutsches.«

Prof. Dr. Schrot begann zu husten.

Dr. Grünewald warf mir einen bösen Blick zu. »Wissen Sie, wie man einen solchen faulen Trick unter Patentanwälten nennt?«

»Italienischer Torpedo«, schoss es aus mir heraus.

»Und wissen Sie, wessen Namen und Unterschrift diese Klage trägt?«, fragte er mich mit nun kaum unterdrückter Wut.

»Meinen«, antwortete ich und konnte mir ein Grinsen nicht verkneifen.

»Warum?«, schrie Prof. Dr. Schrot mich unvermittelt von der Seite an. »Warum zum Teufel haben Sie das getan?«

Ich zuckte kurz erschrocken zusammen und schaute ihn direkt an. Er stand nun weit vorgelehnt rechts neben mir und deutete mit dem ausgestreckten Zeigefinger der rechten Hand auf mich.

»Weil unser Mandant ein Arschloch ist«, erwiderte ich. »Ein kriminelles, menschenverachtendes Arschloch. Und weil dies die einzige Möglichkeit war, ihn zu stoppen.«

Es war der letzte zusammenhängende Satz, zu dem ich an diesem Tag in diesem Raum Gelegenheit haben sollte.

Die Anwesenden überboten sich darin, mich zusammenzustauchen, was ich geduldig über mich ergehen ließ. Schließlich unterschrieb ich eine vorgefertigte Aufhebungsvereinbarung, wonach das Arbeitsverhältnis mit sofortiger Wirkung endete. Darin verzichtete ich auf jegliche ausstehenden Gehaltsansprüche und eine Abfindung. Die Kanzlei kündigte an, mich bei der Patentanwaltskammer in München sowie der zuständigen Staatsanwaltschaft wegen Mandantenverrats anzuzeigen.

Keine zehn Minuten später stand ich auf der Straße und blickte auf das Gebäude vor mir, in der sich die Kanzlei befand. Die Gelegenheit, meine persönlichen Sachen mitzunehmen, hatte man mir nicht gegeben. Und ich hatte auch nicht darauf bestanden, denn ich besaß in der Kanzlei keine persönlichen Sachen.

Jeder Staatsanwalt freut sich diebisch, wenn er einen Anwalt auf der Anklagebank sitzen hat, auch wenn er diesen Zustand der Freude niemals zugeben würde. Da spielt es auch keine Rolle, wenn es sich bei dem Inkriminierten nur um einen Patentanwalt handelt. Für einen Anwalt ist der Unterschied zum Angeklagten nur ein Sitzplatz weiter rechts oder links: Aber dieser halbe Meter Unterschied hat eine gewaltige Bedeutung. Bei der Verhandlung selbst ist der Angeklagte in einer ähnlichen Situation wie ein eben noch wertvolles Geldstück, das in die Ritze eines Gullydeckels gefallen ist – während der Strafverteidiger sich bemüht, es auf irgendeine Weise wieder an die Oberfläche zu befördern, versucht die Staatsanwaltschaft, es im darunterliegenden Kanal zu versenken.

Mich rettete der Richter. Er hob den Kanaldeckel vor den Augen des mit meinem Verteidiger streitenden Staatsanwalts an und gab mich kurzerhand im Fundbüro ab. Dort sollte mein weiteres Schicksal entschieden werden. Ich erhielt vierzehn Monate Gefängnis auf Bewährung. Zudem sollte ich als Bewährungsauflage Sozialstunden ableisten.

Er könne mein Motiv, der armen Frau helfen zu wollen, durchaus verstehen, erklärte der Richter. Dennoch hätte ich mich ignorant und sogar arrogant gegenüber den Regeln der Gemeinschaft gezeigt, in der dem Anwalt – und auch dem Patentanwalt – nun einmal eine bestimmte Position in der Rechtspflege zukommt, die ich mit den Füßen getreten hätte. Sozialstunden seien eine gute Gelegenheit, mir darüber Gedanken zu machen, wie man das Wohl des Einzelnen mit dem Wohl der Gemeinschaft in Einklang bringen könne.

Ich akzeptierte das Urteil und hörte mir noch ein paar lobende Worte meines Strafverteidigers über seine eigene Verteidigungsstrategie an. Das Gerichtsgebäude verließ ich durch einen Hinterausgang, nachdem ich mir in der Toilette ein wenig kaltes Wasser ins Gesicht gerieben hatte. Das deutsche Rechtswesen hatte mich verdaut und wieder ausgeschieden.

Es war Herbst geworden, und das Grau der Straße um mich herum schien unmittelbar in das Grau des Himmels überzugehen. Ich vergrub meine Hände tief in den Jackentaschen und schlenderte zu den Wallanlagen, einem nahe gelegenen Park im Zentrum von Hamburg.

Ein paar Tage vorher hatte ich einen Brief der Patentanwaltskammer erhalten. Darin war mir mitgeteilt worden, dass man mir meine Zulassung als Patentanwalt entzogen hatte. Neben den förmlichen Erklärungen enthielt das Schreiben ein paar persönliche Worte des Geschäftsführers der Kammer, der hervorhob, dass er in den dreißig Jahren seiner Berufstätigkeit einen Fall wie den meinen noch nicht erlebt habe und ich eine Schande für den Berufsstand des Patentanwalts sei, was man nun glücklicherweise behoben habe. Ich wusste, dass er ein Studienkollege meines ehemaligen Seniorpartners Grünewald war, und vermutete, dass Letzterer an dieser doch sehr raschen und endgültigen Entscheidung zu meinen Lasten nicht ganz unbeteiligt gewesen war.

Zwischen meinen Füßen wirbelten bunte Blätter über den frisch geharkten Weg, die gemeinsam mit mir das ordentliche Muster im feinen Kiessand zerstörten. Irgendwo schrie ein Kind nach seiner Mutter.

Ich überlegte, Ingrid in Göttingen anzurufen. Die Gegnerin meines ehemaligen Mandanten und ich duzten uns inzwischen. Wir waren an jenem Tag, als wir uns kennengelernt hatten, abends noch gemeinsam essen gegangen, und ich hatte ihr ein wenig von mir erzählt. Nach unserem Treffen in ihrem Bungalow hatte ich für sie die Klage bei dem italienischen Gericht eingereicht, wodurch sie und ihr Betrieb gerettet wurden. Sie hatte nun auf Jahre Ruhe vor ihrem unversöhnlichen Feind. Seitdem telefonierten wir regelmäßig miteinander, und sie hatte schwere Schuldgefühle, weil durch sie meine junge, hoffnungsvolle Karriere zerstört worden war. »Ansgar hat so viel Leid erzeugt, und es geht noch immer weiter«, sagte sie einmal am Telefon.

Kurz entschlossen wählte ich ihre private Rufnummer. Sie nahm nicht ab. Vermutlich arbeitete sie in ihrer Firma; es war ja mitten am Tag.

Ich atmete tief die Herbstluft ein. Vor mir lag ein kleiner See, auf dem eine Gruppe von Enten schwamm. Mich fröstelte, und ich schlug den Kragen meiner Jacke noch ein wenig höher.

Plötzlich legte jemand seine Hand auf meine Schulter. Erschrocken fuhr ich herum – und sah in das Gesicht eines verwahrlost aussehenden Mannes. Ich hielt ihn für einen Obdachlosen. Er lächelte und gab so den Blick auf zwei Reihen vergammelter Zahnstummel frei. Ein ungepflegter Stoppelbart zierte sein Gesicht, und seine grobporige Nase war stark gerötet. Er trug einen alten Anorak, dessen Kapuze er sich tief in die Stirn gezogen hatte. Eine Alkoholfahne schlug mir entgegen.

Armer Kerl, dachte ich und erklärte bedauernd: »Ich habe leider nichts, Kumpel.«

Sein Lächeln verbreiterte sich noch. »Ich hab aber was für dich«, entgegnete er mit krächzender Stimme und hielt ein Bündel in die Höhe.

Es sah aus wie ein zusammengeschnürtes Päckchen. Ich trat einen Schritt zurück und machte eine abwehrende Handbewegung. »Nichts für ungut, aber lass stecken. Ich brauche das nicht.«

Rasch wandte ich mich von ihm ab und wollte weitergehen. Die Situation war mir nicht geheuer.

»Du bist doch Robert Weber, richtig?«

Ich war perplex. Woher kannte er meinen Namen? Ich überlegte kurz, ob er mich vielleicht im Gericht gesehen hatte. Meine Verhandlung war öffentlich gewesen, und es wurde natürlich auch mein Name genannt. Jedoch waren nur wenige Zuschauer im Saal gewesen, was ich während des Prozesses erleichtert festgestellt hatte.

»Dann ist das für dich!«, behauptete der Mann mit Nachdruck und hielt das Paket ein wenig höher. »Jetzt nimm schon den Scheiß, sonst lasse ich es fallen.«

Reflexartig griff ich danach. Das Bündel war ziemlich schwer. »Von wem ist das?«, fragte ich.

Er drehte sich um und zeigte auf eine Parkbank vor einem Denkmal. Auf ihr saß jedoch niemand. »Von da«, grummelte er.

Es dauerte einen Moment, bis ihm bewusst wurde, dass dort keiner mehr war. Verärgert ließ er den Arm fallen. Dann lachte er plötzlich hysterisch, klopfte mir auf die Schulter und schlurfte davon.

Ich schaute mich um, da ich erwartete, dass uns irgendjemand beobachtete, erblickte aber weit und breit niemanden, der sich für uns zu interessieren schien. Als ich mich wieder dem Obdachlosen zuwandte, war dieser bereits einige Meter entfernt. »Warte!«, rief ich ihm hinterher.

Er begann zu rennen, was ihm in seinem alkoholisierten Zustand schwerzufallen schien. Eine junge Frau, die mit ihrem kleinen Sohn unweit von uns Enten gefüttert hatte, schaute aufgeschreckt zu uns herüber. Ich beschloss daher, dem Obdachlosen nicht hinterherzulaufen.

Verwirrt blickte ich auf das Bündel in meiner Hand. Es war mit einem Stück Stoff umhüllt und sorgfältig mit Paketband zugeschnürt. Ich versuchte, die Knoten zu lösen, musste jedoch feststellen, dass dies ohne Messer oder Schere unmöglich war.

Woher kannte der Mann meinen Namen? War mir jemand vom Gericht aus gefolgt? Ich beschloss, nach Hause zu fahren und das Rätsel zu lösen. Meine Verurteilung hatte ich rascher vergessen als gedacht.

10

Schloss Zeitz, 1714

Der Herzog der kursächsischen Sekundogenitur hatte kein wirkliches Interesse an dem Perpetuum mobile.

Orffyreus war auf die Einladung des Gelehrten Leibniz zur sonntäglichen Cour auf Schloss Zeitz erschienen. Die Cour fand jeden Sonntag statt und gehörte gerade wegen ihrer Regelmäßigkeit zu den wichtigsten Festivitäten des Hofes. Sie bot Wilhelm von Sachsen-Zeitz auf bequeme Art und Weise Gelegenheit, den Prunk zu präsentieren, mit dem er sich und seine Residenz umgab. Insbesondere die durchreisenden Gäste konnten das Schloss während der Cour ausführlich besichtigen und ihre Neugierde befriedigen. Zudem tischte der Herzog zur Cour alles auf, was seine Küche und der Weinkeller hergaben. Hatten die Gäste sich an den kulinarischen Köstlichkeiten satt gegessen, wandelten sie in kleinen Gruppen bis in die letzten Winkel der herzoglichen Gemächer, öffneten Schränke und Kommoden und begutachteten alles ausführlich. Als letzten Programmpunkt fanden sich Gastgeber und Gäste am Spieltisch zu einer Partie Whist zusammen, und dort entschied sich, für wen der Tag glücklich enden sollte und für wen nicht. Für den Herzog war entscheidend, dass man über die Cour sprach oder, noch besser, in Reisetagebüchern darüber schrieb – und wenn möglich auch noch mit Bewunderung. Zu diesem Zweck war dem Herzog jemand, der eine Kuriosität wie ein Perpetuum mobile zu präsentieren hatte, sehr willkommen.

Der Herzog hatte sich daher gegen den Vorschlag des werten Leibniz nicht gesträubt, anlässlich der nächsten Cour von einem fremden Wissenschaftler eine sonderbare Apparatur vorführen zu lassen. Mit großem Aufwand hatte Orffyreus das Rad mithilfe seiner Burschen zum Schloss transportiert. Die nach tagelangem Regen aufgeweichten Wege hatten die Fahrt zu einem Wagnis gemacht. Orffyreus hatte den Tross mit hochrotem Gesicht dirigiert, getrieben von der Angst vor einem doppelten Achsbruch: vor dem der Kutsche und dem seines Rades, das sie auf dem Wagen transportierten. Trotz des zänkischen Hofmeisters war es ihnen dann gelungen, das Perpetuum mobile im Innenhof des Schlosses aufzubauen. Der Hofmeister hatte versucht, mit allerlei Restriktionen und Anweisungen das durch die Arbeiten entstandene Chaos möglichst gering zu halten, und die von ihm ungeliebten »Gaukler« behindert, wo er nur konnte.

Erst als Professor Leibniz hinzugekommen war und den Hofmeister sowie dessen Lakaien mit spürbarer Verärgerung verscheucht hatte, konnten Orffyreus und seine Helfer mit ein wenig mehr Ruhe ihrer Arbeit nachgehen. Der alte Leibniz galt seit vielen Jahren als enger Vertrauter des Herzogs und genoss bei dem Hofpersonal und den Untertanen denselben Respekt wie der Herzog selbst. Auf mathematischem Gebiet stritt Leibniz seit geraumer Zeit mit Sir Isaac Newton in London darüber, wer zuerst die Infinitesimalrechnung entwickelt hatte. Zwar verstand niemand außer einigen wenigen Mathematikern, worum es bei diesem Streit überhaupt ging. Die bittere Feindschaft der beiden alten Männer war jedoch legendär und ein beliebtes Thema in den Salons. In Anwesenheit von Leibniz war es allerdings weise, diese Auseinandersetzung nicht zu erwähnen, wollte man sich nicht seinem Unmut aussetzen.

Leibniz zeigte auch heute wieder großes Interesse an Orffyreus’ Rad, was diesen einerseits ehrte, andererseits misstrauisch machte.

Der berühmte Gelehrte schlenderte mit seinem Gehstock während des Aufbaus zwischen den Apparaturen hin und her und beobachtete alles aufmerksam. Orffyreus war währenddessen damit beschäftigt, Leibniz möglichst die Sicht zu verstellen und ihn zur Ablenkung in ein Gespräch zu verwickeln. Als schließlich alles bereit war für die Demonstration, nutzte Leibniz die Gelegenheit, sich noch einmal das Rad erläutern zu lassen. Da der Blick in das Innere wie üblich durch Wachstücher und Bretter versperrt war, überwand sich Orffyreus dazu, den Gelehrten in seinem Beisein mit der Maschine ein wenig experimentieren zu lassen. Dieser stieß dann und wann Bemerkungen wie »Formidable!« oder »Ganz außergewöhnlich!« aus und zeigte sich überaus zufrieden mit der Erfindung. Gerade wollte Orffyreus einschreiten, um Leibniz’ Neugierde zu zügeln, als zu seiner Erleichterung endlich der Zeremonienmeister erschien, der das Kommen des Herzogs und der Schar seiner Cour-Gäste ankündigte.

Offenbar hatte man sich bis dahin vor allem der Begutachtung des herzoglichen Weinkellers hingegeben. Die Stimmung war ausgelassen bis albern; und insbesondere eine kleine Gruppe von Reisenden aus Venezien, leicht zu erkennen an ihren Kaufmannsgewändern, hatte sichtlich Mühe, sich auf den Beinen zu halten. Und noch bevor die Aufführung beginnen konnte, entbrannte ein Streit zwischen einem der Gäste und Orffyreus.

Ein junger Franzose, der den Teint eines Pfirsichs besaß und kaum älter als zwanzig war, entfernte sich von der Gruppe und versuchte, die Maschine noch vor Beginn der Vorführung näher in Augenschein zu nehmen. Gerade als er im Begriff war, das Wachstuch anzuheben, um in das Innere zu blicken, kam Orffyreus hinzu und stieß ihn unsanft beiseite. Nachdem der Franzose seine erste Überraschung überwunden hatte, wollte er sich revanchieren und holte zu einem Schlag mit der flachen Hand aus. Im letzten Moment ging Gustav dazwischen, drängte den allzu Neugierigen zurück und drückte ihn unsanft auf einen der Plätze in der ersten Reihe ...

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