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Das Prometheus Mosaik

Inhalt

  1. Cover
  2. Über den Autor
  3. Titel
  4. Impressum
  5. Widmung
  6. Prolog
  7. Teil I
  8. Jahre später 5. April
  9. 6. April
  10. 7. April
  11. 8. April
  1. Teil II
  2. 1.April
  1. Teil III
  2. 12. April
  3. 13. April
  1. Teil IV
  2. 13. April
  3. 15. April
  1. Epilog
  2. 28 Jahre Später
  1. Dankeschöns

Über den Autor

Timothy Stahl, in den USA geboren, wuchs in Deutschland auf, wo er beruflich als Redakteur für Tageszeitungen und als Chefredakteur eines Wochenmagazins tätig war. 1999 kehrte er in die USA zurück und arbeitet seitdem als Autor und Übersetzer. Timothy Stahl lebt mit seiner Frau und seinen beiden Söhnen in Las Vegas, Nevada.

Prolog

AUCH DAS ZUFÄLLIGSTE IST NUR
EIN AUF ENTFERNTEREM WEGE HERANGEKOMMENES
NOTWENDIGES.

 

SCHOTTLAND, NAHE EDINBURGH, NACH MITTERNACHT

In seinem merkwürdigen Traum bekam der Junge kaum noch Luft. Jemand, etwas, ein Ungeheuer schien ihm alle Luft wegzuatmen. Dieses Gefühl folgte ihm ins Aufwachen hinein und wurde wirklich. Eine große, kräftige und vor allem heiße Hand schien sich ihm auf Mund und Nase zu pressen. Und als es ihm endlich doch gelang, wenigstens einen kleinen, flachen Atemzug zu tun, brannte ihm das bisschen Luft in Mund und Rachen, so ähnlich wie der winzige Schluck Whisky, den er einmal aus Papas fast leerem Glas stibitzt hatte und der ihm auf der Zunge explodiert und wie etwas Brennendes durch den Hals und in den Bauch hinuntergelaufen war.

Doch diese Empfindung, die den Jungen in dem kleinen Reich zwischen Schlafen und Wachen überfiel, erstickte in seinem Kopf unter der Macht einer anderen Erinnerung.

Er dachte an Ägypten. An den Urlaub, den er dort im vorigen Sommer mit Mama und Papa verbracht hatte. An den schlimmen Sonnenbrand, den er sich im Tal der Könige geholt hatte. Seine Haut hatte gespannt, als sei er plötzlich gewachsen und sie nicht mit ihm, bis sie schließlich aufgesprungen war und sich abgelöst hatte und das Fleisch darunter gleich hatte mitnehmen wollen … Dort in der Wüste war es so glühend heiß gewesen wie in einem Backofen. Aber doch nicht so heiß wie …

… wie hier. Jetzt. In seinem Zimmer. Und mit dieser Erkenntnis ließ der Schlaf vollends von ihm ab.

Der Junge fuhr hoch und schlug die Augen auf. Seine Lippen öffneten sich, platzten förmlich auseinander unter einem Schrei, der ihm aus der Kehle brach, getrieben von explodierendem Schmerz. Denn im Aufsetzen riss es ihm die Haut vom Rücken. Vor Schmerz schreiend und die Augen blind vor Tränen, tastete er nach hinten, fühlte feuchtes Fleisch auf seinem Rücken und etwas Klebriges auf der Matratze – der Rest seines Schlafanzugs, die Masse, zu der die Hitze Haut und Kleidung verschmolzen hatte.

Wieder ging ihm ein sonderbarer Gedanke durch den Kopf, als versuche sein Unterbewusstsein ihn mit allen nur möglichen Mitteln von den Schmerzen abzulenken. Wie durch einen Nebel sah er im Geiste den Besitzer der Imbissbude, an der Mama und er auf dem Heimweg vom Kindergarten immer vorbeikamen. Der Mann stand an seinem Grill und legte vor Marinade triefende Steaks auf. Die Flammen leckten zwischen den Gitterstäben des Rostes nach oben. Nur stieg der damit einhergehende Geruch nicht bloß in seiner Vorstellung auf. Der Junge roch ihn wirklich. Doch es war nicht der Geruch von gegrillten Steaks, sondern der Gestank verbrannten Fleisches. Seines Fleisches.

Und dieses Wissen machte den Schmerz noch tausendmal schlimmer, als er es ohnehin schon war. Schmerz, der sich nun nicht mehr auf seinen gehäuteten Rücken beschränkte, sondern in jede Stelle seines Körpers biss und sich hineinfraß, bis auf die Knochen hinunter.

Der Junge wollte Luft holen für einen neuerlichen Schrei, glaubte jedoch, pures Feuer einzuatmen. Feuer, das jedes bisschen Sauerstoff im Zimmer aufgebraucht hatte. Feuer, das sein Zimmer schon verschlungen hatte.

Alles um ihn herum stand lichterloh in Flammen. Er konnte nur Umrisse ausmachen und erahnen, wo hinter der wogenden Feuerwand die Tür und das Fenster lagen.

Als wollten sie die mangelnde Sicht ausgleichen, schienen seine Ohren sich doppelt anzustrengen. Auf dem Bett kauernd, weil keine Flucht möglich war, und vor Angst und Schmerzen wimmernd, vernahm er ganz deutlich das Knistern und Knacken, mit dem das Feuer die Holzmöbel verzehrte, und das Zischen, als sein Plastikspielzeug schmolz und schmorte.

Über allem hörte er, seltsamerweise, seinen Wecker, den Mama ihm damals am Abend vor seinem ersten Kindergartentag auf den Nachttisch gestellt hatte und dessen ewiges Ticken er längst nicht mehr bewusst wahrgenommen hatte. Bis jetzt.

Und er hörte seinen Namen. Sein Vater rief ihn, ganz nah und doch unerreichbar fern. Gleich vor der Tür musste er stehen. Ebenso gut hätte er auch am anderen Ende der Stadt oder sogar der Welt stehen können. Denn durch diese Tür schien kein Hereinkommen mehr, weil die Flammen sie wie eine Barrikade blockierten.

Doch schiere Verzweiflung öffnete viele Türen …

Ein dumpfer Schlag ertönte, wie von jemandem, der nebenan Holz hackte. Ein zweiter, dieser gefolgt von einem Knirschen und Knacken, als würde ein Baum gefällt. Und ebenso langsam wie ein fallender Baum kippte die Tür, die sein Vater aufgetreten haben musste, ins Zimmer herein, brennende Schweife nach sich ziehend.

Jenseits des Waberns und Flackerns malte sich ein dunkler Schemen mit scheinbar ständig verschwimmenden Umrissen ab, nicht wirklich zu erkennen, und doch machte der Junge den Schemen eindeutig als seinen Vater aus.

Im Hintergrund, viel weiter weg als sein Vater, versuchte seine Mutter nach ihm zu rufen, brachte allerdings nur ein schmerzerfülltes Weinen zustande. Vater rief ihr zu, sie solle gehen, aus dem Haus laufen, schnell, und sie antwortete ihm mit schriller Stimme. Nur was sie sagte, konnte der Junge nicht verstehen …

… weil ihm in diesem Moment das Feuer schier in die Ohren brüllte.

Einen Atemzug lang bekam er genug Luft in die Lungen, um der Ohnmacht zu entgehen, die sich seiner erbarmen wollte. Von irgendwoher fegte Wind ins Zimmer, und die Flammen plusterten sich in dem Schwall frischen Sauerstoffs auf.

Der Junge versuchte vor der Hitze zurückzuweichen. Heiße Tränen liefen ihm aus den brennenden Augen über das Gesicht, von dem sich die Haut löste wie die welke Schale eines verschrumpelten Apfels.

Wieder schaute er, voller Hoffnung und doch längst hoffnungslos, zu seinem Vater. Der rang wie mit unsichtbaren Gegnern, wollte sich den Weg zu ihm freikämpfen, nur bissen und schlugen die Flammen nach ihm und trieben ihn für jeden Schritt, den er näher kam, um zwei zurück.

Durch die Hitze hindurch strich plötzlich etwas Kühles, Körperloses über das verbrannte Gesicht des Jungen. Reflexartig drehte er den Kopf.

Das Fenster.

Es war offen. Jemand hatte es geöffnet.

Und herein stieg der Tod.

Er kam durch das Feuer und den Rauch auf ihn zu, wie in den alten Sagen und Märchen – in dunkler Gestalt, das Gesicht ein knochenbleicher Fleck unter einer Kapuze und nur für einen winzigen Augenblick überhaupt als Gesicht zu erkennen.

Der Junge wollte sich nicht fürchten. Er wollte den Tod als Retter sehen, als Erlöser von den furchtbaren Schmerzen, die ihm das Feuer bereitete.

Leben konnte ein Mensch derart verbrannt nicht mehr. Das wusste auch ein Kind.

Also lieber sterben. Und zwar schnell.

Trotzdem hatte er Angst. Trotzdem schrie er auf unter der kalten Berührung der Hände, die sich um sein rotes, rohes Fleisch legten und ihn aus dem brennenden Bett hoben. Dieses winzige Quäntchen zusätzlichen Schmerzes war der eine Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte.

Die Ohnmacht legte sich über ihn wie eine wohlig warme, alles Licht und jeden Laut schluckende Decke.

Das Feuer schien zu erlöschen und mit ihm alle Schmerzen. Jeder Ton verstummte. Auch das Ticken des Weckers.

Dann nahm der Tod den Jungen mit.

Und auf der Schwelle zurück ins Leben blieben sie stehen.

***

Stunden danach

»Bitte lass ihn nicht sterben.«

Der Mann hörte die Stimme seiner Frau, leise wie im Gebet. Er drehte den Kopf. Mit gefalteten Händen saß sie, kleiner und zerbrechlicher wirkend als sonst … als vor ein paar Stunden noch … auf dem Stuhl neben ihm. Er war nicht sicher, wem ihr Flehen eigentlich galt – ihm, dem Herrn, oder ihm selbst, ihrem Ehemann, dem Vater des Jungen, um den sie weinte, wie sie noch nie geweint hatte.

Wieder löste sich eine Träne von ihrem Gesicht, das selbst jetzt noch schön war, da Angst und Verzweiflung ihm ihre Stempel aufdrückten.

Der Junge, ihr gemeinsamer Sohn, lag isoliert, nackt und rot unter dem keimfreien Sauerstoffzelt. Es spannte sich über ihm wie der Himmel einer anderen, kleinen Welt, in der man dem Tod näher war als dem Leben. Seit der Feuerwehrmann – dessen Namen sie nicht kannten – ihn aus ihrem brennenden Haus gerettet hatte, war der Junge ohne Bewusstsein. Reglos und stumm kämpfte er ums Überleben, nachdem die Ärzte der Brandklinik für ihn getan hatten, was in ihrer Macht stand.

Es war nicht genug gewesen. Man brauchte kein Mediziner zu sein, um das zu wissen. Und sowohl der Mann als auch seine Frau waren in der Materie ausreichend bewandert, um zu verstehen, was Dr. McMullan lediglich angedeutet hatte: Der Junge würde sterben, wenn nicht …

Wenn nicht ein Wunder geschieht, dachte der Mann.

Er wollte die Hand nach seiner Frau ausstrecken, ließ es dann jedoch sein. Ihre Augen waren zwar noch auf den Jungen gerichtet, nur schienen sie etwas anderes zu sehen. Vielleicht blickten sie zurück auf bessere Zeiten, auf all die schönen Augenblicke, die sie als Familie erlebt hatten. Er wollte sie nicht in dieser Erinnerung stören, nur um sie in die grausame Gegenwart, an das Sterbebett ihres Sohnes zurückzuholen. Stattdessen senkte er den Blick auf seine Hände, betrachtete sie lange und ballte sie zu Fäusten. Es waren Hände, in denen das Zeug lag, ein Wunder zu bewirken, wie es hier vonnöten war.

Obwohl er Wissenschaftler war, glaubte er an eine ursprüngliche schöpferische Allmacht – oder vielleicht auch, gerade weil er Wissenschaftler war. Als solcher wusste er, dass es eine Grenze gab, hinter der der menschliche Verstand nicht mehr ausreichte, um zu begreifen. Und so glaubte er auch, dass Gott es gewesen sein mochte, der ihm dieses Zeug in die Hände gelegt hatte: eine einzigartige Gabe, die zu nutzen und anzuwenden nun seine Aufgabe war.

Dieser Herausforderung hatte er sich in seinem Beruf gestellt, und er war auf dem besten Wege, sie zu meistern – wenn man ihn nur gewähren ließe. Doch immer wieder wurden ihm Hürden in den Weg gestellt, von der Öffentlichkeit und seinen Kollegen gleichermaßen.

Ignoranten, dachte der Mann. Ignoranten, die sich weigern, über den heutigen Tag hinauszuschauen.

Selbst jemand wie Paul Berg, einer der Pioniere auf seinem Fachgebiet, ein Mann, den er von Anfang an auf seiner Seite gewähnt hatte, forderte seit neuestem ein Moratorium für Forschungen, wie er sie selbst betrieben hatte. Er sei an einem Punkt angelangt, an dem ihm die Aussicht auf die Zukunft Angst bereite, hatte Berg erklärt. Das war lächerlich. Und es war eine Anmaßung, nicht nur jenen Wissenschaftlern gegenüber, die mit ihm in diese Richtung strebten, sondern auch eine Bevormundung all jener Menschen, denen die Resultate solcher Arbeit eines Tages das Leben erleichtern oder sogar retten mochten.

Wie unserem Jungen …

Der Mann schämte sich. Anstatt mit unsichtbar gefesselten Händen an diesem Bett zu hocken, hätte er aufstehen müssen … nein, er hätte gar nicht hier sitzen dürfen, sondern hätte längst am Werk sein sollen, mehr noch, eigentlich müsste er es schon getan haben, um vorbereitet zu sein für einen Fall wie diesen. Dann hätte er jetzt nur noch zugreifen müssen, um dem Jungen zu helfen.

Doch er hatte es sich verbieten lassen. Er war inkonsequent gewesen, feige. Und jetzt fehlten ihm schlicht die Mittel dazu. Der Wille war da, so stark wie nie – nur wo hätte er es tun, wie alles Nötige in die Wege leiten sollen?

Unmöglich …

Das Wort, welches er verachtete und erfolgreich aus seinem Denken verbannt hatte, traf ihn nun wie ein Hammerschlag hinter die Stirn. Er schloss die Augen, atmete ein paar Mal tief durch und spürte, wie sich die beginnende Rage in seinem Innern wieder legte.

Bisher hatte er Berg und andere seines Schlages nicht verstehen können. Doch hier, an der Seite seines todgeweihten Sohnes, begriff er endlich. Jetzt wusste er, was Berg und all seinen Gesinnungsgenossen fehlte: ein ureigener Grund, dorthin vorzustoßen, wo noch kein anderer Mensch sich hingewagt hatte. Eine persönliche Motivation, wie er sie nun besaß.

Er wollte das Leben seines Sohnes retten. Und er hätte es wohl gekonnt, wenn man ihm nur erlaubte, das zu tun, was er für möglich hielt und was er mit seiner Gabe erreichen konnte. Nur ließ man ihn nicht. Moral und Gesetze banden ihm die Hände – so lange jedenfalls, wie er an einem staatlich finanzierten Forschungsinstitut tätig war und damit, mehr oder weniger, im Licht der Öffentlichkeit stand. Bisher hatte er geglaubt, er selbst, sein Wissen und auch die Neugier, die ihn wie ein Motor antrieb, seien dort am besten aufgehoben, weil seine Forschungen in einer solchen Position von größtem Nutzen sein konnten. Die Erfolge, die in Einrichtungen dieser Art erzielt wurden, kamen über kurz oder lang allen Menschen zugute und füllten nicht in erster Linie irgendwelchen Vorstandsmitgliedern, Aktionären und den Forschern selbst die Taschen, wie es in der freien Wirtschaft der Fall war.

So hatte er bisher gedacht.

Jetzt wünschte er sich, er hätte eines der lukrativen Angebote angenommen, die man ihm in den vergangenen Jahren unterbreitet hatte, als sein Name und Ruf die Runde gemacht hatten. Erst vor ein paar Wochen hatte er, edelmütiger Narr, der er war, wieder eines abgelehnt. Hätte er nur zugesagt, würde er vielleicht jetzt schon an einer potenziellen Rettung seines Sohnes arbeiten, anstatt ihm tatenlos beim Sterben zusehen zu müssen.

»Lass ihn nicht sterben.«

Diesmal galten die Worte seiner Frau eindeutig ihm. In Gedanken versunken, hatte er nicht bemerkt, dass sie sich ihm zugewandt hatte. Erschrocken schaute er auf und sah in ihr Gesicht, an dem die Zeit spurlos vorübergezogen war seit jenem Tag, als das Schicksal sie an der Universität von Edinburgh zusammengeführt hatte, erst als Kollegen, dann als Paar. Nur ihre Augen waren nicht mehr die Augen von damals, nicht mehr die Augen einer Wissenschaftlerin, sondern die einer Mutter. Einer Mutter, die jetzt fast umkam vor Bangen um das Leben ihres Sohnes.

»Wir dürfen ihn nicht sterben lassen«, sagte sie leise und erstaunlich bestimmt. Dann suchte und fand ihr Blick wieder das rote, mit Brandblasen übersäte Gesicht des Jungen hinter der Klarsichtplane und streichelte es, wie sie es mit den Händen nicht durfte.

Der Mann betrachtete die Szene schweigend. Auch er durfte mit seinen Händen nicht tun, was er tun wollte. Dabei wäre es als Vater doch seine Pflicht gewesen, alles in seiner Macht Stehende in die Wege zu leiten. Von neuem verlor er sich in einem Labyrinth aus düsteren Gedanken, in dem ihm der Weg zum einzigen Licht verwehrt blieb.

Er hörte nicht, wie die Tür hinter ihnen aufging. Er spürte nur den kühlen Schwall, der vom Gang hereinwehte und die Folie des Sauerstoffzelts kaum merklich bewegte. Entfernte Stimmen draußen auf dem Flur wurden kurz lauter und fast verständlich, um dann wieder zu verstummen, als die Tür sich schloss. Wahrscheinlich eine Krankenschwester, die nach dem Rechten sehen wollte, vielleicht auch Dr. McMullan, der Chefarzt, der mit seinem Latein am Ende war, dachte der Mann.

Auch seine Frau rührte sich nicht. Sie hatte offenbar nicht bemerkt, dass jemand hereingekommen war. Womöglich blickte sie aber auch nur deshalb nicht auf, weil sie Angst hatte vor der Wahrheit über den Zustand ihres Sohnes, die jetzt ausgesprochen werden könnte. Es verging fast eine Minute, in der nichts geschah. Weder sie noch ihr Mann sahen sich um. Auch die Person, die ins Zimmer gekommen war, trat ihrerseits nicht näher, schien nicht einmal zu atmen, so still war es im Raum, sah man ab von dem leisen Summen der Apparate, an die der Junge angeschlossen war.

Schließlich drehte der Mann sich doch um. Nur um nachzusehen, ob er sich nicht getäuscht hatte.

Das hatte er nicht. Jemand war ins Zimmer gekommen. Allerdings handelte es sich weder um eine Krankenschwester noch um Dr. McMullan oder einen anderen Arzt. Es war ein Fremder, der da mit dem Rücken zur geschlossenen Tür stand und den er im allerersten Moment für einen Pfarrer im Talar hielt – ein Anblick, der ihm in dieser Situation einen tief ins Herz reichenden Stich versetzte. Dann erkannte er seinen Irrtum und die Kleidung des Mannes als das, was sie wirklich war: ein langer, nass glänzender Mantel, über dessen schwarzem Kragen der weiße eines Hemdes hervorstand.

Etwas kam ihm vertraut vor an dem Fremden, so als hätte er ihn irgendwo schon einmal gesehen. Nicht unbedingt persönlich, vielleicht nur auf einem Foto. Ganz sicher war er sich dessen jedoch nicht. Und ein Name wollte ihm schon gar nicht einfallen. Dennoch löste der Anblick des Fremden etwas in ihm aus, das er in dieser dunklen Stunde nicht mehr erwartet hatte: Hoffnung.

Er hatte nicht die leiseste Ahnung, woher ein solches Gefühl rühren sollte. Aber er spürte es, einen Augenblick lang jedenfalls – nämlich als sein Blick dem des Fremden zum ersten Mal begegnete, wie angezogen von dem auf fast unwirkliche Art leuchtenden, kristallartigen Grün seiner Augen.

Der Bann verging, hatte wohl kaum eine Sekunde gewährt, und der Fremde trat näher. In der Linken hielt er einen Hut, der feucht war vom Schneeregen draußen, die Rechte hatte er tief in der Manteltasche verborgen. Mit wachem Blick musterte er den am Bett sitzenden Mann.

»Bitte verzeihen Sie, Herr Doktor«, sagte der Fremde. Er sprach Deutsch, das dem Klang nach auch seine Muttersprache war.

Der Mann auf dem Stuhl stutzte, nickte aber nur, anstatt etwas zu sagen, abgelenkt von seiner Frau, die sich nun auch umdrehte. Und ihre Miene spiegelte genau dasselbe Gefühl wider, das auch ihn überkommen hatte, als der bannende Blick dieser grünen Augen ihn zum ersten Mal getroffen hatte.

»Ich weiß, was Sie empfinden und was Ihnen im Kopf herumgeht, Herr Doktor«, sagte der Fremde.

»Woher wollen Sie …«, begann der Mann, ebenfalls auf Deutsch, auch seine Muttersprache.

»Doch, doch, glauben Sie mir nur«, unterbrach ihn der andere. »Ich weiß auch, was Sie tun wollen und könnten. Ich habe Ihren Werdegang aufmerksam und mit Interesse verfolgt.« Er zog die Hand aus der Manteltasche. »Und ich habe etwas für Sie. Ich möchte Ihnen … ein Angebot machen.«

Die Finger seiner rechten Hand umfassten ein Stück Papier von der Größe einer Postkarte, einmal quer gefalzt. Er faltete es auseinander und hielt es den Eheleuten so hin, dass sie erkennen konnten, was darauf zu sehen war. Es war nicht viel, und doch verriet es den beiden mehr, als jemand mit allen Worten der Welt hätte sagen können.

Etwas im Kopf des Mannes sperrte sich gegen die Erkenntnis, die dieses runenartige Symbol in ihm auslöste. Doch allem Zweifel zum Trotz verdichtete sich das eben noch vage Gefühl von Hoffnung zu einer Gewissheit, die plötzlich keiner Grundlage mehr zu entbehren schien – und die felsenfest wurde, als seine Frau den Zettel entgegennahm und den Namen des Fremden aussprach, ihn hauchte wie den eines Götzen, dessen Anrufung verboten war.

Es gab sie also doch.

Sie, von denen in der Fachwelt jeder schon einmal gehört hatte und an deren Existenz doch keiner recht glauben wollte. Weil nichts, was man sich über sie erzählte, über Hörensagen hinausging. Und weil alles, was man von ihnen hörte und sagte, zu fantastisch, zu wundersam klang, um wahr zu sein.

Auch der Vater des Jungen hatte bislang zu den Ungläubigen und Zweiflern gehört. Doch jetzt spürte er förmlich, wie er sich von ihnen löste, wie in ebendiesem Augenblick das Band durchtrennt wurde, das ihn all die Jahre an eine Welt voller Kleingeister gefesselt hatte. Auf einmal fühlte er sich frei, so frei wie noch nie zuvor. Er hatte den Eindruck, in die Höhe zu schweben, als er sich von seinem Stuhl erhob und die Hand ausstreckte, in die der nun nicht mehr so Fremde einschlug.

»Sie können von mir verlangen, was Sie wollen«, sagte der Mann und wurde von neuem unterbrochen.

»Ich weiß.« Der andere nickte. »Zunächst möchte ich allerdings nur eines.«

Er hielt die Hand des Mannes weiter fest umschlossen und begegnete seiner fragenden Miene mit bestimmtem Blick. »Ich möchte, dass Sie Ihren Sohn retten.«

»Das werde ich versuchen.«

»Nein.« Härte trat in die Züge und den Ton des anderen. »Wir tun, was andere nur ›versuchen‹. Und genau das erwarte ich auch von Ihnen. Sollten Sie sich entscheiden, durch die Tür zu treten, die wir Ihnen öffnen, müssen Sie das Unmögliche möglich machen.«

Der Vater des Jungen verstärkte den Griff um die Hand des Mannes. Mit derselben wiedergewonnenen Kraft blickte er fest in die grünen Augen.

»Ich werde Sie nicht enttäuschen«, versprach er. Und der Blick, mit dem er seine Frau und seinen sterbenden Sohn bedachte, sagte: Und euch auch nicht.

Teil I

DER ZUFALL IST DAS PSEUDONYM,
DAS DER LIEBE GOTT WÄHLT,
WENN ER INKOGNITO BLEIBEN WILL.

Jahre später

5. April

BERLIN, SANKT-VINZENZ-KRANKENHAUS

Theo Lassing rang mit dem Tod.

Zum vierundsiebzigsten Mal, das wusste er genau, denn er führte Buch darüber. Und wie die dreiundsiebzig Male zuvor ging es nicht um sein Leben, sondern um das eines Fremden. Eines Menschen, den er nicht kannte, dem er nie zuvor begegnet war und für den er doch sein ganzes Wissen und Können in die Waagschale warf.

Wie es sich für einen guten Arzt gehörte.

Ein Außenstehender hätte ihn in dieser Situation allerdings leicht mit einem Metzger verwechseln können: In den blutverschmierten Händen hielt er ein tropfendes Etwas von der Form einer sehr großen, dicken Bohne, das er der Operationsschwester zur Entsorgung reichte. Die sichtbare Rissverletzung der Milz wäre nicht heilbar gewesen. Ohne Milz konnte der verunglückte Motorradfahrer jedoch weiterleben. Ihre Funktion würde nach der operativen Entfernung von anderen lymphatischen Organen wie der Leber übernommen werden. Letztere zu retten war deshalb Theos nächster Zug in diesem Kampf, bei dem der Tod zurzeit nach Punkten in Führung lag.

Mit halbem Ohr bekam Theo mit, wie sein indischer Studienfreund und jetziger Kollege Yash Kapoor am Telefon fluchend mehr Blutplasma anforderte. Gleichzeitig setzte Yash seine Bemühungen fort, den Rest des Blutes, der noch durch die Adern des Patienten floss, mit Klemmen, Klammern und bloßen Fingern am Austreten durch eine der zahlreichen Wunden zu hindern. Der metallische Geruch nach Blut überwog dennoch längst den stechenden der Desinfektionsmittel.

Der Blutverlust und der instabile Puls des Patienten stellten jetzt das ärgste Problem dar. Theo wusste, dass Yash in dieser Hinsicht alles Menschenmögliche tat, und war – nicht nur deshalb – nahezu blind und taub dafür. So blind und taub, wie er auch für alles andere um ihn herum war, das nicht unmittelbar mit dem zu tun hatte, worauf er sich nun konzentrierte: den klaffenden Riss in der Leber des Mannes zu nähen. Das war eines von Theos großen Talenten – sein Augenmerk ganz und gar auf eine Sache zu richten, egal, was ringsherum vor sich ging.

Nur vor dem Tod konnte er die Augen nicht verschließen.

Den sah er – nicht zum ersten, sondern zum vierundsiebzigsten Mal – als Schatten in einer Ecke lauern, aus der er so lange nicht wich, wie es für ihn etwas zu holen geben mochte.

Geblieben war dieser Schatten noch nie. Jedes Mal war er bisher verschwunden. Nur nicht immer allein …

Theo zuckte zusammen, als ihm die OP-Schwester den Schweiß abtupfte, der ihm trotz der relativen Kühle im Raum auf die Stirn getreten war. Mit der unerwarteten Berührung trat auch das Treiben um ihn herum wieder in sein Bewusstsein. Doch war es weniger hektisch als zuvor, und die erstickende Anspannung aller Anwesenden hatte sich ein wenig gelöst.

Theo setzte den letzten Stich ins schwammige Gewebe des rechten Leberlappens und ließ sich von der Schwester Nadel und Faden aus der Hand nehmen. »Wie sieht’s aus, Yash?«, fragte er, an seinen Kollegen gewandt.

Das unstete Piepsen des EKG-Monitors, das bis vor wenigen Sekunden noch von den gekachelten Wänden des Operationssaals widergehallt war, wurde beruhigend rhythmisch und beantwortete Theos Frage, bevor Yash es tun konnte. So beschränkte Yash sich darauf, lediglich den Daumen im blutverschmierten Latexhandschuh hochzurecken.

Theo erwiderte Yashs erschöpftes, aber glückliches Grinsen nicht. Obwohl sie den Patienten gerettet hatten, konnte er die Erleichterung und Freude, die Yash ins Gesicht geschrieben standen, aus unerklärlichen Gründen nicht nachempfinden. Die Fähigkeit zu derlei Regungen ging ihm ab, so war es immer schon gewesen. Es schien, als fehle ihm dieses Gen; selbst Kollegen hatten ihm das schon mehrfach attestiert.

Fast widerwillig warf Theo stattdessen einen Blick in die Ecke, so flüchtig, dass es niemandem auffiel. Mehr als dieses flüchtigen Blickes bedurfte es auch nicht.

Die Ecke war leer, ausgefüllt nur vom weißen Neonlicht des OPs.

Schattenlos.

***

Ein sauber gezogener Längsstrich teilte die aufgeschlagene Seite des DIN-A5-Notizbuchs in zwei gleich große Hälften. Einen Fingerbreit unterhalb des oberen Blattrandes verlief ein ebenso gerader Querstrich, auf dem links ein mit Kugelschreiber mehrfach nachgefahrenes Plus- und rechts ein Minuszeichen standen. Der Strichliste auf der linken Tabellenseite fügte Theo Lassing jetzt einen weiteren Strich hinzu, der wie die anderen Striche genau zwei Kästchen des karierten Papiers hoch war. Damit standen auf der Plusseite nun zweiundvierzig, auf der Minusseite nach wie vor zweiunddreißig Striche. Das hieß, Theo hatte zweiundvierzig von vierundsiebzig schwer verletzten Unfallopfern, die in die Notaufnahme eingeliefert worden waren, das Leben retten können. Für die anderen zweiunddreißig war jede – oder wenigstens seine – Hilfe zu spät gekommen.

Objektiv betrachtet kein schlechter Spielstand im Wettkampf mit dem Tod.

Ein anderer als Theo hätte vielleicht darüber nachgesonnen, wie schön es doch wäre, niemals einen Strich in die Minushälfte der Tabelle setzen zu müssen. Ihm war dieser Gedanke nie gekommen. Er war nüchtern genug – zu nüchtern, sagten manche, seine Freundin Bine zum Beispiel -, um der Realität ins Auge zu sehen, sie zu akzeptieren. Im statistischen Vergleich mit anderen Krankenhäusern und Ärzten stand er gut da, leistete Überdurchschnittliches. Das erfüllte ihn zwar mit keinem Glücksgefühl, aber es beruhigte seinen angeborenen Drang, immer und überall nach Besserem zu streben.

Eine Hand griff nach Theos Schulter. Yash hatte sich hinter ihn geschlichen und linste auf das kleine Notizbuch.

»Wie lange willst du das eigentlich noch machen?«, fragte der Inder.

»Was meinst du?«, entgegnete Theo.

»Na, deine komische Strichliste.«

Theo zuckte mit den Schultern und legte das Büchlein in seinen offen stehenden Spind. Dann zog er den Arztkittel aus und streifte ein Sakko über. Mit einem Blick musterte er sich kurz und eingehend im Spiegel an der Innenseite der schmalen Spindtür. Nicht nur an anstrengenden Tagen wirkte er älter, als er es mit seinen knapp über dreißig Jahren tatsächlich war. Nichtsdestotrotz besaß er das, was man gemeinhin als jungenhaften Charme bezeichnete. Auch heute, da sein Gesicht von Müdigkeit gezeichnet war und seine himmelblauen Augen eingetrübt wirkten, so als zögen Regenwolken über die Iris hinweg.

Theo schloss den Spind, dessen Anblick bei ihm immer wieder ein Gefühl der Trostlosigkeit hervorrief. Das Sankt-Vinzenz-Krankenhaus war im Laufe der vergangenen zehn Jahre in vielerlei Hinsicht auf den neuesten Stand gebracht worden, doch für die Aufenthaltsräume des Personals hatte man keinen Cent erübrigt. Die Spinde hier stammten aus den Siebzigern des vorigen Jahrhunderts, davon kündeten neben dem grauenhaften orangefarbenen Anstrich auch vereinzelte Pril-Blumenaufkleber, die sich sämtlichen Versuchen nachfolgender Mitarbeitergenerationen, sie abzulösen, hartnäckig widersetzt hatten und auch heute noch Zeugnis ablegten über damalige Geschmacksverirrungen.

So sehr Theo auch in seiner Arbeit aufging und für sie lebte, konnte er es nach Dienstende kaum erwarten, aus diesem Raum zu kommen.

Yash war – auch in diesem Punkt – weit stoischer. Er verlor nur selten die Ruhe, aber wenn, dann richtig. Wie heute Nachmittag, als im OP das Blutplasma auszugehen drohte.

Im Gegensatz zu Theo hatte er es nicht eilig, nach Hause zu kommen. Er saß an einem wackligen Tisch, in dessen Resopalplatte sich offenbar all jene Generationen von Mitarbeitern verewigt hatten, die im Kampf gegen die Pril-Blumen gescheitert waren. Irgendjemand hatte ein Exemplar der heutigen Ausgabe der BZ liegen gelassen. Yash blätterte auf der Suche nach dem Kreuzworträtsel darin; er konnte keines ungelöst lassen und legte dabei ein Tempo vor, das rekordverdächtig war.

Als Theo schon fast die Tür erreicht hatte, schreckte Yash hoch und verschüttete dabei den Kaffee, den er in der linken Hand hielt.

»Das ist ja ein Ding«, entfuhr es ihm. Verdutzt rückte er seine Buddy-Holly-Brille zurecht und deutete auf ein Bild in der Zeitung.

Theo blieb stehen und sah zu ihm hinüber. »Was?«

»Schau dir das hier an.« Yash schob die aufgeschlagene Zeitung über den Tisch und deutete auf ein Foto, das auf der Seite abgebildet war.

Während er näher trat, konnte Theo nur einen Teil der für ihn auf dem Kopf stehenden Überschrift des dazugehörigen Artikels lesen. Es ging offenbar um den aufsehenerregenden Fall von Kindesentführung, der Berlin und den Rest der Nation eine gute Woche lang in Atem gehalten und täglich Schlagzeilen gemacht hatte. Am Schluss hatten eine Privatdetektivin und eben ein »Hellseher«, wie es hieß, das Versteck des gekidnappten neunjährigen Jungen gefunden, nachdem der Entführer bei der Geldübergabe zu Tode gekommen war.

Es war jedoch nicht die Geschichte, die Yash so in Aufregung versetzte.

Am Tisch angelangt, zog Theo die Zeitung zu sich heran und drehte sie herum. Sein Blick fiel auf das Bild – und schien sich hindurchzubohren wie ein in die Tischplatte getriebener Nagel.

Yash hatte recht. Das war tatsächlich ein Ding.

Das Bild zeigte einen Mann, der erschrocken in die Kamera schaute. Als hätte der Fotograf sich an ihn herangepirscht und ihn per Zuruf dazu gebracht, sich umzudrehen.

Im Bildtext stand etwas von einem »Wunder« und »glücklicher Heimkehr«. Doch dieser Text interessierte Theo im Moment nicht. Sein Augenmerk galt ganz allein dem Foto. Das hieß, dem Mann darauf.

Ein Gefühl von Déjà-vu stieg in Theo auf, so machtvoll, dass er fürchtete, den Boden unter den Füßen zu verlieren. Einen Herzschlag lang sah er im Geiste noch einmal sein Gesicht vor sich, so wie eben in dem kleinen Spiegel an der Innenseite der Spindtür. Und dann schob sich dieses Bild über jenes, das auf der Zeitungsseite abgedruckt war, und deckte sich mit ihm.

Denn der Mann auf dem Foto war er selbst.

***

BERLIN, LICHTERFELDE-WEST

Der Kopf klatschte zu Boden.

Der dumpfe Laut hallte durch das Atelier und schien für Sekunden wie ein Gewitter durch die Gründerzeitvilla zu rollen, die Katharina Lassings ganze Welt war. In der anderen Welt dort draußen hinter den Fenstern, in die sie schon lange keinen Fuß mehr gesetzt hatte, neigte sich derweil ein wolkenloser Frühlingstag dem Ende zu.

»Zu viel Wasser«, seufzte sie und blickte auf den vom Sockel gerutschten Lehmkopf. Sie wischte sich die nassen Hände an der Arbeitsschürze ab, bückte sich und hob das ockerfarbene Werkstück auf. Der Schädel war seitlich auf dem Boden aufgekommen und die rechte Gesichtshälfte nun platt gedrückt, während die linke grotesk angeschwollen wirkte.

Katharina musterte den Kopf und überlegte, ob er noch zu retten war oder ob sie besser von vorn anfangen sollte. Schließlich stellte sie ihn auf den Sockel zurück und tätschelte ihm tröstend wie einem Kind den feuchten Scheitel. Natürlich war er zu retten. Das war das Schöne an der Bildnerei – alles war zu jeder Zeit noch zu retten, aus allem ließ sich noch irgendetwas machen.

Und das unterschied diese Kunst, in der sie ihre Berufung gefunden hatte, von ihrem früheren Beruf, den sie gern vergessen hätte … ein Versuch, der zum Scheitern verurteilt war. Zu sehr war ihr Dasein mit jenem Beruf und allem verbunden, was damals geschehen war, bis …

Katharina schluckte, aber der bittere Geschmack in ihrem Mund blieb.

… bis sie alle tot gewesen waren.

Sie kämpfte gegen die beklemmenden Gedanken an, indem sie sich bewusst an den Augenblick erinnerte, als ihr neues, zweites Leben begonnen hatte. Als sie nach vielen vergeblichen Bemühungen auf dem Feld der gestaltenden Künste endlich etwas zustande gebracht hatte, das ihr gefiel, das etwas aussagte und andere zum Innehalten bewegte. Sie hatte eine Plastik aus ungebranntem Ton geformt, eine abstrakte Darstellung eines Neugeborenen. Die Eingebung war Katharina eher zufällig gekommen. Sie hatte an einem Klumpen Lehm gearbeitet, aus dem ihr scheinbar nichts hatte gelingen wollen. Doch dann war er ihr, wie gerade eben der Kopf, aus den Händen geglitten und auf dem Boden auseinandergeplatzt. Da hatte er gleichsam freigegeben, was in ihm steckte, was sich bis dahin vor Katharinas Augen versteckt hatte. Nach diesem Erlebnis hatte sie jeden Werkstoff mit anderen Augen gesehen: In jedem Stein, in jedem Stück Holz, in jedem Batzen Lehm hatte sie wie mit magisch geschärftem Blick erkannt, welche Form oder Figur sich darin verbarg – die sie dann nur noch befreien musste.

Befreiend war jener Augenblick damals auch für sie gewesen. Und dieses Gefühl oder sein Nachhall klangen heute noch in Katharina nach.

Sie zuckte zusammen.

Es hatte geläutet, und nun hämmerte jemand gegen die Tür. Beide Geräusche echoten durch die Villa, überlaut, wie es ihr vorkam.

Ihr Atelier lag am Ende des Korridors, der von der Eingangshalle aus tiefer ins Haus führte. Katharina spähte um das Türblatt herum.

»Theo?«, fragte sie, so leise allerdings, dass der Schemen hinter dem in die Haustür eingelassenen Buntglas sie nicht hörte. Es konnte unmöglich Theo sein. Der Junge wusste doch, dass sie die Tür nicht aufmachen würde. Abgesehen davon trug er seinen Hausschlüssel am selben Bund wie den Autoschlüssel, und den hatte er immer dabei, wenn er vom Dienst kam. Schließlich fuhr er mit dem Auto zur Arbeit.

»Katharina? Mach bittschön auf, ich bin’s.«

Die Stimme hallte von der Tür gedämpft durchs Haus und war unverkennbar, allein schon wegen des österreichischen Akzents.

»Lorenz?« Sie trat aus ihrem Atelier heraus und ging ein paar Schritte in den Flur, überwand sich dann und lief endlich durch die bis zum ersten Stock hinaufreichende Halle zur Haustür. Sie schloss auf, so hastig, als sei der Schlüssel glühend heiß. Ebenso kurz nur berührte sie die Klinke, drückte sie und ließ die Tür aufschwingen. Zugleich zog sie sich schon wieder zurück, tiefer hinein ins Haus, fort von der Welt draußen, aus der Lorenz mit einem Schritt über die Schwelle in die ihre trat. An ihm vorbei glitt ihr Blick zur Tür hinaus, und es war für sie, als schaue sie über den Rand in eine tiefe Schlucht hinunter und stürze haltlos hinein. Sie schloss die Augen, fuhr herum, ein Schwindelgefühl niederkämpfend. So hörte sie nur, wie Lorenz hinter ihr die Tür zudrückte und den Schlüssel im Schloss drehte, als gelte es, etwas auszusperren. Er wusste um ihre Angst. So wie er um alles wusste, was sie anging.

Lorenz Hajek war Katharinas Draht zur Außenwelt, ihr verlängerter Arm, mit dem sie furchtlos in die Welt hinausgreifen konnte, in die sie selbst keinen Fuß mehr setzte, aus Gründen, die nur Lorenz kannte und über die sie mit keinem Therapeuten hätte sprechen können.

Und Lorenz Hajek war ihr Agent. Der Mann, der ihre Kunst inzwischen in aller Welt an den Mann brachte, alles Geschäftliche abwickelte und dafür sorgte, dass sie selbst nicht ins Licht der Öffentlichkeit geriet.

»Ich hab meinen Schlüssel vergessen«, sagte Lorenz fast entschuldigend. Ein Lächeln erschien auf seinem ungemein sympathischen und charaktervollen Gesicht. Er kam auf sie zu und nahm sie in die Arme.

»Ist Theo daheim?«, fragte er. Und als Katharina verneinte, drückte er sie ein bisschen fester und länger an sich, als es zwischen Agent und Klientin in anderen, gewöhnlichen Fällen üblich sein mochte.

Katharina erwiderte die Umarmung. Dann löste sie sich von ihm und musterte ihn. An seinem Gesichtsausdruck erkannte sie, dass er weder aus geschäftlichen Gründen hier war, noch, weil er sie einfach nur sehen wollte.

»Du hast etwas auf dem Herzen«, sagte sie.

Lorenz lächelte, als müsse er um Verzeihung bitten. »Dir kann ich nichts vormachen.«

»Wir kennen uns lange genug.« Katharina lächelte ebenfalls, so wie sie nur Lorenz gegenüber lächeln konnte. »Und gut genug.«

»Da hast du recht. Wir kennen uns besser als Mann und Frau, möcht ich sagen.«

»Das liegt wohl daran, dass wir mehr sind als Mann und Frau.«

»So könnt man’s sehen.« Lorenz wies zur Tür, hinter der ihre Werkstatt lag. »Komm, lass uns reingehen. Ich muss dir was zeigen, aber das möcht ich nicht zwischen Tür und Angel machen.«

»Ist etwas passiert?«, fragte Katharina. Aus irgendeinem Grund fröstelte sie auf einmal.

Lorenz hob die Schultern und wiegte den Kopf. »Noch nicht, würde ich sagen.«

»Aber du meinst, es könnte etwas passieren«, setzte sie nach. Eine Ahnung stieg in ihr auf, geboren aus einer Befürchtung, die tief in ihr steckte seit damals und die sich nicht abschütteln ließ, auch nicht mithilfe der Macht der Zeit.

»Genau darum bin ich hier«, unterbrach er sie, »damit wir rechtzeitig reagieren können.«

Er folgte ihr ins Atelier, ein großer, heller Raum, dessen einzige Lichtquelle raffiniert angebrachte Tageslichtlampen waren. Das wenige Licht, das durch die mit Absicht verstellten und verhängten Fenster hereinfallen konnte, hätte den Raum stets im Halbdunkel gelassen. Es herrschte ein erdiger Duft nach Holz und Lehm, unter dem es auch nach Beizen und Farben roch.

Sie nahmen auf zwei der alten, gemütlichen Sessel in dem Winkel neben der Tür Platz.

Lorenz schlug die Zeitung auf, die er mitgebracht hatte, eine Ausgabe der BZ, die Katharina selbst nicht abonniert hatte, weil sie schon lange nicht mehr wissen wollte, was in der Welt draußen vor sich ging. Lorenz suchte offenbar einen bestimmten Artikel. Er blätterte, dann strich er eine Seite glatt und nickte Katharina auffordernd zu. Sie musste erst ihre Brille aufsetzen, die sie an einer Kette um den Hals trug. Ihr Blick fiel wie von selbst auf das Foto, das Lorenz ihr zeigen wollte.

Katharina verspürte von einer Sekunde zur anderen eine Leere in sich, als hätte sich alles, was in ihr war, in Nichts aufgelöst. Dann füllte sich dieses Vakuum. Mit etwas Kaltem. Mit Schrecken. Ein Gefühl, das so entsetzlich war, als sei dieses Wort genau dafür erdacht worden.

Zu keinem Wort fähig, sah sie Lorenz über die Zeitung hinweg an.

»Lies«, sagte er nur.

Katharina nahm die Zeitung mit spitzen Fingern entgegen und las.

Kai ist frei!

Der dramatische Fall von Kindesentführung, der nicht nur die Bundeshauptstadt, sondern die ganze Nation seit Tagen in Atem hielt, hat eine glückliche Auflösung erfahren. Kai (9), der gekidnappte Sohn des Berliner Bausenators Hannes Brauner (47), wurde lebend gefunden und befreit. Dem vorausgegangen war der Tod des Entführers, der – so verlautete es aus gut informierten Kreisen – bei der Lösegeldübergabe erschossen wurde. Denselben Kreisen zufolge war es nicht die Polizei, die den Jungen letztlich ausfindig machte. Senator Brauner hatte bereits zuvor die Privatdetektivin Sara S.* in die Ermittlungen eingeschaltet. Das Versteck, in dem Kai untergebracht worden war, fand sie auf spektakuläre Weise in Zusammenarbeit mit dem Hellseher Paul F.* Weitere Informationen liegen bislang nicht vor und sollen heute im Rahmen einer Pressekonferenz bekannt gegeben werden …

Das Bild, das zu dem Artikel gehörte, zeigte Paul F., dessen voller Name der Redaktion laut Fußnote bekannt war, von dem aber ohnehin nur drei Buchstaben fehlten.

»Paul F.«, flüsterte Katharina. »Sie haben sich nicht mal die Mühe gemacht, einen falschen Namen zu erfinden.«

Paul Finn hieß der Mann auf dem Foto. Katharina hatte ihn sofort erkannt. Wie auch Lorenz. Deshalb war er hier.

»Das müssen sie ja auch nicht«, sagte Lorenz auf ihre Bemerkung hin. »Und ändern würde das auch nichts. Früher oder später wäre sein richtiger Name ohnehin herausgekommen und publik geworden.«

»Publik …« Katharinas Stimme klang fremd. Sie zitterte unter der Kälte, die sie von innen heraus erfrieren zu lassen schien.

Lorenz nickte. Dann deutete er auf die Zeitung in Katharinas Händen, an der sie sich inzwischen beinahe festzuhalten schien, als drohe sie andernfalls im Bodenlosen zu versinken.

»Das dürfte erst der Anfang sein«, sagte er. »Wenn es nur bei einer Geschichte in der Zeitung bleiben würde, wäre ich nicht weiter beunruhigt. Aber so, wie es heute zugeht mit den Medien …« Er hob die Schultern, die auch im fortgeschrittenen Alter noch kräftig waren. »Ob er will oder nicht: Paul wird über kurz oder lang im Fernsehen auftauchen. Die Journalisten werden ihn jagen, Talkshows werden ihn haben wollen, und auch die Boulevardpresse wird keine Ruhe geben. Und dann, irgendwann, früher oder später …«

»Dann werden sie ihn erkennen«, sagte Katharina dumpf und den Blick starr auf ein Astloch im abgetretenen Holzfußboden gerichtet. Als könne sie durch dieses Loch in eine dunkle Zukunft schauen, die auf sie zukommen würde – auf sie alle. »Einer von ihnen wird ihn sehen und sich seinen Reim darauf machen. Und den richtigen Schluss ziehen.«

»Das steht zu befürchten«, sagte Lorenz.

Katharina wurde schwindelig. Sollte denn letztlich doch alles vergebens gewesen sein?

Nein.

Sie und Lorenz hatten zu viel riskiert, zu viel geopfert, um so etwas zuzulassen. Sie mochte sich zwar aus der Welt zurückgezogen haben, und das aus mehr als einem Grund. Nur war keiner dieser Gründe Hürde genug, um sie an dem zu hindern, was getan werden musste.

Abermals geschah etwas mit Katharina.

Die Angst und der Schrecken, die sich ihrer bemächtigt hatten, wurden nun von etwas anderem ersetzt. In ihr erwachte etwas, das lange geruht hatte. Etwas, das die Kälte vergehen ließ und Katharina mit einer Wärme erfüllte, die sie seit Jahrzehnten nicht mehr gespürt hatte.

Ihr alter Mut flammte wieder auf. Mut, wie sie ihn damals gebraucht und besessen hatte. Ohne den sie heute nicht hier wären, sie genauso wenig wie Lorenz.

Sie warf die Zeitung beiseite.

»Was jetzt?«, fragte sie Lorenz. Das Zittern war aus ihrer Stimme gewichen.

»Das ist dir überlassen«, antwortete er.

»Es geht auch um dich«, gab sie zu bedenken.

»Aber vor allem um dich«, erwiderte er. »Um euch.«

»Wir müssen etwas unternehmen.«

»Nur sollten wir nichts überstürzen.«

Katharina holte tief Luft. »Ich werde Paul anrufen.«

»Und was willst du ihm sagen?« Als sie ihm die Antwort schuldig blieb, hakte er nach: »Die Wahrheit vielleicht?« Er verzog die Lippen, aber das beabsichtigte Grinsen entgleiste.

»Die Wahrheit …«, echote Katharina und formulierte in Gedanken, wie diese Wahrheit klingen würde. Absurd.

»Nein«, sagte sie dann. »Nicht gleich jedenfalls, ganz bestimmt nicht am Telefon.«

Lorenz legte sich seine nächsten Worte sorgfältig zurecht, ehe er sie aussprach: »Ich halte das für keine gute Idee. Lass uns erst einmal in Ruhe drüber reden, Katharina.«

Sie mochte es für gewöhnlich, wenn er diesen Namen sagte – auch, wenn es nicht ihr wahrer Name war. Sein Akzent, den er sich über die Jahre angeeignet hatte, verlieh ihm einen besonders schönen Klang. Nur verfehlten heute der Klang und Lorenz’ Tonfall ihre Wirkung. Katharina hatte ihren Entschluss gefasst. Und deswegen war Lorenz schließlich hergekommen. Er hatte ihr die Entscheidung überlassen, was zu tun war. Also musste er sie auch akzeptieren.

»Wir haben keine Zeit, um darüber zu reden. Der Junge …«, Katharina hielt kurz inne, »… Paul ist in Gefahr. Oder siehst du das etwa anders?«

»Er könnte in Gefahr sein«, räumte Lorenz ein. »Das streit ich ja gar nicht ab. Aber ich seh keinen Sinn in blindwütigem Aktionismus. Dammit, so was will doch überlegt sein!« Er atmete durch. »Ich halte es für besser, wenn wir uns mit ihm treffen. Wenn man jemandem persönlich gegenübersteht, redet es sich doch viel leichter. Zumal unter Fremden – und fremd seid ihr euch. Vergiss das nicht, Katharina. Und denk dran, wie es sich für ihn anhören muss, wenn du auch nur andeutest …«

»Ich werde ihn anrufen …«, unterbrach Katharina ihn, und als er ihr seinerseits wieder ins Wort fallen wollte, gebot sie ihm mit einer kleinen, bestimmten Geste Einhalt und fuhr fort: »… und ihn um ein persönliches Treffen bitten.«

Lorenz seufzte ergeben. »Einverstanden.«

Katharina brachte ein kleines Lächeln zustande, dann griff sie nach der Zeitung und betrachtete eingehend das Foto. »Die Ähnlichkeit ist schon verblüffend, nicht?«

Lorenz nickte. »Ein verteufelter Zufall.«

»Oder Schicksal.«

Katharina löste den Blick von Pauls Gesicht und ließ ihn zum Fenster wandern, hinter dem gerade das letzte Licht des Tages erlosch.

Genauso schicksalhaft, dachte sie, wie die Tatsache, dass man vor der Welt draußen letztlich doch nicht davonlaufen und sich verstecken kann.

Am Schluss holt sie dich trotzdem ein, immer.

Und findet dich. Überall.

***

WIEN, INNERE STADT

»Ich wär dann so weit«, sagte Wolff. Mit der einen Hand klemmte er den letzten der vorgespülten Teller zwischen die Zähne im kantigen Maul der Gastronomiespülmaschine, mit der anderen stellte er die Bürste in den Plastikkorb neben dem großen Ausguss. Dann band er sich die Schürze ab und hängte sie auf.

Der Küchenchef des Prückel schaute kurz zu ihm her. »Ist recht. Gute Nacht.« Er winkte einer der Kellnerinnen, die noch dabei waren, für den morgigen Betrieb die Tische einzudecken und die Stühle gerade zu rücken. »Regina, lässt du den Nathan bitte raus?«

Regina nickte Wolff zu. Er zog sein Jackett über und folgte ihr aus der Küche hinaus ins Café, erst durch den hinteren Trakt, der noch im originalgetreuen Jugendstil gestaltet war, dann durch den vorderen, zur Ringstraße hin gelegenen Teil, wo in den Fünfzigerjahren der damalige Stil Einzug gehalten hatte und bis heute nicht gewichen war. Der Geruch hier vorn erinnerte Wolff sogar noch ein bisschen an die lange zurückliegende Zeit, die vielleicht nicht für jedermann, wohl aber für ihn Teil eines ganz anderen Lebens gewesen war.

Eines besseren Lebens?

Eine schwierige Frage. Um sie wirklich beantworten zu können, hatte jenes andere Leben nicht lange genug gewährt. Sein neues und rudimentär bis heute anhaltendes Leben hatte schon in recht jungen Jahren begonnen.

Trotzdem, schon komisch, wie nicht nur jeder Ort – was sich erklären ließ – seinen eigenen Geruch entwickelte, sondern auch jede Zeit, was weit weniger erklärlich war. Durchaus zu verstehen war hingegen, warum Wolffs Gedanken jede noch so kleine Gelegenheit nutzten, um in die Vergangenheit zu flüchten …

Der Herr Ober höchstpersönlich sammelte die Tageszeitungen ein, die an einem Regal zum Lesen bereit hingen und von denen die letzten Gäste etliche kurzerhand auf den Tischen liegen gelassen hatten. Fritz – der alte Fritz, wie sie ihn nannten, weil er schon länger im Prückel war als alle anderen Angestellten (einige behaupteten sogar, länger als alle anderen zusammen) – legte sie in einen Karton, den er hernach hinten raus zum Altpapier stellen würde. Sein allabendliches Ritual, aufgenommen vielleicht schon an dem Tag, da er im Café Prückel angefangen hatte, und es würde das Letzte sein, was er hier getan haben würde, wenn er eines Tages nicht mehr herkommen sollte. Es sei denn, er fiel irgendwann einfach mitten in seinem Kaffeehaus um, nachdem er einem Gast einen Mokka mit Schlagobers, einen Verlängerten oder eine Melange auf den Tisch gestellt hatte; ein Tod, wie der alte Fritz ihn sich gewiss wünschte.

Wolff seufzte lautlos. Es war lange her, seit ihm ein Ober einen Kaffee – geschweige denn etwas Teureres – serviert hatte. Irgendwann einmal mochte sogar der damals noch nicht so alte Fritz das getan haben. Erinnern konnte Wolff sich nicht daran. Die wachen Augen des alten Mannes hatten Wolff jedoch, als er sich um den Posten als Spüler in der Küche bewarb – wie viele Jahre war das nun schon her?-, wie erkennend taxiert. Und schließlich rühmte Fritz sich der Gabe, nie das Gesicht eines Gasts zu vergessen.

Na ja …

Wolff war sicher ein, zwei Mal im Prückel gewesen, seinerzeit. Sein bevorzugtes Kaffeehaus war das Café Landtmann gewesen. Die Atmosphäre dort, die Leute hatten ihn … inspiriert.

Lange her …

Fritz nickte ihm im Vorbeigehen zu. Wolff erwiderte die Geste, dabei streifte sein Blick die Titelseite der Zeitung, eine Ausgabe der Kronen Zeitung, die der Ober gerade in seinen Karton packte. Und er stutzte, ganz kurz nur, nicht einmal lange genug, um wirklich stehen zu bleiben. Dann hatten sich seine Augen auch schon wieder gelöst von dem, womit sie ihn zu täuschen versucht hatten.

Es konnte ja nicht sein, was hätte das auch für einen Sinn ergeben sollen …

Seine Mundwinkel zuckten kurz nach oben, wollten die Lippen zu einem Lächeln verziehen, das dann doch nicht zustande kam.

So wie der alte Fritz im Leben keinen Gast vergaß, würde Wolff die Gesichter von damals nie vergessen.

Die Gespenster der Vergangenheit …

Die Geister, die sie gerufen hatten.

Er wollte sie auch nicht vergessen, versuchte es nicht einmal. Weil er bis heute den Glauben daran nicht aufgegeben hatte, dass es nicht wirklich vorbei war. Dass eines Tages noch irgendetwas geschehen könnte, das die alten Zeiten wieder aufleben lassen würde.

Die alten Zeiten – und die alten Ziele …

Die Zeitung verschwand im Karton, der alte Fritz ging zum nächsten Tisch weiter, um das dort liegende Exemplar der Krone aufzulesen.

Ein kühler Hauch wehte Wolff an. Regina hielt ihm die Tür des Cafés auf und wies mit einer höflichen Geste und einem freundlichen Lächeln in die Nacht hinaus.

»Schlaf gut, Nathan«, verabschiedete sie ihn.

»Du auch, Kind«, erwiderte er und wollte an ihr vorbeigehen.

Sie berührte ihn kurz am Arm und drückte ihm etwas in die Hand, das sie von wer weiß wo hergezaubert hatte. Ein silbernes Päckchen, das sich weich und warm anfühlte.

»Zwei Stückerl Apfelstrudel.« Regina zwinkerte ihm zu. »Ich weiß doch, wie gern du den magst.«

»Ja, aber du weißt doch auch, dass sie’s nicht gern sehen, wenn …« Wolff warf einen angedeuteten Blick über die Schulter ins Café.

»Drum schaust jetzt auch, dass du verschwindest.« Noch ein Lächeln, noch ein Zwinkern, dann war die Tür hinter Wolff wieder zu, und Regina schloss von drinnen ab.

Wolff klappte den Jackettkragen hoch und wünschte sich, am Mittag, als er zur Arbeit gegangen war, doch den Mantel angezogen zu haben; er war längst in dem Alter, wo die Kälte einem nicht mehr nur die Gänsehaut auflaufen ließ, sondern durchs Fleisch ging und sich in den Knochen verbiss. Am Mittag hatte es noch den Anschein gehabt, Wien stünde der erste schöne Frühlingstag des Jahres bevor. Zum Abend hin hatte sich dann der Winter noch einmal blicken lassen; nun pfiff ein unangenehmer Wind durch die Straßen, der Wolff heimwärts trieb und ihm hinter der nächsten Ecke gleichsam den Weg verwehren wollte.

Zarter besaiteten Gemütern wäre vielleicht mulmig gewesen in dieser Nacht, in der nur die draußen waren, die auch draußen sein mussten, und in der Wolff etwas vom alten, morbiden Wien wahrzunehmen glaubte. Als hätten Regen und Wind der Stadt ihre moderne Maskerade vom Gesicht gewaschen und geschmirgelt.

Er mochte Wien, wenn es sich von dieser ursprünglichen Seite zeigte. Weil er sich dann heimischer fühlte und froh darüber war, nicht längst schon weggezogen zu sein (wohin auch und warum eigentlich?). Und vielleicht, nein, ganz gewiss auch, weil ihn dieses ältere Wien an die alten und fraglos besseren Zeiten erinnerte, da er sich den Lebensunterhalt nicht als Spüler in einem Kaffeehaus hatte verdienen müssen.

Meistens gelang es ihm, sich weiszumachen, es sei nichts Ehrenrühriges an dieser Arbeit. Nur manchmal … an Tagen, wenn seine Gedanken zu oft zurückreisten …

Heute war offenbar so ein Tag. Und als er an einem Müllkübel vorbeikam, der mit aufgeklapptem Deckel am Bordstein stand, war er versucht, das in Aluminiumfolie gewickelte Päckchen hineinzuwerfen, weil er, verdammt noch mal, nicht auf Almosen angewiesen sein wollte.

Aber dann dachte er an seine zwei Kleinen und daran, wie gerne sie etwas Süßes naschten, und nahm den Apfelstrudel doch mit nach Hause.

Nach Hause …

Immerhin, im selben Haus wie damals lebte er noch; sie hatten es gekauft, bar bezahlt sogar, als er -als sie – sich derlei noch hatten leisten können. Genau genommen war es zu der Zeit gewesen, da sie gerade angefangen hatten, sich derlei leisten zu können.

Im ersten der fetten Jahre, sozusagen …

Wie vergangen diese Jahre waren, darüber legte der heruntergekommene … nein, das war so ein hässliches Wort … der marode Zustand des Hauses insgesamt Zeugnis ab. Ganz besonders tat dies das Signet an der fast farblos gewordenen Fassade: Es war beinahe bis zur Unkenntlichkeit verblasst, und abgebröckelter Putz hatte die Hälfte davon ausgelöscht.

Die Funzel über der Haustür gab gerade genug Licht, um den Briefkasten erkennen zu lassen. Nichts als Wurfsendungen steckten darin; ein Hohn eigentlich, dass jemand glaubte, in diesem Haus wohnten Leute, die sich leisten könnten, was in den Prospekten angepriesen wurde.

Im Hausflur war es kaum weniger feucht und um keine Spur heller als draußen vor der Tür. Auf dem Weg ins Stiegenhaus ging Wolff die Post durch; die Hoffnung, es könnte sich doch einmal ein Brief darunter befinden, es könnte sich irgendwer bei ihm melden, hatte er nie aufgegeben. Freilich wusste er, wie lächerlich, armselig sie im Grunde war – weshalb sollte jemand Kontakt zu ihm suchen, was hatte er zu bieten, was sollte ein anderer mit ihm teilen wollen?

Trotzdem, wer weiß …

Vor der Treppe stand ihm die Mülltonne im Wege und erinnerte ihn daran, den Werbekram gleich hineinzuwerfen, anstatt das Zeug mit hinauf in die Wohnung zu nehmen. Schon war er im Begriff, eben das zu tun, als er innehielt.

Das letzte Stück Werbepost war ein sogenanntes Schnupperabo für die Krone. Schickte man den Couponabschnitt ausgefüllt zurück, bekam man die Zeitung vier Wochen lang kostenlos ins Haus geliefert und durfte sie danach zum Sonderpreis weiter beziehen. Wolff hatte kein Interesse an einem Abonnement, nicht einmal am Gratistest. Dennoch warf er den Prospekt nicht weg. Er musste an den alten Fritz denken, wie der vorhin im Prückel die herumliegenden Zeitungen eingesammelt hatte …

Der Rest der Reklame wanderte in die Tonne, und Wolff setzte den Fuß auf die erste Treppenstufe. Ein vertrautes Knarren geisterte durchs leere Haus.

Sein Blick ging links an der Treppe vorbei, in Richtung des Hofzugangs, der im Dunkeln lag. Wo das trübe Licht des Stiegenhauses und die Schatten dort aufeinandertrafen, entstand die Illusion von Bewegung.

Manchmal, wenn es nicht regnete und nicht zu kalt war, ging er, bevor er die Treppe hochstieg, noch für ein paar Minuten auf den Hof hinaus und rief sich den einstigen Anblick der Werkstatträume dort in Erinnerung, aus der Zeit, ...

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