Logo weiterlesen.de
Das Philadelphia Komplott

Image

Alle Rechte, einschließlich das der vollständigen oder auszugsweisen Vervielfältigung, des Ab- oder Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten und bedürfen in jedem Fall der Zustimmung des Verlages.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

PROLOG

Syd hielt Ausschau nach der Ausfahrt zur Cafferty Road. Sie war mit ihrem Ford Focus unterwegs, den sie nur benutzte, wenn es absolut notwendig war. Und heute war so ein Tag. Mitten in der Nacht herrschte auf den Straßen kaum Verkehr, und so sollte sie nicht länger als zwanzig Minuten zu dem Farmhaus der Branzinis in Erwinna benötigen.

An der gesuchten Abzweigung bog sie ab und folgte der Landstraße. Im fahlen Mondlicht lag das Haus mit seinem schiefen roten Dach einsam und verlassen da. Die Felder, auf denen früher Mais, Bohnen und Süßkartoffeln üppig wuchsen, waren mittlerweile von Unkraut überwuchert.

In der Hoffnung, dass Dot den Haustürschlüssel immer noch in dem alten Vogelhaus in der Eiche hinter dem Haus versteckte, ging Syd durch den Garten. Sie hielt inne, als plötzlich die vordere Tür aufgestoßen wurde und eine schwarz gekleidete Gestalt herauskam.

Wie erstarrt beobachtete sie die Szene und erkannte einen großen, breitschultrigen Mann mit kurz geschnittenen Haaren. Mit locker hängenden Armen schaute er sich um, ließ seinen Blick von rechts nach links und wieder zurück schweifen. Sie wusste nicht, ob er sie schon gesehen hatte, und trat vorsichtig einen Schritt zur Seite hinter einen Baum, der sie hoffentlich so weit wie möglich verbergen würde. Mit wild klopfendem Herzen nahm sie ihr Mobiltelefon aus der Handtasche und wählte den Notruf.

“Hier ist die stellvertretende Bezirksstaatsanwältin Sydney Cooper” flüsterte sie, als am anderen Ende abgenommen wurde. “Ich bin hier…”

Im Mondlicht sah sie Metall aufblitzen. Zu spät bemerkte sie, dass der Eindringling eine Waffe hatte. Und damit auf sie zielte.

“Hallo, Ms. Cooper? Sydney?” Die Stimme des Polizisten blieb ruhig. “Wo sind Sie? Sind Sie verletzt?”

Ein Schuss zerfetzte die Stille. Fast gleichzeitig fühlte Syd einen stechenden Schmerz direkt unterhalb ihres linken Rippenbogens.

Zum zweiten Mal innerhalb von achtundvierzig Stunden wurde sie ohnmächtig.

1. KAPITEL

Die stellvertretende Bezirksstaatsanwältin Sydney Cooper wartete, bis der mit Handschellen gefesselte Angeklagte aus dem Gerichtssaal geführt wurde, bevor sie einen Seufzer der Erleichterung ausstieß. Dem Schuldspruch, der bereits innerhalb von zwei Stunden nach Beginn der Beratungen erfolgt war, war es zu verdanken, dass ab sofort ein Sexualstraftäter weniger die Straßen von Philadelphia unsicher machen konnte.

Das ist es, was diesen Job ausmacht, dachte sie, während sie ihre Unterlagen in ihrer Aktentasche verstaute. Die Schuldigen zu bestrafen und die Unschuldigen zu beschützen. Auch wenn es ein wenig albern und selbstgerecht klang, sie glaubte daran. Selbst jetzt, nach vier Jahren im Büro des Bezirksstaatsanwalts, war sie immer noch so begeistert von ihrem Job wie damals, als sie sich für die Stelle beworben hatte.

Zufrieden mit sich schloss sie die Aktentasche und erhob sich vom Tisch. Als sie sich umdrehte, stellte sie jedoch fest, dass aus dem geplanten schnellen Abgang nichts werden würde. In der Galerie am hinteren Ende des Gerichtssaals wartete eine Gruppe Studenten mit gezückten Stiften und erwartungsvollen Blicken auf sie. Die Gruppe hatte den Prozess über die vollen drei Tage aufmerksam verfolgt und hoffte nun, ihr noch einige Fragen stellen zu können.

Ein blondes Mädchen, mit dem für Kalifornien typischen guten Aussehen, sprach sie als Erste an, wobei sie ihre Bewunderung kaum verbergen konnte.

“Meine Güte, Ms. Cooper, Sie waren unglaublich. Wie Sie Simon Burke in die Falle gelockt haben, Wahnsinn. Woher nehmen Sie nur den Mut dazu, vor allem vor Richter Claiborne, der doch bekannt dafür ist, sehr unangenehm werden zu können, wenn er meint, dass ein Anwalt zu theatralisch wird?”

Als sie sich der Gruppe zuwandte, erinnerte sich Syd an ihre eigene Studienzeit, und wie begierig sie damals jede noch so kleine Information aufgesogen hatte, die die erfahreneren Anwälte gewillt waren, preiszugeben.

“Ich fürchte, es war mehr die pure Verzweiflung und nicht Mut, der mich angetrieben hat. Sie haben Recht mit Richter Claiborne – der Trick war, ihn nicht anzuschauen, sonst hätte ich auch die Nerven verloren.”

Ein gut aussehender junger Mann, den Syd schon öfter im Gerichtssaal gesehen hatte, ergriff das Wort.

“Woher wussten Sie, dass der Angeklagte zusammenbrechen würde, wenn Sie ihm einen schwarzen Tanga vor die Nase halten würden?”

“Tja, Chad – dein Name ist doch Chad, oder?” Sie beobachtete, wie er errötete, und verlegen nickte. “Ich habe von einem ähnlichen Fall in Ohio vor ein paar Jahren gehört. Der Angeklagte war zwar nicht wegen sexueller Belästigung angeklagt, aber es erregte ihn aufs Höchste, wenn er schwarze Spitzenunterwäsche sah, und er verfolgte die Frauen hartnäckig und flehte sie um sexuelle Gefälligkeiten an. Diejenigen von euch, die die Zeugenaussage von Jane Hunnicut am Montag gehört haben, werden sich erinnern, dass sie sagte, Simon Burke hätte sie gefragt, ob sie einen schwarzen String trüge. Ich musste also nur noch den Weg für seine Phantasien ebnen.”

“War das Ihr Slip?” Die flapsige Bemerkung kam von einem anderen Studenten, der schon oft im Gericht war, und dessen trockener Humor und clevere Einwürfe sich auch schon zu Syd herumgesprochen hatten. In seinen Augen glänzte jugendlicher Übermut, als er auf Syds Antwort wartete. Das Mädchen aus Kalifornien boxte ihm hart in die Rippen.

“Ich glaub’s nicht, Thomas, du bist so ein Ferkel.”

Bevor Syd jedoch klarstellen konnte, dass sie den Tanga nur für die heutige Verhandlung gekauft hatte, stellte das Mädchen eine weitere Frage.

“Haben Sie Ärger mit Richter Claiborne bekommen?”

Syd hängte sich den Riemen ihrer ledernen Handtasche über die Schulter. “Er erteilte mir eine Lektion in Sachen korrektes Verhalten vor Gericht, um mir dann übergangslos zu meinem Erfolg zu gratulieren”, lachte sie.

Die Gruppe war inzwischen um einige Reporter angewachsen, die Syd kannte. Einer schoss ein Foto von ihr. Bevor das kleine, informelle Gespräch mit den Studenten in eine ungewollte Pressekonferenz ausarten konnte, schlüpfte Syd in ihren schwarzen Wollmantel.

“Ich würde gerne noch weiter mit euch plaudern”, wandte sie sich an die Studenten, “aber genau jetzt hat mein Urlaub offiziell begonnen, und ich möchte nun ganz schnell hier raus.”

“Wo fahren Sie hin?”, fragte einer der Reporter.

“Cancún.” Syd winkte den angehenden Juristen zu und wandte sich zum Ausgang. “Viel Erfolg bei euren Abschlussprüfungen!”, sagte sie noch und war im nächsten Augenblick verschwunden.

Außerhalb des Gerichtsgebäudes hatte sich der Himmel über Philadelphia in tristes Grau gehüllt. Ein eisiger Märzwind wehte vom Delaware River hinauf, und die Fußgänger hasteten mit gesenkten Köpfen die Straße entlang. Cancún wird mit jeder Sekunde verlockender, dachte Syd, als sie ihren Mantelkragen hochschlug und aus dem Gebäude auf den Gehweg trat.

In ihrer ursprünglichen Urlaubsplanung war Mexiko nicht vorgesehen. Daran hätte sie bei ihrem Gehalt nicht einmal denken können. Eigentlich hatte sie sich vorgenommen, die freie Zeit zu nutzen, um endlich ihre Wohnung zu renovieren. Eine Arbeit, die sie schon seit Monaten vor sich herschob. Sie hatte schon fast angefangen, sich auf die Aufgabe zu freuen, weil sie hoffte, dass harte Arbeit ihr helfen würde, den Schock über den Betrug ihres Verlobten, Greg Underwood, zu überwinden.

“Es hatte nichts zu bedeuten”, hatte er beteuert, als sie ihm ihren Verlobungsring vor die Füße geworfen hatte.

“Du und ich, wir hatten diesen Streit, also bin ich in eine Bar gegangen, um mich abzureagieren, und – da war sie.”

Sie war eine eins siebzig große, blondierte Amazone mit leeren blauen Augen und riesigen Brüsten. Der Streit, auf den Greg sich bezog, war einer von vielen, die sie in den vorangegangenen Monaten gehabt hatten. Immer ging es um das gleiche Thema: So oft sie auch versuchte, ihm zu erklären, dass ihre Arbeit ihr Spaß bereitete und sie sie liebte, versuchte er, sie zu überreden, den angebotenen Job in der Sozietät seines Vaters anzunehmen. Underwood & Sullivan, eine alteingesessene Kanzlei – und ein doppelt so hohes Gehalt.

Vor zwei Wochen, nachdem Greg sie erneut bedrängt hatte, endlich einzuschlagen, hatte Syd die Geduld verloren und ihn gebeten, sie ein für alle Mal mit dem Thema in Ruhe zu lassen. Später am Abend hatte sie sich etwas beruhigt und war der Meinung, viel zu hart gegen Greg gewesen zu sein. Und so hatte sie sich entschlossen, zu seiner Wohnung zu gehen und sich bei ihm zu entschuldigen. Doch anstatt ihn alleine vor dem Fernseher vorzufinden, war sie mitten in eine Szene wie aus einem schlechten Pornofilm geraten.

Auch wenn es ihr anfangs das Herz brach, stellte sie schnell fest, dass sie besser jetzt als nach der Hochzeit von seiner Schwäche erfuhr. Sie zweifelte zwar nicht daran, dass sie ihren Verlobten geliebt hatte, aber scheinbar nicht stark genug. Hätte sie ihm sonst nicht verzeihen können?

Wenn sie ehrlich war, waren sie von Beginn an in so vielen Dingen unterschiedlicher Meinung gewesen, dass es schon fast an ein Wunder grenzte, wie lange die Beziehung schließlich doch gehalten hatte.

Ihre Pläne, die Wohnung zu renovieren, hatte sie ohne zu zögern über den Haufen geworfen, als ihre Tante Frederica anrief und sie einlud, mit nach Cancún zu kommen, genauer gesagt in die noble Ferienanlage “La Playa” direkt am Meer. Der Gedanke daran, eine Woche unter der gleißenden Sonne Mexikos zu verbringen, während Philadelphia – und Greg – sich auf einen erneuten Eissturm vorbereiteten, steigerte ihre Laune ungemein.

Syd konnte es kaum erwarten, nach Hause zu kommen und ihren Koffer zu packen, und so zog sie den Kopf ein und eilte gegen den Wind die Sixth Street hinunter Richtung Washington Square, wo sie wohnte. An der Ecke Sixth und Chestnut holte sie ihr Handy hervor, um die Mailbox abzuhören. Der erste der drei Anrufe kam von ihrer Tante, die ihr mitteilte, dass sie sie morgen Mittag um halb zwei am Flughafen in Cancún abholen würde.

Die zweite Nachricht war von ihrem Boss, Bezirksstaatsanwalt Ron Devlin, der ihr zu ihrem Sieg gratulierte und ihr schöne Ferien wünschte.

Der dritte Anruf kam von ihrer besten Freundin, Lilly Gilmore. Wie immer klang Lillys Stimme, als wäre sie gerade den New York Marathon gelaufen.

“Syd, ich bin’s. Ich weiß, dass du heute Abend packen wolltest, aber könntest du das um ein paar Stunden verschieben und mich um acht am Elwood Drive in South Jersey treffen? Es ist unglaublich wichtig! Elwood liegt an der Atlantic Schnellstraße, Ausfahrt 28. Man fährt vielleicht eine Stunde dahin. Ich erkläre dir alles, wenn wir uns sehen. Bis später.”

Syd seufzte. Das war typisch Lilly. Weil sie in letzter Minute einen Notfall hatte, oder was auch immer es war, das sie so in Aufregung versetzte, erwartete sie, dass Syd alles stehen und liegen ließ, um den ganzen Weg nach South Jersey zu fahren. Andererseits waren sie vom ersten Tag an, als sie sich in der zweiten Klasse getroffen hatten, unzertrennlich gewesen. Egal welche von ihnen in Schwierigkeiten steckte, sie konnte sich immer darauf verlassen, dass die andere ihr zu Hilfe kam. Achtundzwanzig Jahre später hatte sich daran nichts geändert – sie passten noch immer wie Schwestern aufeinander auf.

Die Ampel an der Chestnut Street wurde grün, und Syd überquerte die Straße, während sie die Kurzwahl von Lillys Handy wählte. Vielleicht war die Sache ja gar nicht so dringend. Oder sie könnte, falls doch, erst ihren Koffer packen und Lilly dann später treffen, irgendwo mehr in der Nähe.

Aber anstelle von Lillys atemlosem “Hallo” wurde sie nur von der fröhlichen Bandansage begrüßt.

“Hi, hier ist Lilly. Ich bin leider nicht da, rufe aber sofort zurück, wenn ihr eine Nachricht hinterlasst!”

Syd versuchte auf dem Weg nach Hause noch ein paar Mal, sie zu erreichen, und gab erst auf, als die kahlen Bäume am Washington Square in Sichtweite kamen. Sie schaute auf ihre Uhr. Halb sieben. So sehr sie es auch hasste, das Packen zu verschieben, ihre Freundin im Stich zu lassen, hasste sie noch viel mehr. Die Garage, in der ihr Ford Focus parkte, war noch gute fünf Minuten weg. Wenn sie sich beeilte, würde sie es gerade noch rechtzeitig zu dem Treffpunkt in Elwood schaffen.

Syd brauchte weniger als eine Stunde, um die Ausfahrt 28 zu erreichen, und weitere zehn Minuten später tauchte vor ihr das Lokal an der Weymouth-Elwood-Road auf. In warmen Sommernächten wimmelte es hier sicher nur so von Urlaubern auf ihrem Weg zur Küste in Jersey, aber jetzt, Anfang März und mit einem drohenden Schneesturm am Himmel, waren nur wenige Parkplätze mit Autos besetzt.

Syd ließ die Scheinwerfer kurz aufflackern, als sie Lillys schwarzen Pathfinder sah. Auch Lilly hatte sie bemerkt und öffnete die Tür. Doch als sie gerade aus dem Auto gestiegen war, schoss wie aus dem Nichts ein Van in die Parklücke neben ihr. Geschockt starrte Lilly in die blendenden Scheinwerfer.

Durch eine Art siebten Sinn alarmiert, rief Syd ihr eine Warnung zu und begann, zu Lillys Wagen zu laufen. Bevor sie eines der Autos erreicht hatte, sprangen zwei Männer aus dem Wagen.

“Hey, Sie, was machen Sie da?”, rief Syd ihnen zu.

Keiner der beiden blickte auch nur in ihre Richtung. Sie wussten genau, was sie taten, packten Lilly und stießen sie in den Van.

“Oh mein Gott, Lilly!” Syd rannte neben dem Wagen her und versuchte verzweifelt, den Griff der hinteren Tür zu erreichen und sie zu öffnen. “Lassen Sie sie los! Hören Sie mich, Sie Irrer? Lassen Sie sie los!”

Ein Fenster glitt herunter und eine Hand schubste Syd brutal aus dem Weg. Sie stolperte rückwärts und versuchte, das Gleichgewicht zu halten, aber sie konnte den Sturz nicht verhindern. Sie spürte einen dumpfen Schlag, als ihr Hinterkopf auf dem Asphalt aufschlug, und dann wurden die hellen Lichter des Lokals immer schwächer, und sie versank in Dunkelheit.

2. KAPITEL

Die Stimmen um sie herum wurden lauter.

“Meine Güte!”, rief eine Frau. “Was ist passiert? Ist jemand von einem Auto angefahren worden?”

“Sieht so aus, Ethel.” Ein Mann kniete neben Syd und sprach sie an. “Miss? Miss? Sind Sie okay? Sind Sie verletzt? Können Sie sprechen?”

Syds Augenlider flatterten, als sie sich bemühte, die Menschen um sich herum klar zu sehen. Es waren drei – ein Mann und zwei Frauen.

“Sie kommt zu sich”, sagte die weibliche Stimme.

“Du bedrängst sie, Ethel. Geh ein Stück zur Seite, lass ihr ein bisschen Platz zum Atmen.” Der Mann beugte sich zu Syd hinunter.

“Ich bedränge sie gar nicht, du alter Griesgram. Ich versuche nur, zu sehen, ob sie irgendwo blutet.”

“Sie blutet nicht.” Besorgte Augen schauten auf sie hinunter. “Können Sie sich bewegen, junge Dame?”

Syd hob leicht zuerst den einen Fuß, dann den anderen. “Ich denke schon.”

“Sie sollte sich aber nicht bewegen, Vern”, sagte die gleiche vorwurfsvolle weibliche Stimme. “Das habe ich im Erste-Hilfe-Kurs gelernt.”

“Hat schon jemand einen Krankenwagen gerufen?”, fragte die zweite Frau, die ein Stück abseits gestanden hatte. Sie schaute mitleidig auf die am Boden Liegende.

“Ja, ich”, antwortete Ethel. “Und ich habe auch gleich Seth angerufen. Er wird wissen, was zu tun ist.”

“Ich bin okay”, sagte Syd mit fester Stimme. Sie brauchte keine Sanitäter oder unnötigen Fragen. Sie brauchte die Polizei, und zwar jetzt.

Aber sie hatte das Gefühl, dass der Mann, der auf den Namen Vern hörte, sie nirgendwo hingehen lassen würde. Mit ernstem Blick hielt er ihr zwei Finger vor die Nase und fragte “Wie viele Finger sehen Sie?”

“Zwei.”

“Wer ist der Präsident der Vereinigten Staaten?”

Ethel, die offenbar normalerweise die Führung übernahm, gab ihm einen Klaps auf den Arm. “Meine Güte, Vern, wirst du wohl aufhören? Das ist hier nicht Emergency Room. Du ängstigst das arme Mädchen ja zu Tode.”

“Muss ich dich daran erinnern, dass ich dreißig Jahre lang ehrenamtlicher Sanitäter war?” Er klang ein bisschen beleidigt. “Auch wenn du scheinbar etwas anderes denkst, ich weiß genau, was in einem Notfall zu tun ist.”

Syd lehnte ihre Ellbogen auf den Asphalt und versuchte, der Debatte ein Ende zu bereiten, indem sie sich aufsetzte.

“Immer mit der Ruhe, junge Dame.” Vern griff nach ihrem Ellbogen. “Ein Schritt nach dem anderen, okay?”

Sie nickte und betrachtete den über sie gebeugten Mann etwas genauer. Er wirkte sehr sympathisch. Um die siebzig Jahre alt, mit warmen Augen und wuscheligen grauen Haaren. Eine der Frauen trug eine pinkfarbene Kellneruniform. Das wie eine große weiße Rose geformte Namensschild besagte, dass sie Ethel war. Die andere Frau war klein und zierlich, mit schwarzen Haaren, und sie schien zufrieden damit, Vern und Ethel die Führung zu überlassen. Alle drei waren ohne ihre Jacken aus dem Lokal gelaufen.

Mit Hilfe des Mannes stand Syd auf und probierte, ob sie stehen konnte. Glücklicherweise gaben ihre Beine nicht unter ihr nach.

“Was ist passiert?”, fragte die Kellnerin.

“Meine Freundin ist gerade entführt worden! Von zwei Männern!”, erklärte Syd atemlos. Sie war zu aufgeregt, um Luft zu holen – jetzt war keine Zeit für lange Erklärungen. “Ich habe versucht, sie aufzuhalten, aber sie haben mich weggeschubst, ehe ich etwas tun konnte.” Sie rieb sich den Hinterkopf, wo bereits der Ansatz einer Beule zu fühlen war. “Ich muss die Polizei benachrichtigen. Sie haben doch eine Polizeistation in Elwood, oder?”

“Entführt?” Die stillere der beiden Frauen schlug die Hände vor der Brust zusammen. Alle drei blickten sich an, als ob so etwas in Elwood noch nie passiert wäre – und das war es sehr wahrscheinlich auch nicht.

“Ja, entführt. Darum muss ich die Polizei anrufen.” Sie schienen den Ernst der Lage nicht zu begreifen. Oder die Dringlichkeit. Langsam erholten sie sich von dem Schrecken. “Ich kann der Polizei eine Beschreibung des Vans und der beiden Männer geben, die sie gekidnappt haben.”

“Seth ist unser Chief”, sagte Ethel und nickte dabei weise mit dem Kopf. “Er wird Ihre Freundin finden, Schätzchen. Zerbrechen Sie sich darüber mal nicht Ihren hübschen Kopf.”

“In der Zwischenzeit sollten wir Sie hineinbringen, ins Warme.” Vern legte ihr einen Arm um die Taille und drehte sie langsam in Richtung des Lokals. “Können Sie gehen?”

“Ja.” Eigentlich wollte sie nur ins Lokal rennen, das Telefon nehmen und den Notruf wählen – aber wie es schien, hatte das wachsame Trio nicht vor, sie auch nur einen Schritt allein machen zu lassen. Sie deutete auf ihr Auto. “Ich brauche mein Portmonee. Und Lillys”, fügte sie hinzu. “Ihres müsste im Pathfinder sein.”

“Mary, du holst die Portmonees”, bestimmte Ethel. “Vern und ich werden das Mädchen ins Diner bringen und ihr etwas Heißes zu trinken besorgen.”

Kurze Zeit später saß Syd auf einer Bank am Tisch. Vern hockte ihr gegenüber. Verzweifelt versuchte Syd, zu verstehen, was passiert war. Die Szene, die sich immer wieder in ihrem Kopf abspielte, schien direkt aus einem Fernsehkrimi zu stammen. Obwohl sie schon alle möglichen Fälle vertreten und die schlimmsten Kriminellen getroffen hatte, war sie noch nie Augenzeugin einer Entführung gewesen.

“Hier ist eine heiße Schokolade für dich, Schätzchen.” Ethel stellte den dampfenden Becher vor sie auf den Tisch. “Trink schnell einen Schluck, bevor Mary zurückkommt und mir wieder vorwirft, zu langsam zu bedienen.”

Wie aufs Stichwort wurde die Tür aufgestoßen und Mary trat mit den beiden Geldbörsen in der Hand ein. Hinter ihr kam ein untersetzter Endfünfziger mit dichtem grauem Haar und dunklen, aufmerksamen Augen ins Lokal. Mary wies auf Syds Tisch. Während der Mann seinen dunkelblauen Parka aufknöpfte, schlenderte er auf die Sitzgruppe zu. Syd konnte das goldene Polizei-Abzeichen von Mullica an seiner Brusttasche aufblitzen sehen.

“Das ist unser Chief”, klärte Vern Syd auf. “Bei ihm sind Sie in guten Händen, Liebes. Erzählen Sie ihm …”

Der Neuankömmling nahm seinen Baseballmütze ab. “Ich kann jetzt übernehmen, Vern”, sagte er ruhig. Als Vern keine Anstalten machte, zu gehen, setzte er hinzu: “Wenn es dir nichts ausmacht, würde ich gerne allein mit der Dame reden.”

“Oh.” Leicht verstimmt rutschte Vern über die Bank und ging hinüber zum Tresen, wo Mary bereits auf einem Barhocker saß. Ethel stand hinter der Theke und schenkte Kaffee nach.

“Dann wollen wir mal.” Der Polizist setzte sich Syd gegenüber. “Ich bin Seth Yates.” Er nahm einen schmalen Spiralblock aus der Jackentasche und klappte ihn auf. “Und wie heißen Sie, junge Frau?”

“Sydney Cooper. Aber bitte, nennen Sie mich Syd. Meine Freundin, Lilly Gilmore, wurde entführt.” Sie hatte den Eindruck, dass jeder Versuch, das Prozedere zu beschleunigen, zwecklos war, also atmete sie tief durch. “Wir müssen sofort eine Fahndung herausgeben, bevor die Entführer die Möglichkeit haben …”

“Woher wissen Sie, dass Ihre Freundin entführt wurde?”

“Ich war dabei, als es passiert ist!”, rief sie ungeduldig aus, und die drei am Tresen wandten erstaunt ihre Köpfe zu ihr um. Syd senkte ihre Stimme, bevor sie fortfuhr: “Sie bat mich, sie hier zu treffen. Ich hatte gerade eingeparkt, als ein schwarzer Van mit hoher Geschwindigkeit angefahren kam. Zwei Männer sprangen heraus, schnappten sich Lilly, zwangen sie in den Wagen und fuhren los.”

“Ethel hat mir erzählt, dass sie und ihre Freunde Sie auf dem Boden liegend gefunden haben.”

Das spielt doch alles keine Rolle, wollte sie schreien, aber sie riss sich erneut zusammen. “Ich lief dem Auto hinterher und versuchte, die Tür zu öffnen. Einer der Männer steckte seine Hand aus dem Fenster und stieß mich um.”

“Hatte der Van ein Nummerschild aus New Jersey?”

“Ja, aber ich hatte keine Zeit, es zu lesen. Es war eines von diesen Sonderkennzeichen, mit einem Leuchtturm und dem Spruch “Die Küste, die gefällt” darauf. Und auf der hinteren Stoßstange klebte ein Fußballaufkleber.”

Der Chief schrieb eifrig mit.

Sie wartete, bis er fertig war, bevor sie fortfuhr. “Lilly Gilmore – das wird G-I-L-M-O-R-E geschrieben – ist eins achtundsechzig groß, wiegt achtundfünfzig Kilo, blonde Haare, blaue Augen. Ich weiß nicht, was sie anhatte. Die beiden Männer waren groß, breitschultrig und ganz in schwarz gekleidet.”

“Gesichtsmerkmale? Haar?”

Syd schüttelte den Kopf. “Das ist alles verschwommen, tut mir Leid.”

“Muss es nicht. Das haben Sie bisher sehr gut gemacht.”

“Ich bin es gewohnt, genau zu beobachten.”

“Wirklich?” Chief Yates blickte von seinem Block auf. “Wie kommt’s?”

“Ich bin stellvertretende Bezirksstaatsanwältin in Philadelphia.”

“Aha.” Er lehnte sich auf der beigefarbenen Kunstlederbank zurück und betrachtete sie nachdenklich. Dann nahm er ein Handy aus der Innentasche seiner Jacke und wählte eine Nummer.

“Henry, hier ist Seth. Wir müssen eine Fahndung herausgeben. Eine junge Frau, ein schwarzer Van und zwei Entführer. Ja, hier in Elwood. Genauer gesagt, direkt vor dem Diner.”

Er wiederholte, was Syd ihm erzählt hatte, ohne auch nur einmal einen Blick auf seine Notizen werfen zu müssen. Er klang klar und effizient, als er Anweisungen gab, wie weiter zu verfahren sei. Vielleicht war sie etwas vorschnell in ihrem Urteil über ihn gewesen, dachte Syd. Er schien wesentlich kompetenter zu sein, als der erste Eindruck sie hatte glauben lassen.

Nachdem er das Gespräch beendet hatte, nahm er seinen Stift wieder auf. “Warum geben Sie mir nicht noch ein paar grundlegende Informationen über ihre Freundin, wie Familie, Beruf, Hobbys. Fangen wir doch mit ihrem Familienstand an. Ist sie verheiratet?”

“Geschieden. Ihr Exmann ist Polizist bei der Drogenfahndung in Philadelphia. Sein Vater war ebenfalls Polizei Chief.”

Das schien den Chief nicht zu beeindrucken, und Syd fing an, ihn zu mögen.

“Kommen Lilly und er gut miteinander aus?”

Syd lachte. “Nicht wenn sie länger zusammen sind. Mike ist ein selbstgefälliger, arroganter Mistkerl, der ihr das Leben zur Hölle gemacht hat. Er ist immer noch sauer, weil sie das alleinige Sorgerecht für ihre sechs Jahre alte Tochter bekommen hat. In letzter Zeit hat er sie bedrängt, diese Abmachung zu ändern.”

“Wie?”

“Indem er unangekündigt vor Lillys Tür stand und darauf bestand, den Tag mit Prudence zu verbringen. Oder indem er sie beschuldigte, Aufträge anzunehmen, für die sie von zu Hause fort musste – er warf ihr vor, sich nicht genügend um die Tochter zu kümmern und sie zu vernachlässigen. Was nicht wahr ist. Lilly ist Reporterin bei der Philadelphia Sun, und sie hat sicherlich viel zu tun, aber sie ist eine wundervolle Mutter. Wenn sie einmal weg muss, kümmert sich ihre Mutter um Prudence.”

“Sie mögen Mike Gilmore nicht?”

“Das ist noch geschmeichelt.”

“War er mal gewalttätig? Gegenüber Lilly oder dem Kind?”

“Nicht, dass ich wüsste.” Syd hielt inne. Sie war sich nur zu bewusst, dass Lilly niemals zugegeben hätte, wenn sie geschlagen worden wäre. Nicht mal ihrer besten Freundin gegenüber. “Aber er könnte es sein, er ist der Typ dafür. Was er will, bekommt er auch.”

“Außer das Sorgerecht für seine Tochter.”

“Stimmt.”

“Was glauben Sie, woran das liegt?”

Ja, sie mochte den Chief und seine Art, Zusammenhänge schnell zu erfassen, wirklich. “Falls Sie fragen, ob Lilly irgendetwas gegen ihn in der Hand hat – das war auch mein erster Gedanke, aber ich habe keine Ahnung, was das sein könnte. Lilly kann sehr schweigsam sein, wenn es um Familienangelegenheiten geht. Vor allem, wenn sie ihre Tochter betreffen.”

“Sie sagten, dass Sie mit Ihrer Freundin hier im Lokal verabredet waren?”

“Ja. Sie rief mich an, als ich noch im Gericht war, und hinterließ eine Nachricht auf meiner Mailbox.”

“Kommt sie auch aus Philadelphia?”

“Ja.” Sie gab ihm Lillys Adresse.

“Warum wollte sie sich so weit weg von zu Hause mit Ihnen treffen?”

“Das hat mich auch gewundert. Ich weiß es nicht.”

Der Chief nickte nachdenklich. “Sie erwähnten, dass Lilly Reporterin ist. Wissen Sie zufällig, woran sie gerade arbeitete?”

“Wir waren beide in der letzten Woche sehr beschäftigt und hatten kaum Gelegenheit, miteinander zu reden. Aber ich finde es heraus.”

Er nickte. “Hat sie einen Freund?”

“Nein. Seitdem sie ihren Mann letztes Jahr verlassen hat, hatte sie keine Beziehung mehr.”

“Hat sie noch mehr Familie, außer ihrer kleinen Tochter und ihrer Mutter?”

“Eine Tante, einen Onkel und einen Cousin. Sie wohnen alle in Philadelphia.” Sie gab ihm die Namen und Adressen.

“Wo ist das kleine Mädchen jetzt?”

“Ich vermute, bei ihrer Großmutter, Dorothy Branzini.” Syd stellte ihren Becher ab und atmete tief aus. “Ich muss ihr erzählen, was passiert ist.”

“Soll ich Sie begleiten?”

Sie schüttelte ihren Kopf. “Wenn es Ihnen nichts ausmacht, würde ich lieber allein gehen.”

“Das ist kein Problem. Allerdings muss ich auch mit Mrs. Branzini sprechen, aber das werde ich dann morgen Früh tun. In der Zwischenzeit würde ich gerne einen Blick in Lillys Haus werfen. Können Sie mir einen Schlüssel besorgen?”

Da sie mit den einzelnen Schritten vertraut war, die notwendig waren, um eine kriminalistische Untersuchung anzustrengen, nickte Syd. “Ich habe einen. Warum treffen wir uns nicht einfach bei Lilly, nachdem ich mit ihrer Mutter gesprochen habe? Wir könnten uns gemeinsam umsehen.”

Falls der Chief ihren – nicht wirklich dezenten – Versuch durchschaute, an der Untersuchung teilzunehmen, ließ er es sich nicht anmerken.

“In diesem Fall fahre ich zurück ins Polizeirevier und schaue nach, ob die Fahndung schon Ergebnisse erbracht hat.” Er schaute auf seine Uhr. “Wir treffen uns um elf Uhr am Haus Ihrer Freundin, das gibt Ihnen genügend Zeit, mit Mrs. Branzini zu sprechen.”

Syd nickte.

Der Chief nahm seine Baseballkappe vom Sitz und setzte sie auf. “Ich begleite Sie zu ihrem Auto.”

“Danke, Chief.”

3. KAPITEL

Es war kurz nach zehn, als Syd ihren Wagen vor dem Haus von Dorothy Branzini abstellte. Sie hatte überlegt, ob sie vorher anrufen sollte, sich aber dagegen entschieden. Sie wollte die Neuigkeiten lieber persönlich überbringen. Seit dem tragischen Tod ihrer Eltern vor elf Jahren war Dot wie eine Mutter zu ihr gewesen – sie liebte sie, sorgte sich um sie und gab ihr die gleichen guten Ratschläge, die sie so freigiebig an ihre Tochter verteilte. Syd war sich sicher – sie würden diese Krise gemeinsam meistern.

Kurz nachdem sie geläutet hatte, ging im ersten Stock ein Licht an und eine Gardine wurde zur Seite geschoben. Dot schaute von oben auf sie herab. Überrascht, aber nicht besorgt, sah sie Syd an und ließ die Gardine wieder zurückfallen.

Wenige Sekunden später öffnete sich die Haustür. Nur eins fünfzig groß und knapp fünfundvierzig Kilo leicht, war Dot trotzdem eine Person, mit der man rechnen musste und die man nicht unterschätzen durfte. Alle Menschen um sie herum wussten das und handelten auch so. Ihre beiden einzigen Schwächen waren ihre Tochter, die sie anbetete, und Prudence, die trotz ihres zarten Alters genau wusste, wie sie ihre Omi um den kleinen Finger wickeln konnte.

Dot hatte ihre Haare auf Lockenwickler aufgedreht und trug den blauen Fleece-Bademantel, den sie letztes Jahr von Lilly zu Weihnachten geschenkt bekommen hatte.

“Syd! Gütiger Himmel. Was tust du hier mitten in der Nacht –?” Als würde ihr auf einmal bewusst, dass es nichts Gutes bedeuten konnte, wenn Syd um diese Uhrzeit bei ihr vor der Tür stand, wurde sie bleich im Gesicht. “Lilly?” Fast flüsterte sie den Namen ihrer Tochter. “Lilly ist etwas passiert …”

Syd trat in den schmalen Flur und schloss die Tür. “Sie wird vermisst.” Es war besser, ihr die Wahrheit schonend beizubringen.

“Vermisst?” Mit ihrer zarten Hand fasste Dot sich an den Hals. “Was bedeutet das?”

“Lass uns hier hinein gehen”, Syd nickte in Richtung des kleinen Wohnzimmers mit seinen vertrauten, alten Möbeln und dem cremefarbenen Teppich. Sie führte die alte Dame zum Sofa. “Setz dich.”

“Ich will nicht sitzen.” Dots Stimme wurde lauter. “Ich will wissen, wo meine Tochter ist!”

“Sie wurde entführt.” Das war hart, und es war schockierend, aber es gab keinen anderen Weg, es auszudrücken. Sie musste es ihr auf diese Weise sagen.

Dot schluchzte laut auf und in ihren Augen spiegelten sich Ungläubigkeit und Furcht wider. “Entführt? Mein Baby wurde entführt? Wann? Warum? Wer würde so etwas tun?”

“Wir haben noch nicht viele Details.” Während sie Dots zitternde Hand hielt, berichtete sie über die Ereignisse der letzten zwei Stunden. Sie verschwieg nichts, wählte ihre Worte jedoch sorgfältig, um Dot nicht noch mehr in Angst zu versetzen. “Wir werden sie finden”, schloss sie, bemüht, die richtige Menge Zuversicht in ihre Stimme zu legen.

Dot zog ihre Hand weg und stand auf. “Nein, werdet ihr nicht. Du hast selbst gesagt, dass du keine Ahnung hast, wer diese beiden Männer waren, wohin sie sie gebracht haben, oder warum. Wie kannst du behaupten, dass ihr sie findet?”

“Es ist eine große Fahndung angelaufen, nach ihr, dem Van und den beiden Männern.”

Aber Dot hörte ihr nicht mehr zu. Sie begann, rastlos im Wohnzimmer auf und ab zu laufen. “Ich wusste, dass so etwas passieren würde. Ihre Arbeit – sie ist viel zu gefährlich.”

“Dot …”

Plötzlich blieb die alte Frau stehen, ließ die Hände sinken und betrachtete Syd. “Ich werde sie nie wieder sehen, oder? Sag mir die Wahrheit.”

“Natürlich wirst du. Du kannst uns sogar dabei helfen. Würdest du das tun?”

Dot straffte die Schultern. “Was soll ich tun?” Plötzlich wirkte die alte Dame, als könnte sie es kaum erwarten, die Truppen in die Schlacht zu führen.

“Beantworte mir nur ein paar Fragen. Hat Lilly in letzter Zeit irgendetwas über einen ungewöhnlichen Auftrag gesagt?”

“Sie erzählt mir nie etwas. Sie weiß, dass mich das traurig macht.” Sie verschränkte die Hände. “Aber als sie Prudence wegbrachte, wusste ich, dass etwas nicht stimmte.”

Syd blickte hinüber zur Treppe. “Prudence ist nicht bei dir?”

“Nein. Lilly hat dafür gesorgt, dass sie – bei einer alten Freundin von mir unterkommt.”

“Bei wem?”

Dot schaut gequält. “Ich musste Lilly schwören, dass ich niemandem etwas verrate.”

“Ich bin sicher, dass sie damit nicht mich meinte.”

“Ach sicher nicht. Entschuldige, ich bin ganz durcheinander.” Sie fuhr sich mit der Hand über die Augenbrauen. “Das ist alles zu viel für mich.” Und sie senkte ihre Stimme, als wäre es ein Zeichen von Schwäche, wenn sie es zugab. “Und ich habe Angst, Syd, so furchtbare Angst.”

“Ich weiß.” Syd zog sie sanft neben sich auf das Sofa. “Wo ist Prudence jetzt?”

“Bei Schwester Madeline – meine alte Freundin Sandra”, fügte sie hinzu, als Syd verwirrt den Kopf schüttelte.

Syd erinnerte sich dunkel an den Namen. Die beiden Frauen waren gemeinsam zur Schule gegangen und waren auch weiterhin eng befreundet geblieben, als Sandra sich der Kirche anschloss und Nonne wurde. “Ich dachte, dass sie in Delaware eine Klausur führt?”

“Es wissen nur wenige, dass sie den Orden vor fast einem Jahr verlassen hat und wieder hierher gezogen ist. Mike weiß es auch nicht.”

“Hatte Lilly Angst vor Mike?”

“Sie hat es mir nicht erzählt. Ich weiß nur, dass Mike sie verrückt macht, seitdem er angefangen hat, mit diesem reichen Mädchen auszugehen.”

Syd nickte und erinnert sich an die letzte Unterhaltung mit Lilly. “Will er immer noch das gemeinsame Sorgerecht für Prudence?”

“Mehr als je zuvor. Und weißt du warum?”

“Lilly hat es mir nie erzählt. Ich glaube, dass sie es selber nicht weiß.”

“Doch, sie weiß es. Mike kam vor ein paar Tagen bei ihr vorbei und hat es ihr erzählt. Es sieht so aus als ob seine neue Freundin, diese verwöhnte Göre, keine Kinder bekommen kann. Aber sie hat Zuneigung zu Prudence entwickelt. Das waren seine exakten Worte”, setzte sie sarkastisch hinzu. “Zuneigung zu Prudence entwickelt. Als ob sie über einen Hund reden würden, den sie überlegen, zu sich zu holen.” Sie schüttelte missbilligend den Kopf. “Miss Krösus möchte, dass Prudence nach der Hochzeit sechs Monate im Jahr bei ihnen lebt.”

“Was hat Lilly dazu gesagt?”

“Sie hat ihm ins Gesicht gelacht, und er wurde wütend. Er hat sie beschuldigt, egoistisch zu sein und ihr vorgeworfen, sie würde versuchen, seine Beziehung zu Vanessa zu zerstören.”

“Wenn sie sich so sehr ein Baby wünschen, wieso adoptieren sie dann nicht eines?”

“Vanessa will von Adoption nichts wissen. Und jetzt, wo sie sich in den Kopf gesetzt hat, Prudence zu sich zu holen, ist sie von der Idee nicht mehr abzubringen. Sie hat Mike sogar gesagt, wenn sie das Kind nicht haben kann, gibt es auch keine Hochzeit. Wie erwachsen ist das, bitte?”

“Ich hätte wissen müssen, dass Mikes neu erwachtes Interesse an seiner Tochter nichts mit Vaterliebe zu tun hat.”

“Ich traue ihm nicht, Syd. Dieser Mann ist zu allem fähig.”

“So sehr ich dem auch zustimme – ich bezweifle doch, dass er eine Entführung planen und durchziehen würde, um seinen Willen zu bekommen.”

Es sei denn, er wollte das haben, was Lilly gegen ihn in der Hand hatte. Was auch immer das war – wenn der belastende Beweis erst einmal aus dem Weg geräumt war, würde Lilly nicht mehr am längeren Hebel sitzen, und Mike könnte glücklich und reich bis an sein Ende leben.

Syd blieb, bis Dots Schwester Luciana eintraf. Ein weiteres Mal erzählte sie, was passiert war, sprach den beiden Mut zu und verließ die beiden Frauen schließlich, um sich mit Chief Yates zu treffen.

Auf dem Weg zu Lillys Haus dachte Syd an ihre Freundin und deren manchmal schwer zu ertragende Angewohnheit, jede Situation allein und ohne Hilfe regeln zu wollen. Andererseits war es genau diese ungestüme Unabhängigkeit, diese direkte Art und Spontaneität, die Syd damals, als sie beide gerade sieben Jahre alt waren, zu ihr hingezogen hatte.

Ihre Freundschaft hatte beide Familien überrascht. Lilly war ein richtiger Wildfang, ständig auf der Suche nach neuen Herausforderungen und Abenteuern, mit denen sie sich meistens den größten Ärger einfing. Syd war bodenständiger, sie beruhigte, vermittelte und verhinderte größere Katastrophen in Lillys Leben – meistens jedenfalls.

Lillys Familie und Freunde glaubten schon damals, dass es ihr Schicksal wäre, Reporterin zu werden. Als Kind bereits irritierte ihre Art, überall herumzuschnüffeln, viele Menschen. In der Zwischenzeit hatte sich dieses Talent ausgezahlt. Siebenundzwanzig Jahre und einen Pulitzer-Preis später war Lilly eine der besten Reporterinnen im Delaware Valley.

Ihre Hochzeit mit Detective Mike Gilmore vor sieben Jahren schien zuerst wie im Himmel geschlossen. Beide sahen gut aus, waren beliebt und ehrgeizig. Aber plötzlich, vor nicht ganz einem Jahr, am Abend vor Prudence fünftem Geburtstag, gab Lilly bekannt, dass sie die Scheidung eingereicht hatte.

“Mike hat immer weniger Zeit für Prudence und mich”, gestand sie der Freundin. “Und er ist wie besessen von dem Gedanken, dass er kein so guter Polizist ist wie sein Vater, und es auch niemals werden wird. Jeden Abend höre ich mir dieses Gejammer an, ich ertrage es nicht mehr.”

Syd war sehr überrascht, dass Mike weder die Scheidung anfocht, noch Lillys Entscheidung, das alleinige Sorgerecht für Prudence zu beantragen. Nach Lillys Aussage war er genauso desillusioniert von ihrer Ehe, wie sie es war, und genauso erpicht darauf, sie gütlich zu beenden. Syd hatte ihr das nicht abgekauft. Mikes riesiges Ego und sein Zwang, alles unter Kontrolle zu haben, hätten ihm nie erlaubt, so einfach nachzugeben. Er hätte gekämpft, wenn schon nicht um seine Ehe, dann zumindest um das gemeinsame Sorgerecht für seine Tochter.

Syd war von Natur aus skeptisch, und so vermutete sie, dass Lilly etwas gegen ihren Ehemann in der Hand hatte – ein Ass im Ärmel. Es gab unendliche Möglichkeiten: Untreue, Missbrauch, Drogen, Bestechung.

Als sie sich an all das erinnerte, wünschte Syd, sie wäre in den letzten Wochen nicht so sehr mit ihrer eigenen Arbeit beschäftigt gewesen und hätte stattdessen mehr auf Lilly geachtet. Und auf Mike.

Sie sah den Wagen des Chiefs, als sie in die Lombard Street einbog, und parkte hinter ihm ein.

Vielleicht fanden sie in Lillys Haus die Spur, die sie so dringend benötigten.

4. KAPITEL

Die grauen Wolken, die schon den ganzen Tag am Himmel über Baton Rouge hingen, waren noch erdrückender geworden und drohten, jeden Moment aufzubrechen und die heftigen Regenfälle zu bringen, für die das südliche Louisiana so berühmt war.

Hinter dem Steuer seines alten, aber zuverlässigen GMC Truck verließ Jack Sloan die Interstate 10 und fuhr weiter auf dem College Drive Richtung Norden. Er war froh, dass seine Schicht auf der Jupiter Ölplattform zu Ende war, und pfiff entspannt vor sich hin. Nachdem er einen ganzen Monat lang sechzehn Stunden am Tag gearbeitet hatte, freute er sich auf zwei Wochen freie Zeit. Vielleicht würde er zum Fischen hinunter nach Galveston fahren oder noch weiter südlich, zur mexikanischen Grenze, wo die Merline sich um diese Jahreszeit nur so tummelten.

Theoretisch hätten ihm sogar drei statt zwei Wochen Urlaub zugestanden, aber kürzlich erfolgte Sparmaßnahmen, die zu Entlassungen geführt hatten, machten es erforderlich, dass die restliche Truppe länger arbeitete. Jake machte das nichts aus, er liebte harte Arbeit. Und ohne Frau und Kinder konnte er so lange und so hart arbeiten, wie es ihm gefiel.

In zehn Jahren, wenn er vielleicht müde war vom Bohren, würde er sich sein Traumboot kaufen und Törns zum Tiefseefischen anbieten. Aber bis dahin war es noch ein weiter Weg. Das Geld hatte er zwar, aber er wollte keine finanziellen Entscheidungen treffen, bevor er sich nicht ganz sicher war, dass er damit glücklich würde.

Die Straßen von Baton Rouge waren um diese Zeit am Abend ruhig, und einen freien Parkplatz zu finden, erwies sich als schwierig. Einen Block entfernt von seiner Wohnung fand er noch eine Lücke und parkte den Truck ein. Er machte den Motor aus und griff nach hinten, um seinen Seesack vom Rücksitz zu holen.

“Mr. Sloan?”

Jake blickte erstaunt über seine Schulter, als er seinen Namen hörte. Der Mann, der neben seinem Wagen stand, war ungefähr in seinem Alter, groß, kräftig gebaut, mit ordentlich geschnittenen Haaren und ruhigem Blick. Er trug einen dunklen Anzug, was entweder darauf schließen ließ, dass er nicht aus der Stadt war oder gerade von einer Beerdigung kam. In der Hand hielt er einen schwarzen Aktenkoffer.

Jake sprang aus dem Truck und schlug die Fahrertür hinter sich zu. “Ja, ich bin Jake Sloan.”

Der Fremde zog ein kleines Lederetui aus seiner Tasche und hielt es Jake unter die Nase. “Ich bin Agent Paul Ramirez, FBI. Können wir irgendwo reden?”

Jake betrachtete die Marke im Licht der Straßenlampe genau. Tatsächlich war Paul Ramirez FBI-Agent aus Philadelphia.

Ungerührt schwang Jake seinen Seesack über die Schulter. “Es kommt darauf an, worüber Sie mit mir reden wollen.”

“Über jemanden, der Sie sicher interessieren wird.” Und bevor Jake erwidern konnte, dass alles, was ihn im Moment interessierte, ein kaltes Bier sei, setzte er hinzu: “Victor van Heusen.”

Jake hielt abrupt inne, als das Gesicht seines ehemaligen Kommandeurs unwillkürlich vor seinem inneren Auge auftauchte.

“Was ist mit ihm?”, fragte er.

Der Agent schaute die Straße hinauf und hinunter, als wolle er sichergehen, dass sie niemand belauschte. “Ich würde diese Angelegenheit lieber nicht hier besprechen. Vielleicht können wir in Ihre Wohnung hinaufgehen?”

Jake musste zugeben, dass der Mann nun seine volle Aufmerksamkeit hatte. Warum sollte er ihm also nicht ein paar Minuten geben, um die Sache zu erklären? Er nickte und führte dann den Beamten zu seiner Wohnung im ersten Stock.

Das Apartment hatte er vor sechs Monaten angemietet. Es war spärlich möbliert, nur eine gemütliche grüne Couch mit Sesseln, eine kleine Küche und ein separates Schlafzimmer mit Bett und Schrank – mehr brauchte er nicht. Zwar hätte sein Konto ihm durchaus erlaubt, sich etwas Besseres, sogar ein Haus zu leisten, aber ihm missfiel der Gedanke, Wurzeln zu schlagen. Bis er sich nicht im Klaren darüber war, was er wirklich mit seinem Leben anfangen wollte, war das hier vollkommen ausreichend.

Er stellte seinen Seesack auf einem Sessel ab. “Wie wäre es mit einem Bier?”

“Für mich nur Wasser, bitte.”

Einen Augenblick später kehrte Jake aus der Küche zurück, in der einen Hand ein Glas mit Eiswürfeln und Wasser, in der anderen eine Flasche Budweiser. “So”, sagte er, nachdem er einen großen Schluck getrunken hatte. “Woher wussten Sie, dass Victor van Heusen mich interessieren würde?”

“Ich mache meine Hausaufgaben.”

“Was genau wissen Sie denn?”

“Lassen Sie mich nachdenken.” Ramirez lehnte sich im Sessel zurück. “In zwei Monaten werden Sie zweiundvierzig. Sie wurden in Philadelphia geboren und sind dort aufgewachsen, haben die Drexel University besucht und mit einem Ingenieurstitel abgeschlossen. Nach Abschluss des Studiums haben Sie Ihre Highschool-Liebe geheiratet und einen viel versprechenden Job bei Lockheed Martin ausgeschlagen, um sich bei der Armee zu verpflichten. Dort haben Sie die Flugschule besucht und wurden für drei Jahre nach Deutschland geschickt. In Deutschland waren Sie einer von wenigen Auserwählten, die für die Special Forces trainiert wurden – DELTA, um genau zu sein. Unglücklicherweise hat Ihre Ehe die lange Trennung nicht überstanden. Ihre Frau reichte 1991 die Scheidung ein, kurz bevor Sie in den Irak entsendet wurden, um bei Desert Storm mitzukämpfen. Soll ich fortfahren?”

“Nein.” Jake hatte keinen Zweifel, dass Agent Ramirez alles von dem wusste, was danach im Irak passiert war. Doch im Moment hatte er kein Interesse, an das abrupte und demütigende Ende seiner militärischen Karriere erinnert zu werden. “Warum sagen Sie mir nicht einfach, weshalb Sie hier sind?”

“Gerne.” Ramirez blickte Jake unverwandt an. “Wussten Sie, dass Colonel van Heusen, der sich jetzt General van Heusen nennt, nach seiner unehrenhaften Entlassung aus der Armee in Ihren Heimatstaat gezogen ist?”

Jake stellte seine Bierflasche ab. “Victor ist in Pennsylvania?”

“Um genau zu sein in Lancaster County.”

“Was macht er da?”

“Er hat eine Miliz aufgestellt und sich selbst zum Chefkommandeur ernannt. Camp Freedom ist nicht nur seine Idee, sondern inzwischen eine sehr erfolgreiche Gruppe mit mehr als zwölftausend Mitgliedern im ganzen Land. Allein neunhundert kommen aus Pennsylvania und den Nachbarstaaten. Sie treffen sich jedes zweite Wochenende in Lancaster. Die restlichen Mitglieder werden zum einen über van Heusens Website informiert und motiviert – die täglich mehr als tausend Besucher registriert – und zum anderen über seine Radioshow ‘Being a True American’, die er moderiert und über Kurzwelle ausstrahlt. Nur fünfzehn handverlesene Männer leben in dem Camp. Ein paar von ihnen arbeiten in einer Art Komitee, das van Heusen leitet. Es wird vermutete, dass sie Zugang zu streng geheimen Informationen haben.”

Auch wenn Jake über die neuen Informationen erstaunt war, so war er doch nicht wirklich überrascht. Als Absolvent der Militärakademie von West Point entstammte van Heusen einer langen Reihe von Militärs, und das Soldatsein lag ihm im Blut. “Ich wüsste nicht, was ich ohne Uniform tun würde”, hatte er Jake einmal gestanden.

Es war möglich, dass seine Enttäuschung über die Armee ihn zu dem Entschluss getrieben hatte, eine eigene Miliz zu gründen. Seine Qualifikationen als Kommandeur auf dem Schlachtfeld waren unbestreitbar. Er besaß exzellente Führungsqualitäten, auch wenn er bewiesen hatte, dass er, wenn es die Situation verlangte, gerne Wege außerhalb des Erlaubten suchte – und auch ging.

“Nun gut, van Heusen ist Anführer einer Miliz”, sagte Jake schließlich. “Was hat das mit mir zu tun?”

“Wir beobachten den Mann schon länger – nicht nur wegen seiner regierungsfeindlichen Haltung. Vor zwei Jahren bekamen wir einen Tipp und setzten ein Überwachungsteam darauf an, die Aktivitäten im Camp zu beobachten. Unglücklicherweise kamen wir mit leeren Händen wieder.”

“Was wird ihm vorgeworfen?”

“Wir verdächtigen ihn des Handels mit verbotenen Waffen an terroristische Länder.”

Jake setzte sich langsam auf. “Sie machen Witze.”

Ramirez klirrte mit den Eiswürfeln in seinem Glas. “Unsere Quelle teilte dem Büro mit, dass van Heusen Sierra Leone, Somalia, Indonesien und den Mittleren Osten mit Waffen versorgt. Aufgrund seiner weit reichenden Kontakte beim Militär vermutet man, dass er alles besorgen kann – vom AK-47 über Raketenwerfer bis hin zum Blackhawk Hubschrauber. Das Problem ist, dass wir es nicht beweisen können.”

“Trotz all der Mittel, die dem FBI zur Verfügung stehen, konnten Sie van Heusen bisher nicht erwischen?” Jake hatte Schwierigkeiten, seine Überraschung zu verbergen.

“Es ist nicht so, dass wir es nicht versucht hätten, glauben Sie mir. In den letzten zwei Jahren haben wir einige Aktionen unternommen, inklusive der Infiltration des Camps. Van Heusen scheint jedoch bei allen Freiwilligen gründliche Nachforschungen zu betreiben, denn drei Tage später bekam unser Agent ohne eine Erklärung die Absage auf seine Bewerbung.”

Jake lächelte. Van Heusen war wirklich alles andere als dumm und konnte nicht so leicht hinters Licht geführt werden. “Sie müssen ja ganz schön ins Schwimmen gekommen sein.”

Nachdenklich ließ Ramirez die langsam schmelzenden Eiswürfel weiter im Glas kreisen. “Deshalb haben wir an Sie gedacht.”

Jake ahnte, worauf der Agent hinauswollte, aber er fragte dennoch. “Wieso ich?”

“Weil Sie ihn besser kennen als jeder andere. Sie wissen, wie er tickt, wozu er fähig ist, wie weit er gehen wird, um zu bekommen, was er will.”

Jake lehnte sich vor. “Wollen Sie sagen, wenn ich zustimme, Ihnen zu helfen – und ich sage nicht, dass ich das tun werde – müsste ich nach Lancaster County fahren?”

Schneeverwehungen und Minustemperaturen waren nicht gerade das, was er sich für seine Ferien erträumt hatte.

“Nein, das wäre zu offensichtlich. Wir möchten, dass Sie nach Philadelphia gehen und von dort aus operieren.”

“Für wie lange?”

“Das liegt bei Ihnen. Je schneller Sie uns die Beweise liefern, dass van Heusen mit illegalen Waffen handelt, desto schneller können Sie wieder nach Hause zurückkehren. Natürlich würden wir für all Ihre Ausgaben aufkommen.”

“Aber Sie wissen schon, dass ich einen Job habe?”

“Und die nächsten zwei Wochen frei. Ja, das weiß ich.”

Er hatte seine Hausaufgaben gemacht. “Können Sie mir garantieren, dass die Aufgabe in zwei Wochen zu lösen ist?”

“Nein, aber Sie würden Ihren Job bei Jupiter Oil nicht verlieren. Dafür sorgen wir.”

Jake nahm einen tiefen Schluck aus der Flasche. Wie oft hatte er sich in den letzten Jahren gewünscht, es seinem ehemaligen Kommandeur heimzuzahlen? Van Heusens Leben zu ruinieren, wie er damals seines ruiniert hatte?

Das ist deine Chance, Jacky-Boy.

Warum also hinterließ der Gedanke, einen Mann, den er verabscheute, in die Falle zu locken und dem FBI zu übergeben, einen bitteren Nachgeschmack bei ihm?

Als er seinen Blick wieder Ramirez zuwandte, hatte der sein Glas abgestellt und blätterte durch die Sports Illustrated, die auf dem Tisch gelegen hatte.

Er legte das Magazin zurück. “Wollen wir die Details Ihres Auftrags besprechen?”

“Das wird nicht nötig sein.” Jake stand auf. “Meine Antwort ist nein.”

5. KAPITEL

Ramirez Gesichtsausdruck blieb gelassen. Er sah so aus, als hätte er damit gerechnet, dass Jake ihm eine Absage erteilen würde. Ruhig fragte er: “Darf ich Ihnen etwas zeigen?”

Bevor Jake antworten konnte, hatte der Agent einen Umschlag aus seinem Aktenkoffer geholt und leerte den Inhalt nun auf den Tisch. Ein Dutzend Fotos fielen heraus. Ramirez verteilte sie auf dem Tisch, damit Jake sie alle sehen konnte. Männer und Frauen lagen auf dem Fußboden einer Hotelhalle, wie es schien. Ihre Körper von Kugeln zerfetzt, ihre Gesichter blutig. Auch ein Kind, nicht älter als sechs oder sieben Jahre, war unter den Opfern.

“Diese Bilder wurden vor zwei Wochen aufgenommen”, sagte Ramirez, “k

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Das Philadelphia-Komplott" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple Books

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen