Logo weiterlesen.de
Das Paradies ist weiblich

Ricardo Coler

Das Paradies ist weiblich

Eine faszinierende Reise ins Matriarchat

 

Aus dem argentinischen Spanisch von Sabine Giersberg

 

1

Nach sechs Stunden Fahrt über einen holprigen Gebirgspass hält Dorje, ein fülliger Tibeter in den Dreißigern mit üppigem Haar, den Jeep an. Wir befinden uns in mehr als 3000 Meter Höhe, herabgestürzte Felsbrocken versperren uns den Weg, und zu unserer Linken lauert der Abgrund. Dorje steigt aus, um zu prüfen, ob und wie man dem Geröll ausweichen könnte. Ich beobachte ihn, wie er ein paar Schritte in diese, dann in jene Richtung macht, wie er in die Hocke geht, kritisch in den Schlamm fasst, den Kopf nach vorne fallen lässt und einen Augenblick reglos vor den Steinen verharrt – dieser Mann hat so gar nichts von einem tibetanischen Mönch, wie ich ihn mir vorgestellt habe.

Schließlich kommt er entschlossen zum Wagen zurück. Beherzt lässt er den Motor an und gibt Gas. Eines der Räder hängt frei in der Luft. Ich halte den Atem an und lehne mich, die Hände fest um den Rucksack geklammert, mit meinem ganzen Gewicht zur anderen Seite. Ich weiß nicht wie, aber wir schaffen es und lassen die Hürde glücklich hinter uns.

Der Ort, zu dem wir unterwegs sind, heißt Luoshui und ist auf meiner Karte nicht eingezeichnet – ein eigenartiges Gefühl, sich auf diesem Höhenweg in einem Geländewagen durchrütteln zu lassen, um an einen scheinbar nicht existierenden Punkt zu gelangen. Dabei erinnere ich mich gut an Luoshui, ein malerisches Dorf an den Ufern des Lugu, eines der größten Gebirgsseen von ganz Asien; ein Ort, an dem man eines der letzten Matriarchate dieser Welt bewundern kann: Hier leben die Mosuo, und bei den Mosuo ist man im Reich der Frauen.

Vor knapp einem Jahr bin ich schon einmal in Luoshui gewesen, und als ich mich damals verabschiedete, wusste ich, dass ich wiederkommen würde. Ich war fasziniert von dieser Gesellschaft, in der die Frauen das Sagen haben, ihre Sitten und Gebräuche stellten alles in Frage, was für mich bis dahin logisch und erstrebenswert, schlicht die natürliche Ordnung der Dinge zu sein schien. Die Vorstellung, dass der Mann herrscht? Nicht in diesem Dorf. Dass es in der Natur der Frau liegt, heiraten zu wollen? Mitnichten. Dass man dem Vater Respekt zollen muss? Welchem Vater?

Diesmal bin ich darauf eingerichtet, eine Zeitlang mit den Mosuo zu leben, sie zu interviewen und mit Muße dem auf den Grund zu gehen, was mich bei meinem ersten Besuch auf unerklärliche Weise so fesselte und bewegte.

Die Mosuo sind eine Gemeinschaft von fünfunddreißigtausend Menschen, in der die Frauen bestimmen, wo es langgeht, und Privilegien genießen, die den Männern versagt bleiben. Eine Art Paradies der Frauenbewegung. Ein Beispiel dafür, wie die Wirklichkeit aussehen kann, wenn die Spielfiguren einmal anders aufgestellt sind.

Was passiert, wenn eine Gesellschaft nicht von Männern geführt wird und Männer nicht die Hauptnutznießer sind? Wie verändern sich die Beziehungen zwischen den Geschlechtern? In Luoshui ist die Frau nicht durch eine vom Machismo geprägte Erziehung konditioniert, hier gibt es kein schwaches Geschlecht.

Ich selbst bin in einer genuin patriarchalischen Gesellschaft aufgewachsen. Wenn allerdings die Prognosen stimmen, dass in den westlichen Gesellschaften die Position des Mannes immer schwächer wird, kann es nicht schaden, sich schon jetzt damit vertraut zu machen, wie ein Matriarchat funktioniert.

 

Von Peking aus, wo ich vor vier Tagen gelandet bin, habe ich das Land einmal durchquert, um schließlich Kunming zu erreichen, die Hauptstadt der weitläufigen Provinz Yunnan. Im 13. Jahrhundert war die offizielle Währung in dieser Stadt die Meeresmuschel. Marco Polo berichtet in der Chronik seiner Reisen, dass vierzig Meeresmuscheln einer venezianischen Währungseinheit entsprachen. Der Wechselkurs muss günstig für die chinesischen Kaufleute gewesen sein, denn Kunming florierte. Heute gilt »die Stadt des ewigen Frühlings«, wie sie wegen ihrer beständigen milden Temperaturen heißt, als kommerzielles Zentrum von Yunnan und verfügt über eine stattliche Anzahl von Fünf-Sterne-Hotels.

Weiterfliegen konnte ich von Kunming aus nur bis Lijiang, wo ich von Dorje, dem Fahrer, und Lei, meinem Dolmetscher, erwartet wurde. Zu zweit hielten sie ein improvisiertes Schild hoch, auf dem fehlerhaft mein Name geschrieben stand – was sich als vollkommen überflüssig erwies, denn ich war der einzige Nicht-Asiate im ganzen Flughafen.

Die Altstadt von Lijiang teilt ein Fluss, der wegen der Schneeschmelze immer kaltes Wasser führt, und sie ist durchzogen von engen Kopfsteinpflastergassen und Kanälen, die an manchen Stellen direkt vor den Häusern vorbeifließen. Dort sieht man die Bewohner Töpfe und Geschirr in dem stetig fließenden Wasser abspülen, die Hände blau von der Kälte. In der Tür eines dieser Häuser steht eine alte Frau mit riesiger Pfeife im Mund und zwei großen Weidenkörben auf der Schulter. Alter, Sonne und Bergluft haben ihr Gesicht gegerbt, kein Millimeter ist faltenlos. Sie bläst den Rauch in die Luft und grüßt mich.

Die Provinz Yunnan weist weltweit die größte Konzentration an ethnischen Minderheiten auf. Es gibt hier mehr muslimische Chinesen mit weißen Wollmützen als Araber in ganz Saudi-Arabien. Die Naxi erkennt man an ihren blauen Schürzen, die Lisu überqueren, an einem Seil hängend, den Nujiang und kommen zum Einkaufen her, und die mit den roten Blumen an den Beinen, das sind die Bai-Mädchen. Die geschäftigen Zhuan tragen im Vergleich zu anderen Landsleuten immer das Doppelte an Gewicht auf ihren Schultern – ich weiß nicht, ob sie ihre Arbeit in der Hälfte der Zeit erledigen wollen oder ob sie vorsichtshalber stets das Doppelte von dem mitnehmen, was sie benötigen. Die Yi, wohl die zahlreichste Minderheit, sind auch schon von weitem unübersehbar: Die Frauen, bekleidet mit weißem Hemd und roter Weste, tragen schwarze Hüte von ungefähr einem Meter Durchmesser, die aussehen wie Dächer. Sie senken den Kopf, um fremden Blicken auszuweichen. Der Fremde bin ich. Unter all den traditionell gekleideten Menschen bin ich mit Cargo-Hose, Reisehemd und Fotografenweste in diesem Teil von China eindeutig der exotischste Vogel und zweifellos der mit den meisten Taschen.

 

Inzwischen haben wir die Zivilisation hinter uns gelassen. Eine Stunde ist vergangen, seit wir uns auf dem Gebirgspass einen Weg durch die Felsbrocken gebahnt haben, jetzt befinden wir uns im Land der Yi. Am Straßenrand entdecke ich immer wieder dunkel gekleidete Frauen mit zurückgebundenem Haar und sogar kleine Mädchen, die sich, schwer beladen mit Körben voller Holzscheite, den Berg hinaufkämpfen – als wäre das Lastentragen Teil der weiblichen Natur.

Dorje und Lei verstricken sich in ein offenbar hochinteressantes Gespräch auf Mandarin, stundenlang diskutieren sie, bis irgendwann hinter einer Kurve der Lugu-See vor uns auftaucht.

Das Panorama ist überwältigend: ein himmelblauer Spiegel aus stillem Wasser mit ein paar Inseln. Am liebsten würde ich aussteigen und mich ganz und gar in die Betrachtung dieser Naturschönheit versenken.

Endlich erreichen wir Luoshui. Vor dem Haus, in dem ich untergebracht sein werde, empfängt mich eine freundliche Dame und zeigt mir, wo ich mein Gepäck abstellen soll. Nach und nach finden sich die anderen Bewohner des Hauses ein und beäugen mich neugierig, aber auch misstrauisch. Sie sprechen mit Lei und zeigen auf mich. Derweil sehe ich mich ein wenig um und gewahre, in gebührendem Abstand gegen einen Pfeiler der Galerie gelehnt, die Matriarchin. Zu meiner Überraschung ist es eine junge Frau. Mit ernstem Gesichtsausdruck und einem kurzen Kopfnicken begrüßt sie mich.

2

Es existieren nur noch einige wenige Matriarchate auf der Welt. Und sie sind vom Aussterben bedroht.

Eine dieser weiblich geprägten Gesellschaften ist die der Nagovisi auf der Insel Bougainville vor Papua-Neuguinea im Norden Australiens. Die Ländereien sind ausschließlich im Besitz von Frauen, und die Männer sind von den landwirtschaftlichen Erträgen ihrer Frauen abhängig. Die Ehe besteht dort im Wesentlichen darin, mit der Frau das Bett zu teilen und ihr bei der Landarbeit zu helfen. Niemals wird den Männern dieses Land (oder irgendein anderes im Dorf) gehören. Sie dürfen lediglich für die Frauen arbeiten. Wenn bei den Nagovisi ein Paar streitet, so heißt es, darf die Frau dem Mann die Frucht ihres Baumes verweigern. Sollte sich die Sache länger hinziehen, bleiben also nur noch Scheidung oder Hungertod. Doch das ist eine äußerst seltene Extremsituation. Gemeinhin werden die Nagovisi als sehr zufrieden mit ihrem Leben in der Gemeinschaft beschrieben.

Ein weiteres Beispiel sind die Minangkabau im Westen Sumatras. Dort erwirbt man durch Mutterschaft den höchsten Rang in der Familie. Die Frauen haben für Nahrung, Unterkunft sowie Schulbildung ihrer Kinder zu sorgen. Als unumschränkte Herrinnen über die Finanzen haben sie – und nur sie - den Schlüssel für das Haus, in dem sich der Familienbesitz befindet.

Im Nordosten Indiens, im Bundesstaat Meghalaya, umgeben von Bangladesch, Bhutan und Birma, findet man die Khasi. Ihre Kultur unterscheidet sich maßgeblich von der ihrer indischen Landsleute. Sie sind in Stämmen organisiert, die ihrerseits aus Sippen und Clans zusammengesetzt sind; die Zugehörigkeit zu einer Sippe richtet sich nach den Regeln der Matrilinearität – eines Systems, das verwandtschaftliche und sonstige Rechtsverhältnisse über die Abstammung von der Mutter bildet. Der Familienname ist stets auf die Mutter zurückzuführen, als Erben sind die Töchter eingesetzt, und wenn eine Familie nicht genügend Geld hat, alle Kinder auf die Schule zu schicken, gehen die Jungen leer aus. Bei den Khasi bekommt man so viele Kinder, bis endlich das ersehnte Mädchen geboren wird. So bleibt der Clan erhalten. Im Übrigen gelten sie als sehr liebenswürdig, gastfreundlich und gutgelaunt (mir scheint, dass die unterschiedlichen Matriarchate vor allem eins gemeinsam haben: die gute Laune ihrer Mitglieder).

Sowohl für die Nagovisi als auch für die Khasi ist der weibliche Körper der Inbegriff der Kräfte der Natur, des Lebens. Die Frau wird mit der Sonne gleichgesetzt, wegen ihrer strahlenden Erscheinung und ihrer Glut, die Begehren erzeugt.

Der indische Bundesstaat Meghalaya ist vermutlich die einzige Region auf der Erde, wo es eine männliche Befreiungsbewegung gibt: »Synkhong Rympei Thymmai«, die »Gesellschaft des Neuen Herzens«. Sie zählt mehr als tausend Mitglieder, die sich zusammengeschlossen haben, um ihre Rechte einzufordern und weil sie sich in ihrer eigenen Familie nicht akzeptiert fühlen. Ihre Anführer, eine Gruppe von Universitätsstudenten, erinnern an die Demütigung ihrer Väter durch ihre Mütter. Die sogenannte Schwesternversammlung, eine Art Familiengericht, das Ehemänner des Hauses verweisen kann und ihnen dabei unter Umständen nicht einmal die Gnade zugesteht, sich von den Kindern zu verabschieden, ist das meistangeführte Beispiel. Der Mann rangiert in der Hierarchie ganz unten.

Unterstützt wird die »Gesellschaft des Neuen Herzens« von der katholischen Kirche, die ein großes Interesse daran hat, die Position der Männer zu stärken und möglichst viele Schäflein unter den Gegnern der weiblichen Vorherrschaft für sich zu gewinnen. Es ist sehr schwierig für das Christentum, eine Religion mit einem Gottvater, in matriarchalische Strukturen hineinzuwirken. Niemand wird den Herrn fürchten, wenn zu Hause eine Frau das Sagen hat.

Die Mosuo stammen ursprünglich aus Tibet, erst kurz vor Beginn der christlichen Ära wanderten sie in die Gegend um Luoshui aus. Im 13. Jahrhundert, vor der Gründung der Yuan-Dynastie, als deren erster Kaiser er unter dem chinesischen Namen Shizu herrschte, durchquerte Kublai Khan dieses Gebiet an der Spitze der Truppen des mongolischen Heeres. Der Legende nach waren seine Krieger in der Lage, einen ganzen Feldzug auf dem Rücken ihrer Pferde abzuleisten, sie aßen und schliefen sogar, ohne einen Fuß auf die Erde zu setzen. Als Kublai seinen Reitern nach mehreren Monaten zu Pferd endlich erlaubte, abzusteigen, sich auszuruhen und sich an den Gewässern der Region von Luoshui zu laben, war die Erleichterung groß – nicht nur für die Mongolen, sondern auch für die opferbereiten Rosse. Flink nutzten die Reiter außerdem die Gelegenheit, mit den Einheimischen in Kontakt zu kommen. Und sie taten es so ausgiebig, dass die Physiognomie der Mosuo noch heute stark mongolisch geprägt ist.

Ihren Lebensunterhalt verdienen die Mosuo mit Ackerbau und Viehzucht. Darüber hinaus treiben sie Handel mit den benachbarten Dörfern und mit Lijiang, der nächstgelegenen Stadt, von der sie etwa zwölf Stunden Fahrt trennen. Das Klima im Winter ist hart, mehrere Monate lang ist jede produktive Aktivität unmöglich, die weiße Pracht des Schnees hat das Dorf fest im Griff.

3

Was hat mich hierher geführt?, frage ich mich, als ich endlich auf einer Pritsche in meinem Gastzimmer sitze, vor mir das noch unangetastete Gepäck. Ich wohne in einem für diese Gegend typischen Haus: Es ist aus Holz gebaut und verfügt über ein Erdgeschoss und ein weiteres Stockwerk. Die Zimmer gruppieren sich um einen überdachten Innenhof, auf den die Fenster hinausgehen. Meines ist offen, so dass ich deutlich die Stimme der Matriarchin vernehme, die ihre strengen Befehle erteilt. Sie heißt Yasi, ist, wie ich bereits erwähnte, auffallend jung, aber auch auffallend attraktiv und auffallend energisch und hat mich offenbar völlig vergessen, nachdem sie sich vergewissert hatte, dass ich gut untergebracht bin.

In einer Ecke des Hofes sitzen zwei Männer. Schnurstracks marschiert die Matriarchin mit ausgestrecktem Arm auf sie zu und herrscht sie lautstark an. Die Kerle springen auf, schnappen sich jeder einen Korb und rücken ab.

Als wieder Ruhe einkehrt, wage ich, den Kopf aus dem Fenster zu stecken. Keiner mehr da, auch die Matriarchin ist verschwunden. Also traue ich mich in den Hof und erkunde das Terrain. Die Außenwände sind in Rot-, Blau- und Gelbtönen gestrichen. Wie bei einer Pagode haben die vorragenden Gesimse und Dächer spitze, nach oben gezogene Enden. Sie sehen aus wie türkische Pantoffeln. Die Tür zur Straße ist der Haupteingang, durch den soeben zwei mit Körben beladene Männer gesenkten Hauptes das Haus verlassen haben.

Ich schlendere zum ältesten Gebäudeflügel hinüber, dem sogenannten traditionellen Haus. Auf dem Boden in der Mitte eines großen Raumes brennen den ganzen Tag über Holzscheite. Die Feuerstelle ist in jedem Mosuo-Haushalt von zentraler Bedeutung. Und natürlich ist die Frau dafür verantwortlich, dass das Feuer nie ausgeht.

Die Wände um das Feuer sind verrußt, und in der Decke befinden sich fingerbreite Ritzen, durch die der Rauch entweichen kann. In diesem Teil des Hauses ist es immer warm. Hier wird gekocht, in riesigen gusseisernen Töpfen, und später auch gegessen. Auf einem breiten Tisch steht schon das Geschirr bereit, von den Querbalken hängen ganze Schinken herab. In der Nähe des Feuers stehen an privilegiertem Platz zwei mit Lammfellen bedeckte Bänke. Sie sind besser gepolstert als die übrigen und dienen den älteren Frauen des Haushalts als Schlafstätte. Auf einem dunklen Möbel harrt ein von Opfergaben umgebener Buddha der Gebete. Der Raum ist Küche, Esszimmer, Schlafsaal und Altar zugleich, ein Versammlungsort, an dem sich der größte Teil des Alltags abspielt und wo Besucher mit einer Tasse Buttertee empfangen werden.

Ich gehe wieder hinaus und über den Hof in den gegenüberliegenden Flügel, wo sich die Wohnräume der ...

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Das Paradies ist weiblich" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen






Teilen