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Das Paradies am Fluss

Inhalt

  1. Cover
  2. Über die Autorin
  3. Titel
  4. Impressum
  5. Widmung
  6. Prolog
  7. Tavistock
  8. Tamar
  9. Tavistock
  10. Tamar
  11. Tavistock
  12. Tamar
  13. Tavistock
  14. Tamar
  15. Tavistock
  16. Tamar
  17. Tavistock
  18. Tamar

Über die Autorin

Marcia Willett, in Somerset geboren, studierte und unterrichtete klassischen Tanz, bevor sie ihr Talent für das Schreiben entdeckte. Ihre Bücher erscheinen in 18 Ländern. Die Autorin lebt mit ihrem Ehemann in Devon, dem Schauplatz vieler ihrer Romane. Besuchen Sie die Website der Autorin: www.marciawillett.co.uk

Prolog

Sommer

Reisen … Schon immer ist sie gern gereist. Sie steigt in den Zug, drängt sich an anderen Fahrgästen vorbei, sucht mit der Reservierung in der Hand nach ihrem Platz und verstaut ihren kleinen Koffer in der Gepäckablage. Das Paar mittleren Alters, das ihr gegenübersitzt, lächelt ihr zu, als sie sich an den beiden vorbei zum Fensterplatz schiebt. Sie erwidert das Lächeln, hofft aber, dass sie nicht mit ihr reden wollen – jedenfalls noch nicht gleich. Zuerst muss sie ein Gefühl für die Reise bekommen, auf den plötzlichen Ruck warten, mit dem der Zug sich in Bewegung setzt, und erleben, wie der Bahnhof und die ganze Stadt an ihr vorbeiziehen und zurückbleiben.

Während Jess zu den Menschen auf dem Bahnsteig hinaussieht, erinnert sie sich daran, wie sie als kleines Mädchen in ihrem Kindersitz auf der Rückbank des Wagens ans Meer gefahren ist oder wie sie, Jahre später, wenn sie vom Internat beurlaubt war oder Ferien hatte, abgeholt wurde und auf dem Beifahrersitz sitzen durfte. Für gewöhnlich fuhr Mum, weil Daddy mit seinem Regiment fort war. Diese kindliche Aufregung über die Aussicht auf eine Reise ist heute noch genauso frisch.

Vor dem Fenster verabschiedet sich ein Mädchen in den frühen Teenagerjahren von den Eltern. Das kleine, hübsche Gesicht zeigt eine Mischung aus Aufregung und Verletzlichkeit. Sie schützt eine Tapferkeit vor, von der sie selbst nicht ganz überzeugt ist. Ja, sagt sie ihnen, sie hat ihre Fahrkarte; ja, sie hat ihr Handy. Erneut setzt sie eine übertriebene Miene auf, die ergebene Geduld ausdrückt, aber ihre Eltern keinen Augenblick hinters Licht führt. Ihr Vater beugt sich zu ihr hinunter, um sie zu umarmen, und Jess sieht die Liebe und Besorgnis auf seinem Gesicht. Mit einem Mal erfüllt sie ein vertrautes Gefühl von tiefer Trauer.

Acht Jahre ist es jetzt her, seit ihr eigener Vater bei einem Einsatz in Bosnien gefallen ist, doch sie hat seinen Verlust nie verwunden. Immer noch vermisst sie diese besondere Art von Liebe und Sorge, die für ihre vom Glück begünstigten Freunde ein selbstverständlicher Teil des Lebens ist. Jess fehlen der Humor ihres Vaters, seine Gradlinigkeit, die tief empfundene Gewissheit, dass er auf ihrer Seite steht.

»Deine Mum ist so eine starke Frau«, sagten andere zu ihr. »So tapfer.« Und ja, Mum ist sowohl stark als auch tapfer. Aber als sie ein Jahr später ihren Liebhaber, einen Diplomaten, heiratete und nach Brüssel übersiedelte, wusste Jess, dass der erste Teil ihres Lebens abgeschlossen war. Ihre Kindheit war vorüber. Dann begannen die Jahre, in denen sie regelmäßig den Eurostar nach Brüssel nahm und ihre Ferien in der schicken Wohnung in der Nähe der EU-Gebäude verbrachte. Bis heute fühlt sie sich dort nicht einmal entfernt zu Hause. Ihre Mutter betätigt sich als Gastgeberin und beschäftigt sich mit internationaler Politik und neuen Freunden, einer völlig anderen Welt als die der Dienstwohnungen für verheiratete Offiziere bei der Armee.

Nach und nach hat Jess gelernt, dass sie ihren eigenen Weg gehen muss. Sie hat sich in der Schule angestrengt, um einen Studienplatz an der Universität Bristol zu bekommen und Botanik zu studieren, und neue Freundschaften geschlossen. Aber das sichere Fundament durch die Liebe ihres Vaters hat ihr gefehlt, das Gefühl, unterstützt zu werden, eine Familie zu haben.

Jetzt ist sie älter und begreift, dass heutzutage ein Teil ihrer Freude am Reisen darin besteht, dass sie auf diese Weise Entscheidungen aufschieben und sich frei von Zukunftsängsten fühlen kann. Während dieser Zeit kann sie das Leben auf Eis legen und nur im Augenblick existieren.

Endlich verlässt der Zug den Bahnhof Temple Meads und legt an Tempo zu, und Jess hält den Atem an. Ihre Vorfreude kehrt zurück. Sie hat das Gefühl, die bisher wichtigste Reise ihres Lebens anzutreten; sie verlässt die Universität und fährt nach London, einer noch unbekannten Zukunft entgegen.

Das Paar gegenüber packt schon Essen aus, Schachteln und Päckchen und Tupperdosen, als hätten die beiden Angst, zwischen Bristol und London zu verhungern. Jetzt, bei genauerem Hinsehen, erkennt Jess die Ähnlichkeit zwischen ihnen: Mit ihren dicken Wangen und den rundlichen, stämmigen Körpern erinnern die zwei sie an Tweedledee und Tweedledum, die Zwillinge aus Alice im Wunderland. Sie breiten ihr üppiges Mahl zwischen sich auf dem Tisch aus, und die Frau wirft Jess einen fragenden Blick zu, als überlegte sie, ihr etwas anzubieten.

Doch Jess ist viel zu aufgeregt, um Hunger zu verspüren. Am liebsten hätte sie alles herausgesprudelt.

Ich habe einen Preis gewonnen. Einen richtig bedeutenden. Den David-Porteous-Preis für botanische Malerei, der an junge Künstler verliehen wird. Und ich fahre nach London, um ihn entgegenzunehmen. Ist das nicht großartig?

Aber das sagt sie nicht, damit die anderen nicht denken, sie wolle angeben – oder sei ein wenig gestört. Stattdessen sieht sie aus dem Fenster und fragt sich, wie gut sie in ihren Botanikprüfungen abgeschnitten hat und was für eine Abschlussnote sie wohl bekommt. Der Preis – bei dem Gedanken zappelt sie unwillkürlich ein wenig auf ihrem Platz – ist mit einem Scheck über zehntausend Pfund verbunden.

Alle, sogar ihre Mutter und ihr Stiefvater, sind sehr beeindruckt. Jess selbst betrachtet das Geld als Chance. Es verschafft ihr Freiraum, die Möglichkeit festzustellen, ob sie jetzt vielleicht eine Laufbahn als Künstlerin einschlagen will, statt zu unterrichten, was sie ursprünglich vorhatte. Ihr Stiefvater ist allerdings immer noch der Meinung, sie solle sofort ihre Lehrerausbildung beginnen. »Malen kannst du in deiner Freizeit«, sagt er, als wäre die Malerei für sie nur ein Hobby, etwas, das sie nebenbei betreiben kann. Wenn sie versucht, ihm ihre Leidenschaft für die Malerei zu erklären, erinnert er sie daran, dass Anthony Trollope alle seine Bücher nach einem anstrengenden Arbeitstag im Büro geschrieben hat.

Ihr Stiefvater ist fantasielos und oberlehrerhaft, und sie möchte ihn am liebsten anschreien. Wenn sie aneinandergeraten, was sich häuft, seit Jess die Schule abgeschlossen hat, schaut ihre Mutter immer nervös, aber ziemlich streng drein, und Jess weiß, dass sie sich nicht auf ihre Seite schlagen wird.

»Ich finde, du solltest auf ihn hören, Jess«, sagt sie, irritiert über die Aussicht auf einen Streit und die Störung des sorgfältig aufrechterhaltenen Friedens in dieser äußerst kontrollierten Umgebung. »Er ist nicht dort hingelangt, wo er heute ist, ohne …«

Und Jess hört ihm höflich zu, wobei sie sich unvermeidlich an diese Person in der Reggie-Perrin-Serie erinnert fühlt – »Habe ich recht, oder habe ich recht?« –, und handelt dann nach eigenem Gutdünken. In diesem Fall wird sie sich vielleicht eine Auszeit von einem Jahr nehmen, um auf dieser erstaunlichen Leistung aufzubauen.

Selbst der Anblick von Tweedledum und Tweedledee, die sich langsam und stetig Sandwiches, Kuchen und Schokoriegel einverleiben, verdirbt ihr die reine Freude dieses Augenblicks nicht. Ihre Gedanken schweifen nervös zu ihrem neuen Kleid in der Tasche, die in der Gepäckablage über ihrem Kopf steht – ist es angemessen für eine Verleihung? –, und dem Telefongespräch, das sie mit Kate Porteous geführt hat, David Porteous’ Witwe. Kate hat freundlich und begeistert darüber geklungen, dass Jess den Preis gewonnen hat, und freut sich darauf, sie kennenzulernen. Jess ist dankbar für den Anruf.

»Treffen wir uns doch vor der Verleihung«, hat Kate vorgeschlagen. »Warum nicht? Oder nimmt Ihre Familie Sie zu sehr in Beschlag?«

»Nein«, antwortete Jess leicht verlegen. Sie hat keine Familienmitglieder, die sie unterstützen, ermutigen oder ihre Freude teilen könnten – weder Geschwister noch Cousins oder Cousinen. Und die einzige Großmutter, die sie noch hat, lebt in Australien. Und sie möchte sich nicht in Details über ihre Mum ergehen, die zu viel mit irgendeinem diplomatischen Empfang zu tun hat, um zur Verleihung über den Ärmelkanal zu kommen. »Aber zwei Freunde von der Uni nehmen an der Zeremonie teil.«

»Großartig. Hören Sie, ich gebe Ihnen meine Adresse. Davids Tochter hat sein Atelier behalten, und ich kann es benutzen, wenn ich in London bin. Ich war seine zweite Frau, verstehen Sie? Wann wollen Sie anreisen? Ich komme am Vortag aus Cornwall …«

Sie haben sich noch ein wenig unterhalten und die Verabredung getroffen. Jess würde Kate in Davids Atelier treffen – seinem richtigen Atelier, in dem die meisten seiner Arbeiten entstanden sind –, und dann würden sie zum Abendessen ausgehen und sich über das Leben mit dem großen Künstler unterhalten. Das ist das Sahnehäubchen. Jess beißt sich auf die Lippen, damit sie aus purem Vergnügen über diese Aussichten nicht einfältig grinst.

Tweedledum und Tweedledee stillen jetzt ihren Durst mit Sprudelgetränken aus der Dose. Sie sitzen dicht zusammengequetscht, schwitzen und rutschen unbehaglich auf dem Sitz herum. Jess lehnt sich in ihre Ecke zurück und sieht zu, wie die Landschaft vor dem Fenster vorbeigleitet. Die Reise hat begonnen.

Ungefähr zur selben Zeit sieht Kate, als ihr Zug das Bolitho-Viadukt überquert, in dem Feld darunter eine junge Frau und zwei kleine Jungen. Sie haben sich zu einer Reihe aufgestellt, starren nach oben und winken dem Zug heftig zu. Spontan beugt sie sich nach vorn und erwidert den Gruß. Die kleinen Jungen springen herum und wedeln mit beiden Händen; und sie hofft, dass die beiden sie gesehen haben, und verdoppelt ihre Bemühungen.

Als sie sich auf ihren Platz zurücksinken lässt, ist sie sich des skeptischen Blickes des Mannes gegenüber bewusst. Er zieht eine Zeitung aus seiner Aktentasche, und Kate fühlt sich erleichtert. Sie hat keine Lust, sich in ein Gespräch verwickeln zu lassen oder ihre Handlungen zu erklären. Stattdessen schweifen ihre Gedanken zurück in die Vergangenheit, zu Picknicks und Ausflügen, als ihre Zwillinge noch klein waren. Wanderungen durch Dartmoor, Nachmittage am Strand. Selbst in den Erinnerungen an die Zeit vor der Scheidung ist Mark selten mit von der Partie. Wahrscheinlich war sein U-Boot auf See und hat im Ausland Flagge gezeigt. Und dann, Jahre später, als Guy und Giles an der Universität waren, war da David gewesen, mit dem sie in ihrem Haus am Rand von Tavistock und in seinem Londoner Atelier fünfzehn glückliche Jahre verlebte. Sie lernte Künstler, Fotografen und Schauspieler kennen und genoss Vernissagen, Privatausstellungen und Atelierpartys; eine vollkommen andere Welt als die Marine und die Wohnquartiere für verheiratete Offiziere.

Und jetzt sind Guy und Giles verheiratet und haben selbst Kinder, David ist tot – und sie ist auf dem Weg nach London, um sich mit Jess Penhaligon zu treffen, die den nach David benannten Kunstpreis gewonnen hat.

»Sie sind nicht mit der Schauspielerin verwandt?«, hat Kate gefragt, der der Name bekannt vorkam; und Jess klang verwirrt und antwortete: Nein, soweit sie wisse, gebe es keine Schauspielerinnen in ihrer Familie.

Ziemlich traurig, denkt Kate, dass niemand aus Jess’ Familie zur Verleihung kommt. Es war deutlich, dass sie nicht darüber reden wollte, doch als Kate erklärte, sie reise aus Cornwall an, sagte sie: »Cornwall? Daher stammt die Familie meines Vaters. Mein Großvater war bei der Marine. Leben Sie in Cornwall?«

Kate erklärte, sie habe nach Davids Tod das Haus in Tavistock verkauft und lebe seit drei Jahren zur Miete im Cottage eines Freundes an der Nordküste von Cornwall. Sie sprach darüber, wie es war, mit einem Künstler verheiratet zu sein, und wie schwierig es sei, von der Malerei zu leben, und Jess erklärte stolz, wenn auch ein wenig schüchtern, sie habe jetzt ein neues Ziel: die Anerkennung durch die Society of Botanical Artists.

Als der Zug sich schnell auf Plymouth zubewegt, lächelt Kate in sich hinein. Jess hat sich da ein hohes Ziel gesetzt, aber vielleicht erreicht sie es ja. Während der Mann gegenüber seine Zeitung umblättert und der Erfrischungswagen klappernd angefahren kommt, regt sich in Kates Hinterkopf etwas, das Jess gesagt hat, und will keine Ruhe geben. Aber was? Das Gefühl lässt nicht nach, während sie Kaffee bestellt und an das Cottage in Tavistock denkt, das sie kaufen möchte. Sie hat sich davon überzeugen lassen, in Immobilien zu investieren, solange die Preise niedrig sind, und weiß, dass es vernünftig ist. Doch sie ist sich nicht sicher, ob sie die Verantwortung übernehmen will, die es bedeutet, es zu vermieten, und kann sich nicht entscheiden, ob sie wieder nach Tavistock ziehen möchte. Sie lebt gern an der Nordküste, direkt am Meer, wo sie den Schriftsteller Bruno Trevannion zu Fuß besuchen kann – ihren Vermieter, Freund und Liebhaber.

Ihre Freundschaft mit Bruno war ihr in den letzten paar Jahren sehr wichtig, seit Davids Tod und seit Guy mit seiner kleinen Familie nach Kanada gezogen ist, um auf der Werft seines Vaters zu arbeiten. Guy und Gemma und ihre kleinen Söhne fehlen Kate, und sie macht sich Sorgen, die Beziehung zwischen den beiden – die schon bei ihrem Wegzug heikel war – könnte sich dadurch verschlechtert haben, dass Gemma so weit fort von zu Hause ist und nur zwei so verschlossene Männer zur Gesellschaft hat. Kates eigene Ehe ist an Marks mangelnder Wärme, seiner distanzierten Gleichgültigkeit und seiner scharfen Zunge gescheitert. Guy ist zwar kein Ebenbild seines Vaters, aber Kate sieht genug Gemeinsamkeiten zwischen den beiden, um zu fürchten, dass die Geschichte sich möglicherweise wiederholt.

Sie nippt an ihrem Kaffee und denkt erneut über Jess nach. Während der Zug langsam über die von Brunel errichtete Eisenbrücke rumpelt, sieht Kate nach unten auf den Hamoaze, wo kleine Segel hin- und herflitzen und die Fähre zwischen Torpoint und Devonport pendelt. Sie dreht sich in die andere Richtung und sieht jenseits der Straßenbrücke die vertraute imposante Fassade von Johnnie Trehearnes Herrenhaus aufragen, das am Ufer des Tamar liegt, und mit einem Mal stellt sie die Verbindung zwischen dem nagenden Gefühl im Hinterkopf und Jess Penhaligon her. Kate erinnert sich an Jess’ Worte: »Die Familie meines Vaters stammt aus Cornwall. Sein Vater war bei der Marine.« Und sie fragt sich, ob Jess’ Großeltern etwa Mike und Juliet Penhaligon sind. Vor vierzig Jahren war Mike auf einem U-Boot im Einsatz, genau wie Mark, und ein guter Freund der Trehearnes. Der alte Dickie Trehearne war damals Flaggoffizier, und die Partys in dem eleganten alten Haus am Ufer des Tamar waren legendär.

Alle jungen Kadetten kannten Al und Johnnie Trehearne. Seit Jahrhunderten waren die Trehearnes Seeleute, Händler und Kaufleute, und Dickie und seine Söhne hatten diese Tradition fortgesetzt, indem sie zur Königlichen Marine gegangen waren. Als er in den Adelsstand erhoben wurde, hatte Dickie eine wunderbare Party ausgerichtet, die sich aus dem Haus bis in den Seegarten ausgebreitet und bis in die frühen Morgenstunden gedauert hatte. Bei der Erinnerung seufzt Kate. Was für ein Abend! Als sie sich nach vorn beugt, um noch einen Blick auf das Haus zu erhaschen, sieht sie die Schatten aus ihrer Vergangenheit: junge Offiziere in Uniform, Mädchen in langen Kleidern. Sie spürt den scharfen, durchdringenden Schmerz der Nostalgie. Namen hallen wider wie bei einem Appell, und sie murmelt sie halblaut vor sich hin: »Al und Johnnie Trehearne, Mike Penhaligon, Freddy Grenvile …«

An dem Samstag, an dem vor all den Jahren die Party stattfinden sollte, war sie mit derselben Eisenbahnlinie wie heute von Penzance hinauf nach Plymouth gefahren. Kate weiß noch, wie sie sich gefühlt hat, wie unbehaglich. Sie hatte gezögert, die Einladung anzunehmen.

»Jetzt fang nicht an, hin und her zu überlegen!«, hatte Cass sie gewarnt. »Ich weiß, dass Mark nicht eingeladen ist, aber das liegt daran, dass er nicht zum engeren Kreis der Trehearnes gehört. Ja und? Noch bist du nicht mit ihm verlobt. Meine Güte, du kennst ihn erst seit ein paar Wochen. Komm und amüsiere dich! Sie können immer zusätzliche Tanzpartnerinnen gebrauchen, und es ist eine richtig große Party. Dickie Trehearne ist frisch zum Flaggoffizier ernannt und geadelt worden, und er hat jede Menge junge Offiziere eingeladen. Du wirst Johnnie Trehearne anbeten. Du bist ihm schon beim Sommerball begegnet, weißt du noch? Tom und ich gehen jedenfalls hin, und ich weiß, dass es dir da unten am Tamar wunderbar gefallen wird.«

Die schöne, blonde, freche Cass war ihre beste Freundin. Fünf gemeinsame Internatsjahre an der Nordküste von Somerset hatten ein starkes Band zwischen den beiden geschmiedet, und die Mädchen waren fest entschlossen, ihre Freundschaft auch nach der Schule fortzusetzen. Und jetzt hatte Cass einen jungen Marineoffizier, Tom Wivenhoe, kennengelernt und war dabei, sich in ihn zu verlieben. Und sie war entschlossen, Kate ebenfalls in die Kreise der Marine einzuführen. Cass hatte sie es zu verdanken, dass sie vor ein paar Wochen zum Sommerball der Marineakademie in Dartmouth eingeladen worden war – genau wie jetzt die Einladung zur Party bei den Trehearnes.

Während sie damals im Sommer von St. Just herfuhr, fragte sich Kate, ob Cass bereits bedauerte, sie Mark vorgestellt zu haben. Tom und Mark waren zusammen an der Königlichen Marineakademie, und beide hatten den Ehrgeiz, später auf einem U-Boot zu dienen, waren jedoch nicht besonders eng befreundet. Mark war reserviert, ruhig und hatte etwas von einem Einzelgänger; Tom dagegen war extrovertiert, laut und gern unter Menschen. Es war reines Glück für Kate gewesen, dass Marks vorgesehene Begleiterin sich den Knöchel verstaucht hatte. Darauf hatte Tom – angestiftet von Cass – Mark eröffnet, Cass habe eine sehr hübsche Freundin, die gern kurzfristig für das arme Mädchen einspringen würde.

Die Königliche Marineakademie, die hoch über dem Fluss lag, die Ballkleider, die Uniformen, die Royal Marines’ Band, die bei Sonnenuntergang auf dem Quarterdeck spielte … Der Sommerball war das romantischste, aufregendste Fest, das Kate je besucht hatte; sie hätte sich nichts Herrlicheres vorstellen können. Sie hatte sich auf der Stelle verliebt: in Dartmouth, den Fluss, die Marine – und in den hochgewachsenen, gut aussehenden Mark, der all diese Wunder zu verkörpern schien.

Vielleicht hatte Cass ja recht, dachte Kate. Sie und Mark hatten Telefonnummern und Adressen ausgetauscht und wollten sich treffen, aber sie war immer noch frei, auf eine Party zu gehen. Sie war ihm gegenüber in keiner Weise verpflichtet, und es wäre verrückt gewesen, eine solche Gelegenheit auszulassen. Vielleicht würde es Mark sogar beeindrucken, dass sie zur Party eines so beliebten vorgesetzten Offiziers eingeladen war. Nein, sie gab Cass nun recht: Sie würde Spaß haben, und wenn sie nicht hinging, würde sie es bereuen.

Doch als sie aus dem Zug ausstieg, wobei sie hoffte, dass ihr Etuikleid nicht allzu zerknittert war, und ihr Köfferchen festhielt, überfiel die Nervosität sie erneut. Sie würde niemanden kennen außer Cass – und Tom, aber ihn hatte sie bisher nur flüchtig kennengelernt –, und sie würde hoffnungslos überfordert sein. Kate wünschte, sie wäre nicht gekommen, und überlegte sogar, wieder in den sicheren Zug zu steigen, doch dann tauchten aus dem Getümmel der Feriengäste auf dem Bahnsteig zwei junge Männer auf.

»Kate«, rief einer von ihnen, ein blonder, ziemlich stämmiger junger Mann mit einem warmherzigen Lächeln. »Sie sind Kate, nicht wahr? Wir sind uns auf dem Sommerball begegnet. Johnnie Trehearne.« Sofort erinnerte sie sich an ihn und nahm mit großer Erleichterung seine ausgestreckte Hand. »Und das ist mein Cousin Fred Grenvile.« Er wandte sich seinem Begleiter zu, der größer als er war. »Du hast gesagt, du hättest Kate auf dem Ball kennengelernt, Fred.«

»Sie waren in Begleitung von Mark Webster.« Fred schüttelte ihr seinerseits die Hand und schenkte ihr ein anerkennendes Grinsen. »Wir waren uns alle einig, dass er Sie nicht verdient.«

Sie lachte und fühlte sich mit einem Mal herrlich zuversichtlich. Er nahm ihre Tasche, und sie gingen alle auf den Bahnhofsparkplatz hinaus, wo ein Hillman Imp wartete.

»Der Wagen meiner Mutter«, erklärte Johnnie ziemlich bedauernd und tätschelte zärtlich die auf der Beifahrerseite eingebeulte Stoßstange. »Aber sie geht sehr großzügig damit um. Al hat ihn letzte Woche eingedellt, und ich muss sagen, dass sie es äußerst gelassen hingenommen hat. Doch andererseits kann Al bei ihr auch nichts verkehrt machen. Haben Sie meinen großen Bruder Al schon kennengelernt?«

Er hielt ihr die Beifahrertür auf, und Kate stieg ein, setzte sich auf den von der Sonne erwärmten Sitz und überlegte, ob sie Al kannte. Es waren so viele junge Männer auf dem Ball gewesen, die in ihren Uniformen alle gleich ausgesehen und Vitalität und Selbstbewusstsein ausgestrahlt hatten.

»Wenn nicht, macht es auch nichts«, meinte Fred, kletterte hinter ihr in den Wagen und beugte sich nach vorn. »Können Sie in einer Minute nachholen. Er wollte Sie abholen, aber wir haben eine Münze geworfen, und Johnnie und ich haben gewonnen.«

Instinktiv wusste Kate, dass das nicht stimmte und die beiden jungen Burschen abkommandiert worden waren, um einen ziemlich unbedeutenden Gast am Bahnhof in Empfang zu nehmen, doch Freds Höflichkeit wärmte ihr das Herz.

»Ich freue mich darauf«, erklärte sie. »Ich erinnere mich an Sie und Johnnie, aber nicht an Al.«

»Aha«, schrie Fred triumphierend und schlug Johnnie auf die Schulter. »Eins zu null für uns, Johnnie, mein Junge! Sie erinnert sich an uns, jedoch nicht an Al! Das war noch nie da. Kate, Sie müssen ihm das unbedingt sagen, wenn Sie ihn treffen. Das machen Sie doch, oder? Ich kann es kaum abwarten, seine Miene zu sehen.«

Kate warf Johnnie, der vom Parkplatz fuhr, einen Blick zu und sah, dass er ebenfalls lächelte, und sie fühlte sich von einer irrationalen und überwältigenden Zuneigung zu diesen beiden jungen Männern, Johnnie und Fred, erfüllt.

Der Zug rattert von der Brücke hinunter, und Kate lehnt sich zögernd zurück. Der Mann gegenüber beobachtet sie ziemlich nervös. Nun hebt er die Zeitung ein wenig höher und schirmt sich ab, und Kate ist ihren Erinnerungen überlassen, den Geistern ihrer Jugend und dieser ersten Party im Haus der Trehearnes am Tamar.

Als die Vierzig-Fuß-Jolle Alice durch das bewegte Wasser auf die beiden Brücken zusegelt, schaut Sophie, die im Cockpit sitzt, auf und sieht zu, wie der Zug von der Brücke rattert. Zwei Kinder stehen an einem Waggonfenster und winken, und Sophie winkt instinktiv zurück. Johnnie Trehearne, der am Steuerruder steht, lächelt.

»Freunde von dir?«, fragt er müßig.

Sie lacht. »Weißt du nicht mehr, wie du das als Kind gemacht hast? Zügen und Lastwagenfahrern und vorbeifahrenden Autos zuzuwinken? Es war immer so toll, wenn jemand zurückgewinkt hat.«

»Wenn du es sagst«, meint er freundlich.

Sie fahren mit Motorantrieb flussaufwärts, weichen einer kleinen Gruppe um die Wette segelnder Laser-Dingis und ein paar Sonntagsseglern aus, die mit ihren Booten nur am Wochenende oder in den Ferien hinausfahren, und Johnnie spürt die Zufriedenheit, die er auf dem Fluss oder auf dem Meer immer empfindet. In dem Moment, in dem der Anker hochgezogen wird, die Taue fallen und die Entfernung zwischen Boot und Anlegestelle sich vergrößert, ist er am glücklichsten. Vielleicht liegt es daran, dass er in seinen jungen Jahren im Schatten seines älteren Bruders gestanden hat – des mondänen, brillanten Al –, und das Dingi-Fahren war damals seine ganz persönliche Art, sich unabhängig zu fühlen und stolz auf seine Fähigkeiten zu sein. Als Kind hatten seine Alleinfahrten im Dingi, bei denen er über das Wasser geglitten war und sein Geschick an Wind und Flut gemessen hatte, sein Selbstvertrauen und seine Zuversicht auf eine Weise gestärkt, wie es in Als Nähe nicht möglich gewesen war.

Als sie heute mit Motorkraft der Flut entgegenfahren, trägt auch Sophies Anwesenheit zu Johnnies Zufriedenheit bei. Sie ist Haushälterin, Gärtnerin, Faktotum, Gefährtin und Verbündete. Sophie, eine enge Freundin seiner jüngeren Tochter, lebt bei ihnen, seit die beiden Mädchen das Studium an der Universität abgeschlossen haben; und jetzt, zwanzig Jahre später, ist sie ihm so lieb wie jedes andere Mitglied seiner Familie.

»Eine von Johnnies Versagern.« So hatte seine Mutter sie in diesen frühen Jahren genannt, als er darauf bestanden hatte, Sophie für ihre viele Arbeit ein Gehalt zu zahlen. Doch Johnnie weiß, wie viel sie Sophie verdanken, die sie mit dem ihr eigenen unkonventionellen gesunden Menschenverstand und ihrer liebevollen Fröhlichkeit durch Todesfälle und Geburten, alltägliche Freuden und Verletzungen begleitet hat. Sie ist damals zu ihnen gekommen, um sich von einer Abtreibung und einer gescheiterten Beziehung zu erholen, und einfach geblieben. Eine schöne Beigabe ist es, dass sie gern und gut segelt. Nach dem Tod seiner lieben Meg und nachdem die Mädchen mit ihren Familien ins Ausland gezogen sind – Louisa nach Genf und Sarah nach Deutschland –, hätte er sich ohne Sophie sehr einsam gefühlt.

Johnnie vermutet, dass nicht einmal Sophie ermessen kann, wie sehr ihm die Mädchen und ihre Kinder fehlen. Er weiß, dass er Glück hat, weil sie ihn regelmäßig besuchen, um in sein Haus einzufallen, seine Boote zu segeln und im Seegarten Partys zu feiern. Aber ihm ist auch klar, dass ihre Bereitschaft, aus Genf und Deutschland anzureisen, teilweise darauf beruht, dass Sophie hier ist und plant, organisiert und ihren Aufenthalt angenehm und mühelos gestaltet. Häufig bringen sie noch Freunde und deren Kinder mit, und sie feiern weiterhin hier am Tamar gemeinsam Geburtstage und Weihnachten. Die Kehle wird ihm ein wenig eng, als er an seine süße, liebevolle Meg denkt und daran, wie viel sie verpasst hat und wie glücklich ihre hübschen, klugen Töchter und ihre ungestümen, lebenslustigen Enkelkinder sie gemacht hätten.

Die Flut kommt herein und trägt sie das breite Flussbett hinauf, wo die Möwen jetzt ihre Futterplätze verlassen und das gelbbraune Watt sich mit ineinander verwobenen und sich überkreuzenden blauen Rinnsalen füllt, als das Wasser sich in tiefe, schlammige Kanäle ergießt.

Sophie sieht auf die Uhr. »Wir sind rechtzeitig zum Mittagessen da«, erklärt sie. »Das wird Rowena freuen.« Die beiden wechseln einen kurzen, amüsierten Blick, der die Tyrannei der älteren Generation kommentiert.

Johnnies Mutter – Rowena, Lady T. oder das Granny-Monster, je nachdem, wer spricht – lebt weiter bei ihm. Sie ist kränklich, dominierend, undankbar, aber immer noch jemand, an dem man nicht vorbeikommt. Doch er liebt sie, soweit sie das Zeigen von Gefühlen zulässt, so wie sein Vater vor ihm.

Das Haus mit seinen klaren, eleganten Linien ist jetzt deutlich zu erkennen. Es liegt zwischen Wiesen und Buschwerk, die zum Seegarten und zum Fluss hin sanft abfallen. Der Seegarten, den einer von Johnnies Vorfahren angelegt hat, ruht auf den Fundamenten eines Anlegers. Der Rasen, der von Lavendelhecken und einer Steinbalustrade auf der Seeseite eingerahmt wird, erstreckt sich bis in den Fluss hinein. Eine imposante Galionsfigur, eine Circe von einem alten Segelschiff, wacht darüber und schaut flussabwärts aufs Meer hinaus.

Zwischen der Circe und The Spaniards, dem Pub in Cargreen auf dem Westufer des Tamar, erstreckt sich eine unsichtbare Linie. Sie war die Ziellinie zahlreicher Rennen seiner Kindheit: Al und Mike auf der Heron und Fred und er auf der The Sieve – dem »Sieb«. Mit einem Mal erinnert Johnnie sich an den besonders herrlichen Tag, als Fred und er zum ersten und letzten Mal vor der Heron ins Ziel kamen, und für kurze Zeit ist er wieder ein Junge und lacht mit Fred, während sie die Sieve ins Bootshaus rudern.

Eigentlich hat Al der Sieve den Namen gegeben. Fred hatte das Boot – eine alte National 12, die vernachlässigt hinter einem Schuppen in Cargreen lag – entdeckt, während er im Garten half, um sich ein zusätzliches Taschengeld zu verdienen. Ihr Besitzer war 1942 in den Krieg gezogen und nicht zurückgekehrt, und seine Witwe war nur zu froh, Fred das Boot umsonst zu überlassen. Er beriet sich mit Johnnie, der seinen Vater um die Erlaubnis bat, die National 12 in ihr Bootshaus bringen zu dürfen, damit Fred und er sie reparieren konnten.

Ganz offensichtlich freute sich sein Vater über den Unternehmungsgeist der beiden. Er kutschierte sie nach Cargreen, lud das Boot auf seinen Anhänger, fuhr es zurück und brachte es ins Bootshaus. Sie brauchten über ein Jahr für die Reparatur. Die Jungen verdienten sich Geld, wo sie konnten, legten jeden Penny zur Seite, kauften das Holz und die anderen Dinge, die sie brauchten, und verbrachten ihre ganze Freizeit mit der Arbeit an ihrem Boot. Sie liebten es und probierten während der Arbeit daran Namen aus. Aber nichts schien so richtig zu passen.

»Säbelschnäbler?«

»Langweilig.«

»Königin des Tamar?«

»Angeberisch.«

»Als Verderben?«

»Du machst wohl Witze.«

Nachdem sie ein paar Stunden im Bootshaus gearbeitet hatten, gingen sie eines Nachmittags zur Teezeit zum Seegarten hinauf. Al und Mike waren dort.

»Wir lassen es morgen zu Wasser«, rief Johnnie aus. »Jetzt können wir es jederzeit mit euch aufnehmen.«

Sein Vater schlenderte ihnen mit einer Teetasse in der Hand entgegen und lächelte ihnen zu. »Gute Arbeit«, erklärte er beifällig. »Wir werden es richtig machen, und Mutter soll eine Flasche Champagner am Bug zerschlagen, wie es sich gehört.«

Johnnie strahlte ihn an. Er war begeistert über die Aussicht auf eine offizielle Schiffstaufe als Würdigung der harten Arbeit, die Fred und er in das Boot gesteckt hatten. Er wusste, dass sein Vater nicht ganz damit einverstanden war, wie Al die Heron monopolisierte, nämlich derart, dass er niemand anderen ans Ruder ließ. Aber dieses Gefühl war etwas, das zwischen ihnen schwang, ohne dass es ausgesprochen oder offen zum Ausdruck gebracht wurde. Und doch bezog Johnnie Trost daraus.

»Und nach dem Stapellauf unternehmen wir Probefahrten«, erklärte Fred, der seiner Aufregung nicht Herr wurde. »Nur zur Überprüfung.«

»Dann vergesst nicht, die Küstenwache in Bereitschaft zu versetzen.« Als Stimme klang amüsiert, aber noch nicht höhnisch. Er rekelte sich im Gras neben seiner Mutter und vertraute darauf, dass sie ihm beipflichtete, und sie quittierte seine Bemerkung mit einem Lächeln. Mike lehnte grinsend an der Balustrade. »Ein paar Witzfiguren«, fuhr Al in verächtlicherem Ton fort, denn er fühlte sich ermuntert, weil seine Mutter seine Partei ergriff, »die in einem Sieb aufs Meer fahren.«

Und der Name war hängen geblieben.

»Wie oft ist die Sieve schon gekentert, Freddie? Gehört sie da nicht ins Guinnessbuch der Rekorde?«

So hänselten und verspotteten Al und Mike die beiden Jüngeren und gewannen weiter ihre Rennen. Für gewöhnlich lag das daran, dass sie konzentrierter und entschlossener waren – sie machten sich sogar untereinander Konkurrenz –, während Johnnie und Fred damit zufrieden waren, einfach nur Spaß zu haben.

Und dann, an einem besonders denkwürdigen Nachmittag, schlug die Sieve die Heron. Sie segelte binnenbords um die windseitige Boje, kreuzte die unsichtbare Linie zwischen der Circe und The Spaniards, und hielt auf das Bootshaus zu. Mit herabgelassenen Segeln ruderten sie sie durch das große Tor hinein, spulten fröhlich jeden Moment des Rennens noch einmal ab und tauschten ihre Erlebnisse aus.

Zuerst waren sie so beschäftigt damit, das Großsegel einzuholen, dass sie die finsteren Mienen von Al und Mike, die die Heron hinter ihnen ins Bootshaus ruderten, gar nicht bemerkten. Die beiden zeigten keineswegs die noble Hinnahme einer Niederlage, die sie von Johnnie und Fred erwarteten – ja sogar verlangten. Al knurrte Mike an, der zurückfauchte; sie machten einander Vorwürfe, und ihre Schuldzuweisungen waren so erbittert, dass sie den anderen die Freude an ihrem Erfolg fast verdarben. Beinahe, aber nicht ganz. Johnnie und Fred frohlockten im Stillen weiter und kosteten die ersten süßen Früchte des Triumphs. Doch Johnnie ging bei dieser Gelegenheit auf, dass die Freundschaft zwischen Al und Mike nicht so tief reichte wie das Band zwischen Fred und ihm. Vielleicht hörte er in diesem Moment auf, seinen älteren Bruder zu beneiden.

Als Johnnie sich jetzt daran erinnert, sieht er die ersten Anzeichen der gefährlich tief reichenden Rivalität zwischen Al und Mike, die für gewöhnlich durch ihre vermeintlich enge Freundschaft verschleiert wurde. Hier wurde die Saat gelegt, die Jahre später so katastrophal aufging, als Mike die schöne Juliet, die Al begehrte, für sich gewann. Johnnie erinnert sich daran, wie sie zu viert – Fred und er, Al und Mike – von einem anderen Rennen nach Hause segelten; die erhobenen Stimmen, das plötzliche Halsen des Bootes und dann Mikes panischen Schrei: »Mann über Bord!«, und wie Fred und er, Johnnie, unten aus ihren Kojen geklettert waren. Sie suchten die ganze Nacht, aber Als Leiche wurde nie geborgen.

Johnnie lässt die Maschine langsamer laufen, umkreist die Boje und grüßt wie immer die Circe, und Sophie geht nach vorn, um das Boot zu vertäuen. Sie sind zu Hause.

Tavistock

Herbst

»In letzter Zeit sehe ich Geister«, erklärt Kate, lässt den Claret in ihrem Glas kreisen und stellt es dann auf den Tisch. »Oben im Moor. Unten in der Stadt. Weißt du, was ich meine?« Sie wirft ihm einen Blick zu. »Nein, natürlich nicht. Dazu bist du zu jung.«

Oliver hat die langen Beine unter dem Küchentisch ausgestreckt. Eine Hand steckt in der Tasche seiner Jeans, und in der anderen hält er sein Glas. »Die Geister der vergangenen Weihnachten?«, meint er. »Oder vielleicht die der kommenden Weihnacht?«

Rasch schüttelt sie den Kopf und zieht eine Grimasse. »Ganz bestimmt nicht die Geister der kommenden Weihnachten. Du weißt, dass Cass mich zu euch eingeladen hat?«

»Du nimmst doch an, oder? Lass dich von diesem Scheidungsgerede bloß nicht herunterziehen! Du benimmst dich, als wärst du schuld daran. Guy und Gemma sind erwachsene Menschen.«

»Ach, komm schon, Oliver!«, versetzt sie ungeduldig. »Du weißt genau, dass das so einfach nicht ist. Cass und ich sind schon den größten Teil unseres Lebens eng befreundet, seit unserer Kindheit. Guy ist mein Sohn und Gemma ihre Tochter. Wie sollen wir zwei denn so tun, als ginge es uns nichts an, wenn die beiden sich scheiden lassen? Tief im Inneren gibt Cass Guy die Schuld …«

Die Retriever-Hündin, die neben dem Herd liegt, hebt den Kopf und sieht die beiden aufmerksam an. Dann legt sie sich zu ihren Füßen unter den Tisch. Warmer, frühherbstlicher Sonnenschein fällt plötzlich durch die hohen Fenster ein und strömt über den Tisch; es glitzert auf Kates Handy, zwei leeren Kaffeebechern und der Flasche Château Brisson.

»Und du«, sagt Oliver in das Schweigen hinein, »gibst insgeheim Gemma die Schuld.«

»Nein«, entgegnet sie schnell. »Na schön, ja. Irgendwie schon. Ach, zum Teufel!«

»Ich kenne meine kleine Schwester sehr gut«, erinnert er sie. »Ich weiß, warum Guy darauf bestanden hat, nach Kanada zu ziehen und Gemmas lästigen Exlover hierzulassen.«

Sie schaut ihn voller Zuneigung an. Von Cass’ Kindern hat sie Oliver schon immer am liebsten gemocht. Hinter ihm sieht sie eine ganze Abfolge von Olivers: das bezaubernde, aber auch raffinierte Krabbelkind mit dem blonden Haarschopf; den immer zu Streichen aufgelegten, schlagfertigen Schuljungen, der in den Ferien nach Hause kam und seine jüngeren Geschwister ärgerte; den hochgewachsenen, eleganten Cambridge-Absolventen, der sich ausgezeichnet darauf verstand, seinen Vater auf die Palme zu bringen.

»Und was Ma angeht, hat die Sache auch Vorteile«, setzt er leise hinzu. Die Geister dicht hinter sich bemerkt er nicht. »Gemma und die Zwillinge fehlen ihr. Dass sie so weit weg wohnen, hat ihr gar nicht gefallen. Jetzt kommt Gemma nach Hause und bringt die Zwillinge mit.«

»Aber … Scheidung. Und was ist mit Guy?«

»Ach ja.« Oliver zuckte mit den Schultern. »Ganz unter uns, Kate, ich glaube nicht, dass Ma sich allzu große Sorgen um Guy macht.«

»Also, ich sorge mich schon«, gibt sie empört zurück. »Er ist schließlich mein Sohn. Ich möchte, dass er glücklich ist.«

Er wirft ihr einen scharfen Blick zu. »Und, ist er glücklich? Ich kenne Guy schon mein Leben lang, und er kommt mir nicht vor wie jemand, der zum Glücklichsein geschaffen ist. Kurze fröhliche Augenblicke hier und da. Ab und zu ein momentanes Hochgefühl, meistens nach einem oder zwei Drinks. Aber glaubst du wirklich, dass Guy jemand ist, der ganz durchschnittlich, normal und tagtäglich glücklich sein kann?«

Sie starrt ihn an, denn seine Bemerkung rührt an eine persönliche, tief in ihrem Herzen verborgene Furcht. »Was meinst du?«

»Du weißt genau, was ich meine.«

Zögernd, betrübt nickt sie. »Doch das ändert nichts daran, dass ich es mir für ihn wünsche.«

Er sieht sie mitfühlend an, aber bevor er etwas sagen kann, öffnet sich die Küchentür, und Cass und Tom stürzen, mit Tüten und Paketen beladen, herein, reden durcheinander und erschrecken den schlafenden Hund zu Kates Füßen.

Kate springt auf, um Cass zu umarmen und sich von Tom küssen zu lassen. Doch selbst hier sind die Geister anwesend. Hinter Toms Schulter schaut ein junger, raubeiniger U-Boot-Kapitän hervor. Seine braunen Augen blitzen, und eines davon zwinkert hinter Cass’ Rücken beifällig. Cass’ Geist ist schlank und sexy, bindet sich das lange blonde Haar hoch und beugt sich dann zu Kate herüber, um ihr eine anzügliche Bemerkung ins Ohr zu flüstern.

Oliver sieht die Geister nicht. Er bringt sein Glas vor den umkippenden Einkaufstüten in Sicherheit, beruhigt den Hund und lächelt seinen Eltern gelassen zu. »Wieso habt ihr so lange gebraucht?«, fragt er munter und strahlt seinen Vater an. »Hast du dich heute Vormittag dem Kaufrausch hingegeben, Pa? Hast du daran gedacht, eine Zeitung zu kaufen?«

»Hör bloß auf!«, meint Cass warnend. »Schenk uns lieber etwas zu trinken ein! Tut mir leid, dass wir so spät kommen, Liebes.« Sie umarmt Kate noch einmal kurz. »Du weißt ja, was freitags immer los ist. In Tavistock war es brechend voll. Es gibt sofort Essen.«

»Einkäufe«, sagt Tom, zieht sich einen Stuhl heran und setzt sich. »Ich hasse Einkäufe.« Er betrachtet die halb leere Weinflasche. »Die hatte ich eigentlich fürs Abendessen vorgesehen.«

»Kate hat er geschmeckt.« Olivers Stimme klingt leicht vorwurfsvoll. Er tadelt seinen Vater, weil er ein schlechter Gastgeber ist. Oliver beugt sich vor, nimmt die Flasche und schenkt Kates Glas voll. »Oder, Kate?«

Wie immer, wenn Oliver seinen Vater provoziert, möchte Kate am liebsten schallend lachen. Auf Toms Miene mischen sich Frustration, Zorn und Zerknirschung, als er jetzt beteuert, er freue sich sehr, dass er ihr schmeckt. Natürlich freut er sich.

»Und außerdem«, sagt Oliver, »wette ich, dass du noch jede Menge davon hast. Was gibt’s zum Mittagessen, Ma?«

Kate steht auf. »Soll ich dir helfen, Cass? Oder wäre es dir lieber, wenn Oliver und ich mit Flossie spazieren gehen, während du dich sortierst?«

»Ja, das wäre es«, antwortet Cass dankbar, »wenn es für euch in Ordnung ist. Es war alles ein bisschen hektisch, und ich möchte diese Sachen wegräumen. Ich bin ziemlich spät dran …«

»Und ich bin zu früh gekommen«, gibt Kate zurück. »Komm, Ollie!«

Mit einer eleganten Bewegung steht er auf, nimmt ein Glas aus der Anrichte und stellt es zusammen mit der Flasche vor seinen Vater hin. »Bedien dich!«, sagt er freundlich. »Du siehst aus, als könntest du einen Drink gebrauchen.«

»Warum machst du das eigentlich?«, fragt Kate. Sie gehen gerade durch die Diele und bleiben auf der Treppe des ehemaligen Pfarrhauses stehen, um sich die Jacken anzuziehen. »Warum reizt du Tom so gern?«

Oliver zuckt mit den Schultern. »Weil ich es kann. Er springt so schön darauf an, immer schon.«

Das stimmt. Schon als Kind hatte Oliver den Kniff heraus, seinen Vater auszutricksen, und bisher hat Oliver – zu Toms allergrößter Irritation – noch nie eine Quittung dafür einstecken müssen. Jahrgangsbester in Cambridge, der Erfolg der Firma, in der er und der alte Onkel Eustace zusammen Merchandising-Produkte herstellten. Dann, als der alte »Unk« starb und Oliver den Großteil seiner Anteile vermachte, hatte Oliver sehr geschickt die Firma genau im richtigen Moment verkauft und sehr viel Geld verdient. All das hat zu Toms Eifersucht auf seinen Sohn beigetragen.

Kate lacht in sich hinein. »Armer Tom! Es muss sehr schwierig sein, dir dabei zuzusehen, wie du von Erfolg zu Erfolg eilst und dir anscheinend sehr wenig Mühe zu geben brauchst. Komm, lass uns zum Moor hinaufgehen!«

Das alte Pfarrhaus, das auf der anderen Straßenseite gegenüber der kleinen Granitkirche liegt, steht am Dorfrand. Von hier aus ist es nicht weit bis zur Hochmoorstraße, aber der Anstieg ist steil. Ein paar Schafe stieben vor ihnen auseinander und laufen in hohe Stechginster-Dickichte davon, aber Flossie ignoriert sie. Kate hat sie gut erzogen.

»Ich wünschte, Ma hätte noch einen Hund«, meint Oliver. »Hat sie dir erzählt, dass die beiden das Pfarrhaus verkaufen und nach Tavistock ziehen wollen?«

»Was?« Kate bleibt stehen und starrt ihn an. »Ist das dein Ernst? Cass liebt das Pfarrhaus. Und wenn Gemma und die Zwillinge nach Hause kommen …«

Sie wendet sich ab und sieht zum Burrator-Stausee hinaus. Das Dorf Sheepstor ist oberhalb des Stausees als fernes Gewirr aus grauen Linien zu erkennen, und auf den Hügeln raschelt das rostrote, abgestorbene Farnkraut.

»Gemma muss irgendwo bleiben, wenn sie aus Kanada zurückkommt«, pflichtet Oliver ihr bei. »Aber Pa findet, wenn sie Guy verlässt, muss sie lernen, allein klarzukommen. Er sagt, dass es ein Vermögen kostet, das alte Pfarrhaus zu unterhalten, und er sich das nicht mehr leisten kann. Pa will ein kleines Haus in Tavistock kaufen, wo die beiden zu Fuß zum Einkaufen gehen können. Und in den Pub.«

»Und wie denkt Cass darüber?«

»Na ja, Ma eiert herum und sagt: ›Aber wie sollen die Kinder in ein kleines Haus in Tavistock passen, wenn sie uns in den Ferien besuchen?‹ Und dann antwortet Pa, dass er kein Hotel führt und dass sie in der Nähe in einer Frühstückspension oder in einem Ferienhaus für Selbstversorger wohnen sollen, und Ma sagt, dass das absolut nicht das Gleiche ist.«

Zögernd lächelt Kate; sie kann sich diese Gespräche vorstellen. Tom wird sich aufregen, er wird herumbrüllen, und Cass wird in ruhigem Ton weiterargumentieren – und sie werden im Pfarrhaus wohnen bleiben.

»Das Problem ist«, sagt sie wie zu sich selbst, »dass ich wirklich nicht die Richtige bin, um mich dazu zu äußern. Ich habe Mark wohl so ziemlich aus den gleichen Gründen verlassen, aus denen Gemma sich jetzt von Guy trennen will. Das denkt jedenfalls Cass. Sie weiß noch, wie das damals für mich war, und sagt, wahrscheinlich ganz zu Recht, dass ich es mit Mark auch nicht geschafft habe. Wie kann man dann verlangen, dass Gemma mit Guy klarkommt? Und ich weiß nichts darauf zu erwidern.«

Oliver fasst sie wieder unter, eine tröstliche, freundschaftliche Geste.

»Der Unterschied ist bloß«, meint er, »dass Guy nicht Mark ist.«

Die Dankbarkeit überwältigt sie beinahe. Deswegen liebt sie Oliver: Er begreift schnell und kommt direkt zum Kern der Sache.

»Nein«, pflichtet sie ihm rasch bei. »Nein, oder? Guy liebt seine Kinder, und er hat sich große Mühe gegeben, Verständnis für Gemma aufzubringen, die das Bedürfnis hat, mit jedem verfügbaren Mann zu flirten. Sogar als sie diese Affäre hatte, hat Guy akzeptiert, dass es an seinen vielen Reisen lag, um Boote auszuliefern und abzuholen, und dass sie schrecklich einsam war.«

»Ein Jammer, dass Guy darauf bestanden hat, mit ihr nach Kanada zu gehen! Ich weiß, dass es gut klang – ein Neuanfang und all das Zeug –, doch ich finde auch, dass die Hoffnung zu optimistisch war, Gemma würde sich so weit entfernt von ihren Freunden und ihrer Familie einleben. Und dann noch mit zwei ziemlich starken, aber schweigsamen Männern!«

»Mark hat Gemma sicher schwierig gefunden«, meint Kate zustimmend. »Sie ist Cass so ähnlich, und mit deiner Mutter ist er nie zurechtgekommen. Ihre Sexualität hat ihm Angst gemacht, und er fand Cass viel zu affektiert und töricht. Er konnte einfach nichts mit ihrer überschwänglichen Art anfangen.«

»Aber Guy kann das«, ruft er ihr ins Gedächtnis. »Guy mag Gemmas Überschwang eigentlich gern, außer natürlich, wenn er sich auf andere Männer richtet.«

Fest umklammert sie seinen Arm. »Was soll ich bloß tun? Wie kann ich allen helfen und gleichzeitig auf Guys Seite bleiben? Er ist mein Sohn. Ich liebe ihn. Und seine Kinder lieben ihn. Ich mag gar nicht an die ganze Zerrissenheit und Trauer denken. Wie sollen sie ihn je zu sehen bekommen, wenn er in Kanada ist und sie hier bei Gemma?«

Sie haben die schmale Straße überquert, die sich durch das offene Moor schlängelt, und bleiben stehen, um auf den Stausee hinunterzusehen; ein schmales Band schimmernden Wassers tief im Tal, das von Bäumen eingerahmt wird.

»Ich finde«, sagt er gelassen, »dass es richtig von Gemma ist, zurückzukommen.« Rasch, nervös blickt Kate zu ihm auf, doch er nickt und sieht immer noch ins Tal hinunter. »Ja. Sie soll nach Hause kommen, und dann warten wir ab.«

»Du denkst, dass Guy ihr fehlen wird?«

»Ich glaube, dass er Gemma und die Zwillinge viel stärker vermissen wird, als ihm jetzt klar ist, und ich vermute, dass weder seine Beziehung zu Mark noch sein Job für ihn die Trennung von Frau und Kindern wettmachen können. Wenn ich überhaupt etwas über Guy weiß, dann das: Er ist ein Mann, der nur eine Frau liebt, und er liebt seine Söhne. Ich bin überzeugt davon, dass er ihnen nachreisen wird.«

Kate würde ihm nur allzu gern glauben. »Aber was ist mit Gemma? Und wenn sie ihn nun nicht mehr liebt?«

»Das müssen wir riskieren. Für mich hört es sich nicht so an, doch wir müssen abwarten. Aber wenn sie dort draußen bleibt, ist die Ehe der beiden bestimmt nicht mehr zu retten.«

Sie stehen noch einen Moment da, und dann sieht Kate auf die Uhr und pfeift nach Flossie.

»Wir sollten zurückgehen. Dann kann ich also damit rechnen, dass es beim Mittagessen Streit wegen des kleineren Hauses gibt?«

»Aber ja«, erklärt Oliver zuversichtlich. »Ich habe beschlossen, Pas Partei zu ergreifen. Das wird ihn so schockieren, dass er vollkommen verwirrt sein wird und an seinem Urteilsvermögen zweifelt.«

Kate lacht. »Wenn das so ist, brauche ich noch einen Drink.«

»Ich begreife einfach nicht«, sagt Tom gerade, »warum Kate nicht wieder nach Tavistock zieht. Sie besitzt ein hübsches Cottage in der Chapel Street, aber sie wohnt weiter zur Miete in diesem Häuschen irgendwo unten in Cornwall. Das ist doch verrückt.«

»St. Meriadoc ist vielleicht ein wenig abgelegen«, gibt Cass zurück und stellt dabei die Bestandteile des Mittagessens zusammen: Ciabatta, Couscous-Salat mit Aprikosen, Schinken und Ziegenkäse-Flan, »doch für Kate hat es einen entscheidenden Vorzug, nämlich Bruno.«

»Ja, ich weiß, das ist deine Theorie«, meint Tom wegwerfend. »Aber sie zieht nicht zu ihm, oder? Er wohnt in seinem komischen Haus draußen auf der Klippe und Kate in einer Häuserreihe von winzigen Cottages unten an der Werft.«

»Bruno ist eben Schriftsteller«, entgegnet Cass ungeduldig. Sie ist dieses Gesprächs überdrüssig, das Tom ein ums andere Mal führt wie ein Hund, der einen unappetitlichen alten Knochen immer wieder ausgräbt. »Er zieht sich stundenlang zurück, doch die beiden verbringen auch viel Zeit zusammen. Ich finde den Plan sehr gut, dass jeder von ihnen seinen Freiraum hat. Und Kate ist bei ihren Männern an so etwas gewöhnt. Zuerst Mark, der immer auf See war, und dann David, der die Hälfte seiner Zeit in seinem Londoner Atelier gemalt hat, während sie hier unten blieb. Sie ist an solche lockeren Beziehungen gewöhnt, und sie bekommen ihr.«

Tom zuckt mit den Schultern. »Ich wäre lieber verdammt, als da draußen zu leben, obwohl ich ein schmuckes Häuschen in Tavistock habe. Die Makler haben mit diesem Cottage ein richtiges Schnäppchen für sie gemacht. Ich bin heute Morgen dort vorbeigegangen, während du bei Crebers warst, und habe ihnen erklärt, dass wir überlegen, dieses Haus hier zu verkaufen.«

Kurz verharren Cass’ Hände reglos. Verschiedene Gefühle steigen in ihr auf: Angst, Zorn und der Wunsch, kurz vor Olivers und Kates Rückkehr keinen Streit anzufangen. »Was haben sie gesagt?«

Ein kurzes Schweigen tritt ein; Tom gießt sich einen Tropfen Wein nach. »Dass der Zeitpunkt nicht schlechter sein könnte«, antwortet er widerwillig.

Cass stößt einen lautlosen Seufzer der Erleichterung aus. »Nicht erstaunlich, oder? Es wäre verrückt, wenn man derzeit versuchen wollte, einen solchen Besitz zu verkaufen.«

»Die Sache ist aber die«, widerspricht Tom, »dass alles, was wir kaufen würden, auch viel billiger wäre. Wenn der Markt günstig für Käufer ist, können wir davon profitieren. Das funktioniert ja wohl in beide Richtungen.«

Auch dieses Streitgespräch schlägt eine vertraute Wendung ein, und Cass ist erleichtert, als sie Oliver und Kate in der Diele hört.

»Bitte, setz Kate nicht zu, dass sie wieder hierher ziehen soll!«, sagt sie schnell. »Sie freut sich so darüber, dass Jess zu Besuch kommt, und ich will, dass sie es genießt. Im Moment braucht sie unsere Meinung dazu nicht.«

Kate ist entschlossen, das Gespräch von Scheidungen oder dem Umzug in ein kleineres Haus wegzulenken, daher erzählt sie beim Mittagessen von Jess.

»Es war so ein Schock zu sehen, wie ähnlich sie Juliet ist«, sagt sie. »Natürlich ist Jess auch ungefähr so alt wie Juliet, als ich sie kennengelernt habe. Das war wie ein Blick in die Vergangenheit. Wir haben den Kontakt verloren, nachdem Mike und Juliet nach Australien gegangen sind, doch Jess war ganz begeistert darüber, dass ich sie kannte. Was für ein erstaunlicher Zufall!«

»Ich kann es nicht abwarten, sie kennenzulernen«, meint Tom. »Besonders, weil du uns jetzt erzählt hast, dass sie ganz wie ihre Großmutter aussieht. Juliet war ein richtiger Hingucker. Wir waren alle hinter ihr her. Aber traurig, das mit dem guten, alten Mike! Ich frage mich, ob Juliet jetzt, nach seinem Tod, zurückkommt.«

»Höchst unwahrscheinlich«, sagt Cass. »Sie waren bestimmt seit vierzig Jahren da draußen. Warum sollte sie zurückkommen? Vor allem, da Jess’ Vater auch tot ist. Was für eine Tragödie! Das arme Mädchen!«

»Jess hat mir erzählt, dass ihr Vater und Mike sich nicht gut verstanden haben«, erklärt Kate. »Deswegen ist ihr Vater nach seinem Schulabschluss nach England zurückgekehrt, um zum Militär zu gehen. Ich muss sagen, dass sie eine brillante Künstlerin und ein wirklich nettes Mädchen ist.«

»Ich freue mich darauf, sie kennenzulernen«, meint Oliver.

»Wir veranstalten eine große Wiedersehensfeier«, überlegt Tom. »Wir stellen sie dem alten Johnnie vor und zeigen ihr, wo damals alles passiert ist. Sie kann die alte Lady T. und Sophie kennenlernen.«

»Sie hat mir immer schreckliche Angst eingejagt«, sagt Kate. »Lady T., meine ich. Nach unserer Scheidung hat sie mich geschnitten, wenn sie mich in der Stadt gesehen hat, aber Johnnie war immer der Alte.«

»Johnnie ist ein totaler Schatz«, wirft Cass rasch ein und versucht, so zu tun, als hätte Kate das »S«-Wort nicht gebraucht. Jetzt wird Tom mürrisch und zerfahren werden und über Gemma und Guy nachdenken, und Oliver wird ihn wahrscheinlich provozieren, nur so zum Spaß.

»Jedenfalls«, spricht Kate, die sich der Gefahr ebenfalls bewusst ist, rasch weiter, »kann ich es kaum abwarten, dass ihr Jess trefft. Es wird ihr Spaß machen, Freunde ihrer Großeltern zu treffen.«

»Wann kommt sie denn nun?«, fragt Oliver. Kates Beschreibung von Jess’ Person und ihre ziemlich trostlose kleine Geschichte faszinieren ihn. »Ich glaube, ich werde noch eine Weile hier herumlungern, damit sie ein wenig jüngere Gesellschaft hat. Ich weiß ja, dass ihr damals ein Haufen lockerer Typen wart«, er strahlt seinen Vater an, »aber trotzdem …«

»Nächste Woche, hoffe ich. Ihr gefällt die Idee, einige Zeit hier zu verbringen, daher mache ich das Haus in der Chapel Street für sie zurecht. Ich hoffe, dass ich selbst ab Dienstag dort wohnen kann, sobald die Möbel gekommen sind. Dann kann ich euch in Frieden lassen.«

»Du kannst bei uns wohnen, solange du möchtest«, sagt Cass. »Das weißt du doch.«

Kate lächelt. Die beiden sind durch lebenslange Freundschaft und Liebe, geteilte Schrecken und dumme Witze verbunden, und all das auf einer festen Basis aus gegenseitiger Unterstützung.

An dieser Beziehung kann, so denkt Cass, doch nicht einmal Guys und Gemmas Scheidung etwas ändern – oder? Und warum musste es ausgerechnet Mark sein, fragt sie sich ärgerlich? Damals, vor vielen Jahren, hätte Kate sich jeden Mann aussuchen können. Sie hätte Johnnie oder Freddy nehmen können. Auf der Party bei den Trehearnes, wo alles angefangen hat, waren Kate, Johnnie und Fred unzertrennlich.

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