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Das Palais Reichenbach

Inhalt

  1. Cover
  2. Über dieses Buch
  3. Über die Autorin
  4. Titel
  5. Impressum
  6. TEIL 1
  7. Donnerstag, 18. März 1926
  8. Sonnabend, 20. März 1926
  9. Sonntag, 21. März 1926
  10. Montag, 22. März 1926
  11. Freitag, 26. März 1926
  12. Dienstag, 6. April 1926
  13. Dienstag, 13. April 1926
  14. Mittwoch, 14. April 1926
  15. Mittwoch, 21. April 1926
  16. Freitag, 23. April 1926
  17. Sonnabend, 24. April 1926
  18. Sonnabend, 1. Mai 1926
  19. Mittwoch, 12. Mai 1926
  20. Mittwoch, 19. Mai 1926
  21. Dienstag, 1. Juni 1926
  22. Sonntag, 6. Juni 1926
  23. Sonntag, 13. Juni 1926
  24. Montag, 21. Juni 1926
  25. TEIL 2
  26. Donnerstag, 1. Juli 1926
  27. Sonnabend, 3. Juli 1926
  28. Sonntag, 4. Juli 1926
  29. Montag, 5. Juli 1926
  30. Freitag, 9. Juli 1926
  31. Sonnabend, 10. Juli 1926
  32. Sonnabend, 11. Juli 1926
  33. Montag, 12. Juli
  34. Dienstag, 13. Juli 1926
  35. Mittwoch, 21. Juli 1926
  36. Freitag, 23. Juli 1926
  37. Sonnabend, 24. Juli 1926
  38. Sonnabend, 31. Juli 1926
  39. Dienstag, 10. August 1926
  40. Sonnabend, 21. August 1926
  41. TEIL 3
  42. Mittwoch, 25. August 1926
  43. Sonnabend, 28. August 1926
  44. Sonntag, 29. August 1926
  45. Montag, 30. August 1926
  46. Freitag, 3. September 1926
  47. Montag, 6. September 1926
  48. Dienstag, 14. September 1926
  49. Sonnabend, 18. September 1926
  50. Mittwoch, 29. September 1926
  51. Donnerstag, 30. September 1926
  52. Freitag, 1. Oktober 1926
  53. Sonnabend, 2. Oktober 1926
  54. Sonntag, 10. Oktober 1926
  55. Dienstag, 12. Oktober 1926
  56. Freitag, 15. Oktober 1926
  57. Sonnabend, 16. Oktober 1926

Über dieses Buch

1926. Die Goldenen Zwanziger Jahre. In Berlin tobt das pralle Leben, Kunst und Kultur blühen auf, die Menschen amüsieren sich in den Filmpalästen und Tanzlokalen der Stadt. Für die adelige Familie Reichenbach hingegen sind es schwere Zeiten: Der einstige Reichtum ist nur noch Fassade, und das Volk verlangt die Enteignung des deutschen Adels.

Da Fürst Paul als Familienoberhaupt der drohenden Katastrophe tatenlos zusieht, ist Fürstin Juliane gewillt, alles zu tun, um die Familie zu retten. Doch ihre drei Kinder haben ganz eigene Pläne und Sorgen. Während Prinz Fridolin Karriere in der Deutschnationalen Volkspartei machen will, muss Prinz Georg ein dunkles Geheimnis vor seiner Familie verbergen. Und Prinzessin Ina begegnet dem glücklosen Schriftsteller Theodor Barbach, der sie schon bald vor die schwerste Entscheidung ihres Lebens stellt …

Über die Autorin

Josephine Winter, geboren 1983, studierte Kulturwissenschaften in Hildesheim. Sie lebt und arbeitet in Berlin und hat eine große Schwäche für Aristokratie und die Zwanziger Jahre. Josephine Winter ist das Pseudonym einer deutschen Autorin, die zahlreiche Liebes- und Adelsromane geschrieben hat.

Josephine Winter

DAS PALAIS
REICHENBACH

Vignette

Teil 1

Donnerstag, 18. März 1926

Mit zitternden Fingern presste Dessler das Bügeleisen auf das Papier. Das Zittern hörte auf. Dessler atmete tief durch und schob das Eisen über die Zeitung. Von der Schlagzeile war jetzt nichts mehr zu sehen, aber das half nicht: Sie hatte sich bereits in sein Hirn gebrannt. So etwas Grauenhaftes, so ein Schrecken!

»Dessler«, sagte eine Stimme hinter ihm.

Er drehte sich um und sah Marlene in der Tür stehen. Sie knickste rasch und räusperte sich. »Seine Durchlaucht haben geläutet.«

Dessler sah zu der Klingel über dem Gesindetisch. Wieder bewegte sich das Glöckchen. Seine Durchlaucht, Fürst Paul von Reichenbach, hatte einen Wunsch, den die Dienerschaft, in diesem Fall Dessler, zu erfüllen hatte.

»Sie werden es wahrscheinlich gehört haben«, meinte das Dienstmädchen.

Dessler schluckte. Er hatte es nicht gehört.

»Die Zeitung.«

Dessler riss den Blick vom Glöckchen los und hob rasch das Bügeleisen an. Fast hätte er ein Loch in das Papier gebrannt. Nun, da er das Eisen nicht mehr auf den Tisch und die Zeitung drückte, zitterte seine Hand wieder. Er stellte das Eisen schnell ins Regal zu den Nähkästchen und dem Schuhputzzeug.

»Ist Ihnen nicht wohl?«, fragte Marlene und trat näher. »Soll ich die Zeitung hinaufbringen?«

Rasch trat er einen Schritt zurück und presste die Zeitung gegen seine Brust. »Nein, nein. Es geht mir ausgezeichnet. Ganz ausgezeichnet.«

Das Glöckchen klingelte wieder. Dessler lächelte Marlene knapp an und ging an ihr vorbei aus der Gesindestube. Er drehte sich so, dass sie keinen Blick auf die Zeitung werfen konnte. Sie sollte nicht sehen, was bald die ganze Stadt in Angst und Schrecken versetzen würde. Sie war ja noch ein Kind. Dessler seufzte und stieg die Treppe ins Erdgeschoss hinauf. Eigentlich waren sie alle noch Kinder, unmündig und nicht gewappnet für die Grausamkeiten dieser Welt.

Seine Durchlaucht Fürst Paul knallte die Zeitung auf den Tisch, kaum dass er sie aufgeschlagen hatte. Das Geschirr schepperte, mit so viel Verve tat er das. Prinzessin Ina zuckte zusammen und glaubte sogar, die Kristalle des alten Kronleuchters über dem Esstisch wären klirrend aneinandergestoßen. Plötzlich war die Stimmung im Frühstückssalon eisig. Prinz Fridolin ballte die Hand neben seiner Kaffeetasse zur Faust. Rasch zog er sie vom Tisch. Auf dem Schoß versuchte er die Finger zu entspannen. Ina sah es, hörte, dass ihr älterer Bruder mit den Zähnen knirschte und bemerkte auch die Schweißperlen auf Desslers Stirn. Sie tupfte sich die Lippen mit der Stoffserviette ab und nahm einen letzten Schluck Tee. Warum sagte denn niemand etwas?

Einzig ihr jüngerer Bruder Prinz Georg bestrich sich seelenruhig eine weitere Scheibe Vollkornbrot. Dass er dabei nicht vergnügt pfiff, war alles.

Fürst Paul sah auf die zerknautschte Voss neben seinem Teller und strich sich über den weißen Backenbart. Dann legte er seine Serviette auf die Zeitung und erhob sich. »Fridolin!« Es war eindeutig ein Befehl, dem der älteste Sohn auch sogleich zackig Folge leistete.

Prinzessin Ina streckte die Hand nach der Zeitung aus, als die Stimme ihres Vaters von der Tür her scharf erklang. »Und bring die Voss mit«, verlangte er.

Fridolin zog das Blatt unter den Fingern seiner kleinen Schwester weg und folgte seinem Vater hinaus. Inas Hand schwebte noch einen Moment in der Luft, bevor sie sie zurückzog, sich aufsetzte und leise räusperte.

»Ich verstehe wirklich nicht, warum die Politik nicht auch hier am Frühstückstisch besprochen werden kann«, sagte sie.

Prinz Georg schlug sein Ei auf und stach mit dem Löffel hinein. »Meines Erachtens wird sie hier viel zu oft diskutiert. Deshalb bleib ich gern hin und wieder im Bett.« Sein schönes Gesicht mit den großen blauen Augen und dem markanten Kinn zeigte keine Zeichen von Sorge, während der Prinzessin die Falten auf ihrer eigenen Stirn beinah schmerzlich bewusst waren.

»Papa hat nicht einmal seinen geliebten Speck aufgegessen. Etwas, das ihn davon abhält, muss so schlimm sein, dass es uns alle angeht, denkst du nicht?«

Prinz Georg sah zum Teller des Fürsten hinüber, erhob sich und stibitzte die verbliebenen Speckstreifen, gleich mit den Fingern, ohne eine Gabel zu benutzen. Er legte die Beute auf seinen Teller und wischte sich die Hände an der Serviette ab. »Nein.«

»Darf ich Seiner Durchlaucht noch Speck aus der Küche bringen?«

Der Prinz lächelte knapp. »Nein. Danke, Dessler.«

»Georg«, mahnte Ina ärgerlich. Er war nur ein Jahr jünger als sie, aber manchmal benahm er sich wirklich wie jemand, der beileibe nicht in Gesellschaft essen sollte.

Prinz Georg seufzte und sah seine Schwester an. »Ina, Liebes, wenn Politik uns alle anginge, dann wären wir alle Politiker. Das sind wir aber nicht.« Er nahm einen Löffel Ei. »Auf den Punkt. Sagen Sie das Anita bitte, Dessler. Sie hat das Ei wieder einmal fabelhaft hinbekommen.«

»Sehr wohl, Durchlaucht.«

»Es ist ein Ei, Georg. Gibt es nicht wenigstens hin und wieder wichtigere Dinge im Leben als deinen Genuss?«

»Schau nicht so ernst, Ina. All diese blonden Locken, und dann solche Falten auf der Stirn! Das passt doch nicht zusammen.«

»Ein Prinz, der sich schwermütig gibt, wenn ihm danach ist, und einfach im Bett bleibt, das passt nicht zusammen.«

»Ich bin doch hier.«

»Ja, heute …« Sie musste sich wirklich sehr zusammenreißen. »Und vielleicht hast du es ja mitbekommen: Papa ist außer sich.«

Prinz Georg beugte sich vor. »Aber er will uns offensichtlich nicht mitteilen, weshalb. Also sind wir fein raus.«

»Ich weiß, weshalb. Das ist es ja.«

»Du weißt es? Na, dann weißt du, was du wissen möchtest. Ich frühstücke, was ich frühstücken möchte. Haben wir nicht ein formidables Leben?«

Ina schüttelte leicht den Kopf und sah ihren Bruder fassungslos an. »Ja, Georg. Noch. Das Volksbegehren ist seit gestern durch. Die Voss hat heute die Ergebnisse gebracht, und Papa ist aufgebracht. Was denkst du, was das für uns heißt?«

»Oh«, machte Prinz Georg.

Irrte die Prinzessin sich, oder wurde ihr Bruder plötzlich etwas blass um die Nase?

***

Diesmal wird es klappen. Es muss einfach. Theodor trank seinen Kaffee aus und stellte die Tasse schwungvoll zurück auf die Untertasse. Daneben lag das frisch abgetippte Manuskript. Nach den letzten Absagen hatte er seinen Roman noch einmal überarbeitet. Nun zeigte sich das Manuskript auf blütenweißem, glattem Papier und noch dazu in der besten Fassung, die ein junger Autor sich wünsche konnte. Theodor Barbach würde auf dem Titelblatt stehen und eine Zeichnung der Berolina vielleicht. Schließlich ging es um die Boheme in dieser Stadt, um Lebenshunger und viele Träume von Kunst und Poesie. Es ging um hungrige Mägen und Sehnsucht.

Theodor saß im Bassin für Nichtschwimmer, dem Raum im Romanischen Café, der den weniger erfolgreichen Schriftstellern zugedacht war. Er war hungrig und müde. Er wollte im Bassin für Schwimmer sitzen und mit den Gästen frühstücken, die sich einen künstlerischen oder literarischen Namen gemacht hatten. Er wollte endlich auch einen Namen haben und mitreden. Er wollte sich satt essen und in einem Zimmer für sich alleine ausschlafen. Aber er wusste ebenso gut, dass es gerade der Mangel an Luxus und Bequemlichkeit war, der ihn in seinem künstlerischen Wirken angetrieben hatte. Wer satt ist, kann nicht von Sehnsucht nach einem besseren Leben schreiben. Theodor räusperte sich und straffte Rücken und Schultern. Er drückte seine Zigarette aus. Nein, nein, es war alles gut so, wie es war.

Er saß am Rand des Gastraums vor einer Nische mit Mänteln und Hüten. Sein eigener Mantel war der mit Abstand fadenscheinigste, und das wollte hier im Romanischen Café etwas heißen. Er musste schmunzeln und ließ seinen Blick durch das Café streifen. Langsam füllte sich der große Raum. Sechzig bis siebzig Tische für Laufkundschaft und hoffnungsvolle Künstler in spe. Zeitungskellner liefen Slalom um junge Mädchen mit verschmierter Schminke, die offensichtlich noch gar nicht geschlafen hatten. Ein junger Mann kam frisch rasiert aus den Toilettenräumen. Als er reingegangen war, hatte er mindestens so müde ausgesehen wie die Mädchen, müde und mit Stoppeln an Wangen und Kinn.

Theodor strich sich über das eigene Kinn. Er hatte sich rasiert und auch geschlafen. Es waren immer nur ein paar Stunden, die ihm Nachtruhe beschieden war, bevor der Arbeiter, mit dem er die schäbige Kammer teilte, betrunken von der Nachtschicht kam, lauthals rülpste, furzte und schnarchte und Theodor damit wachhielt. Aber wenigstens hatte er ein Bett, was man nicht von allen Cafébesuchern sagen konnte. Sie frühstückten Eier im Glas auf Pump. Das tat Theodor nie. Er verkaufte hin und wieder Kurzgeschichten, lebte sparsam und konnte sich deshalb wenigstens ein Bett leisten.

Aber das würde bald alles Geschichte sein. Euphorie brach sich Bahn, er trommelte mit den Fingern auf die runde, marmorne Tischplatte und sah zur Tür. Gleich wäre es so weit, Kiepenheuer war immer pünktlich. Er kam jeden Donnerstagmorgen ins Romanische, und heute würde er mit Theodors Manuskript nach Hause gehen.

Und dann, tatsächlich, stand der Verleger im Flur, neben der Loge von Nietz, dem Portier. Seine Glatze glänzte im Sonnenlicht, das durch die gläserne Drehtür fiel. Er hielt ein Pläuschchen mit Nietz, bevor er sich gleich nach links wenden und ins Bassin für Schwimmer begeben würde.

Theodor erhob sich, griff nach seinem Manuskript und eilte hinüber. Er musste schnell sein und den Verleger abfangen, denn ins Bassin für Schwimmer würde er nicht eingelassen, nicht nach fünf Kurzgeschichten, von denen drei unter weiblichem Pseudonym geschrieben waren.

Theodor spürte Schweiß im Nacken und verbot sich, seine Haare zurückzustreichen. Das war ein Zeichen von Unsicherheit, und diese Blöße würde er sich nicht geben. Er hatte die Haare heute Morgen zurückgekämmt, sie würden sitzen.

»Herr Kiepenheuer«, sagte er schnell, ehe er es sich anders überlegte. Einfach raus mit den Worten, hatte er sich selbst eingeschärft. Raus mit den Worten und dem Roman.

Der Verleger drehte sich zu ihm um, seine wässrig blauen Augen musterten Theodor und den Papierstapel ausdruckslos.

Theodor streckte die Hand mit dem Manuskript aus, wollte von seinem Roman und der Sehnsucht darin erzählen und anschließend um Lektüre bitten, aber Kiepenheuer wischte mit der Hand durch die Luft und murmelte: »Nicht interessiert«, ehe Theodor überhaupt etwas hatte sagen können.

Und dann verschwand er in dem kleinen quadratischen Bassin für Schwimmer, um sich an einen der zwanzig exklusiven Tische zu setzen.

Theodor spürte einen Kloß im Hals. Ihm war, als steckten dort all die unausgesprochenen Sätze fest. Er war weder seinen Spruch noch sein Manuskript losgeworden. Im Rücken hatte er das Bassin für Nichtschwimmer – und sicher auch Publikum. Er straffte erneut die Schultern und drehte sich um. Langsam machte er sich zurück auf den Weg zu seinem Tisch. Das Nein hallte schmerzhaft in seinem Kopf nach. Die abfällige Geste von Kiepenheuers Hand, weggewischt zu werden, lief in Dauerschleife vor seinem inneren Auge ab.

»Entschuldigung«, sagte eine Stimme neben ihm.

Theodor drehte den Kopf zu einem Mann, der allein an einem Tisch saß.

»Was haben Sie denn da geschrieben?«

»Einen Roman«, antwortete Theodor leise, es klang mechanisch. Kiepenheuer war der letzte Verleger der Stadt, dem er sein Manuskript noch nicht gezeigt hatte. Er war seine letzte Hoffnung gewesen – eine schreckliche Erkenntnis, die gerade in Theodors Bewusstsein tropfte. Niemand wollte ihn verlegen. Er hatte sie alle abgegrast, er hatte Jahre auf diesen Roman verwandt und würde nun keinen Pfennig dafür sehen …

»Darf ich ihn lesen?«

»Bitte?«, fragte Theodor irritiert. Er war zu sehr mit sich und seinen Gedanken beschäftigt, um von dem Mann vor ihm richtig Notiz zu nehmen.

»Ich langweile mich mit dieser Zeitung. Vielleicht können Sie mich besser unterhalten.«

Theodor blinzelte verwirrt und sah hinunter auf den Stapel Papier in seiner Hand. Seine Finger hatten kleine, runde Schweißabdrücke auf dem eben noch reinen obersten Blatt hinterlassen. Die Schwärze der Schrift war leicht verschmiert. Er hob seufzend die Schultern und gab den Roman aus der Hand. Ein Leser war immer noch besser als keiner.

Er ließ den Mann mit seinem Manuskript zurück und bestellte zwei Eier im Glas. Auf Pump.

***

Marlene stellte das Tablett auf dem Schoß Ihrer Durchlaucht Fürstin Juliane von Reichenbach ab. Es duftete nach frischem Toast und Butter. Die bittere englische Marmelade glänzte in leuchtendem Orange und machte dem jungen Dienstmädchen bewusst, wie lange ihr eigenes Frühstück her war und was sie gegessen hatte. Vier Stunden. Haferbrei.

Sie lächelte. »Darf es sonst noch etwas sein, Durchlaucht?«

Die Fürstin sah sie freundlich an. Ihre rotblonden Locken waren zu einem Zopf geflochten, und über ihrem Nachthemd trug sie bereits einen Morgenmantel. Sie nahm einen Schluck Tee und nickte. »Ja, Marlene. Leg doch schon ein paar Kleider raus. Ich brauche ein elegantes Nachmittagskleid für den Tee bei Schönenthals. Heute Abend bleiben wir beim Essen unter uns, also brauche ich dafür nichts Aufregendes.«

»Sehr wohl.« Marlene wandte sich dem Ankleidezimmer zu und öffnete die Schranktüren. Während sie die Nachmittagskleider durchsah, öffnete sich die Tür zum Schlafzimmer der Fürstin.

»Guten Morgen, mein Engel«, sagte Fürst Paul. Er klang verärgert, selbst bei diesen im Grunde freundlich gemeinten Worten.

»Guten Morgen, Lieber. Was treibt dich um diese Zeit in mein Zimmer?«

Er seufzte. Es kam aus tiefstem Herzen und löste Unbehagen bei Marlene aus. Erst war Dessler so zerstreut gewesen, und nun besuchte der Fürst seine Gemahlin, bevor Ihre Durchlaucht gefrühstückt hatte. Marlene zog ein Kleid aus dem Schrank und hielt es ins Licht, aber sie konnte sich kaum auf den Schnitt und die Farben konzentrieren.

»Es wird einen Volksentscheid geben«, sagte der Fürst. »Die KPD und die SPD haben durchgesetzt, dass das Volk darüber entscheiden soll, ob wir enteignet werden.«

»Das Volk?«, fragte Juliane. »Aber was geht das Volk unser Eigentum an?«

»Die Linken sind der Meinung, dass unser Vermögen sie nicht nur etwas angeht, sondern ihnen sogar gehört. Wir sind jetzt eine Demokratie, und diese Demokratie hat das Recht, darüber zu bestimmen, ob wir Fürsten enteignet werden.«

»Aber es ist unser Vermögen.« Fürstin Julianes Stimme zitterte vor Empörung. »Das können sie uns einfach nehmen?«

»Wenn der Volksentscheid zu Gunsten der Linken ausfällt, dann ja. Dann werden sie uns enteignen und unser Vermögen der Republik zuführen.«

»Republik! Wenn ich das nur höre.« Ihre Durchlaucht schnaubte. »Was könnten sie bekommen, wenn das Volk für die Enteignung stimmt?«

»Alles«, sagte der Fürst.

Im Schlafzimmer war es still. Schnell raschelte Marlene mit Kleidern, damit sie auch durch die Wand hindurch geschäftig wirkte, die Schlaf- und Ankleidezimmer trennte.

»Marlene!«, rief die Fürstin irgendwann mit dünner Stimme.

Das Hausmädchen legte die Kleider beiseite und eilte zurück ins Schlafzimmer. Der Fürst saß auf dem Bett und tätschelte seiner Frau die Hand. Die Fürstin selbst war in die Kissen zurückgesunken und hielt sich die Stirn. »Räumen Sie das weg. Ich kann jetzt nicht essen.«

Marlene knickste noch rasch vor dem Fürsten und nahm dann das Tablett. Das Frühstück war nicht angerührt.

»Und vergessen Sie die Kleider. Ich kann heute nicht zum Tee. Ich fühle mich nicht wohl.«

»Soll ich die Fenster abdunkeln?«, fragte Marlene.

»Natürlich«, verlangte die Fürstin.

»Ruh dich aus«, sagte Seine Durchlaucht, küsste sie auf die Stirn und ging.

Marlene stellte das Tablett ab, zog die Vorhänge zu und konnte es kaum erwarten, zurück in die Küche zu kommen. Sie würde das alles mit Anita besprechen müssen. Warum hatte Dessler denn nicht einfach gesagt, was in der Zeitung gestanden hatte?

Fragen über Fragen. Marlene und Anita würden sie erörtern, während sie das Frühstück der Fürstin äßen.

Vignette

Sonnabend, 20. März 1926

»Da bist du ja endlich«, sagte Fürst Paul.

»Mama hat immer noch Migräne, Vater«, sagte Prinz Fridolin. »Ich habe kurz nach ihr gesehen. Wie es scheint, sind alle Damen in unseren Kreisen indisponiert. Auch heute fällt der Nachmittagstee aus.«

Fürst Paul drehte sich vom Fenster weg und wies auf einen Ledersessel. Fridolin setzte sich, und der Fürst sah auf ihn herab. »So sind die Damen. Sie flüchten sich in Migräne und warten darauf, dass wir Männer ihre Welt retten. Wir können uns den Luxus alberner Empfindlichkeiten nicht leisten«, fuhr der Fürst fort und positionierte sich neben seinem Schreibtisch wie Wilhelm I. auf einem Gemälde. Er wusste, dass er ihm ähnlich sah und versuchte nicht, dem entgegenzuwirken, im Gegenteil. Er räusperte sich. »Wir müssen diesen Volksentscheid gewinnen. Wir müssen etwas tun, damit das Volk sich gegen unsere Enteignung entscheidet.«

Prinz Fridolin nickte. »Natürlich, Vater. Ich habe mich ein wenig in der Politik umgehört.«

»In der Politik?« Fürst Paul sah wieder zum Fenster. Im kleinen Stadtgarten ihrer Villa plätscherte ein Brunnen. Er war selbst jahrelang in der Politik gewesen. Als Mitglied des Preußischen Herrenhauses hatte er sich mit dem Haushalt des Reiches und dessen Gesetzgebung beschäftigt.

»Ich könnte mir vorstellen, dass wir eine mächtige Lobby aufbauen, wenn wir die richtige Partei unterstützen und noch andere Familien für diese Partei gewinnen.«

»Welche Partei?«, fragte der Fürst und drehte sich mit hochgezogener Augenbraue zu seinem Sohn um.

Fridolin war aufgestanden. »Die Deutschnationale Volkspartei möchte die Monarchie wieder einführen, ihre Agenda ist ganz in unserem Sinne. Wenn wir einen starken Kandidaten aus unserer Familie stellen, dann könnten wir …«

»Die DNVP ist ein antisemitischer Schwätzerverein, Fridolin! Mit solchen Leuten will und wird die Familie Reichenbach nichts zu tun haben!«

Der Prinz presste die Lippen aufeinander. Seine breite Stirn war gerunzelt, und er tat entschlossener, als er sich fühlte.

»Einer meiner ältesten Freunde ist Jude. Hast du das vergessen? Ich bin sehr enttäuscht von dir, Fridolin. Dass du eine Zusammenarbeit mit der DNVP überhaupt in Betracht ziehst …«

Fridolin straffte die Schultern. »Und was schlägst du vor?«

»Wir sollten Einfluss und Geld ins Boot holen und parteiübergreifend operieren, um eine Lobby für uns zu schaffen. Mit genügend Aufklärung können wir dem deutschen Volk verständlich machen, dass Enteignung Diebstahl gleichkäme. Wir sollten an die Ehre eines jeden deutschen Mannes appellieren.«

»Ich glaube nicht, dass wir das Volk auf diese Weise auf unsere Seite ziehen können, Vater.«

Der Fürst fuhr herum. »Nein? Aber antisemitische Hetzparolen werden die Bürger überzeugen?«

»Es geht doch in diesem Fall gar nicht um antisemitische Strömungen, sondern um die Wiederherstellung der Monarchie, was dem Gegenteil einer Enteignung gleichkäme. Das ist es doch, was wir alle wollen und gut gebrauchen können, Vater.«

»Was willst du damit sagen?«

»Dass wir politisch mehr bewegen müssen, als nur diesen Volksentscheid zu gewinnen.«

»Davon verstehst du nichts«, sagte der Fürst harsch.

»Wenn du Millionen Arbeiter davon überzeugen willst, dass sie auf unser Vermögen verzichten sollen, und zwar um ihrer Ehre willen, dann verstehst du sehr wenig, Vater. Sie pfeifen auf Ehre. Das interessiert sie nicht.«

»Mach die Menschen nicht schlechter, als sie sind.«

»Das hat nichts mit gut und schlecht zu tun, sondern mit Zeitgeist. Unsere Traditionen und Moralvorstellungen kommen aus einer anderen Zeit.«

»Und der Antisemitismus? Ist der Teil dieses neuen Weltverständnisses?«, fragte Fürst Paul, ging um den schweren Eichenschreibtisch herum und setzte sich. Er sah seinen Sohn herausfordernd an.

»Der ist doch nur eine Randerscheinung in einer Partei, die das Richtige will, Vater.«

»Das Urteil darüber, was richtig und falsch ist, solltest du mir überlassen.«

Fridolin schüttelte den Kopf, stemmte die Hände in die Hüften und hielt dem Blick seines Vaters stand. »Es ist ein Fehler, an das Ehrgefühl einer Gesellschaftsschicht zu appellieren, die zu hungrig für Ehre ist.«

»Ich mache keine Fehler«, sagte der Fürst. »Wir werden nach und nach mit allen wichtigen Familien reden und sie dann zusammenführen.«

»Du verschließt die Augen vor dem eigentlichen Problem, Vater!« Fridolin war rot angelaufen.

Fürst Paul seufzte und rieb sich die Stirn. »Du hast das Temperament eines Bierkutschers.«

»Ich bin sechsundzwanzig Jahre alt. Ich bin dein Erbe. Habe ich nicht ein bisschen mehr Respekt verdient?«

»Nein«, antwortete der Fürst ungerührt. »Und jetzt hör mir zu, damit wir unsere Familie vor dem Untergang bewahren können.«

***

»Oben sind alle furchtbar durcheinander«, sagte Marlene und legte ihr Stopfzeug auf den Küchentisch.

»Die drohende Enteignung ist kein Pappenstiel«, meinte Anita und stach mit einem Holzstäbchen in den Kuchen. Es klebte noch Teig daran. Sie schob den Kuchen zurück in die Röhre und schloss die Ofenklappe. »Ich kann nicht leugnen, dass auch ich mir etwas Sorgen mache.«

»Vielleicht sollte für Hausangestellte eine Ausgangssperre nach siebzehn Uhr gelten«, sagte Dessler. Er stand in der Tür und hielt sich wie immer sehr aufrecht.

»Wie bitte?«, fragte Anita und blinzelte verwirrt.

»Ich kann Ihre Sorgen verstehen«, antwortete Dessler. »Seit ich die schreckliche Nachricht in der Voss gelesen habe, kann ich kein Auge mehr zumachen.«

Anita und Marlene tauschten einen Blick. Marlene räusperte sich. »Verzeihung, Dessler, aber wie soll eine Ausgangssperre die drohende Fürstenenteignung verhindern?«

»Was?« Er sah verdutzt zu Marlene hinüber.

»Wir machen uns Sorgen wegen der Enteignung«, erklärte Anita.

»Ach das!« Dessler schüttelte entschieden den Kopf. »Das geht vorbei, das ist nur eine politische Phase. Die kann das Hause Reichenbach nicht erschüttern.«

Wieder tauschten Marlene und Anita einen vielsagenden Blick: Sie beide waren sich dessen nicht so sicher.

»Das Problem ist der Mörder«, verkündete Dessler jetzt.

»Der Mörder?«, wiederholte Anita und war nun vollends verwirrt.

»Ich wollte euch damit eigentlich nicht belasten, aber einmal muss es ja heraus. Besonders, da die Polizei im Dunkeln tappt und unser aller Leben in Gefahr ist. In Berlin läuft ein Mörder frei herum.«

Marlene lachte. »Einer?«

»Dieser ist eine Bestie. Er hat sein Opfer einem Löwen zum Fraß vorgeworfen.«

»Ach das«, meinte Anita. »Davon hab ich gelesen.«

»Armes Kind! Haben Sie die grausamen Schilderungen gut verkraftet?«

»Jaaa«, erwiderte Anita gedehnt. »Ich glaube allerdings nicht, dass unser aller Leben in Gefahr ist, Dessler. Sie sollten sich nicht verrückt machen.«

Desslers Augen verengten sich zu Schlitzen. »Ich mache mich nicht verrückt. Ich bin vernünftig und vorsichtig, und das solltet ihr beide auch sein.«

Anita wischte sich die Hände an der Schürze ab und sah zu Marlene, die brav nickte. »Natürlich, Dessler, wir passen auf.«

»Gut.« Er nickte ebenfalls und drehte sich um. Wie immer waren seine Hände hinter dem Rücken verschränkt, aber diesmal zitterten die Finger unmerklich, als er davonging.

Anita seufzte und wechselte einen Blick mit Marlene. »Irgendwann bekommt er einen Herzinfarkt nur vom Zeitunglesen.«

»Er will sich doch aufregen. Er bekommt Angst, und das ist seine große Lust«, flüsterte Marlene. »Wie er sich ereifern kann … Einfach fabelhaft! Weißt du noch, wie wir ihn neulich im Kino gesehen haben?«

Anita kicherte. »Anfang des Jahres hat er noch gesagt, er sehe sich Der Rosenkavalier an. Von wegen!«

»Als ob das blutig genug wäre.«

»Oder erotisch genug.«

Wieder kicherten sie. Dann wurde Marlene plötzlich ernst. »Denkst du, dass wir die Fürsten enteignen sollten?«

»Natürlich nicht.« Anita sah sie empört an. »Wir alle verlieren unsere Anstellungen, wenn das Haus Reichenbach enteignet wird. Willst du denn auf der Straße stehen?«

»Aber ist das überhaupt ihr Geld? Kommt das nicht von den völlig überhöhten Steuern, die sie unseren Vorfahren über Jahrzehnte abgeknöpft haben?«

Anita runzelte die Stirn. »Ich denke, es ist komplizierter.«

»Aber wir leben jetzt in einer Demokratie.«

»Marlene«, sagte Anita eindringlich, ging zum Tisch und stemmte die Arme vor dem Hausmädchen auf die Tischplatte. »Auch in einer Demokratie brauchst du Arbeit. Und wenn alle Fürsten und Adligen enteignet werden, gibt es sehr viel weniger Anstellungen für Menschen wie dich und mich.«

»Ja, aber ist das nicht furchtbar ungerecht mit denen da oben und uns hier unten?«

Anita setzte sich zu ihr. »Vielleicht. Aber es wird immer reiche Leute geben und solche, die für die Reichen arbeiten. Ob das nun Adel heißt oder Hotelier. Wir könnten vielleicht die Fürsten enteignen, aber niemals können wir das Oben abschaffen. Das ist immer da. Da sitzt immer jemand, dem du das Frühstück bringen und die Strümpfe stopfen musst. Und glaub mir, das hier sind weder die schlimmsten Strümpfe, noch sitzen wir im schlimmsten Unten, Marlene. Wir haben es hier gut getroffen, glaub mir.«

Das Hausmädchen zog nachdenklich die sommersprossige Nase kraus. »Vielleicht hast du recht.«

Anita nickte und stand auf. »Natürlich hab ich das. Das ist das Privileg des Alters.«

Marlene lachte. »Du bist nicht alt.«

»Ich werde bald dreißig.«

»Das ist jung«, sagte Marlene und räumte das Stopfzeug zusammen. »Du kannst immer noch einen Mann finden und Kinder bekommen.«

Kinder, dachte Anita. Nein, sie war noch nicht zu alt für Kinder. Noch nicht. Aber die Zeit rannte, und sie war immer noch allein.

»Entschuldigung«, sagte eine tiefe Stimme plötzlich in ihre Gedanken hinein.

Sie fuhr überrascht herum. In der Tür stand Prinz Fridolin. Er trug einen tadellos sitzenden Anzug und ordentlich pomadisiertes dunkelblondes Haar. Vor der kalkweißen, rustikalen Wand sah er fehl am Platz aus. Anita hatte ihn nicht kommen hören. Marlene war auch bereits gegangen. Wo war sie nur mit ihren Gedanken gewesen? Und wie lange? Schnell knickste sie. »Durchlaucht, verzeihen Sie. Ich habe geträumt. Haben wir Ihr Läuten überhört? Soll ich Ihnen etwas zu essen schicken lassen?«

»Nein, danke«, sagte er und ging durch den Raum. Er kam in die Küche hinein und setzte sich an den kleinen Tisch unter den hohen schmalen Fenstern.

Anita starrte ihn an. Sie riss den Blick los, sah irritiert zur Tür und wieder zurück. Ein Prinz in ihrer Küche. Sie war ratlos. Sie knickste wieder, weil sie nicht wusste, was sie sonst tun sollte. Sie war Köchin; sie hatte keinen Kontakt mit der Familie, schon gar nicht mit den Herren. Sie besprach die Mahlzeiten regelmäßig mit Ihrer Durchlaucht und begegnete sonst keinem Reichenbach. Es war überhaupt ein Wunder, dass sie Fridolin und Georg voneinander unterscheiden konnte.

»Was kann ich denn für Sie tun, Durchlaucht?«

Der Prinz löste seine Krawatte etwas, öffnete den obersten Kragenknopf und seufzte. »Die Stimmung oben ist mehr als geladen. Wir sind alle sehr nervös.«

»Verständlich«, murmelte sie.

»Ich musste mir kurz selbst entkommen.«

»Ihnen selbst entkommen?«

»Haben Sie vielleicht etwas Kuchen für mich?«, fragte er und lächelte sie an. »Süßes wird meine Stimmung vielleicht heben.«

Anita nickte und wandte sich dem Ofen zu.

Draußen im Flur konnte Doris durch die Durchreiche sehen, wie die Köchin Anita dem Prinzen einen Teller mit dampfendem Kuchen hinstellte.

Dann wurde sie plötzlich am Arm gepackt und zur Seite gezogen. Marlene sah sie verärgert an. »Du darfst Seine Durchlaucht nicht so anstarren. Hast du das Feuerholz fertig?«

Das Mädchen für alles nickte. Sie hielt zwei leere Eimer in der Hand. »Ich wollte Wasser holen, dann hab ich ihn in der Küche gesehen«, flüsterte sie.

Sie standen nun zwischen der Treppe, die hinauf ins Erdgeschoss führte, und dem Hintereingang.

Marlene richtete ihr Häubchen und ihre Schürze. »Dann geh Wasser holen und bleib nicht wie angewurzelt stehen.«

Doris nickte und senkte den Kopf. »Natürlich. Es ist nur … Ich hab noch nie einen Prinzen gesehen.«

Marlene lachte leise. »Er ist auch nur ein Mann. Außerdem ist er seit acht Jahren offiziell kein Prinz mehr. Es gibt keinen Adel mehr. Und selbst wenn, können auch Prinzen Spinner sein.« Sie flüsterte verschwörerisch. »Georg zum Beispiel verlässt manchmal Tage lang sein Bett nicht und verkriecht sich schwermütig unter der Decke. Dann seh ich ihn nicht mal, wenn ich ihm Frühstück bringe.«

»Wirklich?«

»Wirklich. Es tut nicht gut, hochwohlgeboren zu sein. Das setzt einem nur Flausen in den Kopf. Und deshalb arbeiten wir.«

»Deshalb?«, fragte Doris und sah zu Marlene auf.

Marlene seufzte. »Ja, ich denke schon. Und jetzt hol Wasser.«

Doris nickte und eilte mit ihren Eimern davon.

***

Prinzessin Ina stand auf der Straße, blickte an dem Haus vor ihr hoch und las »Romanisches Café«. Sofort klopfte ihr Herz schneller. Durch die Fenster sah sie Rauchschwaden und billige Stühle, keine Pelzkrägen, keine Sahnetortenstücke. Aber das machte dieses Café nur noch anziehender. Ina wusste, dass die Berliner Boheme hier verkehrte. Sogar der berühmte Kisch trank angeblich hier Kaffee. Sie hatte schon oft vom Romanischen gelesen, einen tatsächlichen Besuch aber nie für möglich gehalten. Sie war schließlich eine Reichenbach; sie war in anderen Kreisen zu Hause – egal, wie viel Kisch sie las.

Nun, da ihr kleiner Spaziergang sie eher zufällig direkt an diesen Ort geführt hatte, wurde ihr plötzlich bewusst, dass dieser Ort keine Legende war, dass man ihn betreten konnte. Kurz entschlossen tat sie genau das.

***

»Und nun möchte ich Sie fragen, ob ich weiterlesen darf«, fragte der fremde Mann, dessen Namen Theodor immer noch nicht kannte.

»Sie haben das Manuskript doch dabei, oder nicht? Sehen Sie, ich habe am Donnerstag ja nur ein Drittel geschafft.«

Theodor runzelte die Stirn. Er saß leicht gebeugt an seinem Tisch in der Ecke. Zwischen seinen Fingern qualmte eine Zigarette, die Tasse daneben war halb leer, der Kaffee kalt. Er hatte ihn vor Stunden bestellt. Seither brütete er über einen Ausweg aus seiner misslichen Lage. Theodor setzte an, dem Herrn zu sagen, dass ein Leser zwar ein nettes Kompliment sei, aber nicht ausreiche. Schon gar nicht, wenn dieser Leser nicht einmal einen Kaffee oder ein Kartoffelgericht springen ließ. Der Roman war geschrieben worden, um Theodor zu finanzieren, eine kleine Wohnung, warme Mahlzeiten, Papier … All das sollte der Roman erwirtschaften. Er sollte beileibe nicht zur Unterhaltung von Einzelnen dienen, die sich nicht einmal vorgestellt hatten. Theodor wollte gerade den Mund öffnen, als eine blonde Frau durch die Drehtür ins Café geweht kam. Ihre Kleidung war zu elegant für das Romanische. Wahrscheinlich kostete ihre heutige Garderobe so viel wie die aller Gäste im Bassin für Nichtschwimmer zusammen. Sie war offensichtlich noch nie hier gewesen, und dennoch drehte sie sich nach einem kurzen Blick in den großen Raum zielsicher zum Bassin für Schwimmer.

»Also, darf ich?«, fragte der Fremde neben Theodor.

Theodor holte den Roman mit mechanischen Bewegungen aus seiner alten Ledertasche und reichte ihn zu dem Mann hinauf, ohne ihn weiter zu beachten. Er wartete darauf, dass Nietz die blonde Dame aus dem Bassin für Schwimmer würfe, aber so sehr sein Blick den Flur und den Eingang in den exklusiven Raum auch fixierte, sie kam nicht wieder.

Theodor nahm die Kaffeetasse auf und trank einen Schluck. Er verzog das Gesicht und sah die Tasse an. Er hatte völlig vergessen, dass der Kaffee längst kalt war. Drei Tische weiter saß der Fremde mit seinem Roman. Erst jetzt wurde ihm bewusst, dass er das Manuskript gerade eben wieder herausgerückt hatte. Wegen einer eleganten Dame. Theodor schüttelte über sich selbst den Kopf, wollte sich umsetzen, um den Flur und den Eingang zum anderen Raum nicht immer im Blick zu haben. Aber Egon Erwin Kisch stand just in dem Augenblick bei Nietz an der Loge und war im Begriff das Bassin für Schwimmer zu betreten. Der berühmte rasende Reporter mit der schnellen Zunge. Theodor beugte sich neugierig vor und setzte sich überrascht wieder zurück, als er sah, wie die blonde junge Dame Kisch in ein Gespräch verwickelte. Sie ging nicht nur einfach so ins Bassin für Schwimmer, sie stellte sich auch noch Egon Erwin Kisch vor!

Theodor stand auf, ging über Tabakreste und Zigarettenstummel am Boden zu einem anderen Tisch und setzte sich. Nun konnte er das Bassin für Schwimmer sehr gut einsehen. Inzwischen hatte sich auch Anton Kuh zu den beiden gesellt. Es war kein Geheimnis, das Kisch und Kuh sich nicht ausstehen konnten. Aber nun lachten beide; die blonde Dame bestellte Getränke, und kurz darauf gab es Likör und Rum.

Natürlich konnte sie eine Bekannte von einem der Herren sein, eine Industriellentochter aus Prag vielleicht, wo Kisch herkam und die meiste Zeit des Jahres verbrachte. Theodor zündete sich eine Zigarette an, blies Rauch in die Luft und sah der kleinen Gesellschaft nachdenklich beim Trinken zu. Sie sah beileibe nicht aus wie eine Künstlerin, und sie verhielt sich auch nicht wie die Muse oder die Ehefrau eines Künstlers. Zumal Theodor sie dann wahrscheinlich gekannt hätte. Und dann dieses Kleid, die grün schimmernde Seide, die je nach Licht fast golden wirkte und mehr gekostet haben musste, als Theodor in einem Monat zum Leben hatte.

Nein, in Theodors Kopf war diese Frau völlig neu in der Boheme und mutiger als alle Gäste im Bassin für Nichtschwimmer zusammen. Sie bestellte inzwischen die nächste Runde Rum und Likör. Ihr Lachen war zauberhaft.

Theodor öffnete seine alte Ledertasche, holte etwas Papier und einen Bleistift hervor. Er wollte nur kurz einen Gedanken notieren, aufschreiben, dass ihr Lachen war wie Champagner, schimmernd und perlend, dass sie Geld und ein Geheimnis hatte, und er schrieb, bis es draußen dunkel war.

***

»Wir brauchen zwei Dutzend Eier«, sagte Anita, »und vier Pfund Mehl.«

Sie drehte sich um, griff nach der Lampe, die von der Decke hing und leuchtete in die linke Ecke der Speisekammer, die immer sehr dunkel war. »Mohn und Zucker. Hast du das?«

Statt eine Antwort zu geben, stand Doris verlegen in der Tür zur Speisekammer. Sie hielt Zettel und Stift in der Hand.

Anita stemmte die Hand in die Hüfte und sah sie fragend an. »Hast du alles notiert?«

Doris sah sie von unten mit ihren großen, blass-grauen Augen an. »Wie schreibt man Mohn?«

Anita seufzte, schaltete das Licht der Kammer aus und nahm ihr das Schreibzeug ab. »Hier, so.« Sie reichte Block und Stift zurück. »Hast du denn nicht schreiben gelernt?«

»Doch, aber nicht so lange.«

Anita betrachtete das junge Mädchen mit dem schlichten grauen Kittel und den aschblonden Haaren, die streng zurückgekämmt waren. »Wie alt bist du?«

»Vierzehn.«

Anita lächelte. »Du wirst das alles schon lernen, mach dir keine Sorgen. Und jetzt ab ins Bett mit dir. Ich bringe den Abfall heute selbst raus. In fünf Stunden musst du aufstehen und mit Hans zum Markt, damit ich für das Frühstück der Herrschaften genug Eier habe.«

Doris nickte und beeilte sich, in ihre Kammer zu kommen.

Anita sah sich ein letztes Mal in der Küche um. Es war kurz nach elf Uhr abends, und alles war sauber. Sie knöpfte ihre Schürze auf und hängte sie an den Haken neben der Küchentür, dann drehte sie das Licht aus, nahm den Eimer mit den Kartoffelschalen und den Kohlstrünken und ging zum Hinterausgang. Draußen war es dunkel und kalt; Anita fröstelte.

Sie ging ein paar Schritte über den Kies in Richtung Komposthaufen, als sie hinter sich leise Schritte hörte.

Überrascht fuhr sie herum. Ihre Augen hatten sich bereits an die Dunkelheit gewöhnt, sodass sie den Schatten am Hintereingang sofort ausmachen konnte. Ihr Herz klopft wild. Sie wollte schon etwas schreien, den Burschen Hans und Dessler wecken, damit der Eindringling verschwände. Da aber kicherte der Schatten plötzlich und stolperte die Treppenstufen hinunter. Die Tür wurde geöffnet, und im Lichtkegel erkannte Anita den blonden Lockenschopf Ihrer Durchlaucht Prinzessin Ina, die immer noch kichernd und auf wackeligen Beinen im Keller verschwand. Offensichtlich war sie sehr guter Dinge. Und sehr betrunken.

Schmunzelnd schüttelte Anita den Kopf, drehte sich um und leerte den Eimer mit den Küchenabfällen auf den Komposthaufen. Als sie zurück zum Haus gehen wollte, öffnete sich die Kellertür erneut. Anita blieb im dunklen Schatten stehen. Vielleicht hatte die Prinzessin etwas verloren. Die Köchin wollte Ihre Durchlaucht nicht bloßstellen und sie zwingen, sich für ihre Trunkenheit entschuldigen zu müssen. Es war besser, wenn Ina nicht wusste, was Anita gesehen hatte.

Aber es war nicht die Prinzessin, die nun hinaus in die Nacht trat. Es war ihr jüngerer Bruder Prinz Georg. Anita runzelte die Stirn. Er war sehr dunkel angezogen und verschmolz mit der Schwärze um sich herum. Ganz so, als sollte niemand ihn sehen, als sollte niemand wissen, dass er die Nacht draußen in Berlin verbringen würde und nicht in seinem breiten Bett mit den seidenen Kissen. Und es sah auch ein bisschen so aus, als wäre das hier nicht der erste heimliche Ausflug des Prinzen.

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Sonntag, 21. März 1926

»Darf ich Ihnen das Kissen aufschütteln, Durchlaucht?«, fragte Marlene.

»Wenn es sein muss.« Die Fürstin seufzte. »Und machen Sie meinethalben etwas Licht.«

»Sehr wohl.«

Während das Hausmädchen die Vorhänge etwas zur Seite zog, klopfte es bereits an der Tür.

»Herein«, sagte Fürstin Juliane und verzog das Gesicht. Das Pochen an der Tür hallte in hundertfacher Lautstärke in ihrem Kopf wider. Als sie einen Schluck Wasser nahm, zitterte ihre Hand. Ihre Nerven lagen blank; sie wusste kaum, wie sie das Treffen mit ihren Kindern überstehen sollte. Den üblichen Sonntagsspaziergang hatte sie abgesagt. Prinz Fridolin und der Fürst waren natürlich mit ihrer Politik beschäftigt, oder wie auch immer sie das nannten. Fürstin Juliane stellte das Glas ab und unterdrückte ein Schnauben. Wenn das Volk dafür stimmen konnte, die Reichtümer der deutschen Fürsten unter sich aufzuteilen, dann täten die Arbeiter das gewiss und ließen sich von keiner Idee davon abhalten, die Fürst Paul von Reichenbach an seinem alten Eichenschreibtisch ausbrütete. Die Fürstin hatte ihren Mann über die Jahre hinweg beinahe lieben gelernt, und sie bewunderte ihn für vieles. Seine politischen Aktivitäten gehörten nicht dazu. Als Mitglied des Preußischen Herrenhauses war Paul von Reichenbach nichts als ein Mitläufer gewesen. Er hatte nicht das Profil, dass es brauchte, einen Volksentscheid herumzureißen.

Nein, sie waren verloren.

»Guten Tag, Mama«, sagte Prinz Georg in ihre Gedanken hinein.

Sie rang sich ein Lächeln ab. »Mein Sohn. Ina.«

Ina trat langsam hinter ihrem Bruder in das Zimmer. Sie schwankte leicht. Es schien, als könne sie sich kaum auf den Beinen halten; von Haltung jedenfalls konnte keine Rede sein. Die Fürstin sah von ihrer Tochter zurück zu Georg und runzelte die Stirn. »Tritt doch mal bitte näher ans Fenster, Georg.«

Er zögerte kurz, trat dann aus dem Schatten heraus und lächelte entschuldigend.

Fürstin Juliane schnappte nach Luft. »Ist das ein Veilchen?«

»Ich fürchte ja, Mama.«

Juliane sah fassungslos zu ihrer Tochter, die sich am Pfosten des Himmelbetts festhielt, schwer atmete und sich leicht vorbeugte.

»Und du?«, fragte die Fürstin scharf. »Hast du etwa getrunken?«

»Nein, es geht mir gut«, erwiderte die Prinzessin, aber ihre Blässe strafte ihre Worte Lügen.

»Was ist denn passiert?«

»Nichts«, hauchte die Prinzessin. »Darf ich mich kurz entschuldigen?«

Fürstin Juliane nickte knapp und fixierte ihren Sohn. »Wo wart ihr?«

»Ich war hier. Das«, er zeigte auf sein blauschwarzes Auge, »ist einem dummen, kleinen Unfall zu verdanken. Ich bin in der Küche gegen eine offene Schranktür gelaufen.«

Die Fürstin schlug die Bettdecke zurück, schlüpfte in ihre Pantoffel und kam um das Bett herum. Sie presste die Lippen aufeinander und betrachtete ihren Jüngsten mit seinem schönen Gesicht und dem verschmitzten Blick. »Seit wann gehst du in die Küche?«

Lautes Würgen war aus dem Badezimmer der Fürstin zu hören. Juliane wandte den Kopf und starrte auf die Tapetentür, hinter der ihre Tochter sich offenbar gerade übergab. Sie trat zwei Schritte von ihrem Sohn zurück, schüttelte den Kopf und langte nach der Klingelschnur über ihrem Bett. »Ich habe genug gesehen. Wir gehen spazieren.«

»Aber Mama, hast du nicht gesagt, dass unser sonntäglicher Gang heute ausfallen muss? Was ist mit deiner Migräne?«

Die Fürstin horchte in sich hinein. Was war mit ihrer Migräne? Die Schmerzen schienen zumindest gerade wie weggeblasen. »Ich habe keine Zeit mehr für Migräne«, sagte sie schließlich. »Es war ein großer Fehler, euch euch selbst zu überlassen. Was führt ihr nur für ein Lotterleben ohne mich? Was sollen die Leute denken?«

»Ich glaube nicht, dass jemand meinen … Zusammenstoß mit der Schranktür gesehen hat.«

»Hm«, machte Fürstin Juliane nachdenklich und zog misstrauisch die Stirn kraus. »Das will ich hoffen. Wie dem auch sei, ich werde Schlimmeres verhindern. Wenn wir den Volksentscheid verlieren und zu Grunde gehen, werden wir es nicht mit Schlagmalen im Gesicht und Katerstimmung tun, sondern mit Haltung und Würde. Das sind wir dem Hause Reichenbach schuldig. Und überhaupt: Noch ist ja nichts entschieden«, sagte sie, ging zur Tapetentür und klopfte kräftig dagegen. »Christina«, sagte sie streng. Sie benutzte den vollen Namen ihrer Tochter nur selten, und es verhieß nie Gutes. »Beeil dich. Wir gehen spazieren.«

»Wie bitte?«, kam es kläglich zurück.

»Durchlaucht haben geklingelt«, sagte Marlene, die nun wieder in der Tür stand und knickste.

»Ja, ein Nachmittagskleid. Rasch. Wir werden nun doch ein paar Schritte gehen. Das wird auch Baldi guttun.«

Als hätte der Mops verstanden, dass er nun würde laufen müssen, röchelte er plötzlich noch lauter.

»Mama, meinst du nicht, wir sollten den armen, alten Baldi schonen?«

»Er ist nicht alt«, sagte Juliane und setzte sich an ihre Frisierkommode. »Nur etwas Einfaches«, verlangte sie von Marlene.

Prinz Georg setzte sich auf die Armlehne des Sessels, auf dem Baldur von Bruchsal residierte. »Ich weiß nicht, man sieht ihm wirklich jedes seiner zehn Jahre an.«

»Er erfreut sich bester Gesundheit«, stellte die Fürstin klar.

»Ich nicht«, meinte die Prinzessin leise. Sie stand wieder im Zimmer und tupfte sich Schweißtropfen mit einem Spitzentaschentuch von der Stirn.

Die Fürstin drehte sich zu ihr, während Marlene ihr den Zopf aufsteckte. »Ein wenig frische Luft wird dir guttun.«

Die Prinzessin nickte schwach. Sie hatte offenbar nicht die Kraft, sich zu wehren. »Wenn wir langsam gehen.«

»Als könnte Baldi schnell laufen!« Prinz Georg schmunzelte.

Fürstin Juliane ignorierte ihn. »Ina, wo auch immer du gestern warst: Ich rate dir dringend davon ab, dort noch einmal hinzugehen.«

»Keine Sorge, Mama«, antwortete die Prinzessin und sank auf die Récamiere. »Ich habe nicht das Bedürfnis.«

Die Fürstin lachte kurz auf und schüttelte leicht den Kopf. »Bedürfnisse.«

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