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Das Netz der großen Fische

Andrea Camilleri



Das Netz der großen Fische

Roman

Übersetzung aus dem Italienischen
von Moshe Kahn

BASTEI ENTERTAINMENT

Die Figuren des Romans

Michele Caruso,    

Chef der TV-Lokalnachrichten der RAI in Palermo; er hat ein Verhältnis mit …

Giuditta,    

der Frau von …

Alfio Smecca,    

Hauptredakteur der TV-Lokalnachrichten und Moderator des Abendjournals;

Manlio Caputo,    

steht unter Verdacht, seine Verlobte Amalia Sacerdote ermordet zu haben; er ist der Sohn von …

Ignazio Caputo,    

einem regionalen Abgeordneten;

Di Blasi,    

ermittelnder Staatsanwalt;

Bonanno,    

ermittelnder Commissario;

Caterina Longano,    

genannt Cate, Sekretärin von Michele Caruso;

Filippo Butera,    

Richter, ein Freund von Michele Caruso;

Marcello Scandaliato,    

Nachrichtenmoderator des Mittagsjournals;

Gilberto Mancuso,    

Nachrichtenmoderator der Spätausgabe;

Giacomo Alletto,    

Journalist der Nachrichtenredaktion;

Gerlando Pace,    

Wirtschaftsredakteur des TV-Journals;

Arturo Guarienti,    

Programmdirektor für die regionalen Programme, hat sein Büro in der Zentrale der RAI in Rom;

Giulia Stella,    

Ehefrau von Michele Caruso, von dem sie sich getrennt hat; dafür lebt sie mit …

Massimo Troina,    

Rechtsanwalt mit politischen Ambitionen, zusammen. Giulia ist die Tochter von …

Gaetano Stella,    

Senator der 2. Kammer in Rom;

Totò Basurto,    

ein Mittelsmann;

Gabriele Lamantia,    

ein Informant;

Mariella Pignato,    

Freundin von Giulia Stella;

Lo Bue,    

Commissario der Polizei;

Adolfo Seminerio,    

Rechtsanwalt der Familie der ermordeten Amalia Sacerdote; deren Vater ist …

Antonio Sacerdote,    

Generalsekretär der Regionalversammlung; sein Stiefbruder …

Filippo Portera,    

ein mächtiger Mafiaboss;

Corradino Scimone,    

Vorstandsvorsitzender der Banca dell’Isola;

Ermanno Diluigi,    

Privatsekretär von Senator Stella;

Giovanni Resta,    

Nachrichtenjournalist des Fernsehsenders »Telepanoramus«;

Ciccio Filippone,    

Abgeordneter der Regionalversammlung;

Francesco Galletto,    

Haftrichter;

Virzì,    

ein Restaurantbetreiber.

Eins

»Auf gar keinen Fall!«, rief Michele Caruso, der Leiter des TV-Journals.

»Ich will dir ja nur erklären …«, beharrte Alfio Smecca, der Chefredakteur und Moderator der regionalen Vorabend-Nachrichtensendung.

»Du brauchst mir nichts zu erklären, Alfio.«

»Das ist doch schlicht und einfach nur eine Lokalnachricht, Michè!«

»Wie naiv bist du eigentlich, Alfiù! Man könnte bald meinen, du lutschst noch am Daumen wie ein Kleinkind!«

»Ich versteh dich nicht, Michè.«

»Ach, nein? Da stellt man dem Sohn des Abgeordneten Caputo die Benachrichtigung zu, dass gegen ihn ermittelt wird, und du nennst das schlicht und einfach eine Lokalnachricht?«

»Wieso? Ist es denn etwa keine Lokalnachricht?«

»Sicher ist es das! Aber ich versuche dir gerade klarzumachen, dass sie weder schlicht noch einfach ist! Und das weißt du auch ganz genau! Folglich gibt es nur eine Erklärung: Du musst völlig durchgeknallt sein.«

»Ich mache dich darauf aufmerksam, dass du hier völlig unrechtmäßig Zensur ausübst. Du hältst nicht nur eine Meldung zurück, sondern nimmst uns damit auch eine echte Sensationsnachricht, denn immerhin sind wir die Ersten, die wissen, dass …«

»Ich möchte auf diese Sensation verzichten, kapiert? Die Nachricht lasse ich raus, die zensiere ich nicht, aber erst in der Spätausgabe.«

»Nachdem alle anderen sie gebracht haben? Wie etwa ›Telepanoramus‹?«

»Na, was für eine Katastrophe! Wir sind schließlich die RAI, das Öffentlich-Rechtliche, Alfio!«

»Ist dir eigentlich klar, wie weit das Sendegebiet von ›Telepanoramus‹ reicht? Die decken den gesamten Westen von Sizilien ab!«

»Genug davon, Alfio, das Thema ist für mich erledigt.«

»Ich mache dich darauf aufmerksam …«

»Und hör gefälligst auf mit deinem nervigen Ich-mache-dich-darauf-aufmerksam!«

»… dass sich ganz Italien für den Mord an der Verlobten dieses Politikersprösslings interessiert! Auch wir reden doch seit vierzehn Tagen von fast nichts anderem mehr! Die Beisetzung, der weinende Verlobte, die Mutter der Toten, die sich weigert, den Verlobten zu sehen, während der Vater ihn in die Arme schließt … Und jetzt stellt man dem Verlobten die amtliche Benachrichtigung zu, dass gegen ihn ermittelt wird …«

»Stimmt die Geschichte von der amtlichen Benachrichtigung überhaupt?«

»Ich werde sagen, es sei eine unbestätigte Meldung, in Ordnung? Du kannst beruhigt sein! Ich werde es am Anfang sagen, in der Mitte und dann noch mal am Schluss! Unbestätigt, unbestätigt, unbestätigt!«

»Alfio, die haben doch gar nichts in der Hand gegen Manlio Caputo. Versuch das ganz einfach zu verstehen. Einen Dreck haben sie. Nichts als ein paar Indizien und diesen Scheiß. Glaubst du denn, ich hätte diese Geschichte nicht verfolgt? Am Ende setzen sie ihn wieder auf freien Fuß, verhaften einen der üblichen Verdächtigen aus Albanien, und uns, die wir den Knüller ja unbedingt bringen mussten, reißt der Abgeordnete Caputo den Arsch auf. Und das wird er nach allen Regeln der Kunst tun, denn wir sind schließlich das öffentlich-rechtliche Fernsehen!«

»Und das heißt?«

»Das weißt du immer noch nicht, obwohl du schon ein Jahr hier arbeitest? Bevor wir eine Nachricht verbreiten, müssen wir uns das viermal überlegen.«

Und weil sein Gegenüber daraufhin eine beleidigte Miene zog, wurde er lauter.

»Hast du eigentlich vergessen, Alfiù, dass es einzig das Verdienst dieses Mannes hier vor dir ist, wenn du da stehst, wo du heute stehst?«

»Das könnte ich gar nicht vergessen, schon allein deshalb nicht, weil du dafür sorgst, dass ich jeden Augenblick daran erinnert werde.«

»Hör zu, ich sage dir das in aller Freundschaft: Dein Ton gefällt mir ganz und gar nicht.«

»Das beruht auf Gegenseitigkeit. Und jetzt entschuldige mich, denn ich muss auf Sendung gehen«, sagte Smecca und stand auf.

»In Ordnung, belassen wir es dabei. Wir sind uns einig, klar? Kein Wort über den Sohn des Abgeordneten Caputo.«

Smecca ging hinaus, ohne ihm eine Antwort zu geben oder auch nur die Bürotür hinter sich zu schließen.

Was war nur mit Alfio los? Über ein Jahr war es jetzt her, seit er auf seine Empfehlung hin befördert worden war, und nie hatte es irgendwelche Diskussionen oder Unstimmigkeiten zwischen ihnen gegeben. Alfio tat, was Michele sagte. Immer ein Herz und eine Seele. Doch seit drei Tagen konnte man einfach nicht mehr vernünftig mit ihm reden. Oder besser gesagt, Alfio war bei allem, was er ihm sagte, voller Widerspruchsgeist. Ständig war er abweichender Meinung, vertrat die entgegengesetzte Ansicht, verkündete, er sähe das aber ganz anders. Er war wie ausgewechselt. Hatte er etwa Zoff mit einem Kollegen? Stand er irgendwie unter Druck? Oder hatte er womöglich etwas herausgefunden? Diese Vorstellung alarmierte Caruso nun wirklich.

»Cate!«

Caterina Longano, seine Sekretärin, war um die fünfzig, dick, verschwitzt und ledig; sie kümmerte sich um ihre Mutter und war äußerst tüchtig in ihrem Beruf. Man erzählte sich, dass sie in ihrer Jugend bei dem Radiosender, wo sie damals arbeitete, so etwas wie die Redaktionsmatratze gewesen sei, nicht einmal vor den Büroboten hätte sie haltgemacht. Aber jetzt war sie eine wahre Goldgrube, wenn es um Klatsch und Tratsch ging.

»Ja bitte, Direttore.«

»Komm herein, schließ die Tür und setz dich.«

Caterina nahm Platz.

»Sag mal, seit ein paar Tagen kommt Alfio mir ein bisschen nervös vor. Ist dir das nicht auch aufgefallen? Weißt du vielleicht, was mit ihm los ist? Irgendwelche Probleme in der Redaktion?«

»Ach was«, antwortete Caterina.

»Ist er sauer auf mich?«

»Aber nein.«

Er seufzte vor Erleichterung, jedoch so unauffällig, dass die Sekretärin nichts merkte.

»Was ist es dann?«

»Es kursiert da so ein Gerücht.«

»Cate, was für ein Werkzeug muss ich holen, um es aus dir herauszuziehen? Irgendwelche Zangen?«

»Es kursiert das Gerücht, aber ich weiß nicht, wie viel Wahres daran ist, verstehen Sie, dass Alfio erfahren hat, dass Giuditta …«

Und mit der Hand machte sie das Zeichen für aufgesetzte Hörner.

Michele gelang es nur mit Mühe, sich zu beherrschen. Es hätte nicht viel gefehlt und er wäre von seinem Sessel hochgeschossen. Er spürte, wie sich über seiner Oberlippe ein Schweißfilm bildete. Wie war das möglich?

Er hatte doch mit Giuditta während des ganzen Jahres, das ihre Affäre nun schon dauerte, immer alle nur erdenklichen Vorsichtsmaßnahmen getroffen.

Beim letzten Mal hatte er Alfio für eine Woche nach Libyen geschickt, um irgend so eine bescheuerte Reportage über die Enkel der alten Dörfler zu machen, die zur Zeit des Faschismus zum »vierten Ufer«, das das Territorium Italiens vergrößern sollte, gezogen waren. Damals war Giuditta mitten im Winter ins Landhaus ihres Vaters gezogen, das in einer unwirtlichen, gottverlassenen Gegend der Madonie-Berge gelegen war. Wenn er sie da besuchen wollte, fuhr er drei Stunden mit dem Auto, war zwei Stunden mit ihr zusammen und brach gegen vier Uhr morgens wieder nach Palermo auf.

Und wenn er sie auf dem Handy vom Büro aus anrief, behielt er stets den Monitor im Auge, um sicherzugehen, dass Alfio im Studio festgehalten wurde und Nachrichten moderierte.

Wie sollte ihnen also irgendjemand auf die Schliche gekommen sein?

»Weiß man … weiß man, mit wem?«, fragte er und sah Caterina in die Augen.

Doch die hielt seinem Blick unerschütterlich stand. Ein Zeichen dafür, dass sie ihn als Giudittas Liebhaber nicht in Betracht zog. Und so war es auch.

»Es heißt … sie treibt’s mit einem Abgeordneten.«

»Einem aus Rom oder von hier?«

»Von hier, wie es aussieht.«

»Und mit wem?«

»Den Namen kenne ich nicht. Aber wenn Sie wollen, erkundige ich mich mal.«

Er setzte eine unbeteiligte Miene auf, denn möglicherweise würde die Sekretärin Verdacht schöpfen, wenn er sich allzu sehr für diese Angelegenheit interessierte.

»Also gut, aber du brauchst jetzt keinen auf Commissario Montalbano zu machen. Wenn du den Namen herausfindest, gut, wenn nicht, ist das auch kein Beinbruch. Es ging ja nur darum, dahinterzukommen, warum Alfio so nervös ist. Du kannst jetzt gehen, mach aber die Tür hinter dir zu.«

Auf dem Bildschirm tauchte nach der Schlagzeilenübersicht Alfio auf. Da zog Michele das Handy aus der Tasche und wählte Giudittas Nummer.

»Der von Ihnen gewünschte Teilnehmer ist zurzeit …«, sagte eine weibliche Stimme vom Band.

Er war überrascht. Sein allabendlicher Anruf zu Beginn des Nachrichtenjournals war ihnen doch zur festen Gewohnheit geworden, obwohl sie das nie ausdrücklich vereinbart hatten. Dabei wollte er ihr gerade jetzt unbedingt mitteilen, was für ein Gerücht im Umlauf war. Sie mussten sich am kommenden Sonntag sehen, wenn Alfio wie gewohnt zu seiner Mutter nach Catania fuhr, und sich über einen oder zwei Treffpunkte verständigen, die sicherer waren als die bisherigen.

Nach fünf Minuten versuchte er es erneut.

»Der von Ihnen gewünschte …«

Er fluchte. Wieso hatte sie ihr Handy ausgeschaltet? War sie etwa ins Kino gegangen?

Aber warum? Sie waren sich doch einig, dass sie miteinander sprechen wollten.

Er steckte sein Handy wieder in die Tasche und griff zum Telefonhörer.

»Cate? Ruf doch mal Butera an.«

Richter Filippo Butera war einer seiner engsten Vertrauten.

»Filì? Michele hier.«

»Michè! Hier herrscht gerade absolutes Chaos. Fernsehsender, Journalisten … Ich hab nur wenig Zeit. Was gibt’s?«

»Die Meldung von der Benachrichtigung wegen des Ermittlungsverfahrens habe ich zurückgehalten.«

»Und warum?«

»Na ja, ich hatte dich um acht angerufen, aber du warst nicht da. Bevor ich sie sende, wollte ich mit dir sprechen, um sicherzugehen, dass …«

»Bring’s in der nächsten Ausgabe, sonst heißt es noch, dass du dem Herrn Abgeordneten eine Gefälligkeit erweisen willst.«

Damit legte er auf. Na gut … Er würde die Meldung in der Ausgabe um elf senden, wie er es ohnehin vorgehabt hatte.  

»Cate? Wo ist Marcello?«

»Im Gericht.«

»Sag ihm, er soll für die nächste Ausgabe eine Direktschaltung wegen der Ermittlungsbenachrichtigung an Caputo machen. Und sag Mancuso Bescheid.«

Gilberto Mancuso war der Moderator der Spätausgabe, ein durch und durch vernünftiger Mann, der genau wusste, was er zu sagen hatte, kein Wort zu viel und keines zu wenig. Die erste Ausgabe des Telejournals um 13.30 Uhr leitete dagegen Marcello Scandaliato, der auch für Justizfragen zuständig war.

Und dann, als die Regionalnachrichten ihrem Ende zugingen, spürte er das Handy in seiner Tasche vibrieren. Es war Giuditta.

»Ich hab dich angerufen, aber …«

»Ich stand unter der Dusche. Ich konnte diese Hitze einfach nicht mehr ertragen. Entschuldige.«

»Ist wegen übermorgen alles in Ordnung? Fährt er auch ganz sicher nach Catania?«

»Ganz sicher. Wenn du willst, können wir uns auch schon ein Stündchen eher treffen.«

»Dann also um vier dort, wie immer?«

»Ja.«

»Ich muss mit dir reden.«

»Das wird ja hoffentlich nicht alles sein«, sagte Giuditta lachend.

Ihr raues Lachen kam tief aus der Kehle, und dieses Lachen raubte ihm den Verstand.

»Sag mal, ist dir eigentlich auch schon aufgefallen, wie nervös Alfio in letzter Zeit ist?«

»Alfio? Nervös? Nein. Wieso?«

»Also hier ist er es. Alle finden das. Und eben sagte mir Cate …«

»Dieses Miststück.«

»… Cate sagte mir, dass ein Gerücht kursiert.«

»Na, großartig! Was denn für eins?«

»Alfio wäre dahintergekommen, dass du ihn betrügst.«

»Vergiss es!«, sagte sie, ohne im Geringsten erstaunt oder besorgt zu sein. »Alfio würde nicht einmal im Traum auf diesen Gedanken kommen.«

»Bist du dir da sicher?«

»Absolut sicher. Aber jetzt muss ich Schluss machen, ich sehe nämlich schon den Abspann. Und er ruft immer direkt danach an. Ciao, amore, bis übermorgen.«

Was war dann mit Alfio los? Irgendwas hatte er doch, das war so sicher wie das Amen in der Kirche. Ihm kam eine Idee, die er für brauchbar hielt.

»Cate! Sag Alfio, er soll zu mir kommen.«

Alfio kam, trat aber nicht ein, sondern blieb an der Tür stehen.

»Was gibt’s? Ist mir was rausgerutscht, was ich nicht hätte sagen sollen?«

Na, sieh mal einer an, wie angriffslustig er war!

»Nein. Alles in Ordnung. Sag mal, bist du noch wütend auf mich?«

»Nein. Wieso sollte ich? Du bist der Boss, du sagst mir, wo’s langgeht, und ich halt mich dran.«

»Schon klar, hab verstanden, du bist also noch stinkwütend. Hör mal, lass uns die ganze Angelegenheit doch bei einem gemeinsamen Abendessen klären.«

»Heute Abend?«

»Sobald die Sendung um elf vorbei ist.«

»Ausgerechnet heute Abend kann ich nicht.«

»Wieso nicht?«

»Weil Giuditta und ich unseren vierten Hochzeitstag feiern. Wir gehen essen.«

»Meinen Glückwunsch. Also gut, dann machen wir’s ein andermal.«

»Bis morgen.«

Aber wieso hatte Giuditta ihm nichts davon erzählt? Vielleicht, um ihn nicht zu verärgern, weil ganz sicher davon auszugehen war, dass die Feierlichkeiten nach dem Restaurantbesuch im Bett fortgesetzt wurden?

Er stand auf, schloss die Tür, setzte sich wieder, zog das Handy heraus und wählte Giudittas Nummer.

»Der von Ihnen gewünschte …«

Bestimmt machte sie sich gerade fertig, um mit ihrem Mann auszugehen. Also hatte sie gar nicht wegen der Hitze geduscht. Im Übrigen war es auch gar nicht so heiß. Aber vielleicht empfand ja auch nur sie diese große Hitze – und zwar zwischen ihren Beinen.

»Direttore? Avvocato Basurto ist am Telefon.«

»Stell ihn durch.«

»Ciao, Michè.«

»Ciao, Totò, wo bist du?«

»Auf dem Parkplatz. Komm runter.«

»Welcher Parkplatz? Unserer?«

»Ja. Komm her.«

»Totò, momentan kann ich leider unmöglich weg. Können wir uns nach halb zwölf treffen?«

»Nein. Komm sofort runter. Wir machen’s wie beim letzten Mal.«

Michele Caruso stand auf und verließ das Büro.

»Cate, ich bin mal eben für zehn Minuten weg.«

Auf dem neuen Parkplatz herrschte Dunkelheit. Obwohl er erst vor sechs Monaten fertiggestellt worden war, war die Beleuchtung schon viermal ausgefallen. Einmal hatte sogar die Schranke blockiert und, weil sie nicht hochging, die Ausfahrt verhindert, sodass sie alle eine geschlagene Stunde festgesessen hatten.

Er ging auf sein Auto zu, sperrte es auf, stieg ein und schloss die Wagentür. Und hörte sofort eine Stimme hinter sich.

»Hier bin ich.«

Michele musste lachen.

»Was gibt’s denn da, verdammt noch mal, zu lachen?«

»Jedes Mal, Totò, wenn du mich zwingst, dieses Affentheater zu veranstalten, komm ich mir vor wie in einem Gangsterfilm.«

Basurto saß auf dem Rücksitz, allerdings völlig zusammengekauert, damit er nicht gesehen werden konnte, wenn ein Auto mit eingeschalteten Scheinwerfern vorbeifuhr.

»Je weniger man uns zusammen sieht, umso besser ist es«, sagte Basurto.

Darin musste er ihm völlig recht geben.

»Wieso hast du die Nachricht über den Sohn von Caputo nicht gebracht?«, fuhr er fort.

»Sie war noch nicht ganz gesichert.«

»Und nun ist sie es?«

»Jetzt, wo sie bestätigt ist, bringe ich sie um elf. Sogar mit einer Direktschaltung zum Gericht.«

»Wer ist vor Ort?«

»Marcello Scandaliato.«

»Ruf ihn an und sag ihm, er soll vorsichtig an die Sache rangehen.«

»Hör zu, Totò, ich bin innerhalb gewisser Grenzen immer bereit zu …«

»Michè, das hier ist ein zweiter Fall Montesi. Erinnerst du dich? Alles aufgebauschter Mist. Sie wollen Caputo ans Bein pinkeln und denken, dass sie es auf dem Umweg über seinen Sohn schaffen könnten. Sieh zu, dass du deinen Arsch rettest, Michè, denn am Ende muss der die Suppe auslöffeln, der sie sich eingebrockt hat. Jedenfalls rufe ich vorsichtshalber mal einen Freund beim Gericht an und lass Marcello ein paar Worte ausrichten. Mach’s gut.«

»Das war alles? Hättest du mir das nicht genauso gut auch am Telefon sagen können?«

»Michè! Weißt du denn nicht, dass dein Telefon abgehört wird? Was im übrigen für die Apparate der halben Stadt gilt.«

Er hörte, wie sich eine der hinteren Wagentüren öffnete und wieder schloss. Er zählte bis zehn, dann stieg auch er aus und ging zurück ins Büro.

»Cate, ruf Marcello an.«

»Zu Diensten, Direttore«, meldete sich Scandaliato.

»Hör zu, Marcè, weißt du schon über die Direktschaltung Bescheid?«

»Ja, alles bereit hier.«

»Was erzählt man sich da drüben bei euch?«

»Vorhin hat der ermittelnde Staatsanwalt Di Blasi gesagt, dass die Benachrichtigung an Manlio Caputo über die Einleitung eines Ermittlungsverfahrens eine reine Pflichtsache gewesen sei. Die Medien und Zeitungen sollten daher Caputo nicht zum Monster stilisieren. Zudem würden die Ermittlungen, trotz der Benachrichtigung an Caputo, auf jeden Fall in alle Richtungen fortgesetzt.«

»Was hast du persönlich für einen Eindruck von ihm? Hat er den üblichen Schrott von sich gegeben, den man bei solchen Gelegenheiten sagt, oder hat er deiner Meinung nach aufrichtig gewirkt?«

»Ooch, weißt du …«

»Jedenfalls war er vorsichtig.«

»Daran besteht kein Zweifel.«

»Und Avvocato Posatori, hat der geredet?«

»Er hat gesagt, dass er die Benachrichtigung schon seit langem erwartet und über diese Möglichkeit auch mit seinem Mandanten gesprochen habe. Dieser Mandant, also Manlio Caputo, erklärt weiterhin, mit der Sache nichts zu tun zu haben, und ist so heiter wie ein Sommerhimmel, der Glückliche. Die Moral von der Geschicht: absolutes Vertrauen in die Gerechtigkeit.«

»Marcè, ich habe den Eindruck, dass in dieser Angelegenheit alle äußerste Vorsicht walten lassen. Ich lege dir daher ans Herz, den gleichen Kurs zu verfolgen. Verstanden?«

»Direttore, ich bin ja nicht von gestern.«

Was für ein Glück, dass er den wunderbaren Einfall hatte, dieses Arschloch von Alfio daran zu hindern, gleich mit dieser Nachricht herauszukommen! Trotzdem war es besser, wenn er ein wenig in Deckung ging.

»Cate, ist Mancuso da?«

»Ja, Direttore.«

»Sag ihm, er soll kurz zu mir kommen.«

Bei Mancusos Eintreten packte ihn der Neid wie jedes Mal, wenn er ihn erblickte. Wie kam es nur, dass dieser Mann immer so makellos aussah? Nicht ein Härchen tanzte aus der Reihe. Einmal, als er mit ihm eine Straße entlangging, die sich in einen Schlammtümpel verwandelt hatte, fiel ihm auf, dass seine eigenen Schuhe schlammverkrustet waren, wohingegen die von Mancuso so blitzblank waren wie im Schaufenster eines Geschäfts.

»Setz dich, Gilbè. Du weißt sicher schon, dass eine Direktschaltung mit Marcello vorgesehen ist, der sich im …«

»Hältst du das für angebracht?«, unterbrach ihn Mancuso.

»Na ja, es ist eine wichtige Nachricht, die …«

»Das bezweifle ich nicht. Mit einer Direktschaltung vom Gericht würde diese Meldung aber ziemlich aufgebauscht. Und nach dem, was Giovanni Resta in ›Telepanoramus‹ gesagt hat, ist es besser, wenn wir den Ball flach halten.«

»Was hat er denn gesagt?«

»Er hat sich kopfüber da hineingestürzt. Ist absolut überzeugt von Manlios Schuld: Wir nehmen kein Blatt vor den Mund, wir leisten keinem Vorschub … und so weiter … und so fort … Sag mal, kann ich dich mal in aller Offenheit etwas fragen?«

»Na klar!«

»Wieso hast du Alfio zurückgepfiffen?«

»Ich verstehe nicht.«

»Dann werde ich deutlicher. Du hast Alfio verboten, einen Knüller zu landen, so hat er uns das in der Redaktion erzählt. Und nun willst du, dass ich ihn bringe, und verleihst ihm noch mehr Gewicht durch eine Direktschaltung. Warum?«

»Entschuldige mal, aber du bist doch schließlich der Moderator der Spätausgabe des Nachrichtenjournals!«

»Schon, aber warum hast du nun alles auf mich abgewälzt?«

»Entschuldige, Gilbè, dahinter stand nicht die Absicht, es …«

»Könnte man nicht wenigstens auf die Direktschaltung verzichten?«

»Glaubst du denn, das wäre sinnvoller?«

»Aber hundertmal! Ich teile die Nachricht ganz nüchtern mit, und zwar an vorletzter Stelle, und ganz zum Schluss platziere ich das Gedenkfeature über unser einmaliges Schauspielerduo Franco Franchi und Ciccio Ingrassìa. Dabei pinkeln sich die Zuschauer vor Lachen in die Hose und vergessen, was ich vorher gesagt habe.«

»Das ist vielleicht gar nicht so schlecht.«

»Ganz sicher nicht, glaub mir. Wenn wir Aufhebens um diese Benachrichtigung machen und dann am Ende herauskommt, dass dieses Mädchen von einem Albaner umgebracht worden ist, der sie vögeln wollte, wird uns der Abgeordnete Caputo die Haut abziehen und lauter kleine bunte Luftballons daraus machen.«

»Du hast mich überzeugt. Willst du Marcello Bescheid sagen, oder soll ich das tun?«

»Das musst du schon machen, du bist schließlich der Chef.«

Kaum war Mancuso gegangen, rief Caruso Cate.

»Sag Marcello Bescheid, dass die Direktschaltung gestorben ist.«

»Heilige Muttergottes! Wo der doch immer einen auf Greta Garbo macht! Bringt seinen eigenen Schminkkoffer mit und braucht eine halbe Stunde, um sich rauszuputzen, bevor er auf Sendung geht. Der wird ganz sicher mit Ihnen sprechen wollen und Einspruch erheben, bis Sie nicht mehr wissen, wo Ihnen der Kopf steht. Was soll ich also tun? Ihn durchstellen?«

»Nicht mal im Traum! Sag ihm, ich bin nicht da.«

Zehn Minuten vergingen, ohne dass Caterina sich wieder gemeldet hätte. Da rief er sie an.

»Hast du mit Marcello gesprochen?«

»Ja, Direttore.«

»Und? Hat er einen Aufstand gemacht wegen der abgeblasenen Direktschaltung?«

»Überhaupt nicht. Ich hatte Tränen und Geschrei erwartet, aber er sagte nur ›in Ordnung‹.«

Eine Erklärung gab es dafür: Ganz sicher war Totò Basurtos Freund beim Gericht zu ihm gegangen, hatte mit ihm gesprochen und ihm eine Heidenangst eingejagt.

Es fehlte noch eine Viertelstunde bis Mitternacht, als er endlich das Büro verließ.

Gilberto hatte die Nachricht nüchtern und trocken herübergebracht: Im Zuge der Ermittlungen um den Mord an der jungen Amalia Sacerdote vor einem Monat in Palermo ist heute Abend ihrem Verlobten Manlio Caputo die Benachrichtigung über die Einleitung eines Ermittlungsverfahrens zugestellt worden. Der ermittelnde Staatsanwalt Di Blasi erklärte, dass es sich dabei um die übliche vorschriftsmäßige Routine handele und die Ermittlungen in alle Richtungen fortgesetzt würden.

Und gleich darauf wurde der Bericht über Franchi und Ingrassìa gesendet.

Bei dem musste man sich wirklich vor Lachen in die Hose pinkeln.

Zwei

Er hatte gerade sein Büro verlassen und wollte sich von Caterina verabschieden, die ebenfalls im Begriff war, nach Hause zu gehen, als das Telefon klingelte. Die Sekretärin ließ sofort Handspiegel und Lippenstift fallen und nahm das Gespräch entgegen.

»Warten Sie. Ich schaue nach, ob er noch irgendwo ist.«

Sie legte eine Hand auf die Sprechmuschel und flüsterte:

»Lamantia.«

Mit dem Zeigefinger gab Caruso der Sekretärin zu verstehen, dass er nicht da sei.

»Nein, tut mir leid, er ist schon gegangen.«

»Bis morgen«, sagte der Studiodirektor.

»Bis morgen«, antwortete Caterina und setzte ihre Restaurierungsarbeit fort.

Der Parkplatz lag trostlos und verlassen da. Es gab nicht einen, der nicht gleich nach der Arbeit davonbrauste. Er dagegen hatte keinerlei Grund, nach Hause zu eilen.

Nicht zuletzt, weil er gar kein richtiges Zuhause mehr hatte. Als er sich von Giulia, seiner Frau, getrennt hatte, musste er aus der Wohnung ausziehen, in der sie zusammen gewohnt hatten, denn sie gehörte ihr. Er war in ein Residence-Hotel umgezogen, in dem er sich durchaus wohlfühlte. Doch das Provisorische dieser Art der Unterkunft verursachte ihm immer auch ein gewisses Unbehagen. Seit zwei Jahren erzählte er im monatlichen Rhythmus jedem, ihm würde es jetzt reichen, er wolle eine richtige Wohnung mieten, so könne er nicht weitermachen. Doch im letzten Augenblick, wann immer ein Freund ihn auf ein günstiges Angebot hinwies, machte er einen Rückzieher und wollte nichts mehr davon wissen. Und die Trägheit gewann wieder die Oberhand. Die Vorstellung beispielsweise, seine fünftausend eingelagerten Bücher neu zu ordnen, ließ ihn vor Schreck erblassen.

Und so hatte er nach und nach wieder die Gewohnheiten eines Junggesellen angenommen. Immer dasselbe Restaurant fürs Mittagessen und ein anderes Stammlokal fürs Abendessen. Doch oft war er auch eingeladen und lehnte eigentlich niemals ab, zum einen, weil man sich mit Freunden wohler fühlt, und zum anderen, weil er, wenn er alleine aß, melancholisch wurde.

In den drei Jahren ihrer Ehe hatte Giulia sein Leben ausgefüllt, und wie sie es ausgefüllt hatte! Sie hatte ihn verwöhnt und verhätschelt. Ihr hatte er seine Karriere bei der RAI zu verdanken. Ohne die Heiligen im Paradies als Fürsprecher kommst du da keinen Schritt vorwärts. Als Tochter eines Senators, der ein wahres politisches Schwergewicht war, hatte sie gleich nach ihrer Rückkehr von der Hochzeitsreise begonnen, ihn in die richtige Richtung zu schieben. Kein Tag verging, an dem nicht jemand zum Mittag- oder Abendessen bei ihnen zu Gast war, jemand, der von Giulia sorgfältig und ganz gezielt ausgewählt worden war, damit sie zur rechten Zeit am rechten Ort eine zweckdienliche Andeutung fallen lassen konnte. Mit einem Wort, seine Frau hatte ihn praktisch an die Hand genommen und ihm in jedem Augenblick gesagt, was er tun musste und wann. Dann hatte er eines Tages plötzlich nicht mehr Giulias Hand in seiner gespürt. Und in den beiden folgenden Monaten war er zu der Überzeugung gelangt, dass etwas Ernstes in ihr vor sich ging, doch er hatte nicht den Mut gefunden, sie darauf anzusprechen. Eines Abends, als sie beim Essen saßen, hatte sie ihm schlicht und einfach verkündet:

»Ich habe mich verliebt.«

Er war zu Eis erstarrt. Ihm fehlte die Kraft, den Mund aufzumachen. Und so hatte sie weitergeredet und dabei ihre Suppe gelöffelt.

»Es ist etwas Ernstes, Michele. Ich muss nachdenken, ich muss ein paar Tage für mich alleine sein.«

»Wo willst du hinfahren?«

»Ich weiß nicht. Vielleicht nach Rom, zu Papà. Aber ich glaube nicht, dass …«

»Hör zu, wenn du willst, kann ich gehen. Du weißt, wo du mich findest, wenn du mir etwas zu sagen hast.«

»Vielleicht ist es so am besten.«

Er war ins Schlafzimmer gegangen, hatte in aller Eile einen Koffer gepackt und war in einem Hotel abgestiegen.

Von jenem Abend an hatte er keinen Fuß mehr in die Wohnung gesetzt. Giulia hatte ihm eine Woche später ihre unwiderrufliche Entscheidung mitgeteilt. Und an seiner statt befand sich nun in jener Wohnung, in jenem Bett Massimo Troina, ein erfolgreicher Rechtsanwalt, der im Schatten von Giulias allmächtigem Vater politische Ambitionen entwickelte. Die Sache hatte allenfalls ein paar Monate für ein gewisses Aufsehen gesorgt; danach hatten sich alle daran gewöhnt, Massimo und Giulia immer zusammen zu sehen. Sie versteckten sich ja nicht, sie machten kein Geheimnis aus ihrer Beziehung, und so war er als ihr Ehemann praktisch ausgelöscht.

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