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Das Mysterium der Zeit

Francesco Sorti; Rita Monaldi

Das Mysterium der Zeit

Die Möbius-Tetralogie Geschichten mit zwei Gesichtern

Aus dem Italienischen übersetzt von Annette Kopetzki

Der Roman Verschleierung ist das andere Gesicht der Geschichte

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Inhaltsübersicht

Ich weiß

Prolog

Diskurs I

Diskurs II

Notiz

Betrachtung

Diskurs III

Diskurs IV

Diskurs V

Notiz

Diskurs VI

Diskurs VII

Betrachtung

Diskurs VIII

Diskurs IX

Diskurs X

Diskurs XI

Diskurs XII

Diskurs XIII

Diskurs XIV

Diskurs XV

Diskurs XVI

Dialog

Diskurs XVII

Diskurs XVIII

Diskurs XIX

Notiz

Diskurs XX

Diskurs XXI

Diskurs XXII

Diskurs XXIII

Diskurs XXIV

Diskurs XXV

Diskurs XXVI

Dialog

Diskurs XXVII

Diskurs XXVIII

Diskurs XXIX

Diskurs XXX

Diskurs XXXI

Diskurs XXXII

Diskurs XXXIII

Diskurs XXXIV

Diskurs XXXV

Dialog

Dialog

Diskurs XXXVI

Notiz

Diskurs XXXVII

Diskurs XXXVIII

Diskurs XXXIX

Notiz

Diskurs XL

Diskurs XLI

Diskurs XLII

Notiz

Diskurs XLIII

Diskurs XLIV

Diskurs XLV

Dialog

Notiz

Diskurs XLVI

Notiz

Notiz

Diskurs XLVII

Dialog

Diskurs XLVIII

Diskurs XLIX

Diskurs L

Diskurs LI

Diskurs LII

Dialog

Diskurs LIII

Diskurs LIV

Diskurs LV

Diskurs LVI

Notiz

Diskurs LVII

Diskurs LVIII

Diskurs LIX

Diskurs LX

Dialog

Diskurs LXI

Diskurs LXII

Diskurs LXIII

Diskurs LXIV

Diskurs LXV

Diskurs LXVI

Diskurs LXVII

Diskurs LXVIII

Diskurs LXIX

Diskurs LXX

Diskurs LXXI

Diskurs LXXII

Diskurs LXXIII

Notiz

Dialog

Dialog

Betrachtung

Diskurs LXXIV

Betrachtung

Diskurs LXXV

Diskurs LXXVI

Betrachtung

Diskurs LXXVII

Betrachtung

Betrachtung

Diskurs LXXVIII

Diskurs LXXIX

Diskurs LXXX

Diskurs LXXXI

Diskurs LXXXII

Diskurs LXXXIII

Diskurs LXXXIV

Diskurs LXXXV

Diskurs LXXXVI

Diskurs LXXXVII

Notiz

Diskurs LXXXVIII

Diskurs LXXXIX

Diskurs XC

Diskurs XCI

Diskurs XCII

Diskurs XCIII

Diskurs XCIV

Diskurs XCV

Diskurs XCVI

Diskurs XCVII

Diskurs XCVIII

Diskurs IC

Diskurs C

Diskurs CI

Diskurs CII

Diskurs CIII

Diskurs CIV

Diskurs CV

Diskurs CVI

Diskurs CVII

Diskurs CVIII

Diskurs CIX

Kurze Anmerkung der Autoren

Anhang I: Das Rätsel um Bouchard

Anhang II : Die erfundene Zeit

Epitaph

Anmerkungen (Die Möbius-Tetralogie. Der Fall Galileo. Atto Melani und die Kastraten. Figuren und Gladiatoren. Korsaren und Renegaten. Gorgona)

Bibliographie

Fußnote

 

|5|Unseren dreißig Übersetzern in aller Welt

Secretari geheimster Absichten

in Dankbarkeit, Wertschätzung und Zuneigung

 

Für Mario Merlino, Übersetzer mit Herzblut, in memoriam

|13|ICH WEISS

Ich weiß die Namen der Verantwortlichen.

Ich weiß die Namen der »Spitze«, die steuerte.

Ich weiß die Namen der Auftraggeber.

Ich weiß die Namen der Mächtigen.

Ich weiß die Namen derer, die …

Ich weiß die Namen ernsthafter und bedeutender Persönlichkeiten.

 

Ich weiß alle diese Namen und weiß alle Fakten.

Ich weiß. Aber ich habe keine Beweise.

 

Ich weiß, weil ich ein Schriftsteller bin, der versucht, sich all das vorzustellen oder aus den Tatsachen zu folgern, was man nicht weiß oder was verschwiegen wird; jemand, der weit voneinander entfernte Fakten verknüpft, der die versprengten Einzelteile und Bruchstücke eines zusammenhängenden politischen Gesamtbildes wieder verbindet, der die Logik dort wiederherstellt, wo Willkür, Wahnsinn und Geheimnis zu herrschen scheinen. All das gehört zu meinem Beruf und zum instinktiven Wissen meines Berufs. Ich glaube, es lässt sich schwerlich behaupten, dass mein »Romanprojekt« verfehlt ist, dass es keinen Bezug zur Realität hat, dass seine Bezüge auf wirkliche Personen und Ereignisse ungenau sind.

Ich glaube, dass viele andere Schriftsteller dieselben Dinge wissen, die ich als Schriftsteller weiß. Denn die Wahrheit zu rekonstruieren ist im Grunde nicht so schwierig …

 

(Gekürzter Auszug aus: Pier Paolo Pasolini, Cos’è questo golpe? (Was ist dieser Putsch?), »Corriere della sera« vom 14. November 1974)

|15|PROLOG

Über den Secretarius

Jene kleinen Dinge, ohne welche es die großen nicht gäbe, sollte man nicht als geringfügig verachten. Eines davon ist der Secretarius.

 

Herzstück und Seele der Tätigkeit des Secretarius ist die Darstellung von Gedanken in schriftlicher Form. Es ist eine wahrhaft engelsgleiche Tat, die ersten Keime und das Mark der Ideen seines göttlichen Padrone in Sprache zu fassen und mit Tinte in regelmäßigen Linien auf das Papier zu übertragen. Dem formlosen Rohstoff der Gedanken eines anderen Menschen verleiht der Secretarius mit seiner Feder Klarheit und Deutlichkeit; im Sinnbild eines Buchstabens erfüllt er die noch schattenhafte Idee mit Glanz, welche, da sie somit Licht und Geist empfangen, nun weit entfernte Dinge nah erscheinen lässt, Verhandlungen erleichtert, Zeiten abstimmt, Erinnerungen befestigt und überall dort, wohin ihre Schrift gelangt, die Welt verkleinert.

Der Secretarius ist also der engelhafte Teil der politischen Macht, ihre zur Form gewordene Kraft. Daher haben die Theologen die Würde des Secretarius jener der Engel verglichen, die Gott am nächsten sind.

 

Der Secretarius besitzt kein Erscheinungsbild. Aus seinem Körper, seinen Gesten, seiner Kleidung und Sprechweise formt er sich ein Dasein im Schatten, in der selbstgewählten Unauffälligkeit, Anonymität und Einsamkeit. Seine Sprache ist frei von regionalen oder lokalen Färbungen und seine gesunde, robuste Konstitution zwängt er in eine Rüstung aus strengem, schwarzem, in jugendlichem Alter allenfalls aschgrauem Tuch, wie der Castiglione in seinem Hofmann rät. Er trägt weder Schwert noch Helmbusch, enthält sich gesellschaftlicher Konversation und jeglicher Zusammenkünfte, zeigt Ernst, Aufrichtigkeit und Bescheidenheit in allen seinen Handlungen, flieht das Gespräch, wo er kann, und speist bevorzugt allein.

 

|16|In dieser Weise schleicht sich der Secretarius mit schneckengleichem Geschick in die Nähe seines Padrone und steigt langsam zu dessen Vertrauten auf.

Einst ward er Skribent genannt. Heute rührt sein Name vom secretum her, dem Studierzimmer und Archiv der Fürsten, wo er der Wächter geheimer Schriften ist.

Alles, was sich im Staate seines Fürsten zuträgt, sieht der Secretarius von den ersten Wurzeln an entstehen, er kennt das Nachsinnen über diesen und alle anderen Fälle, und er sieht dergleichen Überlegungen auch im Herzen seines Fürsten wie in einer starken Festung geborgen, oder besser gesagt, wie in einer heiligsten und höchst sicheren Sakristei, welcher denn auch sein Name zu ähneln scheint.

 

Doch aufgepasst: Zwischen dem Secretarius und seinem Padrone gibt es keine Freundschaft außer der förmlichen des bloßen Anscheins, der trügerischen Sprünge, des fortwährenden Wechselspiels von Gefälligkeiten und Huldigungen, in dessen Nebeldunst beides ununterscheidbar wird. Begünstigter und Secretarius zu sein, verträgt sich schlecht. Allein weil er dir vertraut hat, wird der Fürst deinen Verrat fürchten, er wird dich hassen wie einen Tyrannen, weil ihm dünkt, du habest seine Freiheit in der Hand, während er sein Gewissen aufs Spiel gesetzt hat. Die Würde des Secretarius ist daher flüchtig, stets gefährdet und leicht zunichte zu machen.

 

Wie auch Justus Lipsius rät, bewahren nur Beständigkeit und taktische Vorsicht vor Hinterhalten, leidvollen Erfahrungen und der eisernen Faust der Macht. Wo also Umsicht und Bedachtsamkeit geboten sind, verheimlicht der Secretarius, dass er weiß und versteht, spart mit seinen Gaben und hält sich bedeckt, wie Sallust junior, Secretarius des Kaiser Tiberius, von dem in Tacitus’ Annalen erzählt wird. So groß waren die verborgene Stärke seiner Seele und die Schärfe seines Verstandes, dass er Heldentaten hätte vollbringen können, und beides wurde umso mächtiger, je mehr er sie hinter einer vorgetäuschten Neigung zur Schläfrigkeit und Faulheit verbarg.

Das Amt des Secretarius ist an allen anderen Amtsgeschäften beteiligt, doch hat kein anderes Geschäft irgendeinen Anteil am Amt des Secretarius, woraus folgt, dass der Secretarius sich auf sämtliche Machenschaften der anderen versteht, wohingegen niemand etwas |17|von seinen Machenschaften weiß. Als wichtigstes Mitglied im Rat des Fürsten muss der Secretarius Ohren und Verstand allerorten gebrauchen, die Zunge jedoch nur innerhalb der Ratssitzung. Da er für Sendschreiben und verschlüsselte Kodizes der Kanzleien verantwortlich ist, unterliegt er der Schweigepflicht.

 

Sein ganzes Leben ist stumme Überredungskunst.

|19|ÜBERAUS NÜTZLICHE

DISKURSE

versehen mit

BETRACHTUNGEN

NOTIZEN

EXEMPLA

&

DIALOGEN

Gewonnen aus den Begebenheiten im Jahre des Herrn 1646

Zusammengestellt zum Nutzen und Frommen des Signorino

ATTO MELANI

aus Pistoia

MUSICUS DES GROSSHERZOGS DER TOSKANA

 

AM FRANZÖSISCHEN HOFE

|21|DISKURS I

Darin in einem Brief von einer ersten Reise nach Paris auf der Suche nach Ruhm und Ehren erzählt wird und vermöge dieser Schilderung die Vorboten der Geschichte auftreten.

An den Erlauchten Hauptmann Girolamo Sozzifanti, Cavaliere des Ordens Santo Stefano

 

Exzellenz,

Euch stets in untertäniger und glühender Liebe als Secretarius ergeben, erfülle ich mit diesem Schreiben Eure Bitte um einen wahrheitsgetreuen, peinlich genauen Bericht der Reise, welche der Signorino Atto Melani, der mir als Mündel anvertraut ist, im November des Jahres 1644 von Rom nach Paris unternahm, woselbst er von Seiner Eminenz Kardinal Mazarin, dem Regierenden Minister von Frankreich, und von der Königin, Eurer Cousine, erwartet wurde.

Euren Instruktionen folgend, werde ich jede einzelne Begebenheit, wie ich sie selbst oder von anderen erfahren, getreulich verzeichnen. Dies geschieht Eurem Wunsch gemäß, regelmäßig Kunde über Signorino Atto zu erhalten.

 

Nachdem wir wohlbehalten und gesund hier in Marseille angekommen sind, werden wir die Reise nach Paris zu Lande fortsetzen. Im Augenblick kann ich nur sagen, dass dieses letzte Stück der Fahrt eine gute Weile dauern wird, denn wir fanden die Straßen in einem verheerenden Zustand. Auch bieten die Wirtshäuser von Frankreich dürftiges und schlechtes Essen, was den Signorino Atto für die Mühen einer so langen Reise gar nicht gut disponiert. Dennoch kann Eure hochverehrte Exzellenz auf meinen unermüdlichen Willen zählen, die Aufgabe, die Ihr mir so großzügig übertragen, in der allerbesten Weise zu erfüllen.

 

Am vergangenen 22. November sind Signorino Atto und ich also von Rom nach Florenz gereist, um den Tenor Jacopo Melani, Attos älteren |22|Bruder, und die Sopranistin Francesca Costa, genannt La Checca, abzuholen, da sie zusammen mit anderen Musikern und Schauspielern auf Befehl Kardinal Mazarins in Paris erwartetet werden, um an musikalischen und poetischen Darbietungen teilzunehmen. In Livorno angekommen, haben wir uns auf einer Handelsgaleere eingeschifft, deren Ziel Genua war, wo wir Station machen sollten, um dann nach Marseille weiterzureisen und von dort aus in der Kutsche nach Paris zu gelangen. Auf der nämlichen Galeere befanden sich noch andere Literaten und Musiker. Der Kapitän wunderte sich, dass der Mangel an Platz und Bequemlichkeit die gute Stimmung unter den Reisenden nicht beeinträchtigte. Ihr friedliches Beisammensein, erklärte ich ihm persönlich, verdanke sich der Tatsache, dass die meisten einander schon kannten, da sie zusammen in der musikalischen Komödie des Giulio Strozzi La Finta Pazza aufgetreten waren. Dieses Schauspiel hat vor über drei Jahren im Teatro Novissimo von Venedig einen unerhörten Erfolg gefeiert und soll jetzt in Paris am Königshof als großzügige Hommage Ihrer durchlauchtigsten Hoheit, des Großherzogs der Toskana, an die Königin von Frankreich, Eure Cousine, und an Kardinal Mazarin, ihren Regierenden Minister, aufgeführt werden.

Während der Reise stand uns Monsignore Alessandro Fabri, Secretarius von Kardinal Mazarin, zur Seite. Er kam soeben vom Konklave zurück, bei dem Innozenz X. Pamphili zum Nachfolger des verstorbenen Papstes Urban VIII. Barberini gewählt wurde. Monsignore Fabri ist ein überaus liebenswürdiger Mensch, er hat uns in allen Dingen geholfen und keinen unserer Wünsche unerfüllt gelassen.

Ich kann außerdem berichten, dass alle Passagiere, die der Erwähnung wert sind (ausgenommen also die Mannschaft, die Händler, die ihre Waren auf dem Schiff transportierten, und die schmutzige Schar der an die Ruder geketteten Galeerensträflinge), ein fortwährendes Loblied auf die Regierung Seiner durchlauchtigsten Hoheit, des Großherzogs de’ Medici, sangen, welcher fürwahr der weiseste, achtbarste und reinste aller Herrscher ist. Sie haben sämtlich beteuert, dass Seine durchlauchtigste Hoheit, wie schon Seine Vorgänger aus dem Hause Medici, bei Seinen Untertanen Gottesfurcht, ehrbare Sitten und einen rechtschaffenen Lebenswandel trefflich fördert und darob den höchsten Lobpreis verdient.

 

|23|Ich muss hinzufügen, dass Signorino Atto in Wahrheit zunächst sehr ungern aus Rom wegging, wo er seine Kunst verfeinern konnte, da er dort dank der Lektionen des Maestro Luigi Rossi, seiner Gemahlin Costanza, einer Harfenistin und Sängerin, sowie des umjubelten, bekanntesten Kastraten von Rom, des berühmten Marcantonio Pasqualini, genannt Malagigi, die deliziösesten Raffinessen des Gesangs erlernte.

In Rom hat Signorino Atto es sich angelegen sein lassen, das Beste seines Könnens zu geben, vorzüglich bei seinem letzten Konzert im Palazzo Barberini, der Residenz der Neffen des verstorbenen Papstes. Es war dies ein denkwürdiger Abend in Gegenwart vieler Nobilitäten und Purpurträger. Sogar den Signori Malagigi und Rossi traten, als sie Atto zum letzten Mal vor seiner großen Reise singen hörten, Tränen der Freude über die Fortschritte ihres Schülers in die Augen, und ich kann Eure Exzellenz versichern, dass unser junger Kastrat in den Ohren der römischen Fürsten eine unauslöschliche Erinnerung an sich hinterlassen hat, was den Ruhm des durchlauchtigsten Geschlechts der Medici gewisslich mehren wird.

 

Der erste Tag der Seereise von Livorno nach Genua ward von einem sehr starken Ostwind getrübt, welcher uns sofort vom Kurs abbrachte, sodass wir noch vor Anbruch des Abends bei der Insel Gorgona vor Anker gehen mussten, der kleinsten Insel des Archipels, die wie alle Inseln im Meer der Toskana zum Hoheitsgebiet Ihrer durchlauchtigsten Hoheit, des Großherzogs Ferdinando, gehört.

Während der ersten Nacht, die wir am Ankerplatz von Gorgona verbringen mussten, habe ich, Euren Anweisungen folgend, sorgsam darauf geachtet, dass Signorino Atto gebührend ruhte und weder von fremden Menschen noch von enervierenden Gedanken gestört wurde, und tatsächlich hat er vortrefflich geschlafen.

Am nächsten Tag ging die Rudermannschaft der sogenannten Bereitwilligen (in Wahrheit ein höchst unpassender Name für diese unflätigen Tagelöhner) mit Krügen auf die Insel, um Wasservorräte zu holen. Leider wurde einer der Passagiere, welche mit den Ruderern an Land gegangen waren, um sich die Beine zu vertreten, von einer Schlange gebissen. Da die medizinische Ausstattung unseres Schiffes recht kärglich war, empfahl der an Bord weilende Wundarzt, den Verletzten in Gorgona zu lassen, wo er eine Behandlung erhalten und der |24|nötigen Ruhe für seine Genesung pflegen könne. Sobald er die kurze Seereise antreten könne, solle er in die Toskana zurückgebracht werden. Signorino Atto, in Gesangsübungen zu Ehren Ihrer durchlauchtigsten Hoheit vertieft, gewahrte den Zwischenfall zwar mit Interesse, ließ sich aber glücklicherweise dadurch nicht allzu sehr verstören.

Die restliche Fahrt verlief ohne große Hindernisse, dank des sich bessernden Wetters und des günstigen Windes, der uns Verzögerungen ersparte. Signorino Atto vertrieb sich die Zeit, indem er sich bei seinen Gesangsübungen auf einer kleinen Gitarre begleitete, Karten spielte und einige Arien für Solostimme schrieb, welche er Ihrer durchlauchtigsten Hoheit so bald wie möglich schicken wird (noch wagt er es nicht, da er sich seiner Schöpfungen nicht sicher ist). Bei alledem hat er auch die Lektüre der Bücher, die ich zu seiner Belehrung und Erbauung mit mir führte, nicht verschmäht.

 

Kurzum, ich kann bestätigen, dass Euer Schützling sich während der gesamten Reise ausnehmend gut betragen hat, und niemals habe ich ihn ungehörige Dinge sagen oder tun sehen. Ebenso ist er all meinen Empfehlungen gefolgt, sodass man sagen darf, kein junger Mensch seines Alters könnte ein löblicheres Verhalten zeigen.

Der Signorino ist eine aufrichtige Seele, dankbar nimmt er alles an, was ihm der Wille Gottes auf seinem Weg zuträgt, und ist mit größter Freude zur Reise nach Frankreich bereit. Der durchlauchtigste Großherzog und sein Bruder, unser Erhabener Fürst und Herrscher, können mit ihrem jungen Günstling und Eurem Schutzbefohlenen höchst zufrieden sein und darauf vertrauen, dass er ihnen weiterhin treu ergeben und den Interessen des Großherzogtums nützlich sein wird.

Gott möge uns die erhabene Kunst der Kastraten erhalten, da sie der Welt die himmlischsten Stimmen schenken, welche das menschliche Ohr zu hören vermag! Allein ihr engelsgleiches Antlitz entzündet in allen Herzen die Sehnsucht, in die unbekannten, verborgenen Räume der göttlichen Gnade vorzudringen und dort für immer zu verweilen. Dergestalt dienen sie Euer durchlauchtigsten Hoheit mit ihrer ganzen Kunst und ihren mannigfaltigen Tugenden! Wurden sie denn nicht nach dem Gebot des Evangelisten zu Eunuchen des Himmelreichs gemacht?

|25|DISKURS II

Darin, zwei Jahre später, abermals das Glück in Paris gesucht wird.

Verflucht sei der Tag, da ich dir begegnet,

Musik, ewiger Tod,

derer, die dich bei Hofe ausführen.

Warum zerspringt mir das Herz nicht

so wie die Saiten springen?

 

Im trunkenen Gesang, mein junger Atto, schwoll dir die jugendliche Brust, während deine langen Arme und die zarten Finger des Kastraten gleich einer Bittschrift Voluten an den Himmel zeichneten, der am Horizont mit dem Blau des Mare Nostrum verschmolz, wie die alten Römer das Mittelmeer zu nennen beliebten.

Der Dezemberwind, der über das Meer wehte, peitschte deinen Hals, du hättest dich diesen Gefahren nicht aussetzen sollen. Bekleidet warst du mit jenem fleischfarbenen damastenen Hemd, das du zum ersten Mal in Rom trugst, an jenem denkwürdigen Abend im Palazzo Barberini, als das Toben des Applauses fast die Fresken von der Decke gelöst hätte. Seither hast du dieses Hemd jeden zweiten Tag angezogen, im Glauben, es brächte dir Glück.

 

Nun aber schrieben wir das Jahr 1646; zwei Jahre waren seit der ersten Reise nach Paris vergangen. Wir befanden uns als Gäste auf einer Galeere der französischen Kriegsflotte, einem schlanken Schiff mit ungewöhnlich reicher Verzierung, beginnend bei der prächtigen Galionsfigur, die den Bug schmückte. An Bord waren nur wenige Matrosen, die Bänke der Ruderer waren nur halb besetzt, das Segel am einzigen Mast ward feierlich vom Wind gebläht.

Die Überfahrt hatte soeben begonnen. Zielhafen in Frankreich war dieses Mal nicht Marseille, sondern der Militärhafen von Toulon. Von dort würde ich den üblichen Brief an den Hauptmann Sozzifanti schreiben müssen, meinen Padrone und deinen Paten, um ihn zu beruhigen, dass alles gutgegangen war.

Noch kreuzten wir im Viereck zwischen Livorno, Korsika und Orbetello, in dem, umgeben von fischreichen Gewässern, die Inseln des |26|Toskanischen Archipels Giglio, Pianosa, Elba, Capraia und Gorgona liegen, nützliche Stellungen für das Ausspähen von Piratenschiffen, doch auch geeignet, Verbrecher und arme Irre dort auszusetzen. Diese Inseln sind vor allem von vitaler Bedeutung für die militärische Sicherheit des Großherzogtums, welches von hier aus den Schiffsverkehr zwischen dem Ligurischen und dem südlichen Tyrrhenischen Meer kontrolliert, und damit auch jenen zwischen Frankreich und dem spanischen Vizekönigreich beider Sizilien.

 

Du probtest das berühmte Duett aus der Finta Pazza, das du zwei Jahre zuvor in Paris und davor noch in Venedig, eben fünfzehnjährig, gesungen hattest. Dein Partner setzte rechtzeitig ein, mit einem amüsanten nasalen Stimmchen sang er die Rolle der Prinzessin Deidamia:

 

»Was murrst du, halber Mann?«

 

Dann fing er lauthals an zu lachen. Barbello war es, der kleine, rundliche Kastrat aus Venedig, dessen kastanienbraune, zu einem Pagenkopf geschnittene Haare ihm tief in die Stirn bis fast über die Augen fielen und dessen Wangen mit falschen Muttermalen und Bleiweiß geschminkt waren. Obwohl es doch auch das seine war, spottete er gern über dein weibisches Wesen, denn er konnte dich mit seinen Sticheleien gehörig aus der Fassung bringen.

»So nehmt den Lorbeer, die Palmzweige und die Tressen«, rezitierte er sodann mit feierlichem Ernst. Wie üblich waren es Verse aus dem Adone von Marino, den er stets in einem Sack aus gewachstem Leinen bei sich zu tragen pflegte.

»Es ist eiskalt, Signorino Atto«, ermahnte ich dich. »Wenn Ihr jetzt Eure Stimme verliert, könntet Ihr Euch ebenso gut gleich vom Schiff stürzen und niemals in Paris ankommen. Und schlagt Euch endlich diese Finta Pazza aus dem Kopf. Dieses Mal wird in Frankreich doch eine neue musikalische Komödie eingeübt, oder irre ich mich?«

Während Barbello dir die Krone auf den Kopf setzte, warfst du mir einen finsteren Blick zu. Der Gedanke, dass du nicht wusstest, was man dir in Paris zu singen geben würde, quälte dich. Diese zweite Reise zu Ruhm und Ehren auf französischem Boden begeisterte und ängstigte dich gleichzeitig. Würde dein zweiter Auftritt bei Hofe ebenso viel Aufsehen erregen wie jener zwei Jahre zuvor? Würde er |27|ebenso viel Applaus bekommen? Insgeheim hegtest du die entsetzliche Befürchtung, man könnte dir eine alberne Nebenrolle andrehen.

Selbst dein Lehrer, Maestro Marcantonio Pasqualini, genannt Malagigi, der uns auf dieser Reise begleitete, hatte trotz seiner ausgezeichneten Kontakte nichts in Erfahrung bringen können. Seit einiger Zeit schrieb der päpstliche Nuntius in Frankreich in seinen Briefen nach Rom, dass in Paris ein Ballett für den Herzog von Enghien, den Sieger der Schlacht bei Rocroi, vorbereitet werde, von dessen Großartigkeit und Prächtigkeit alle bereits schwärmten, ohne doch das Geringste darüber zu wissen (das Schöne an den Franzosen ist ihre Begeisterungsfähigkeit, sagte Pasqualini immer). Von musikalischen Dramen hingegen war keine Rede.

Kaum waren wir im Hafen von Livorno angekommen, hatte Malagigi bei allen anderen Sängern, die seit Tagen darauf warteten, sich einschiffen zu können, Erkundigungen eingeholt. Während der langen Aufenthalte in einer Taverne am Hafen war ich immer wieder zur Anlegestelle geeilt, um zu erfahren, wann wir auf das Schiff gehen konnten, und unterdessen hatten die Sänger und Musiker alle nur erdenklichen Vermutungen bis hin zu den dümmsten Klatschgeschichten ausgetauscht. Doch das Ergebnis war nur, dass niemand wusste, warum wir alle auf Befehl Kardinal Mazarins in ein Schiff gepfercht werden sollten, das uns bis ins ferne Paris bringen würde. Im letzten Moment waren wir dann aus Platzgründen (wie Malagigi vermutete) auf mehrere Schiffe verteilt worden. Der größte Teil der Sänger, einschließlich deines Bruders Jacopo, war ein paar Tage vor uns auf einem Handelsschiff nach Marseille abgereist. Malagigi, Barbello, die Sopranistin Rosina Martini, du und ich in deinem Gefolge, waren mehrmals an die Mole gerufen worden, wo wir stundenlang vergeblich warteten. Das hatte beträchtlich an unseren Nerven gezerrt, bis ich nach endlosem Hin und Her von einer Anlegestelle zur anderen endlich mit der Nachricht zurückkehren konnte, dass wir an Bord einer prachtvollen Kriegsgaleere geladen waren. Der Kommandant des Schiffes hatte sich für die Wartezeit entschuldigt, indem er mir sagte, es sei der ausdrückliche Wunsch Seiner Eminenz Kardinal Mazarins gewesen, dass ihr vier, die berühmtesten Sänger, die am Hof erwartet wurden, mit größtmöglicher Bequemlichkeit reist. Man hatte darum dieses prachtvolle Schiff der französischen Kriegsflotte ausgesucht, das nach militärischen Operationen gegen spanische Schiffe im Toskanischen Meer |28|nun seine Heimreise in den Hafen von Toulon antreten sollte. Der Stolz über eine so privilegierte Behandlung hatte deine und Malagigis Befürchtungen ein wenig gemildert und euch über die Absichten des Kardinals beruhigt.

Doch an Bord war der nagende Zweifel wieder aufgetaucht. Der Abbé Francesco Buti, der das Libretto für die neue Oper hätte schreiben sollen, und der Komponist, dein geliebter Lehrer Luigi Rossi, saßen seit Monaten untätig in Paris. Um nicht ganz müßig zu sein, komponierte Rossi ein paar Kantanten für Solostimme. Mazarin machte nicht die leiseste Anspielung auf irgendein musikalisches Werk, trug Rossi aber gleichzeitig auf, fast täglich nach Rom zu schreiben, um die Abreise italienischer Sänger zu beschleunigen. Der Kardinal übte vermittels seiner Agenten sogar Druck auf Italien aus und ließ die zur Reise bereiten Sänger auf französische Kriegs- oder Handelsschiffe bringen, die in toskanischen Gewässern kreuzten. Doch mehr geschah nicht. In den nächsten Monaten war nur das Ballett für den Herzog von Enghien geplant, worin es nicht einmal für ein Fünftel aller von Mazarin nach Paris bestellten Sänger eine Rolle gab. Warum dann dieses beharrliche Drängen beim Papst in Rom und bei den Medici in Florenz, warum die anmaßenden Forderungen, die einen diplomatischen Zwischenfall heraufzubeschwören drohten? Den Florentinern hatte der Kardinal sogar geschrieben, dass die Königin Anna es ohne dich nicht aushalten könne. Aber die Rechnung ging nicht auf – es würde Monate brauchen, um das Libretto und die Musik für Sänger und Orchester zu schreiben, das Stück einzustudieren und die Bühnenbilder zu entwerfen und zu bauen. Das bedeutete, dass auch du, lieber Atto, zu langer, unerklärlicher Untätigkeit verurteilt sein würdest.

In deinem Blick las ich dieselbe Bestürzung und Unruhe wie in dem aller anderen Musiker. Du hattest keine Zeit zu verlieren. Die Bahn deiner Karriere wies steil in die Höhe, jeder Monat, jede Woche konnte den Augenblick des großen Erfolges bringen, das Erreichen des Gipfelpunktes, der dir endgültig jenen Ruhm sichern würde, von dessen Erträgen du für den Rest deines Lebens würdest zehren können. Vielleicht würdest du vom König ein Benefizium erhalten, eine Pension, eine Sinekure. Warum also nach Paris gehen und dort die Hände in den Schoß legen müssen? Was um alles in der Welt hatte der Kardinal vor?

 

|29|»Verschwinde, du Idiot!«, schriest du Barbello an, während du versuchtest, ihm einen Tritt zu geben. Erst hatte er dir den verschmähten Lorbeer angeboten, dann hatte er dir blitzschnell einen Batzen eiskalte, tropfnasse Algen in die Hose gestopft und war grinsend davongelaufen.

Hin- und hergerissen zwischen Lachen und Wut, doch sorgsam bedacht, mir ja nicht zu gehorchen und deinen Hals endlich vor dem Wind zu schützen, warfst du einen Blick über das Meer, in dem deine ganze Verwirrung lag.

Gewiss, die prächtige französische Galeere, die uns über das Meer trug, war wirklich etwas anderes als das knarrende italienische Handelsschiff, das uns auf der ersten Reise beherbergt hatte. Dieses Mal schliefen wir nicht gänzlich angekleidet im Kielraum unter den Bänken der Ruderer auf spärlichen Strohhaufen ausgestreckt, unter Fenstern so eng wie Schießscharten. Wir beide hatten, ebenso wie andere Passagiere, ein kleines Gelass für uns, fast wie die Kabinen der Offiziere an Bord. Das Schiff war nicht groß, aber außergewöhnlich gepflegt, die hölzerne Reling mit Schnitzereien verziert, der Rumpf reich vergoldet, und am Heck hing eine wunderschöne Laterne aus buntem Glas von ungewöhnlich kostbarer Machart. Sogar die auf beiden Seiten mit Arabesken verzierten Ruderblätter waren eines Kunsttischlers würdig.

Doch aller Prunk war dir gleichgültig geworden. Auf diesem Schiff auf offener See fehlte dir Luigi Rossi, der große Maestro, der dich in Rom in die geheimen Finessen der Gesangskunst eingeweiht hatte. Du konntest es kaum erwarten, ihn in Paris zu sehen, wo er dir vielleicht sogar Mazarins unverständliche Pläne erklären würde. Auch seine Gemahlin Costanza fehlte dir, die rotblonde Harfenistin und Sängerin, die deinen Gesang bei Rossis Unterrichtsstunden so oft begleitet hatte. Dir fehlte der Anblick der eleganten, hochmütigen Fürsten von Rom, wenn sie aus ihrer Kutsche steigen und Lakaien ihnen mit Peitschenhieben einen Weg durch die Menge bahnen, dir fehlten die Kardinäle in ihren purpurroten Soutanen und glänzenden Schuhen – Eminenz, ich küsse Euren Ring, habt die Gnade, mich mit Eurer Protektion zu beehren …

Sieben oder acht Tage Seereise von Livorno nach Toulon, dann weiter zu Lande. Schlecht essen, noch schlechter schlafen: Unbilden, die auch die Kräftigsten zermürben. Auf der ersten Reise hattest du das Schaukeln des Schiffs gut ertragen, diesmal musstest du dich schon am ersten Tag dreimal übergeben. Die glänzenden, kahlrasierten Schädel |30|der rudernden Galeerensträflinge, die Rücken der türkischen Sklaven und die sonnenverbrannten Schultern der Bereitwilligen, der gedungenen Ruderer mit ihren schweißgetränkten Bärten, waren der einzige Anblick, der sich deinen Augen bot. Hinzu kam der unerträgliche Gestank von Erbrochenem und Kot, der auf Kriegsschiffen herrscht und von dem alle sagen, er sei schlimmer als der Gestank auf Sklavenschiffen. Zwischen zwei Ruderschlägen spuckten die Sträflinge auf den Boden und warfen dir und Malagigi finstere Blicke zu: Frauen an Bord bringen Unglück, von Kastraten ganz zu schweigen.

Nicht zuletzt fehlte dir wohl auch der Zauber der Nächte im Freien, wo du zwar die Bequemlichkeit des Kastells am Heck entbehren musstest, aber dennoch vor der Kälte geschützt warst, dank des Feuers an Deck, der Tiere, die mit uns reisten, deiner Jugend und sonderlich der Frauen. Dieses Mal war die Checca schon in Paris, also fehlte dir das mütterliche Geschick einer erfahrenen Sängerin, die es fertigbrachte, dass du dich noch wenig als Mann fühltest. Damals, auf unserer ersten Reise nach Paris, warst du unter dem schwarzen Gewölbe des bestirnten Himmels und einer diskreten Decke wirklich gut versorgt. Ihre Schwester Margherita Costa aus Venedig hätte mit uns an Bord sein sollen, eine in ganz Rom bekannte Sängerin und Kurtisane, auf die du sehr neugierig warst. Doch seltsamerweise bekamen wir sie nicht zu Gesicht, und man berichtete uns, sie habe sich schon vor unserer Ankunft im Hafen von Livorno nach Frankreich eingeschifft.

Freilich kannte ich auch das Geheimnis deines jugendlichen Herzens: Eben fünfzehnjährig und schon seit einigen Jahren im persönlichen Dienst der Brüder des Großherzogs stehend, wurdest du in die Freuden der Liebe eingeweiht, der wahren Liebe. Dies geschah in Venedig und ausgerechnet dank der Finta Pazza. Noch immer konnte ich auf deinem Gesicht die Erinnerungen an diesen Traum der Leidenschaft und des Erfolgs ablesen, an deinen großen Auftritt in Venedig vor fünf Jahren. Während der Probenzeit hatte die sechs Jahre ältere Barbara Strozzi, eine sangesfreudige Musikerin und uneheliches Kind des Dichters Giulio Strozzi, des Librettisten der Finta Pazza, ein Auge auf dich geworfen. Die Strozzi war soeben von ihrem reichen adeligen Liebhaber schwanger geworden, jenem Giovanni Vidman, dem ihr Vater das Libretto der Finta Pazza gewidmet hatte. Nichtsdestoweniger hatte sie sich in dich verliebt, und zwar so sehr, dass in Venedig sogar ein Spottlied auf euch beide in Umlauf war:

 

|31|Etwas erklären und etwas sein, sind verschiedene Dinge,

für mich ist sie gleichwohl die keuscheste aller Frauen,

denn obwohl sie

als sinnliches Weib und in Freiheit erzogen

ihre Zeit mit einer Liebschaft verbringen könnte,

gilt ihre ganze Zuneigung

einem Kastraten.

 

Barbaras Liebhaber kümmerte sich nicht um euer Verhältnis, wie ihm auch ihre Schwangerschaft gleichgültig war. Es amüsierte ihn, dass eine seiner Gespielinnen sich mit einem fünfzehnjährigen Kastraten vergnügte. Du warst dagegen in einer ganz anderen Lage: Nur durch ein Wunder kam deine Liebschaft mit der Strozzi deinem eifersüchtigen Padrone Mattias de’ Medici nicht zu Ohren, obwohl er eigens nach Venedig gereist war, um deinem Auftritt im Teatro Novissimo am ersten Abend beizuwohnen. Es war zum Bersten gefüllt, denn die Accademia degli Incogniti, der fast alle wichtigen Persönlichkeiten in Venedig angehörten, hatte wie besessen für das Ereignis geworben.

Vorbei war es nun mit jenen Tagen, die der Schraubstock der Zeit zu einem wirren Knäuel aus Erinnerungen zusammengepresst hatte, vorbei war es mit Barbara, vorbei mit allem. Hier, auf der französischen Galeere, blieb dir nur die schüchterne, ehrerbietige Gesellschaft der blutjungen Rosina Martini, einer Sopranistin, die Kardinal Mazarin engagiert hatte. Andere Frauen gab es auf dem Schiff nicht. Vermutlich hätte Barbello die Nächte gern an deiner Seite verbracht, wenn du deinen Abscheu hättest überwinden können.

Frauen mögen Kastraten, das ist bekannt. Doch ein Kastrat, der Frauen mag, ist eine gefährliche Angelegenheit, wenn sie seinen Herren zu Ohren kommt. Und sie kann dich und mich ruinieren. Darum zog ich mit väterlicher Entschiedenheit Rosinas Hand aus deiner und führte dich unter Barbellos triumphierenden Blicken zum Heck, wo ich dir eine Predigt zu halten gedachte. In aller Kürze und Gelassenheit natürlich, denn es braucht keinen großen Geist, um zu begreifen, was sich hinter dem Eifer verbirgt, mit dem du, mein Atto, vom Großherzog und seinen Brüdern bezahlt, beherbergt, ausgeschmückt, empfohlen und erbittert verteidigt wirst. Oder muss ich dir wirklich wiederholen, was alle in Florenz wissen?

|32|NOTIZ

Darin beleuchtet wird, wie das Haus der Medici die Sodomie sowohl zum Vergnügen als auch aus Dünkel und um der Staatsraison willen praktiziert hat: Ersteres durch Taten, das zweite in ihren Überzeugungen, Letzteres durch Worte.

Unser geliebter Großherzog Ferdinando de’ Medici, welcher früh den Vater verlor und allein mit seiner Mutter lebte, der verbitterten, eiskalten Maria Magdalena von Österreich, ward in seiner Jugend plötzlich von einem so starken Fieber heimgesucht, dass er tagelang im Delirium lag. Nach seinem Erwachen überfiel ihn eine widernatürliche Zuneigung zu jedem schönen Pagen in seiner Umgebung. Von demselben mysteriösen Fieber mit nämlichen unglückseligen sodomitischen Auswirkungen waren offenbar sämtliche Mitglieder des Hauses Medici seit der Zeit von Lorenzo dem Prächtigen und seinem Bruder Giuliano befallen worden. Auch diese beiden hatten jene schändliche Leidenschaft für ihre Freunde empfunden, zu denen auch der treffliche Maler Sandro Botticelli und der sanftmütige Dichter Agnolo Poliziano gehörten. Vergebens erklärten die wenigen tugendhaften Geistlichen der Familie, welche nicht selbst an diesem elenden Laster teilnahmen, dass es sich um eine Besessenheit vom Teufel handle, und boten Hilfe durch Gebete an. Doch ihr Angebot wurde belächelt und verschmäht. Man erzählt, dass einer dieser heiligen Männer die Gelegenheit einer Messe im Hause Medici nutzte, um ohne Ankündigung einige besondere Gebete zum Aufstöbern der Teufel zu sprechen, welche er in den Seelen des Großherzogs Ferdinando und seines Bruders Mattias verborgen sah. Und tatsächlich wurden beide Fürsten augenblicklich von einem Unwohlsein ergriffen und erbrachen vor der entsetzten Versammlung gewaltige Mengen übelriechender Säfte, ja sogar den Kopf einer Kröte. Der Priester wurde dennoch mit Gewalt gehindert, fortzufahren, und die einzige dauerhafte Folge des versuchten Exorzismus war, dass der Geistliche wenige Tage später von unbekannter Hand gemeuchelt aufgefunden wurde.

 

In seinen Jugendjahren hatte der Großherzog sich vor allem mit dem blutjungen Fürsten von Venosa vergnügt. Sie waren kreuz und quer durch Europa gereist, wo sie Verwandte und Bekannte der Familie |33|besucht hatten: Ferdinandos Onkel, den Kaiser; einen anderen Onkel in Österreich, der Erzherzog war; und sogar den Papst in Rom. Nach der Rückkehr von dieser ergötzlichen Lustreise hatte der junge Ferdinando die Regierung des Großherzogtums der Toskana übernommen, und er regierte, wie es ihm passte. Eines Abends war seine Mutter, die Erzherzogin, unerwartet in sein Zimmer getreten, als er sich gerade vor dem Kamin wärmte. In heller Aufregung berichtete die Frau, ihr seien Fälle heimlicher, widernatürlicher Unzucht in der Stadt Florenz gemeldet worden. Sie zog eine Liste mit den Namen der beteiligten Personen hervor, sämtlich mächtige Männer in hohen Ämtern, und forderte ihren Sohn in scharfem Ton auf, sie zu bestrafen.

Der Großherzog las die Liste, ohne mit der Wimper zu zucken, und entgegnete seiner Mutter, sie sei nicht gut informiert: Auf der Liste fehlten die Namen weiterer Personen, die derselben Verirrung erlegen waren. Er stand auf, nahm eine Feder vom Tisch, tunkte sie in das Tintenfass und schrieb in aller Ruhe seinen eigenen Namen mit großen Buchstaben an oberster Stelle auf die Liste. Sodann gab er das Papier seiner Mutter zurück.

Die Erzherzogin rief aus: »Das tut Ihr nur, um jene anderen zu schützen!« Der Großherzog: »Welche Strafe wünscht Ihr für diese Leute?« Und sie: »Sie sollen bei lebendigem Leib verbrennen!«

Da nahm Ferdinando die Liste wieder an sich, knüllte sie zu einem Ball zusammen und schleuderte ihn in die Flammen im Kamin. Darauf sagte er: »Bitte, Euer Wille ist geschehen. Fürderhin befasst Ihr Euch nicht mehr mit den Angelegenheiten des Hofes und legt mir keine solchen Fälle mehr vor, die nur dazu taugen, Unruhe in meinen Staaten hervorzurufen.«

Die Erzherzogin nahm diesen Vorfall sehr übel auf. Sie raffte all ihre Juwelen, ihr Gold und Silber zusammen und verließ Florenz in Richtung Deutschland. Doch in den Bergen bei Trient angekommen, erkrankte sie in einem Gasthaus und starb kurze Zeit darauf.

Acht Jahre später heiratete Ferdinando die schwerreiche Herzogin Vittoria della Rovere. Sie gebar ihm den kleinen Cosimo, der Ferdinando eines Tages auf dem Thron nachfolgen wird. Doch das hat nicht viel an den Neigungen des Vaters geändert, und man sagt, zwischen den Eheleuten habe es bereits ein endgültiges Zerwürfnis gegeben, sodass zumindest vorerst keine weiteren Kinder zu erwarten sind.

|34|Die Großherzogin hat ihren Gatten im Schlafzimmer mehrmals mit jungen Pagen entdeckt, an denen er sich auf die unterschiedlichsten Weisen ergötzte. Er aber tut so, als bemerke er den Zorn seiner Frau nicht, und fährt mit seinem Laster fort. So vergnügt er sich damit, die Nächte der Florentiner zu stören, indem er seine gierigsten Liebhaber (das sind jene, die ihn besonders reizen) anstachelt, in die Häuser der Bürger einzusteigen, um die eine oder andere Magd zu verführen, während er hinter der Tür lüstern das Schauspiel genießt und, nur um seine Begierden zu befriedigen, ein ums andere Mal das Leben riskiert.

Denn als Ferdinando eines Nachts aus einem Alkoven einen seiner Günstlinge bei der körperlichen Vereinigung mit einem Mägdelein beobachtete, zu der er den jungen Mann angestachelt hatte, fingen die Vorhänge des Bettes an einer Kerze Feuer und ein Brand brach aus, bei dem der Großherzog fast umgekommen wäre. Ein anderes Mal hatten seine Gefährten ihn einen Augenblick lang auf der Straße allein gelassen, als zwei Räuber mit Messern über ihn herfielen, und hätte er kein Korsett unter dem Wams getragen, wäre er sicherlich nicht mit dem Leben davongekommen.

Woher nahm er diese Dreistigkeit? Wie konnte ein Adliger von solchem Ruhm seinen Hintern auf der Straße entblößen, ohne sich entwürdigt zu fühlen?

Der Grund ist, dass ein Hinterlader zu sein in Florenz gerade wegen der Medici als etwas Schönes, Wünschenswertes, ja höchst Ehrenhaftes galt. Diese Aufwertung der Männerliebe wurde mit den Waffen einer nur scheinbar entlegenen Wissenschaft bewirkt: der Philologie, also dem Studium literarischer Texte der Antike.

In Florenz hatte nämlich der Dichter Agnolo Poliziano gelebt, der Begründer der modernen Philologie. Poliziano war allseits als Invertierter und Knabenliebhaber bekannt, was klar aus seinen Werken hervorgeht. In seinen griechischen und lateinischen Gedichten schmachtete er die Jünglinge Coridone und Biondo Ricciolino an, und besonders gern enthüllte er die sodomitischen Neigungen berühmter Freunde wie Botticelli und Donatello. Trotzdem hatte Lorenzo de’ Medici ihn als Lehrer seiner Söhne angestellt und ihm den Lehrstuhl für klassische Literatur, besonders der griechischen, in Florenz übertragen.

Poliziano hatte eine neue Methode für das Studium antiker Texte |35|erfunden: Er rekonstruierte den Stammbaum aller überlieferten Handschriften, um herauszufinden, aus welchen Quellen sie kopiert wurden, und ihre Überlieferungsgeschichte nachverfolgen zu können.

Seine Methode hatte ihm Lob und Ruhm in ganz Europa eingebracht (obwohl es nicht an Kritikern mangelte, die ihn des Plagiats und schwerer Fehler bezichtigten), und so wurden das Banner der Gelehrsamkeit und jenes der Perversion von ein und derselben Hand hochgehalten. Poliziano und seine Kumpane erklärten, dass der große Gaius Maecenas, Freund des Kaisers Augustus, der Vergil und Horaz ernährte, ein Päderast gewesen sei. Sie schworen, Alexander der Große habe Hephaistion und den Eunuchen Bagoas zu seinen Geliebten gemacht. Die Historia Augusta, die doch alle als Fälschung kannten, behauptete, Kaiser Hadrian habe seinen Antinous so geliebt, dass er ihn zum Gott erklärte, als der Junge starb.

Von den Namen Rom und Athen magisch berührt wie durch die verzauberte Hand des König Midas, hatten Männerliebe und Päderastentum sich in Gold verwandelt. Seither regiert die Sodomie unangefochten, sie lässt sich sogar Pädophilie nennen, Liebe zu Kindern, obwohl sie doch deren schlimmste Feindin ist.

Dies war das Ziel, das die Dilettanten der perversen Liebe unverhofft erreicht hatten: Sich von hinten bedienen zu lassen war eine heroische Tat geworden, die mit Lorbeerkranz und Leier in der Hand zu vollführen war.

Noch konntest du es nicht wissen, mein junger Atto, doch das Abenteuer, das uns erwartete, sollte uns lehren, wie falsch diese vermeintliche antike Welt war und wie geschickt sie konstruiert worden war, um in unserer und in zukünftigen Zeiten die Seelen zu verderben.

 

Es ist eine dumme und feige Angewohnheit der Sodomiten, alle anderen Menschen und Dinge in den Schmutz des Lasters, mit dem nur sie sich besudeln, hineinzuziehen, damit in der Nacht der Sünde alle Katzen grau seien.

Damit also der Abscheu, den das widerliche Treiben der Sodomiten beim Volk erregte, ihm nicht schadete, zumal dieser Abscheu immer wieder in Rebellionen umzuschlagen drohte, ließ der Großherzog, wie schon seine Vorfahren, das Gerücht verbreiten, ganz Florenz, |36|ja die gesamte Toskana sei voller Päderasten. Keiner entkam dem Verdacht, wenn man den Klatschgeschichten glauben durfte, die von Verleumdern im Sold der Medici geschickt ausgestreut wurden. Neben den wahren Geschichten um männliche Liebschaften, die man sich im engsten Kreis der Medici erzählte, wurden frei erfundene Ammenmärchen über die gesamte Bevölkerung von Florenz und der Toskana in Umlauf gebracht, welche umso mehr Glauben fanden, je abstruser und übertriebener sie waren.

Niemand wagte es mehr, mit dem Finger auf die echten Sodomiten zu zeigen, die Herren der Stadt und ihre Kumpane Botticelli, Donatello, Michelangelo, Benvenuto Cellini, Pulci, Poliziano (der sogar Lehrer der Söhne von Lorenzo dem Prächtigen war) oder Machiavelli, den berühmten Secretarius der Republik Florenz. Sogar mit den Namen, die sie sich gaben, schufen sie sich dreist ein Schandmal ihrer Praktiken, wie Giovan’Antonio Bazzi, der Maler aus Siena, der sich Sodom nannte, damit ihm die Jungen zuliefen.

Hast du einmal das Gesicht des Botticelli in seiner Anbetung der heiligen drei Könige gesehen? Natürlich hast du es gesehen, mein lieber Atto, und ich weiß es, denn an dem Tag warst du in meiner Obhut. Am rechten Bildrand konntest du das Selbstbildnis Botticellis erkennen, mit den hängenden Lidern des Entarteten, den halb geöffneten Lippen des Lüstlings, dem lasziven Blick, der einladend den Blick des Betrachters erwidert. Auf der gegenüberliegenden Seite drängen sich Lorenzo, der Poliziano und Pico della Mirandola, in der Gestalt von Rittern getarnt, unter dem Vorwand kameradschaftlicher Nähe einer dicht hinter den anderen. Muss ich dich an die unflätigen Sonette erinnern, die Pico und sein Liebling Girolamo Benivieni sich schrieben? An das Grab, in dem sie sich zusammen bestatten ließen? An den Grabstein in der Kirche San Marco, der ihr Idyll feiert?

Francesco di Lazzaro de’ Medici, ein Cousin Lorenzos und ordentlich verheiratet, wurde sieben Mal von ebenso vielen Lustknaben denunziert. Machiavelli hatte ihn angezeigt, weil er Huren von hinten vögelte, was verboten ist, doch es war allseits bekannt, dass Machiavelli selbst sich mit seinen Freunden brieflich über sodomitische Freuden während ihrer Jugendzeit austauschte.

Das Entsetzen des Volkes ob der Ausschweifungen ihrer Herrscher dämpften allein obszöne Gerüchte über die Bevölkerung von Florenz, die wie Pilze aus dem Boden schossen und von schlauen Häschern |37|in Windeseile weitergegeben wurden: Die toskanischen Kaufleute vergnügten sich mit ihren Botenjungen, die Lehrer mit ihren Schülern, die Alten mit den Jungen, die Stadtherren mit ihren Bürgern, die Mächtigen mit den Armen. Schon bald gingen diese Verleumdungen um die Welt, darum sagten die Teutschen früher Florenzer, wenn sie einen Sodomiten meinten, und die Päderastie wurde das florentinische Laster genannt.

Und so kam es, dass die Herren der Stadt, um die vom Großherzog bestellten Verleumdungen zu bestätigen, sich seither kleine Jungen und Jünglinge im Alter von sechs bis sechzehn Jahren beschaffen. Von niedriger Herkunft sollen sie sein, denn wer hoch steht, der gibt, wer unten steht, nimmt. Sie führen sie zum Spaziergang aus, in kurzen Hemdchen, die den Nabel freilassen, und Hosen, die vorne wie hinten aufzuknöpfen sind. Sie nennen diese Kinder Hündchen, Lustknabe und Hürchen. Im Volk heißen sie dagegen Sodomiten, Hinterlader und Schwanzlutscher. Wenn sie erwachsen werden und erkennen, dass sie gebrandmarkt sind und ihr Leben sich nicht mehr ändern lässt, haben sie keine andere Wahl, als sich in Bordellen feilzubieten. Will man den Medici Glauben schenken, keucht ganz Florenz vor Geilheit wie eine riesige pulsierende Harnblase. Sie verbreiten das Gerücht, dass diejenigen, denen Bordelle für Männer oder die Unzucht im eigenen Haus langweilig geworden seien, es des Nachts auf der Straße treiben oder in den Gärten der Stadt, den Kloaken, im Campanile des Giotto und sogar in der Kuppel des Doms, was angeblich einer ihrer Lieblingsorte ist.

Wenn in Florenz eine Ehe, aus der Kinder hervorgegangen sind, von einem Tag auf den anderen in die Brüche geht, wird sofort das Gerücht ausgestreut, der Grund seien nicht Huren oder Geliebte, sondern Sodomiten und Lustknaben. Im besten Fall argwöhnt man, der Ehemann habe von seiner Frau nur noch den Hintern gewollt. Auch du kennst einige dieser Geschichten, wie die vom Cavaliere Flaminio Pappagalli aus Pistoia, deinem Landsmann also, den der Großherzog persönlich zu sich rief, um ihm mitzuteilen, seine Gemahlin posaune überall heraus, dass er ihr sein Gemächt nur noch von hinten oder im Mund überlasse. Der Ärmste ahnte nicht, dass ihm ein übler Streich gespielt wurde, kehrte außer sich vor Zorn nach Hause zurück und schnitt seiner unschuldigen Ehefrau mit einem Rasiermesser die Kehle durch, ohne noch Erklärungen von ihr zu fordern. |38|Er selbst wurde enthauptet, bevor er erkennen konnte, dass er ein Opfer der teuflischen Propaganda des Großherzogs geworden war. Und so erinnern sich heute alle Toskaner an den unglücklichen Cavaliere Flaminio Pappagalli als an einen schamlosen Päderasten. Die Toten können sich nicht verteidigen.

Seit ihrer Ankunft in Florenz vor dreihundert Jahren lassen die Medici nachts Banden durch die Stadt streifen, die auf offener Straße Nachtschwärmer vergewaltigen und sich ihrer Taten lauthals brüsten. Damit soll das Gerücht, dass das verruchte Laster in ganz Florenz verbreitet sei, Glaubwürdigkeit bekommen, vor allem aber sollen die Wachen von den sodomitischen Ausschweifungen der Medici abgelenkt werden. Nachdem das ein Jahrhundert lang so gegangen war, hatte die Stadt Florenz, die noch die alten Rechte einer freien Gemeinde genoss, die Einrichtung der Nachtbehörde geschaffen, eine Gerichtsbarkeit, die über das anale Laster wachen sollte. Es gab eine Miliz, eine Verwaltung und Gelder, um Spione zu bezahlen. Alle Ärzte waren verpflichtet, Fälle anzuzeigen, in denen jemand sich den After verletzt hatte oder »Hahnenkämme« aufwies, jene Gangräne, die die Rosette der warmen Brüder schmückt. Doch die Medici konnten die Nachtbehörde ohne großen Widerstand des Volkes abschaffen, denn sie hatten das Gerücht verbreitet, sogar der alte Doffo di Nepo degli Spini, der ehemalige Gonfaloniere, welcher das Gericht der Nachtbehörde gegründet hatte, sei in flagranti ertappt worden. Mit seinen siebzig Jahren habe er einen vierzehnjährigen Jungen vergewaltigt, hieß es, und zwar zusammen mit dem sechzigjährigen Kammerherrn Johannes, dem deutschen Diener des mächtigen Palla Strozzi. Die Nachtbeamten wurden durch die »Acht Wachhabenden« und die »Hüter der Gesetze« ersetzt, deren Wachdienste diskreter waren, und es ist wohl kein Zufall, dass ihre Verzeichnisse nach einer Weile verlorengingen.

Muss ich noch mehr sagen? Du, Atto, bist also nichts anderes als die kostbare Beute einer schmutzigen Treibjagd.

Gib acht, denn die Pistoieser, deine Landsleute, die dich glühend um deinen Aufstieg beneiden, haben deine Leidenschaft für Frauen und all den Gram, den du dessenthalben im Herzen trägst, schon in |39|alle Winde ausposaunt. Hast nicht du selbst verkündet, nach Vollendung deines achtzehnten Lebensjahres würdest du keine Frauenrollen mehr singen? In Pistoia ist jenes dir wohlbekannte, mit Bosheiten gespickte Gedichtchen im Umlauf, das Spottlied mit dem Titel Über Atto Melani, kastrierter Musikus aus Pistoia, Sohn eines Glöckners, darin man dich in einer Strophe zum Liebhaber der Frauen macht:

 

Schon ist es kein Geheimnis mehr:

Ein kleines Spielchen gefällt Euch sehr.

Vorzüglich beim Damespiel könnt es Euch passen,

am Ende die Hosen herunterzulassen.

Für solche Gier kommt die Strafe mit Recht,

da das Spiel Ihr verliert beim schönen Geschlecht,

wenn Euch alsbald die Spannkraft verreckt,

dass die Rute Euch zwischen die Backen gesteckt.

Vergesst den Glockenturm nicht!

 

Aufgepasst, denn schon vor drei Jahren haben die jüngeren Geschwister des Großherzogs und seines Bruders Mattias Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt, damit Ihr nicht zu Mazarin nach Frankreich geht, um die Finta Pazza zu singen. Giovan Carlo, Leopoldo und Anna fürchteten, dich zu verlieren und mit dir die Wonnen, die du ihnen während und nach den Gesangsabenden in ihren Schlafzimmern verschafftest. Besonders Anna wurde fuchsteufelswild, weil sie, wie sie sagte, mit dir ihren Partner für Duette verlor. Und das waren nicht nur Gesangsduette, wie wir beide wissen. Als du sie dann in Innsbruck besuchen gingst, wo sie die Gemahlin des Erzherzogs von Österreich geworden war, richtete sie während der ganzen zwei Monate deines Aufenthalts nie das Wort an dich und rief dich auch kein einziges Mal in ihr Zimmer, um mit ihr zu singen, nein, sie zog dir andere Sänger vor, um sich Erleichterung von ihren Schwangerschaftsbeschwerden zu verschaffen.

 

Als ich in unser Gelass im Achterkastell trat, hub ich also ehrerbietig an:

»Signorino, Ihr dürft Euch nicht so über die Maßen ermüden. Ihr müsst Eure Kunst schützen, erinnert Ihr Euch nicht?«

»Ich erinnere mich«, war deine trockene Antwort.

|40|BETRACHTUNG

Darin einige Erinnerungen an vergangene Zeiten die zwei Arten von Kastraten erklären und darlegen, welcher der junge Atto Melani angehört.

Erinnerst du dich wirklich, junger Atto, an jenen Tag vor zehn Jahren? O ja, du erinnerst dich. Du warst schon halb benebelt von jenem orientalischen Kraut, als sie dich in die Wanne mit kochendheißem Wasser legten, wie man es mit den Hummern macht, um sie zu betäuben, während deine Mutter im Nebenzimmer schluchzte und dein Vater feige floh.

Was du aber nicht wissen kannst, junger Atto, ist, dass ich, der Secretarius, den Bader bezahlte, damit er nur die Samenleiter durchschnitt und deine beiden Kügelchen nicht gänzlich entfernte, wie es die abstoßende Mode dieser Zeit verlangt.

Vor der Operation hatte ich mir einige Kenntnisse verschafft. Werden die beiden männlichen Drüsen von den Samenleitern getrennt, schrumpeln sie zusammen und verschwinden fast, das ist wahr, aber eben nicht ganz.

Sie zu entfernen, ist weitaus schlimmer: der Knabe geht seiner männlichen Natur vollkommen verlustig, sein Geist wird passiv, sein Gemüt weich, er ist ein willenloses Objekt in den schmutzigen Händen seiner Kuppler. Ganz abgesehen davon, dass bei der vollständigen Verstümmelung die Gefahr von Infektionen, tödlichem Fieber und starken Blutungen hundertmal größer ist.

Wie viele Knaben sind bei der Operation verblutet? Wie viele von ihnen haben sogar die Sprache verloren und sind ihr Leben lang stumm geblieben?

Zu jenem Zeitpunkt hatte ich schon meine zwei Töchter, sonderlich aber einen männlichen Erben, das Thema war mir daher nicht gleichgültig.

Lässt man die Hoden unversehrt und schneidet nur die Samenleiter durch, muss man freilich mit anderen Risiken rechnen. Es gab den Fall des jungen Kastraten, der auf dieselbe Weise operiert wurde wie du und ein starkes männliches Begehren behalten hatte. Zunächst ging er zum Schein auf die Forderungen seines Gönners ein, doch schließlich packten ihn große Wut und ein so unüberwindlicher Abscheu, dass |41|er ihn tötete und sich zuletzt selbst von den Zinnen seines Palazzo stürzte. Und ein anderer Kastrat ward vom Zorn auf seinen Vater, der ihn hatte kastrieren lassen, übermannt, sodass er aus Dresden, wo man ihn mit Ehren und Reichtümern überhäuft hatte, nach Italien zurückkehrte, nur um seinen Vater aufzuschlitzen und die väterlichen Eingeweide und Genitalien den Hunden zum Fraße vorzuwerfen.

Kleine Jungen, lautet die Regel, werden ordentlich kastriert und sodann von den Weibern ferngehalten. Punktum. Nicht ohne Grund verbot Papst Sixtus V. vor fast sechzig Jahren jeden fleischlichen Verkehr zwischen Kastraten und Frauen. Sogar die häretischen Theologen Deutschlands, welche sich sonst in allerlei Haarspaltereien gefallen, verbieten den Entmannten die Ehe, weil ihr Samen nicht fortpflanzen kann, wohingegen sie das Zusammenleben more uxorio mit einem Mann oder einem anderen Kastraten gestatten.

Durch meinen heimlichen Einfluss auf die Operation habe ich dich also vor dem Abgrund der völlig Entmannten gerettet, um dich in den weniger düsteren, aber leidvolleren und von der Welt verabscheuten Abgrund der Unfähigkeit zur Liebe, der halbierten Männlichkeit zu stoßen. Ich wusste, dass ich dich in die Reihen der Kastraten verbannte, die von Fürsten, Theologen, Juristen und Verwandten verfolgt werden, weil sie sich in eine Schülerin oder Tochter des Kapellmeisters oder in die Witwe, bei der sie in Pension leben, verlieben. Nicht wenige deiner Vorgänger sind sogar so weit gegangen, ihre Geliebte als jungen Kastraten zu verkleiden, um die heimliche Verbindung in Ruhe leben zu können. In Deutschland gab es einen, der die Wahrheit so gut verschleiern konnte, dass sie erst nach seinem Tod ans Licht kam, weil der vermeintliche Kastrat, der das ganze Leben mit ihm geteilt hatte, sein Erbe beanspruchte. Es stellte sich heraus, dass er eine Frau war und obendrein heimlich mit dem Verstorbenen verheiratet. Wenn solche Kastraten das Jünglingsalter überschreiten, werden sie im Bett ihrer Gönner gewöhnlich durch junge Entmannte ersetzt und erhalten als Lohn für die geleisteten Dienste eine gute Stellung als Kapellmeister. Das ist der Zeitpunkt, an dem viele von ihnen ihren Traum krönen möchten: Sie bitten um Dispens, damit sie mit der Geliebten endlich in den Hafen der Ehe einlaufen können – nicht heimlich, sondern coram populo. Ach, sie täuschen sich! Sie vergessen, wie sehr man sie dafür hasst, dass sie, diese erbärmlichen halben Männer, eine Frau an sich gezogen haben. Heißt es im Volksmund nicht, Frauen suchten in |42|einem Mann nur die Manneskraft im Bett, und entlarvt das die Frauen nicht als minderwertige Wesen, die zu höheren Gefühlen nicht fähig sind?

Dieses versteckt sodomitische Denken führt dazu, dass die Kastraten und ihre geliebten Frauen in der lutherischen und calvinistischen Welt sogar exkommuniziert werden. In Rom dagegen lehnen die Päpste die Bitten um Dispens mit geistreichen Bemerkungen ab. Vielen, die als Grund ihrer Bitte eine schlecht ausgeführte Kastration angaben, wurde entgegnet: Dann soll man eben besser kastrieren! Im Königreich Neapel aber finden sich zum Glück noch viele Priester, die aus Mitleid bereit sind, nachts, in aller Heimlichkeit, einen unglückseligen Kastraten mit einer Frau zu vermählen.

Doch nicht einmal diejenigen, die sich mit einer heimlichen Liebschaft abgefunden haben, werden je in Ruhe und Frieden leben können. Allzu viele sind von unbekannter Hand ermordet worden: Diebe in der Nacht; maskierte Banditen, die Kutschen überfallen; Schüsse von einem Dach; Messerstiche ins Herz durch einen vermummten Passanten; und so weiter. Alle entmannten Sänger, die auf diese Weise umgebracht wurden, hatten zufällig ein Liebesverhältnis mit einer Frau.

Doch um den Befehlen unserer Herrscher, der Medici, nicht zuwiderzuhandeln, trug ich jetzt selbst dazu bei, das Licht zu verdunkeln, das ich in dir wachgehalten hatte. Deine Zukunft lag in den Betten deiner Padroni, die dich unter dem Vorwand deiner Gesangskunst einander weiterreichten – ein anderes Schicksal war undenkbar. Dem Willen des Fürsten Mattias de’ Medici, Bruder des Großherzogs und Gouverneur von Siena, nicht zu gehorchen, konnte dich teuer zu stehen kommen, wenn Mattias’ Interesse an dir das war, was man vermuten durfte. Ließ er sich doch aus Rom fortwährend hoffnungsvolle Sänger aller Art kommen: ob alte Weiber oder Huren, Frauen oder Männer war Mattias herzlich egal, er stellte sie alle mit Wonne auf die Probe.

Für dich ist das der Weg gewesen, auf dem du dir Ehren am Hof von Florenz, den Applaus in venezianischen Theatern und jetzt das Vertrauen Kardinal Mazarins erwerben konntest, und das muss der Weg bleiben.

 

Während ich dein Profil betrachtete, das am Heck dem Wind des Toskanischen Archipels trotzte, fragte ich mich: War das einsame Leben |43|des Kastraten nicht schon den Sternen deiner Geburtsstunde eingeschrieben? War nicht schon alles in deinem Vater vorgezeichnet?

Dein Vater Domenico Melani. Eine erste Ehe wurde unerklärlicherweise schon nach acht Monaten aufgelöst, der Grund soll nach seinen Worten die Braut gewesen sein, die er in sinnlicher Umarmung mit einer schönen Wäscherin erwischt hatte. Ich wusste, dass das Gegenteil zutraf: Die junge Braut hatte Domenico in flagranti im Bett mit dem Bischof ertappt und war weinend mit ihrer ganzen Aussteuer zu den Eltern zurückgekehrt.

Der Bischof erkaufte sich Domenicos Schweigen mit einer ansehnlichen Summe Geldes. Mit vierzig heiratete dein Vater erneut und zeugte eine große Kinderschar. Nur so ließen sich die Gerüchte über seine Beziehung zum Bischof aus der Welt schaffen, denn der hatte Domenico vom Glöckner zum Sänftenträger befördert und euch alle, seine sieben Jungen, im Chor der Kapelle und in der Bistumsschule untergebracht, obwohl dort nur Platz für zwanzig Schüler war. Also gingen die Klatschgeschichten munter weiter.

Wie den nagenden Verdacht ausmerzen, dass dein Vater die männliche Natur insgeheim hasste? Nur ein Sohn wurde verschont, Giacinto, weil er für Nachkommen sorgen sollte. Vier wurden mit Sicherheit kastriert, zu ihnen gehörtest du. Bei Jacopo und Alessandro schließlich hatte ich den Bader ebenfalls vor der Kastration bestochen, so wie bei dir und deinen anderen Brüdern, aber das Ergebnis war, dass sie in den Stimmbruch kamen. Zornentbrannt verfluchte dein Vater den Bader … Alessandro schlägt sich jetzt als Komponist durch, und Jacopo ist sogar Tenor geworden, freilich ein sehr hoher, fast schon ein Altus. Sie teilen dein Schicksal, niemals heiraten zu dürfen. Ich habe getan, was ich konnte.

Welcher Vater lässt sechs von sieben Söhnen in zartem Alter verstümmeln und setzt sich überdies dem Risiko aus, ohne Nachkommen zu bleiben?

Die Leute sagen: Er hat es fürs Geld getan, die Mäzene haben ihn großzügig entschädigt. Mag sein, doch indem er seine beiden Töchter ins Kloster schickte, hat Domenico auch den weiblichen Teil der Familie ausgelöscht und nichts dafür bekommen. Euren Segen hat er gewiss nicht gehabt. Als wir von unserer dritten Reise nach Paris zurückkamen, ist er aus einem Fenster seines Hauses gestürzt. Seltsamer Tod. |44|Dies sind die Klatschgeschichten, die seit eh und je in Pistoia umgehen. Deinen mächtigen Beschützern sind sie jedoch fast oder vollkommen gleichgültig. Mit der Taufe bist du in die Obhut der Sozzifanti gekommen, Cavalieri des Ordens Santo Stefano. Und schon als Kind unterstandest du der Befehlsgewalt von Mattias, dem Bruder des Großherzogs, der wie jeder große Fürst seine privaten Zerstreuungen pflegt, auf die er nicht zu verzichten gedenkt.

Nachdem ich so für mich gegrübelt hatte, wählte ich vorsichtigere Worte, um dich an diese traurigen Themen zu erinnern.

Und so schwiegst du, während ich sprach und wir uns im Achterkastell mit zwei Decken aus grober Wolle vor dem Wind schützten. Auch dein Körper verriet deine Gedanken nicht. Am Ende meiner Rede gewährtest du mir ein stummes, bitteres Lächeln. Du hattest verstanden.

DISKURS III

Darin man sich auf die Nacht vorbereitet und, unter den Decken, auch auf anderes.

Bei Anbruch der Nacht warf sich ein alter Seemann, wie es Brauch ist, einen Überwurf um, zog sich die Kapuze über den Kopf, zündete die Laterne an und kniete am Fuß des Großmastes nieder.

Auf dem Schiff flackerten zwischen den Bänken der Ruderer, am Bug und am Heck, an den Masten und sogar am Rettungsboot schon unzählige Kerzen. Es sah aus wie eine jener Konstellationen am Himmel, die man erblickt, wenn man Dutzende leuchtender Sterne mit einer imaginären Linie verbindet. Der düstere Horizont mit regenschweren, windgepeitschten Wolken bildete einen herrlichen Hintergrund für diese Arabeske aus zitterndem Funkeln.

Dann sprach der alte Seemann mit seiner tiefen, unheimlichen Stimme dreimal den Anfang des Nachtgebets. Es war ein Zwischending zwischen Gesang und Psalmodie, fast wie der Ruf der Priester |45|Mohammeds, wenn sie am Abend von den Minaretten Konstantinopels herab die Gläubigen zum Gebet mahnen. Er benutzte die Lingua franca, jenes Gemisch aus Italienisch, Latein und Französisch, das in allen Häfen gesprochen wird, doch auch in den Weiten der Wüste bis hin zu den abgelegenen Oasen Ziban, Beni Mzab und Touat. Eine ungeschliffene, universale Sprache, wo die Verben fast nur im Infinitiv stehen und deren wenige Ausdrücke für den ärmsten Schiffsjungen so klar sind wie die Sonne. Doch zu dieser nächtlichen Stunde klangen ihre mit altem Französisch durchsetzten rituellen Formeln des Gutenachtgrußes wie der majestätische Laut einer Glocke.

 

Laudato si il nomen de bon Jesu!

Christe gewähre uns buon voyage et buon passage zu unsrem Heil.

 

Die Schar der Matrosen und Ruderer antwortete mit einem inbrünstigen, kraftvollen Chor:

 

Laudato si il nomen de bon Jesu!

Christe gewähre uns buon voyage et buon passage zu unsrem Heil.

Amen!

 

Das Echo des Chores war kaum über den Wellen verklungen, als der alte Seemann seinen Sologesang wieder aufnahm:

 

Vous autres, signori Seeleute, fariez priere à Dieu und zu Monsignore Saint Giulian und corpi Sancta Marthe, unsren Bekennern, que Dieu nous traite et nous führe à leur melieure, à leur protection von navem und von Waren et de vous autres, signori Seeleute, mag Dieu es lenken und schützen.

Et vous autres, signori, orate à Dieu et à Madonna Sainte Helene que Dieu nous salve Mast und Rahe et Velum et Bagien, Fock un Klüver un das Luv mit dem Ruder. Christe nous mande un bon Achterwind a queste voyage et autre als da kommen, so Dieu will.

 

Dann wechselten Chor und Solostimme einander in einem raschen Austausch von Anrufungen ab:

 

|46|Ave Maria per navem!

Bon voyage für alle que saluent!

Amen!

 

Der Sänger endete mit einem Gutenachtgruß an den Messere Kapitän des Schiffs, den Messere Steuermann, den Messere Skribent an Bord, den Messere Schiffswächter und alle anderen:

 

Dieu vous mande la bonne sere, mesì lou comandant, mesì lou nochier, mesì l’escrivain et mesì lou guardian und alle andren eurer tüchtigen Compagnie vom Bug bis zum Heck. Christe nous mande un bon Achterwind a queste voyage et autre als da kommen, so Dieu will.

 

Amen! antwortete zum letzten Mal der Chor.

 

Der französische Kapitän erhob sich und machte einen Rundgang über das Schiff, wobei er der gesamten Besatzung, einschließlich der Ruderer, eine gute Nacht wünschte. Darauf wurden noch die Marienlitaneien gesungen.

Nachdem die Matrosen zuletzt alle Kerzen gelöscht hatten, kam der einzige Lichtschein von der Laterne, die der alte Seemann während seines Gesangs gehalten hatte. Er ging mit der Laterne ins Heck und stellte sie in einen Schrank, wo auch der Kompass aufbewahrt wurde. Die Galeere lag nun in fast vollkommener Dunkelheit, auch die letzten Schimmer des Tageslichts an der fernen Krümmung des Horizonts waren verschwunden. Die Wachposten am Steuerruder begannen ihre Schicht, sie würden sich alle zwei Stunden abwechseln. Alle Matrosen lagen in ihre Decken gewickelt, und die Stille umfing das Schiff mit ihrer unsichtbaren Umarmung.

 

In der Nacht erwachte ich plötzlich, vielleicht von einem körperlichen Bedürfnis, vielleicht von einer Vorahnung getrieben. Du warst nicht an deinem Platz. Vergebens suchte ich dich auf dem Deck, in den Unterkünften der Offiziere, sogar bei den Ruderbänken. Die Ruderer lagen zwischen den Dollen, ihre Rücken glänzten feucht vom Tau der Nacht.

Keine Spur von dir, nicht einmal beim Feuer, dem großen Glutbecken zwischen den Bänken auf der linken Seite, wo zwei wachhabende Matrosen eine Salbe für die wunden Hintern der Ruderer köcheln ließen. |47|Plötzlich fuhr ich zusammen, fast hätte ich aufgeschrien: jemand leckte meine Hand. Es war eine der beiden Ziegen, die sich als frischer Fleischvorrat an Bord befanden und noch nicht geschlachtet waren.

Der Mond war hinter einer dichten Wolkendecke verborgen, und das große Zelt aus grobem Tuch, das des Nachts über die Ruderer im Kielraum gelegt wird, löschte noch den letzten Rest Licht aus. Ich irrte an Steuerbord durch den schmalen Gang mit den Schießscharten, der um die ganze Galeere herumläuft und, obwohl er sich eher für Möwen als für Menschen eignet, dazu dient, mit Flinten auf feindliche Schiffe zu feuern. Dort auf dem Boden lag eine Steppdecke und darunter etwas, was sich bewegte. Ich hob einen Zipfel an und erblickte euch, die Hosen heruntergelassen, die Röcke gelüftet, zu beschäftigt, um mich zu bemerken. Ohne ein Wort ließ ich die Decke fallen, als hätte ich nichts gesehen, und kehrte auf mein Lager zurück. Seit dem Morgen hattet ihr beide, du und Rosina, vielversprechende Winke ausgetauscht, jetzt wart ihr zur Sache gekommen, all meinen Ermahnungen zum Trotze. Meine Aufforderung zur Verstellung hattest du beherzigt, das kann man wohl sagen, aber nur, um vor mir zu verheimlichen, dass kein sodomitischer Großherzog auf der Welt dich davon abhalten konnte, dich an den weiblichen Reizen zu ergötzen, soweit dein Körper es dir erlaubte. Worüber beklagte ich mich? War ich es nicht selbst, der deine Hoden vor zehn Jahren vom Bader nur beschneiden, nicht entfernen ließ? Was hättest du mir gesagt, wenn du es gewusst hättest? Das habe ich mich oft gefragt.

DISKURS IV

Darin ein Streit zwischen Kastraten stattfindet.

Am nächsten Morgen trällerte Rosina fröhliche Liedchen. Die Sängerin und der Kastrat, welch eine glückliche Paarung: Die stärksten Vertreter des schwachen Geschlechts beherrschen die Kunst, aus euch, den schwächsten Vertretern des starken Geschlechts, das Beste eurer verborgenen Fähigkeiten hervorzulocken. Argwöhnisch irrten Barbellos Augen zwischen dir und ihr hin und her, während seine Finger nervös auf seinen geliebten Wachstuchsack trommelten.

|48|Du standest im Windschatten in der winterlich kalten Meeresluft. Barbello näherte sich dir und verzog die schönen Lippen zu einem provokanten Lächeln:

 

»Dennoch gilt ihre ganze Zuneigung einem Kastraten …«

 

flüsterte er leise, während er dicht an dir vorüberging, aber doch laut genug, damit auch ich es hören konnte. Der kleine Kastrat warf dir als Fehdehandschuh eine Zeile aus jenem Spottlied über deine venezianische Liebschaft mit Barbara Strozzi vor die Füße. Du zucktest zusammen, bliebst aber stumm. Dergleichen neidische Sprüche von einem Kastraten hören zu müssen, der dich zudem begehrte, genügte schon, um dich zur Weißglut zu bringen. Barbello gab sich noch nicht geschlagen:

»Monna Barbara hat mir in ihrer Güte großzügige und liebevolle Hilfe gewährt, wisst Ihr das?«, hänselte er dich, als würde er auf der Bühne rezitieren. »Sie hat mich bei der Ausführung vieler harmonischer Kompositionen angeleitet und mich zuletzt in ihre geheimsten Künste eingeführt, vielleicht versteht Ihr, was ich meine.«

Wollte Barbello dir kundtun, dass auch er die Strozzi genossen hatte? Du verzogst keine Miene. Verwundern konnte dich eine solche Nachricht natürlich nicht, du wusstest schon damals genau, wer und wie deine Geliebte gewesen war, obwohl du kaum fünfzehn Lenze zähltest, als ihr einander angehörtet. Ging nicht schon damals in Venedig jenes andere Liedchen über ihre Tugend um, in dem ihre Neigung, Musik und Liebe sehr freizügig miteinander zu verbinden, aufs Korn genommen wurde?

 

Feine Sache, Blumen zu verschenken, nachdem man die Früchte schon verteilt hat …

 

Die Blumen waren die musikalischen Blumen der Arien, die sie so anmutig sang, während man unter den Früchten jene intimen Gunstbezeigungen zu verstehen hatte, die sie offenbar schon verteilte, bevor sie zur Laute griff. Deine Barbara schien sich bedenkenlos und wahllos dem Publikum ihres Gesangs hinzugeben. Dieses bestand aus den Signori der Accademia degli Unisoni, jener höchst exklusiven Vereinigung, die ihr Vater vor zehn Jahren als Zweig der Accademia degli |49|Incogniti gegründet hatte. Er selbst war ein einflussreiches Mitglied dieser Akademie, in der sich die venezianischen Gelehrten versammelten.

 

Ich spitzte die Ohren, damit mir kein Wort von Barbellos Rede entging:

»Vielleicht wäre es allzu kühn, brächte ich jene Geheimnisse ans Licht, indem ich sie Euch anvertraue«, stichelte er weiter, »doch wie könnte ich schweigen von jenem kleinen erdbeerfarbenen Muttermal, das sie in den Propyläen ihrer duftenden Scham verbirgt? Ah, diesem köstlichen Orte habe ich mich oftmals mit Seele und Leib gewidmet. Sogar mit Mund und Zunge.«

Dieses zickige Geschöpf wollte dich partout aus der Ruhe bringen, dachte ich schmunzelnd.

»… und so angenehm wärmte meine stets kalte Nasenspitze sich im dichten Gebüsch zwischen ihren Schenkeln, dass sie dort vor den Blitzen neidischer Verleumdungen so sicher sein konnte wie unter einem goldenen Eichbaum.« Mit dieser letzten ungeheuerlichen Provokation schloss er lachend und steckte dir blitzschnell die Hand zwischen die Beine.

Dieses Mal konnte er nicht rechtzeitig entwischen, weil du ihn am Nacken packtest und mit einem Zipfel seines Mantels kräftig über sein Gesicht riebst, wodurch die weiße Schminke verschmierte und alle künstlichen Schönheitsflecke sich lösten. Barbello schrie und schluchzte, du frohlocktest grinsend über deine kleine Rache an diesem unverschämten Kastratenbengel. Dann sangst auch du ihm ein Spottlied:

»Deine schlecht einstudierten Kantilenen lassen mich gähnen vor Langeweile!«, deklamiertest du kunstgerecht im komischen Stil, Barbello kräftig schüttelnd. »Und da dir so viel an meiner geschätzten Aufmerksamkeit für deine Salbaderei gelegen ist, nun, so sage ich dir, dass es niemanden gibt, der Monna Barbara verhöhnen könnte, am allerwenigsten ein bartloser Barbello mit dem ellenlangen Bart seiner stumpfsinnigen Späße!« Darauf entferntest du ihn mit einem Tritt auf die Hinterbacken aus deiner Nähe.

Er stand sogleich wieder auf, rieb sich mit dem Handrücken über das mit verwischtem Bleiweiß gestreifte, fast unkenntlich gewordene Gesicht und griff abermals an, penetranter als zuvor:

|50|»Oh, ihr überaus vorsichtigen Ohren, Monna Barbara wäre dankbar, wenn sie Euch hörte, da auch sie mit heroischer Güte stets jedwede Ehrerbietung anzunehmen beliebt! Sie war gewiss nicht die letzte in meiner Gunst, wie auch mein Stängelchen sich ergeben beugte, um ihre erlesenen, heimlichen Privilegien zu empfangen«, zischte der Schamlose, während er sich hartnäckig an dich heranpirschte. »Doch ich wollte Euch mit meiner unschuldigen Geste nicht beleidigen, welche Ihr falsch verstanden habt, nein, ich suchte nur tastend eine Bestätigung ihrer Berichte über Euer anbetungswürdiges Stängelchen, welches sich – Ihr Glücklicher! – auf ein gleichwohl geleertes Säckchen legen darf!«

Das war zu viel, du stürztest dich auf ihn, doch dieses Mal gelang es Barbello, dir zu entwischen, indem er sich flink zwischen die Bänke der Ruderer duckte. Dort konntest du ihm keine Lektion erteilen, denn für die Rudermannschaft sind Passagiere, die in ihre Reihen eindringen, ein Ärgernis – zu oft schon verletzten Stiefelsporne ihre nackten Schultern.

Das Gesicht aschfahl wie Unwetterwolken, kehrtest du zurück. Zur ohnehin beschwerlichen Enge auf dieser Reise kam nun eine neue Qual hinzu: tagelang würdest du den knappen Raum auf der Galeere mit diesem Schandmaul, diesem unverfrorenen kleinen Kastraten teilen müssen, dem Barbara sogar deine intimsten körperlichen Merkmale verraten hatte!

Ich näherte mich dir und legte dir eine Hand auf die Schulter.

»Diese Geschichte ist fünf Jahre alt, Signorino Atto«, sagte ich, um dich zu trösten. »Ihr wart ein zarter Jüngling, heute seid Ihr ein Mann. Außerdem wette ich, dass all diese Gesichter in Eurem Geist schon verschwimmen: die Strozzi, die Checca …«, zählte ich sie auf, Gott dankend, dass wenigstens Margherita Costa, die Schwester der Checca, nicht mit uns fuhr – eine Versuchung weniger. »Und dann Rosina …«, fügte ich mit deutlicher Betonung des Namens hinzu.

 

Rosina. An diesem Morgen hatte noch keiner von uns auf das angespielt, was in der Nacht zwischen euch geschehen war. Ich hätte mich schwarzgallig zeigen müssen: der junge Schützling, der mir vom Großherzog Ferdinando und seinem Bruder Mattias anvertraut ist, darf natürlichen Bedürfnissen keinen freien Lauf lassen, es sei denn, er handelt wider die Natur – das ist es, was deine Padroni von dir erwarten. |51|Stattdessen war ich zufrieden. Ich zeigte es dir nicht, im Gegenteil, ich steckte dir ein Billet zu, dessen Inhalt etwa folgendermaßen lautete:

 

Ich mag ein allzu verwegener Deuter verborgener Gedanken sein, doch scheinen sie, vom Feuer in deiner Brust verbrannt, ihre Asche auf deinem Gesicht verstreut zu haben. Und der Anblick deines aschgrauen Gesichtes drängt mich, mit dir zu sprechen. Um deine Verletzungen zu heilen, tut kühne Indiskretion not, die das Eisen dort einführt, wo es die Wunde zwar erneut öffnet, gleichzeitig jedoch den Weg zur Heilung bereitet.

 

»Der Signor Secretarius wünscht, sich mit mir zu besprechen?«, fragtest du gestelzt, nachdem du das Billett gelesen hattest. Du ahntest ja nicht, dass dein naiver Hochmut mich zärtlich stimmte, statt mich zu beleidigen.

»Ja, Signorino«, antwortete ich.

Im Schutz des heulenden Westwinds konnte ich sprechen, ohne neugierige Ohren fürchten zu müssen. Also hielt ich dir jene kleine Rede, die der Anlass gebot: »Wer nicht lügen kann, kann nicht regieren. Ich werde darum aufrichtig zu dir sprechen. Der launischen Schicksalsgöttin muss man die großen Momente im Leben entweder überraschend oder durch Verstellung entreißen. Darum muss in dir, mein Söhnchen, das Geschlecht lügen, wenn du lernen willst, die guten Früchte deines Unglücks zu ernten. Die Natur machte dich zum Mann, dein Vater wollte dich als Weib. Doch von einer Frau hast du nicht mehr als die Lüge seiner gedungenen Schlächter, die über die Natur und das Schicksal triumphieren wollten, indem sie dich verstümmelten und dich zur Frau erklärten. Er hat dich so zurichten wollen, wie er dich nicht hat zeugen können, und sich darin als Vater gezeigt, dass er dein wahres Wesen leugnete, statt es dir zu geben. Alle bestärkte er in der Überzeugung, dich bis in deine Seele hinein kastriert zu haben, und so verbreitet und tief verwurzelt ist diese Vorstellung schon, dass nur du sie ausmerzen kannst. Achte jedoch auf die Folgen, die sich aus dem Festhalten an diesem Betrug ergeben: vergiss nicht, dass auf deine unbedachten Handlungen unvermeidlich der Verlust des Applauses folgen wird. Bedenke, dass die unglückselige Stellung, in der du dich befindest, großes Talent zur Täuschung und |52|Verstellung erfordert, und nur dank seiner wirst du überleben. Die Klinge des Schweineschlächters ermordete dich und machte dich gegen deinen Willen zum Engel. Ein normales Schicksal blieb dir verwehrt, weil man dir den Boden unter deinen kindlichen Füßen wegzog und dich zum gefährlichen Gang eines Menschen verdammte, der auf Messers Schneide geht, um die Gier seiner mächtigen sodomitischen Gönner zu befriedigen. Wenn deine eigenen Sehnsüchte, ihren unflätigen Plänen zum Trotze, der Natur folgen, erwarten dich die Straße und schließlich der Abgrund. Zeige dich also nicht als Mann, und die lebendige Liebe sei der Feind deiner Gedanken, weil in ihr jedes Glück, das du genießt, blitzschnell untergehen wird. Gewöhne dich daran, Ruinen zu hinterlassen, in dir hat die Liebe Grund, dich bis in die Grundfesten zu erschüttern. Erwäge, welche Schätze durch deine Schwächen verlorengehen, sobald diese Schwächen dein wahres Wesen offenbaren. Richte alle deine Kräfte auf die Notwendigkeit, dass du deine Mörder überlebst. Überlege und plane und spiele all jene Rollen, die deiner Lüge Geltung verschaffen. Übergroß ist dein Unglück, bitter der Kelch, den zu leeren du aufgerufen bist. Nie länger als eine winzige Zeitspanne und nur um eine gewisse Erholung zu erlangen, wirst du, wenn du willst, dich gelegentlich vor dir selbst verbergen und ausnahmsweise vom nosce te ipsum oder »Erkenne dich selbst« abweichen können, indem du auf Wegen außerhalb deines Selbst wandelst. Freilich musst du dich, bevor du dir diesen Luxus erlaubst, streng und erbarmungslos prüfen, und dabei nicht an der Oberfläche der Meinungen verweilen, welche sehr oft irren, sondern musst in die Tiefe deiner Gedanken vordringen und um das Maß und die wahre Bedeutung deines Wertes wissen. Es ist unglaublich, dass die Menschheit so sorgsam darauf bedacht ist, den Preis ihrer Habe zu kennen, doch nur wenige Menschen Sorge tragen oder neugierig sind, den wahren Wert ihres Seins zu erfahren. Wenn du nun das irgend Mögliche getan hast, um dein wahres Selbst zu erkennen, magst du dir sodann für ein paar Tage die Freiheit nehmen, dein unseliges Los zu vergessen, und versuchen, wenigstens mit einem Bild der Zufriedenheit zu leben, damit du den Gegenstand deines Elends nicht immer vor Augen hast. Es wird wie ein Schlaf der müden Gedanken sein, wenn du die Augen vor der Erkenntnis deines Schicksals eine Weile geschlossen hältst, um sie nach dieser kurzen Erquickung umso weiter zu öffnen. Und mit Bedacht sage ich: kurz, denn leicht würde sich die |53|Ruhe in Lethargie und Tod verwandeln, wenn du zu oft zu dieser flüchtigen Erholung greifen würdest.«

 

Mit einer bittenden Handbewegung machtest du meiner Rede ein Ende. Mehr Milch brauchtest du nicht, denn wer wachsen muss, dem genügt es, sich vom Wind zu nähren, um sich erheben zu können.

DISKURS V

Darin man etwas über die Galeerensträflinge und sodann über Malagigi erfährt, den Fürsten aller römischen Kastraten, halb Mensch, halb Legende.

Ich verließ das Kastell am Heck und ließ dich allein, um mich zu den Bänken der Ruderer zu begeben. Sie waren nur zur Hälfte besetzt. Ich bat einen der erfahrenen Matrosen um eine Erklärung.

»Wir haben Winter, es gibt genügend Wind«, antwortete er.

Und das Rettungsboot, mit dem die Menschen in Sicherheit gebracht werden, wenn das Schiff untergeht? Sonderbar, hier gab es nicht nur eines, wie üblich, sondern zwei: eines an Bord und eines, das hinter dem Schiff hergezogen wurde.

»Ist immer besser, eines in Reserve zu haben«, erklärte er. Die Galeerensträflinge, fuhr er fort, waren Diebe, Mörder und Betrüger, doch auch simple Gemüter, einige hatten sogar ein heiteres Naturell. Obwohl die Menschen auf See wie die Fliegen starben, würden viele der Zwangsarbeiter das Leben auf der Galeere niemals aufgeben, da es für einen Galeerensträfling auf dem Land keine Zukunft gab. Einst brachten sie sogar ihre Frauen an Bord, wenn sie welche hatten, oder Geliebte und Huren, die sie sich aus den Häfen holten, und ohne Scham besaßen sie diese Frauen zwischen den Ruderbänken unter den Augen ihrer Kameraden. Wurde die Fahrt unterbrochen, verdienten sie sich in den Häfen ein wenig Geld mit dem Verkauf von kleinen Gegenständen, die sie an Bord hergestellt hatten, oder sie boten ihre Dienste an oder machten Musik auf den Straßen und in Wirtshäusern. Darum konnten an Bord fast alle, ob Berserker oder Winzlinge, recht ordentlich die Trompete oder Oboe spielen. Gewiss, war man im Hafen angekommen, |54|mussten sie sich damit abfinden, zu zweit mit einer Kette aneinandergefesselt zu werden. Lediglich die türkischen Sklaven, die die Sprachen der christlichen Länder nur stammeln, konnten keine Fluchtpläne schmieden und wurden darum ohne Ketten von Bord gelassen. Ohnehin sei es besser, fügte er flüsternd hinzu, so wenig Türken wie möglich an Bord zu haben.

»Jetzt herrschen andere Zeiten«, erklärte der Matrose darauf mit lauter Stimme. »Die Frauen der Ruderer und die Weiber vom Hafen dürfen nicht mehr an Bord. Doch wenn sie keine Vergnügungen mehr haben, werden die Seeleute böse oder zu Päderasten. Und das verdirbt die Stimmung auf dem Schiff.«

Während ich mich so unterhielt, sah ich, wie du aus dem Kastell herauskamst und dich an die Brüstung lehntest. Von Zeit zu Zeit warf ich einen Blick auf dich. Stumm und einsam standest du dort, und während du, den Blick starr auf den Horizont gerichtet, über meine Worte grübeltest, ritzte der Sporn deiner Stiefel nervös das Holz des Kiels. Nicht, dass ich etwas Neues, Unerwartetes gesagt hätte, doch es ist niemals leicht, die traurigen Wahrheiten, die man im Herzen trägt, von anderen gesagt zu bekommen. In diesen Momenten fingst du an, im Honig deiner Jugend zu graben, um herauszufinden, ob sich unter dieser trüben, klebrigen Materie jene scharfen Klingen befanden, die man im großen Wettkampf des Lebens benötigt. Deine stets weit geöffneten, runden Augen begannen damals, schmaler, kantiger zu werden, und als du den Blick hobst, blitzten die fast dreieckigen Pupillen wie Dolche aus der Dunkelheit. Du hattest deine Verzweiflung umhüllt und versiegelt und sie auf den Grund des Meeres deiner Seele geworfen. Niemand würde sie dort entdecken. Du warst sehr darauf bedacht gewesen, unser Gespräch ohne Abschluss zu lassen, und würdest nicht mehr darauf zurückkommen, damals nicht und auch später nie mehr.

 

Dann sah ich dich den Oberkörper straffen, die Schultern nach hinten ziehen und eine Arie anstimmen, um in Übung zu bleiben. Denn erneut packte dich die Ungeduld, endlich nach Paris zu gelangen und zu erfahren, was das Schicksal für dich bereithielt. Vor zwei Jahren hatte dein in Venedig bei der Finta Pazza so gut erprobtes Talent dir am französischen Hof den nächsten Triumph gesichert. Die Königinmutter Anna von Österreich hatte dir eine fast schamlose Gunst gewährt, als sie dich abends in ihrem Schlafgemach singen ließ. Jetzt ließ Mazarin |55|dich und andere Musiker erneut in Frankreich tirilieren und hatte befohlen, euch das komfortabelste Schiff zur Verfügung zu stellen, wenn nötig sogar ein Kriegsschiff.

Die Brust schwoll dir vor Stolz bei dem Gedanken, dass der große Jules Mazarin, einst Giulio Mazzarino, jener feinsinnige Doktor der Rechte mit sizilianischem Blut, dem es ungeachtet seiner bescheidenen Geburt in einem kleinen Ort der Abruzzen gelungen war, Herrscher von Frankreich und Geliebter der Königinmutter zu werden, wieder nach dir verlangte. Ja, er ließ dich sogar holen, um seinen kühnsten Plan zu verwirklichen: Ohne eine geeignete Oper in der Hand zu haben, wollte er den italienischen Stil auf französischem Boden durchsetzen, obwohl Frankreich der glänzendste, vollkommenste und erbittertste Feind des italienischen Geschmacks war.

Du warst in guter Gesellschaft, vor allem mit Malagigi, deinem zweiten geliebten Maestro der vergangenen Monate in Rom und dem besten Sänger unter allen Kastraten der Ewigen Stadt. Ach, Malagigi! Er war elf Jahre älter als du, und – bei Gott! – du liebtest ihn wie jeder Schüler seinen wahren, großen Meister liebt.

Mit eben vierzehn Jahren, unreif wie ein Frühäpfelchen, hatte er Bewunderung erregt, als er unter der Leitung des großen Monteverdi auf der Hochzeit Medici-Farnese sang, der prächtigsten Hochzeitsfeier, die man je in der Toskana sah. Die Damen waren fast in Ohnmacht gefallen, als sie die süße, aber feste Stimme dieses göttlichen Putten hörten, der unerschütterlich wie ein Engel, dem die Dinge dort unten gleichgültig sind, vor den mächtigsten Herrschern Italiens auf der Bühne stand. Sieben Jahre später, beim Karneval in Rom, hatte er sich dank der maßlosen Gunst, die ihm Kardinal Antonio Barberini gewährte, der Neffe Seiner Heiligkeit, beim großen Sängerwettstreit zu Ehren des Prinzen von Polen mit Ruhm bedeckt und viele Neider geschaffen. Triumphierend war er in den prachtvollen Palazzo Magalotti eingezogen, auf dem allegorischen Karren des Ruhms stehend, den ein gewaltiger Adler zog, und gekleidet in einen äußerst exotischen, bizarren Umhang aus goldenem Brokat, der über und über mit unzähligen Augen, Ohren und Mündern bestickt war. Auf dem Rücken trug er riesige Engelsflügel, in der Rechten hielt er eine Bucina, mit der Linken segnete er das Publikum. Pasqualini wirkte stets wie eine himmlische Erscheinung, und wenn er die hohen Töne nicht erreichte, lenkte er die Zuhörer mit Rezitationen ab, denn er konnte Menschen, |56|Tiere oder Engel wirklichkeitsgetreuer darstellen als sie in der Wirklichkeit erscheinen. Für jeden, der etwas von Musik und wahrer Kunst verstand, war Pasqualini halb Mensch, halb Legende. Alle Damen lagen ihm zu Füßen, mit Billigung ihrer Ehemänner, die von einem Kastraten nichts zu befürchten haben, und das kam dem unverbesserlichen Weiberheld Kardinal Barberini sehr gelegen, da er dank der tüchtigen Mittlerdienste Pasqualinis in die Betten aller römischen Mädchen schlüpfen konnte, ohne dass ihre Familien etwas erfuhren.

Es heißt, dass der Kardinal ihn vor einigen Jahren von dem Maler Andrea Sacchi porträtieren ließ. Auf diesem unvergleichlich schönen Bildnis empfängt Pasqualini von Apoll persönlich den Lorbeerkranz, was der höchsten Verherrlichung überhaupt gleichkommt. Nur für ihn ließ der Kardinal ein Schauspiel schreiben, den durch Ariost inspirierten Palazzo Incantato, ein Stück, in dem Pasqualini Furore machte und die Römer schwarz vor Hass und gelb vor Neid werden ließ. Denn bei der Auswahl der Musiker, Komparsen und Bühnenbildner konnte er nach Gutdünken schalten und walten, und Macht wird in Rom zwar umworben, unumschränkte Herrschaft aber gehasst. Die sublime Musik des Palazzo Incantato ließ er deinen anderen Lehrer Luigi Rossi schreiben. Doch bei der Premiere versagte die gesamte Bühnenmaschinerie, und der Abend wäre fast zu einer Farce geworden, wenn Pasqualinis Stimme und seine Sprechkunst, Gott ist mein Zeuge, ihn nicht gerettet hätten. Von da an nannten ihn alle Malagigi, nach einer der Figuren, die er an jenem Abend gespielt hatte: ein zauberkundiger Cavaliere, der Dämonen in Schach zu halten vermag. Und so entkam Malagigi durch sein Geschick sogar dem Untergang seines Padrone: Nach dem Tod Papst Urbans VIII. flohen seine Neffen, die Kardinäle Francesco und Antonio, nach Frankreich, um der Rache des neuen Papstes Innozenz X. Pamphili zu entgehen, der sie in einem Prozess wegen Veruntreuung zermalmen wollte. Malagigi aber blieb seelenruhig in Rom, wo er noch heute singt, was ihm beliebt, und wird von diesem neuen Papst nicht weniger als vom alten geliebt. Darum hat Mazarins Agent in der Ewigen Stadt auch zwei Monate gebraucht, bis er den Papst überreden konnte, Malagigi endlich nach Frankreich abreisen zu lassen, worum Mazarin ergebenst gebeten hatte. Doch man kann darauf wetten, dass Malagigi, sobald er sich von Mazarin ein paar Triller und hohe Töne mit Gold hat aufwiegen lassen, eilig nach Hause zurückkehren wird.

|57|Wenn man euch beide anschaute, schienet ihr wie Brüder: der gleiche fleischige Mund mit der aufgeworfenen Oberlippe und der in der Mitte wie eine reife Pflaume gefurchten Unterlippe, das gleiche Grübchen im Kinn, die gleichen mandelförmigen Augen mit langen Wimpern und zu stolzen Bögen gerundeten Augenbrauen. All das sind typische Merkmale der Kastraten. Ihr würdet einander vollkommen gleichen, wenn Malagigi nicht sehr viel dunkler an Haut und Haaren wäre und keine kohlschwarzen Augen hätte, während du blass und blond bist wie Weizen und blauviolette Pupillen hast wie ein zweiter Erzengel Gabriel. Also musstest du schon mit fünfzehn Jahren erleben, dass blutjunge Singvögelchen nach dir schmachteten, doch nicht nur diese, auch junge Komponistinnen wie die Strozzi, ja sogar Dichterinnen und adelige Damen. Und leider nicht nur diese.

An Bord unseres Schiffes befanden sich Personen von erlesener Bildung, die auch die anspruchsvollsten Geister zu unterhalten vermochten. Jener Teutsche Caspar Schoppe zum Beispiel, siebzigjährig und eine elegante Erscheinung, der Italienisch mit dem amüsanten Akzent der deutschen Pilger sprach (wie viele hattest du in Rom gehört!), doch seltsamerweise gerade aus Padua kam, wo er wer weiß welchen Geschäften nachging. Der Blick fest, die Augen schwarz und stolz, der geschwungene Schnurrbart und der Spitzbart am Kinn tadellos gepflegt, hochgewachsen, korpulent, doch von kerzengerader Haltung und einem in der Farbe schwarzer Traubenkerne gefärbten Haarschopf, um das Ergrauen des Alters zu verbergen. Diesen Schopf krönte mitten auf dem Kopf ein dichtes, spitz zulaufendes Büschel Haare.

Aus den wenigen Worten, die man ihm entlocken konnte, hattest auch du, mein junger Atto, geschlossen, dass Schoppe höchst bewandert war in den griechischen und lateinischen Klassikern, außerdem in Fragen der Religionslehre. Doch er blickte sich häufig misstrauisch um und kritzelte fortwährend hastige Anmerkungen in ein Heftchen.

Oder jener Franzose aus der Bretagne, Louis Hardouin, von Beruf Buchhändler und Drucker in Paris, der alles über Handschriften und seltene Ausgaben wusste. Von niedrigem Wuchs, aber magerer, nervöser Konstitution, besaß er den wachen Blick des Händlers, doch auch von ihm wusste man nicht recht, was er auf dem Meer der Toskana zu tun gedachte. Tatsächlich schien er es kaum erwarten zu können, wieder französischen Boden unter den Füßen zu haben, um zu seinen geliebten |58|Druckpressen zurückzukehren und sich seinen Bücherstapeln zu widmen, zumal seine Frau ein Kind erwartete, das bald, vielleicht noch vor Weihnachten zur Welt kommen sollte. Hardouin kehrte von einer Rundreise durch Europa zurück, die auf der Messe der Buchhändler in Frankfurt begonnen hatte, welche gewöhnlich Ende September anlässlich des Festes des heiligen Michael abgehalten wird.

Bei ihm war der Pariser François Guyetus, ebenfalls siebzigjährig wie Schoppe, doch vom Alter gebeugt, auf dem Kopf eine graumelierte Mähne, dicht wie ein Schilfwald, und einen herrischen Tonfall in der Stimme. Guyetus galt als einer der berühmtesten Kenner der lateinischen und griechischen Klassiker, es hieß, er könne sämtliche Oden von Horaz auswendig hersagen, ja sogar Vergils gesamte Aeneis von oben bis unten. Eigene Veröffentlichungen hatte er keine: er begnügte sich damit, seine Texte lateinischer und griechischer Dichtung über und über mit scharfsinnigen Anmerkungen zu versehen, und oft gelangte er zu überraschenden Schlussfolgerungen, die die Welt der Pariser Gelehrten in Aufruhr versetzten. So war Guyetus, um nur ein Beispiel zu nennen, zu der Auffassung gelangt, die erste der berühmten Oden des Horaz sei eine dreiste Fälschung.

Unter den Passagieren war auch Gabriel Naudé, der Bibliothekar Seiner Eminenz Kardinal Mazarin. Ein spritziger Mensch von vierundfünfzig Jahren, zungenfertig, stets höchst elegant gekleidet, der ebenfalls mit einer großen Bücherkiste reiste. Es hieß, er sei eine Art Schatzjäger im Auftrag des Kardinals, welcher ihn mit schwindelerregend hohen Summen ausstattete, damit er seltene Bücher und Handschriften, ja, ganze Bibliotheken für ihn aufstöberte. Offenbar zog er kreuz und durch Europa, um Bücher für Mazarin zu besorgen, dem es nicht an den nötigen Mitteln zu mangeln schien. Wir hatten Naudé bei unserem ersten Aufenthalt in Paris kennengelernt, als er schon seit zwei Jahren im Dienst des Kardinals stand. Schon damals haftete ihm ein ganz besonderes Charisma an, den Grund dafür werde ich im Folgenden erklären.

|59|NOTIZ

Darin von der Tetrade die Rede ist und von der maßlosen Leidenschaft des Gabriel Naudé für alte Bücher und Handschriften.

Gabriel Naudé war nämlich Mitglied der berühmten Tetrade, einer Gruppe von vier großen Geistern, den gelehrtesten, passioniertesten, brillantesten Köpfen von Paris, die vielleicht den Gang der Geschichte in Frankreich und nicht nur dort verändern konnten. Die anderen drei hießen Elia Diodati, La Mothe Le Vayer und Gassendi, und sie unterschieden sich sehr voneinander: Diodati war entgegenkommend und friedlich, Gassendi herzlich und feurig, La Mothe Le Vayer distanziert, Naudé schließlich begeisterungsfähig, aggressiv, streitlustig und redegewandt. Sie alle einte der Wunsch, sich zu präsentieren und gelobt zu werden, doch alle plauderten auch gern ungezwungen. La Mothe, der mit unfassbarer Leichtigkeit große Mengen an Schriften verfasste, beschrieb ihre gemeinsamen Abende in seinen Dialogen des Orasius Tuberus als heiteres philosophisches Gespräch. In diesem Text tritt nach dem Vorbild antiker Dialoge jeder der vier unter falschem Namen auf (Orasius Tuberus zum Beispiel ist La Mothe) und spielt ein Versteckspiel mit dem Leser. Ganz Paris las die Dialoge, die damit zur großen Bühne des geistreichen Quartetts wurden.

Die vier Freunde der Tetrade, grundverschieden und gleichzeitig seelenverwandt, liebten sich, disputierten über jedes neue Buch und jedes aktuelle Thema, stritten sich, hassten einander, versöhnten sich wieder und erreichten damit, dass ganz Paris von ihnen sprach. Ihre Lehrer waren Klassiker wie Cicero oder Seneca, Plinius oder Plutarch. Ihre Strategie war: das Geheimnis wahren, immer. Doch vor allem hatten sie ein gemeinsames Credo: den Hass auf allzu viel Glauben. Glauben an die Götter und an Gott, an Wunder, an Geheimnisse, an die Mythen und Legenden. Ihr Motto hatten sie dem vorsokratischen Griechen Epicharmos abgeschaut: Nevi atque artus sapientiae sunt nihil temere credere, ein vorsichtiger Glaube ist der Kern und das Gerüst der Weisheit. Sie hatten sich einen Kampfnamen gegeben: Die Starken Geister, oder auch Les Deniaisez, diejenigen, die schlau machen. Sie verachteten die Naiven, die Tölpel, die Abergläubischen, Bigotten und all jene, die bedenkenlos an die Unsterblichkeit der Seele glauben.

|60|Die philosophische Strömung des Pyrrhonismus machte bei ihnen Furore. Der Name rührt von dem griechischen Philosophen Pyrrhon von Elis her, welcher sich folgende Fragen stellte: Was sind die Dinge, und wie sind sie beschaffen? Wie sind wir mit ihnen verbunden? Wie müssen wir uns ihnen gegenüber verhalten? Immer lautet Pyrrhons Antwort: Wir wissen es nicht. Wir können sagen, wie uns die Dinge erscheinen, aber über ihr Wesen wissen wir nichts Sicheres. Dasselbe Ding erscheint mehreren Beobachtern auf unterschiedliche Weise, die Meinungen gehen sowohl unter den Unwissenden wie unter den Weisen auseinander, was beweist, dass man nichts felsenfest behaupten darf und keine einzige Ansicht mit Sicherheit richtig oder falsch ist. Meinungen sind erlaubt, aber Gewissheit und Wissen sind unerreichbar. Daraus leitet sich ab, dass unser Verhalten gegenüber den Dingen distanziert sein und sich jedweden Urteils enthalten muss. Von nichts kann es Gewissheit geben, nicht einmal, ob draußen vor dem Fenster die Sonne scheint oder der Regen niederrauscht.

Wenn Naudé seine Zeit nicht damit verbrachte, sich mit den anderen der Tetrade oder im Haus der Gebrüder Du Puy, dem zweiten großen Treffpunkt der Gelehrten und Gebildeten von Paris, in philosophischen Erörterungen zu ergehen, eilte er von einem Ende Europas zum anderen. Auch im Winter, wenn die Straßen vereist waren, brach er vor dem Morgengrauen auf, wenn ihn die Kunde erreicht hatte, dass die lang gesuchte Handschrift, die angeblich unauffindbare Ausgabe oder die äußerste seltene Sammlung von Drucken sich in diesem oder jenem abgelegenen Städtchen befände. Viele sahen ihn mit Spinnweben bedeckt und am Staub fast erstickt aus den Speichern von Altwarenhändlern herauskommen, die zufällig dieses oder jenes kostbare Buch besaßen. Damit der Händler nicht erkannte, welchen Schatz er besaß, pflegte Naudé für wenig Geld das gesamte Geschäft zu kaufen. Er besaß den unfehlbaren Instinkt des Wilderers. Keine Frau, keinerlei Ablenkung, keinen anderen Gedanken im Kopf als Büchern nachzujagen, sie seinen Herren auszuhändigen und damit schließlich den Gelehrten zur Verfügung zu stellen.

Schon als Zwanzigjähriger hatte er Erfahrungen gesammelt, als er Monsire de Mesmes, dem Präsidenten des Parlaments von Paris, dieselben Dienste geleistet hatte. De Mesmes aber war dem Vorschlag des jungen Bibliothekars, seine ganze Sammlung für das Publikum zu öffnen, nicht nachgekommen. Enttäuscht war Naudé nach Italien |61|gegangen, zunächst nach Padua. Darauf hatte er elf Jahre in Rom im Dienst von Kardinal Di Bagni gestanden. Auch dieser war während seiner Zeit als Nuntius in Paris ein Besucher des Salons der Gebrüder Du Puy gewesen und hatte Naudé auf die wärmste Empfehlung der beiden hin angestellt. Nach dem Tod von Kardinal Di Bagni 1641 war er ein Jahr lang den Barberini zu Diensten und wurde dann von Mazarin, der soeben Nachfolger von Richelieu geworden war, nach Paris zurückgerufen. Ein wahrer Glücksfall für Naudé: Jetzt hatte er den wohlhabendsten und großzügigsten Herrn, den man sich in Frankreich wünschen konnte, denn der König war noch ein kleines Kind. Zudem hatte Seine Eminenz Naudé gestattet, seine unermesslich reiche Sammlung jeden Donnerstagnachmittag für das gelehrte Publikum zu öffnen. Außerdem wurden unter Leitung von Naudé Kopien sämtlicher wichtiger Handschriften aus der Sammlung des Kardinals angefertigt, um den Gelehrten, die donnerstags die Bibliothek aufsuchten, statt der Originale nur Kopien vorzulegen (man kann nie vorsichtig genug sein). Doch das war geheim, Atto hatte es nur zufällig während seiner Gesangssoireen am französischen Hof erfahren.

Im Mai 1645 war Naudé mit uns von Paris nach Florenz zurückgekehrt. Er sollte den Kopisten von Florenz, die für die Medici arbeiteten, eine Bibel des berühmten Gutenberg übergeben, von dem alle sagen, er habe den Buchdruck erfunden. Naudés Auftrag lautete, eine perfekte Kopie herstellen zu lassen, die dem Originaldruck täuschend ähnlich sah. Die Arbeit war mühselig. Kein Kopist oder Drucker in Frankreich oder in Rom war imstande gewesen, die Seiten Gutenbergs nachzuahmen. Denn die beweglichen Lettern, die er benutzt hatte, waren im Lauf der Zeit natürlich verlorengegangen. Doch die Kopisten der Medici bewirkten Wunder: nach einem Jahr war die Kopie fertig. Wir hatten vereinbart, dass ich ihm brieflich Nachricht gab, sobald er kommen konnte, um sie abzuholen. Leider war mein Brief während des Transports verlorengegangen, und ich hatte ihn ein zweites Mal schreiben müssen. Danach war er endlich nach Florenz gekommen, um Gutenbergs kostbare Originalbibel und die perfekt ausgeführte Kopie abzuholen. Auf seiner Rückreise hatte Naudé nur die Kopie mitgenommen, das Original hatte er mit drei berittenen Sonderkurieren des Heeres zu Lande nach Paris schicken lassen.

|62|DISKURS VI

Darin über das Misstrauen zwischen Gelehrten und über die Gründe desselben räsoniert wird. Auch wird der Brief eines geheimnisvollen Mönchs erwähnt.

Der Wind hatte abgeflaut, jetzt mussten die Ruderer sich in die Riemen legen.

»Hooolt auuus!«, rief der Galeerenaufseher, der Mann, der auf jeder Galeere die Ruderer mit Peitsche und Pauke antreibt. Einer der Bereitwilligen fluchte, sogleich unterstützt von einem Kameraden: Das Schiff habe seine Trimmung verloren, sagte er, denn bei der Abfahrt sei der Ballast im Kielraum schlecht verteilt worden. Der Antreiber antwortete, indem er die Peitsche knallen ließ, woraufhin das Brummen der Ruderer sofort verstummte. Wer auf einer Galeere rebelliert, lernt die Peitsche kennen und bekommt keinen Wein, die einzige Erleichterung von den unmenschlichen Mühen des Ruderns, die der Galeerenaufseher an der Bordtaverne zu Wucherpreisen verkauft.

 

»Atto, hör auf, wie ein Huhn zu gackern, und spiel mit uns.«

Das war der melodische venezianische Tonfall von Barbellos Kastratenstimmchen, das feiner war als deine Stimme, jedoch weniger kräftig. Im Gegensatz zu dir liebte er Possen und unablässiges Gelächter. Als Antwort warfst du mit einem hohen Ton, der allen ringsum das Trommelfell zerfetzen konnte, einen Schuh auf ihn. Barbello, in eine dicke Decke eingemummt, merkte es nicht einmal, er saß hingeflegelt mit dem Rücken an eine Holzkiste gelehnt, während Malagigi, der sich, ebenfalls in eine Steppdecke gehüllt, vor ihm ausgestreckt hatte, träge die Spielkarten mischte. Der venezianische Kastrat, kleinwüchsig wie Malagigi, doch rundlich und weich, hatte sich sofort mit dem Leben auf der Galeere arrangiert, dem erzwungenen Aufenthalt auf einem schwankenden, mitten im Meer verlorenen Gefährt, auf dem eine Gruppe Unglücklicher sich, umgeben von Gestank und Mist, zusammendrängt, und wo man, um nicht in Streit zu geraten, alle eitle Würde ablegen und zu guten Kameraden werden muss.

Erstaunt beobachteten Schoppe, Guyetus und Hardouin euch Kastraten, den berühmten Malagigi, den vielversprechenden Atto Melani und den Plagegeist Barbello. Euer dreistes Naturell machte sie verlegen, |63|vielleicht waren sie auch ein wenig erschrocken über eure seltsamen Körper, den leicht aufgeblähten Brustkorb, die ungewöhnlich schmalen Finger.

Nach einer Weile hörtest du auf zu singen und zogst dich in das Achterkastell zurück. Barbello war unterdessen eingeschlafen, sein Kopf ruhte auf dem Wachstuchsack, und Malagigi hatte ich aus den Augen verloren. Ich blieb lange Zeit in Betrachtung des Horizonts versunken, bis ich gewahrte, dass es zu regnen begonnen hatte, und hörte, wie einige der Ruderer die ersten Tropfen fluchend kommentierten. Bevor auch ich mich in das Kastell flüchtete, wollte ich mir ein Glas warmen Wein holen, doch eine Stimme ließ mich innehalten.

»Der Junge hat zu lange im Wind geträllert, und jetzt tut ihm die Kehle weh, nicht wahr?«

Es war Malagigi, der plötzlich hinter dem Beiboot an Bord hervorkam. Dank deines Aufenthalts in Rom und der Unterrichtsstunden, die du bei ihm und Luigi Rossi genommen hattest, kannten wir uns gut.

»Nein, mein Herr. Der junge Atto ist nur ein wenig melancholisch gestimmt. Die Reise langweilt ihn: Geduld ist nicht seine Stärke, und er wäre gerne schon in Paris.«

»Ja, natürlich«, sagte Malagigi mit einem gutmütig spöttischen Lächeln. »Und er kann es kaum erwarten, zu erfahren, was wir dort tun sollen, habe ich Recht?«

»Genau so ist es.«

»Tja, das würden alle Musiker gerne wissen, die sich in diesen Tagen nach Frankreich eingeschifft haben«, pflichtete Pasqualini mir freundlich bei. Dann senkte er die Stimme: »Wisst Ihr, ob sich unter den Passagieren dieses Schiffes ein Mönch befindet?«

»Bis jetzt habe ich noch keine Ordensbrüder entdeckt«, antwortete ich ein wenig überrascht. »Und es gibt nicht eben viele Passagiere auf dieser Kriegsgaleere.«

»Ich hörte Hardouin und Guyetus darüber sprechen«, erklärte Malagigi, »aber sie ahnten nicht, dass ich ihnen zuhörte.«

»Hardouin und Guyetus? Mithin zwei Franzosen, die sich in ihrer Muttersprache unterhalten. Vielleicht habt Ihr etwas falsch verstanden«, gab ich zu bedenken und tat, als hätte ich überhört, dass Malagigi sie heimlich belauscht hatte.

»Möglich«, antwortete er. »Tatsächlich nannten sie einen Namen, |64|doch er war unverständlich. Was ich dagegen verstanden habe, ist, dass beide anhand von Hinweisen, die sie in einem Brief erhalten haben, nach diesem Mönch suchen.«

»Fürchtet Ihr, es könnte sich um eine unsaubere Machenschaft handeln?«

Pasqualini schwieg einen Augenblick.

»Nein, so ist es mir nicht erschienen«, sagte er, »aber ich glaube verstanden zu haben, dass sowohl Guyetus als auch Hardouin enttäuscht sind, weil sie ihn nicht gefunden haben. Meiner Meinung nach könnte es sich um jemanden handeln, den der Kardinal in Paris erwartet, jemand, der gerufen wurde wie wir, um Musik zu machen. Vielleicht ein kastrierter Mönch. Und wenn er nun beim Appell fehlt, nun, dann ist das womöglich ungünstig für uns. Vielleicht sollte er bei dem Schauspiel mitwirken, das der Kardinal plant.«

Ich versprach Malagigi, die Ohren offenzuhalten und ihm alles zu berichten, was ich herausfinden konnte. Ich würde ein paar Fragen stellen, versicherte ich ihm und nahm mir vor, die Sache sofort anzugehen, um ihm meinen guten Willen zu zeigen. Kaum hatte Pasqualini sich entfernt, trat einer der Matrosen vor mich hin.

Er teilte mir mit, dass Naudé nach mir suche und mich in den Unterkünften der Offiziere erwarte. Meine Aufgabe schien einfacher als erwartet.

 

Das Anliegen Naudés entpuppte sich als ein alltägliches Problem: Mazarins Bibliothekar war die Tinte ausgegangen, und keiner an Bord wollte ihm seine überlassen. Also hatte er sich an mich erinnert. Seit wir im vergangenen Jahr zusammen aus Paris zurückgekehrt waren, behandelte er uns mit jener von allem Argwohn freien Liebenswürdigkeit und Höflichkeit, die für die Franzosen so charakteristisch ist, die wir unverbesserlich misstrauischen Italiener jedoch nur unseren besten Freunden vorbehalten, und auch das nicht immer.

»Ich muss die Ausgabenliste für den Kardinal auf den neuesten Stand bringen«, erklärte er. »Seine Eminenz verlangt, dass die Rechnungsbücher alles genau verzeichnen und der Grund für jede Ausgabe gut lesbar an den Rand geschrieben wird. Die Rechtfertigung aller Kosten ist das Wichtigste und muss in klaren Worten abgefasst sein. Das gut gewählte Wort macht alles möglich. Heißt es doch im Lukasevangelium: Im Anfang war das Wort!«, zitierte Naudé fröhlich in |65|dem ausgezeichneten Italienisch, das er im Dienst des verstorbenen Kardinal Di Bagni erworben hatte.

»Im Johannesevangelium«, ertönte die Stimme von Guyetus, der mit dieser Korrektur seine Anwesenheit verriet. Er hatte es sich in einem dunklen Winkel auf Kissen bequem gemacht und rauchte eine Pfeife.

»Ach ja, klar, im Johannesevangelium«, brummte der Bibliothekar, ohne sich die gute Laune verderben zu lassen, zumal er ein Experte darin war, bei lateinischen Zitaten unweigerlich den Autor zu verfehlen.

Also ging ich in meine Unterkunft, kramte zwischen meinen Siebensachen ein neues Tintenfläschchen hervor und brachte es Naudé. Er war überaus dankbar und bot mir eine lächerlich kleine Summe Geldes an, die ich mit großer Förmlichkeit ablehnte, während Guyetus in seiner dunklen Ecke herzlich lachte, ob über meine Heuchelei oder Naudés Geiz, vermag ich nicht zu sagen.

»Wenn Ihr mir dagegen gestatten würdet, Euch eine Frage zu stellen, Monsire Naudé …«, wagte ich einen Vorstoß und kleidete meine Frage in vage Anspielungen auf jenen Mönch, von dem Malagigi die beiden hatte sprechen hören. Ich sagte – Gott möge mir die Lüge vergeben – dass du, Atto, von jenem Manne gehört habest und nun fürchtest, es handle sich um einen Kastraten, der dir Konkurrenz machen könnte.

Naudé, wie alle Franzosen zur Gesprächigkeit neigend und überdies in Kreisen zuhause, wo Nachrichten wie verrückt gewordene Fliegen ein- und ausschwärmen, schien sich über die Frage nicht zu wundern und fragte auch nicht, woher ich meine Informationen hatte.

»Na, das ist doch wirklich sonderbar!«, rief er lebhaft aus, wobei er einen Blick mit Guyetus wechselte. »Alle fragen sich, was diesen verflixten Frate um Himmels willen bewogen haben mag, Livorno zu verlassen, wo er anscheinend seit vielen Jahren lebt. Und Ihr könnt Euren Signorino Atto beruhigen«, fügte er lachend hinzu. »Dieser Mönch hat nichts mit den Opernprojekten Kardinal Mazarins zu tun.«

»Oh, ich bin Euch unendlich dankbar für diese Information, mein kleiner Schützling wird höchlichst erleichtert sein«, rief ich und wollte mich gerade verabschieden, als du ankamst.

Du warst auf der Suche nach einer hölzernen Kiste mit einigen Arien des Mazzaroli, die man dir in Rom gegeben hatte, und die du jetzt, angesichts des fortgesetzten Müßiggangs, den die erzwungene |66|Trennung von deiner Rosina noch unerfreulicher machte, eigenhändig kopieren wolltest. Du bedachtest mich mit jenem neuen Blick, der dir durch unser trauriges Gespräch heute früh entstanden war, und fragtest nach der Kiste. Ich sagte dir, wo die Kiste sich befand, und du wolltest gerade wieder verschwinden, als Naudé dich zurückhielt.

»Soeben habe ich Euren Begleiter beruhigen können, junger Atto«, sprach er dich freundlich lächelnd an. »Der Kardinal hat große Pläne mit Euch! Es gibt keinen Mönch, der Euch den Ruhm wegschnappen will«.

Du warfst mir einen fragenden Blick zu, ahntest aber, dass ich bei Naudé etwas eingefädelt hatte, was ich dir noch nicht hatte mitteilen können.

Ich befreite dich und mich aus der peinlichen Lage, indem ich Naudé und Guyetus meine Dienste anbot:

»Sagt mir ruhig frei heraus, Monsire, ob ich es wagen darf, mich Euch und Euren Reisegefährten in dieser Sache zur Verfügung zu stellen. Als Secretarius des Hauptmanns Sozzifanti, Cavaliere des Ordens Santo Stefano, führt mein Weg mich sehr häufig nach Livorno, wo sich, wie Ihr wisst, das Hauptquartier der Marine des Ordens befindet. Ich verfüge dort über viele Kontakte, sonderlich in den Klöstern jener Orden, die zum Zweck des Loskaufs von Gefangenen gegründet wurden. Ich wäre sehr glücklich, wenn ich mich Euch nützlich machen könnte«, schloss ich, während ich in deinen Augen die Freude darüber las, in Mazarins Gunst nun noch höher zu steigen, da ich Naudé, seinem geliebten, treuen Bibliothekar, ein so großzügiges Angebot gemacht hatte.

»Ihr könntet uns also helfen«, stellte Guyetus zwischen zwei Zügen an seiner Pfeife fest.

»Und schon seid Ihr in die gierigen Krallen der grausamen Göttin Philologie geraten, mon cher«, warnte mich Naudé und fügte, zu dir gewandt, belustigt hinzu: »Rettet Euren armen Secretarius, junger Atto, bevor es zu spät ist!«

»So lasst mich doch reden, Gabriel Naudé!«, brummte Guyetus ärgerlich. »Wenn Ihr Euch wie ein geschwätziges, aufdringliches alte Weib gebärdet, ertrage ich Euch nicht«, tadelte er den Pariser Philologen mit jener mürrischen Grobheit, die ich später noch oft bei ihm erleben sollte.

»Ihr seid es doch, der fortwährend spricht«, erwiderte Naudé unverändert |67|gutgelaunt. »Ihr wisst sehr wohl, dass ich recht habe. Nicht nur Ihr, auch Schoppe und der teure Hardouin, jener wahrlich schätzenswerte, bretonische Buchhändler, welcher in Paris eine hochinteressante Buchhandlung und Druckerei besitzt, habt mir alle drei eine Menge Fragen gestellt, um zu erfahren, warum auch ich mich auf diesem Schiff befinde. Doch ich sagte Euch schon, es handelt sich um einen bloßen Zufall. Ich habe keinen Brief bekommen.«

»Wenn es nur darum geht, so hat auch Hardouin keinen erhalten«, versetzte Guyetus. »Er war in die Toskana gereist, um Bücher zu suchen, denn auf der Messe in Frankfurt hat er nichts Interessantes gefunden. Ich war es, der ihn bat, mir zu helfen, als mir jener berüchtigte Brief zugestellt ward.«

»Also habt nur Ihr und Schoppe ihn erhalten?«, fragte Naudé.

»Mit Sicherheit nicht. Bevor ich aus Paris abreiste, erfuhr ich, dass er auch dem Jesuitenpater Petavius, einem in der Chronologie außerordentlich bewanderten Gelehrten, geschickt wurde, welcher dem Brief jedoch misstraute. Und wer weiß, wie viele ihn noch bekommen haben. Schoppe und ich sind die Einzigen, die sich zum Handeln entschließen konnten. Hoffentlich müssen wir das nicht bereuen«, schloss Guyetus mit skeptischer Miene.

»Dass dieser intrigante Petavius seinen Hintern nicht aus Paris wegbewegt, wundert mich gar nicht«, lachte Naudé giftig.

»Er ist und bleibt ein Jesuit, traut niemandem, weil er weiß, dass niemand ihm trauen kann«, bestätigte Guyetus, wie zum Beweis, dass keiner es mit gelehrten Männern aufnehmen kann, sobald sie sich in übler Nachrede ergehen.

»Fugit impuis nemine persequente: Der Frevler flieht auch dann, wenn niemand ihn verfolgt, sagt der Prophet Hesekiel«, erläuterte Naudé.

»Das Buch Ekklesiastes«, verbesserte ihn der andere.

»Ja, natürlich, der Ekklesiastes«, gab Mazarins Bibliothekar sofort zu.

Dem Bericht zufolge, den Guyetus sodann von den Ereignissen gab, hatten er, Hardouin und Schoppe, nachdem sie den Brief des geheimnisvollen Mönchs gelesen hatten, gehofft, ihn in Livorno treffen zu können. Doch als sie in der Stadt ankamen, erwartete sie eine Enttäuschung: In Livorno wurde ihnen gesagt, der Mönch sei schon vor gut zwei Jahren nach Lyon in Frankreich übergesiedelt.

|68|»Vor zwei Jahren?«, riefst du verwundert aus. »Und wann ist dieser Brief von dem Mönch geschrieben worden?«

»Hier liegt das Problem«, antwortete Guyetus. »Das weiß man nicht genau. Auf beiden Exemplaren, dem von Schoppe und meinem eigenen, wurde das Datum in die obere rechte Ecke geschrieben, doch ist die Ecke durch Feuchtigkeit beschädigt und unleserlich geworden. Die beiden Briefe müssen zur selben Zeit aufgegeben worden sein, und nachdem sie versehentlich nass geworden waren, blieben sie vergessen in irgendeinem Winkel des Postlagers am Hafen liegen. Als man sie wiederfand, wurden sie verschickt.«

»Ich bedaure zutiefst, was Euch widerfahren ist«, bemerkte ich. »Dergleichen schlechte Dienstleistungen sind in unserem Großherzogtum leider nicht selten. Jüngst hörte ich von einem Umschlag, der sein Ziel erst nach einundsechzig Jahren erreichte. Man fand ihn, als der Fußboden des Postlagers erneuert wurde, wo der Umschlag in den Spalt zwischen zwei Dielenbrettern gefallen war. Absender und Adressat waren inzwischen verstorben.«

»Was für ein Pech! Hoffentlich ist unserem Mönch nicht dasselbe passiert!«, rief Guyetus mit einem säuerlichen Lächeln aus und fügte kopfschüttelnd hinzu: »Ich wäre ganz gewiss nicht abgereist, wenn ich gewusst hätte, dass der Brief zwei Jahre alt ist.«

»Nur Mut«, versuchte Naudé ihn zu trösten, »eine Reise lohnt sich immer, besonders, wenn so viel auf dem Spiel steht. Wie sagt Seneca, das Gehen auf der Ebene ist sicherer, aber sie ist flacher und niedriger; wer auf allen vieren geht, fällt seltener als derjenige, der läuft, doch erwirbt er sich, auch wenn er nicht fällt, keine Meriten; jener, der läuft, erwirbt sie, auch wenn er fällt. Auf dieser Welt gibt es zu viele, die nur über den ausgetretenen Pfad all derer zu gehen vermögen, die ihnen vorausgegangen sind. Groß ist die Zahl jener, die den ganzen Tag daran arbeiten, andere nachzuahmen; besser, man wahrt ein wenig Abstand zu ihnen, um nicht von diesem Übel angesteckt zu werden und in einer solchen Masse unterzugehen. Man gehe einen neuen Weg, der nicht vom servum pecus, der Sklavenherde, begangen wird, wie Ovid rät.«

»Plinius, nicht Seneca. Und nicht Ovid, sondern Horaz.«

Der zweifache Schnitzer ließ Naudé verstummen. Unterdessen überlegte ich, was es sein mochte, das hier auf dem Spiel stand, denn das hatten die beiden Gelehrten noch nicht verraten.

|69|Enttäuscht über ihren Misserfolg in Livorno, fuhr Guyetus mit seinem Bericht fort, hatten die drei Verfolger sofort eine gute Gelegenheit gefunden, den Mönch in Lyon aufzustöbern: Sie hatten sich auf dieser Galeere der französischen Marine eingeschifft, die aus toskanischen Gewässern in Richtung Heimat segelte, den Hafen von Toulon, der nur eine Tagesreise von Lyon entfernt ist. Die Flotte der Franzosen kehrte vom siegreichen Feldzug gegen die Spanier zurück, denen sie strategisch wichtige Stellungen in Piombino und Porto Longone abgerungen hatte.

»Darum befinden wir uns alle zusammen auf diesem Schiff«, erklärte Guyetus. »Doch ich muss gestehen, dass der Kapitän Hardouin und mich nur dank einer zufälligen Begegnung mit Gabriel im Hafen von Livorno an Bord genommen hat, ohne Probleme zu machen.«

»Zufällige Begegnung!«, äffte ihn Naudé nach. »Ich würde eher sagen, es war ein unverschämtes Glück, und zwar für uns alle. Ihr könnt es bezeugen, mein guter Secretarius: Wie viele Tage haben wir im Hafen auf ein Schiff der französischen Flotte warten müssen, das bereit war, uns aufzunehmen? Wie viele Male, armer Freund, habt Ihr zwischen der Mole und mehreren französischen Offizieren hin- und hereilen müssen? Und so habe ich während der Wartezeit meine beiden Landsleute und Kollegen sowie Caspar Schoppe getroffen. Auch für ihn habe ich gebürgt. Der gute Schoppe ist eine faszinierende Persönlichkeit. Bevor ich ihn wiedererkannte, dachte ich beim Anblick dieses alten Mannes: wie traurig. Aber welch eine Freude, als ich dann erfuhr, dass er es war …«

»Ich muss gestehen, dass der Name Schoppe mir gar nichts sagt«, warfst du ein, deine Neugierde mit jugendlicher Naivität bemäntelnd.

DISKURS VII

Darin erklärt wird, wer Caspar Schoppe ist, und wie er bei seinen Streifzügen durch ganz Europa, das er mit seinen Schriften übersäte, sein eigenes und das Leben vieler anderer ruiniert hat.

Caspar Schoppe sei wegen seiner umstrittenen Propagandatätigkeit in ganz Europa bekannt, erklärte Naudé, während er die Tinte in dem |70|kleinen Glasbehälter beäugte, den ich ihm gebracht hatte. Er sei ein Flüchtling, aber nicht des Krieges wegen, sondern aus religiösen Gründen. Als Lutheraner geboren, war er zum Katholizismus konvertiert und der erbittertste Feind von Luther, Calvin und Zwingli geworden. Dutzende Bücher hatte er gegen das Unkraut der deutschen Ketzerei verfasst, die, in vielen tausend Exemplaren im Umlauf, bei der Mehrzahl Hass erregt und nur bei wenigen Zustimmung hervorgerufen hatten. Er hatte seine Heimat Deutschland verlassen müssen, wo zahlreiche Anschläge auf ihn verübt worden waren. Wie durch ein Wunder dem Tod entronnen, hatte er Bannflüche und Schmähungen zuhauf hinter sich gelassen. Nach häufigen Wechseln des Wohnortes (Venedig, Spanien, die Schweiz) hatte er sich in Padua niedergelassen, in der Hoffnung, dort seinen Verfolgern zu entkommen.

»Als ich ihn wiedererkannte, glaubte ich meinen Augen nicht zu trauen«, sagte Naudé, derweil er das Fläschchen schüttelte, um die schwarze Flüssigkeit zu mischen, »und wir lagen uns sofort in den Armen. Der gute alte Schoppe!« Er nahm deinen Arm. »Du musst wissen, mein Junge, dass die Welt klein ist und besonders klein unter den Gelehrten! Ich kenne den guten Schoppe, seit ich zum ersten Mal nach Padua reiste, um den großen Galilei zu treffen. Du warst damals noch ein Kind. Padua ist die ideale Stadt für ein solches Individuum, einen Menschen, der nicht nur die politische Wissenschaft von Grund auf beherrscht, sondern auch ein bewundernswerter Kenner der Klassiker ist. Denn Padua ist eine der Wiegen für das Studium des Altertums. Was für eine Überraschung war es dennoch, ihn nach all den Jahren wiederzusehen! Als ich ihn erkannte, habe ich die Augen aufgerissen, denn wenn ich nicht sehe, glaube ich nicht, wie der Apostel Johannes sagte.«

»Der Apostel Thomas«, verbesserte ihn Guyetus abermals aus dem dunklen Winkel, umhüllt von den immer dichter werdenden Schwaden aus seiner Pfeife.

»Thomas, ja sicher, Thomas«, brummte Naudé, während er vergeblich versuchte, das Fläschchen mit den Zähnen zu öffnen, da sein Stopfen im gläsernen Hals festgesaugt schien wie die Muschel am Felsen.

»Bis jetzt kannte ich Schoppe nur dem Namen nach, da er einer der scharfsinnigsten Kenner klassischer Autoren ist, ein Philologe ersten Ranges, würde ich sagen«, erklärte Guyetus, der seinerseits der König |71|unter den Pariser Philologen war. »Zwar hat er schon seit vielen Jahren kein einziges Buch mehr veröffentlicht, ja, recht besehen, scheint er lediglich in seiner Jugend ein paar Sächelchen hervorgebracht zu haben«, fuhr er fort, jene feine Dosis Gift verspritzend, welche die Altertumsforscher meisterhaft in ihr Loblied auf einen Kollegen zu träufeln verstehen, damit die Würdigung wirkungslos bleibt.

»Doch was mir an Schoppe am meisten gefällt, ist, dass er ein Meister des öffentlichen Wettstreits ist, ein wahrer Löwe, der bei Disputen auf Leben und Tod zur Hochform aufläuft. Mutig hat er mit halb Europa gestritten: mit den Jesuiten, den Engländern, den Spaniern, mit den Katholiken, als er Lutheraner und mit den Lutheranern, als er katholisch war. Man hat versucht, ihn zu erstechen, als er spazieren ging, zu erschießen, als er am Fenster stand, man hat ihn verleumdet, bedroht, beleidigt. Er hat Deutschland verlassen, weil er fürchtete, umgebracht zu werden, das stimmt, aber auch in Padua lebt er in ständiger Angst vor einem Attentat. Es heißt, dass man bei seiner Beerdigung Schlange stehen wird, weil so viele kommen, um sich zu vergewissern, dass er endlich tot ist, hihi!«

»Der gute Schoppe ist ein Meister in der Kunst, sich Feinde zu machen!«, ergänzte Naudé lachend. »Vor einigen Jahren hatte er sogar vor, nach Frankreich zu gehen, und bat mich um Hilfe bei der Beschaffung eines Privilegiums seitens unseres verstorbenen Königs Ludwig XIII., damit niemand seine Bücher plagiieren konnte. Doch dann hat er den Plan nicht weiter verfolgt.«

Doch vor allem hatte Schoppe mit seinen Streitschriften einen der größten Gelehrten aller Zeiten auf dem Gewissen: Joseph Justus Scaliger. Schoppe hatte ihn mit verleumderischen Pamphleten attackiert und sogar ein ganzes Buch gegen ihn verfasst, wo er ihn einen Betrüger nannte, der die Vergangenheit der Welt komplett erfunden habe.

»Die Vergangenheit der Welt erfunden?«, wundertest du dich. »Was bedeutet das denn?«

In Wirklichkeit, beeilte sich Naudé zu erläutern, habe Scaliger gar nichts erfunden, im Gegenteil. Er habe sich sein ganzes Leben lang bemüht, die Frage nach dem Alter der Welt vom Beginn mit der Schöpfung an systematisch zu klären, indem er als Erster die Chronologien mit den herausragenden Ereignissen in der Geschichte der Araber, Juden, Christen, Römer, Griechen, Byzantiner, Armenier, Perser, Chaldäer und Babylonier und aller anderen Völker der Antike miteinander |72|abstimmte und zu dem Zeitpunkt der Geburt unseres Herrn Jesus Christus in Bezug setzte. Scaliger müsse das wohl gelungen sein, denn seine Universale Chronologie, vor etwa sechzig Jahren veröffentlicht, gehöre zum sicheren Wissensbestand der Historiker und werde benutzt, um jedes beliebige Ereignis der Vergangenheit zu datieren.

»Erlaubt mir eine Frage, bitte«, warfst du ein. »Wusste man wirklich bis vor sechzig Jahren nicht, in welchem Jahr die Ereignisse der Weltgeschichte stattgefunden hatten?«

»So ist es«, antwortete Naudé.

»Unglaublich! Ich dachte, das hätte man immer gewusst, zumindest annähernd«, bekanntest du.

Naudé und Guyetus erklärten sodann, dass es viel Arbeit gekostet habe, die großen Ereignisse so vieler unterschiedlicher Völker zusammenzufügen, und dass sich vor Scaliger niemand hätte träumen lassen, dergleichen fertigzubringen, gewiss nicht so detailliert wie er. Das Endergebnis schien fast zu einfach: eine Liste mit Fakten und Daten, wo auch Begebenheiten aus Urzeiten ihren Platz in einer Zählung der Jahre nach oder vor der Geburt Jesu Christi fanden.

»Seht her, ich habe hier eine astrologische Gazette des neuen Jahres mit der üblichen chronologischen Tabelle der Weltgeschichte seit der Schöpfung, wie wir sie alle kennen«, und mit diesen Worten zogst du ein winziges Büchlein aus der Tasche und schlugst es auf der ersten Seite auf:

|73|

|74|

»Ihr behauptet also, dass all diese Daten vor Scaliger unbekannt waren?«, fragtest du ungläubig.

»Mehr noch, mein lieber Junge«, lachte Guyetus. »Diese Tabelle, diese Daten, hat der große Scaliger persönlich festgelegt.«

Für sein großes Vorhaben habe Scaliger ein neues Kalenderjahr erfunden, fuhr Guyetus fort, das Julianische Jahr. Es dauert 7980 Jahre und geht aus der Multiplikation des Zyklus von 28 Sonnenjahren mit dem der 19 Mondjahre und den 15-Jahresperioden hervor, den Indiktionen, wie Notare sie benutzen. Mit diesem konstruierten Jahr habe Scaliger rückwärts gezählt und einen imaginären Zeitpunkt des Beginns der Zeit festgelegt, der vor allen bekannten historischen Ereignissen lag, sogar noch vor der Sintflut. Ein gewagtes Unterfangen! In |75|seine julianischen Jahre habe er dann geduldig, nach ungeheuer mühseligem, jahrelangem Vergleichen, die Daten der Dokumente alter Kulturen und Völker eingefügt und sie aufeinander abgestimmt. Das Ergebnis war zum Beispiel, dass man jetzt genau sagen konnte, dass der babylonische König Nabupolassar 110 Jahre nach dem Tod des Romulus und 625 Jahre vor der Geburt Jesu regiert hatte, während man vorher nicht einmal genau wusste, wann er gelebt hatte. Oder man konnte sagen, dass Troja 1444 Jahre vor Christus gefallen war, und dass der Exodus der Juden im Jahr 1496 v. Chr. stattgefunden hatte.

»Doch jedes einzelne dieser Daten«, sagte Guyetus, »hat Scaliger beim Vergleichen von astronomischen Beobachtungen, Berichten der Historiker und antiken Kalendern Schweiß und Tränen gekostet. Um zum Beispiel das Zeitalter des Dareios Hystaspes festzulegen, musste er dem griechischen Historiker Herodot glauben, demzufolge Dareios sieben Jahre und fünf Monate nach Kambyses regiert hatte. So gelangt man in das Jahr 226 der Zeit des Nabonassar, ein Datum, das durch die Sonnenfinsternis bestätigt wird, von der Ptolemäus in seinem astronomischen Traktat Almagest sagt, dass sie in das 20. Jahr der Regierung des Dareios fiel. Daraus kann man schließen, dass dieses Jahr auch das Jahr 246 von Nabonassar ist, was von einer Mondfinsternis bestätigt wird, die Ptolemäus im Jahr 31 von Dareios, also im Jahr 357 von Nabonassar auf den fünften Mondzyklus legt. Ist doch klar, oder?«

»Nun, mehr oder weniger«, seufztest du resigniert und verzichtetest lieber auf Erklärungen zu vielen anderen geheimnisvollen Ereignissen (Kallippischer Zyklus, Sahami der Armenier, Sturz des Zedekia) in Scaligers Universaler Chronologie.

»Schoppe hat aber nicht nur den armen Scaliger zu Unrecht diffamiert, er hat auch Gutes getan«, sagte Guyetus, »zum Beispiel hat er Galileo mit gezücktem Schwert vor dem Heiligen Offizium und dem Papst verteidigt, um ihm den Widerruf seiner Lehren zu ersparen. Allerdings scheint der gute Caspar irgendwann verrückt geworden zu sein, denn er hat plötzlich behauptet, Galileo habe sich um jeden Preis verurteilen lassen wollen und eine Art Verschwörung gegen den Papst angezettelt, damit dieser ihn zum Widerruf seiner Lehre zwänge.«

»Völlig verrückt«, bemerkte Naudé kopfschüttelnd. »Darum glaubt niemand mehr, was Schoppe sagt. In der Gelehrtenrepublik ist er mittlerweile ein toter Mann.«

»Ich habe nie recht verstanden«, fuhr Guyetus fort, »mit welchen Argumenten |76|Schoppe plötzlich Anklagen gegen Galileo erhob, nachdem er ihn so heftig verteidigt hatte. Aber ich schwöre, dass ich ihn auf dieser Reise danach fragen werde, damit ich was zum Lachen habe, haha!«

BETRACHTUNG

Darin erklärt wird, worin die bescheidene Arbeit der Philologen besteht, welchen bizarren Neigungen sie zum Opfer fallen und in welcher ruhmreichen Republik sie Bürgerrechte besitzen.

Unsere hochgelehrten Reisegefährten, denen du, Atto, dabei zuhörtest, wie sie mit anmutiger Meisterschaft Bosheiten austeilten, waren unverwechselbare Exemplare der Spezies des Philologen.

Seine bescheidene und dennoch unschätzbar wertvolle Arbeit besteht darin, jahrelang Texte von Cicero, Vergil, Sophokles oder Euripides zu untersuchen, zu vergleichen und zu bearbeiten, um sie von jeder Unvollkommenheit zu befreien. Er sammelt sämtliche alten Handschriften eines bestimmten Werkes und versucht sodann durch endloses, langweiliges Vergleichen und Schlussfolgern, dem sogenannten Kollationieren, festzustellen, ob ein bestimmtes Adjektiv auf a oder auf o enden muss, ob jener obskure Satz erklärt werden kann, ob dieses anonyme Carmen dem einen oder dem anderen Autor zugeschrieben werden muss, ob jene bedauerliche Lücke gefüllt werden kann, ob sich in diesem bestimmten Absatz eine Anspielung auf einen anderen Autor verbirgt, und so weiter. Eine grässliche Schinderei, bei der Rücken und Augen Schaden nehmen, bei der die Philologen mit übersäuertem Magen jahrelang allnächtlich vor der Kerze sitzen und schließlich sämtlich zu Nörglern und Neidern werden, bissig und überkritisch, und wenn sie miteinander streiten (brieflich natürlich), nehmen sie kein Blatt vor den Mund: Esel, Lump, Blender, Selbstbeweihräucher.

Denn wer die Texte der Antike nicht kennt, weiß nichts von dem großen Geheimnis, das die Gelehrten zu grotesken Anstrengungen zwingt: Wer Cicero oder Aristoteles liest, hat niemals eine originale Handschrift vor sich, oh nein! Es ist die Kopie einer Kopie einer Kopie von wer weiß wie vielen anderen vorhergehenden Kopien. Cicero lebte |77|und schrieb im ersten Jahrhundert nach Christus? Gut, aber was wir lesen, mag eine Florentiner Handschrift aus dem 14. Jahrhundert sein, die – so beteuert der Kopist – nach einer französischen Handschrift aus dem 12. Jahrhundert übertragen wurde, welche – heißt es – die Kopie eines karolingischen Manuskripts aus dem Jahr 800 ist, das seinerseits – vermutlich – nach einer spätlateinischen Quelle aus dem 4. Jahrhundert abgeschrieben wurde, die sich wiederum – möglicherweise – direkt auf zeitgenössische Kopien des Originals von Cicero stützt. Und Originalhandschriften Ciceros? Seit unvordenklichen Zeiten verloren, niemand hat je eine gesehen. Und was für Cicero gilt, gilt auch für alle anderen antiken Autoren von Homer bis zu Karl dem Großen.

Überdies machte jeder Kopist Fehler, vergaß etwas, korrigierte, veränderte und kürzte nach Belieben, und am Ende hatte man es im 14. Jahrhundert mit vier oder fünf unterschiedlichen, an manchen Stellen sogar unverständlichen Kopien zu tun.

Mit der Witterung eines Ermittlungsrichters und mönchischer Geduld versucht der Philologe nun, das Durcheinander zu entwirren und auf den ursprünglichen Zustand des Textes zurückzugehen. Durch einen Vergleich der Handschriften (die Methode des Päderasten Poliziano) legt er ihren Stammbaum fest, Stemma genannt, wo jeder Buchstabe eine Handschrift darstellt:

Es braucht jahrelange mühsame Versuche, um das Stemma einer Gruppe von Kodizes zu bestimmen, und absolute Gewissheit erlangt man wegen der unzähligen Unterschiede zwischen den Handschriften nie. Warum haben die antiken Skribenten falsch kopiert? Die großen Philologen sagen: aus Schlamperei, Unwissenheit oder wegen schlechter Augen.

|78|Will man feststellen, ob das, was wie eine uralte Handschrift aussieht, eine Fälschung ist, kann man sich mit Zeugnissen aus Stein behelfen: Tempelgiebel, Grabstelen, Votivinschriften, die bestätigen, ob es diese oder jene Person wirklich gegeben hat. Leider ist jedoch auch der größte Teil dieser Marmorgebilde verlorengegangen. Spuren blieben nur in den Aufzeichnungen passionierter Gelehrter, die versicherten, sie hätten auf ihren Reisen durch Italien, Griechenland und Spanien Hunderte von griechischen und lateinischen Inschriften gesehen, und manche in ihren Notizheften wiedergaben. Leider sind auch diese Hefte oftmals verloren (zum Beispiel jenes des hochgelehrten Ciriaco von Ancona), und obendrein hat man entdeckt, dass ihre in luxuriösen ledergebundenen Ausgaben gesammelten Texte manchmal phantastische Erfindungen waren (auch bei Ciriaco) und diese Inschriften nie existierten.

Wenn zuletzt alle Zweifel ausgeräumt sind, wird die Arbeit des bescheidenen Philologen durch die gedruckte Veröffentlichung des korrigierten Textes gekrönt, der von allen Missverständnissen und Fehlern früherer Kopisten gereinigt und vielleicht sogar mit dem Text identisch ist, den sein Verfasser fünfzehn Jahrhunderte zuvor von eigener Hand geschrieben hat.

Doch das größte Glück, die größte Ehre besteht natürlich darin, ein verloren geglaubtes Werk zu entdecken und zu veröffentlichen. Oh, wonniger Schauer des Ehrgeizes! Welcher Philologe träumt nicht davon, in einer alten Bibliothek oder in einem abgelegenen Kloster ein neues Gedicht von Lukrez, eine unbekannte Rede des Cicero oder einen verlorenen Traktat von Firmicus Maternus aufzuspüren? Mit solch gewichtigen Funden erwirbt man sich Ruhm und Unsterblichkeit. Man tritt ein in den erlauchten Kreis der Entdecker, welche unendlich weit über den niederen Scharen der Korrektoren stehen. Doch man wird auch zur Zielscheibe des Neides, des großen Zerstörers von Schicksalen. Und da der Neid sich überdies vorbeugend betätigt, versucht jeder Philologe, den Ruf seines Kollegen subtil zu untergraben, bevor dieser mit irgendeinem sensationellen Fund zum Ruhm aufsteigt.

Tatsächlich sind nur wenige zu unsterblichem Ruhm gelangt: in Spanien Antonio Augustìn, Liebling des Katholischen Königs und großer Entdecker von Handschriften, in Frankreich Schottus und Casaubon. Andrea Schottus, der hervorragende Kenner griechischer |79|Philosophen und Dichter, wurde sogar Jesuit, um sich die nötige Ruhe für seine Studien zu bewahren, führte jedoch sein vorheriges Leben weiter. In Paris veröffentlichte der ruhmreiche Isaac Casaubon nützliche Ausgaben von Strabo, Sueton und Aischylos. Außerdem gab es einige römische Kardinäle wie den berühmten Baronius, Verfasser der wunderbaren Annalen, die seinen Namen tragen.

Obwohl die Philologen sich also insgeheim fortwährend in einem schmutzigen Krieg befehden, sind sie nicht allein. Sie gehören zur Gelehrtenrepublik, deren Bürger als wahre Kavaliere Rat, Informationen, Bücher und sogar kostbare Handschriften miteinander austauschen, auch wenn der eine Franzose und der andere Italiener ist, einer Lutheraner und der andere Katholik, der eine jung und unbekannt, der andere ein hochberühmter Greis. Auch wenn sie einander noch nie begegnet sind, kennen sie sich doch zumindest durch ihre Reputation.

Ihnen allen ist bewusst, dass ihre Aufgabe nicht darin besteht, die Vergangenheit zu erklären, sondern die Gegenwart. Seit Jahrhunderten erkennen alle in der klassischen Zeit das wahre gemeinsame Erbe der Menschheit, von dem wir alle wohl oder übel abstammen und zu dem man immer wieder zurückkehrt. Die modernen Sprachen sind aus dem Griechischen und Lateinischen entstanden, wie alle wissen. Das Denken der Antike fließt in unseren Adern, auch wenn uns das nicht bewusst ist. Wer hat gelehrt, die Mächtigen zu beurteilen, sie zu stürzen, falls nötig? Tacitus und Sueton, die von den Taten der römischen Kaiser und ihrer Tyrannei erzählten. In Griechenland legte Thukydides die Gefahren der Demokratie dar, Vergil zeigte mit seinem unsterblichen Epos von der mythischen Geburt Roms, der Aeneis, dass ein großes, stolzes Staatswesen noble Ursprünge braucht. Wer unterwies als Erster in der Liebe? Ovid veredelte die Lust, Sappho die Geheimnisse der weiblichen Sinnlichkeit, Petronius empfahl in seinem Satyricon die Männerliebe als schön, elegant und zeitgemäß. Lukrez riet, dumme Liebesgefühle aufzugeben und im Bordell zum Schweigen zu bringen. Cicero bewies, dass beim Schreiben und Reden der Stil sich selbst genügt, Inhalte zählten nicht. Platon lehrte, die Welt als unvollkommenes Abbild himmlischer Ideen zu sehen, während Aristoteles, »der Meister derer, die wissen«, wie Dante dichtete, lehrte, sie unendlich oft nach den Kriterien von Ursache und Wirkung zu zergliedern. Sokrates und die Sophisten zeigten, wie man recht behält, auch wenn man im Unrecht ist, was in der Politik und bei Gericht sehr |80|nützlich ist. Der Stoiker Seneca lehrte, das Schicksal zu ertragen und die raffinierte Kunst des Selbstmordes zu praktizieren. Der Tragödiendichter Sophokles überzeugte alle davon, dass das menschliche Los düster ist und man verzweifeln darf. Der Dichter der Natur, Lukrez, zählte in Versen achtundzwanzig Gründe auf, warum die Seele nicht unsterblich ist und mit dem Körper verschwindet. Die Gelehrtenrepublik ist der imaginäre Ort, an dem all dieses Wissen bewahrt, aufgefrischt und durch immer neue Studien und Entdeckungen erweitert wird. Die Gegenwart baut auf der Vergangenheit auf: Die Philologen, die entscheiden, wie Letztere sich abspielte, halten beide in ihren Händen. Der Mensch der Antike ist ewig, die Philologen zeigen uns das Porträt, das jemand schon vor vielen Jahrhunderten von uns malte, bevor wir überhaupt geboren waren.

Eine ehrenvolle Aufgabe, doch das Volk weiß nichts von Tacitus, Vergil, Platon oder Lukrez, sie sind ihm herzlich gleichgültig. Noch weniger interessieren es die Philologen: Ihr Gebiet ist unverständlich, enervierend, etwas für Bücherwürmer. Philologen sind reizbar, kauen an den Fingernägeln, geraten wegen eines verschobenen Kommas in Weißglut, doch ihre Wissenschaft ist kalt und bleischwer. Darum sind die Philologen dazu verdammt, im Schatten zu leben. Stillschweigend entscheiden sie, was in den zahllosen Jahrhunderten der Antike gedacht, gesagt und geschrieben wurde, ohne dass ihnen jemals dafür gedankt wird.

Der Vorteil ist, dass ihnen niemand über die Schulter schaut und ihnen ihre Fehler nachweist, der Nachteil, dass sie mit sehr wenigen Ausnahmen dazu verdammt sind, unbekannt zu bleiben.

Doch eins ist gewiss: was sie in der Vergangenheit festgelegt haben, wird in unserer Zeit von modernen Philosophen und Historikern wiederholt, erweitert und bearbeitet. Es gibt zum Beispiel in unserem Jahrhundert Anhänger des Tacitus, die Tacitus’ Beschreibung der alten Germanen auf deutschem Boden benutzen, um den Nationalstolz zu beflügeln, und eines Tages könnte er mit Leichtigkeit Kriege auslösen. Die Philologen zeigen die Steine der Vergangenheit, Historiker benutzen sie, um das Denken der Gegenwart und der Zukunft daraus aufzubauen.

|81|»Kurzum, diese Reise hat den Vorzug, viele schöne Ingenien zusammenzubringen«, suchte ich Guyetus und Naudé zu schmeicheln, da ich mir die abgrundtiefe Enttäuschung und den maßlosen Ehrgeiz vorstellen konnte, den zwei Männer wie sie in ihrer Brust hegten.

»Zu welchen ich mich, in aller Bescheidenheit, nicht zählen möchte«, wehrte der Bibliothekar ab, während er endlich die Feder in das Tintenfläschchen tauchte und probeweise ein paar Linien über das Papier zog. »Schade, dass in dieser Gruppe ausgerechnet jener Mönch fehlt, den unsere Freunde so eifrig suchen.«

Er wechselte einen verständnisinnigen Blick mit Guyetus. Man hatte einander nun gut genug kennengelernt, um uns Vertrauen zu schenken und uns die Schimäre, vielleicht aber auch den echten Schatz zu enthüllen, dem Guyetus, Hardouin und Schoppe, und jetzt vermutlich auch Naudé, so begierig hinterherjagten.

Guyetus zog ein Futteral aus dünner Jute hervor und daraus einen Brief. Er faltete ihn auseinander und reichte ihn mir. Ich bemerkte, dass er einige Flecken aufwies.

DISKURS VIII

Darin man endlich den Brief des geheimnisvollen Mönchs liest.

Der Brief war auf Lateinisch abgefasst, wie es bei den Gelehrten Brauch ist. Du beugtest dich vor, um ihn mit mir zu lesen.

 

Honestissime et sapientissime vir!

 

Cum iam dudum fama tua et profundae tuae doctrinae usque ad remotam regionem pervenisset nostram, visum est mihi et fratribus meis mox tibi de felice novaque inventione sine ulla retractatione notitiam afferre, nonnullorum vetustissimorum membranaceorum latinorum codicum, qui hactenus incognita preaclarorum auctorum continent opera et saeculo nono vel decimo vel undecimo exarati sunt, ut mihi in antiquos manuscriptos describendo peritissimo videtur …

 

Ins Italienische übersetzt, lautete sein Inhalt ungefähr folgendermaßen:

 

|82|Hochgelehrter und ruhmreicher Herr,

 

vor langer Zeit schon erreichten Euer Ruf und die Kunde von Eurer unermesslichen Gelehrsamkeit unser Land, daher sind meine Mitbrüder und ich überzeugt, dass es angemessen ist, Euch unverzüglich Nachricht von dem Fund zahlreicher Kodizes lateinischer Handschriften auf Pergament zu geben, welche bislang unbekannte Werke sehr berühmter Autoren enthalten und, nach meiner langjährigen Erfahrung im Kopieren alter Handschriften zu urteilen, im neunten, zehnten und elften Jahrhundert verfasst wurden.

Diese Handschriften stammen aus der Sammlung, welche der bekannte toskanische Gelehrte Poggio Bracciolini kurz vor seinem Tod seinem Sohn Jacopo übergab. Sie war daher nicht mehr in Poggios umfangreicher Hinterlassenschaft an die Medici enthalten, deren getreuer Untertan er war. Als Jacopo überraschend in jungem Alter und ohne Erben starb, befanden sich die Handschriften ohne ein Verzeichnis in den Händen eines seiner Verwalter. Nach einem jahrhundertelangen Schlaf wurden sie im Haus dieses Bauern gefunden und einem Edelmann aus Pistoia übergeben, welcher uns freundlicherweise Einblick in die Handschriften gewährte, damit wir ihre Veröffentlichung vorbereiten können.

Der Fund umfasst unbekannte Reden von Cicero, einen Großteil des Satyricon von Petronius, die bislang fehlenden Teile der Res gestae von Ammianus Marcellinus, die Bella germaniae von Plinius dem Älteren und fast alle einunddreißig Bände seiner Geschichte Roms. Von Livius gibt es die letzten sechzig Bücher seiner Historiae ab Urbe condita, außerdem den vollständigen Text von De lingua latina von Marcus Terentius Varro. Von Quintilian ist die Ars rhetorica und sein De causis corruptae eloquentiae dabei. Zuletzt eine unbekannte Sammlung von Epigrammen des Martial und die gesamte Achilleis des Statius, die man bisher für unvollendet gehalten hatte.

Wie Ihr verstehen werdet, ist es von äußerster Dringlichkeit, einen solchen Schatz aus Meisterwerken, nach denen die Gelehrten in aller Welt bis heute vergeblich gesucht haben, unverzüglich in den Druck zu geben, zumal wir nur über eine einzige Kopie verfügen.

 

Wir unterbrachen die Lektüre, um unserem übergroßen Erstaunen Ausdruck zu geben. Man musste kein Gelehrter sein, um den Wert |83|dieser Schätze zu erkennen. Eine solche Ausbeute verlorener Werke, von deren Existenz man in einigen Fällen nicht einmal gewusst hatte, würde die gesamte Geschichte und Literatur des römischen Altertums umwälzen – sie musste neu geschrieben werden. In den Augen des Philologen Guyetus und in denen des Bibliothekars Naudé, dem rastlosen Jäger kostbarer Raritäten, las ich eine so brennende Begierde, diese Schätze in den Händen zu halten, dass der eine wahrscheinlich Seine Eminenz, Kardinal Mazarin, verraten hätte, um sich mit der Kiste aus dem Staub zu machen, und der andere vielleicht sogar vor einem Mord nicht zurückgeschreckt wäre, wenn man seinen üblen Charakter bedachte.

»Omina tempus habent, alles zu seiner Zeit, wie es in der Genesis heißt«, unterbrach Naudé das Schweigen, vielleicht weil er ahnte, was mir angesichts ihrer gierigen Blicke durch den Kopf ging.

»Im Ekklesiastes, Gabriel, es ist der Ekklesiastes!«, brachte ihn Guyetus mit ungeduldigem Kopfschütteln zum Schweigen.

»Aber gewiss doch, der Ekklesiastes, selbstverständlich«, nickte der Bibliothekar seiner Eminenz gutmütig.

 

Die Handschriften stammten also alle aus derselben Quelle: der Hinterlassenschaft des berühmtesten Humanisten und Entdeckers alter Texte Poggio Bracciolini.

Während ich den Brief las, nickte ich, denn Poggio, dieser hoch angesehene Toskaner, war mir durchaus nicht unbekannt. In Florenz wussten alle, dass Poggio in der ersten Hälfte des fünfzehnten Jahrhunderts während seiner Reisen durch Deutschland viele der kostbarsten Perlen der Literatur aller Zeiten ans Licht gebracht und sich damit unvergänglichen Ruhm erworben hatte. Unterstützt von einer Handvoll Freunde hatte er sich in deutsche Klöster eingeschlichen, wo seit Jahrhunderten uralte, höchst seltene Kodizes in völliger Vergessenheit lagen. Die Mönche dieser Klöster, berichtete Poggio, seien von derart barbarischer Unbildung gewesen, dass sie nicht die geringste Ahnung hatten, welche Schätze sie seit Jahrhunderten in verlassenen Kellern verfaulen ließen.

Die Liste der von Poggio entdeckten Handschriften konnte schwindelig machen, so lang war sie: eine große Anzahl der Reden Ciceros, das De rerum natura von Lukrez, die Institutio oratoria von Quintilian, die Argonautica des Valerius Flaccus, das De veteri disciplina von Flavius |84|Vegetius, die Astronomica des Marcus Manilius, die Punica von Silius Italicus, die Silvae von Statius, die Historiae von Ammianus Marcellinus, ein Teil des Satyricon von Petronius, das De acqueductibus von Frontinus, das Mathesis von Firmicus Maternus … außerdem Werke der Grammatiker Caper und Eutiche, ein Ratgeber des Columella und Texte weniger bekannter Autoren.

Welch ein bewunderungswürdiges, übermenschliches Unternehmen! Ein einziger Mann hatte mit der Hilfe weniger Getreuer dem antiken Rom ein neues Gesicht gegeben und der Nachwelt Dutzende verloren geglaubter Meisterwerke der Dichtung, der Redekunst, der Geschichtsschreibung, der Epik, der Grammatik, der Architektur, der Wissenschaft und der Philosophie geschenkt. Kein Wunder also, dass man ihm in Florenz eine Statue im Dom errichtet hatte, und dass sein Ruhm auch nach zwei Jahrhunderten weit davon entfernt war, unterzugehen.

Die Handschriften, die sich jetzt im Besitz des Mönches befanden, ergänzten Poggios vorhergehende Entdeckungen auf das Schönste: So würden die neuen Reden Ciceros die Sammlung vervollständigen, die der große Florentiner gefunden hatte, und fast alle Kapitel des großen Historikers Livius, die in Poggios Kopie seiner Geschichte Roms gefehlt hatten, kamen nun ans Licht. Von dem berühmten Redner Quintilian, dessen Institutio oratoria Poggio gefunden hatte, waren nun zwei Werke aufgetaucht, die zwar seit der Antike bekannt waren, jedoch nie gefunden wurden. Auch die bisher unvollständige Achilleis des Statius konnte jetzt endlich vervollständigt werden.

»Es ist, als hätte man endlich alle fehlenden Teile einer großen zerbrochenen Vase wiedergefunden, deren Scherben Poggio einst der Welt gezeigt hatte«, bemerkte Naudé mit einem begeisterten Funkeln in den Augen.

Auf eine so außergewöhnliche Geschichte könne man nur mit größter Überraschung und Ergriffenheit reagieren, sprach Naudé weiter. Die Bürger der Gelehrtenrepublik würden nun jahrzehntelang Material für ihre Studien haben. Durch die Untersuchung der Dichtung und Prosa der soeben wiederentdeckten Autoren würde man endlich erfahren, wo ein bestimmter Dichter geboren war, welche geheimen Skandale die Politik dieses oder jenes Kaisers beeinflusst hatten, woher ein bestimmter religiöser Geheimkult mit orientalischem Einschlag stammte, welcher Baumeister dieses oder jenes Monument errichtet |85|hatte, wie der ungeschlachte Volkstribun hieß, der den berüchtigten Sklavenaufstand angeführt hatte, oder von welchem Geschäftemacher dieser oder jener leichtsinnige Präfekt sich hatte bestechen lassen. Zahllose Rätsel, über welche die Gelehrten sich seit Jahrhunderten die Köpfe zerbrachen, würden wie durch ein Wunder gelöst.

»Doch vor allem, mein Freund«, rief Naudé überschwänglich aus, »wird die Weltliteratur um viele tausend unsterblich schöne Seiten bereichert, aus denen Dichter, Künstler und Literaten ihre Inspirationen schöpfen werden!«

Wir beendeten die Lektüre des Briefes:

 

Um Euch Einblick in die Handschriften zu geben, auf dass Ihr in der für Euch angenehmsten Weise den Grundstein für Eure zukünftige Arbeit legen könnt und die Gelehrtenrepublik alsbald die Früchte Eurer Mühen genießen möge, von welchen ich schon jetzt sagen kann, dass sie hervorragend sein werden, aus diesem Grunde also war es meine Absicht, Euch aufzusuchen und Euch persönlich meine Aufwartung zu machen. Doch aus gesundheitlichen Gründen habe ich in Livorno im Großherzogtum der Toskana bleiben müssen. Falls es Euer Hochwohlgeboren konveniert, bitte ich Euch daher, mich hier in Livorno aufzusuchen, so sich eine angemessene Unterkunft für Euch findet und eine geeignete, sichere Aufbewahrung für die Handschriften, welche Ihr Euch, Signore, dank Eures großen Ansehens und des Gehörs, das Ihr bei den Gelehrten aller Nationen findet, zweifellos werdet verschaffen können.

Ich verbleibe in Erwartung Euer Entschlüsse oder der Ankunft Euer Hochwohlgeboren und empfehle mich unterdessen ergebenst und ehrerbietigst als Euer aufrichtiger Bewunderer.

Ich logiere in der Locanda delle Cucine Vecchie.

 

Euer untertänigster Diener

Philos Ptetès

 

»Ich hoffe doch sehr«, schloss Guyetus, »dass wir unseren Philos Ptetès in Lyon aufstöbern werden, auch wenn wir seine Adresse nicht kennen. Wir werden damit beginnen, in den Klöstern Nachforschungen anzustellen. Hoffentlich hat er die Stadt in der Zwischenzeit nicht ein zweites Mal gewechselt. Sollte er erkrankt oder bereits verblödet sein, umso besser, dann hat er sich wenigstens nicht wegbewegt.«

|86|»Philos Ptetès, das klingt wie ein griechischer Name …«, überlegte ich laut. »Habt Ihr in Livorno in der Locanda delle Cucine Vecchie gefragt, woher er kommt?«

»Natürlich. Er stammt aus Dalmatien, haben sie gesagt.«

»Dalmatien? Meint Ihr Slawonien?«, fragte ich.

»Dalmatien heißt der Küstenstreifen Slawoniens«, bestätigte Naudé.

»Ein slawonischer Mönch also. Ich überlege, ob ich schon einmal etwas von ihm gehört haben könnte. Ein slawonischer Mönch«, wiederholte ich langsam. »Gewöhnlich kommen Ordensleute vom anderen Ende der Adria nicht bis in die Toskana, und sonderlich bleiben sie nicht in Livorno. Ein Geistlicher aus Slawonien kann also in dieser Gegend nicht lange unbemerkt geblieben sein.«

Ich sah dich bei meinen Worten die Augen aufreißen.

»Ein slawonischer Mönch, habt Ihr gesagt? Aber dann war es vielleicht …«

Wir alle blickten dich fragend an und warteten auf deine Erklärung.

DISKURS IX

Darin von einer seltsamen Begebenheit erzählt wird, die zwei Jahre zuvor geschah.

»Erinnert Ihr Euch? Vor zwei Jahren, im Oktober 1644, während unserer ersten Reise nach Frankreich«, hubst du an, mich, deinen bescheidenen Secretarius ansprechend. »Wir waren auf diesem Handelsschiff, als wir wegen eines Unwetters in Gorgona vor Anker gehen mussten. Die Gelegenheit wurde genutzt, um Wasservorräte zu holen, einige der Passagiere gingen an Land, um sich die Beine zu vertreten. Einer von ihnen, ein beleibter orientalischer Mönch mit einem langen schwarzen Bart, wurde von einer Giftschlange gebissen. Der Kapitän des Schiffs vertraute ihn der auf der Insel stationierten Garnison an.«

»Ich erinnere mich«, sagte ich.

»Nun, und ich erinnere mich, dass ich selbst den Kapitän fragte, woher dieser Ordensbruder komme, und er antwortete mir, es sei ein slawonischer Mönch.«

|87|Bei diesen Worten erhob sich unter allen Anwesenden ein erstauntes Gemurmel.

»Hast du vielleicht auch gefragt, wie er heißt?«, fragten Naudé und Guyetus in ihrer Verblüffung fast einstimmig.

»Leider nicht. Aber ich erinnere mich noch an sein Gepäck, das an Land gebracht wurde. Vier große volle Taschen.«

Dieses letzte Detail versetzte die Gelehrten in Entzücken.

»Er ist es, das ist er!«, rief Naudé aus, während Guyetus kleine Freudenschreie ausstieß.

»Junge, du machst dich doch nicht etwa über uns lustig?« Der Gesichtsausdruck des Philologen hatte sich schlagartig verändert, jäh blickte er dich mit einer finsteren Miene an.

»Monsire Guyetus, ich stehe an der Schwelle zu meinem zwanzigsten Lebensjahr und bin schon seit langem kein Kind mehr«, entgegnetest du überrascht und pikiert.

»Also kam Philos Ptetès gar nicht in Lyon an«, überlegte Naudé, nun langsam nachdenklich werdend. »Ich meine, gewiss nicht, bevor er von diesem Schlangenbiss geheilt wurde.«

»Wenn er nicht gar …«, überlegte Guyetus, dessen Gesicht sich endgültig verfinstert hatte.

»Gütiger Himmel, ich verstehe, was Ihr befürchtet«, kam ihm Naudé zuvor und schlug sich mit der Hand an die Stirn. »Und wenn der Mönch nun auf der Insel an dem Schlangenbiss gestorben sein sollte?«

»Lieber Naudé«, warf Guyetus kopfschüttelnd ein, »das ist, als wollte man eine Nadel im Heuhaufen suchen. Ich wäre besser in Paris geblieben wie dieser schlaue Jesuit Petavius.«

»Recht bedacht«, pflichtete Naudé ihm mit düsterer Miene bei, »ist es tatsächlich keineswegs ausgemacht, dass der slawonische Mönch, den unser junger Atto sah, wirklich Philos Ptetès war. In dem Brief an uns spricht der Mönch von seinen Mitbrüdern, es ist also nicht gesagt, dass die vier großen Taschen, die Atto sah, mit den Handschriften gefüllt waren, nach denen wir suchen. Es könnten zum Beispiel auch Kleidungsstücke gewesen sein.«

»Kleidungsstücke? Ein Mönch besitzt gewöhnlich nicht viel mehr als die Kutte, die er trägt, und ein Paar Sandalen«, gab Guyetus zweifelnd zu bedenken.

Doch die Launen des Schicksals unterbrachen die Spekulationen |88|der beiden französischen Gelehrten. An diesen Zwischenfall erinnerst du dich sicherlich, denn obgleich er auf Französisch erfolgte, riss der Ruf einer der beiden Wachen im Mastkorb alle aus ihren Überlegungen:

»Schiff in Sicht!«

DISKURS X

Darin man etwas über die Überlegenheit der runden Schiffe über die Rudergaleeren erfährt.

Es war ein rundes Schiff von der Art, die nur dank ihrer Segel vorankommen und sich von den Galeeren unterscheiden, welche zwar über einen oder mehrere Masten verfügen, bei gleichem Wind aber sehr viel langsamer sind und außerdem eine längliche, schmale Form haben.

Trotz seines gewaltigen Umfangs segelte das unbekannte Schiff mit Rückenwind in rascher Fahrt direkt auf uns zu. Der Winter, in dem es keine Flauten gibt, ist die ideale Jahreszeit für diese Art Schiffe, die die größten Entfernungen zurücklegen können. Malagigi und Barbello (der dir einen lüsternen Blick zuwarf) gesellten sich zu uns, um uns zu berichten, was sie von einigen Ruderern über das soeben gesichtete Schiff gehört hatten.

»Es ist schon seit einer Weile in Sicht, doch sie haben sich erst jetzt angekündigt, indem sie ihre Fahne gehisst haben. Es ist ein Schiff der Vereinigten Provinzen.«

Tatsächlich erblickte man am Hauptmast die Trikolore – Rot, Weiß und Blau – der Vereinigten Niederlande. Barbello erklärte, es handele sich gewiss um das Schiff einer holländischen Handelsgesellschaft, die Geschäfte mit den jüdischen Kaufleuten von Livorno mache.

Unerwartet übertönte das helle Schmettern von Trompeten das Klatschen der Wellen. Einige unserer Matrosen winkten grüßend mit den Armen.

»Trompeten? Warum?«, fragtest du, hinter mir stehend.

»Das sind Holländer. Sie blasen gerne Trompeten zur Begrüßung«, sagte Malagigi.

|89|Erst kniffen wir die Augen zusammen, um besser sehen zu können, dann nahmen wir ein Reisefernrohr zu Hilfe und erblickten ein Trio kräftiger, junger, blonder Männer, die funkelnde Bucinae in Händen hielten.

Angesichts des freundlichen Grußes der Mannschaft und ihrer Herkunft hatte unser Schiff seinen Kurs noch nicht geändert. Wenige Minuten vergingen, wir wollten uns gerade alle wieder hinsetzen, als wir plötzlich im ganzen Schiff laute Schreie vernahmen. Das unbekannte Schiff hatte die erste Fahne eingeholt und eine zweite gehisst. Die schöne Trikolore der Vereinigten Niederlande war durch ein weit größeres Banner ersetzt worden.

»Der Halbmond, das ist der Halbmond!«, schrien einige Matrosen entsetzt aus vollem Halse. Das Zeichen war ebenso unmissverständlich wie der Betrug: Es waren Korsaren aus der Berberei.

 

Die Männer der Mannschaft, die in den ersten Augenblicken nach dem Wechsel der Fahne wie gelähmt vor Angst auf das unbekannte Schiff gestarrt hatten, setzten sich nun nach allen Seiten in Bewegung. Aus unerfindlichen Gründen wurde das zusätzliche Beiboot, das wir hinter uns herzogen, an die Seite unseres Schiffs geholt, indem das Tau verkürzt wurde. Dann ertönte der erste Kanonenschuss. Die feindliche Kugel, vom Buggeschütz des Piratenschiffs abgefeuert, versank in beträchtlicher Entfernung zu unserem Schiff im Wasser und ließ eine hohe Fontäne aus Gischt aufsteigen. Noch war der Abstand zwischen uns und den Verfolgern groß genug, doch der kräftige Wind trieb sie rasch auf uns zu. Die Piratenfahne zeigte drei Halbmonde, unter denen eine Zeichnung oder vielleicht ein arabischer Schriftzug prangte.

Die Galeere nahm volle Fahrt zur Flucht auf. Mehrmals ließ unser Galeerenaufseher die Peitsche knallen, dabei wechselte er heisere Schreie und frenetische Gesten mit dem Steuermann. Ein Offizier tauchte auf, atemlos, mit gerötetem Gesicht, und befahl allen Passagieren, in den Kielraum hinunterzusteigen.

»Abwerfen, wir müssen abwerfen!«, riefen einige Offiziere teils auf Französisch, teils auf Italienisch aus.

Sofort verwandelte sich die große Aufregung an Bord in ein Chaos. Denn dieser Ruf bedeutete, dass alle Waren und Gegenstände, die das Schiff beschwerten, ins Meer geworfen werden mussten, um das Schiff schneller zu machen. Und da keine Zeit zum Überlegen blieb, |90|warfen einige auf dem Deck stehende Matrosen bereits wahllos Gegenstände aller Art über Bord: ganze Stapel Kisten und Truhen, Bündel mit Brennholz, Wasserkrüge, Weinflaschen, Nahrungsvorräte und tausend andere Sachen, darunter gewiss auch wertvolle, die ich in der verzweifelten Konfusion jener Momente nicht mehr unterscheiden konnte. Wenn man uns gefangen nahm, würde ohnehin kein einziger Gegenstand mehr in den Händen seines rechtmäßigen Besitzers bleiben.

Nur die mit Wachstuch bedeckten riesigen Ballen, von denen große Mengen im Vorder- und Achterschiff lagen, wurden aus unerfindlichen Gründen an ihrem Platz gelassen.

Inmitten eines unbeschreiblichen Durcheinanders aus Schreien und fieberhaftem Hin und Her eilten alle in ihre Unterkünfte, um die kostbarsten Gegenstände in Sicherheit zu bringen, da sie fürchteten, ihre Habe würde früher oder später im Wasser landen.

Zuletzt stürzten wir alle miteinander die Leiter in den Kielraum hinunter und schlüpften mit den anderen unter Deck. Du eiltest sofort zu Rosina und legtest deinen Arm um ihre Taille, um ihr bei der Flucht zu helfen. Nur Schoppe schien sich um seine Sicherheit nicht zu bekümmern. Wir sahen ihn aufgeregt mit einem der französischen Offiziere diskutieren.

In dem engen Kielraum herrschte die hellste Aufregung. Unsere Angreifer waren keine einfachen Piraten, also wilde Seeräuber, die, wann immer sich die Gelegenheit bot, Schiffe unter jedweder Fahne angriffen, ohne die Gesetze auf See zu achten, und darum früher oder später alle von türkischen oder christlichen Kriegsschiffen, die für Ordnung sorgten, angegriffen und versenkt wurden. Nein, sie waren Korsaren, sie besaßen einen Kaperbrief, eine von einer anerkannten Macht ausgestellte Erlaubnis, Schiffe anzugreifen, auszuplündern, ihre Besatzung zu deportieren und nach eigenem Gutdünken mit ihr zu verfahren. In unserem Fall, der sehr häufig vorkam, war die anerkannte Macht eines der drei Reiche der Berberei, der muselmanischen Staaten, die dem Großtürken, also dem Sultan von Konstantinopel tributpflichtig waren.

Fast alle Passagiere hatten sich Geld, die wichtigsten Papiere und Wertgegenstände behelfsmäßig in die Hosen gestopft, da wir fürchten mussten, schon bald von den Korsaren ausgeplündert zu werden. Sodann beschloss ein jeder, seine Sachen in einer dunklen Nische zu verstecken. |91|Binnen kurzem entstand ein hektisches Hin und Her von einem Versteck zum anderen, ratlos irrten die Besitzer mit ihren prall mit Münzen gefüllten Täschchen, mit Papieren und Juwelen in dem dunklen Raum umher. Wie lange würde unsere Flucht dauern? Die Korsaren der Barbareskenstaaten, sagte Pasqualini, befolgen die Lehren Mohammeds, daher beschweren sie ihre Schiffe nicht mit Wein und Fleisch. »Sie begnügen sich mit Reis, Zwieback, Hülsenfrüchten, Butter, Oliven und Öl. Im Winter sind sie bei günstigen Winden unendlich viel schneller als jede Galeere.«

Sodann wurde lebhaft darüber diskutiert, ob das Schiff, das uns auf den Fersen war, Brigg, Dau, Dromone, Fusta, Galeasse, Karavelle, Kraweel, Nao, Schebecke oder Triere genannt wurde, und man einigte sich schließlich auf die Bezeichnung Karacke, ein rundes Schiff ohne Ruder, das ungefähr so groß war wie das, was uns verfolgte.

»Verfluchte Holländer«, zischte Naudé.

»Das sind Piraten, keine Holländer«, präzisierte Barbello, der sein Tuchsäckchen auf der Höhe des Bauches unter seinen Kleidern verbarg, ohne im Übrigen Zeichen der Angst zu zeigen, wie man sie bei einem Kastraten von niedriger Statur und schlaffer Konstitution erwartet hätte. Du wirktest bestürzt, versuchtest aber, äußerlich gelassen an der ungewöhnlichen Diskussion teilzunehmen.

»Ja, ja, ich weiß«, erwiderte Naudé ärgerlich, »aber es war ein Holländer, der den Korsaren der Barbareskenstaaten beigebracht hat, wie man die Karacken lenkt, Simon Danziker aus Dordrecht, der Verräter, den alle Kapitän Dämon nannten. Dieser Verfluchte war es, der die Barbaresken den Bau und die Lenkung von Segelschiffen gelehrt hat. Er besaß eine Flotte aus Schiffen mit je dreihundert Mann und sechzig Kanonen, hatte sich einen ganzen Palast in Algier gebaut, und der Bey von Tunesien war sein Freund. In Spanien haben seine Truppen einmal neunundzwanzig Schiffe auf einmal aufgebracht. Die Engländer hatten Befehl erlassen, ihn gefangen zu nehmen, lebendig oder tot.«

»Und dann?«, fragte Guyetus.

»Dann ist er zu den Christen zurückgekehrt, sein zweiter Verrat. Aber die Barbaresken haben ihn erwischt und ihm den Kopf abgeschnitten.«

In diesem Moment stieß Schoppe zu uns und brach in einen wütenden Schrei aus:

»Ein Brandschiff – wir sind auf einem Brandschiff, verflucht!«

|92|DISKURS XI

Darin erklärt wird, was ein Brandschiff ist, und welchen Gefahren derjenige ausgesetzt ist, der sich darauf befindet.

Die Augen traten ihm schier aus dem Höhlen, als Schoppe berichtete, was er soeben von einem der Offiziere erfahren hatte, kurz bevor ihm befohlen wurde, zu uns in den Kielraum zu gehen.

Das Schiff, auf dem wir uns befanden, war keine Galeere. Oder besser, es war keine normale Galeere, die zum Kampf gerüstet ist. Im Gegenteil, sie war dazu bestimmt, zu explodieren.

»Sie ist nur deshalb voller Verzierungen und kostbarer Schnitzereien, damit sie einem echten Schiff täuschend ähnlich sieht. In Wahrheit ist sie eine schwimmende Bombe. Die Laderäume sind bis zum Rand gefüllt mit Schießpulver und brennbarem Material«, erklärte der deutsche Gelehrte, dem vor Angst der Atem stockte. »Dieses Schiff dient dazu, nahe an ein feindliches Schiff heranzufahren, sich mit speziellen Haken daran festzumachen, um dann zu explodieren, sodass das Feuer auf das feindliche Schiff übergreift. Versteht ihr?«

Wir blickten einander starr vor Entsetzen an.

»Jetzt verstehe ich: die geschnitzte Reling, die prächtige Galionsfigur … diese Dekorationen, die Vergoldungen, sogar Schnitzereien an den Rudern … alles Blendwerk«, sagte Barbello wie betäubt vor Staunen.

Und wir erkannten jetzt auch, warum die großen mit Wachstuch bedeckten Ballen am Bug nicht ins Meer geworfen worden waren: höchstwahrscheinlich enthielten sie Stroh oder anderes leicht brennbares Material.

»Nur Brandschiffe haben ein zusätzliches Beiboot, um die ganze Mannschaft zu retten. Darum haben unsere Matrosen das am Bug angebundene Beiboot so nah wie möglich an unser Schiff herangezogen«, fuhr Schoppe fort. »Sie fürchten, dass die Piraten, wenn sie es sehen, erkennen, dass sie ein Brandschiff vor sich haben, und aus der Ferne auf uns schießen, damit wir explodieren.«

 

Wir schauten uns um und sahen in den hölzernen Planken dieses Schiffes zum ersten Mal keinen Schutz, sondern eine tödliche Bedrohung. Viele bekreuzigten sich, jemand flüsterte Bittgebete zur Jungfrau |93|Maria, und ich beobachtete, wie Blässe dein jugendliches Gesicht überzog und das Blut aus deinen Lippen wich. Du entferntest dich für einen Augenblick von Rosina und fragtest mich aufgeregt, doch flüsternd, um von den anderen nicht gehört zu werden:

»Wer um Himmels willen hat eigentlich beschlossen, gerade dieses und kein anderes Schiff der französischen Flotte zu besteigen? Am Hafen von Livorno habe ich viele gesehen! Wollten sie uns in die Luft jagen?«

Ich hatte keine Zeit, dir zu antworten.

»Wartet, das Beste kommt erst noch!« Caspar Schoppe hatte noch schlimmere Nachrichten. »Wisst ihr, was es bedeutet, auf einem Brandschiff zu sein? Da das Schiff dafür ausgerüstet ist, zu explodieren, sind Waffen und Miliz an Bord auf das Unverzichtbare beschränkt.«

»Genau! Es wollte mir doch gleich so erscheinen, dass nur wenige Matrosen an Bord sind«, sagte Malagigi. »Und sogar die Ruderbänke sind nur halb besetzt.«

»Aber sind diese Brandschiffe nicht ziemlich wertlos? Ich hörte, dass die Venezianer im Krieg um Candia gegen die Türken mit diesen Dingern nicht viel ausrichten konnten«, warf Naudé ein.

»Richtig«, erwiderte Schoppe, »aber das lag daran, dass die Türken eine List gebrauchten. Sie hatten den Ankerplatz, wo die Venezianer sie angriffen, mit großen Holzplatten umgeben, die mit Eisenketten befestigt waren. Die Brandschiffe waren blockiert, sie verbrannten, ohne sich den türkischen Schiffen nähern zu können.«

In diesem Augenblick ertönten, kurz nacheinander, zwei weitere Kanonenschüsse. Dann ein dritter, und man hörte ein Knirschen von Holz, während der Kielraum erzitterte und sich unter den Matrosen draußen über unseren Köpfen ein lautes Geschrei erhob. Noch greller ertönten in der Ferne die Schreie des Antreibers, des Kapitäns, des Mannschaftsaufsehers und des Steuermanns. Es war nicht klar, was dort vor sich ging – hatten die Barbaresken uns etwa schon geentert?

»Sie müssen uns getroffen haben«, jammerte Malagigi, »wir gehen besser an Deck.«

»Bist du verrückt? Draußen fliegen die Kanonenkugeln!«, erwiderte Barbello, der in diesen Momenten eine weit größere Geistesgegenwart bewies als du.

Erneut ließ eine, dieses Mal ohrenbetäubend laute und sehr nahe Deflagration alle Anwesenden erzittern. Zwei weitere folgten. Dies war |94|die, allerdings späte, Antwort unserer Kanonen. Das Schiff änderte rasch den Kurs, indem es einen Halbkreis beschrieb. Wahrscheinlich versuchte unsere Galeere ihre Verfolger abzuschütteln, indem sie eine sehr enge Kurve fuhr, das einzige Manöver, bei dem runde Schiffe wie die Karacke der Piraten Schwierigkeiten haben.

»Nein, lasst uns hier raus!«, beharrte Malagigi. »Riecht ihr den Rauch nicht?«

Er hatte recht. Im Kielraum verbreitete sich der immer dichter werdende Qualm eines Brandes. Wie viel Zeit blieb noch, bis das Schießpulver auf dem Brandschiff Feuer fing?

 

Ohne weitere Diskussionen hasteten wir alle zu der Leiter, die bis an die Falltür im Deck reichte, dem Weg ins Freie. Ich erinnere mich, dass ich selbst den Exodus an die Oberfläche anführte. Erst zuletzt zögerte ich, als ich bemerkte, dass der Rauch über mir, in der Nähe der Falltür, nicht schwächer, sondern dichter wurde. Doch es war zu spät zum Umkehren. Als ich mich umdrehte, sah ich dein verängstigtes Gesicht und hinter dir, dicht aneinandergedrängt, all die anderen, die dich vorwärts schoben, um aus der Dunkelheit des Kielraums zu entkommen. Ich öffnete die Falltür und kletterte nach draußen.

Doch auf die abendliche Dunkelheit war ich nicht gefasst: Der kurze Dezembertag war bereits den nächtlichen Schatten gewichen, die im hellen Mondlicht länger wurden. Sie zitterten im Schein der unzähligen Fackeln in den Händen der Barbaresken, die sich siegesgewiss und drohend überall auf dem Schiff postierten.

Als meine Augen sich an das schwache Licht gewöhnt hatten, wurde mir klar, dass der Qualm nicht aus dem Kielraum kam. Das Schiff war bedeckt mit schwarzen Säulen aus beißendem Rauch, der sich in alle Richtungen ausbreitete. Sofort begannen meine Augen zu tränen, und die Kehle zog sich mir zusammen. Mir fiel ein, dass ich von dieser Strategie schon gehört hatte: Bevor sie entern, werfen die Barbaresken mit Lumpen und Teer gefüllte Brandflaschen auf das Deck des aufgebrachten Schiffes. Wenn diese Flaschen zerbrechen, verbreiten sie ringsumher einen dunklen, dichten Nebel, der blendet und Erstickungsanfälle hervorruft.

Eine weitere Brandflasche landete unweit von mir, um sofort ihre teuflische Essenz zu verströmen, und ich wandte mich um. »Atto!«, schrie ich gellend und packte dich an den Schultern, um dich in das |95|Verließ zurückzustoßen, aus dem wir soeben gekommen waren, und mit dir Rosina, von der du dich nicht trennen wolltest. Ich hörte Schreie von einem Ende des Schiffes zum anderen hin und her fliegen. Zwei Bereitwillige rannten an mir vorbei, ohne auf mich zu achten. Der Rücken einer der beiden Männer war blutüberströmt.

»Bleibt alle im Kielraum und macht die Falltür fest zu, sonst werdet ihr auch dort unten ersticken!«, rief ich, während zwei oder drei Kanonenschüsse meine letzten Silben übertönten.

Ich kauerte mich auf die Planken, dann kroch ich auf allen vieren, die Augen wegen des beißenden Rauches halb geschlossen, auf den Lärm zu, der sich zu meiner Rechten erhoben hatte. Ich warf einen Blick in den Ruderraum: keiner ruderte mehr. Die meisten Bänke waren leer, auf einigen lagen leblose Körper oder blutende Ruderer. Zwei oder drei hielten einen Kameraden fest und versetzen ihm Fausthiebe in den Bauch, nein, mit Entsetzen gewahrte ich, dass sie ihm mit einem Messer die Eingeweide herausschnitten.

Ich presste mich auf die Planken, um nicht gesehen zu werden. Vom Antreiber keine Spur. Wo waren der Kapitän und der Mannschaftsaufseher? Und die Matrosen? Mittlerweile umhüllte der dichte Rauch alles, und vom anderen Ende des Schiffs ertönten hinter dem schwarzen Vorhang aus Rauch zwar noch Schreie, doch es waren keine geordneten Befehle mehr, nur noch Kampfgebrüll.

Mir kamen Erzählungen über die Seeschlachten zwischen den Franzosen und den Spaniern im Meer der Toskana vor einigen Monaten in den Sinn. Eine Kanonenkugel hatte den blutjungen Admiral Maillé-Brezé in zwei Teile gerissen und sein kurzes, ruhmvolles Leben beendet. Wenn man bedachte, dass ich noch vor wenigen Stunden einen der Matrosen mit seinem Kameraden ein Lied hatte singen hören:

 

Si tu demandes des heraus

Qui nous deslivrent de nos maux,

Les Brezay et les Meillerayes

Sont les medecins de nos playes.

 

Fragst du nach den Heroen,

Unsren Rettern, wenn Gefahren drohen,

Brezay und Meillerayes sind die Namen

Der Ärzte für Wunden an unsren Gestaden.

 

|96|Ich schloss einen Augenblick lang die schmerzenden Augen und plötzlich begriff ich, was sich ereignet hatte: ein Teil der Mannschaft, nämlich die türkischen Sklaven, hatte bei der Ankunft der Korsaren gemeutert oder einfach zu rudern aufgehört, um ihren Religionsbrüdern das Entern zu erleichtern und von ihnen befreit zu werden. Und da verstand ich auch, was der alte Seemann gemeint hatte, als er sagte, es sei besser, so wenig Türken wie möglich an Bord zu haben.

In diesem Augenblick ging eine gewaltige Erschütterung durch das ganze Schiff und gleich darauf hörte man ein ungeheuer lautes Krachen wie von tausend Bäumen, die der Sturm gleichzeitig entwurzelt und umstürzen lässt. Ich versuchte mich an einem Tau festzuhalten, das um den Mast geschlungen war, doch der Stoß war zu heftig gewesen. Ich fiel zur Seite und stürzte vom Deck in den Ruderraum. Das Freibeuterschiff hatte uns gerammt.

Wir waren in der Minderheit, gewiss, aber warum hörte man keinen einzigen Schuss? Warum verteidigte uns niemand? Wo hatten die französischen Matrosen sich versteckt? Die Antwort war einfach: In Anbetracht der aussichtlosen Lage hielten alle es für klüger, sich kampflos zu ergeben und darauf zu hoffen, dass man ihnen eine grausame Behandlung ersparen würde.

Nach dem Sturz in den Ruderraum erhob ich mich sogleich, und mir schien, als seien meine Knochen sämtlich heil geblieben. Als ich mich unter die Ruderbänke duckte, hörte ich erneut Schreie. Dann folgte eine Reihe lauter Knalle an Steuerbord: eiserne Enterhaken bohrten sich fest in die Flanke des Schiffes. Der Rückstoß unserer Galeere nach dem Aufprall des Rammsporns ließ das Schiff ächzen, es klang, als bereiteten ihm die in sein Holz gebohrten Haken körperliche Schmerzen. Wir waren geentert worden.

DISKURS XII

Darin man verschiedenerlei nützliche Dinge über die Korsaren der Barbareskenreiche erfährt, außerdem über ihre Methode, Schiffe zu entern und über die Lingua franca.

Ein Hagel kleinerer Stöße an Steuerbord, wo wir gerammt worden waren, zeigte, dass nun hölzerne Bretter von einem Schiff zum anderen |97|gelegt wurden, damit die Piraten zu uns gelangen konnten. Es folgte ein Trommelfeuer aus Büchsenschüssen, und schließlich ließen das Siegesgeheul und Getrampel von zwanzig oder dreißig Männern die Decksplanken erzittern.

Unwillkürlich fielen mir die Beschreibungen ein, die seit jeher über die beliebtesten Foltermethoden der Barbaresken im Umlauf sind: massenhaftes Erhängen an den Schiffsmasten; glühende Metallspitzen, in Brust oder Rücken gebohrt; die Kreuzigung, in Kombination mit dem Pfählen; die Haare der Gefangenen werden in Brand gesetzt; Geiseln werden in Kanonenläufe gezwängt und zerfetzen bei der Detonation in einer Wolke aus Blut und Eingeweiden.

Innerhalb weniger Augenblicke waren die Angreifer näher gekommen, doch noch befanden sie sich weit über mir, da ich im Ruderraum unter einer Bank kauerte. Sie trugen die üblichen Turbane und weiße, weite Pluderhosen, oberhalb der Füße zusammengebunden, ein Hemd ohne Knöpfe mit zwei Schößen und einen Ledergürtel. Diesen Aufzug konnte man auch im Hafen von Livorno bei ihren Kameraden sehen, die Sklaven geworden waren. Natürlich trugen diese keine Schwerter, welche die gefangenen Barbaresken nicht mehr tragen durften, unsere Invasoren aber jetzt durch die Luft schwenkten, als sie sich des Schiffes bemächtigten.

Unterdessen lichtete sich der Rauch aus den Brandflaschen ein wenig, und vor meinen Augen tauchten die mächtigen Segel des Piratenschiffs auf. Der Rammsporn hatte sich dreist über den Rumpf unserer Galeere gelegt, als kümmerte es ihn nicht, dass ihr armer Leib bereits mit Enterhaken gespickt war. Wie viel größer und imposanter als unsere Galeere war dieses Schiff mit seinem hohen Bug, den endlosen Reihen von Kanonen zu beiden Seiten und drei hohen Masten!

Einer der ersten Korsaren an Bord unseres Schiffes, gedrungen und von kleinerer Statur als die anderen, schien Befehle zu geben und seine Männer auf der rechten und linken Seite zu verteilen. Als er, mit den Armen fuchtelnd, in meine Nähe kam, konnte ich ihn genau betrachten. Er war nach Art der Korsaren gekleidet, das Hemd bequem über der Hose hängend, und mochte etwa sechzig Jahre alt sein. Seine Haare steckten unter dem Turban, doch auf seinem Kinn spross ein auffälliger roter Bart. In der Linken hielt er einen Krummsäbel, dessen Griff vielfarbig funkelnde, fast blendend helle Reflexe aussandte: Es musste einer jener mit kostbaren Edelsteinen besetzten Säbel sein, |98|nach denen die osmanischen Korsaren verrückt sind. Es heißt, sie seien imstande ihr ganzes Leben lang in einem Raum ohne Bett und Möbel zu wohnen, wenn ihnen nur der edelsteingeschmückte Säbel nicht fehlt. Der Korsar hatte eine helle Haut, doch war sein Gesicht sonnenverbrannt und von tiefen Falten gefurcht. Der harte Blick der hellen, fast veilchenblauen Augen zeugte von zahlreichen Grausamkeiten, die er seinen Opfern zugefügt und auch selbst erlitten hatte.

Meinen Ekel vor dem üblen Gestank der Brandflaschen überwindend, der Augen, Nase und Kehle reizte, gegen den die Angreifer jedoch unempfindlich schienen, spitzte ich die Ohren, um ein paar Brocken seines Geschreis zu erhaschen:

»Faire vite! Mehmet, wo andar? Mustafa, kusch te!«

Schneidend und rau war seine Stimme, wer weiß, welche Strapazen der Seefahrt sie verwüstet hatten. Er gab Befehle in der Lingua franca, die ich schon bei unseren Matrosen gehört hatte und die auch in den Barbareskenreichen gebräuchlich war. Es musste der Rais sein, der Anführer des Piratenschiffs. Er hatte sich jetzt zum Achterkastell begeben. Von meinem Versteck aus konnte ich ihn nicht mehr sehen, doch mich erreichten Worte und Geräusche. Er klopfte an die Eingangstür.

»Chi dort? Venir aus dem Haus!«

Die Korsaren ringsumher lachten aus vollem Halse. Doch der Anführer knurrte etwas, alle verstummten, und man hörte einen Büchsenschuss. Dann wieder Gelächter und Gelärm, das Geräusch einer zerbrechenden Bretterwand, Stimmengewirr, jemand, der Französisch sprach.

Auch vom anderen Ende des Schiffes ertönten ein paar Schüsse aus Feuerwaffen, während der Rais seinen Männern, die am Heck standen, Befehle gab:

»Mustafa, du descend, et tout de suite zurück! Franzos bereit per prisonnier.«

Ein Jubelgeschrei der Marodeure bestätigte meinen ersten Eindruck: Die französische Mannschaft, an Zahl den Piraten dramatisch unterlegen, hatte sich kampflos ergeben. Offiziere und Matrosen, die sich im Kastell am Heck verschanzt hatten, waren mit erhobenen Händen herausgekommen, als die Korsaren das Türschloss aufgebrochen hatten.

Die Franzosen taten gut daran. Wie ich geahnt hatte, hatten die türkischen |99|und arabischen Galeerensklaven auf unserem Schiff schon gemeutert, bevor es geentert wurde, und sich natürlich sofort auf die Seite unserer Eroberer geschlagen. Wahrscheinlich hatten sie zunächst nicht mehr mit voller Kraft gerudert, als unsere Galeere den Barbaresken zu entkommen versuchte.

Zwischen Siegern und Besiegten entstand ein hitziger Wortwechsel. Danach hörte ich, wie die französischen Offiziere ihrer ganzen Mannschaft mit lauter Stimme befahlen, keinen Widerstand zu leisten und sämtliche Waffen auszuhändigen. Undeutlich meinte ich auch zu verstehen, dass jemand den Barbaresken das Versteck der Passagiere im Kielraum verraten hatte. Sicherlich war sofort jemand hingelaufen, um zu überprüfen, ob es unter ihnen kostbare Beutestücke gab (Künstler, Gelehrte, Leute der oberen Stände), die zu einem guten Preis verkauft oder gegen eine hohe Summe Lösegeldes freigelassen werden konnten.

Nunmehr lag unser aller Leben in den Händen des Anführers der Korsaren. Was war das für ein Mensch? Erbarmungslos, impulsiv und blutrünstig wie so viele der Barbaresken? Oder war er vernünftiger und imstande, den erzielten Vorteil mit Überlegung zu nutzen?

Bebend vor Angst, dachte ich an dein Schicksal, mein Atto, das in diesem Augenblick in Gottes Hand lag. Die Sozzifanti, deine Herren, hatten dich mir anvertraut, und sie waren beide Cavalieri des ruhmreichen Ordens Santo Stefano, der auf See die Ungläubigen und die Piraten bekämpft. In Pistoia hatte ich im Haus der Sozzifanti dutzende Berichte über die ruchlosen Taten der Barbaresken gehört und wunderte mich darum nicht über das grobe Gebaren des Anführers unserer neuen Herren, der jetzt wieder dicht an mir vorbei über die Stelling lief, gefolgt von seinen Männern. Einer seiner Getreuen, ein junger Lockenkopf, flüsterte ihm etwas ins Ohr, was sein Herr gleich darauf wiederholte, wie um es sich gut einzuprägen. Es war die Liste der Passagiere:

»Drei Franzosen, ein Deutscher. Sehr gut«, wiederholte der Korsar zufrieden. Nachdem er auf den Boden gespuckt hatte, knurrte der Anführer einen letzten Kommentar zum Abschluss der Liste, die ihm der Lockenkopf vorgetragen:

»Zwei Toskaner, ein Venezianer, ein Römer. Scheißpack.«

Die Aussprache ließ keinen Zweifel zu: Das Oberhaupt der Korsaren war ein Italiener.

|100|DISKURS XIII

Darin die Redegabe der Korsaren offenbar wird und man einem Willkommensritual beiwohnt.

Eilig wurden wir alle in den Kielraum gebracht, wo wir bis zum Tagesanbruch eine kurze Ruhe halten sollten. In wechselnden Schichten wurden wir von den Korsaren bewacht, die uns unter Androhung von Strafen zwangen, Mund und Augen geschlossen zu halten. So fielen wir alle wohl oder übel in einen dumpfen, von Angstträumen erfüllten Schlaf.

Im Morgengrauen mussten wir uns alle auf dem Deck versammeln, und man teilte uns in Gruppen auf. Wir Passagiere wurden von den Barbaresken mit ebenso faszinierten wie habgierigen Blicken angestarrt, als wären wir seltene Tiere im Käfig. Die Behandlung war nicht übermäßig grob, wir wurden zwar hierhin und dorthin gestoßen, aber nicht geschlagen. Rosina dagegen wurde mit allem Respekt behandelt, und bald sollten wir verstehen, warum. Nur Guyetus erging es schlecht: Er hatte es gewagt, einen der Korsaren mit einem allzu stolzen und finsteren Blick anzustarren, und wurde von diesem und einem seiner Kameraden bestraft, indem sie ihm mehrere Eimer Meerwasser über den Kopf schütteten, die ihn vom Scheitel bis zu den Füßen durchnässten.

Ich bemerkte, dass einige unserer Matrosen und Ruderer fehlten, sie waren wahrscheinlich tot oder verletzt. Die französischen Offiziere konnte man leider nicht fragen, sie wurden eilig gefesselt und auf die feindliche Karacke gebracht, sodass auf unserer Galeere niemand blieb, der in der Lage war, ein Schiff zu lenken.

Derweil waren endlich die restlichen stinkenden Rauchflaschen ins Wasser geworfen worden, und die Luft war wieder erträglich. Einige der Barbaresken begannen, Taue auszuwerfen und zu verknoten, damit unser Schiff von dem Segler der Korsaren abgeschleppt werden konnte. Unsere Segel waren gestrichen, die Ruder eingeholt worden. Von vier oder fünf Barbaresken bedroht, die die Läufe ihrer Flinten auf sie richteten, wurden die Bereitwilligen zu ihrem Entsetzen anstelle der Galeerensklaven an die Bänke gefesselt, dafür benutzten die Korsaren neue Ketten, die sie mitgebracht hatten.

Die Galeerensklaven dagegen, nach Jahren endlich von ihren Ketten |101|befreit, hatten angefangen vor Freude zu grölen, zu tanzen und Tränen zu lachen. Andere hatten sich beeilt, dem Antreiber, dem Mannschaftsaufseher und den Offizieren ins Gesicht zu spucken, bevor diese, die Hände auf dem Rücken gefesselt, auf das Piratenschiff verbracht wurden. Doch die Barbaresken schickten die Sklaven mit Tritten und Warnungen, sich ja nicht zu viele Freiheiten herauszunehmen, an ihren Platz zurück. Ein gutes Zeichen: vielleicht waren wir doch nicht jenen blutdürstigen Schlächtern in die Hände gefallen, denen so viele andere christliche Schiffsbesatzungen nicht hatten entrinnen können.

Wir Passagiere wurden auf engstem Raum zusammengepfercht und gezwungen, stehenzubleiben, um einem Schauspiel beizuwohnen, von dem wir uns noch keine Vorstellung machen konnten. Du wechseltest einen ängstlichen Blick mit mir.

Dann kletterte einer der Korsaren auf einen Wink seines Anführers über die Wanten am Mast empor und hub, sobald er oben war und sicher stand, mit lauter Stimme zu einer kleinen Rede an, die er mit ausladenden Gesten begleitete:

»Ihr alle, jedwelcher Nation, Levantiner, Ponentiner, Franzos, Espanioler, Portugies, Griechen, Napolitaner, Toskaner, Teutsche, Italiener, Hebräer, Türken, Mauren, Armenier, Perser, Moskowiter, Dänen, Schweden, Flaminger und andre, seid gegrüßet! Wir sein Barbaresken von Tunesien und kämpfen, um nehmen Piaster von Christen.«

»Er hat gesagt, sie sind Barbaresken aus Tunesien und kämpfen, um den Christen Geld zu stehlen«,

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