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Das Moskau-Spiel

Ein Verkehrsunfall in Moskau. Das Opfer: Georg Scheffer, der beste Spion des Bundesnachrichtendienstes in Russland. Der BND schickt Theo Martenthaler, um die Leiche nach Deutschland zu überführen. Ein Job für einen Nachwuchsagenten. Doch als Martenthaler die Leiche identifizieren will, drückt ihm die schöne Moskauer Rechtsmedizinerin Sonja Kustowa eine Urne in die Hand. Mit Scheffers Asche, wie sie behauptet. Ein Täuschungsmanöver des russischen Geheimdienstes FSB. Ist Scheffer wirklich tot? Was steckt hinter dem Verwirrspiel der Moskauer Behörden? Und warum gibt Sonja Kustowa Martenthaler bei einem Kneipenbesuch einen Tipp? Martenthaler löst das Rätsel und fliegt mit dem Beweis nach Hause: Der FSB hat Scheffer ermordet. Das glaubt er, bis er entdecken muss, dass er in die Falle getappt ist. Alles ist anders. Das Spiel ist viel größer, heimtückischer und gefährlicher, als Martenthaler es in seinen finstersten Albträumen gefürchtet hätte. Gekränkt und wütend reist er gegen den Willen des BND zurück nach Moskau. Auf sich allein gestellt und immer in Lebensgefahr, verstrickt er sich in den Intrigen seiner Feinde. Bis er auf eine Spur stößt, die in die Achtzigerjahre führt. Als die Welt am Rand des Atomkriegs stand. Und als Martenthalers Vater zusammen mit Georg Scheffer für den BND gegen die Sowjets in Moskau spionierte.

Wer hat gesagt, der klassische Spionagethriller sei tot? Virtuos und nie um eine überraschende Wendung verlegen, inszeniert Christian v. Ditfurth das Bild einer Welt, in der Wahrheit Lüge ist und Lüge Wahrheit. Der kalte Krieg ist längst nicht vorbei.

CHRISTIAN v. DITFURTH

DAS
MOSKAU-
SPIEL

PENDRAGON

Prolog

Oberstleutnant Stanislaw Jewgrafowitsch Petrow saß mit halb geschlossenen Lidern auf seinem Stuhl und sog den Rauch seiner Zigarette ein. Er hielt den Rauch lange in seiner Lunge, dann atmete er stoßweise, aber gemächlich aus und setzte Wölkchen in die Luft. Er verfolgte sie mit seinen großen blaugrauen Augen. Petrow hatte einen hageren, länglichen, fast rechteckigen Schädel und lockige dunkelbraune Haare. Ein Hauch von Melancholie umgebe ihn, hatte eine Genossin einmal gesagt. Seine Soldaten im Bunker 15 von Serpuchow südlich Moskaus kannten ihn als einen Offizier, der nicht viel redete und dem es lächerlich erschienen wäre, markige Sprüche abzusondern, wie das so viele andere Offiziere der ruhmreichen Sowjetarmee taten.

Seine Soldaten behelligten ihn nicht, wenn er in der Nacht auf der zweiten Ebene des dunklen Kontrollraums auf seinem Stuhl zu dösen schien. In Wahrheit war er wie eine Katze, die im Dämmerschlaf jedes Geräusch hörte und jede Bewegung wahrnahm. Im Notfall würde Petrow in Sekundenbruchteilen tun, was die von ihm selbst verfasste Vorschrift einem diensthabenden Offizier in einem Bunker des sowjetischen Raketenfrühwarnsystems befahl. Es sollte Moskau so schnell wie möglich vor einem amerikanischen Atomraketenangriff warnen, um dem Generalsekretär Andropow und dem Generalstab Zeit zum Gegenschlag zu geben. Fünfundzwanzig Minuten. In diesem Bunker liefen die Datenströme der Aufklärungssatelliten zusammen, der Augen des sowjetischen Weltreichs.

»Wenn wir versagen, wird die Heimat vernichtet und der Feind überlebt«, hatte Petrow seinen Soldaten erklärt, als er vor gut zwei Jahren nach Serpuchow versetzt worden war. »Wenn wir nicht versagen, wird unsere Heimat vernichtet und der Feind auch.« Er erinnerte sich noch gut an die verdutzten Gesichter seiner Untergebenen. Aber wenn die Amerikaner die Dinge ähnlich sahen, würden sie nicht versuchen, einen Atomkrieg zu gewinnen. Doch genau mit dieser Verlockung spielten manche Experten und Politiker im Westen. Ganz öffentlich, und wer wusste, was sie unter Ausschluss der Öffentlichkeit besprachen? Das schrieb die Presse, das meldeten Auslandsberichterstatter im Fernsehen. Für den neuen amerikanischen Präsidenten war die Sowjetunion das Reich des Bösen. Das Böse aber muss vernichtet werden. Immer und überall. Deshalb hatte die sowjetische Militärführung die Offiziere der Raketenstreitkräfte, der Luftwaffe und der Überwachungsstationen zu größter Wachsamkeit vergattert. Der Feind plane einen Angriff. Er fühle sich überlegen. Er wittere seine Chance. Für ihn sei die Sowjetunion eine historische Fehlentwicklung, die er berichtigen wolle. Wie der General bei der letzten Inspektion hatte durchblicken lassen, sammelten die Kundschafter an der unsichtbaren Front überall im Westen Informationen, die bewiesen, was die Moskauer Führung befürchtete.

Petrow ließ sich nicht viel vormachen, aber dass die Stimmung in der politischen und militärischen Führung umgeschlagen war, dass es nicht nur Propagandageschwätz über den stets aggressiven US-Imperialismus war wie sonst, sondern Angst, wirkliche Angst, das spürte er. Er hatte ein Gefühl für Stimmungen. Die waberten von der Führung hinunter in die Partei- und Staatsorgane wie Nebelschwaden.

Meistens durchschaute er die Propaganda, dieses Gespinst aus Lügen, Wahrheiten und Halbwahrheiten, mit dem man den Feind bearbeitete und das eigene Volk anspornte. An allen Unbilden im Sowjetlager war der Feind schuld. Wenn sich irgendwo ein Volk erhob gegen die Parteiherrschaft, wie in der DDR, Ungarn, Polen, der Tschechoslowakei, so steckte der Feind dahinter. Natürlich, man musste den Feind unter Feuer halten, man musste ihn einschüchtern, man musste vielleicht auch mal die Panzer rollen lassen, doch Petrow hatte längst begriffen, dass es sich einige ganz oben etwas zu leicht machten.

Aber diesmal war es ernst.

Manchen Tag schlief er schlecht. Er träumte vom eigenen Versagen, wie er die blinkenden Zeichen auf den Kontrollmonitoren falsch deutete, wie die Trümmer von Moskau in einer Feuersbrunst versanken und zusammengeschmolzen wurden, zuletzt der Turm der Lomonossow-Universität. Seltsamerweise. Nicht weniger erschreckend erschien ihm die Vorstellung, dass ein einziger Raketensprengkopf, der über Moskau explodierte, genügen könnte, sämtliche Befehlsstrukturen lahmzulegen und das Land wehrlos zu machen. Der elektromagnetische Impuls, jenes so rätselhafte wie wissenschaftlich bewiesene Phänomen: die Ausschaltung des Feindes, indem man alle Elektronik auf einen Schlag zerstörte. Da säßen dann die Führer der mächtigen Sowjetunion in ihrem Bunker, und sie würden nichts erfahren von dem, was außerhalb ihrer Betonfestung vor sich ging, und sie konnten niemanden dort draußen mehr erreichen und niemandem mehr etwas befehlen. Bis Verbindungen wiederhergestellt wären, bis die Raketenstreitkräfte den Gegenschlag einleiten könnten, wäre es zu spät, weil die USA bis dahin die Raketensilos und Bomber zerstört hätten. Er sah Menschen vor sich, die Mutter, die Schwester, die Verkäuferin in dem Laden, die ihm gestern verschämt zugelächelt hatte, den Jungen, der mit einem fast luftleeren Fußball die Fensterscheibe des Schuppens zerschossen und mit dem Petrow einen unausgesprochenen Schweigepakt geschlossen hatte, bekräftigt nur durch ein Blinzeln mit beiden Augen, was der Kleine erst mit einem Staunen und dann mit einem strahlenden Lächeln quittiert hatte. Überhaupt die schreienden, lachenden, plärrenden und sich prügelnden Kinder auf dem Schulhof in der Nachbarschaft, welche die sowjetische Disziplin erst noch lernen mussten. Die alten Frauen, die mühsam die Bürgersteige entlanghumpelten und immer eine Tasche trugen. Die Veteranen, die ihre Orden vom letzten Krieg stolz herzeigten, weil sie außer dem Stolz und der jährlichen Parade nichts bekommen hatten. Die schönen jungen Frauen, die im GUM nach Kleidern suchten und zu oft unzufrieden wieder nach Hause gingen. Sie und alle anderen würden zerfetzt und zu Asche verbrannt und vom Feuersturm über die Todesäcker verbreitet, die einmal Städte gewesen waren. Petrow hatte Dokumentarfilme über die Atombombenabwürfe über Hiroshima und Nagasaki gesehen, und er wusste, dass jeder einzelne Sprengkopf unter den vielen Tausenden Mehrfachsprengköpfen, die von den Raketen fast punktgenau ins Ziel befördert wurden, ungleich größere Zerstörungen anrichten würde als die beiden Bomben über Japan.

Er drückte die Zigarette aus und linste auf den Bildschirm vor sich. Flimmernde weiße Schrift auf dunkelgrauem Hintergrund. Wenn er die Schrift lange anstarrte, bekam er Kopfschmerzen.

23 Uhr 57, 25. September 1983, zeigte die Uhr auf dem Schreibtisch an.

Er zündete sich eine weitere Zigarette an, stand auf und ging eine Runde. So, wie er es jedes Mal um diese Zeit tat, wenn die Müdigkeit nach ihm griff. Er schaute sich um, wie seine Leute die Zeit totschlugen. Hauptmann Sokolow, sein Stellvertreter, las wie immer in einem Roman, aber mit einem Auge verfolgte er den Computerbildschirm vor seiner Nase. Lesen im Dienst widersprach den Vorschriften, doch Sokolow hielt sich so wach, ohne seine Aufgabe auch nur eine Sekunde zu vernachlässigen. Leutnant Kirow, der Computerexperte, bearbeitete seine Tastatur. Kirow war ein brillanter Kopf, viel zu schade fürs Militär. Viel zu klug, um in einem muffigen Bunker herumzusitzen. Petrow schaute Kirow über die Schulter, aber er konnte nichts anfangen mit den kryptischen Befehlen, die der Leutnant in den Computer eingab.

Die Tür zum Nebenraum war angelehnt. Dort saßen vier Soldaten, bewaffnet mit AK-47-Sturmgewehren, die den Bunker zu bewachen hatten. Um den Bunker herum war ein Stacheldrahtverhau, der oben und in der Mitte von einem Starkstrom leitenden Draht gesichert wurde. Am Tor standen zwei Soldaten. Vier weitere patrouillierten in Zweierstreifen entlang des Zauns. Zu viel für einen einsamen Bunker südlich von Moskau. Zu wenig, um ein gut geplantes Kommandounternehmen des Feindes abzuwehren. Wenn es dem gelang, unbemerkt in den Luftraum einzudringen, was als unmöglich galt. Allerdings hatte Petrow da seine Zweifel. Das Radar reichte nicht weit genug. Wenn es Raketen im Flug anzeigte, war es für eine Reaktion fast schon zu spät. Es blieben nur Minuten. Deshalb hatten sie das Satellitenfrühwarnsystem gebaut, das die US-Atomraketenbunker vierundzwanzig Stunden am Tag überwachte. Seitdem hatten sie nicht mehr zwölf Minuten Zeit, auf einen Raketenangriff zu reagieren, sondern eine knappe Viertelstunde länger. Milliarden von Rubeln für eine knappe Viertelstunde.

Vor drei Wochen hatte die Luftwaffe dieses südkoreanische Spionageflugzeug über Sachalin abgeschossen. Vielleicht war es doch eine Passagiermaschine auf Irrwegen gewesen, wie die Propaganda des Westens behauptete, die Petrow in den stark gestörten Radiosendungen gehört hatte. Doch Petrow wusste auch, dass US-Bomber sich seit einiger Zeit immer wieder dem sowjetischen Luftraum gefährlich näherten. Provokationen. Sie testeten die Luftabwehr. Da dürfen die sich nicht wundern, wenn wir schießen. Sie legen es darauf an. Was zu viel ist, ist zu viel.

Petrow fuhr zusammen, als die Alarmsirene heulte. An der Kontrollwand blinkte in roter Schrift ein Wort: Start. Sie hatten es vorher nie gesehen. Sokolow und Kirow starrten ihn an. Die Farbe wich aus ihren Gesichtern. Kirows Stirn war mit einem Schlag von Schweißperlen übersät. Sokolows Mund stand halb offen. Auf dem Radarschirm ein Punkt, der sich schnell bewegte. Eine Interkontinentalrakete. Richtung Moskau. Eine Minuteman II, deren Sprengkopf durchs All raste.

Petrow war plötzlich klatschnass am ganzen Körper. Was tun? Die Vorschrift forderte, die Meldung über eine Direktleitung an den Generalstab und Andropow weiterzugeben. Keine Zeit, das Politbüro einzuschalten oder gar den Obersten Sowjet. Die Militärführung würde binnen weniger Minuten allein entscheiden müssen, ob die Interkontinental- und Mittelstreckenraketen der Sowjetunion, land- und seegestützt, gestartet werden sollten, um die einprogrammierten Ziele in den USA und Westeuropa zu vernichten, damit das Territorium der Feindstaaten in ein verstrahltes Trümmerfeld verwandelt wurde, in dem auf Jahrhunderte niemand würde leben können. Die Vorschrift verlangte, die eigenen Raketen zu starten, bevor der Feind sie zerstören konnte. Bevor die Sowjetunion vernichtet und wehrlos war.

Petrow nahm den Telefonhörer, hielt ihn eine Weile in der Hand, dann legte er wieder auf. Sokolow beobachtete, was Petrow tat, sagte aber nichts. Er hätte angerufen, was sonst? Kriegsgericht?

Aber Petrow dachte: Wenn der Feind angriff, dann doch nicht mit einer einzigen Rakete, die zwangsläufig den tödlichen Gegenschlag auslösen musste. Nein. Selbstmord würden die Imperialisten nicht begehen. Das war ein Fehlalarm. Wenn er nach Moskau meldete, was seine Augen sahen, würde Panik herrschen. Panik war ein gefährlicher Berater. Der Weg in den Tod.

Sie starrten. Endlich verschwand der Punkt vom Schirm. Petrow schnaufte durch und schaltete die Sirene aus.

Sokolow und Kirow starrten ihn immer noch an. Sokolow wischte sich mit dem Ärmel über die Stirn.

»Fehlalarm«, flüsterte Petrow.

Kirow lachte, etwas zu laut. Sokolow prustete.

Petrow überlegte, wie er die Meldung über diesen Vorfall abfassen konnte, ohne in Teufels Küche zu kommen. Er habe sofort erkannt, dass es ein Satellitenfehler gewesen sei. Kein Grund, die Führung zu alarmieren. Kein Grund, Unruhe zu schaffen. Wir haben Wichtigeres zu tun.

Wir schützen die Sowjetunion.

Er wusste natürlich, dass nicht nur er über diesen Vorfall berichten würde. Selbstverständlich arbeitete einer der Genossen im Bunker für die GRU, den Geheimdienst der Sowjetarmee.

Die Sirene. Wieder die Sirene. Wieder ein Punkt auf dem Schirm. Sokolow und Kirow zuckten zusammen. Petrow erstarrte.

Er zwang sich, ruhig zu bleiben. In Windeseile durchdachte er alle Möglichkeiten, die in den Vorschriften standen und die ihm seine Fantasie vorschlug. Er schaute auf den Punkt, und als auch der verschwand, schaltete er die Sirene aus und nahm den Telefonhörer, um einen Fehlalarm nach Moskau zu melden. Kaum hatte er den Hörer in der Hand, heulte es wieder und dann noch zwei Mal. Fünf Raketen.

Wenn er fünf Raketen meldete, mindestens fünf Raketen, wie hoch war die Wahrscheinlichkeit, dass die Führung den Gegenschlag auslöste? Er stellte sich die erregte Debatte im Generalstab vor. Wer hatte dort gerade Dienst? Wer entschied wirklich? Fünf Atomraketen würden Moskau pulverisieren. Kaum Zeit, sich in die Bunker zu flüchten. Der Enthauptungsschlag, der die Sowjetführung ausschaltete. Der gigantische elektromagnetische Impuls, der alle Kommunikations- und Überwachungseinrichtungen lähmte.

Petrow konnte nicht übersehen, was der Bildschirm ihm zeigte. Was, verdammt, sollte er tun in diesem Augenblick, in dem der Wahnsinn den teuflischen Beschluss gefasst hatte, dass er, Oberstleutnant Stanislaw Jewgrafowitsch Petrow, über das Schicksal der Erde entschied? Er, der heute gar nicht hier sein sollte, sondern einen kranken Genossen vertrat. Petrow dachte an seine Mutter, die in einer ärmlichen Datscha am Ostrand von Moskau hauste, an den Vater, der an Spätfolgen einer Kriegsverletzung unter unerträglichen Schmerzen zugrunde gegangen war. An die Schwester, die sich frisch verliebt hatte nach einer kaputten Ehe mit einem versoffenen Taugenichts. Auch wenn seine Untergebenen ihn erwartungsvoll und ängstlich anstarrten, war Petrow allein, einsamer, als je ein Mensch gewesen war.

1

»Da ist was im Busch.« Klein hob die Unterarme, die Ellbogen blieben auf den Lehnen seines ledernen Chefsessels liegen, seine Handflächen zeigten zum Gegenüber. »Was im Busch. Und sie klopfen drauf.« Er klopfte mit den Händen leicht auf den Tisch. Ein doppelter Ehering. Mit schmalen Augen starrte er den noch jungen Mann mit dem Intellektuellengesicht an, der ihm gegenübersaß, so, wie er es immer tat, wenn ihm etwas wichtig war. Wenn er eine Antwort suchte. Zum Spalt zusammengekniffene Augen in einem knochigen Kopf. Augen, die noch nie gelächelt haben konnten. In denen man lesen mochte, wie hart einer werden musste, der überlebt hatte. Die Angriffe des Feindes, die Machtkämpfe im Dienst, die Intrigen, den Verrat. Und Klein war einer, der es schätzte, hart zu sein.

Den Verrat.

»Irgendwas.« Er streckte sich ein wenig, öffnete die Augen, hob die Augenbrauen, senkte sie, hob sie wieder. Augenbrauengymnastik. »Und wir wissen nicht, was.« Er schaute sein Gegenüber an, als müsste der es wissen. Als wäre es eine Enttäuschung, wenn er es nicht wüsste. Er knetete Luft mit den Händen. Dann erst lüftete er das Geheimnis: »Scheffer ist tot. Autounfall. Am Ismailowopark, in der Nähe von den Hotelblocks, Sie kennen die. Mit den griechischen Blocknamen.« Er sagte es beiläufig.

Scheffer war tot. Autounfall.

»Sagt die Miliz.«

Die Moskauer Miliz sagt viel oder nichts. Und immer das, was ihr vorgeschrieben wird.

Autounfall.

Theo Martenthaler ließ seine Augen durch die runden Brillengläser die Wand hinter Klein entlangwandern. Ein Regal mit Vorschriften, Gesetzestexten und ein paar Büchern über Osteuropa und Russland. An der Wand ein Landschaftsaquarell, in der Ecke Sessel, grau bezogen, um einen runden Glastisch. Der Blick durch das breite Fenster zeigte Schwärme winziger Schneeflocken, die der Wind fast waagerecht vor sich hertrieb. Weit hinten erkannte man die Mauer, die das BND-Gelände in München-Pullach abschirmte. Hinter der sich schon Gehlen versteckt hatte, nachdem er an einem 6. Dezember hier eingezogen war. Hinter der Felfe gewühlt hatte, der Maulwurf aus dem Osten. Theo Martenthaler hatte schon so oft in Sankt Nikolaus gesessen.

Er schaute auf Klein, der in den vergangenen sieben Jahren darauf geachtet hatte, dass Theo alles lernte, was ein Spionageprofi beherrschen musste. Klein hatte den Kopf zurückgelehnt und presste die Fäuste zusammen. Martenthaler hatte ihn nur einmal so erlebt. Als Kleins Frau gestorben war. Krebs, hieß es. Aber Klein hatte kein Wort darüber verloren.

Autounfall am Ismailowopark. Scheffer tot.

Martenthaler kannte die Betonblöcke. Hotels der Standardkategorie. Teils renoviert, teils noch Sowjetstil. Blick auf den Park mit dem See. Am Horizont, hinter dem Wald, endlose Plattenbauten. Im Wald eine Zwiebelturmkirche, drei Türme. Jeden Morgen ein anderer Sonnenaufgang, mal als Licht hinter einer Wand dunkler Wolken, mal als Feuerkugel am klaren Horizont über dem Wald, der die Feuchtigkeit der Nacht ausdampfte, mal als im Dunst gebrochene weiße Strahlung, die einem in den Augen schmerzte.

Theo Martenthaler war vor acht Monaten aus Moskau zurückgekehrt. Sein erster gefährlicher Einsatz. Zuvor war er in Rom und Lissabon gewesen, Fingerübungen, Geplänkel, langweilig. Klein hatte ihm Zeit gegeben zu lernen, nachdem er gleich nach dem Studium – Politologie, Osteuropäische Geschichte – an der Berliner Humboldt-Universität beim BND angeheuert hatte. Theo sei in die Fußstapfen des Vaters getreten, hatte Klein einmal gesagt. Er hatte es nicht gewollt, das jedenfalls redete Theo sich ein. Aber irgendwie war er dann doch dabei. Große Fußstapfen. In Russland hatte Theo den alten Scheffer wiedergetroffen und mit ihm zusammen das Chaos in der BND-Residentur geklärt. Georg Scheffer war ein perfekter Agentenführer gewesen, aber eine Residentur leiten, das konnte er nicht. In der freien Wildbahn machte ihm niemand etwas vor, er war fürs Täuschen und Tarnen geboren. Am Schreibtisch aber drohte er zu ersticken, sank seine Laune auf den Nullpunkt.

Scheffer hatte ihn in Moskau natürlich gleich auf seinen Vater angesprochen, und Theo erinnerte sich sogar an frühere Zeiten, wenn auch etwas nebelig. Und dann hatte Scheffer Theo getroffen mit einer lapidaren Bemerkung: »Wie der Vater, so der Sohn.« Gewiss wusste Scheffer nichts von dem Familienzerwürfnis. Oder wusste er es doch? Hatte er Kontakt zu Henri gehabt oder es sonst wie erfahren? Hatte er sich dazu eine eigene Psychologie gestrickt: Mag schon sein, dass du deinen Vater verabscheust oder wenigstens nicht viel mit ihm anfangen kannst? Die Wahrheit, mein Lieber, die findet man aber nicht auf der Oberfläche, sondern viel tiefer, als du ahnst. So tief, wie du es nicht einmal befürchtest. Immerhin, in Theo war schon hin und wieder die Idee aufgeschienen, er könne trotz allem seinem Vater mehr ähneln, als ihm lieb war. Er könne sogar versuchen, ihm das zu beweisen. Ihm auch zu zeigen, dass er diesen Job genauso gut, wenigstens genauso gut, beherrschen könne. Vielleicht war sein Leben nichts anderes als ein Wettlauf gegen den Vater. Doch diese Gedanken hatte er immer schnell unterdrückt. Scheffer aber hatte mit einem Satz den Deckel angehoben.

Martenthaler junior, der schlaksige Feuerwehrmann, den Klein geschickt hatte, weil ein anderer nicht greifbar war, da machte sich Theo keine Illusionen. Aber er, der Ersatzspieler, hatte es hingekriegt, und der alte Scheffer war aufgeblüht in seinem soundsovielten Frühling. Er kannte alle Tricks, sogar die FSB-Leute würden eingestehen, dass sie ihn für einen Meister ihres Fachs hielten.

»Und wo dort?«, fragte Martenthaler mit jungenhafter Stimme und strich sich durch seine schwarzen Haare mit frühen vereinzelten grauen Strähnen. Ihm summte noch die CD von Chickenfoot im Ohr, die er laut im Auto gehört hatte. Eigentlich müsste ich jetzt traurig sein, geschockt. Aber es war nichts in ihm, nur der Nachklang der Musik. Vielleicht, so dachte er, will ich es nicht an mich heranlassen. Theo war ein Mann, der über sein Innerstes mit sich verhandelte. Er hätte jetzt gerne etwas getrunken, aber er wusste, dass er es nicht durfte. Es war hart genug gewesen, sich die Dauertrinkerei abzugewöhnen. Wenigstens einigermaßen.

»Da ist ein Supermarkt gegenüber den Hotels, dazwischen eine Straße, nicht breit. Scheffer tat so, als wollte er einkaufen. Dann raste ein Geländewagen heran und fuhr ihn um. Fahrerflucht. Es gibt wohl Zeugen.«

»Was sagt die Miliz?«

»Das. Nicht mehr. Sie sagt, was sie nicht leugnen kann. Und: Der Fahrer soll besoffen gewesen sein. Wahrscheinlich.«

»Und woher wollen die das wissen?«

Klein hob die Hände ein paar Millimeter über die Tischplatte und ließ sie wieder sinken.

»Das Kennzeichen?«

Klein schüttelte kaum merklich den Kopf.

Theo wollte etwas sagen, doch dann schwieg er. Sie saßen sich gegenüber und schauten aneinander vorbei.

Klein war seit viereinhalb Jahren Chef der Abteilung für operative Aufklärung des Bundesnachrichtendienstes. Er hatte in den Siebzigerjahren in Brandenburg im Knast gesessen, weil er in den Westen abhauen wollte, aber verraten worden war. Nachdem die Bundesregierung ihn freigekauft hatte, war er eine Zeit lang arbeitslos gewesen, dann jobbte er bei einer Lebensmittelkette und einer Reinigungsfirma in Viersen. Trotz seiner Haft in der DDR gab Klein nicht den schäumenden Antikommunisten. Er war immer sachlich, spröde. Er überlegte, bevor er etwas sagte. Niemand hatte ihn fluchen oder herumbrüllen gehört. Aber dass er denen im Osten so oft wie möglich in den Arsch treten wollte, galt als gesicherte Erkenntnis. Klein war der beste Mann für den Job, ein Glücksfall für den BND nach einer Reihe von Wichtigtuern, Opportunisten, Bürohengsten, Sesselfurzern und Karrieristen, die als seine Vorgänger dem Dienst den Ruf eines Dilettantenvereins eingebrockt hatten, von dem er sich noch lange nicht würde befreien können. Klein war es im Gegensatz zum eitlen BND-Präsidenten recht, wenn der Dienst unterschätzt wurde. Als Abteilungsleiter hatte er sich nicht mit dem Geheimdienstkoordinator in Berlin gutzustellen, und seine Erfolge standen nicht in der Zeitung. Es wurde in den Fluren des Dienstes sogar gemunkelt, Klein habe den Herren in der Hauptstadt einmal lang und breit seine Aufgaben erklärt und ihnen auf diese Weise mitgeteilt, was er von ihnen hielt. Was irgendeinen Schlaumeier veranlasst hatte, das geflügelte Wort in Umlauf zu bringen: Die Koordinatoren kommen und gehen, der Dienst bleibt.

»Der alte Mann«, sagte Theo, als ihn das Schweigen bedrängte. So hatte Scheffer sich selbst genannt. Der alte Mann, das Frontschwein, er hatte schon in den Achtzigerjahren gegen die Sowjetunion gearbeitet. Ein Einzelgänger, nicht verheiratet, keine Freundin, keinen Freund, nur Kollegen. Ein kleiner, untersetzter Mann mit grotesk kurzen Beinen und langen Armen. Auf dem schmächtigen Oberkörper ein runder Schädel mit Stirnglatze, immer leicht gerötete Hautfarbe, schmale Lippen und eine Stimme, die meist gemütlich klang wie die eines ewige Harmonie einfordernden Spießers, welche aber auch die Luft zerschneiden konnte. Dann war sie leise, gefährlich leise, scharf, Wort für Wort fast betonungslos und wie gedruckt. Eine Intelligenzbestie. Er lebte in einer Einzimmerwohnung in Pullach, gleich um die Ecke, wenn er in Deutschland war. Falls er nicht arbeitete, das kam selten vor, spielte er Schach gegen sich selbst oder einen Computer.

Martenthaler kannte Scheffer nicht gut, jedenfalls schlechter als die Legenden, die über den alten Mann erzählt wurden aus der guten alten Zeit, als der Feind wirklich ein Feind war. Aber was Theo wusste und in Moskau mit ihm erlebt hatte, reichte ihm, um den Mann zu achten, dem es gelungen war, einen Maulwurf in der Ersten Hauptverwaltung des KGB einzubauen. Er hieß Michail Kornilow. Die Informationen sprudelten bis zum November 1986, dann war die Quelle verstopft. Jeder kannte den Weg, den Kornilow gehen musste: Geheimprozess im Lefortowogefängnis, Urteil, Genickschuss im Keller. Scheffer hatte unter dem Verlust gelitten, er fühlte sich verantwortlich, suchte nach einem Verräter, auch weil ihn der vom unausgesprochenen Vorwurf entlasten würde, ein Fehler bei einem Treff, beim Informationsaustausch über einen toten Briefkasten oder Nachlässigkeit beim Abschütteln der KGB-Überwacher hätte die Niederlage bewirkt. Es nutzte nichts, dass Scheffer sich immer wieder einredete, sein Maulwurf habe das Risiko gekannt, besser als jeder BND-Agentenführer, denn Kornilow hatte schließlich vierzehn Jahre für das KGB gearbeitet. Natürlich wusste jeder, der mit dieser Sache betraut war, dass Scheffer ein Musterprofi war, der sich doppelt absicherte und dem es gelang, sich dem geschicktesten Verfolger zu entziehen. Sogar in Moskau. Niemand im Dienst glaubte, dass Scheffer einen Fehler gemacht hatte. Jeder andere, der nicht. Aber der Zweifel konnte jeden fertigmachen, auch den Unschuldigsten.

Nach dem Verlust des Maulwurfs wurde Scheffer noch vorsichtiger, geradezu übervorsichtig. Die Arbeit stockte. Die Nerven verließen ihn, ohne dass es auf den ersten Blick erkennbar gewesen wäre. Aber man hatte ihn trinken gesehen. Nicht nur einmal. Bald wurde er aus Moskau abgezogen und bekam einen Bürojob in Pullach. Aber vom ersten Tag an drängte er darauf, nach Moskau zurückzukehren. Er konnte es nicht auf sich sitzen lassen, dass er sich als Versager fühlte und nach Kornilows Verhaftung tatsächlich abgebaut hatte. Er musste anderen nichts beweisen, aber sich. Er wollte sich eine zweite Chance geben.

Er sagte es nicht, aber er hielt sich nach wie vor für den besten Agentenführer in Russland, und er hatte recht. Scheffer der Fuchs kannte sich so gut in Moskau aus wie sonst niemand. Er sprach fließend Russisch, und wenn er es für nötig hielt, fluchte er wie ein Russe. Erst lange nach dem Untergang der Sowjetunion gab die BND-Führung endlich dem Drängen nach. Nun schien es nicht mehr so gefährlich in Moskau. Neue Zeiten. Das KGB war aufgelöst, die Nachfolgedienste waren mächtig, aber nicht mehr allmächtig. Und der alte Mann ging zurück nach Russland, drei Jahre vor der Pensionierung. Das war man ihm schuldig. Und in diesem Fall beglich der Dienst seine Schuld, wo er doch so viele andere hatte hängen lassen. Scheffer kannte noch einige Leute, die vom KGB in den neuen russischen Inlandsgeheimdienst FSB und den Auslandsgeheimdienst SWR gegangen waren. Kollegen, wenn man so wollte, die sich achteten, wenn sie es verdienten.

Jetzt lag er im Leichensaal der Moskauer Rechtsmedizin.

»Er wollte einen toten Briefkasten leeren«, sagte Klein. Er zündete sich eine Zigarette an und trotzte so dem jüngst verhängten Rauchverbot.

»Er hatte einen aufgetan im FSB, einen alten KGB-Oberst, den er von früher kannte, Deckname Gold. Zwanzigtausend Euro gegen eine Speicherkarte. Und dann vielleicht mehr.«

»Was für eine Speicherkarte?«, fragte Theo.

»Dokumente, abfotografiert. Russische Wirtschaftsspionage im Westen, vor allem bei uns. Atomtechnik, Flugzeugindustrie, das Übliche. Eigentlich ein Fall für die Kölner Brüder, aber was man hat, das hat man.«

»Wegen so was bringen die keinen um«, sagte Theo. »Haben sie doch auch früher nicht gemacht. Die eigenen Leute, wenn sie denen Verrat nachgewiesen haben, gut. Aber keinen von uns.«

»Sie sind einer unserer besten Analytiker«, sagte Klein. »Sie waren gerade in Moskau. Sie haben Agenten geführt, gewiss keine Spitzenleute, aber Kleinvieh macht auch Mist. Obwohl Ihnen noch ein bisschen Erfahrung fehlt. Natürlich halten wir Alten das den Nachfolgern gern vor. In dem Punkt könnt ihr uns nämlich nicht überholen, jedenfalls nicht vor unserem Abgang.«

Theo grinste leicht. Natürlich, die neuen Leute kannten den Kalten Krieg nur aus Büchern. Ihnen fehlte die Aura des Kampfes mit dem mächtigsten Geheimdienst aller Zeiten, dem KGB. Theo kannte die meisten Sachbücher, wissenschaftlichen Arbeiten und auch Romane über diese Zeit, aber diese Zeit kannte er nicht. Da war er ein Kind gewesen. Doch die Alten, fand Theo, waren irgendwie stehen geblieben, sie konnten sich nicht von der Vergangenheit lösen, von der »Heldenzeit«, wie manche spotteten. Von Vierzehnachtzehn. Damals zweifelten nur Spinner am Sinn ihrer Arbeit. Die große Krise des BND kam nach dem Untergang des Sowjetimperiums, als ein Säufer Russlands Präsident wurde, dessen monströser Grabstein in den Landesfarben auf dem Nowodewitschi-Friedhof bezeugte, dass Suff und Größenwahn Geschwister waren. So einer und sein Land taugten nicht als Hauptfeinde. Im Gegensatz zur neuen Mode, diesem Irrsinn mit Methode, den Großterroristen, die ganz fromm so viele Ungläubige wie möglich in die Hölle bombten. Doch mit dieser Welt des Wahns beschäftigten sich andere Abteilungen, dem Himmel sei gedankt.

Aber ich, fragte sich Theo, ich habe wirklich nicht viel Erfahrung. Dass Klein mich hier zum Superagenten macht, ist lächerlich. Und Klein muss es doch wissen, dass Theo in Moskau nichts Großartiges gerissen hatte, nichts jedenfalls, das in den Annalen des BND erwähnt werden müsste. Ein bisschen aufgeräumt eben, eine Art Verwaltungsarbeit. Er hält so große Stücke auf mich wegen meines Vaters. Das muss es sein. Diese Gedanken flogen durch sein Hirn, während er Klein zuhörte.

Der schien zu lächeln und Theos Gedanken zu lesen. Aber natürlich lächelte er nicht. »Sie haben Talent, kommen ganz nach Ihrem Vater. Vermutlich hören Sie das nicht gern. Wollen nicht an ihm gemessen werden. Aber Sie müssen sich damit abfinden. Er war richtig gut. Scheffer hätte es bestätigen können.«

Richtig gut. Wann sagte Klein das schon mal?

Klein schwieg eine Weile, seine Augen schweiften langsam, aber ziellos durch den Raum, fast unsicher, als würde er ihn jetzt erst geistig in Besitz nehmen.

Theo wusste, sie hatten sich gut gekannt, Klein, Scheffer und sein Vater. Ein paar Mal waren sie bei Martenthaler zu Hause gewesen, da ging Theo zur Schule und seine Mutter lebte noch und war auch noch nicht geschieden. Wann war das noch einmal? Jedenfalls bevor Henri nach Moskau ging. Klein und Martenthaler senior hatten einiges getrunken und der Vater viel geredet und gelacht und wurde immer lauter, je weiter der Abend vorrückte. Scheffer saß meist in einer Sofaecke, nippte am Glas und schien in sich versunken zu sein. Er dachte vielleicht an die Nimzowitsch-Indische Verteidigung oder einen Agenten in den Morozow-Werken in Charkow, wo der T-80-Panzer gebaut wurde. Klein war damals schon der schneidige Typ, als wäre er beim Militär gewesen wie so viele Kollegen im BND. Der Vater lachte gewissermaßen für Klein mit. Vielleicht hatten sie dem in Bautzen das Lachen abgewöhnt, vielleicht hatte er es nie gekonnt. Der sei so auf die Welt gekommen, schon ganz fertig, hatte ein Kollege mal gefrotzelt.

»Ich habe keine Ahnung, warum Scheffer sterben musste. Es kann nicht mit seiner Arbeit zu tun haben. Ich schließe das aus. Mord und Totschlag gibt es schon lange nicht mehr. Wir sind ja schließlich keine russischen Journalisten.«

»Und wenn es wirklich ein Unfall …«

»Niemals. So einer wie Scheffer lässt sich nicht überfahren. Schon gar nicht in einer Nebenstraße, die so übersichtlich ist.«

Martenthaler nickte. Er kannte sie. Die Straße war kerzengerade und schmal. Und wirklich, es gab Leute, die ließen sich nicht überfahren.

»Doch ein Betrunkener? Steht mit laufendem Motor am Straßenrand, der Fuß rutscht vom Kupplungspedal …«

»Glauben Sie das?«

Martenthaler zuckte mit den Achseln. »Ausschließen kann man es nicht.«

»Ausschließen kann man niemals gar nichts«, sagte Klein. »Aber solange ich diesen Job mache, hat es so einen Zufall nicht gegeben. Scheffer läuft nicht vor einem Auto über die Straße, das mit laufendem Motor wartet. Er wäre hinten herumgegangen. Der rechnete immer mit allem.«

»Auch ein Scheffer macht mal einen Fehler.« Theo wurmte es, er witterte in der Erhöhung des Toten die eigene Missachtung.

Klein schloss die Augen, öffnete sie wieder, starrte auf das Aquarell, als sähe er es zum ersten Mal, dann stierte er Martenthaler an. »Natürlich. Aber keinen tödlichen.«

»Das heißt, es war gar kein Autounfall? Aber es gab doch Zeugen?«

»Die wir nicht befragen können. Ich kann mir einiges vorstellen, aber nicht, dass Scheffer dort überfahren wurde. Ende.«

Gut, dachte Theo. Wenn Klein es sagt.

»Vielleicht hat er einen toten Briefkasten geleert oder leeren wollen, aber der FSB hat den Briefkasten überwacht und Scheffer umgebracht beim Versuch, ihm das abzunehmen, was drin gelegen hat. Aus Versehen. Hat jemand anders nachgeschaut, ob der Briefkasten noch belegt ist? Es muss dann doch auch ein Vorzeichen geben.«

»Natürlich. Aber der Kollege, den wir geschickt haben, kennt das Vorzeichen natürlich nicht. Und er hat sich nicht getraut, weil er glaubt, dass die Russen am Briefkasten auf der Lauer liegen. Straßenarbeiter, die eher so taten, als würden sie arbeiten. Sagt der Kollege. Aber wir wissen ja, ein toter Briefkasten ist der beste Ort, einen Spion zu fangen.« Klein putzte sich die Nase. »Sie sollten sich mit Großmann zusammensetzen. Das ist unser Resident in Moskau, stellvertretender Kulturattaché. Sie kennen ihn nicht, glaube ich. Er war schon mal in Moskau, vor Ihrer Zeit. Eigentlich verdankt er es Ihnen, dass er das zweite Mal dort hindurfte. Hätten Sie nicht aufgeräumt …«

»Natürlich. Ich rekapituliere: Wir wissen nicht einmal, ob der Briefkasten leer oder belegt ist. Also auch nicht, wo die Speicherkarte ist. Wir können das zurzeit nicht überprüfen und werden es wohl nie herausbekommen, weil der FSB auf der Lauer liegt.«

»Ja«, sagte Klein. »Und wenn sie nicht mehr auf der Lauer liegen, dann finden wir nichts mehr im Briefkasten. Es ist zum Kotzen. Aber wir wissen oder, ehrlich gesagt, ahnen etwas anderes. Dass es nämlich gar nicht um diesen Briefkasten geht. Wenn Scheffer ermordet worden ist und die Russen das als Unfall tarnen, dann steckt dahinter eine große Sache. Irgendeine Sauerei. Ich weiß aber nichts von einer großen Sache, und ich müsste es doch wissen. Scheffer hätte es berichtet, gerade wenn er gefürchtet hätte, dass es gefährlich würde.« Er verfiel in Schweigen, und Theo fand es bald fast schmerzhaft, den Mann schweigen zu sehen, während irgendetwas in ihm arbeitete. Seine Stirnhaut bewegte sich, und er schien sachte zu kauen. »Außerdem, heute wird in unserem Geschäft nicht mehr gemordet, jedenfalls nicht in Moskau. Es gibt dafür keine Gründe mehr, was wir da tun, ist läppisch im Vergleich zu früher.« Er blickte Theo in die Augen. »Vielleicht hängt die Sache gar nicht mit Scheffers letztem Moskauaufenthalt zusammen«, sagte er endlich. Dann schwieg er wieder eine Weile. »Er war ja auch Anfang der Achtzigerjahre dort. Zusammen mit Ihrem Vater. Wenn es also nicht mit einem heutigen Unternehmen zusammenhängt, und ich könnte wirklich keines nennen, das einen Mord rechtfertigte, dann liegt der Hund womöglich in der Vergangenheit begraben.«

»Gewiss«, sagte Theo, um etwas zu sagen.

»Diese Meinung vertritt übrigens besonders vehement unser Geheimdienstkoordinator, dieses Genie in Berlin«, sagte Klein. Und noch einiges mehr.

Zurück in seinem Büro, schaute Theo auf die Enden seiner Hosenbeine. Sie waren ein wenig zu lang, bedeckten einen Teil der Schuhe. Theo war zufrieden.

Generalleutnant Kasimir Jewgonowitsch Eblow stand unbewegt am Fenster und starrte hinaus in den Schnee auf dem Lubjankajaplatz. In der Fensterscheibe verschmolz seine schemenhafte Gestalt mit dem Widerschein des matten Lichts der Laternen, die den Platz beleuchteten. Dort, wo früher die Statue Feliks Dserschinskis gestanden hatte, bis wild gewordene Rowdys sie mithilfe eines Krans ausgerechnet der deutschen Firma Krupp vom Sockel rissen, dort, wo für den General jetzt die Leere das Symbol der neuen Zeit war, schiss ein Hund auf die Straße, unbekümmert vom Verkehr, der sich mühsam durch Schnee und Matsch wälzte. Eblow erkannte die Konturen seines breiten Gesichts mit den großen Augen und den kurz geschnittenen grauen Haaren. Da, wo viele Jahre ein Schnauzer über der Lippe gehangen hatte, war nun glatte Haut, darüber endete eine breite Nase mit großen Löchern. Eblow wusste, er war kein schöner Mann, klein, stämmig, mit einem Bauerngesicht. Aber die Augen, das hatte ihm damals an der Hochschule eine Genossin gesagt, die Augen seien traurig, sentimental. Und das gleiche sein sonst eher unscheinbares Aussehen mehr als aus. So hatte sie es nicht gesagt, aber so hatte er es verstanden.

Jedes Mal, wenn er am Abend auf den Platz hinausschaute und sich sein Spiegelbild mit anbrechender Dunkelheit immer deutlicher ausfüllte, fiel ihm diese Genossin ein. Er wusste nicht mehr richtig, wie sie ausgesehen hatte. Es war eine kurze Affäre gewesen, und auch deshalb hatte er es gut gefunden. Aber sie hatte besser als sonst jemand begriffen, was für ein Mensch er war. Er hatte sich nicht verändert, er hatte schon früher mehr an Russlands Größe als an den Sozialismus geglaubt. Er erinnerte sich mit Grauen an die Zeit der Stagnation, als Breschnew Generalsekretär war und in seinen letzten Jahren in eine Mumie mutiert zu sein schien. Wie er kaum in der Lage war, vom Blatt abzulesen, dass der Sozialismus unaufhaltsam auf dem Vormarsch sei, die Sowjetunion bereits beginne, den Kommunismus aufzubauen, während es im GUM kein Waschmittel, kein Fleisch, keine Schuhe, keine Fernsehgeräte mehr zu kaufen gab, sondern nur klebriges Brot. Als es den Arbeitern und Bauern ohne behördliche Genehmigung verboten war, zu reisen in dem Land, in dem sie herrschten. Wo sich die Bonzen in Sonderläden versorgten, in denen es alles gab, wo sie die Krüppel des Kriegs aus der Hauptstadt vertrieben hatten, um sich deren Anblick zu ersparen. Das und vieles mehr hatte Eblow nicht vergessen. Und er übersah auch nicht, dass die treuesten Genossen aus jener Zeit, Breschnews Gesundbeter, längst geldgierige Geschäftsleute geworden waren, die Mercedes und Bentley fuhren und sich im Winter in Kitzbühel und im Sommer an der Riviera vergnügten.

Doch profitiert vom Niedergang der Sowjetunion hatte kurioserweise auch er. In den Jahren der Unordnung hatte er einen amerikanischen Agentenring gesprengt und der CIA so beigebracht, dass sie nun keineswegs freie Hand hatte. Das hatte ihn kurz vor dem Ende Gorbatschows die Karriereleiter hochkatapultiert.

Heute hätte er eigentlich Grund gehabt, zufrieden zu sein. Doch er war es nicht. Er fühlte sich wie in den Tagen der Niederlage und wie so oft danach. Der Trübsinn hatte ihn ergriffen, als das große Sowjetreich untergegangen war und mit ihm das Komitee für Staatssicherheit, das KGB. Was halfen da alle Siege im Krieg gegen einen Feind, der immerhin der gleiche geblieben war? Aber der Kampf war nicht zu Ende. Eblow malte sich immer wieder aus, wie sie in Langley triumphiert hatten. We won, hatte der CIA-Stationschef in Moskau ans Hauptquartier telegrafiert, und vielleicht war es für ihn eine besondere Genugtuung gewesen, zu wissen, dass der Verlierer die Siegesmeldung mitlas.

Eblow würde sich bald nach Hause fahren lassen in seine Dreizimmerwohnung im Meschchanskijviertel. Dort würde Ludmilla auf ihn warten wie schon seit fast dreißig Jahren, und sie würden wenig reden, dies und jenes nur, eher um sich zu vergewissern, dass der andere da war. Ludmilla hatte ihn gerettet damals, ohne sie hätte er sich eine Kugel durch den Kopf geschossen mit der Neun-Millimeter-Makarow, die in seinem Tresor lag. Vielleicht würde er es doch noch tun eines Tages. Aber bis dahin hatte er noch etwas zu erledigen. Der erste Schritt war getan.

Henri Martenthaler saß auf seinem Sessel im fast dunklen Wohnzimmer und schwenkte bedächtig sein Cognacglas. Er hatte gerade den Hörer aufgelegt und überlegte, wie lange er schon nicht mehr mit Theo gesprochen hatte. Der Sohn hatte ihn nur gefragt, ob sie miteinander reden könnten. Dienstlich. Er hatte ernst geklungen, doch entsprach das dem miesen Verhältnis zwischen ihnen, wenn es überhaupt ein Verhältnis gab. Da war kein Platz für Scherze. Aber vielleicht wollte Theo auch nur seine Verlegenheit zügeln. Eigentlich hatten sie nie richtig miteinander gesprochen. Henri hatte keine Kinder gewollt, und als doch ein Sohn geboren wurde, führte er es auf die Heimtücke seiner Frau zurück, an der er sich nun aber nicht mehr rächen konnte, da Roswitha tot war. Sie hatte ihn verlassen, um mit einem Mann zusammenzuleben, den Henri nur einmal sah, was ihm jedoch genügte, sich beleidigt zu fühlen. Ein seltsamer Typ, klein, fast pummlig, kaum Haare auf dem Kopf. Filialleiter eines Supermarkts, Kundenberater der Sparkasse, so etwas.

Doch war der Typ gewiss Theo ein besserer Vater gewesen, das konnte Henri zugeben. Denn er hatte den Sohn ja nicht gewollt, und er konnte nicht über seinen Schatten springen. Roswitha hatte ihn vorgeführt, und Henri ließ sich nicht vorführen. Eigentlich war es die beste Lösung, dass Roswitha ihn verlassen hatte, obwohl er es als Niederlage empfand. Er hatte Theo dann nur noch selten gesehen und in sich entdeckt, dass es so besser war, dass er seinen Sohn nun akzeptieren konnte, weil er nur wenig mit ihm zu tun hatte. Henri hatte sich in den Jahren nach der Trennung weiter in sich zurückgezogen und sich ganz auf seinen Beruf konzentriert. Gut, da hatte es noch diese Affäre mit der Frau in Moskau gegeben. Er hatte es genossen, auch weil es von Anfang an unverbindlich war. Sie hatten eine Gelegenheit wahrgenommen, die sich anbot. Sonst nichts.

Henri Martenthaler hatte ein merkwürdiges Ziehen im Unterleib verspürt, als er von Roswithas Tod erfuhr durch eine Trauerkarte, die der Typ verschickt hatte. Was dieses Ziehen war, darüber dachte er nicht nach. Er dachte nie über Dinge nach, die er nicht mehr ändern konnte. Bei der Scheidung hatte Theo auf der Seite seiner Mutter gestanden und schien fast froh zu sein, seinen Vater loszuwerden. Gewiss hatte sie den Kleinen ausgiebig bearbeitet und mit irgendwas bestochen. Wenn du das und das sagst, dann … Es war eine kleine Verschwörung gewesen, und sein Sohn hatte mitgemacht. Vielleicht sehe ich das ein bisschen übertrieben, doch es ist nicht ganz falsch, dachte Henri und nippte an seinem Glas. Er war nachtragend, wie andere sagten, aber er fand, es war sein Recht, so zu sein. Er war schließlich ein Mann mit Prinzipien. Henri fand, dass er seine Umwelt keineswegs vor eine schwierige Aufgabe stellte, denn er war berechenbar, gerecht, vor allen Dingen war er konsequent, und er lebte die Konsequenz vor. Zwei und zwei sind vier, diese jederzeit überprüfbare und unabweisbare Gleichung konnte als sein Lebensmotto gelten, und er verspürte eine leichte Verachtung für jene, die dieser einfachen Wahrheit nicht folgten. Wenn etwas richtig war, dann musste es getan werden. War etwas falsch, durfte es nicht getan werden. Nie würde Henri von jemandem etwas fordern, das falsch war. Schon gar nicht von sich selbst. Aber wenn er etwas richtig fand, setzte er alles dafür ein, die Begründung ergab sich von selbst. Er akzeptierte klaglos, dass es nur wenige Menschen gab, die sich mit ihm auseinandersetzten, obwohl er durchaus charmant sein konnte. Er war sogar in der Lage, sich anzupassen, in Grenzen natürlich und solange nicht Grundsätzliches anlag. Bei unwichtigen Dingen, die gab es ja auch, konnte er sogar ein Lächeln finden für Dummheiten, darüber hinwegsehen. Das hatte er sich beigebracht. Im Beruf hatte er keine Freunde mehr gehabt außer vielleicht Scheffer und Klein, die aber einen Mindestabstand zu ihm einhielten und ohnehin viel unterwegs waren wie er auch. Doch sie wussten, dass Henri ein ausgezeichneter Feldagent war, einer ihrer besten im Kalten Krieg. Aber seitdem waren die Helden nicht mehr gefragt.

Henri hielt sich weiter in Form, als würde er noch gebraucht. Er war immer noch schlank und durchtrainiert, seine Gesichtskonturen waren kantig, die Haare extrem kurz geschnitten. Er hatte im Keller einen Fitnessraum eingerichtet, wie er ohnehin meist zu Hause blieb, weil draußen die Gefahr lauerte, immer noch, bis er tot war. Das wusste und respektierte er. Denn zwei und zwei sind vier, und es waren nicht alle Rechnungen beglichen. Er konnte es nicht vermeiden, einkaufen zu fahren, und auch für andere Verrichtungen musste er sein Haus verlassen. Dann stieg er in seinen Citroën-Geländewagen, vergaß nie, die Walther PPK in den Anorak zu stecken, und schaute unterwegs fast genauso oft in den Rückspiegel wie nach vorn. Er registrierte jede Veränderung auf der gewohnten Route. Ob ein neuer Papierkorb an dem alten Haus mit der lehmbraunen Fassade und dem löchrigen Holzschindeldach angebracht worden war, ob ein Tourist sich auffällig verhielt, ob ein Fensterladen zur Unzeit geschlossen oder geöffnet war, ob ein Auto rückwärts eingeparkt war. Henri fühlte, wie seine Muskeln latent angespannt waren, immer bereit, auf jede denkbare Überraschung zu reagieren.

Er gab sich auch zu, dass er keineswegs aus dem Nichts kam und auch nicht gänzlich gefeit war vor den Fehlern seiner Eltern. Henri erinnerte sich gut an die ewigen Streitereien seiner Eltern. Der Vater war Wehrmachtoffizier gewesen, ein kleiner General, aber zackig. Befehlston auch zu Hause. Nie hatte er seinem einzigen Jungen über das Haar gestrichen, nie hatte er ihn gelobt. Ein Aha war die höchste aller Auszeichnungen gewesen. Wenn man zu viel lobt, werden sie übermütig. Zucht ist das A und Oder Erziehung. Man muss den Kindern erst das Rückgrat brechen, um Menschen aus ihnen zu machen. So hatte er es mit seinen Untergebenen gehalten, so auch mit der Familie. Die Mutter – warum musste sie nur diesen Kerl heiraten? – hatte es bald nicht mehr ausgehalten. Sie trat heimlich einer freikirchlichen Sekte bei, die mehr im Verborgenen wirkte, aber von der Gestapo wohl nicht ernst genommen worden war, und als es dann doch herauskam, belegte der Vater sie mit der Höchststrafe, indem er schwieg und ihr verbot, das Haus ohne seine Billigung zu verlassen. Doch sie ging weiter in ihre Sekte und war nun bereit, die Gefahr noch strengerer Bestrafung auf sich zu nehmen. Natürlich merkte der Alte, wenn er auf Fronturlaub war, dass sie sich ihm heimlich weiter widersetzte, zumal sie irgendwann begann, fromm auszusehen. Vor allem das Kopftuch nervte ihn und genauso die religiöse Literatur. Es war eine Verwandlung in ihr vorgegangen, die auch nach dem Krieg anhielt, genauso wie der Befehlston des nun erst einmal arbeitslosen Vaters. Henri sah die Verwandlung, konnte sie aber nicht beschreiben, am ehesten noch, indem er sich ihren Blick vorstellte, in welchem die Verzweiflung unergründlicher Sanftmut gewichen war, einer Dauermilde, die bis zum Ende unerbittlich dem Geknarze ihres Ehemanns trotzte und die vielleicht verhinderte, dass der eines Tages nicht mehr aufwachte, weil das mit einem Messer in der Brust nicht so leicht ist.

Dieser Wechsel zwischen hasserfülltem Schweigen und der Ausgabe von Befehlen mit dem antrainierten Schnarren in der Stimme war schrecklicher als die Prügel, die Schulkameraden in anderen Familien einstecken mussten, die aber wie das berühmte reinigende Gewitter berechenbar eine Phase der Entspannung einleiteten, in der das schlechte Gewissen des Schlägers das Seine beitrug, um die Stimmung wieder aufzuhellen. Wenn der Vater doch nur geschrien und geschlagen hätte, dachte Henri. Ich habe auch nicht geschrien und geschlagen. Doch ich habe geredet mit ihr und Theo, wenn geredet werden musste. Ich bin eben keiner, der viel redet.

Er legte Sinatra auf den Plattenspieler. I did it my way.

Das Licht vom Nachbarhaus ließ die Schneeflocken glänzen. Nun war es windstill geworden, träge schwebten sie hinab. Tagsüber, bei guter Sicht, konnte man die Gipfel der Vogesen sehen und das Rheintal, hier vom Hang der Breisgaukleinstadt Staufen.

Henri erhob und streckte sich, wie er es immer tat, wenn er lang gesessen hatte. Er war groß, immer noch schlaksig. Er hatte viel Sport getrieben, Fußball, Tennis, zuletzt Radfahren, bis dieser wahnsinnige Amerikaner ihm ein Messer in den Oberschenkel gestochen hatte. Seitdem zog Henri sein Bein ein wenig nach, kaum sichtbar.

Er würde schlecht schlafen in dieser Nacht, wie immer, wenn etwas Unangenehmes heranzog. Es würde unangenehm sein, wenn nicht schlimmer. Henri wusste es, er hatte einen sechsten Sinn für drohenden Ärger. Es wurde in der Tat eine schlimme Nacht, in der all die Krakententakel aus der Vergangenheit nach ihm griffen, er sich an das erinnerte, was er getan hatte und was er nie wieder ausräumen konnte. Die Vergangenheit entfernte sich nicht, sie rückte ihm immer näher, je älter er wurde.

Theo hatte nach dem Frühstück Radenković und Olga, das Antennenwelspärchen, mit Algen gefüttert, hatte auch noch einen Blick auf die Doppelseite seines gerade erstandenen Fachbuchs über Aquariumsfische geworfen, in dem er am Abend zuvor mehr zur Ablenkung geblättert und gelesen hatte, und war dann aufgebrochen. Er hetzte seinen schwarzen 3er-BMW über die Autobahn. Erst Richtung Stuttgart, wo er in mehreren Staus wegen Baustellen hängen blieb, dann über Karlsruhe, wo er nach Süden abbog, in Richtung Freiburg. Das Navigationssystem zeigte ihm an, wie viele Kilometer er noch vor sich hatte. Er war um acht Uhr losgefahren und würde wegen der Staus fast sechs Stunden brauchen, zwei Stunden zu viel. Normalerweise raste er nicht. Aber er spürte, dass er keine Zeit hatte. Klein hatte keinen Druck gemacht, jedenfalls nicht direkt. Aber es war klar, dass etwas geschah, das die Arbeit des Dienstes in Russland bedrohen könnte. Es erinnerte ihn an die schwarze Serie der CIA Mitte der Achtzigerjahre, als das KGB die gesamte Spionage der Amis in der Sowjetunion stilllegte, auch weil die Agency an der falschen Stelle nach dem Maulwurf gesucht hatte. Es war ein Blutbad gewesen. Und jetzt fürchtete Klein, und seine großen Chefs fürchteten es auch, dass dem BND Ähnliches widerfahren könnte. Natürlich im Kleinformat, man war ja nicht die CIA. Aber ein paar Spione führten sie doch, Selbstanbieter meistens. Es war ein Scheißgefühl, wenn Agenten, die man mühsam gewonnen hatte und die sich einem anvertraut hatten, im Knast verschwanden oder im Hinrichtungskeller von Lefortowo. Was hast du falsch gemacht? Hast du den Fehler gemacht, der dem Menschen, der dir vertraut hat, das Leben kostete? Eine Schlamperei? Ein Maulwurf? Was hast du übersehen? Hat das Opfer nicht aufgepasst? Hat es dem Druck und der Angst nicht mehr widerstehen können, und du hast es nicht gemerkt? Hast du den Schweiß auf der Stirn nicht gesehen, das schlecht verborgene Zittern der Hände, die leeren oder angstvollen Augen? Es blieb immer etwas, das genügte, einem den Schlaf zu rauben. Manche Großmäuler sagten lässig, so sei das Geschäft. Wer sich darauf einlasse, wisse, was er tue. Ohne Risiko gehe es nicht. Wer die Gefahr suche, komme darin um. Aber keiner von denen, die so abgebrüht taten, schlief nachts gut, wenn sie selbst in so einer Geschichte mit drinhingen. Keiner. Da war sich Theo sicher.

Er fluchte über einen Duisburger Lastwagenfahrer, der an der Ausfahrt Offenburg plötzlich nach links zog, Theo zum Bremsen zwang und seelenruhig ein Elefantenrennen begann, wobei er sich bestenfalls millimeterweise an einem rumänischen Lkw vorbeischob. Theo nutzte mehrfach die Lichthupe, obwohl er wusste, dass es nicht helfen würde. Behalt die Nerven, mahnte er sich. Du triffst deinen Vater, was soll’s? Und dass der sich nicht um dich gekümmert hat, das ist abgehakt. Jedenfalls hat es nichts mit dem Dienst zu tun.

Er hatte Klein wieder im Ohr, der ihn so eindringlich angeschaut hatte. »Wenn wir da ein Leck haben, dann finden und stopfen Sie es. Beeilen Sie sich. Tun Sie alles, was Sie für nötig halten. Aber vergessen Sie nicht, dass wir nicht zu Ihnen stehen werden, wenn es hart auf hart kommt.«

»Ein Himmelfahrtskommando«, hatte Theo gesagt. Er fand es dann selbst etwas pathetisch.

»Na ja.«

»Um Sie richtig zu verstehen: Ich soll alles tun, was nötig ist. Egal, was im Gesetzbuch steht.«

»Geheimdienste brechen Gesetze, sonst wären sie keine Geheimdienste. Wenigstens die Gesetze der Länder, in denen sie operieren. Sie sollten sich nur nicht erwischen lassen. Und wenn doch, dann werden wir Sie nicht kennen.«

»Erfreuliche Aussichten«, sagte Theo. »So was hatte ich mir schon immer mal gewünscht. Wenn ich Erfolg habe, kriege ich einen Bürojob, bis Gras über die Sache gewachsen ist, wie aufregend. Wenn etwas schiefgeht, dann vergammle ich in einem Russenknast, und niemand kümmert sich um mich.«

»Vielleicht können wir im letzteren Fall die Dienstjahre anrechnen«, sagte Klein, und fast schien es, als würde er grinsen. »Lieber wäre es mir natürlich, Sie könnten uns solche Komplikationen ersparen. Sie wissen ja, wie stur Behörden sein können. Fragen Sie Ihren Vater. Der ist damals leider unter nicht nur erfreulichen Umständen vorzeitig in den Ruhestand gegangen. Seitdem redet er nicht mehr mit uns. Aber Ihnen sollte er sagen, was er weiß.«

»Vielleicht hat es gar nichts damit zu tun. Mit Anfang der Achtzigerjahre.«

»Bis August 1985 haben Ihr Vater und Scheffer zusammengearbeitet. Kann sein, dass da etwas vorgefallen ist, das uns erklärt, warum Scheffer starb. Vielleicht ist alles ganz anders. Es steht Ihnen frei, Ihre Untersuchung woanders zu beginnen. Sie könnten die Akten durchsehen, die Scheffer bearbeitet hat, Berichte aus Moskau, Quittungen, Notizen. Das sollten Sie auf jeden Fall tun. Aber wenn ich Sie wäre …«

Theo winkte ab. »Ist klar.«

Der Duisburger Laster hatte tatsächlich ein paar Zentimeter gutgemacht. Und Theo spürte neben seiner Ungeduld, wie er nervös wurde. Je näher er dem Vater kam, desto unwohler wurde ihm in der Magengegend. Er erinnerte sich wieder an Scheffers Satz: Wie der Vater, so der Sohn, und ärgerte sich, aber nicht über den Satz, sondern über sich, dass es ihm etwas ausmachte. Der Stiefvater, er ließ sich Roland nennen, war ein Waschlappen gewesen, er hatte von Anfang an unter Mutters Knute gestanden, versuchte es allen recht zu machen und machte es niemandem recht. Er war Verkaufsleiter einer Textilladenkette in München, und Theo fragte sich, je älter er wurde und je besser er die Verhältnisse durchschaute, wie man ohne Rückgrat überhaupt irgendetwas werden konnte. Als Theo seine pubertäre Rebellionsphase hatte, tauchte Roland ab, verließ das Zimmer, sobald es Streit gab, versuchte zu schlichten, wo er hätte entscheiden müssen, verharmloste im Nachhinein alles und handelte sich schließlich Theos unauslöschbare Verachtung ein. Damals fragte er die Mutter oft nach seinem Vater, und die Mutter arrangierte es endlich, dass sich Theo und Henri sporadisch trafen, Henri, weil er es als seine Pflicht ansah, und Theo, weil er seinen Vater suchte. Aber der lud den Sohn nie zu sich nach Hause ein, immer sahen sie sich woanders, im Café, Restaurant, einmal auch in Hellabrunn, immer blieb eine Distanz zwischen ihnen. Und der Kontakt brach für eine Weile ab, als Theo mit dem Studium begann und sich erwachsen fühlte. Erst als er sich für einen Beruf entscheiden sollte, tauchte Henri wieder auf.

Der Laster zog mit provozierender Trägheit auf die rechte Spur. Theo gab Gas. In Bad Krozingen verließ er die Autobahn, das Navigationsgerät führte ihn nach Staufen, in die Weingartenstraße. Er war tatsächlich zum ersten Mal hier, und als er vor dem Grundstück bremste, fragte er sich, wie sich sein Vater ein Haus in dieser Lage leisten konnte.

Die Haustür war metallbeschlagen mit auf alt getrimmten Ornamenten. Doch Theo sah an den massiven Schließbolzen im engen Spalt zwischen Tür und Türrahmen gleich, dass sich hinter dem Kitsch hochmoderne Sicherungstechnik verbarg. An dieser Tür würden sich selbst Profieinbrecher umsonst abarbeiten. Er schaute zum kleinen Fenster neben der Tür und erkannte einen zwischen den Doppelglasscheiben eingelassenen Sensor. Dann sah er unter dem Dachvorsprung einen winzigen Bewegungsmelder, gewiss nicht der einzige am Haus und in der Nähe. Im Haus musste eine hochkomplexe Alarmanlage mit eigener Stromversorgung installiert sein. Jetzt entdeckten seine Augen auch einen kleinen Aufkleber in einer Fensterecke, der jeden, der auch nur einen Hauch Ahnung von diesem Gewerbe hatte, abhalten würde, sein Glück zu versuchen. Armalite Security, das Beste vom Besten, mit störungssicherer Direktverbindung zum nächstgelegenen Polizeirevier. Ein teurer Spaß, normalerweise eingesetzt bei Kunstausstellungen oder Superreichen, die ihren Wohlstand mit der Angst bezahlten, ihn zu verlieren.

Er klingelte. Es dauerte eine Weile, bis er Schritte hörte. Nachdem drei Schließzylinder leicht schmatzend, aber sonst kaum hörbar betätigt worden waren, wurde die Tür geöffnet. Theo war abgespannt, er schwitzte an den Händen.

Der Vater war alt geworden, tiefe Falten auf der Stirn und an den Mundwinkeln, graue Strähnen im Haar. Blaugraue Augen. Eine gesunde Hautfarbe, leichte Bräunung.

Aber warum bunkerte er sich ein?

»Komm rein.« Henri streckte Theo die Hand entgegen. Theo zögerte, dann nahm er sie.

»Hunger? Wir könnten was essen gehen.«

»Danke, nein«, sagte Theo. »Es sei denn, du willst essen gehen.«

Henri schüttelte den Kopf, drehte sich um und ging über den dunkelgrauen Steinboden zu einer Tür, die offen stand. »Komm.« Dann: »Was zu trinken?«

O ja, Theo hätte gern etwas getrunken.

Über der Tür ein winziger Bewegungsmelder. Theo fragte sich, wie viele von diesen Sensoren versteckt angebracht waren.

Theo hängte seinen Mantel an die Garderobe und folgte Henri ins Wohnzimmer. Der zeigte auf einen Sessel mit dem Rücken zu einem Panoramafenster, und Theo setzte sich.

»Warst noch nie hier«, sagte Henri, ohne eine Antwort zu erwarten. Er bewegte sich noch immer gleichförmig, extrem beherrscht, und auch seine Stimme war ruhig. Nur das Bein zog er ein wenig nach. Theo wusste, Henri wäre auch ruhig, würde er vor einem Erschießungskommando stehen. Irgendwie erinnerte er ihn an Klein. Vielleicht hatte Klein sich an das Gehabe der Bundeswehroffiziere angepasst, von denen es beim BND wimmelte. Vielleicht hatte er auf der Suche nach einer neuen Identität hier zugegriffen. Ach, unwichtig.

Der Großvater war auch so gewesen. Keine Gemütsregung zeigen, es wäre ein Zeichen von Schwäche.

»Hast dich ja ganz schön eingeigelt hier«, sagte Theo.

Henri zuckte die Achseln und lächelte. Dann sagte er: »Das steckt einem im Blut, irgendwann. Wenn man mal erlebt hat, was echte Profis anrichten können …« Er vollendete den Satz nicht. Er wollte erst andeuten, dass Theo auch noch infiziert würde vom Sicherheitsbazillus. Aber warum sollte er einen Mann belehren, der zwar sein Sohn war, ihm aber doch fast so fern stand wie ein Fremder? Während er Theo insgeheim musterte, entdeckte er doch, dass ihre Ähnlichkeit, die er schon früh erkannt hatte, mittlerweile ausgeprägt war. Es war sein Sohn. Die gleiche sportliche Figur, wenn auch schlaksiger, es zeichneten sich auch schon die Gesichtszüge ab in dem Jungengesicht, die einen unnahbar erscheinen ließen oder arrogant. Wenn nur die Brille nicht wäre, die ihn älter machte.

Ob er auch Magenschmerzen bekam, wenn es eng wurde? Theo überlegte, ob er nachhaken sollte, aber dann dachte er sich, dass jeder das Recht habe, auf seine Weise zu spinnen. Er konnte sich Schlimmeres vorstellen, als ein Haus in eine Festung zu verwandeln.

»Klein schickt mich.« Theo kam gleich zur Sache. Was hätte es sonst zu besprechen gegeben?

»Aha.« Theo sah Henri nicht an, ob er überrascht war. »Klein also«, sagte Henri. Dann schwieg er.

Früher waren Klein und Henri so was wie Freunde gewesen, sofern man Freund sein kann in einem Geheimdienst. Auch Scheffer hatte dazugehört. Aber die Freundschaft war verraucht, auch im Gespräch, das Klein mit Theo geführt hatte, war wenig davon zu spüren gewesen, ein unbestimmbarer Nachhall vielleicht. Klein hatte gesagt, dass er und Henri nicht mehr miteinander sprachen. Was war da passiert? Nur aus den Augen aus dem Sinn?

»Scheffer ist tot.«

Henri warf einen fragenden Blick auf seinen Sohn. Georg ist also tot.

Theo begann zu berichten, was Klein ihm gesagt hatte. Autounfall, Zeugen, Ismailowopark.

Henri hörte zu. Sein Gesicht war starr wie das einer Mumie. Er konnte seine Mimik abschalten wie das Deckenlicht. Er mochte sich freuen, er mochte trauern, er mochte sich ärgern. Oder alles gleichzeitig. Er hätte Poker spielen sollen, dachte Theo. Und dann dachte er: So sieht ein Mann aus, der innerlich verhärtet ist, der es sonst nicht ausgehalten hätte. Hinter der Maske seines Vaters verbarg sich etwas, das er unendlich gern herausfinden würde. Allein schon, dass Henri die Maske aufsetzte, bewies, dass er etwas verbarg.

Vielleicht nur seine Trauer. Womöglich konnte er sie nicht zeigen, und das war alles. Aber vielleicht war das auch nicht alles.

»Klein sagt, du könntest mir vielleicht einen Hinweis geben. Mag doch sein, dass Scheffers Tod mit eurer Zeit in Moskau zu tun hat.«

Henri winkte ab. »Das ist mehr als zwanzig Jahre her. Du sagst, der Dienst hat ihn wieder nach Russland geschickt. Ich will dir sagen, wer schuld ist. Derjenige, der zugelassen hat, dass Scheffer wieder nach Moskau gegangen ist.« Er tippte sich an die Stirn, zwei Mal. »Sag Klein, er soll den Idioten suchen, der Georg das erlaubt hat. Dann hat er den Schuldigen.«

Theo dachte, so falsch ist das nicht. Warum schickt man einen Mann in einem Alter nach Moskau, in dem andere längst ihre Frührente einstreichen? Seit wann nimmt der Dienst Rücksicht auf Marotten seiner Mitarbeiter?

»Scheffer wollte wieder nach Moskau. Unbedingt.«

»Das ist doch egal. Seit wann interessiert die, was einer will?« Jetzt hatte Henri seine Stimme doch erhoben, ein wenig nur, aber er hatte es.

Theo staunte, es war genau das, was er gerade gedacht hatte. Warum regte Henri sich auf, wo er doch sonst den Eindruck erweckte, dieser Gefühlszustand sei ihm so fremd wie einer Kuh das Schlittschuhlaufen? Und warum tat er es bei der Frage, wer schuld sei an Scheffers Tod? Weil er seine Trauer in Wut ummünzte?

»Nun hat ihn gewiss nicht der BND am Ismailowopark totgefahren«, sagte Theo betont gelassen. »Und außerdem, seit wann bringen die unsere Leute um?«

Henri versank in seinen Gedanken. Nein, da hatte Theo recht, die Russen brachten Spione schon lange nicht mehr um. »Einen Grund werden sie schon haben«, sagte er endlich, um etwas zu sagen.

Theo spürte, wie er wütend wurde. Aber es gelang ihm, sich zu beherrschen. Dass Henri nicht einmal eine Vermutung herausließ, war das nicht auch eine Aussage? Nur, was für eine? Theo wurde das Gefühl nicht los, dass Henri mauerte. Warum? Weil er Klein die Butter auf dem Brot nicht gönnte? Weil es ihm Freude bereitete, wenn der Dienst im Dunkeln tappte? Verdammt, was war da geschehen, dass Henri so einen Hass auf Pullach hatte? Über den er aber nicht sprach, um ihn umso mehr heraushängen zu lassen.

Warum kommt Henri nicht gleich auf das Naheliegende, einen Unfall? »Und wenn es ein Unfall war?«

»Vielleicht«, sagte Henri. »Vielleicht auch nicht.«

»Klein sagt, Scheffer würde so was nicht passieren. Seitenstraße, kerzengerade, schmal.«

Henri zuckte mit den Achseln.

Aber er musste doch wissen, dass Scheffer zu den Leuten gehörte, die keine Unfälle hatten. Den hätte nicht einmal ein herabstürzender Dachziegel getroffen, weil der alte Mann schon gehört hätte, wie er sich lockerte.

»Vielleicht ist er gerade auf eine Riesensache gestoßen, und dann ist dem FSB die Sicherung durchgeknallt. Irgendeiner von denen hat Mist gebaut, und das versuchen die jetzt zu vertuschen. Unfall, wenig originell. Da waren die schon mal besser, oder? Obwohl, so ein blöder Unfall, der kann doch passieren.«

Theo konnte es nicht beweisen, aber er wusste, dass Henri die Nebelwerfer gezündet hatte. Gut, er war vergleichsweise ein Frischling, aber das erkannte selbst er. Wollte Henri ihn testen? Er hätte jetzt doch gerne etwas getrunken, ein Glas Wodka nur. Er schaute Henri in die Augen. Henri, was weißt du? Henri war gut gewesen damals, und wenn er sich äußerte, dann mit Bedacht. Kein Wort ohne Grund. Täuschen und tarnen, ablenken. Warum servierte Henri nicht eine Reihe von Hypothesen, was geschehen sein könnte? Wäre das nicht die geschickteste Art, zu überspielen, was er wirklich wusste? Stattdessen schwadronierte er herum und ließ den eigenen Sohn zappeln. Wobei er das mit jedem gemacht hätte. So jemand wie Henri akzeptierte die Tatsache, dass er einen Sohn hatte, das war ja unbestreitbar, die biologischen Ursachen kannte er, vielleicht auch noch die konkreten Umstände der Zeugung, aber das war es dann auch, zumal wenn der Sohn ihn verraten hatte, auch wenn es hundert Jahre her war. Wollte Henri andeuten: Ich weiß was, aber euch Scheißern verrate ich es nicht?

»Vielleicht, vielleicht, vielleicht.« Henri schaute hinaus auf die Vogesen, deren Gipfel am Nachmittag von hellgrauen Wolken verhüllt gewesen waren. In dieser Nacht würde er nicht schlecht schlafen, sondern gar nicht. Seine Gedanken kreisten um eine einzige Frage: Was wissen die Russen, was die Pullacher? Und wenn die Russen etwas herausgefunden hatten und anfingen, die Rechnung zu begleichen? Zuzutrauen war es ihnen. Sie vergaßen nichts, egal wie die Tscheka sich gerade nannte. Niederlagen schon gar nicht.

Theo beobachtete seinen Vater, wie der die Augen schweifen ließ, bei der Aussicht auf die Vogesen verharrte, ohne sie aber zu sehen in der Dunkelheit, sie dann weiterwandern ließ, bis sie Theo anblickten.

Der beherrschte sich. »Scheffer war zwei Mal in Moskau. Zweiundachtzig bis fünfundachtzig, mit dir, und jetzt wieder. Wenn es kein Unfall war, dann ist damals oder jetzt etwas geschehen. Ist damals was passiert?«

Henri lächelte. Doch glaubte Theo, dass es aufgesetzt war. Lächeln, um ein paar Zehntelsekunden herauszuschinden.

»Wir haben das KGB nach Kräften geärgert, das war unser Job. Aber im Vergleich mit den Amis waren wir Waisenknaben.«

»Also nichts?«

»Nichts.« Henri schüttelte leicht den Kopf. »Nichts von Bedeutung.«

Sie drehten sich noch eine Weile im Kreis, bis Theo aufgab. Er schlug eine erneute Einladung zum Essen aus und verabschiedete sich knapp.

Henri schaute dem BMW nach, bis die Rücklichter verschwunden waren. Mein Sohn, dachte er, nicht schlecht. Hartnäckig, hat einen Riecher, wie es scheint. Schnell im Kopf und auch körperlich fit. Er kommt ganz nach mir. Und jetzt rückt er mir auf die Pelle. Doch er wird nichts herausfinden. Nicht einmal alte Hasen würden das.

Henri lächelte. Vielleicht hatte sein Sohn noch mehr drauf als er, schließlich hatte er eine gute Ausbildung genossen, da hatte Henri nicht gespart. Aber im Geheimdienstgeschäft war Theo noch grün hinter den Ohren. Warum hatte Klein gerade Theo beauftragt, die Scheffer-Sache zu untersuchen? Wollte Klein ihm auf die Pelle rücken, wollte er ihn dazu bringen, einen Fehler zu machen, indem er seinen Sohn in die Geschichte verwickelte? Zuzutrauen wäre es ihm.

Seltsam, jetzt fiel ihm ein, dass sie früher hin und wieder etwas gespielt hatten. Mensch ärgere dich nicht oder Scrabble oder Dame, später auch Skat. Henri hatte ungern verloren, aber Theo hatte es überhaupt nicht ausgehalten, wollte so lange spielen, bis er gewonnen hatte. Auch später hatte er unter antrainierter Verbindlichkeit immer wieder seinen Ehrgeiz aufblitzen lassen, einen brennenden Ehrgeiz, der es ihm verbot zu versagen. Ob Klein das auch wusste?

In der Nacht lag Henri wach. Er versuchte nicht einmal zu schlafen. Er überlegte, ob er sich weiter am PC mit der Schlacht von Waterloo abmühen sollte, in der er diesmal Napoleon zum Sieg verhelfen wollte, bevor es Nacht würde oder die Preußen kamen. Henri schloss die Augen, schon war sie wieder da, die finstere Zeit.

Er fühlte sich mies. Aber hätte er dem Sohn gesagt, was er wusste, es hätte sie beide in Teufels Küche geführt. Wie hätte Theo es aufgenommen, wenn er ihm verraten hätte, dass Georg noch einmal bei ihm gewesen war, bevor er wieder nach Moskau fuhr? Und das nicht ihrer alten Freundschaft wegen, wenn man die so nennen konnte, sondern weil der alte Mann immer noch über die beste Nase verfügte und auch über das beste Gedächtnis. Er hatte Henris Flucht miterlebt damals, und er hatte sich seinen Reim gemacht auf die Umstände und die Gründe. Da war einiges zusammengekommen. Er war plötzlich aufgetaucht, ohne sich anzukündigen. Sie hatten sich fast ein Vierteljahrhundert nicht mehr gesehen gehabt, denn Georg besaß keine Freunde, die unter ungeklärten Umständen den Dienst verlassen hatten.

Sie hatten im Wohnzimmer gesessen. Georg war fast versunken in dem großen Sessel. Seine Augen hatten ein wenig gestaunt, denn für seine Verhältnisse war hier alles unbezahlbar: die Lage, der Blick, die Umgebung, die Möbel, das Haus sowieso. Natürlich hatte er auch die Sicherheitsvorrichtungen erkannt. Und genauso natürlich warf das alles einige Fragen für ihn auf. Aber er stellte sie nicht, jedenfalls nicht direkt.

Gerne nahm er einen Kaffee, und dann schien es fast so, als handle es sich um ein gemütliches Wiedersehen alter Freunde.

»Es ist schön hier«, sagte Georg mit leiser Stimme.

Er hat Haare verloren, das Gesicht ist grau und faltig, dachte Henri. Aber die Augen waren wach wie eh und je. »Ja.«

»Ich gehe noch mal rüber.« Georg senkte seinen Blick auf die Kaffeetasse, dann trank er einen winzigen Schluck und behielt die Tasse in der Hand.

»Warum tust du dir das an?«

Ein erstaunter Blick. »Bevor ich abreise, würde ich gern erfahren, warum du damals wirklich fliehen musstest. Wir haben ja seitdem nicht mehr geredet.«

Henri ersparte sich die Erwiderung, Georg hätte ihn anrufen können, nachdem er aus der Sowjetunion zurückgekehrt war. Es war Henri aber recht gewesen, dass der Kontakt abbrach.

»Sie waren hinter mir her. Wie das so war. Warum willst du das wissen?«

»Das fragst du?« Er setzte vorsichtig die Tasse ab und sinnierte vor sich hin. »Ich will wissen, auf was ich mich einlasse. Die Risiken ausloten. Wie man das so macht.«

Henri winkte ab, vielleicht ein wenig zu heftig. »Das ist eine Ewigkeit her, und die Sowjetunion gibt es nicht mehr.«

Scheffer sinnierte wieder, dann wiegte er seinen Kopf. »Ja und nein. Sie vergessen nichts, die Kollegen.«

Henri schwieg und fixierte eine Amsel, die auf dem Balkongeländer saß.

»Es ist wirklich schön hier«, sagte Scheffer. Dann seufzte er leise. »Unsere Freunde aus Langley haben sich nach deiner Flucht auch ziemlich aufgeregt. Es ging wohl um Geld.«

Henri blies ein wenig Luft aus. »Kann sein.«

Georg war jetzt unendlich geduldig. »Nun«, sagte er fast gemütlich, »in Pullach herrschte damals Chaos. Das haben sogar wir im Feld mitbekommen. Die haben einen geschickt, und der hat komische Fragen gestellt, du kennst das. Wenn es drunter und drüber geht, schicken sie einen. Wie jetzt auch wieder. Sie geben mir Theo mit.«

Henri starrte ihn an.

»Er bleibt nur fürs Aufräumen dort. Maximal acht Wochen. Er ist gut, sagt man. Kommt nach dir. Wir fliegen morgen Nachmittag.« Das klang so wie: Es ist jetzt der letzte Zeitpunkt, es mir zu sagen.

Er erhob sich schwerfällig aus dem Sessel, trat ans große Fenster und starrte hinaus. Georg blieb eine Ewigkeit stehen.

Dann wandte er sich Henri zu. »Inzwischen geht es nur noch ums Geld. Damals wussten wir noch … wofür und wogegen wir kämpften. Ich habe diesen Kampf geliebt, wirklich geliebt. Ich liebe ihn heute noch. Es ging um Freiheit oder Tyrannei, um uns oder sie. Und weil es um das Grundsätzliche ging, habe ich niemanden verachtet außer den Verrätern. Ihre und unsere.«

Henri nickte.

»Du bist gegangen«, sagte Georg.

Henri nickte wieder. Georg schaute sich fast demonstrativ um. »Hast du was angestellt? Muss ich etwas wissen, bevor ich fahre? Ich war zusammen mit dir dort, vielleicht wollen die mir was anhängen. Etwas, von dem ich nichts weiß. Ich hatte noch nie Lust auf Lefortowo. In meinem Alter wird man bequem.« Er schaute Henri entschuldigend an.

Henri schüttelte den Kopf und zog einen Moment die Augenbrauen hoch. »Niemand hat mir etwas vorgeworfen.«

Georg seufzte wieder. »Manchmal überdeckt man eine kleine Sauerei, damit eine große nicht zum Himmel stinkt.«

Henri schwieg, dann sagte er: »Das passiert. Manchmal ist so etwas auch ganz vernünftig. Aber ich kenne keinen solchen Fall.«

»Gewiss.«

Nachdem Scheffer mit einem knappen Abschiedsgruß gegangen war, saß Henri noch lange auf dem Balkon. Er schaute hinaus auf die Vogesen, die gerade zäh von der Dunkelheit geschluckt wurden. Es war noch mild, eine warme Brise umwehte das Haus. Die letzten Vögel zwitscherten, am Himmel hinterließ ein Flugzeug Kondensstreifen. Ein warmer Sommer ging zu Ende. Irgendetwas klapperte, aber es alarmierte Henri nicht, das war wieder beim Nachbarn, der so laut kochte und abräumte. Einmal stand er auf und schenkte sich in der Küche ein Glas von dem Bordeaux ein, den er auf Empfehlung der schwarzhaarigen Verkäuferin im Weinladen des Städtchens gekauft hatte, um ihn zu probieren. Er trank einen Schluck, und seine Zunge und sein Gaumen nahmen den Geschmack auf. Der tiefrote Wein tendierte zum Herben, wie Henri es mochte, ein wenig Kirsche steckte darin, auch Eiche vom Fass, vielleicht ein Hauch Vanille. Während er schmeckte, arbeitete sein Hirn auf Hochtouren. Er kalkulierte alle Möglichkeiten und begann dann die unwahrscheinlichen auszusortieren. Am Ende stand ein so einfaches wie furchterregendes Ergebnis. »Zwei und zwei sind vier«, murmelte Henri. Er machte einen genauen Plan, verdichtete ihn auf das Notwendige, befreite ihn von unnötigen Risiken und fand ihn schließlich ganz einfach. Es hing alles davon ab, ob die alte Verabredung noch funktionierte. Und ob es den noch gab, mit dem er sie getroffen hatte.

Neun Wochen später stieg er nach dem Frühstück in seinen Geländewagen und fuhr in der Herbstsonne die Hangstraße hinunter ins Städtchen. Jedes Mal, wenn er in ein Auto stieg, griff die Erinnerung an den Unfall nach ihm, den er kurz nach der Fahrprüfung gehabt hatte. Ein gebrochenes Bein, ein paar Prellungen, nichts Ernstes, aber Ursache einer Panik, die er erst in seinen alten Tagen ganz unter Kontrolle bekommen hatte. An der Abzweigung zur Hauptstraße wich er einem Trecker aus, der mit einem schwer beladenen Hänger von der Weinlese kam. Er hielt vor dem Weinladen und kaufte noch zwei Flaschen Bordeaux, lächelte der Verkäuferin zu und lobte ihre Empfehlung, wie er es immer tat, wenn er den Laden aufsuchte. Henri verstaute die Weinflaschen im Kofferraum und fuhr weiter. Es war so wie immer. Nur dass er diesmal das Städtchen verließ und scheinbar ziellos durch die Gegend fuhr. Henri behielt den Rückspiegel im Auge, und als er sicher war, dass niemand ihm folgte, gab er Gas und fuhr in Neuenburg auf die Autobahn in Richtung Basel. Er rollte mit dem Verkehr, überquerte in Basel unkontrolliert die Schweizer Grenze, fuhr in Richtung Innenstadt, bis er eine Swisscom-Telefonzelle neben einem Zeitungskiosk entdeckte. Er fand nicht weit entfernt eine Parklücke am Straßenrand und betrat die Telefonzelle. Er las die Telefonnummer von einem Zettel ab, wählte, hörte, wer sich meldete, und legte gleich wieder auf. Er stand einen Moment, nickte leicht, dann setzte er sich wieder ins Auto und fuhr zurück nach Hause. Auch diesmal entdeckte er nichts Auffälliges vor sich oder im Rückspiegel. In der Nacht packte er eine Reisetasche, und am Morgen fuhr er wieder los. Aber diesmal hielt er nicht, sondern verließ die Stadt, folgte der schlängeligen Straße nach Bad Krozingen, sah auf den Hängen die Bauern und ihre Helfer bei der Weinlese und vergaß nie, den Rückspiegel im Auge zu behalten. In Bad Krozingen nahm er die A 5 in Richtung Karlsruhe. Er fuhr eher gemächlich, passierte Karlsruhe und fuhr in Heidelberg ab. Dann folgte er der Bundesstraße 3 in Richtung Darmstadt, kehrte aber schon in Heppenheim wieder auf die Autobahn zurück. Rechts zog sich der Odenwald, weitab Einzelhäuser an Hängen, Dörfer, Weinberge. Auf dem Kamm immer wieder Burgen.

Er beschleunigte, fuhr wieder langsam, beschleunigte, ließ wieder Autos vorbei. Aber er tat dies sehr unauffällig, bedächtig. Am Frankfurter Kreuz war er endlich zufrieden und gab Gas. Der Diesel brummte, und Henri konzentrierte sich nur noch aufs Fahren. Im Autoradio verfolgte er teilnahmslos die Nachrichten, das war nicht mehr seine Welt. Terror, Klimakatastrophe, der Niedergang der Wohlfahrtsstaaten, der Aufstieg Asiens, Kriege der Weltmächte in den Wüsten und in den Bergen. Einen Bericht vom Nahostkonflikt empfand er als Nachhall der finsteren Zeit. Eine Reminiszenz.

An einer Raststätte nördlich von Kassel tankte er und trank einen Espresso, der bitter schmeckte. Abgefahren war er hier spontan, als er das Schild eines Autobahnmotels gesehen hatte. Er setzte sich in seinen Wagen und fuhr die paar Hundert Meter zu dem Motel, ließ sich unfreundlich mustern von einem Rentner, der den Nachtportier mimte, checkte ein, stieg die Treppe zum ersten Stock hoch, öffnete die Zimmertür und begab sich in den Muff, der ihm entgegenströmte. Fast alles war dunkelrot, die Bettdecke, der Stuhl, auch der Teppich. Die Wände waren ockerfleckig tapeziert. Als er das schwere Fenster aufriss, dröhnte der Verkehr hinein. Aber er hielt es ein paar Minuten aus. Dann schloss er das Fenster und zog den Vorhang zu, ging ins Bad, machte sich fertig und legte sich aufs Bett. Ganz weit weg, gedämpft durch die Lärmschutzscheiben, das Rauschen der Autobahn. Henri schaltete das Licht aus und starrte an die Decke. Durch den Vorhangschlitz zuckten schwache Lichtblitze der Autoscheinwerfer ins Zimmer. Er lag unbewegt und bedachte noch einmal, was er sich vorgenommen hatte. Bald schlief er ein.

Nach einem Frühstück aus Plastikverpackungen und einem ekligen Kaffee fuhr er weiter. In Hamburg entschloss er sich, die A 1 in Richtung Lübeck zu nehmen, folgte ihr bis zum Autobahnkreuz Bargteheide und hätte fast die Abzweigung nach Kiel verpasst, die in einer scharfen Kurve lag. Auf der A 21 ging es weiter, bis bald schon Bad Segeberg auftauchte. Irgendetwas sagte ihm, er solle in Richtung Ostsee fahren, und er folgte der B 432 nach Puttgarden.

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