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Das Monster, die Hoffnung und ich

Über die Autorin

Sally Brampton begann ihre Karriere bei der Vogue bevor sie als Fashion Editor beim Observer anfing. Sie war beteiligt am Launch von Elle in England, bei der sie fünf Jahre lang als Redakteurin arbeitete, danach widmete sie sich ganz dem Schreiben. Sie hat einige Romane veröffentlicht, außerdem einen Dokumentarfilm und ein Theaterstück, und hat für alle größeren Zeitungenund Magazine Englands geschrieben.

Sally Brampton

DAS
MONSTER,
DIE
HOFFNUNG
UND ICH

Wie ich meine Depression besiegte

Aus dem Englischen von
Veronika Dünninger

Genieße, wenn du kannst, und leide, wenn du musst.

Johann Wolfgang von Goethe

Das Glück ist ein Wie, kein Was; ein Talent, kein Objekt.

Hermann Hesse

Du wünschst die Kunst des Lebens zu kennen, mein Freund? Sie ist in einem einzigen Satz enthalten: Nutze das Leiden.

Henri-Frédéric Amiel

INHALT

  1. Einleitung: Sieh nicht hinab
  2. 1. Ich selbst bis jetzt
  3. 2. Irrenhaus und Blutegel
  4. 3. Kehlenmonster und andere Grauen
  5. 4. Ichbezogenheit und Symptome
  6. 5. Ich verliere mein Gleichgewicht
  7. 6. Zusammenbruch
  8. 7. Es ist kein Zuckerschlecken
  9. 8. Nach der Klinik
  10. 9. Gut ist ein Tabuwort
  11. 10. Genetik, Familie und andere Störungen
  12. 11. Zuhause ist ein anderes Land
  13. 12. Emotionales Gedächtnis
  14. 13. Widerstand ist zwecklos
  15. 14. Der Elefant im Zimmer
  16. 15. Wer bin ich?
  17. 16. Die zweite Klapsmühle
  18. 17. Reisen durch die Therapie
  19. 18. Entzug
  20. 19. Der Anfang vom Ende
  21. 20. Selbstmord, der letzte Abschied
  22. 21. Der Wendepunkt
  23. 22. Sinn finden
  24. 23. Links abbiegen
  25. 24. Das nützliche Zeug
  26. 25. Durchkommen
  27. Weiterführende Literatur
  28. Danksagung
  29. Register
  30. Anmerkungen

EINLEITUNG

Sieh nicht hinab

Der Geist ist selbst sein eigner Ort und macht
Aus Himmel Hölle sich, aus Hölle Himmel.

John Milton

Dies ist der Erfahrungsbericht einer Depression. Und es ist meine Geschichte, denn ich glaube, dass wir aus Geschichten lernen.

Wir lernen, dass wir nicht allein sind.

Meine Geschichte ist nicht besser oder schlechter als jede andere auch, genau wie meine Depression nicht besser oder schlechter war, auch wenn es mir damals so vorkam. Ich glaubte, keine Hoffnung mehr zu haben, jemals an den Ort zurückzukehren, den ich Leben nannte. Und ich glaubte, die Einzige zu sein, die sich so fühlte. Die Depression erscheint einem wie der abgelegenste Ort der Erde. Kein Wunder, dass man sie auch eine Krankheit der Einsamkeit nennt.

Wenn Sie dieses Buch lesen und sich genauso fühlen, dann sind Sie nicht allein. Ich verstehe, wie Sie sich fühlen. Ich glaube, dass jeder, auch wenn er nur an einer leichten Depression gelitten hat, versteht, wie es sich anfühlt. Und doch vergessen wir, dass andere sich in unsere Lage versetzen können. Wir ziehen uns zurück, kapseln uns ab oder verschließen uns völlig. Wir verlieren uns in uns selbst und in der Krankheit.

Das muss nicht so sein. Wenn wir nur zu einem einzigen Menschen Verbindung aufnehmen, der es wirklich versteht, dann tun wir einen ersten Schritt aus der Krankheit. Im Leben geht es um Verbindung. Es gibt sonst nichts. Die Depression ist das Gegenteil, denn sie ist eine Krankheit, die durch Entfremdung definiert ist. Daher biete ich dieses Buch als Verbindung an. Es soll eine Quelle der Hoffnung sein. Mein Anliegen ist es, dass dieses Buch, indem ich darüber berichte, wie ich war, was passiert ist und wie ich jetzt bin, anderen Menschen vielleicht Trost spendet.

Ich bin keine Expertin, aber ich habe aus Erfahrung gelernt. Fast vier Jahre lang habe ich Tag und Nacht mit der Depression gelebt. Ich glaubte, ich würde sie nicht überstehen. Ich glaubte, ohne es dramatisieren zu wollen, ich würde sterben. Ich wollte sterben. Eine Zeit lang war das alles, was ich wollte.

Das ist nichts, was man bereuen oder wofür man sich schämen muss. Sterben zu wollen (oder die »suizidale Ideation«, wie es Fachleute gern nennen) geht Hand in Hand mit der Krankheit. Es ist ein Symptom einer schweren Depression, kein Charakterfehler oder moralischer Makel. Ebenso wenig ist es wirklich das Bedürfnis zu sterben als vielmehr ein brennender Wunsch, nicht mehr weiterzuleben. Alle Depressiven verstehen diesen Unterschied.

Inzwischen will ich nicht mehr sterben. Es geht mir gut. Ich würde sogar so weit gehen zu sagen, dass ich glücklich bin. Es heißt, dass Glück nicht messbar ist. Vielleicht nicht. Wie die Depression ist es bei jedem Menschen anders. Aber genau wie wir die Depression in den Hintergrund drängen können, können wir auch das Glück zum Vorschein bringen. Anfangs hatte ich keine Ahnung, wo ich danach suchen sollte. Ich war kaum geübt in der Kunst oder der Erfahrung des Glücks, und der letzte Ort, an dem ich es zu finden glaubte, war in mir selbst.

Meine Genesung schritt nur langsam voran. Ich hatte das Gefühl, als würde ich wieder laufen lernen. Sehr oft bin ich gestolpert und gestürzt. An manchen Tagen konnte ich nicht mehr als ein paar Schritte bewältigen. Aber jeden Tag habe ich es versucht, und ganz allmählich bin ich aus dem Loch völliger Verzweiflung herausgekrabbelt. Es gibt keine Wunder. Gesund zu werden und gesund zu bleiben erfordert Zeit, Hingabe und ungeteilte Aufmerksamkeit. Es bedeutet, die Verantwortung für unsere eigene emotionale Gesundheit und unser Glück zu übernehmen. Absolute Ehrlichkeit und ständige Selbstprüfung sind dabei unerlässlich, genauso wie Demut, Geduld und Bereitschaft. Das hört sich nach harter Arbeit an, und das ist es auch. Aber es ist nicht annähernd so hart, wie mit einer schweren Depression zu leben.

Man könnte sagen, dass dies ein spirituelles Buch ist. In mancher Hinsicht ist das zutreffend. Es ist ein spirituelles Buch, verfasst von einer Atheistin. Wie ein genesender Alkoholiker einmal zu mir sagte: »Religion ist für Leute, die nicht in die Hölle kommen wollen. Spiritualität ist für Leute, die dort gewesen sind.«

Ich entschuldige mich nicht dafür. Sie können sich davon nehmen, was Sie brauchen, und den Rest liegen lassen. Um von meiner schweren Depression zu genesen, habe ich auf unterschiedliche Disziplinen zurückgegriffen – von moderner Therapie über den Buddhismus bis hin zum Zwölf-Schritte-Programm, dem spirituellen Ansatz der Anonymen Alkoholiker. Ich habe Hilfe von Psychiatern, Therapeuten, Freunden und völlig Fremden in Anspruch genommen. Ich habe Trost in Literatur, Wissenschaft und Gärten – vor allem meinem eigenen – gefunden.

Und es ist ein praktisches Buch insofern, als es Ideen dazu liefert, was helfen könnte. Es sind keine Versprechungen, nur Vorschläge. Auf meinen Reisen durch die Depression habe ich versucht, mich auf eine bestimmte Weise zu ernähren und jede Menge Vitamine, Aminosäuren und essenzielle Fette zu schlucken. Ich habe Yoga, Massage, Meditation, Homöopathie, Akupunktur und bioenergetisches Feedback ausprobiert. Ich vertraute mich Heilern an, die über mir standen und negative Energie aus meinem Nacken zogen, und andere, die Engel an meinem Tisch heraufbeschworen. Ich habe es mit jeder Form von Therapie versucht und jedes Buch über Depression gelesen, das ich in die Finger bekommen konnte. Manche Formulierungen von spirituellen Führern, Dichtern und Schriftstellern habe ich wie Mantras vor mich hin gemurmelt, in der Hoffnung, durch bloßes Wiederholen zu Gelassenheit zu finden. Natürlich hilft nicht alles, aber manches eben doch, und darüber kann ich Ihnen berichten. Auch davon können Sie sich nehmen, was Sie wollen, und den Rest liegen lassen.

Dass die Depression wiederkommen könnte, ist die Angst eines jeden Depressiven. Sie könnte. Sie könnte nicht. Ich kann es unmöglich wissen. Manchmal fühle ich mich immer noch niedergeschlagen, aber ich habe festgestellt, dass ich, wenn ich mit dieser Schwierigkeit umgehen kann, auf einem guten Weg bin, die Depression in Schach zu halten. Das Wichtigste ist, dass man sich nicht von der Angst fesseln lässt. Die Depression kommt einer Lähmung der Hoffnung gleich. Eines weiß ich mit Bestimmtheit: Versuchen Sie, nie die Hoffnung aufzugeben, denn wenn Sie das tun, dann wird die Hoffnung mit Sicherheit versuchen, Sie aufzugeben.

Deshalb hier meine Geschichte. Sie bewegt sich kreuz und quer in der Zeit. Manchmal verläuft sie rückwärts, denn wie der dänische Philosoph Søren Kierkegaard vor einigen hundert Jahren erklärte: »Verstehen kann man das Leben nur rückwärts, aber leben muss man es vorwärts.« Und er sagte auch: »Vergiss nicht, dich selbst zu lieben«, wofür ich ihn wirklich liebe. Meine Geschichte hält auch hin und wieder inne, um eine Richtung oder zumindest hilfreiche Ideen aufzuzeigen. Sie ist nicht ordentlich oder aufgeräumt, aber das ist mein Verstand auch nicht. Und ein Leben normalerweise auch nicht.

Meine Geschichte beginnt am Morgen meines fünfzigsten Geburtstags. Das erscheint mir als guter Ausgangspunkt. Jeder Tag ohne Depression ist ein guter Ausgangspunkt.

Ich wache früh auf und sitze mit einer Tasse Tee im Bett und denke nach. Über nichts Bestimmtes, das ist einfach meine Art, das Chaos in meinem Kopf zu entwirren und ein Gefühl von Frieden und Ordnung für den Tag, der vor mir liegt, zu schaffen. Das tue ich jeden Tag eine halbe Stunde lang, und anschließend meditiere ich zwanzig Minuten. Das ist eine Gewohnheit, die ich entwickelt habe, seit ich krank war. Ich will nicht wissen, wie oder warum es mir hilft. Ich weiß einfach, dass es mir hilft.

Mein Schlafzimmer ist weiß und lichtdurchflutet, mit einer Verandatür, die genau in den Garten hinausführt. Das Licht ist mir wichtig; es bekämpft das Dunkel in meinem Kopf.

In seinem wegweisenden Buch über die Depression, Saturns Schatten, schreibt Andrew Solomon, selbst depressiv: »Mit der Depression bekämpft man zugleich sich selbst.«1 Er hat recht, auch wenn ich diesen Satz bei der ersten Lektüre so verstand, dass man in der Depression zu seinem eigenen Feind wird. Bei dem rasenden Selbsthass, den man während einer Phase schwerer Depression empfindet, denke ich, stimmt das.

Ich habe mich selbst so sehr gehasst, dass ich versucht habe, mir das Leben zu nehmen.

Heute glaube ich, dass ich nicht so sehr mich selbst gehasst habe, sondern vielmehr das Selbst, zu dem ich während der Depression wurde. Ich wollte es tot sehen.

Es ist zwei Jahre her, seit ich aus der Depression wiederaufgetaucht bin, und ich will mich nicht mehr tot sehen. Ich will mich am Leben sehen. Ich bin nicht mehr mein eigener Feind. Die Depression ist der Feind. Das Monster lebt vor meiner Tür. Ich hoffe, dass ich, mit genügend Anstrengung und Glück, dafür sorgen kann, dass es dort bleibt. Und wenn das bedeutet, Dinge tun zu müssen, die ich einmal für untypisch hielt, wie zum Beispiel um sechs Uhr morgens aufzustehen, um zu meditieren, dann werde ich das tun.

Sobald ich meditiert und eine gewisse Ordnung in meinen Kopf gebracht habe, betrachte ich mich im Spiegel. Um zu sehen, ob ich anders aussehe, nehme ich an, jetzt, wo ich auf einmal älter bin. Ich sehe dasselbe blonde Haar, dieselben blauen Augen und dieselbe kindliche Stupsnase. Ich habe meine Brille nicht auf, sodass ich mein Spiegelbild leicht verschwommen sehe. Andererseits bin ich selbst, auch ohne diese gütige Unschärfe (eine der freundlicheren Entschädigungen von Mutter Natur für das Alter), mein unzuverlässigster Zeuge. Zu viel Geschichte ist mit meinem Gesicht verbunden, zu viele Erinnerungen hängen an den Rändern meiner Realität. Mich selbst kann ich nicht sehen. Aber ich kann sehen, dass die Spuren der Depression nicht mehr in meinem Gesicht sind. Heutzutage kann ich Depressive leicht erkennen. Die Krankheit zeigt sich wie ein Graffiti auf ihrem Gesicht.

Meine Tochter, Molly, schießt ein Foto, um meinen Geburtstag festzuhalten. »Mach die Augen auf, Mum«, sagt sie.

Meine Augen sind sehr tief liegend und verschwinden leicht völlig, wenn ich nicht aufpasse.

»Sie sind offen«, sage ich.

»Na, dann mach sie noch ein bisschen weiter auf. Blick überrascht.«

Ich tue es, denn ich bin es.

Ich bin überrascht, dass ich es bis zu meinem Fünfzigsten geschafft habe, während ich einmal dachte, ich würde es überhaupt nicht schaffen. Ich bin überrascht, dass ich friedlich im Sonnenschein im Garten sitze. Ich bin überrascht, dass meine Tochter, die fünfzehn ist, schön und beschwingt und größer als ich ist. Vor allem bin ich überrascht, dass ich glücklich bin, dass ich wieder die Fähigkeit zum Glücklichsein besitze.

Als ich sehr krank war und Molly neun Jahre alt war, klebte sie gern Notizen an die Wand über meinem Bett. Eine lautete: »Liebe Engel, bitte bringt meiner Mummy all die Freude und all das Glück, das sie verdient hat.« Ich weinte, als ich diese Notiz las, denn ich war sicher, dass ich nichts davon verdient hatte.

Ich wünsche niemandem eine Depression. Und doch hat sie mich vieles gelehrt. Ich bin nicht plötzlich gefühlsselig dankbar für mein Leben, aber ich interessiere mich mehr dafür, lasse mich mehr darauf ein, könnte man sagen. Wenn man lange Jahre im Dunkeln verbracht hat, dann ist es eine Freude, Licht und Vergnügen vor allem in gewöhnlichen Dingen zu sehen.

Ich sehe hinaus auf meinen Garten. Es ist nicht mein erster Garten, aber es ist der erste, den ich selbst geschaffen habe. Als ich sehr krank war, hielt mich das Träumen von diesem Garten in den langen, dunklen Nächten und noch dunkleren Tagen am Leben, noch bevor er überhaupt existierte. Ihn zu bepflanzen, die Hände in die Erde zu stecken, das war Therapie und Verbindung mit der Zukunft zugleich. Denn selbst in meiner tiefsten Verzweiflung war ich immer mit Pflanzen beschäftigt. Selbst in der Dunkelheit erschien mir das als Zeichen des Optimismus, der Hoffnung.

Als ich richtig krank war, lebte ich in einer Wohnung ohne Garten. Es ist symptomatisch dafür, wie wenig Freude ich finden konnte, selbst an Dingen, die mich normalerweise begeistern, dass ich diese Wohnung kaufte. Aber obwohl ich das Bett kaum verlassen konnte und es einem fast übermenschlichen Akt gleichkam, mich anzuziehen, fiel meinen Freunden auf, dass ich jedes Mal, wenn ich mich aus dem Haus gewagt hatte, mit einer Pflanze zurückkam; einer Geranie, einem Topf Jasmin, einer Kiste Lavendel. Es ist derselbe Jasmin, der jetzt an der Wand neben meiner Küche wuchert und den Raum jeden Sommer mit seinem Duft erfüllt, während Ableger der ursprünglichen Geranie in Töpfen vor meinem Schuppen blühen. Als ich den Garten fand, war er ein einziges Durcheinander, eine schlafende Schönheit unter einer Last von Lorbeer, Liguster und Dornengestrüpp so dick wie ein Männerarm. Ein kleiner Ahorn, um dessen Fuß jetzt Pfingstrosen wachsen, hat noch immer einen s-förmigen Knick in seinem Stamm, wo er sich zum Licht hin gereckt hat. Ich liebe diesen Baum.

Sobald ich das Schlimmste beseitigt hatte (ich, ein Mann mit einem Kleinlaster und tagelange Knochenarbeit), begann ich, mithilfe eines Maßbandes, einer Dose Sprühfarbe und etwas Schnur, den Garten anzulegen. Es war ein sehr heißer Sommer, sodass ich meistens noch spätabends im Nachthemd draußen war. Ich muss wie die Irre aus der Gegend ausgesehen haben (na ja, seien wir ehrlich, ich war die Irre aus der Gegend), aber meine Nachbarn sind zu charmant, um das je erwähnt zu haben.

Jetzt ist der Garten wunderschön. Ich beobachte, wie das Licht ihn durchflutet und wieder verschwindet, sehe den Frühling kommen und den Sommer gehen. Wenn ich, wie so manches Mal, das Gefühl habe, dass alle Hoffnung dahin ist, ruft er mir sanft in Erinnerung, dass, wenn etwas stirbt, etwas Neues an seine Stelle treten muss. Ich liebe die Natur wegen ihres unbeschwerten Gleichmuts, wegen der Beharrlichkeit, mit der sie alles in ihrem eigenen, sanften Tempo angeht. Die Narzissen werden ihre gelben Glocken entfalten, wenn sie selbst so weit sind, egal, wie oft ich sie dränge, dass sie und der Frühling sich endlich beeilen sollen. Die Wurzeln, unter der Erde verborgen, werden sich langsam entfalten, wie sie es sollen, genau wie sich das Leben so entfalten wird, wie es soll. Kein noch so großes Aufhebens meinerseits wird etwas daran ändern. In dieser Einsicht liegt Freiheit. Und es liegt Freude in dem Wissen, dass Schönheit unvermeidlich ist, in dem allmählichen Erblühen einer Rose, dem Geruch frisch gemähten Rasens, der Wärme des frühsommerlichen Sonnenscheins auf unseren Rücken.

Als ich Freunden erzählte, dass ich dieses Buch schreiben würde, sagten sie: »Warum tust du dir das an? Weißt du denn nicht mehr, wie krank du warst? Bist du verrückt?«

Na ja, schon.

Warum schreibe ich also dieses Buch? Ich schreibe es, denn auch wenn ich den Beichtstuhl missbillige, war ich (und bin noch immer) so angewidert von dem Stigma, das der Depression anhaftet, dass ich beschloss, aufzustehen und meine Stimme zu erheben, mich nicht aus Scham zu verstecken. Wenn ich ein Talent besitze, dann die Fähigkeit zu kommunizieren und veröffentlicht zu werden. Daher verfasste ich einen persönlichen Bericht über meine suizidale Depression für eine Tageszeitung, den Daily Telegraph.2 Im Gegenzug erhielt ich zweitausend Briefe, und in jedem von ihnen stand: »Gott sei Dank bin ich nicht allein.«

Ich musste weinen, als ich diese Briefe las. Ich wusste einfach, wie den Leuten zumute war, und fühlte mich selbst beim Lesen dieser Briefe gleich weniger einsam. Das war der Augenblick, in dem mir klar wurde, dass ich dieses Buch schreiben musste, nicht nur für andere Leute, sondern für mich selbst. Ich will mich nie wieder so allein fühlen.

Als der Artikel im Daily Telegraph erschien, sagten viele Leute, ich sei mutig. Vielleicht bin ich das, auch wenn ich nicht unbedingt glaube, dass die Auseinandersetzung mit einer Krankheit eine couragierte Tat ist. Nur das Stigma, das der Depression anhaftet, vermittelt diesen Eindruck. Ich wünschte, ich könnte sagen, dass es Mut war, der mich dazu getrieben hat, mich wie ein Schmetterling auf die Seiten einer überregionalen Zeitung zu heften, aber tatsächlich war es Wut.

Ich gebe zu, dass ich von meiner Wut überrumpelt wurde. Aber das wurde ich von der Depression auch. Nie hatte ich über ihre Auswirkungen oder Konsequenzen nachgedacht, doch je länger ich in ihr gefangen war, desto deutlicher erkannte ich die Angst und die Scham, die ihr anhaften. Und je mehr Depressive ich kennenlernte, desto deutlicher begriff ich, dass wir nicht nur eine Krankheit bekämpfen, sondern auch die Art und Weise, wie mit ihr umgegangen wird.

Stellen Sie sich vor, Sie erzählen jemandem, dass Sie eine lebensbedrohliche Krankheit wie zum Beispiel Krebs haben, und Sie bekommen gesagt, Sie sollen sich zusammenreißen oder darüber hinwegkommen.

Stellen Sie sich vor, Sie sind entsetzlich krank und haben zu viel Angst davor, es jemandem zu sagen, um sich damit nicht Ihre Karriere zu verbauen.

Stellen Sie sich vor, Sie werden in eine Klinik eingewiesen, weil Sie zu krank sind, um noch zu funktionieren, und Sie schämen sich zu sehr, es jemandem zu sagen, da es eine psychiatrische Klinik ist.

Stellen Sie sich vor, Sie erzählen jemandem, dass Sie kürzlich aus einer psychiatrischen Klinik entlassen wurden, und sehen, wie er sich abwendet, vor Verlegenheit oder Abscheu oder Angst.

Vergleiche sind etwas Abscheuliches. Eine Krankheit zu stigmatisieren ist noch abscheulicher. Es ist schon schlimm genug, krank zu sein, aber sich gezwungen zu sehen, genau das zu leugnen, was einen, in seiner schlimmsten und aktivsten Phase, definiert, das ist wirklich eine Qual.

Es ist eine Krankheit. Nicht mehr und nicht weniger. Es ist weder ein moralischer Makel noch ein unmoralischer Zustand. Es ist kein Grund für Scham, Schuld oder Geheimnistuerei. Ich wünschte, ich hätte das gewusst, als ich zum ersten Mal krank wurde. Ich wünschte, ich hätte nicht so lange versucht, das Unbeherrschbare zu beherrschen, weil ich so beschämt war. Oder unwissend. Oder beides.

Es gibt keinen korrekten medizinischen Ausdruck für die Krankheit der Depression. Sie wird wahlweise als klinische, ernste oder schwere Depression bezeichnet. Ich werde mich im Wesentlichen auf den Begriff »schwere Depression« beschränken, einfach weil ich glaube, dass dieser Ausdruck die Krankheit am besten beschreibt.

Als ich schließlich irgendwann vor einem Psychiater saß, außerstande, mit dem Weinen aufzuhören, außerstande, noch zu funktionieren, und nur noch tot sein wollte, fragte er mich: »Wenn Sie eine Lungenentzündung hätten, würden Sie dann versuchen, sich selbst zu heilen?«

»Nein.«

Er zuckte mit den Schultern. »Warum glauben Sie dann, dass Sie Ihre Depression selbst heilen können?«

Warum? Weil ich dachte, ich hätte meinen eigenen Verstand im Griff. Ich war nie auf die Idee gekommen, dass ich an einer Krankheit litt, die ich zu der Zeit bereits kaum noch oder gar nicht mehr im Griff hatte. Ich wusste nichts über Depression. Ich wusste nur, dass ich ein Jahr lang gegen meinen Verstand angekämpft und dass ich verloren hatte.

»Sie sind krank«, sagte er. »Sie sind sehr, sehr krank.«

Damals war das für mich das Netteste, was irgendjemand zu mir sagen konnte. Ich war nicht verrückt. Ich war nur krank.

Als ich das später einem anderen Depressiven erzähle, lächelt er wissend und gibt zu, dass er, als seine Psychiaterin ihm erklärte, sie würde ihn eventuell zwangseinweisen müssen, wenn er sich weigerte, freiwillig in eine Klinik zu gehen, weder verängstigt noch wütend gewesen sei. Nur erleichtert. »Ich war krank. Ich musste in eine Klinik. Ich konnte endlich aufhören, so zu tun, als würde ich zurechtkommen.«

Manchmal denke ich, die Depression sollte die Krankheit des Zurechtkommens genannt werden. So viele von uns schlagen sich damit herum, wagen nicht, um Hilfe zu bitten, oder wissen nicht, wie sie es tun sollen. Noch größer und erschreckender ist die Anzahl derer, bei denen die Krankheit gar nicht erst diagnostiziert wird.

Das hier ist natürlich nur meine Geschichte. Jeder macht seine eigenen Erfahrungen mit der Depression. Ich kann nur sagen, wie es mir damit ergangen ist, in der Hoffnung, dass es vielleicht ein Licht auf das Leiden anderer wirft und ihnen ebenfalls hilft. Und es könnte denen helfen, die einen depressiven Menschen lieben, besser zu verstehen, was der Betreffende durchmacht. Falls es mir geholfen hat, dann für ein besseres Verständnis meiner selbst und meiner tief sitzenden Verletzlichkeiten. Davon abgesehen würde ich mich lieber nicht mit ihnen befassen. Die Nabelschau hat nur einen begrenzten Reiz. Ich würde lieber zusehen, dass ich mein Leben weiterlebe, was das Gegenteil von Depression ist.

Aber das kann ich nicht, und das ist die Wahrheit, wie es sich auch niemand, der mit einer schweren, immer wiederkehrenden Krankheit lebt, erlauben kann, sich selbst oder die Symptome zu ignorieren. Ich halte ein Auge auf mich, mit einem wohlwollenden, objektiven Blick, der, so hoffe ich, meine Krankheit – und nicht so sehr mich selbst – ernst nimmt. Ebenso wenig bin ich (oder will es je sein) eine professionelle Depressive, die sich stets über die Melancholie definiert, die mich auf Schritt und Tritt zu verfolgen scheint; der »schwarze Hund«, als der sie auch bekannt ist. Offen gestanden würde ich diesen verdammten Hund am liebsten erschießen und die Sache damit als erledigt ansehen; aber ich habe gelernt zu akzeptieren, dass ich ihn nicht töten und, in gewisser Weise, auch nicht kennenlernen kann. Auf jeden Fall werde ich oft von ihm überrumpelt.

Der Teil von mir, der mir (natürlich) lieber ist, ist der Teil, den Molly mein »normales glückliches Selbst« nennt und der ebenso echt ist wie der depressive Teil meines Wesens, den ich als mein Schattenselbst ansehe. Im Grunde meines Herzens bin ich eine Optimistin. Ich liebe das Leben. Ich habe Freude an anderen Menschen. Ich habe viele gute Freunde. Ich schätze Freundschaft über alles, und es waren meine Freunde, die mir in den langen, dunklen Tagen der Depression zur Seite standen. Während meine Unfähigkeit, die Hand auszustrecken und mit ihnen zu kommunizieren, mich vor Schmerz fast um den Verstand brachte, wusste ich doch, dass sie da waren, selbst wenn ich außerstande war, mit ihnen zu sprechen. Und sie waren immer noch da, als ich wieder auftauchte. Dafür bin ich unsäglich dankbar.

Daher bin ich also kein Experte, sondern nur jemand, der an einer depressiven Krankheit leidet und ein Buch darüber schreibt. Mein Weg durch die Depression ist weder richtig noch falsch, er ist einfach nur meiner.

Ebenso wenig kann mein Bericht vollständig sein.

»Die Depression«, sagte mein Psychiater, als wir uns zum ersten Mal trafen und ich über meine Unfähigkeit klagte, durch Nachdenken aus ihr herauszufinden, »unterdrückt jeden einzelnen kognitiven Prozess. Konzentration, Gedächtnis, Logik, Vernunft, selbst die Interpretation von Fakten und tatsächlichen Ereignissen – alles wird unterbrochen. Wenn wir Sie jetzt testen würden, kann ich Ihnen garantieren, dass Ihr IQ mindestens dreißig Punkte niedriger ausfallen würde.«

Es ist, als ob der Verstand einen Schleier über sich selbst zieht. Teile meiner Erinnerung an jene Zeit sind noch immer ausgeblendet, darunter Bücher, die ich angeblich gelesen habe. Als ich sie mir später noch einmal ansah, stellte ich fest, dass sie mir fast völlig fremd waren. Dasselbe gilt für Filme. Teile von ihnen sind mir auf eine unheimliche Weise vertraut, so sehr, dass ich ein sofortiges Déjà-vu-Gefühl verspüre, aber ich kann mich weder an den Anfang noch an das Ende oder gar den mittleren Teil der Geschichte erinnern. Es gibt Gespräche, die ich geführt habe oder von denen Leute mir erzählt haben, ich hätte sie geführt, die für mich ein weißer Fleck sind, und ich bringe die Chronologie von Monaten oder gar Jahren gern durcheinander. Zum Glück, würden manche vielleicht sagen, denn die Depression ist kein Ort, an dem man länger verweilen will.

Andere Teile meiner Erinnerung an jene Zeit sind hingegen immer noch so ausgeprägt, dass ich nur an bestimmten Orten vorbeikommen oder bestimmte Gerüche wahrnehmen muss, um einen heftigen Schmerz zu verspüren. Er kehrt auf einer fast zellularen Ebene zu mir zurück. Es ist, als ob sowohl mein Körper als auch mein Geist sich erinnern, und ich glaube, dass eine depressive Krankheit körperlicher und geistiger Natur zugleich ist, dass der Körper imstande ist, an Erinnerungen und Erfahrungen festzuhalten, die der Geist lieber vergessen würde.

Ich bezweifle, dass ich die Einzige bin, die von ihrer Krankheit nach wie vor verfolgt wird. Alle Depressiven erinnern sich, wie krank sie einmal waren, wie krank manche von uns immer noch sind.

KAPITEL 1

Ich selbst bis jetzt

Ich war erfreut, sofort antworten zu können.
Ich sagte: Ich weiß es nicht.

Mark Twain

Bevor ich von meiner Depression erzähle, sollte ich etwas von meinem bisherigen Leben erzählen. Oder vielleicht von mir selbst.

Ich bin in Brunei geboren, aber ich bin Engländerin und in vielen verschiedenen Ländern aufgewachsen. Von Brunei zogen wir nach Brasilien und von dort nach Aden, Oman und Angola. Wir verbrachten ungefähr drei Jahre in jedem Land, mit kurzen Zwischenaufenthalten in England. Mein Vater arbeitete nach dem Krieg für Shell und wurde ins Ausland versetzt. Wir folgten ihm, wo immer seine Arbeit ihn hinführte.

Von meinem elften Lebensjahr an ging ich in England aufs Internat, aber ich sah von diesem Land nicht mehr als die Schule. Es war kein Zuhause. Zuhause war jeweils das Land, in dem meine Eltern lebten. Endgültig nach England zog ich erst, als ich achtzehn Jahre alt war. Ich habe zwei Brüder. Mein älterer Bruder heißt Michael und mein jüngerer Tony. Den Großteil ihrer Kindheit haben sie ebenfalls im Internat verbracht.

Dad stammt aus Südlondon und ist das älteste von vier Kindern. Sein Vater, Reg, war ein Cockney, geboren, wie er immer stolz sagte, in Hörweite der Bow-Glocken, also in der Nähe der bekannten Londoner Bow Church, wie es sich für einen echten Cockney gehört. Reg arbeitete als Mann für alles; später zog er aufs Land, um eine Tankstelle zu führen. Zumindest war das die Version meines Opas vom Land: ein kleiner Bungalow vor einer Reihe Zapfsäulen inmitten eines Lkw-Parkplatzes an einem belebten Kreisverkehr am Stadtrand von Norwich. Selbstbedienung gab es damals noch nicht, sodass Reg zu jeder Tages- und Nachtzeit mit seiner Schirmmütze und seinem braunen Baumwollkittel draußen auf den Beinen war. Auf uns wirkte er immer fröhlich und war für jeden Spaß zu haben. Seinem Wellensittich brachte er bei, unsinniges Zeug zu reden, und uns Kinder jagte er ohne sein falsches Gebiss im Mund durch seinen Bungalow, sodass wir uns über sein zahnloses Grinsen halb totlachten.

Meine Großmutter Maisie war winzig klein, kaum einen Meter fünfzig groß, mit rotem Haar und blauen Augen. Sie hielt alles, ihr Haus, Reg und die vier Kinder, tipptopp in Ordnung. Und sie machte eine höllisch gute Zitronencreme.

Meine Mutter ist ebenfalls Londonerin, aber vornehmer, in Richmond geboren. Ihr Vater, Phil Ray, war ein Schauspieler, der in Konzerthallen und auf der Bühne auftrat. Später fand er Arbeit bei Film und Fernsehen, spielte hauptsächlich Nebenrollen in über vierzig Filmen, von Söhne und Liebhaber über Blut für Dracula bis hin zu Frankenstein schuf ein Weib. Er gab immer einen guten Priester ab und war regelmäßig in Doctor Who, Z Cars und für kurze Zeit sogar in Hancock’s Half Hour zu sehen. Als schüchterner, stiller Mann mit einem Hang zur Melancholie liebte er das Schauspielern, da es ihm, wie er sagte, erlaubte, jemand anders zu sein.

Seine größte Leidenschaft war meine Großmutter Dorothy. Ihr Künstlername war Jackie, und sie arbeitete als Tänzerin und Model. Ausgesprochen elegant, obwohl sie nie Geld besaß, fertigte sie all ihre Kleider, einschließlich ihrer Hüte und Mäntel, selbst an und brachte mir das Nähen bei. Während meine Eltern im Ausland waren, verbrachte ich viel Zeit mit ihr: jedes Wochenende, an dem ich das Internat in England verlassen durfte. Als sie starb, errichtete mein Großvater zur Erinnerung in einer Ecke ihrer Wohnung eine Art Altar mit Fotografien von ihr. Und dann welkte er nur noch still vor sich hin.

Meine Tochter Molly ist ebenfalls Londonerin. Genau wie ich.

Ich bin blond und blauäugig, einen Meter achtundsechzig groß und wiege vierundsechzig Kilo, mehr oder weniger. Etwas weniger wäre mir lieber. Ich liebe Mode, vielleicht durch den Einfluss meiner Großmutter, und habe am Central Saint Martin’s College Mode studiert, wo ich jetzt, nachdem ich dort viele Jahre unterrichtet habe, eine Gastprofessur innehabe. Schöne Kleider liebe ich noch immer.

Nach dem College habe ich für Vogue über Mode geschrieben. Hier begann meine Karriere, nachdem ich den Vogue-Talentwettbewerb gewonnen hatte. Danach arbeitete ich vier Jahre lang als Moderedakteurin für den Observer.

Ich bin eine Mutter – für Molly, die ich über alles liebe und die mich liebt. »So viel«, sagt sie und breitet die Arme weit aus.

Ich liebe Wörter. Und Bücher. Ich bin eine erfolgreiche Journalistin. Erfolgreich insofern, als Leute mich dafür bezahlen, dass ich für sie schreibe, wofür ich immer dankbar bin. Als Kind wäre ich nie auf die Idee gekommen, dass Leute mir Geld dafür geben würden, das zu tun, was ich am liebsten tue.

Außerdem bin ich eine erfolgreiche Romanautorin. Ich habe vier Romane geschrieben, die sich allesamt ganz gut verkauft haben. Zumindest so gut, dass der Verleger mich jedes Mal bat, noch einen zu schreiben.

Ich war auch als Herausgeberin einer Zeitschrift erfolgreich. Mitte der Achtzigerjahre startete ich Elle, für die ich vier Jahre lang verantwortlich war. Es war ein erfreulicher und sofortiger Erfolg und setzte, so hieß es zumindest, Maßstäbe für eine neue Richtung bei Frauenzeitschriften. Zehn Jahre später gab ich eine andere Zeitschrift, Red, heraus, nur für ein Jahr und mit weitaus weniger Erfolg. Manche Leute waren begeistert, andere verabscheuten sie. Ich tröste mich mit dem Gedanken, dass ihr offenbar niemand gleichgültig gegenüberstand.

Weniger erfolgreich bin ich in meinen Beziehungen. Ich war zweimal verheiratet, worüber ich nicht sehr froh bin. Zumindest über das Scheitern bin ich nicht froh, über die Ehen hingegen schon, die ich beide zu ihrer Zeit sehr schön fand. Mit meinen beiden Ex-Männern bin ich noch immer gut befreundet.

Momentan bin ich verliebt in jemanden, von dem ich auch geliebt werde, und ich hoffe, dass ich ihn besser zu lieben vermag, als ich es bei meinen beiden Ex-Ehemännern vermochte. Ich vermute, er hofft dasselbe.

Gärtnern ist meine Leidenschaft. Und gutes Essen. Ich koche sehr gern. Es gibt nur wenig, was mir mehr Freude bereitet, als für meine Freunde zu kochen.

In all diesen Dingen kann ich mich glücklich schätzen.

Und ich bin depressiv. Das passt nicht recht ins Bild, oder?

KAPITEL 2

Irrenhaus und Blutengel

Sei gütig, denn alle Menschen, denen du begegnest, kämpfen einen schwereren Kampf.

Platon

Kürzlich fuhr ich einen guten Freund, Nigel, zu einer Ultraschall-Untersuchung. Es gab einen Verdacht auf Tumore in seiner Lunge und in seiner Leber.

»Blockaden« haben sie sie genannt und die Überweisung mit dem Vermerk »dringend« versehen. Er schlägt einen witzigen Ton an, als er mir davon berichtet, spricht das Wort überspitzt aus. Wir wissen beide, was das heißt, Blockaden gegenüber dem Leben, aber wir haben einen stillschweigenden Pakt, nicht darüber zu reden.

Wir erreichen die Klinik. Nigel verschwindet durch eine Doppeltür mit einem großen roten Stoppschild. Ich sehe ihm nach. Ich bin ein Wrack, aber ich lächele, auch wenn das dumm ist, denn er kann mich gar nicht sehen. Wir sind schon einmal zusammen in einer Klinik gewesen, einer psychiatrischen Klinik. Dort haben wir uns kennengelernt. Es macht uns diebischen Spaß, die Geschichte auf Partys zu erzählen: »Wir haben uns in der Klapsmühle kennengelernt.« Die Leute wissen nie, ob sie uns glauben sollen. Aber wenn wir lachen, lachen sie auch. Es ist nur witzig, weil es so unglaublich klingt. Wir sehen nicht aus wie Leute, die an Depressionen leiden. Aber ich bin in drei psychiatrischen Kliniken gewesen. Niemand dort sah aus wie jemand, der an einer Depression leidet. Sie macht keinen Halt vor dem Typ. Oder dem Geschlecht. Oder der Schicht. Oder dem Geld. Oder dem Erfolg.

Meine Tochter Molly hat viel von Nigel gelernt. Sie weiß, woher ich ihn kenne. Sie hat ihn zum ersten Mal getroffen, als sie mich in der psychiatrischen Klinik besucht hat. Und sie liebt ihn.

»Wenn er verrückt ist«, sagt sie, »dann liebe ich verrückte Leute.«

»Nicht verrückt, Darling, nur depressiv.«

»Egal.«

Als Nigel und ich uns kennenlernten, waren wir beide wahnsinnig – und ich verwende dieses Wort bewusst – suizidgefährdet. Nigels bevorzugte Methode, sich das Leben zu nehmen, oder zu planen, sich das Leben zu nehmen, war es, mit seinem Wagen in hohem Tempo gegen eine Wand zu rasen. Er hatte schon alle Straßenbiegungen und Schnellstrecken in der Nähe seines Hauses unter die Lupe genommen. Er kannte die besten Kurven.

Ich war in der Klinik, da ich eine Gefahr für mich selbst darstellte. Ich verstand es ebenso gut, mir das Leben zu nehmen, wie mir eine Tasse Tee zu kochen. Damals hätte ich nicht sagen können, was mir lieber war.

Wir lernten uns ungewöhnlich gut kennen, verbunden durch unsere Krankheit und eine plötzliche, wenn auch nicht unbedingt erwünschte Verletzlichkeit. Ich selbst kenne jedenfalls keinen schnelleren Weg zu Intimität als den katastrophalen Zerfall im Verlauf einer Depression oder die absolute Ehrlichkeit, die einem in der Gruppentherapie abverlangt wird. Natürlich halten nicht alle Freundschaften, die auf psychiatrischen Stationen geschlossen werden. Warum sollten sie auch? Wir sind in erster Linie Menschen, und erst in zweiter Depressive. Es gibt andere, wichtigere Bande, die Menschen zusammenschweißen, als eine gemeinsame Geisteskrankheit.

Nachdem wir die Klinik verlassen hatten, verband uns unsere Liebe zu Büchern und Gärten oder der letzten Reality-TV-Show ebenso sehr wie unser vertrauter Umgang mit dem Suizid. Heutzutage sprechen wir nur noch selten über unsere Krankheit. Wir sind nicht, wie Nigel meist rasch erklärt, »zwei sensationslüsterne Neurotiker«. Dennoch ist es der dunkle, unerwünschte Schatten, den die Depression bisweilen über uns wirft, der uns so eng zusammenschweißt. Wir können in Zeiten miteinander reden, in denen wir mit sonst niemandem reden können. Wir können uns Dinge sagen, die wir niemandem sonst sagen könnten.

Eines Tages, bald nachdem wir die Klinik verlassen hatten, rief Nigel mich an. Ich saß tief in meinem schwarzen Loch, und ich weinte. Er hörte mir eine Weile schweigend zu. Dieses Schweigen war unbeschreiblich tröstlich. Er würde nie, wie es andere tun, versuchen, mir meine eigene Realität auszureden. Er würde mir nie einreden, dass ich etwas empfinde, was ich nicht empfinde.

Als ich schwer krank war, wurde ich all die Leute so leid, die mir sagten, es würde mir bald besser gehen. Ich hatte immer das Gefühl, dass ich versuchen musste, sie zu trösten, indem ich ihnen beipflichtete. Entweder das oder schweigen. Es gab keine Worte, um die Tiefen meiner Verzweiflung zu erklären. Ich verstand es selbst nicht.

Als ich mit dem Weinen fertig war, sagte Nigel: »Ich glaube, was du jetzt brauchst, ist eine hübsche Landpartie.« Ich musste an seine bevorzugte Suizidmethode denken und fragte ihn, wie genau ihm an diesem Tag zumute sei. Er lachte.

Nigel kommt durch die Tür mit dem roten Stoppschild zurück. Er lächelt mich an, trotz der Umstände, unter denen wir hier sind, und sagt, dass wir in einer Stunde wiederkommen müssen, um die Ergebnisse abzuholen und sie zu seinem Hausarzt zu bringen.

Wir lächeln uns fast immer an. Wir sind im Allgemeinen fröhlich, wenn wir zusammen sind. Es ist, als hätten wir beide einen unausgesprochenen Pakt gegenseitigen Zuspruchs. Und wir wissen beide, dass jeder von uns imstande ist, fröhlich zu lächeln und zu reden, während wir gleichzeitig unseren eigenen Tod planen. Trotzdem verlassen wir uns darauf, dass der andere nicht sterben wird, jedenfalls nicht absichtlich.

Es ist ein schöner Tag, sonnig und warm. Wir gehen in ein Café, setzen uns draußen hin. Er isst Karottenkuchen, ich nehme einen Zitronenmuffin. Mein Hund bettelt um Krümel. Als Nigel seinen Karottenkuchen halb aufgegessen hat, frage ich ihn, ob er Angst hat. In der Woche davor hatten sie bereits andere Tests durchgeführt, unter anderem ein Knochenszintigramm. Er hatte schlimme Schmerzen in den Rippen. Wir wissen beide, was das heißen kann, aber wir haben es noch nie laut ausgesprochen.

»Nein«, sagt er, »ich habe keine Angst vor dem Krebs oder dem Sterben. Du weißt doch, wie das mit mir und dem Sterben ist.«

Ja, ich weiß, wie das mit ihm und dem Sterben ist. Suizid ist seine Standardeinstellung. Es lässt ihn nie wirklich los. Er benutzt es, denkt er, als Auslösemechanismus. Es ist ein Notausstieg; wenn nicht tatsächlich, dann zumindest in Gedanken. »Sterben«, sagt er, »ist für mich gar nichts im Vergleich zu der Angst, noch eine Phase schwerer Depression durchzumachen. Ich glaube nicht, dass ich das noch einmal könnte.«

Ich auch nicht. Ich glaube nicht, dass ich noch einmal mit der Schwere der Depression umgehen könnte, die mir vier Jahre meines Lebens geraubt und zerstört hat. Vier Jahre. Insgesamt betrachtet, erscheint es so kurz.

So sieht es also aus, mein Leben. Ich habe die Wahl: glücklich sein oder sterben.

Ich entscheide mich für glücklich.

Es klingt flapsig. Das ist es nicht. Wenn ich mich entscheide, nach oben und nicht nach unten zu blicken, dann deswegen, weil ich weiß, was unten auf mich wartet. Ich bin depressiv. Ich habe lange gebraucht, um diese Worte laut auszusprechen. Genau wie ich auch lange gebraucht habe, um meine Krankheit zu akzeptieren.

Alle Krankheiten müssen bewältigt werden, und die Depression ist da keine Ausnahme. Es ist eine komplexe Behandlung, wie auch das Wohlbefinden ein komplexer und unbeständiger Zustand ist. Beide müssen bewältigt werden. Beide bedürfen ständiger Aufmerksamkeit. Mit Wohlbefinden meine ich nicht nur eine physische Robustheit, sondern eine emotionale Ganzheit; eine völlige Einlassung und Verbindung mit dem Leben.

Die Einstellung der Leute hat sich zwar gewandelt, aber es herrscht immer noch die allgemeine Auffassung, dass es sich bei einer Depression lediglich um ein chemisches Ungleichgewicht des Geistes handelt, das einer chemischen Intervention bedarf. Das bestreite ich nicht. In der akuten Phase einer Depression ist eine medikamentöse Behandlung sicher erforderlich. In diesem Stadium ist sie die einzige Rettung. Doch sobald man die akute Phase hinter sich gelassen hat, ist weitaus mehr erforderlich.

Ich bin nicht gegen Antidepressiva – weit gefehlt. Medikamente können Leben retten, zweifellos. Sie können Leben verändern, zweifellos. Aber die Depression ist keine Einzelkrankheit, im Gegenteil, sie ist sehr komplex, und es erfordert mehr als einen einzelnen Ansatz, um sie zu lindern und in Schach zu halten. Die meisten Psychiater räumen ein, dass Antidepressiva Schmerzmittel sind, kein Heilmittel.

Martin Seligman, Professor für Psychologie an der University of Pennsylvania, sagt hierzu: »Das dreckige kleine Geheimnis der biologischen Psychiatrie ist, dass jedes einzelne Medikament aus dem Bereich der Psychopharmaka palliativ ist. Das heißt, sie alle unterdrücken nur die Symptome, und sobald man aufhört, sie zu nehmen, ist man wieder am Ausgangspunkt.«3

Antidepressiva sind nicht die Wundermittel oder die »Glückspillen«, als die unsere Kultur sie hinstellt. Mir zum Beispiel haben sie nicht geholfen.

Ich dachte, in einer Klinik würde ich gesund werden. Ich dachte, eine Pille würde mich heilen. Dass beides scheiterte, war für mich fast noch katastrophaler als die Krankheit selbst. Anstatt geheilt zu werden, wurde ich in eine Verzweiflung gestürzt, aus der ich nie wieder aufzutauchen glaubte. Wenn das große Allheilmittel des einundzwanzigsten Jahrhunderts mir nicht helfen konnte, was würde mir dann helfen können?

Nach monatelanger Medikation und zwei Aufenthalten in psychiatrischen Kliniken räumte mein Psychiater ein, dass er mit seinem Latein am Ende war. Ich habe etwas, was als behandlungsresistente Depression bekannt ist. Mit anderen Worten, sie widersetzt sich allen chemischen Versuchen, sie zu lindern. Erst als es mir etwas besser ging, erzählte er mir, dass Antidepressiva, seiner Erfahrung nach, nur dreißig Prozent der Personen helfen, denen er sie verschreibt. Später erfuhr ich, dass die Meinungen hierzu, wie auf fast jedem Gebiet der depressiven Krankheit, auseinandergehen, dass sich jedoch die meisten Experten darüber einig sind, dass Antidepressiva bei einer beträchtlichen Anzahl von Patienten völlig unwirksam sind.

Die Psychopharmakologie ist alles andere als ein Allheilmittel, sondern eine lächerlich ungenaue Wissenschaft. Ihr Ruf als modernes Wundermittel gründet sich auf die dreißig Prozent, bei denen die Antidepressiva zu einer fast magischen Heilung bis hin zur fast vollständigen Remission führen. Bei den nächsten dreißig bis vierzig Prozent, die an Depressionen leiden, lässt es sich nicht eindeutig sagen. Sie müssen zwei oder drei oder sogar vier verschiedene Antidepressiva ausprobieren, um das eine Mittel zu finden, das ihnen hilft. Und schließlich, bei den letzten dreißig Prozent, bei Leuten wie mir, zeigen Antidepressiva überhaupt keine Wirkung.

»Warum«, fragte ich meinen Psychiater, »sagen Sie uns das nicht?«

Er zuckte mit den Schultern. »Weil es zu meinem Beruf gehört, meinen Patienten Hoffnung zu geben.«

Hier stimme ich ihm zu, aber ich weiß auch, dass es nichts Hoffnungsloseres gibt als einen Depressiven, der glaubt, dass ihm nicht zu helfen ist, und der nicht weiß oder versteht, warum.

Als ich zum ersten Mal depressiv wurde, setzte ich mein ganzes Vertrauen in die moderne Medizin. Wie die meisten Leute glaubte auch ich an den Mythos der Glückspillen. Man bekommt eine Depression, man nimmt Medikamente, man wird geheilt. Als dieses Heilmittel nichts half, glaubte ich aus irgendeinem unerfindlichen Grund, es sei meine Schuld – ich sei es, die die moderne Medizin enttäuschte, und nicht umgekehrt.

Bedauerlicherweise bin ich damit nicht die Einzige. In einer Studie, die das Forschungszentrum für Klinische Neurowissenschaft in Dartford veröffentlicht hat, heißt es:

Rund fünf Millionen Menschen in England erkranken irgendwann im Laufe ihres Lebens an einer Depression. Während viele Leute vollständig genesen, sind rund dreißig bis vierzig Prozent resistent gegen herkömmliche Therapien. Für sie ist die Depression eine dauerhafte, schwächende Krankheit, und für manche bleiben nur noch Behandlungsoptionen wie die Psychochirurgie und die EKT.4

Ich erinnere mich an einen Tag in der Praxis meines Psychiaters. Ich sitze zusammengesackt auf dem Sofa, zitternd und schluchzend. Die Miene meines Psychiaters ist ernst. Und er macht einen besorgten Eindruck. Die Prognose, sagt er, sei schlecht. Ich bin seit ungewöhnlich langer Zeit schwer depressiv, seit rund achtzehn Monaten, was lange genug ist, um meine Erkrankung als »chronisch« anzusehen.

Er schlägt vor, es mit einer EKT (Elektrokrampftherapie) zu versuchen, aber ich habe mit angesehen, wie eine Freundin, die ich bei meinem ersten Aufenthalt in einer psychiatrischen Klinik kennenlernte, an ihren Folgen litt, offenbar ohne großen Nutzen. Ihr Gedächtnis, klagte sie, wurde dabei »zertrümmert«. Ich bin absolut dagegen und sage das auch. Ich will meine Erinnerungen, die guten ebenso wie die schlechten. Er legt die Stirn in Falten, ein winziges, ungeduldiges Zucken umspielt seine Augen. Er ist Wissenschaftler. Er will mich gesund machen, nicht ganz. Das ist zumindest meine Interpretation, und einen Augenblick lang frage ich mich, was denn das Ganze von mir ist. Wenn die Depression ein Teil von mir ist, dann muss ich sie vielleicht einfach so akzeptieren, wie sie ist. Nur weiß ich, dass ich nicht so weitermachen kann. Das weiß er auch. Er versucht zu helfen.

»Wie funktioniert die EKT?«, frage ich.

»Das wissen wir nicht. Wir wissen nur, dass sie es im Allgemeinen tut und dass der Gedächtnisverlust im Allgemeinen kurzfristig und kurzlebig ist.«

Ich seufze. Er sagt bei Weitem zu oft »im Allgemeinen«. »Aber es gibt keine Garantien?«

»Nein«, antwortet er und weicht meinem Blick aus.

Dann erzählt er mir, wie er einmal mit einem Freund, mit dem er zusammen studiert hatte, im Zug fuhr. Der Freund ist Herzchirurg. Mein Psychiater versucht, seine Arbeit zu erklären, und ein paar der Schwierigkeiten, denen er tagtäglich begegnet. Ich nehme an, dass ich eine dieser Schwierigkeiten bin. Nach einer Weile ruft sein Freund, der Herzchirurg, aus: »Das ist ja fast so, als wäre man im OP und würde sich auf den ersten Einschnitt vorbereiten und auf einmal riefe jemand: ›Nein, machen Sie den Schnitt hier drüben!‹ Und dann riefe ein anderer: ›Nein hier drüben!‹ Und dann würde sich eine dritte Stimme einschalten: ›Hier drüben!‹«

»In solchen Fällen«, sagt mein Psychiater, »kommt es auf den Versuch an. Wir können es versuchen, aber der Versuch kann sich als Irrtum erweisen.«

Ich bin ein Fall. Ich bin ein Versuch. Und ich bin ein Irrtum.

»Sie Ärmster«, sage ich, aber tatsächlich meine ich, ich Ärmste.

Es gibt, sagt er, noch eine Behandlungsmöglichkeit für chronische Patienten, eine Lobotomie. Nicht die uralte Eispickel-Version des Hollywood-Mythos, sondern eine moderne, verbesserte Methode mithilfe hauchdünner Drähte. Heutzutage ist sie unter der etwas sanfteren Bezeichnung Psychochirurgie bekannt. Doch die Erfolgsquote bei den chronischen Patienten liegt bei lediglich zwanzig Prozent.

Ich sage nichts. Ich denke, er macht einen Witz. Ich hoffe, er macht einen Witz, obwohl ich sehen kann, dass er keinen macht. Wir kommen zurück auf das Thema meiner Medikation. Bis jetzt haben wir es mit fünf verschiedenen Varianten und zwei Kombinationen wieder anderer Medikamente versucht. Ich komme mir vor wie in einem Süßwarenladen. Versuchen wir es doch mal mit den Blauen. Nicht gut? Na ja, wie wär’s dann mit ein paar Blauen zusammen mit ein paar Rosaroten? Oder wie wär’s mit ein paar von den Gelben?

In einem verzweifelten Versuch, das Muster des Widerstands zu brechen, pumpt mich mein Psychiater mit immer mehr Medikamenten voll. Er ist ein unverbesserlicher Optimist. Ich glaube, alle Psychiater müssen Optimisten sein. Sie könnten ihren Beruf nicht länger ausüben, wenn sie es nicht wären.

Eine Zeit lang nehme ich die Höchstdosis des Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmers (SNRI) und Antidepressivums Venlafaxin, das behandlungsresistenten Patienten oft verabreicht wird. Außerdem täglich ein Gramm Lithium. Lithium wird im Allgemeinen bei einer bipolaren Depression (manischen Depression) verschrieben, an der ich nicht leide. Allerdings ist ein Forschungsteam aus den Vereinigten Staaten der Ansicht, dass Lithium, zusätzlich zu einer Megadosis eines SSRIs (Selektiver Serotonin-Wiederaufnahmehemmer) oder SNRIs verabreicht, in manchen Fällen den Widerstand brechen kann.

Bei mir bewirkt es nichts, außer dass ich körperlich so krank werde, dass ich glaube, ich könnte sterben. Ich zittere so heftig, dass ich mich kaum auf den Beinen halten kann. Ich habe einen säuerlichen Geschmack im Mund, der so abstoßend ist, dass ich nichts essen kann. Selbst Wasser schmeckt faulig. Aber an meiner Depression ändert sich nichts.

Es geht mir schlechter als je zuvor, und es ist zwei Jahre her, seit ich mein erstes Antidepressivum eingenommen habe, verschrieben von meiner Hausärztin. Sie hat wahllos in ein Buch getippt. »Versuchen wir’s damit«, sagte sie. Zehn Monate später wurde ich mit einer schweren klinischen Depression in eine Klinik eingewiesen. Dort warf der Arzt nur einen Blick auf die Menge an Antidepressiva, die ich nahm, und lachte laut auf.

Meine Hausärztin traf keine Schuld. Sie tat, in einem begrenzten zeitlichen Rahmen und mit einem begrenzten Wissen über die neuen Medikamente, die ständig auf den Markt kommen, ihr Bestes. Ein voll ausgelasteter Hausarzt wird in jeder Sprechstunde mit einem neuen Fall von Depression konfrontiert. Jeder Dritte, der in eine Hausarztpraxis kommt, hat schwerwiegende psychologische Symptome. Und dennoch ist unser Wissen über ernste depressive Störungen so begrenzt, dass sie nur bei sechzig Prozent derjenigen, die damit zum Arzt gehen, entdeckt werden, und nur zehn Prozent derjenigen, bei denen sie diagnostiziert werden, an Spezialeinrichtungen überwiesen werden.

Es ist nicht so, dass die Wissenschaft uns im Stich lässt. Es ist nur so, dass die Lösung ebenso komplex und vielschichtig ist wie die Krankheit selbst. Für jede Theorie hinsichtlich ihrer Ursachen gibt es eine andere, die ihr widerspricht; für jede neue Behandlungsmethode gibt es eine andere, die sie als unwirksam abtut. Das ist kein absichtliches Behindern. Eine depressive Krankheit ist nicht nur komplex, sondern auch in hohem Maße individuell. Was dem einen hilft, hilft nicht unbedingt auch dem anderen. Und oft gibt es keine Erklärung dafür, warum dem so ist. Die Wissenschaftler wissen nicht, warum manche Methoden oder Medikamente helfen und andere nicht. Sie wissen, dass SSRI-Antidepressiva manchen Leuten helfen, aber sie haben weder eine Ahnung, wie, noch wissen sie, wie die Langzeitwirkungen aussehen könnten.

Aber es gibt Hoffnung. Wir müssen nur in mehr als einer Hand voll Pillen danach suchen. Wir müssen die Depression ganzheitlich betrachten, als eine Krankheit von Geist, Körper und Seele (ich zögere, dieses Wort zu verwenden, aber mir fällt kein anderes ein), und sie entsprechend behandeln.

John F. Greden, Rachel-Upjohn-Professor für Psychiatrie und Klinische Neurowissenschaft an der Medizinischen Fakultät der University of Michigan, nennt die Depression die »Unter«-Krankheit – wie in unterdiagnostiziert, untertherapiert und unterdiskutiert. Zu ihrer Behandlung hat er sich wie folgt geäußert:

Wenn Sie mit »Heilung« die vollständige Eliminierung der Erkrankung für immer meinen, dann würde ich sagen, dass wir sie nicht in dieser Weise betrachten sollten. Tatsächlich trifft es vermutlich auf die meisten Leute nicht zu. Wenn Sie mich fragen, ob man Leute mit einer Depression in einen Zustand der Remission, des Wohlbefindens und normalen Funktionierens bringen kann und sie dort bleiben können, dann ist die Antwort ein entschiedenes Ja.5

Das glaube ich gern, wie ich auch glaube, dass es nicht nur eine einzige Theorie oder Therapie oder Arznei gibt, die Ihnen – oder mir – helfen kann, gesund zu werden. Oder gesund zu bleiben. Es gibt keine einfache Heilung und keine Wundermittel, und es gibt keine Glückspillen, so gern wir auch an sie glauben würden. Und wir glauben ja so gern. Ich weiß schon gar nicht mehr, wie viele Leute zu mir gesagt haben: »Ich denke, ich sollte besser Antidepressiva nehmen.« Als sei es ein Eingeständnis ihrer Niederlage und das Ende all ihrer Probleme zugleich.

Na ja, warum auch nicht? Wenn sie helfen, dann ist es ja wunderbar. Jede Waffe im Kampf gegen die Depression ist eine Betrachtung wert, und es könnte einmal der Tag kommen, an dem eine tägliche Pille das Einzige ist, was man braucht. Bis dahin müssen Leute wie ich, die feststellen, dass Antidepressiva ihnen kaum oder gar nicht helfen, einen anderen Weg nehmen.

Dieser Weg ist nicht leicht, aber er ist möglich. Er umfasst die unterschiedlichen Gesprächstherapien und die tagtäglichen Disziplinen, wie Spazierengehen, Yoga und Meditation. Er greift auf Liebe, Vertrauen und Glauben zurück – nicht rein spirituellen Glauben, sondern Glauben an das Leben selbst. Er erfordert Akzeptanz, Demut und eine Bereitschaft zu Offenheit, ständiger Selbstprüfung und tief verletzender Ehrlichkeit. Das sind all die Instrumente, auf die ich selbst zurückgegriffen habe, um gesund zu werden, und ich weiß, dass sie helfen. Nicht nur mir, sondern auch den anderen, die ebenfalls auf sie zurückgreifen. Selbst diejenigen, die der Ansicht sind, dass Antidepressiva eine Antwort auf ihre Gebete sind, werden manche der in diesem Buch geschilderten Methoden vielleicht hilfreich finden.

Die Rückfallquote unter den Depressiven, die sich ausschließlich auf Medikamente verlassen, liegt bei achtzig Prozent. Niemand weiß genau, warum. Manche Wissenschaftler vertreten die Ansicht, dass sich das Gehirn an ein bestimmtes Medikament gewöhnt, das dann allmählich seine Wirksamkeit verliert. Wieder andere glauben, dass die Krankheit mutiert oder zumindest nicht aufgrund eines einzelnen Symptoms diagnostiziert werden kann, sondern aufgrund eines Bündels von Beschwerden, die zu ihrer Zeit jeweils unterschiedliche Behandlungen erfordern. Die Krankheit, wie auch die Heilung, bleibt ein Mysterium. Als ich zu meinem Psychiater sagte, ich hätte den Eindruck, wir seien immer noch nicht über Irrenhäuser und Blutegel hinaus, sagte er, bei Blutegeln wüssten wir zumindest, was sie täten.

Das war es vor allem, was mich veranlasst hat, dieses Buch zu schreiben. Ich habe vielleicht, wie es die Wissenschaftler ausdrücken, »eine dauerhafte, schwächende Krankheit«, aber ich selbst betrachte sie lieber als eine Krankheit, die uns niemals wirklich verlässt, die aber, bei aller Kenntnis und Aufmerksamkeit, mit einer gewissen Würde bewältigt werden kann.

Nigel bekam seine Testergebnisse, und sie waren okay. Seine Leber ist noch immer empfindlich, nach jahrelanger umfassender Medikation. Im Gegensatz zu mir schwört er noch immer darauf, um die Depression in Schach zu halten, an der er leidet, seit er ein Teenager war. Aber alles, was ihn von diesen scharfen Kurven fernhält, soll mir recht sein.

KAPITEL 3

Kehlenmonster und andere Grauen

»Wo bin ich? Was heißt denn das: die Welt? Was bedeutet dieses Wort? (…) Wer bin ich? Wie bin ich in die Welt hineingekommen; warum hat man mich nicht vorher gefragt? (…) Warum soll ich Teilhaber sein? Ist das nicht Sache freien Entschlusses? Und falls ich genötigt sein soll, es zu sein, wer ist denn da der verantwortliche Leiter – ich habe eine Bemerkung zu machen –?«

Søren Kierkegaard

Ich gehe den Flur in meiner Wohnung hinunter. Das Monster sitzt mir an der Kehle, hat seine Klauen tief in mich gegraben. Ich kann nichts essen. Ich bekomme kaum Luft. Es ist zehn Monate her, seit bei mir eine schwere klinische Depression diagnostiziert wurde, Monate ohne Anfang oder Ende. Die Zeit bewegt sich wie Melasse, verläuft dick und schwer durch meine Tage.

Ich hasse diese Wohnung. Sie ist schön, eine Altbauwohnung im zweiten Stock, mit hohen Decken und prunkvollen Kaminen, aber ich weiß, dass hinter der Fassade Tränen über die Wände strömen. Meine Tränen. Der Schmerz ist in den Verputz eingedrungen.

Die Wohnung ist zweigeteilt, mit einem langen, schmalen Flur, der die beiden Teile miteinander verbindet. An einem Ende befinden sich ein großes, lichtdurchflutetes Wohnzimmer und zwei Schlafzimmer, Mollys und meines. Die Zimmer sind beige und weiß gestrichen, Zeugen einer Vergangenheit, in der ich versuchte, mich durch Renovieren aus der Dunkelheit herauszuholen.

Mein Schlafzimmer ist klein; verdunkelt von den Leinenvorhängen, die ich selbst angefertigt habe und zum Schutz gegen das Tageslicht zugezogen lasse. Auf dem weißen Bettzeug sind Brandspuren von den Zigaretten, die ich mitten in der Nacht rauche, wenn ich von einem unbekannten, unsichtbaren Grauen aus dem Schlaf gerissen werde, aber zu benommen von Schlaftabletten bin, um zu wissen, was ich tue.

Am anderen Ende des Flurs befinden sich die Küche und mein Arbeitszimmer, das ich nur selten aufsuche. Manchmal wage ich mich hinein und setze mich an meinen Computer, vor den ausgeschalteten schwarzen Bildschirm, und gehe lustlos meine Bücherstapel durch. Sie sehen verstaubt und trostlos aus und scheinen seit einiger Zeit vernachlässigt. Ich bleibe nie lange.

Die Küche ist riesig und halb fertig, als hätte jemand voller Verzweiflung aufgegeben. So ist es auch. Ich war dieser Jemand. Ich habe die halbe Wohnung renoviert und dann einfach aufgegeben. Die Küche hat keine Einbauelemente, nur ein paar einfache Küchenschränke; der Kühlschrank ist uralt, und die meisten Fächer darin sind kaputt. Der Heißwasserhahn klemmt, aber ich habe nicht die Energie, einen Klempner zu rufen. Ich bin mir nicht sicher, ob ich überhaupt wüsste, wie. Manchmal erscheint mir das merkwürdig. Ich hatte einmal vierzig Mitarbeiter unter mir und ein Millionenbudget zu verwalten. Jetzt kann ich nicht einmal mehr einen Klempner rufen, daher mache ich mir das Abwaschwasser mit dem Wasserkocher heiß. Inzwischen finde ich das nicht mal mehr seltsam. Ich finde es normal. Wenn meine Freunde zu Besuch kommen, sehe ich, wie sie erst den Wasserkocher und dann mich ansehen. Dann weiß ich nicht, wie ich es erklären soll, und sage nichts.

Während ich den Flur hinuntergehe, halte ich mich mit den Händen an den Wänden fest, da ich so heftig zittere, dass ich mich kaum auf den Beinen halten kann. Im nächsten Augenblick liege ich schon ausgestreckt auf dem Boden, das Gesicht in den Teppich gepresst. Ich denke, wie konnte das passieren? Bin ich gestolpert und gestürzt? Ich kann mich nicht erinnern. Es war, als hätte mich eine riesige Hand an der Kehle gepackt und zu Boden geworfen. Hätte ich es nicht selbst erlebt, hätte ich mir nicht geglaubt. Ich reiße an meiner Kehle, ohne Erfolg, versuche, das Monster wegzuzerren. Ich denke, jetzt werde ich sterben. Es gibt keinen anderen Weg.

Oder nur einen. Wodka. Wenn der Schmerz so schlimm ist, dann weiß ich kein besseres Betäubungsmittel als Wodka. Kein verschriebenes Beruhigungsmittel hilft mir annähernd so gut. Und glauben Sie mir, in den letzten Monaten habe ich sie alle genommen, mit dem Segen meines Psychiaters.

Für den Alkohol gibt er nicht seinen Segen, aber schließlich ist er auch nicht in dem Zustand, in dem ich bin. Und er, der Glückliche, ist auch nie darin gewesen. Manchmal glaube ich, nur wer selbst einmal an einer schweren Depression gelitten hat, sollte andere mit einer schweren Depression behandeln dürfen. Ich bin die ganze Theorie gründlich leid. Ich habe in sechs Wochen über sechs Kilo zugenommen. Mein Körper kommt mir schwammig und schwer und seltsam fremd vor. Es ist, als ob mein Fleisch mit einer dicken, zähen Flüssigkeit vollgepumpt wurde. Ich beklage mich darüber bei meinem Psychiater.

»Speziell bei diesen Pillen sollten Sie eigentlich nicht zunehmen.«

»Das habe ich aber. Und dabei esse ich kaum etwas.«

»Es gibt keinen Beweis dafür, dass diese Medikation den Stoffwechsel beeinflusst.«

Ich sage: »Ich bin der Beweis.«

Genau wie ich der Beweis dafür bin, dass Antidepressiva nicht helfen. Zumindest mir nicht. Wir haben es mit vier verschiedenen Sorten versucht; nichts scheint diese dunkle Verzweiflung aufhellen zu können. Von dem jetzigen Medikament muss ich so heftig zittern, dass ich manchmal nicht einmal eine Tasse Tee oder einen Stift in der Hand halten kann. Ich kann nicht einmal meinen eigenen Namen schreiben. Und es macht, falls das überhaupt möglich ist, das Kehlenmonster nur noch schlimmer.

»Es könnte die Krankheit sein, die sich zurückmeldet«, sagt mein Psychiater.

»Vielleicht sind es die Medikamente«, vermute ich. »Ich glaube, sie vergiften mich.« Ich zeige ihm meine Zunge nicht, die von all den Chemikalien, die ich tagtäglich schlucke, mit einer dicken dunkelbraunen Schicht belegt ist.

Mein Psychiater legt die Stirn in Falten. Paranoia ist ein Symptom extremer Depression. Ich hasse meine Medikamente. Ich bin nie glücklich.

Es gab einmal eine Zeit, da hätte ich über die Ironie dieses Gedankens lachen müssen.

Er sagt: »Das Zittern und das mit der Kehle könnten Symptome von Angst sein, die oft mit einer Depression einhergeht.«

»Ich leide nicht an Angst. Das sind die Nebenwirkungen der Medikamente.«

Ich bin in zwei psychiatrischen Kliniken gewesen. Ich habe schwere Angststörungen aus nächster Nähe gesehen. Wenigstens das ist mir erspart geblieben.

Er sagt nichts.

»Das ist doch alles Blödsinn«, sage ich.

Ich bin keine geduldige Patientin.

Ich rappele mich auf und taste mich weiter den Flur hinunter, die Hände fest an die Wand gedrückt, um nicht den Halt zu verlieren, und stoße gegen ein gerahmtes Foto, sodass es jetzt schief hängt. Ich sammele Schwarz-Weiß-Fotografien: Norman Parkinsons Frauen, gelassen, frostig und unbeschreiblich chic, Andrew Macphersons moderne Mädchen, lächelnd und sexy, und Matt Dillon, von einem frühen Fotoshooting, das ich mit ihm für die Vogue gemacht habe, als er einfach nur ein gut aussehender Junge war und noch kein berühmter Filmstar. Schließlich Bruce Weber, Fotograf, bei Filmaufnahmen in Cannes.

Ich liebe sie. Sie sind wunderschön. Und jetzt taumele ich unbeholfen an ihnen vorbei, als ob sie mir völlig egal sind.

Meine Küche sieht seltsam aus, als wäre sie mir sehr vertraut und doch ein Raum, den ich kaum kenne. Ich wühle im Kühlschrank, finde eine Flasche mit eiskaltem Wodka und schenke mir ein Glas ein. Meine Hände zittern heftig. Ich verschütte etwas Wodka auf dem Holztisch, den ich früher einmal wöchentlich poliert habe, mit Bienenwachs und weichem Lappen. Ich kümmere mich nicht um die nasse Pfütze, lasse das Ethanol in das Holz eindringen. Ich habe nicht die Energie, nach einem Lappen zu suchen.

Der Wodka brennt mir in der Kehle, aber allmählich dringt die Wärme in mich ein, und die Klaue lockert ihren Griff ein klein wenig. Wie spät ist es? Kurz nach zehn Uhr morgens. Ich versuche, mich zu erinnern, was zehn Uhr morgens heißt, wie es sich anfühlt. Aber ich kann es nicht. Die Zeit hat keine Bedeutung mehr für mich. Ich taumele zurück ins Bett und versuche zu schlafen. Versuche, bewusstlos zu werden. Ich will nicht schlafen. Ich will vergessen.

Es hämmert in meinen Ohren. Ein gedämpftes Hämmern, als hätte mir jemand einen Sack über den Kopf gestülpt. Ich öffne die Augen. Mein Schlafzimmer ist dunkel, die Vorhänge sind zugezogen, um die Sonne nicht hineinzulassen, die fröhlich scheint. Ich hasse die Sonne. Wenn die Sonne scheint, sollte ich glücklich sein. Ich sollte. Ich sollte.

Dunkelheit braut sich in meinem Kopf zusammen. Er ist schwarz, dieser Tag. Schwärzer als schwarz, schwer und erdrückend. Und das Monster ist noch immer an meiner Kehle. Es hat die Form einer Schlange, mit einem dicken, muskulösen, schuppenbedeckten Schwanz, der sich immer wieder um meinen Hals wickelt und fest zudrückt. Sein Kopf hat weder Maul noch Augen, nur eine einzige Vogelkralle, eine schwarze Klaue mit scharfen silbernen Spitzen. Die Klaue gräbt sich vorn in meine Kehle und krallt sich fest. Ich versuche, ihm etwas von seinem Grauen zu nehmen, indem ich ihm einen Namen gebe: das Kehlenmonster. Verschiedene Therapeuten schlagen vor, ich sollte noch einen Schritt weiter gehen und versuchen, mich mit ihm anzufreunden. Ich denke, sie machen es sich zu einfach, und ignoriere ihre Vorschläge. Ich will keine niedliche Karikatur, keinen Hundewelpen, der in meiner Kehle lebt. Ich will nicht, dass es mein Freund ist. Ich hasse es. Ich will, dass es verschwindet. Ich will Medikamente, damit es aufhört. Wo ist die moderne Wissenschaft, wenn ich sie brauche? Warum weiß man so wenig über Geisteskrankheiten? Was ist das, woran ich leide?

Schmerz, sagte ein Therapeut. Unausgesprochener Schmerz. Der hat Sie an der Kehle gepackt.

Seien Sie nicht albern, sagte ich damals. Sie haben zu viel Fantasie.

Aber wenn ich allein bin und das Monster an meiner Kehle zerrt, dann denke ich, dass es, was immer es ist, mich umbringen wird.

Meinem Psychiater zufolge ist das Monster nicht echt. Er sagt es entschuldigend, als ob ich es bereits wüsste. Natürlich weiß ich das. Natürlich ist es nicht echt. Es ist nicht einmal ein Monster, sondern eine somatische Manifestation meiner Krankheit, ein bloßes klinisches Symptom einer ernsten depressiven Störung. Das Kehlenmonster hat sogar einen richtigen psychiatrischen Namen, sagt er, aber keinen Namen, der mir gefallen wird. Es heißt Globus hystericus, ein psychologischer Fachausdruck für »Klumpen in der Kehle«, den Freud ihm gegeben hat. Natürlich, es musste Freud sein. Natürlich, es musste am häufigsten bei Frauen auftreten. Die Miene meines Psychiaters ist ernst. Er weiß, dass ich diese Assoziation von Hysterie und Frauen hasse.

Trotzdem finde ich Trost in dem Wort »Symptom« und seinem kühlen, empirischen Klang. Die Realität, selbst wenn der Klumpen in meiner Kehle tatsächlich nicht echt ist, ist nicht tröstlich. Er tut weh und fühlt sich an wie ein verknoteter Strick um meinen Hals, bei dem der Knoten hart gegen meine Luftröhre drückt. Und er will einfach nicht verschwinden. Es ist das Gefühl, das man bekommt, wenn man versucht, Tränen zurückzuhalten, dieser feste, schmerzhafte Kloß, der immer weiter wächst, während man versucht, ihn hinunterzuschlucken. Irgendwo habe ich gelesen, Weinen könne die Symptome lindern. Das kann nicht sein, jedenfalls nicht bei mir. Ich weine und weine. Ich weine so viel, dass ich mich manchmal wundere, dass überhaupt noch Wasser in meinem Körper ist.

Ich schließe die Augen. Die Zeit verstreicht. Ich weiß nicht, wie viel Zeit. Ist es Tag oder Nacht? Ich höre Kinder auf der Straße rufen: »Scheiß Wichser!« Die Schule muss aus sein. Die Rufe sind zu laut, sie hämmern in meinem Kopf. Ich lege mir ein Kissen aufs Gesicht und drücke es nach unten, um mir die Ohren zuzuhalten. Ich glaube zu ersticken. Das Monster tobt in meiner Kehle. Ich nehme das Kissen wieder weg.

Die Rufe schwächen sich allmählich ab. Es ist so dunkel. Warum ist es so dunkel? Bin ich wach? Bin ich am Leben? Ich bin es. Scheiße. Ich will mehr Wodka, ich will eine Schlaftablette, ich will irgendetwas, was mich davon abhält, wach zu sein, oder am Leben, aber ich zwinge mich, das Bett zu verlassen, um mir eine Tasse Tee und ein Gurkensandwich zu machen. Das ist das Einzige, was ich essen kann. Das heißt, falls ich überhaupt etwas esse.

Ich schneide die Gurke in dünne Scheiben, schabe Butter von einem kalten Block ab und lege sie auf schwammige quadratische Weißbrotscheiben. Ich hasse Weißbrot. Oder nicht? Früher habe ich es gehasst. Ich schneide die Kruste ab, teile das Sandwich in ordentliche Dreiecke und lege es auf einen weißen Teller.

Sobald ich mir das Sandwich gemacht habe, weiß ich nicht mehr, was ich damit anfangen oder wohin ich gehen soll. Ich stehe eine Weile in der Küche, starre auf den Teller, den dampfenden Becher mit Tee. Ich kann mich an diesen Becher erinnern, kann mich erinnern, wann ich ihn gekauft habe und dass er unbedingt weiß sein musste und das Porzellan eine bestimmte Dicke haben und der Griff genau so geschwungen sein musste.

Ich war bei Heal’s, während des Schlussverkaufs, und ich kaufte sechs Becher zum halben Preis. Sie wurden in einem dicken braunen Pappkarton verkauft, der mit breiten schwarzen Heftklammern verschlossen war. Ich brauchte Stunden, um diese Klammern zu entfernen. Eine Freundin rief mich neulich an.

»Wie geht es dir?«, fragte sie.

Die Sonne schien, der Himmel war erbarmungslos blau. Es war erst elf Uhr vormittags, aber ich war seit drei Uhr zwanzig wach. Ich war im Bett, da ich, wie üblich, nicht wusste, wohin ich sonst gehen sollte. Ich sagte, ich sei niedergeschlagen. Niedergeschlagen ist der Euphemismus des Depressiven für Verzweiflung.

Sie sagte: »Wie kannst du an einem solchen Tag depressiv sein?«

Ich wollte sagen: »Wenn ich Grippe hätte, würdest du mich dann fragen, wie ich an einem solchen Tag krank sein kann?«

Ich sagte nichts. Sie meinte es gut.

Leute schicken mir Karten. Die Bilder auf den Vorderseiten sind harmlose Aquarelle von Blumen oder nüchterne, abstrakte Kunst. In den Karten schreiben sie, dass es ihnen leidtut zu hören, dass es mir nicht gut geht. Dass sie mich immer für »so stark« gehalten haben.

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