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Das Mörderkind

Alfred J. Schindler

36

Das Mörderkind

 

Horrorthriller

 

von

 

Alfred J. Schindler

 

 

 

VORWORT

 

 

Wenn die dreijährige Michaela stürzte und sich die Ellenbogen aufschlug, lief sie nicht heulend und schreiend zu ihrer Mutter. Sie stand wieder auf, ging zum Medikamentschränkchen und holte sich ein großes Pflaster. Sie klebte es auf die wunde Stelle und die Sache war für sie erledigt. Michaela war nicht im Geringsten wehleidig. Läppische Erlebnisse solcher Art steckte sie einfach weg. Schon damals merkten ihre Eltern mit Erstaunen, wie seltsam ihr kleines Goldkind war.

 

Normalerweise teilen sich kleine Mädchen ihre Geheimnisse mit ihrer Mama, ihrem Papa oder mit ihren besten Freundinnen. Michaela tat es nicht. Sie behielt ihre Geheimnisse lieber für sich. Ihre Eltern gewöhnten sich an die Besonderheiten ihrer einzigen Tochter und beließen es dabei. Sie versuchten zwar viele Male, in sie einzudringen, etwas über sie und ihre Gefühle zu erfahren, aber es gelang ihnen nicht. Michaela war eben etwas anders, als all die anderen kleinen Mädchen, sagten sie sich. Und sie waren sogar stolz auf sie, weil sie so selbständig dachte und handelte.

 

 

01

 

 

Ich hatte schon viele Kriminalgeschichten gesehen, wenn ich mit meinen Eltern abends vor dem Fernsehapparat saß. Schon im zarten Alter von zehn Jahren erlaubten sie mir, Sendungen wie z. B. den Tatort, mit anzusehen. Bei mir hinterließ dies jedoch deutliche Spuren. Mir war damals nicht klar, dass dies nur gestellte Szenen waren, wenn in einem Film wieder einmal ein Mitbürger das Zeitliche segnete.

 

Für mich war es Realität.

Die nackte Wahrheit.

 

Meine Eltern erklärten mir zwar immer und immer wieder, dass dies nicht die Realität sei, aber ihre Äußerungen und Belehrungen prallten von mir ab. Ich sah sehr deutlich im Bildschirm, wie die Menschen erschossen, erstochen, erschlagen, erwürgt und vergiftet wurden. Es machte mir nichts aus. Nicht das Geringste. In mir regte sich nichts, wenn ich eine der Leichen sah, obwohl ich noch immer der Meinung war, dass es Realität war. Mitleid war für mich ein absolutes Fremdwort. Aber ich konnte mir trotzdem nicht vorstellen, wie das Leben...

 

... aus einem Menschen entwich.

Und genau das interessierte mich überaus...

 

Ich wollte unbedingt wissen, wie das Leben beim Tod eines Menschen aus dessen Körper entwich. Wie gesagt.

 

Und wie es sich anfühlte, einen Menschen zu ermorden.

 

Ja, das interessierte mich.

 

 

02

 

 

Gerhard, der elfjährige Nachbarjunge, hatte sich in mühevoller, monatelanger Arbeit – sein Vater half ihm natürlich dabei – ein wunderschönes Baumhaus gebaut. Es befindet sich in etwa zehn Metern Höhe in einer uralten, dicken Eiche. Eine stabile Strickleiter ermöglicht den fast gefahrlosen Auf- und Abstieg zum bzw. vom Baumhaus, zumal sich ganz oben an der Leiter zwei stabile Halterungen befinden. Gerhard ist unglaublich stolz auf sein Werk, zumal ich beim Bau wochenlang höchst interessiert zugeschaut hatte.

 

„Gerhard, darf ich auch mal hinaufklettern?“

„Du möchtest mein Baumhaus sehen?“

„Ja, ich möchte wissen, wie es von innen aussieht.“

„Kommst du die Strickleiter alleine hoch, oder soll ich dir helfen, Michaela?“

„Was denkst du denn? Ich habe in Sport eine Eins!“

„Ja, du bist sehr sportlich.“

 

Er macht mir gerne Komplimente, denn er ist in mich schon längere Zeit verliebt. Ja, ich spüre es sehr deutlich. Er steht wohl auf lange, blonde Haare. Und mein schmales Gesicht mit den hellblauen Augen hat es ihm angetan. Gerhard kann sich an mir gar nicht satt sehen. Ich spüre es ganz deutlich, wenn wir uns tagtäglich begegnen. Aber auch er braucht sich nicht zu verstecken. Er ist ein schlaksiger Bursche mit kurzem Haarschnitt und mandelförmigen Augen. Er ist etwas frühreif, der kleine Mann, aber seine Eltern können es ihm nicht verdenken. Sie verstehen, dass er sich allzu gerne mit mir trifft.

 

Aber ich liebe ihn nicht. Ich kann ihn zwar gut leiden, weil er so ein lustiger Vogel ist, aber Gefühle habe ich nicht für ihn. Gut, dass er es nicht weiß.

 

Ich klettere die Strickleiter hoch. Gerhard hinterher. Im Nu sind wir im Baumhaus angelangt.

 

„Oh! Was man von hier oben für einen tollen Ausblick hat, Gerhard!“

„Ja, man kann über unsere beiden Häuser fast hinwegsehen.“

„Und der schöne Wald ringsum!“

„Ja, gefällt mir auch ganz gut.“

„Zeigst du mir jetzt dein Baumhaus von innen?“

„Ja, komm!“

 

Gerhard hat sich wirklich große Mühe gegeben. In seinem Baumhaus fühlt man sich sofort wohl. Es ist äußerst gemütlich eingerichtet und ich frage ihn, wie er und sein Vater es geschafft hatten, das große Bett hinauf-zuschleppen.

 

„Das war überhaupt kein Problem. Michaela! Wir sind beide sehr stark!“, brüstet er sich.

„Aber wie habt ihr es durch die schmale Türe gebracht?“

„Wir hatten es zuvor zerlegt und oben wieder zusammengesetzt.“, gesteht er verschämt.

„Das dachte ich mir schon.“

„Die schweren Teppiche schleppte ich aber nach oben!“

„Zeig mir mal deine Muskeln!“

 

Wir lachen ausgelassen. Ich mag Gerhard. Das steht fest. Aber urplötzlich kommt in mir wieder dieser seltsame Gedanke hoch: Wie gesagt, möchte ich schon lange wissen, wie das Leben aus einem Menschen entweicht. Ich möchte außerdem wissen, wie es sich anfühlt, wenn man einen Menschen tötet. Ist es meine kindliche Neugier, oder ist es etwas anderes, das mich in solch grauenhafte Ideen treibt? Ich frage mich: Sind es überhaupt grauenhafte Ideen? Oder ist es ganz normal, wenn man sich solche Fragen stellt?

 

Für mich sind es jedenfalls ganz normale Gedanken. Nicht mehr und nicht weniger.

 

Dieser innere Antrieb, töten zu wollen, verfolgt mich schon längere Zeit. Wie gesagt. Ich kann nichts dagegen tun.

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