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Das Model und der Scheich

PROLOG

Die Passkontrolle war mit zwei Beamten besetzt, vor denen sich kurze Warteschlangen gebildet hatten. Hinter den beiden Männern stand ein Dritter, der aufmerksam die Gesichter der Reisenden musterte. Inmitten des hektischen Treibens auf dem Flughafen wirkte er wie die Gelassenheit in Person …

Aber als er in Desirées Richtung sah, überkam sie eine innere Unruhe, und obwohl sie eine dunkle Sonnenbrille trug, wich sie dem Blick des Mannes aus. Mit ihrem Pass in der Hand und ihrer Tasche, die sich schon auf vielen Reisen bewährt hatte, schloss sie sich der linken Wartereihe an.

Schon der kurze Augenkontakt hatte Desirée beeindruckt. Von der Wüstensonne war das edle Gesicht des Mannes braun gebrannt. Seine Kleidung bestand aus einem makellos reinen weißen Kaftan aus Baumwolle und einem weiten Umhang, dem Burnus.

Um den Kopf trug er das landestypische Tuch, das, wie Desirée wusste, Kefije genannt wurde. Sein Gesicht war von einer entschlossenen Kinnlinie und hohen Wangenknochen geprägt. Auf sie wirkte es, als sei es aus den Felsen der Wüste gemeißelt, die sie aus dem Flugzeug betrachtet hatte. Aus der Nähe konnte man eine feine Narbe erkennen, die über seine rechte Wange lief.

„Ihren Pass bitte.“ Die Worte des Beamten rissen sie aus ihren Gedanken. Nervös trat sie nach vorne und legte ihren Ausweis vor.

Desirée Drummond. Erleichtert atmete sie auf. Der Name schien ihm nichts zu sagen.

„Nehmen Sie bitte die Sonnenbrille ab.“

Ihr blieb wohl nichts anderes übrig. Seufzend kam sie der Aufforderung nach. Interessiert musterte der Mann ihr Gesicht. Ohne sie zu erkennen. Langsam entspannte sich Desirée wieder.

Während der Beamte zum Stempel griff und den Pass, der von zahlreichen Reisen zeugte, nach einer leeren Seite absuchte, fragte er mit unüberhörbarem Akzent: „Was ist der Zweck Ihres Aufenthalts?“

„Eine reine Vergnügungsreise.“ Schon die erste Lüge, dachte sie dabei, denn Vergnügen war das Letzte, worauf sie hier hoffen konnte. „Ich studiere Archäologie und möchte zu einer Ausgrabungsstätte“, fügte sie unbeholfen hinzu. Das kam der Wahrheit schon näher.

Doch anscheinend hatte er sie nicht verstanden, denn mit sichtlichem Vergnügen fragte er: „Was ist das, eine Aus-gra-bungs-stätte?“

„Oh, eine alte Stadt oder etwas Ähnliches, mit Archäologen vor Ort, wo man etwas über die Menschheitsgeschichte herausfinden kann.“

Auf einmal sah er sie mit einem wachsamen Ausdruck an, und schon verwünschte Desirée ihre Ehrlichkeit.

„Wo ist diese Ausgrabung?“, wollte er wissen, entschlossen, sich nicht durch einen Flirt von seinen Aufgaben ablenken zu lassen.

Verlegen lachte sie. „Ich weiß nicht. Wissen Sie, ich werde abgeholt …“

„Stempeln Sie den Pass!“, befahl eine tiefe Stimme in arabischer Sprache.

Er. Der Mann, der sie beobachtet hatte. Er stand hinter dem Beamten. Mit seinen dunklen Augen sah er Desirée so durchdringend an, dass ihr abwechselnd heiß und kalt wurde.

Plötzlich fiel es ihr wie Schuppen von den Augen. Ihr Herz klopfte bis zum Hals.

„Ich glaube es nicht!“, rief sie.

„Hallo, Desi“, sagte er im selben Moment.

„Salih?“

Nichts mehr erinnerte an den Jugendlichen, den sie einst gekannt hatte. Nie hätte sie gedacht, dass er sich so verändern würde. Obwohl er noch keine dreißig war, wirkte er wie ein beinahe vierzigjähriger Mann. Seine Stirn war zerfurcht, die Narbe hatte er früher nicht gehabt, und seine einst sinnlichen Lippen verrieten nun Ernst und Selbstdisziplin. Schultern und Brust waren deutlich breiter und muskulöser geworden.

Und das waren nur die äußeren Veränderungen. Ihn umgab eine Aura von unerschütterlicher Autorität. Zweifellos war er ein befehlsgewohnter und mächtiger Mann. Ein Mann, dem niemand zu widersprechen wagte.

Doch die größte Veränderung lag in seinen Augen. Ihr harter Blick zeugte von einer großen Enttäuschung.

Es war Salih, und gleichzeitig war er es nicht. Desirée konnte sich nicht erklären, wodurch er sich so verändert hatte. Fast kam er ihr wie ein Fremder vor.

Doch sie erinnerte sich an seinen vollen Namen: Exzellenz Salahuddin Nadim ibn Khaled ibn Shukri al Khouri, enger Freund des Prinzen Omar der Emirate von Barakat. Einer der einflussreichsten Männer seines Landes … und Desirées große Jugendliebe.

Sie war gekommen, um ihn zu verführen – und ihn zu täuschen.

1. KAPITEL

„Baba ist Ingenieur.“

Diese mysteriöse Eröffnung hatte Samiha Desirée am ersten Schultag gemacht, und sofort war deren Interesse für die geheimnisvolle und fremde Welt der neuen Freundin mit den dunklen Augen geweckt.

Schon bald hatte sie erfahren, dass Baba dasselbe bedeutete wie Daddy und dass Samihas Vater an die Westküste der Vereinigten Staaten gekommen war, um irgendein großes Gebäude zu bauen.

Es war der erste Tag einer lebenslangen Freundschaft. Denn die fast magische Anziehungskraft, die Samiha und ihre Welt auf Desirée ausübten, blieb für immer bestehen.

Während der gesamten Schulzeit waren die Mädchen unzertrennlich. Auch die Sommerferien verbrachten sie immer gemeinsam.

Im Westen Kanadas besaßen die Drummonds ein Cottage, das malerisch am Ufer einer kleinen Insel gelegen war, ein altes, mit Schindeln verkleidetes Farmhaus mit Nebengebäuden.

In ihrer Jugend waren Desirées Eltern Hippies gewesen. Sie hatten geplant, das ganze Jahr dort zu wohnen und ihr eigenes Gemüse anzubauen.

Die beiden hatten Seminare und Workshops über gesunde Lebensführung, Traumdeutung und Ähnliches veranstaltet. Die im Sommer erwirtschafteten Einnahmen hätten auch für die kalte Jahreszeit reichen sollen. Doch leider waren die Gewinne aus dem Projekt nicht so hoch, dass Desirées Vater seine Stelle an der Universität von Vancouver hätte aufgeben können. Deshalb war aus dem Umzug aufs Land nichts geworden.

Jetzt betrieben die Drummonds das Cottage als Pension für Urlaubsgäste.

Jeden Sommer durften Desirée, ihr Bruder und ihre Schwester einen Freund oder eine Freundin einladen, und Jahr für Jahr entschied sich Desirée für Samiha.

Als Desirée neun wurde, kam Samihas Cousin Salih aus dem Mittleren Barakat, um sein Englisch zu verbessern. Er war zwölf, genauso alt wie Desirées Bruder Harry, und so kam es, dass Salih ebenfalls in das Cottage eingeladen wurde.

Auch die beiden Jungen wurden enge Freunde – und Salihs alljährliche Teilnahme an den Familienferien eine Selbstverständlichkeit.

Er war ein faszinierender Junge: dunkel, geschmeidig und geheimnisvoll wie der Orient.

In den ersten Jahren schwankte Desirée zwischen schwärmerischer Verehrung für ihn und Konkurrenzverhalten. Einerseits wollte sie beweisen, dass sie mutiger und klüger war als er, andererseits wünschte sie sich, er wäre nicht mit Harry, sondern mit ihr befreundet.

Diese explosive Gefühlsmischung war die Voraussetzung für etwas anderes, Tiefergehendes … Im Sommer, bevor sie vierzehn wurde, veränderte sich etwas an der bis dahin unbefangenen Art und Weise, wie sie und Salih miteinander umgingen. Im Jahr darauf kam er nicht mit auf die Insel.

In diesen beiden Jahren wurde Desirée eine junge Frau. Bei einer Körpergröße von über einem Meter achtzig war sie gertenschlank. Sie bekam eine wohlproportionierte Figur mit schönen Brüsten, schlanker Taille und schier endlos langen Beinen. Aus ihrem kindlichen Gesicht verschwand das Rundliche, und ihre Züge wurden feminin und ausdrucksstark.

Kurz nach ihrem sechzehnten Geburtstag begrüßte sie zu Beginn des Sommers den jungen Mann, mit dem sie so viele Ferienerlebnisse verbanden. Sie verkörperte einen so ungewöhnlichen Typ, dass sie vom Talentscout einer Modelagentur entdeckt und von dieser sofort unter Vertrag genommen worden war.

Salih für seinen Teil ließ mit seinen neunzehn Jahren bereits den Mann erkennen, der er einmal sein würde: schlank, aber kraftvoll und breitschultrig, mit dunklen, lebhaften Augen und tiefer Stimme. Dabei schien er nachdenklich und unergründlich – und war sehr selbstbewusst.

Wie konnte es anders sein? Sie verliebte sich in ihn – den Freund, für den sie schon als Kind geschwärmt hatte. Er sah unglaublich gut aus und wirkte bereits sehr männlich und viel erwachsener als ihre Mitschüler. Auch war er viel zurückhaltender als die teilweise recht aufdringlichen Bewunderer, die ihr Vater und die Agentur von ihr fernhielten, so gut sie konnten.

Zweifellos war auch Salih von ihrem veränderten Erscheinungsbild beeindruckt. In ihren langen Haaren schien immer ein Lufthauch zu wehen, und ihre Haut schimmerte seidig und verheißungsvoll.

In ihrem Bikini kamen ihre kleinen wohlgeformten Brüste, die unglaublich langen Beine, der flache Bauch und ihr fester Po wunderbar zur Geltung.

Ausgerechnet in diesem Jahr verbrachten weder Desirées Bruder noch ihre Freundin den Sommer im Cottage. Samiha besuchte die Barakat-Emirate. Und Harry, der sich Geld für sein Studium verdienen wollte, hatte in letzter Minute einen Ferienjob bekommen und wollte nur ab und zu am Wochenende vorbeischauen.

So kam es, dass Desirée und Salih viel Zeit miteinander verbrachten.

Vielleicht lag es daran, dass es so heiß war. Anscheinend waren Desirées Eltern einfach zu träge, um die wachsende Anziehung zwischen den beiden jungen Leuten zu bemerken. Möglicherweise war es ihnen auch gar nicht entgangen und sie hatten sich einfach die freizügige Einstellung ihrer Hippietage bewahrt.

Zum Glück blieben die Inseln von Waldbränden verschont. Doch tagsüber war es heiß wie in einem Backofen. Nachts setzte meistens erfrischender Regen ein, sodass in der frischen, kühlen Morgenluft Dunst über dem See aufstieg. Ungefähr ab zehn Uhr stieg das Thermometer unaufhörlich, und schon ab elf Uhr konnten die Gäste die drückende Hitze kaum noch ertragen.

Alle stöhnten über dieses Wetter – alle bis auf Desirée und Salih. Während er sowieso an hohe Temperaturen gewöhnt war, kam sie sich vor, als sei sie aus einem Dornröschenschlaf erwacht. Sie war voller Energie, wie eine Läuferin vor dem Start.

Noch nie hatte sich ihr Körper so gut angefühlt.

Und das lag ganz sicher nicht nur an der Wärme.

Bald wurden Salih und Desirée unzertrennlich. Immer, wenn sie an diese Ferien zurückdachte, erschienen sie ihr hell und voll purer Lebensfreude.

Die Zeit war ausgefüllt gewesen mit Laufen, Wandern, Schwimmen – und langen Gesprächen.

Natürlich hatten sie auch miteinander gewetteifert. Doch dadurch hatte sich die gegenseitige Anziehungskraft zwischen ihnen nur noch mehr verstärkt.

„Salih?“

Einen Augenblick sahen sie einander an, und vollkommen unerwartet stiegen plötzlich in Desirée angenehm süße Erinnerungen auf – Erinnerungen an die Zeit vor zehn Jahren, die sie völlig überwältigten: wie sie seinen sonnengebräunten Oberkörper streichelte. Wie Salih sie mit seinen dunklen Augen zugleich liebevoll und begehrlich betrachtete. Wie er mit aller Kraft versucht hatte, der Versuchung zu widerstehen …

Ich sollte ihn zur Begrüßung küssen, um ihn von Anfang an aus dem Konzept zu bringen, schoss es Desirée durch den Kopf.

Doch selbst wenn es um ihr Leben gegangen wäre, hätte sie sich nicht von der Stelle rühren können. Wie angewurzelt stand sie da und sah Salih starr an. Sie hatte keine Ahnung, wie sie ihren Plan in die Tat umsetzen sollte.

Nur allzu lebhaft erinnerte sie sich an jene Tage, an den schönen Schwung von Salihs vollen Lippen, an seinen intensiven, leidenschaftlichen Blick. Diese Momentaufnahmen von damals hatten nichts mit dem Mann zu tun, den Desirée jetzt vor sich sah. Salihs Gesichtszüge wirkten nicht nur beherrscht, sondern richtiggehend hart.

„Wen hast du erwartet?“, fragte er.

„Nicht dich.“

Salih hatte nicht damit gerechnet, dass ihr bloßer Anblick genügte, damit sein Herz schneller schlug. Das ärgerte ihn fast noch mehr als die Tatsache, dass sie es überhaupt gewagt hatte herzukommen.

Auf keinen Fall wollte er sich eingestehen, dass er immer noch eine Schwäche für sie hatte. Im Unterschied zu früher war er inzwischen weder seinen noch ihren Bedürfnissen hilflos ausgeliefert. Er würde sich nicht mehr von der starken Anziehungskraft beherrschen lassen, die von Desirée ausging. Nein, er war ein Mann geworden, der sich nicht mehr von seinen Gefühlen leiten ließ. Das würde sie schon bald merken.

Sie zog die rechte Augenbraue hoch – was sie immer tat, wenn sie verunsichert war. Dabei wirkten ihre Augen grau wie Schiefer. Nur zu gut erinnerte er sich daran, dass sie scheinbar die Farbe wechselten. Bei keiner anderen Frau hatte er je etwas Vergleichbares beobachtet … Manchmal waren Desirées Augen klar und dunkel wie Edelstein gewesen. Grün, wenn sie einander tagsüber geliebt hatten … Und manchmal grün-grau gesprenkelt.

„Ich dich auch nicht“, versetzte er knapp.

„Und warum bist du dann hier?“, wollte sie wissen.

„Ich habe gehofft, du würdest es dir anders überlegen. Das wäre besser gewesen.“

„Hoheit“, murmelte der Grenzbeamte ergeben, und seine Majestät Salahuddin Nadim ibn Khaled ibn Shukri al Khouri nahm Desirées Pass an sich. In seiner Wange zuckte ein Muskel.

„Komm, Desi“, forderte er sie auf, während er voranging.

Wie früher sprach er die Kurzform ihres Namens so aus, dass es wie Disie klang. Unwillkürlich erwachten Erinnerungen in ihr. Disie, ich liebe dich. So lange die Sterne am Himmel stehen.

Wenigstens konnte sie sich wieder bewegen. Sie folgte ihm, wobei sie einige Schritte zurückblieb. Wie eine brave muslimische Ehefrau, schalt sie sich selbst und lief schneller, um ihn einzuholen.

Ihre Gefühle waren in Aufruhr, nicht zuletzt, weil er sich so sehr verändert hatte. Ob das an der Wüste lag? Brachte sie mit ihren Extremen einen so harten und entschlossenen Männertyp hervor? Einen Mann, dem man besser aus dem Weg ging?

Doch sie hatte keine Wahl.

Ich bin sicher, dass er nie über eure Trennung hinweggekommen ist, hatte Samiha gesagt. Für einen Kuss von dir würde er alles geben.

Ein bisschen hatte Desirée sogar gehofft, dass es ihr Spaß machen würde, die alte Rechnung zu begleichen. Wie dumm von ihr! Diesem stolzen und verschlossenen Mann machte ihre Begegnung offenbar nicht das Geringste aus.

Er ging auf eine Tür zu, auf der ein schwungvoller arabischer Schriftzug prangte. Darunter stand „Privat“. Dahinter lag ein langer leerer Korridor, den sie wortlos entlanggingen. Angestrengt überlegte Desirée, was sie sagen könnte.

Wenn er sie doch fragen würde, wie der Flug gewesen war! Empfand er das Schweigen nicht auch als bedrückend? Machte es ihm denn gar nichts aus?

„Vom Flugzeug aus habe ich die Wüste von Barakat gesehen“, meinte sie schließlich. „Zum ersten Mal. Ich fand sie sehr … schön ist nicht das richtige Wort … eindrucksvoll und …“

Als er sie mit seinen dunklen Augen ansah, verstummte sie.

„Viele Menschen sind von der Wüste tief bewegt“, sagte er. „Aber welche Gefühle sie auch auslöst, sie selbst ändert sich dadurch nicht. Sie bleibt immer gleich gefährlich, egal ob du sie hasst oder liebst.“

Offensichtlich ein Einschüchterungsversuch, der seine Wirkung auf Desirée prompt nicht verfehlte. Ebenso gut hätte Salih sagen können: Egal, ob du mich hasst oder liebst.

Beide Gefühle für ihn kannte sie zur Genüge. Doch das ist lange her, sagte sie sich.

„Die Arktis ist genauso“, versetzte sie und spielte damit auf ihre kanadische Herkunft an. „Erfrieren ist auch nicht besser als Verdursten.“

Ohne zu lächeln, sagte er: „Am besten ist es, zu überleben.“

Sie betrachtete die feine Narbe, die sich über seine Wange bis zum Haaransatz zog, wo sie unter dem Tuch, der Kefije, verschwand.

„Und du beherrschst diese Kunst, stimmt’s?“, fragte Desirée.

Salih ist verletzt! Noch einmal durchlitt sie für einen Moment die entsetzliche Furcht um ihn, die sie bei dieser Nachricht ausgestanden hatte. Schon beim bloßen Gedanken daran spürte sie das Bedürfnis, Salih zu berühren. Doch sie war ganz sicher nicht hier, um ihn in irgendeiner Form zu trösten.

„Ja“, bestätigte er.

Am Ende des Flures wurde ihnen von einem Wachmann, der militärisch grüßte, die Tür geöffnet. Während Salih stehen blieb, um ihm weitere Anweisungen zu geben, trat Desirée in das gleißende Sonnenlicht hinaus.

„Mein Gepäck!“, rief sie plötzlich.

Doch Salih ging ungerührt an ihr vorüber. „Komm!“, war alles, was er sagte, und sein Burnus wehte hinter ihm im Wüstenwind wie der Mantel eines Königs.

Nach dem langen Flug schlug Desirée die heiße Luft, die nach Orangen und auch ein bisschen nach Benzin roch, förmlich entgegen.

Nun war sie hier, im Land ihrer Sehnsüchte. Vor zehn Jahren hatte Salih versprochen, sie mit hierher zu nehmen. Sie hatte gehofft und geträumt, hier eines Tages zu Hause zu sein. In der Wüste, hatte er gesagt, gäbe es noch richtige Männer, und das Leben und die Liebe seien intensiver als irgendwo sonst. Hier würde alles von Leidenschaft beherrscht, und hier würden seine Gefühle für sie stets neue Nahrung finden.

Immer wenn er so von seinem Herkunftsland gesprochen hatte, hatte sie sich vorgestellt, einmal dort zu sein. Sogar noch lange Zeit nach ihrer Beziehung hatte sie sich inständig gewünscht, es wäre anders gekommen. Am liebsten hätte sie damals die Zeit zurückgedreht und die Trennung ungeschehen gemacht. Und nun, zehn Jahre später, befand sie sich tatsächlich in Salihs Heimat.

Nur hätte sie jetzt einiges darum gegeben, nicht hier zu sein.

„Was für eine Hitze!“, rief sie. „Und dabei ist es erst zehn Uhr vormittags.“

„Für Fremde ist das keine gute Zeit im Mittleren Barakat“, meinte er.

„Mit fremd meinst du doch nicht etwa mich?“

„Glaubst du, du bist so anders als andere Menschen, Desi? Ist dir der Erfolg zu Kopf gestiegen?“ Ohne eine Antwort abzuwarten, fuhr er fort: „Zu dieser Jahreszeit kommen fast nur Arbeiter von den Ölfeldern her. Aber schon nächsten Monat wird es kühler sein.“

Nächsten Monat ist es zu spät, dachte Desirée. Wie waren Samihas Worte gewesen? Ich weiß, dass es schrecklich für dich ist. Aber wenn du nicht zu ihm fliegst, bin ich verloren.

Nie würde sie vergessen, wie sich die Stimme der Freundin angehört hatte – matt und tieftraurig. So klang eine Frau, die am Abgrund stand.

Desirée betrachtete Salih. Warum war aus dem temperamentvollen Jungen ein so ernster und nachdenklicher Mann geworden?

Vor zehn Jahren hatte sie jede seiner Gefühlsregungen verstanden und in seinem Gesicht wie in einem Buch gelesen. Doch nun? Seine Züge wirkten undurchdringlich und wie versteinert. Wieso hatte er sich so verändert? Durch seine Verletzung? Oder durch den Krieg?

Am Fuß der Treppe wartete eine weiße Luxuslimousine. Dienstbeflissen sprang ein Chauffeur heraus, der schwarze Hosen, ein weißes Poloshirt und um den Kopf das typische Tuch trug.

Als sie zusammen mit Salih im Wagen Platz nahm, brachte ein Flughafenangestellter Desirées Reisetaschen, die sie schon um die ganze Welt begleitet hatten. Der Fahrer verstaute das Gepäck im Kofferraum, schloss die Türen und setzte sich ans Steuer.

Die Limousine fuhr los. Und schon fand sich Desirée in einer Situation wieder, die sie um jeden Preis vermieden hätte, wenn es nach ihr gegangen wäre: auf engstem Raum zusammen mit Salih.

2. KAPITEL

Auf dem Höhepunkt der Hitzewelle hatte sie ihr Vater für zwei Tage zu Modellaufnahmen nach Vancouver begleitet. Desirée selbst hätte den Termin am liebsten abgesagt, um jede Minute mit Salih zu verbringen. In der schwülen Hitze der Großstadt fragte sie sich einmal mehr, worum ihre Freundinnen sie eigentlich beneideten …

Es tat weh, so sehr vermisste sie Salih. Die Tage erschienen ihr wie Monate.

Als auf der Rückfahrt die Fähre an der Insel anlegte, wartete er bereits auf sie.

„Deine Mutter wollte bei dieser Hitze lieber im Haus bleiben“, erklärte er. Doch es war offensichtlich, dass er es keinen Moment länger ausgehalten hatte. Die blitzartige Erkenntnis durchzuckte Desirée wie ein elektrischer Schlag: Er hatte kommen müssen.

„Du hast Salih sicher allerhand zu erzählen“, meinte ihr Daddy taktvoll – oder ahnungslos – und vertiefte sich auf dem Rücksitz des Autos in seine Zeitung. Also nahm sie vorne neben Salih Platz.

Doch sie redeten nicht viel. Stattdessen herrschte zwischen ihnen erwartungsvolles Schweigen. Die starke Anziehungskraft war fast greifbar.

Über dem heißen Asphalt flirrte die Luft, und als der Wagen in einen ungeteerten Weg einbog, stieg eine dicke Staubwolke auf. „Wie bei mir zu Hause“, sagte Salih. „Wie in der Wüste.“

Verträumt schloss Desirée die Augen und stellte sich vor, in Barakat zu sein. „Ich möchte sie gern einmal sehen“, flüsterte sie. „Sie muss wunderschön sein.“

„Ja. Genau wie du.“

Desirée rang nach Atem. „Findest du?“

„Eines Tages werden wir dort sein“, versprach er. „Und dann wirst du sehen, dass ich nicht übertrieben habe.“

„Ja“, sagte sie, und sie sahen einander in die Augen. – Ein Versprechen, wie durch einen Kuss besiegelt.

Zu dem Kuss kam es später auf der Hafenmauer, wo Desirée und Salih nach dem Schwimmen den Sonnenuntergang mit seinen leuchtenden goldenen Farben betrachteten.

„In meinem Land werde ich dir ein Meer aus Sand zeigen“, sagte Salih. „Wenn die Sonne sinkt, wirkt der Himmel blau und violett. Weißt du, dass die Wüste jeden Tag anders aussieht? Weil der Wind immer neue Formen schafft, wie … Wie sagt man bei euch?“

„Skulpturen?“

„Ja genau, wie Skulpturen. Der Wind modelliert sie wie ein Bildhauer seine Werke. Ich wünschte, ich wäre Bildhauer“, seufzte Salih, zeichnete mit der Hand die Form ihrer Stirn, ihrer Wangen und des Kinnes nach und berührte schließlich ihren Nacken unter den nassen Haaren.

Es war Desirées erster Kuss – unvergesslich und unglaublich süß. Ihr ganzer Körper wurde förmlich davon mitgerissen. Salih beugte sich über sie, und ihre Lippen schienen zu verschmelzen. Desirée ließ sich nach hinten auf die von der Sonne aufgewärmte Mauer sinken und gab sich den vollkommen neuen Gefühlen hin.

Sie streichelte seine warme, sonnengebräunte Haut, seine Brust und die Schultern. Nach einer Weile hob Salih den Kopf und betrachtete sie.

Sein Gesicht mit dem goldfarbenen Teint wirkte jung und wunderschön ebenmäßig. Sie sahen einander in die Augen.

„Desi, ich liebe dich“, hauchte er.

Atemlos erwiderte sie: „Ich dich auch, Salih.“ In diesem Moment erschien die Welt vollkommen.

Noch nie hatte sie die Wüste gesehen. Ihre Welt bestand von Kind an aus Bergen und Wasser.

Nun sah sie eine schier endlos lange staubige Straße vor sich. Von der eindrucksvoll weiten Landschaft gingen ein Verlangen und eine Leidenschaft aus, die Desirée tief im Herzen berührten. Wie lange hatte sie sich nach diesem Anblick gesehnt! Irgendwie gehörte sie hierher, schon seit Langem.

„Jetzt siehst du ja mein Land“, sagte Salih barsch.

Desirée verletzte sein Ton, aber sie hielt sich zurück. Sie wollte nicht mit ihm über das Ende ihrer Beziehung streiten.

„Vielleicht könntest du …“

„Was hast du mir zu sagen? Nach zehn Jahren.“

„Ich habe dich nicht gebeten, mich abzuholen, und es gibt nichts, was ich dir sagen will“, antwortete sie.

„Du lügst. Warum bist du hergekommen, wenn nicht deswegen?“

Deswegen?

„Wovon redest du überhaupt?“, fragte sie.

Mit blitzenden Augen sah er sie an. Offenbar kämpfte er mit heftigen Gefühlen. Desirée hielt den Atem an.

„Du weißt schon, was ich meine.“

Sie fuhr sich mit der Zunge über die Lippen. „Hat dir dein Vater nicht gesagt, warum ich da bin?“

Salih lachte auf. „Wegen seiner Arbeit als Archäologe! Nicht einmal der Zollbeamte hat das geglaubt. Also, warum bist du gekommen? Was willst du von mir? Wobei es eigentlich auch egal ist. Du kommst zu spät.“

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