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Das Meisterwerk der Liebe

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© 2016 Belinda Odabasyan

Verlag: tredition GmbH, Hamburg

ISBN
Paperback: 978-3-7345-3846-9
Hardcover: 978-3-7345-3847-6
e-Book: 978-3-7345-3848-3

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Für meine Mutter, meinen Vater und meine Kinder

Für meinen Jonas, ohne ihn dieses Buch nicht entstanden wäre.

Für Muko, Halina und meine weltweiten Freunde, die auch auf der Suche sind.

Danksagung

Mein Dank gilt Mareike, die mir bei der Fertigstellung des Buches unermüdlich zur Seite stand, sowie Dimitra, Carmen, Eva, Peter, Mirella, Franco, Nishan und David. Ganz besonders möchte ich mich bei den Helden meines Lebens, meiner Mutter und meinem Vater, bedanken, die für mich in meinem Leben immer ein Wegweiser waren und mich stets liebevoll unterstützt haben. Mein Dank gilt auch meinem Mentor Bedros, der mich durch zahlreiche Gespräche über die Liebe und die Männerwelt aufgeklärt und mir geholfen hat, das andere Geschlecht besser zu verstehen. Des Weiteren möchte ich mich besonders bei Muko (Mama 2) bedanken, die mich in einer schwierigen Zeit aufgefangen, liebevoll unterstützt und begleitet hat. Auch möchte ich an dieser Stelle Be Diem erwähnen und mich bei ihr bedanken, da sie mit mir mindestens 100 Stunden über die Liebe diskutiert und mich weitergebracht hat.

Zu guter Letzt gilt mein Dank Ulrike, Natalie, Janka, Steve, Gabi und meiner lieben Madeleine, die in allen Zeiten immer als hilfsbereite Engel an meiner Seite standen.

Dies alles wird unvergessen bleiben.

Eine der wichtigsten Tatsachen, die ich entdeckt habe, ist, dass es nicht die Willenskraft ist, sondern die Imagination, die Phantastisches wie den Inhalt dieses Buches kreiert. Diese Erfindungsgabe ist eine wunderbare, schöpferische Kraft und erschafft eine Realität.

Der Leser selbst soll in diesem Buch durch die Gedankenbilder, die er beim Lesen kreiert, in die magische Welt der Geschichten entführt werden.

Prolog

Was ist Liebe?

In diesen Tagen denke ich viel über die Liebe nach und diskutiere oft ihre vielseitigen Erscheinungsformen mit meiner Freundin Lucia. Ist es nur ein Wort, wie einige sagen, angeboren oder anerzogen, lernbar oder nicht, oder einfach nur ein Gefühl, dessen Herkunft und Richtung nicht bestimmbar sind? Hat sich die Art zu lieben über die Jahrhunderte verändert? Kann man die Liebe, wie wiederum einige behaupten, mit der Quantenphysik erklären? Und können Weissager oder Astrologen wirklich Auskunft über die Liebe geben? Ist die Bedeutung der Liebe für Männer und Frauen gleich? Eventuell wird die Liebe auch nur durch Erfahrungen, die für jeden verschieden sind, bestimmt? Vielleicht aber wird die Liebe zwischen zwei Menschen entfacht, weil das Universum sie aufeinandertreffen lässt, weil es eben so sein sollte. Wenn wir nicht genau bestimmen können, was die Liebe ist, woher sie kommt und wohin sie geht, wie können wir dann eine allgemein gültige Aussage treffen, was die Liebe ist? Ich hoffe, dass ich für mich irgendwann eine Antwort finden werde.

Felicia

1. Kapitel

Die Frage nach der unendlichen Liebe

Felicias Tagebuch

Mein Name ist Felicia. Ich bin Deutsche armenischer Abstammung. Gestern bin ich 18 Jahre alt geworden. Und da ich eine Veränderung in meinem Leben haben wollte, habe ich meine langen, dunklen Haare abgeschnitten und mir einen kurzen Lady Diana-Haarschnitt verpasst. Der äußerlichen Veränderung gesellte sich auch eine innerliche hinzu. Ich denke so viel nach und kann meine Gedanken kaum bändigen. Die einzige, mit der ich reden kann, ist Lucia. Die Gedanken, die ich über die Liebe habe, sind unendlich. Gestern erklärte mein Mathelehrer, Herr Bülow, dass ihn seine Frau das Lieben gelehrt habe. Demnach muss man die Liebe erst erfahren. Jemand muss die Liebe einem beibringen, um sie dann zurückgeben zu können. Aber Lucia sagte gestern, dass sie glaubt, dass man selber zuerst lieben muss, um Liebe zu bekommen. Ich weiß jetzt nicht, was zuerst da sein muss. Wie und wo entsteht nur die Liebe? Und kann man individuell Gelerntes und Erlebtes mit jemandem teilen und austauschen, der anderes erfahren hat?

Kann man jemandem seine Liebe schenken und diese erwidert bekommen, der selber nicht weiß, was Liebe bedeutet? Vielleicht muss man ständig das anpassen, was einem beim Anderen fehlt oder vielleicht gar unbekannt ist. Und vielleicht ist das die Liebe, wenn man dieses tut? Ich habe so viele Menschen gefragt. Aber jeder hat eine andere Erklärung, was Liebe ist. Und warum gibt es keine allgemeingültige Definition für jeden? Die einen sagen, dass die Liebe die stärkste Kraft auf Erden ist. Andere wiederum erklären, dass die Liebe die stärkste Waffe ist. Einige sagen, dass Liebe ein Gefühl sei und nur entsteht, wenn zwei Menschen sich sehr mögen und die gleiche Empfindung miteinander teilen. Wenn aber die Liebe ein Gefühl ist und aus dem Körper kommt, z. B. aus dem Herzen, dann wäre sie demnach etwas, das in uns allen vorhanden ist. Aber warum behaupten dann manche Psychologen, dass nicht jeder lieben könne, dass bei einigen das Sediment der Liebe zu schwach ausgeprägt sei, und dass sie nicht liebesfähig seien. Andere legen gar dar, dass lieben bedeutet, wenn ein anderer Mensch ständig in deinen Gedanken allgegenwärtig ist. Liebe ich wirklich gleich jemanden, an den ich die ganze Zeit denken muss? Vielleicht denke ich auch nur an die Person, weil ich nicht alleine sein will mit meinen Gedanken, und vielleicht ist das gar keine Liebe? Andere Erklärungsversuche besagen, dass Liebe sich auch zeigt, wenn man für den anderen etwas tut, wenn man z. B. einen Kuchen backt oder ein Gedicht schreibt. Wenn dem so sei, dann wäre die Liebe auch etwas Materielles und würde sich im Tun ausdrücken. Es gibt so viele unterschiedliche Auffassungen, wie es auch Menschen gibt. Ich glaube mittlerweile, dass die Liebe zu abstrakt und vielleicht deshalb individuell verschieden ist. Jedenfalls scheint es, dass mir fast jeder Mensch auf dieser Welt irgendeine für ihn gültige Erklärung geben kann, was Liebe bedeutet. Aber ich finde keine universelle Erklärung, die für jeden Menschen gleichermaßen gilt. Vielleicht ist Liebe einfach nur die Bereitschaft, zunächst ein emotionales Risiko auf sich nehmen zu wollen.

Da mir niemand e i n e allgemeingültige Aussage über die Liebe geben kann, muss ich mich wohl selber auf den Weg machen und nach der Liebe suchen (genauso wie Michel de Montaigne).

Felicia

„Ich selber, Leser, bin also der Inhalt meines Buches.“

Michel de Montaigne (1533-1592)

 

Felicia wusste noch nicht, wo sie anfangen sollte, nach der Liebe zu suchen und fing erst einmal damit an, Horoskope und astrologische Konstellationen zu lesen.

Auskunft der Sterne aus einer Zeitung am 03. Januar 1988
Felicias Horoskop

„Ihre Gefühle sind heute besonders ausgeprägt, und andere werden dabei eine große Rolle spielen. Doch die Gegebenheiten können sich von einem Moment auf den anderen vollkommen ändern. Machen Sie heute keine halben Sachen. Alles oder Nichts heißt heute die Parole, und dasselbe sollten Sie auch von anderen erwarten. Dank der heutigen positiven Konstellation der Planeten werden Sie die Kraft Ihrer Gefühle besonders deutlich spüren.“

Das hört sich sehr vielversprechend an. Schon komisch, dass Sterne anscheinend Auskunft über die Liebe geben können. Aber, wie kann man sie nur deuten? Felicia war fasziniert davon, dass Astrologen Sterne und ihre Verbindungen zueinander deuten können, und dass Menschen auf der Suche nach der Liebe oft zuerst nach Informationen über Sternkonstellationen schauen. An diesem Abend starrte sie lange in den Himmel. Versunken in die prall leuchtende Himmelskörperwelt schlief sie mit einem Lächeln auf dem Gesicht ein.

2. Kapitel

Felicias Geschichte

Ich fühle, also bin ich

Das Bedürfnis zum Schreiben ist ein innerer Druck, der aus der Mitte der Gefühlswelt stammt, dann über den Umweg durch den Kopf die Hand dazu auffordert, die Gedanken festzuhalten.

Das Schreiben ist auch die Darstellung des Sichtbaren, aber genauso des Unsichtbaren. Es ist die Darstellung, der aus der Herzensmitte entfliehenden Emotionen und in Phantasien gelenkten Gedanken.

beginnt jetzt…

Es fing alles harmlos an, unerwartet und ohne irgendein vorheriges Zeichen… und eigentlich nur mit einer tiefen Sehnsucht nach einer Antwort, was Liebe ist…

Das Ende mochte sich keiner so richtig ausmalen, aber das erzähle ich erst viel später.

Es war ein Tag wie jeder andere. Das Wetter war genauso wie am Tag zuvor. Berlin. Ein milder, warmer Wind wehte und stimmte mich ruhig. Zwischen den Wolken blickten einige Sonnenstrahlen hervor, die Größeres versprachen, sobald sie einen berührten. Ich hatte einige längere Aufenthalte in Afrika und Frankreich gehabt und war mittlerweile Anfang 30. Ich habe 31 Jahre mit mir gelebt, mich selbst ein wenig studiert, meine schwierigen und bezaubernden Seiten im Umgang mit anderen kennen gelernt, war romantisch veranlagt und aufgeklärt. Ich hatte schon oft Kribbeln im Bauch gehabt, wenn mir ein Mann gefiel, und auch dieses beruhigende Gefühl erlebt, wenn es wieder verging. Ich war erfahren und auch vom Leben belehrt, aber dennoch irgendwie ahnungslos der Größe dieser Welt, des Universums, ausgesetzt.

Ich hatte schon einige Beziehungen und Dramen hinter mir, habe im Leben schon einige Male die Rolle der Julia gespielt und mit wechselnden Partnern Romeo auf das Neue kennengelernt und geprüft: mal als arbeitswütigen und pflichtbewussten Betriebswirten, mal als überschwänglich emotionalen und eifersüchtigen Verlobten, mal als feinfühligen, aber idealistisch verkifften Träumer, mal als edlen, aber kühlen und konservativen Pragmatisten und einmal als romantisch-musisch abhebenden, verklärten, reifen Verehrer, dessen Lebensuhr jedoch schon viel weiter war als meine. Natürlich verliefen diese Erfahrungen nicht reibungslos und ohne Spuren. Ich, der Julia verschriebenen Rolle meines Lebens, hatte diese emotional geladenen Beziehungen, die auch Ärger und Kummer nach sich zogen, nicht immer mit Bravur gemeistert. So manch einer der potenziellen Romeo- Darsteller zeigte tragische Verhaltensweisen, wie z. B. mich nach unserer Trennung betrunken anzulallen, mich im Kummer und Suff in Kniehaltung bittend, nicht zu gehen, ihn nicht zu verlassen. Ein anderer hatte mich in eifersüchtiger Rage mit Worten und Taten beinahe vernichtend geschlagen. Der darauf Folgende kam sogar auf die Idee noch eines drauf zu setzen und mich zuletzt mit einer Anderen spielend zu demütigen. Der Vorletzte war emotional verletzt und finanziell noch verstrickt in seiner vorherigen Liebesvereinigung. Für den Letzten war ich die zweite Geige im Orchester und nicht die erste. Und der Jetzige, ja mit dem Jetzigen scheint es kein Ende zu geben. Zum Glück und das ist meine Geschichte.

Natürlich gab es da noch andere Erfahrungswerte, ich war ja schließlich Anfang 30, aber all die anderen vielen Bekannt- und Liebschaften waren bis auf zwei, drei Ausnahmen nicht wirklich der Rede wert, nur eine nette Erinnerung, dass man doch schon etwas im Leben erlebt hatte, was man dann später den Enkelkindern als Gutenachtgeschichte verhüllt in Märchenform preisgeben konnte.

Natürlich fragte ich mich auch, warum ich so viele Erfahrungen gesammelt hatte, denn von meinen Freundinnen wusste ich, dass sie in jungen Jahren nicht so viele Erlebnisse gesammelt hatten wie ich. Schlussendlich dachte ich, dass jeder im Leben so viele Erfahrungen machte, wie er brauchte, um reifer zu werden. Oder nicht? Vielleicht war ich aber auch ein lebendiges Beispiel im Zeitalter der emanzipierten und ambitionierten Frau? Doch manchmal dachte ich darüber nach, dass ich vielleicht konsumorientiert war, quasi eine Sammlerin von Erfahrungen und Erkenntnissen oder eine Casanovin mit hedonistischer Veranlagung. Hatte Casanova nicht auch sein Leben der Perfektion von Erfahrungen gewidmet? Wobei, wenn man genauer hinschaut, hatte Casanova vielmehr sein Leben der Verführung und Eroberung gewidmet. Warum musste er ständig erobern? Wonach suchte er? Oder wollte er nur sein Ego befriedigen? Irgendetwas musste ihm in seinem Leben gefehlt haben. Vielleicht suchte er unaufhörlich nach der wahrhaften und einzigen Liebe? Vielleicht aber auch nach der Mutterliebe? Vielleicht war das, wonach Casanova suchte, die Befriedigung der Selbstliebe, die durch die Begegnung mit dem anderen Geschlecht ihre Erfüllung finden sollte. Vielleicht hatte er ein narzisstisches Problem? Natürlich fragte ich mich auch, ob Casanova nicht über ein geringes Selbstwertgefühl verfügte, welches durch das Ergattern von weiblichen Trophäen befriedigt werden sollte. Dessen ungeachtet suchte Casanova wie ich nach etwas. Vielleicht war ich im Unterschied zu Casanova eher eine Forscherin nach den Antworten auf meine vielen Fragen? Wie dem auch sei, ich saß trotz alledem fest im Sattel, trotz all der atemberaubenden und manchmal zur Verzweiflung bringenden Erfahrungen. Die Frage, wer und was ich denn nun war, brachte mich in diesem Lebensabschnitt auch nicht wirklich weiter. Also verschob ich die Beschäftigung damit auf ein anderes Mal.

Und nun? Fehlte da nicht doch noch etwas nach all den Erlebnissen, kleineren und größeren Eskapaden und Katastrophen im Leben?

Meine Liebe zur Weisheit, mein Streben nach der Erkenntnis, beziehungsweise nach den Zusammenhängen in der Welt, oder wie man auf Griechisch zu sagen pflegt, Philo, auf der Suche nach seiner Sophie? Hatte ich mich nicht schon als Jugendliche auf die Suche gemacht, eine allgemeingültige Definition zu finden, was Liebe ist? Mir fehlte die richtige Antwort, eine Art Erleuchtung. Fehlte eventuell noch etwas Anderes? Vielleicht hing die Erkenntnis, was Liebe ist, mit weiteren Erfahrungen in der Welt der multiplen Romeos zusammen? Ich hatte unendlich viele Romeos in verschiedenen Rollen spielen gesehen, in unvergleichlichen Besetzungen und Formen, aber keiner von ihnen konnte mir eine allgemein gültige Antwort auf meine Frage geben, die meine Suche beendet hätte. Oder vielleicht doch, und ich habe es einfach nur nicht gesehen.

Als ich mich mit diesen für mich philosophisch hoch anspruchsvollen Fragen meines Lebens beschäftigte, befand ich mich nicht nur in der Blüte meiner jungen Jahre der Erkenntnis, sondern war dem Leben auch hingebungsvoll zugetan. Das einzige jedoch, was mich in diesem Moment davon abhielt, Antworten auf meine vielen Fragen zu erhalten, war, dass vor mir ein riesiger Stapel stand. Auf diesem hohen Dokumenten- und Papierstapel schienen fortwährend in großen Lettern die Wörter: Referendariat und Einbahnstraße. Ich befand mich mitten im Leben und mitten im Geschehen, aber auch mitten im Ausnahmezustand, quasi in der Unterordnung, so mitten im Referendariat. Ich musste diese beiden harten Lehrjahre überstehen, die mir irgendwie viel Zeit und Energie raubten. Natürlich waren die Zukunftsaussichten trüb, nicht nur, weil mir jede Lust am Philosophieren, sondern auch an jeglicher Beziehung zum anderen Geschlecht genommen wurde, da mir im Referendariat ständig suggeriert wurde, noch absolut unvollkommen zu sein. Ich war von meinen Stärken überzeugt, zu sehr hatte ich mich doch bisher neben meinen Erfahrungen mit mir und meiner Umwelt ausschließlich meinem Rechts- und Literaturwissenschaftsstudium gewidmet, hatte doch schon unendlich viel Schriftgut und Dichtkunst konsumiert, und fühlte mich heimisch im Club der Gelehrten. Aber das war leider nicht genug Gelehrsamkeit.

Was und wem sollte ich denn noch etwas beweisen? Meinen Ausbildern schien all das hart erarbeitete Wissen nicht zu genügen. Ich fühlte mich sehr verunsichert und hatte das Gefühl, im Referendariat wieder im ersten Lehrjahr des Studiums gelandet zu sein. Mein bisher 6 jähriges Studium mit dem Abschluss des Ersten Staatsexamens reichte nicht aus. Es spielte überhaupt keine Rolle. Ich musste noch mehr und noch härter studieren. Die härteste Zeit meines Lebens begann und ich hatte naiv geglaubt, dass sie mit dem Ersten Examen eigentlich beendet war. Das war erneut eine Lebensprüfung, deren Lektion es war, weiter durchzuhalten. Wie sollte ich nun in Anbetracht der bevorstehenden Prüfungsjahre als neugierige Julia mein Haupt vorfreudig empor strecken, um nach weiteren Erkenntnissen in Sachen Liebe Ausschau zu halten? Da blieb für romantisch verklärte Persönlichkeiten, wie ich es war, kaum mehr Platz für weitere extravagante Erfahrungen im Reich der Männerschar. Also schrieb ich sie mir alle ab, brach meine Beziehung zu meinem vornehm gekleideten, aus etabliertem und weltweit renommiertem Hause stammenden Anwalt kurz vor Abgabe meiner 2. Staatsexamensarbeit bitterlich ab, konsultierte dann eine Psychologin und klagte meiner Außenwelt meinen Weltschmerz. Natürlich führte kein Weg daran vorbei, auch aus dieser Lebenslage heil herauszukommen. Ich war eisern und fest entschlossen, als Frau alles über mich ergehen zu lassen, um dann in Frieden und Harmonie mein restliches Leben einvernehmlich und glücklich weiter zu leben. Aber erst einmal lag ein weiter Weg vor mir, denn um mein Wissen und Talent der Öffentlichkeit zugänglich zu machen, und meine Arbeit aufnehmen zu dürfen, musste ich mich zur „vollwertigen“ Anwältin ausbilden lassen.

3. Kapitel

Der Lebensweg kann sich unangekündigt von heute auf morgen verändern

„Achte auf deine Gedanken,
sie werden Wörter

Achte auf deine Wörter,
sie werden Handlungen

Acht auf deine Handlungen,
sie werden Gewohnheiten

Achte auf deine Gewohnheiten,
sie werden zu deinem Charakter

Achte auf deinen Charakter,
denn er wird dein Schicksal.“

Mahatma Gandhi

Es war ein lauer Sommertag, Berlin, der 12. August 2002. Nichts schien in Bewegung, alles lief träge wie bisher, nüchtern und trocken. Der Tag in der Kanzlei, in der ich gerade arbeitete, fing, wie erwartet, langweilig an. Worauf sollte man sich freuen, wenn man im Referendariat festsitzt und nur Prüfungsstress hat? Es manifestierte sich ein wenig Frust in meinen Alltag. So lieb- und sinnlos dahinleben, beziehungsweise dahinvegetieren, lag mir als der Leidenschaft verschriebenen Romantikerin nun ganz und gar nicht. Zu sehr liebte ich den Sturm und Drang und musste mich nun in Geduld üben, mir Demut und Genügsamkeit abverlangen. Das widersprach meinem Naturell, aber wen interessierte das? Natürlich gab es hin und wieder verheißungsvolle Angebote, aber ich war in meinen Gedanken nicht frei, gefangen, ängstlich und sah ständig die Gitterstäbe des Prüfungsgefängnisses vor Augen. Nein, so kannte ich mich bisher noch gar nicht, stand doch immer tapfer und offen dem Leben gegenüber. Ich musste mir nur einfach vorstellen, dass Julia bevor sie eine Antwort auf ihre Fragen finden konnte, was denn nun Liebe sei, ins Kloster gehen musste, um sich in Mäßigung und Geduld zu üben. Aber würde ich wieder als die gleiche Julia das Kloster verlassen? Wäre ich nach all der harten Gängelei und Plage die Gleiche? Oder war es an der Zeit mich zu verändern? Ich wurde eigentlich nicht richtig gefragt, es wurde von mir so abverlangt und ich musste mich, den Kopf einziehend dieser neuen Lebenserfahrung beugen. Das Leben zeigte sich mir gerade von einer sehr harten Seite. Aber war ich das nicht schon gewohnt? Und wurde von mir nicht schon so viele Male Großes abverlangt? Ich denke, dass dadurch auch eine unermüdliche Kämpferin aus mir wurde. Das bisherige Leben machte aus mir, was ich jetzt war, die Felicia mit Leib und Seele. Und das war auch gut so. Sind wir denn hier nicht auf der Erde, um von und über andere und dann natürlich auch über uns selbst zu lernen? Hat nicht alles am Ende einen Erfahrungswert im Leben? Und kommt man nicht immer irgendwie voran, auch wenn man denkt, dass man es nicht tut? Ich liebte meinen Namen, Felicia, der von meinen Eltern nicht nur sorgfältig ausgesucht worden war, sondern auch die schöne Bedeutung „die Glückliche“ besaß. In Zeiten der Unsicherheit und harten Lehrübung arbeitete ich unaufhörlich und unbeirrt daran, mir wieder näher zu kommen, um mich zu erfassen und zu verstehen. Das war der philosophische Geist in mir, der die ganze Zeit arbeiten wollte.

Ich liebte die Welt mit all ihren Facetten und Farben und sie liebte mich, denn ich wurde reichlich beschenkt. Ich liebte es aber auch, meinen Reichtum, meine philosophischen Fragen, mein weltoffenes und kulturinteressiertes Leben, meine Begierden und meine Träume mit anderen auszutauschen.

4. Kapitel

Die Vorfreude auf Eneas beginnt mit einem langwei- ligen Tag

„Die Liebe besteht zu drei Vierteln aus Neugier.“

Giacomo Casanova, Memoiren

Ich weiß nicht mehr genau, wie es dazu kam, dass meinem eintönigen Leben durch eine aufregende Nachricht ein Ende gesetzt wurde, nur so viel, dass ich anscheinend durch meine Augen, meinen inneren Befreiungsdruck aus der Gefangenschaft zum Ausdruck gebracht habe. Denn eines besonderen Tages, der mir noch viel Verheißung versprechen sollte, sprach mich meine gleich gesinnte Leidensgenossin aus dem Referendariat an und teilte mir Überraschendes mit. Sie hieß Marielle, sie besuchte mit mir die gleiche Ausbildungskanzlei, war intelligent und genauso alt wie ich. Zwei Leidensgenossinnen waren zusammen besser gestellt als eine alleine, hieß meine Parole. Marielle spürte, was in mir vorging, sie erkannte mein Leid und zeigte volles Mitgefühl. Sie hatte eine gute Menschenkenntnis. Mit dieser Begabung hatte sie mich schnell erfasst, sie hatte auch meine Komplexität erkannt, hatte Respekt vor mir und schenkte mir viel Vertrauen. Marielle teilte mit mir nicht nur die gegenwärtigen Probleme, nein, sie dachte sogar weiter, und zwar an meine Zukunft und damit auch an die Beantwortung meiner Fragen.

Nun trug sich an diesem besagten Tage Folgendes zu. Ich sprach über belanglose Dinge und regte mich fürchterlich über meine Ausbilderin auf, sprudelte vor Wut und äußerte den Wunsch, dass ich mich aus dem Joch der Unterdrückung befreien wollte, als Marielle mich in dem Augenblick auffing und mir mit einem lieblichen Gesichtsausdruck mitteilte, dass sie jemanden kennen würde, der gerade die Staatsprüfung bei der gleichen Ausbilderin machen würde, und mir bestimmt helfen könne. Sie fügte noch lächelnd hinzu, dass er mir bestimmt gefallen würde. Ich wunderte mich über diese letzte Äußerung und fragte neugierig, warum sie dies denn annähme, woraufhin sie antwortete, dass er mir ähnlich sei. Ich wusste nicht genau, worauf Marielle hinauswollte, ich kann mich nur noch daran erinnern, dass ich mein Mundwerk stoppte. Normalerweise hätte ich mit den Augen gerollt und geschmunzelt, aber die Äußerung von Marielle verwirrte mich. Ich weiß bis heute nicht, was es war, aber es war etwas, was meine Neugierde weckte und mich zum Hinhorchen brachte. Sie sagte mit hochgezogenen Augenbrauen und einem Mona Lisa Lächeln auf den Lippen nur den einen Satz:

„Er heißt Eneas. Eneas Emanuel Stein“

Der Wortklang dieses Namens verursachte ein Lächeln auf meinen Lippen. Ich fand den Namen schön. Nachdem ich ihn mehrere Male in Gedanken wiederholt hatte, fuhr sie weiter fort:

„Glaub mir, er ist genauso attraktiv und fällt genauso auf wie du.“

„Aha“, sagte ich nur. Wer verbarg sich wohl hinter der Person mit dem Namen Eneas Emanuel Stein? Marielles Äußerungen weckten mein Interesse. Diese Neugierde beflügelte mich, auch wenn sie nur imaginär erdacht war. Da draußen in der großen und nicht fassbaren weiten Welt gab es also anscheinend jemanden, der mir ähnlich war, eine Art Zwilling, was für eine wundervolle Vorstellung, dachte ich mir. Sie hauchte meinem eintönigen Tag Leben ein wenig Vorfreude und färbte ihn mit blühenden Gedanken. Marielle las aus meinen Augen, dass sie mir noch mehr über ihn berichten musste, was später dann auch geschah. Sie sagte, dass sie mal schauen wolle, ob er schon vergeben sei. Ich sagte nicht mehr viel und beendete das Gespräch, da ich an dem Tag noch so viel Arbeit zu erledigen hatte. Als ich etwas später meine Gedanken in meine Bücher versenkte, rasten gleichzeitig mein bisheriges Leben, meine Erlebnisse und Erfahrungen durch den Kopf und lenkten meine Konzentration ab. Als mir Marielle in der Kanzlei erzählte, dass es jemanden gäbe, der mir ähnlich sei, wusste ich noch nicht, was mich erwartete. Es war nur ein Gefühl, das mich sowohl positiv als auch neugierig stimmte, meinem Zwilling zu begegnen. Ich war gespannt, wusste aber auch, dass mein jetziger Zustand das Kennenlernen einer solchen Person nicht erlauben würde. War ich gegenüber einer solchen Begegnung überhaupt offen? Nein, eigentlich wollte ich das Referendariat hinter mich bringen, und zwar alleine, und verschloss mich deshalb vorerst dem Kennenlernen meines prognostizierten Zwillings. Das Leben hatte zu diesem Zeitpunkt sowieso noch anderes mit mir vor. Obwohl ich nicht wirklich offen war und auch nicht sein wollte, schlich sich nach einer weiteren Zeit der Abstinenz und des Wartens zunächst ein Schlagzeuger der klassischen Musik in mein Leben. Er war nicht nur Dirigent, sondern auch sehr interessant. Er hatte bei Leonard Bernstein studiert und war schon mehrmals mit seinem Orchester um die halbe Welt gereist. Außerdem war er Professor. Er konnte nicht nur fast jedes wunderbar komponierte Musikstück spielen, nein, er konnte auch fliegen, und zwar mit seinem eigenen Vier-Mann-Passagier-Flugzeug. Es kam in meinem Leben also wieder mal dann zu einer Begegnung, wenn ich nicht ganz offen war. Aber seine Höhenflüge sowie seine Liebe zur Musik inspirierten mich so sehr, dass ich mich leicht beschwingt den Melodien des Lebens hingab, mehr Interesse für die klassische Musik entwickelte und nun anfing, gedanklich zu musizieren, was zu einer neuen Leidenschaft wurde. Aber dennoch wollte das Leben auch, dass ich nach einer gewissen Zeit Eneas kennenlernen sollte. Ich war immer noch den Schwierigkeiten der Ausbildung ausgesetzt, die es zu manövrieren galt, und brauchte dringend Rat und Hilfe, um gegen meine potentiellen Unterdrücker vorzugehen. Ich erfuhr des Weiteren von Marielle, dass Eneas nun fertig sei mit dem Referendariat und dieses mit Auszeichnung beendet hätte. Marielle gab mir kurz entschlossen seine Telefonnummer und teilte mir mit, dass ich ihn getrost nach seinen Unterlagen fragen könne. Die Ausbildung nahm mir jegliche Kraft, und nun wartete ich auf den Augenblick, neue Hoffnung zu schöpfen, und die mir ähnliche Person kennen zu lernen. Geteiltes Leid ist halbes Leid, dachte ich mir.

Nach einer kurzen Zeit des Zögerns rief ich ihn an. Am anderen Ende des Apparats nahm ich eine äußerst männliche Stimme wahr, deren tiefen Schwingungen ich aufmerksam lauschte. Ich war angenehm überrascht und versuchte mir im gleichen Atemzug ein Bild von diesem Mann zu machen. Eines hatten wir bereits gemeinsam: unsere Stimmen klangen beide schön. Ich stellte mich mit Namen vor und erwähnte auch, dass ich die Telefonnummer von Marielle bekommen und einige Fragen bezüglich des Examens habe. Er war sofort hilfsbereit und verstand mich. Unsere Ausbilderin war sehr unangenehm, unbarmherzig, besserwisserisch und unterdrückte jeden und alles, wie und wo sie nur konnte. Darüber hinaus machte sie vielen Referendaren Angst. Ich verstand schon bei der ersten Begegnung, dass sie mich nicht mochte. Ich fühlte mich klein und nicht wertgeschätzt. Von Marielle wusste ich, dass die Seminarleiterin Eneas jedoch zugewandt war. Vielleicht war es auch ein Mann-Frau-Ding, weshalb die beiden sich besser zu verstehen schienen als wir. Er musste ihr wohl imponiert haben, denn eigentlich kritisierte sie immer jeden. Wir hatten alle im Seminar verstanden, dass sie Männern gegenüber tausend Mal mehr zugewandt war als Frauen. Darüber hinaus hatte ich auch den Eindruck, dass sie etwas gegen Eingewanderte hatte. Obwohl ich in Deutschland geboren war, aber eben nicht deutsch aussah, kritisierte sie mich ständig, und genauso meine Referendariatskollegin, die amerikanischer Abstammung war, wie auch Marielle, die aus Bosnien stammte. Ich tat wirklich alles, um in ihren Augen zu glänzen, aber zu unterschiedlich waren unsere beiden Persönlichkeiten. Ich war sinnlich und weiblich, sie schien männlich und hart. Manchmal schien es so, als ob sie hinter ihrer harten Visage eine gewisse Traurigkeit verbergen würde. War sie vielleicht zerbrechlich und versuchte sie dies zu überspielen? Denn, warum war sie so unmenschlich? Ab und an roch ich auch neben dem Zigarettengeruch den Dunst des Alkohols. Es hieß, sie würde trinken. Zeitweise hatte auch ich das Gefühl, dass sie mehr Alkohol zu sich nahm, als es ihr gut tat. Hatte ein Drogen nehmender Mensch das Recht anderen das Leben zur Hölle zu machen? Ich sah es als eine weitere Reifeprüfung an, die es in meinem Leben zu bestehen galt. Nicht umsonst sagt man im Volksmund: „Was einen nicht umbringt, macht einen nur stärker.“ Ich könnte dem noch hinzufügen, dass man dadurch auch noch lebensfähiger wird. Ich hatte große Hoffnung, dass das Leben es trotz der gegenwärtigen Härte gut mit mir meinte. Ich hatte viele liebe Menschen um mich, die sich um mein Wohl sorgten, viele Menschen, die bereit waren mir zu helfen, viele, auf die ich mich verlassen konnte. So sagte auch meine innere Stimme, dass alles am Ende gut werden würde, wenn ich es denn nur schaffen würde, durchzuhalten.

5. Kapitel

Das Treffen mit Eneas

Auf den ersten Anruf folgte sogleich ein Treffen mit Eneas. Ich war zuversichtlich, und froh Hilfe zu bekommen. Ich hatte in meinem ganzen Leben bisher schon Einiges erlebt, aber noch nie eine Ausbildungsstätte besucht, die mir so viel Energie und Zuversicht nahm. Eneas gab mir seine Adresse und lud mich zu sich ein. Er wohnte in der Nähe des Potsdamer Platzes. Ich ging dieser Begegnung aufgrund meines Zustands gefühlsmäßig eher etwas vorsichtig entgegen. Vor mir lag noch ein weiter Weg, den es erst einmal zu bewältigen galt. Alles, was sich in meinem Leben nebenbei auftat, schien mir erst einmal sekundär. Trotz dieser rationalen Haltung war ich aber doch irgendwie gespannt auf Eneas, wer er war, und was es wohl mit ihm auf sich hatte. Ich notierte seine Adresse und machte mich einige Tage später auf den Weg ihn zu treffen. Als ich drei Tage später vor seiner Haustür stand, bekam ich doch ein wenig Kribbeln im Magen. Ich klingelte, öffnete die schwere Eingangstür und stieg dann viele Stufen hoch. Oben angekommen war ich ein wenig aus der Puste. Eneas öffnete behutsam die Tür. Er stand einen Meter von mir entfernt. Im ersten Augenblick erschrak ich doch ein bisschen. Meine Augen musterten zunächst das Gesicht eines Mannes, der markante Züge aufwies, dann seinen Körper, der gut gebaut und sportlich wirkte. Seine Körperhaltung strahlte eine gewisse Selbstsicherheit aus. Der Blick seiner Augen verriet ein Gemisch aus Offenheit, Freundlichkeit, Verschmitztheit und passionierter Ungezügeltheit. Er bat mich mit einer zutiefst männlichen Stimme zu sich herein und wir setzten uns in die Küche. Er bot mir Tee an und so kam es, dass ich gemeinsam mit meinem potenziellen Zwilling vis-à-vis Tee trank. Dabei fiel mir auf, dass er bei unserem Gespräch behutsam meine Tasse mit Tee nachfüllte. Die Teekanne war klein, rund, dunkelrot und aus Porzellan. Er erzählte mir viel über seine Erfahrungen mit der gewissen Seminarleiterin, beruhigte mich und gab mir so viele Informationen, wie ich brauchte. Ich mochte seine Anwesenheit, blickte ihn an und trank Schluck für Schluck meinen Tee an seiner Seite. Außer einer ähnlichen Attraktivität konnte ich erst einmal wenig Ähnlichkeit feststellen, vielleicht lag das aber auch daran, dass wir viel über die Ausbildung sprachen. Irgendwann später zeigte er mir seine Wohnung und teilte mir mit, dass er vorhabe zu seiner Freundin ins Ausland zu gehen. Als wir uns im Korridor unterhielten und er mir anschließend das Bad zeigte, stand er einen halben Meter hinter mir. Ich merkte eine gewisse Unruhe in mir hochsteigen, die ich zu ignorieren versuchte. Er versicherte mir zum Schluss, dass er mir beim nächsten Mal seinen Ordner geben werde, da er noch nach ihm suchen müsse. So geschah es dann auch.

Zwei Tage später traf ich ihn im Café Hegel am S-Bahnhof Charlottenburg. Dieses Mal sah ich ihn mir ganz genau an. Ich bemerkte, dass sein Gesicht durch zwei tiefere Falten im unteren Wangenbereich gekennzeichnet war. Es war schmal und länglich und sah ein wenig verlebt aus. Ab und an bemerkte ich auch eine Nachdenklichkeit, die durch seinen Gesichtsausdruck zum Ausdruck kam. Die Spuren in seinem Gesicht verrieten einiges über seine Vergangenheit, die ich abzulesen versuchte. Was um Himmels Willen war es, das Eneas und ich nach Marielles Aussage wohl gemeinsam hatten, fragte ich mich die ganze Zeit. Nun gut, er sah attraktiv aus, es fiel mir auch auf, dass er viel Charme hatte, etwas, das man mir durchaus nachsagte. Wenn er lächelte, zwinkerten seine Augen und sein Mund wirkte verführerisch. Aber manchmal wirkte er auch verlassen. War es das, was Marielle auch in mir sah? Ich bekam keine Antwort. Unsere Wege trennten sich wieder, da ich zum einen wusste, dass er eine Freundin hatte und zum anderen das Gefühl hatte, gerade nicht zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein. Ich wusste auch nicht, ob und vor allem wie er mich wahrgenommen hatte.

Ich traf mich weiterhin mit meinem Maestro, der mich fast jeden Morgen mit Musik weckte, die er auf dem Xylophon spielte, um mir den Beginn des Tages anzukündigen.

6. Kapitel

Die Welt in mir und mein Weg

Endlich kam der Monat, die Woche, der Tag an dem dieser leidvolle Erfahrungsweg mit Examen erfolgreich beendet wurde. Unfassbar, wirklich unfassbar, und fast befreiend, wäre da nicht der noch bittere Nachgeschmack und die Wut und die Ermattung und Kraftlosigkeit in mir. Jetzt hatte ich also das Studium mit dem Zweiten Staatsexamen zur fertigen Rechtsanwältin abgeschlossen. Ich wollte meinen Wunsch, die Welt zu erkunden, realisieren, und bewarb mich im Ausland. Ich war in meinem Leben bis dahin schon sehr viel herumgekommen, kannte fast alle Länder in Europa. Ich war in Nordamerika, Afrika und Asien gewesen, hatte schon in mehreren Ländern gelebt und studiert, sowie in internationalen Kanzleien gearbeitet, Land und Leute vor allem Männer näher beobachtet und kennengelernt. Ich hatte zwar das Gefühl, viel gesehen zu haben, aber eine innere Eingebung bewegte mich, Berlin wieder den Rücken zu kehren und die vielen schönen Orte, die es im Ausland zu entdecken galt, zu erkunden und dem Duft des Fremden nachzugehen.

Mein Musiker, der auch schon zig Länder bereist hatte, teilte mir mit, dass Sydney eine der schönsten Städte der Welt sei. Australien klang so weit weg und befand sich gar nicht auf meinem Radar. Trotzdem schickte ich ohne weitere größere Überlegung eine Bewerbung ab. Einige Zeit verging, ich hatte mich bis dahin mit dem Gedanken vertraut gemacht, in Kenia oder in Ecuador zu arbeiten. In beiden Kanzleien suchte man international ausgebildete deutsche Anwälte. Die Bewerbung nach Sydney hatte ich schon fast vergessen, als eines Morgens um 06.30 Uhr das Telefon klingelte und man mich aus dem Schlaf riss. Es war der Leiter der Kanzlei, bei der ich mich beworben hatte. Er teilte mir mit, dass er meine Bewerbung erhalten habe und sehr daran interessiert sei mich einzustellen. Da ich noch schlaftrunken war, dachte ich, dass sich jemand einen Scherz mit mir erlaubte und wollte auflegen. Ein ernsthaft interessierter Rechtsgelehrter würde doch nicht um diese Uhrzeit anrufen, dachte ich mir. Ich fragte, warum er denn mich haben wolle. Er antwortete mit einer unglaublichen Selbstsicherheit, dass ich sehr gut in seine Kanzlei passen würde, dass meine Studienschwerpunkte, meine Kenntnisse, meine bisherigen Auslandserfahrungen sowie meine Mehrsprachigkeit ihn überzeugt hätten. Er sagte, dass er mir eine E-Mail geschickt hätte und ich gleich nachschauen solle. Ich war perplex und konnte es kaum fassen. Ich war aber auch durcheinander, weil ich Arbeitsangebote aus Südamerika und Afrika hatte. Ich wusste wenig über Australien, hatte kaum eine Vorstellung, wie weit Berlin von Sydney wirklich entfernt lag. Ich teilte dem australischen Anrufer auch mit, dass ich beabsichtigte nach Ecuador oder Kenia zu fahren. Mit Bestimmtheit ließ er mich wissen, dass er alle deutsch-internationalen Kanzleien kenne und wisse, dass Australien ein sicheres und europäisch geprägtes Land sei. Er sagte mir, dass jeder nach Sydney kommen möchte und dass das wie ein Sechser im Lotto sei. Ich riss in dem Augenblick die Augen weit auf, konnte jedoch noch nicht genau realisieren, was das alles zu bedeuten hatte. Ich brauchte ein wenig Zeit um alles zu überdenken, schließlich hing meine nähere Zukunft von dieser Entscheidung ab.

Ich bekam drei Tage Bedenkzeit. Mit den Worten „ich bin sicher, dass Sie zu uns passen“, beendete er das Gespräch. Er sprach so überzeugend, als ob er keinen Zweifel zu haben schien. Nach der Beendigung des Gesprächs, ging ich wieder in mein Bett. Als ich aufwachte, hatte ich das Gefühl geträumt zu haben. Gesprächsfetzen schwirrten in meinem Kopf herum, alles schien sehr irreal. Ich stieg aus meinem warmen Bett und lief direkt zum Computer, um die E-Mail zu lesen. Ich schaute nach und fand in der Tat eine Nachricht von ihm. Auf meinem Gesicht zeichnete sich ein großes Lächeln ab, und ich quietschte vor Freude vor meinem Bildschirm. Manchmal passieren die Dinge so schnell im Leben, dass man nicht hinterherkommt. Ich hatte nun drei Tage Zeit, um mich mit dem Gedanken anzufreunden, alles hinter mir zu lassen, meine Familie, meine Freunde und meinen Maestro, um ans Ende der Welt zu fliegen. In den nächsten drei Tagen suchte ich das Gespräch mit meinen Freunden, teilte meinen Eltern behutsam die „frohe Botschaft“ mit und dachte darüber nach, ob das wirklich der Weg ist, den ich gehen sollte.

Meine liebe Mutter war schon einiges von mir gewohnt. Sie wusste, dass ich wagemutig war und keine Angst hatte. Als ich sie über mein erstes Angebot unterrichtete, nach Nairobi zu fliegen, war sie entsetzt. Ich konnte sie nicht unglücklich sehen. Sie war doch neben meinem Vater die wichtigste Person in meinem Leben. Ich musste mir eine Strategie überlegen, um ihren Segen für Australien zu bekommen.

7. Kapitel

Wenn man gehen muss, obwohl es wehtut

Meine Mutter ist eine wundervolle Person, voller Liebe und Hingabe, gesegnet mit großer Lebensfreude und Stärke, mit einem großen Herz, das allzeit bereit ist, anderen in guten wie in schlechten Zeiten zu helfen. Sie war mein großes Vorbild, sie und mein Vater, denen ich für alles so dankbar bin. Sie haben mir immer so viel gegeben, dass mein ganzes Leben kaum ausreichen würde, all die Gaben, die ich von ihnen erhalten habe, anderen weiter zu reichen.

Nun, ein Tag war vergangen, und ich wusste immer noch nicht genau, auf welche Seite der Weltkugel ich mich hinbewegen wollte. Mir blieben nur noch zwei Tage, um mir Klarheit zu verschaffen. Ich wog noch einmal alle meine drei Optionen ab. Einmal gab es Nairobi, Afrika, den Kontinent, den ich noch einmal besuchen wollte. Zu sehr war ich noch vom ersten Aufenthalt vor genau 12 Jahren im Senegal inspiriert. Zu gerne wollte ich noch einmal dieses afrikanische Lebensgefühl näher erkunden. Mein Vater fand die Idee spannend. Er ermunterte mich, schlug alle Atlanten auf und zeigte meiner Mutter, wo genau Nairobi lag und wie Kenia ausschaute. Meine Mutter war immer noch nicht bereit, mich gehen zu lassen und tat alles, um mich von der Idee abzubringen. Sie sagte mir auch, dass sie nicht vorhabe, mich jemals zu besuchen. Mein Vater war der Einzige, der mich treu unterstützte, was meiner Mutter überhaupt nicht gefiel. Es missfiel ihr sogar so sehr, dass zwischen den beiden fast ein Ehekrieg auszubrechen drohte. Sie beschimpfte ihn immer wieder, dass er mich ermunterte, wegzugehen. Ich konnte gegen all das nicht viel unternehmen, litt insgeheim darunter, meine Mutter unglücklich zu machen und schaute nach den beiden anderen Möglichkeiten, die mir blieben. Der nächste Ort, für den ich mich interessierte, war Cuenca, das in den Anden lag. Ecuador schien ein ruhigeres Land als Kenia, und ich dachte, dass meiner Mutter dieser Ort vielleicht mehr gefallen würde. Ich führte weitere Gespräche mit dem dortigen Leiter und bemerkte, dass auch er weiterhin an einer Einstellung interessiert war. Als ich meiner Mutter die Möglichkeit in Cuenca arbeiten zu können unterbreitete, war sie schon etwas gefasster. Wahrscheinlich lag das daran, dass sie nicht genau wusste, wo Cuenca überhaupt lag. Diese Unkenntnis schien für das Erste zu meinen Gunsten auszufallen. Mein Vater leistete erneut brillante Arbeit. Er schlug wieder alle Atlanten auf und hielt meiner Mutter einen kurzen Vortrag über Ecuador, über die Menschen, deren Lebensweise, Religion und die Stadt selbst. Aber auch hier schien sie sich nicht überzeugen zu lassen. Sie bestrafte mich den folgenden Tag mit weiteren bösen aber auch traurigen Blicken. Für einen Außenstehenden ist das wahrscheinlich alles nicht so einfach nachzuvollziehen. Aber meine Mutter hatte selbst ihre Familie verlassen, genauso wie ihre Eltern ihre eigene Familie verlassen mussten, als damals im Ausgang des Osmanischen Reichs die Verfolgung und Vertreibung der Armenier begonnen hatte. All das waren sehr schmerzhafte Erfahrungen, die von Menschen, die nicht solche Erfahrungen gemacht haben, kaum nachzuvollziehen sind.

Als ich meiner Mutter von meinem Interesse nach Cuenca zu gehen erzählt hatte, glaubte sie wahrscheinlich, dass ich von der Idee abgekommen sei, nach Nairobi zu fahren. Als ich ihr dann von Sydney berichtete, schien ihr Cuenca nicht mehr als Bedrohung. Sie hatte immer noch die Hoffnung, dass ich von meiner Absicht, ins Ausland zu gehen, abkommen würde. Das war nicht nur meine Strategie, sondern auch der einzig geh bare Weg in dieser Situation. Meine Mutter dachte, dass meine Unentschlossenheit Unsicherheit bedeuten würde und wurde zuversichtlicher. Aber brauchen nicht alle Taten einen Überlegungsprozess, der gut abgewogen werden muss? Ich wusste, dass es für meine Mutter eine sehr große Hürde bedeuten würde, mich weggehen zu lassen, zu sehr hingen wir doch aneinander. Trotz des Leides, welches ich ihr zufügen würde, wusste ich aber auch, dass ich meinen Weg gehen musste, genauso wie sie es getan hatte und genauso wie es jeder machen würde, um vorwärts zu kommen, egal wie schmerzhaft und unerträglich hart dieser Prozess auch sein mag. Manchmal ist es der einzig geh bare Weg. Diesbezüglich bin ich meinem Vater zu großem Dank verpflichtet, der mich immer wieder ermuntert hatte, meinen eigenen Weg zu gehen. Er sagte mir immer wieder, dass Eltern viel glücklicher sind, wenn sie ihre Kinder erfüllt sehen, auch wenn sie sie dafür loslassen müssen. Ich sah den Schmerz in seinen Augen, aber er war von Anfang an überzeugt, dass ich diesen Weg gehen musste. Er akzeptierte und förderte meine Entscheidung und versuchte mich loszulassen.

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