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Das Magdalena-Evangelium

Über die Autorin

Kathleen McGowan, geboren in Hollywood, Kalifornien, wurde bereits als Jugendliche für ihre journalistischen Arbeiten ausgezeichnet. Mit einundzwanzig ging sie als Reporterin nach Nordirland. In den folgenden Jahren bereiste sie Europa und den Nahen Osten und studierte die Mythologie und Folklore der Alten Welt. Nach ihrer Rückkehr in die USA arbeitete sie, zuletzt als Chefredakteurin, für die Irish News, eine Zeitschrift für irischstämmige Amerikaner.

Zuerst im Eigenverlag erschienen, wurde DAS MAGDALENA-EVANGELIUM von dem New-Yorker Verlag Simon & Schuster entdeckt und binnen kurzer Zeit in 24 Länder verkauft. Kathleen McGowan lebt mit ihrem Mann, dem irischen Sänger und Liedermacher Peter McGowan, und ihren drei Söhnen in Los Angeles.

K A T H L E E N  M C G O W A N

Das Magdalena Evangelium

Roman

Aus dem amerikanischen Englisch
von Rainer Schumacher und Barbara Först

BASTEI ENTERTAINMENT

Der Älteste an die auserwählte Herrin und ihre Kinder,

die ich lieb habe in der Wahrheit,

und nicht allein ich, sondern auch alle,

die die Wahrheit erkannt haben, um der Wahrheit willen,

die in uns bleibt und bei uns sein wird in Ewigkeit.

2 Joh 1-2

Dieses Buch ist folgenden Personen gewidmet:

Maria Magdalena
meiner Muse und Vorfahrin

Peter McGowan
dem Felsen, auf den ich mein Leben gebaut habe

meinen Eltern Donna & Joe
für ihre bedingungslose Liebe und interessanten Gene

und unseren Gralsprinzen
Patrick, Conor und Shane
die unser Leben mit Liebe, Lachen und steter Inspiration erfüllen

PROLOG

Der Süden Galliens
Im Jahr 72

Es war nicht mehr viel Zeit.

Die alte Frau zog sich den zerlumpten Schal enger um die Schultern. Dieses Jahr kam der Herbst früh in die roten Berge; sie spürte es in den Knochen. Vorsichtig und langsam bewegte sie ihre Finger und zwang ihre von Gicht geplagten Gelenke, sich zu lösen. Ihre Hände durften ihr jetzt nicht den Dienst verweigern, nicht wo so viel auf dem Spiel stand. Sie musste noch diese Nacht mit dem Schreiben fertig werden. Tamar würde bald mit den Krügen kommen, und dann musste alles bereit sein.

Sie gestattete sich den Luxus, einen langen, matten Seufzer auszustoßen. Ich bin schon lange müde – so lange.

Diese Aufgabe, das wusste sie, würde ihre letzte auf Erden sein. Die vergangenen Tage des Erinnerns hatten ihrem verwelkten Leib auch den letzten Rest Leben entzogen. Ihre uralten Knochen waren schwer von unsäglichem Leid und jener Art von Müdigkeit, wie sie jene überkommt, die ihre geliebten Menschen überleben. Gott hatte sie oft auf die Probe gestellt, und es waren harte Proben gewesen.

Nur Tamar, ihre einzige Tochter und ihr letztes lebendes Kind, war ihr geblieben. Tamar war ihr Segen, ein Licht in jenen dunkelsten Stunden, wenn Erinnerungen, schrecklicher als alle Albträume, sich nicht zähmen lassen wollten. Ihre Tochter war nun die einzige andere Überlebende der Großen Zeit, auch wenn sie noch ein kleines Kind gewesen war, als sie alle ihre Rolle in der lebendigen Geschichte gespielt hatten. Trotzdem, es war ein Trost zu wissen, dass noch jemand lebte, der sich erinnerte – und begriff.

Die anderen waren nicht mehr. Die meisten waren tot, von Männern und mit Mitteln zu Tode gebracht, die zu brutal waren, als dass man sie hätte schildern können. Vielleicht lebten noch ein paar, verstreut auf dem großen Rund von Gottes Erde. Sie würde es nie erfahren. Es war schon viele Jahre her, seit sie das letzte Mal von den anderen gehört hatte; aber sie betete für sie, betete von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang, wenn die Erinnerung sie überkam. Sie wünschte sich von ganzem Herzen und aus tiefster Seele, dass sie Frieden gefunden hatten und nicht die Qualen von Tausenden schlafloser Nächte ertragen mussten.

Ja, Tamar war ihre einzige Zuflucht in diesem Winter ihres Lebens. Das Mädchen war noch zu jung gewesen, um sich an Einzelheiten aus der Zeit der Dunkelheit zu erinnern, aber alt genug, um die Schönheit und die Gnade jener Menschen im Gedächtnis behalten zu haben, die Gott auserwählt hatte, auf seinem heiligen Weg zu wandeln.

Tamar hatte ihr Leben der Erinnerung an diese Auserwählten geweiht, und seitdem war sie den Weg der Dienstbarkeit und der Liebe gegangen. Mit welcher Hingabe das Mädchen sich in diesen letzten Tagen um seine Mutter kümmerte, war schon etwas Besonderes.

Meine geliebte Tochter zurückzulassen ist das einzig Schwierige, das mir noch zu tun bleibt. Selbst jetzt, da der Tod vor meiner Tür steht, vermag ich ihn nicht willkommen zu heißen.

Und dennoch …

Die alte Frau spähte aus der Höhle hinaus, die nun schon seit fast vier Jahrzehnten ihr Heim darstellte. Der Himmel war klar, als sie ihr von Falten zerfurchtes Gesicht zu ihm emporhob und die Schönheit der Sterne genoss. Sie würde niemals aufhören, über Gottes Schöpfung zu staunen. Irgendwo, jenseits dieser Sterne, warteten die Seelen jener auf sie, die sie liebte. Sie konnte sie spüren, und sie waren ihr nun näher als je zuvor.

Sie konnte ihn spüren.

»Dein Wille geschehe«, flüsterte sie in den Nachthimmel hinauf. Dann drehte die alte Frau sich langsam wieder um und ging hinein. Drinnen angelangt, atmete sie tief durch, kniff im trüben und rauchigen Licht der Öllampe die Augen zusammen und ließ ihren Blick über das Pergament schweifen.

Schließlich nahm sie den Griffel und machte sich erneut daran zu schreiben.

All diese Jahre, und es fällt mir keinen Deut leichter, über Judas Ischariot zu schreiben, als in jenen dunklen Tagen. Und das nicht, weil ich über ihn gerichtet hätte, sondern eher, weil ich das nicht getan habe.

Ich will Judas’ Geschichte erzählen und hoffe, so der Gerechtigkeit Genüge zu tun. Als Mann war er unnachgiebig in seinen Prinzipien, und jene, die uns folgen, müssen dies wissen: Er hat jene – oder uns – nicht für einen Sack voll Silber verraten. In Wahrheit war Judas der treueste der Zwölf. In all diesen Jahren habe ich so viele Gründe gehabt zu trauern, und doch glaube ich, dass ich nur um einen mehr trauere als um Judas.

Viele wollen, dass ich schlecht über Judas schreibe, dass ich ihn als Verräter verdamme, als jemanden, der der Wahrheit gegenüber blind war. Doch ich kann nichts von alledem schreiben, denn es wäre schon eine Lüge, bevor meine Feder das Pergament berührt. Über unsere Zeit wird man auch so schon genug Lügen schreiben; Gott hat mir das gezeigt. Mehr werde ich nicht dazu schreiben.

Denn was ist mein Ziel, wenn nicht die ganze Wahrheit dessen zu erzählen, was damals geschehen ist?

Das Evangelium von Arques nach Maria Magdalena

Das Buch der Jünger

KAPITEL EINS

Marseille
September 1997

Marseille war ein guter Ort zum Sterben, und das schon seit Jahrhunderten. Der legendäre Seehafen stand in dem Ruf, ein Nest von Piraten, Schmugglern und Halsabschneidern zu sein, schon in der Frühzeit, als die Römer ihn den Griechen abgenommen hatten, lange vor Christi Geburt. Und daran hatte sich im Grundsatz wenig geändert.

Nachdem die französische Regierung die Stadt Ende des zwanzigsten Jahrhunderts weißgewaschen hatte, konnte man zwar wieder seine Bouillabaisse genießen, ohne Angst haben zu müssen, überfallen zu werden; doch von Verbrechen ließen die Einheimischen sich ohnehin nicht schockieren. Die Fischer mit ihrer ledrigen Haut blinzelten noch nicht einmal, wenn sich in ihren Netzen etwas fand, das nicht gerade für die einheimische Fischsuppe geeignet war.

Roger-Bernard Gelis war kein Einheimischer von Marseille. Er war geboren und aufgewachsen am Fuße der Pyrenäen, in einer Gemeinde, die dort stolz als ein lebender Anachronismus überdauerte. Das einundzwanzigste Jahrhundert hatte dieser alten Tradition nichts anhaben können, einer Kultur, die die Mächte der Liebe und des Friedens über alle irdischen Dinge stellte. Dennoch war er als Mann mittleren Alters nicht völlig weltfremd; immerhin war er der Anführer seines Volkes. Und obgleich seine Gemeinde in einem tiefen spirituellen Frieden zusammenlebte, hatte sie auch Feinde.

Wie Roger-Bernard zu sagen pflegte: Das hellste Licht zieht das tiefste Dunkel an.

Er war ein Riese von einem Mann, eine beeindruckende Gestalt für Fremde. Wer die Sanftheit nicht kannte, die Roger-Bernards Geist erfüllte, hätte ihn für einen Menschen halten können, den man fürchten musste. Später nahm man an, dass seine Angreifer ihm nicht unbekannt gewesen waren.

Er hätte es kommen sehen müssen, hätte vorausahnen müssen, dass er solch ein unschätzbar wertvolles Gut nicht in vollkommener Freiheit würde bewahren können. War nicht fast eine Million seiner Vorfahren um eben dieses Schatzes willen gestorben? Aber der Schuss kam von hinten und zertrümmerte seinen Schädel, bevor er auch nur wusste, dass der Feind nahe war.

Der gerichtsmedizinische Befund würde sich, was die Schusswunde betraf, für die Polizei als nutzlos erweisen, da die Mörder es nicht dabei bewenden ließen. Es mussten mehrere Personen gewesen sein, denn die schiere Größe und das Gewicht des Opfers erforderten ein gewisses Maß an Kraft, um das zu vollbringen, was als Nächstes kam.

Es war eine Gnade, dass Roger-Bernard tot war, bevor das Ritual begann. Der Triumph der Mörder blieb ihm erspart, als diese sich an ihre grässliche Arbeit machten. Vor allem der Anführer war von fanatischem Eifer erfüllt für das, was jetzt kam, und sang dabei sein altes Mantra, während er zu Werke ging.

»Necate omnes. Necate omnes.«

Einen menschlichen Kopf am Genick vom Körper zu trennen ist ein widerliches und schwieriges Geschäft. Es erfordert Kraft, Entschlossenheit und ein sehr scharfes Instrument. Die Mörder Roger-Bernards hatten all dies und benutzten es mit äußerster Effizienz.

Lilie

Die kopflose Leiche hatte schon lange im Meer getrieben, von der Flut zerschlagen und von hungrigen Meeresbewohnern angenagt. Die untersuchenden Beamten waren derart entmutigt ob des miserablen Zustands des Verstorbenen, dass sie dem fehlenden Finger an einer Hand kaum Aufmerksamkeit schenkten. Im Autopsiebericht, dessen Ergebnisse später von der Bürokratie – oder vielleicht einer anderen Macht – begraben wurden, stand zu lesen, dass der rechte Zeigefinger am zweiten Knöchel abgetrennt worden war.

Lilie

Jerusalem
September 1997

Die uralte und geschäftige Altstadt von Jerusalem war erfüllt von der fanatischen Aktivität eines Freitagnachmittags. Geschichte hing schwer in der heiligen Luft, als die Gläubigen in ihre Gebetshäuser eilten, um sich für ihren jeweiligen Sabbat vorzubereiten. Die Christen wanderten über die Via Dolorosa, den Leidensweg, eine Reihe gewundener Kopfsteinpflasterstraßen, welche den Weg zur Kreuzigungsstätte markierten. Hier hatte ein geschundener und blutender Jesus Christus sein Kreuz geschultert und sich zur Erfüllung seines göttlichen Schicksals nach Golgatha hinaufgeschleppt.

An diesem Herbstnachmittag unterschied sich die amerikanische Autorin Maureen Paschal nicht im Mindesten von den anderen Pilgern, die aus allen Winkeln der Erde hierhergekommen waren. Die berauschende Septemberbrise mischte den Duft brutzelnder Fleischspieße mit den Gerüchen exotischer Öle, die von den alten Märkten heraufwehten. Maureen ließ sich durch die alle Sinne überwältigende Flut treiben, die so typisch für Israel war, und drückte sich einen Reiseführer an die Brust, den sie bei einer christlichen Organisation übers Internet gekauft hatte. Der Reiseführer beschrieb den Kreuzweg in allen Einzelheiten, komplett mit Karten und Hinweisen auf die vierzehn Stationen des Weges.

»Lady, Sie wollen Rosenkranz? Holz vom Ölberg?«

»Lady, Sie wollen Führer? Sie nie wieder verirren. Ich Ihnen alles zeigen.«

Wie die meisten westlichen Frauen war auch Maureen gezwungen, die Annäherungsversuche der Straßenhändler abzuwehren. Einige waren geradezu unerbittlich in ihrem Bestreben, ihre Waren oder Dienste an den Mann beziehungsweise die Frau zu bringen. Andere wiederum fühlten sich schlicht von der kleinen Frau mit den langen roten Haaren und der hellen Haut angezogen, eine in diesem Teil der Welt seltene und exotische Kombination. Maureen wehrte ihre Verfolger mit einem höflichen, aber entschlossenen »Nein, danke!« ab. Dann beendete sie den Augenkontakt mit dem Betreffenden und ging einfach weiter.

Ihr Cousin Peter, ein Experte für alte Schriften, hatte sie auf die Kultur der Altstadt vorbereitet. Maureen war ausgesprochen gewissenhaft, was selbst die kleinsten Kleinigkeiten ihrer Arbeit betraf, und so hatte sie auch die Sitten Jerusalems sorgfältig studiert. Bis jetzt hatte sich das auch ausgezahlt, und Maureen war es gelungen, Ablenkungen auf ein Minimum zu reduzieren, sodass sie sich voll auf ihre Forschungen konzentrieren und jedes Detail und jede Beobachtung in ihr kleines Notizbuch mit dem Ledereinband schreiben konnte.

Sie war zu Tränen gerührt gewesen von der Intensität und Schönheit der siebenhundert Jahre alten Franziskanerkapelle an der Stelle, wo Jesus der Überlieferung nach gegeißelt worden war. Es war eine ganz unerwartete Gefühlsaufwallung gewesen, zumal Maureen nicht als Pilgerin nach Jerusalem gekommen war. Vielmehr kam sie zu Forschungszwecken, als Autorin auf der Suche nach einem genauen historischen Hintergrund für ihre Arbeit. Zwar suchte auch Maureen ein tieferes Verständnis für die Ereignisse des Karfreitags zu erlangen, aber sie ging diese Suche mit dem Kopf und nicht mit dem Herzen an.

Sie besuchte den Konvent der Schwestern von Sion, bevor sie zu der benachbarten Kapelle der Verurteilung hinüberging, dem legendären Ort, wo Jesus, nachdem Pilatus das Urteil über ihn gefällt hatte, das Kreuz auf seine Schultern nahm. Wiederum wurde der unerwartete Kloß in ihrer Kehle von einem überwältigenden Gefühl der Trauer begleitet, als sie durch das Gebäude schritt. Steingehauene Reliefs in Lebensgröße gaben die Ereignisse eines schrecklichen Morgens vor zweitausend Jahren wieder. Maureen stand wie gebannt vor einer lebendigen Szene tiefer Menschlichkeit; sie zeigt, wie einer der Jünger Maria, die Mutter des Herrn, vor dem Anblick ihres Sohnes mit dem Kreuz bewahren wollte. Die Tränen traten Maureen in die Augen, als sie vor dem Bild stand. Es war das erste Mal in ihrem Leben, dass ihr diese überlebensgroßen historischen Gestalten als wirkliche Menschen aus Fleisch und Blut erschienen, die ein Erlebnis von nahezu unvorstellbarer Qual durchlitten.

Einen Augenblick wurde ihr schwindlig, und sie musste sich mit einer Hand an den kalten Steinen einer alten Mauer abstützen. Sie hielt inne, um sich zu orientieren, bevor sie weitere Notizen über die Bauwerke und die Skulpturen machte.

Weiter führte ihr Weg, doch die labyrinthischen Straßen der Altstadt erwiesen sich als tückisch, selbst mit einem genauen Stadtplan in der Hand. Die Orientierungspunkte waren oft antik und dementsprechend verfallen; wenn man nicht genau wusste, wo sie sich befanden, konnte man sie leicht übersehen. Maureen fluchte leise vor sich hin, als sie erkannte, dass sie sich erneut verirrt hatte. Sie blieb stehen und trat in einen überdachten Ladeneingang, um sich vor der Sonne zu schützen. Die trotz der sanften Brise große Hitze strafte die Jahreszeit Lügen. Maureen schirmte den Reiseführer vor der direkten Sonneneinstrahlung ab, schaute sich um und versuchte, sich zu orientieren.

»Die achte Station des Kreuzwegs. Irgendwo hier muss sie sein«, murmelte sie vor sich hin. Diese Stätte war von besonderem Interesse für Maureen, weil sich ihre Arbeit auf die Aspekte dieser Geschichte konzentrierte, die Frauen betrafen. Wieder schaute sie in den Reiseführer und las einen Abschnitt aus den Evangelien, der sich mit der achten Station beschäftigte.

»Es folgte ihm aber eine große Volksmenge und Frauen, die klagten und beweinten ihn. Jesus aber wandte sich um zu ihnen und sprach: Ihr Töchter von Jerusalem, weint nicht über mich, sondern weint über euch selbst und über eure Kinder.«

Ein lautes Klopfen am Fenster hinter ihr ließ Maureen zusammenschrecken. Sie hob den Blick und erwartete, einen wütenden Ladenbesitzer zu sehen, der sie böse anfunkelte, weil sie seinen Eingang versperrte. Doch das Gesicht, das sie sah, strahlte. Es gehörte einem makellos gekleideten Palästinenser mittleren Alters. Er öffnete die Tür seines Antiquitätenladens und winkte Maureen herein. Als er sich an sie wandte, sprach er in schönem Englisch und mit nur leichtem Akzent.

»Bitte, kommen Sie doch herein. Willkommen. Ich bin Mahmut. Haben Sie sich verirrt?«

Maureen hob ihren Reiseführer. »Ich suche nach der achten Kreuzwegstation. Die Karte zeigt …«

Mahmut winkte mit einem Lachen ab. »Ja, ja. Die achte Station. Jesus trifft die heiligen Frauen von Jerusalem. Sie liegt genau hinter der Ecke dort.« Er gestikulierte zur Straße hinaus. »Sie wird von einem Kreuz über der Steinmauer markiert; aber Sie müssen schon genau hinsehen.«

Maureen beobachtete seine Gesten und stellte zufrieden fest, dass sie die Richtungsangaben verstand. Lächelnd dankte sie dem Mann und wandte sich zum Gehen; doch dann hielt sie plötzlich inne, als etwas auf einem Regal ihre Aufmerksamkeit erregte. Mahmuts Laden war eines der besseren Geschäfte in Jerusalem. Er verkaufte nur beglaubigte Antiquitäten wie Öllampen aus der Zeit Christi und Münzen mit dem Bild des Pontius Pilatus. Es war jedoch ein exquisiter Farbschimmer, der Maureens Aufmerksamkeit auf sich gezogen hatte.

»Das ist moderner Schmuck mit eingearbeitetem römischem Glas«, erklärte Mahmut, als Maureen sich den kunstvoll arrangierten Stücken mit Mosaikeinlagen näherte.

»Die sind wunderschön«, erwiderte Maureen und griff nach einem in Silber eingefassten Anhänger. Farben tanzten durch den Laden, als sie das Schmuckstück ins Licht hob, und weckten ihre schriftstellerische Fantasie. »Ich frage mich, was dieses Glas wohl zu erzählen hätte, wenn es sprechen könnte.«

»Wer weiß, was es einst gewesen ist?« Mahmut hob die Schultern. »Eine Parfümflasche vielleicht? Ein Gewürzkrug? Eine Vase für Rosen oder Lilien?«

»Es ist faszinierend, sich vorzustellen, dass das hier vor zweitausend Jahren ein ganz alltäglicher Gegenstand in irgendjemandes Heim gewesen sein könnte. Wirklich faszinierend.«

Als sie sich das Geschäft und das Angebot einmal genauer ansah, staunte Maureen über die Qualität der Waren und die Schönheit des Arrangements. Sie legte den Anhänger wieder zurück und strich sanft mit dem Finger über eine irdene Öllampe. »Ist die wirklich zweitausend Jahre alt?«

»Natürlich. Ein paar meiner Stücke sind sogar noch älter.«

Maureen runzelte die Stirn. »Gehören derartige Antiquitäten nicht in ein Museum?«

Mahmut lachte, ein volltönendes, herzliches Geräusch. »Meine Liebe, ganz Jerusalem ist ein Museum! Sie können hier noch nicht einmal den Garten umgraben, ohne etwas Antikes zu finden. Die meisten wirklich wertvollen Gegenstände wandern zwar in wichtige Sammlungen, aber nicht alle.«

Maureen ging weiter zu einem Glasschrank, in dem sich antiker, grün angelaufener Kupferschmuck befand. Sie blieb stehen. Ein Ring hatte ihre Aufmerksamkeit erregt, der eine Scheibe von der Größe einer kleinen Münze stützte. Mahmut folgte ihrem Blick, holte den Ring heraus und zeigte ihn Maureen. Ein Sonnenstrahl, der durch das Schaufenster fiel, fing sich an der runden Basis des Rings und hob ein Muster aus neun Ringen mit gehämmerten Punkten hervor, die den Mittelkreis umgaben.

»Eine sehr interessante Wahl«, sagte Mahmut. Seine vormals freundliche Art hatte sich geändert. Er wirkte nun ernst und voll konzentriert, und er beobachtete Maureen genau, während sie ihm Fragen zu dem Ring stellte.

»Wie alt ist der?«

»Das ist schwer zu sagen. Meine Experten glauben, dass er aus byzantinischer Zeit stammt, vermutlich aus dem sechsten oder siebten Jahrhundert; möglicherweise ist er aber auch älter.«

Maureen warf einen genaueren Blick auf das Muster.

»Dieses Muster kommt mir … vertraut vor. Ich habe das Gefühl, als hätte ich es schon einmal gesehen. Wissen Sie, ob es irgendwas symbolisiert?«

Mahmut entspannte sich ein wenig. »Ich kann nicht mit Sicherheit sagen, was ein Kunsthandwerker vor anderthalbtausend Jahren hat schaffen wollen. Aber man hat mir gesagt, es sei ein kosmologischer Ring.«

»Ein kosmologischer Ring?«

»Der Ring von jemandem, der die Beziehung zwischen Erde und Kosmos versteht. Wie oben, so auch unten. Und ich muss sagen, dass ich tatsächlich sofort an Planeten gedacht habe, die sich um die Sonne drehen, als ich ihn zum ersten Mal gesehen habe.«

Maureen zählte laut die Punkte. »… sieben, acht, neun. Aber damals hat man doch noch nicht gewusst, dass es insgesamt neun Planeten gibt oder dass die Sonne der Mittelpunkt des Sonnensystems ist. Das kann es doch nicht darstellen … oder?«

»Wir können uns nicht anmaßen zu wissen, was man in der Antike gewusst hat und was nicht.« Mahmut hob erneut die Schultern. »Probieren Sie ihn mal an.«

Maureen, die eine Verkaufstaktik roch, gab Mahmut den Ring wieder zurück. »Oh, nein, danke. Er ist wirklich schön, aber ich war nur neugierig. Außerdem habe ich mir selbst versprochen, heute kein Geld auszugeben.«

»Das ist schon in Ordnung«, erwiderte Mahmut und weigerte sich demonstrativ, den Ring zurückzunehmen. »Er steht ohnehin nicht zum Verkauf.«

»Nicht?«

»Nein. Ich habe schon viele Angebote für diesen Ring bekommen. Ich weigere mich schlicht, ihn zu verkaufen. Also können Sie ihn ruhig anprobieren. Nur so.«

Vielleicht lag es daran, dass die Verspieltheit in seine Stimme zurückgekehrt war und dass sie sich dadurch nicht mehr so unter Druck gesetzt fühlte; oder vielleicht war es auch die Anziehungskraft des unerklärlichen antiken Musters. Auf jeden Fall schob Maureen sich den alten Kupferring über den Finger. Er passte perfekt.

Mahmut nickte, wurde wieder ernst und sagte leise, fast zu sich selbst: »Als wäre er für Sie gemacht.«

Maureen hielt den Ring ins Licht und betrachtete ihn an ihrer Hand. »Ich kann einfach nicht den Blick von ihm wenden.«

»Das liegt daran, dass er für Sie bestimmt ist.«

Maureen schaute ihn misstrauisch an. Mahmut war eleganter als die Straßenhändler, aber nichtsdestotrotz ein Kaufmann. »Haben Sie nicht gesagt, er sei nicht zu verkaufen?«

Sie schickte sich an, den Ring wieder auszuziehen, wogegen der Ladenbesitzer sich jedoch sofort verwahrte, indem er protestierend die Hand hob.

»Nein. Bitte.«

»Okay, okay. Jetzt beginnt wohl das Feilschen, hm? Wie viel?«

Mahmut blickte einen Augenblick lang ernsthaft beleidigt drein, bevor er antwortete: »Sie missverstehen mich. Dieser Ring ist mir anvertraut worden, bis ich die richtige Hand dafür gefunden habe. Die Hand, für die er gemacht worden ist. Jetzt sehe ich, dass das Ihre Hand ist. Ich kann ihn Ihnen nicht verkaufen, weil er Ihnen bereits gehört.«

Maureen blickte auf den Ring hinunter und dann verwirrt zu Mahmut. »Ich verstehe nicht …«

Mahmut lächelte weise und ging in Richtung Eingangstür. »Nein, das tun Sie wohl wirklich nicht; aber eines Tages werden Sie es verstehen. Behalten Sie den Ring jetzt erst einmal. Betrachten Sie ihn als Geschenk.«

»Ich kann unmöglich …«

»Sie können, und Sie werden. Sie müssen. Wenn Sie es nicht tun, habe ich versagt. Damit wollen Sie doch nicht Ihr Gewissen belasten, oder?«

Maureen schüttelte verwirrt den Kopf und folgte ihm zur Tür. Dort angekommen, hielt sie kurz inne. »Ich weiß wirklich nicht, was ich sagen oder wie ich mich bei Ihnen bedanken soll.«

»Das brauchen Sie nicht. Wirklich. Aber Sie müssen jetzt gehen. Die Mysterien Jerusalems warten auf Sie.«

Mahmut hielt die Tür für sie auf. Maureen ging hinaus und dankte ihm noch einmal.

»Auf Wiedersehen, Madonna«, flüsterte Mahmut, als sie das Geschäft verließ. Maureen blieb stehen und drehte sich rasch zu ihm um.

»Tut mir leid. Was haben Sie gesagt?«

Mahmut setzte wieder sein weises, rätselhaftes Lächeln auf. »Ich sagte: Auf Wiedersehen, my dear.« Und er winkte Maureen zum Abschied zu.

Sie erwiderte die Geste und trat erneut ins harte Licht der Sonne hinaus.

Lilie

Maureen kehrte zur Via Dolorosa zurück, wo sie die achte Station genau an der Stelle fand, zu der Mahmut sie gewiesen hatte. Aber sie war beunruhigt und konnte sich nicht konzentrieren; nach ihrer Begegnung mit dem Ladenbesitzer war ihr irgendwie seltsam zumute. Als sie ihren Weg fortsetzte, kam ihr früheres Schwindelgefühl zurück, stärker diesmal, bis zur Desorientierung. Es war ihr erster Tag in Jerusalem, und ohne Zweifel litt sie noch unter den Folgen der Zeitverschiebung. Der Flug von Los Angeles war lang und anstrengend gewesen, und in der Nacht davor hatte sie nicht viel geschlafen. Aber ob es nun eine Mischung aus Hitze, Erschöpfung und Hunger war oder etwas Unerklärliches: Was als Nächstes geschah, lag vollkommen außerhalb ihres Erfahrungshorizonts.

Maureen fand eine Steinbank und ließ sich darauf nieder, um sich ein wenig auszuruhen. Als ein erbarmungsloser Blitz von Sonnenlicht sie traf, brachte eine erneute, unerwartete Welle der Benommenheit sie zum Wanken und schickte ihre Gedanken auf Reisen.

Plötzlich fand sie sich inmitten eines Mobs wieder. Überall um sie herum herrschte Chaos. Die Menschen schrien und stießen einander an. Maureen war noch genug von ihrem modernen Verstand geblieben, um zu bemerken, dass die sie umschwärmenden Gestalten grobe Kleider aus handgewebten Stoffen anhatten. Jene, die Schuhe hatten, trugen primitive Sandalen; das bemerkte Maureen, als ihr jemand auf die Füße trat. Die meisten waren Männer, bärtig und verdreckt. Die allgegenwärtige Sonne des Frühnachmittags brannte auf sie hinab, und Schweiß mischte sich mit dem Dreck auf den wütenden und gequälten Gesichtern rings um sie herum. Maureen befand sich am Rand einer schmalen Straße, und die Menge vor ihr geriet in Bewegung. Eine Gasse bildete sich, und eine kleine Gruppe trat langsam durch sie hindurch. Der Mob schien dieser Gruppe zu folgen. Als die sich bewegende Masse näher kam, sah Maureen zum ersten Mal die Frau.

Sie wirkte wie eine einsame, stille Insel inmitten des Chaos, und sie war eine der wenigen Frauen in der Menge – doch das war es nicht, was sie anders machte. Es war ihr Auftreten: eine edle Haltung, die sie trotz des Drecks an ihren Händen und Füßen als Königin kennzeichnete. Sie sah ein wenig zerzaust aus. Das glänzende rötlich braune Haar hatte sie teilweise hinter einem purpurroten Schleier verborgen, der die untere Hälfte ihres Gesichts bedeckte. Maureen wusste instinktiv, dass sie zu dieser Frau gelangen und Verbindung zu ihr aufnehmen musste; sie musste sie berühren, mit ihr sprechen … Aber die wimmelnde Menge hinderte sie daran, und sie bewegte sich mit der trägen Langsamkeit eines Traumzustands.

Während sie sich weiter in Richtung der Frau vorkämpfte, war Maureen mehr und mehr von der beinahe schmerzhaften Schönheit des Gesichts hingerissen, das sich just außerhalb ihrer Reichweite befand. Die Frau besaß eine feine Knochenstruktur; ihre Züge waren erlesen und zart. Doch es waren ihre Augen, die Maureen noch lange nach der Vision verfolgen sollten. Die Augen der Frau, groß und glänzend von unvergossenen Tränen, besaßen eine Farbe irgendwo zwischen Bernstein und Salbei, ein außergewöhnliches helles Haselnussbraun, in dem sich auf herzzerreißende Art unendliche Weisheit und unerträgliches Leid miteinander verbanden. In einem kurzen und doch unendlichen Augenblick traf sich der seelenverschlingende Blick der Frau mit Maureens, und diese unvergleichlichen Augen vermittelten ein aus vollkommener Verzweiflung geborenes Flehen.

Du musst mir helfen.

Maureen wusste, dass die Bitte an sie gerichtet war. Sie war wie in Trance, erstarrt, als sich ihr Blick mit dem der Frau kreuzte. Der Moment endete, als die Frau plötzlich zu dem jungen Mädchen hinunterschaute, das drängend an ihrer Hand zupfte.

Das Kind blickte mit großen haselnussbraunen Augen hinauf, die denen seiner Mutter glichen. Hinter ihr stand ein Junge, älter und mit dunkleren Augen als das kleine Mädchen, aber offensichtlich der Sohn dieser Frau. Maureen wusste in jenem unerklärlichen Moment, dass sie der einzige Mensch war, der dieser fremden, leidenden Königin und ihren Kindern helfen konnte. Eine Welle von Verwirrung und etwas, das einer überwältigenden Trauer gleichkam, brach ob dieser Erkenntnis über sie herein.

Dann setzte der Mob sich wieder in Bewegung, und Maureen ertrank in einem Meer aus Schweiß und Verzweiflung.

Lilie

Maureen blinzelte und kniff ein paar Sekunden lang die Augen zusammen. Forsch schüttelte sie den Kopf, um wieder klar sehen zu können, unsicher, wo sie sich befand. Ein Blick auf ihre Jeans hinunter, ihren Mikrofaserrucksack und ihre Nike-Schuhe versicherten ihr, dass sie wieder im 21. Jahrhundert angekommen war. Um sie herum herrschte weiterhin das geschäftige Treiben der Altstadt, doch die Menschen trugen nun moderne Kleidung, und auch die Geräusche waren anders. Radio Jordan spielte einen amerikanischen Popsong – war das »Losing My Religion« von REM? –, der aus einem Geschäft auf der anderen Straßenseite dröhnte. Ein palästinensischer Teenager vertrieb sich die Zeit damit, im Rhythmus dazu auf der Ladentheke zu trommeln. Er lächelte sie an, ohne einen Takt zu verpassen.

Maureen erhob sich von der Bank und versuchte, die Vision abzuschütteln – falls es denn eine gewesen war. Sie war nicht sicher, was genau sie gerade erlebt hatte, doch sie konnte es sich auch nicht erlauben, länger darüber nachzudenken. Ihre Zeit in Jerusalem war begrenzt, und sie musste sich noch die Sehenswürdigkeiten von zweitausend Jahren ansehen. Also griff sie auf ihre journalistische Disziplin zurück und eine lebenslange Erfahrung darin, ihre Gefühle zu unterdrücken, legte die Vision unter »zur späteren Analyse« ab und zwang sich weiterzugehen.

Maureen verschmolz mit einem Schwarm britischer Touristen, als diese, angeführt von einem Mann mit dem typischen Kragen eines anglikanischen Priesters, um die Ecke bogen. Der Priester verkündete seiner Pilgergruppe, dass sie sich dem heiligsten Ort der Christenheit näherten: der Grabeskirche.

Maureen wusste aus ihren Recherchen, dass sich die restlichen Kreuzwegstationen im Inneren dieses geweihten Gebäudekomplexes befanden. Die Anlage bestand aus mehreren Teilen, wobei der Ort der Kreuzigung in der eigentlichen Basilika unweit des Christusgrabes lag, und zwar schon seit Kaiserin Helena im vierten Jahrhundert geschworen hatte, diesen heiligen Boden zu beschützen. Helena, die zugleich die Mutter Kaiser Konstantins des Großen war, wurde später für ihre Mühen zur Heiligen erhoben.

Langsam und ein wenig zögernd näherte sich Maureen der riesigen Eingangstür. Als sie auf der Schwelle stand, wurde ihr bewusst, dass sie schon seit Jahren in keiner Kirche mehr gewesen war, und der Gedanke, jetzt etwas daran zu ändern, bereitete ihr irgendwie Unbehagen. Sie rief sich vor Augen, dass die Nachforschungen, die sie hierher nach Israel geführt hatten, wissenschaftlicher und weniger spiritueller Natur waren. Solange sie das Ganze aus dieser Perspektive betrachtete, hatte sie kein Problem. Kein Problem, durch diese Tür zu gehen.

Auch wenn Maureen sich dagegen sträubte, der kolossale Schrein war zweifelsohne ehrfurchtgebietend und besaß eine geradezu magnetische Anziehungskraft. Als sie durch die riesige Tür trat, hörte sie die Stimme des englischen Priesters:

»Innerhalb dieser Mauern werden Sie sehen, wo unser Herr das größte Opfer dargebracht hat. Sie werden sehen, wo man ihn seiner Kleider beraubt und ihn ans Kreuz geschlagen hat. Anschließend werden Sie das heilige Grab betreten. Meine Brüder und Schwestern in Christo, sobald Sie diesen Ort betreten, wird Ihr Leben nie wieder dasselbe sein.«

Lilie

Der schwere und unverkennbare Geruch von Weihrauch wehte Maureen entgegen, als sie die Basilika betrat. Pilger aus allen Ecken der Christenheit füllten die riesigen Räume innerhalb der Kirchenanlage. Maureen ging an einer Gruppe koptischer Priester vorbei, die in ehrfürchtigem Disput beieinanderhockten, und beobachtete einen griechisch-orthodoxen Priester, der in einer der kleinen Seitenkapellen Kerzen entzündete. Ein Männerchor sang in einer östlichen Sprache, ein exotisches Geräusch für westliche Ohren, und der Gesang hallte in der ganzen Kirche wider.

Maureen sog den überwältigenden Anblick und die Geräusche dieses Ortes förmlich auf; es war schlicht zu viel, als dass sie sich auf irgendetwas im Besonderen hätte konzentrieren können. So bemerkte sie auch den drahtigen, kleinen Mann nicht, der sich neben sie schob, bis er ihr auf die Schulter tupfte und sie unwillkürlich zusammenzuckte.

»’tschuldigen Sie, Miss. ’tschuldigen, Miss Mo-ree.« Er sprach Englisch, doch im Gegensatz zu dem rätselhaften Ladenbesitzer Mahmut war sein Akzent extrem. Seine Kenntnisse von Maureens Sprache waren bestenfalls als rudimentär zu bezeichnen, und so verstand Maureen zunächst nicht, dass er sie mit Vornamen anredete. Er wiederholte sich.

»Mo-ree. Ihr Name. Mo-ree, ja?«

Maureen war verwirrt, und sie versuchte herauszufinden, ob dieser seltsame kleine Mann sie tatsächlich mit Namen ansprach, und falls ja, woher er ihn kannte. Sie war erst weniger als vierundzwanzig Stunden in Jerusalem, und niemand außer dem Empfangschef im King David Hotel kannte sie mit Namen. Aber dieser Mann war ungeduldig und fragte erneut:

»Mo-ree. Sie sind Mo-ree. Schreiber. Sie schreiben, ja? Mo-ree?«

Maureen nickte langsam und antwortete: »Ja. Mein Name ist Maureen. Aber woher … Woher wissen Sie das?«

Der kleine Mann ignorierte die Frage, packte Maureen an der Hand und zog sie über den Kirchenboden. »Kein Zeit, kein Zeit. Komm’ Sie. Wir auf Sie warten, lang. Komm’ Sie, komm’ Sie.«

Für solch einen kleinen Mann – er war kleiner als Maureen, die selbst nicht gerade groß war – bewegte er sich sehr schnell. Seine kurzen Beine ließen ihn förmlich durch die Basilika fliegen, vorbei an den Schlange stehenden Pilgern, die darauf warteten, ins Grab Christi gelassen zu werden. Immer weiter führte er sie, bis sie einen kleinen Altar im hinteren Teil des Gebäudes erreichten, wo er plötzlich stehen blieb. Das Areal wurde von der lebensgroßen Bronzeskulptur einer Frau beherrscht, die flehentlich die Hände zu einem Mann ausstreckte.

»Kapelle von Maria Magdalena. Magdalena. Sie komm’ wegen ihr, ja? Ja?«

Maureen nickte vorsichtig, schaute auf die Skulptur und dann auf die Plakette darunter, wo zu lesen stand:

AN DIESEM ORT ERBLICKTE

MARIA MAGDALENA ALS ERSTE DEN

AUFERSTANDENEN HERRN.

Laut las sie das Zitat, das sich auf einer weiteren Plakette unter der Statue befand:

»Weib, was weinst du? Wen suchst du?«

Maureen blieb nur wenig Zeit, über diese Frage nachzudenken, denn der merkwürdige kleine Mann zerrte schon wieder an ihr und führte sie in seinem unwahrscheinlichen Tempo in eine andere, noch dunklere Ecke der Basilika.

»Komm’ Sie. Komm’ Sie.«

Sie gingen um eine Ecke und blieben vor einem Gemälde stehen, dem großen Porträt einer Frau. Die Zeit, der Weihrauch und die Jahrhunderte im öligen Rauch der Kerzen hatten ihren Tribut von dem Kunstwerk gefordert, sodass Maureen die Augen zusammenkneifen und näher herantreten musste, um das dunkle Bild besser in Augenschein nehmen zu können. Der kleine Mann erzählte in zutiefst ernstem Tonfall:

»Gemälde sehr alt. Griechisch. Verstehn Sie? GRIECHISCH. Sehr wichtig. Sie braucht Sie, um ihre Geschichte zu schreiben. Darum Sie hergekomm’, Mo-ree. Wir lang auf Sie gewartet. SIE gewartet. Auf Sie. Ja?«

Aufmerksam betrachtete Maureen das Gemälde, dieses dunkle, antike Porträt einer Frau in rotem Mantel. Dann drehte sie sich wieder zu dem kleinen Mann um, neugierig, wohin er sie wohl als Nächstes führen würde … aber er war weg, so schnell verschwunden, wie er gekommen war.

»Warten Sie!« Maureens Stimme hallte durch das große Kirchenschiff, doch ihr Ruf blieb ohne Antwort. Erneut wandte sie ihre Aufmerksamkeit dem Gemälde zu.

Als sie sich näher heranbeugte, bemerkte sie, dass die Frau einen Ring an der rechten Hand trug: eine runde Kupferscheibe mit einem Muster, das neun kleine Kreise mit Punkten um eine zentrale Scheibe zeigte.

Maureen hob die rechte Hand, die mit dem neuen Ring, um ihn mit dem auf dem Gemälde zu vergleichen.

Die Ringe waren identisch.

Lilie

Viel wird in den kommenden Zeiten über Simon, den Menschenfischer, geschrieben und gesagt werden. Wie er von Isa und mir selbst auf Griechisch Petros, ›der Fels‹, genannt wurde, während die anderen ihn in ihrer Sprache Kepha riefen. Und wenn die Geschichte gerecht ist, wird sie erzählen, mit welch unvergleichlicher Kraft und Hingabe er Isa geliebt hat.

Und es ist auch schon viel über meine eigene Beziehung zu Simon-Petrus gesagt worden, oder zumindest hat man mir das erzählt. Da gibt es jene, die uns Gegner, ja sogar Feinde nennen. Sie wollen jedermann glauben machen, dass Petrus mich verachtet habe und wir stets und überall um Isas Gunst gefochten hätten. Und da sind jene, die Petrus einen Frauenhasser nennen; doch dies ist ein Vorwurf, der auf niemanden zutrifft, der Isa gefolgt ist. So sei kund und zu wissen getan, dass kein Mann, der Isa gefolgt ist, je eine Frau herabgesetzt oder ihren Wert in Gottes Plan unterschätzt hätte. Jeder Mann, der dies tut und Isa seinen Lehrer nennt, der lügt.

Diese Vorwürfe gegen Petrus sind unwahr. Dennoch vermag ich jene nicht zu verdammen, die das sagen, denn sie glauben, das zu meiner Verteidigung zu tun. Jene, die Zeugen von Petrus’ Kritik an mir wurden, wissen nichts von unserer Geschichte oder welcher Quelle sein Zorn entsprang. Aber ich verstehe es, und ich werde nicht über ihn richten. Vor allem das ist es, was Isa mich gelehrt hat, und ich hoffe, es andere genauso gut gelehrt zu haben: Richte nicht, auf dass du nicht gerichtet werdest.

Das Evangelium von Arques nach Maria Magdalena

Das Buch der Jünger

KAPITEL ZWEI

Los Angeles
Oktober 2004

»Lassen Sie uns von vorn anfangen: Marie Antoinette hat nie gesagt ›Dann sollen sie doch Kuchen essen‹, Lucrezia Borgia hat nie jemanden vergiftet, und Maria Stuart war keine mörderische Hure. Indem wir diese Irrtümer korrigieren, machen wir den ersten Schritt, um den Frauen ihren angemessenen Platz in der Geschichte zurückzugeben – einen Platz, den ihnen Generationen von Historikern aus Voreingenommenheit heraus verweigert haben.«

Maureen hielt kurz inne, als ein zustimmendes Raunen durch die Studenten ihres Abendschulseminars ging. Sich zum ersten Mal an eine neue Klasse zu wenden war nicht viel anders als eine Theaterpremiere. Der Erfolg ihrer anfänglichen Performance bildete den Grundstein für die langfristige Wirkung ihrer gesamten Arbeit.

»Im Laufe der nächsten Wochen werden wir das Leben einiger der berüchtigtsten Frauen in Historie und Legende untersuchen. Frauen mit Geschichten, die einen unauslöschlichen Eindruck in der Entwicklung der modernen Gesellschaft und Gedankenwelt hinterlassen haben; Frauen, die grundlegend missverstanden und von jenen in ein schlechtes Licht gerückt worden sind, die die Geschichte der westlichen Welt geprägt haben, indem sie ihre Meinungen zu Papier gebracht haben.«

Maureen war gut in Schwung und wollte so früh nicht für Fragen unterbrechen, doch ein junger Mann in der ersten Reihe wedelte schon von Anfang an mit der Hand. Er sah aus, als würde er gleich platzen, doch abgesehen davon hatte er nichts Besonderes an sich. Freund oder Feind? Fan oder Fundamentalist? Das war stets das Risiko. Maureen wandte sich ihm zu – wohl wissend, dass er sie weiter ablenken würde, sollte sie sich nicht um ihn kümmern.

»Würden Sie das als einen feministischen Blick auf die Geschichte bezeichnen?«, fragte der junge Mann.

War es das, was er vorzubringen hatte? Maureen entspannte sich ein wenig und beantwortete die vertraute Frage: »Ich betrachte es als ehrlichen Blick auf die Geschichte. Als ich mich der Thematik gewidmet habe, war mein einziges Ziel, die Wahrheit herauszufinden.«

Sie war noch nicht vom Haken.

»Für mich sieht es eher so aus, als wollten Sie schlicht auf die Männer einprügeln.«

»Ganz und gar nicht. Ich liebe Männer. Ich denke, jede Frau sollte einen haben.« Maureen hielt kurz inne, um den weiblichen Studenten ein Kichern zu gestatten. »Das war ein Scherz. Mein eigentliches Ziel ist es, die Geschichte wieder ins Gleichgewicht zu bringen, indem ich sie aus einem modernen Blickwinkel betrachte. Leben Sie, die Sie hier sitzen, Ihr Leben auf die gleiche Art wie die Menschen vor tausendsechshundert Jahren? Nein. Warum also sollten Gesetze, Glauben und historische Interpretationen, die im finsteren Mittelalter zu Papier gebracht worden sind, bestimmen, wie wir im einundzwanzigsten Jahrhundert leben? Das ergibt einfach keinen Sinn.«

Der Student entgegnete: »Aber deshalb bin ich ja hier: um herauszufinden, was Sache ist.«

»Gut. Dann kann ich Sie nur dafür loben, dass Sie hier sind, und ich bitte Sie lediglich darum, erst einmal für alles offen zu sein. Tatsächlich möchte ich, dass Sie alle erst einmal mit dem aufhören, was Sie gerade tun. Heben Sie die rechte Hand, und legen Sie den folgenden Eid ab.«

Erneut ging ein Raunen durch die Reihen der Studenten. Sie schauten sich um, lächelten einander an, zuckten mit den Schultern und fragten sich, ob Maureen das ernst meinte. Ihre Dozentin, eine Bestsellerautorin und anerkannte Journalistin, stand vor ihnen, die rechte Hand erhoben und einen erwartungsvollen Ausdruck auf dem Gesicht.

»Kommen Sie«, hakte Maureen nach. »Hand hoch, und wiederholen Sie, was ich sage.«

Die Klasse folgte ihrem Beispiel, hob die Hände und wartete.

»Hiermit schwöre ich feierlich als ernsthafter Student der Geschichte«, Maureen hielt kurz inne und ließ ihre Studenten das Gesagte gehorsam wiederholen, »mich jederzeit daran zu erinnern, dass alle Worte, die je zu Papier gebracht worden sind, von Menschenhand stammen.«

Wieder legte sie eine kurze Pause ein, bis die Studenten die Worte nachgesprochen hatten. »Und wie alle Menschen, so wurden auch diese Schreiber von ihren Gefühlen, ihren Ansichten und ihren politischen und religiösen Neigungen bestimmt. Demzufolge besteht alle Geschichte sowohl aus Fakten als auch aus Meinungen, und in vielen Fällen ist sie sogar vollkommen erfunden, um damit ein geheimes Ziel zu erreichen.

Ich schwöre feierlich, allem gegenüber offen zu sein, solange ich in diesem Raum sitze. Dies soll unser Schlachtruf sein: ›Geschichte ist nicht, was geschehen ist. Geschichte ist das, was niedergeschrieben wurde.‹«

Maureen nahm ein Buch vom Podium vor ihr und hielt es hoch, sodass alle es sehen konnten.

»Hatte jeder Gelegenheit, sich ein Exemplar dieses Buches zu besorgen?« Allgemeines Kopfnicken und bestätigendes Murmeln folgten dieser Frage. Bei dem Buch in Maureens Hand handelte es sich um ihr eigenes Werk: HERstory. Ein Plädoyer für die meistgehassten Heldinnen der Geschichte. Dieses Buch war der Grund dafür, dass Maureen jedes Mal den Saal vollbekam, wann immer sie beschloss zu unterrichten.

»Heute Abend werden wir mit einer Diskussion über die Frauen des Alten Testaments beginnen, die weiblichen Vorfahren christlicher und jüdischer Traditionen. Nächste Woche wenden wir uns dann dem Neuen Testament zu, wobei wir den Großteil der Stunde einer einzigen Frau widmen werden: Maria Magdalena. Wir werden die verschiedenen Quellen und Belege zu ihrem Leben untersuchen und sie sowohl als Frau als auch als Jüngerin Christi betrachten. Bitte, lesen Sie die entsprechenden Kapitel zur Vorbereitung.

Außerdem werden wir einen Gastdozenten haben: Dr. Peter Healy, den einige von Ihnen vielleicht aus anderen geisteswissenschaftlichen Kursen kennen. Denjenigen von Ihnen, die bis jetzt noch nicht das Glück hatten, eines seiner Seminare zu besuchen, sei gesagt, dass er auch als Father Healy bekannt ist. Er ist Jesuit und international anerkannter Experte für Bibelwissenschaften.«

Der hartnäckige Student in der ersten Reihe hob erneut die Hand; nur diesmal wartete er nicht, bis Maureen ihn aufrief, sondern fragte direkt: »Sind Sie und Doktor Healy nicht miteinander verwandt?«

Maureen nickte. »Doktor Healy ist mein Cousin. Er wird uns die Beziehung Jesu zu Maria Magdalena aus kirchlicher Perspektive erklären und uns erzählen, wie sich die Einschätzung im Laufe von zweitausend Jahren verändert hat«, fuhr Maureen in dem Bemühen fort, wieder zum Thema zurückzukommen, um rechtzeitig fertig zu werden. »Es wird ein interessanter Abend werden; also versuchen Sie, ihn nicht zu versäumen.

Heute Abend wollen wir jedoch mit einer unserer Urmütter beginnen. Wenn wir Bathseba das erste Mal begegnen, ›reinigt‹ sie sich gerade von ihrer ›Unreinheit‹ …«

Lilie

Maureen stürmte aus dem Seminarraum hinaus, rief Entschuldigungen über die Schulter und schwor, nächste Woche länger zu bleiben. Normalerweise hätte sie noch gut eine halbe Stunde verweilen und mit der Gruppe diskutieren können, die immer nach einer Sitzung blieb. Sie liebte es, auf diese Art Zeit mit ihren Studenten zu verbringen, denn jene, die blieben, waren stets mit ihr auf einer Wellenlänge. Das waren die Studenten, die sie zu ihrer Lehrtätigkeit motivierten. Den Hungerlohn, den man ihr dafür zahlte, hatte sie gewiss nicht nötig. Maureen lehrte, weil sie den Kontakt zu offenen und engagierten Menschen brauchte, mit denen sie über ihre Theorien reden konnte; das empfand sie als ausgesprochen stimulierend.

Ihre Absätze klapperten auf dem Pflaster, während Maureen die Alleen des Nordcampus hinuntereilte. Sie wollte Peter nicht verpassen, nicht heute Abend. Maureen verfluchte ihren Sinn für Mode und wünschte, sie hätte sich passenderes Schuhwerk ausgesucht, mit dem sie den Sprint zu seinem Büro hätte schaffen können, bevor er ging. Wie immer war sie makellos gekleidet, wandte sie doch für ihre Kleidung genauso viel Sorgfalt auf wie für jedes andere Detail in ihrem Leben. Das perfekt geschnittene Designerkostüm passte ihr hervorragend, und das Waldgrün des Ensembles betonte das Grün ihrer Augen. Ein paar Highheels von Manolo Blahnik verliehen ihrem ansonsten eher konservativen Äußeren einen verwegenen Touch – und machten sie ein wenig größer, was sie bei ihren knapp fünf Fuß gut gebrauchen konnte. Doch genau dieses Paar Manolos war nun der Grund für ihren Frust. Kurz dachte sie darüber nach, sie einfach auszuziehen und in die nächste Mülltonne zu werfen.

Bitte, geh noch nicht! Bitte, sei da! So rief sie in Gedanken zu Peter, während sie weiterrannte. Peter und sie waren auf seltsame Weise miteinander verbunden; das war schon in ihrer Kindheit so gewesen, und jetzt hoffte sie, dass er irgendwie spüren konnte, wie nötig sie mit ihm reden musste. Maureen hatte ihn auf konventionellerem Wege vorher anzurufen versucht, aber ohne Erfolg. Peter hasste Handys und hatte nie eines dabei, trotz ihrer vielfachen Bitten über die Jahre, und er weigerte sich grundsätzlich, auf das Läuten des Telefons in seinem Büro zu hören, wenn er in seine Arbeit vertieft war.

Maureen zog die störenden Highheels aus, stopfte sie sich in die Tasche und begann zu rennen. Sie hielt den Atem an, als sie um die Ecke zur MacGowan Hall bog, blickte zu den Fenstern im ersten Stock hinauf und begann, von links abzuzählen. Schließlich stieß sie einen erleichterten Seufzer aus, als sie Licht im vierten Fenster sah. Er war noch da.

Maureen stieg bedächtig die Treppe hinauf und ließ sich Zeit, wieder zu Atem zu kommen. Oben angelangt, wandte sie sich in den linken Gang und ging bis zur vierten Tür rechts. Peter war da. Er spähte aufmerksam durch ein Vergrößerungsglas auf ein vergilbtes Manuskript. Er fühlte Maureen mehr in der Tür, als dass er sie sah, und als er den Kopf hob, erschien ein einladendes Lächeln auf seinem wie stets freundlichen Gesicht.

»Hallo, kleine Maria! Was für eine wunderbare Überraschung. Ich habe heute Abend nicht mit dir gerechnet.«

»Hi, Pete«, antwortete Maureen mit der gleichen Wärme und trat um den Tisch, um ihn kurz zu umarmen. »Ich bin ja so froh, dass du noch hier bist … Ich hatte schon Angst, du wärst bereits weg, und ich musste dich unbedingt sehen.«

Peter hob die Augenbrauen und dachte einen langen Augenblick lang nach, bevor er erwiderte: »Weißt du, unter normalen Umständen wäre ich schon seit Stunden weg; aber aus irgendeinem Grund konnte ich nicht mit der Arbeit aufhören. Zunächst wusste ich nicht, warum … bis jetzt.«

Father Peter Healy tat seine eigenen Worte mit einem Schulterzucken und einem leichten, wissenden Lächeln ab. Maureen musste ebenfalls lächeln. Sie hatte die Verbindung zu ihrem älteren Cousin noch nie logisch erklären können, doch von dem Tage an, als sie damals nach Irland gekommen war, waren sie wie Zwillinge gewesen und hatten die unheimliche Fähigkeit besessen, sich ohne Worte zu verständigen.

Maureen griff in ihre Reisetasche und holte eine blaue Plastiktüte heraus, wie sie auf der ganzen Welt in Importläden verwendet wurde. Sie enthielt eine kleine rechteckige Schachtel, die sie dem Priester überreichte.

»Aaah. Lyon’s Gold Label. Wunderbare Wahl. Amerikanischer Tee schlägt mir noch immer auf den Magen.«

Maureen verzog das Gesicht und schüttelte sich zum Zeichen, dass sie sein Missfallen teilte. »Das reinste Brackwasser.«

»Nun denn. Ich glaube, der Kocher ist voll; also werden wir uns erst einmal ein Tässchen genehmigen.«

Maureen lächelte, während sie Peter dabei beobachtete, wie er sich aus dem verschlissenen, mit Leder bezogenen Stuhl erhob, um den er bei der Universitätsverwaltung so hart gekämpft hatte. Nachdem er den Ruf als Dozent an die geisteswissenschaftliche Fakultät angenommen hatte, hatte man dem geschätzten Dr. Peter Healy ein modern eingerichtetes Büro mit Aussicht zur Verfügung gestellt, einschließlich eines brandneuen und ausgesprochen funktionellen Schreibtischs mit dazu passendem Stuhl. Aber Peter hasste alles Funktionelle, wenn es um Möbel ging, und alles Moderne hasste er noch viel mehr. Also hatte er seinen unwiderstehlichen gälischen Charme eingesetzt, und es war ihm tatsächlich gelungen, den ansonsten so unbeweglichen Verwaltungsapparat in hektische Aktivität zu versetzen. Außerdem sah er dem irischen Schauspieler Gabriel Byrne verblüffend ähnlich, was Frauen stets anregte, römischer Kragen hin oder her. Die Damen der Verwaltung hatten Keller durchwühlt und nicht benutzte Seminarräume durchsucht, bis sie genau das gefunden hatten, was Peter suchte: einen abgewetzten, extrem bequemen Lederlehnstuhl sowie einen Schreibtisch aus altem Holz, der zumindest andeutungsweise antik aussah. Die wenigen modernen Annehmlichkeiten in seinem Büro hatte er sich ebenfalls selbst ausgesucht: den Minikühlschrank in der Ecke hinter dem Schreibtisch, einen kleinen elektrischen Wasserkocher und das meist ignorierte Telefon.

Maureen hatte sich inzwischen sichtlich entspannt. Sie fühlte sich wohl und sicher in der Gegenwart eines nahen Verwandten und genoss die beruhigende, typisch irische Art der Teezubereitung.

Peter kehrte wieder an den Schreibtisch zurück und bückte sich nach dem Minikühlschrank unmittelbar hinter ihm. Er holte eine kleine Milchtüte heraus und stellte sie neben die weißrosa Zuckerdose auf dem Kühlschrank. »Irgendwo war hier auch ein Löffel … Warte … Da ist er ja.«

Im Kocher begann es zu brodeln; das Wasser war fertig.

»Überlass mir die Honneurs«, meldete Maureen sich freiwillig.

Sie stand auf, nahm die Teepackung von Peters Schreibtisch und brach das Plastiksiegel mit ihrem Fingernagel. Dann holte sie zwei runde Teebeutel heraus und legte je einen in die beiden unterschiedlichen, von Tee fleckigen Becher. All die Klischees von wegen Iren und Alkohol waren in Maureens Augen drastisch übertrieben. Wenn Iren nach etwas süchtig waren, dann nach diesem Zeug.

Fachmännisch beendete Maureen die Vorbereitungen und reichte ihrem Cousin einen dampfenden Becher, als sie sich wieder ihm gegenüber auf den Stuhl setzte. Stumm nippte Maureen einen Moment lang an ihrem Tee und fühlte Peters wohlwollenden Blick auf sich ruhen. Nun, da sie so überstürzt zu ihm geeilt war, wusste sie nicht, wo sie anfangen sollte, und so war es schließlich der Priester, der das Schweigen brach.

»Sie ist also wieder da?«, fragte er in sanftem Ton.

Maureen seufzte erleichtert. In Augenblicken wie diesen, da sie glaubte, den Verstand verlieren zu müssen, war Peter für sie da: Cousin, Priester, Freund.

»Ja«, antwortete sie, und ganz untypisch drohte ihr die Stimme zu versagen. »Sie ist wieder da.«

Lilie

Father Peter Healy wälzte sich ruhelos in seinem Bett und konnte nicht schlafen. Das Gespräch mit Maureen in seinem Büro hatte ihn mehr aufgewühlt, als er sich eingestehen wollte. Er machte sich Sorgen um sie, sowohl als ihr nächster lebender Verwandter als auch als ihr geistiger Ratgeber. Die Träume waren wieder zurückgekehrt, und das heftiger denn je. Er hatte gewusst, dass das irgendwann geschehen würde, und nur darauf gewartet.

Als Maureen aus dem Heiligen Land zurückgekehrt war, war sie wiederholt von Traumbildern jener leidenden königlichen Frau in rotem Gewand heimgesucht worden, der Frau, die sie in Jerusalem gesehen hatte. Ihre Träume waren stets gleich; immer fand sie sich inmitten einer Menge auf der Via Dolorosa wieder. Gelegentlich gab es kleinere Variationen oder ein zusätzliches Detail, doch jedes Mal waren die Träume von einem überwältigenden Gefühl der Verzweiflung geprägt. Es waren die Lebendigkeit und die Intensität dieser Träume, die Peter beunruhigten, und die Authentizität von Maureens Beschreibungen. Es war nicht mit Händen zu greifen, ein Gefühl, das durch das Heilige Land selbst ausgelöst wurde, so wie Peter es aus der Zeit kannte, als er selbst in Jerusalem studiert hatte. Es war ein Gefühl, dem Alten und Wahren sehr, sehr nahe zu kommen … und, ja, dem Göttlichen.

Nach ihrer Rückkehr aus Israel hatte Maureen viele lange Ferngespräche mit Peter geführt, der zu dieser Zeit in Irland gelehrt hatte. Seine selbstbewusste und unabhängige Cousine fing an, ihren eigenen Geisteszustand infrage zu stellen, und die Intensität und Häufigkeit ihrer Träume hatten Peter mehr und mehr beunruhigt. Schließlich hatte er um eine Versetzung nach Loyola gebeten, wohl wissend, dass man sie genehmigen würde, und war an Bord eines Flugzeuges nach Los Angeles gestiegen, um seiner Cousine näher zu sein.

Vier Jahre später rang er mit seinen Gedanken und seinem Gewissen, und er wusste einfach nicht, wie er Maureen jetzt am besten helfen sollte. Gern hätte er sie zu einigen seiner kirchlichen Vorgesetzten gebracht, doch ihm war klar, dass sie dem nie zustimmen würde. Peter war die letzte Verbindung zu ihrem einst katholischen Hintergrund, die sie noch nicht gekappt hatte. Sie traute ihm nur, weil er zur Familie gehörte – und weil er der einzige Mensch in ihrem Leben war, der sie nie im Stich gelassen hatte.

Peter setzte sich auf und ergab sich der Erkenntnis, dass er heute Nacht ohnehin nicht mehr würde einschlafen können – und er versuchte, nicht an das Päckchen Marlboro in der Nachttischschublade zu denken. Schon länger war er bestrebt, sich das Rauchen abzugewöhnen; tatsächlich war das einer der Gründe, warum er in einem Apartment und nicht in einem Jesuitenhaus wohnte. Doch der Stress war zu viel für ihn, und so erlag er wieder einmal der Versuchung. Er zündete sich eine Zigarette an, nahm einen tiefen Zug und dachte über die Fragen nach, denen Maureen sich gegenübersah.

Seine kleine, lebhafte amerikanische Cousine hatte schon immer etwas Besonderes gehabt. Als sie zum ersten Mal mit ihrer Mutter nach Irland gekommen war, war sie eine ängstliche, einsame Neunjährige mit breitem Südstaaten-Akzent gewesen. Peter, der acht Jahre älter war, hatte sie unter seine Fittiche genommen und den einheimischen Kindern vorgestellt – und jedem ein blaues Auge verpasst, der es gewagt hatte, die Neue mit ihrem komischen Englisch zu hänseln.

Aber es hatte nicht lange gedauert, bis Maureen mit ihrer Umgebung verschmolzen war. Die Traumata ihrer Vergangenheit in Louisiana heilten rasch, als die irischen Nebel sie tröstend umschlangen. Sie fand Zuflucht in der Landschaft, wo Peter und seine Schwestern sie auf lange Wanderungen mitnahmen, ihr die Schönheit des Flusses zeigten und sie vor den Gefahren der sumpfigen Niederungen warnten. Lange Sommertage verbrachten sie damit, wilde Brombeeren zu pflücken oder Fußball zu spielen, bis die Sonne unterging. Nach und nach akzeptierten auch die anderen Kinder Maureen, je wohler sie sich in ihrer neuen Umgebung fühlte und je mehr ihre wahre Persönlichkeit zum Vorschein kam.

Peter hatte oft über die Definition des Wortes »Charisma« nachgedacht, wie es im Kontext der Frühkirche gebraucht worden war: eine göttliche Gabe oder Macht. Vielleicht traf dieser Begriff wörtlicher und vollkommener auf Maureen zu, als sie es sich je erträumt hatten. Peter führte Tagebuch über seine Diskussionen mit ihr; das hatte er schon seit jenen ersten Ferngesprächen getan. Darin schrieb er all seine Gedanken im Zusammenhang mit den Träumen auf. Und täglich betete er um Führung, falls Maureen tatsächlich von Gott auserwählt sein sollte, irgendeine Aufgabe zu erfüllen, die mit der Passion Christi in Beziehung stand. Denn dass es das war, was sie in ihren Träumen sah, dessen war er allmählich sicher, und in diesem Fall würde er in der Tat alle Hilfe brauchen, die ihm sein Schöpfer gewähren würde. Und seine Kirche desgleichen.

Lilie

Château des Pommes Bleues
Languedoc, Frankreich
Oktober 2004

»Marie de Nègre soll bestimmen, wann die Zeit für die Verheißene gekommen ist. Sie, die aus dem Paschalamm geboren ist, da Tag und Nacht gleich sind; sie, die sie ein Kind der Wiederauferstehung ist. Ihr, die sie das Sangre-el trägt, wird der Schlüssel zuteil werden, wenn sie den Schwarzen Tag des Schädels sieht. Sie wird die neue Hirtin werden und uns den Rechten Weg weisen.«

Berenger Sinclair ging auf dem polierten Boden seiner Bibliothek auf und ab. Die Flammen im riesigen Steinkamin warfen ein goldenes Licht auf die ererbte Sammlung kostbarer Bücher und Manuskripte. In einem schützenden Glaskasten, der sich über die gesamte Breite des großen Herds hinzog, hing ein zerrissenes Banner. Einst weiß, war es nun vergilbt, und in der Mitte fand sich eine ausgeblichene goldene Lilie. Der zusammengesetzte Name Jhesu-Maria war auf das Buckram gestickt, doch nur jene konnten ihn sehen, die die seltene Gelegenheit bekamen, sich dieses Relikt aus der Nähe anzuschauen.

Sinclair zitierte die Prophezeiung laut und ohne sie irgendwo abzulesen, wobei er auf schottische Art das »R« rollte. Berenger kannte die Worte der Prophezeiung auswendig; er hatte sie schon als kleiner Junge auf den Knien seines Großvaters gelernt. Damals hatte er die Bedeutung dieser Zeilen noch nicht verstanden. Es war ein schlichtes Auswendiglernen gewesen, eine Art Spiel, das er mit seinem Großvater gespielt hatte, wenn er die Sommer auf dem riesigen Gut seiner Familie in Frankreich verbracht hatte.

Sinclair blieb vor einem komplexen Familienstammbaum stehen, der an eine Wand gemalt worden war und vom Boden bis zur Decke reichte. Es war ein gewaltiges Bild, das die Geschichte von Berengers Vorfahren darstellte.

Dieser Zweig der Sinclair-Familie war einer der ältesten in ganz Europa. Ursprünglich unter dem Namen Saint Clair bekannt, war sie im dreizehnten Jahrhundert vom Kontinent vertrieben worden, woraufhin die Überlebenden in Schottland Zuflucht gesucht hatten. Dort war der Nachname dann nach und nach anglisiert worden, bis er seine heutige Form erreicht hatte. Zu Berengers Vorfahren gehörten einige der berühmtesten Persönlichkeiten der britischen Geschichte, einschließlich James I. von England und dessen viel geschmähte Mutter Maria Stuart, Königin der Schotten.

Der einflussreichen und klugen Familie Sinclair war es gelungen, sämtliche Bürgerkriege und politischen Unruhen Schottlands zu überleben, indem sie in der stürmischen Geschichte des Landes immer wieder die Seiten gewechselt hatte. Als einer der führenden Industriekapitäne des zwanzigsten Jahrhunderts hatte Berengers Großvater schließlich als Gründer der North Sea Oil Corporation eines der größten Vermögen Europas angehäuft. Als mehrfacher Milliardär und britischer Peer mit einem Sitz im House of Lords hatte Alistair Sinclair alles gehabt, wovon ein Mann nur träumen konnte. Dennoch war er nie zur Ruhe gekommen, war nie zufrieden gewesen; stets hatte er nach etwas gesucht, was er mit seinem Vermögen nicht hatte kaufen können.

Großvater Alistair hatte es nach Frankreich gezogen, und so hatte er nahe dem Dorf Arques im zerklüfteten, geheimnisvollen Südwesten, der als das Languedoc bekannt war, einen riesigen Landsitz erworben. Er nannte sein neues Heim »Château des Pommes Bleues«, Schloss der blauen Äpfel. Die Gründe dafür waren nur einigen wenigen Eingeweihten bekannt.

Das Languedoc war ein gebirgiges Land voller Mysterien. Einheimische Legenden von vergrabenen Schätzen und geheimnisvollen Rittern reichten Hunderte, ja Tausende von Jahren zurück. Alistair Sinclair war mehr und mehr fasziniert von der Geschichte des Languedoc und begann, alles Land in der Region anzukaufen, das er kriegen konnte, und mit wachsender Leidenschaft nach einem Schatz zu suchen, von dem er glaubte, er sei dort vergraben. Dieser Schatz hatte jedoch nichts mit Gold und Silber zu tun; davon hatte Alistair ohnehin mehr als genug. Es war etwas, das weit wertvoller für ihn war, für seine Familie und für die ganze Welt. Je älter er wurde, desto weniger Zeit verbrachte er in Schottland, und Glück fand er nur noch in den wilden roten Bergen des Languedoc. Alistair bestand darauf, dass sein Enkel im Sommer bei ihm lebte, und schließlich weckte er auch in dem jungen Berenger die gleiche Leidenschaft, ja Besessenheit für dieses mystische Land.

Berenger Sinclair, der inzwischen Mitte vierzig war, hielt erneut auf seinem Weg durch die große Bibliothek an, diesmal vor einem Porträt seines Großvaters. Die kantigen Gesichtszüge, das lockige dunkle Haar und die kraftvollen Augen vermittelten ihm das Gefühl, als würde er in einen Spiegel schauen.

»Sie gleichen ihm sehr, Monsieur. Tatsächlich ähneln Sie ihm sogar von Tag zu Tag mehr.«

Sinclair drehte sich zu seinem Diener Roland um. Für solch einen riesigen Mann konnte Roland überraschend leise sein, sodass er manchmal wie aus dem Nichts einfach auftauchte.

»Und? Ist das gut?«, fragte Berenger ironisch.

»Natürlich. Monsieur Alistair war ein feiner Mann. Die Dörfler haben ihn sehr geliebt – wie auch mein Vater und ich.«

Sinclair nickte und lächelte schwach. Dass Roland das sagte, war nur natürlich. Der französische Riese war ein Sohn des Languedoc. Sein Vater stammte aus einer einheimischen Familie mit tiefen Wurzeln in diesem legendären Land und war Alistairs Hausverwalter gewesen. Roland war auf dem Landgut aufgewachsen und verstand die Familie Sinclair und ihre exzentrischen Leidenschaften. Nach dem plötzlichen Tod seines Vaters war Roland in dessen Fußstapfen als Verwalter des Château des Pommes Bleues getreten. Er war einer der wenigen Menschen auf der Welt, denen Berenger Sinclair vertraute.

»Ich habe Sie gehört, wenn ich das sagen darf. Wir arbeiteten drüben im Saal, Jean-Claude und ich, und wir hörten, wie Sie die Worte der Prophezeiung sprachen.« Fragend schaute er Sinclair an. »Stimmt etwas nicht?«

Sinclair durchquerte den Raum zu dem großen Mahagonischreibtisch, der die gegenüber liegende Wand beherrschte. »Doch, doch, Roland. Alles bestens. Tatsächlich glaube ich, dass endlich, endlich alles in Ordnung kommen wird.«

Er griff nach dem Buch, das auf dem Tisch lag, und zeigte das Cover seinem Diener. Es war ein modernes Sachbuchcover, und der Titel darauf lautete: HERstory, gefolgt von dem Untertitel: Ein Plädoyer für die meistgehassten Heldinnen der Geschichte.

Roland schaute das Buch verwirrt an. »Ich verstehe nicht.«

»Nein, nein. Dreh es um. Schau dir das an. Schau sie an.«

Roland tat, wie ihm geheißen, sodass er das Foto der Autorin sehen konnte: MAUREEN PASCHAL.

Die Verfasserin war eine attraktive rothaarige Frau Mitte dreißig. Für das Foto hatte sie die Hände auf den Stuhl vor ihr gelegt. Sinclair strich mit der Hand über den Einband und deutete auf die Hände der Autorin. Klein, aber sichtbar trug sie den antiken Kupferring aus Jerusalem mit seinem Planetenmuster.

Roland blickte erschrocken auf. »Sacre bleu.«

»In der Tat«, erwiderte Sinclair. »Oder vielleicht solltest du besser sagen: Sacre rouge.«

Beide Männer wurden unterbrochen von einer Gestalt in der Tür. Jean-Claude de la Motte, ein ausgewähltes und vertrauenswürdiges Mitglied des Inneren Sanctums von Pommes Bleues, blickte fragend zu seinen Mitstreitern auf. »Was ist geschehen?«

Roland reichte Jean-Claude das Buch und zeigte auf den Ring an der Hand der Autorin auf der Fotografie.

Jean-Claude nahm eine Brille aus seiner Tasche und sah sich das Foto einen Augenblick aus der Nähe an, bevor er in einem leisen, fast flüsternden Ton fragte: »L’attendu? Die Verheißene?«

Sinclair lächelte. »Ja, meine Freunde. Nach all diesen Jahren, glaube ich, haben wir endlich unsere Hirtin gefunden.«

Lilie

Ich habe Petrus gekannt, solange ich zurückdenken kann, denn sein Vater und meiner waren Freunde, und er stand meinem Bruder sehr nah. Der Tempel von Kapernaum lag unweit des Hauses von Simon-Petrus’ Vater, und er war ein Ort, den wir als Kinder oft besucht haben. Ich erinnere mich daran, dort am Ufer gespielt zu haben. Ich war viel jünger als die Jungen, und oft spielte ich allein; aber ihr Lachen, wenn sie miteinander rauften, daran erinnere ich mich noch heute.

Simon war stets der ernsteste der Jungen; sein Bruder Andreas besaß ein deutlich heitereres Gemüt. Doch Humor hatten sie in ihrer Jugend beide. Nachdem Isa gegangen war, verloren Simon-Petrus und Andreas diese Heiterkeit jedoch vollkommen, und sie hatten keine Geduld mehr mit jenen von uns, die sich um des Überlebens willen weiterhin daran klammerten.

Petrus ähnelte meinem Bruder sehr. Beide nahmen sie ihre familiäre Verantwortung ausgesprochen ernst, und als Petrus zum Mann herangewachsen war, übertrug er diese Ernsthaftigkeit auch auf die Lehren des Rechten Weges. Er besaß eine Kraft und eine Entschlossenheit, die der keines anderen gleichkam – das ist auch der Grund, warum viele ihm so vertrauten. Doch so viel Isa ihn auch lehrte, Petrus focht wildere Kämpfe mit seiner eigenen Natur aus, als die meisten Menschen auch nur ahnen werden. Ich glaube, er hat mehr aufgeben müssen als alle anderen, um dem Rechten Weg so zu folgen, wie er gelehrt worden ist – von ihm verlangte das mehr, eine vollständige Verwandlung seines Innersten. Petrus wird missverstanden werden, und da sind jene, die ihm Übles wollen. Aber ich nicht.

Ich habe Petrus geliebt und ihm vertraut. Ich vertraute ihm so sehr, dass ich meinen ältesten Sohn in seine Obhut gab. Was kann eine Mutter mehr tun?

Das Evangelium von Arques nach Maria Magdalena

Das Buch der Jünger

KAPITEL DREI

McLean, Virginia
März 2005

McLean, Virginia ist ein eklektischer Ort, eine merkwürdige Mischung aus Politik und Vorstädterei. Vom Beltway aus ist es eine kurze Fahrt vorbei am CIA-Hauptquartier zu Tyson’s Corner, einem der größten und prestigeträchtigsten Einkaufszentren Amerikas. McLean ist nicht gerade für eine besondere spirituelle Tiefe bekannt. Zumindest nicht bei den meisten Leuten.

Maureen Paschal beschäftigte sich in Gedanken nicht im Mindesten mit heiligen Dingen, als sie mit ihrem gemieteten Ford Taurus die lange Auffahrt zum Ritz Carlton hochfuhr. Ihr Terminkalender für den nächsten Morgen war vollgepackt: früh aufstehen, dann ein Frühstückstreffen mit der Eastern League of Women Writers, gefolgt von einer Signierstunde in dem Monstrum von Buchhandlung in Tyson’s Corner.

Den Samstagnachmittag würde Maureen jedoch für sich haben. Perfekt. Den würde sie für Erkundungstouren nutzen, wie sie es immer tat, wenn sie sich in einer neuen Stadt befand. Es war egal, ob ein Ort groß oder klein und ländlich war; wenn Maureen noch nie dort gewesen war, wirkte er faszinierend auf sie. Es gelang ihr stets, irgendeine Besonderheit zu finden, die jeden Ort, den sie besuchte, zu etwas Einmaligem in ihrer Erinnerung machte. Morgen würde sie McLeans Kronjuwel entdecken.

Das Einchecken war rasch erledigt; ihr Verlag hatte alles arrangiert, und Maureen musste nur noch unterschreiben und sich den Schlüssel schnappen. Dann ging es mit dem Fahrstuhl nach oben und in ihr wunderschönes Zimmer, wo sie ihrem Hang zur Ordnung frönte, indem sie sofort auspackte und die Falten auf ihren Kleidern glättete.

Maureen liebte luxuriöse Hotels; das tat jeder, nahm sie an, aber sie wurde wieder zum Kind, wenn sie in einem war. Gründlich inspizierte sie alle Annehmlichkeiten, durchsuchte den Inhalt der Minibar, nahm den flauschigen Morgenmantel hinter der Badezimmertür in Augenschein und lächelte über den Telefonanschluss neben dem Klo.

Sie schwor sich, nie so übersättigt zu werden, dass sie diese Kleinigkeiten nicht mehr würde genießen können. Vielleicht waren all die Jahre, in denen sie sich nur von Tütensuppen, Törtchen aus dem Supermarkt und Erdnussbutter-Sandwiches ernährt hatte, während ihre Recherchen all ihre Ersparnisse verschlungen hatten, doch nicht so schlecht für sie gewesen. So wusste sie wenigstens die guten Dinge zu schätzen, die ihr das Leben inzwischen brachte.

Sie sah sich in dem geräumigen Zimmer um und verspürte einen kurzen Stich des Bedauerns – trotz ihres Erfolgs in jüngerer Zeit gab es niemanden, mit dem sie diese Annehmlichkeiten teilen konnte. Sie war allein, sie war es immer gewesen und würde es vielleicht auch immer sein …

Maureen verbannte das Selbstmitleid sofort, als es hochkam, und fand die beste Ablenkung, um sich auf andere Gedanken zu bringen. Direkt vor ihrer Tür wartete die verführerischste Einkaufsmeile ganz Amerikas auf sie. Also schnappte Maureen sich ihre Tasche, schaute nach, ob sie auch ihre Kreditkarten dabeihatte, und schickte sich an, Tyson’s Corner zu erkunden.

Lilie

Die Eastern League of Women Writers hielt ihr Frühstück in einem Konferenzsaal des Ritz Carlton ab. Maureen trug ihre Öffentlichkeitsuniform: ein konservatives Designerkostüm, Highheels und einen Hauch von Chanel No. 5. Um exakt neun Uhr betrat sie den Saal, lehnte dankend etwas zu essen ab und gab sich stattdessen mit einem Kännchen irischen Frühstückstees zufrieden. Vor einer Fragestunde zu essen war noch nie gut für Maureen gewesen. Das machte sie empfindlich.

An diesem Morgen war Maureen weit weniger nervös als gewöhnlich, da die Moderatorin des Events eine Verbündete war: eine liebreizende Frau mit Namen Jenna Rosenberg, die schon Wochen vor dem Event mit Maureen in Kontakt gestanden hatte. Zunächst einmal war Jenna ein Fan von Maureens Buch und konnte ausgiebig daraus zitieren. Das allein hatte Maureen schon für sie eingenommen. Und der Event war ausgesprochen zivilisiert, das Ambiente intim. Kleine Tische waren zusammengestellt worden, sodass Maureen noch nicht einmal ein Mikrofon benötigen würde, um ihre Botschaft zu vermitteln.

Jenna begann die Fragestunde mit einer offensichtlichen, aber wichtigen Frage:

»Was hat Sie dazu inspiriert, dieses Buch zu schreiben?«

Maureen stellte ihre Teetasse beiseite und antwortete:

»Ich habe einmal gelesen, dass Quellentexte aus der frühen britischen Geschichte von einer Mönchssekte übersetzt worden seien, die geglaubt hat, Frauen hätten keine Seele. Sie waren der Überzeugung, dass die Frauen der Quell alles Bösen seien. Diese Mönche waren es, die die Legenden um König Artus verfälscht haben, womit sie auch unsere Vorstellung von Camelot prägten. Guinevere wurde von einer mächtigen Kriegerkönigin zu einer intriganten Ehebrecherin. Morgan le Fay wiederum wurde Artus’ böse Schwester, die ihn zum Inzest verführte; in den ältesten Überlieferungen dagegen wird sie als spirituelle Führerin einer ganzen Nation dargestellt.

Als ich das las, war das wie ein Schock für mich, und ich stellte mir die Frage, wie es mit den anderen Darstellungen von Frauen in der Geschichte steht. Offensichtlich findet sich diese Sicht der Dinge nämlich in der gesamten Geschichtsschreibung. So begann ich mich für das Leben der vielen Frauen zu interessieren, denen es ähnlich ergangen sein mochte, und das war der Ausgangspunkt meines Buches.«

Jenna ließ reihum Fragen zu. Nach einiger Diskussion über feministische Literatur und Fragen der Gleichberechtigung in der Verlagswelt kam die nächste Frage von einer jungen Frau, die ein kleines Goldkreuz über ihrer Seidenbluse trug.

»Für diejenigen von uns, die in einer traditionellen Umgebung aufgewachsen sind, war das Kapitel über Maria Magdalena ein Augenöffner. Sie zeichnen ein deutlich anderes Bild als das der reuigen Prostituierten, der gefallenen Frau; aber ich bin mir noch immer nicht ganz sicher, ob ich Ihnen das wirklich abkaufen soll.«

Maureen nickte verständnisvoll, bevor sie entgegnete: »Selbst der Vatikan hat eingeräumt, dass Maria Magdalena keine Prostituierte war, und uns ermahnt, diese Lüge nicht mehr im Religionsunterricht zu lehren. Es ist nun dreißig Jahre her, seit der Vatikan formell verkündet hat, dass Maria nicht die Sünderin der Bibel war und dass Papst Gregor der Große diese Verbindung erfunden hat, um in jener dunklen Zeit seine eigenen Ziele zu verfolgen. So wird Maria Magdalena im Grunde genommen also zur Urmutter der Missverstandenen, zur ersten Frau von großer Bedeutung, die von den Geschichtsschreibern mit Absicht verleumdet worden ist. Sie war eine enge Vertraute Christi, zählte wahrscheinlich sogar zu den Aposteln. Und doch ist sie fast vollständig aus den Evangelien getilgt worden, und …«

Jenna unterbrach sie. Das Thema erregte sie offenbar sehr. »Aber es gibt heutzutage so viele Spekulationen über Maria Magdalena, wie zum Beispiel, dass sie eine intime Beziehung zu Jesus gehabt haben soll.«

Die junge Frau mit dem Kreuz zuckte unwillkürlich zusammen, doch Jenna fuhr fort: »Sie haben diese Fragen in Ihrem Buch nicht angesprochen, und nun frage ich mich, wie Sie zu diesen Theorien stehen.«

»Ich spreche sie nicht an, weil ich glaube, dass es keinerlei Beweise gibt, um diese Behauptungen zu stützen. Es gibt eine Menge von Mutmaßungen, aber eben nichts Handfestes. Oder jedenfalls gibt es nichts, das ich, als Journalistin mit Selbstachtung, als Tatsache akzeptieren und unter meinem Namen publizieren würde. Allerdings würde ich durchaus so weit gehen zu sagen, dass es in der Tat eine Reihe von Dokumenten gibt, die darauf hindeuten, dass es eine intime Beziehung zwischen Jesus und Maria Magdalena gegeben haben könnte. In einem Evangelientext, der 1945 in Ägypten aufgefunden wurde, heißt es: ›Die Gefährtin des Erlösers ist Maria Magdalena. Er liebte sie mehr als alle seine Jünger und küsste sie oft auf den Mund.‹

Natürlich werden diese Evangelien von offizieller Kirchenseite infrage gestellt, und tatsächlich könnten sie – soweit wir wissen – genauso gut die Klatschpostille des ersten Jahrhunderts sein. Deshalb halte ich es für angebracht, in diesen Fragen Vorsicht walten zu lassen, und so habe ich über das geschrieben, dessen ich mir sicher war. Und ich bin sicher, dass Maria Magdalena keine Prostituierte war, sondern eine wichtige Person im Gefolge Jesu. Vielleicht war sie sogar die wichtigste, denn schließlich war sie es, der Christus nach seiner Auferstehung zuerst erschienen ist. Jenseits davon bin ich nicht bereit, über ihre Rolle in seinem Leben zu spekulieren. Das wäre unverantwortlich.«

Maureen antwortete so, dass sie auf der sicheren Seite war; so wie sie es immer tat. Doch insgeheim hatte sie durchaus schon öfter darüber spekuliert, ob Magdalenas Sturz vielleicht daher rührte, dass sie dem Meister zu nahe gestanden hatte; vielleicht hatte das zu Eifersucht bei seinen männlichen Anhängern geführt, die dann später versucht hatten, sie in Misskredit zu bringen. So war der heilige Petrus Maria Magdalena mit offener Abneigung begegnet, und in den gnostischen Evangelien, die auf jenen in Ägypten entdeckten Dokumenten aus dem ersten und zweiten Jahrhundert basierten, tadelte er sie öffentlich. Und auch in den späteren Schriften des heiligen Paulus war methodisch jeder Bezug zu Maria in Jesu Leben entfernt worden.

Als Ergebnis davon hatte Maureen einen Großteil ihrer Forschungsarbeit damit verbracht, die paulinische Lehre auseinanderzunehmen. Paulus, der zum Apostel gewandelte Verfolger der frühen Christen, hatte mit seinen Lehrbriefen die christliche Gedankenwelt geprägt, obwohl er sowohl philosophisch wie auch im wörtlichen Sinne in deutlicher Distanz zu den von Jesus erwählten Jüngern gestanden hatte. Er hatte die Lehren des Herrn nicht aus erster Hand gehört. Solch ein frauenfeindlicher und politisch manipulativer »Jünger« war kaum dazu geeignet gewesen, Maria Magdalena als Christi treueste Dienerin zu verherrlichen.

Maureen war fest entschlossen, Maria Gerechtigkeit widerfahren zu lassen; für sie war sie das Musterbeispiel der geschmähten Frau in der Geschichte, die Mutter aller Missverstandenen. Ihre Geschichte fand ihre Wiederholung dem Wesen, wenn auch nicht der Form nach in den Geschichten der anderen Frauen, für die Maureen in ihrem Buch HERstory ein Plädoyer ablegte. Aber es war essenziell für Maureen, das Magdalena-Kapitel so nah wie möglich an den wissenschaftlich belegbaren Fakten zu orientieren. Jeder Hinweis auf eine esoterische Theorie oder andere unbegründete Hypothesen, was Marias Beziehung zu Jesus betraf, hätte den Rest ihrer Arbeit entwertet und ihrer Glaubwürdigkeit geschadet. Maureen war ein viel zu vorsichtiger Mensch, als dass sie ein solches Risiko eingegangen wäre. Trotz ihrer Instinkte hatte Maureen alle alternativen Theorien zu Maria Magdalena verworfen und beschlossen, sich ausschließlich an die unbestreitbaren Tatsachen zu halten.

Kurz nachdem sie diese Entscheidung getroffen hatte, hatten die Träume erst richtig angefangen.

Lilie

Ihre rechte Hand verkrampfte sich, und ihrem Gesicht drohte Gefahr, von dem ununterbrochenen Lächeln zu platzen, doch Maureen machte weiter. Ihr Auftritt in der Buchhandlung war auf zwei Stunden angesetzt gewesen, einschließlich einer zwanzigminütigen Pause. Inzwischen war sie jedoch schon in der dritten Stunde, und eine Pause hatte es auch nicht gegeben. Maureen war fest entschlossen, mit dem Signieren weiterzumachen, bis auch der letzte Kunde zufrieden war. Sie würde nie einen potenziellen Leser abweisen. Nie würde sie die Käufer vergraulen, die ihren Traum zur Wirklichkeit hatten werden lassen.

Maureen stellte zufrieden fest, dass heute auch ein paar Männer gekommen waren. Das Thema ihres Buches bedingte zwar eine vorwiegend weibliche Leserschaft, aber sie hoffte, es auf eine Art und Weise verfasst zu haben, die jeden mit einem offenen Geist und gesundem Menschenverstand ansprach. Auch wenn es ihr Hauptziel gewesen war, das Unrecht wieder gutzumachen, das mächtigen Frauen durch männliche Historiker widerfahren war, so hatten ihre Forschungen doch ergeben, dass es vor allem das politische und religiöse Klima einer Epoche gewesen war, was die Menschen dazu bewogen hatte, etwas derart selektiv zu Papier zu bringen. Das Geschlecht war da nur ein untergeordneter Faktor.

Maureen hatte das vor kurzem auch in einer Fernsehshow erklärt und dabei Marie Antoinette als vielleicht deutlichstes Beispiel angeführt; denn, wie sie damals wörtlich sagte: »Die Berichte über die Französische Revolution sind vornehmlich von Revolutionären geschrieben worden.« Während die bedrängte Königin für die Auswüchse der französischen Monarchie verantwortlich gemacht wurde, so hatte sie doch nichts mit der Entstehung solcher Traditionen zu tun. Tatsächlich hatte Marie Antoinette die Praktiken der französischen Aristokratie erst übernommen, nachdem sie aus Österreich dorthin gekommen war, um den jungen Dauphin, den späteren König Ludwig XVI., zu heiraten. Zwar war sie die Tochter der Kaiserin Maria Theresia, doch diese hatte sich nie irgendwelcher königlicher Exzesse schuldig gemacht. In der Tat konnte man Maria Theresia eher als ungewöhnlich nüchtern und sparsam für eine Frau in ihrer Position bezeichnen, und sie hatte ohnehin genug damit zu tun gehabt, ihre vielen Töchter mit strenger Hand zu erziehen – einschließlich der kleinen Marie Antoinette. Die junge Kronprinzessin in einem fremden Land war später schlicht gezwungen gewesen, so rasch wie möglich die französischen Sitten anzunehmen, wenn sie überleben wollte.

Das Schloss von Versailles, dieses große Monument französischer Extravaganz, hatte schon Jahrzehnte gestanden, bevor Marie Antoinette überhaupt geboren worden war, und doch wurde es zum Symbol ihrer Gier. Ihre berühmte Antwort auf »Die Bauern hungern – sie haben kein Brot« hatte man ursprünglich einer königlichen Kurtisane zugeschrieben, die schon lange vor Marie Antoinettes Ankunft in Frankreich gestorben war. Doch bis heute kennt man »Sollen sie doch Kuchen essen!« als einen der Schlachtrufe der Revolution. Mit diesem einen Zitat war die Herrschaft des Terrors gerechtfertigt worden, all das Blutvergießen und all die Gewalt, die von der Bastille ausgingen.

Und die auf tragische Weise dem Untergang geweihte Marie Antoinette hat diesen verdammten Satz nie gesagt.

Maureen empfand eine außergewöhnliche Sympathie für die unglückliche Königin von Frankreich. Vom Tag ihrer Ankunft an als Ausländerin gehasst, war Marie Antoinette das Opfer einer bösartigen und pointierten Fremdenfeindlichkeit geworden. Es war ausgesprochen angenehm für den radikal-nationalistischen französischen Adel des 18. Jahrhunderts, sämtliche negativen politischen und gesellschaftlichen Umstände ihrer in Österreich geborenen Königin zuzuschreiben. Bei einer Forschungsreise nach Frankreich hatte Maureen nicht schlecht gestaunt, als sie hatte feststellen müssen, dass dieses Denken bis heute Bestand hatte. Der englischsprachige Reiseführer in Versailles hatte noch immer mit unverhohlenem Hass von der enthaupteten Königin gesprochen und dabei die historischen Beweise schlichtweg ignoriert, die Marie Antoinette von vielen böswilligen Anklagen freisprachen. Und all das trotz der Tatsache, dass die arme Frau schon vor zweihundert Jahren brutal verstümmelt und getötet worden war.

Die erste Fahrt nach Versailles hatte Maureen in ihrer abweichenden Interpretation nur noch bestärkt. Sie hatte zahlreiche Bücher gelesen, von wissenschaftlichen Beschreibungen Frankreichs im 18. Jahrhundert bis hin zu historischen Romanen, die die Geschichte aus der Perspektive der Königin erzählten. Das Gesamtbild, das sich daraus ergab, wich von der weithin akzeptierten Karikatur zwar ab, aber nicht sehr: Marie Antoinette sei oberflächlich, selbstverliebt und nicht gerade die Hellste gewesen. Maureen lehnte dieses Bild ab. Was war beispielsweise mit Marie Antoinette als Mutter? Mit der trauernden Frau, die ihre Tochter schon im Säuglingsalter verloren hatte und später auch noch ihren Sohn verlieren sollte? Dann war da Marie die Ehefrau, die man wie Ware auf dem politischen Marktplatz gehandelt hatte, eine Frau, die in Gefangenschaft wartete, während man die Menschen, die sie geliebt hatte, um ihretwillen abschlachtete. Maries engste Freundin, die Prinzessin Lamballe, war vom Mob im wörtlichen Sinne in Stücke gerissen worden; Teile ihres Leibes hatte man daraufhin auf Piken gesteckt und am Fenster von Marie Antoinettes Zelle vorbeigetragen.

Maureen war fest entschlossen gewesen, ein sympathisches, aber auch realistisches Bild von einer der meistverachteten Herrscherinnen der Geschichte zu zeichnen. Das Ergebnis war beeindruckend, und das entsprechende Kapitel ihres Buches erfuhr große Aufmerksamkeit und wurde zum Gegenstand so mancher Debatte.

Aber so kontrovers Marie Antoinette auch sein mochte, ihr Fall war nur die Nummer zwei nach Maria Magdalena. So war es auch die übernatürliche Anziehungskraft von Maria Magdalena, die Maureen gerade mit einer erregten Blondine diskutierte.

»Haben Sie übrigens gewusst, dass McLean bei den Anhängern von Maria Magdalena als heiliger Ort gilt?«, fragte die Frau plötzlich.

Maureen öffnete den Mund, um etwas darauf zu erwidern, schloss ihn dann jedoch wieder, bevor sie schließlich stammelte: »N… nein … Das habe ich nicht gewusst.« Da war sie wieder: diese elektrisierende Welle, die sie jedes Mal überkam, wenn etwas Seltsames am Horizont erschien. Sie konnte sie deutlich spüren, selbst unter den Neonlichtern dieses amerikanischen Supereinkaufszentrums. Maureen atmete tief durch und fasste sich wieder. »Okay, ich gebe auf. In welcher Hinsicht ist McLean, Virginia, für Maria Magdalena relevant?«

Die Frau reichte Maureen eine Visitenkarte. »Ich weiß nicht, ob Sie ein wenig freie Zeit haben, solange Sie in McLean sind, aber falls ja, dann kommen Sie doch mal vorbei, und besuchen Sie mich.« Die Visitenkarte stammte von einer Buchhandlung namens »Zum Heiligen Licht«, Eigentümerin: Rachel Martel.

»Natürlich ist der Laden nicht mit dem hier zu vergleichen«, sagte die Frau, von der Maureen annahm, dass es sich um die besagte Eigentümerin handelte. Sie deutete auf die riesigen Bücherregale. »Aber ich glaube, wir haben ein paar Bücher, die Sie vielleicht interessant finden könnten. Sie stammen von Einheimischen und sind im Eigenverlag erschienen. Sie beschäftigen sich mit Maria. Unserer Maria.«

Maureen schluckte erneut, vergewisserte sich, dass die Frau in der Tat Rachel Martel war, und bat sie dann um eine Wegbeschreibung zu ihrer Buchhandlung.

Zu Maureens Linken ertönte ein diskretes Husten, und sie sah den Geschäftsführer der Buchhandlung nachdrücklich winken, dass sie weitermachen solle, bevor die Schlange noch länger wurde. Maureen wandte sich wieder Rachel zu.

»Sind Sie heute Nachmittag vielleicht da? Das sind die einzigen freien Stunden, die ich habe.«

»Das werde ich mit Sicherheit sein. Und Sie finden mich nur ein paar Meilen die Hauptstraße hinunter. So groß ist McLean nicht. Es ist leicht zu finden. Rufen Sie ruhig an, wenn Sie eine genauere Wegbeschreibung brauchen. Und danke für das Autogramm. Ich hoffe, Sie später zu sehen.«

Maureen schaute der Frau hinterher und blickte dann zu dem Buchhändler hinauf. »Ich glaube, jetzt könnte ich doch eine Pause vertragen«, sagte sie leise.

Lilie

Paris, 1er Arrondissement
Caveau des Mousquetaires
März 2005

Der fensterlose Steinkeller in dem antiken Gebäude hieß schon Caveau des Mousquetaires, solange die Menschen denken konnten. Seine Nähe zum Louvre in den Tagen, als das große Museum noch die Residenz der französischen Könige gewesen war, verlieh ihm eine strategische Bedeutung – eine Bedeutung, die er auch heute noch besaß. Der verborgene Ort war nach den Männern benannt, die Alexandre Dumas in seinem gefeiertsten Werk berühmt gemacht hatte. Dumas hatte seine Helden an real existierende Männer mit einer wirklichen Mission angelehnt. Dieser Raum war einer der geheimen Treffpunkte der Garde der Königin, nachdem der schurkische Kardinal Richelieu sie in den Untergrund getrieben hatte. In der Realität war es nämlich nicht der König von Frankreich gewesen, den zu beschützen die Musketiere geschworen hatten, sondern die Königin. Anna von Österreich war die Tochter einer weit älteren und königlicheren Familie als ihr Gemahl.

Dumas würde sich ohne Zweifel im Grabe umdrehen, hätte er gewusst, dass dieser einst heilige Ort nun in die Hand des Feindes gefallen war. In dieser Nacht diente die »Höhle der Musketiere« einer anderen geheimen Bruderschaft als Treffpunkt. Diese Organisation war nicht nur fünfzehnhundert Jahre älter als die Musketiere, sie stand deren Mission auch feindselig gegenüber, wofür sie sogar einen Eid mit Blut geschworen hatten.

Zwei Dutzend Kerzen warfen tanzende Schatten über die Wand; auch die in lange Gewänder gekleidete Gruppe war nur in Umrissen zu erkennen. Sie standen um einen alten rechteckigen Tisch herum, die Gesichter einem ständigen Wechselspiel von Licht und Dunkel ausgesetzt. Während ihre Gesichtszüge in dem Zwielicht nicht zu erkennen waren, war das besondere Emblem ihres Ordens bei jedem deutlich zu sehen: eine blutrote Schlinge, die sich jeder von ihnen um den Hals gelegt hatte.

Gedämpfte Stimmen enthüllten eine Vielzahl von Akzenten: englisch, französisch, italienisch und amerikanisch. Alle verstummten, als ihr Führer seinen Platz am Kopf des Tisches einnahm. Vor ihm glänzte ein polierter menschlicher Schädel im Kerzenschein, der auf einem mit Gold eingelegten Teller lag. Auf einer Seite des Schädels stand ein Kelch, verziert mit goldenen Spiralen und eingelegt mit Juwelen, die denen auf dem Teller entsprachen. Auf der anderen Seite des Schädels lag ein handgeschnitztes Kruzifix auf dem Tisch, mit dem Korpus nach unten.

Ehrfürchtig berührte der Anführer den Schädel, bevor er den mit einer dunkelroten Flüssigkeit gefüllten Kelch hob. Er sprach in typischem Oxford-Englisch.

»Das Blut des Lehrers der Gerechtigkeit.«

Langsam trank er einen Schluck, bevor er den Kelch an den Bruder zu seiner Linken weitereichte. Der Mann nahm ihn mit einem Nicken entgegen, wiederholte die Worte, allerdings auf Französisch, und trank ebenfalls. Jedes Mitglied des Ordens wiederholte diesen Ritus und antwortete in seiner eigenen Sprache, bis der Kelch wieder am Kopf des Tisches angelangt war.

Vorsichtig stellte der Anführer den Kelch wieder vor sich ab. Als Nächstes hob er den Teller und küsste den Schädel ehrfürchtig auf den Stirnknochen. Wie bei dem Kelch reichte er auch den Schädel nach links weiter, und jedes Mitglied der Bruderschaft wiederholte die Handlung. Dieser Teil des Rituals wurde in vollkommenem Schweigen vollzogen, als wäre es zu heilig, um von Worten entwürdigt zu werden.

Auch der Schädel ging einmal im Kreis um den Tisch, bis er wieder bei dem Mann am Kopfende angelangt war. Dieser hob daraufhin den Teller hoch in die Luft, bevor er ihn mit weit ausholender Geste und den Worten »Der Erste und Einzige« wieder auf den Tisch stellte.

Dann hielt der Anführer kurz inne und griff nach dem hölzernen Kruzifix. Er drehte es um, sodass er den Gekreuzigten ansehen konnte, hob es auf Augenhöhe … und spie Jesus Christus voller Hass ins Gesicht.

Lilie

Sarah-Tamar kommt oft und liest meine Erinnerungen, während ich schreibe. Sie hat mich daran erinnert, dass ich noch nicht erklärt habe, was es mit Petrus und dem auf sich hat, was man sein Leugnen nennt.

Da sind jene, die deretwegen hart mit ihm ins Gericht gegangen sind und ihn ›Petrus in Gallicantu‹ nennen – den leugnenden Petrus –, doch das ist nicht gerecht. Jene, die solch ein Urteil fällen, wissen nicht, dass Petrus nichts weiter getan hat, als Isas Wünsche zu erfüllen. Man hat mir erzählt, dass einige der Anhänger nun sagen, Petrus habe eine von Isas Prophezeiungen erfüllt, dass Isa zu Petrus gesagt habe: ›Du wirst mich verleugnen‹, und Petrus habe gesagt: ›Nein, das werde ich nicht.‹

Dies hier ist die Wahrheit: Isa hat Petrus geboten, ihn zu verleugnen. Es war keine Prophezeiung. Es war ein Befehl. Isa wusste, dass er Petrus brauchen würde, sollte es zum Schlimmsten kommen; von all seinen Jüngern musste Petrus der sein, der in Sicherheit blieb. Durch Petrus’ Entschlossenheit würden sich die Lehren in der ganzen Welt verbreiten, so wie Isa es sich immer erträumt hatte. Und so hat Isa zu ihm gesagt: ›Du wirst mich verleugnen‹, und Petrus hat in seiner Qual geantwortet: ›Nein, das kann ich nicht.‹

Aber Isa fuhr fort: ›Du musst mich verleugnen, auf dass du sicher bist und die Lehren des Rechten Weges fortbestehen.‹

Das ist die Wahrheit über Petrus’ ›Leugnen‹. Es war kein Verleugnen, denn er hat nur das Gebot seines Lehrmeisters befolgt. Dessen bin ich sicher, denn ich war dort und kann es bezeugen.

Das Evangelium von Arques nach Maria Magdalena

Das Buch der Jünger

KAPITEL VIER

McLean, Virginia
März 2005

Maureens Puls schlug anormal schnell, als sie die Hauptstraße von McLean hinunterfuhr. Sie war völlig unvorbereitet auf die seltsame Einladung der unbekannten Frau gewesen, aber gleichzeitig war sie auch irgendwie aufgeregt. Es war schon immer so gewesen: Ihr Leben war stets von seltsamen und oft einschneidenden Erlebnissen bestimmt gewesen, außergewöhnlichen Zufällen, die es in neue Bahnen geleitet hatten. War dies wieder solch ein übernatürliches Ereignis? Maureen war besonders neugierig, was alles betraf, das mit Maria Magdalena zu tun hatte. Neugierig? Das Wort war bei weitem nicht stark genug. Besessen? Schon eher.

Maureens Verbindung zu »ihrer« Maria war seit den Anfängen ihrer Arbeit an HERstory die beherrschende Kraft in ihrem Leben gewesen. Seit ihrer ersten Vision in Jerusalem war Maria Magdalena für Maureen ein Mensch aus Fleisch und Blut, und sie betrachtete sie fast als Freundin. Als sie am endgültigen Manuskript ihres Buches gearbeitet hatte, war es ihr fast so vorgekommen, als verteidige sie eine Freundin, die von der Presse diffamiert worden war. Ihre Beziehung zu Maria war sehr real. Oder fast schon surreal.

Die Buchhandlung »Zum Heiligen Licht« war klein, auch wenn sie ein großes Schaufenster besaß, in dem Engel jedweder Art und in allen möglichen Medien vertreten waren. Da gab es Bücher über Engel, Engelsfiguren und jede Menge glitzernde Kristalle, die modische Kunstwerke von Cherubim umrahmten. Maureen dachte bei sich, dass auch Rachel etwas Engelhaftes an sich hatte: ein wenig drall und mit hellblonden Locken, die ein hübsches Gesicht umgaben. Bei der Signierstunde hatte sie einen Zweiteiler aus fließender weißer Gaze getragen.

Das melodische Klingeln der Türglocke verkündete Maureens Ankunft, als sie die Tür aufschob und in eine größere Version der Schaufensterauslage trat. Rachel Martel hatte sich hinter die Theke gebeugt und fischte in einem Schaukasten nach einem bestimmten Stück Schmuck für eine Kundin. »Der hier?«, fragte sie die junge Frau, die vielleicht gerade mal achtzehn oder neunzehn war.

»Ja … Genau.« Das Mädchen streckte die Hand aus, um den in Silber eingefassten lavendelfarbenen Stein zu untersuchen. »Das ist ein Amethyst, nicht wahr?«

»Tatsächlich handelt es sich um einen Ametrin«, korrigierte Rachel sie. Sie hatte Maureen bemerkt und warf ihr ein rasches Ich-bin-gleich-da-Lächeln zu, bevor sie sich wieder ihrer Kundin zuwandte. »Ein Ametrin ist ein Amethyst, der einen Citrin enthält. Wenn Sie ihn ins Licht halten, können Sie die wunderschöne goldene Mitte sehen.«

Der Teenager kniff die Augen zusammen, als sich das Licht in dem Stein fing. »Er ist so hübsch!«, rief sie. »Aber man hat mir gesagt, ich bräuchte einen Amethyst. Kann er das Gleiche?«

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