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Das Mätressenspiel

Inhalt

  1. Cover
  2. Über das Buch
  3. Über die Autorin
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Widmung
  7. Hinweis
  8. 1. Kapitel
  9. 2. Kapitel
  10. 3. Kapitel
  11. 4. Kapitel
  12. 5. Kapitel
  13. 6. Kapitel
  14. 7. Kapitel
  15. 8. Kapitel
  16. 9. Kapitel
  17. 10. Kapitel
  18. 11. Kapitel
  19. 12. Kapitel
  20. 13. Kapitel
  21. 14. Kapitel
  22. 15. Kapitel
  23. 16. Kapitel
  24. 17. Kapitel
  25. 18. Kapitel
  26. 19. Kapitel
  27. 20. Kapitel
  28. 21. Kapitel
  29. 22. Kapitel
  30. 23. Kapitel
  31. 24. Kapitel
  32. 25. Kapitel
  33. 26. Kapitel
  34. 27. Kapitel
  35. 28. Kapitel
  36. 29. Kapitel
  37. 30. Kapitel
  38. 31. Kapitel
  39. 32. Kapitel
  40. 33. Kapitel
  41. 34. Kapitel
  42. 35. Kapitel
  43. 36. Kapitel
  44. 37. Kapitel
  45. Nachwort
  46. Personen
  47. Glossar

Über das Buch

Hannover, 1682: Die junge Helena von Minnigerode ist verzweifelt. Mit dem Tod ihres Bruders verlieren sie und ihre Mutter ihre gesamte Existenzgrundlage: Das Gut der Familie und sämtliche Privilegien gehen an ihren Onkel Roderick über. Helena bleibt nichts anderes übrig, als um die Aufnahme als Hofdame zu ersuchen. Nie hätte sie damit gerechnet, dass ausgerechnet sie in das skrupellose Intrigenspiel zwischen Herzogin Sophie und Clara von Platen, der mächtigen Mätresse des Herzogs, geraten könnte …

Über die Autorin

Martha Sophie Marcus wurde 1972 im Landkreis Schaumburg geboren, studierte in Hannover Germanistik, Pädagogik und Soziologie und verbrachte anschließend zwei Jahre in Cambridge. Heute lebt Martha Sophie Marcus mit ihrer Familie in Lüneburg. Im Herbst 2016 erhielt die Vollzeit-Schriftstellerin den Kulturförderpreis des Landkreises Lüneburg in der Sparte »Literatur«.

www.martha-sophie-marcus.de

Martha Sophie Marcus

Das Mätressenspiel

HISTORISCHER ROMAN

Für meine Mutter, die eine leidenschaftliche Gärtnerin war
und die Herrenhäuser Gärten liebte

Im Anhang dieses Buchs finden Sie eine Liste der historischen und fiktiven Personen und ein Glossar der im Roman verwendeten ungewöhnlichen Begriffe.

1. Kapitel

Ende November 1682

Das Eis konnte noch nicht tragfähig sein. Helena war sich dessen sicher, denn der Frost hielt erst seit zwei Tagen an und war nicht außergewöhnlich grimmig. Trotzdem zog sie eine eiserne Rankstange aus dem kahlen Blumenbeet, nahm sie in beide Hände und tastete sich mit vorsichtigen Schritten auf den zugefrorenen Burggraben vor. Ihre kleinen Schwestern hätten nicht einmal darum betteln müssen, denn sie war selbst gespannt darauf zu erfahren, wie dick die Eisschicht bereits war und wie lange es noch dauern würde, bis sie die Schlittschuhe anziehen durften.

Die beiden standen in ihren Wollkleidern und dicken Wintermänteln hinter ihr am Ufer im Schnee und beobachteten sie aufgeregt. Lore, die ältere, hüpfte auf der Stelle und rieb sich dabei die Arme warm, während Nesthäkchen Ameli mit weit aufgerissenen Augen und offenem Mund dastand und sich bei ihrer quirligen Schwester am Rock festhielt.

Aus ihrer fünfzehnjährigen Erfahrung mit dem Eislaufen heraus hatte Helena für ihre Probe die gefahrloseste Stelle des Grabens ausgesucht. Ein Stück vom Ufer entfernt hielt sie inne, streckte die Arme mit der Stange aus und klopfte so weit wie möglich von ihren Füßen entfernt damit aufs Eis.

»Lieber niiicht!«, quiekte die fünfjährige Ameli.

Helena lachte und warf ihr über die Schulter einen Blick zu. Trotz der ängstlichen Worte leuchteten die Augen der Kleinen ebenso begeistert wie die der größeren.

Mit einem kräftigen Stoß der Stange durchbrach sie die klare, durchsichtige Fläche, auf der sie stand. Viel zu leicht barst und riss das Eis, sodass sie eilig zurück ans feste Ufer sprang.

»Da habt ihr die Antwort«, sagte sie. »Es ist noch nicht so weit. Wagt es nicht, sonst brecht ihr ein und werdet zu Wassergeistern.«

Lore, die mit ihren sieben Jahren bereits viel Wert darauf legte, nicht mehr zu den kleinen Kindern zu gehören, die jedes Märchen für wahr hielten, tippte sich gegen die Stirn. »Wassergeister gibt es doch gar nicht, Leni! Wir würden nur einen Schnupfen bekommen.«

»Einen schlimmen Schnupfen, bei dem ihr so laut niesen und husten müsstet, dass die Igel und Eichhörnchen aus dem Winterschlaf aufwachen. Und eure Hälse würden so dick anschwellen, dass ihr aussehen würdet wie Kröten. Das wollt ihr auf keinen Fall. Also seid brav, und haltet euch vom Graben fern!« Helena ließ die kalte Rankstange in das schneebedeckte Gras am Ufer fallen, damit sie beim nächsten Versuch bereitlag.

Obwohl sie den Mädchen keine Hoffnungen gemacht hatte, seufzten sie nun und ließen die Schultern hängen. Ameli standen Tränen in den Augen. Sie wartete sehnsüchtig darauf, dass sie zum ersten Mal in ihrem Leben mit Schlittschuhen aufs Eis durfte. Bei ihrem Anblick spürte Helena einen Kloß im Hals. Die Kleine war so kränklich und zart, so still und bescheiden, dass es sich wie eine Schandtat anfühlte, ihr einen Wunsch abzuschlagen. Sie räusperte sich.

»Was haltet ihr von einem Ausritt durch den Winterwald? Die Pferdchen würden sich freuen.«

Mit einem Schlag war die Enttäuschung verflogen, und Lore hüpfte wieder. »Darf ich auf der Lichtung an der langen Leine über den Baumstamm springen? Bitte, Leni!«

Helena lächelte, als Ameli nun auch einen Hopser machte und ihre Hand ergriff. »Wenn dein dicker Pontius heute brav ist, darfst du springen. Wir werden sehen. Kommt, wir gehen und lassen die beiden satteln.«

An jeder Hand eine ihrer kleinen Schwestern, umrundete sie das alte Gutshaus, das wie eine Miniaturburg auf seiner kleinen Insel thronte und nur über eine derzeit baufällige Holzbrücke zu erreichen war. Die Stallungen lagen bei den anderen Nebengebäuden jenseits des Grabens, wo ihre Mutter vor der Scheune mit dem Verwalter sprach. Sie war in Wollmantel und Schal gehüllt und verschränkte ihre behandschuhten Hände vor sich, um nicht unstandesgemäß zu gestikulieren, wozu sie neigte, wenn sie sich über etwas aufregte. Vielleicht ging es um die Holzarbeiten, mit denen ihre Bauern entlang der Straße beschäftigt waren, und um notwendige Reparaturen an den Brücken des Guts. Helena beschloss, einen Bogen um ihre Mutter zu machen, um nicht in das Gespräch verwickelt zu werden. Die Mädchen sollten ihren versprochenen Ausritt bekommen und nicht noch einmal vertröstet werden.

Als sie mit ihnen den Stall betrat, hörte sie das trockene Hufgeklapper eines Pferdes, das auf der verschneiten Straße herantrabte. Da sie keinen Besuch erwarteten, konnte sie sich einen neugierigen Blick nicht verkneifen. Der Reiter trug Soldatenkleidung und ließ sich vom ersten Bauern, an dem er vorüberkam, die Hausherrin zeigen.

Die Mädchen interessierten sich nicht für den Ankömmling, sondern zogen an Helenas Händen, wohl wissend, dass jederzeit noch etwas ihren schönen Plan vereiteln konnte. Helena folgte ihnen in den Stall und rief nach ihrem Pferdeknecht.

»Hinner! Kannst du uns Pontius und Pilatine satteln? Wir wollen in den Wald.«

Es gab eine klare Grenze für das, was Kindern der Familie in den Stallungen zu tun erlaubt war. Pferde zu striegeln oder aufzuzäumen gehörte ebenso wenig dazu wie das Füttern oder Ausmisten. Dennoch sah Lore dem Knecht so aufmerksam zu, wie auch Helena es in ihrer Kindheit getan hatte. Auch wenn ihre Herkunft derlei niedrige Arbeit von ihnen fernhielt, kannten sie jeden nötigen Handgriff.

Ameli hingegen hatte keine Augen für den Knecht, sondern schmuste hingebungsvoll mit Pilatine, wobei wiederum Helena stundenlang hätte zusehen können. Die gutmütige Ponystute hegte mütterliche Gefühle für das zerbrechliche kleine Mädchen und beschnoberte es zärtlicher mit ihren weichen Nüstern, als manche Menschenmutter ihr Kind streichelte.

Als die Ponys fertig ausgerüstet waren, pfiff Hinner nach seinem jüngeren Bruder, der seit einem Jahr als Stallbursche bei ihnen half und sie zur Sicherheit in den Wald begleiten musste. Im besten Falle bedeutete das für ihn eine faule Stunde, in der er nichts weiter zu tun hatte, als hinter ihnen herzuschlendern. Entsprechend gut aufgelegt grüßte er sie, bevor er jedem Mädchen auf sein Ross half.

Helena nahm die Führzügel auf und schnalzte den Ponys aufmunternd zu. Amelis seligen Gesichtsausdruck und das Funkeln in Lores Augen fand sie unbezahlbar. Schmunzelnd ging sie voraus über den Hof, und die Tiere folgten brav. Ein paar Schritte vor ihnen kreuzte der fremde Reiter ihren Weg, der seine Aufgabe offenbar schon erledigt hatte und das Gut wieder verließ.

Mit einem unguten Gefühl blickte Helena sich nach ihrer Mutter um, die nun allein am selben Fleck stand wie zuvor. Die eine Hand presste sie sich gegen die Lippen, in der anderen hielt sie einen Brief. Als ihr Blick Helenas begegnete, setzte sie ein gezwungenes Lächeln auf, winkte flüchtig und eilte über die Brücke zum Haus.

Ein Schatten legte sich über die Unbeschwertheit des sonnigen Wintervormittags. Welche Nachricht erschütterte die Gräfin von Minnigerode so sehr, dass sie fliehen musste, um ihre Gefühlsregungen vor ihren Töchtern zu verstecken? Helena war es gewohnt, die Sorgen ihrer Mutter zu teilen, doch sie beide waren stets bemüht, Kummer von den Kleinen fernzuhalten. Vermutlich ging es um ihre ständige Geldnot. Vielleicht hatte sich wieder einmal ein Teil der Hinterlassenschaft ihres Vaters in Luft aufgelöst, weil jemand einen alten Schuldschein eingelöst hatte oder ein Kaufmann, der ihnen etwas schuldete, bankrottgegangen war.

Worum es auch ging, Helena würde es früh genug erfahren, wenn sie mit den Mädchen zurückkam. Bis dahin wollte sie sich die Freude nicht nehmen lassen und genießen, wie gut das weiße Winterkleid ihrem Gutswald stand.

Nach ihrer Rückkehr fand Helena ihre Mutter bei den Rosenbeeten neben dem Haus, wo sie gemeinsam mit ihrer alten Haushälterin Maria Strohmatten um ihre kostbaren Pflanzen band, damit sie nicht dem schärfer werdenden Frost zum Opfer fielen. Die plumpen, fingerlosen Wollhandschuhe an ihren Händen standen im Kontrast zu ihrem zwar etwas abgetragenen, doch aufwendig gefütterten und pelzverbrämten Mantel. Auch ihre bäuerlich geröteten Wangen hätten bei Hof missfallen. Die Haltung der Gräfin von Minnigerode war jedoch stets tadellos und hätte jeder Königin zur Ehre gereicht. Maria erschien neben ihr klein und gebeugt.

»Maman? Wir sind zurück. Ich habe die Mädchen zum Aufwärmen ins Haus geschickt. Hast du noch lange hier draußen zu tun?«

Ihre Mutter blickte sich mit zusammengekniffenen Augen in ihrem Garten um. »Für die kleinwüchsigen Sträucher genügt der Schnee als Schutz, und meine alten Kletterrosen sind hart genug. Nur noch die beiden neuen Stammrosen hier, dann sind wir fertig. Jedes Jahr nehme ich mir vor, mich nächstes Mal früher darum zu kümmern, und doch überrumpelt mich der Wintereinbruch immer wieder. Es liegt wohl daran, dass ich es einfach nicht wahrhaben will, dass der Winter jedes Jahr kommt.«

Helena musste lachen. »Dabei brauchst du doch die ganze Winterzeit, um zu planen, was in der nächsten Saison an welche Stellen gepflanzt werden soll. Martin Vogt zittert gewiss jeden Winter, weil er befürchtet, dass du im Frühjahr Felder für deine Blumen beschlagnahmen wirst.«

Schulterzuckend hob Maman eine der Strohmatten auf und musterte sie. »Im Gegenteil. Ich habe Angst, dass er eines Tages meine Blumenbeete pflügt und ums Haus herum Rüben und Hafer anbaut. Wir müssten die Erträge steigern, sagt er. Er will Wald roden und einen Teil des Holzes verkaufen, damit wir aus dem Rest unsere Brücken neu bauen lassen können. Aber hätten wir jedes Mal Wald gerodet, wenn unser Geldbeutel abgemagert war, dann stünde hier kein einziger Baum mehr. Du weißt, wie ich darüber denke, nicht wahr? Eines Tages werden Laurentz’ Kinder dankbar sein, dass wir ihnen den Wald erhalten haben.«

Maria, die den letzten Knoten in das Band um die soeben verpackte Rose geknüpft hatte, nahm ihrer Brotherrin ohne viel Federlesens die Matte aus den Händen und legte sie um eine der verbliebenen Stammrosen. »Das werden sie, gnädige Frau. Aber Ihr dürft es dem Vogt nicht übel nehmen. Er will nur helfen.«

»Das weiß ich doch, Maria. Und du musst nicht glauben, dass ich nichts auf seinen Rat gebe. Er ist ein kluger Mann, und wir sind froh, dass wir ihn haben. Da spreche ich auch für Laurentz. Bevor er abreiste, sagte er noch zu mir, wie glücklich er sich schätze, dass wir hier Leute um uns haben, auf die Verlass sei.«

Der Vogt war ein entfernter Verwandter Marias, so wie die meisten ihrer Leute wenigstens einen Angehörigen auf dem Gut hatten. Ihr Gesinde war wie eine eigene Art großer Sippe. Helena bewunderte ihre Maman dafür, wie sie dieses Gefüge von Verbindungen im Gedächtnis behielt und den Leuten ganz nebenbei immer aufs Neue die Bestätigung gab, ihrer Treue wert zu sein.

Doch dieses Mal wirkte Maman abgelenkt, als wäre sie in Gedanken weder bei dem, was sie tat, noch bei ihrem Gespräch. Statt sich der letzten Rose zu widmen, verharrte sie mit ernster Miene. Ihr Blick schweifte über den Graben und durch den lichten Wald, wo die Straße nach Hannover und weiter nach Süden führte. Die Straße, auf der Helenas Zwillingsbruder Laurentz vor Monaten davongeritten war, um sich im fernen Wien dem Heer des Kaisers anzuschließen. Nichts regte sich in diesem Moment dort, außer Schnee, den ein leichter Wind von den Ästen aufwirbelte.

Helenas Puls beschleunigte sich. »Was stand in dem Brief, Maman? Ist etwas mit Laurentz?«

Ihre Mutter wandte sich ihr zu und sah ihr in die Augen. »Ich hatte erwogen, es dir nicht zu sagen. Dein Bruder wird vermisst. Es scheint, als wäre seine Kompanie von einem Erkundungsritt nicht zurückgekehrt. Aber sicher bedeutet das nichts. Es kann tausend Gründe geben, warum sie aufgehalten wurden.«

Die beschwichtigenden Worte beruhigten Helena nicht. Entsetzen erfüllte sie, als sich ihr die naheliegendsten Gründe aufdrängten, aus denen eine Kompanie nicht von einem Ritt zurückkehrte. Sie hatte damals mit Laurentz zusammen gelacht, als ihre Mutter ihm davon abgeraten hatte, sich der kleinen Hannoverschen Truppe von Freiwilligen anzuschließen, die die Gunst des Kaisers erringen wollten. Nicht für einen einzigen Augenblick hatte sie sich Sorgen gemacht, dass er dabei ernstlich in Gefahr geraten könnte, denn noch war der Krieg gegen die Türken nur eine nebelhafte Bedrohung am Horizont.

»Stand nichts Näheres da? Was denken sie denn, was geschehen ist?«

Maman seufzte und bückte sich nun doch nach der verbliebenen Strohmatte. »Sie werden uns ihre Mutmaßungen nicht mitteilen, Kind. Aber wer weiß? So lange, wie der Brief hierher gebraucht hat, könnte es sein, dass Laurentz längst wiedergefunden ist und wir in den nächsten Tagen eine neue Nachricht erhalten. Sei du nur froh, dass dein Verlobter besonnen genug war, sich nicht auch in dieses Abenteuer zu stürzen! Seine Reise ist zum Glück weniger gefahrvoll.«

Daran bestand kein Zweifel. Helena kannte ihren Verlobten besser, als ihre Mutter ahnte und wünschenswert gefunden hätte. Adrian von Schwanewede war zwar kein Feigling, aber auch bei Weitem kein solcher Draufgänger wie ihr Bruder. Er würde gut auf sich aufpassen und von seiner Kavalierstour heil und gesund rechtzeitig zu ihrer Vermählung zurückkehren.

Das milderte jedoch nicht im Geringsten Helenas Sorge um Laurentz. Auch wenn sie sich in den vergangenen Jahren seltener gesehen hatten als in ihrer Kindheit, war die alte Vertrautheit zwischen ihnen nie verflogen. Den Gedanken, ihn zu verlieren, konnte sie kaum ertragen. Sie wusste, dass es ihrer Mutter ebenso ging. Doch um ihren Töchtern Kummer zu ersparen, würde sie ihre Angst nicht zeigen, das war ihre Eigenart.

Flink nahm Helena aus einem Korb am Boden die Schnur zum Zusammenbinden der Strohmatten und ging ihrer Maman zur Hand. »Sag das nicht. Immerhin läuft er auf seiner Reise große Gefahr, etwas über die Welt und die schönen Künste zu lernen. Ich kann nur hoffen, dass ihm davon nicht der Kopf platzt. Was Laurentz angeht, hast du sicher recht. Wahrscheinlich ist schon ein Brief hierher unterwegs, der die Sache aufklären wird.«

2. Kapitel

Anfang Dezember 1682

Auch im Winter gab es für die Celler Schlossgärtner Arbeit, doch es ging ruhiger zu als im Rest des Jahres. Floriano Piras bevorzugte den anstrengenderen, aber auch abwechslungsreicheren Sommer. Beim Schneiden kahler Gehölze und beim Bau von Frühbeeten blieb ihm für seinen Geschmack zu viel Zeit zum Nachdenken.

Er blies sich in die Hände, um sie zu wärmen, während er in der Abenddämmerung durch den Obstgarten des Schlossparks zu seiner Hütte ging. Die anderen Gärtner waren schon zum Anbau des Hofgärtnerhauses gegangen, um dort gemeinsam ihr Abendbrot zu essen, doch er wollte in seinem kleinen Ofen das Feuer schüren, bevor er zu ihnen stieß. Seit er einige Jahre zuvor zusätzlich zu seinen sonstigen Aufgaben die des Wächters über den Obstgarten und damit auch dessen Unterkunft übernommen hatte, war es ihm nach und nach gelungen, die Hütte winterfest zu machen, sodass er sie das ganze Jahr über bewohnen konnte. Sie bestand nur aus einem einzigen kleinen Raum, gehörte ihm aber allein und bedeutete ihm deshalb viel.

Sein Weg führte ihn an einem Labyrinth aus hohen immergrünen Hecken vorüber, bei dessen Anlage er in seinem ersten Lehrjahr geholfen hatte. Das war nun vierzehn Jahre her, und die anfängliche Begeisterung der hohen Herrschaft über das – auch in seinen Augen – zu schlichte Labyrinth war vergangen. Nur selten noch betraten es die vornehmen Spaziergänger. Daher hielt er stirnrunzelnd inne, als er nun Schritte darin hörte und das Rascheln eines weiten Rocks, der die Zweige streifte.

Vor ihm trat eine anmutige Frauengestalt aus dem Ausgang des Labyrinths und schüttelte ihr kostbares grünes Samtkleid aus. Wie eine Waldfee aus dem Märchen rief sie ihn mit einem Winken ihres Zeigefingers zu sich, und er näherte sich ihr gehorsam, obwohl seine Knie weich wurden.

»Nun komm schon her, Flori. Meine Hände und Füße sind eiskalt, so lange warte ich schon auf dich. Wir haben uns zu lange nicht gesehen, findest du nicht auch?«

So lange, dass er gezweifelt hatte, ob sie sich überhaupt wiedersehen würden. Er räusperte sich. »Hast du denn heute nichts Wichtigeres zu tun, als deine Zeit im Garten totzuschlagen? Kein Festmahl, kein Theater, kein Konzert, keine Jagd, kein Ball?«

Sie spitzte ihre Lippen zu einem spöttischen Kussmund. »Schmollst du etwa, mein kleiner Gärtner? Du kannst dir doch denken, warum ich nicht zu dir gekommen bin. Aufregende Dinge geschehen im Schloss. Doch darüber wollen wir später sprechen. Bittest du mich in deine Gemächer und wärmst mich auf?«

Sie war das einzige Weib, das so eine Frage stellen und dabei eine Miene aufsetzen konnte, so unschuldig wie die eines kleinen Mädchens beim Blumenpflücken. Große blaue Augen hatte sie und kastanienbraune Locken. Sie war auch die Einzige, die ihn jemals »klein« nannte, denn er überragte beinah alle anderen Angestellten des Celler Hofs.

Unabhängig davon, ob ihr kalt oder warm war, konnte sie davon ausgehen, dass er sie so schnell wie möglich in seine Hütte lassen würde. Es gab zu viele Menschen, die sie nicht allein zusammen sehen durften. Prüfend blickte er sich um. Weit entfernt auf dem Hauptweg trotteten zwei Marktweiber und schlenkerten dabei mit ihren leeren Körben, plauderten und blickten nicht auf. Hastig legte er die paar Schritte zurück, die ihn noch von Gabrielle trennten, ergriff ihre weiche Hand und zog sie hinter sich her zwischen die hohen Hecken. Schweigend und auf Deckung bedacht liefen sie weiter, bis seine im Gesträuch versteckte Hütte in Sicht kam.

Abrupt blieb Gabrielle stehen. »Was sollen die Bienenkörbe bei deiner Hütte? Warum …? Ich kann nicht näher herangehen.« Ihre Stimme zitterte, und keine Spur der üblichen Koketterie lag mehr darin.

»Wir haben die Körbe hierhergebracht, um die Bienenvölker vor der Kälte zu schützen. Du hast von ihnen nichts zu befürchten. Sie schlafen.«

Sie stieß ein gezwungenes Lachen aus. »Meinetwegen dürften sie alle erfrieren. Der Sommer wäre ein größerer Genuss, wenn die ekelhaften kleinen Biester nicht mit ihrem Herumsurren jeden Spaziergang verderben würden.«

Er legte einen Arm um ihre schmale Taille und schob sie sanft weiter zur Tür. »Würde dir der Honig nicht fehlen? All die Köstlichkeiten, die daraus zubereitet werden?«

Sie schüttelte sich wie eine nass gespritzte Katze. »Ich würde lieber für den Rest meines Lebens nur Saures essen und dafür nie wieder einer Biene begegnen. Bist du ganz sicher, dass sie nicht aufwachen?«

»Ganz sicher«, sagte er, trat mit ihr ins Haus und schloss die Tür hinter sich. Eilig legte er Holz in seinen Ofen und blies in die Glut, bis die Flammen züngelten. »Wie lange hast du Zeit?«

Sie zuckte mit den Schultern. »Vorgeblich liege ich mit Kopfweh im Bett und werde daher nicht zum Abendessen erwartet. Wenn ich kurz nach Einbruch der Dunkelheit wieder ins Schloss schleiche, wird es keine Schwierigkeiten geben.«

Auch würde sie keine Schwierigkeiten damit haben, sich nachträglich eine Nachtmahlzeit zu beschaffen. Im Gegensatz zu ihm, der er sich an diesem Tag darauf verlassen hatte, mit den anderen Gärtnern zu essen. Seine Vorräte reichten nur noch für den nächsten Morgen, dann musste er sie auffüllen. Doch von seiner ersten Begegnung mit Gabrielle an hatte es stets Wichtigeres gegeben, als den Magen zu füllen.

Als er die Ofentür schloss und sich aufrichtete, hatte sie ihren Mantel bereits auf einen Schemel geworfen und streifte ihre Handschuhe ab. Nichts konnte wichtiger sein, als ihr dabei zu helfen.

*

Gabrielle hatte ihn nicht entjungfert, aber sie hatte ihn gelehrt, wie ein Weib Lust empfand. Dabei hatten sie selten genug Zeit gehabt, sich völlig zu entkleiden, sodass es Stellen an ihrem Leib gab, die ihn noch immer als unentdeckt reizten. Er sehnte sich nach der Freiheit, mit ihr Stunden oder gar Tage Haut an Haut zu verbringen, ungehindert durch Korsett, Hemden, Unterröcke oder Strümpfe. Doch diese Freiheit würde es für sie niemals geben.

Im Licht einer einzelnen Öllampe betrachtete er ihr Profil, als sie sich für einen Augenblick auf sein Kissen zurücklegte. Klein und spitz war ihre Nase, passend für das Kindergesicht, das ihr jederzeit erlaubte, die Rolle des unschuldigen Mädchens zu spielen. Er war unter Schauspielerinnen und Schauspielern aufgewachsen und konnte daher ihre Fähigkeiten beurteilen. Gabrielle war eine Meisterin, obgleich nicht vom Fach.

Seufzend streckte er sich. »Du musst bald gehen.«

Wie ein zurückfedernder junger Baum setzte sie sich auf. Ohne ihn anzusehen, glitt sie aus dem Bett und widmete sich ihrer Kleidung.

»In zwei Wochen reisen die Jungvermählten nach Hannover ab. Ich wurde auserwählt, Prinzessin Dorothée zu begleiten. Es ist möglich, dass wir uns heute zum letzten Mal … gesehen haben. Die vielen Dinge, die ich noch erledigen muss! Briefe schreiben, Kleider bestellen, Besucher empfangen und das Packen beaufsichtigen. All das, während die Lustbarkeiten zu Ehren des Paars kein Ende nehmen und meine Anwesenheit dauernd erwünscht ist. Ah, mon cœur! Wenn ich nicht wüsste, dass ich meine Liebe zu dir ohnehin opfern muss, um uns beide nicht ins Unglück zu stürzen, wäre es mir unerträglich, dich zurückzulassen.« Sie hielt inne, legte sich beide Hände aufs Herz und sah ihn mit kummervollem Blick an. Der Pose nach war sie von Trennungsschmerz erfüllt, dem Klang ihrer Worte nach jedoch längst voller Vorfreude auf ihr neues Leben am prachtvollen Hannoverschen Herzogshof.

Ihre plötzliche Eröffnung traf Floriano wie ein Schlag. Er wollte sie schütteln und fragen, wie sie so leicht über das hinwegsehen konnte, was sie verband. Verschwendete sie auch nur einen Gedanken daran, wie sie ihn vor den Kopf stieß? Ahnte sie nicht, dass er unter der Trennung von ihr leiden würde?

Entschlossen zwang er sich, ruhig zu bleiben. Trotz allem, was sie miteinander geteilt hatten, stand es ihm nicht zu, Ansprüche zu äußern. Sie war von Adel, und er war nur knapp dem Schicksal eines Straßenkinds entgangen.

»Ich nehme an, es ist eine Ehre für dich. Du bist für die Stellung sicher bestens geeignet. Allerdings sprechen sogar die einfachsten Gärtner gelegentlich darüber, dass der Hannoversche Hof kein Schäferidyll ist. Herzogin Sophie hält weit mehr auf das Zeremoniell, als unser Herzog Georg Wilhelm und Frau von Harburg es tun.«

Gabrielle warf den Kopf in den Nacken und richtete mit beiden Händen ihre Frisur. »Zu meiner Aufgabe wird es gehören, Prinzessin Dorothée dabei zu helfen, auf überzeugende Weise die Nachfolge von Herzogin Sophie anzutreten. Denn das ist schließlich die Zukunft. Die alte Dame wird sich früher oder später zurückziehen müssen und das Hofleben nicht mehr bestimmen.«

Floriano hatte Herzogin Sophie in seinen Jahren in Celle oft genug erlebt, um zu wissen, dass sie ihre Vorrangstellung am Hannoverschen Hof verteidigen würde wie eine Dogge einen Knochen. »Prinzessin Dorothée zur Seite zu stehen ist eine gute Sache. Ich wünsche dir viel Erfolg.«

»Danke.« Sie kniff die Lippen zusammen und musterte ihn zweifelnd. »Und das ist alles? Kein Wort darüber, dass du mich vermissen wirst?«

»Würde es dir etwas bedeuten?«

Mit ein paar letzten Handgriffen brachte sie ihr Kleid in Ordnung und zog den Mantel über. »Welchem Weib würde das nichts bedeuten?«

»Ich werde dich vermissen.«

Sie lächelte und tupfte mit den Fingerspitzen einen Kuss von ihren Lippen auf die seinen. »Dann sollst du wissen, dass auch ich dich vermissen werde. Wahrhaftig vermissen

Ohne ein weiteres Wort schlüpfte sie aus der Tür und ließ ihn mit seinem Schmerz allein.

Ohne ihre letzten Worte hätte er sich vielleicht dem Kummer ergeben. Doch dass sie ihn »wahrhaftig vermissen« würde, klang nicht wie ein gleichgültiger Abschied. Es klang wie eine Aufforderung, die Trennung nicht einfach hinzunehmen. Was hielt ihn in Celle? Er hatte nie vorgehabt, den Rest seines Lebens in der beschaulichen kleinen Residenzstadt zu verbringen. Sein derzeitiger Vorgesetzter, Monsieur Perronet, würde davon allerdings möglicherweise nicht erbaut sein.

3. Kapitel

Mitte Dezember 1682

Um den Einholungszug für die Braut des Herzogssohns Georg Ludwig vom ersten Reiter an bewundern zu können, hatte Helena mit ihrer Mutter und ihren Schwestern schon am Vormittag des 19. Dezember an der Straße von Celle nach Hannover Stellung bezogen. Sie hatten sich mit einem Feuer, warmen Decken, heißen Steinen für die Füße, Gartenstühlen und Körben voll Leckereien auf einem brachliegenden Feld häuslich eingerichtet, so wie auch viele ihrer Nachbarn und Bekannten es getan hatten. Die dünne Schneedecke war von all den Füßen, Hufen und Pfoten bald zu einem schmutzig-weißen Parkett festgetreten, und die gefrorenen Pfützen waren zur Sicherheit mit Tannengrün bedeckt, das seinen harzigen Duft ausströmte. Ein kleiner Kirchenchor sang weihnachtliche Lieder.

Alle adligen Herrschaften und wohlhabenden Bürger hatten sich schillernd herausgeputzt. Auch das Gesinde und die Bauern trugen ihren Sonntagsstaat, ja, sogar die im Hintergrund auf die Heimreise ihrer Besitzer wartenden Pferde waren mit Silberschnallen und Glöckchen geschmückt. Gesehen zu werden war hier ebenso wichtig, wie zu sehen. Noch lange würde die bessere Gesellschaft der Gegend darüber sprechen, wie man keine Mühe gescheut habe, um dem zukünftigen Herzogspaar zuzujubeln, als Prinz Georg Ludwig seine Braut Dorothée nach Hannover heimgebracht hatte.

Helena spielte mit Lore das Fadenspiel, erschwert durch die Handschuhe, die sie beide trugen. Mit jedem Atemzug bliesen sie weißen Hauch in die Luft. Ameli hockte warm eingepackt auf dem Boden und kraulte den alten Bluthund hinter den Ohren, dem noch ihr Vater den Namen »Major« gegeben hatte. Er ließ sich von Kindern alles gefallen, war aber trotz seines fortgeschrittenen Alters noch ein guter Wächter, der schon manch unwillkommenen Gast mit seinem Knurren eingeschüchtert hatte.

Maman war einer Einladung ihrer übernächsten Nachbarn gefolgt, mit ihnen einen Becher Punsch zu trinken. Der nächste Nachbar vom Gut Minnigerode war Helenas Onkel Roderick, der ältere Bruder ihres Vaters, doch ihn hatte Helena an diesem Tag noch nicht gesehen. Es war gut möglich, dass er die genauere Zeit in Erfahrung gebracht hatte, zu der mit dem Brautzug zu rechnen war, und sich bis dahin noch die Füße vor dem Kamin wärmte.

Lore wusste nichts Sinnvolles mehr mit dem Fadenmuster zwischen Helenas Händen anzufangen, verwirrte den Faden gelangweilt zu einem Durcheinander und warf ihn dem Hund vor die Pfoten. »Dauert es noch lange, bis sie kommen? Wir warten schon seit Stunden.«

Helena drohte ihr mit dem Zeigefinger. »Na, na! Geduld gehört zu den hervorragenden Eigenschaften eines Fräuleins von Adel. Wenn du eines Tages bei Hof weilst, wirst du viel, viel Geduld brauchen.«

Lore grinste. »Wie viel?«

»So viel, wie eine brütende Henne braucht, die auf ihre Küken wartet. Oder so viel wie der alte Konrad, wenn er mit seiner Angel am Fischteich sitzt und hofft, dass ein großer Wels anbeißt.«

Gerade wollte sie ihren kleinen Schwestern ein neues Spiel vorschlagen, als sich Unruhe unter den Schaulustigen ausbreitete. »Aha. Ich glaube, wir müssen nicht mehr viel länger warten. Ameli, steh auf und lass dir von Mariechen den Rock ausklopfen. Und Lore, zeig mir, wie schön du aufrecht stehen kannst. Sehr gut, brav so. Und nun gehen wir ohne Eile zur Straße.«

Drei farbenprächtig gekleidete Reiter näherten sich im Galopp als inoffizielle Vorhut und schwenkten ihre breitkrempigen Hüte. »Sie kommen! Macht euch bereit! Straße frei für den Brautzug!«, riefen sie immer wieder. Sie preschten vorüber, und in der Ferne kam nun auch schon ein Regiment berittener Soldaten in Sicht, das die Spitze des Zugs bildete. Angeführt wurden sie von einem Trompeter, der in seine Fanfare stieß.

Als sie ihre Plätze am Straßenrand erreicht hatten, nahm Mariechen, ihre junge Haus- und Kindermagd, die müde Ameli auf den Arm, wofür Helena ihr dankend die Schulter tätschelte. Von der anderen Seite trat der Pastor des nahegelegenen Dorfs Stöcken an sie heran.

»Fräulein von Minnigerode, eine Freude, Euch hier anzutreffen. Ich hoffe, im Haus sind alle wohlauf?«

»Guten Tag, Herr Pastor. Ja, im Haus sind alle gesund. Bei den Bauern geht ein Fieber um, so hörten wir.«

»Ja, es ist ein Elend. Das Fieber geht alle Jahre um, aber diesen Winter ist es schlimmer als sonst. Habt Ihr denn inzwischen von Eurem Bruder gehört? Ich schließe ihn täglich in meine Gebete ein.«

Helena wusste, dass diese Bemerkung eine Spendenzusage ihrerseits zur Folge hätte haben sollen. Doch ihre Taschen waren auf geradezu lächerliche Weise leer. Mittlerweile sehnte sie ihre Hochzeit auch deshalb herbei, weil sie danach keine Last mehr für ihre Mutter sein würde, sondern als Adrians Eheweib endlich Geld für eigene Zwecke zur Verfügung haben würde. Seiner Familie war es gelungen, ihren Wohlstand sogar in den zurückliegenden Kriegszeiten nicht nur zu erhalten, sondern zu vermehren.

Sie senkte den Blick und dachte bedrückt an ihren Bruder. Es durfte ihm nichts zugestoßen sein! Auch wenn Laurentz im kaiserlichen Heer nicht sein Glück machte, würde es nach seiner Rückkehr leichter werden. Ihm würden die Leute Kredit geben, weil er die Zukunft des Guts verkörperte.

Sie schüttelte den Kopf. »Leider haben wir nichts gehört. Wir sind in großer Sorge und wissen Eure Gebete zu schätzen. Ich werde Mutter ausrichten, dass wir uns umhören müssen, wie es unseren Bauern geht. Seid herzlich bedankt für Euer Mitgefühl.«

»Wie viele Pferde das sind!«, platzte Lore heraus, die mit weit aufgerissenen Augen auf die Straße blickte.

Helena lächelte. »Ja. Und du würdest nicht glauben, wie viele da noch kommen. Steh schön gerade!«

Dem Regiment folgten berittene Diener mit den Handpferden der mitreisenden Herren sowie die Pagen. Dann kamen die ersten farbenprächtig verzierten, mehrspännigen Kutschen, in denen die hohen Dienstleute des Hofs fuhren. Erst im Anschluss an diese Edlen folgte der Hohe Adel: die Freunde und jüngeren Brüder des Prinzen. Allmählich wurden die Jubelrufe der Zuschauer lauter, und auch Helena applaudierte und schwenkte ihr blaues Seidentuch. Cellesche und hannoversche Trompeter und Trommler in Livree kündigten die nahende Krönung des Zugs an: die von Vergoldungen glänzende Karosse von Herzog Ernst August und Herzogin Sophie, gefolgt von ihren Lakaien und der Leibgarde, dann die Leibkarosse des Prinzen mit ihm selbst, der Braut und den Brauteltern. Dahinter der Wagen der Herzogstochter Sophie Charlotte, dann die Prachtkutsche der herzoglichen Mätresse Clara von Platen, die einen atemberaubend kostbaren Pelzmantel vorführte.

Bei den ersten Beifallsbekundungen hatte sich Helenas Mutter an ihrer Seite eingefunden und winkte ebenfalls würdevoll mit einem himmelblauen Tuch. Als der Wagen mit dem alten Herzogspaar vorübergefahren war, wechselte Helena einen vielsagenden Blick mit ihr. Herzogin Sophie thronte inmitten ihrer Pracht wie eine Königin, verzog keine Miene und schien die Menschen am Straßenrand kaum wahrzunehmen. Ihre Begeisterung über die Heirat ihres Sohns hielt sich sichtlich in Grenzen.

Als auf der Straße nur noch die weniger wichtigen Angehörigen des Hofs vorbeizogen, neigte Maman sich zu Helenas Ohr. »Arme kleine Dorothée. Ich habe vorhin gehört, dass sie unglücklich über die Wahl ihrer Eltern war. Wenn ich mir diese Hofgesellschaft ansehe, kann ich es ihr nicht verdenken. Eine Schwiegermutter, die keinen Hehl daraus macht, dass sie ihre neue Schwiegertochter verachtet, ein Schwiegervater, der seine Mätresse nobler auftreten lässt als seine Gemahlin, und ein Ehemann, der die Beschäftigung mit einer Jagdflinte, einem Schlachtross oder einer neuen Geliebten jederzeit aufregender finden wird als die Cousine, die nun sein Eheweib geworden ist.«

Helena zuckte mit den Schultern. »Der Prinz sah aber nicht unzufrieden aus. Schließlich ist sie doch sehr hübsch. Vielleicht wird sie ihn stärker fesseln, als du annimmst.«

»Nicht länger, als bis sie guter Hoffnung ist. Darauf würde ich wetten.«

»Dennoch wird sie die nächste Herrin des Herzogshofs. Wenn sie sich nicht allzu ungeschickt anstellt, wird sie ihr Leben wohl angenehm genug gestalten können.«

Maman stieß ein leises, spöttisches Lachen aus. »Sie ist erst sechzehn Jahre alt und tritt gegen eine fünfzigjährige Fürstin an, die seit Jahrzehnten an Macht gewöhnt ist. Gerade weil Herzogin Sophie sich von ihrer Schwiegertochter nicht vom Sockel stoßen lassen will, wird sie deren Möglichkeiten einschränken. Ich glaube nicht, dass Prinzessin Dorothée am Hannoverschen Hof viel bestimmen wird.«

Der Beifall der Zuschauer war abgeflaut, und allmählich zerstreute sich die Menge. Daher bahnten auch sie sich den Weg zurück zu ihrem Lagerplatz, wo Major sich träge reckte und ihnen entgegentrottete. Ameli war auf Mariechens Armen eingeschlafen, erwachte jedoch, als ihr Onkel Roderick sie aus der Ferne rief.

»Adelheit! Helena! Ich habe euch etwas mitzuteilen!«

Sie warteten auf ihn, während Mariechen mit den Mädchen vorging, um zu packen. Helena stand Roderick von Brünneck nicht nah. Ihr Onkel war in jungen Jahren kinderlos verwitwet und hielt sich seitdem von sämtlichen Frauen und Kindern fern. Doch der mittlerweile grauhaarige Siebenundvierzigjährige war neben Laurentz ihr einziger noch lebender männlicher Verwandter, und sie war zu Höflichkeit ihm gegenüber erzogen worden. Seit der Abreise ihres Bruders hatte ihre Mutter ihn einige Male eingeladen, um Angelegenheiten mit ihm abzusprechen, die ihre Landwirtschaft betrafen.

Maman hielt mit der linken Hand den Schal zusammen, den sie sich über den Kopf gelegt hatte, und bot Roderick ihre Rechte an, die er ergriff, um einen Handkuss anzudeuten. »Guten Tag, Roderick. Wurdet Ihr aufgehalten? Ihr habt den Brautzug verpasst.«

Unter dem nachlässig gepflegten grauen Bartgestrüpp wurden seine von feinen blauen Äderchen durchzogenen Wangen rot. »In der Tat. Aufgehalten. Das wurde ich. Eine Nachricht erreichte mich. Eine schlimme Nachricht, Adelheit. Ich wäre lieber nicht der Bote, der sie Euch überbringt, doch so ist es nun einmal. Laurentz … Man fand seine Kompanie. Das heißt, ihre sterblichen Überreste. Es tut mir leid.«

Helena sah ihre Mutter in sich zusammensacken und fing sie auf, obgleich ihre eigenen Knie nachzugeben drohten. Die sterblichen Überreste von Laurentz’ ganzer Kompanie?

»Das muss ein Irrtum sein, Onkel Roderick. Sicher gab es eine Verwechslung. Wir müssen ihnen schreiben und …«

Er schüttelte den Kopf, griff in seine Tasche und hielt ihr den zerkratzten Rubinring ihres Bruders vor die Augen. »Es ist kein Irrtum möglich. Freunde von deinem Bruder ließen mir ausrichten, dass er diesen Ring dir zugedacht hat, falls ihm etwas zustieße. Nun ist der Ring gleichzeitig Beleg für seinen Tod.«

Ihre Mutter nahm mühsam wieder Haltung an. »Ich wusste es. In meinen Träumen habe ich ihn nur noch tot gesehen. Was ist geschehen?«

»Eine Felswand ist abgerutscht. Das Tal war schwer zugänglich, deshalb hat man die Toten erst nach langer Suche gefunden.« Roderick wirkte eher verlegen als kummervoll. Auch mit Laurentz hatte ihn wenig verbunden.

Helena versuchte ihm zu glauben, doch ein Teil von ihr weigerte sich noch immer. Ihr Bruder konnte nicht tot sein. Sie hatte nie einen lebendigeren Menschen gekannt. Er war ein Teil von ihr.

Ihre Mutter zitterte in ihren Armen und rang um Atem. Ganz gleich, was sie selbst fühlte, ihre Mutter brauchte sie jetzt.

»Werden sie ihn zur Bestattung zu uns bringen?«, fragte sie. Ihre Stimme klang gefasster, als sie erwartet hatte.

Ihr Onkel machte ein bekümmertes Gesicht. »Die Kosten wären zu hoch gewesen. Man hat ihn in allen Ehren mit seinen Kameraden in Wien bestattet.«

Maman stöhnte und brach in Tränen aus. »Auch das noch! So weit weg von zu Hause!«

Roderick hatte den Blick gesenkt und betrachtete Laurentz’ Ring, als würde ihm erst jetzt auffallen, worum es sich dabei handelte. Helena hatte den Eindruck, dass er zweifelte, ob ihr das Schmuckstück tatsächlich zustand. Eilig streckte sie ihm die Hand hin, sodass er nicht anders konnte, als ihr den Ring zu übergeben.

Er verschränkte die Hände hinter dem Rücken und hob das Kinn. »Ich versichere Euch mein vollstes Mitgefühl. Dennoch möchte ich nicht zögern, Euch mitzuteilen, welche Folgen Laurentz’ Tod für uns alle haben wird.«

Helena legte ihren Arm fester um ihre Mutter. »Das hat doch wohl Zeit. Wenigstens bis wir zu Hause sind.«

Sein Gesicht wurde zu einer verkniffenen Maske aus Widerwillen und Entschlossenheit. »Besser, wir bringen es gleich hinter uns. Mit Laurentz’ Tod bin ich der einzige verbliebene Mann der Familie. Euch ist gewiss bewusst, dass damit die Ländereien, die er von seinem Vater geerbt hat, an mich zurückfallen. Das Land unseres Adelsgeschlechts darf nur in männlicher Linie vererbt werden. Um unseren Namen vor dem Aussterben zu bewahren, habe ich beschlossen, noch einmal zu heiraten. Mit Gottes Gnade werde ich einen eigenen Sohn zeugen, der meine Linie fortführt.«

Maman krallte eine Hand in Helenas Arm. »Ihr wollt uns das Land nehmen? Aber …«

Seine steife, aufrechte Haltung veränderte sich nicht. »Helena wird bald heiraten und versorgt sein. Was Euch und die Kinder angeht, Adelheit, biete ich Euch eine Wohnung in meinem Stadthaus und eine ausreichende Pension auf Lebenszeit, wenn Ihr Euch dafür entscheidet, mir auch das Gutshaus und die angrenzenden Ländereien aus Eurer eigenen Erbschaft zu überlassen. Es wäre weit vernünftiger, alles zu einem einzigen Besitz zusammenzuschließen. Und für Euch allein ist es ohnehin kaum möglich, das Haus zu halten.«

Wie erschüttert Maman auch war, fand sie nun doch ihre Fassung wieder. »Ihr habt unrecht, wenn Ihr glaubt, dies wäre der richtige Tag, um derlei Dinge zu besprechen. Wir Frauen haben einen Sohn und Bruder zu betrauern. Wenigstens eine Woche lang werde ich nicht daran denken, wie sein Nachlass zu verwalten ist. Vergebt mir die Unhöflichkeit, aber ich muss mit meinen Töchtern nach Hause fahren, um auch den Kleinen in der sicheren Geborgenheit unseres Hauses zu erklären, dass sie ihren Bruder nicht wiedersehen werden.«

Ihr tiefes Einatmen klang wie ein Schluchzen, und nun schossen auch Helena die Tränen in die Augen. Ohne ihren Onkel noch weiter zu beachten, ging sie mit der Mutter zu ihrem abfahrbereiten Wagen.

»Eine Woche also! Nach Weihnachten spreche ich bei Euch vor!«, rief er ihnen nach.

4. Kapitel

Vorweihnachtszeit 1682

Gräfin Clara Elisabeth von Platen, die Mätresse des Herzogs von Hannover, saß Karten legend an einem mit Intarsien verzierten kleinen Tisch, der speziell zu diesem Zweck vor dem Kamin in ihrem Schlafgemach stand. An diesem Morgen bedeutete ihr das Ritual mehr als sonst, denn es war der Tag der Wintersonnenwende, und das Jahr ging seinem Ende zu. Sie war abergläubisch genug, um den Weissagungen in dieser Zeit besonderes Gewicht beizumessen.

Kelche und Schwerter, Herrscherin, Turm, Teufel und das Rad des Schicksals: Für sie waren die Karten die einzigen wahrhaft vertrauenswürdigen Freunde, die sie hatte. Nur mit ihnen konnte sie sich auch über ihre eigenen Schwächen beraten, die sie anderen Menschen gegenüber niemals preisgegeben hätte. Dazu musste sie nicht einmal aufwendigere Kleidung anlegen als ihr seidenes Nachtgewand und den warmen Morgenrock aus Samt. Auch eine Perücke oder Schminke waren unnötig. Es genügte die gefütterte Seidenkappe, um das kurze Haar zu bedecken.

Sie legte die Karten verdeckt zum Zwölferkreis aus und wendete sie dann bedachtsam um. Die zehnte Stelle, zuoberst im Kreis, beschäftigte sie schon ihr Leben lang am meisten. Die Karte, die an dieser Stelle zu liegen kam, sprach von ihrem Ansehen und ihrer Macht. Das Bild dieser Karte befragte sie danach, was sie tun sollte, um ihren Rang zu erhöhen und ihren Einfluss auszuweiten. Sie tippte dreimal auf den Kartenrücken, bevor sie das Blatt umdrehte.

Der Tod.

Zaghafte und ängstliche Gemüter wären vor dem Bild zurückgeschreckt, doch Clara lebte lange genug mit ihren Kartenfreunden, um den Tod nicht unbedingt beim Wort zu nehmen. Sein Erscheinen ärgerte sie dieses Mal eher, weil ihr gegenwärtiges Problem sich nicht einfach mit Gewalt lösen ließe, selbst wenn sie dazu bereit gewesen wäre.

»Verdammter Hundsfott«, murmelte sie. Dabei dachte sie halb an das Bild auf der Karte und halb an den Mann, der ihr bei der Deutung zuerst in den Sinn kam.

Prinz Georg Ludwig war so viel schwieriger als sein Vater Ernst August. Ihr sinnenfroher alter Herzog war daran gewöhnt, auf Frauen zu hören. Das war auch das Verdienst seiner Gemahlin Sophie, wie Clara widerwillig anerkannte. Der junge Prinz hingegen hatte zwar Respekt vor seiner Mutter, blickte aber auf andere Frauen herab. Claras Schwester Catharina hatte ein ganzes Jahr als seine Bettgefährtin verbringen müssen, bevor er ihr die ersten Zugeständnisse gemacht hatte. Ganz zu schweigen von den Geldsummen, die sie ihm geliehen hatte, um ihn bei Laune zu halten. Und nun war der ganze Fortschritt dahin, weil seine Mutter und die Mutter seiner Braut sich in den Kopf gesetzt hatten, dass keine Mätresse den Jungvermählten in die Quere kommen sollte. So hatte man Catharina bis auf Weiteres vom Hof verbannt.

Clara war davon ausgegangen, dass es nur kurze Zeit dauern würde, bis der Prinz die Rückkehr seiner Mätresse forderte. Doch als sie jüngst vorgefühlt hatte, war sie nur knapp an einer Blamage vorbeigeschrammt. Der junge Mann hatte deutlich gemacht, dass Catharina ihn nicht mehr interessierte.

Unter gewöhnlichen Umständen hätte sie ihre kleine Schwester dennoch erneut auf ihn angesetzt. Doch da Catharina sich nicht bei Hof zeigen durfte, wären ihr zu wenig Möglichkeiten geblieben, Georg Ludwig an ihre Reize zu erinnern.

Der Tod als Kartenbild ermahnte sie nun, hinzunehmen, dass ihre Strategie gescheitert war. Wenn sie den Prinzen unter ihren Einfluss bringen wollte, war ein Neuanfang gefragt. Und dieses Mal durfte jeder, der ihr ins Handwerk pfuschte, nur auf Gottes Gnade hoffen. Sie würde um jeden Preis dafür sorgen, dass ihre Macht bei Hof auch über die Herrschaft Ernst Augusts hinaus bestehen blieb. Zu lange hatte sie daran gearbeitet, sie zu erwerben.

Es klopfte an ihrer Tür, zweimal mit einem Atemzug Pause dazwischen: ihr Gemahl.

»Tritt ein, Franz.«

Er kam herein, verneigte sich auf die übliche, leicht ironische Weise vor ihr und legte ein spielkartengroßes Päckchen neben ihre Tarotkarten. »Guten Morgen. Das hier kam schon gestern Abend an, als wir noch im Saal waren. Ist es für seine Durchlaucht?«

Sie berührte es nicht, sondern behielt ihre Karten in der Hand. »Ja. Ein kleines vorweihnachtliches Geschenk. Bleib nicht zu lang hier, er erscheint in letzter Zeit häufig früher als erwartet.«

»Nur auf ein paar Worte. Was hältst du von unserem jungen prinzlichen Paar? Sie wirken zufriedener, als wir es vermutet hatten. Glaubst du noch an Catharinas Rückkehr?«

Mit einem Seufzer legte sie die Karten auf den Tisch und lehnte sich in ihrem Sessel zurück. »Nein. Den Plan habe ich soeben aufgegeben. Für frisches Blut und ein neues Gesicht sind die Aussichten besser. Ich werde so rasch wie möglich eine geeignete junge Dame finden, die meinen Ansprüchen genügt. Es gilt sie rasch einzuführen, damit sie für ihren Auftritt bereitsteht, wenn Georg Ludwig das Interesse an der kleinen Dorothée verliert.«

Franz-Ernst Graf von Platen nickte mit ernster Miene. »Dein Urteilsvermögen in diesen Dingen ist über jeden Zweifel erhaben. Ich hoffe nur, dass du bald fündig wirst. Wie ich unseren Prinzen kenne, wird seine Aufmerksamkeit für seine Cousine erlöschen, sobald er ihr das letzte Blütenblatt der Unschuld ausgezupft hat. Darüber hinaus hat sie ihm nichts zu bieten, und somit auch uns nichts. Der Versuch, sie für unsere Zwecke zu nutzen, könnte sich sogar leicht gegen uns wenden. Die Herzogin hat so wenig für das hübsche Kind übrig, dass jede Ansicht, die Dorothée in unserem Sinne äußert, möglicherweise sogleich diskreditiert wäre. Und dazu, im Verborgenen zu agieren, wäre sie wohl kaum fähig. Abgesehen davon steht fest, dass unser wichtigstes Ziel für das kommende Jahr bei ihrer Durchlaucht der Herzogin ohnehin keinen Beifall finden wird. Deshalb ist es von äußerster Bedeutung, dass wir Ernst August und Georg Ludwig vollständig dafür gewinnen, bevor sie davon erfährt und sich die Folgen bewusst macht.«

Clara verzog angewidert die Lippen. »Ich bin keine Anfängerin, Franz. Erklär mir keine Selbstverständlichkeiten. Und nun möchte ich dich bitten …« Lässig wies sie auf die Tür.

Auch er verzog den Mund, doch eher zynisch. »Ich will nur sichergehen, dass wir uns in unseren Zielen einig sind.«

Sie wedelte mit der Hand, um seinen Abgang zu beschleunigen. »Gewiss sind wir das. Hoch lebe das zukünftige Kurfürstentum Hannover!« Noch bevor er den Raum verlassen hatte, wandte sie sich demonstrativ wieder ihren Karten zu.

Gleichgültig, wie viel Respekt sie vor ihrem Gemahl hatte – sie würde einem Mann nur aus besonders guten Gründen jemals gestatten, sie zu belehren, als sei er klüger als sie. Ihr Franz kannte sich ausgezeichnet mit dem politischen Geschehen der Welt aus. Die kleinere Welt des Hannoverschen Hofs und seiner Verbindungen zur großen Welt jedoch waren ihre eigene Spezialität.

Die Kurfürstenwürde für Ernst August zu erringen war ein naheliegendes Vorhaben, nun, da die Heirat zwischen Georg Ludwig und seiner Cousine die Besitzungen beider Familien wieder vereint hatte. Nach dem Tod von Dorothées Vater würde Hannover als geeintes Herzogtum eine Größe, Finanzstärke und militärische Macht haben, die den Kaiser beeindrucken konnten. Weshalb sie ihrem geschätzten dicken Herzog bei der Entscheidung für die Heirat nachdrücklich gut zugeredet hatte.

»Gräfin Clara von Platen, Maîtresse en titre des hochwohlgeborenen Kurfürsten von Hannover«, flüsterte sie und ließ sich die Worte auf der Zunge zergehen wie süßes Quittenkonfekt. Sie musste die Fäden geschickt ziehen und durfte vor nichts zurückschrecken, damit dieser Traum wahr wurde – aber darin hatte sie mittlerweile viele Jahre Übung.

Sie nahm das Päckchen zur Hand und öffnete es. Der Goldschmied hatte ein schwarzes Samtband durch den mit Opalen besetzten Ring gezogen, so wie sie es befohlen hatte. Mit beiden Händen rückte sie ihre Brüste zurecht und schnürte das Band am Halsausschnitt ihres Nachtgewands auf. Dort in ihrem Dekolleté würde das teure Schmuckstück sich aufwärmen, bis sein neuer Besitzer es hervorzog. Ernst August liebte es, in ihrer Üppigkeit zu schwelgen. Seine Seele verehrte die Weiblichkeit wahrhaftig.

Im Gegensatz zu der seines Sohnes, die bei einem Gespräch über Kriegsführung, beeindruckende Jagdstrecken oder schnelle Pferde leidenschaftlicher glühte als beim Anblick einer drallen weiblichen Wade. Daher musste Clara eine Frau für Georg Ludwig finden, die an junge Männer und ihren Zeitvertreib gewöhnt war. Nur auf diesem Weg ließ sich sein Blick auch an die anderen Reize fesseln, die seine zukünftige Geliebte ihm darbieten würde.

Sogleich würde sie eine Liste mit Namen anlegen. Sie wischte die Karten zusammen und wollte sie schon in ihre Schatulle legen, zog dann aber eine einzige heraus, die ihr verraten sollte, was für eine Art von Tag vor ihr lag.

Bube der Stäbe.

Das ließ auf aufregende Stunden schließen. Oder auf erregende? Lächelnd legte sie die Hand auf den Ring zwischen ihren Brüsten.

Energisch klopfte es an der Tür. Kein abgezähltes, abgesprochenes Klopfen, sondern einfach der Herr, der Einlass begehrte.

»Herein, Euer Durchlaucht«, rief sie.

5. Kapitel

Trotz der Trauer um Laurentz wurde das Gutshaus weihnachtlich geschmückt wie jedes Jahr. Die alte und die junge Marie banden verzierte Tannenkränze und Girlanden aus gemischtem Immergrün und befestigten sie mit Hilfe der Knechte an den üblichen Stellen. Sie stellten die traditionellen Weihnachtsleuchter mit duftenden Wachskerzen und Schalen mit Nüssen und Äpfeln auf, sorgten für das Bildgebäck, für Honigkuchen und den Aufbau der Krippe. Nur hin und wieder blieben sie stehen, um sich mit dem Ärmel über die Augen zu wischen.

Helena liebte die jährlich wiederkehrenden Bräuche, und obwohl der altbekannte Geruch von Tannengrün, Fichtenharz, Zimt, Holzrauch, Bienenwachs und Äpfeln ihre Erinnerungen an die Kindheit mit ihrem Bruder noch lebhafter zurückrief und ihren Schmerz vertiefte, tröstete es sie doch, dass alles so ablief, wie es sich in ihrem Zuhause gehörte.

Weil es draußen stürmte und nasser Schnee fiel, kauerte sie mit ihren kleinen Schwestern im großen Saal neben der Eingangshalle auf dem Boden und spielte mit ihnen die Spiele, mit denen sie sich früher gemeinsam mit Laurentz die Zeit an langen Wintertagen vertrieben hatte. Sie bauten aus den Steinen einer ganzen Sammlung alter Dominospiele kreisförmige Ketten auf und ließen dann Kreisel auf den glatt polierten Holzdielen schwirren, bis einer von ihnen die Dominoketten zum Umstürzen brachte. Für die Kleinen war das genug Ablenkung von der Trauer. Sie waren mit ihrem viel älteren Bruder nicht auf die gleiche Art verbunden gewesen wie Helena.

Der Türklopfer knallte einige Male energisch gegen die Haustür. Helena legte die Dominosteine aus der Hand, um den Gast einzulassen, verzichtete jedoch darauf, als sie hörte, dass ihr Hausdiener schon öffnete. »Ist die Herrin des Hauses anwesend?«, fragte ein Mann, ohne auf die Begrüßung durch den Diener zu warten. Sie erkannte ihn an seiner Stimme als ihren zukünftigen Schwiegervater, den alten Baron von Schwanewede.

»Gräfin von Minnigerode hält sich in ihren Gemächern auf, Euer Wohlgeboren. Darf ich Euch anmelden?«

»Ich bitte darum. Sie wird aber wohl nichts dagegen haben, wenn ich gleich mit nach oben gehe. Bei diesem Wetter will ich noch vor der Dunkelheit wieder zu Hause sein. Nimm mir nur meinen Mantel ab, er tropft.«

Helena sprang nun doch auf und eilte zur Saaltür. Sie konnte schlecht so tun, als hätte sie den Vater ihres Verlobten nicht bemerkt. »Guten Tag, Euer Wohlgeboren. Darf ich Euch einen Imbiss und einen heißen Punsch zubereiten lassen? Oder brecht Ihr umgehend wieder auf?«

Sein Mundwinkel zuckte auffällig, als er sich ihr mit ernster Miene zuwandte. »Helena. Guten Tag. Mein Beileid zum Tod Eures Bruders. Macht Euch keine Umstände, ich werde in der Tat ohne Verzögerung wieder aufbrechen.« Mit einem ruckartigen Nicken beendete er ihren kurzen Austausch und schritt neben dem Hausdiener die Treppe hinauf.

Ging es ihm nur darum, rasch zu kondolieren, um seiner Pflicht nachzukommen? Oder führte ihn ein anderes Anliegen zu ihrer Mutter? Sie konnte nur hoffen, dass er nicht ausgerechnet jetzt über die Finanzierung ihrer Mitgift sprechen wollte. Wenn ihr Onkel seine Ankündigung wahr machte und ihnen kurzfristig die Ländereien entzog, deren Erträge seit etlichen Jahren all ihre Kosten deckten, würde es äußerst schmerzhaft für sie werden, die Mitgift aufzubringen.

Doch weder Adrian noch seine Eltern hatten sie wegen ihrer Reichtümer als Braut ausgewählt. Seinen Eltern ging es um ihren alten Adel, und Adrian liebte sie. Auch deshalb machte sie sich keine großen Sorgen um die Geldnot ihrer Mutter. Sobald sie verheiratet waren, würde Adrian beide Augen zudrücken, wenn sie ihre Familie mit seinem Geld unterstützte. Er war ein freigiebiger Mensch, so wie es auch ihr Bruder gewesen war. Sie hatte ihn oft genug darüber lachen sehen, wenn er Geld verlor. Eine Weile hatte sie sich sogar davon anstecken lassen und selbst ein paar Schulden gemacht. Es handelte sich nur um geringe Summen, dennoch bereute sie ihre Leichtfertigkeit längst und war derzeit froh, dass ihre Gläubiger geduldige Menschen waren und nicht darüber murrten, dass sie bis nach ihrer Eheschließung warten mussten, um ihr Geld wiederzubekommen.

Ameli und Lore waren dazu übergegangen, aus den Dominosteinen einen Turm zu bauen und auf jedem neuen Stein den kleinsten Kreisel kreiseln zu lassen, bevor sie den nächsten hinzufügten. »Mach mit, Leni!«, sagte Lore, und folgsam schloss sie sich dem neuen Spiel an. Der Turm stürzte mehrfach um, doch schließlich brachten sie es auf eine bemerkenswerte Höhe.

Vorsichtig erhob sich Helena, um sich von Baron von Schwanewede zu verabschieden, als sie ihn die Treppe herunterkommen hörte. Sie kam zur gleichen Zeit an der Saaltür an wie er an der Haustür, wo er eilig seinen Mantel überwarf und den Hut aufsetzte.

»Auf Wiedersehen, Euer Wohlgeboren, und guten Heimritt.«

Ein kurzes Nicken, eine Hand an der Hutkrempe. »Auf Wiedersehen, Fräulein von Minnigerode.«

Hinter ihr stürzte der Dominoturm um, und die Kleinen seufzten enttäuscht. Dann schob der Hausdiener hinter dem flüchtigen Gast die Haustür ins Schloss. »Ein greuliches Wetter, gnädiges Fräulein«, sagte er. »Soll ich Euch und den Mädchen etwas Gebäck und eine heiße Schokolade für jede bringen lassen? Ein kleiner Vorgeschmack auf die Festtage könnte doch an so einem Tag erlaubt sein?«

Er wollte sie trösten, und sie konnte ihm dafür ein Lächeln nicht verwehren. »Bei allem Kummer ist dieses Haus doch voller guter Geister, und du bist einer davon, Moritz. ›Gebäck und Schokolade‹ klingt wunderbar.«

Helena hatte ihre Schokolade gerade ausgetrunken, als Maman sie durch Moritz zu sich nach oben bitten ließ.

Das ungute Gefühl, das Baron von Schwanewedes kurzer Besuch in ihr hinterlassen hatte, verstärkte sich. Für gewöhnlich trat ihre Mutter einfach an die Galerie und rief laut zu ihr nach unten, wenn sie im Haus unter sich waren. Mit schweren Schritten nahm Helena die Stufen der breiten Holztreppe, die sie schon so oft im Leben auf und ab getanzt war.

Die Tür zum Vorzimmer ihrer Mutter stand offen, und Maman saß mit einer Decke über den Knien in ihrem Armlehnstuhl. Sie hielt die Hände gefaltet und blickte zu Boden, rang sich jedoch ein Lächeln ab, als Helena eintrat.

»Setz dich, Kind!«

Helena gehorchte und folgte dem Beispiel ihrer Mutter, was die Decke anging. Sie heizten sparsam, wenn kein Besuch erwartet wurde, und im Kamin des Gemachs glommen nur noch ein paar Kohlen.

»Unten ist es wärmer als hier bei dir. Warum gesellst du dich nicht zu uns? Wir werden auch ganz leise spielen.«

Ihr Scherzchen hatte keine Wirkung auf die Miene ihrer Mutter. »Helena, ich muss dir etwas mitteilen und suche nach den richtigen Worten, aber es gibt sie nicht. Ich kann dich nur bitten, besonnen zu bleiben, auch wenn die Nachricht erschütternd ist. Kannst du das versuchen?«

Helena spürte, wie die Kälte des Raums nach ihr griff und ihre Muskeln sich verkrampften. »Ist noch jemand gestorben? Nicht Adrian! Dann hätte Baron von Schwanewede doch … Was ist geschehen? Was hat er hier gewollt?«

Maman seufzte. »Nein, Adrian lebt. Das ist es nicht. Aber … Sein Vater hat gehört, dass Roderick dringend auf der Suche nach einer standesgemäßen Braut ist. Unfassbar, dass dein Onkel nicht einmal bis nach Weihnachten hat warten können, bevor er diese Angelegenheit in Angriff nahm! Baron von Schwanewede schlussfolgerte richtig, dass es für uns unter diesen Umständen nicht nur schwierig wird, die Mitgift zusammenzubringen. Auch die Aussichten auf Rodericks Erbe, das dein Vater damals bei den Verhandlungen über euren Ehevertrag vollmundig angekündigt hat, sind schlecht. Reiflich über die Sache nachgedacht hätte er, sagte von Schwanewede. Als hätte er dazu überhaupt genug Zeit gehabt! Dennoch ist er zu der Ansicht gelangt, dass dein guter Name kein ausreichendes Gegengewicht gegen deine Mittellosigkeit ist. Zumal die von Schwanewedes offenbar in letzter Zeit selbst finanzielle Verluste erlitten haben. Kurz gefasst: Baron von Schwanewede hat eure Verlobung aufgelöst. Er hat mich vor die Wahl gestellt, einer diskreten und freundschaftlichen Abwicklung zuzustimmen oder abzulehnen und die Verlobung auf die unangenehme und laute Art platzen zu sehen.«

»Das kann nicht sein Ernst sein!« Unwillkürlich sprang Helena auf, marschierte zum Fenster und machte gleich wieder kehrt, um sich vor ihre Mutter zu stellen. »Weiß Adrian davon? Er wird das nicht zulassen.«

Doch schon als sie es ausgesprochen hatte, ahnte sie, dass sie sich irrte. Adrian verehrte seinen Vater und hielt ihn für klüger als sich selbst. Besonders seit dem Tod seiner Mutter widersprach er ihm so gut wie nie. Seine Liebe zu Helena würde dem Angriff durch die väterliche Vernunft nicht standhalten. Um ihren Verlobten festzuhalten, hätte sie bei ihm sein und ihn mit Leidenschaft davon überzeugen müssen, dass sie ihm wichtiger war als die Erwägungen seines Vaters.

Sollte sie zu ihm reisen und es versuchen? Doch wie sollte sie ihn finden? Seinen letzten Brief hatte sie zwei Monate zuvor aus Italien erhalten. Nicht einmal die Reise dorthin konnte sie sich leisten, geschweige denn, ihm zu folgen, wenn er bereits weitergereist war.

Ihre Mutter hatte sie beobachtet. »Ich glaube, du weißt selbst, dass die Antwort keine Rolle spielt. Adrian ist ein folgsamer Sohn, was eine schöne Tugend ist. Er wird nicht gegen den Willen seines Vaters handeln, und es wäre falsch, etwas anderes zu erhoffen.«

Obwohl Adrian ein gehorsamer Sohn war, hätte Helena ihn nicht als tugendhaft bezeichnet. Weder sein Vater noch ihre Mutter kannten seine Geheimnisse. Helena überlief ein heißer Schauder, als ihr bewusst wurde, welche neue Bedeutung diese Geheimnisse erhalten würden, wenn Adrian und sie tatsächlich nicht heirateten. Um vor ihrer Mutter zu verbergen, wie sie errötete, wandte sie sich wieder dem Fenster zu und blickte hinaus auf das winterlich kahle Wäldchen hinter dem Wassergraben. Es ging in den Gutsforst über, den sie im Laufe ihres Lebens durch unzählige Ausritte besser kennengelernt hatte, als manche adlige Frau ihre eigene Garderobe kannte. Das Leben auf dem Gut hatte ihr immer ein Maß an Freiheit gelassen, das andere sich nicht einmal vorstellen konnten. Bis zu diesem Tag hatte sie nie bereut, dass sie diese Freiheit ausgenutzt hatte.

Sie hatte ihre Unschuld an einem Sommertag im Gutsforst verloren. Die sonnenwarme Luft umschmeichelte sie sanft, und das durchs grüne Laub gefilterte Licht zuckte in hellen Flecken auf ihrer Haut. In ihrer Seele musizierte vor Verliebtheit ein lautloses Orchester. Adrian berührte sie so andächtig, wie ein Mädchen es sich nur erträumen konnte. »Ich bete nicht so oft, wie ich sollte. Aber hierfür werde ich Dankesgebete zum Himmel senden«, sagte er.

»Es war schöner, als ich es mir vorgestellt hatte«, sagte sie.

»Du hast es dir vorgestellt? Dürfen wohlerzogene junge Fräulein das denn?«

»Selbstverständlich habe ich es mir erst nach unserer Verlobung vorgestellt.«

Er hatte sich die offenen Haare aus dem Gesicht gestrichen und gelacht. »Helena, ich liebe dich über alles. Wir werden ein herrliches Leben zusammen führen und alle bedauern, die die Ehe als Mühsal empfinden. Ich werde dir immer zu Füßen liegen.«

Hatte sie ihm geglaubt? Vielleicht nicht im tiefsten Inneren, aber sie hatte ihm glauben wollen. Und was hätte es geschadet? Sie hätten eine glückliche Ehe führen können, glücklicher als die meisten. Sollte sie die Hoffnung darauf wirklich so leicht aufgeben?

Maman stieß einen lauten Seufzer aus. »Ich verstehe, dass dieser Schlag dich tief trifft. Glaub mir, es geht mir ebenso. Ich habe mich sehr daran festgehalten, dass wenigstens du versorgt sein wirst. Und ich gebe zu, dass ich auch hoffte, du würdest in einigen Jahren dabei helfen können, für deine Schwestern geeignete Partien zu finden. Wir stehen wirklich nicht gut da. Aber das kannst du dir sicher selbst ausrechnen.«

Helena fühlte ihre leise köchelnde Wut in sich aufwallen. Hatten sie mit Laurentz’ Tod nicht genug zu verschmerzen? Mussten sich nun auch noch alle verbünden, um ihnen das Leben schwerzumachen?

»Immerhin müssen wir die Mitgift nicht mehr zusammenkratzen. Das Geld wird an anderer Stelle nützlich sein.«

Ihre Mutter schnalzte tadelnd mit der Zunge. »Zusammenkratzen ist ein plumpes, hässliches Wort, Leni. Du solltest es nicht verwenden. Und ich hielte es für unklug, das Geld für andere Dinge zu verwenden. Du wirst doch den Gedanken an eine Ehe nicht aufgeben, nur weil die mäßig Wohlgeborenen von Schwanewedes zu dumm sind, dich zu schätzen zu wissen?«

So bissig erlebte Helena ihre Mutter selten. Offenbar verletzte die Entscheidung von Adrians Vater sie mehr, als es im ersten Moment den Eindruck vermittelt hatte.

»Wichtiger als eine Ehe ist für mich, dass wir unser Zuhause behalten, Maman. Du wirst das Haus und dein Land doch nicht an Onkel Roderick abtreten? Das wäre schrecklich.«

Maman kniff die Lippen zusammen und blickte zu Boden. »Ich versuche eine Lösung zu finden, glaub mir. Aber gerade fühle ich mich dumm. Ich kann nur an Laurentz denken, und nun auch noch an dein Unglück, und mein Kopf schmerzt. Lass mir etwas Zeit.«

Ihr Anblick vertrieb Helenas Wut. Noch nie hatte sie ihre starke Mutter so zerbrechlich erlebt. Sie ließ sich auf ihrer Sessellehne nieder, legte den Arm um sie und küsste sie auf die Stirn. »Wir finden gemeinsam einen Weg. Nach Weihnachten, ja

Ihre Mutter hatte Tränen in den Augen. »Ach, meine Große. So hatte ich mir das alles nicht vorgestellt.«

6. Kapitel

Am Tag vor Heiligabend strahlte Gut Minnigerode bereits eine festliche, aber auch wehmutsvolle Ruhe aus. Nur ihre Köchin Therese ließ in der Küche noch keine Andacht aufkommen. Sie würde mit ihren Helfern und Helferinnen bis in die Nacht hinein rupfen, marinieren, tranchieren, stampfen, backen und garnieren. Obgleich Maman sie ermahnt hatte, dieses Mal sparsamer zu kochen, gab es doch Gerichte, ohne die ein Weihnachtsfest nicht auskam. »Wir leben doch zum Glück nicht im Krieg. Sparen können wir das ganze Jahr über«, hatte Therese empört gesagt und auf dem orientalisch gewürzten, mit Maronen, Orangen und Äpfeln gefüllten Gänsebraten bestanden.

Ebenso traditionell wie der Gänsebraten war der Spaziergang, den jedes Jahr am 23. Dezember der Herr des Guts mit dem Verwalter, dem Stallmeister und dem Oberjäger unternahm. Diese Aufgabe fiel nun Maman zu, die Helena bat, sie zu begleiten.

Als sie auf den Hof kamen, warteten die drei Herren bereits auf sie: ihr Verwalter Martin Vogt; Hinner, der ihnen in Ermangelung eines echten Stallmeisters schon seit Jahren als Aufseher über den Tierbestand diente; und Oberjäger Kuhfuß, der eigentlich bei Helenas Onkel Roderick angestellt war, aber den Forst von Minnigerode mitbetreute.

Alle drei verneigten sich vor ihnen, doch Vogt sprach für alle. »Es ist uns eine Ehre, diesen Gang heute mit Euch zu unternehmen, gnädige Frau Gräfin. Doch wir wünschten, Euch und uns wären die traurigen Umstände erspart geblieben, die dazu führten. Möget Ihr und Eure Töchter uns in Gesundheit erhalten bleiben.«

Maman nickte erst ihm, dann den anderen beiden freundlich zu. »Danke, Herr Vogt. Lasst uns zusammen hoffen, dass wir dem Gut erhalten bleiben und das Gut uns. Wo beginnen wir?«

Helena spielte die stumme Beobachterin, was bei solchen Anlässen häufig die Rolle begleitender Fräulein war, die bei der Sache selbst nicht mitzureden hatten. Ihr entging nicht, dass Vogt und Hinner ihrer Mutter und ihr gegenüber herzliche Wärme ausstrahlten, Oberjäger Kuhfuß jedoch zurückhaltend wirkte. Lag es nur daran, dass der größte Teil seines Mienenspiels von seinem wallenden weißen Bart versteckt wurde?

Vogt gab Hinner einen sanften Klaps auf die Schulter. »Zuerst führt Hinner uns durch die Ställe.«

Hinners Miene verdunkelte sich ein wenig, doch er ging voraus, ohne zu zögern. Das Gesinde hatte die mit Feldsteinen gepflasterten Höfe und Wege zwischen den Gutsgebäuden vom Schnee freigehalten, dennoch waren sie rutschig, weshalb Maman den von Vogt zuvorkommend angebotenen Arm ergriff. Kuhfuß wandte sich Helena zu und bot ihr seinen Arm an, doch sie lächelte ihm nur zu, raffte mit beiden Händen ihren Rock und gab selbst auf ihre Schritte acht.

Unter der Girlande aus Tannengrün, die den Eingang zum Pferdestall schmückte, blieb Hinner stehen. Erst steckte er die Hände in die Taschen seiner Festtagsjacke, dann nahm er sie hastig wieder heraus, verschränkte die Finger vor seinem Bauch, verwarf auch das und legte schließlich die Arme steif ausgestreckt an. »Wir haben jetzt vier Reitpferde, einen hübschen Jährling aus eigener Zucht, vier Kutschpferde, acht Ackergäule, zwei Maultiere, einen Esel und die beiden Ponys, gnädige Frau Gräfin. Der Wallach von Eurem seligen Herrn Gemahl wird langsam altersschwach, einer von den Gäulen hat eine Hufrehe und ein anderer entzündete Augen. Also nichts, was ich nicht wieder hinbekäme. Sonst sind sie alle in gutem Zustand und machen mir Freude. Mit dem Heu werden wir durch den Winter kommen, und am Hafer können wir ruhig sparen. Müssen ja nicht viel arbeiten, die Zossen.« Helena fand sein Lächeln geradezu zärtlich, wenn er von seinen »Zossen« sprach. Er liebte jedes der Tiere, und wenn er sagte, dass er am Hafer sparen würde, hieß das noch lange nicht, dass er auch nur ein einziges von ihnen Mangel leiden ließ.

»So viele Ackergäule werdet Ihr von nun an nicht mehr brauchen«, sagte Kuhfuß. »Ihr werdet sie wohl verkaufen?«

»Zwei Gespanne müssen wir auf jeden Fall behalten«, warf Vogt eilig ein.

Maman winkte ab. »Ob wir sie verkaufen oder nicht, werden wir erst nach Weihnachten entscheiden.«

Durch den Pferdestall gingen sie ganz hindurch und begrüßten dabei die gestriegelten, zufriedenen Rösser. Helena liebte ihr Schnauben und das gemütlich malmende Geräusch ihrer Zähne, die Wärme der Tiere, den Stallgeruch und den Duft von Heu. Diese beruhigende Stimmung gehörte zu den Dingen, die sie als junges Mädchen in ihrer Zeit als Hoffräulein bei der früheren Herzogin am meisten vermisst hatte. Ihr hatte bei Hof kein Reitpferd zur Verfügung gestanden und daher der einzige akzeptierte Grund gefehlt, sich in den herzoglichen Stallungen aufzuhalten.

Den Kuhstall, den Schweinestall und das Geflügelhaus betraten sie nur kurz, um sich auch dort Hinners Bestandsaufnahme anzuhören. Danach übernahm Vogt die Führung und berichtete ihnen über die Schätze in den Scheunen, Vorratshäusern und Kellern. »Alles in allem kein gutes Jahr, aber es war auch schon mal schlimmer. Die schon angefallenen Kosten werden wir decken können«, schloss er.

»Die schon angefallenen Kosten? Was ist damit gemeint?«, fragte Oberjäger Kuhfuß.

Maman forderte ihn mit einer Geste auf, weiterzugehen. »Das sind die gewöhnlichen jährlichen Kosten. Darüber hinaus führen wir eine Liste von notwendigen Erneuerungen, für die wir die Mittel aufbringen wollen.«

»Aufbringen müssen«, stellte Vogt richtig, was ihm ein Stirnrunzeln von Maman einbrachte.

»Ist es im Leben nicht immer das Beste, zu wollen, was man muss? Nun, wir werden bald entscheiden, mit welcher Arbeit wir beginnen. Nach Weihnachten. Und nun seid Ihr am Zug, Herr Oberjäger. Wie machen sich unsere Wild- und Waldbestände?«, fragte sie.

Kuhfuß dienerte. »Der Wagen steht für eine Rundfahrt bereit, wenn es Euch genehm ist.«

Hinner blieb bei den Gutsgebäuden zurück, während Vogt und Kuhfuß mit ihnen in die offene Kutsche stiegen. Schon als sie über die Zufahrtsbrücke des Guts rumpelten, verzog Kuhfuß das Gesicht.

»Diese Brücke steht gewiss auf Eurer Liste der Einrichtungen, die erneuert werden müssen? Sie wird noch unter einem der nächsten schweren Wagen zusammenbrechen.«

Helena musste ihre Zunge zügeln, um ihm nicht rundheraus zu sagen, dass sie das Gut auf keinen Fall seinem Brotherrn verkaufen würden, gleichgültig wie viel Mühe er sich gab, es schlechtzureden. Auch ihre Mutter lächelte nicht mehr, und ihr Tonfall war spitz.

»Die Brücke wird jedes Jahr instandgesetzt. Sie wird auch noch ein oder zwei weitere Jahre überstehen. Weder müssen wir Kanonen darüber transportieren, noch sind unsere Zugpferde Elefanten.«

Obgleich die Temperaturen seit Anfang Dezember wieder gestiegen waren und nun bloß um die Frostgrenze lagen, brannte Helenas Gesicht vom kalten Wind. Sie bogen aus der von Linden gesäumten Hauptallee in einen Feldweg ab, der sie zu einem der größeren Wege durch den Forst brachte, und der Oberjäger ihres Onkels erzählte ihnen von einer Überzahl an Wildsäuen, die Äcker zerstörten, von Rehen, die wertvolle junge Bäume fraßen, von Sturmschäden an kostbaren Bäumen, die in mühevoller Arbeit aufgeräumt werden müssten, von versumpften Wiesen und Waldstücken, die endlich entwässert werden sollten, von verrotteten Hochständen, Bockkäfern und Holzwürmern in lagerndem Holz, möglicherweise tollwütigen Füchsen, Wölfen und räuberischen Hühnerhabichten, die er am liebsten ausrotten wollte. Er präsentierte ihnen eine lange Aufzählung von Scherereien, die der Wald und seine Bewohner in naher Zukunft verursachen würden, während die Kutsche langsam an all den Stellen vorüberrollte, die Helena und ihre Mutter liebten: Die Findlingslichtung, auf deren großen Steinen sie in so vielen Sommern unter freiem Himmel getafelt hatten; das Wäldchen mit den verkrümmten Buchen, in dem man sich vorstellen konnte, wie Märchen wahr wurden; die vom Bach gespeisten Waldseen, an denen die schillernden Eisvögel nisteten und in denen Wasserschildkröten hausten; den Erdbeerwald, den Blaubeerwald, den Steinpilzwald.

Helena wusste nicht genau, wo die Ländereien endeten, die zum Gutshaus und damit zum Erbe ihrer Mutter gehörten. Es war nie notwendig gewesen, darüber nachzudenken.

»Wo beginnt das Erbland derer von Brünneck?«, fragte sie.

Vogt, der ihr gegenübersaß, öffnete den Mund, um zu antworten, doch Kuhfuß war schneller.

»An den Grenzsteinen sind wir schon lange vorüber. Das alles hier gehört von nun an zum Land Eures Onkels, Fräulein von Minnigerode«, sagte er.

Für die Herablassung in seiner Stimme hätte sie ihn gern aus der Kutsche gestoßen.

Durchgefroren betraten Helena und ihre Mutter später die Küche des Gutshauses, um sich aufzuwärmen, den Duft zu genießen und nach dem Stand der Dinge zu fragen.

»In den Töpfen geht alles seinen Gang, gnädige Frau«, sagte die Köchin. »Mariechen hat ein paar Briefe angenommen. Ich bin noch nicht dazu gekommen, sie Moritz zu geben. Hier sind sie.«

Maman nahm ihr die drei Briefe ab, die sie aus der Schürzentasche gezogen hatte, und blätterte sie durch. »Kondolenzschreiben. Ich sollte mich vielleicht schämen, dass wir keine Beisetzungsfeier ausrichten. Aber ehrlich gesagt, bin ich erleichtert. Ich fände es derzeit zu schwierig, mit all diesen Menschen höflich Konversation zu betreiben. Ich wünschte nur, das Grab läge nicht so entsetzlich weit fort von hier. Wenn ich es wenigstens ein einziges Mal besuchen könnte, um Abschied zu nehmen, dann würde ich …« Ihre Stimme erstarb, und sie drückte Helena hastig die ungeöffneten Briefe in die Hand, bevor sie aus der Küche floh.

Helena spürte, wie die Trauer wieder einmal auch ihre eigene Kehle zuschnürte. Mit verkniffenen Lippen öffnete sie den ersten Brief, um ihre Finger zu beschäftigen.

»Ach, ach, gnädiges Fräulein. Dieses Haus hat so einen Schlag nicht verdient. Aber der Herrgott wird wohl seine Gründe haben«, seufzte die Köchin.

Dass der Herrgott mit Laurentz’ Tod einen Plan verfolgt hatte, wollte Helena nicht glauben. Aber die Köchin meinte es gut, deshalb rang sie sich ein Lächeln ab, das tapfer wirken sollte, sich aber anfühlte, als hätte sie auf eine bittere Haselnuss gebissen.

Der erste Brief kam von einem alten Bekannten ihres Vaters, der die traurige Nachricht von Roderick gehört haben musste. Der nächste stammte von einem Hannoverschen Kaufmann, der ihnen im Frühjahr oft Geld vorschoss, das sie regelmäßig nach der Ernte zurückzahlten. Auch ihn musste ihr Onkel in Kenntnis gesetzt haben. Zwar war in dem Beileidsschreiben keine Rede von Geld, doch es war unmissverständlich klar, dass die Grundlage für ihre Geschäfte aufgehoben war, wenn sie nicht mehr über ihre bisherigen Ländereien verfügten.

Der schlimmste Brief war jedoch der dritte.

Verehrte hochwohlgeborene Gräfin von Minnigerode,

mit großem Kummer versichere ich Euch mein Mitgefühl und drücke Euch mein Beileid zum viel zu frühen Ableben Eures lieben Sohnes aus. Möge Euch Euer fester Glaube an unseren Herrgott über Euren Schmerz hinweghelfen.

Es betrübt mich ungemein, dass ich in dieser Zeit im Bewusstsein Eures schweren Verlusts mit einer geschäftlichen Sache an Euch herantreten muss. Im Vertrauen in die hervorragenden Qualitäten Eures Sohnes erlaubte ich mir, ihm zur Finanzierung seiner vielversprechenden Vorhaben in Wien ein gewisses Kapital vorzuschießen. Die von ihm unterzeichneten Schuldscheine kann ich selbstverständlich beibringen. Insgesamt handelt es sich um eine Summe von 1000 Talern.

So unangenehm mir der Zeitpunkt ist, möchte ich Euch doch untertänigst darum bitten, bei der Ordnung der Nachlassangelegenheiten Eures Sohnes dafür zu sorgen, dass mir dieser Betrag erstattet wird. Angesichts der Umstände kann ich dafür eine Frist von einigen Monaten gewähren, längstens jedoch bis zum zwanzigsten Juno des kommenden Jahres.

Es folgten noch etliche Höflichkeitsfloskeln und gute Wünsche, doch Helena schenkte ihnen keine Aufmerksamkeit. Tausend Taler, zwanzigster Juno, hallte es in ihren Gedanken wider. Tausend Taler. Unvorstellbar. Davon konnte ein Mann von mittlerem Stand ein Jahr lang seine Ausgaben bestreiten. Die Summe war ein gutes Drittel ihrer einst vereinbarten Mitgift. Was hatte Laurentz damit gemacht? Wenn sich das Geld bei seinem Tod noch in seinem Besitz befunden hätte, dann wäre es ihnen doch zurückgesandt worden?

Sie mussten es verloren geben. Vielleicht hatte ihr Bruder es verspielt. Bei aller Liebe zu ihm hielt sie das dennoch für wahrscheinlich, auch wenn sie das ihrer Mutter gegenüber nicht äußern würde.

Zum ersten Mal spürte sie, wie ihr Herzschlag sich beschleunigte, wenn sie an ihre Geldsorgen dachte. Deutlich stand ihr auf einmal vor Augen, dass die Not ernster war, als sie sich vorgegaukelt hatte. Auch wenn Oberjäger Kuhfuß ein Schwarzmaler war, ließ sich nicht von der Hand weisen, dass Kosten auf das Gut zukamen, die sie nicht ohne Unterstützung bewältigen konnten.

Ihr ganzes Leben lang war Helena damit zufrieden gewesen, eine Frau zu sein, doch nun verfluchte sie ihre Nutzlosigkeit. Als Mann hätte sie selbst auf die Suche nach einer Einkommensquelle gehen können. Ein bezahlter Posten in einer Armee oder bei Hof hätte sich gewiss finden lassen. Als Frau von adligem Stand blieb ihr hingegen nur die Eheschließung, um zu Wohlstand zu gelangen. Darauf lief alles hinaus: Sie musste erneut einen gutgestellten, großzügigen Ehemann finden.

Doch was wie ein einfaches Vorhaben klang, war in Wirklichkeit ein kompliziertes Unterfangen. Sie hatte nicht die geringste Vorstellung, wie sie dabei zu Werke gehen sollte. Denn in Wahrheit war auch diese Angelegenheit keine, die eine junge Frau jemals eigenständig plante. Ihre Verlobung mit Adrian war während ihrer Zeit bei Hof durch die Vermittlung von Herzogin Benedikta zustande gekommen. Damals hatte sie mehrere Anträge erhalten, doch das war Jahre her, und die abgelehnten Freier waren längst anderweitig vergeben. Inzwischen war Herzogin Benedikta Witwe und hatte das Land verlassen. Ihre Nachfolgerin Sophie von der Pfalz war mit ihrem Gemahl Herzog Ernst August drei Jahre zuvor in der Residenz Hannover eingezogen, einige Monate vor dem Tod von Helenas Vater, der sich ihnen noch persönlich vorgestellt hatte. Maman sprach seitdem gelegentlich davon, dass sie dem neuen Herzogpaar noch einmal ihre Aufwartung machen müssten, hatte den Plan jedoch aus verschiedenen Gründen stets wieder fallen lassen.

Helena hatte die Jahre bei Hof als einzige große Anstrengung in Erinnerung und drängte nicht darauf, in die vornehmen Hallen zurückzukehren. Die Ahnung, dass ihr genau das bevorstehen könnte, erzeugte einen unangenehmen Druck hinter ihren Schläfen. Sie seufzte so tief und laut, dass die Köchin ihr mitleidig einen Teller mit frisch gebackenem Lebkuchen vor die Nase hielt.

»H

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