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Das Märchen der 1001. Nacht

1. KAPITEL

Alina Bethia Farrah war ein durch und durch wahrheitsliebender Mensch. Und genau aus dem Grund glich ihr Innenleben momentan einer Achterbahn der Gefühle. Sie hasste es, sich zu verstellen, und verabscheute sich für das, was sie vorhatte. Aber ihr blieb keine andere Wahl. Schließlich hatte sie ihrer Zwillingsschwester Adina versprochen, für kurze Zeit die Rollen zu tauschen und sich an Adinas Stelle mit Malik Hourani, dem Kronprinzen von Bha’Khar, zu treffen.

Noch nie hatte sie ihrer Schwester eine Bitte abgeschlagen. Adina war der einzige Mensch, auf den Beth sich verlassen konnte und der sie liebte.

Doch als sie jetzt in der überaus prunkvollen Suite des Palastes saß und darauf wartete, den Prinzen kennenzulernen, wurde ihr bewusst, wie ungeheuerlich ihr Vorhaben war. Während sie ihre Koffer betrachtete, die auf dem wunderschönen Marmorfußboden aufgereiht waren, war ihr völlig klar, dass die Entscheidung falsch war, die sie aus sicherer Entfernung in ihrem Apartment in Los Angeles getroffen hatte.

Adina wollte den Scheich nicht heiraten, zumindest noch nicht. Sie brauchte noch etwas Zeit, um sich darüber klar zu werden, was sie wirklich wollte. Deshalb war Beth hier in Bha’Khar und gab sich für ihre Schwester aus.

Addie war genau zwei Minuten vor Beth zur Welt gekommen, und ihr Vater, der Botschafter seines Landes in den Vereinigten Staaten, hatte mit dem König von Bha’Khar vereinbart, dass seine erstgeborene Tochter eines Tages den Kronprinzen heiraten sollte. Addie war jedoch hin- und hergerissen und konnte sich nicht entscheiden, ob sie sich ihrem Vater, den sie sehr liebte, widersetzen oder einen Mann heiraten sollte, den sie gar nicht kannte. Beide Möglichkeiten machten ihr Angst, und dass sie vor Kurzem einen Mann kennengelernt hatte, den sie sehr gernhatte, kam erschwerend hinzu und machte alles noch komplizierter.

Seit ihrer Volljährigkeit vor einigen Jahren hoffte sie, der Scheich hätte die Vereinbarung vergessen oder ignoriere sie. Doch vor wenigen Wochen war er darauf zurückgekommen und hatte sie gebeten, nach Bha’Khar zu kommen, um die Hochzeit vorzubereiten. Völlig hilflos und ratlos hatte sie Beth angefleht, ihr zu helfen und die Sache für sie zu regeln.

Beth war eine sehr lebhafte, kontaktfreudige und ausgesprochen ehrliche junge Frau. Schon als Kind hatte sie sich oft für ihre zurückhaltende und introvertierte Zwillingsschwester ausgegeben, um sie zu behüten und zu beschützen, wenn diese etwas angestellt und Angst vor der Strafe hatte. Doch jetzt ging es um etwas sehr viel Wichtigeres, und es konnte schwerwiegende Folgen haben, wenn der Schwindel aufflog.

Obwohl Beth Lügen verabscheute, musste sie ihrer Schwester in dieser schwierigen Situation helfen. Der Scheich war ein mächtiger, einflussreicher Mann, und sie konnte sich gut vorstellen, dass er nach seinen eigenen Regeln lebte und auf nichts und niemanden Rücksicht nahm. Während ihres Studiums war Beth mit einem Kommilitonen befreundet gewesen, den sie sehr gerngehabt hatte. Er stammte aus einer einflussreichen Politikerfamilie und hatte schließlich eine junge Frau aus einer befreundeten Familie geheiratet, weil er sich davon Vorteile versprach. Auch er hatte geglaubt, sich alles erlauben zu können, und Beth nach seiner Hochzeit vorgeschlagen, seine Geliebte zu werden. Natürlich hatte sie das Ansinnen empört zurückgewiesen. Um ihrer Schwester eine ähnlich schmerzliche Erfahrung zu ersparen, wollte Beth ihr helfen. Außerdem hielt sie nichts von einer arrangierten Ehe. Sie war der Meinung, Eltern hätten nicht das Recht, ihren Kindern vorzuschreiben, wen sie heiraten sollten.

Beth stand auf und sah sich in der Suite um. Das lichtdurchflutete Wohnzimmer war sehr geräumig und luxuriös eingerichtet. Interessiert betrachtete sie die vielen Kunstgegenstände, die wertvollen Gemälde und die Figuren aus Glas. Breite, hohe Türen führten auf den Balkon, von dem man einen herrlichen Blick auf das Arabische Meer hatte. Als sie eine der Türen weit öffnete, spürte sie, wie die leichte Brise, die an diesem sonnigen Tag im Juli vom Meer her wehte, ihre erhitzten Wangen kühlte.

Ja, ich schaffe es, mich für Addie auszugeben. Meine Schwester und ich sind uns zum Verwechseln ähnlich, nicht einmal unser Vater kann uns auseinanderhalten, überlegte Beth. Es war sicher nicht schwierig, einen Mann zu täuschen, dem weder sie noch ihre Schwester jemals vorgestellt worden waren.

Als es klopfte, zuckte sie zusammen, obwohl sie mit dem Besuch des Kronprinzen gerechnet hatte. Sie atmete tief durch, öffnete die Tür und war sekundenlang sprachlos. Vor ihr stand der attraktivste Mann, dem sie jemals begegnet war. Er war groß, hatte dunkles Haar und strahlte Macht und Autorität aus.

Schließlich nahm sie sich zusammen. „Hallo“, begrüßte sie ihn.

„Ich bin Malik Hourani“, stellte er sich vor und verbeugte sich respektvoll.

„Es freut mich, Sie kennenzulernen.“

„Ganz meinerseits.“ Er ließ den Blick über ihre schlanke Gestalt gleiten. Ihm schien zu gefallen, was er sah, denn in seinen dunklen Augen leuchtete es bewundernd auf. „Es tut mir leid, dass ich Sie nicht selbst abholen konnte. Ihr Flugzeug ist pünktlich gelandet.“

„Um genau zu sein, war es Ihr Flugzeug, in dem ich gekommen bin.“

„Stimmt“, antwortete er mit ernster Miene. „Ich hätte Sie gern gleich nach Ihrer Ankunft begrüßt, war jedoch leider verhindert.“

„Das macht nichts.“ Sie war sogar erleichtert gewesen, dass er nicht da gewesen war. „Man hat mir erklärt, Sie seien bis heute Abend wegen dringender Staatsgeschäfte unabkömmlich.“

„Wir waren früher fertig, als wir gedacht haben. Glücklicherweise, möchte ich sagen, denn ich konnte es kaum erwarten, Sie kennenzulernen. Herzlich willkommen in Bha’Khar, Adina Farrah.“

Die erste Hürde war genommen, Malik Hourani hielt sie für Addie. Beth bekam Herzklopfen, als sie den ungemein gut aussehenden Mann betrachtete. Sein eleganter dunkler Designeranzug saß perfekt und ließ ahnen, dass sich darunter ein athletischer Körper verbarg. Er hatte ein markantes Gesicht, eine gerade Nase und sinnliche, fein geschwungene Lippen, die Zärtlichkeit und Leidenschaft zu versprechen schienen.

Noch nie zuvor war sie einem Mann begegnet, der auf den ersten Blick den Wunsch in ihr weckte, herauszufinden, wie sich seine Lippen auf ihren anfühlen mochten. Jetzt aber war es so weit, sie konnte sich der faszinierenden Ausstrahlung dieses Mannes nicht entziehen. Das verwirrte sie und lenkte sie ab, was sie ganz und gar nicht gebrauchen konnte. Sie musste einen klaren Kopf bewahren und sich eine gute Erklärung dafür einfallen lassen, warum er sie mit einem anderen Namen anreden sollte.

„Kaum jemand nennt mich Adina“, begann sie.

„Wie denn?“, fragte er erstaunt.

„Beth“, antwortete sie wahrheitsgemäß. „Das ist die Abkürzung von Bethia, meinem zweiten Vornamen. Meine Eltern haben meiner Schwester und mir sehr ähnlich klingende Namen gegeben: Adina und Alina.“ Sie zuckte die Schultern.

„Sie sind Zwillinge, stimmt’s?“

„Ja.“ Mit heftig klopfendem Herzen wartete sie darauf, dass er den Schwindel durchschaute, obwohl er eigentlich gar keinen Grund hatte, Verdacht zu schöpfen. Als er sie jedoch nur erwartungsvoll ansah, fuhr sie erleichtert fort: „Sie können sich sicher vorstellen, dass es immer wieder zu Verwechslungen geführt hat. Deshalb wurde ich schließlich Beth genannt.“

„Soll ich Sie auch so anreden?“

„Ja bitte.“

Er nickte. „Gut, abgemacht.“

„Vielen Dank, Königliche Hoheit.“

„Nennen Sie mich bitte Malik. Das klingt nicht so förmlich und hilft Ihnen, Ihre Befangenheit abzulegen.“

Offenbar spürt er, wie nervös ich bin, dachte sie. Doch welche Frau wäre das in dieser Situation nicht? „Als Tochter eines Botschafters bin ich daran gewöhnt, hochgestellte Persönlichkeiten mit dem Titel anzureden. Es ist schwierig für mich, diese Gewohnheit zu ändern.“

„Das ist verständlich. Sehen Sie es aber einmal so: Manchmal werde ich mit ‚Königliche Hoheit‘ angeredet, manchmal mit ‚Sir‘. Doch im privaten Bereich bin ich einfach nur Malik.“ Als er lächelte, blitzten seine weißen Zähne und bildeten einen interessanten Kontrast zu seiner gebräunten Haut.

Bildete sie es sich nur ein, oder hatte seine Stimme bei den Worten „im privaten Bereich“ etwas tiefer und seltsam sinnlich geklungen? Sie hatte das Gefühl, keine Luft mehr zu bekommen, und hätte am liebsten tief durchgeatmet.

„Okay, dann nenne ich Sie Malik“, erwiderte sie und versuchte, sich zu entspannen.

„Fein.“ Er reichte ihr die Hand.

Sie ergriff seine, und seine langen, schlanken Finger fühlten sich warm und stark an. Plötzlich kribbelte ihr die Haut, und dieses Kribbeln setzte sich fort über den ganzen Arm bis in ihre Brüste, so als hätte Malik sie berührt. Seine Augen schienen plötzlich ganz dunkel zu werden, während er Beth durchdringend ansah. War es möglich, dass er so ähnlich auf die Berührung reagierte wie sie?

„Okay, jetzt haben wir uns lange genug vorgestellt“, erklärte sie schließlich und entzog ihm die Hand. Ihre Reaktion auf diesen Mann verwirrte sie, und sie konnte kaum noch einen klaren Gedanken fassen.

„Stimmt.“ Mit einer Kopfbewegung wies er zum Wohnzimmer. „Wir sollten uns hinsetzen, uns entspannen und anfangen, uns besser kennenzulernen.“

„Ja.“ Beth drehte sich um, ging ihm voraus und nahm auf dem Sofa Platz. Zu ihrer Erleichterung schaffte sie es, ihre Nervosität etwas in den Griff zu bekommen. Aber entspannen konnte sie sich nicht, denn sie hatte das ungute Gefühl, vor ihm auf der Hut sein zu müssen. Er strahlte eine eigenartige Faszination aus, was ihm etwas Unwiderstehliches verlieh. Doch darauf durfte sie nicht hereinfallen.

„Bitte, erzählen Sie mir alles über sich“, forderte er sie in gebieterischem Ton auf.

Erteilt er mir etwa Befehle?, überlegte Beth betroffen. „Wir sind doch einander versprochen“, erinnerte sie ihn. „Eigentlich müssten Sie schon alles über mich wissen.“

Er öffnete das Jackett, sodass unter dem weißen Seidenhemd sein flacher Bauch zu erahnen war, ehe er sich in gebührendem Abstand neben sie setzte und ihr in die Augen sah. „Sie haben recht, unsere Väter, die eng befreundet sind, haben vor langer Zeit vereinbart, dass Sie meine Frau werden. Es ist aber unmöglich, alles zu wissen. Mir ist bekannt, dass Sie in den USA aufgewachsen und zur Schule gegangen sind. Später waren Sie in einem Internat in der Schweiz und anschließend in Frankreich. Wie geht es übrigens Ihrem Vater?“

„Gut, vielen Dank.“ Jedenfalls das letzte Mal, als wir uns gesehen haben, fügte sie insgeheim hinzu. Es war schon so lange her, dass sie sich nicht mehr an das genaue Datum erinnern konnte.

„Das freut mich. Er erzählt nur Gutes über Sie und schätzt Sie sehr, aber ich bin natürlich nicht umfassend und bis in alle Einzelheiten informiert.“

Und gerade bei den Einzelheiten wurde es problematisch. Beth fühlte sich immer unbehaglicher, und es brannte ihr auf der Zunge, ihm die Wahrheit zu sagen. Doch sie beschloss, damit noch zu warten. „Ich verstehe, bin jedoch etwas ratlos, denn ich weiß nicht, was genau Sie wissen möchten.“

Als er ihrem Blick begegnete, schienen seine Augen wieder ganz dunkel zu werden. „Ich schlage vor, wir tun einfach so, als wären wir uns zufällig begegnet. Indem wir uns langsam annähern, lernen wir uns immer besser kennen. Ich liebe Überraschungen.“

Das war gut, denn wenn er herausfand, dass sie nicht die Frau war, für die er sie hielt, wäre er in der Tat sehr überrascht. Als Kinder und Teenager waren sie und Addie einander äußerlich so ähnlich gewesen, dass es leicht gewesen war, die Rollen zu tauschen, ohne dass es jemand merkte. Doch nach dem Schulabschluss hatte sich Beth entschieden, Lehrerin zu werden, während Addie sich lieber darauf konzentrierte, Empfänge, Partys und große Feste zu veranstalten.

„Dann machen Sie sich auf eine gefasst“, erwiderte Beth. Am besten blieb sie bei der Wahrheit oder so dicht daran wie möglich. Wenn sie einen Fehler machte und der Schwindel aufflog, würde Addie einen hohen Preis bezahlen müssen. „Ich bin Lehrerin und unterrichte Englisch an einer Highschool.“ Momentan waren Schulferien, sodass es für sie kein Problem gewesen war, für ihre Schwester einzuspringen.

„Das war mir nicht bekannt. Macht Ihnen der Beruf Spaß?“ Seine Miene verriet echtes Interesse.

„Ja.“

„Mögen Sie Kinder?“

„Natürlich. Warum fragen Sie?“

„Weil man von mir einen Thronfolger erwartet.“

„Ach so. Dann sollten Sie selbst schwanger werden und einen Sohn zur Welt bringen“, platzte sie heraus. So einen Fauxpas hätte sich Addie natürlich nicht geleistet.

Prompt runzelte Malik die Stirn. „Möchten Sie etwa keine Kinder haben?“

„Doch, ich hätte nichts dagegen, irgendwann welche zu bekommen.“ Aber nur wenn ich einem Mann begegne, der mich liebt und den ich liebe, fügte sie insgeheim hinzu.

„Wird Ihnen das nicht fehlen, wenn wir verheiratet sind?“

„Was?“

„Ihr Beruf, Ihre Karriere.“

Seine Frau zu sein wäre demnach eine Vollzeitbeschäftigung. Das war genau das Richtige für ihre Schwester, darauf war sie vorbereitet worden. Malik hatte jedoch sie, Beth, gefragt, und sie würde ihm eine ehrliche Antwort geben. Sie liebte ihre Arbeit und fühlte sich mit den Teenagern, die sie unterrichtete, verbunden. „Ich möchte Ihnen nichts vormachen“, begann sie.

„Nein, das sollen Sie auch nicht.“

„Ich würde meinen Beruf sehr vermissen. Ist das ein Problem?“

Nachdenklich ließ er sich auf dem Sofa zurücksinken. „Darüber müssen wir später reden. Es wird sich sicher eine Lösung finden lassen.“

Er antwortet so ausweichend wie ein Politiker, dachte sie. Wahrscheinlich setzte er seinen Willen sowieso immer durch, ohne Rücksicht darauf, ob er jemanden verletzte oder nicht. Damit würde die Frau, die er heiratete, leben müssen. Glücklicherweise war sie nicht diese Frau.

„Einverstanden, wir können es später klären“, stimmte sie zu.

„Wie gefällt es Ihnen in Bha’Khar?“

„Ich habe noch nicht viel von dem Land gesehen. Ich weiß aber noch, dass ich als Kind mit meiner Mutter zum Markt gegangen bin. Sie hat immer …“ Sie verstummte, denn die Erinnerungen an die verschiedenen Gerüche, den Lärm und daran, wie sicher sie sich an der Hand ihrer Mutter gefühlt hatte, wurden übermächtig. Es kam ihr vor, als stürzte sie in ein schwarzes Loch. Die tiefe Traurigkeit darüber, dass ihre Mutter die Familie verlassen hatte, hatte sie nie ganz überwunden. Sie und Addie waren von ihrem strengen Vater großgezogen worden. Beth hatte unter dem schmerzlichen Verlust sehr gelitten und oft geglaubt, es nicht mehr aushalten zu können. Für Addie war es noch schwieriger gewesen, ohne ihre Mutter leben zu müssen.

„Was wollten Sie sagen?“, fragte Malik.

„Ach, nichts.“ Es war nicht der richtige Zeitpunkt, mit ihm über ihre Mutter zu reden. Beth hatte sich jedoch vorgenommen, während ihres Aufenthalts in Bha’Khar ihre Mutter zu besuchen und ihr ins Gesicht zu sagen, was sie von einer Frau hielt, die ihre Kinder im Stich ließ. Außerdem wollte Beth endlich wissen, was sie zu diesem Schritt bewogen hatte.

Auf einmal wurde ihr bewusst, dass nur Malik derjenige war, der hier Fragen stellte. Sie musste ihn von sich ablenken, den Spieß umdrehen und anfangen, ihn auszufragen. Natürlich ging es ihr nicht darum, ihre Neugier zu befriedigen, sondern nur darum, Addie zu helfen. Beth wollte erreichen, dass der Kronprinz auf die Einlösung des Versprechens verzichtete.

„Jetzt müssen Sie mir aber auch etwas über sich erzählen“, forderte sie ihn auf.

Sekundenlang dachte er nach. „Okay. Irgendwann werde ich der Herrscher dieses Landes und der Nachfolger meines Vaters sein. Er ist mir ein leuchtendes Vorbild und hat mich immer wieder dazu motiviert, ihn nach Möglichkeit noch zu übertreffen.“

„Wo haben Sie studiert?“, fragte sie und wünschte sogleich, sie könnte es zurücknehmen. Wenn sie sich besser informiert hätte, wüsste sie, welche Universität er besucht hatte. Hoffentlich war er nicht beleidigt, dass sie so wenig Ahnung hatte.

„Ich habe in Amerika in Wharton BWL studiert und dort auch promoviert.“

Beth war beeindruckt. Offenbar war er nicht nur attraktiv, charmant und humorvoll, sondern auch hochintelligent.

„Was erwarten Sie von meiner …?“ Von meiner Schwester, hätte sie beinah gesagt. Sie räusperte sich. „Ich meine, was erwarten Sie von Ihrer zukünftigen Frau?“

„Das hört sich an wie ein Bewerbungsgespräch“, stellte er fest.

„So? Kennen Sie sich damit aus? Haben Sie sich jemals um einen Job beworben?“

„Warum fragen Sie?“

Sie zuckte die Schultern. „Sorgen um einen Job brauchen Sie sich als Thronfolger ja nicht zu machen. Ihre berufliche Laufbahn ist doch vorgezeichnet. Deshalb können Sie eigentlich gar nicht wissen, was es bedeutet, einem möglichen Arbeitgeber Rede und Antwort zu stehen.“

„Gut, Sie haben recht, ich habe keine Ahnung. Als zukünftigem Herrscher des Landes wird von mir viel mehr erwartet als von einem normalen Arbeitnehmer.“

„So? Trifft das auch für Sie als Ehemann zu? Und für die Frau, die Sie einmal heiraten? Erwarten Sie von ihr …“ Wieder hätte sie sich fast verraten und korrigierte sich rasch: „Ich meine, erwarten Sie von mir mehr als von einer normalen Ehefrau?“

Er runzelte die Stirn und sah sie verwundert an. „Darüber habe ich noch nie nachgedacht.“

„Dann wird es aber allerhöchste Zeit, dass Sie es tun“, erwiderte sie.

Malik registrierte ihren spöttischen Ton, und ihm fiel auf, wie nervös sie war. Sie wirkte angespannt, schien auf der Hut zu sein und hatte ihm bei der Begrüßung ihre Hand viel zu hastig entzogen. Normalerweise wäre das für ihn der Beweis gewesen, dass sie etwas zu verbergen hatte. Er war vorsichtig geworden, nachdem er einmal hereingelegt worden war. Er war auf eine Frau hereingefallen, die nur ihre eigenen Absichten und Zwecke verfolgt hatte, ohne sich für ihn als Mensch zu interessieren. Dass Beth aber beunruhigt und nervös war, war durchaus verständlich. Immerhin war es die erste Begegnung mit ihrem zukünftigen Ehemann.

Malik gestand sich ein, dass er auch nervös war. Er war von Beth fasziniert. Bisher hatte er sie nur von Fotos gekannt und gewusst, dass sie eine schöne Frau war. Dass sie jedoch eine so faszinierende Ausstrahlung hatte, hatte er nicht ahnen können. Außerdem schien sie so wichtige Eigenschaften wie Aufrichtigkeit und Integrität zu besitzen.

Ihm gefiel ihr glänzendes dunkles Haar, das ihr schönes Gesicht umrahmte und ihr über die schmalen Schultern fiel. Unter dem feinen Material der Seidenbluse, die sie zu dem Hosenanzug trug, zeichneten sich ihre vollen Brüste ab. Aber wirklich überraschend fand er ihre Ernsthaftigkeit, ihre Wärme, Herzlichkeit und Lebendigkeit.

„Fühlen Sie sich unter Druck gesetzt?“, fragte er. „Vielleicht geht Ihnen das alles zu schnell. Ich möchte Sie nicht drängen.“

„Mir war natürlich immer klar, dass wir einander versprochen sind“, erwiderte Beth langsam und wählte die Worte mit Bedacht. „Nur wann die Hochzeit stattfindet und ob sie wirklich stattfindet, war nicht ganz klar.“

Dass es in dieser Hinsicht Unklarheiten gegeben hatte, war seine eigene Schuld, wie er sich eingestand. Er hatte sein Herz an eine Frau verloren, die nicht die war, die sie zu sein vorgab. Beinah wäre alles an die Öffentlichkeit gedrungen. Praktisch in letzter Minute hatte sein Vater, der bitter enttäuscht gewesen war, einen Skandal verhindern können. Malik waren nach diesem krassen Fehler Zweifel gekommen, ob er überhaupt ein würdiger Nachfolger seines Vaters war. Jedenfalls hatte er sich damals vorgenommen, sich nie wieder gefühlsmäßig zu binden. Die Hochzeit hätte er gern auf unbestimmte Zeit verschoben, aber er hatte seinem Vater beweisen wollen, dass er aus dem Fehler gelernt hatte und sich seiner Verantwortung bewusst war.

„Mein Vater möchte sich zurückziehen und mir die Regierungsgeschäfte so rasch wie möglich übertragen. Aus dem Grund habe ich mich entschlossen, bald zu heiraten.“

„Ah ja.“ Beth faltete die Hände im Schoß. „Müssen Sie denn unbedingt verheiratet sein, wenn Sie den Thron besteigen?“

„Nein. Wie ich aber bereits erwähnte, erwartet man von mir, dass ich dem Land einen Thronerben präsentiere. Und dazu muss ich natürlich verheiratet sein. Ein nicht eheliches Kind dürfte nicht mein Nachfolger werden, das erlauben unsere Gesetze nicht.“

Darauf hatte ihn sein Vater nachdrücklich hingewiesen, als Malik ihn überreden wollte, die Hochzeit zu verschieben. Sein Vater hatte ihm erklärt, dass die Ehe einem Mann die Festigkeit und Würde verleihe, die man sich von einem Herrscher wünsche. Da seine zukünftige Frau aus einer der angesehensten Familien des Landes kam und dazu erzogen worden war, dem Mann zu gehorchen und die eigenen Interessen dem Gemeinwohl unterzuordnen, würde es keinen weiteren peinlichen Zwischenfall geben.

Jetzt stellte sich jedoch heraus, dass Beth Lehrerin war, was auch sein Vater offenbar nicht gewusst hatte. Zweifellos hatte ihr Vater es für unwichtig gehalten und vergessen, es zu erwähnen. Malik war allerdings anderer Meinung. Ihre Berufswahl ließ darauf schließen, dass sie Kinder liebte und gut mit ihnen umgehen konnte.

„Dennoch brauchen wir nichts zu überstürzen“, wandte sie ein.

„Abgesehen davon, dass mein Vater sich gerne zurückziehen möchte, ist es an der Zeit, das Versprechen, das unsere Väter sich gegeben haben, einzulösen und Sie zur Königin von Bha’Khar zu machen. Sie sollen an meiner Seite unserem Volk dienen.“

Beth sah ihn mit großen Augen an. „Oh …“

„Haben Sie damit ein Problem?“

„Ja. Königin von Bha’Khar zu sein geht über mein Vorstellungsvermögen hinaus.“ In ihrer Stimme schwang Panik.

„Das verstehe ich nicht. Sie haben doch vorhin selbst gesagt, dass Sie immer gewusst haben, was auf Sie zukommt.“

„Das stimmt.“ Beth stand auf. „In der Theorie ist alles recht einfach, doch in der Praxis dann ganz anders.“

Malik erhob sich auch und blickte auf sie hinab. „Ich bin nicht ganz sicher, ob ich Sie richtig verstanden habe.“

„Es tut mir leid.“ Beth seufzte. „Ich hätte es diplomatischer ausdrücken können. Also, es ist eine Sache, zu wissen, was man eines Tages tun muss, aber eine ganz andere, es dann auch in die Tat umzusetzen. Das ist so, als würde ein zum Tod Verurteilter …“

Mit einer Handbewegung brachte er sie zum Schweigen. „Sie machen die Sache nicht besser.“

„Das tut mir leid.“

„Darf ich Sie etwas fragen?“

„Wenn es unbedingt sein muss.“

Die scherzhafte Bemerkung ignorierte er. „Hat man Ihnen nicht beigebracht, wie man sich der königlichen Familie gegenüber benimmt? Falls Sie es nicht wissen: Der Vergleich mit einem zum Tode Verurteilten verstößt gegen die Regeln der Höflichkeit.“

Kämpferisch hob Beth das Kinn. „Okay, dann möchte ich auch etwas klären.“

„Gern.“

„Fühlen Sie sich wirklich wohl dabei, dass jemand anders Ihre zukünftige Frau wie eine Krawatte oder ein Paar Schuhe für Sie ausgesucht hat?“

„Sie sind weder das eine noch das andere.“

„Ach, Sie wissen genau, was ich meine.“ Beth ging im Raum hin und her. „Was werden Sie machen, wenn wir uns nicht gut verstehen? Oder wenn ich schnarche? Oder was soll ich machen, wenn Sie keinen Sinn für Humor haben und ich …?“

Wieder unterbrach er sie mit einer Handbewegung. „Offenbar stehen Sie der geplanten Hochzeit skeptisch gegenüber.“

„Ja, das stimmt“, bestätigte sie nachdrücklich. „Sie etwa nicht?“

„Nein.“

Er war sich sicher, dass Beth von ihrem Vater in jeder Hinsicht auf ihre zukünftige Rolle vorbereitet worden war. Gemeinsam würden sie dafür sorgen, dass das Land weltweit eine wichtigere Rolle spielte als bisher. Allerdings fragte er sich, warum sie das Thema „Liebe“ nicht angeschnitten hatte.

„Dass es keine Liebesheirat wird, stört Sie wohl nicht, oder?“

„Nein, überhaupt nicht“, erwiderte sie bestimmt.

„Möchten Sie sich nicht verlieben?“

„Nein, nicht für Geld und gute Worte.“ Sie wandte sich ab und ging wieder hin und her. „An all dem Gerede, wie großartig, wunderbar und einmalig die Liebe sei, ist doch nichts dran.“

„Stimmt.“ Malik wusste natürlich, warum er sich nicht noch einmal verlieben wollte. Doch warum Beth so eine Abneigung dagegen hatte, hätte er zu gern erfahren. Hatte sie etwa auch eine schlechte Erfahrung gemacht?

„Gut, dass Sie in dieser Hinsicht meiner Meinung sind.“

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