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Edna O’Brien

Das Mädchen mit den grünen Augen

Roman

Aus dem Englischen von Margaret Carroux

Atlantik

1

Es war ein verregneter Nachmittag im Oktober, und ich schrieb die Septemberrechnungen aus dem großen grauen Kassenbuch ab. Ich arbeitete in einem Lebensmittelgeschäft im Norden von Dublin, und zwar seit zwei Jahren.

Mein Arbeitgeber und seine Frau waren vom Land wie ich. Sie waren freundlich, aber sie hatten es gern, wenn ich schwer arbeitete, und versprachen mir eine Gehaltsaufbesserung im nächsten Jahr. Ich hatte keine Ahnung, dass ich dann weit fort sein und ein neues Leben begonnen haben würde.

Wegen des Regens kamen nicht viele Kunden, also schrieb ich schnell die Rechnungen und las dann weiter. Ich hatte ein Buch im Kassenbuch versteckt, sodass ich lesen konnte, ohne fürchten zu müssen, erwischt zu werden.

Es war ein schönes Buch, aber traurig. Zärtlich ist die Nacht hieß es. Ich übersprang die Hälfte der Wörter, weil ich neugierig war und schnell lesen wollte, um zu erfahren, ob der Mann die Frau verlassen würde oder nicht. Die besten Männer gibt es in Büchern – merkwürdige, komplizierte, romantische Männer, Männer, die ich hemmungslos bewunderte.

Ich kannte keinen solchen Mann, außer Mr Gentleman, und ihn hatte ich seit zwei Jahren nicht gesehen. Er war jetzt nur noch ein Schatten für mich, und ich dachte an ihn, wie man an ein hübsches Kleid denkt, aus dem man längst herausgewachsen ist.

Um halb vier machte ich Licht an. Bei künstlichem Licht sah das Geschäft noch schäbiger aus; die Regale waren staubig, und die Decke war, seit ich hier arbeitete, noch nicht ein einziges Mal geweißt worden und hatte überall Risse. Ich schaute in den Spiegel, um zu sehen, wie mein Haar saß. Wir wollten an dem Abend irgendwo hingehen, meine Freundin Baba und ich. Mein Spiegelbild sah mir rund und glatt entgegen. Ich zog die Wangen ein, damit sie dünner aussahen – ich wäre zu gern so dünn gewesen wie Baba.

»Du siehst aus, als wärst du schwanger«, hatte Baba am Abend vorher zu mir gesagt, als ich mein Nachthemd anhatte.

»Du spinnst«, sagte ich zu ihr. Allein der Gedanke daran ängstigte mich. Baba neckte mich dauernd, obwohl sie wusste, dass Mr Gentleman und ich uns nur ein paarmal geküsst hatten.

»Ein Landei wie du braucht nur mit einem Kerl zu tanzen, dann ist es schon so weit«, sagte Baba, während sie die Arme ausbreitete, als ob sie einen Mann in den Armen hielt, und zwischen den beiden eisernen Bettgestellen Walzer tanzte. Dann lachte sie ihr verrücktes Lachen und goss Gin in die durchsichtigen Plastikzahnbecher auf dem Nachttisch.

Seit einiger Zeit hatte Baba immer eine kleine Flasche Gin in der Handtasche. Eigentlich mochten wir Gin gar nicht besonders, aber es erschien uns so wunderbar lässig, uns auf unseren harten Betten zu fläzen und so zu tun, als lebten wir ein ausschweifendes Leben.

Baba hatte ihren Sanatoriumsaufenthalt hinter sich und war in Johannas Pension zurückgekehrt. Es war wieder wie in alten Zeiten, nur dass wir beide keine Männer hatten. Natürlich hatten wir ab und zu Verabredungen, aber nicht mit festen Freunden, und Verabredungen mit Männern sind immer riskant.

Den Sonntag zuvor zum Beispiel hatte Baba sich mit einem Mann verabredet gehabt, der Kosmetika verkaufte. Er kam, um sie abzuholen, und wir sahen vom Fenster aus, dass sein Wagen über und über mit Werbesprüchen bemalt war. SCHENK IHR ROSA SATIN und LIEBLICHER ROSA SATIN VERLEIHT DIR DEN TEINT EINES JUNGEN MÄDCHENS. Es war ein knallblaues Auto mit silberner Schrift. Baba hörte ihn hupen und schaute hinaus, um zu sehen, was für einen Wagen er fuhr.

»Du lieber Gott! In dem Zirkuswagen fahre ich nicht! Geh runter und sag ihm, ich hätte meine Periode.«

Ich hasste das Wort Periode, es war eins ihrer neuen Wörter. Es sollte schick klingen. Ich ging hinunter und sagte ihm, sie habe Kopfschmerzen.

»Hätten Sie Lust mitzukommen?«

Ich sagte nein.

Auf dem Rücksitz lagen Prospekte und Kartons mit Probeflaschen einer »Rosa Satin Gesichtslotion«. Ich fand, er hätte mir eine schenken können, aber er tat es nicht.

»Sicher, dass Sie nicht ins Kino wollen?«

Ich sagte, ich könne nicht.

Da startete er ohne ein weiteres Wort den Wagen und fuhr rückwärts aus der Sackgasse heraus.

»Er war sehr enttäuscht«, sagte ich, als ich nach oben kam.

»Den sind wir los«, sagte Baba. »Hast du wenigstens eine Probe von irgendwas ergattert? Ich könnte ein bisschen Selbstbräuner für meine Beine gebrauchen.«

»Wie hätte ich was nehmen sollen, wo er doch im Wagen saß!«

»Du hättest ihn ablenken müssen – ihn für deinen Busen interessieren oder für den Sonnenuntergang oder sonst was.«

Baba ist unbelehrbar: Sie hält die Leute für dümmer, als sie sind. Diese Erfolgstypen, die Sachen verkaufen und Läden besitzen, können wahrscheinlich eins und eins zusammenzählen.

»Er hat kaum zwei Worte gesprochen«, sagte ich.

»Aha, einer von der schweigsamen Sorte!« Baba zog ein langes Gesicht. »Da hast du es – das wäre ein schöner Abend geworden! Hol deinen Nerz raus, wir gehen schwofen.« Ich zog ein leichtes Kleid an, und wir gingen in die Stadt zu einer Tanzveranstaltung.

»Nimm keine Zigaretten an von diesen Indern mit Turban«, sagte Baba. »Sie könnten gedopt sein.«

Wir hatten von irgendwem gehört, dass letzte Woche zwei Mädchen gedopt und in die Dubliner Berge verschleppt worden seien.

Gedopte Zigaretten! Nicht einmal zum Tanzen wurden wir aufgefordert! Es waren nämlich nicht genug Männer da. Wir hätten natürlich miteinander tanzen können, aber Baba meinte, das sei der Anfang vom Ende. Deshalb saßen wir einfach da, rubbelten uns die Gänsehaut von den Armen und machten Bemerkungen über einen Mann, der am anderen Ende des Saales stand und verschiedene Mädchen, die wartend auf langen Bänken saßen, abschätzend betrachtete. Die Männer forderten die Mädchen erst auf, wenn die Musik begann, und zwar dann nur diejenigen, die in ihrer Nähe saßen. Wir wechselten die Plätze, hatten aber auch in dem anderen Teil des Saales kein Glück.

Baba sagte, wir würden nie wieder schwofen gehen. Sie sagte, wir müssten neue Leute kennenlernen, Diplomaten oder dergleichen.

Das hatte ich mir schon immer gewünscht. Manchmal, wenn ich morgens aufstand, war ich überzeugt, an diesem Tag einen wunderbaren Mann kennenzulernen. An einem solchen Morgen machte ich mein Gesicht besonders sorgfältig zurecht und atmete ganz ruhig, um mich für das aufregende Ereignis zu wappnen. Aber ich traf nie jemanden, nur Kunden oder Studenten, die Baba kannte.

An all das dachte ich im Laden, als ich rote Zettel auf Rechnungen klebte, die seit über drei Monaten fällig waren, und eilig Adressen auf die Umschläge schrieb. Wir schickten die Rechnungen nie mit der Post, weil Mrs Burns fand, es sei billiger, wenn Willie, der Laufjunge, sie bei den Leuten ablieferte. Gerade kam er herein und schüttelte den Regen von seinem Südwester.

»Wo bist du gewesen?«

»Nirgends.«

Wie immer am späteren Nachmittag machten wir eine Vesperpause, ehe es voll im Laden wurde. Wir aßen zerbrochene Kekse, Rosinen, getrocknete Pflaumen und ein paar Kirschen. Seine Hände waren blaurot vor Kälte.

»Gefallen sie dir, Will?«, fragte ich. Ich hatte bemerkt, wie er das Gesicht verzog, als er meine neuen weißen Schuhe sah. Die Spitzen waren so lang, dass ich beim Treppensteigen die Füße schräg setzen musste. Ich hatte sie angezogen, weil Baba und ich an diesem Abend zu einer Weinprobe gehen wollten. Wir hatten davon in der Zeitung gelesen, und Baba wollte, dass wir uns einfach reinschmuggelten. Wir hatten uns schon in zwei andere Veranstaltungen reingeschmuggelt – in eine Modenschau und in die private Vorführung eines Reisefilms über Irland. (Lauter Lügen von dunkelhaarigen Mädchen, die in roten Unterröcken die Gegend von Connemara durchstreifen. Kein Wunder, dass sie den Film nicht öffentlich zeigen konnten.)

Ab halb fünf strömten die Leute herein, die auf dem Heimweg von der Arbeit ihre Einkäufe machten, und gegen sechs kam Mrs Burns nach vorn in den Laden, damit ich gehen konnte.

»Schwül hier drinnen«, sagte sie zu Willie. Das hieß: Warum habt ihr den Ölofen angemacht? Schwül! Überall zog es wie Hechtsuppe, weil zwischen Fußboden und Wandverkleidung ein großer Spalt klaffte.

In der Diele schminkte ich mich, legte Rouge und Lidschatten auf und goss ganze Ströme von Ashes-of-Roses-Parfum über mich. Allein der Name des Parfums gab mir das Gefühl, verführerisch zu sein. Willie klaute eine neue große Tüte für meine weißen Schuhe, und ich zog in Gummistiefeln los, weil es draußen regnete. In der Diele hatte ich den Regen gegen das Dachfenster im oberen Flur prasseln hören.

»Tu nichts, was ich nicht auch tun würde«, rief er mir hinterher, als er mich zur Haustür hinausließ. Ich rannte die paar Meter zum Wartehäuschen der Bushaltestelle, weil es wie verrückt regnete.

Der Bus war leer, denn um diese Tageszeit fuhren nur wenige Leute in die Stadt. Es war noch zu früh fürs Kino. Auf dem Boden lagen Bonbonpapiere und leere Zigarettenpäckchen. Der ganze Bus roch nach Schweiß; es war eine Armeleutegegend.

Ich las in der Zeitung, die ich auf dem Sitz neben mir gefunden hatte. Einen langen Artikel von einem Priester, der davon erzählte, wie er in China gefoltert worden war. Ich kannte eine Menge solcher Geschichten, denn in der Klosterschule, auf die ich gegangen war, pflegte uns die Nonne derartige Berichte samstagabends vorzulesen. Mit Genuss las sie eine Zeitung, die The Standard hieß und in der es nur so von Geschichten über Priester wimmelte, denen die Zehennägel ausgerissen worden waren – und über Nonnen, die man in dunkle Räume gesperrt hatte, in denen Ratten hausten.

Fast hätte ich die richtige Haltestelle verpasst, weil ich so vertieft war in den Artikel von dem irischen Priester.

Baba wartete vor dem Hotel auf mich. Mit ihrem neuen Pelzmuff und ihrer durch Haarlack in Form gehaltenen Frisur sah sie aus wie etwas, das vom Weihnachtsbaum gefallen war.

»Heilige Mutter Gottes, wo willst du denn in den Gummistiefeln hin?«, fragte sie.

Ich sah auf meine Füße hinunter und erschrak: Ich hatte die weißen Schuhe im Bus vergessen!

Es blieb uns nichts anderes übrig, als auf die andere Straßenseite zu gehen und zu warten, bis der Bus wieder zurückkam. An der Haltestelle war kein Wartehäuschen, und Babas Lockenpracht fiel in sich zusammen. Natürlich waren meine Schuhe dann nicht im Bus, dafür aber ein neuer Fahrer. Er sagte, der Fahrer, den er abgelöst hatte, habe sie bestimmt mitgenommen und im Fundbüro abgegeben.

»Rufen Sie morgen irgendwann nach zehn Uhr dort an«, sagte er. Als Baba das hörte, sagte sie: »Trallala«, und rannte über die Straße zum Hotel zurück. Niedergeschlagen folgte ich ihr.

Wir hatten Schwierigkeiten, in den Bankettsaal zu kommen, obwohl Baba dem Mädchen am Eingang sagte, wir seien von der Presse. Sie wühlte in ihrer Tasche nach den Einladungskarten und sagte, die müsse sie vergessen haben, es seien rosa Karten mit goldenem Rand gewesen. Das wusste sie, weil das Mädchen an der Tür einen ganzen Stoß davon in der Hand hatte und sie ungeduldig durch die Finger schnellen ließ. Baba zitterten beim Suchen die Hände, und ihre Wangen waren gerötet, weil die beiden Rouge-Tupfer auf den Backenknochen durch den Regen verlaufen waren.

»Welche Zeitung vertreten Sie?«, fragte das Mädchen. Hinter uns hatte sich schon eine kleine Schlange gebildet.

»Die Nacht der Frau«, sagte Baba schnell. Das hatte sie sich vorher ausgedacht. Eine solche Zeitschrift gibt es gar nicht.

»Na, gehen Sie schon«, sagte das Mädchen unfreundlich, und wir gingen hinein.

Als wir über den gebohnerten Fußboden liefen, quietschten meine Gummistiefel in den höchsten Tönen, und ich bildete mir ein, dass alle mich anstarrten. Es war ein sehr eleganter Raum – Kronleuchter brannten, die dunkelblauen Samtvorhänge waren zugezogen, und leise Tanzmusik wurde gespielt.

Als Baba unseren Freund Tod Mead entdeckte, stürzte sie auf ihn zu. Er war Pressechef bei einer großen Wollfirma, und wir hatten ihn vor ein paar Wochen bei einer Modenschau kennengelernt. Er hatte uns anschließend zum Kaffee eingeladen und versucht, mit Baba anzubändeln. Sein lässiges, lebensüberdrüssiges Gehabe war nur vorgetäuscht, denn er aß sehr viele Marmeladenbrote. Wir wussten, dass er verheiratet war, hatten seine Frau aber noch nicht kennengelernt.

»Tod!« Baba stöckelte auf ihren hohen Absätzen zu ihm hinüber. Er küsste ihr die Hand und stellte uns den beiden Leuten vor, mit denen er sich gerade unterhielt. Erst der Dame, einer Journalistin mit einem großen schwarzen Hut, und dann dem seltsamen Mann mit bleichem Gesicht. Er hieß Eugene Gaillard. »Sehr erfreut, Sie kennenzulernen«, sagte er, sah aber nicht sehr erfreut aus. Er hatte ein trauriges Gesicht, und Tod erzählte uns, er sei Filmregisseur. Baba lächelte geziert und zeigte ihre Grübchen und ihren Goldzahn, alles auf einmal.

»Er hat das und das gedreht«, sagte Tod und nannte einen Film, von dem ich noch nie etwas gehört hatte.

»Ein klassischer Dokumentarfilm, ein Klassiker«, sagte die Journalistin.

Mr Gaillard sah sie ernst an und sagte: »Ja, wirklich großartig und umwerfend, eine so realistische Armut.« Sein längliches Gesicht bekam einen merkwürdig verächtlichen Ausdruck, während er sprach.

»Was machen Sie denn jetzt?«, fragte die Dame.

»Ich bin Bauer geworden«, antwortete er.

»Gutsbesitzer«, korrigierte ihn Tod.

Die Journalistin sagte, sie werde ihn eines Tages draußen besuchen und einen Artikel über ihn schreiben. Sie war gut angezogen und roch nach teurem Parfum, aber sie war über fünfzig.

»Wir könnten uns auch etwas rote Tinte holen«, sagte Baba zu mir. Sie war enttäuscht, dass keiner der Männer sich erboten hatte, das für sie zu tun. Ich drehte mich um zu der langen Tischreihe, die längs durch den ganzen Raum aufgestellt war. Hinter den weißgedeckten Tischchen standen Kellner, die die Gläser mit rotem oder weißem Wein halbvoll schenkten.

»Nicht sehr kameradschaftlich von ihnen«, sagte Baba als wir uns in Bewegung setzten.

Ich hörte Tod gerade sagen: »Das ist die kleine Dicke, von der ich Ihnen erzählt habe, die sich für Literatur interessiert.«

»Welche?«, fragte Eugene Gaillard gelangweilt.

»Die mit den langen Haaren und den Gummistiefeln«, sagte Tod und lachte.

Ich rannte zu den Tischen und holte mir etwas zu trinken. Ich hatte Hunger, weil ich den ganzen Nachmittag nichts zu mir genommen hatte, aber an die Platten mit den Crackern kam ich nicht heran.

Die Dicke, die sich für Literatur interessiert! Es ging mir durch und durch.

»Ihre Aufmachung ist wirklich originell – Gummistiefel und Federhut«, sagte Eugene hinter mir. Ich erkannte seine sanfte Stimme, ohne mich umzudrehen.

»Sie tapferer Feigling«, sagte er. Er war hoch gewachsen, ungefähr so groß wie mein Vater.

»Was gibt es da zu lachen? Ich habe meine Schuhe verloren«, erwiderte ich.

»Aber es ist so originell, in Gummistiefeln zu kommen. Damit können Sie einen ganz neuen Trend begründen. Haben Sie schon einmal von Männern gehört, die Mädchen nur dann lieben können, wenn sie Plastikregenmäntel anhaben?«

»Davon habe ich noch nie gehört«, sagte ich traurig und schämte mich, dass ich so wenig wusste.

»Erzählen Sie mir von sich«, sagte er, und ich fühlte mich plötzlich zu ihm hingezogen, ich weiß nicht warum. Er war anders als die anderen Männer, die ich kannte. Sein Gesicht war länglich und grau, es erinnerte mich an die Steinskulptur eines Heiligen, die ich jeden Sonntag in der Kirche sah.

»Wer sind Sie, und was tun Sie?«, fragte er. Als er merkte, dass ich schüchtern war, fing er selbst an zu reden. Er sagte, er sei nur gekommen, weil er zufällig Tod Mead in der Grafton Street getroffen und der ihn mitgeschleppt habe.

»Ich bin wegen der Szenerie hier – nicht wegen des Weins«, sagte er und betrachtete die vergoldeten Wandarme, die Plüschvorhänge und eine große, kräftige Frau mit schwarzen Ohrringen, die allein in der Nähe eines der Fenster stand. Wenn ich ihm nur etwas Interessantes hätte sagen können.

»Was ist der Unterschied zwischen Weißwein und Rotwein?«, fragte ich. Er trank nichts.

»Der eine ist rot, und der andere ist weiß«, lachte er.

Da kam Baba mit ihrem weißen Muff und einer Hand voll Chips auf uns zu.

»Hat Maria die Schmerzensreiche Ihnen einen Haufen Unsinn über ihre schreckliche Kindheit erzählt?« Sie meinte mich.

»Alles. Von Anfang an«, sagte er.

Baba runzelte erst die Stirn, dann lachte sie gekünstelt.

Sie erzählte Eugene Gaillard, sie sei Redakteurin und bearbeite die Rubrik »Einsame Herzen« bei der Nacht der Frau, und es sei manchmal zu komisch, die Leserbriefe zu lesen.

»Gestern zum Beispiel bekam ich einen Brief von einer armen Frau aus Ballinasloe«, fuhr sie fort. »Sie schrieb: ›Geehrte Redakteurin, mein Mann liebt mich immer am Sonntagabend, und ich finde das sehr ungünstig, weil ich montags immer viel Wäsche waschen muss und dann dabei hundemüde bin. Was kann ich tun, ohne die Gefühle meines Mannes zu verletzen?‹ – ›Waschen Sie am Dienstag‹, habe ich Mrs Ballinasloe geantwortet«, sagte Baba und streckte ihre kleinen Hände aus, um zu unterstreichen, wie leicht es ihr fiel, mit den Problemen des Lebens fertigzuwerden.

Er lachte höflich.

»Baba ist ein lustiges Mädchen«, sagte er, immer noch lächelnd, zu mir.

Ich sollte mich anscheinend darüber freuen! Dabei war es mein Witz. Ich hatte ihn eines Tages in einer Zeitschrift in der Zahnklinik gelesen, als ich zwei Stunden warten musste, um einen Zahn plombiert zu bekommen. Als ich nach Hause kam, erzählte ich ihn Baba, und die erzählte ihn sofort überall weiter. Baba ist im letzten Jahr so clever geworden – sie weiß über die verschiedenen Weinsorten Bescheid und hat angefangen zu fechten. In der Fechtschule, sagt sie, wimmle es nur so von Frauen in Hosen, die sie zum Kakao zu sich nach Hause einlüden.

Da kam Tod Mead zu uns und schwenkte sein leeres Glas. »Es gibt nichts mehr zu trinken, wollen wir nicht alle woanders hingehen?«, fragte er Eugene.

»Zwei nette Mädchen sind das, die Sie da kennengelernt haben«, sagte Eugene, und Baba begann zu summen:

»Nice people with nice manner that have got no money at all …«

»Gut«, sagte Eugene, »gehen wir essen.«

Auf dem Weg nach draußen bestellte Baba schnell noch zwölf Flaschen Rheinwein, die per Nachnahme an Johanna geschickt werden sollten. Johanna war unsere Wirtin, und ich war mir sicher, dass sie einen Anfall bekommen würde. Aber der Sinn der Veranstaltung war ja schließlich, dass die Leute auch Wein bestellten, nachdem sie ihn probiert hatten.

»Wer ist Johanna?«, fragte Eugene, als wir zur Tür gingen und der Journalistin und ein paar anderen Leuten zuwinkten.

»Das werde ich Ihnen alles beim Essen erzählen«, sagte Baba.

Mein Ellbogen berührte seinen, und ich hatte jenes lähmende Gefühl in den Beinen, das ich seit der Trennung von Mr Gentleman nicht mehr gespürt hatte.

2

Wir aßen im Hotel. Eugene hatte einem der Pagen Bescheid gesagt, dass er im Speisesaal sei – falls ein Anruf für ihn käme. Während des ganzen Essens saß ich unruhig da und wünschte mir, dass er tatsächlich angerufen würde, weil ich mich auf den Augenblick freute, in dem er zu uns zurückkommen würde. Ich zweifelte natürlich nicht daran, dass es sich um eine Frau handelte.

Wir aßen eine dünne Suppe, paniertes Lammkotelett und Pommes frites. Er aß nicht viel. Er hatte die Angewohnheit, seine Ärmel bis über das Handgelenk herunterzuziehen. Seine Handgelenke und die Hände waren behaart. Schwarzer üppiger Haarwuchs. Baba redete ununterbrochen. Ich sagte nicht viel. Ich konnte nur eins: entweder reden oder mich an seinem Anblick freuen – beides zusammen gelang mir nicht. Er sagte, mein Gesicht ähnele dem des Mädchens auf den irischen Pfundnoten.

»Ich habe noch nie eine Pfundnote so lange in der Hand gehabt, dass ich sie mir in Ruhe hätte ansehen können«, sagte Baba.

»Dann tun Sie es das nächste Mal«, meinte er. Dann kam der Kellner und schenkte uns Wein nach, und ich war glücklich, und das Essen war gut.

»Mister Gay-Lord, Mister Gay-Lord«, rief ein Page. Mein Herz schlug schneller vor Schmerz und Erleichterung.

»Sie, Sie, Sie«, sagte ich zu ihm, und Baba gab mir einen Fußtritt, damit ich mich nicht weiter lächerlich machte. Er entschuldigte sich und ging betont langsam hinaus.

Er sah gut aus von hinten: groß und schlank, und oben auf dem Kopf hatte er eine kahle Stelle.

»Er ist eine Wucht«, sagte Baba.

»Und reich«, fügte Tod mit sonderbarem Lächeln hinzu. Er war auf irgendetwas neidisch. Das fühlte ich.

»Er wäre ein guter Fang«, sagte Baba.

»Hört, hört«, lachte Tod. Ich sah an dem Ausdruck seiner kleinen blauen Augen, dass er mit irgendetwas hinter dem Berg hielt, und mir kam der Gedanke, dass Eugene vielleicht verlobt oder verheiratet sei.

Als er schließlich zurückkam, versuchten wir so zu tun, als hätten wir nicht über ihn gesprochen.

»Es tut mir furchtbar leid«, sagte er, »aber ich muss Sie verlassen. Ich muss jemanden am Flughafen verabschieden, der nach Amerika fliegen will. Es ist mir wichtig, sonst würde ich hierbleiben.«

Es gab mir einen Stich ins Herz, und Baba ließ ihren Löffel mit Eiscreme wieder auf den Glasteller sinken. Ich glaube, sie sagte »Oh«.

Tod stand auf, sehr bekümmert, denn vermutlich hatte er Angst, dass er nun die Rechnung bezahlen müsse.

»Eigentlich muss ich auch gehen, Eugene. Die kleine alte Sally erwartet mich zum Tee.« Dabei wurde er rot bis über beide Ohren. »Ich nehme Sie zum Flughafen mit, das liegt auf meinem Weg.«

Ich wäre fast gestorben, denn nun bekam ich es mit der Angst, dass Baba und ich das Essen bezahlen müssten und dafür die nächsten zehn oder elf Jahre Geschirrspülen gehen könnten. Aber schließlich bezahlte doch Eugene.

Er gab uns die Hand, entschuldigte sich und sagte, wir sollten zu unserem Kaffee einen Likör trinken. Die Kellner sahen verblüfft aus – der Abgang der beiden Männer und meine Gummistiefel wirkten sicher befremdlich auf sie.

»Mein Gott, was haben wir für ein Glück!«, sagte Baba, als sie gegangen waren.

»Es gibt bestimmt eine Menge Frauen, die einfach verrückt nach ihm sind«, antwortete ich.

»Er ist klasse«, sagte sie. »Ich wäre gern mit ihm zusammen.«

Ich zerbrach mir nur den Kopf darüber, ob wir ihn jemals wiedersehen würden.

»Wir könnten ihm schreiben«, meinte Baba. »Du setzt einen Brief auf, und ich unterschreibe ihn.«

»Und was soll drinstehen?«

»Weiß ich noch nicht.« Sie zuckte die Schultern und las die komplette Speisekarte. Unten stand eine Notiz, dass die Gäste auf Wunsch die Küche besichtigen könnten. »Lass uns das doch tun, nur so aus Spaß«, sagte Baba.

»Nein.« Ich hatte zu nichts Lust. Ich wollte dasitzen und an meinem Kaffee nippen und den verblüfften Kellner heranwinken und ihm sagen, er solle mir noch eine Tasse bringen. Würden wir ihn jemals wiedersehen?

»Warte mal«, sagte Baba schließlich. »Ich habe eine großartige Idee.« Sie schlug vor, wir sollten Karten für einen Ball kaufen und ihn einladen. Wir könnten ihm ja sagen, meinte sie, wir hätten die Karten umsonst bekommen oder bei einer Tombola gewonnen oder dergleichen.

»Dir werden wir schon einen Partner besorgen. Tod vielleicht oder den Kerl oder sonst jemand.« Der Kerl war ein Freund von ihr, der in Blanchardstown Windhunde abrichtete. Eigentlich hieß er Bertie Counihan, aber wir nannten ihn den Kerl, weil er sich kaum jemals wusch. Er sagte, Waschen schade nur der Haut. Er war dick und breitschultrig und hatte schwarzes krauses Haar, ein fröhliches Gesicht und rote Wangen.

Wir machten alles genau so, wie Baba es sich ausgedacht hatte. Am Wochenende, als ich mein Gehalt bekam, kauften wir vier Karten für den Ball der Lebensmittelhändler, der im Oktober in Cleary’s Ballsaal stattfinden sollte. Dann besorgten wir uns von Tod Eugenes Adresse und schrieben ihm einen Brief. Johanna bezahlten wir in dieser Woche beide nicht.

Wir warteten sehnsüchtig auf seine Antwort. Als sie endlich kam, hätte ich fast geweint. Er schrieb an Baba, dass er seit Jahren nicht mehr getanzt habe und dass er fürchte, bei einer so lustigen Unternehmung ein langweiliger Begleiter zu sein. Er lehnte sehr höflich ab.

»Himmel, jetzt sitzen wir in der Tinte«, sagte Baba, als sie mir den Brief gab. Seine Handschrift war schwer zu lesen.

»O Gott!«, sagte ich. Ich war enttäuschter, als ich erwartet hatte. Alle meine Hoffnungen, ihn je wiederzusehen, hatte ich auf diesen Ball gesetzt.

»So eine Schande«, sagte ich. Jetzt hatten wir die Karten, aber weder Partner noch Geld, noch Tanzkleider.

»Gehen müssen wir!«, meinte Baba. »Schließlich können wir doch die Karten nicht einfach verfallen lassen.«

»Aber wir haben keine Pelzmäntel«, sagte ich. Die meisten Frauen, die wir abends in der Stadt auf dem Weg zu Tanzbällen gesehen hatten, trugen Pelzmäntel oder wenigstens eine Pelzstola über ihren langen Kleidern.

»Wir holen uns Kleider aus dem Verleih in der Dame Street«, schlug Baba vor.

»Schrecklich.«

»Nicht schrecklicher, als in diesem Loch zu sitzen und vier verdammte Karten auf dem Kaminsims vergammeln zu lassen.«

»Wir haben kein Geld, uns Kleider zu leihen«, sagte ich, erfreut, dass das Problem sich so leicht lösen ließ. Ich war nicht mehr daran interessiert, auf den Ball zu gehen.

»Wir könnten unsere Leichen an die medizinische Fakultät verkaufen!«, schlug Baba vor. »Dann kommen sie und holen einen, wenn man tot ist, und die Studenten legen einen, ohne dass man was anhat, auf den Tisch und schnippeln an einem herum.«

Ich sagte, das könne nicht ihr Ernst sein. Sie sagte, für ein paar Kröten würde sie alles machen.

Ich musste daran denken, dass er jetzt draußen in seinem großen Haus saß und gar nicht ahnte, in welche elende Lage er uns gebracht hatte. Ich stellte ihn mir an einem braunen, mit Leder bezogenen Schreibtisch vor, mit unzähligen Federhaltern und Bleistiften und Tinte in zwei Farben in gläsernen Tintenfässern.

»Du kannst in der Bude, wo du arbeitest, ruhig ein bisschen klauen – sie bezahlen dich schlecht genug«, meinte Baba.

»Das wäre eine Sünde.«

»Wäre es nicht. Selbst Aquin sagt, man darf einen Arbeitgeber beklauen, wenn er einen schlecht bezahlt.«

»Wer ist Aquin?«

»Weiß ich nicht, irgendein wichtiger Kirchenmann.«

Schließlich schafften wir es doch. Wir borgten uns Beträge zwischen fünf und zehn Shilling von verschiedenen Leuten und liehen uns dafür lange Kleider und silberne Tanzschuhe aus. Babas Kleid war aus weißem Tüll und meines purpurrot. Es war das einzige gewesen, das mir passte.

Am Abend des Balls waren wir ziemlich aufgeregt. Wir hatten uns ein halbes Pfund duftendes Badesalz gekauft und badeten beide im selben Wasser. Ich trug flüssiges Make-up auf Babas Rücken auf, um ihre Leberflecken zu verdecken, und sie trug flüssiges Make-up auf meinen Rücken auf und hakte mir das Kleid zu. Ich konnte kaum atmen, so eng war es.

Um neun hupte der Kerl vorm Haus. Wir gingen hinunter und rafften unsere Kleider hoch, damit die Rocksäume nicht schmutzig wurden. Er war in dem blauen Lieferwagen gekommen, in dem er immer die Windhunde zum Tierarzt und sonstwohin transportierte. Der Wagen roch entsprechend.

Wir holten Eamonn White ab, einen Apothekerlehrling, der an dem Abend mein Partner sein sollte. Er war ein netter Junge, abgesehen davon, dass er dauernd sagte: »Mordsspaß«, »Mordsstil«, »Mordsknüller«, »Mordslieferwagen«, »Mordsspaß« – immerzu.

Unterwegs machten wir in der North Frederick Street bei einer Kneipe halt, um ein bisschen was zu trinken. Baba und ich mit unseren langen, schäbigen Kleidern und den über die Schulter geworfenen Tweedmänteln wurden von allen Gästen angestarrt. Baba war unglücklich, weil sie sich keinen Pelz hatte leihen können.

»Was willst du trinken?«, fragte der Kerl Eamonn und schlug ihm auf den Rücken.

Eamonn war Guttempler. Er hatte sich das Abstinenzlerabzeichen, das er sonst am Revers seines Alltagsanzugs trug, sogar an den geliehenen schwarzen Anzug gesteckt. Als Eamonn sagte, er wolle Tomatensaft trinken, war der Kerl schwer beleidigt. Baba sagte schnell, dafür würden wir doppelte bestellen.

Ich tanzte hauptsächlich mit Eamonn, weil er nun mal mein Partner war. »Mordsspaß, Mordsspaß«, sagte er ununterbrochen. Es war sein erster Ball. Er staunte über die Glätte des Fußbodens, über die rosa Beleuchtung, die beiden Bands, die von der Decke herabhängenden Papierrosen und über die prächtig gedeckten Tische. Da mein Kleid schulterfrei war, spürte ich den ganzen Abend seine warmen rosa Hände auf meinem nackten Rücken. Er hatte blondes Haar und blonde Wimpern, und seine rosa Haut erinnerte mich an die Ferkel bei uns zu Hause.

Der Kerl war anders.

»Du bist eine richtige Dame«, sagte er zu mir, als ich einmal mit ihm tanzte, mich in Gedanken aber nur mit der Frage beschäftigte, ob ich wohl jemals mit Eugene Gaillard tanzen würde. Jetzt war ich froh, dass er nicht gekommen war und mich in dem albernen, staubigen Kleid sah und die anderen mit ironischen Bemerkungen zum Lachen bringen konnte.

Zum Abendessen gab es Wein, und wie gewöhnlich trank der Kerl zu viel und begann zu toben und zu schreien. Er rollte die Speisekarte zusammen und brüllte wie durch ein Megaphon:

»Es lebe die Republik! Es lebe Noel Browne! Es lebe Castro! Es lebe ich!«

Eamonn bekam es mit der Angst und verließ unseren Tisch. Er kehrte auch nicht mehr zurück. Als Guttempler hatte er kein Verständnis für die vergnüglich-verrückten Zustände, in die der Alkohol Leute versetzen kann.

Um zwei Uhr, als es gerade schön lustig wurde und die Musikanten Papierhüte unter die Leute warfen, brachten Baba und ich den Kerl nach Hause. Er war so betrunken, dass er nicht selbst fahren konnte, deshalb ließen wir seinen blauen Lieferwagen stehen und nahmen ein Taxi. Wir hatten keine Ahnung, wo er wohnte. Es war komisch: wir kannten ihn seit einem Jahr und wussten nicht, wo er wohnte. So ist Dublin nun mal. Wir kannten seine Stammkneipe, aber nicht seine Wohnung. Also nahmen wir ihn mit zu uns und legten ihn auf das Rosshaarsofa in Johannas Wohnzimmer.

»Baba, Caithleen, ich will euch mal was sagen … ihr seid zwei richtige Damen … richtige Damen … und Parnell war ein stolzer Mann, einen stolzeren gibt es nicht … und ein stolzer Mann ist ein schöner Mann … also lasst die Flasche kreisen, trinkt, Kinder, trinkt … Kellner! Kellner …« Er schwenkte eine Pfundnote in der Hand; anscheinend dachte er, er sei immer noch auf dem Ball.

»Nun schlaf mal«, sagte Baba und schaltete das Licht aus. Binnen einer Minute atmete er tief und regelmäßig.

Wir wussten, dass wir um halb sieben aufstehen und den Kerl aus dem Haus schaffen müssten, ehe Johannas Wecker um sieben läutete.

»Wir können genau drei Stunden schlafen«, sagte Baba, als sie mein Kleid aufhakte und mir heraushalf. Der neue Büstenhalter mit den Stäbchen hatte rote Striemen auf meiner Haut hinterlassen.

»Wir werden die Firma verklagen«, sagte Baba, als sie die Striemen sah. Wir gingen ins Bett, ohne uns das Gesicht zu waschen, und als ich aufwachte, fühlte sich das Make-up auf meinem Gesicht wie eine Dreckkruste an.

»O Gott«, sagte ich zu Baba, als ich den Kerl unten schreien hörte:

»Mädchen, hallo Mädchen, wo ist denn hier die Herrentoilette? Gibt’s denn hier keinen Lokus? Wo soll ich denn hingehen?«

Wir rannten beide zum Treppenpodest, um ihn zum Schweigen zu bringen, aber Johanna war schon vor uns da.

»Jesus trifft seine betrübte Mutter«, sagte der Kerl, als Johanna in ihrem weiten roten Nachthemd, das graue Haar in einem Zopf auf dem Rücken, die Treppe hinunterging.

»Einbrecher! Ein Einbrecher!«, schrie sie. Und ehe wir uns versahen, hatte sie schon den Knopf des kleinen Feuerlöschers gedrückt, der am Fuß der Treppe an der Wand hing, und den Strahl auf ihn gerichtet.

»Polizei!«, kreischte sie dauernd, und er bemühte sich verzweifelt, ihr alles zu erklären. Aber er konnte sich nicht verständlich machen.

»Hören Sie doch mit dem Unsinn auf«, sagte Baba und rannte die Treppe hinunter. »Er ist ein Freund von uns.«

»Den nennen Sie Ihren Freund?«, fragte Johanna. Er legte eine Hand aufs Geländer und wollte nach oben gehen. Aber Johanna versperrte ihm den Weg.

»Ich will hier mit einem Mann wegen eines Hundes sprechen«, sagte er und wischte sich das Gesicht mit einem Taschentuch ab.

»Was für ein Hund? Ich habe keinen Hund«, schrie sie, aber er schob sie beiseite.

»Gustav! Gustav!«, schrie sie. Aber ich wusste, dass der Feigling Gustav sich nicht blicken lassen würde.

»Jesus fällt zum ersten Mal«, sang der Kerl und stolperte über einen Riss in dem braunen Linoleum.

Baba lief zu ihm, half ihm hoch, und zusammen schleppten wir ihn ins Badezimmer, damit er sich das Zeug aus dem Haar und dem Gesicht wischen konnte.

»Wer, zum Teufel, ist denn diese Kuh?«, fragte er, als er im Badezimmerspiegel seine wilden, blutunterlaufenen Augen und die verklebten Lockenhaare sah. Während er sich eingehender betrachtete, fing er an zu strahlen: »Seht euch mal diesen Unterkiefer an! Baba und Caithleen, seht euch das an. Filmstar hätte ich werden sollen oder Boxer«, sagte er. »Ich und Jack Doyle und Movita, ›O Movita, o Movita, du bist die Dame mit dem geheimnisvollen Lächeln …‹ Wer ist die Kuh da draußen?«

Johanna klopfte an die Badezimmertür. »Verlassen Sie sofort mein Haus. Ich komme aus einer guten österreichischen Familie, meine Brüder sind Ärzte und Beamte.«

»Quatsch«, sagte er.

»Was sagen Sie?«

Baba stopfte ihm ein weißes Handtuch vor den Mund, um ihn zum Schweigen zu bringen. Darunter murmelte er: »Veronika wischt Jesus das Gesicht ab …«

»Los, kommt, wir gehen rasch auf die Straße«, sagte Baba, und irgendwie brachte sie ihn aus dem Haus und bis zur Bushaltestelle. Aber da war es schon halb acht.

Als wir zurückkamen, stand Johanna vor dem Gasherd und einem Topf mit zwölf Eiern. Der Kerl hatte offenbar Eier aufgesetzt und das Wasser verkochen lassen. Sie bekam einen neuen Wutanfall, als sie sah, dass die Kasserolle durchgebrannt war.

»Ihr verlasst noch heute mein Haus«, sagte sie uns. »Mein Gott! Meine beste Kasserolle! Ein Dutzend Landeier für Gustavs Eggnog! Und der Feuerlöscher! Ich will mein Geld nicht zum Fenster rauswerfen! Das sage ich euch, ehe ich arm werde, will ich lieber tot sein.« Sie weinte fast, als sie uns den Topf mit den braunen Eiern zeigte.

»In Ordnung«, sagte Baba. »Wir ziehen aus.« Sie wollte nach oben gehen, aber Johanna packte sie am Gürtel ihres Morgenrocks.

»Ihr könnt mich doch nicht verlassen! Ich bin zu euch wie eine Mutter. Ich bessre eure Kleidung aus und bügle für euch.«

»Wir ziehen aus«, sagte Baba.

»Bitte nicht«, Tränen standen in Johannas Augen.

»Wir werden es uns überlegen«, sagte Baba und zwinkerte mir zu. Das merkte Johanna natürlich und wusste, dass wir nicht ausziehen würden. Daraufhin fing sie wieder an zu zetern.

Ich wollte nichts als wieder ins Bett gehen. Aber es war Morgen, und ich musste mich anziehen und dem Tag ins Auge sehen.

3

Zum Glück war Mittwoch und der Laden wie üblich nachmittags geschlossen.

Ich brachte das Abendkleid und die Schuhe in den Kleiderverleih zurück und holte die Bilder ab, die ein Straßenfotograf den Mittwoch zuvor von mir gemacht hatte. Ich war müde und nervös, weil ich so wenig geschlafen und zu viel durcheinandergetrunken hatte. Ich wünschte mir, reich zu sein, dann hätte ich den ganzen Nachmittag Kaffee trinken oder mich damit amüsieren können, neue Kleider zu kaufen.

Wie gewöhnlich ging ich in die Buchhandlung am Ende der Dawson Street, wo ich jede Woche einmal ein bisschen in den Büchern herumstöbern konnte. Ich las achtundzwanzig Seiten von Die Tochter der Putzfrau und brach dann auf, weil ich mit Baba in der O’Connell Street verabredet war.

Als ich die Steinstufen vor der Buchhandlung hinunterging, sah ich ihn. Ich hatte ihn einen Augenblick früher erspäht als er mich und ich war so verblüfft, dass ich fast fortgelaufen wäre.

»Ach Sie!«, sagte er überrascht. Anscheinend hatte er meinen Namen vergessen.

»Hallo, Mr Gaillard«, sagte ich und versuchte, meine Aufregung zu verbergen. Bei Tageslicht sah sein Gesicht anders aus – länger und melancholischer. Ein Regenschauer führte uns zusammen. Er kam die Stufen herauf und stellte sich neben mich unter das Vordach. Mein Körper zitterte wie ein Wackelpudding, weil ich so dicht bei ihm stand und er so gut roch. Ich starrte die lächerlich lange Spitze meines weißen Schuhs an, die schon etwas abgeschabt war und im Regen fast schwarz wirkte.

»Was haben Sie denn inzwischen so getrieben – außer tanzen zu gehen?«, fragte er.

»Gerade gestern Abend waren wir tanzen. Es war wunderbar, die Band und das Abendessen und einfach alles.« O Gott, dachte ich, warum bin ich bloß so langweilig wie altes Spülwasser? Warum kann ich nicht irgendetwas Aufregendes sagen? Warum kann ich ihm nicht sagen, was ich für ihn empfinde?

»Der Regen glitzert richtig auf dem dunklen Pflaster«, sagte ich in einem ungewohnten Anflug von Eloquenz.

»Glitzert?«, wiederholte er und lächelte seltsam.

»Ja, das ist doch ein schönes Wort?«

»Allerdings.« Er nickte. Ich merkte, dass er gelangweilt war, und ich betete, es möge eine Sintflut geben, damit wir ewig hier stehen bleiben müssten. Ich malte mir aus, wie das Wasser stieg und stieg und die Straße, den Bürgersteig, die Stufen, unsere Knöchel, unsere Beine, unsere Körper überflutete und uns wie in einem Traum aneinanderkettete und von allem anderen Leben abschnitt.

»Es wird schlimmer«, sagte ich und wies auf eine schwarze Wolke, die über der sich verdunkelnden Innenstadt von Dublin hing.

»Es ist nur ein Schauer«, erwiderte er und zerstörte damit all meine verrückten Hoffnungen. »Wie wäre es mit einer Tasse Tee? Hätten Sie Lust, Tee zu trinken?«, fragte er.

»Sehr große sogar.« Wir gingen mitten durch den Regen über die Straße in eine kleine Teestube.

Worüber wir uns unterhielten, habe ich vergessen. Ich erinnere mich nur, dass ich sprachlos war vor Glück und das Gefühl hatte, Gott oder sonst eine höhere Macht habe uns zusammengeführt. Ich aß drei Stück Kuchen; er redete mir zu, noch ein viertes zu essen, aber ich tat es nicht, weil ich nicht sicher war, ob das nicht vielleicht ordinär gewesen wäre. Dann fragte er nach meinem Namen. Er hatte ihn also wirklich vergessen.

»Sagen Sie, was lesen Sie gerade?«, fragte er. Wann immer ich ihn anblickte, lächelte er, und obwohl seine Augen traurig blieben, wirkte sein Lächeln freundlich.

»Tschechow und James Joyce und James Stephens und …« Ich hielt inne, weil ich plötzlich fürchtete, er könnte es für Angeberei halten.

»Ich muss Ihnen einmal ein Buch leihen«, sagte er.

Einmal? Wann ist einmal?, dachte ich, während ich auf die Teeblätter in seiner Tasse starrte. Die zweite Tasse schenkte ich ihm durch das Sieb ein, das die Kellnerin schließlich doch noch gebracht hatte. Der Tee tropfte sehr langsam durch das feine Sieb.

»Ach, das ist doch Firlefanz«, sagte er, und so verzichteten wir auf das Sieb und ließen es auf einem Teller abtropfen.

Ich wusste, dass Baba auf mich wartete und ich eigentlich hätte gehen müssen. Aber ich war einfach unfähig aufzustehen und mich von ihm zu trennen. Sein langes, trauriges Gesicht und seine kräftigen Hände gefielen mir zu gut.

»Ich frage mich oft, was junge Mädchen wie Sie so denken. Was denken Sie zum Beispiel jetzt?«, fragte er, nachdem er mich ein paar Sekunden lang betrachtet hatte.

Ich denke an Sie, dachte ich und errötete ein bisschen. Sagen tat ich mit gelangweilter, einfältiger Stimme: »Ich denke nicht sehr viel; ich denke an neue Kleider, die ich haben möchte, oder an meinen Urlaub oder an etwas besonders Schönes zum Mittagessen.«

Ich glaube, da hat er geseufzt, und ich musste kichern, um meine Verlegenheit zu verbergen. Schließlich sagte ich noch, dass manche Mädchen auch daran dächten, reiche Männer zu heiraten, und von einer wisse ich, dass sie nur an ihr Haar denke und es jeden Abend wasche und jede Woche nachmesse; es hänge ihr wie ein goldenes Cape halb über den Rücken; aber richtig freuen könne sie sich gar nicht daran, weil sie sich zu viel Sorgen darum mache.

»Wo wollen Sie Ihren Urlaub verbringen?«, fragte er, und ich musste unwillkürlich seufzen, weil ich so gern einmal in einem Hotel gewohnt und im Bett gefrühstückt hätte. Ich hatte nur ein- oder zweimal in der Klosterschule im Bett gefrühstückt, als ich krank war, und da hatte ich immer erst eine Tasse heißen Senna-Tee trinken müssen, und Schwester Margaret stand daneben und sagte, das sei gut für Leib und Seele.

»Ich fahre nach Hause.«

»Wo ist Ihr Zuhause?«

Ich sagte es ihm. Mein Vater war aus dem Pförtnerhaus wieder in unser eigenes Haus gezogen und lebte dort mit meiner Tante. Ich beschrieb es alles, so gut ich konnte.

»Sind Sie gern zu Hause?«

»Es gibt viele Bäume dort, und es ist einsam.«

»Ich mag Bäume«, sagte er. »Ich pflanze immerzu neue – ich habe Tausende von Bäumen.«

»Wirklich?«, fragte ich. Ich hatte das Gefühl, dass er nur prahlte, und Prahlerei mag ich nicht.

Er sah auf die Uhr, und natürlich musste er gehen.

»Es tut mir leid, aber ich war um vier verabredet.«

»Es tut mir leid, dass ich Sie aufgehalten habe«, sagte ich, als wir aufstanden. Er bezahlte die Rechnung und nahm seine Cordmütze von dem braunen Hutständer an der Tür.

»Ich danke Ihnen. Es war schön, Sie zu treffen«, sagte er, als wir draußen auf der steinernen Treppe standen. Ich bedankte mich auch, er lüftete die Mütze und ging davon. Ich sah ihm nach. Mir erschien er wie ein Gott, wie ein dunkler Gott, der mir den Rücken zuwandte. Ich streckte die Hand nach ihm aus, um ihn zurückzuhalten, erwischte aber nur den Regen. Ich hatte das Gefühl, dass es ewig weiterregnen würde, lautlos. Die Busse waren überfüllt, denn es war schon nach fünf. Baba war ganz schön wütend, als ich eine Stunde zu spät kam.

»Du Vollidiot!«, begrüßte sie mich. Ich erzählte ihr nicht, dass ich ihn getroffen hatte.

Wir tranken Kaffee, und später kam, wie verabredet, der Kerl. Wir tranken noch mehr Kaffee, und er entschuldigte sich für alles und gab uns fünf Pfund für die Ballkarten. Dann nahm er uns im Taxi mit zum Windhundrennen in Harold’s Cross.

Den Mittwoch darauf stand ich zwei Stunden vor der Buchhandlung in der Dawson Street, aber Eugene Gaillard kam nicht. Auch nicht am nächsten oder übernächsten Mittwoch.

Vier Wochen lang wanderte ich jeden Mittwoch suchend die Straße auf und ab und hielt Ausschau nach seinem langen schwarzen Mantel mit dem Persianerkragen. Ich stellte mir vor, dass er im Café Robert säße und einem dunkelhaarigen Mädchen in die Augen schaute. Er hatte gesagt, er möge dunkles Haar und dunkle Augen und sehr blasse Haut, weil alle diese Dinge eine Friedlichkeit ausstrahlten, die ihm gefiele. Ich setzte mich ins Café Robert und dachte an ihn. Ich hatte erfahren, dass er keine Kartoffeln aß und Wasser zum Abendessen trank; deshalb gewöhnte auch ich mir an, Wasser zu den Mahlzeiten zu trinken. Das Leitungswasser bei Johanna war weder kalt noch sprudelnd frisch, wie man sich Wasser eigentlich wünscht, aber es war nett, etwas zu tun, was er auch tat.

Ich wartete und wanderte umher und war sicher, dass ich ihn einmal treffen würde, und diese Gewissheit hielt mich bei guter Laune. Ich erinnerte mich an alles – an seinen Geruch und an die schwarzen Haare auf seinen Händen und an seinen stolzen Gang. Doch einen ganzen Monat bekam ich ihn nicht zu Gesicht. Einmal sah ich seinen geparkten Wagen in der Molesworth Street und wartete eine Ewigkeit im Eingang eines Wollgeschäfts, das schon geschlossen hatte. Nur der Hunger trieb mich schließlich nach Hause. Am nächsten Tag schrieb ich ihm einen Brief, in dem ich ihn bat, am nächsten Mittwoch mit mir Tee zu trinken.

Die Woche verging, und als ich schließlich das Restaurant betrat, fühlte ich mich gedemütigt. Er war wirklich da. Er saß an einem Tisch hinter der Tür und las Zeitung.

»Caithleen«, sagte er, als ich hereinkam. Es war das erste Mal, dass er mich mit meinem Namen ansprach.

»Hallo«, sagte ich zitternd und fragte mich, ob ich mich dafür entschuldigen müsste, dass ich ihm geschrieben hatte. Ich setzte mich im Mantel hin, in meinem alten Mantel und mit einem neuen blauen Chiffontuch um den Hals.

»Ziehen Sie doch Ihren Mantel aus«, sagte er. Ich streifte ihn ab und ließ ihn über die Rückenlehne meines Stuhls gleiten.

»Ich vergesse immer wieder, wie hübsch Sie sind – bis ich Sie dann wieder sehe«, sagte er und sah mir aufmerksam ins Gesicht. »Wie Sie strahlen! Ich liebe Ihre Nördliche-Ringstraßen-Radfahr-Wangen.«

Meine Wangen waren immer rosig, auch wenn ich sie dick überpuderte. Er bestellte belegte Brote, Kuchen, Scones und Kekse. Ich bekam Angst, denn ich fürchtete, diesmal würde ich die Rechnung bezahlen müssen, weil ich ihn ja eingeladen hatte. Und ich hatte nur zehn Shilling in meiner Geldbörse. Er stützte die Ellbogen auf den Tisch und seine Faust unters Kinn.

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