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Das Mädchen, das von Freiheit träumte

Über Tilli Horn Schulze und Lorna Collier

Tilli Horn Schulze, geboren 1934 in Dölitz, war fünf Jahre alt, als der Zweite Weltkrieg begann, sechzehn, als sie allein nach Westdeutschland floh. Auf ihrem langen Weg nach Amerika lernte sie ihren Mann kennen, mit dem sie zwei Kinder hat.

Lorna Collier arbeitete als Journalistin für Print und Fernsehen, u. a. für die Chicago Tribune und CNN.

Informationen zum Buch

Solange wir träumen, sind wir frei.

Dölitz, 1939: Die kleine Tilli erlebt Hunger, Kälte, Bombardierungen und vor allem die Angst vor den Nazis, deren Euthanasieprogramm ihren ertaubten Bruder bedroht. Dennoch verliert das Mädchen nie den Glauben an die Zukunft und setzt durch, auf eine höhere Schule gehen zu dürfen. Mit der Befreiung durch die Russen beginnt die Leidenszeit der Frauen. Monatelang muss sich Tilli auf einem Dachboden verstecken. Auch im neuen Regime eckt sie mit ihrem Streben nach Freiheit an, und schon bald muss sie alles riskieren – und entscheiden, ob sie die Flucht in den Westen wagen soll.

Die ergreifende und wahre Überlebensgeschichte eines kleinen Mädchens und seiner Familie.

Tilli Schulze
Lorna Collier

Das Mädchen, das von Freiheit träumte

Aus dem Amerikanischen von Simone Jakob

Für Herbert, Barbara, Erich, Regina, Kirsten und Monika.
Dieses Buch ist euch gewidmet.

Anmerkung der Autorin

Ich bin keine Heldin.

Ich habe nicht mehr gelitten als andere Kinder, weder im Zweiten Weltkrieg noch danach, als die Russen die Macht übernahmen. Genauer gesagt habe ich sogar weniger durchgemacht als viele.

Ich habe niemandem das Leben gerettet und habe zu keiner dramatischen Rettung außer meiner eigenen beigetragen. Keiner aus meiner Familie ist gestorben.

Warum also sollte man meine Geschichte lesen?

Weil meine Erfahrungen typisch sind für das, was viele Kinder (und junge Frauen) in Ostdeutschland während des Zweiten Weltkriegs und in der grausamen Zeit danach erleben mussten – und doch ist es ein weitgehend unbekannter Teil der Geschichte. Viele Menschen wissen schlicht nichts davon.

Ich habe 1991 an diesem Buch zu arbeiten begonnen, zwei Jahre nach dem Fall der Berliner Mauer, als Deutschland nicht länger in West und Ost, in frei und unfrei geteilt war. Endlich konnte ich wieder in meine Heimat reisen und das Dorf besuchen, in dem ich aufgewachsen bin. Ich traf alte Freunde, Nachbarn und Verwandte wieder, die dort gefangen waren, ohne Möglichkeit, zu entkommen. Ich besuchte das Grab meines Bruders, betrat mein ehemaliges Elternhaus, ging durch den Park, wo ich als kleines Mädchen so oft meinen Träumen nachgehangen hatte.

Und ich erinnerte mich.

Ich erinnerte mich daran, was mir, meiner Familie und unzähligen anderen angetan wurde. Erst unter Hitler, dann unter Stalin. Beide verweigerten uns das Recht, frei zu denken, zu reisen, zu arbeiten, zu schreiben, unsere Religion auszuüben und so zu leben, wie wir es wollten – worauf zum Teil die Todesstrafe stand.

Als ich von meiner Reise zurückkam, erzählte ich meinen Kindern, was mir im Krieg und während der sowjetischen Besatzung passiert war. Es war schwer für sie, das zu hören, und schwer war es auch für mich, diese lang begrabenen Erinnerungen wieder ans Licht zu zerren – aber es war notwendig.

Nun möchte ich, dass auch der Rest der Welt davon erfährt, denn die Freiheit, die wir in Amerika genießen, ist ein kostbares Gut, das zu viele als selbstverständlich betrachten. Und man darf nicht vergessen, dass zu den vielen Opfern des Krieges nicht nur Soldaten, sondern auch die normalen Menschen zählen – vor allem sind es die Kinder, die in den Kriegen, die die Mächtigen anzetteln, zwischen die Fronten geraten.

Ich will die Deutschen und ihre Taten während der Nazi-Herrschaft nicht verteidigen oder das schreckliche Leid der Juden und der anderen Holocaust-Opfer in irgendeiner Weise herunterspielen. Alles, was ich möchte, ist, meine Geschichte zu erzählen – das, was ich im Laufe meines Lebens erfahren habe.

Und obwohl ich viele traurige, schreckliche Dinge gesehen habe, geht es in meiner Geschichte auch um Hoffnung. Die Hoffnung, dass wir alles überstehen können, wenn wir Widerstand leisten, und sei es nur in unseren Gedanken, so wie meine Mutter. Dieses Buch ist ihr und ihrem leise gesummten Aufbegehren gegen jene gewidmet, die glaubten, über ihr Leben bestimmen zu können.

Dies ist der Versuch, zu berichten, was ich von 1939 an und in den ersten fünf Jahren der sowjetischen Besatzung erlebt habe. Ich habe mich bemüht, mich so genau wie möglich an das, was ich erlebt, und die Gefühle, die ich empfunden habe, zu erinnern, dennoch mussten einige Gespräche notgedrungen rekonstruiert werden. Trotzdem hoffe ich, dass es mir gelungen ist, die Quintessenz einer Unterhaltung, die Stimmung eines bestimmten Augenblicks oder die Eindrücke einer Begegnung wiederzugeben.

Dies ist meine Geschichte.

Tilli Horn Schulze

Die Gedanken sind frei

Die Gedanken sind frei,

wer kann sie erraten,

sie fliehen vorbei

wie nächtliche Schatten.

Kein Mensch kann sie wissen,

kein Jäger erschießen,

es bleibet dabei,

Die Gedanken sind frei.

Und sperrt man mich ein

im finsteren Kerker,

das alles sind rein

vergebliche Werke;

denn meine Gedanken

zerreißen die Schranken

und Mauern entzwei:

die Gedanken sind frei.

DIE GEDANKEN SIND FREI

DEUTSCHES VOLKSLIED

VERFASSER UNBEKANNT

Teil I

Prolog

Herbst 1944

Es ist Nacht, und sie sind wieder da: die feindlichen Flieger. Ein nicht enden wollendes Donnergrollen in der Ferne, das immer lauter wird, meine Träume durchdringt und sie in tausend Stücke sprengt, so dass ich aus dem Schlaf hochschrecke.

Meine Mutter, die neben mir im Bett liegt, ist ebenfalls wach und streichelt mir den Arm, aber wir sprechen kein Wort. Ich zwinge mich, ruhig weiterzuatmen. Sie schweigt.

Ich ziehe mir die Decke in der Dunkelheit bis unter das Kinn. Das Dröhnen und Heulen nimmt zu, aber wir können nichts tun, außer abzuwarten.

Die Fensterscheiben klirren. Die Erde bebt. Das Donnern ist jetzt so nah, dass ich es überall um mich herum höre und spüre – nur sehen kann ich es nicht. Am liebsten würde ich weinen oder schreien, aber ich weiß nur zu gut, dass es nichts nützen würde.

Ich schließe die Augen und presse mir die Hände auf die Ohren, versuche, den Lärm auszublenden, suche Zuflucht in der Dunkelheit meines Geistes. Minuten vergehen, und schließlich wird das Donnern, Heulen und Dröhnen leiser. Ich atme auf, entspanne mich langsam. Vielleicht schaffe ich es sogar, noch vor dem Morgengrauen einzuschlafen, bis ich meine häuslichen Pflichten erledigen und mich auf den drei Kilometer langen Schulweg machen muss.

Dann: ein ohrenbetäubendes Krachen.

Das Haus erzittert, Explosionen überall – über mir, unter mir, um mich herum. Wieder und wieder. Schreckliche dumpfe Einschläge, als würden Riesen vom Himmel stürzen, als würde die Erde sich auftun, um uns alle zu verschlingen. Lieber Gott, hilf mir, hilf mir, hilf mir.

Bomben. Das Geräusch fallender, detonierender Bomben. Ich habe es schon einmal gehört, leiser damals, weiter entfernt. Jetzt klingt es, als würden sie direkt nebenan einschlagen.

Wieder versuche ich, diesen schrecklichen Lärm aus meinen Ohren, aus meinem Geist auszublenden, nicht mehr daran zu denken, wo die Bomben einschlagen – auf leeren Feldern, in Geschäften oder Schulen? Oder in Wohnhäusern mit schlafenden Menschen, in denen Kinder wie ich, noch schlaftrunken, sich unter der Bettdecke verkriechen?

Ich bin zehn Jahre alt. Ich lebe mit diesem Krieg, seit ich fünf bin. Als die Bomber anfingen, über unsere Köpfe hinwegzufliegen, sagten alle, uns würden sie nie bombardieren, unser kleines Bauerndorf im Nordosten Deutschlands sei dafür zu klein, zu unwichtig. Wir seien hier sicher. Sogar meine Mutter behauptete das, wenn sie mich an sich drückte, mir sagte, ich solle ruhig sein, mir keine Sorgen machen.

Jetzt liegt sie wie erstarrt neben mir. Wir haben hier keine Luftschutzbunker wie die Menschen in der Stadt, keine Keller, keinen Ort, wo wir uns verstecken können.

Neben dem Bett an der Wand hängt ein Bild von Jesus am Kreuz, das ich in der Dunkelheit kaum ausmachen kann. Als Schutz vor den Luftangriffen müssen wir nachts die Fenster mit schwarzem Verdunkelungsstoff verhängen und dürfen keinen Strom und keine Kerzen benutzen. Aber meine Augen haben sich an die Dunkelheit gewöhnt, außerdem kenne ich das Bild in- und auswendig, so oft habe ich es in den letzten Jahren angestarrt, seit ich im Erdgeschoss bei meiner Mutter schlafe.

Ich fand das Bild immer verstörend – wegen des Bluts, das Jesus die Arme hinunterfließt, vor allem aber wegen des gequälten Ausdrucks in seinen Augen. Ich fragte mich immer, wie es sich anfühlt, ans Kreuz genagelt zu werden, hilflos den Blicken der Welt ausgeliefert.

»Ich bin klein, mein Herz ist rein, soll niemand drin wohnen als Jesus allein«, flüstere ich das Gebet, das ich jeden Abend spreche, seit ich denken kann.

Ich hoffe inständig, dass es hilft – dass es irgendwo einen Jesus gibt, der mich hört.

Die Bombardierung geht weiter. Wieder und wieder stürzt der Tod im freien Fall vom Himmel. Ich beginne zu zittern, mir klappern die Zähne, und ich weiß, ich kann das hier, diesen Moment, nicht länger ertragen. Ich zwinge mich, nicht mehr angestrengt zu lauschen, zu denken, mir Sorgen zu machen, mir vorzustellen, was draußen vor sich geht, und erschaffe mir in meiner Phantasie andere Orte – wunderschöne, sichere Orte, wo ich lachen und spielen darf, bis keine Bomben mehr fallen und ich wieder nach Hause kann.

Manchmal besuche ich dann ein Haus, das aus den köstlichsten Süßigkeiten besteht und durch das ich mich hindurchessen kann. Manchmal reite ich auf Max, einem unserer beiden Pferde, über eine Wiese; Moritz, das andere, läuft frei neben mir her und scheint nur aus Muskeln, Mähne und reiner Lebensfreude zu bestehen. Ich führe beide zu einem herrlich erfrischenden Bad in den Teich, dann lege ich mich auf die Wiese, wo ich, umgeben von langen Grashalmen und Wildblumen, versuche, die warme Brise mit der Zunge zu schmecken – so glücklich, wie man nur sein kann.

Andere Bilder mischen sich in meinen Traum – Erinnerungen an die Zeit vor und kurz nach Kriegsbeginn, als mein Leben noch normal war –, und ich frage mich, ob ich je wieder glücklich, je wieder in Sicherheit sein werde.

1

September 1939

Als ich zum ersten Mal vom Krieg hörte, spielte ich gerade hinter dem Kindergarten im Sand. Es war ein warmer Herbsttag, und die spärlichen, spätsommerlichen Sonnenstrahlen wärmten mir den Kopf, während ich aus dem feuchten, gelben Sand vor mir eine prächtige Burg baute. Darin lebte eine bezaubernde Prinzessin mit goldenen Haaren und einem smaragdgrünen Gewand. Draußen lauerten böse, feuerspeiende Drachen, aber hinter den dicken Mauern meiner Burg war die Prinzessin vor ihnen sicher.

Plötzlich kam Hans angerannt, völlig außer Atem.

»Du rätst nie, was ich gerade gehört habe, Tilli!«, rief er. »Deutschland ist im Krieg!«

Verwirrt starrte ich ihn an. Ich wusste nicht genau, was Krieg überhaupt ist, hatte nur die vage Vorstellung, dass es etwas mit Soldaten und Waffen zu tun haben musste.

»Ehrlich?«, fragte ich. Ich war mir nicht sicher, ob ich ihm glauben sollte. Hans dachte sich manchmal Geschichten aus.

»Mein Cousin muss vielleicht auch in den Krieg«, sagte Hans. »Meine Tante sitzt zu Hause und weint sich die Augen aus.«

Das beunruhigte mich. Ich hatte noch nie einen Erwachsenen weinen sehen.

Hans rannte weiter, um die Neuigkeiten den anderen zu erzählen. Ich häufte weiter Sand auf meine Burg, um sie größer und stärker zu machen. Bald hatte ich Hans wieder vergessen.

Als der Kindergarten aus war, rannte ich über eine Wiese, bog in die Straße ein, in der ich wohnte, und legte den Rest des Wegs im kühlen Schatten unter den Kronen der Linden zurück, die sich darüber wölbten wie ein Regenbogen aus Hunderten winziger, herzförmiger Blätter. Ich lief zu unserem Tor und hüpfte durch den Blumengarten meiner Mutter ins Haus.

Wenn ich nachmittags aus dem Kindergarten kam, war meine Mutter meist in der Küche und bereitete das Abendessen vor. Sie begrüßte mich mit einer Umarmung und einem Kuss, und manchmal gab es auch eine kleine Leckerei für mich. Aber heute war sie nicht da. Der große Küchenherd war kalt, der lange Holztisch leer.

Ich rannte nach draußen auf den Hof und rief: »Mami! Mami!«

Eine rotgetigerte Katze huschte auf einen Baum. Wir hatten so viele, dass ich mir nicht die Mühe machte, ihnen Namen zu geben. Bello, unser riesiger Wachhund, kam schwanzwedelnd und mit heraushängender Zunge auf mich zu. Ich tätschelte ihm den bulligen Kopf. Meine Eltern waren nirgends zu sehen.

Ich ging zurück in die Küche. »Mami?«, rief ich in die Stille hinein.

Dann hörte ich Schritte; meine Mutter kam aus der guten Stube am hinteren Ende des Hauses, die wir sonst tagsüber nicht nutzten, gefolgt von ihrem Hund Fanni, der ihr auf Schritt und Tritt folgte.

»Hallo Tilli. Hattest du einen schönen Tag?«, sagte Mami und breitete die Arme aus.

»Wo bist du gewesen?«, fragte ich, umarmte sie und bückte mich, um Fanni zu streicheln.

»Ich habe Radio gehört.«

Jetzt hörte ich leise, krächzende Männerstimmen. Meine Eltern hatten im Wohnzimmer ein Radio, das aber nur abends eingeschaltet wurde, wenn Musik lief.

»Hitler, dieser Vollidiot!«, rief mein Vater aus dem Wohnzimmer. Dass mein Vater so früh zu Hause war und nicht auf dem Feld, war ungewöhnlich. Dass er über Hitler schimpfte, der Deutschland regierte, seit ich denken konnte, war nichts Neues. Mein Vater konnte Hitler nicht leiden und hielt mit seiner Meinung nicht hinter dem Berg. Meine Mutter wurde dann immer ganz nervös. »Nicht so laut!«, zischte sie und schaute über ihre Schulter, als erwartete sie, dass Hitler höchstpersönlich durch die Tür gestürmt kam, um ihn zu bestrafen.

Ich half meiner Mutter, den Tisch zu decken, und stellte die Teller fürs Abendessen auf den Tisch: für meine Eltern, für Wilhelm, unseren Knecht, der bei uns wohnte, für meine Brüder Heinz und Helmut, die elf und zwölf Jahre alt waren und zur Volksschule gingen, und für Paula, meine ältere Schwester, die fünfzehn war und nicht mehr zur Schule ging; und für mich, Tilli, fünf Jahre und jüngstes Mitglied der Familie Horn.

Meine Mutter summte leise ein Lied, das sie in letzter Zeit öfter sang: »Die Gedanken sind frei, wer kann sie erraten? Sie fliehen vorbei wie nächtliche Schatten.«

Sonnenstrahlen fielen durch die feinen Spitzengardinen am Fenster, brachen sich im Besteck und bildeten Prismen in feurigen Farben – Orange, Gelb und Rot –, die durch den Raum huschten und über das Gesicht meiner Mutter tanzten. Plötzlich fiel mir wieder ein, was Hans mir im Sandkasten erzählt hatte.

»Mami, Hans sagt, dass Deutschland im Krieg ist.«

Meine Mutter verstummte, legte den Pfannenwender weg und kniete sich mit ernstem Blick neben mich. »Manchmal haben die Leute ganz verrückte Ideen, Tilli. Sie glauben, sie können in ein anderes Land gehen und es sich einfach nehmen.«

Ich war verwirrt.

Meine Mutter versuchte es noch einmal. »Es stimmt, Deutschland ist im Krieg. Wir sind in Polen einmarschiert. Aber das ist bald wieder vorbei.«

»Hans sagt, sein Cousin muss vielleicht in den Krieg ziehen«, sagte ich. »Müssen Helmut, Heinz und Hugo auch in den Krieg ziehen?«

Hugo, mein dreizehnjähriger Bruder, war taub und lebte nicht bei uns. Er ging auf eine spezielle Schule in einer Stadt, die mehrere Stunden Zugfahrt entfernt lag, und kam nur an Feiertagen und in den Ferien nach Hause.

»Nein, um die Jungs müssen wir uns keine Sorgen machen«, sagte meine Mutter. »Sie sind noch zu jung, um in den Krieg zu ziehen. Und bis sie alt genug sind, ist der Krieg längst vorbei.«

Meine Mutter wandte sich wieder dem Herd zu, und ich ging ins Wohnzimmer. Zu meiner Überraschung war nicht nur mein Vater dort, sondern auch Wilhelm. Beide beugten sich über das Radio.

Ich wollte mich auf den Schoß meines Vaters setzen, aber der ließ es nicht zu. »Jetzt nicht!«, fuhr er mich an.

»Wir hören uns gerade wichtige Nachrichten an«, flüsterte Wilhelm mir sanfter zu.

Wilhelm war nicht nur unser Knecht, sondern auch mein Patenonkel. Zu meinem zweiten Geburtstag hatte er mir eine Puppe mit Puppenwagen geschenkt – das einzige Spielzeug, das ich besaß. Die Puppe war aus Porzellan, trug ein blauweißes Dirndl und hatte lange braune Haare wie meine und goldbraungefleckte Augen mit langen, echt wirkenden Wimpern. Ich hatte ihr den Namen Doris gegeben. Meine Mutter fand, Doris sei zu wertvoll, um sie anzufassen, geschweige denn, mit ihr zu spielen, und so lag sie immer in ihrem Kinderwagen in einer Ecke des Zimmers, das ich mir mit Paula teilte. Manchmal legte ich mich bäuchlings davor auf den Holzfußboden, überlegte, was Doris wohl dachte, und vertraute ihr meine Geheimnisse an. Paula lachte mich deswegen aus.

»Habt ihr es schon gehört?«, rief Helmut, der atemlos und mit gerötetem Gesicht ins Wohnzimmer platzte, das dicke, dunkle Haar stand ihm wirr vom Kopf ab. Heinz folgte ihm wie immer auf dem Fuße; obwohl er ein Jahr älter war als Helmut, war er mindestens einen Kopf kleiner und kam mit seinen kürzeren Beinen nicht so schnell hinterher. Meine Eltern hatten Heinz adoptiert, als er noch ein Baby war. Mit seinen lockigen, hellbraunen Haaren und dem schiefen Grinsen sah er keinem aus unserer Familie ähnlich, aber das war uns egal. Er war für mich nie etwas anderes gewesen als mein Bruder, genau wie Helmut; die beiden verbrachten jede freie Minute zusammen.

Zwischen meinen Brüdern, meinem Vater und Wilhelm entspann sich eine hitzige Diskussion. Ich bekam nur Bruchstücke der Unterhaltung mit, und das meiste davon verstand ich nicht: »… werden Polen einnehmen«, »… gehörte uns von Anfang an«, »… höchstens sechs Wochen …«, »Hitler, dieser Vollidiot!« Mein Vater sah wütend aus, Wilhelm und meine Brüder eher aufgeregt. Ich wusste nicht, was ich davon halten sollte. Zwar weinte niemand, aber der besorgte, angespannte Gesichtsausdruck meiner Mutter beunruhigte mich. Ich hatte das Gefühl, den Halt zu verlieren und der Boden unter meinen Füßen würde nachgeben wie trockener Sand.

2

Herbst 1939

Wie sich zeigte, waren meine Sorge und mein Unbehagen nicht unbegründet, denn nach Kriegsbeginn war plötzlich alles anders.

In den ersten Kriegsmonaten verbrachten alle – meine Eltern und Brüder, die Nachbarn – jede freie Minute damit, über den Krieg zu reden, die Kriegsberichterstattung im Radio zu hören und in der Zeitung zu lesen. Unser Nachbar Herr Pech, der Großvater meiner Freundin Lori, kam abends vorbei, um zusammen mit meinem Vater Radio zu hören. Beide verabscheuten Hitler und ließen eine Schimpftirade nach der anderen los, wenn die undeutlichen Stimmen im Radio die Nachrichten verkündeten.

»Hitler, dieser Esel!«, brüllte Herr Pech.

»Der Vollidiot!«, pflichtete mein Vater ihm bei.

Meine Mutter funkelte sie an und versuchte, sie zum Schweigen zu bringen, und wenn das nicht klappte, summte sie »Die Gedanken sind frei«, während sie den Boden fegte. Dabei spähte sie immer wieder ängstlich zum Fenster hinüber, als würde sie jemanden erwarten, obwohl ich mir nicht vorstellen konnte, wer uns an diesen kalten, nassen Herbstabenden besuchen kommen sollte, an denen die Sonne schon um vier Uhr nachmittags unterging, es in Strömen regnete und der stürmische Wind die strengen Radiostimmen manchmal in gespenstische Echos zerstreute.

Ich wurde kaum noch beachtet, und niemand erklärte mir, was los war. Es kam mir vor, als wären alle, die mir etwas bedeuteten, von einer dicken Mauer umgeben, und ich würde davorstehen, ohne zu wissen, welche schrecklichen, beängstigenden Dinge dahinter vorgingen, ohne etwas tun zu können.

Ich versuchte, mich abzulenken, indem ich an etwas anderes dachte, wie etwa an die glücklichen Kinder in meinen Bilderbüchern oder daran, wie weich sich Fannis Fell unter meinen Fingern anfühlte, wenn ich sie streichelte. Wenn ich nur ruhig abwartete, würde das Gerede über den Krieg schon irgendwann aufhören. Dann könnten wir all das vergessen, und meine Eltern würden nicht mehr ständig mit angespannter, unglücklicher Miene herumlaufen oder sich streiten. Unser Leben würde endlich wieder friedlich sein.

Die Einzige in meiner Familie, die sich keine allzu großen Sorgen über den Krieg zu machen schien, war meine Schwester Paula. Wenn sie nicht mit Hausarbeit beschäftigt war, ging sie zu ihren Treffen vom Bund Deutscher Mädel. Paula gefiel es dort. Sie und ihre Freundinnen trugen schicke Uniformen mit Krawatte, machten Waldwanderungen, sangen Lieder und halfen alten Menschen im Haushalt. Ich sprach nie mit ihr über den Krieg, weil wir sowieso kaum miteinander redeten. Wir teilten uns zwar ein Zimmer, aber sie war mit ihren fünfzehn Jahren für mich mehr wie eine Tante als eine Schwester – praktisch erwachsen. Ich war für sie nur ein dummes, nerviges kleines Kind.

Obwohl der Krieg angeblich bald vorbei sein sollte, beschloss meine Mutter, Essensvorräte anzulegen, nur für den Fall. Sie und Paula kochten mehr Obst und Gemüse ein als sonst, füllten Gläser mit Kirschen, Tomaten, Roter Bete und Steckrüben, glänzende Einmachgläser, die auf unserem Tisch aufgereiht standen wie Soldaten.

Ich hatte währenddessen nicht allzu viel zu tun. Ich war noch zu jung, um bei der Feldarbeit oder im Haushalt zu helfen. Wenn ich nicht im Kindergarten war, versteckte ich mich im Blumengarten, jagte hinter den Hofkatzen her oder besuchte Max und Moritz, unsere Pferde.

Manchmal spielte ich auch mit meiner besten Freundin Klara, die nebenan wohnte und deren Haus durch eine gemeinsame Mauer mit unserem verbunden war. Ihre Familie, die Oleniczaks, waren unsere besten Freunde; ihre Brüder unternahmen viel mit meinen Brüdern, und Paula war mit Klaras älteren Schwestern Trudi und Marie befreundet. Auch unsere Mütter standen sich sehr nahe. Klara und ich hatten am selben Tag Geburtstag, aber sie war zwei Jahre älter als ich. Sie musste öfter zu Hause helfen und hatte nicht so viel Zeit, wie ich es mir gewünscht hätte. Aber wann immer wir konnten, spielten wir Hüpfkästchen im Hof oder pflückten im Herbst die halbverwelkten Blumen von den braunen Stängeln.

Manchmal blieb ich zum Abendessen. Weil die Oleniczaks aus Polen kamen, gab es bei ihnen andere Gerichte als bei uns zu Hause, zum Beispiel Fruchtsuppe mit Klößen. Ich war gern bei Klaras Familie, nicht nur wegen des Essens. Es war eine willkommene Abwechslung, Zeit mit diesen sanftmütigen, ruhigen Menschen zu verbringen. In Klaras Familie wurde nie jemand laut, während bei mir zu Hause immer irgendwer – meist mein Vater – herumbrüllte, was mich verunsicherte und verstörte.

Eines Tages kurz nach Kriegsbeginn kam ein Wehrmachtsoffizier zu uns. Er trug eine Uniform und hatte ein offizielles Dokument dabei – einen Einberufungsbescheid für Wilhelm, dem nur zwei Tage Zeit blieben, sich zur Grundausbildung im knapp fünfzig Kilometer entfernten Rostock zu melden. Danach konnte er überallhin versetzt werden, wo die Armee ihn haben wollte.

Ich verstand anfangs nicht einmal, was »Einberufung« bedeutete. Als meine Brüder es mir erklärten, kam mir das Ganze schrecklich ungerecht vor: Wie konnte man einen Menschen dazu zwingen, Soldat zu werden und mit einem Gewehr auf andere Menschen zu schießen und sich der Gefahr auszusetzen, selbst erschossen zu werden, wenn er doch eigentlich nur Weizen säen und Kartoffeln ernten wollte? Als ich meinen Brüdern das sagte, lachten sie mich aus.

Wilhelm selbst sprach mit uns kaum darüber. Er war noch stiller als sonst, beklagte sich aber nicht oder schrie herum – anders als mein Vater, der natürlich wieder lautstark gegen Hitler wetterte, während meine Mutter versuchte, ihn zu beschwichtigen. Sie war an diesen beiden Tagen besonders nett zu Wilhelm. Sie erklärte uns, Wilhelms Eltern wohnten zu weit weg und könnten sich nicht persönlich von ihrem Sohn verabschieden.

An dem Tag, als Wilhelm abreisen musste, brachten wir ihn zusammen mit den Oleniczaks zu Fuß zum Bahnhof. Nachbarn traten ans Fenster oder in den Hof und riefen ihm etwas zu, wenn wir an ihnen vorbeikamen. Mehrere Leute rannten sogar zu ihm, umarmten ihn und wünschten ihm viel Glück.

Wilhelm wirkte überrascht über den warmherzigen Abschied. Einmal sah ich, wie er sich verstohlen mit dem Hemdsärmel über die Augen wischte. Er schenkte allen die Andeutung eines Lächelns und winkte unbeholfen.

Auf halbem Weg zum Bahnhof rannte ich zu Wilhelm und nahm seine große, raue Hand. Ich war überrascht, wie kalt sie sich anfühlte. Er sah mich ausdruckslos an, als wäre er schon ganz woanders, und einen kurzen Augenblick spürte ich seine Angst. Dann zwinkerte er mir zu und war wieder ganz der Alte. Er hob mich auf seine muskulösen, breiten Schultern, ich legte den Kopf auf sein lockiges blondes Haar, das schwach nach Laugenseife und Stroh roch, und ließ mich den restlichen Weg von ihm tragen. Am Bahnhof setzte Wilhelm mich wieder ab, und wir warteten alle zusammen mit ihm am Bahnsteig auf den Zug.

»Gott hält seine schützende Hand über dich«, flüsterte meine Mutter Wilhelm zu.

»Ich weiß, Frau Horn«, flüsterte er zurück. »Vielen Dank.«

Mir wurde erst jetzt richtig bewusst, dass er tatsächlich wegfahren würde, an einen schrecklichen Ort namens Krieg, und ich bekam große Angst.

Dann war der große, bedrohliche Zug auch schon da. Unter gewaltigem Getöse fuhr er in den Bahnhof ein und kam, quietschend und Rauch speiend, zum Stehen. Wir drängten uns um Wilhelm. Er umarmte uns zum Abschied, dann zog er sanft an einem meiner Zöpfe und lächelte mich mit traurigen Augen an.

»Sei schön brav, Tilli«, sagte er. »Ich komme bald wieder zurück.«

Ehe ich mich versah, hatte er sich umgedreht und war eingestiegen. Sekunden später tauchte er an einem der hinteren Fenster auf und winkte.

Ein Pfiff ertönte; der Zug fuhr an, glitt durch die Landschaft wie ein dunkler Baumstamm, der einen silbergrünen Fluss hinuntertrieb. Wir sahen ihm nach, bis er hinter einer Reihe von Feldern verschwand.

»Lieber Gott, bitte gib auf Wilhelm acht«, sagte meine Mutter. »Mach, dass ihm nichts zustößt.«

»Amen«, sagte Klaras Mutter.

Dann gingen wir nach Hause. Auf der Straße war es still. Das gezwungene Lächeln, das die Erwachsenen aufgesetzt hatten, um Wilhelm zu schonen, war verschwunden, und man konnte sehen, wie bestürzt sie eigentlich waren. Besonders meine Mutter.

In den nächsten Monaten wurden noch mehr junge Männer aus dem Dorf eingezogen. Klaras Brüder mussten alle drei am selben Tag fort, und es war schrecklich. Auch die beste Freundin meiner Mutter, Anna Theis, die vierzehn Kinder hatte, musste drei ihrer Söhne ziehen lassen.

Weil so viele Männer gehen mussten, war es inzwischen fast zu etwas Alltäglichem geworden. Die Dorfbewohner eilten nicht mehr nach draußen, um sich von ihnen zu verabschieden oder ihnen gute Wünsche zuzurufen, wie sie es bei Wilhelm getan hatten. Alle trösteten sich mit der Vorstellung, dass die eingezogenen Männer bald unversehrt nach Hause zurückkehren würden. Deutschland schlug sich bisher hervorragend, das wusste jeder. Der Krieg würde im Handumdrehen vorbei sein, und dann würden wir endlich wieder ein normales Leben führen.

3

Herbst – Winter 1939

Weihnachten war immer meine liebste Zeit im Jahr gewesen, vom Advent über den Sankt-Nikolaus-Tag bis hin zu den Weihnachtsfeiertagen selbst. Aber nach Kriegsbeginn war Weihnachten nicht mehr so wie früher. Bei all den vertrauten, geliebten Ritualen spürte man eine unterschwellige Traurigkeit und die Abwesenheit der Männer im Dorf.

Trotzdem pflegten wir unbeirrt unsere Weihnachtsbräuche. Paula und ich sammelten draußen Tannenzweige, die meine Mutter zu einem Adventskranz für den Esstisch band. Der ausgeblichene Adventskalender wurde hervorgeholt und in der Küche an die Wand gehängt, und ich durfte jeden Tag eines der kleinen Papptürchen öffnen, hinter denen sich Bilder verbargen – ein Glöckchen, ein Stern, einer der Heiligen Drei Könige –, während wir die Tage bis Weihnachten zählten.

Am 6. Dezember stellte ich meine geputzten Stiefel vorsichtig auf den matschigen Boden vor die Küchentür und hoffte, dass es nicht regnete und dass der Nikolaus der Meinung wäre, ich hätte eine Belohnung verdient.

Ich versuchte, nachts so lange wie möglich wach zu bleiben und darauf zu lauschen, wann der Nikolaus kam, aber irgendwann schlief ich doch ein, und dann war es plötzlich Morgen. Ich rannte im Nachthemd nach unten, öffnete die Tür, durch die mir ein Schwall eisiger Luft entgegenschlug, und holte meine kalten Lederstiefel ins Haus, in denen ich noch warme Plätzchen fand, Vögel mit gespreizten Flügeln. Ich lächelte. Der Nikolaus wusste, dass ich brav gewesen war.

Einige Soldaten bekamen an Weihnachten Fronturlaub, aber Wilhelm und die Oleniczak-Brüder gehörten nicht dazu. Ich konnte es kaum ertragen, den leeren Platz am Tisch zu sehen, wo Wilhelm sonst immer gesessen hatte, und fragte mich, ob er rechtzeitig zurückkommen werde. Es kam mir nicht richtig vor, ohne ihn zu feiern, schließlich war er immer dabei gewesen, hatte lauthals Weihnachtslieder gesungen und mit mir Verstecken gespielt. Er fehlte mir. Es fühlte sich an, als wäre er schon seit einer Ewigkeit fort. Wir hatten seitdem nichts mehr von ihm gehört, nicht mal eine Postkarte hatten wir bekommen.

Wenigstens mein Bruder Hugo konnte mit uns feiern. Er kam ein paar Tage vor Weihnachten an, nach stundenlanger Zugfahrt aus Ludwigslust, wo er bei einer Familie untergekommen war und eine Schule für Gehörlose besuchte. Ich wünschte mir, Hugo könnte uns öfter besuchen. Er war groß, sah gut aus, hatte dunkle, gewellte Haare, ein strahlendes Lächeln und blaue Augen, mit denen er mich immer ganz eindringlich anschaute, wenn ich mit ihm sprach. Hugo konnte verstehen, was man sagte, indem er es von den Lippen ablas. Er hatte sogar gelernt zu sprechen, auch wenn seine Stimme eigenartig klang und ich Mühe hatte, ihn zu verstehen. Mein Vater war der Meinung, Hugo solle Gebärdensprache lernen, aber Hitler hatte sie verboten. Mein Vater sagte, das liege daran, dass Hitler alle Menschen hasse, die anders waren.

Als Hugo nach Hause kam, sah meine Mutter so glücklich aus wie seit Kriegsausbruch nicht mehr. Sie sang Weihnachtslieder und redete nicht mehr über den Krieg; ich fragte mich, ob sie ihn wirklich vergessen hatte oder nur so tat.

Ein paar Tage vor Weihnachten kamen einige Freundinnen meiner Mutter mit ihren Kindern zum alljährlichen Plätzchenbacken zu uns. Das war einer meiner liebsten Weihnachtsbräuche: Die Küche war so überfüllt, dass wir kaum alle darin Platz fanden, der große Ofen brannte von morgens bis abends und machte es überall im Haus schön warm, und der Duft von Hefe, Zucker, Zimt und Ingwer lag in der Luft. Die Frauen schwatzten und lachten, sangen Weihnachtslieder, und manchmal, wenn sie sich unbeobachtet fühlten, tuschelten sie leise miteinander. Wenn sie unsere Blicke bemerkten, lächelten sie und ließen uns heiße, abgebrochene Stücke von Plätzchen stibitzen.

Endlich war es Heiligabend. Ich zog mein gutes Kleid an und ging mit meinen Brüdern und Paula zur Kirche in Boddin, die etwa eine Dreiviertelstunde von unserem Haus in Dölitz entfernt war und die wir jeden Sonntag mit meiner Mutter besuchten. Mein Vater kam nicht mit. Er gehörte der freikirchlichen Gemeinde der Siebenten-Tags-Adventisten an, die sich samstags zum Gottesdienst versammelte, ein ständiger Streitpunkt zwischen meinen Eltern. Ich konnte nicht verstehen, warum er nicht mit uns in die wunderschöne evangelisch-lutherische Kirche ging, die über tausend Jahre alt war, mit Holzschnitzereien, riesigen Buntglasfenstern und einem Kirchturm, der die höchsten Tannen überragte. Ich fühlte mich dort immer so friedlich, aber an Heiligabend fiel mir das Stillsitzen schwer – ich konnte es kaum erwarten, nach Hause zu kommen, um zu sehen, was meine Mutter für uns gekocht hatte, und die Geschenke auszupacken. Meine Brüder zappelten ebenfalls herum, und Paula, die als Älteste für uns verantwortlich war, warf uns böse Blicke zu.

Endlich entließ uns der Pastor. Wir eilten nach Hause, stürmten in die Küche, und da war er: der Duft des Weihnachtsessens meiner Mutter. Ein köstlicher Geruch nach Gans, Zwiebeln, Äpfeln und frischgebackenem Brot schlug uns entgegen, als wir aus der feuchten Kälte, in der sich Schneeflocken in unseren Haaren sammelten, hereinkamen.

Meine Mutter erwartete uns schon. Sie wischte sich die Hände an der fleckigen Schürze ab und strich ihre braunen Strähnen unter das Kopftuch zurück. »Frohe Weihnachten«, sagte sie zu uns, und ihr warmherziges Gesicht strahlte vor Liebe.

Sie drehte sich um und ging ins Wohnzimmer. Wir folgten ihr, begierig, den Baum zu sehen.

Vor der Kirche waren meine Brüder und mein Vater in den Wald gegangen und hatten eine Fichte gefällt, sie nach Hause geschleppt und, noch ganz schief, schmucklos und nackt, in einer Ecke aufgestellt. Jetzt war sie wie verwandelt. Die Flammen der Kerzen leuchteten hell auf den Zweigen, an denen mit Gold- und Silberfarbe bemalte Walnüsse neben roten und gelben Äpfeln hingen. Ein glänzender Stern prangte auf der Spitze. Ich erhaschte einen Blick auf die Päckchen unter dem Baum. Die Geschenke des Christkinds, dachte ich aufgeregt.

Ich stellte mir immer vor, wie es mit seinem Heiligenschein inmitten von Sternen schwebte und mit einem heiteren Lächeln auf die winzigen Dörfer und größeren Städte herabblickte, die es alle irgendwie innerhalb einer Nacht besuchen würde.

Ich wollte sofort zum Baum laufen, aber meine Mutter drohte mir mit dem Finger. »Noch nicht!«, sagte sie. »Erst wird gegessen.«

Wir setzten uns an den Esstisch, wo mein Vater schon auf uns wartete. Alle Kerzen auf dem Adventskranz brannten, eine bestickte Tischdecke zierte den Tisch. Das gute Geschirr wurde erst am ersten Weihnachtsfeiertag benutzt, und so hatte meine Mutter den Tisch mit dem Alltagsgeschirr gedeckt. Aber der Kerzenschein, der sich darin spiegelte, verlieh an diesem Tag allem in unserem kleinen alten Haus einen Hauch von Glanz und Magie. Obwohl wir in den Augen der meisten keine reiche Familie waren, speisten wir an diesem und den beiden folgenden Tagen wie die Könige. Ich schlang die weichen, mit Äpfeln und Zwiebeln gefüllten Hefeknödel und den heißen Eintopf aus Gänseinnereien und Kartoffeln hinunter, und alles schmeckte mild, würzig und köstlich.

Nach dem Abendessen versammelten wir uns um unsere Mutter, die in einem Schaukelstuhl neben dem Baum Platz genommen hatte. Sie schlug die alte schwarze Bibel auf ihrem Schoß auf und las uns die Weihnachtsgeschichte vor. Dann fiel ihr Blick auf die Päckchen unter dem Baum.

»Du liebe Zeit! Das Christkind war ja schon da«, rief sie in gespieltem Erstaunen aus, beugte sich vor und nahm ein Paar cremefarbene Socken. »Seht mal, was es für Tilli dagelassen hat«, sagte sie und reichte mir die Socken mit einem Lächeln. So gab sie allen ihre Geschenke, außer sich selbst. Neue Schreibhefte für meine Brüder, eine Schürze für Paula, ein Glas Johannisbeermarmelade für meinen Vater – das alles wäre von reicheren Familien wohl als bescheiden angesehen worden, aber für mich war es perfekt.

Nachdem alle Geschenke verteilt waren, holte Helmut sein Akkordeon. Es war Zeit zu singen: Weihnachtslieder, Kirchenlieder, Volkslieder, wonach auch immer uns der Sinn stand. Der schreckliche, beängstigende Krieg war vergessen und rückte für ein paar Stunden in weite Ferne. Die Kerzen auf dem Baum leuchteten, und während um mich herum fröhliche Musik erklang, hatte ich das Gefühl, in einen Kokon aus Liebe, Geborgenheit und reinem Glück eingebettet zu sein.

Drei Wochen waren seit Weihnachten vergangen, als ich vom Kindergarten nach Hause kam und sah, wie ein fremder Wehrmachtsoffizier unser Haus verließ. Er hatte ein langes, strenges Gesicht und ging an mir vorbei, ohne mich zu bemerken, geschweige denn zu lächeln.

Ich kam in die Küche und war geschockt. Meine Mutter saß mit gefalteten Händen und gesenktem Kopf am Tisch und schaute auf, als sie mich kommen hörte. Tränen standen ihr in den Augen, ihr Kinn bebte, ihre Wangen waren gerötet.

Ich hatte meine Mutter noch nie weinen sehen.

»Oh, Tilli«, sagte sie, und es klang halb wie ein Flüstern, halb wie ein Schluchzen. »Hol deinen Vater. Geh, und such deine Brüder und Paula.«

Ich rannte in den kalten, rutschigen Stall und rief alle zusammen.

Als jeder da war, zog meine Mutter mich auf ihren Schoß und verkündete uns die schreckliche Nachricht.

Wir hielten einander in den Armen, dann rannte ich nach oben und holte Doris aus ihrem Kinderwagen, obwohl ich sie ja eigentlich nicht anfassen durfte. Ich legte mich mit ihr aufs Bett, presste sie an mich und strich ihr über das seidige Haar.

Dann erzählte ich ihr, was meine Mutter uns erzählt hatte.

Mein Patenonkel Wilhelm würde nicht mehr nach Dölitz zurückkommen. Nie wieder.

Er war in Polen gefallen.

4

Januar – März 1940

Vor dem Krieg bedeutete Winter, mehr Zeit mit meiner Familie zu verbringen. Im übrigen Jahr waren sie mit Feldarbeit beschäftigt. Unsere Felder lagen mehrere Kilometer von unserem Haus entfernt, und im Frühling, Sommer und Herbst gingen meine Eltern zusammen mit meinen Brüder und Paula ständig hin und her, so dass sie fast nie zu Hause waren. Anders im Winter. Dann konnten meine Brüder und ich stundenlang auf dem zugefrorenen Teich im Park schlittern, rodeln oder uns einfach nur unterhalten. Auch meine Mutter hatte weniger zu tun; sie musste zum Melken nicht mehr auf die Weide gehen, denn die Kühe blieben im Stall, und sie brauchte sich bis zum Frühling auch nicht mehr um den Gemüse- und Blumengarten zu kümmern. Stattdessen verbrachte sie ihre Zeit mit Nähen und Stricken. Und wenn sie in der Küche oder im Wohnzimmer saß, konnte ich Zeit mit ihr verbringen und ihr erzählen, was mich beschäftigte.

Aber jetzt hatte niemand Zeit für mich, obwohl es Winter war. Nach Weihnachten redeten wieder alle nur über den Krieg. Auch andere Familien hatten schreckliche Nachrichten von todernsten Wehrmachtsoffizieren bekommen. Wilhelm war nicht der einzige Mann aus Dölitz, der gefallen war, er war nur der erste. Andere Männer kamen ohne Arm oder Bein nach Hause und starrten mit blassen, ausgezehrten Gesichtern und schreckgeweiteten Augen ins Leere.

Ich hatte das Gefühl, als verschlinge der Krieg jeden Tag ein größeres Stück unseres Lebens, wie eine Kletterpflanze, die sich um einen Baum schlang.

Meine Mutter ging zu speziellen NSDAP-Frauenschaftstreffen im Dölitzer Gutshaus, das in einem Park lag. Das Gut und die dazugehörigen Ländereien hatten früher einem reichen Mann gehört, aber nach seinem Tod war das Land in achtundsiebzig Parzellen aufgesiedelt worden. Eine davon hatten meine Eltern noch vor meiner Geburt gekauft und sie seitdem bewirtschaftet. Das Gutshaus mit seinen glänzenden Parkettfußböden und den funkelnden Kronleuchtern stand jedoch noch und wurde jetzt von den Dölitzern für Bürgerversammlungen, Hochzeiten und andere Anlässe genutzt. Ich spähte gern durch die Fenster, wenn ich im Park spielte, und stellte mir vor, dass ich eines Tages selbst in so einem vornehmen Haus wohnen würde.

Mein Vater wollte nicht, dass meine Mutter zu den Treffen ging. »Alles für den Führer, wie?«, sagte er. »Du wirst doch wohl jetzt nicht eine von denen, oder?«

Meine Mutter zuckte die Schultern und ignorierte ihn. Meine Eltern stritten sich in letzter Zeit immer häufiger, als hätte der Krieg mit seiner Anspannung und seinem Hass sie irgendwie infiziert und sie immer gereizter gemacht. Nicht, dass sie vorher sehr liebevoll miteinander umgegangen wären, aber der Krieg hatte es noch schlimmer gemacht.

»Ich muss das tun, Heinrich, und das weißt du auch«, antwortete sie. »Denk an deine Familie, an deine Kinder.«

Ich verstand nicht, warum mein Vater so böse auf meine Mutter war, weil sie zu den Treffen ging. Oft brachte sie Teller mit übriggebliebenen Plätzchen und anderen Süßigkeiten mit. Sie erzählte uns von den Dingen, die sie bei den Treffen über das Kochen gelernt hatte – wie man das Essen streckt, damit mehr Leute davon satt werden –, und dass die Gruppe vorhatte, gebrauchte Kleidung an Bedürftige in den Nachbardörfern zu verteilen. Das schien mir nichts Schlechtes zu sein.

Einmal kam sie nach einem Treffen mit einem matten Metallkreuz zurück, das sie an einer Kette um den Hals trug.

»Was ist denn das?«, fragte ich und berührte das Kreuz, das sich glatt und schwer anfühlte.

»Ach, das …«, sagte meine Mutter und verzog das Gesicht. »Es ist ein Mutterkreuz. Das wird einem von Hitler verliehen. Es bedeutet, dass ich eine gute Mutter bin, weil ich so viele Kinder habe.« Sie lachte, nahm die Kette ab und steckte sie in ihre Schürzentasche. Von nun an trug sie sie nur noch bei den Frauenschaftstreffen.

Eines Abends brachte sie ein großes, in Zeitungspapier eingewickeltes Paket von einem der Treffen mit. Mein Vater kam aus dem Wohnzimmer und schaute ihr über die Schulter, als sie es auspackte. Plötzlich schrie er auf wie von einer Tarantel gestochen.

Meine Mutter ignorierte ihn. »Schaut mal«, sagte sie und hielt ein gerahmtes Bild hoch. Es zeigte ein blauäugiges Mädchen in einem geblümten Dirndl, etwas älter als ich, das die blonden Haare zu einem dicken Zopf geflochten hatte, den sie um den Kopf gewunden trug wie einen Heiligenschein. Scheu lächelnd blickte es zu einem Mann auf, der direkt hinter ihr stand und der mir bekannt vorkam. Er hatte einen kleinen schwarzen Schnurrbart, trug eine Uniform und sah sehr streng aus.

»Wie kannst du es wagen, so etwas ins Haus zu bringen!«, schrie mein Vater.

Meine Mutter unterhielt sich weiter mit uns Kindern, als wäre nichts gewesen. »Das müssen wir jetzt aufhängen«, sagte sie.

»Hitler?«, hauchte Paula, und ihr Blick huschte zwischen dem Bild und dem rot anlaufenden Gesicht meines Vaters hin und her.

»Ich fürchte, ja«, sagte meine Mutter. »Wir müssen das Bild bei uns im Haus aufhängen. So schreibt es das Gesetz vor.«

Das also war Hitler. Er sah nicht besonders nett aus, aber auch nicht besonders böse. Eher irgendwie langweilig. Aber das kleine Mädchen war hübsch.

Mein Vater ging vor dem Ofen auf und ab. Ich beobachtete ihn nervös. Schließlich knallte er seine Kaffeetasse auf den Tisch und nahm seinen Mantel vom Haken. »Dieses Ding ist besser verschwunden, wenn ich wieder hier bin«, schrie er meine Mutter an und deutete auf das Bild.

»Ist dir denn nicht klar, dass wir keine Wahl haben?«, fragte sie leise. Sie streckte die Hand aus, griff nach seinem Arm. Er ignorierte sie und stürmte zur Tür hinaus. Schweigend starrten wir das Bild auf dem Tisch an.

»Ich habe extra das netteste ausgesucht«, sagte sie leise zu uns. »Euer Vater will einfach nicht begreifen, worum es hier geht. In den Dörfern gelten jetzt dieselben Gesetze wie in den Städten, und sie sagen, wir müssen alle ein Bild im Haus haben, sonst …«

Helmut half ihr, das Bild im Wohnzimmer aufzuhängen. Dann gingen wir ins Bett.

Nachts wurde ich vom Geschrei meiner Eltern geweckt. Ich hörte ihre Stimmen von unten, konnte aber nicht verstehen, was sie sagten.

»Paula?«, flüsterte ich.

Meine Schwester lag neben mir im Bett. Fahles Mondlicht fiel durch das Fenster ins Zimmer. Ich konnte ihr Gesicht sehen, aber nicht erkennen, ob sie wach war.

Das Geschrei ging weiter. Zitternd zog ich die Daunendecke eng um mich, machte mich ganz klein.

Irgendwann schlief ich wieder ein. Am nächsten Morgen war das Hitlerbild verschwunden. Nur das kleine schwarze Loch, in dem der Nagel gesteckt hatte, war noch zu sehen.

Beim nächsten Frauenschaftstreffen blieb meine Mutter zu Hause.

»Eigentlich gefällt mir die Gruppe doch nicht so gut«, sagte sie. »Das ist einfach nichts für mich.«

Ich war ein bisschen traurig, weil meine Mutter immer gerne zu den Treffen gegangen war und ich die übriggebliebenen Plätzchen so gerne mochte.

Meine Mutter verpasste noch zwei weitere Treffen. Dann, eines Nachmittags, als ich aus dem Kindergarten nach Hause kam, hörte ich ein Hämmern aus dem Haus. Im Wohnzimmer sah ich meine Mutter, einen Hammer in der Hand, mit entschlossener Miene von einem Stuhl steigen. Das Hitlerbild hing wieder an der Wand.

Meine Mutter hörte mich nicht kommen. Sie sah das Bild einen Moment lang an, schüttelte den Kopf, seufzte und sang wieder dieses Lied: »Die Gedanken sind frei, wer kann sie erraten?«

In jener Nacht stritten sich meine Eltern wieder, diesmal noch lauter. Ich konnte nicht schlafen, stand auf und setzte mich auf den Treppenabsatz, um zu lauschen.

»Die bluffen doch nur«, sagte mein Vater. »So halten sie die Schwachen unter Kontrolle. Mit Bluffs und Lügen.«

»Und was, wenn sie nicht bluffen?«, sagte meine Mutter. »Dann sterilisieren sie Hugo, kastrieren ihn – willst du das etwa? Ich lasse es jedenfalls nicht zu! Egal, was ich dafür tun muss. Egal, welches dumme Bild wir uns an die Wand hängen müssen, egal, welcher albernen Gruppe ich beitreten muss!«

Meine Mutter weinte. Ich huschte zurück ins Bett und presste mir das Kissen aufs Ohr, verwirrt und verängstigt. Nichts von alldem ergab für mich einen Sinn. Warum konnte nicht endlich alles wieder normal sein?

Diesmal überstand das Hitlerbild die Nacht. Als ich am nächsten Morgen daran vorbeikam, fühlte ich mich beobachtet, als starrte mich Hitler mit einer neuen Bösartigkeit im Blick an.

Später am Tag erzählte mir Paula, die NSDAP habe gedroht, Hugo schreckliche Dinge anzutun, weil er taub war. Hitler fand Taubheit so schlimm, dass sie nicht weitervererbt werden sollte. Die Nazis wollten, dass Hugo sich einer Operation unterzog, nach der er nie eigene Kinder bekommen konnte. Meine Mutter versuchte, ihnen zu erklären, dass Hugo nicht taub geboren war, sondern mit zwei Monaten eine Ohrentzündung bekommen hatte und seine Taubheit deshalb gar nicht vererbt werden konnte. Aber es half nichts. Sie bestanden darauf. Wenn meine Mutter Hugo retten wollte, musste sie Nationalsozialistin werden. Und genau das tat sie.

5

März 1940 – April 1941

Trotz des Krieges ging die Schule weiter wie immer. Ich kam ab März mit Beginn des neuen Schuljahres in die erste Klasse und begleitete Klara und ihre Schwestern in das fensterlose, aus nur einem Raum bestehende Gebäude, das alle Kinder im Alter zwischen fünf und fünfzehn von Montag bis Samstag besuchten.

Anders als meine Brüder, die die Schule hassten, liebte ich sie von Anfang an. An meinem ersten Tag gab meine Mutter mir meine Schultüte mit, die mit Süßigkeiten, Zuckerplätzchen und Rosinen gefüllt war, und ich trug sie stolz in das Klassenzimmer, wo ich meinen Lehrer Herrn Schlorff kennenlernte und mein eigenes Schulpult in der ersten Reihe bei den anderen Erstklässlern bekam. Die hölzerne Tischplatte war mit den eingeritzten Initialen von Schülern übersät, die vor mir hier zur Schule gegangen waren. Ich stellte meinen zerschlissenen braunen Schulranzen und die Schiefertafel mit dem kleinen Schwamm, die beide früher Paula gehört hatten, unter den Tisch.

Ich mochte Herrn Schlorff, den die älteren Jungs in den hinteren Reihen Herrn Warzki nannten, weil er eine riesige, pilzförmige Warze auf dem fast kahlen, eierförmigen Schädel hatte. Herr Schlorff war geduldig und nett, vielleicht sogar zu nett – ich war überrascht, welche Frechheiten er den älteren Jungen durchgehen ließ.

Aber am meisten Spaß machte mir das Lernen, vor allem das Lesen: zu begreifen, wie aus Buchstaben Laute, aus Lauten Wörter und aus Wörtern Geschichten wurden – Geschichten über faszinierende Menschen, Orte und Abenteuer. Alles, was ich neu lernte, begeisterte mich, wie etwa meinen Namen zu schreiben oder Zahlenreihen zu addieren. Aber ich entzifferte besonders gern neue Wörter, weil das bedeutete, dass ich noch mehr von dem verstand, was in den Lesebüchern passierte, die ich mir von Herrn Schlorff lieh.

Es dauerte nicht lange, und ich war den anderen Erstklässlern in unserer Fibel weit voraus. Ich konnte sogar schon Klaras Bücher lesen, und sie war in der dritten Klasse.

Im Juni, als mein erstes Schuljahr endete, sagte Herr Schlorff zu meiner Mutter, sie solle überlegen, mich für den Rest meiner schulischen Ausbildung nach Gnoien zu schicken. Er sagte, ich sei zu klug, um in seiner Schule meine Zeit zu verschwenden.

Meine Mutter war stolz auf mich, aber mein Vater hielt es für überflüssig, dass ich woanders zur Schule gehen sollte.

»Sie heiratet doch sowieso einen Bauern«, sagte er beim Abendessen und deutete mit der Gabel in meine Richtung, ohne mich anzusehen. »Wozu die Mühe? Am Ende hält sie sich nur für was Besseres.«

»Sie ist was Besseres – zumindest besser, als du denkst«, fuhr meine Mutter ihn an. Dann sah sie mich an, und ein Schatten legte sich über ihre Augen, als wäre ihr gerade erst bewusst geworden, dass ich zuhörte. »Entschuldige, Tillilein«, murmelte sie. »Mach dir keine Sorgen. Alles wird gut.«

Aber ich hatte Angst. Ich wollte nicht die Schule wechseln, ich hatte mich doch gerade erst an meine jetzige gewöhnt. Ich wollte meine Freunde, Herrn Schlorff und alles, was mir vertraut war, nicht hinter mir lassen und ganz allein nach Gnoien gehen, was einen vier Kilometer langen Fußmarsch bedeutete. Gnoien war größer als Dölitz, und ich war noch nicht oft dort gewesen. Der Weg war mir fremd, und ich kannte dort niemanden in meinem Alter. Und was, wenn Herr Schlorff sich in mir getäuscht hatte – was, wenn ich in Wirklichkeit dumm war und nicht mithalten konnte? Was, wenn ich versagte?

»Ich will nicht in Gnoien zur Schule gehen, Mami«, sagte ich eines Tages zu meiner Mutter, als wir allein in der Küche waren.

Sie hörte auf, Brotteig zu kneten, und sah mich mit großen Augen an; Mehl hatte sich in den feinen Falten auf ihrer Stirn gesammelt.

»Was? Wieso nicht?«

Ich zuckte die Achseln und schwieg.

»Wieso nicht?«, bohrte sie nach.

»Na ja«, sagte ich und zögerte. »Ich kenne den Weg ja gar nicht.«

»Mach dir darüber keine Gedanken«, antwortete sie und knetete weiter den Teig. »Du bekommst ein neues Fahrrad. Ich habe gestern die Rationierungsmarke erhalten. Der Bürgermeister hat das Ganze abgesegnet. Wir holen es nächste Woche im Laden in Gnoien ab, und dann gehen wir auch gleich bei der Schule vorbei. Dann siehst du, wo sie ist, und alles fühlt sich schon nicht mehr so fremd an. Abgemacht?«

»Aber …«, sagte ich. »Was ist mit Klara? Sie wird mir fehlen. Und ich habe dort gar keine Freunde.«

Meine Mutter hielt erneut inne und nahm mich in den Arm. »Ach, da liegt der Hund begraben. Mach dir darüber keine Sorgen. ...

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