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Das Mädchen, das den Himmel berührte

Inhalt

  1. Cover
  2. Über den Autor
  3. Titel
  4. Impressum
  5. Widmung
  6. Zitat
  7. ERSTER TEIL - IM JAHRE DES HERRN 1515
  8. 1
  9. 2
  10. 3
  11. 4
  12. 5
  13. 6
  14. 7
  15. 8
  16. 9
  17. 10
  18. 11
  19. 12
  20. 13
  21. 14
  22. 15
  23. 16
  24. 17
  25. 18
  26. 19
  27. 20
  28. 21
  29. 22
  30. 23
  31. 24
  32. 25
  33. 26
  34. 27
  35. 28
  36. 29
  37. 30
  38. 31
  39. 32
  40. 33
  41. 34
  42. 35
  1. ZWEITER TEIL
  2. 36
  3. 37
  4. 38
  5. 39
  6. 40
  7. 41
  8. 42
  9. 43
  10. 44
  11. 45
  12. 46
  13. 47
  14. 48
  15. 49
  16. 50
  17. 51
  18. 52
  19. 53
  20. 54
  21. 55
  22. 56
  23. 57
  24. 58
  25. 59
  26. 60
  27. 61
  28. 62
  29. 63
  30. 64
  31. 65
  32. 66
  33. 67
  34. 68
  1. DRITTER TEIL
  2. 69
  3. 70
  4. 71
  5. 72
  6. 73
  7. 74
  8. 75
  9. 76
  10. 77
  11. 78
  12. 79
  13. 80
  14. 81
  15. 82
  16. 83
  17. 84
  18. 85
  19. 86
  20. 87
  21. 88
  22. 89
  23. 90
  24. 91
  25. 92
  1. Anmerkung des Autors
  2. Danksagung
  3. Leseprobe »Als das Leben unsere Träume fand«

Über den Autor

Luca Di Fulvio, geb. 1957, lebt und arbeitet als freier Schriftsteller in Rom. Bevor er sich dem Schreiben widmete, studierte er Dramaturgie bei Andrea Camilleri an der Accademia Nazionale d’Arte Drammatica Silvio D’Amico. Sein voriger Roman DER JUNGE, DER TRÄUME SCHENKTE stand monatelang auf den ersten Plätzen der SPIEGEL-Bestsellerliste.

Luca Di Fulvio

DAS MÄDCHEN,
DAS DEN HIMMEL
BERÜHRTE

Roman

Aus dem Italienischen von
Katharina Schmidt und Barbara Neeb

Wenn ich mit Menschen- und mit Engelszungen redete, und hätte der Liebe nicht, so wäre ich ein tönend Erz oder eine klingende Schelle. Und wenn ich weissagen könnte und wüsste alle Geheimnisse und alle Erkenntnis und hätte allen Glauben, also dass ich Berge versetzte, und hätte der Liebe nicht, so wäre ich nichts.

1. Korinther, Kapitel 13

ERSTER TEIL

IM JAHRE DES HERRN 1515

Rom – Narni – Zentralapennin – Adriatisches Meer – Po-Delta – Adria – Mestre – Venedig – Rimini

1

Der Dreckkarren, der im Stadtbezirk Sant’Angelo gemeinhin etwas derber »Scheißekarren« genannt wurde, kam einmal die Woche vorbei. Und zwar immer montags.

An diesem Montag schob sich der Dreckkarren nach fünf Tagen ununterbrochenen Regens nur mühsam durch die enge Gasse Vico della Pescheria, ab und an schrappten die Naben der Räder an den Hauswänden entlang. Die sechs Sträflinge, die am Geschirr des Karrens angekettet waren, versanken bis zu den Knöcheln im Schlamm und stöhnten vor Anstrengung, wenn sie wieder einmal die Räder aus tiefen Löchern in der Straße herauswuchten mussten. Ihre dicken, zerrissenen Hosen aus schlechter Wolle waren bis über die Leisten verdreckt. Vor dem Karren gingen zwei weitere mit Ketten aneinandergefesselte Sträflinge, deren Aufgabe es war, die mit Abfällen und Exkrementen gefüllten Eimer vor den Haustüren oder in den Innenhöfen einzusammeln und sie in den riesigen Bottich auf der Ladefläche des Karrens zu entleeren. Die acht Sträflinge wurden von vier Soldaten überwacht, je zwei gingen vor und zwei hinter ihnen.

Hinter dem Karren hatte sich eine kleine, bunt gemischte Menschenmenge angestaut, mehr Fremde als Einheimische, was in der Heiligen Stadt keine Seltenheit war: zwei deutsche Gelehrte mit schweren Büchern unterm Arm, drei Nonnen, die mit gesenkten Köpfen voranschritten, wobei die Spitzen ihrer mächtigen Hauben sich nach oben wölbten, ein Sarazene mit einer Haut so dunkel wie geröstete Haselnüsse, und zwei spanische Soldaten. Letztere trugen die typischen Beinkleider in den Landesfarben, ein Hosenbein gelb und das andere rot, und sie hielten die Augen beim Laufen halb geschlossen, damit sich ihre Kopfschmerzen nach der durchzechten Nacht nicht noch verschlimmerten. Sie bangten, dass sie noch rechtzeitig in ihr Quartier kämen, um nicht als fahnenflüchtig zu gelten. Unter der Menge war sogar ein Inder mit Turban, der ein laut brüllendes Kamel hinter sich herzerrte und vermutlich zu dem Zirkus am anderen Tiberufer wollte, sowie ein jüdischer Kaufmann, den man an seinem vom Gesetz vorgeschriebenen gelben Hut erkannte. Und allen stand derselbe angeekelte Ausdruck im Gesicht wegen des Gestanks, der sogar noch zunahm, je mehr sie sich der Piazza Sant’Angelo in Pescheria näherten, denn nun gesellten sich zu den Ausdünstungen des Dreckkarrens noch die der Abfälle des Fischmarkts, die seit sechs Tagen auf dem Boden vor sich hin faulten.

Als sie endlich den Platz erreicht hatten, überholte die angestaute Menge den Karren, und die Leute zerstreuten sich in dem Menschengewühl auf dem Platz vor der Kirche Sant’Angelo in Pescheria.

Auch der Kaufmann, sein Name war Shimon Baruch, beschleunigte seinen Schritt und blickte sich ständig ängstlich um. Er hatte soeben auf dem nahegelegenen Seilmarkt mit dem Verkauf einer großen Partie geflochtener Taue, die vor Kurzem per Schiff im Stadthafen Ripa Grande eingetroffen war, ein ausgezeichnetes Geschäft abgeschlossen und dafür statt der üblichen Kreditbriefe die gesamte Summe in bar erhalten. So lief er nun gebückt vorwärts und zog den Mantel mit beiden Händen fest um sich, aus lauter Sorge, dass ihm der Beutel voller Münzen an seinem Gürtel in den Straßen Roms abhanden käme.

Shimon Baruch fiel ein Würdenträger aus irgendeinem exotischen Land ins Auge, der einen mächtigen gezwirbelten Schnurrbart trug und von zwei riesigen dunkelhäutigen Männern eskortiert wurde, an deren Seiten prächtig verzierte Säbel mit Griffen aus Elfenbein baumelten. Er bemerkte außerdem einige Gaukler mit olivfarbener Haut, wahrscheinlich Makedonier oder Albaner, dann ein Grüppchen alter Männer, die auf Korbstühlen vor ihren Behausungen saßen und in einer Holzkiste auf dem Boden würfelten, und schließlich drei arme Frauen, die um die Marmortheken der Fischverkäufer strichen, obwohl dort nur mehr wenige Weidenkörbe mit Makrelen aus Fiumicino und Süßwasserbarschen aus dem Braccianosee standen. Die Frauen wühlten in den Abfällen auf dem Boden, auf der Suche nach dem Kopf oder Schwanz eines Fisches, mit dem sie ihrer Suppe aus Wildkräutern ein wenig Würze verleihen konnten, denn mehr würden sie am Abend nicht auf den Tisch bringen. Zwei von ihnen waren um die vierzig, und ihre fest zusammengepressten Lippen waren augenfällig gekräuselt, was darauf hindeutete, dass ihnen bereits viele Zähne im Kiefer fehlten. Die dritte dagegen war sehr jung, fast noch ein Mädchen. Sie hatte dunkelrotes Haar und eine Haut, die unter einer dicken Schmutzschicht alabasterweiße Zartheit vermuten ließ. Shimon Baruch musste bei ihrem Anblick an die Erzählung von Susanna im Buche des Propheten Daniel denken, die von den beiden alten Richtern bedrängt wurde.

»Haut ab, ihr Schlampen, sonst schmeiße ich euch auch noch in den Bottich«, rief einer der Sträflinge vom Dreckkarren und machte mit der Schaufel in der Hand ein paar Schritte auf die Fischabfälle zu. Die Soldaten lachten laut und bedeuteten den Frauen, dass sie sich entfernen sollten.

Shimon Baruch eilte mit gesenktem Kopf auf das Marcellustheater zu, dort würde er endlich sein Geld in Sicherheit wissen. Doch dann wandte er sich noch einmal um, um einen letzten Blick auf das hübsche Mädchen mit dem Kupferhaar zu werfen. Dabei bemerkte er, wie sie zu einem zerlumpten kleinen Jungen mit einer ungesund gelblichen Gesichtsfarbe hinübersah, dessen lange Haare so schmutzig waren, dass sie am Kopf klebten. Er saß etwas abseits bei den Ruinen des Portikus der Octavia und warf mit Steinen nach einer Brennnesseln und Glaskraut fressenden Ziege. Einen Moment lang kam es Shimon Baruch so vor, als habe er den Jungen schon einmal gesehen, vielleicht sogar an diesem Morgen auf dem Seilmarkt. Als er zu ihm hinüberschaute und sich dabei instinktiv noch kleiner machte, fing der Junge seinen Blick auf und rief ihm zu: »Euer Hut ist aus gutem Stoff, Herr Jude! Möge Euer Reichtum erblühen!«

Schnell wandte sich Shimon Baruch ab und sah nun, dass ein grobschlächtiger junger Kerl, der vorher mit etwas dümmlichem Gesicht an der Mauer auf der anderen Seite des Platzes gelehnt hatte, mit ausgestreckter Hand auf ihn zu rannte. Ein Riese mit dichtem, strohblondem Haar, dessen Ansatz so tief lag, dass fast die ganze Stirn darunter verschwand. Er war in Lumpen gehüllt und bewegte sich linkisch auf seinen kräftigen, kurzen Beinen, sein untersetzter Leib schwankte dabei unsicher hin und her. Auch seine Arme waren unverhältnismäßig kurz. Er sieht aus wie ein Riesenzwerg, schoss es dem Kaufmann durch den Kopf. Shimon sah ihm gleich an, dass er schwachsinnig war, und erhielt die Bestätigung dafür, als der Riese ängstlich die Augen aufriss, als fürchtete er, verprügelt zu werden, und ihn mit heiserer, eintöniger Stimme in einer eigentümlich vernuschelten Sprache anredete: »Gebt Münschen, Herr … Scheid scho gud und gebt ein baar Münschen der Barmherschischkeit, ehrwürdigschter Herr.«

»Verschwinde«, erwiderte der Kaufmann hastig und wedelte mit einer Hand durch die Luft, als wollte er eine lästige Fliege verjagen.

Der Riese hob schützend die Hände vors Gesicht, blieb aber trotzdem wie angewurzelt stehen und wiederholte: »Eine Münsche, allerehrwürdigschter Herr … nur eine einschige Münsche.« Und dann packte er ihn genau vor der Fassade der Kirche Sant’Angelo kraftvoll am Arm.

Shimon Baruch zuckte erschrocken zusammen. »Nimm deine dreckigen Hände von mir!«, knurrte er den Riesenzwerg an und versuchte dabei zu verbergen, dass die Angst ihm bereits die Kehle zuschnürte.

Im gleichen Moment bog ein etwa sechzehnjähriger schlaksiger Kerl mit gebräunter Haut, pechschwarzem Haar und einer schräg über die Stirn gerutschten gelben Kopfbedeckung im Laufschritt um die Ecke der Kirche. Der Junge stolperte fast über den Kaufmann und musste sich an seinen Schultern festhalten, um nicht hinzufallen. »Verzeiht, Herr«, entschuldigte er sich sofort, um dann, als er den gelben Hut auf dem Kopf seines Gegenübers bemerkte, hinzuzufügen: »Shalom Aleichem«, während er sich respektvoll verneigte.

»Aleichem Shalom«, antwortete Shimon Baruch wie selbstverständlich, einerseits erleichtert darüber, einen Glaubensbruder vor sich zu haben, andererseits immer noch beunruhigt, weil es ihm nicht gelang, sich aus dem Griff des Schwachsinnigen zu befreien.

»Nein, den habe isch schuerscht geschehen!«, protestierte der Riese laut an den Neuankömmling gewandt. »Der gude Herr hier wollde mir gerade Almoschen geben!« Und während er den Arm des Kaufmanns weiter umklammert hielt, stieß er den Kerl mit dem gelben Hut kräftig weg. »Vaschwinde!«

»Lass mich los, du erbärmlicher Tölpel!«, schrie Shimon Baruch den Schwachsinnigen an, seine Stimme klang nun leicht panisch.

»Lass ihn los!«, schrie nun auch der Junge und ging mutig auf den Riesen los, der ihm allerdings einen so mächtigen Fausthieb in den Magen versetzte, dass er sich nach vorn zusammenkrümmte. Dennoch gab der Junge nicht auf, sondern stürzte sich erneut auf den großen Kerl und schlug ihn mitten ins Gesicht.

Der Riese gab ein heiseres Knurren von sich, ließ den Kaufmann los und packte nun wütend den Jungen. Er wirbelte ihn durch die Luft und schleuderte ihn gegen Shimon Baruch, sodass schließlich beide hinfielen.

Die Soldaten, die zunächst besorgt herbeigeeilt waren, um die Schlägerei zu schlichten, brachen in schallendes Gelächter aus, als sie sahen, wie sich die beiden Männer mit den gelben Hüten im Schlamm wälzten, als wollten sie miteinander ringen. Und alle Fischweiber stimmten mit wogendem Busen in das Gelächter ein, die Hände in die Hüften gestemmt. Auch der Würdenträger des Großwesirs lachte und ebenso die beiden Mohren mit ihren Krummsäbeln. Es lachten die albanischen Gaukler, die nun keine Bälle mehr in die Luft warfen, und die beiden spanischen Soldaten, die zwar nicht langsamer gingen, sich aber umgewandt hatten und nun rückwärts liefen, damit sie nichts von dem Spektakel verpassten. Und sogar die deutschen Gelehrten lachten, nachdem sie stehen geblieben waren und sich ihre Brillen aufgesetzt hatten. »Bring sie um!«, schrie der Junge, der in einiger Entfernung mit Steinen nach der Ziege geworfen hatte, um den Idioten anzustacheln. Auch die Sträflinge lachten, und einer rief dem Riesenkerl zu: »Los, zeig’s ihnen! Verpass ihnen ein paar saftige Tritte in den Hintern!«

Und da trat der Schwachsinnige dem jungen Mann mit der gelben Mütze in den Bauch, als dieser gerade dem Kaufmann beim Aufstehen half. Der schlaksige Kerl stöhnte auf, drehte sich zu Shimon Baruch um und rief ihm mit angstgeweiteten Augen zu: »Bitte, flieht!« Dann stürzte er sich mit dem Mut der Verzweiflung schreiend auf den Riesen und schlug noch einmal auf ihn ein, bevor er das Weite suchte.

Der Riese rannte dem jungen Mann mit dem gelben Hut Richtung Tiberufer hinterher, und sofort heftete sich der Junge mit der ungesunden gelben Gesichtsfarbe an ihre Fersen und schrie: »Verdammter Drecksjude! Du bist schon tot, verdammter Jude!«

Shimon Baruch überlegte einen kurzen Moment lang, dass er dem jungen Glaubensbruder eigentlich zu Hilfe kommen müsste. Doch dann überwog die Furcht, die sein Leben von jeher beherrscht hatte, und der Kaufmann floh in die entgegengesetzte Richtung auf das Marcellustheater zu.

Die Fischweiber, Sträflinge, Soldaten und alle übrigen auf der Piazza Sant’Angelo in Pescheria versammelten Menschen sahen dem kleinen Jungen und dem Riesen, die dem jungen Kerl mit dem gelben Hut hinterhersetzten, lachend nach.

In dem allgemeinen Durcheinander steckte das Mädchen mit der alabasterweißen Haut, das in den Abfällen gewühlt hatte, eine Hand in einen Weidenkorb am äußersten Rand der Marmorplatte eines Verkaufsstandes. Sie packte so viele Makrelen, wie sie greifen konnte, ließ sie in einen Ärmel ihres Gewandes gleiten und verschwand dann mit angehaltenem Atem, ohne dass die Fischweiber es bemerkten.

Inzwischen war der junge Mann mit dem gelben Hut um die Ecke gebogen, die beiden Verfolger hatten ihn nun beinahe erreicht und grölten weiter Schmähungen gegen das Volk der Juden. Ein Betrunkener stellte sich schwankend mit ausgebreiteten Armen mitten auf die Gasse und schrie dem auf ihn zukommenden Kerl entgegen: »Bleib stehen, du dreckiger Judas!«

Der blieb einen Schritt vor dem Betrunkenen stehen. »Antworte mir: Auf einer Skala von eins bis zehn, wie dumm bist du da wohl?«

Reglos und mit einfältigem Gesichtsausdruck glotzte ihn der Betrunkene an.

Der junge Mann nahm den Hut ab und warf ihn dem verdutzten Kerl feixend an den Kopf. »Trink lieber noch einen, während du darüber nachdenkst«, sagte er. Dann drehte er sich zu dem Jungen mit der gelblichen Haut und dem Riesen um, die ihn mittlerweile eingeholt hatten. »Los, bewegt euch«, befahl er ihnen.

Der Betrunkene starrte ihn verständnislos an.

»Dreckskerl!«, rief der Junge mit der gelblichen Haut und spuckte ihn an.

Schweigend gingen sie zu dritt weiter. Als sie um die nächste Ecke gebogen waren, versetzte der junge Mann dem Riesen mit dem Ellenbogen einen kräftigen Stoß in die Seite: »Du erbärmlicher Schwachkopf, lern gefälligst, nicht so fest zuzuschlagen«, fuhr er ihn an.

Der Riese blickte nun erschrocken drein. »Enschuldige …«, sagte er kläglich.

Dann drehte der schlaksige Kerl sich zu dem Jungen um. »Und du, versuch gefälligst, deine Bestie im Zaum zu halten.« Er krümmte sich mit schmerzverzerrtem Gesicht. »Mit dem Tritt hat er mir fast den Magen zerquetscht, der Schwachkopf.«

»Entschuldige dich bei ihm«, befahl der Kleine dem Idioten.

»Enschuldige, Mercurio …«, wimmerte der Riese. »Bitte Ercole nich abstech’n.«

»Ich stech dich schon nicht ab, Idiot«, sagte Mercurio und richtete sich wieder auf.

Der Kleine stieß den Riesen in die Seite. »Geht es nicht in deinen Kopf, dass du so stark bist wie ein Elefant?«, fragte er ihn.

»Doch, Zolfo …«, erwiderte der Riese kleinlaut und nickte eifrig. »Ercole Idiod.«

»Ja, ja, schon gut«, murrte Zolfo. Dann wandte er sich an Mercurio. »Du wirst schon sehen, aus dem wird noch was …«

In dem Moment hörte man von der Piazza Sant’Angelo in Pescheria einen entsetzten Schrei: »Man hat mich beraubt! Haltet den Dieb!«, rief der Kaufmann. Daraufhin lachte die Menge schallend, denn nun hatten die Leute begriffen, was sich zugetragen hatte, und amüsierten sich nur umso mehr. »Ich bin ruiniert! Haltet den Dieb! Verfluchte Mistkerle! Verflucht sollt ihr alle sein!« Und je verzweifelter Shimon Baruch schrie, desto lauter und dröhnender wurde das Gelächter, wie im Theater.

»Verschwinden wir von hier«, sagte Mercurio.

Sie kletterten über den Damm gegenüber der Tiberinsel, und während sie zu einem zwischen Brombeergestrüpp verborgenen Kanaldeckel hinabstiegen, gesellte sich das Mädchen mit den kupferroten Haaren und der Alabasterhaut zu ihnen. »Wir haben ein Abendessen«, verkündete sie stolz und zeigte den anderen die fünf Makrelen, die sie gestohlen hatte.

»Wir haben viel mehr als das, Benedetta«, sagte Zolfo.

Mercurio holte den Beutel voller Münzen hervor, den sie dem Kaufmann gestohlen hatten. Dabei bemerkte er, dass auf das Leder eine rote Hand aufgemalt war. Er löste das Band, hockte sich hin und schüttete den Inhalt auf den Boden. Das Rot der untergehenden Sonne ließ die Münzen wie glühende Kohlen aufblitzen.

»Die sind ja aus Gold!«, rief Zolfo aus.

Mercurio hielt einen Moment überrascht inne. Dann zählte er schnell die Münzen und teilte sie in zwei Haufen, einen kleinen für die anderen und einen doppelt so großen für sich.

»Aber wir sind zu dritt …«, beschwerte sich Zolfo.

»Es war mein Plan«, entgegnete Mercurio barsch. »Ich bin hier der Betrüger, ihr an meiner Stelle würdet sofort geschnappt.« Dann musterte er sie von oben herab. »Ihr seid bloß zwei, oder besser gesagt anderthalb, denn der Schwachkopf zählt nur halb. Und dazu ein Mädchen, das Schmiere steht.« Er steckte den eigenen Anteil in den Beutel und verschloss ihn wieder. Dann stand er auf und zeigte auf die Münzen am Boden. »Das ist euer Anteil, und ich war mehr als großzügig. Wenn euch etwas nicht passt, dann arbeitet doch allein.« Er starrte sie herausfordernd an.

»Das geht schon in Ordnung«, sagte Benedetta und hielt seinem Blick stand.

Zolfo bückte sich und sammelte die Münzen ein.

»Zumindest merkt man, wer bei euch das Sagen hat«, sagte Mercurio grinsend.

»Willst du mit uns die Fische essen?«, fragte ihn Benedetta.

Zolfo sah Mercurio hoffnungsvoll an.

»Ich esse nicht gern in Gesellschaft«, antwortete Mercurio abweisend. »Wenn ich euch brauche, weiß ich ja, wo ich euch finde.« Er hob den Kanaldeckel hoch. »Und erzählt Scavamorto nichts davon, sonst nimmt er euch alles weg.«

»Wir könnten doch bei dir bleiben«, schlug Zolfo hoffnungsvoll vor.

»Verschwindet«, fuhr ihn Mercurio an. »Ich komm allein zurecht. Und das hier ist mein Platz.«

Und damit schlüpfte er in den Abwasserkanal, in dem er zu Hause war.

2

Als Mercurio hörte, wie sich die anderen schweigend durch den Matsch schlurfend entfernten, zog er den Kanaldeckel hinter sich zu und kroch auf allen vieren durch den niedrigen, engen Gang vorwärts. Der mit kleinen viereckigen Steinen gepflasterte Boden war mit glitschigen Algen überzogen. Sobald der schlaksige Junge die ebene Platte ertastete, die er so gut kannte, stand er auf und neigte den Kopf nach links, denn er wusste, dass an dieser Stelle in der Decke ein Stein hervorstand.

Hier unten war vom Lärm der Heiligen Stadt nichts mehr zu hören. Es herrschte Stille. Eine dauerhafte Stille, die nur vom beständigen Tropfen des Wassers und dem hastigen Trippeln der Ratten durchbrochen wurde. Mercurio fühlte sich plötzlich leer, Eiseskälte erfüllte seinen Magen. Er drehte sich um und kroch noch einmal bis zum Kanaldeckel zurück, um den anderen zu sagen, dass sie doch die Nacht zusammen verbringen könnten. Aber als er den Damm erreichte, waren Benedetta, Zolfo und Ercole schon verschwunden. »Du bist ein dummer Sturkopf«, beschimpfte er sich selbst. Dann kroch er zurück und bog in einen Gang ein, in dem er aufrecht gehen konnte und dessen gewölbte Decke aus Tuffstein bestand. Auf dem Boden verlief in der Mitte träge ein dünnes Rinnsal Jauchebrühe, und alle zehn Schritte passierte er einen Pfeiler aus Ziegelsteinen. Nachdem er drei Ziegelsteinpfeiler hinter sich gelassen hatte, schlüpfte er durch eine schmale Öffnung im Tuffstein. Er rieb den Feuerstein, den er in der Tasche bei sich trug, und entzündete damit eine Fackel, die in der Mauer steckte.

Die zitternde Flamme der pechgetränkten Lumpen beleuchtete nun einen quadratischen Raum, der mehr als zwei Mann hoch war. An der Mitte der hinteren Wand stand ein grob zusammengezimmertes Gerüst, das keinen besonders stabilen Eindruck machte. Über vier Pfosten quer gelegte Bretter bildeten eine grobe, zwei mal zwei Schritt große Plattform, auf der Mercurio vor der Feuchtigkeit des Untergrunds geschützt schlafen konnte. Sein Strohlager wurde durch zwei Pferdedecken mit dem aufgestickten päpstlichen Wappen ergänzt, die er in einem Stall des Viertels gestohlen hatte. Ein Teil des Gerüsts war hinter einem schweren, an mehreren Stellen eingerissenen Vorhang verborgen, allem Anschein nach ein altes Segel.

Mercurio stieg eine wacklige Leiter hoch und steckte die Fackel in ein Loch, das er mit einem Meißel in die Wand gehauen hatte. Vorsichtig holte er den Beutel hervor, den er dem Kaufmann gestohlen hatte, öffnete ihn und schüttete die Münzen auf den Holzbrettern der Plattform aus. Dann betrachtete er die funkelnde Pracht. Er zählte sie noch einmal: vierundzwanzig Goldmünzen. Ein Vermögen. Doch er konnte sich nicht recht darüber freuen, denn in seinen Ohren hallte immer noch der Fluch des Kaufmanns wider. Er befürchtete, dass deswegen Unheil über ihn hereinbrechen könnte. Schließlich erzählte man sich, dass die Juden mit dem Teufel im Bunde stünden und Hexer wären. Mercurio bekreuzigte sich. Dann fiel sein Blick auf die rote Hand auf dem Lederbeutel. Die Zeichnung machte ihm Angst, deshalb warf er ihn fort und steckte die Münzen in einen anderen, leichteren Beutel aus Leinen.

Er holte ein Stück hartes Brot aus seinem ledernen Quersack, wickelte sich in die Decken ein und knabberte an dem trockenen Kanten, wobei er immer wieder gegen die Versuchung ankämpfen musste, so schnell wie möglich sein Versteck zu verlassen. Seit drei Monaten machten ihm die Stille und die Einsamkeit hier in der Kanalisation Angst. Mercurio beugte sich über die Plattform und sah prüfend nach unten auf den feuchten Grund des Abwasserkanals. »Keine Gefahr«, sagte er laut zu sich selbst. Er widmete sich wieder seinem Brot, dann beugte er sich erneut nach vorn und suchte mit den Augen sorgfältig den Boden ab. Schließlich kuschelte er sich noch enger unter den Decken zusammen. »Schlaf jetzt«, befahl er sich. Doch das gelang ihm nicht. In seinen Ohren war auf einmal wieder dieses schreckliche Geräusch wie vor drei Monaten, als das Wasser den Abwasserkanal überschwemmt hatte. Und das Quieken der Ratten, die nach einem Fluchtweg suchten. Abrupt öffnete er die Augen und setzte sich keuchend auf. Er schaute erneut nach unten. Da war kein Wasser. Mittlerweile war gut ein Jahr vergangen, seit er Scavamorto davongelaufen war, aber er hatte sich immer noch nicht an die Einsamkeit gewöhnt. »Mercurio …«, hörte er auf einmal eine Stimme. »Mercurio … bist du da?«

Mit der Fackel in der Hand sprang er von der Plattform. Als er vor dem Eingang seines Verstecks angekommen war, stand er plötzlich Benedetta, Zolfo und Ercole gegenüber. »Was wollt ihr denn hier? Ich hab euch doch gesagt, ihr sollt verschwinden«, fuhr er sie an. Er konnte ihnen nicht sagen, dass er sich freute, sie zu sehen. Solche Dinge auszusprechen war er einfach nicht gewohnt.

»Im Wirtshaus Zu den Dichtern«, begann Benedetta mit Tränen in den Augen, »also, der Wirt dort …«

»… hat uns eine Goldmünze geklaut!«, beendete Zolfo den Satz für sie.

»Was geht mich das an?«, fragte Mercurio unwirsch und schwenkte die Fackel dicht vor seinem Gesicht.

»Wir haben unsere Fische den Bettlern geschenkt«, fuhr Benedetta nun fort. »Wir wollten auch mal so essen wie die reichen Leute … Also sind wir ins Wirtshaus gegangen und haben lauter leckere Sachen beim Wirt bestellt. Als er mich gefragt hat, ob ich auch bezahlen könnte, habe ich ihm eine Goldmünze gezeigt, und er wollte draufbeißen, um zu sehen, ob sie auch echt ist. Und dann hat er zu mir gesagt: ›Die Münze gehört jetzt mir. Ruf doch die Wachen des Heiligen Vaters und zeig mich an, wenn du erklären kannst, woher du dieses Gold hast. Dir sieht man doch schon von Weitem an, dass du eine Diebin bist. Und jetzt verschwinde.‹ Dann lachte er los, und wir haben ihn die ganze Zeit noch lachen hören, während wir wegliefen …«

»So ein verfluchter Schuft!«, rief Zolfo aus.

Mercurio starrte ihn an. »Und was wollt ihr jetzt von mir?«

Benedetta schaute ihn beinahe überrascht an. »Ich …«, stammelte sie.

»Wir …«, sagte Zolfo ebenso unsicher.

Mercurio sah sie schweigend an.

»Du musst uns helfen«, sagte Benedetta schließlich.

»Ja, hilf uns«, schloss sich Zolfo ihr an.

»Und warum sollte ich das tun?«, fragte Mercurio.

Die drei schauten betreten zu Boden. Eine Weile war es still.

»Gehen wir«, sagte Benedetta schließlich. »Wir haben uns wohl geirrt.«

Mercurio sah sie weiter schweigend an. Sie kamen ihm vor wie die wilden Hunde, die er tief in der Nacht durch die Straßen Roms streunen sah. Nichts als Haut und Knochen, ständig wachsam, und beim geringsten Laut stellten sie die Ohren auf und nahmen schon vor einem Schatten Reißaus. Und ebenso wie diese Straßenköter schienen die drei oft die Zähne zu blecken in der Hoffnung, für Raubtiere gehalten zu werden. Dabei hatten sie nur Angst, dass man mit Steinen nach ihnen werfen würde. Mercurio wusste genau, was sie fühlten, denn er hatte oft genug dasselbe empfunden.

»Wartet«, sagte er, als die drei sich zum Gehen wandten. »Wer war denn dieser Wirt, der euch das Goldstück gestohlen hat?«

»Warum interessiert dich das?«, fragte Benedetta.

Mercurio lächelte. Vielleicht hatte er einen Weg gefunden, wie er sie zum Bleiben überreden konnte, ohne sich eine Blöße zu geben. »Mir ist das egal. Aber es wäre schon ein Spaß, sich etwas zu überlegen, um es ihm heimzuzahlen.«

»Darüber müssen wir erst mal nachdenken«, zierte sich Benedetta.

»Kommt mit, ihr könnt heute Nacht hier schlafen!«, sagte Mercurio und ging auf den Eingang zu seinem Unterschlupf zu. »Aber damit das klar ist, ich helfe euch bloß, die Münze wiederzubekommen, danach trennen sich unsere Wege.«

»Ich bin froh, dass du das sagst«, entgegnete Benedetta schnippisch, »ich hab nämlich nicht die geringste Lust, für noch einen Knirps das Kindermädchen zu spielen.«

Mercurio lachte und zeigte auf den Eingang: »Die Damen zuerst.«

Drinnen sperrten die drei Neuankömmlinge verwundert die Augen auf, als sie das Gerüst sahen.

»Was ist denn da hinter dem Vorhang?«, fragte Zolfo.

»Kümmere dich um deinen eigenen Kram«, sagte Mercurio und kletterte die Leiter hoch. »Und vergiss nicht, das hier ist mein Platz.«

»Das ist ein Abwasserkanal, hier stinkt es nach Scheiße. Wer will schon in der Scheiße leben?«, erwiderte Benedetta, während sie ihm hinauffolgte.

»Ich«, erwiderte Mercurio.

»Von mir aus kannst du hier unten auch ersaufen«, murmelte Benedetta.

»Sag das nie wieder!«, herrschte Mercurio sie mit aufgerissenen Augen an.

Benedetta wich erschrocken einen Schritt zurück, sodass die Plattform schwankte. Die beiden anderen waren still.

»Was zum Teufel hat mich da bloß geritten«, knurrte Mercurio, während er sich wieder zu beruhigen versuchte. Er schlüpfte unter eine Decke. Die zweite warf er den anderen zu. »Teilt sie euch, etwas anderes gibt es nicht. Aber bleibt mir vom Leib.«

Benedetta breitete das Stroh aus und zeigte Zolfo und Ercole, wo sie sich ausstrecken konnten. Dann legte sie sich ebenfalls hin. »Machst du die Fackel nicht aus?«, fragte sie Mercurio.

»Nein«, sagte er.

»Hast du etwa Angst vor der Dunkelheit?«, sagte Benedetta und kicherte spöttisch.

Mercurio gab keine Antwort.

»Ercole hat keine Angschd vorm Ddunkeln«, verkündete der Schwachsinnige stolz wie ein kleines Kind.

»Halt’s Maul!«, mahnte ihn Zolfo.

Eine verlegene Stille machte sich breit. Man hörte nur noch das Zischen der Fackel und das hastige Getrappel der Ratten in den Kanälen.

»Ich hasse ihre verfluchten kleinen Dreckspfoten«, sagte Mercurio nach einer Weile, und es klang, als spreche er mehr zu sich selbst. »Vor drei Monaten ist der Fluss plötzlich angeschwollen …«, begann er leise zu erzählen. Der Stille um ihn herum nach zu urteilen hätten die anderen auch schlafen können. Aber das war ihm egal, er musste es einfach loswerden. Zum ersten Mal überhaupt. »Das verdammte Scheißwasser vom Tiber hat die Abwasserkanäle geflutet. Ich wusste nicht, was ich tun sollte … Das Wasser stieg und stieg … Überall waren Ratten, sie quiekten so schrecklich … Dutzende … Hunderte …« Er hielt inne. Seine Kehle war zugeschnürt, Tränen stiegen ihm in die Augen. Er hatte Angst. Wie damals. Aber er wollte sie sich nicht anmerken lassen.

»Und dann?«, fragte Benedetta leise.

Zolfo drängte sich eng an Ercole.

»Die Ratten strömten zu der Stelle, wo das Wasser hereinlief …«, fuhr Mercurio mit kaum vernehmbarer Stimme fort. »Das war eklig, ich hatte noch nie zuvor so viele auf einem Haufen gesehen … Deshalb bin ich in die entgegengesetzte Richtung gelaufen … zu den entfernten Ablegern der Kanalisation, den verdrecktesten Winkeln unter der Stadt … Und dann … bin ich auf einen anderen armen Kerl gestoßen … einen Säufer. Ich kannte ihn, weil ich ihm immer, wenn er betrunken war, alles geklaut habe, was er besaß … Und er … er hat mich an der Jacke gepackt und mich angeschrien, ich sollte den Ratten folgen. ›Die Ratten‹, rief er, ›die Ratten wissen, wohin man laufen muss. Folge den Ratten.‹ Und ich … ich weiß nicht, warum ich ihm geglaubt habe … Er war doch bloß ein verfluchter Säufer … ›Folge den Ratten!‹, schrie er. Und auch wenn sie mir Angst machten, bin ich den Ratten hinterher … Und ein paar von den Mistviechern sprangen mir auf den Rücken und den Kopf … und dabei quiekten sie so ekelhaft …«

Benedetta erschauderte. Zolfo klammerte sich an Ercole fest.

»Und dann hat das Wasser alles überflutet, und die Ratten sind abgetaucht … Ich habe nichts mehr gesehen, aber als ich unter Wasser geschwommen bin, konnte ich sie spüren … Ich habe sie unter meinen Händen gespürt … Und dann habe ich geglaubt, mir platzen die Lungen …« Mercurio keuchte, als würde er noch einmal die endlosen Momente durchleben, als er keine Luft bekam. »Ich bin am Kanaldeckel angekommen, habe ihn hochgedrückt und bin nach oben geklettert … Ich habe das Ufer erreicht, zusammen mit den Ratten, und dann bin ich dort geblieben, ich wollte auf den Säufer warten … um mich bei ihm zu bedanken. Und es tat mir leid, dass ich ihm so viel abgenommen hatte, diesem Sack, der mir jetzt … na ja, das Leben gerettet hatte. Ich habe den ganzen Tag dort gewartet … aber er kam nicht. Eine Woche später, als der Fluss sich zurückgezogen hatte, bin ich wieder hierhergekommen. Ich habe meine Sachen zusammengesucht, und dabei bin ich wieder in einen der östlichen Ableger geraten …« Mercurio verstummte.

Keiner sprach.

»Und da lag er«, fuhr Mercurio nach einer Weile fort, und seine Stimme war noch leiser geworden. »Er war den Ratten nicht gefolgt, weil er nicht schwimmen konnte. Und so ist er immer tiefer in die Abwasserkanäle gelaufen. Er ist genau dorthin gegangen, wo ich lang wollte, bevor ich ihn getroffen habe. Der Mann war völlig aufgedunsen, seine Zunge war dick und violett angelaufen … seine Augen standen weit auf und waren rot, sie sahen irgendwie aus wie aus Glas … Und seine Hände umklammerten die Gitterstäbe eines Kanaldeckels, der sich nicht geöffnet hatte.«

Jetzt wagten die Kinder nicht einmal mehr zu atmen.

Doch die Erzählung war noch nicht zu Ende. Da war noch etwas, das Mercurio loswerden musste. Ein Bild, das ihn quälte. Er atmete tief durch. »Und die Ratten kamen zurück … und nun waren sie hungrig …«

Schweigen machte sich breit.

Und in dieser Stille hörte man plötzlich jemanden sagen: »Jetzt hat Ercole doch Angschd vorm Ddunkeln.«

3

Zur neunten Stunde drehte das Schiff bei.

Die Mannschaft bestand zum Großteil aus Makedoniern. Die dunklen Gesichter, von Salz und Kälte gegerbt, waren von tiefen Falten durchzogen. An einigen Stellen auf der braunen Haut, mitunter auch zwischen den schwarzen, strähnigen Haaren, waren erhabene Male zu sehen, die an zerquetschte Erdbeeren erinnerten. Und wenn einige der Männer beim Sprechen das Zahnfleisch entblößten, rann ihnen das mit Speichel vermischte Blut wie hellroter Saft über die gelben Zähne, die wegen der Krankheit, die erfahrene Reisende der Weltmeere unter dem Namen Skorbut kannten, bereits wackelten. Es gab zahlreiche Methoden, mit denen man sie zu bekämpfen versuchte. Aber bis vor wenigen Jahren waren die Seeleute überzeugt gewesen, das einzige wirksame Gegenmittel wäre ein besonderes Amulett: der Qalonimus.

Eine alte Legende erzählte von einer Heiligen, derer sich ein barmherziger Arzt angenommen hatte, nachdem sie von Heiden gemartert worden war. Er hatte sie bis zu ihrem Tod begleitet und kurz vor ihrem Ableben ihren letzten Willen erfahren. Die Heilige hatte gebeten, dass man ihre Gebeine in die Heimat überführen sollte, um sie dort in Würde zu bestatten. Aber weil sie befürchtete, der Skorbut würde die Seeleute umbringen, denen man ihre sterblichen Überreste anvertraute, hatte sie vor ihrem Tod dem barmherzigen Arzt die Rezeptur einer wundersamen Kräutermischung anvertraut und ihn wissen lassen, dass jene Seeleute, die sich ein Amulett mit diesen Kräutern umhängen würden, vor der Krankheit Skorbut geschützt wären, ganz gleich, welchem Glauben sie angehörten. Die Legende hatte den Namen der Heiligen nicht überliefert, aber den des Arztes. Dieser hieß Qalonimus, und so wurde das Amulett nach ihm benannt.

Kaum jemand wusste, dass die Legende keinesfalls aus alter Zeit stammte, sondern erst vor etwa zwanzig Jahren erdacht worden war. So wie auch kaum einer wusste, dass es weder die Heilige noch den Arzt je gegeben hatte. Das wusste nur ihr fantasievoller Erfinder, der reich damit geworden war, dass er den abergläubischen Seeleuten ein Amulett verkaufte, das allein seinem erfinderischen Geist entsprungen war und aus einer simplen Mischung übelriechender Kräuter und einer Eisenplatte in einem Ledersäckchen bestand. Und seit einer Woche wusste auch seine fünfzehnjährige Tochter davon, die von dem Betrüger die Wahrheit erfahren hatte.

Der Name des Betrügers, der sich als Nachfahre des Arztes aus der Legende ausgab, die er selbst erfunden hatte, war Yits’aq Qalonimus di Negroponte, und seine Tochter hieß Yeoudith.

Und in diesem Moment standen Vater und Tochter Hand in Hand auf dem Oberdeck der Galeere und warteten angespannt darauf, vom Kapitän der makedonischen Mannschaft verabschiedet zu werden, die sie von der ehemals venezianischen Insel Negroponte in der Ägäis bis hierher in den Teil der Adria gegenüber des Po-Deltas gebracht hatte, wo das Wasser nicht allzu tief und nicht allzu salzig war.

»Hier endet Eure Reise«, verkündete der Kapitän. »Ihr kennt das venezianische Gesetz. Juden dürfen nicht per Schiff in den Hafen einfahren.«

Der Betrüger verneigte sich ehrerbietig. »Vielen Dank, Ihr habt mehr getan, als ich erwarten durfte.«

»Euer Ruf verdient all unseren Respekt«, erwiderte der Kapitän, der nicht gerade vertrauenserweckend wirkte.

Yits’aq wusste nur zu gut, dass der Kapitän log. Er schaute zu der versammelten Mannschaft hinüber. Jeder einzelne dieser Seeleute wartete sehnsüchtig auf den Moment, in dem sie das Schiff verlassen würden.

Der Kapitän gab zweien seiner Männer ein Zeichen, die daraufhin eine Schaluppe hinunterließen. Die hölzernen Rollen der Taue ächzten und hinterließen einen leichten Geruch nach verbranntem Öl in der Luft. »Ab … ab …«, kommandierte der Bootsmann und überwachte an der Reling, dass die Schaluppe für vier Ruderer und einen Steuermann sicher zu Wasser gelassen wurde.

»Meine Männer werden Euch über diesen Flussarm ans Ufer bringen«, erklärte der Kapitän und zeigte auf einen breiten, mit Röhricht bewachsenen Küstenstreifen. »Ihr befindet Euch ganz in der Nähe der alten Stadt Adria. Ein wenig außerhalb gibt es ein Gasthaus, wo Ihr die Nacht verbringen könnt. Danach haltet Euch Richtung Nordosten. Dort liegt Venedig.«

»Meine Tochter und ich sind Euch zu lebenslangem Dank verpflichtet«, sagte Yits’aq Qalonimus di Negroponte feierlich. Dann richtete er seinen Blick auf drei große Truhen, die in der Nähe der Kapitänskajüte standen und mit dicken Ketten und Schlössern gesichert waren.

»Eure Habe wird zu Asher Meshullam in sein Haus in San Polo geliefert werden, so wie Ihr es angeordnet habt«, versicherte der Kapitän. »Nur keine Sorge.«

»Ich vertraue Euch blind«, erwiderte Yits’aq, wobei er allerdings weiter die drei Truhen anstarrte, als ob er sich nicht von ihnen trennen wollte. Dann schaute er zu den Seeleuten hinüber und bemerkte ihre gierigen Blicke. Und er sah wieder zum Kapitän, dessen fahrige Bewegungen seine Ungeduld verrieten. »Ich vertraue Euch …«, wiederholte er, aber es klang weniger wie eine Bestätigung als vielmehr wie eine Frage. Oder eine flehentliche Bitte.

Der Kapitän wollte lächeln, aber seine Miene geriet eher zu einem nervösen Grinsen. »Geht … sonst werdet Ihr unterwegs noch von der Dunkelheit überrascht. Und die Welt ist voll schlechter Menschen.«

»Ja«, sagte Yits’aq nickend, ehe er schicksalsergeben den Kopf senkte. Dann schob er seine Tochter zu der Strickleiter, die die Seeleute hinabgelassen hatten. »Gehen wir, mein Kind.«

In dem Moment löste sich ein alter Seemann, der vom Skorbut gezeichnet war, aus der Mannschaft und warf sich Yits’aq zu Füßen. »Berührt den Qalonimus, oh Herr, damit ich von dem Übel geheilt werde«, flehte er.

Der Kapitän versetzte dem Alten einen heftigen Fußtritt und knurrte verärgert: »Verfluchter Dummkopf.« Dann wandte er sich zu Yits’aq und versuchte, den Vorfall herunterzuspielen. »Ihr müsst gehen …«

»Gestattet, Kapitän. Es dauert nur einen Augenblick«, sagte Yits’aq. Er beugte sich über den Mann und musterte seine Zähne, das Zahnfleisch und die blutunterlaufenen Stellen am Hals. »Du glaubst noch an den Qalonimus?«, fragte er ihn erstaunt.

»Aber gewiss, Herr«, sagte der alte Seemann.

»Sehr gut«, seufzte der Betrüger und dachte mit Wehmut an die alten Zeiten, als noch jeder Seemann Italiens auf die wundersamen Kräfte des Qalonimus vertraute und drei Silbersoldi dafür bezahlte, ihn um den Hals zu tragen.

»Berührt den Qalonimus, ehrwürdiger Herr«, sagte der Alte noch einmal.

Durch die Mannschaft ging ein ungeduldiger Ruck, der sich von einem zum anderen übertrug, aber niemand sagte etwas.

Yits’aq Qalonimus di Negroponte beugte sich über den Seemann und nahm das Amulett in die Hand, das ihn vor Jahren reich gemacht hatte. Durch die große, schmiedeeiserne Platte wog es schwer in seiner Hand. Sonst war das Ledersäckchen nur mit einfachen Wiesenkräutern gefüllt, die hinter seinem Haus wuchsen und die eine alte, inzwischen verstorbene Frau für ein paar Münzen in den Beutel eingenäht hatte. Yits’aq schloss die Augen und murmelte leise: »Im Namen der Heiligen, deren Name verloren gegangen ist, und kraft meines Blutes, dasselbe, das einst durch die Adern meines wundertätigen Vorfahren, des Arztes Qalonimus, floss, übertrage ich diesem wundersamen Heilmittel neue Wirkungskraft.« Dann öffnete er die Augen, ließ das Amulett los und legte beide Hände auf den Kopf des Seemanns. »Nimm hier meine berakhah«, sagte er feierlich. »Du bist gesegnet und gerettet.« Dann wandte er sich zu seiner Tochter um, ließ ein Lächeln über sein Gesicht huschen, halb verlegen und halb verschwörerisch, da sie jetzt ja Bescheid wusste, und sagte zu ihr: »Los, gehen wir.«

Yeoudith hängte sich die Tasche um, die sie sich selbst aus einem farbenfrohen persischen kelim cicim genäht hatte, raffte den Rock bis zu den Knien, wodurch sie die Blicke der gesamten Mannschaft auf ihre hübschen Beine zog, und stieg die Strickleiter hinunter, die an der Längsseite der Galeere baumelte. Mit einem geschickten Sprung landete sie in der Schaluppe. Ihr Vater verabschiedete sich noch einmal vom Kapitän und folgte ihr.

»Fertig – los«, rief der Steuermann, und die Seeleute ließen gleichzeitig ihre Ruder ins Wasser sinken. Die Schaluppe bewegte sich zunächst nur langsam, während die Hölzer in den Dollen ächzten, wenig später gewann sie an Geschwindigkeit und glitt schnell über das Wasser, dem trägen Fluss entgegen.

Yeoudith schaute zu der Galeere zurück und sah, wie sich der Kapitän und die Mannschaft auf die wertvollen Truhen stürzten. Besorgt wandte sie sich an ihren Vater.

»Ich weiß, mein Kind. Die Heuschrecken fallen bereits über ihre Beute her«, sagte Yits’aq leise, sodass die Ruderer ihn nicht hören konnten.

»Aber unsere Sachen …?«, sagte Yeoudith beunruhigt.

Der Vater nahm sanft ihren Kopf in die Hände und drehte ihn in Richtung der Flussmündung. »Schau nach vorn«, sagte er zu ihr.

Yeoudith begriff nicht gleich. Vielmehr verspürte sie eine große Beklemmung in der Brust, über der sich seit einem Jahr das Gewand leicht spannte. Sie schüttelte den Kopf, als wollte sie sich gegen diese Ungerechtigkeit auflehnen. »Das sind Diebe, Vater«, flüsterte sie aufgeregt.

»Ja, mein Schatz«, erwiderte Yits’aq ruhig.

Yeoudith versuchte, sich aus der Umarmung ihres Vaters zu befreien. »Wie kannst du so etwas einfach hinnehmen?«, zischte sie.

Yits’aq hielt sie gewaltsam zurück. »Jetzt hör auf damit!«, befahl er ihr streng.

»Aber Vater …«

»Hör auf, habe ich gesagt.« Er betrachtete sie. Ihre Augen waren schwarz wie die Nacht.

Yeoudith versuchte wieder, sich loszumachen, aber ihr Vater hielt sie so unerbittlich fest, dass er ihr beinahe wehtat.

Die Schaluppe verließ nun das offene Meer und bog in die Pomündung ein. Sanft überwand sie die leichte Welle, wo Salzwasser auf Süßwasser traf.

Der Fluss erstreckte sich nun vor ihnen, so verheißungsvoll und geheimnisumwoben wie ihre Zukunft. Die Uferdämme, an denen sich der Schilfrohrsumpf ausbreitete, waren schlammig und unregelmäßig. Als sie näher herankamen, flog ein Vogel mit langem, schlankem Hals auf. Ein flaches Boot mit einigen ausgemergelten Fischern an Bord, das mittels einer langen Stange vorwärtsgestoßen wurde, zog Netze hinter sich her. Und im Röhricht konnte man eine Fischerhütte erkennen, die jemand grob aus Pfosten, Stroh und Schilf zusammengebaut hatte.

Die Sonne ging schnell unter und tauchte die Landschaft in flammende Rottöne. Vom Fluss stieg Nebel auf, der jedoch wegen der Kälte niedrig über dem Wasser hing.

Erst dann sagte Yits’aq, nachdem er sich schnell nach der Galeere umgedreht hatte, mit gleichmütig klingender Stimme: »Die Schlösser und Ketten haben lang genug gehalten, ihr blöden Dreckskerle.«

Yeoudith spürte, wie der Griff ihres Vaters nachließ. Dann drehte auch sie sich zu der Galeere um und sah, wie der Kapitän, inzwischen kaum mehr als ein schwarzer Punkt, zu ihnen herüberwinkte und versuchte, die Aufmerksamkeit der Ruderer und des Steuermanns zu erregen. Hinter ihm fuchtelten wie ein vielarmiger Krake auch die anderen Seeleute, und vielleicht schrien sie wie er, doch sie waren außer Hörweite. Verwirrt schaute Yeoudith ihren Vater an.

Ohne das Gesicht zu verziehen, sagte Yits’aq auf seine trockene Art: »Es tut mir nur leid, dass ich diesen dummen Piraten drei so schöne Truhen überlassen musste.« Er seufzte. »Und dazu all die wertvollen Steine unserer Insel …«

»Steine …?«

»Was glaubst du denn? Hätte ich die Truhen vielleicht lieber mit Gold und Silber füllen sollen?« Er verstummte und zog sie wieder zu sich heran.

Yeoudith betrachtete das Profil ihres Vaters mit der edlen, schlanken Hakennase und dem fliehenden Kinn, auf dem sich ein kleiner Spitzbart kräuselte. Die Welt von Yits’aq Qalonimus di Negroponte war weitaus komplizierter, als sie es sich vorgestellt hatte. Aber dieser starke, warme Griff genügte, damit sie sich sicher fühlte. Auch wenn sie in den letzten Tagen erfahren hatte, dass er ein Scharlatan und ein Betrüger war. Sie runzelte die dichten, pechschwarzen Augenbrauen, ließ den Kopf sinken und lehnte ihn gegen die Schulter ihres Vaters.

Ihr altes Leben war Vergangenheit, und nun begann ein neues. Mit neuen Regeln.

»Steine«, wiederholte sie und lachte leise.

4

Man hatte sie auf einem schiefen, im Wasser schwankenden Steg ausgesetzt. Der Steuermann hatte mit dem Arm nach Nordosten gewiesen und dazu in holprigem Italienisch gesagt: »Da Stadt Venedig.« Während die Matrosen sich in der Schaluppe entfernten, hatte der Steuermann sich noch einmal nach ihnen umgedreht, ein zweites Mal nach Nordosten gedeutet und gerufen: »Da Straße. Zwei Meilen. Wirtshaus Zum Bären.« Schließlich hatte er sich noch ein paarmal auf den Kopf geschlagen und gebrüllt: »Gelber Hut! Juden!«

Yits’aq und Yeoudith blieben auf dem Steg stehen und sahen zu, wie die Schaluppe im Nebel verschwand. Nun waren sie allein. Allein in einer unbekannten Welt. Yits’aq deutete mit dem Arm nach Nordosten und sagte mit übertriebenem Akzent: »Da Stadt Venedig.«

Yeoudith lachte zwar, wirkte jedoch einigermaßen verloren.

»Ribono Shel Olam, der Herr des Universums, beschützt uns im Schatten seiner Flügel«, sagte Yits’aq. »Sorge dich nicht.«

Jetzt richtete Yeoudith den Arm nach Nordosten und wiederholte: »Wirtshaus Zum Bären. Hunger.«

Yits’aq lächelte sie traurig an: »Es tut mir leid, Liebes, aber wir können nicht dorthin gehen.«

»Aber … warum denn nicht?«

»Der Kapitän wird nicht gerade glücklich über den Scherz mit den Steinen sein«, erklärte Yits’aq. »Ich habe alles darangesetzt, dass sich die Männer auf die Truhen konzentrieren, damit sie nicht plötzlich auf den Gedanken kämen, uns die Kehle durchzuschneiden. Sie sollten glauben, sie hielten einen Schatz in den Händen, und deshalb lohnte es sich für sie nicht, den Galgen zu riskieren. Verstehst du, was ich meine?«

»Nein …« Yeoudiths Stimme klang dünn, und sie sah das Gesicht des Vaters durch einen Schleier von mühsam zurückgehaltenen Tränen.

Yits’aq umarmte sie und sagte: »Liebes, sie könnten sich entschließen, das Schiff zu verlassen und in dem Wirtshaus nach uns zu suchen, um uns für den Streich büßen zu lassen. Und diesen Triumph wollen wir doch einer Horde stinkender Makedonier nicht gönnen, oder?«

Nun konnte Yeoudith ihre Tränen nicht mehr zurückhalten und schüttelte weinend den Kopf: »Nein …«

»Gut«, sagte Yits’aq. »Und deshalb gehen wir dorthin, wo sie nicht nach uns suchen werden.«

»Und wohin gehen wir?«

»Wir entfernen uns von Venedig.«

»Aber …«

»Und in ein paar Tagen werden wir umkehren. Dieser Umweg ist unserer Gesundheit mit Sicherheit zuträglicher, meinst du nicht?«

Yeoudith nickte und vergrub ihr Gesicht an der Schulter des Vaters. Sie zog die Nase hoch.

»Rotzt du mir etwa mein Hemd voll?«, fragte Yits’aq vorwurfsvoll.

Yeoudith rückte sofort von ihm ab. »Vater! Wie widerlich! So was sagt man nicht zu einer Frau! Du hättest besser einen Sohn haben sollen!«

»Hast du mich nun vollgerotzt oder nicht?«

»Nein!«

»Nein?«

»Nein!«

»Soll ich nachsehen?«

»Vater!«, rief sie empört, und auf ihrem verängstigten Gesicht erschien ein schüchternes Lächeln.

»Komm schon her«, sagte Yits’aq.

»Nein …« Trotzdem näherte sich Yeoudith zögernd, die Hände hinter dem Rücken verschränkt.

Yits’aq holte etwas aus seinem samtenen Beutel und reichte es seiner Tochter. »Du hast es ja gehört.« Er schlug sich zwei Mal mit der Hand auf den Kopf. »Gelber Hut. Juden.« Dann setzte er sich mit geradezu feierlicher Miene seine Kopfbedeckung auf und wartete darauf, dass seine Tochter es ihm gleichtat. »Von diesem Moment an sind wir ganz offiziell europäische Juden. Und von jetzt an heiße ich Isacco di Negroponte und du Giuditta.«

»Giuditta …«

»Das klingt gut.«

»Ja …«

»Du siehst sogar noch mit diesem lächerlichen Hut hübsch aus.«

Giuditta errötete.

»Oh nein, jetzt lass dir das bloß nicht zu Kopf steigen, das konnte ich an Frauen noch nie leiden«, sagte Isacco ruppig.

Giuditta sah ihren Vater an und versuchte zu ergründen, ob er sich einen Scherz mit ihr erlaubt hatte.

»Das war kein Scherz.«

Giuditta wurde wieder rot. »Verzeih mir, das wollte ich nicht«, sagte sie hastig.

Isacco gab daraufhin so etwas wie ein Grunzen von sich und verdrehte die Augen zum Himmel. Dann deutete er auf einen schmalen, sumpfigen Pfad, der gen Westen führte. »Der wird uns schon irgendwohin bringen.« Doch vorher hinterließ er absichtlich Fußspuren auf dem Weg, der zum Wirtshaus Zum Bären führte. Dann kehrte er über den Grassaum des Weges zu ihr zurück. »Die Männer werden wahrscheinlich so betrunken und wütend sein, dass sie das gar nicht bemerken. Aber es ist immer besser, gründlich zu sein, merk dir das.«

»Wo hast du denn so etwas gelernt, Papa?«, fragte Giuditta.

»Du musst nicht alles wissen«, antwortete Isacco verlegen. Ohne einen Fuß auf den schlammigen Pfad zu setzen, wandte er sich nach Westen. »Bleib direkt hinter mir. Wir werden eine Weile hier im Schilf laufen, um keine …«

Da hörte er hinter sich ein dumpfes Platschen, gefolgt von einem unterdrückten Klagelaut.

Isacco drehte sich um.

Giuditta war gestolpert und mit dem linken Bein eingesunken.

»Ach zum Donnerwetter, du bist wirklich eine Landplage!«, fluchte Isacco. Er packte sie energisch, hob sie hoch und setzte sie auf sicherem Untergrund ab. »Hör zu …«, fügte er hinzu, da er sein unbeherrschtes Auffahren bereute. »Das eben … war bloß ein Scherz.«

»Tut mir leid, dass ich nicht darüber lachen kann«, erwiderte Giuditta trotzig. »Können wir jetzt weiter?«

Obwohl er wegen ihrer frechen Antwort innerlich schon wieder kochte, drehte Isacco sich um und setzte den Weg zunächst fort, blieb jedoch nach wenigen Schritten stehen. Hochrot im Gesicht, durch die Nasenlöcher schnaubend wie ein wütender Stier, wandte er sich seiner Tochter zu. »Na gut!«, polterte er. »Das war kein Scherz! Zufrieden?«

Giuditta sah ihn schweigend an. Sie versuchte, ihr Gesicht zu wahren, doch ihr Vater bemerkte die Furcht in ihren Augen.

Wie sehr sie doch ihrer Mutter ähnelt, dachte Isacco und bedauerte einmal mehr, dass Giuditta sie nie kennengelernt hatte. »Hör zu, es tut mir leid«, sagte er dann. »Ich weiß einfach nicht so genau, wie man mit einer Tochter umgeht. Ich hätte dich selbst großziehen sollen, aber das habe ich nicht getan. So ist es nun mal. Wollen wir unseren Streit jetzt begraben?«

Giuditta hob wortlos eine Braue.

»Bedeutet das Ja oder Nein?«

Giuditta zuckte die Achseln. »Ja.«

»Gut«, knurrte Isacco, den zunehmend das schlechte Gewissen plagte. Er wandte sich wieder zum Gehen um. »Und pass auf, wo du hintrittst«, sagte er barsch. »Ich meine …«, verbesserte er sich sogleich und biss sich auf die Lippen wegen seines rüden Tons, »versuch einfach hinter mir zu bleiben.« Er atmete einmal tief durch. »Also, ich meinte eigentlich … wenn es geht … Na ja, du hast mich schon verstanden, oder?«

Giuditta antwortete nicht.

Isacco drehte sich um.

»Hast du mich verstanden?«

»Ja.«

Sie gingen mehr als eine Meile, ohne dass einer von ihnen ein Wort sagte. Dann verbreiterte sich der Pfad zu einer nicht minder sumpfigen kleinen Straße. Langsam neigte sich die bleiche, vom Nebel verschleierte Sonne dem Horizont entgegen.

Die ganze Zeit über hatte Giuditta nur an eine einzige Frage gedacht, die ihr seit Langem auf der Seele brannte. Eine Frage, die sie im Geiste schon viele Dutzend Male gestellt hatte, seit sie ein kleines Mädchen war.

»Vater …«

Bis jetzt hatte sie nie den Mut gefunden, sie laut auszusprechen.

»Ja?«

Sie konnte gar nicht mehr zählen, wie oft sie ihm diese Frage schon hatte stellen wollen. Aber sie hatte immer Angst gehabt. Angst vor der Antwort. Und Angst davor, das bisschen zu verlieren, was ihr geblieben war.

»Vater …«

»Komm schon, was willst du?«, fragte Isacco auf seine schroffe Art.

Giuditta sah sich um, sah auf diese unbekannte Welt, die ihnen ein neues Leben versprach. Sah auf den Rücken ihres Vaters, der vor ihr herlief. Er war nicht allein fortgegangen, nein, dieses Mal hatte er sie mitgenommen. Giuditta holte tief Luft. Sie fühlte, wie ihr das Herz bis zum Hals schlug.

»Vater, ich muss etwas wissen«, sagte sie dann, mit geschlossenen Augen und zittriger Stimme. Schnell sprach sie weiter, ehe die Angst sie überwältigen konnte: »Bist du böse auf mich, weil ich meine Mutter getötet habe? Ist das der Grund, warum ich bei meiner Großmutter aufgewachsen bin und dich nie gesehen habe?«

Isacco hatte sich gerade zu ihr umdrehen wollen, aber diese Frage traf ihn unvorbereitet. Er krümmte den Rücken wie unter einem heftigen Schlag. Ihm fehlte die Kraft, sich seiner Tochter zuzuwenden, seine Kehle war wie zugeschnürt. »Gehen wir weiter«, brachte Isacco mühsam heraus. »Bald wird es dunkel sein und … Komm schon, lass uns weitergehen.« Er machte ein paar Schritte, dann fing er an, mit heiserer Stimme zu sprechen, allerdings immer noch, ohne seine Tochter anzusehen, die ihm mit gesenktem Kopf folgte. »Deine Mutter … ist im Kindbett gestorben. Nicht du hast sie getötet. Das ist … ein gewaltiger Unterschied … Und ich hoffe, du kannst das tief in deinem Innern begreifen. Ich hatte ja keine Ahnung, dass … Ich war nie da, weil … Na ja, mein Leben war nicht gerade … Also, ich hab dir ja davon erzählt, ein wenig jedenfalls … Aber du bist nicht bei deiner Großmutter aufgewachsen, weil ich dich nicht sehen wollte, sondern weil ich ihr vertraut habe … und weil du … du …« Isacco brach ab. Er spürte seine Tochter hinter sich und war sich bewusst, dass sie den Atem anhielt. Erst jetzt sah er sie, die er immer für so unabhängig gehalten hatte, als das, was sie wirklich war: ein kleines Mädchen, das mit dem Gedanken aufgewachsen war, sein Vater würde es hassen. »Ich weiß nicht, wie ich so dumm sein konnte …«, sagte er leise und tat nur einen halben Schritt. »Ich weiß es wirklich nicht!«, schrie er dann beinahe und blieb abrupt stehen.

Giuditta hinter ihm hielt ebenfalls inne und streckte, um nicht auf ihn zu prallen, eine Hand aus, mit der sie sich an seiner Schulter abstützte. Als sie merkte, wie Isacco unter ihrer Berührung zusammenschrak, zog sie die Hand hastig wieder weg, als würde der Rücken ihres Vaters glühen, und flüsterte: »Verzeih mir.«

»Nicht doch …«, sagte Isacco.

Beide blieben reglos stehen. Isacco war immer noch unfähig, sich umzuwenden.

»Ich habe dir doch erzählt, dass mein Vater Arzt war …«, hob Isacco schließlich an in dem Wissen, dass ihn dieses Gespräch mit einem Schmerz konfrontieren würde, dem er sich nicht hatte stellen wollen. »Ein guter Arzt war er, der beste auf der Insel Negroponte. Der Leibarzt des venezianischen Gesandten … oder besser gesagt des Bailo, denn so wurde er dort genannt. Ich habe diese glorreichen Zeiten ja nie erlebt … schließlich wurde ich erst 1470 geboren, als die Türken die Insel eroberten und die Venezianer vertrieben. Mein Vater wurde nicht getötet. Die Türken gestatteten ihm sogar, weiter als Arzt zu arbeiten, aber nur im Inneren der Insel, wo die armen Leute lebten, zumeist Hirten. Und er passte sich den Umständen an … während er innerlich vom Groll und der Sehnsucht nach seinem früheren Leben vergiftet wurde. Er war der stolzeste, arroganteste Mann und der größte Sturkopf, den es je gegeben hat …« Isacco hielt inne. »Erinnert dich das nicht an jemanden, den du kennst?« Und im Gedanken an sich selbst lächelte er traurig.

Schüchtern streckte Giuditta die Hand nach dem Rücken ihres Vaters aus. »Nein.«

Isacco war gerührt, und er fühlte, wie sich die Wärme von der Stelle, auf die Giuditta ihre Hand gelegt hatte, in ihm ausbreitete. »Jahrelang ließ er meine Mutter und meine drei Brüder in einer heruntergekommenen Hütte wohnen, zusammen mit zwei Ziegen, die uns ihre Milch gaben. Die Leute, die er heilte, hatten nichts, um ihn zu bezahlen. Am Abend sprach er immer nur von Venedig, von all dem Gold dort, der überlegenen Kultur, von Brokatstoffen und kostbaren Gewürzen. Er lehrte uns auch, Venezianisch zu sprechen … dieser verdammte Idiot. Er zog nun Zähne, schnitt Abszesse heraus, brachte Kinder und Lämmer zur Welt, kastrierte Vieh und amputierte den Menschen entzündete Gliedmaßen. Er wurde praktisch ein Barbier, ein Feldscher. Er, der berühmte Arzt des Gesandten von Venedig. Und er nahm mich mit … weil er sagte, ich sei der einzige seiner Söhne, der sich nicht vor dem Anblick von Blut fürchtete. Und dann fügte er verächtlich hinzu … Dieser verdammte Bastard, er sagte immer denselben Satz, und zwar zu jedem Patienten, den er behandelte: ›Mein Sohn hier fürchtet sich nicht vor Blut, weil er kein Gewissen hat.‹ Und weißt du auch, warum? Weil er herausgefunden hatte, dass ich versuchte, so gut wie möglich durchzukommen, und mich am Hafen herumtrieb, wo ich Essen für meine Mutter holte, es manchmal auch stahl, weil sie immer schwächer wurde. Er dagegen ging nie einen Kompromiss ein. Der vornehme Herr Doktor, Arzt des Gesandten von Venedig … dieser verdammte Bastard …«

Giuditta kam noch näher an ihn heran, schlang von hinten ihre Arme um ihn und lehnte ihren Kopf an den knochigen Rücken des Vaters.

Isacco presste die Lippen zusammen und runzelte die Augenbrauen in dem Versuch, die Tränen der Wut zurückzuhalten, die unbedingt hinauswollten. »Eines Tages bin ich dann gegangen. Da war ich schon dreißig Jahre alt und hatte gerade die Legende von der Heiligen und dem Qalonimus erfunden. Und ich bin deiner Mutter begegnet. Ein Vater wie mein eigener hatte sie aus dem Haus getrieben. Sie war die einzige Frau, die ich in meinem ganzen Leben verstanden habe, kannst du dir das vorstellen? Vielleicht verstand ich sie so gut, weil ich wusste, was in ihr vorging. Und ein Jahr später sollte sie unsere Tochter zur Welt bringen … dich. Aber etwas lief falsch bei der Geburt. Die Hebamme …« Isacco sank in sich zusammen. »Oh Herr des Universums, hilf mir, das zu ertragen!«

Giuditta hielt ihn fest in ihren Armen und ging mit ihm in die Knie.

»Wie sollte denn ein unschuldiges Neugeborenes die eigene Mutter töten?«, sagte Isacco mit gebrochener Stimme. »Nicht einmal, wenn es das wollte. Wie kommst du nur auf so etwas, mein Kind? Ich dagegen … ich habe ihr nicht helfen können … obwohl ich glaubte, ich hätte alles von diesem verdammten großartigen Leibarzt des Gesandten gelernt … Ich bin für ihren Tod verantwortlich. Wenn jemand dafür verantwortlich ist … dann ich …« Isacco richtete sich auf und fand nun endlich die Kraft, sich seiner Tochter zuzuwenden. Er nahm ihr Gesicht in beide Hände. »Ich habe mir selbst eingeredet, ich wäre immer unterwegs und nie zu Hause, weil ich ein so schweres Leben hatte …« Isacco lächelte wehmütig. »Das habe ich dir auch gerade eben noch gesagt …« Er zog Giuditta an sich, denn er hielt ihrem Blick nicht lange stand. »Ich war nur selten zu Hause, weil ich mich dir gegenüber schuldig fühlte … weil ich dir deine Mutter genommen hatte … weil ich nicht in der Lage gewesen war, mich um dich zu kümmern …«

Schweigend umarmten sie einander.

»Vater …«

»Schschsch … sag jetzt nichts, mein kleines Mädchen.«

Sie hielten einander schweigend umfangen, Isacco versunken in seinen Schmerz und die Schuldgefühle, die er zum ersten Mal zugeben konnte, und Giuditta vertieft in die Gedanken an ihren Vater, der so anders war, als sie immer geglaubt hatte. Weil er ein Scharlatan und Betrüger war. Und weil er sie nicht für den Tod ihrer Mutter verantwortlich machte.

»Vater …«, versuchte es Giuditta nach einer langen Weile wieder.

»Schschsch … du musst nichts sagen.«

»Doch, das muss ich, Vater.«

»Dann tu es.«

»Die Mücken hier fressen mich bei lebendigem Leib auf.«

Isacco löste sich aus der Umarmung. »Du siehst aus wie deine Mutter, aber ansonsten bist du wie ich«, sagte er und sah sie lächelnd an. Dann umarmte er sie noch einmal und sagte: »Los, gehen wir. Wir benehmen uns wie zwei Mädchen.«

»Aber ich bin doch eins!«

»Ach, stimmt ja!«, sagte Isacco, lachte wieder und drückte ihr den gelben Hut in die Stirn. »Gib Acht, wo du hintrittst, Landplage.«

Die Sonne war gerade untergegangen, als sie ein niedriges Bauernhaus entdeckten, aus dessen Schornstein dichter Rauch aufstieg. Auf der Vorderseite prangte das grobe, rissige Bild eines Aals, der eher wie ein Meeresungeheuer aussah. Die Tür des Hauses war geschlossen.

Isacco blieb stehen und sah Giuditta an. »Glaub mir, ich würde dich für keinen Sohn dieser Welt eintauschen«, sagte er unvermittelt.

Giuditta errötete.

»Oh nein, nicht schon wieder!«, rief Isacco aus.

Giuditta errötete noch tiefer.

»Ich weiß nicht, ob ich das aushalte«, brummte Isacco.

Aus der Ferne läutete es zur Vesper.

Nun komm, lass uns hineingehen.« Isacco klopfte und öffnete die Tür.

Vater und Tochter wurden von einem angenehm lauen Luftzug empfangen. Drinnen roch es nach Essen und Stall. Der große Raum, den sie betreten hatten, war zur Hälfte für die Gäste bestimmt, die andere, durch eine niedrige Mauer und ein Holzgatter abgetrennte Hälfte wurde als Stall genutzt, in dem zwei Milchkühe und ein Esel standen. Die Decke hing bedrückend tief über ihnen, und es gab nur winzige Fensteröffnungen. Auf dem langen, aus groben Brettern gezimmerten Tisch in der Mitte des Zimmers erhellte eine Öllampe aus minderwertigem Metall den Raum. Sie bestand nur aus einem Behältnis, das als Tank diente, und einem Docht, der zwischen zwei längst trüb gewordenen Quecksilberspiegeln brannte. Weiter hinten brannte eine größere, aber genauso schlichte Lampe, die von einem Deckenbalken herabhing. Der übrige Teil des großen Raumes lag praktisch im Dunkeln.

An dem Tisch saßen zwei Gäste, die mit leerem Blick auf den Weinkrug starrten, der vor ihnen stand. Sie drehten sich zu den Neuankömmlingen um, und das schien sie so weit zu beleben, dass sie einen weiteren Schluck aus ihren Tonbechern nahmen. Dann starrten sie wieder dumpf vor sich hin. Einem der beiden fielen beinahe die Augen zu, und sein Kopf sank schwer herunter.

»Guten Abend, gute Leute«, sagte Isacco laut, um die Aufmerksamkeit des Wirts zu erregen, wo auch immer der sich aufhalten mochte.

Aus dem oberen Stockwerk hörte er ein Stöhnen, das immer lauter wurde, um schließlich in einem Schrei zu enden. Eine Kinderstimme. Kurz darauf verstummte der Schrei.

»Guten Abend, gute Leute«, wiederholte Isacco in Richtung des oberen Stockwerks.

Man hörte, wie eine Tür sich öffnete und wieder schloss, dann erschien am Geländer eine zwar noch junge, aber von den Mühen des Alltags gezeichnete Frau. Ihr Blick wirkte sorgenvoll. Sie hielt eine geschlossene Laterne mit einem Talglicht in der Hand.

»Guten Abend, gute Frau«, sagte Isacco. »Wir sind Reisende und würden gern die Nacht hier verbringen und eine warme Mahlzeit zu uns nehmen, wenn das geht.«

Die Wirtin stand da und starrte sie an, als würde sie dabei an etwas ganz anderes denken. Dann sagte sie mit tonloser Stimme: »Das kostet einen halben Silbersoldo.«

»Einverstanden«, antwortete Isacco.

»Aber ich habe nichts zu essen«, fügte die Frau hinzu. »Nur Brot und Wein.«

»Dann wird uns das genügen.«

Die Wirtin nickte wortlos, ohne sich von der Stelle zu bewegen. Dann ertönte erneut ein Stöhnen, das sich diesmal jedoch nicht zu einem Schrei erhob. Die Frau drehte sich um, legte sich eine Hand an den Mund und wirkte nun noch besorgter als vorher. Sie stieg die Treppe aus einfachen, gehobelten Holzbrettern hinab, öffnete einen Schrank im hinteren dunklen Teil des Raums, holte einen in ein grobes Leinentuch gehüllten Brotlaib heraus und zapfte aus einem Fässchen Rotwein in einen Krug. Sie stellte alles auf den Tisch, dann holte sie noch zwei angeschlagene Becher und ein Messer für den Brotlaib.

»Ich habe heute nichts gekocht«, sagte sie mit kraftloser Stimme. »Meine einzige Tochter ist krank geworden …«

»Das tut mir leid …«, erwiderte Isacco.

»Und ich verliere noch den Verstand«, fuhr die Frau fort, und ihr abwesender Blick verriet ihren Schmerz.

»Was hat der Arzt gesagt?«, fragte Isacco.

Die Wirtin sah ihn überrascht an. Dann schüttelte sie gedankenverloren den Kopf. »Hierher kommt kein Arzt. Wir bringen unsere Kinder in unseren Betten allein zur Welt, und dort sterben wir auch allein, wenn unsere Stunde gekommen ist.«

Wieder hörte man von oben ein Stöhnen.

Die Frau fuhr hoch und presste die Lippen aufeinander. Ihr Gesicht zeigte in brutaler Offenheit all ihren Schmerz.

Da sagte Giuditta ohne zu überlegen: »Mein Vater ist Arzt.«

5

Meine Mutter war Schauspielerin«, sagte Mercurio und stieg von der Plattform herab, als es Tag geworden war. »Besser gesagt … sie war Schauspieler.« Er musterte die drei, die ebenfalls heruntergesprungen waren und ihn nun erwartungsvoll ansahen. »Ihr wisst doch, dass Frauen nicht im Theater auftreten dürfen?«

Benedetta und Zolfo sahen einander an. »Natürlich«, log Benedetta.

»Ja, sicher«, spottete Mercurio. »Also, meine Mutter hat sich jahrelang als Mann verkleidet, um auf der Bühne stehen zu können. Alle haben ihr das abgenommen. Und selbst als Mann war sie so hübsch, dass man ihr immer die Frauenrollen gab.«

Benedetta und Zolfo hörten ihm gebannt zu, aber der Geschlechtertausch verwirrte sie, sodass sie nicht recht wussten, woran sie waren.

Mercurio packte einen Zipfel des schmutzigen und geflickten Tuchs, das unter der Plattform hing. »Seid ihr bereit?«, fragte er und zog es dann mit einer theatralischen Geste weg, um zu enthüllen, was sich dahinter verbarg.

Benedetta, Zolfo und Ercole sperrten vor Erstaunen den Mund weit auf.

Sie kamen sich vor wie in einer Schneiderei. Oder in einem Kleiderladen. Da hing ein Priestertalar neben einer Mönchskutte, das schwarze Gewand eines Schreibers neben dem gestreiften eines Dieners. Dann das eines päpstlichen Stallknechts mit an der Brust lederverstärktem Wams. Die Beinkleider eines spanischen Soldaten, ein Hosenbein amarantrot, das andere safrangelb, und eine Jacke mit funkelnden Tressen und geschlitzten Puffärmeln. Die Schürze eines Schmieds, die schwarze Mütze und der gewachste Überrock eines Reisenden. Aus einem Weidenkorb quollen Haarteile, Perücken, Brillen, Monokel, falsche Bärte, Schriftrollen und Geldbörsen hervor, aus einem anderen Korb Waffen und Werkzeuge: ein Kurzschwert, ein Schmiedehammer, der Strick eines Pferdehändlers, ein Ledergürtel mit Meißeln und Hohlbeiteln für einen Schnitzer, das Rasiermesser eines Barbiers, Sägen für einen Tischler und die Stempelkissen eines Schreibers, Gänsefedern, Tintenfässer. Halbschuhe, Stiefel, Pantoffeln und Holzschuhe der Fischverkäufer. Und schließlich das Gewand einer Hofdame, kobaltblau und mit falschen Edelsteinen aus buntem Glas besetzt, ein sittsames dunkelgrünes Kleid für ein Mädchen aus gutem Hause und ein noch bescheideneres graubraunes mit einer Schürze und einer großen Tasche vorn für eine Dienerin, dazu eine weiße Haube.

»Heilige Madonna!«, entfuhr es Benedetta.

Mercurio gluckste vor Stolz. »Los, an die Arbeit. Ich habe eine Idee, wie wir uns das Goldstück von dem Wirt wiederholen können.«

»Woher hast du all diese Sachen?«, fragte Benedetta, als hätte sie seine letzten Worte nicht gehört.

»Meine Mutter hat sie mir vererbt«, erklärte Mercurio. »Von ihr habe ich gelernt, mich zu verkleiden. Nur dass ich … eine etwas andere Art Schauspieler bin als sie«, sagte er lachend.

»Du bist also gar keine Waise?«, fragte Zolfo.

»Doch. Aber auf dem Totenbett hat meine Mutter den Leiter der Schauspieltruppe gebeten, nach mir zu suchen und mir diese Sachen und ihren Segen zu überbringen.« Mercurio betrachtete die drei, die immer noch an seinen Lippen hingen. »Also, das ist eine lange Geschichte. Um es kurz zu machen, meine Mutter ging mit einem Schauspieler der Truppe ins Bett, der herausgefunden hatte, dass sie eine Frau war. So wurde ich geboren, und meine Mutter war gezwungen, mich …«

»Dich an der Drehlade für Findelkinder auszusetzen, so wie man es mit mir und Ercole gemacht hat«, sagte Zolfo und spuckte aus.

»Drehlade, Drehlade«, wiederholte Ercole lachend.

»Sei still, du Dummkopf.«

»Nein, meine Mutter hätte mich niemals ausgesetzt. Sie gab mich in die Obhut einer Frau und zahlte ihr Geld, damit sie mich aufzog. Aber diese Frau setzte mich dann an der Drehlade des Waisenhauses von San Michele Arcangelo aus und behielt das Geld für sich.«

»Dieses Miststück!«

»Ja, und dann wurde meine Mutter krank und starb. Der Leiter der Schauspieltruppe fand mich und übergab mir ihren Besitz, also diese Kostüme … von allen Rollen, die sie jemals gespielt hatte. Er erzählte mir ihre Geschichte, und er sagte mir, sie wäre die beste Schauspielerin seiner ganzen Truppe gewesen und dass sie …«

»… dich immer geliebt hat?«, fragte Zolfo, während seine Augen hoffnungsvoll und zugleich neidisch blitzten.

»Genauso war es.«

»Wie hat der Mann dich denn gefunden? Woher wusste der überhaupt, dass du es bist?«, mischte sich Benedetta ins Gespräch.

»Das ist eine komplizierte Geschichte«, wehrte Mercurio rasch ab. »Und jetzt wollen wir uns mit dem Wirt beschäftigen. Wasch dir Hände und Gesicht«, wies er Benedetta an. »Dort im Eimer findest du Wasser.«

»Ich denk ja nicht daran, mich zu waschen«, fuhr Benedetta auf.

»Wasch dich«, wiederholte Mercurio.

»Warum das denn?«

»Weil es zu meinem Plan gehört.«

»Welcher Plan?«

»Wasch dich, dann wirst du schon sehen.« Er nahm das grüne Kleid eines Mädchens aus gutem Hause vom Haken. »Das müsste dir passen«, sagte er und hielt es ihr hin.

»Hu, ist das kalt«, beschwerte sich Benedetta und wusch sich mit zwei Fingern die Augen.

»Du musst sauber aussehen«, erklärte ihr Mercurio. »Nun hab dich nicht so.«

»Ich hasse es, mich zu waschen«, erwiderte Benedetta schmollend.

»Ich versichere dir, das riecht man«, entgegnete Mercurio lachend.

Benedetta warf ihm einen vernichtenden Blick zu, dann versenkte sie beide Hände im Wasser und rieb sich wütend das Gesicht.

»Gut, und jetzt zieh dich um«, befahl Mercurio, nachdem er überprüft hatte, dass auch ihre Nägel sauber waren.

»Wo?«, fragte Benedetta.

Mercurio sah sie überrascht an. »Was meinst du damit?«

»Glaubst du etwa, ich ziehe mich vor dir nackt aus?«

»Na ja, ich habe keinen anderen Raum, du weißt doch, wie es ist.«

»Dreht euch um und wagt ja nicht, mich anzuglotzen«, befahl ihnen Benedetta. Man hörte Kleider rascheln, und schließlich sagte sie: »Ich bin fertig.«

Zolfo und Ercole starrten sie mit offenen Mündern an. »Du siehst wunderschön aus«, sagte Zolfo. Und Ercole sprach ihm nach: »Ercole findet auch, du bischt wunderschön.«

Benedetta errötete sichtlich. »Ihr seid beide Schwachköpfe«, sagte sie und sah Mercurio an.

»Jetzt raus mit euch«, drängte Mercurio ohne weiteren Kommentar. »Ich komme gleich nach und erkläre euch den Plan.«

Eine knappe halbe Stunde später waren sie auf dem Weg.

Während sie entschlossenen Schrittes losmarschierten, schloss Benedetta zu Mercurio auf. »Welche Rolle hat sie in diesem Kleid gespielt?«

»Wer?«

»Deine Mutter.«

»Ach so … Sie spielte … eine Herzogin.«

»Eine Herzogin?«, fragte Benedetta und fuhr kichernd mit einer Hand über das Gewand. Dann lief sie mit stolzgeschwellter Brust noch etwas weiter, ehe sie hinzufügte: »Also … tut mir leid wegen gestern Abend.«

»Wovon redest du?«

»Ich habe das nicht ernst gemeint … also, als ich gesagt habe, du solltest in deinem eigenen Dreck ersaufen … Ich wusste ja nicht …«

»Schon gut.«

Benedetta legte ihm eine Hand auf die Schulter.

Mercurio rückte ab. »Ich will keine Freunde.«

»Meinst du etwa, ich?«, erwiderte Benedetta. Dann betrachtete sie ihn noch einmal eingehend. »Du siehst wirklich wie ein echter Priester aus«, sagte sie und lachte.

Mercurio grinste zufrieden. Er trug einen langen Talar mit roten Knöpfen, auf dem in Brusthöhe ein blutendes Herz mit einer Dornenkrone eingestickt war. Auf seinem Kopf saß ein glänzender schwarzer Hut. »Es ist noch nicht perfekt«, sagte er dann nachdenklich. Er ging zu zwei Eseln hinüber, nahm sich eine großzügige Hand voll Heu aus ihrer Krippe, knüllte es zusammen und steckte sich die Kugel unter den Talar vor den Bauch. »Priester essen im Gegensatz zu uns dreimal am Tag, morgens, mittags und abends. Deswegen sind sie alle fett.« Und als er an einem Obststand vorbeikam, stahl er im Vorübergehen einen Apfel, schnitt zwei Stücke davon ab und schob sie sich in die Backen vor die Zähne: »Guck, jetft bin ich perfekt«, lachte er. »Ich muff nur noch ein biffchen fschwerfällig gehen«, fügte er hinzu und änderte seinen Gang.

»Das ist ja verrückt!«, rief Benedetta.

»Wenn man fich verkleidet, reift ef nicht, wenn man fich …«

»Ich verstehe kein Wort«, sagte Benedetta.

Mercurio nahm die Apfelstücke wieder aus dem Mund und warf sie fort. »Nein, so funktioniert das nicht. Noch eine Regel: Nicht übertreiben. Wenn der Wirt mich nicht versteht, dann ist alles für die Katz. Was ich sagen wollte, wenn man sich verkleidet, reicht es nicht, einfach nur etwas anderes als sonst anzuziehen. Du musst die Sachen zu deinen eigenen machen und dich darin so selbstverständlich bewegen, als würdest du jeden Tag solche Kleider anziehen.«

»Also muss ich mich in diesem Kleid wie eine Herzogin bewegen?«, fragte Benedetta.

»Na ja, ein wenig mit dem Hintern wackeln könntest du schon.«

»Ach, du kannst mich mal, Mercurio«, schnaubte Benedetta empört, aber nach ein paar Schritten grinste sie und fing an, sich in den Hüften zu wiegen.

Sie bogen in den Vico de’ Funari ein. »Warte hier. Und bleib in Sichtweite«, sagte Mercurio zu Benedetta. »Und ihr beiden lasst euch nicht blicken.«

Der Besitzer des Wirtshauses im Vico de’ Funari war ein kräftiger Mann, selbstbewusst und mit dem geröteten Gesicht eines Säufers. Er stand zwischen zwei großen quadratischen Eingängen, die von Falttüren verschlossen wurden. Mehrere Diener schoben diese gerade zur Seite. Das Wirtshaus Zu den Dichtern war hell und geräumig. Früher hatte es als Lagerraum gedient. Die beiden riesigen, an der rechten Wand aufgestellten Weinfässer sollten den Reichtum des Besitzers demonstrieren.

»Einen guten Tag, Bruder«, hörte der Wirt eine Stimme hinter sich.

»Ich habe weder Brüder noch Schwestern«, erwiderte der Wirt feindselig, als er sich plötzlich einem jungen Priester gegenübersah.

»Unser Herr will dir ein Angebot machen«, sagte Mercurio mit einem süßlichen Lächeln.

Der Wirt betrachtete ihn von oben bis unten. »Wenn du hier nach milden Gaben suchst, klopfst du an der falschen Tür, Pfaffe«, erwiderte er und wollte ihm schon den Rücken zukehren.

»Du hast mich nicht verstanden, guter Mann. Unser Herrgott ist es, der dir in seiner unendlichen Güte eine Gelegenheit bieten will«, sagte Mercurio.

Der Wirt sah ihn stirnrunzelnd an. »Was für eine Gelegenheit?«

»Er gibt dir die Möglichkeit, ein Unrecht wiedergutzumachen, Bruder.«

Der Wirt wurde misstrauisch. Er verschränkte die Arme vor der Brust und lehnte sich zurück. Mit aufeinandergepressten Lippen starrte er den jungen Priester an.

Mercurio sagte nichts und hielt seinem Blick stand.

»Von was für einem Unrecht faselst du da?«, gab der Wirt sich schließlich geschlagen.

Mercurio lächelte beglückt. »Seine Erlauchteste Heiligkeit, der Bischof von Carpi, Monsignor Tommaso Barca di Albissola, dem ich als Sekretär zu dienen die höchste Ehre habe, in saecula saeculorum atque voluntas Dei …«

»Hör auf, lateinisch zu schwatzen, und rede klar und deutlich. Und mach es kurz«, verlangte der Wirt, der angesichts des langen Namens einiges von seiner Bestimmtheit eingebüßt hatte.

»Da gibt es nicht viel zu sagen. Du musst dir nur diese junge Frau ansehen, dann weißt du schon Bescheid.« Mit diesen Worten drehte er sich zur Straßenecke um und zeigte auf Benedetta. »Erkennst du sie wieder?«

»Warum sollte ich?« Der Wirt versteifte sich.

»Weil du gestern Abend ein Goldstück einbehalten hast, das sich in ihrem rechtmäßigen Besitz befand«, erklärte Mercurio.

»Ich will verdammt sein, wenn das wahr ist …«

Mercurio schüttelte den Kopf und kräuselte vermeintlich enttäuscht die Lippen. »Unser Herrgott bietet dir durch die Hand seines demütigen Dieners, also durch mich, eine solche Gelegenheit, und du vergeudest sie so töricht? Ich repräsentiere Gottes Hand und die Geldkatze Ihro Exzellenz. Das Geldstück, das du dem Mädchen abgenommen hast, gehört dem Bischof, der sich wie jedes Jahr in Rom aufhält, um den Heiligen Vater zu besuchen. Und der Bischof weiß noch nichts von der Angelegenheit …«

Der Wirt wusste nicht, was er tun sollte. Er fürchtete, man wolle ihn hinters Licht führen, wollte aber auch nicht wagen, sich einen mächtigen Mann der Kirche zum Feind zu machen. Einerseits wollte er sich nicht von einer so leicht errungenen Goldmünze trennen, andererseits wusste er, wie grausam die Rechtsprechung sein konnte, wenn man den Mächtigen in die Quere kam. »Sie sah aus wie eine Diebin, schmutzig und in Lumpen …«, brummte er.

»Ja, sicher. Sie war gerade erst aus dem Waisenhaus von San Michele Arcangelo gekommen, wo sich seine Exzellenz seine … persönlichen Dienerinnen auswählt. Und das gestern war die erste Prüfung, die das Mädchen zu bestehen hatte. Die Prüfung mit dem Goldstück, nennt es Seine Exzellenz, der hochwürdigste Herr Bischof. Jedem neuen Mädchen muss ich eine Goldmünze geben und sie schicken, um Essen zu bestellen. Wenn sie mit dem Abendessen zurückkommt, ist sie würdig, einer geregelten Erziehung zugeführt zu werden. Verschwindet sie hingegen, lässt er sie von den Wachen suchen, und sie wird behandelt, wie eine Diebin es verdient …« Er nahm den Hut ab, während er innerlich frohlockte. So würde er die Aufmerksamkeit seines Opfers auf etwas anderes lenken, anstatt ihm Gelegenheit zu geben, sich zu konzentrieren.

»Und wer sagt mir, dass du kein Betrüger bist? Du bist noch sehr jung …« Wie vorhergesehen war der Wirt misstrauisch geworden, und seine Augen wanderten unruhig hin und her. »Und wo ist deine Tonsur, wenn du ein Mönch bist?«

»Ich bin ein novizium saecolaris«, antwortete Mercurio und beglückwünschte sich dazu, sich schon vor vielen anderen betrügerischen Machenschaften diesen Fantasietitel zurechtgelegt zu haben. Er holte den Leinenbeutel mit den Münzen hervor, die er dem Kaufmann abgenommen hatte, schüttelte ihn, dass die Goldstücke klimperten, und löste das Zugband. Dann öffnete er den Beutel, legte ihn auf die flache Hand und hielt ihn dem Wirt unter die Nase. »Das Gebot der Barmherzigkeit heißt mich das tun, du misstrauischer Wirt. Sieh dir diese Münzen an. Sehen sie etwa nicht genauso aus wie die, die du dem Mädchen abgenommen hast? Haben sie nicht alle auf einer Seite eine Lilie und auf der anderen ein Bildnis des Heiligen Johannes des Täufers? Diese Münzen sind in Rom kaum verbreitet.«

Der Wirt streckte die Nase nach vorn, um nach dem Schatz zu schielen. Dann steckte er die Hand in die Tasche und zog die einbehaltene Münze heraus. »Wie hätte ich das wissen sollen?«, grummelte er und warf die Münze nervös in die Luft, um sie gleich wieder aufzufangen.

Mercurio sagte kein Wort.

Der Wirt warf das Geldstück wieder hoch und spähte dann zu Benedetta hinüber. »Wie hätte ich das denn wissen sollen?«, wiederholte er und war kurz davor, nachzugeben. Er warf die Münze noch einmal hoch, um den Augenblick der Trennung noch ein wenig hinauszuzögern.

In dem Moment gellte ein wilder Schrei durch den Vico dei Funari.

»Diebe! Verfluchte Diebe!«

Der Wirt drehte sich ruckartig um und sah einen Juden, der auf Benedetta und zwei junge Kerle deutete. Jetzt wusste er, dass er betrogen werden sollte.

Aber noch schwebte die Münze durch die Luft.

Mercurio war flinker als der Wirt. Mit der Geschmeidigkeit einer Katze setzte der falsche Priester zum Sprung an und schnappte sich die Münze im Flug. »Du Riesentrottel!«, rief er aus und lachte ihm offen ins Gesicht, bevor er Fersengeld gab.

»Haltet den Dieb! Haltet den Dieb!«, schrie der Wirt und setzte ihm nach.

Mercurio war zu schnell für den Wirt, aber ihm blieb keine andere Möglichkeit zur Flucht, als direkt auf den Kaufmann zuzulaufen, der weiter auf Benedetta, Zolfo und Ercole einschrie. Geschickt schlüpfte er durch den schmalen Durchgang, der zwischen der Mauer und dem Kaufmann frei war. Beim Laufen rutschte das Heu der Esel, das ihm als Bauchersatz gedient hatte, unter dem Talar hervor.

Shimon Baruch erkannte ihn nicht sogleich, und Mercurio lief ungehindert weiter.

Doch die Heuspur, die er hinterließ, erregte den Verdacht des Kaufmanns. Er drehte sich um, sah, mit wem er es zu tun hatte, und nahm augenblicklich Mercurios Verfolgung auf. »Dieb! Haltet den Dieb!«

Hinter ihm kam der Wirt, der ebenfalls schrie: »Dieb! Haltet den Dieb!«

Da nun alle Mercurio verfolgten, waren die anderen drei gerettet, ohne selbst etwas dafür getan zu haben. Benedetta lief in die entgegengesetzte Richtung, gefolgt von Zolfo und Ercole, dessen Augen schreckgeweitet waren. Sie waren erst wenige Schritte gelaufen und gerade um die nächste Straßenecke gebogen, als Benedetta anhielt und Zolfo ansah. »Wir müssen ihm helfen«, sagte sie.

Mercurio rannte so schnell er konnte und versuchte den Kaufmann abzuhängen, aber der bodenlange Talar behinderte ihn. Der Wirt hatte sehr bald aufgegeben. Mercurio hatte gesehen, wie er sich schon nach der ersten Gasse keuchend zusammengekrümmt hatte. Aber jedes Mal wenn er sich jetzt prüfend umsah, war der Kaufmann noch einen Schritt näher gekommen. Mercurio wandte sich in Richtung San Paolo alla Regola. An der Kirche begann ein Labyrinth aus kleinen Gassen, wo sich seine Spur verlieren würde. Mittlerweile hatte der Kaufmann noch weiter aufgeholt. Und hinter ihm glaubte er auf einmal Benedetta zu erkennen, die ihren Rock mit beiden Händen gerafft hielt und wie eine Besessene rannte. Er tat es ihr nach, hob den Talar an, biss die Zähne zusammen und senkte den Kopf. Seine Füße versanken im schlammigen Untergrund, und seine Lungen brannten. Hätte er jetzt den Beutel mit dem Geld weggeworfen, wäre der Kaufmann sicher stehen geblieben, um ihn aufzuheben, und Mercurio wäre gerettet. Aber er wollte sich nicht von den Münzen trennen. Als er in Richtung San Salvatore in Campo abbog, bemerkte er, dass seine Beine immer schwerer wurden. Nicht aufgeben!, dachte er. Er rannte durch eine Reihe enger Gassen. Dann drehte er sich suchend um. Der Kaufmann war nicht zu sehen, doch Mercurio wusste, dass er jeden Moment auftauchen würde. Er bog in eine Gasse voller Unrat ein. Kaum hatte er sie betreten, sah er schon, dass er in der Falle saß. Es war eine Sackgasse. Er hörte den Kaufmann näher kommen und presste sich, den Atem anhaltend, rasch in eine Mauernische zwischen zwei Säulen aus roten Ziegelsteinen.

Shimon Baruch erreichte die Straßengabelung. Trotz des Waffenverbots für Juden hatte er sich einen Dolch mit langem Griff und zweischneidiger Klinge gekauft. Vor ihm lagen drei Straßen, zwei rechts und eine kleine Gasse links, die voller Unrat vom nahen Gemüsemarkt war. »Du sollst verflucht sein!«, schrie er und bog in die Sackgasse ein. Von Verzweiflung überwältigt blieb er stehen, da er den Dieb verloren zu haben glaubte. »Verdammter Kerl!«, schrie er und wandte sich ab, um die Gasse wieder zu verlassen. Doch da hörte er plötzlich ein schmatzendes Geräusch. Wie von der Tarantel gestochen fuhr er herum und lief zurück.

Mercurio war auf dem Teppich aus Unrat ausgerutscht und hatte dadurch die Aufmerksamkeit des Kaufmanns auf sich gelenkt.

»Hab ich dich, du Dieb!«, rief Shimon Baruch aus. »Gib mir mein Geld zurück!«

»Herr …«, sagte Mercurio und hob die Hände zum Zeichen der Unterwerfung. »Ich habe Euer Geld nicht …«

Shimon Baruch wirkte wie ein Besessener. Seine Augen waren blutunterlaufen, die Nasenflügel bebten, und er keuchte, weil er so schnell gerannt war. Aus dem offenen Mund lief ihm Speichel. Die Hand mit dem Dolch zitterte, doch er hielt mit einem halbherzigen Hieb auf Mercurio zu und schrie: »Gib mir mein Geld zurück!«

Hinter dem Kaufmann tauchten Benedetta, Zolfo und Ercole auf. Benedetta bedeutete Mercurio, sie nicht zu verraten. Dann flüsterte sie Ercole etwas ins Ohr, und Mercurio sah, wie der Riese den Kopf schüttelte. Seine Augen wirkten angsterfüllt.

Shimon Baruch ging weiter auf Mercurio zu, ohne die leiseste Ahnung, was sich hinter seinem Rücken abspielte. »Du widerlicher Bastard, du wolltest mich zugrunde richten, was? Gib mir mein Geld zurück, oder ich bringe dich um!« Er ging zögernd auf ihn zu, als könnte er sich nicht entschließen, ob er ihn durchbohren oder fliehen sollte. Er schien selbst Angst vor der rasenden Wut zu haben, die ihn ergriffen hatte. Während er vorwärts ging, zitterte er am ganzen Leib, seine Augen waren weit aufgerissen und die Kehle wie ausgetrocknet. Er richtete seine Waffe auf die Brust seines Feindes, der mit dem Rücken zur Wand in der Gasse gefangen war. Um sich Mut zu machen, schrie er dabei, so laut er konnte.

Mercurio war wie gelähmt. Er schloss die Augen.

Benedetta stieß Ercole an.

»Ercole hat Angschd«, wimmerte der Riese.

Genau in dem Moment, als Zolfo Ercole einen Fußtritt versetzte, wandte sich der Kaufmann abrupt um. Der Riese ging mit ausgestreckten Armen auf den Kaufmann zu, um ihn zu entwaffnen. Aber ob es nun aus Furcht oder Unbeholfenheit geschah, Ercole stolperte und taumelte auf den Kaufmann zu. Der war genauso erschrocken und versenkte seinen Dolch unabsichtlich in Ercoles Leib.

Mercurio hörte ein unterdrücktes Stöhnen, das wie ein Ausruf des Erstaunens klang. Als er die Augen öffnete, sah er, wie die Spitze des Dolches rot und blutüberströmt aus Ercoles Rücken ragte.

Shimon Baruch wich zurück, zog die Waffe aus dem Körper und starrte Ercole erschrocken an. »Das wollte ich nicht … Ich wollte doch nicht …«, stammelte er.

Der Riese sank langsam auf dem Boden zusammen. »Ercole … hat … tut … weh …«

»Neeiin!«, schrie Zolfo verzweifelt auf.

»Das wollte ich nicht …«, wiederholte Shimon Baruch. Und dann stierte er Mercurio in einem neuen Anfall von Hass wie irre an. »Das ist deine Schuld! Alles nur deine Schuld!«, schrie er und stürzte sich auf ihn.

Diesmal schloss Mercurio nicht die Augen. Es gelang ihm, die Waffenhand des Kaufmanns zu fassen. Beflügelt durch die von der Angst vervielfachte Kraft gelang es ihm, die Wucht des ersten Angriffs abzufangen. Er sank in die Knie, ohne jedoch den Druck auf die Faust mit dem Dolch zu vermindern. Die blutige Klinge schrammte über seinem Kopf an der Mauer entlang.

»Das ist deine Schuld! Alles nur deine Schuld!«, schrie der Kaufmann wieder.

Mercurio hielt weiter dessen Handgelenk gepackt, wirbelte einmal um sich selbst und holte so den Kaufmann von den Füßen. Shimon Baruch fiel hin und zog den Jungen mit sich in den Unrat. Mercurio hatte nur einen einzigen Gedanken: Er durfte die Hand mit dem Dolch auf keinen Fall loslassen. Und dann gab die Schulter des Kaufmanns plötzlich nach, er prallte mit dem Rücken gegen die Mauer, sein Ellenbogen und sein Handgelenk bogen sich in einem unnatürlichen Winkel und Mercurios Körpergewicht drückte wie von selbst nach unten.

Die Klinge drang in den Hals des Kaufmanns.

Mercurio hörte, wie Knorpel brachen, und fühlte sich erinnert an das Knacken zertretener Kakerlakenpanzer. Er schmeckte das Blut, das ihm in den Mund spritzte. Zu Tode erschrocken sprang er auf, und sein Blick spiegelte sich in den verlöschenden Augen Shimon Baruchs. So blieb er stehen und starrte ihn an, den Dolch immer noch in der Hand. Schließlich lockerte er den Griff, und die Waffe fiel mit metallischem Klirren zu Boden.

»Nein …«, stöhnte Benedetta leise.

Als würde er sich plötzlich aus der Erstarrung lösen, holte Mercurio den Leinenbeutel mit den Münzen heraus. »Hier hast du sie! Sie gehören dir!«, schrie er wie von Sinnen und warf den Beutel mit Schwung auf den Kaufmann, der röchelnd am Boden lag und sich die Hände auf die Kehle presste. »Komm hier weg, Mercurio!«, drängte Benedetta und berührte ihn leicht an der Schulter.

Mercurio drehte sich um, ohne sie gleich zu erkennen. Wortlos starrte er sie an, bis er allmählich wieder einen klaren Gedanken fassen konnte und wusste, wer sie war. Dann sah er auf Ercole hinunter. Auf dessen Hemd hatte sich in Höhe des Magens ein Blutfleck ausgebreitet. Er half ihm auf. »Stütz du ihn auf der anderen Seite«, sagte er zu Zolfo.

Zolfo weinte.

»Stütz ihn!«, befahl Mercurio. Dann sah er Benedetta an. »Gehen wir.«

Sie liefen an dem Kaufmann vorbei und verschwanden im Labyrinth der römischen Gassen.

Als die Wachen kamen, berichtete eine alte Frau, die alles von einem kleinen Fenster auf die Gasse beobachtet hatte: »Den hat ein Priester umgebracht.«

Eine Wache beugte sich über Shimon Baruch. »Der ist nicht tot«, sagte er.

»Den hat ein Priester umgebracht«, wiederholte die Alte.

6

Die Wirtin schaute rasch auf und starrte Giuditta mit brennenden Augen an. Sie wirkte beinahe erschrocken. Als empfände sie die Furcht armer Leute, wenn ihnen unerwartet Glück zuteilwird. »Was hast du gesagt?«, fragte sie mit tonloser Stimme.

»Mein … mein Vater … ist …«, stammelte Giuditta.

Die Wirtin wandte sich langsam Isacco zu.

»Gute Frau …«, begann Isacco und schüttelte kaum merklich den Kopf, während er nach den richtigen Worten suchte, um sich aus dieser vertrackten Situation zu befreien.

Doch die Frau unterbrach ihn mit einem Wortschwall: »Ihr seid Arzt? Dann müsst Ihr nichts für das Zimmer bezahlen, ich koche Euch, was Ihr wollt, aber bitte rettet mein Kind!«, rief sie leidenschaftlich. »Rettet sie, Doktor.«

Isacco warf seiner Tochter einen tadelnden Blick zu, er fühlte sich mit dem Rücken an die Wand gedrängt. »Ich werde tun, was ich kann, gute Frau«, sagte er unsicher. »Bringt mich zu ihr.«

Die Wirtin lief auf die Treppe zu.

Isacco schaute zu den beiden Betrunkenen am Nebentisch. »Komm lieber mit mir«, sagte er zu Giuditta und wich ihrem Blick aus.

»Mein Mann ist letztes Jahr am Sumpffieber gestorben«, erzählte die Wirtin, während sie den kurzen schmalen Flur am Ende der Treppe entlangliefen. »Jetzt habe ich nur noch sie.« Dann öffnete sie eine Tür.

»Warte hier«, sagte Isacco zu Giuditta und betrat ein Zimmer, dessen Decke so niedrig war, dass er sich bücken musste. Er nahm seinen gelben Judenhut ab, faltete ihn zusammen und steckte ihn in seinen Gürtel. In einer Ecke sah er auf einem niedrigen Hocker eine schwarz gekleidete Frau sitzen, die beinahe in der Dunkelheit verschwand. Sie hatte jenes maskenhafte Gesicht alter Leute aufgesetzt, die so taten, als sähen sie den Tod nicht, wenn er in ihre Nähe kam, damit er sie nicht bemerkte. Isacco nahm an, dass sie die Mutter der Wirtin oder des verstorbenen Ehemanns war. Und dann sah er noch einen Mönch in einer groben Kutte, die wohl einmal schwarz gewesen war und auf der Hüfte von einer Kordel zusammengehalten wurde. Er konnte dessen bloße, dreckige Füße sehen, weil der Mönch mit dem Rücken zu ihm neben dem Bett kniete, in dem das kranke Kind stöhnend lag und sich unruhig hin und her warf. Isacco beschlich ein ungutes Gefühl. Er hatte Priester noch nie leiden können. Ehe er näher ans Bett herantrat, drehte er sich noch einmal zur Tür, wo er Giuditta im Halbdunkel stehen sah. Mit Erstaunen stellte er fest, dass er ihr ihre vorlaute Bemerkung nicht länger übelnahm. Ganz im Gegenteil verspürte er mit einem Mal so etwas wie Dankbarkeit.

Der Mönch hatte seine Stirn auf das Strohlager gelehnt und hob seinen Kopf auch dann nicht, als er den Neuankömmling hereinkommen hörte. Er murmelte weiter halblaut seine Gebete vor sich hin.

Isacco legte dem Mädchen, das etwa zehn Jahre alt sein mochte, die Hand auf die Stirn. Sie glühte. Dann hob er die Decke. Das Kind hatte sich auf einer Seite zusammengerollt. Er fragte sich, was sein Vater wohl getan hätte, und versuchte, es auf den Rücken zu drehen und ihm die Beine auszustrecken. Sofort schrie das Mädchen laut auf vor Schmerzen und presste eine Hand auf den Unterleib.

Der Mönch sah auf. Er war bestimmt noch keine dreißig, doch sein Gesicht wirkte wie das einer Mumie, so sehr spannte die Haut über dem Schädelknochen. Seine Wangen waren eingefallen und von solch tiefen Falten durchzogen, dass sie Narben ähnelten. Er sah aus wie ein Mensch, der seit vielen Wochen fastete. Seine kleinen, leuchtend blauen Augen waren von einem rötlichen Netz feiner Blutgefäße durchzogen, was ihr fanatisches Glühen jedoch nicht im Mindesten beeinträchtigte. Als sein Blick auf den gelben Hut an Isaccos Gürtel fiel, sprang der Priester jäh auf und streckte Isacco das Kreuz an seinem Hals entgegen. »Satan!«, rief er aus. »Was willst du hier?«

Isacco hielt mit seiner Untersuchung inne.

»Er ist Arzt, Bruder«, erklärte die Wirtin. »Er ist wegen meiner Tochter hier.«

Der Mönch drehte sich zu der Frau um und musterte sie streng, als habe sie soeben den Namen des Herrn geschändet. »Er ist Jude«, sagte er grimmig.

»Er ist Arzt«, wiederholte die Wirtin.

Der Mönch erhob die Augen zum Himmel. »Vater, warum schickst du die boshafte Schlange zu dieser schwachen Eva?« Dann richtete er seinen eifernden Blick auf Isacco. »Schick sie zu mir, dass ich sie unter meiner Ferse zerquetsche.«

»Was hat meine Tochter, Doktor?«, fragte die Wirtin Isacco in einem so drängenden Tonfall, als hätte sie begriffen, dass nicht mehr viel Zeit blieb.

Isacco hatte gesehen, wie sein Vater diese Art von Entzündung behandelte, die oft Kinder befiel. »Man muss hier einen Schnitt machen, und dann …«, begann er und ließ dabei den Mönch nicht aus den Augen.

»Schweig, Gottloser!«, schrie der Mönch und wandte sich wieder der Mutter des kranken Mädchens zu. »Hast du den Verstand verloren, Frau? Wie kannst du es zulassen, dass die dreckigen Hände dieses Juden deine Tochter anfassen, die im Namen Jesu Christi getauft ist? Nach der Berührung durch dieses Krebsgeschwür wird ihre Krankheit sich nur verschlimmern, unwissendes Weib. Begreifst du denn nicht, dass er ihre Seele rauben und sie dann an seinen Herrn und Meister Satan verkaufen wird, du törichte Frau? Wenn unser Herr im Himmel beschließt, dein Kind zu retten, dann wird er das meiner Gebete wegen tun. Wenn er hingegen beschließt, sie zu sich zu rufen, dann nur, um sie in den Chor der himmlischen Heerscharen einzureihen, du Undankbare. Doch wenn sie durch die Hand eines gottlosen Juden stirbt, wird sie zur Hölle fahren und dort gemeinsam mit Schweinen wie ihm im ewigen Feuer braten.« Der Mönch hielt kurz in seinem Wortschwall inne, dann packte er sein Kruzifix fester und streckte es Isacco entgegen, während er immer wieder beschwörend wiederholte: »Vade retro, Satanas. Nimm deine dreckigen Pfoten von diesem armen kranken Kind. Vade retro, Satanas. Du wirst die Seele dieses unschuldigen Geschöpfes niemals bekommen.«

»Hier muss man einen Schnitt machen, gute Frau«, wiederholte Isacco, während er langsam zurückwich. Dabei sah er die Frau an, als wollte er sagen, dass die Entscheidung nun bei ihr lag.

»Geht«, sagte da die Frau schweren Herzens.

»Du sollst den Gottlosen keine Unterkunft gewähren, steht in den Heiligen Büchern geschrieben«, deklamierte der Prediger fanatisch, »damit ihre Sünden dein Haus nicht mit Krankheit vergiften.«

Sobald sie auf dem Gang allein waren, sagte die Frau mit abgewandtem Gesicht zu Isacco: »Geht mit Eurer Tochter ins Zimmer. Ich werde doch in der Nacht niemanden vor die Tür setzen … auch wenn er Jude ist.«

»Es muss ein Schnitt gemacht werden, Frau«, wiederholte Isacco noch einmal.

Die Wirtin schüttelte heftig den Kopf, als wollte sie Isaccos Worte nicht hören. »Zeigt Euch nicht«, sagte sie. Dann gab sie ihm eine Talgkerze und einen Feuerstein.

Isacco und Giuditta schlossen sich in ihrem Zimmer ein.

»Das ist alles meine Schuld«, sagte Giuditta.

Isacco antwortete ihr nicht, berührte sie nicht, sah sie nicht an. Ohne ein Wort streckte er sich auf dem Strohlager aus.

Bei Tagesanbruch war das Mädchen tot.

Isacco wusste es, weil die verzweifelten Schreie der Mutter durch das Gasthaus hallten. Und im selben Moment läuteten die Glocken dumpf zu den Laudes, als wollten sie den Schmerz mit ihr teilen. Die gedämpften Schläge hallten lange im dichten Nebel nach. Im Hintergrund hörte man den Mönch ein düsteres Gebet auf Latein sprechen.

»Steh auf, schnell«, sagte Isacco zu seiner Tochter. »Wir müssen weiter.«

Sie öffneten die Tür ihres Zimmers, gingen möglichst leise die Treppe hinunter und strebten dem Ausgang zu.

Gerade als sie im Hof waren, wo wenige Pfosten und ein Netz aus Binsen einen Zaun für die im Boden scharrenden Hühner bildeten, öffnete die Wirtin das kleine Fenster im oberen Stockwerk, damit die Seele ihrer Tochter sich zum Himmel emporschwingen konnte. Als sie die beiden davonschleichen sah, schrie sie, überwältigt vom eigenen Schmerz und unter dem Eindruck der nächtlichen Gebete des Mönches, mit dem sie gemeinsam am Bett ihrer Tochter gewacht hatte: »Verdammte Juden! Ihr habt Unheil in mein Haus gebracht! Möge Gott Euch verfluchen!«

»Dreh dich nicht um, lauf einfach weiter!«, befahl Isacco Giuditta. Aus den umliegenden Häusern kamen ihnen immer mehr Bauern entgegen, die zu ihrer Nachbarin eilten, um sie zu trösten und gemeinsam mit ihr zu beten.

»Möge Gott Euch verfluchen!«, schrie die Wirtin nun völlig von Sinnen.

Ein Bauer mit schaufelgroßen Händen sah Vater und Tochter hasserfüllt an und spuckte dann vor ihnen aus.

Nun trat der Mönch neben die Wirtin, beugte sich mit dem Kruzifix in der Hand so weit aus dem Fenster, dass er hinauszufallen drohte, und brüllte mit seiner dröhnenden Predigerstimme: »Satansvolk! Satansvolk!«

Isacco bemerkte, dass Giuditta sich umsehen wollte. »Dreh dich nicht um!«, befahl er ihr leise und entschieden. »Und fang nicht an zu rennen!«

»Juden, Satansvolk«, wiederholte eine Alte aus der kleinen Schar einfacher Bauern. Und andere fielen mit ein und beschimpften Vater und Tochter.

Da traf der erste Stein Isacco in den Nacken. Er sackte für einen Moment in die Knie, schob sich dann den gelben Hut zurecht und lief weiter, ohne zu rennen, wie es ihm seine Erfahrung als Betrüger riet. Aus dem Augenwinkel sah er, das seine Tochter ihm gehorsam mit durchgedrücktem Rücken folgte, während ihr die Tränen übers Gesicht liefen.

»Verschwindet, verfluchtes Judenpack!«, hörten sie ein letztes Mal die Wirtin, dann bogen Vater und Tochter um die Ecke auf die Hauptstraße.

Sie hatten ungefähr eine Viertelmeile in normalem Schritttempo und völligem Schweigen hinter sich gebracht, ohne sich auch nur einmal anzusehen, als Isacco in der Nähe eines Wäldchens den Weg verließ und dann weiter querfeldein ging. Als sie den großen Stumpf eines Baums erreichten, in den der Blitz eingeschlagen hatte, setzte er sich und bedeutete seiner Tochter, es ihm gleichzutun. Er nahm den Laib Brot vom Vorabend aus seinem Beutel und brach ihn entzwei. »Iss«, sagte er. »Etwas anderes haben wir nicht.«

Giuditta holte aus ihrem Beutel drei hart gewordene Plätzchen aus Roggenmehl mit Sultaninen und Mandeln. »Die hier haben wir auch noch«, erwiderte sie unter Tränen.

Ihr Vater umarmte sie. »Ich hätte niemals geglaubt, dass ein paar alte Plätzchen mich einmal so glücklich machen könnten«, sagte er.

Sie hatten ihr karges Mahl gerade beendet, als sie von der Straße her laute Stimmen hörten.

»Nimm den Hut ab«, sagte Isacco.

»Aber das Gesetz …«, wandte Giuditta ein.

»Nimm diesen verdammten Hut ab!«, zischte Isacco. Dann stand er auf und ging zu einer Stelle, von der aus er die Straße überblicken konnte, ohne selbst gesehen zu werden. Er kniete sich hinter einen Busch. Giuditta hockte sich neben ihn. Sie sahen den Mönch an der Spitze eines jämmerlichen Haufens von Bauern mit Sensen und Mistgabeln über der Schulter vorüberziehen.

»Das sind schändliche Gotteslästerer, die unseren Herrn Jesus Christus nicht als das Lamm Gottes anerkennen!«, schrie der Prediger mit seiner Stentorstimme.

»Amen!«, antwortete ihm der Chor der Bauern.

»Das sind Gottlose, die über die Verkündigung und die unbefleckte Empfängnis spotten!«

»Amen!«

»Diese erbärmlichen Kreaturen sind nicht würdig, im Angesicht unseres Herrn zu leben!«

»Amen!«

Ein Bauer löste sich aus dem Chor und schrie: »Und sie stehlen unsere Neugeborenen, um ihr Blut zu trinken!«

Da schrien alle laut und einmütig: »Tod den Juden!«

Giuditta drängte sich erschreckt näher an ihren Vater. »Warum?«, fragte sie beinahe unhörbar mit tränenüberströmtem Gesicht.

Isacco sah ihr streng in die dunklen, großen Augen. »Auch wenn ich ›mein Kind‹ zu dir sage, bist du doch keins mehr«, raunzte er sie an. »Jetzt hör endlich auf zu flennen.«

Giuditta machte sich von ihrem Vater los. Sie glaubte, ihn zu hassen, doch dann merkte sie, dass sie tatsächlich aufgehört hatte zu weinen. Und dass sie nun weniger Angst hatte.

Isacco rückte wieder näher an sie heran und sagte: »Jetzt werde ich dich lehren, wie ein Fuchs zu leben, wenn der Jäger die Hunde losgelassen hat.«

7

Da lang«, keuchte Mercurio, während er Ercole stützte, der immer schwerer wurde, je mehr Blut er verlor.

Sie bogen in die Via dell’Orto di Napoli ein.

Mercurio drehte sich immer wieder besorgt um.

»Keine Sorge, niemand verfolgt uns«, sagte Benedetta.

»Keine Sorge?«, fuhr Mercurio auf. »Ich habe gerade einen Mann umgebracht! Ich habe ihn bestohlen und getötet! Wenn man mich fasst, werde ich zum Tode verurteilt.« Wieder sah er sich um, dann stolperte er weiter vorwärts.

»Lass mich nachsehen«, bot Benedetta ihm an. »Ich bleibe einfach ein wenig zurück.«

»Gut.« Mercurio nickte. »Und du hör endlich auf zu heulen, das hilft doch nichts«, sagte er zu Zolfo. »Drück lieber fest auf seine Wunde.«

Zolfo zog die Nase hoch und presste den Lumpen auf Ercoles Wunde, woraufhin dieser sogleich aufstöhnte. »Entschuldigung …«, sagte der Junge erschrocken.

»Fest pressen, verdammt!«, fluchte Mercurio.

Als sie am Ende der Via del Cavalletto Soldaten auf sich zukommen sahen, verbargen sie sich im Vicolo di Margutta, wo es nach Pferdemist stank, denn auf diese kleine Straße gingen die Stallungen der Häuser. Mercurio war völlig außer Atem. Er spähte vorsichtig in die Via del Cavalletto. Die Glocken von Santa Maria del Popolo läuteten gerade zur Vesper. »Bald kommt ein Karren von Scavamorto vorbei. Da laden wir Ercole drauf.«

Benedetta schaute ihn zweifelnd an.

»Hast du etwa eine bessere Idee?«, fragte Mercurio sie scharf.

Benedetta schüttelte unsicher den Kopf, und Mercurio las Angst in ihren Augen. Die Angst aller Kinder, die für Scavamorto arbeiteten.

Als sie den Karren entdeckten, gab Mercurio sich dem Jungen zu erkennen, der ihn führte. Hinter dem Karren folgte eine kleine Prozession unglücklicher Menschen, die ihm aus erloschenen Augen entgegenstarrten. Um sie herum ging das Stadtleben ungerührt weiter, und alle, auch die Soldaten, wandten den Blick von dem Karren mit diesen Ausgestoßenen ab, die kein Anrecht auf ein ordentliches Begräbnis hatten. Bettler, Huren, Juden, Schauspieler, all diejenigen, die nun in ungeweihter Erde begraben werden sollten.

»Helft mir, ihn hinaufzuschaffen«, sagte Mercurio.

Sie packten Ercole und legten ihn auf die Ladefläche des Karrens.

»Segne meine Tochter, Priester«, flehte eine junge Frau mit tränenverquollenen Augen, küsste Mercurios Hand und zeigte auf ein winziges lebloses Wesen, das zwischen zwei ausgemergelten Leichen lag.

Mercurio schlug schnell ein Kreuzzeichen in die Luft. »Zolfo, steig mit auf den Karren und press deine Hand fest auf seine Wunde«, herrschte er ihn an. »Wie oft muss ich dir das noch sagen?«

Während sie die belebte Straße entlangliefen, trat Benedetta zu ihm und sagte nur: »Danke.«

Mercurio antwortete ihr nicht. Eigentlich hätte er ihr danken sollen, aber das brachte er nicht fertig.

»Hier, nimm«, sagte Benedetta.

Mercurio sah überrascht hinunter auf ihre Hand, in der sie den Leinenbeutel mit den Münzen hielt, den Mercurio dem Kaufmann entgegengeschleudert hatte. Schweigend nahm er das Geld wieder an sich.

Benedetta verlor ebenfalls kein Wort.

Sie kamen an der Kirche Santa Maria del Popolo vorbei und durchschritten die Stadtmauer an der großen Porta del Popolo. Nachdem sie noch eine Weile der Via Flaminia gefolgt waren, bogen sie nach links in Richtung Tiber ab und kamen so in eine triste Gegend, wo der faulige Gestank nach verwesenden Körpern schier unerträglich wurde.

Vor ihnen erstreckten sich die Armengräber.

Die Kinder der Toten, wie sie in der Stadt genannt wurden, warteten bereits auf den Karren. Kaum sahen sie ihn, setzten sie sich auch schon in Bewegung, und jeder nahm seinen Platz ein. Aber als die Älteren in dem jungen Priester Mercurio erkannten, hielten sie in ihrer Arbeit inne. Schweigend und voller Bewunderung starrten sie ihn an, wagten es kaum, ihn zu begrüßen. Benedetta und Zolfo hatten immer wieder von Pietro Mercurio aus dem Waisenhaus San Michele Arcangelo reden hören. Er war berühmt unter den Kindern der Massengräber, den Waisen, die hier arbeiteten, nachdem Scavamorto, der Totengräber der Armen, sie den Mönchen für ein paar Münzen abgekauft hatte. Man erzählte sich, dass Mercurio der Einzige sei, der Scavamorto die Stirn zu bieten vermochte. Und einer der wenigen, die fortgegangen waren.

Mercurio begrüßte die Älteren und ordnete dann an: »Holen wir Ercole runter.«

Schnell kletterten die Kinder auf den Karren. Sie reichten Ercole hinab, der immer blasser wurde, und legten ihn auf eine grob gezimmerte Trage aus zwei mit einem schmutzigen Tuch verbundenen Holzlatten.

»Zur Hütte«, befahl Mercurio.

»Was tut ihr da? Macht weiter mit Abladen, ihr Taugenichtse!«, brüllte eine kräftige Baritonstimme.

Die Kinder, die Mercurio halfen, duckten sich instinktiv.

»Er ist verletzt, Scavamorto«, sagte Mercurio ohne erkennbare Anzeichen von Angst vor diesem großen, hageren Mann, der auffällig bunt gekleidet war und unter dem violetten Rock in einer um die Hüfte geknoteten orangenen Schärpe einen Krummdolch nach Türkenart trug.

Scavamorto stutzte zunächst bei Mercurios Anblick, dann verzog sich sein grimmiges Gesicht zu einem Furcht erregenden Grinsen. »Sieh an, wen haben wir denn da!«, rief er und brach in dröhnendes Gelächter aus. »Pater Mercurio, welch unverhoffte Ehre erweist Ihr uns mit Eurem Besuch.« Ohne ihn aus den Augen zu lassen, kam er näher. Und als er neben ihm stand, wobei er den Jungen um einen ganzen Kopf überragte, sah er zu Ercole hinüber. »Ach, der Schwachkopf«, sagte er, während er sich die Wunde ansah. »Den könnt ihr gleich zur Grube bringen«, fuhr er zu den Kindern gewandt fort. »Für den kann man nichts mehr tun.«

Zolfo fing an zu weinen.

»Hilf ihm«, bat Mercurio. »Mach ihn wieder gesund.«

»Du hast mich wohl nicht verstanden. Für den kann man nichts mehr tun«, wiederholte Scavamorto mit einem angedeuteten Grinsen, fast so, als würde ihn dieser Umstand irgendwie erheitern.

»Ich kann dich bezahlen«, sagte Mercurio und hielt seinem Blick stand.

Scavamortos hageres Gesicht wurde wieder ernst. »Junge, vielleicht hast du zu viele Geschichten von diesen Jammergestalten hier gehört und glaubst jetzt selbst daran«, knurrte er ihn an. »Du kleiner Wicht kannst Scavamorto nicht kaufen«, zischte er ihn drohend an, während er den Krummdolch aus der Schärpe zog. »Wenn ich dein Geld wollte, müsste ich es mir nicht verdienen. Ich würde es mir einfach nehmen.«

»Bitte«, flehte Benedetta.

Scavamorto sah zu ihr hinüber. »Er ist doch der Priester, soll er doch für ihn beten, oder?«, sagte er und lachte über seinen eigenen Scherz.

»Bitte«, sagte Mercurio.

Scavamorto kniff die Augen zu Schlitzen zusammen und blähte dazu die Nasenlöcher auf, als hätte er etwas besonders Leckeres erschnuppert. Dann ließ er seinen erbarmungslosen Blick über die Kinder schweifen. Er schien keines von ihnen wahrzunehmen. Schließlich schaute er noch einmal zu Ercole, der aufgehört hatte zu stöhnen. Der hagere Mann klopfte mit den Knöcheln an dessen Stirn. »Klopf, klopf, jemand zu Hause?« Er lachte, als Ercole schwach jammerte. Dann wiederholte er: »Für den kann man nichts mehr tun. Werft ihn in die Grube.«

»Nein!«, schrie Zolfo auf und warf sich schützend über Ercole.

»Hilf ihm!«, sagte Benedetta zu Scavamorto.

Scavamorto sah wieder Mercurio an.

»Hilf ihm, bitte«, sagte Mercurio, und nun senkte er den Blick.

»Bringt ihn in die Hütte«, befahl Scavamorto schließlich.

Die Kinder der Toten hoben die Trage an und gingen zu einem großen Gebäude aus Holz und Stein, das ohne Bauplan errichtet und je nach Bedarf erweitert worden war.

Benedetta und Zolfo folgten der Trage.

Scavamorto starrte Mercurio an. »Aber es wird nichts helfen. Für den kann man nichts mehr tun«, sagte er erneut kopfschüttelnd.

Mercurio schwieg.

»Bring mir ein Gefäß mit Bisamgarben- und Schachtelhalmpaste und Vogelknöterichsud«, befahl Scavamorto ihm. »Weißt du noch, wo ich die Medizin aufbewahre?«

»Ich erinnere mich an alles hier«, antwortete Mercurio. Er drehte sich um und lief zu einer kleinen Hütte mit einem krummen Schornstein.

»Sehr gut, Mercurio«, flüsterte Scavamorto und folgte dann den Kindern in die Baracke. Dort ordnete er an, dass sie Ercoles Kleidung aufschneiden und so die Wunde freilegen sollten. Er betrachtete sie, ohne ein Wort zu verlieren.

Zolfo hielt den Atem an, während er sich an Benedetta klammerte.

Scavamorto sah ihn finster an. »Los, an die Arbeit, wenn du hier heute Abend essen und schlafen willst, Zwerg«, fuhr er ihn barsch an.

Zolfo wollte etwas erwidern, Tränen der Trauer und der Wut standen in seinen Augen. Doch ehe er auch nur einen Ton herausbrachte, versetzte Scavamorto ihm eine Ohrfeige. »Da draußen steht ein Karren, der abgeladen werden muss«, sagte er. »Los, mach dich an die Arbeit.«

Benedetta zog Zolfo zu sich heran und flüsterte ihm ins Ohr: »Geh.«

Scavamorto beachtete sie nicht mehr. Er steckte einen Finger tief in Ercoles Wunde. Der Schwachsinnige stöhnte auf. Dann zog Scavamorto den Finger heraus und roch daran. Er schüttelte den Kopf.

Zolfo verließ weinend die Baracke.

»Das gilt auch für dich«, sagte Scavamorto zu Benedetta.

Benedetta ging mit gesenktem Kopf nach draußen. In der Tür traf sie auf Mercurio, dem sie zuraunte: »Ich hasse ihn.«

Mercurio ging weiter, ohne etwas zu erwidern, und überreichte Scavamorto, wonach er verlangt hatte.

»Weißt du, wie man die Letzte Ölung erteilt, Priester?«, fragte Scavamorto lachend. Er richtete Ercole auf und flößte ihm einen Schluck Vogelknöterichsud ein. Dann öffnete er das Gefäß mit der Bisamgarben- und Schachtelhalmpaste, nahm eine Hand voll heraus und rieb sie in die Wunde. Wieder stöhnte Ercole auf, wenn auch leiser. Scavamorto deutete mit dem blut- und salbenverschmierten Finger auf Mercurio. »Das ist pure Verschwendung. Ich weiß nicht, warum ich das tue.« Er betrachtete Ercole. »Du wirst den nächsten Morgen nicht mehr erleben, und das weißt du auch, stimmt’s, du Schwachkopf?«

Ercole lächelte stumpf vor sich hin.

»Selig sind die Armen im Geiste, denn ihrer ist das Himmelreich«, sagte Scavamorto. »Legt ihm einen Lappen auf die Wunde, um die Fliegen abzuhalten. Und teilt seine Sachen unter euch auf. Morgen kommt er in die Grube.« Er stand auf und ging.

Mercurio zitterte vor Wut. »Gebt ihm eine Decke. Und sollte einer von euch versuchen, ihm auch nur ein einziges Kleidungsstück abzunehmen, bevor er tot ist, bekommt er es mit mir zu tun«, sagte er finster. Er ging nach draußen und sah sich nach Zolfo um, doch er konnte ihn nirgendwo entdecken. Dann begab er sich zu dem Karren, wo die Kinder mit dem Abladen beschäftigt waren.

Die vier stärksten Jungen nahmen die Leichen – die zuvor von den Mädchen entkleidet worden waren, die für die Wiederverwendung von Kleidungsstücken zuständig waren, damit die Waisen diese entweder selbst benutzen oder weiterverkaufen konnten –, je zwei an den Armen und zwei an den Beinen, schaukelten sie hin und her, als wäre es ein Spiel, und sobald die Körper den nötigen Schwung hatten, warfen sie sie in die Tiefe. Mit einem dumpfen Geräusch landeten die Leichen im Massengrab.

Mercurio trat näher. Unten in der Grube sah er Zolfo, der darauf wartete, dass die anderen den eben geworfenen Leichnam gerade hinlegten. Mercurio sprang zu ihm hinunter und nahm ihm die Schaufel aus der Hand. »Geh zu Ercole«, sagte er, woraufhin Zolfo zu weinen begann. Mercurio verwandte keine Zeit darauf, ihn zu trösten, und Zolfo kletterte die Böschung hoch und verschwand. Mit der Gewandtheit dessen, dem die Arbeit vertraut ist, vermengte Mercurio den ungelöschten Kalk mit der Erde. Er arbeitete bis zum Einbruch der Nacht, mühte sich ab, um unangenehme Gedanken fernzuhalten. Dann kehrte er zur Baracke zurück und löffelte dort eine Schüssel wässriger Schwarzkohlsuppe in sich hinein.

Benedetta und Zolfo saßen am Lager ihres Freundes, der nunmehr stark fieberte.

Mercurio trat aus der Hütte heraus und ging langsam zu dem Gräberfeld. Im schwachen Licht eines von dünnen Wolken verhangenen abnehmenden Mondes spähte er in jedes Massengrab.

»Tust du das immer noch, Junge?«, fragte jemand hinter ihm.

Mercurio drehte sich zu der spindeldürren Gestalt Scavamortos um. »Was?«

»Als ich dich den Mönchen von San Michele Arcangelo abgekauft habe, hast du Stunden damit verbracht, in die Gräber zu schauen. Eines Tages habe ich dich gefragt, warum du das tust, und du hast mir geantwortet, dass du nur sehen wolltest, ob deine Mutter dort läge«, sagte Scavamorto und klang nun nicht mehr spöttisch.

Mercurio sagte nichts. Aber er versteifte sich.

Scavamorto lachte. »Erinnerst du dich etwa nicht daran?«

»Lass mich in Ruhe«, knurrte Mercurio.

»Du sagtest, du würdest sie erkennen, auch wenn du sie noch nie gesehen hättest, eben weil sie deine Mutter wäre.«

»Kleinkindergewäsch«, antwortete Mercurio düster.

»Vielleicht. Aber das Interessanteste daran war, dass du sie unter den Toten und nicht unter den Lebenden gesucht hast. Du musst schon sehr wütend auf sie gewesen sein.«

»Das alles schert mich einen Dreck, Scavamorto.«

»Heißt das, du suchst sie jetzt nicht mehr unter den Toten?«

»Ich suche nicht nach ihr und damit basta.«

Scavamorto lachte wieder. Aber leise und ganz ohne die übliche Gemeinheit. »Los, erzähl schon … Wer war deine Mutter, Mercurio?« Er legte ihm eine Hand in den Nacken, ohne zuzupacken, eher so, wie es ein Vater oder ein Lehrer tun würde.

Und Mercurio wehrte sich nicht. Er spürte einen Kloß im Hals. »Sie war eine vornehme Dame …«, begann er, als würde er eine alte Geschichte erzählen. »Sie war unglücklich und hatte einen echten Dreckskerl zum Mann, der sich an allen Kriegsschauplätzen der Welt herumtrieb … So landete sie mit einem jungen, stattlichen Diener im Bett und wurde schwanger. Und bevor der Mann zurückkehrte, gab sie ihren Bastard fort und ließ den Diener umbringen …«

»Oder?«, fragte Scavamorto.

»Meine Mutter war eine bescheidene Dienstmagd … und hatte einen echten Dreckskerl zum Herrn, der niemals in den Krieg zog und sie jede Nacht missbrauchte. Und als er bemerkte, dass sie ein Kind erwartete, setzte er sie auf die Straße. Sie brachte mich zu einer Drehlade für Findelkinder, erstach den Herrn und wurde auf der Piazza del Popolo gehenkt.«

»Oder?«

»Ich hab genug von dem Spiel, Scavamorto«, sagte Mercurio und machte sich von ihm los. »Ich bin kein kleiner Junge mehr.«

»Oder …?«

»Meine Mutter …« Ein trauriger Schleier legte sich über Mercurios Augen.

»… war eine Waise …«, schlug Scavamorto vor.

»… und ein Priester hat sie gebumst«, fuhr Mercurio fort. »Deshalb musste sein Sohn immer diesen albernen Priestertalar tragen.«

Scavamorto lachte. »Oder sie war …«

»Es reicht. Das ist ein Scheißspiel.«

»Wer war meine Mutter ist ein großartiges Spiel«, widersprach Scavamorto. »Ich spiele es auch mit den anderen Waisen. Aber keiner ist so gut darin wie du. Diese kleinen Arschlöcher verrennen sich in eine Geschichte und kommen dann nicht mehr davon los. Du hingegen kannst dir jeden Tag eine neue Mutter erfinden …«

»Scavamorto …«

»Die haben keine Fantasie …«

»Heute habe ich einen Mann umgebracht«, sagte Mercurio atemlos. »Einen jüdischen Kaufmann.«

Scavamorto kratzte mit der Stiefelspitze ein wenig Erde beiseite.

»Man wird mich hängen«, fuhr Mercurio fort, so leise, dass er sich beinahe selbst nicht hörte.

Beide schwiegen. Die Wolken, die still vor dem Mond dahinzogen, ließen die Leichen in den Gräbern aufblitzen und wieder verschwinden.

Mercurio schloss die Augen und sagte: »Ich habe Angst.«

»Das verstehe ich«, sagte Scavamorto.

»Ich habe Angst«, sagte Mercurio noch einmal. »Vor dem Tod.«

Scavamorto hob eine Hand voll Erde auf und warf sie in die Grube. »Du musst nicht sterben, Junge.«

Mercurio drehte sich nicht um.

»Aber du musst fliehen. Über die Grenzen des Kirchenstaats hinweg.«

»Und dann?«

»Du warst immer das schlaueste von meinen Kindern.« Scavamorto gab ihm einen Klaps auf den Hinterkopf. »Fang irgendwo ein neues Leben an. Oder hast du etwa Angst, dir könnte der Abwasserkanal gegenüber der Tiberinsel fehlen?«

»Du weißt, dass ich dort war?«, fragte Mercurio verwundert. »Und warum hast du mich dann nicht zurückgeholt? Du hattest mich schließlich gekauft …«

Scavamorto lächelte, ohne zu antworten.

Mercurio senkte den Blick.

»Morgen früh wirst du mir den leichten Karren stehlen. Den mit den zwei Pferden, nicht den mit den Eseln, die sind zu alt und zu langsam«, sagte Scavamorto. »Zu dieser Zeit wird Ercole schon tot sein. Nimm die anderen beiden mit.«

»Ich kenne sie ja nicht einmal …«

»Hör endlich auf, wie ein Dummkopf zu reden«, herrschte ihn Scavamorto an. »Was hast du denn davon, wenn du so tust, als wärst du ein Holzklotz?«

»Wie meinst du das?«

»Na, so wie ich«, antwortete Scavamorto leichthin. »Nur weil einer allein lebt … heißt das noch lange nicht, dass er niemanden braucht.« Sanft klopfte er mit der Spitze des Zeigefingers gegen Mercurios Stirn. »Aber wenn du dich daran gewöhnst, bist du am Arsch … Dann kannst du dich nämlich nicht mehr ändern. Also, ändere dich, solange noch Zeit ist.« Er wandte sich zum Gehen. »Zolfo wird sich nicht ändern, er ist ein Schwächling. Aber das Mädchen ist aufgeweckt. Sie hat die Hölle überlebt, durch die ihre Mutter sie gejagt hat … Manchmal kann es auch ein Segen sein, wenn man an der Drehlade für Findelkinder abgegeben wird.«

Mercurio verharrte in Schweigen.

»Behalt dein Priestergewand. Das kann euch nützen, wenn ihr auf Räuber trefft. Geht nach Norden. Und bleibt nicht auf dem Land. Ein Betrüger aus der Stadt wie du würde sich glatt in einer Wildfalle verfangen. Es gibt zwei Orte, die für dich geeignet wären: Mailand oder Venedig.« Scavamorto ging auf seine Hütte zu. Doch nach zwei Schritten blieb er stehen und kehrte noch einmal zurück. »Eine Kleinigkeit habe ich noch vergessen. Damit du mich bestehlen darfst, musst du mich vorher bezahlen. Wie viel hast du?«

Sie maßen einander mit Blicken, wie sie es immer getan hatten.

»Einen Soldo«, sagte Mercurio.

»Einen Silbersoldo?« Scavamorto spie auf den Boden.

»Einen aus Gold«, sagte Mercurio.

Scavamorto starrte ihn an. »Das reicht nicht. Da bräuchte es mindestens drei.«

»Die habe ich nicht.«

»Blödsinn.«

»Zwei.«

»Und den dritten legen deine Gefährten drauf.«

»Die haben nichts.«

Scavamorto lachte. »Du bist ein Witzbold. Du hast ihnen mit Sicherheit ihren Anteil gegeben, denn du bist ein ehrlicher Betrüger.«

»Also gut, drei.« Auch Mercurio spuckte auf den Boden. »Halsabschneider.«

Scavamorto hielt ihm eine geöffnete Handfläche hin, und die langen Spinnenfinger zuckten fordernd durch die Luft. Mercurio zog drei Münzen unter seinem Talar hervor.

Scavamorto sagte so boshaft wie immer: »Letzten Endes wirst auch du sterben, Junge.«

Mercurio blickte ihn an. Und lächelte. »Danke.«

Scavamorto ging auf seine Hütte zu.

Mercurio hörte, wie sich die Tür zur Baracke abrupt öffnete. Dann zerriss ein obszöner Laut die Stille, eine Mischung aus einem Rülpser und einem Hustenanfall. Und gleich darauf schrie Zolfo: »Nein!«

»Der Tod hat ihn früher gepackt als erwartet«, sagte Scavamorto. »Los, verschwinde, und zwar gleich, Junge.« Und damit zog er die Tür der Hütte zu.

Im Dunkel der Nacht überlief Mercurio ein Schauder.

Er ging zum Gatter und nahm die Zügel der zwei kleinen, untersetzten Pferde, die bereits vor den Karren gespannt waren, mit dem Scavamorto sonst durch die Straßen Roms fuhr. Er führte sie bis zu der Baracke, in der die Kinder der Toten sich aufhielten. Dann trat er ein. »Ercole wird nicht nackt in der Grube landen«, sagte er laut und betonte dabei jede einzelne Silbe. »Er war einer von uns.«

Die Kinder der Toten nickten bedächtig.

Man hörte nichts als Zolfos unterdrücktes Schluchzen.

Mercurio ging zu Benedetta und Zolfo. »Ihr kommt mit mir.«

8

Sobald der Predigermönch und seine zerlumpte Schar Bauern an ihnen vorübergezogen waren, bedeutete Isacco Giuditta, sich weiterhin nicht sehen zu lassen. »Die werden ihm nicht bis ans Ende der Welt folgen«, knurrte er.

Und tatsächlich sahen sie die Bauern eine halbe Stunde später wieder zurückkehren. Nun, da der Prediger nicht mehr bei ihnen war, schlurften sie müde vorwärts und bedauerten es wohl bereits, wertvolle Arbeitsstunden wegen etwas vergeudet zu haben, das sie selbst nicht so recht verstanden hatten.

»Du wirst sehen, in Venedig werden Juden freundlich behandelt«, sagte Isacco.

Sie setzten sich wieder in Bewegung und liefen durch den Wald neben der Straße, scheu wie wilde Tiere. Schweigend marschierten sie fast bis zum Abend und legten nur eine kurze Rast ein, um ein Stück Brot zu essen. Kurz vor Einbruch der Nacht erklärte Isacco seiner Tochter, dass ein Fuchs nicht in Gasthäusern schlief, vor allem dann nicht, wenn die Hunde frei herumliefen. Deshalb schnitt er ein paar Zweige ab, baute eine Art überdachte Lagerstatt und forderte seine Tochter auf, sich neben ihm niederzulegen.

»Je enger wir uns aneinanderschmiegen, desto weniger werden wir die Kälte spüren«, erklärte er.

Bei Tagesanbruch erhoben sie sich mit steifen Gliedern, überquerten die Straße und liefen dann wieder denselben Weg zurück, diesmal allerdings auf der anderen Seite, wo der Wald noch dichter war.

»Ich bin so dumm«, sagte Giuditta nach einer kurzen Weile und blieb stehen. »Hätte ich dieser armen Frau nicht gesagt, du wärst ein Doktor, könnten wir weiter auf der Hauptstraße laufen.«

Isacco drehte sich um.

»Ich bin so dumm«, sagte Giuditta noch einmal wütend und biss sich heftig auf die Unterlippe, weil sie sonst in Tränen ausgebrochen wäre.

Isacco ging mit ernster Miene auf sie zu. Dann drehte er sie an den Schultern zu sich herum, fasste ihr mit einem Finger unter das Kinn und hob ihr Gesicht an. »Ja, das stimmt. Du hast eine Dummheit gemacht.« Er sah sie eindringlich an. »Leute, die so leben wie ich … Na ja, also eben solche wie ich wollen Herr über das eigene Geschick und die eigenen Betrügereien sein. Verstehst du das?«

»Ja, Vater«, sagte Giuditta und senkte beschämt den Kopf, »es tut mir leid.«

Sie wollte sich in seine Arme werfen, doch Isacco hielt sie zurück. Er wollte ihr in die Augen sehen, während er sagte: »Du hast einen Fehler gemacht. Du bist ein ganz lausiger Weggefährte.« Und dann lachte er plötzlich lauthals auf, mit einer Unbekümmertheit, die Giuditta verblüffte. »Aber andererseits hast du etwas Außergewöhnliches getan, das ich erst jetzt, nachdem wir so viele Meilen gewandert sind, akzeptieren kann …«

»Was?«, fragte Giuditta überrascht.

Isaccos Blick wurde weich, als würde er sich in längst vergangenen Zeiten verlieren. Dann sah er wieder zu seiner Tochter.

»Du bist schön, mein Kind«, sagte er. »So wunderschön wie deine Mutter damals.« Er streichelte ihr übers Gesicht. »Weißt du, was du Außergewöhnliches getan hast?«

»Was?«, fragte Giuditta erneut.

»Du hast mir eine Zukunft gegeben«, antwortete Isacco.

»Wie meinst du das, Vater?«, fragte Giuditta verwirrt.

Bevor Isacco ihr antworten konnte, hörten sie von fern ein noch unbestimmtes, rhythmisches Stampfen, in das sich vereinzelt Gesänge zu mischen schienen. Die Erde erzitterte, und Vater und Tochter zogen sich beunruhigt in die Dunkelheit des Waldes zurück.

Isacco legte einen Finger an die Lippen und murmelte: »Leise.«

Kurz darauf erschien hinter einer Biegung ein Zug von Karren, der von Soldaten zu Fuß und zu Pferde begleitet wurde. Einige trugen eine Rüstung, andere hatten nur eine Schwertscheide umgegürtet. Manche Männer hatten blutdurchtränkte Verbände, ein paar humpelten und benutzten ihre Schwerter und Lanzen als Krücken, und die Schwerverwundeten hatte man auf die Karren geladen. An den Seiten der Karren und an den Sätteln der Pferde hingen Armbrüste und Bögen, Pfeile und gefiederte Geschosse in Köchern herab. Dieses kleine Heer schien nicht auf dem Rückzug von einer Niederlage zu sein, denn die Männer sangen. Und die, die hoch zu Ross waren, ließen sich nicht einfach vom wiegenden Schritt der Tiere schaukeln, sondern saßen trotz ihrer Verwundungen mit stolz vorgereckter Brust im Sattel. Die Soldaten an der Spitze des Zuges schwenkten freudig die Banner der Serenissima.

»Venezianer«, flüsterte Isacco Giuditta zu.

Es waren etwa ein Dutzend Karren und nicht mehr als hundert Soldaten. Isacco hielt es für nicht besonders klug, sie zu fragen, ob sie sich ihnen bis Venedig anschließen dürften. Nicht, wenn man mit einem hübschen Mädchen reiste. Siegeslaune konnte manchmal schlimmer sein als Wut über eine Niederlage. Deshalb duckten sich beide ins Unterholz und warteten, bis die Soldaten vorübergezogen waren.

»Wir folgen ihnen in einem gewissen Abstand«, beschloss Isacco und bedeutete seiner Tochter aufzustehen. »Ein Zug Soldaten ist wie ein Besen auf einem Boden voller Kakerlaken. Er macht den Weg frei.«

Die beiden verließen den Wald und kämpften sich durch ein matschiges Feld. Als sie die Straße erreichten, sahen sie einen viereckigen Meilenstein aus Granit. Noch neununddreißig Meilen bis Venedig.

»Wir haben immer noch einen weiten Weg vor uns«, sagte Isacco. Er fing Giudittas enttäuschten Blick auf. »Ha-Shem, der Allmächtige, der Heilige, gepriesen sei er, wird uns führen.«

Sie hörten immer noch die Soldatengesänge.

»Komm«, sagte Isacco und wollte gerade weitergehen, als plötzlich aus dem Nichts zwei Reiter der Nachhut auftauchten und im vollen Galopp mit gezücktem Schwert auf sie zustürmten. Sie hielten die Pferde erst an, als sie Isacco beinahe überrannt hatten, der langsam und gemessenen Schrittes zurückwich.

»Wer seid ihr?«, fragte einer der beiden Reiter.

»Mein Name ist …«

»Warum verfolgt ihr uns?«, unterbrach ihn der andere Soldat barsch.

»Wir sind auf dem Weg nach Venedig und fühlen uns sicherer, wenn wir hinter den Truppen der Serenissima reisen, ehrwürdiger Krieger«, antwortete Isacco so steif, dass es geradezu übertrieben feierlich klang.

Die beiden Reiter mussten lachen.

»Ihr seid bestimmt keine Venezianer, auch wenn ihr unsere Sprache sprecht«, sagte einer der beiden. »Eure Haut ist dunkler als unsere und ebenso eure Haare und Augen. Auf den ersten Blick würde ich sagen, ihr seid Juden. Ganz besonders du mit deinem Ziegenbärtchen. Aber ihr seid wohl doch keine Juden, oder? Denn ich sehe keinen gelben Hut auf eurem Kopf.«

Der Soldat mit dem gezückten Schwert versenkte die Klinge in Isaccos Beutel und spießte dessen Hut auf. Der andere wandte sich Giuditta zu und umkreiste sie musternd.

»Rührt meine Tochter nicht an«, sagte Isacco und machte einen Schritt auf das Pferd zu, das mit den Hufen nervös im Schlamm stapfte. Dann fügte er noch hinzu: »Bitte, werter Herr Reiter.«

Der Soldat hob lachend das Schwert in seiner Hand und gab Giuditta damit einen leichten Klaps auf den weichen Rock, den die alten Frauen in den Bergen der Insel Negroponte genäht hatten, wie ein Hirte, der ein Schaf wieder zur Herde zurücktreiben möchte. Das Mädchen sprang vor, genau wie es der Reiter geplant hatte, und lief nun wieder in der Mitte der Straße.

»Gehen wir«, befahl der andere Reiter Isacco. Aber er klang nicht feindselig.

Sie brachten die beiden zur Schar der Verwundeten. Hier übergaben die Reiter sie ihrem Hauptmann Andrea Lanzafame, einem stattlichen Mann um die vierzig mit durchdringendem Blick, dessen Haare noch von der Schlacht zerrauft waren und an dessen Kinn bereits kräftige Bartstoppeln sprossen. Der Hauptmann saß ab und sah Isacco aufmerksam an. Der Mann hatte wenig Geduld, meinte Isacco zu erahnen, und ihm war klar, dass man ihm am besten offen und ohne Umschweife entgegentrat.

»Ihr seid Juden?«, fragte der Hauptmann.

»Ja, Herr«, erwiderte Isacco.

»Warum tragt ihr nicht den gelben Judenhut?«

»Weil man uns verfolgt hat und uns umbringen wollte.«

Hauptmann Lanzafame musterte ihn schweigend und nickte beinahe unmerklich. »Wer bist du?«

»Mein Name ist Isacco di Negroponte.« Dann drehte er sich zu Giuditta um, die ihn erschrocken anstarrte. Er sah sie mit einem verhaltenen Lächeln an. Er war ihr dankbar dafür, dass sie gesagt hatte, er wäre Arzt. Sie war H’ava so ähnlich, der Frau, die sie auf die Welt gebracht hatte, der Frau, die Isacco überaus zärtlich geliebt hatte. H’ava, die er nicht hatte retten können, was er sich immer noch vorwarf. Bevor Isacco zu der kranken Tochter der Wirtin gegangen war, hatte er sich noch einmal zu Giuditta umgedreht, die ihn aus dem Halbdunkel des Flurs beobachtete. Und da hatte er das Gefühl gehabt, durch diese Tochter, die ihr so unglaublich ähnlich sah, hätte ihm seine Frau ihren Segen erteilt. Giuditta hatte für H’ava gesprochen. Und H’ava hatte ihm gesagt, dass sie ihm nicht die Schuld an ihrem Tod gab, und ihm seine Möglichkeiten aufgezeigt. Ein neues Schicksal. Er lächelte bei dem Gedanken, dann wandte er sich wieder dem Hauptmann zu. »Mein Name ist Isacco di Negroponte, Doktor, Expertus für Körpersäfte und Wundarzt«, sagte er stolz.

»Bist du ein Schneider?«, fuhr ihn Hauptmann Lanzafame an.

»Schneider?«, fragte Isacco verblüfft.

»Schneidest und nähst du? Bist du ein Chirurgus?«, herrschte ihn der Hauptmann noch einmal an.

Nach dem Überfall der Türken war Isaccos Vater gezwungen gewesen, selbst die niedersten medizinischen Tätigkeiten zu verrichten, auch die blutigen, die man sonst Barbieren und Feldscheren überließ. Und er hatte Isacco überallhin mitgenommen. Den Sohn, der sich nicht vor Blut fürchtete, weil er kein Gewissen hatte.

»Ja, ich bin auch ein Schneider«, sagte Isacco und hatte den Eindruck, dass der Hauptmann ihm daraufhin mehr Respekt entgegenbrachte, im Unterschied zu jedem Arzt oder Adligen.

»Hast du deine Instrumente dabei, Doktor?«, fragte ihn der Hauptmann und behandelte ihn damit sofort wie jemanden, der seinen Befehlen zu gehorchen hatte.

»Nein …«, antwortete Isacco zögerlich.

»Dann wirst du die von Candia benutzen, unserem Feldscher, der vor zwei Tagen am Fieber gestorben ist«, sagte der Hauptmann. Dann fügte er noch hinzu: »Ich hoffe, dass es dir kein Unglück bringt.«

Isacco deutete mit dem Kopf auf seine Tochter.

»Ihr wird nichts geschehen«, versicherte der Hauptmann.

»Unter all diesen Soldaten?«, fragte Isacco besorgt.

»Das sind meine Soldaten. Ich bin ihr Befehlshaber«, sagte der Hauptmann.

Isacco musterte ihn. Niemand weiß besser in den Herzen der Menschen zu lesen als ein Betrüger. Anders konnte man in einem Beruf, in dem keine Regeln gelten, nicht überleben. Und im harten, stolzen Gesicht des Hauptmanns Lanzafame spiegelte sich eine ehrliche Seele.

»Ich glaube Euch«, sagte Isacco schließlich.

»Sie steht unter meinem Schutz«, erwiderte der Hauptmann. »Und jetzt zeig, was du kannst. Auf den Karren sind Männer, die ihre Familien wiedersehen möchten.« Er legte sich die Hände an den Mund. »Donnola!«, schrie er.

Kurz darauf erschien ein kleinwüchsiger Mann mit winzigem Kopf und klitzekleinen Äuglein, der eine gewisse Ähnlichkeit mit einem Wiesel hatte – und nichts anderes bedeutete der Name Donnola. Die Haut rund um seine Augen runzelte sich wie Dörrobst, während sie über den Wangen glatt war und fettig glänzte. Abgesehen von ein wenig rötlichem, knabenhaftem Flaum über der Oberlippe und an der Kinnspitze war sein Gesicht unbehaart.

»Das ist Doktor Negroponte. Gib ihm Candias Instrumente«, ordnete der Hauptmann an. »Und sorg dafür, dass er vor den Männern darauf spuckt, um den Fluch des Fiebers zu bannen, das den Mann umgebracht hat. Wenn er sich weigert, peitsch ihn aus oder gib ihm einen Tritt in den Hintern, das überlasse ich dir. Aber sobald er es getan hat, stehst du unter seinem Befehl. Und zwar ohne Diskussion.« Lanzafame wandte sich an Isacco. »Wir werden hier unser Lager aufschlagen. Ich will, dass du sofort beginnst. Folge Donnola.«

Isacco ging zu seiner Tochter. »Danke«, flüsterte er ihr zu.

»Vater …«, hob Giuditta an.

Aber Isacco nahm sie einfach fest in die Arme, woraufhin sie verstummte. Dann flüsterte er ihr ins Ohr: »Achte darauf, dass du deinen Rock nicht hochraffst, und zeig nie mehr deine Beine, wenn du von einem Schiff oder auf einen Karren klettern musst.«

»Ich hoffe, du weißt, wie man eine Säge benutzt«, sagte der Hauptmann.

Isacco folgte Donnola zum ersten Karren, aus dem es heftig nach faulendem Fleisch roch. Die Säge, hatte der Hauptmann gesagt. Wundbrand, vermutete Isacco.

»Ich habe Hunger!«, schrie in dem Moment der Hauptmann.

Während er auf den Karren stieg, hörte Isacco, wie Lanzafame zu einem einfachen Soldaten sagte: »Und das Mädchen wird auch Hunger haben. Kein Schweinefleisch. Los, beweg dich, mach Feuer!«

Während Isacco in die Masse menschlicher Körper eintauchte, die sich auf dem Karren unter einem an mehreren Stellen eingerissenen Tuch stapelten, sagte er sich, dass bestimmt alles gut ausgehen würde, wenn er seine Rolle bis zu Ende spielte. Er setzte sich neben den ersten Soldaten – einen jungen Kerl von bestimmt noch nicht einmal zwanzig Jahren mit schreckgeweiteten Augen –, tastete dessen von den Hufen eines schweren Schlachtrosses zertrampeltes Bein ab und betrachtete die Knochensplitter, die sich bereits gelblich verfärbten, und die ausgefransten Wundränder. Er wusste, was er zu tun hatte. Sein Vater war ein guter Lehrmeister gewesen. Danke, du Riesenbastard, dachte er.

»Spuck auf das Werkzeug, so wird das Unglück gebannt«, sagte Donnola und öffnete vor Isaccos Nase eine riesige Tasche aus abgenutztem Leder voller chirurgischer Instrumente.

Isacco spuckte ohne zu zögern darauf und sagte dann laut, sodass alle Verwundeten auf dem Karren es hören konnten: »Der Fluch von Candias Fieber ist jetzt gewichen.«

Donnola sah ihn verwundert an. »Üblicherweise verweigern sich Ärzte solchen Bräuchen …«, raunte er ihm misstrauisch zu. »Sie betrachten sie als unvereinbar mit ihrer Wissenschaft.«

»Dann bin ich also kein Arzt?«, fragte Isacco ihn. Er schaute den anderen an, ohne den Blick zu senken, und legte dabei genau die Selbstsicherheit an den Tag, die ihn sein Leben als Betrüger gelehrt hatte.

Donnola starrte ihn weiter schweigend an.

»Gib ihm etwas Starkes zu trinken, besser Schnaps als Wein, binde ihn fest und hol mir eine gerade und eine gebogene Säge«, sagte Isacco. »Natürlich erst, sobald du beschlossen hast, dass ich wirklich Arzt bin.«

Donnola schüttelte sich kurz, beugte sich über die Tasche und angelte zwei Instrumente daraus. »Gerade Säge und gebogene Säge. Zu Euren Diensten … Herr Doktor.«

Isacco ergriff die Instrumente. Führe meine Hände, H’ava, wenn es das ist, was du von mir willst, betete er still.

Während Hauptmann Lanzafame Giuditta Brot und gepökeltes Rindfleisch reichte, hallte der Schrei des jungen Soldaten über das Feld und ließ alle erschauern.

Einen Augenblick lang verstummten die Gesänge, um gleich darauf nur noch lauter zu erschallen.

Während Isacco die Säge in das Bein des jungen Kerls trieb, spürte er, wie ihm Tränen übers Gesicht rannen und seine Kehle sich zuschnürte.

Steh mir bei, mein Liebes, flehte er stumm seine Frau an.

9

Isacco arbeitete die Hälfte des Tages auf dem ersten Karren, dann wechselte er auf den zweiten über. Die Stunden, die er über die Verletzten gebeugt verbrachte, vergingen in grausamer Eintönigkeit, nur hier und da unterbrochen durch eine Kirchenglocke irgendwo auf dem Land, die in klagendem Ton die christlichen Gebetsstunden ankündigte. Bis zum Abend, als die Sonne schon tief am Himmel stand, hatte Isacco nicht einen Moment aufgehört, in Fleisch zu schneiden, Knochen zu durchsägen, Amputationsstümpfe und Blutungen zu kauterisieren, Brüche zu richten, klaffende Wunden zu nähen, Pfeilspitzen zu entfernen und Salben auf Wunden zu schmieren. Doch dann endlich hatte er auch die Leute auf dem zweiten Karren versorgt.

Als er in blutgetränkten Kleidern taumelnd über die Holzleiter nach draußen kletterte, gefolgt von Donnola, der die Tasche mit den chirurgischen Instrumenten trug, streckte sich Isacco, kaum dass er in der feuchten, kühlen Luft stand, der bleichen, von leichtem Dunst verhüllten Abendsonne entgegen und massierte sich den schmerzenden Rücken.

Donnola brachte zwei Schalen mit heißer Brühe, zwei Würste und zwei Kanten harten Brotes. Isacco nahm sich die Brühe und das Brot.

»Ach ja, Eure Religion verbietet euch, Schweinefleisch zu essen«, sagte Donnola. »Ihr wisst gar nicht, was Ihr versäumt«, fügte er hinzu und biss in die erste Wurst.

Isacco nickte abwesend, er war an solcherlei Kommentare gewöhnt und weichte das Brot in der Brühe auf. Beide blieben in der Kälte stehen und aßen schweigend. Dann atmete Isacco zwei-, dreimal tief durch, bevor er sagte: »Das fällt einem sonst ja nicht auf. Aber die Luft riecht einfach gut.« Dann füllte er sich noch einmal die Lungen, als müsste er sich einen Vorrat dieser reinen, frischen Luft anlegen, bevor er sich wieder in den Gestank der Karren begab. »Ich müsste meine Notdurft verrichten«, sagte er dann und sah seinen Gehilfen an.

Donnola begegnete ausdruckslos seinem Blick. Als er bemerkte, dass der Arzt ihn weiter anstarrte, sagte er: »Nur zu.«

»Gibt es hier denn keine Latrine?«, fragte Isacco unangenehm berührt.

Donnola breitete die Arme aus. »Die ganze Welt ist eine Latrine«, rief er lachend. Und weil Isacco sich immer noch nicht rührte und ihn weiter erwartungsvoll ansah, fügte er hinzu: »Seid Ihr etwa schamhaft, Herr Doktor?«

Isacco raffte sich auf und sah sich suchend um. Er bemerkte einen Busch, der in ausreichender Entfernung vom Lager stand, und ging darauf zu.

Donnola machte sich über seine Hemmungen lustig. »Kacken muss doch ein jeder, Herr Doktor, auch die Besten. Dafür muss man sich doch nicht schämen«, rief er ihm laut nach.

Isacco würdigte ihn keiner Antwort, sondern ging einfach weiter. Als er den Busch erreichte, sah er ihn sich genau an und überprüfte, dass sich dort niemand aufhielt und die Stelle vom Lager aus nicht einzusehen war. Als er sicher war, dass er vor allen Blicken verborgen war, knöpfte er seinen grünen Überrock auf, ließ die Hosen und die weiten wollenen Unterhosen fallen und hockte sich hin. Sein Gesicht verzerrte sich, aber nicht nur vor Anstrengung, sondern auch vor Schmerz. Isacco biss die Zähne zusammen. Er schloss die Augen und strengte sich noch mehr an. Er stöhnte leise und seufzte schließlich erleichtert auf. Ohne sich aufzurichten, fasste er mit den Händen unter sich und tastete suchend den Boden ab. Er bekam eine kleine Schutzhülle zu fassen und rieb sie am Gras sauber. Sorgsam öffnete er die Schnur, die sie verschloss. Es handelte sich um einen Schafsdarm, und er enthielt fünf Edelsteine, die im Licht des Sonnenuntergangs funkelten, als Isacco sie auf seine Handfläche ausschüttete. Zwei große Smaragde, zwei ebenso große Rubine und ein kleinerer Diamant, der jedoch wesentlich wertvoller war als die übrigen vier Steine.

Im gleichen Moment hörte er ein Rascheln im Wald, in der Nähe des Busches. Er zuckte erschrocken zusammen und schloss die Hand schützend um die Edelsteine. Besorgt sah Isacco sich um. »Wer ist da?«, fragte er und lauschte aufmerksam. Doch es war kein weiteres Geräusch zu vernehmen. Ein Tier, dachte Isacco und entspannte sich. Er erledigte seine Notdurft und wischte sich danach mit großen, rauen Blättern ab, steckte die Edelsteine wieder in den Schafsdarm und knotete die Schnur fest zusammen. Schließlich gelang es ihm mit ein wenig Mühe, das wertvolle Päckchen wieder dort einzuführen, wo niemand es finden würde.

»Fühlt Ihr Euch jetzt besser?«, fragte Donnola, als er ihn zurückkommen sah.

Isacco gab ihm keine Antwort, stieg auf den dritten Karren, spuckte auf seine Instrumente und verkündete mit theatralischer Geste, damit wäre das Fieber, das den vorigen Feldscher getötet hatte, gebannt, und widmete sich den Verwundeten.

Tief in der Nacht bestieg Hauptmann Lanzafame den Karren. Er leuchtete mit seiner Laterne Isacco in das von Erschöpfung gezeichnete Gesicht. »Leg dich schlafen«, befahl er. »Ich kann nicht verhindern, dass der Krieg meine Männer umbringt, wohl aber, dass ein Feldscher im Halbschlaf es tut.«

Vollkommen abwesend beendete Isacco, der gerade einem Soldaten einen Verband anlegte, seine Arbeit.

Hauptmann Lanzafame wartete draußen auf ihn. Er deutete auf den Proviantkarren. »Dort findest du deine Tochter. Es gibt eine Decke für euch und einen kleinen Kohleofen.«

Isacco folgte ihm wie ein Schlafwandler.

Als sie den Karren erreicht hatten, fügte Hauptmann Lanzafame hinzu: »Die Männer sagen, du bist ein Metzger.«

Isacco senkte beschämt den Kopf.

Er hatte fünf Beine oberhalb des Knies abgesägt, eines beinahe bis zum Hüftknochen – und der Soldat hatte den Blutverlust nicht überlebt –, zwei Arme auf der Höhe des Ellenbogens und eine Hand. Außerdem hatte er etwa ein Dutzend Finger abgetrennt. Er hatte alle drei vorhandenen Garnspulen benutzt, um die Wunden zu nähen, und als sie aufgebraucht waren, hatte er Donnola befohlen, ein Hemd aufzutrennen, um etwas zu haben, was er in die gebogene Nadel einfädeln konnte. Insgesamt hatte es drei Tote gegeben. Und der Zustand von zwei anderen Männern war kritisch.

»Sie sagen, du bist ein Metzger«, wiederholte Hauptmann Lanzafame und schaute in die dunkle Nacht hinaus. »Aber wenn sie in einigen Tagen ihre Familien wieder in die Arme schließen können, werden sie merken, dass du ihnen ihre Haut gerettet hast.« Er grinste zufrieden. »Geh jetzt schlafen. Du hast es dir verdient.«

Isacco sah Lanzafame dankbar an. Er nickte wortlos. Dann stieg er mit schweren Schritten die drei Stufen zum Proviantkarren hinauf und öffnete die Tür. Giuditta lag dort im Licht einer kleinen Öllampe. Sie schreckte aus dem Schlaf hoch, und als sie ihn erblickte, sprang sie schreiend auf und verkroch sich zwischen zwei Truhen.

»Ich bin’s doch, dein Vater«, rief Isacco.

»Du hast ausgesehen wie ein Soldat«, murmelte Giuditta zögerlich, während sie wieder zu ihrem Lager ging. Nach dem ersten Schrecken empfand sie nun eine gewisse Bewunderung beim Anblick ihres Vaters, der mit Blut bedeckt war wie ein Held. »Ich habe etwas Fleisch für dich zurückgelegt, obwohl es nicht rein ist. Leg dich hin, du musst völlig erschöpft sein.«

Isacco sank in seinen blutgetränkten Kleidern auf dem Strohlager zusammen und genoss die Wärme der Decke und des Ofens. Giuditta gab ihm ein Stück getrocknetes Rindfleisch. Isacco führte das Fleisch an den Mund. Doch ehe er es kauen konnte, war er auch schon eingeschlafen. Giuditta nahm ihm das Stück Fleisch aus dem Mund und legte die Arme um ihn.

Bei Sonnenaufgang wachte Isacco auf. »Ich muss gehen«, sagte er zu seiner Tochter, stand auf und verließ den Wagen.

Donnola war bereits da, er saß in eine Pferdedecke gehüllt auf der Leiter, und sein Kopf war auf den Koffer mit den Instrumenten gesunken. Als er Isacco bemerkte, sprang er auf, holte zwei Becher Wein und zwei Brotkanten, eine Schweinswurst und ein Stück Rindfleisch, und dann frühstückten sie.

Anschließend bestiegen sie wieder den dritten Karren, um die am späten Abend unterbrochene Arbeit zu beenden. In der kurzen Zeitspanne war einer der Verwundeten verblutet.

»Ich hätte ihn retten können«, sagte Isacco leise.

Donnola verhüllte das Gesicht des Toten und befahl zwei Soldaten, den Verstorbenen zum Leichenkarren zu schaffen. »Die aus Venedig bringen wir zurück zu ihren Familien, damit sie ihnen ein christliches Begräbnis geben können.«

»Amen«, sagte ein Soldat aus einer Ecke des Karrens leise.

Die Männer auf dem nächsten Karren waren nicht so schwer verwundet. Isacco musste seine Säge nur bei einem einzigen Mann einsetzen und rettete ihm dadurch das Leben.

Es hatte schon vor Längerem zur neunten Stunde geschlagen, als Isacco und Donnola ihre Arbeit auf dem letzten Karren beendeten. Erschöpft und betäubt von dem Geruch nach Blut und den Ausscheidungen der Verwundeten, gingen sie hinaus an die frische Luft. Es wurde bereits dunkel. Die untergehende Sonne konnte die dichte Wolkendecke nicht mehr durchdringen, und es stieg ein unangenehm feuchter Nebel auf. Das ganze Lager war in ein gespenstisch blasses Licht gehüllt. Die Karren und die Menschen wirkten wie von einem Schleier verhüllt. Keiner der Männer sang mehr.

In dieser unheimlichen, dumpfen Stille hörte man plötzlich ein Stöhnen. Und gleich darauf einen Schrei: »Ha! Hab ich dich erwischt, verdammter Dieb!«

Isacco und Donnola machten einen Schritt in die Richtung, aus der die Stimme kam.

»Das ist der Koch«, stellte Donnola fest.

»Lass mich los! Lass mich los«, schrie ein Junge. Doch seine Stimme klang eher wütend als ängstlich.

Wenige Schritte entfernt vom Proviantkarren und dem bauchigen Fass mit dem gepökelten Rindfleisch, das davor im Freien stand, sahen Isacco und Donnola, wie ein dicker Mann nahe am Feuer einen dürren Jungen mit langem fettigem Haar und gelblicher Gesichtsfarbe am Kragen gepackt hielt.

»Jetzt halt doch still!«, befahl der Koch dem Jungen. Doch der wand sich wie besessen und versuchte, verzweifelt um sich tretend, sich aus dem Griff zu befreien. Darauf versetzte der Koch ihm mit der freien Hand eine heftige Ohrfeige, und man hörte den Jungen aufstöhnen.

»Was geht hier vor?«, fragte Hauptmann Lanzafame, der durch den Lärm aufmerksam geworden war.

Giuditta erschien an der Tür des Proviantkarrens. Als sie den Vater ein Stück entfernt entdeckte, lächelte sie, blieb jedoch oben auf der Treppe stehen. Der Hauptmann hatte ihr befohlen, im Karren zu bleiben und auf keinen Fall im Feldlager umherzulaufen. Ein hübsches junges Mädchen unter all den Soldaten würde nur Schwierigkeiten bringen.

»Mir war schon einmal so, als ob hier jemand herumstreicht, Hauptmann«, erklärte ihm der Koch. »Und nun habe ich endlich Gewissheit. Hier haben wir einen miesen kleinen Dieb.«

Hauptmann Lanzafame sah sich den Jungen an, dem Blut aus der Nase tropfte. »Lass ihn los!«, befahl er dem Koch.

Der dicke Kerl wollte etwas erwidern, doch dann gehorchte er schweigend und ließ den Jungen frei. Der lief sofort weg, aber Hauptmann Lanzafame hatte das vorhergeahnt. Er schnellte mit unglaublicher Geschwindigkeit vor, streckte einen Arm aus, als wollte er einen Fechthieb austeilen, und erwischte den Jungen damit an dem Bein, das er zum Laufen hochgerissen hatte. Der verlor daraufhin das Gleichgewicht, drehte sich einmal um sich selbst und fiel zu Boden. Der Hauptmann war sofort über ihm, packte ihn an der Brust und hob ihn mühelos hoch. Dann setzte er ihn so heftig wieder ab, als wollte er ihn in den Boden stampfen.

»Rühr dich nicht!«, befahl er ihm mit gebieterischer Stimme.

Der Junge stand da wie gebannt.

»Wie heißt du?«, fragte ihn der Hauptmann.

Der Junge presste die Lippen aufeinander und sah sich verzweifelt nach einem Ausweg um.

»Wie heißt du?«, fragte der Hauptmann noch einmal und klang jetzt ein wenig aggressiver.

»Er heißt Zolfo«, sagte jemand hinter ihnen.

Dann erschien wie aus dem Nichts ein junger Geistlicher, der einen langen schwarzen Talar mit roten Knöpfen und einem aufgestickten blutenden Herzen in einer Dornenkrone auf der Brust trug. Beim Näherkommen lüpfte er den schwarzen, glänzenden Priesterhut. Ihm folgte eine junge Frau, die in ihrem grünen Kleid ungemein anziehend aussah. Der Hauptmann bemerkte mit Wohlgefallen ihre weiße Haut und die langen kupferfarbenen Haare.

»Und wer bist du?«, fragte Hauptmann Lanzafame, dem sofort auffiel, dass auch der Geistliche noch sehr jung war.

»Ich heiße Mercurio da San Michele«, antwortete der junge Mann und näherte sich dem Hauptmann selbstbewusst. Dann deutete er auf Zolfo. »Verzeiht ihm, er hat dem quälenden Hunger nicht widerstehen können. Wir sind schon den ganzen Tag unterwegs und haben in diesem Nebel nicht ein einziges Gasthaus gefunden. Unsere Pferde und der Wagen wurden uns von Räubern genommen, wir haben nur durch ein Wunder überlebt, und …«

»Seid Ihr Priester?«

»Nein, ich bin ein novizium saecolaris, ein unserem Herrn Christus Anverlobter«, erwiderte Mercurio lächelnd. »Außerdem bin ich der Sekretär Ihrer Exzellenz, des Bischofs von Carpi, Monsignor Tommaso Barca di Albissola, der uns in Venedig erwartet, um dieses arme Geschwisterpaar aus dem Waisenhaus von San Michele Arcangelo zu treffen, dem er …«

»Ich kenne keinen Bischof dieses Namens in Venedig«, wandte der Hauptmann misstrauisch ein.

»Weil er seinen Sitz in Carpi hat«, entgegnete Mercurio prompt. »Doch zurzeit besucht Ihre Exzellenz Venedig, und dort sollen wir uns mit ihm treffen.«

Der Hauptmann betrachtete ihn schweigend.

»Wir können das Fleisch bezahlen, das dieser Junge euch gestohlen hat«, fügte Mercurio eilig hinzu.

Hauptmann Lanzafame ließ mit keiner Regung erkennen, dass ihn der Diebstahl interessierte. »Und warum will dein Bischof diese beiden Waisen so dringend sehen?«, fragte er stattdessen.

»Hm, also … das ist eine kirchliche Angelegenheit«, erwiderte Mercurio ein wenig zögernd. »Und etwas Persönliches.«

Hauptmann Lanzafame sah ihn weiter an.

»Er meint, die beiden sind Bastarde des Bischofs«, bemerkte lachend der Koch, und die Soldaten fielen schallend mit ein.

Der Hauptmann warf seinen Männern einen vernichtenden Blick zu. »Wer von euch weiß denn ganz sicher, wer sein Vater ist?«, raunzte er sie an. »Und trotzdem habe ich noch nie einen von euch Bastard genannt.«

Die Soldaten sahen betreten zu Boden.

Einen Augenblick lang suchten die blauen Augen des Hauptmanns den Blick des Mädchens mit der weißen Haut.

Benedetta lächelte ihn nicht an. Doch ihr Blick verriet Respekt.

Der Hauptmann wandte sich wieder Mercurio zu. Nun wirkte er nicht mehr ganz so misstrauisch. »Ihr hättet uns besser um etwas zu essen gebeten. Dann hättet ihr höchstens riskiert, nichts zu bekommen, und nicht gleich euer Leben. Seid ihr euch eigentlich im Klaren, dass wir euch für Feinde oder Spione hätten halten können?«

»Wir wussten nicht, ob sich in dieser Gegend gottesfürchtige Menschen oder Barbaren aufhalten«, erklärte Mercurio.

»Barbaren?« Hauptmann Lanzafame lachte. »Du kommst mir ein wenig verwirrt vor, mein Junge.« Dann wandte er sich an den Koch. »Gib ihnen etwas zu essen.« Er wollte schon gehen, doch dann wandte er sich noch einmal um, legte Mercurio eine Hand auf die Schulter und nahm ihn beiseite. »Also, bist du jetzt ein Priester oder nicht?«

»Noch nicht, hoher Herr.«

»Wie auch immer, für meine Männer wäre es tröstlich, wenn jemand sie segnen würde«, sagte Hauptmann Lanzafame. »Sie schweben zwischen Leben und Tod und sehen Gespenster. Sie sind vollkommen verängstigt, spüren den Atem des Teufels im Nacken. Segne sie und sprich sie von ihren Sünden frei. Irgendein Gebet wirst du doch kennen, oder?«

»Ja, hoher Herr.«

»Und lass das mit dem hohen Herrn, ich bin ein Hauptmann der Serenissima.«

»Ja, Herr Hauptmann.«

Lanzafame lächelte. Der junge Geistliche gefiel ihm. Ein solcher Junge sollte eigentlich nicht Priester werden, das war pure Verschwendung. Aber das ging ihn nichts an. »Donnola!«, rief er. Und als der wieselähnliche Mann zu ihm kam, befahl er ihm: »Nimm diesen Priester mit.«

»Kommt, Vater …«, sagte Donnola zunächst. Doch der vermeintliche Priester war so jung, daher verbesserte er sich: »Also, mein Sohn …«

»Nenn ihn lieber Priester, Donnola«, sagte der Hauptmann. »Sonst rufst du ihn bald noch Heiliger Geist.«

Die Soldaten lachten schallend laut. Dann stiegen Donnola und Mercurio auf den Karren, wo Isacco schon wieder bei der Arbeit war.

Mercurio kniete sich neben den Mann, dem der Doktor den Verband wechselte, und betete: »Heiliger Erzengel Michael, wir bitten dich, dass du dich mit dem Chor der Erzengel und all den neun Chören der Engel um diesen Mann in seinem gegenwärtigen Leben kümmerst, bis er, immer unter deinem Schutz, Bezwinger Satans, in den Genuss der göttlichen Güte kommen wird und mit dir ins Heilige Paradies einzieht.«

»Amen«, flüsterte der Verwundete, und sein Gesicht entspannte sich. »Danke, Vater.«

Isacco stand auf und ging zu einem anderen Soldaten, der bewusstlos war. Mercurio kniete sich neben ihn.

»Du bist gut, mein Junge«, flüsterte Isacco ihm zu. »Aber mein Blick ist scharf und ich weiß, dass du nicht der bist, für den du dich ausgibst.«

Mercurio erstarrte kaum merklich und sah ihn fragend an.

»Du bist ein Betrüger«, sagte Isacco leise.

Mercurio antwortete nicht. Er sah den Arzt nur weiter wortlos an.

»Aber ich werde nichts sagen«, fuhr der Arzt leise fort. »Diese armen Teufel brauchen einen Priester.«

»Danke«, erwiderte Mercurio. Auf seinem Gesicht erschien der Anflug eines Lächelns. »Ich war übrigens im Wald, als Ihr euch entfernt habt, um Euch zu erleichtern«, sagte er.

Diesmal starrte Isacco ihn schweigend an.

»Ich werde auch nichts sagen.« Mercurio lächelte noch breiter. »Diese armen Teufel brauchen einen Arzt.«

Isacco sah den jungen Betrüger forschend an. Das war keine Drohung. Der andere wollte bloß klarstellen, dass er kein Dummkopf war, und das hatte er damit erfolgreich bewiesen. Dann brach Isacco in herzhaftes Gelächter aus.

Und Mercurio stimmte mit ein.

»Was gibt es da zu lachen?«, fragte Donnola.

Isacco und Mercurio antworteten ihm nicht. Sie sahen einander an und verstanden sich.

»Nun denn, tun wir unsere Arbeit«, sagte Isacco dann.

»Ja«, bekräftigte Mercurio, »tun wir unsere Arbeit.«

10

Benedetta und Zolfo hatte man zum Proviantkarren gebracht.

»Lauft nicht im Lager umher«, hatte ihnen der Hauptmann noch mit auf den Weg gegeben, dabei aber nur Augen für Benedetta gehabt.

Sie hatte stumm genickt. Als der Hauptmann gegangen war, stiegen die beiden die Treppe hinauf.

Der Karren war groß und ganz aus Holz, auch die Wände und das Dach. Das Tageslicht fiel nur spärlich durch zwei Fensteröffnungen an den Seiten hinein. Das Ganze wirkte wie ein kleines Haus auf Rädern. Überall waren dunkle Fässchen und Truhen aufgestapelt. In der Mitte stand ein riesiger dicker Tonkrug, der von einem Netz aus groben Seilen gehalten wurde, das wiederum an vier im Boden und im Dach verankerten Pfählen befestigt war. Im Krieg wurde der Wein besser geschützt als das Essen.

Benedetta und Zolfo sahen sich um und entdeckten zwischen zwei Reihen aufgestapelter Truhen Giuditta. Das Mädchen erwiderte ihren fragenden Blick mit einem unsicheren Lächeln. Dann trat sie einen Schritt vor und nahm einen abgenutzten Teller aus dünnem Metall, den sie den beiden Neuankömmlingen hinhielt.

»Gepökeltes Rindfleisch und Schwarzbrot«, sagte sie. »Esst.« Und dann zeigte sie wie eine gute Hausherrin auf die beiden improvisierten Strohlager auf dem Boden. »Wir haben auch einen kleinen Ofen. Setzt euch doch.«

Benedetta fragte lächelnd: »Wer bist du?«

»Die Tochter des Doktors.«

»Ich hab Hunger.« Zolfo machte sich über den Teller her und setzte sich neben den Ofen. Beherzt biss er in das Pökelfleisch. »Gibt es keine Würste?«, fragte er mit vollem Mund und richtete seinen Blick auf Giuditta.

Giuditta zuckte mit den Achseln.

»Haben die hier keine Würste?«, beharrte Zolfo.

»Ich weiß nicht«, antwortete Giuditta und hob noch einmal die Schultern.

»Bist du etwa Jüdin?«, fragte Zolfo lachend und versenkte den Kopf im Teller. Doch dann hielt er inne und starrte Giuditta an, deren Augen nun noch dunkler und größer wirkten als sonst. Zolfos Blick wanderte schnell durch den Wagen, und er hörte auf zu kauen. Als er zwei Reisesäcke entdeckte, stellte er den Teller ab, streckte die Hand nach dem von Isacco aus und zog einen gelben Hut heraus. Mit dem Hut in der Hand sprang er auf und spuckte aus, was er im Mund hatte. »Du bist Jüdin«, knurrte er feindselig und ging, den Hut drohend vor sich haltend, auf sie zu. »Du bist Jüdin!« Jetzt schrie er fast und schleuderte den gelben Hut auf sie.

Giuditta wich verängstigt zurück.

»Was hast du denn, Zolfo?«, fragte Benedetta überrascht.

»Ihr seid Abschaum!«, beschimpfte Zolfo Giuditta. »Widerliches Judenpack!«

»Beruhige dich, Zolfo!« Benedetta stellte sich zwischen ihn und Giuditta und sah ihm in die Augen. Sie funkelten fanatisch, voller Hass. »Was ist mit dir los, Zolfo?«

»Die haben Ercole umgebracht, das ist los!«, schrie Zolfo und stieß sie beiseite, in dem Bestreben, so nah wie möglich an Giuditta heranzukommen.

Benedetta stellte sich wieder zwischen sie. »Sie hat nichts getan«, sagte sie nun beinahe schreiend, damit er wieder zur Besinnung kam.

»Das sind alles Mörder! Verdammte Juden!«, brüllte Zolfo.

Plötzlich öffnete sich die Tür des Wagens.

»Was geht hier vor?«, fragte Hauptmann Lanzafame.

Zolfo drehte sich ruckartig um. »Das ist eine Jüdin!«

»Beruhige dich, Junge!«, sagte der Hauptmann und packte ihn kräftig an den Schultern. »Ruhig!«

Zolfo sah durch ihn hindurch. »Das ist eine Jüdin!«, wiederholte er. »Ich bleibe nicht in einem Wagen mit diesem widerlichen Judenpack!«

Hauptmann Lanzafame sah Benedetta an. Dann zerrte er Zolfo gewaltsam aus dem Wagen und versetzte ihm draußen einen kräftigen Stoß. »Dann schläfst du eben im Freien«, herrschte er ihn an. »Ich will hier keine Schwierigkeiten. Und wenn wir aufbrechen, folgst du uns zu Fuß.«

In diesem Moment kamen Mercurio und Isacco dazu, die zu ihrem Wagen wollten. Der junge Priester lief zum Hauptmann. »Was ist geschehen?«, fragte er ihn atemlos und drehte sich zu Benedetta um, die auf der Treppe des Proviantwagens stand und ihn merkwürdig ansah.

Isacco hatte sich ebenfalls genähert und stand hinter ihm.

Zolfo deutete mit dem Finger auf ihn. »Das ist ein verdammter Jude, Mercurio!« Und nachdem er wütend ausgespuckt hatte, fügte er mit vor Erregung zitternder Stimme hinzu: »Die haben Ercole umgebracht!« Dann konnte er die Tränen nicht mehr zurückhalten und brach in krampfhaftes Schluchzen aus.

Benedetta lief zu ihm und drückte ihn fest an ihre Brust. Mercurio wusste nicht, was er tun sollte. Er sah von Isacco zu Giuditta und zum Hauptmann. Schließlich breitete er entschuldigend die Arme aus. »Er war sein Freund …«, sagte er leise, obwohl er wusste, dass der Hauptmann und seine Leute mit dieser Aussage nichts anfangen konnten. Seit sie die Armengräber verlassen hatten, hatte Zolfo nicht ein einziges Mal geweint. Er war schweigend auf Scavamortos Wagen gestiegen, und in der Nachtkälte waren die Tränen auf seinen Wangen erstarrt. Vielleicht auch die in seinem Herzen. Und er hatte seitdem auch kein einziges Wort über Ercole verloren. »Das geht vorbei«, versicherte Mercurio dem stattlichen Hauptmann.

Lanzafame schüttelte den Kopf und richtete einen Finger drohend auf Zolfo. »Ich will keinen Aufruhr hier im Lager, Bürschchen, hast du verstanden? Sonst jage ich dich höchstpersönlich mit einem Tritt in den Arsch davon.« Und damit entfernte er sich.

Benedetta zog Zolfo beiseite. Der Junge konnte gar nicht mehr aufhören zu weinen. Mercurio machte einen Schritt auf sie zu, doch Benedetta gab ihm mit einer Handbewegung zu verstehen, er solle nicht näher kommen.

Mercurio wandte sich daraufhin an Isacco. »Es tut mir leid.« Er sah Giuditta an, die ihn stolz, geradezu herausfordernd anblickte, die dichten schwarzen Augenbrauen leicht hochgezogen.

Isacco stieg die Stufen hinauf und umarmte sie.

Obwohl Mercurio fror und müde war, entfernte er sich und streifte allein durch das Feldlager. Schließlich holte er sich eine Wurst und eine Scheibe Schwarzbrot und setzte sich auf ein leeres Fässchen, das jemand neben die Straße aufs Feld geworfen hatte. Als er Schritte hinter sich hörte, wandte er sich nicht um.

»Trinkst du, du halb garer Priester?«, fragte ihn Hauptmann Lanzafame. Er hielt zwei Metallkelche mit Wein in den Händen.

»Ja«, erwiderte Mercurio und nahm einen der Kelche entgegen.

»Alle Priester trinken«, sagte der Hauptmann lachend und starrte vor sich ins Unterholz, das langsam zu einem dunklen Fleck mit ausgefransten Konturen verschwamm.

»Also, nun ja …«

»Das Blut Christi.« Wieder lachte der Hauptmann und leerte mit einem einzigen Schluck seinen Kelch zur Hälfte. »Nimm’s mir nicht übel, halb garer Priester. Ich bin Soldat, also darf ich schon von Berufs wegen nicht alles so ernst nehmen. Ich hab nichts gegen dich und auch nicht gegen die Kirche.«

Mercurio trank lächelnd seinen Wein.

»Hast du den Jungen im Griff?«

Mercurio nickte, obwohl er keineswegs überzeugt war.

»Morgen marschieren wir los, und übermorgen werden wir Venedig erreichen«, sagte der Hauptmann. »Bei allem Respekt für dein Keuschheitsgelübde, mein halb garer Priester, wenn wir dort ankommen, brauche ich nur noch zwei Dinge: ein weiches Bett und eine Frau, dann geht’s mir wieder gut.« Er lachte dröhnend. Ehe er ging, sagte er noch: »Der Doktor ist fertig.« Dann wurde er ernst, senkte den Kopf und fügte mit leiser Stimme hinzu: »Ich konnte ihre Schreie nicht mehr ertragen. Ich weiß nicht, warum, aber es ist anders als in der Schlacht.« Dann straffte er sich, versetzte Mercurio einen derben Schlag auf die Schulter und wandte sich zum Gehen.

»Hauptmann …«, begann Mercurio, als würden die Worte von selbst aus seinem Mund kommen. »Was fühlt man, wenn man jemanden tötet?« Dabei zitterte seine Stimme unmerklich.

»Nichts.«

»Nichts? Auch nicht beim ersten Mal?«

»Daran erinnere ich mich nicht mehr. Es ist zu lange her. Warum fragst du?«

»Einfach so …«

Der Hauptmann sah ihn forschend an. »Hast du mir etwas zu sagen?«

Mercurio verspürte das Bedürfnis, seine Last mit jemandem zu teilen. Aber der Hauptmann war Soldat und würde ihn danach vielleicht verhaften.

»Gibt es einen … besonderen Grund, warum du das Priestergewand gewählt hast, mein Junge?«

Mercurio atmete tief durch. Der Hauptmann war nicht der rechte Mann, um sich ihm anzuvertrauen. Zögernd drehte er den Weinkelch zwischen den Fingern.

»Meine Mutter hat … getrunken. Als ihr Bauch anschwoll, erinnerte sie sich nicht mehr, wer mein Vater war. Sie übergab mich den Mönchen … Deshalb bin ich Priester geworden. Ich kenne nichts anderes, das ist alles.«

Der Hauptmann betrachtete ihn aufmerksam. Dann nickte er und entfernte sich.

Mercurio blieb allein zurück. Das bisschen Wein, das er getrunken hatte, stieg ihm schon zu Kopf. Als er merkte, wie sein Magen aufbegehrte, aß er hastig den letzten Rest Wurst und Schwarzbrot. Für einen Moment schloss er die Augen. In der Dunkelheit drängten sich die Bilder der verwundeten Soldaten, der Geruch nach Blut und der Anblick des aufgeschnittenen und zugenähten Fleisches in seine Gedanken. Die eher überraschten als schmerzerfüllten Blicke der Soldaten, die Todesangst in ihren Augen. Er sprang auf, denn er wollte nicht allein dort auf dem Feld sitzen. Entschlossenen Schrittes näherte er sich dem Proviantwagen.

Benedetta und Zolfo saßen auf der untersten Stufe des Treppchens.

»Hast du dich beruhigt?«, fragte er Zolfo ohne jeden Vorwurf.

Der sah ihn an. Seine Augen waren gerötet, mehr denn je wirkte er wie ein kleiner Junge. »Ich will nicht unter einem Dach mit diesen Juden schlafen«, sagte er. »Ich hasse alle Juden.«

Mercurio kletterte die Treppe hoch. »Ich hole dir eine ...

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