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Das Mädchen, das aus der Stille kam

Über die Autoren

Fiona Bollag kam 1983 gehörlos zur Welt. Mit sechzehn ließ sie sich im rechten Ohr ein so genanntes Cochlea-Implantat einsetzen. Mit einundzwanzig wurde auch das andere Ohr operiert. Fiona Bollag ist eine leidenschaftliche Köchin und reist für ihr Leben gern.

Peter Hummel ist Stellvertretender Chefredakteur bei Emotion und hat Fiona bei einer Reportage kennengelernt. Für seine Reportagen wurde er mit dem Goldenen Globo und dem Hansel-Mieth-Preis ausgezeichnet. Peter Hummel ist verheiratet, hat zwei Kinder und lebt in Augsburg.

Angela Kuepper lebt und schreibt in München. Sie hat eine Tochter und widmet ihre Arbeit an diesem Buch ihrem Vater, der als junger Mann erblindet war.

FIONA BOLLAG

MIT PETER HUMMEL

UND ANGELA KUEPPER

DAS MÄDCHEN,
DAS AUS
DER STILLE KAM

Feder.psd

Wer Ohren hat, höre.

Wer Augen hat, höre und sehe.

Wer Hände hat,

höre und sehe und tue.

Wer Füße hat,

höre und sehe und tue und gehe.

Wer einen Mund hat,

höre und sehe und tue und gehe und rede

und schweige

und schweige

und schweige –

und höre.

KURT WOLFF

INHALT

  1. PROLOG
  2. TEIL 1
    1. KAPITEL 1
      1. Der Raub der Sabinerinnen
      2. Pfirsichkompott
      3. Aber etwas fehlte
    2. KAPITEL 2
      1. Wenn der Schnee taut 
      2. Wenn plötzlich das Glück sich mit Sorge vereint
      3. Halte durch!
      4. Sie kann nicht träumen
      5. Zu Hause schenkten sie mir alles
      6. Hörnerschall
      7. Hören ist immer die Seele
      8. Nur drei Worte
      9. Was Freiheit ist
    3. KAPITEL 3
      1. Wie nur sollte ich kommunizieren?
      2. Erste Misserfolge
      3. Ein Hoffnungsschimmer
      4. Mein erstes »Nein«!
      5. Es geht weiter 
  3. TEIL 2
    1. KAPITEL 4
      1. Farben, überall Farben
      2. Höher, schneller, weiter
      3. Meine Nonna
      4. Weiße Mäuse, nicht nur im Tagebuch
      5. Biblische Väter und ihre Telefone
    2. KAPITEL 5
      1. Endlich in der Schule
      2. Die schöne Prinzessin
      3. Im Schoß der Familie
      4. Achterbahnfahrten
    3. KAPITEL 6
      1. Im Jugendcamp
      2. Ich werde Köchin!
      3. »Sei kein Feigling …«
      4. Von bösen und guten Träumen
      5. Die Israelreise
    4. KAPITEL 7
      1. Das Cochlea-Implantat
      2. Die Operation, die Schrecksekunden
      3. Der große Tag
      4. Hören ist gar nicht so einfach!
    5. KAPITEL 8
      1. Mode, nichts als Mode
      2. »Bend it like Beckham«
      3. Sackgassen
      4. Neue Wege, neues Hören
  4. EPILOG
  5. DANKSAGUNG
  6. ANHANG
    1. 65 FRAGEN

PROLOG

Können Sie sich vorstellen, wie es ist, wenn man seine Heimatstadt plötzlich neu entdeckt? Wenn man sie nicht nur sieht, nicht nur durch sie schlendert, sie nicht nur riecht und ihren Puls spürt, sondern seine Stadt auch hört?

Dann geht es Ihnen so wie mir, während ich auf dem Zürcher Paradeplatz stehe und all die Geräusche des Lebens auf mich einwirken lasse. Vielleicht sollten Sie wissen, dass der Paradeplatz kein beschaulicher, von Bäumen bestandener Ort ist, wo Vögel singen und Leute spazieren gehen. Nein, der Paradeplatz ist der umtriebigste Ort in ganz Zürich, vermutlich der hektischste Flecken der gesamten Schweiz. Er ist ein Verkehrsknotenpunkt, an dem sich die Tramlinien kreuzen, mit Einkaufstüten beladene Menschen hin und her hetzen, der Kioskverkäufer Packen neuer Zeitschriften stapelt, wo bei Sprüngli genüsslich Schokolade getrunken wird und der Portier des Hotels Savoy mindestens zweimal pro Minute die Türe für seine Gäste öffnet und wieder schließt. Diese Gäste kommen aus den unterschiedlichsten Ländern der Welt; ihre Handys klingeln in den verschiedensten Klingeltönen, und sie sprechen in allen möglichen Sprachen, während ihre Absätze über das Pflaster des Platzes klappern, Einkaufstüten rascheln und Ketten und Schlüssel klimpern.

Ich liebe diesen Paradeplatz, weil er so lebendig ist. Er versprüht Lärm, und all das Klingeln und Rattern, das Quietschen und Lachen und Husten zaubern ein grandioses Abenteuer in meinem Kopf. Denn ich höre. Und Hören ist wunderbar.

Würden Sie mich jetzt auf dem Paradeplatz sehen und mir über die Straße hinweg etwas zurufen, vielleicht: »Hallo, Fiona! Gut schaust du aus, wie geht es dir?«, dann würde ich mich Ihnen zuwenden und Ihnen zuwinken, weil ich Sie gehört hätte. Würde mich meine Mutter auf dem Handy anrufen und mich bitten, Gemüse, Rahm und Lachs für den Abend mitzubringen, dann würde ich »Lachs« verstehen und nicht »Lachen«. Außer natürlich, die Batterien gingen aus. Jene Batterien, die mit ihrer Energie in zwei kleinen Computern all die Geräusche und Stimmen in mein Gehirn transportieren. Dann würde plötzlich Stille herrschen, eine Stille, die Sie nicht kennen und die so tief ist, dass Sie sich an einem Atemzug erschrecken würden.

Ich bin ein Mädchen, das aus der Stille kommt. Eigentlich. Ein Mädchen, für das ein Leben in der Stille vorgesehen war. Ein Mädchen, das sehen und riechen, schmecken und fühlen, aber nicht hören kann. Jedenfalls bis vor kurzem nicht, bis ich ein Cochlea-Implantat eingesetzt bekam und erfahren durfte, wie herrlich es ist, einen Ton von einem anderen unterscheiden zu können, Geräusch von Krach, Melodien von Hundegebell.

Endlich kann ich meine eigene Stimme hören und sie kontrollieren, kann mit Tonlagen spielen, mal forsch klingen und mal liebevoll. Kann Zwischentöne wahrnehmen, Ironie verstehen.

Ich bin mit den Menschen um mich herum verbunden.

Hören ist nicht nur wunderbar. Es ist ein Wunder 

TEIL 1

Das Mädchen,
das aus der Stille kam

Feder.psd

KAPITEL 1

Es gibt unzählige Arten von Wundern, auf denen unser Leben gründet, und doch nehmen wir sie oft erst wahr, wenn sie abhanden gekommen sind – oder sie sich uns erstmals zeigen.

Das Wunder des Hörens ist abhängig von mannigfaltigen Prozessen, die in unserem Körper ablaufen. Für mich ist das Wunder des Hörens ein Wunder der Technik. Als kleines Mädchen trug ich ein Taschengerät, das die Geräusche meiner Umwelt verstärkte. Noch vor meinem zweiten Geburtstag bekam ich leistungsfähigere Hörgeräte für beide Ohren und schließlich mein Cochlea-Implantat, das mich mit der Welt der Hörenden verbindet. Manchmal aber stelle ich es einfach ab und begebe mich zurück in die Stille, aus der ich gekommen bin. Sie ängstigt mich nicht in ihrer Vollkommenheit. Vielmehr staune ich über all den Lärm in der Welt der Hörenden – und über das Wunder des Fortschritts.

Dass ich heute hören kann, habe ich jedoch nicht nur der Technik zu verdanken, sondern auch dem Einsatz meiner Eltern, zwei ganz besonderen Menschen, die zehneinhalb Jahre vor meiner Geburt nicht ahnen konnten, für welche Aufregung ich einmal in ihrem Leben sorgen würde 

Der Raub der Sabinerinnen

Sonnenstrahlen bildeten schimmernde Flecken auf dem Luganer See, dessen Oberfläche glatt wie ein Spiegel war. Es war mitten im August 1972, und die Stadt war voll von Touristen, die das Seeufer bevölkerten, die nahen Berge erklommen oder Schatten im prächtigen Stadtpark mit seinen subtropischen Pflanzen suchten.

Ruben Bollag warf einen Blick aus dem Fenster. Vielleicht sollte er die Badesachen packen und Wasserski fahren an so einem herrlichen Tag? Freizeit war rar in diesen Tagen mitten im August, vor allem seit er als Hotelier im Betrieb seiner Eltern arbeitete, einem herrschaftlichen Hotel in Lugano Paradiso. Doch ein Freund hatte ihn eingeladen nach Sankt Moritz. Er hatte ein wenig geheimnisvoll getan und gesagt, Ruben müsse dort jemanden kennen lernen. Natürlich trug die Neugier den Sieg davon, und so setzte er sich ins Auto und machte sich auf den Weg über den Maloja in das Engadin.

Ruben Bollag wurde 1937 als zweiter Sohn einer angesehenen Luganeser Familie geboren. Eine Zeit lang hatte er mit dem Gedanken gespielt, Arzt zu werden. Menschen hatten ihn schon immer fasziniert, doch als seine Eltern ihn baten, das familieneigene Hotel mit zu führen, konnte er nicht nein sagen und fand bald Gefallen an der abwechslungsreichen Tätigkeit eines Hoteliers. Inzwischen hatte er einige Menschenkenntnis erlangt; er mochte es, die unterschiedlichsten Leute zu beobachten, ihnen die Wünsche von den Lippen abzulesen und auf seine warmherzige, lustige Art für einen schönen Aufenthalt zu sorgen.

Als er an jenem Tag Sankt Moritz erreichte, sollte sich sein Leben grundlegend ändern. Denn sein Freund hatte Besuch bekommen von einer Familie aus Wien. Zu dieser Familie gehörte auch die zwanzigjährige Mona, das »schönste Mädchen von Wien«, die mit ihrer Lebendigkeit, dem rabenschwarzen Haar und den blauen Augen einen großen Eindruck auf Ruben machte. Mona war im November 1951 in Wien geboren und das älteste von vier Kindern. Sie hatte immer schon einen ausgeprägten Sinn für alles Schöne besessen und hätte gern Kunstgeschichte studiert. In Wien hatte sie viel ihrer Freizeit in Museen verbracht und besaß ein ausgezeichnetes Gespür darin, den verborgenen Wert in Dingen zu erkennen. Um berufliche Erfahrungen zu sammeln, hatte sie nach der Matura in Wien bei Verwandten in New York gelebt und dort im Antiquitätenhandel gearbeitet. Im Herbst würde sie zurück nach New York gehen, sie hatte sich dort sehr wohl gefühlt.

Ruben und Mona kamen ins Gespräch und verstanden sich auf Anhieb. Mein Vater war trotz seiner 35 Jahre noch unverheiratet. Obwohl er mit vielen Menschen zusammenkam, war ihm die richtige Frau noch nicht begegnet. Das schien sich nun schlagartig geändert zu haben.

Auch Mona fand spontan Gefallen an dem jungen, sportlich wirkenden Mann mit den schalkhaften braunen Augen und dem Käppi, der sie in anregende Gespräche verwickelte. Viel zu schnell vergingen die Stunden, und als Ruben sie fragte, ob er sie mit nach Lugano nehmen und – aus Gründen des Anstands – im Hotel einer befreundeten Familie unterbringen dürfe, sagte sie ja. Natürlich musste ihr Vater um Erlaubnis gebeten werden, und als Ruben Bollag ihn bat, Mona entführen zu dürfen, sagte der alte Herr perplex ja.

So lernten meine Eltern sich kennen.

***

Opapa nannte die Entführung aus Wien später scherzhaft den »Raub der Sabinerinnen«. Wahrscheinlich hatte er gleich gespürt, dass meine Mutter an der Seite dieses humorvollen Mannes glücklich werden würde. Obwohl mein Vater sie einer regelrechten Prüfung unterzog, als sie erst in Lugano war.

Der erste Test bestand darin, sie zu fragen, ob sie bereit sei, Motorrad zu fahren. Meine Mutter ließ sich nicht schrecken. Weiter ging es mit dem Schnellboot, und als sie auch hier keine Angst gezeigt hatte, kam der wichtigste Teil der Prüfung – die Musik. Nicht dass mein Vater ihr Ständchen gesungen hätte, nein, er summte Arien und Themen seiner liebsten Opern, und als meine Mutter – die als echte Wienerin natürlich sehr musikliebend war – auch in dieser Disziplin vor seinen Augen bestand, bat er sie, das Leben fortan an seiner Seite zu verbringen.

Wie hätten sie beide auch ahnen sollen, welche Traurigkeit und Verzweiflung auf sie zukamen und dass ich, ihr drittes Kind, niemals das Erlebnis der Musik mit ihnen würde teilen können 

Am 9. November heirateten meine Eltern in Wien. Es war eine prachtvolle jüdische Trauung, die von einem Rabbiner geführt wurde und unter einem Baldachin stattfand. Der Sitte entsprechend zerbrach mein Vater als Bräutigam ein Glas: Es war ein Zeichen der Erinnerung an die Zerstörung des Tempels in Jerusalem.

Mein Vater wie auch meine Mutter hatten vom ersten Augenblick an das sichere Gefühl, zueinander zu gehören. Heute sagen sie oft, dass das Leben mit einem behinderten Kind sie noch stärker zusammengebracht hat.

Pfirsichkompott

Meine Eltern hatten sich von Anfang an Kinder gewünscht. Beide wiesen einen sehr unterschiedlichen familiären Hintergrund auf. Mein Vater hatte eine strenge schweizerische Erziehung genossen; wenn der Vater etwas verlangte, ließ der Sohn selbstredend alles stehen und liegen und folgte seinen Wünschen. Die Eltern meiner Mutter lebten für den Tag, das Heute war ihnen wichtig, morgen nur ein Traum. Sie lebten und fühlten so, weil der Vater meiner Mutter einer der wenigen Auschwitz-Überlebenden war.

Trotz dieser Unterschiede war meinen Eltern eines gemein: Kinder waren für sie das Wichtigste im Leben. Ohne Kinder hätten sie sich einsam gefühlt, und jeder von ihnen wäre bereit gewesen, um der Kinder willen auf alles zu verzichten. Beide waren sehr weltoffene Menschen; ihre Familien lebten über den ganzen Erdball verstreut, und sie wünschten sich, auch ihren Kindern möge die Welt offen stehen.

Was für meine Geschwister und mich vielleicht noch bemerkenswerter war, war die Tatsache, dass sie uns alles ermöglichen wollten, doch nichts zurück erwarteten. Sie gaben, weil sie es so wollten.

Anfang Oktober 1973 wurde mein Bruder David geboren, ein dunkelhaariger, quirliger Junge, der 17 Monate später, mitten im März 1975, eine Schwester bekommen sollte – Joelle. Sie war ein zartes, träumerisches Kind und lebte in einer Welt voller Phantasie.

Meine Eltern waren überglücklich. Mein Vater hatte das Gefühl, nun für jemanden zu leben und zu arbeiten, er war stolz, lachte und spielte mit uns. Meine Mutter half täglich im Hotel ihrer Schwiegereltern, wie es Tradition war, doch sie trug gleichzeitig die Verantwortung für die Erziehung und entschied über die täglichen Belange. Sicher wäre sie noch viel lieber bei David und Joelle zu Hause geblieben.

So bildeten die Bollags eine traditionelle Familie, doch wenn eine Eigenschaft noch typischer war als das Bewahren althergebrachter Werte, so war es die Spontaneität, vereint mit Wahrhaftigkeit.

Anfangs war mein Vater in seiner Arbeit völlig aufgegangen. Der Umgang mit den anspruchsvollen Gästen verlangte ihm ein Höchstmaß an Menschenkenntnis und Disziplin ab. Stets zu Diensten, immer ein Lächeln auf den Lippen, war er der perfekte Hotelier. Aber sein Beruf war sehr zeitintensiv, an ein freies Wochenende war natürlich nicht zu denken. Im Stillen dachte er, er könne entweder ein guter Hotelier und ein schlechter Vater sein oder aber ein guter Vater und ein schlechter Hotelier.

Irgendwann merkte er, wie sein berufsmäßiges Lächeln gefror. Wie die Mundwinkel sich verkrampften und die ewig gleichen Fragen nach der Tiefe des Luganer Sees oder der Höhe des Monte San Salvatore ihn schier zur Verzweiflung brachten. Vielleicht war es auch die Liebe und Sicherheit seiner Familie, die ihm Stärke verlieh und ihn ermunterte, nach neuen Ufern zu streben. Zumal er spürte, dass sein Lächeln nicht nur künstlich geworden war, sondern mehr und mehr dem Geschäftsinteresse diente.

Wenn Not am Mann war, und das geschah in der Hauptsaison nicht selten, bediente er die Gäste selbst, auf dass keiner der Herrschaften warten musste. Zu diesen Gästen gehörte auch eine alte Dame, die in diesem Urlaub besonders unfreundlich war. Sie verlangte Pfirsichkompott, und mein Vater trug ihr vollendet höflich auf.

»Mehr!«, verlangte sie nach der dritten Kelle, und mein Vater legte nach. »Mehr«, sagte sie mit ihrer kreischenden Stimme, »mehr!«, bis schließlich kein Platz mehr auf dem Teller war. Mein Vater schenkte ihr ein Lächeln und wollte sich entfernen, doch sie herrschte ihn an: »Jetzt noch Soße!«

Da verließ meinen Vater die Geduld. Er kippte die restlichen Pfirsiche mitsamt der Soße in den Schoß der alten Dame und dachte sich: So, jetzt hast du Pfirsiche, so viel du willst, und auch noch Soße dazu.

Zum Glück hatte er eine Versicherung, die für den Schaden aufkam, doch jetzt war klar: Es war höchste Zeit, die berufsmäßige Gastfreundschaft aufzugeben und sich eine neue Arbeit zu suchen. Eine Veränderung stand an.

Aber etwas fehlte

Wenig später wurde meinem Vater eine interessante Arbeit in der Firma eines Bekannten angeboten, deren Sitz in der Nähe von Zürich war.

Zürich ist die größte Stadt der Schweiz und deren wichtigstes Handels- und Industriezentrum. Mit ihrer bewegten Geschichte und ihrer Bedeutung als führende Handelsmetropole erschien sie meinen Eltern eine ausgezeichnete Wahl, was die Erziehung ihrer Kinder anbelangte. Auch die Schulen haben einen ausgezeichneten Ruf, und den Schülern stehen die unterschiedlichsten Bildungswege einer Großstadt offen.

Zahlreiche Museen und Kunstsammlungen bergen wahre Kulturschätze, und die Musik wie die Oper verzeichnen eine lange Tradition. Das Leben selbst ist weltoffener als in dem heilklimatischen Kurort Lugano. Neben Katholiken und Protestanten gibt es zahlreiche Andersgläubige; allein ein Drittel der Schweizer Juden leben in Zürich.

Meine Eltern freuten sich auf das neue Leben. Sie hatten viele Freunde und Bekannte, wenn auch keine Familienangehörigen vor Ort. Mein Vater entdeckte, dass er, im Gegensatz zu vorher, am Wochenende auf einmal Zeit für die Kinder hatte. Er fand Gefallen an seiner neuen Arbeit; alles, wozu er sich verpflichtet hatte, pflegte er so gut wie nur möglich zu tun – doch er war das Angestelltenverhältnis nicht gewohnt, und ihm fehlte der Kontakt zu den Menschen. So war es nicht verwunderlich, dass er schließlich nach einer neuen Herausforderung suchte. Diese tat sich auf, als ihm 1981 angeboten wurde, die einzige koschere Bäckerei Zürichs zu kaufen.

Das Wort »koscher« stammt vom hebräischen kascher, was »rituell rein« bedeutet. Unter anderem bezieht es sich auf die jüdischen Speisegesetze, die Kaschruth, über deren Einhaltung ein Aufpasser wacht. Eier, in deren Dotter sich Spuren von Blut finden, verschiedene Emulgatoren, Cremepulver, Konservierungs- und Zusatzstoffe können die Reinheit von Backwaren beeinträchtigen, und auch Zutaten wie Schweinefett sind nicht gestattet. Für meinen Vater eröffnete sich mit dem Kauf der Bäckerei die Möglichkeit, seine jüdische Tradition und Herkunft mit dem sprichwörtlichen Broterwerb zu verbinden und wieder selbständig zu sein.

Da er kein Bäcker war, musste er nicht nachts arbeiten, aber er hatte dennoch viel zu tun, um das Geschäft aufzubauen. Meine Mutter unterstützte ihn, wo immer es ihr möglich war. Sie arbeitete zusätzlich in Auktionshäusern, organisierte Festivitäten und Zusammenkünfte und kümmerte sich um ihre beiden Kinder.

David war ein empfindsamer kleiner Junge, dem die Umstellung aus der gewohnten Umgebung einige Schwierigkeiten bereitete. In Lugano wurde Italienisch gesprochen, doch nun galt es, Deutsch zu lernen und sich zudem noch mit dem Dialekt, dem Schweizerdeutsch, zurechtzufinden. Joelle war sicher noch zu klein gewesen, um den Umzug bewusst mitzuerleben. Sie war eine Träumerin und fühlte sich überall wohl, wo sie die Geborgenheit der Familie spürte.

So vergingen Monate, bis alle sich einlebten, und aus Monaten wurden Jahre. Meine Eltern unterstützten ihre beiden Kinder nach Kräften. Am Abend, wenn die anfallenden Arbeiten der Bäckerei erledigt waren, setzten sie sich zum Essen um den großen Tisch, der das Zentrum des Familienlebens bildete. Hier wurde geredet, erzählt und sich ausgetauscht, es ging lebhaft zu und lebendig.

Meine Eltern verstanden sich gut und fühlten sich einander sehr verbunden. David und Joelle waren gesund und verlebten eine glückliche Kindheit. Mein Vater hatte Erfolg, die Bäckerei lief gut, und er konnte stolz darauf sein, sich etwas Eigenes aufgebaut zu haben. Meine Mutter schuf sich durch ihr organisatorisches Talent und ihren Kunstsinn ein neues Arbeitsfeld. Beide hatten ein reges gesellschaftliches Leben und vor allem enge Kontakte zu der Verwandtschaft auf der ganzen Welt. Meine Großmutter väterlicherseits und mein Onkel lebten in Lugano, die Eltern meiner Mutter in Wien, ihre Schwester in Los Angeles, Cousins und Cousinen in New York, in London und Israel. Trotz der Entfernungen fühlten sie sich der großen Familie eng verbunden und besuchten einander, wann immer es möglich war.

Es war eine heile Welt, die meine Eltern geschaffen hatten.

David war der Erste, der aussprach, was noch fehlte: »Ich will ein Geschwisterchen! Ich will noch einen Spielkameraden!«

KAPITEL 2

Ich bin ein Wunschkind. Meine Mutter wünschte sich ein drittes Kind ebenso sehr wie mein Vater. Meine Geschwister wünschten sich einen Spielkameraden, den sie beschützen konnten, dem sie alles erklären und erzählen durften, um das Leben zu teilen. Sie alle wünschten sich jemanden zum Liebhaben.

Ob Hören dafür wichtig ist?

Menschen, die gehörlos sind, leben wie in schalldichten Kammern inmitten des Lärms dieser Welt. Solange sie kein Implantat tragen, sind sie ausgeschlossen von dem Fluss der Gespräche und den Gesängen der Natur. Sie kennen weder das Rauschen des Windes, das Donnern der Brandung noch das Zirpen der Grillen. Sie hören auch kein hupendes Auto oder einen herandonnernden Zug. Sie spüren die Vibrationen des Schalls mit dem Körper, doch sie hören nicht, wenn sich jemand von hinten nähert und sie ruft.

Oft sind sie sich selbst überlassen und allein. Doch sie sind nicht einsam, solange sie geliebt werden.

Wenn der Schnee taut 

Als meine Mutter spürte, dass sie schwanger war – und sie spürte es gleich –, waren sie und mein Vater überglücklich. Es war Hochsommer, und meine Geschwister waren in einem Sommercamp des Jugendbundes in den Bergen, damit meine Eltern arbeiten konnten. Meine Mutter fühlte sich wohl; sie hatte nie viel Aufhebens um ihre Schwangerschaften gemacht. Das Leben mit all seinen Verpflichtungen ging weiter wie gewohnt, auch wenn sich ein Stück vom Glück in ihrem Bauch verbarg.

Am Ende der Ferien holten meine Eltern David und Joelle ab. Die beiden hatten eine ereignisreiche Zeit in einem Camp gehabt, waren gewandert, geschwommen und hatten einige Abenteuer erlebt. Doch als sie im Auto saßen und meine Eltern ihnen erzählten, dass sie ein Geschwisterchen bekommen würden, stellte diese Neuigkeit alles Vorherige in den Schatten. Wie lange hatten sie meinen Eltern in den Ohren gelegen mit ihrem Wunsch nach einem Bruder oder einer Schwester, und endlich wurde ihnen dies erfüllt!

Der Altersunterschied zwischen David und Joelle betrug eineinhalb Jahre. Sie standen einander sehr nahe und stritten entsprechend viel, da sie miteinander wetteiferten und jeder seine Meinungen und Interessen durchsetzen wollte. Nun war David bald neun Jahre alt, und wann immer er an seinen neuen kleinen Bruder oder seine kleine Schwester dachte, fühlte er sich sehr souverän. Er würde ihm – oder ihr – die Welt erklären, und bei einem so kleinen Wesen, das er zudem würde beschützen müssen, gab es ja nun wirklich keinen Grund zur Eifersucht. Joelle war sieben; sie war ein eher stilles Mädchen, außer wenn sie mit David stritt, spielte am liebsten mit ihren Puppen und war eine richtige Leseratte. Ständig hatte sie ihre Nase in einem Buch stecken, und manchmal las sie sogar auf dem Schulweg, während des Gehens. Sie war außer sich vor Freude, nun bald mit einer »echten« Puppe spielen zu dürfen, sie zu füttern, zu wickeln und im Kinderwagen spazieren zu fahren.

»Wann ist es denn so weit? Wann kommt unser Baby zur Welt?«, fragten sie aufgeregt.

»Im April«, verriet meine Mutter.

»So lange?«

»Zuerst kommt der Herbst und dann der Winter. Da könnt ihr Ski fahren gehen und Schneemänner bauen. Und wenn der Schnee taut und es Frühling wird, kommt der April. Dann habt ihr einen neuen Spielkameraden.«

Wenn der Schnee taut, kommt der April, und er bringt uns das neue Geschwisterchen. Dachten sie.

Hätte es doch nur bis zum April gedauert!

Wenn plötzlich das Glück sich mit Sorge vereint

Meine Mutter hatte sich in den Jahren zuvor zwei Operationen an der Schilddrüse unterziehen müssen. Deshalb riet ihr der Arzt, obwohl sie erst dreißig war, zu einer Amniozentese, einer Fruchtwasseruntersuchung, die zeigen sollte, ob das Kind, das sie erwartete, behindert war. Jede Frau, die schwanger ist, ängstigt sich sicher, ob ihr Kind gesund ist. Und jede Frau, die eine solche Untersuchung hinter sich hat und weiß, dass ihr Kind sich zu diesem Zeitpunkt normal entwickelt und aller Voraussicht nach gesund sein wird, kennt die große Erleichterung, die diesem Wissen folgt. So auch meine Mutter.

Entsprechend nahm das Leben seinen Lauf, während alle im Stillen auf das große Ereignis meiner Geburt warteten. Und eines war anders: David und Joelle waren keine Streithähne mehr. Als spürten sie das Geheimnis des Lebens, wurden sie ruhiger und vor allem selbständiger.

Eines Nachmittags läutete das Telefon. Es war Rebecca, die jüngere Schwester meiner Mutter, die mit ihrem Mann in Los Angeles lebte. Die beiden hatten immer schon ein sehr enges Verhältnis zueinander gehabt und sich alles erzählt, was sie bewegte. Im Sommer flogen meine Eltern, wenn möglich, nach Los Angeles, und dann wurde Wiedersehen gefeiert.

An diesem Tag hatte Rebecca ein Geheimnis zu lüften.

»Hallo Mona«, sagte sie, und ihre Stimme klang noch ganz verschlafen, denn bei ihr war es früh am Morgen. »Ich muss dir etwas erzählen!«

»Ich dir auch!«, rief meine Mutter. »Ich bin nämlich schwanger!«

»Was?«, entgegnete Rebecca. »Ich bin auch schwanger!«

Beide schwiegen sie überrascht; wahrscheinlich war sich keine von ihnen sicher, ob sich die andere nicht am Ende einen kleinen Scherz erlaubte.

»Nicht möglich – du auch?«, riefen sie wie aus einem Mund und freuten sich unbändig. Beide Kinder sollten im April zur Welt kommen.

»Habt ihr das etwa abgesprochen?«, neckte mein Vater, als er die Neuigkeit hörte.

Meine Mutter lachte.

So fühlte sich Glücklichsein an.

***

Im fünften Monat änderte sich alles. Meine Mutter fühlte sich plötzlich unwohl. Der Leib spannte, sie bekam Krämpfe. Besorgt vereinbarte sie einen Termin bei ihrem Gynäkologen und fuhr zu seiner Praxis am Zürichberg.

»Sie müssen dringend liegen, Frau Bollag!«, mahnte er sie, nachdem er sie untersucht hatte. »Sonst bekommen Sie noch eine Frühgeburt!«

Mit aller Kraft bemühten sich meine Eltern um Zuversicht. Die ganze Familie hatte sich ein weiteres Kind gewünscht. Es musste, es würde gut gehen, sagten sie sich.

Zu Hause galt es zu organisieren. Zwei kleine Kinder, die Arbeit und ein voll berufstätiger Mann mit einem eigenen Geschäft waren nicht unbedingt wie geschaffen dafür, sich fortan in aller Ruhe hinzulegen und das Nichtstun zu pflegen. Dazu sollte ich vielleicht verraten, dass meine Mutter eine sehr aktive Person ist. Selten sieht man sie länger als zwei Minuten ruhig sitzen. Kommen Gäste, so richtet sie binnen kurzem einen Imbiss, unterhält dabei die neu Angekommenen, erledigt dazwischen noch anfallende Kleinigkeiten und beantwortet ein oder zwei Telefonate. Dabei geht es jedoch nie hektisch zu, denn meine lebhafte Mutter ruht bei allem, was ihr abverlangt wird, doch immer in sich selbst.

Als meine Eltern sieben Jahre zuvor nach Zürich gezogen waren, hatte sie zwar viele Bekannte gehabt und seither auch Freundschaften geknüpft, doch ein familiäres Netzwerk gab es vor Ort nicht. Allerdings ist meine Mutter nicht der Mensch, der sich in Sorgen hineinsteigert und sich Katastrophen ausmalt. Im Gedanken an das Kind, das sie austrug, organisierte sie rasch eine Haushaltshilfe, die ihr all die schweren Arbeiten abnahm, die sie auf keinen Fall erledigen durfte. Alles andere würde sich ergeben, dachte sie.

David und Joelle verstanden natürlich noch nicht, was vorzeitige Wehen bedeuteten. Aber sie verstanden, dass meine Mutter liegen musste und dies wohl mit dem neuen, heiß ersehnten Baby zusammenhing.

Ich denke, dass viele Kinder mit Trotz reagieren würden. David und Joelle aber waren anders. Was immer sie konnten, erledigten sie selbständig. Sie freuten sich, ein Geschwisterchen zu bekommen. Und sie genossen es, sich zu meiner Mutter zu setzen, die ihnen vorlas und sich ihre kleinen Sorgen und Nöte anhörte. Vielleicht fühlten sie, dass meine Mutter sich, ohne zu hadern, in die neue Situation begab, weil es eben eine Notwendigkeit war. Da gab es keinen Raum für Ausflüchte, für Wenn und Aber. Meine Mutter war zu jener Zeit auch nicht übermäßig besorgt. Sie las viel, erledigte schriftliche Arbeiten und Telefonate und war zuversichtlich, dass das Liegen bald ein Ende haben würde. Schließlich waren auch meine Geschwister zwei, drei Wochen zu früh gekommen, und alles war gut gegangen.

Im Haus über meinen Eltern wohnte zu jener Zeit ein Frauenarzt. Als er von den Komplikationen hörte, verabreichte er meiner Mutter Lungenreifungsspritzen für ihr Baby – für den Fall, dass es doch eine Frühgeburt werden sollte. Und tatsächlich hielten die Beschwerden an. Obwohl meine Mutter alle Ratschläge befolgte, spürte sie eines Abends heftige ziehende Schmerzen. Sie rief ihren Frauenarzt an und beschrieb ihm, wie ihr Bauch sich krampfartig zusammenzog.

»Das sind vorzeitige Wehen!«, sagte der Arzt. »Sie müssen sofort ins Spital. Es ist noch viel zu früh für eine Geburt, das ist gefährlich für das Kind!«

Meine Mutter war in der 27. Schwangerschaftswoche.

David und Joelle waren schnell versorgt. Meine Mutter bat ihre Freundin, die beiden für ein paar Tage zu sich zu nehmen. Sie wohnte nicht weit entfernt in Adliswil und hatte selbst drei Kinder. Das Mädchen ging mit Joelle in eine Klasse, und meine Mutter wusste die beiden bei ihr in den besten Händen. Zumindest um sie musste sie sich keine Sorgen machen.

Da ihr Gynäkologe Belegarzt in einer kleineren Klinik war, ließ meine Mutter sich dort einweisen. Die Ärzte gaben ihr sofort Wehen hemmende Mittel. Der Zeitpunkt war höchst kritisch. Aber die Schmerzen ließen unter den Medikamenten nach. Meine Mutter schöpfte Hoffnung.

»Sie müssen das Kind bis mindestens zur 30. Woche halten. Dann ist es lebensfähig!«, sagten die Ärzte und Schwestern.

Auch mein Vater war voller Sorge. »Tu alles, um durchzuhalten!«, beschwor er sie. »Nur noch drei Wochen, dann hat unser Kind eine Chance zu überleben!«

Was aber hätte meine Mutter noch tun sollen? In den Wochen des Liegens war ihr eines klar geworden: Ihr blieb nichts anderes übrig, als abzuwarten, was geschah. Und was immer es sein sollte und was sie nicht ändern konnte, sie war bereit, es anzunehmen.

Halte durch!

In der Nacht von Donnerstag auf Freitag, den 21. Januar, verstärkten sich die Wehen trotz der Infusionen. Und sie kamen in immer kürzeren Abständen.

Meine Mutter rief die Schwester, doch die hatte alle Hände voll zu tun. Auf dem Gang lag nämlich eine Frau, die aus Leibeskräften schrie. Anscheinend stand die Geburt bei ihr unmittelbar bevor. So war meine Mutter trotz allem sich selbst überlassen. Sie wollte die Schwester nicht belästigen, aber auch ihr Bauch verkrampfte sich immer stärker. Also klingelte sie noch einmal. Es dauerte fünf Minuten, bis die Schwester Zeit fand.

Sie kontrollierte die Infusion. »Ich kann jetzt nichts für Sie tun. Wenn es stärker wird, benachrichtige ich Ihren Arzt!«, versprach sie.

Inzwischen war es vier Uhr morgens. Meine Mutter lag da mit Schmerzen, doch sie hoffte, dass diese vorübergingen. Aus der Infusionsflasche tropfte ja der Wehenhemmer in ihre Vene, dachte sie, und der Gedanke beruhigte sie. Gleichzeitig fragte sie sich, ob es denn klug gewesen war, sich in das kleine Spital einweisen zu lassen. Wenn sie das Kind wirklich nicht halten konnte, was dann? Hier gab es keine Frühgeborenenabteilung 

Minuten später brach das Fruchtwasser.

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