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Das Mädchen aus St. Petersburg

Inhalt
  1. Cover
  2. Über die Autorin
  3. Titel
  4. Impressum
  5. Widmung
  6. Zitat
  7. 1. St. Petersburg
  8. 2. St. Petersburg
  9. 3. Narva, Estland
  10. 4. An der deutschen Front
  11. 5. Tannenberg
  12. 6. Südlich von Tannenberg, Ostpreußen
  13. 7. An den Ufern des Don, Südwestrussland
  14. 8. Petrograd
  15. 9. Ostpreußen
  16. 10. Petrograd
  17. 11. Ostpreußen
  18. 12. Petrograd
  19. 13. Russisches Hauptquartier, Warschau
  20. 14. Petrograd
  21. 15. Ostpreußen
  22. 16. Im Hause Mostowski, Petrograd
  23. 17. Galizien, Polen
  24. 18. Petrograd
  25. 19. Karpaten
  26. 20. Polen
  27. 21. Karpaten, österreichische Front
  28. 22. Galizien, Polen
  29. 23. Petrograd
  30. 24. Nowo-Georgiewsk, Polen
  31. 25. Galizien, Polen
  32. 26. Zarskoje Selo
  33. 27. Zarskoje Selo
  34. 28. Zarskoje Selo
  35. 29. Kriegsgefangenenlager Marienburg, Polen
  36. 30. Narva
  37. 31. Kriegsgefangenenlager Marienburg, Polen
  38. 32. Russische Front
  39. 33. Brussilow-Offensive
  40. 34. Moskau
  41. 35. Petrograd
  42. 36. Petrograd
  43. 37. Petrograd
  44. 38. Moskau
  45. 39. Petrograd
  46. 40. Zarskoje Selo
  47. 41. Petrograd
  48. 42. Petrograd
  49. 43. Narva
  50. 44. Narva
  51. 45. Peter-und-Paul-Festung, Petrograd
  52. 46. Petrograd
  53. 47. Narva
  54. 48. Westrussland
  55. 49. Narva
  56. 50. Tallinn
  57. 51. Tallinn
  58. 52. Tallinn
  59. 53. Westrussland
  60. 54. Nordwestrussland
  61. 55. Tallinn
  62. 56. Tallinn
  63. 57. Im Grenzgebiet Estlands
  64. 58. Tallinn
  65. 59. Tallinn
  66. Epilog
  67. Nachwort
  68. Danksagung

Über die Autorin

Zwei Kriege haben Nina Serova und ihren Ehemann Mark ­zusammengebracht: Marks Großeltern sind 1920 vor den russischen Bolschewiken nach Australien geflohen. Ein halbes Jahrhundert später, während des Ersten Golfkriegs, haben Nina und ihre Familie ihre Heimat Tehe­ran verlassen. Kennengelernt haben sich Mark und Nina in Sydney, wo beide Informationswissenschaft studiert haben. Heute arbeitet Nina Serova in der Buchhandelskette ihrer Familie und lebt mit Mark und ihren beiden Söhnen in Sydney.

Nina Serova

Das Mädchen aus
St. Petersburg

n

Russland-Saga

Aus dem australischen Englisch von
Britta Evert

Für Mark

»Und erst jetzt, da sein Kopf schon grau war, liebte er heiß und wahr – zum ersten Mal in seinem Leben.«

Anton Tschechow, Die Dame mit dem Hündchen

1.

St. Petersburg

September 1913

n

Die Kutsche rollte gemächlich über das Kopfsteinpflaster der Straßen von St. Petersburg in Richtung Mariinski-Theater. Marie Kulbas zog den Vorhang zurück, um den sternklaren Himmel und den Mond zu betrachten, der wie eine makellose Perle über den Barockgebäuden schwebte.

»Zieh den Vorhang zu, Marie«, gebot Pauline Kulbas. »Nichts ist so unziemlich wie eine junge Dame, die wie benommen aus dem Fenster starrt.«

»Das ist ungerecht, Mama!« Marie rückte ein Stück vom Fenster ab, spähte aber nach wie vor aus der Ecke hervor nach draußen. »Schließlich bin ich zum ersten Mal in St. Petersburg.«

»Mutter hat recht.« Nikolai beugte sich vor und zog den Vorhang zu. »Wenn deine erste Saison ein Erfolg werden soll, musst du einen guten Eindruck machen«, neckte er seine Schwester.

»Keine Sorge, mein Kind.« Hermann Kulbas, der sich in seinem Abendanzug nicht unbedingt wohlzufühlen schien, tätschelte Maries Knie. »Du wirst schnell genug lernen, dich in der feinen Gesellschaft zu bewegen.«

Jedes Jahr Anfang September fuhren Maries Eltern von Narva, wo sie zu Hause waren, zum Beginn der Saison nach St. Petersburg. Dieses Jahr durfte Marie, die eben erst die Schule abgeschlossen hatte, sie begleiten. Vor ihr lag ein Monat voller Einladungen zu Tanzveranstaltungen, Festen und Maskenbällen. Marie hatte die letzten Wochen mit Anproben bei den besten Schneiderinnen und dem Auswählen modischer Kopfbedeckungen aus den elegantesten Hutsalons ihrer Heimatstadt verbracht, und heute Abend gab sie in einem bodenlangen, mit bernsteinfarbenen Perlen bestickten Abendkleid und einem edelsteinbesetzten römischen Kopfputz ihr Debüt. Nikolai hatte zur Feier des Tages im Mariinski-Theater, in dem das Kaiserliche Russische Ballett auftrat, eine Loge gebucht.

Die Kutsche blieb vor dem Eingang stehen. Der Kutscher öffnete die Tür und hielt Pauline Kulbas die Hand hin. Marie, die nach ihrer Mutter ausstieg, betrachtete staunend das hellgrüne Gebäude mit den weißen Verzierungen, bevor ihr Blick sich der Menge elegant gekleideter Besucher zuwandte, die sich vor der klassizistischen Fassade eingefunden hatte.

»Schau mal, Kolja, da ist die ehemalige Primaballerina Mathilde Kschessinskaja«, wisperte Marie ihrem Bruder zu. »Ich habe schon so viel über sie gehört!«

»Ich auch.« Nikolai beugte sich zu seiner Schwester vor. »Man munkelt, dass die Primaballerina die Mätresse des Kaisers war, bevor er geheiratet hat.«

»Das glaube ich nicht!«, rief Marie empört.

Nikolai zuckte die Achseln. »Glaub, was du willst, aber er hat ihr eine Villa geschenkt.«

Sie näherten sich dem roten Teppich, der ins Vestibül führte. Nikolai bot Marie seinen Arm an. »Darf ich?«

»Ach, Kolja, ich hätte mir nie träumen lassen, dass es so wunderschön ist«, schwärmte Marie, als sie hineingingen.

Von den stuckverzierten Decken hingen funkelnde Kristallkandelaber, und in riesigen Vasen standen üppige Blumenbouquets. Frauen in hoch taillierten Kleidern und mit langen Federn im Haar schritten Arm in Arm mit eleganten Männern im Abendanzug dahin.

»Meine Güte, Mascha, ich glaube fast, du fällst gleich in Ohnmacht«, stellte Nikolai lachend fest.

Die Geschwister folgten ihren Eltern ins Obergeschoss, wo die Familie in eine Loge rechts von der Bühne geführt wurde.

Marie hielt den Atem an und kniff ihren Bruder in den Arm, während sie mit großen Augen auf die prachtvoll geschmückten Wände und die langen Reihen der Sitze blickte, die mit dunklem Samt bezogen waren.

»Siehst du das?« Nikolai zeigte auf die große vergoldete Mittelloge. »Das ist die kaiserliche Hofloge.«

»Warum ist sie leer?«

»Anscheinend macht sich die Kaiserin nichts aus geselligen Anlässen. Bei ihrem letzten Theaterbesuch hat sie mitten in der Vorstellung ihre Loge verlassen. Das hat ganz schön Aufsehen erregt!«

Die Lichter erloschen allmählich, als der Dirigent den Taktstock hob und das Orchester die Ouvertüre anstimmte. Verspätete Besucher eilten zu ihren Plätzen; dann senkte sich Stille über den Saal.

Maries Herz schlug schneller, als sie zur Bühne schaute.

Tänzerinnen in weiten weißen Röcken und juwelenbesetzten Miedern schwebten mit scheinbar müheloser Grazie über die Bühne. Jeder Sprung, jede Drehung rief in Marie Bewunderung hervor. Sie war dermaßen gebannt, dass sie bald jede Befürchtung vergaß, sie könnte keinen guten Eindruck machen. Sie ließ sich völlig von dem Liebesdrama mitreißen, das sich auf der Bühne entfaltete.

Am Ende des letzten Akts, als die Seelen von Prinz Siegfried und Odette über dem Schwanensee zum Himmel emporstiegen, fiel Marie in den begeisterten Beifall der Zuschauer ein.

Als sie wenig später vor dem Theater mit ihren Eltern auf die Kutsche wartete, war ihr ein bisschen schwindlig, als wäre sie gerade eben aus einem Traum erwacht. Vor ihnen staute sich eine lange Reihe von Kutschen und Automobilen, die darauf warteten, Fahrgäste aufzunehmen.

»Wo bleibt nur der vermaledeite Kutscher?« Hermann Kulbas ging unruhig auf und ab, wobei er immer wieder stehen blieb, um nach dem Gefährt Ausschau zu halten. »Zum Teufel mit dem Kerl! Wir werden uns noch verspäten!«

»Hermann, bitte.« Pauline Kulbas schaute sich verstohlen um, ob jemand die Flüche ihres Mannes mitbekommen hatte. »Wenn du schon fluchen musst, dann bitte leise!«

Monsieur Kulbas zückte seine Taschenuhr. »Wir hätten schon vor zehn Minuten im Haus meines Cousins sein sollen.«

»Es macht ihm bestimmt nichts aus, wenn wir ein bisschen später kommen. Er weiß, dass man nach den Ballettvorstellungen immer lange auf die Kutschen warten muss«, meinte Nikolai.

Ein Auto hupte, und Pauline Kulbas erschrak. »Diese abscheulichen, lärmenden Ungetüme!« Sie wandte sich an Marie. »Du weißt ja, dass Nikolai deinen Vater überredet hat, eins von diesen Dingern zu bestellen. Also, ich verstehe diese Begeisterung für Automobile nicht! Ich habe deinem Vater bereits gesagt, dass ich mich nie und nimmer in so ein Ding setzen werde.«

Marie lächelte. »Du wirst dich schnell daran gewöhnen, Mama.« Sie betrachtete die Menge, die sich vor dem Theater drängte. Der ganze Abend war wie ein Märchen, und sie wollte nicht, dass es aufhörte.

Sie zuckte zusammen, als Nikolai ihr auf die Schulter tippte. »Marie, ich möchte dir einen Freund von mir vorstellen, Pjotr Arkadjitsch.«

Marie wandte sich um und sah sich einem jungen Mann mit gewelltem flachsblondem Haar und einer Brille mit runden Gläsern gegenüber.

»Enchanté, Mademoiselle.« Pjotr schlug die Hacken zusammen und beugte sich über Maries Hand. Als er sich wieder aufrichtete, öffnete er den Mund, um noch etwas zu sagen, wurde aber von Kulbas’ Kutsche, die in diesem Moment vorfuhr, daran gehindert.

»Möchtest du mit uns zu Mostowskis fahren?«, fragte Nikolai seinen Freund.

Pjotrs Blick huschte zu Marie, dann zurück zu Nikolai. »Danke, aber der Wagen meiner Mutter müsste jeden Moment hier sein.« Er drehte sich zu Marie um und schlug noch einmal die Hacken zusammen. »Ich freue mich darauf, Sie in Kürze wiederzusehen, Mademoiselle.«

*

Im Haus der Familie Mostowski standen die Gastgeber in der Eingangshalle, um ihre Besucher zu begrüßen.

»Wie gefällt dir deine erste Saison, Mascha?«, erkundigte Madame Mostowski sich und bedachte Marie mit einem freundlichen Lächeln.

»Es ist überwältigend, Madame.«

»Wir freuen uns schon sehr darauf, dich während deines Studiums in St. Petersburg unter unserem Dach zu haben, allen voran Darja.«

»Zu gütig, Madame.« Marie machte einen Knicks.

Sie folgte ihren Eltern und ihrem Bruder eine weit geschwungene Treppe hinauf und vorbei an hohen Spiegeln und bunten Blumenarrangements. Sie gelangten in den großen rechteckigen Ballsaal, der von Kronleuchtern in gleißendes Licht getaucht wurde. Das Feuer in den Marmorkaminen sorgte für eine angenehme Temperatur, und in einer Ecke spielte ein kleines Orchester leise Musik. Hochmodisch gekleidete Damen nippten an Champagnergläsern und begutachteten unverhohlen das Erscheinungsbild der anderen weiblichen Gäste.

Als Marie sich durch die Menge zu ihrer Cousine Darja schob, sah sie Pjotr mit einer Gruppe junger Männer plaudern.

»Du scheinst Pjotrs Interesse geweckt zu haben.« Darja fächelte sich träge mit einem großen Fächer aus Straußenfedern Luft zu.

Marie warf einen Blick über die Schulter und stellte fest, dass Pjotr sie beobachtete. »Sei nicht albern, Darja. Er schaut dich an, nicht mich!« Darja mit ihren grünen Augen und der schlanken, anmutigen Gestalt hatte nie über einen Mangel an Bewunderern zu klagen.

Darja lachte. »Ich kenne Pjotr schon eine Ewigkeit, Mascha, und so hat er mich noch nie angeschaut.«

Wieder wandte Marie sich um und sah, wie Pjotr sich zu Nikolai neigte und ihm etwas zuflüsterte, worauf die beiden jungen Männer sich von der Gruppe trennten und auf die beiden Mädchen zugingen. Rasch drehte Marie sich wieder zu ihrer Cousine um.

»Guten Abend, meine Herren«, sagte Darja und bewegte kokett ihren Fächer.

»Liebste Cousine.« Nikolai küsste Darjas Hand. »Du siehst heute Abend hinreißend aus.«

Marie verdrehte die Augen über Nikolais schmachtenden Ton, bemerkte dann aber, dass Pjotr sie mit einem belustigten Lächeln anschaute, und senkte verlegen den Blick.

Sie plauderten über dies und das, wobei Darja und Nikolai den größten Teil der Unterhaltung bestritten. Ringsum waren Kellner damit beschäftigt, mit Speisen beladene Tabletts zu den langen Tafeln im angrenzenden Speisesaal zu tragen.

»Ich bin am Verhungern«, gestand Nikolai schließlich mit einem sehnsüchtigen Blick auf die Gerichte, die an ihnen vorbeigetragen wurden. »Wollen wir nicht einen Happen essen?« Er bot Darja seinen Arm, die sich sittsam bei ihm einhakte.

Pjotr hielt seinen Arm Marie hin. »Mademoiselle?«

Indem Marie die Bewegungen ihrer Cousine nachahmte, nahm sie Pjotrs Arm; dann folgten sie beide Nikolai und Darja in den Speisesaal, wo sich bereits andere Gäste eingefunden hatten.

Lange Tische, auf denen köstliche exotische Speisen angerichtet waren, standen für die Gäste bereit. Jedes Tischende war mit Blumenvasen geschmückt, während ein Paar ausgestopfter weißer Schwäne den prunkvollen Tafelaufsatz in der Mitte bildete.

»Hat Ihnen das Ballett gefallen?«, fragte Pjotr, als sie zu einem der Tische gingen.

»Ja, sehr.« Marie hielt ihren Teller einem Kellner in weißer Jacke und weißen Handschuhen hin, der ihr eine Scheibe Lammfleisch auflegte. »Tschaikowski ist ein Genie.«

»War es das erste Ballett, das Sie gesehen haben?«

Marie spürte, wie ihre Wangen zu glühen begannen. Bestimmt wusste Pjotr, dass es ihre erste Saison war. »Ja«, antwortete sie mit aller Würde, die sie aufbringen konnte.

»Und was sagen Sie zu unseren Ballerinen?«

»Ich finde sie wundervoll, besonders die Karsawina. Aber es ist meine erste Saison, deshalb habe ich kaum Vergleichsmöglichkeiten. Wie hat denn Ihnen die Aufführung gefallen?«

»Ich muss gestehen, ich weiß zu wenig über das Ballett, um ein Urteil abgeben zu können. Ich ziehe das geschriebene Wort jeder Aufführung vor.«

Er wartete, während ein anderer Kellner weitere Speisen auf ihre Teller legte. »Nikolai hat mir erzählt, dass Sie Jura studieren wollen«, fuhr er dann fort.

Die beiden hatten also über sie gesprochen! »Nächsten Mai fange ich an. Mein Onkel war so freundlich, mich für die Dauer meines Aufenthalts in St. Petersburg in sein Haus einzuladen.«

»Jura ist eine ungewöhnliche Wahl für eine Frau.«

»Nicht wenn man den Befürworterinnen der Emanzipation glauben darf. Sie vertreten die Meinung, dass Frauen das aktive und passive Wahlrecht haben sollten. In Finnland gibt es bereits weibliche Parlamentsabgeordnete, und …«

»Geht es schon wieder um die Gleichberechtigung der Frau?«, fiel Nikolai ihr ins Wort, als er mit Darja zu ihnen trat. »Hoffentlich langweilt meine Schwester dich nicht, Pjotr.«

Darja zog einen Schmollmund. »Wir werden doch nicht den Rest des Abends über Politik reden, oder?«

Nikolai hielt einen Kellner auf, der mit einem Tablett voller Champagnerkelche an ihnen vorbeiging. »Keine Politik mehr!« Er stellte seinen Teller auf einem Tisch ab und reichte jedem ein Glas. »Lasst uns anstoßen.«

»Worauf?«, wollte Darja wissen.

»Auf ein langes und glückliches Leben!«

Das fünfköpfige englische Orchester stimmte einen Walzer an. Leises Gemurmel erhob sich im Raum, und etliche Paare, allen voran Gastgeber und Gastgeberin, strömten in den Ballsaal zurück.

Marie fiel auf, wie Darjas Blick auf Nikolai fiel.

Nikolai fing den Blick auf und verbeugte sich. »Dürfte ich um die Ehre dieses Tanzes bitten?«

Die beiden ließen ihre Teller und Gläser stehen und traten zu den anderen Tänzern. Nikolai legte eine Hand fest um Darjas Taille und glitt mit ihr elegant über die Tanzfläche.

»Ein hübsches Paar«, stellte Pjotr fest, als er den beiden nachschaute.

»Ja«, erwiderte Marie abwesend. Sie sehnte sich nach einem Tanz, aber Pjotr schien nicht zu bemerken, dass sich ringsum Paare bildeten und auf die Tanzfläche strömten.

»Tanzen Sie gerne?« Marie bereute die Frage, kaum dass sie über ihre Lippen gekommen war. Erst hielt sie ihm Vorträge über die Gleichberechtigung der Frau, und jetzt dachte er womöglich, sie wollte ihn zum Tanzen auffordern. Bestimmt fand er sie furchtbar aufdringlich.

Pjotr wandte sich zu ihr um und verbeugte sich steif. »Wenn Sie mich bitte entschuldigen.« Ohne ihre Antwort abzuwarten, verschwand er in Richtung Salon.

Tränen der Scham brannten in Maries Augen. Sie eilte aus dem Ballsaal, ohne nach links oder rechts zu schauen, aus Angst, ein bekanntes Gesicht zu sehen.

»Marie!« Das war Nikolai. »Was ist los? Ich habe gesehen, dass Pjotr gegangen ist, und dann bist du losgestürzt …«

»Ich habe mich noch nie im Leben so gedemütigt gefühlt!«, stieß Marie hervor.

Nikolai schüttelte mitfühlend den Kopf. »Arme Mascha.« Er reichte ihr ein Taschentuch. »Das sieht Pjotr gar nicht ähnlich. Ich kenne ihn schon sehr lange und habe noch nie erlebt, dass er sich so benimmt wie gerade eben.«

»Er ist überheblich und eingebildet«, gab Marie zurück. »Ich will ihn nie wieder sehen!«

»Sei nicht so vorschnell mit deinem Urteil«, riet Nikolai. »Und bitte keine Tränen! Wie willst du auf deinem ersten Ball Eindruck machen, wenn du rot geweinte Augen hast?«

»Ich glaube, ich will nach Hause.«

»Unsinn. Komm, trockne deine Augen, und dann darf ich zum ersten Mal meine Schwester aufs Tanzparkett führen.«

Marie gab nach. Wenige Minuten nachdem sie sich die Nase gepudert und Lippenrot aufgetragen hatte, betrat sie an der Seite ihres Bruders den Ballsaal und ging mit ihm auf die Tanzfläche.

Nach ihrem Tanz mit Nikolai traten andere junge Männer an Marie heran. Während sie durch den Saal wirbelte, entdeckte sie Pjotr. Er stand an der Seite und blickte mit gequälter Miene auf die Tanzfläche. Als ihr Blick auf seinen traf, wandte sie rasch das Gesicht ab. Mit diesem Mann wollte sie nichts mehr zu tun haben!

Doch ein paar Stunden später, als sie mit ihrer Familie auf den Wagen wartete, sah Marie sich wieder Pjotr gegenüber.

»Ich hoffe, Sie haben den Abend genossen«, sagte er höflich.

»Sehr, danke«, erwiderte Marie knapp.

»Sie scheinen gerne zu tanzen«, fuhr Pjotr fort.

Marie, die seinem Blick bis zu diesem Moment ausgewichen war, starrte ihn an. Was für ein komischer Kauz dieser Pjotr doch war! Erst demütigte er sie vor der gesamten besseren Gesellschaft von St. Petersburg, und jetzt hatte er die Unverfrorenheit, mit ihr Konversation zu machen.

»Es ist Maries erste Saison«, warf Pauline Kulbas ein, als offenkundig war, dass Marie nicht antworten würde.

Pjotr öffnete den Mund, schloss ihn aber gleich wieder, als wüsste er nicht, was er sagen sollte. Schließlich räusperte er sich und fragte: »Darf ich … dürfte ich Sie während Ihres Aufenthalts besuchen?«

»Ich fürchte, unser Terminkalender ist schrecklich voll. Ich werde kaum Zeit haben«, antwortete Marie frostig.

»Vielleicht später«, beharrte Pjotr, »wenn Sie bei Ihrer Cousine wohnen.«

Zu Maries Erstaunen spiegelte sich eine Mischung aus Verzweiflung und Reue auf Pjotrs Gesicht. Sie fühlte, wie ihre Entschlossenheit ins Wanken geriet.

»Meine Schwester würde sich freuen, dich zu sehen«, schaltete Nikolai sich ein, als ihr Wagen vorfuhr.

»Gewiss.« Marie durchbohrte ihren Bruder mit einem vernichtenden Blick.

Als die Kutsche sich in Bewegung setzte, wollte sie wissen: »Warum hast du das gesagt? Du hast doch gesehen, wie er mich behandelt hat. Warum hast du mich in die Lage gebracht, ihn empfangen zu müssen?«

Nikolai nahm ihre Hand. »Pjotr wollte dich nicht kränken, Mascha. Er ist in Gegenwart von Frauen furchtbar schüchtern, das macht ihn unbeholfen. Gib ihm noch eine Chance.«

»Ich wüsste nicht, warum«, entgegnete Marie.

Ihr Bruder lächelte. »Tu es mir zuliebe.«

*

Im Mai zog Marie gemeinsam mit ihrer Zofe Anna Radzinski in das Haus ihres Onkels. Ihre Räumlichkeiten – zwei Schlafzimmer, ein Bad und ein Salon – gingen auf den eleganten Newski-Prospekt, und das Wohnzimmer verfügte über einen kleinen Balkon mit Ausblick auf den Winterpalast und die goldene Kuppel der Isaakskathedrale.

»Wie findest du deine Zimmer, Marie?«, fragte Darja sie am ersten Abend in ihrem neuen Zuhause beim Diner.

»Bezaubernd. Ich werde mich hier bestimmt sehr wohlfühlen.«

»Ich habe heute Pjotr getroffen«, berichtete Darja mit einem verschmitzten Lächeln. »Er hat nach dir gefragt.«

»Wirklich? Das überrascht mich.« Marie hatte die Kränkung nicht vergessen, auch nach all den Monaten nicht.

»Pjotr ist ziemlich ungewöhnlich«, fuhr Darja fort, als wäre ihr Maries unfreundlicher Tonfall gar nicht aufgefallen. »Er ist nicht wie die anderen jungen Männer in St. Petersburg. Ich habe ihn noch nie auf einem Ball tanzen sehen. Meistens verzieht er sich in einen stillen Winkel und steckt seine Nase in ein Buch.«

»Dascha hat recht.« Monsieur Mostowski blickte von seinem Essen auf. »Ihr habt viel gemeinsam, du«, er deutete mit seiner Gabel auf Marie, »und Pjotr. Ich erinnere mich noch gut, dass du als kleines Mädchen auch ständig ein Buch in der Hand hattest.« Er lachte kehlig. »Während Darja und deine Brüder Fangen spielten, hast du lieber in der Bibliothek gesessen und gelesen.«

Marie wollte ihrem Onkel widersprechen, aber Darja fiel ihr ins Wort. »Das wäre also geregelt.« Sie schlug entzückt die Hände zusammen. »Ich rufe ihn nachher gleich an, um ein Treffen zu vereinbaren.«

Marie stöhnte innerlich auf.

»Eine großartige Erfindung, das Telefon.« Monsieur Mostowski strahlte. »Hermann sollte sich auch einen Apparat anschaffen.«

»Papa war bei seinem letzten Besuch in St. Petersburg sehr angetan von dieser Neuheit.« Marie war froh, dass das Thema gewechselt wurde. »Mama ist weniger begeistert, aber ich denke, Papa wird sie zu dieser Anschaffung überreden können.«

*

Zwei Tage später hatte Marie die Absicht Darjas, Pjotr anzurufen, längst vergessen. Sie saß in ihrem Zimmer und las, als der Lakai einen Besucher meldete: Pjotr Arkadjitsch.

»Führen Sie den Herrn in den Salon«, gebot Marie. Wie ärgerlich, dass Darja gerade nicht im Haus war!

Sie rief nach Anna und tauschte das hellblaue Kleid, das sie getragen hatte, gegen ein Seidenkleid mit hohem Spitzenkragen.

Anna schloss den letzten Perlmuttknopf am Rückenteil und trat einen Schritt zurück, um das Ergebnis im Spiegel zu bewundern. »Findet du nicht, dass dieses Kleid ein bisschen zu steif für den Besuch eines jungen Herrn ist?«

»Nein, ganz und gar nicht«, gab Marie zurück. »Und jetzt hilf mir, die Locken zu bändigen!«

Als Anna sie frisiert hatte, eilte Marie hinunter, um ihren Gast zu begrüßen.

»Ich habe mir erlaubt, Ihnen eine Kleinigkeit mitzubringen«, sagte Pjotr, kaum dass Marie den Salon betreten hatte.

Überrascht packte Marie das Geschenk aus und schnappte nach Luft, als sie sah, dass es sich um eine Ausgabe von Tschechows Die Dame mit dem Hündchen handelte. Sie schlug das Buch auf und las ein paar Zeilen auf der ersten Seite.

Es hieß, auf der Strandpromenade sei ein neuer Kurgast aufgetaucht – eine Dame mit einem Hündchen. Dmitri Dmitritsch Gurow, der schon seit vierzehn Tagen in Jalta war und sich an das Badeleben gewöhnt hatte, interessierte sich bereits wie die anderen für jeden neuen Menschen.

»Nikolai hat mir erzählt, wie gerne Sie lesen.« Pjotr wirkte nervös. »Ich dachte, Tschechow könnte Ihnen gefallen.«

»Vielen Dank, sehr nett von Ihnen.« Marie lächelte ihn an und sah, dass seine Miene sich entspannte.

»Tee?« Sie läutete nach dem Hausmädchen.

»Ich weiß, dass Sie beschäftigt sind, und möchte Ihre Zeit nicht über Gebühr beanspruchen«, erwiderte Pjotr. »Ich bin nur gekommen, um Sie willkommen zu heißen und Ihnen das Buch zu geben.«

»Wollen Sie nicht ein bisschen bleiben?« Die Worte waren über ihre Lippen, ehe sie es verhindern konnte.

Auch Pjotr schien überrascht. »Wollen Sie das wirklich, Mademoiselle?«

»Darja wird bald zurück sein. Sie wäre enttäuscht, Sie verpasst zu haben. Und nennen Sie mich bitte Marie.« Sie bedeutete ihm, Platz zu nehmen. »Ich würde gerne mehr über Ihre Lieblingsbücher hören.«

*

Pjotr wurde im Laufe des Sommers zu einem regelmäßigen Besucher im Haus und brachte stets einen Arm voller Bücher mit. Er las Marie seine Lieblingsstellen laut vor, und sie ertappte sich dabei, sich von Mal zu Mal mehr auf seine Besuche zu freuen. In einem Brief an Nikolai schrieb sie:

Ich habe Pjotr sehr lieb gewonnen. Er ist ein wirklich guter Freund. Wir können unsere Meinungen und Ansichten offen diskutieren, ohne befürchten zu müssen, den anderen vor den Kopf zu stoßen. Bisher sind wir nur uneins, wem das größere Verdienst gebührt, Victor Hugo oder Leo Tolstoi …

»Findest du wirklich, dass Hugo ein besserer Schriftsteller ist als Tolstoi?«, wollte Marie wissen.

Pjotr hatte vorgeschlagen, die Helligkeit der Weißen Nächte, in denen die Sonne nur für kurze Zeit unterging, für einen Spaziergang im Sommergarten zu nutzen. Eine leichte Brise raschelte in den Ästen und wehte Blätter auf den Weg.

»Tolstoi ist ein Genie, und ich bewundere Lewins philosophische Ideale in Anna Karenina sehr«, erwiderte Pjotr, »aber Les Misérables ist in meinen Augen ein Meisterwerk. Die Geschichte des Jean Valjean ist ergreifend.« Er ließ den Blick über die Statuen schweifen, die den Fußweg auf beiden Seiten flankierten. »Aber das ist nur meine persönliche Ansicht.«

»Dann widersprichst du also der Behauptung Tschechows und Dostojewskis, dass Tolstoi der bedeutendste Schriftsteller überhaupt ist?«

»Wie gesagt, dass Tolstoi ein Genie ist, stelle ich nicht in Abrede.« Pjotr lachte. »Niemand zeichnet ein so wahrheitsgetreues Bild der russischen Gesellschaft wie er.« Er zuckte die Achseln. »Aber mir gefällt Hugo einfach besser.«

»Jetzt bist du albern.« Marie tat, als wäre sie entrüstet.

»Ich werde unsere Diskussionen vermissen, wenn du nach Narva zurückkehrst.« Pjotrs Stimme klang mit einem Mal ernst. »Unsere Gespräche sind mir sehr lieb geworden.« Abrupt blieb er stehen und nahm Maries Hand. »Nicht nur unsere Gespräche. Auch du bist mir sehr lieb geworden.« Er schluckte.

Maries Herz schlug schneller, als sie den Blick zu ihm hob. »Ja«, sagte sie ermunternd.

Er öffnete den Mund, als wollte er noch etwas sagen, überlegte es sich dann aber anders. »Verzeih«, murmelte er. »Ich möchte lieber nicht …«

»Bitte sprich, Pjotr«, wisperte sie.

Er wandte das Gesicht ab und ließ ihre Hand los. »Es ist nichts.« Nach einem Blick zum Himmel fügte er hinzu: »Es wird spät. Wir sollten zurückgehen.«

Marie spürte, wie ihre Hand der seinen entglitt, und ihre Freude wich tiefer Enttäuschung. Einen Moment lang betrachtete sie verstohlen sein Gesicht und sah die Sorgenfalten um seine Augenwinkel. Da war noch etwas anderes, das er ihr sagen wollte …

Sie nickte. »Ja, du hast recht. Gehen wir, sonst komme ich zu spät zum Abendessen.«

2.

St. Petersburg

30. Juli 1914

n

»Euer Exzellenz.« Der Maître d’Hotel, ein untersetzter, stämmiger Mann mit sorgfältig gewachstem Schnurrbart, verneigte sich tief. »Wie schön, Sie wieder bei uns zu sehen.« Er bedeutete einem Pagen, dem Gast Hut und Mantel abzunehmen. »Gräfin Volkonski ist bereits hier«, fügte er mit gesenkter Stimme hinzu.

»Danke, Mikhail.« Der Oberst überprüfte im Spiegel den Sitz seiner dunkelblauen Uniform. Alexei Basilewitsch Serov war siebenunddreißig Jahre alt. Sein Haar lichtete sich an den Schläfen bereits ein wenig, und ein Anflug von Grau zog sich durch das helle Blond und verlieh ihm eine distinguierte Note. Er sprach fließend Deutsch und ein bisschen Französisch, war ein hervorragender Reiter, ein vorzüglicher Tänzer und ein exzellenter Schütze. Obwohl nur mittelgroß und von normaler Statur, war Alexei aufgrund seiner Haltung und seines Auftretens eine eindrucksvolle Erscheinung. Nun nickte er seinem Spiegelbild zufrieden zu und wandte sich wieder an den Maître d’Hotel.

»Ist alles wie üblich arrangiert?«

»Gewiss, Exzellenz«, antwortete Mikhail. »Hier entlang, bitte.«

Alexei folgte ihm durch den überfüllten Raum, wobei er gelegentlich ein vertrautes Gesicht mit einem kurzen Gruß oder einem Lächeln bedachte. Das Donon war das eleganteste Restaurant in St. Petersburg, berühmt für sein exquisites Essen und seine vornehme Klientel.

Im hinteren Bereich des Restaurants zog Mikhail einen schweren roten Samtvorhang auf, hinter dem ein schmaler, matt erleuchteter Gang zu den Extrazimmern führte. Ein Ober trat zur Seite, als die beiden Männer näher kamen. Mikhail klopfte leise an eine der Türen und wartete auf die Erlaubnis einzutreten. Dann öffnete er und ließ Alexei hindurch.

»Ich wünsche einen angenehmen Abend, Exzellenz«, murmelte er, bevor er sich diskret zurückzog.

»Alexei Basilewitsch! Ich habe gute Lust, dich deiner Wege zu schicken!«

Gräfin Natalja stand in einem eng anliegenden weißen Abendkleid, das ihre schmale Taille und die vollen Brüste betonte, mitten im Zimmer. »Was glaubst du, wie spät es ist? Der Champagner ist warm geworden.«

»Verzeih, Natalja.« Er nahm ihre Hand und zog sie an seine Lippen, drehte aber im letzten Moment die Handfläche nach oben und küsste die zarte Haut über ihrem Puls. »Du siehst bezaubernd aus.«

»Du bist ein Schuft, Alexei.« Natalja verzog schmollend den Mund, lächelte dann aber. »Was hat dich aufgehalten? Deine Frau?«

»Eine Angelegenheit, die meine Aufmerksamkeit erfordert hat.« Er läutete nach dem Kellner, der draußen vor der Tür stand. »Eine neue Flasche Champagner«, befahl er.

Als sie wieder allein waren, legte er einen Arm um Nataljas Taille und zog sie an sich. »Du hast mir gefehlt.« Er küsste sie auf den Nacken.

»Nicht so hastig.« Sie stieß ihn weg. »Du hast mir noch nicht erklärt, welche Angelegenheit wichtig genug war, mich fast eine Stunde warten zu lassen.«

»Du kannst dir ja wohl denken, welche Auswirkungen das Attentat auf die Beziehungen zwischen Serbien und Österreich-Ungarn haben wird«, gab er zurück.

»Pah! Das Attentat!« Natalja drehte sich zum Tisch um, auf dem ein kalter Imbiss bereitstand. »Ich bin es leid, vom Erzherzog und seinem grauen Mäuschen von Frau zu hören. Anscheinend kann ganz Petersburg an nichts anderes denken.«

»Immerhin war der Erzherzog der Thronfolger von Österreich-Ungarn.«

»Und wenn schon. Was gehen uns die Serben und Österreicher an?«

»Österreich hat mit Unterstützung Deutschlands Serbien den Krieg erklärt. Jetzt muss Russland eingreifen, um die orthodoxen Serben zu schützen.«

Die Gräfin zuckte die Achseln. »Das alles langweilt mich unendlich.« Sie löffelte einen Klacks Kaviar auf ein Stückchen Brot und schob es sich in den Mund.

»Wenn das so ist, sollten wir das Thema fallen lassen.« Alexei packte sie am Handgelenk und zog sie zu einem Sofa, das in einer Ecke des Zimmers stand.

»Nein.« Sie riss sich los. »Ich habe dir noch nicht verziehen.« Sie setzte sich auf einen Stuhl am Esstisch und beugte sich vor, sodass Alexei ein tiefer Einblick in ihr Dekolleté gewährt wurde.

Der Kellner brachte ein Tablett mit einer Flasche Champagner und zwei Gläsern. »Darf es sonst noch etwas sein, Exzellenz?«, erkundigte er sich.

»Nein, danke.« Alexei gab dem Mann ein Trinkgeld und raunte ihm zu: »Sorgen Sie dafür, dass wir nicht gestört werden.«

»Ja, Exzellenz.«

Alexei füllte die Gläser und reichte eines der Gräfin.

»Ich warte immer noch auf eine Erklärung.« Sie bedachte ihn mit einem strengen Blick und fügte gekränkt hinzu: »Ich dachte schon, du hättest mich vergessen.«

»Dich vergessen? Meine teuerste Natalja, du bist das hinreißendste Geschöpf von ganz Petersburg! Wie könnte ich dich vergessen?«

Seine Bemerkung schien Natalja zu gefallen, denn sie schenkte ihm ein strahlendes Lächeln. Der strenge Ausdruck in ihren Augen verschwand, als sie Alexeis Hand nahm und ihn auf den Platz an ihrer Seite zog.

»Bleibst du über Nacht?«

Sein Gesicht wurde ernst. »Ich fürchte, das ist nicht möglich.«

Sie versteifte sich. »Ist es deine Frau?« Sie sprang auf und entfernte sich ein paar Schritte von ihm. »Früher warst du ihr gegenüber nicht so rücksichtsvoll.«

»Mit Emily hat es nichts zu tun. Ich muss wissen, ob Russland in den Krieg eintreten wird. Mein Regiment könnte jeden Tag an die Front befohlen werden.« Alexei ging zu ihr und nahm sie in die Arme. Zuerst schüttelte sie ihn ab, gab dann aber nach und ließ sich an seine Brust ziehen. »Ich bin Berufssoldat«, flüsterte er ihr ins Ohr. »Dafür wurde ich mein Leben lang ausgebildet.«

»Ach, Aljoscha, wird es wirklich Krieg geben?« Sie schaute ihn voller Besorgnis an. »Was ist, wenn du verletzt wirst oder Schlimmeres …« Ihre Worte endeten in einem Schluchzen.

Alexei spürte, wie ihn eine Woge von Zärtlichkeit überkam. Er küsste sie, ließ die Lippen über ihre Wange bis zur weichen Kinnpartie gleiten. Es erregte ihn, wie ihr Atem mit jedem Kuss stockender ging. Seine Lippen bewegten sich nach unten, fanden ihren Hals, entlockten ihr ein leises Stöhnen, und kehrten zurück zu ihrem Mund. Nataljas Lippen teilten sich. Alexei küsste sie fest und leidenschaftlich. Als er innehielt, um Atem zu holen, schaute er ihr in die Augen.

Zufrieden mit der Antwort auf seine unausgesprochene Frage nahm er ihre Hand und zog sie zum Sofa.

*

Zwei Stunden später eilte Alexei zum Offiziersclub hinauf. Am Ende der Treppe kam ihm ein Diener entgegen, um ihm Hut und Mantel abzunehmen.

»Ist General Tatischtschew noch hier?«, erkundigte sich Alexei.

»Ja, Exzellenz. Der General hält sich im Rauchsalon auf.«

»Und Außenminister Sasonow?«

»Ich fürchte, der Herr Außenminister ist bereits gegangen.« Der Diener trat lautlos hinter Alexei und zupfte einen Fussel von seiner Jacke. »Wünschen Eure Exzellenzen zu soupieren?«

Alexei winkte ab. »Danke, das wäre alles.«

Während er mit forschen Schritten über den Korridor ging, konnte er hinter den schweren Doppeltüren erhobene Stimmen hören.

»Guten Abend, Exzellenz.« Der Lakai, der ihm die Tür aufhielt, verbeugte sich kurz.

Graublauer Rauch hing in dichten Schwaden über den Offizieren. Ein Kellner bot Alexei ein Tablett mit Getränken an. Er entschied sich für Brandy, nahm einen großen Schluck und schaute sich suchend um. Schließlich entdeckte er den General beim Fenster, umringt von einigen Offizieren.

»Es war einiges an Überredungskunst erforderlich, um den Zaren zu überzeugen«, teilte Tatischtschew den Herren gerade mit. »Immer wieder wandte er ein, er brauche Zeit zum Nachdenken.«

»Es ist die Nemka, diese Deutsche, die ihm alles Mögliche ins Ohr flüstert«, sagte ein Leutnant hitzig. »Ich fand ihr Verhalten immer schon merkwürdig, aber jetzt …« Er breitete theatralisch die Arme aus. »Jetzt, da sie diesen Heiligen an den Hof gebracht hat, diesen Rasputin … Nun, es scheint, als wäre der Zar nicht imstande, eine Entscheidung zu treffen, ohne mit ihr Rücksprache zu halten.«

»Urteilen Sie nicht vorschnell über den Zaren, Leutnant«, ermahnte Tatischtschew ihn. »Immerhin lastet das Gewicht der Nation auf ihm, ganz zu schweigen davon, dass der Kaiser sein Cousin ist.«

»Der Zar ist das Gegenteil seines verstorbenen Vaters«, murmelte ein Hauptmann, der nicht weit von Alexei entfernt stand. »Er taugt eher dazu, Gedichte zu schreiben, als uns in den Kampf zu führen.«

»Ich darf Sie daran erinnern«, sagte ein ältlicher Major und blickte den Hauptmann unter buschigen Augenbrauen an, »dass Sie vom Zaren sprechen.«

Der Hauptmann verbeugte sich. »Ich bitte um Entschuldigung.« Er lächelte zerknirscht. »War nicht abfällig gemeint.«

Alexei wandte seine Aufmerksamkeit wieder Tatischtschew zu, wobei er vom Brandy nippte und genussvoll die Wirkung des Alkohols auskostete, der wie flüssiges Feuer durch seine Kehle rann.

Der Leutnant brannte darauf, mehr zu erfahren. »Ist der Zar zu einem Entschluss gekommen?«

»Nun …« Tatischtschew zog bedächtig an seiner Zigarre. »Der Außenminister empfahl dringend, unsere Truppen zu mobilisieren, während der Zar tobte, er könne die furchtbare Verantwortung, Tausende in den Tod zu schicken, nicht übernehmen.« Tatischtschew machte eine Pause, als der Kellner mit frischen Getränken kam. »Als ich sah, wie verstört der Zar war, trat ich vor, um ihm mein Mitgefühl für diese schwere Entscheidung auszusprechen. Ich dachte mir nichts dabei, aber der Zar geriet in Zorn. ›Ich entscheide!‹, verkündete er und unterzeichnete umgehend den Befehl.« Tatischtschew hielt sein Glas hin, um sich nachschenken zu lassen. »Noch während wir hier stehen, meine Herren, werden Telegramme in alle Winkel Russlands geschickt, um unsere Truppen zu den Waffen zu rufen.«

Die Runde verstummte, als alle die Nachricht verarbeiteten. Nach längerem Schweigen hob der Leutnant sein Glas: »Auf das Vaterland!«

Und dann wurde getrunken, als würde am nächsten Tag die Welt untergehen.

*

Ein paar Stunden später stolperte Alexei aus der Kutsche, so unsicher auf den Beinen, dass er beinahe das Gleichgewicht verloren hätte.

»Schon gut!«, sagte er schroff, als der Kutscher Anstalten machte, vom Bock zu klettern, um ihm zu helfen. Er griff in seine Brusttasche und holte ein paar Münzen heraus.

»Danke, Herr!« Der Kutscher strahlte. »Gott segne Sie!«

Alexei entließ ihn mit einer nachlässigen Handbewegung, bevor er unsicher die Treppenstufen erklomm, die zur Haustür führten. Die Gaslampen tauchten den Eingang in ein Dreieck aus Licht. Alexei blickte auf die Uhr. Vier Uhr morgens. Das Personal würde erst in einer Stunde aufstehen. Er klopfte seine Taschen nach dem Hausschlüssel ab.

»Chert Poberi! Verdammt!«

Im Geiste ging er die Schritte des vergangenen Abends noch einmal durch und versuchte sich zu erinnern, wo er den Schlüssel verlegt haben könnte. Aber seine Erinnerungen an alles, was auf Tatischtschews Eröffnung gefolgt war, blieben verschwommen.

»Chert Poberi!«, fluchte er noch einmal.

Er hob den schweren Türklopfer aus Messing und pochte an die Eichentür. Nach ein paar Minuten hörte er schlurfende Schritte näher kommen.

»Wer ist da?«

»Mach die Tür auf, Anton.«

Die Tür wurde einen Spalt weit geöffnet. Als der Diener Alexei erkannte, zog er die Tür weit auf und straffte die Schultern.

»Verzeihen Sie meine Nachlässigkeit, Exzellenz. Ich dachte, Sie hätten Ihren Schlüssel dabei, sonst hätte ich einen der Diener angewiesen aufzubleiben, um Sie hereinzulassen.«

Alexei ignorierte die Entschuldigung. Er ging zur Treppe und hielt sich am Geländer fest. »Sag Grigori, ich möchte ihn gleich heute Morgen sehen.«

Der Diener zögerte einen Moment, ehe er fragte: »Wünschen Sie angesichts der späten Stunde Ihrer Heimkehr denn nicht auszuschlafen, Exzellenz?«

»Heute früh«, wiederholte Alexei, während er seinen Hut abnahm und seinen Mantel über das Geländer warf.

»Wie Sie wünschen, Herr. Ich komme sofort, um Ihnen beim Ablegen der Uniform zu helfen.«

»Ja, ja, schon gut«, gab Alexei gereizt zurück.

Wenige Minuten später trat der Diener, der rasch in Hose, Weste und Jackett geschlüpft war, in Alexeis Zimmer, um seinem Herrn beim Auskleiden behilflich zu sein. Anschließend versuchte Alexei, dessen Lust durch den Alkohol wieder entfacht worden war, sein Glück an der Schlafzimmertür seiner Frau, musste aber zu seinem Ärger feststellen, dass abgeschlossen war. Er klopfte und rief mehrmals ihren Namen, bekam aber keine Antwort. Schließlich gab er verdrossen auf und ging zu Bett.

Trotz seiner Bemühungen, diskret vorzugehen, waren Emily vermutlich Gerüchte über seine heimlichen Treffen mit Natalja zu Ohren gekommen, die er im Jahr zuvor auf einem Ball der Zarin für ihre beiden ältesten Töchter kennengelernt hatte. Alexeis Blick schweifte zu dem Atelierfoto seiner eigenen Töchter, das auf seinem Nachttisch stand. Liebevoll betrachtete er die drei Gesichter mit den großen, strahlenden Augen, die direkt in die Linse schauten. Irinas rabenschwarzes, von einem Seidenband gehaltenes Haar erinnerte Alexei an Emily zu der Zeit, als sie einander zum ersten Mal begegnet waren. Damals war er ein junger Leutnant gewesen und in Narva stationiert.

Obwohl Emily charmant war und aus einer guten Familie stammte, ließen ihre intellektuellen Fähigkeiten zu wünschen übrig, sodass Alexei sich bald schon langweilte. Seine erste Affäre hatte er, als Emily mit Irina schwanger war. Falls Emily Verdacht geschöpft hatte, ließ sie sich nichts anmerken, sondern beschäftigte sich mit ihrem Neugeborenen.

Zwei Jahre später kam ihre zweite Tochter, Vera, zur Welt. Alexei, der auf einen Erben gehofft hatte, war enttäuscht. Eine kurze Affäre mit der Tochter eines rangniedrigeren Offiziers hatte fatale Folgen, als die junge Frau schwanger wurde. Die Familie hielt die Schwangerschaft verborgen, forderte aber Wiedergutmachung von Alexei. Emily bewies erstaunliche Haltung, indem sie anbot, das uneheliche Kind aufzunehmen, und Tonja, die jetzt zehn war, wie eine leibliche Tochter aufzog. Sie erwähnte die Affäre nie, doch sie verbrachte immer mehr Zeit hinter verschlossenen Türen in ihren privaten Gemächern.

Alexei seufzte. Es war seine eigene Schuld, wenn sie nichts mehr von ihm wissen wollte, gestand er sich schläfrig ein.

Als er die Augen aufschlug, war es Morgen, und das Zimmer war in helles Sonnenlicht getaucht. Das Stubenmädchen musste hier gewesen sein und die Vorhänge aufgezogen haben, als er geschlafen hatte. Er stand auf, stieß das Fenster auf und atmete tief ein, um seine Lunge mit der Morgenluft zu füllen. Auf der anderen Straßenseite drängte sich eine Menschenmenge vor einem roten Wandplakat. Alexei beobachtete, wie ein Mann mit Stock und Zylinder einem aus der Menge auf die Schulter klopfte.

»Was ist los? Was steht da?«, wollte er wissen.

»Haben Sie es noch nicht gehört?«, gab der Mann zurück. »Wir sind im Krieg! Was da steht, ist der Aufruf zur Mobilmachung.«

Hinter Alexei wurde die Tür geöffnet, und Grigori betrat mit einem Frühstückstablett und der Morgenzeitung das Zimmer.

»Guten Morgen, Exzellenz. Hatten Sie einen angenehmen Abend?«

»Hast du die Plakate gesehen?«, fragte Alexei.

»Ja, Herr. Seit sieben Uhr früh sind sie überall in der Stadt aufgehängt worden.«

Grigori Alexandrewitsch, seit der Militärakademie Alexeis Bursche, hatte sich im Lauf der Zeit als ebenso tüchtig wie getreu erwiesen. Mit seinen dunklen Locken und den braunen Augen mangelte es ihm nie an weiblichen Bewunderern, aber trotz des Überangebots an willigen jungen Frauen hatte Grigori bisher nicht ans Heiraten gedacht.

Alexei griff nach der Zeitung. Die Titelseite verkündete in dicken Blockbuchstaben die Mobilisierung der Truppen.

»Soll ich Ihre Stiefel putzen?«, fragte Grigori.

»Ja«, antwortete Alexei geistesabwesend.

»Kann ich sonst noch etwas tun, Exzellenz?«

»Ist Madame Serova schon wach?«

»Madame und die jungen Damen haben vor einer Stunde das Haus verlassen, um die Schneiderin aufzusuchen.«

Alexei rieb sich die Augen, hinter denen ein dumpfer Schmerz pulsierte. »Sieh zu, dass meine Sachen gepackt werden. Jeden Moment kann ein Telegramm mit der Aufforderung kommen, zu unserem Regiment zu stoßen.«

Als Grigori gegangen war, setzte sich Alexei an einen kleinen Tisch, trank seinen Tee und überflog die Zeitung. Auf den Innenseiten las er, dass in Sarajewo der Prozess gegen die sechs Männer fortgesetzt wurde, die das Attentat auf den Thronfolger verübt hatten.

Er legte die Zeitung zusammen und schob sein Frühstückstablett beiseite. Russland war im Krieg … Im Gegensatz zu den anderen Männern im Offiziersclub empfand er weder Begeisterung noch freudige Erregung, wenn er daran dachte, was ihnen allen bevorstand. Er wusste, dass Russland auf einen Krieg nicht ausreichend vorbereitet war. Die Militärs mochten sich für ihren Mut und ihre Ritterlichkeit rühmen, aber Tatsache war, dass die Deutschen besser ausgerüstet waren und mehr Truppen ausheben konnten, als die Russen jemals hoffen durften.

*

Zar Nikolaus II war ein in sich gekehrter Mann, der nie den Wunsch verspürt hatte, Herrscher über ein Reich zu werden. Als er jetzt in seiner Bibliothek auf und ab schritt, gingen ihm düstere Gedanken durch den Kopf. Draußen war der Himmel grau und verhangen, und es sah nach Regen aus.

Gestern hatte der Zar den Befehl zur Mobilmachung von Millionen Russen unterzeichnet. Vor einer Stunde dann hatte sein Außenminister ihm telefonisch mitgeteilt, die Deutschen hätten ihnen nach ihrer Weigerung, die Mobilmachung rückgängig zu machen, den Krieg erklärt.

Es gab keinen Zweifel mehr. Der Krieg stand unmittelbar bevor. In der vergangenen Woche hatte Zar Nikolaus seinem Cousin Wilhelm in Berlin etliche Telegramme geschickt und ihn beschworen, zwischen Österreichern und Serben zu vermitteln, leider ohne Erfolg.

Nikolaus wünschte sich sehnlichst, er könnte mit seiner Familie in Zarskoje Selo sein statt hier im Winterpalais, umringt von Männern, die danach gierten, Krieg zu führen. Etwas früher am Tag hatte er mit Alexandra auf dem Balkon gestanden und den Massen zugewinkt, die russische Fahnen schwenkten und »Lang lebe der Zar!« riefen. Hier, in der Einsamkeit seines Studierzimmers, sehnte er sich nach der Nähe seiner Frau.

Alexandra hatte das Winterpalais noch nie gemocht. Sie bevorzugte die märchenhafte Residenz in Zarskoje Selo, fünfundzwanzig Kilometer südlich von St. Petersburg. Nikolaus lächelte bei der Erinnerung an Alexandras Russlandbesuch im Winter 1889 und ihren ersten Tanz. Sein Lächeln verblasste, als er an das Verhalten der russischen Gesellschaft dachte, vor allem das der Frauen, die Alexandra nach wie vor ablehnten und bösartige Gerüchte über sie in die Welt setzten.

Er seufzte. Alexandra wurde ebenso missverstanden wie er selbst.

Er wünschte, seine Untertanen würden ihm dieselbe Achtung entgegenbringen wie seinem Vater. Aber trotz der Härte und Entschlossenheit, die er bewiesen hatte, als er 1895 die Forderung nach Reformen ablehnte, spürte er, dass viele am Hof ihn als schwach und unsicher einschätzten.

In Wahrheit interessierte Nikolaus sich kaum für Angelegenheiten des Staates. Wäre da nicht das Versprechen, das er seinem Vater gegeben hatte, als dieser auf dem Sterbebett lag, hätte er freudig all seine Pflichten abgegeben, um sich ganz seiner Familie widmen zu können.

Nikolaus setzte sich an seinen Schreibtisch, nahm sein Tagebuch aus der obersten Schublade und schlug eine neue Seite auf.

31. Juli 1914

Ein grauer Tag, grau und düster wie meine Stimmung …

3.

Narva, Estland

August 1914

n

Auf der einen Seite des zweistöckigen Landhauses der Familie Marinski erstreckten sich Felder, so weit das Auge reichte. Unter den Strahlen der aufgehenden Sonne lösten sich die Nebelschwaden über den grünen Wiesen allmählich auf und ließen sie wie Smaragde leuchten.

Narva, das über hundert Kilometer südwestlich von St. Petersburg lag, war die östlichste Stadt Estlands. Die Estländer, die zum russischen Reich gehörten, nahmen den Aufruf zur allgemeinen Mobilmachung mit ähnlichem Enthusiasmus auf wie ihre russischen Landsleute.

Marie stand vor dem schweren Tor aus Schmiedeeisen, das das Haus von der Landstraße trennte, die zur Stadt führte, und winkte dem Strom von Wagen, Karren und Menschen zu. Das Licht der Scheinwerfer zahlloser Automobile zerfloss im Morgendunst. Marie konnte keines der Gesichter erkennen, und bestimmt konnte auch niemand sie selbst sehen. Trotzdem winkte sie weiter. Die Leute waren in Hochstimmung. Sogar über das dumpfe Dröhnen der Motoren hinweg hörte sie die Männer singen, deren Stimmen sich zu patriotischen Weisen vereint hoben und senkten.

Marie blieb noch eine Zeit lang stehen, um die Straße zu betrachten, bevor sie zurück zum Haus ging.

Nikolai hatte sich zum Militär gemeldet, kaum dass der Krieg erklärt worden war. Maries jüngerer Bruder Valentin, der mit seinen fünfzehn Jahren noch zu jung war, schlich mürrisch durchs Haus und maulte über diese Ungerechtigkeit. Als Pauline Kulbas von der Entscheidung ihres älteren Sohnes erfuhr, war sie zuerst sehr still, ließ aber schon am nächsten Tag den Schneider kommen, um Nikolai eine Uniform anmessen zu lassen.

In ihrem Schlafzimmer fragte Marie sich, welche Auswirkungen der Krieg auf ihr Leben haben mochte. Würde ihr Unterricht ausfallen? Konnte er ungestört fortgesetzt werden? Pjotr hatte ihr in einem Telegramm mitgeteilt, dass er eingerückt war, und sich erkundigt, ob er sie in Narva besuchen könne, bevor er sich seinem Regiment anschloss. Lächelnd malte Marie sich aus, wie Pjotr in Uniform aussah.

Es klopfte an ihre Tür, und Anna trat ein.

»Das ist mit der Nachmittagspost für dich gekommen.«

Marie erkannte die Handschrift auf dem Umschlag. »Danke, Anna«, sagte sie und griff hastig nach dem Brief. »Ich rufe dich, wenn es Zeit wird, mich zum Diner umzuziehen.«

Marie wartete, bis Anna die Tür hinter sich geschlossen hatte, ehe sie den Briefumschlag aufriss.

Meine liebste Marie!

Dich zu kennen, bei Dir zu sein, erhellt meine Welt. Nie habe ich so viel Glück empfunden wie in den Augenblicken, die wir zusammen verbringen. An dem Nachmittag, als Dein Zug anfuhr, glaubte ich, mein Herz würde stehen bleiben. Ich fühlte mich leer, und als ich zum Himmel blickte, hatte auch er seine Helligkeit verloren und wirkte kalt und abweisend.

Du bist mein Licht. Ohne Dich bin ich verloren. Zu wissen, dass Du auch nur einen Bruchteil der Zuneigung, die ich Dir entgegenbringe, für mich empfindest, würde mich zu einem glücklichen Mann machen. Erbarme Dich meiner armen Seele und sag mir, dass Du meine Gefühle teilst.

Auf ewig Dein

P.

Marie drückte den Brief an ihre Brust. Die heimliche Trauer, die sie seit ihrer Trennung verspürt hatte, wich einer Freude, die ihren ganzen Körper erfüllte. Sie las den Brief noch zweimal und empfand jedes Mal dieselbe Seligkeit.

»Er liebt mich«, flüsterte sie. »Petja liebt mich.«

»Mascha!«

Sie hörte Nikolai die Treppe hinaufrennen.

»Marie, du Faulpelz, schläfst du?«

Marie sprang auf, lief zur Tür und riss sie auf. Als sie ihren Bruder in Uniform sah, blieb sie wie angewurzelt stehen.

»Du siehst … so anders aus«, sagte sie und trat einen Schritt zurück. Dann warf sie die Arme um ihn. »Großartig siehst du aus!«

»Ich bin bei den Husaren eingetreten. Wir waren den ganzen Morgen damit beschäftigt, den Transport unserer Pferde mit der Bahn zu organisieren.«

»Wann brichst du auf?«, fragte Marie, der plötzlich schwer ums Herz wurde.

»In einer Woche, dann geht es zur Offiziersausbildung.« Nikolai runzelte die Stirn. »Warum machst du so ein trauriges Gesicht, Marie?«

Sie sah ihn ernst an. »Versprichst du mir, dass du zurückkommst?«

»Sei kein Miesepeter, du albernes Ding«, sagte er lachend. »Die Deutschen sind unserer Übermacht und Tapferkeit nicht gewachsen. Es würde mich nicht wundern, wenn der Krieg in ein paar Wochen zu Ende wäre.«

Marie lächelte, konnte die bangen Vorahnungen, die sie beim Anblick ihres Bruders in Uniform befallen hatten, aber nicht abschütteln. »Hoffentlich. Ich könnte es nicht ertragen, dich zu verlieren.«

»Nur Mut.« Nikolai drückte ihre Schultern. »Ich will mir die Erinnerungen an die letzten paar Tage daheim nicht von einer Schwester verderben lassen, die Trübsal bläst wie eine alte Babuschka. Hast du was von Pjotr gehört?«

»Ja, er trifft heute Nachmittag hier ein.« Sogar in ihren eigenen Ohren klang ihre Stimme sorgenvoll. »Er kann nur eine Nacht bleiben, bevor er zu seinem Regiment stößt.«

*

Marie wartete den ganzen Tag voller Ungeduld auf Pjotrs Ankunft. Nikolai war schon vor einiger Zeit mit dem Auto zum Bahnhof gefahren, um seinen Freund abzuholen. Hin und wieder glaubte Marie, das Knirschen von Reifen auf Kies zu hören; dann stürzte sie zum Fenster, nur um jedes Mal enttäuscht zu werden.

Pjotrs Brief trug sie bei sich. Immer wieder legte sie eine Hand auf den Umschlag; immer wieder erfasste sie überschäumende Freude über das, was er geschrieben hatte. Vor Nervosität und Aufregung hatte sie sich gleich mehrmals umgezogen.

Endlich hörte sie den Wagen in der Auffahrt.

»Sie sind da!«, rief sie über das Treppengeländer nach unten. »Schnell, Anna, mein Kleid!«

Anna kam mit einem weiteren von Maries Kleidern die Treppe hinaufgeeilt.

»Rasch, Anna, sie müssen jeden Moment hier sein!«

Ein wenig atemlos erreichte Anna ihre Herrin. »Kein Kleiderwechsel mehr, das musst du mir versprechen! Das ist jetzt schon das dritte Kleid, das Zoya heute für dich gebügelt hat. Das arme Ding ist zu Tode erschöpft. Schließlich hat sie noch etwas anderes zu tun.«

»Sei nicht böse, Anna. Wenn du wüsstest, was ich durchmache …« Marie brach hastig ab, um nicht zu viel zu verraten.

»Das mag ja sein, aber umziehen wirst du dich heute nicht mehr.«

»Versprochen!«

Marie schloss Anna in die Arme und küsste sie impulsiv auf die Wange.

Anna hob das Kleid über Maries Kopf und ließ es behutsam über Schultern und Hüften gleiten. Marie zappelte hin und her, wobei sie sich im Spiegel betrachtete.

»Willst du wohl still halten!« Anna zog die winzigen Knöpfe durch die schmalen Schlaufen.

Beide Frauen hörten, wie die Haustür aufging und Nikolai zu seinem Diener sagte: »Bring uns eine Flasche Wodka in den Salon.«

»Meine Locken haben sich gelöst«, jammerte Marie.

Anna steckte die losen Strähnchen mit Klammern zurück, befestigte als letzten Höhepunkt einen griechischen Kopfputz in Maries Haar und trat zurück, um ihr Werk zu begutachten.

»Wie sehe ich aus?« Marie drehte sich im Kreis.

»Hinreißend!« Anna trat näher und lächelte warm. »Pjotr Arkadjitsch müsste ein Dummkopf sein, wenn er sich nicht rettungslos in dich verliebt.«

Marie wurde rot. »Du weißt es also, das mit Pjotr und mir?«

Anna nahm die abgelegten Kleidungsstücke von der Sessellehne. »Ich habe mir so was gedacht.« Sie richtete sich auf und lächelte. »Dein heutiges Verhalten hat nur bestätigt, was ich seit einiger Zeit vermute.«

*

Marie stand kerzengerade vor der Salontür. Als der Lakai die Tür öffnete, holte sie tief Luft, die gleich darauf in einem langen Seufzer entwich, als ihr Blick auf Pjotr fiel.

»Hallo, Mascha.« Nikolai begrüßte seine Schwester mit einem Kuss.

Sie sah verstohlen zu Pjotr, der ein paar Schritte von ihnen entfernt stand. »Hallo, Pjotr.« Sie hielt ihm ihre Hand hin. »In Uniform siehst du ganz anders aus.«

»Ich fühle mich auch anders«, erwiderte er steif. »Es geht dir gut, hoffe ich.«

Marie, von seiner förmlichen Begrüßung ein wenig verwirrt, antwortete nicht sofort.

»Ja, danke«, sagte sie schließlich. Die mangelnde Herzlichkeit in seiner Stimme traf sie bis ins Innerste.

In diesem Augenblick kamen ihre Eltern in den Salon. Pjotr ging zu ihnen, um sie zu begrüßen. Marie beobachtete ihn und fragte sich, welche Gründe hinter seinem Stimmungswandel steckten. Hatte sie seinen Brief missverstanden? War er nicht mehr verliebt in sie? Konnte er seine Meinung so kurz nach seiner Liebeserklärung ändern?

Nichts davon erschien ihr wahrscheinlich. Es musste eine andere Erklärung für sein Verhalten geben. Während sie darüber nachdachte, wühlte der Schmerz immer tiefer in ihr.

»Setzen wir uns«, schlug Hermann Kulbas vor und deutete auf die Sofas.

Marie nahm auf einer zweisitzigen Bank Platz. Zu ihrer Enttäuschung ging Pjotr zu dem Sessel, der am weitesten von ihr entfernt stand. Wieder spürte sie, wie Kummer und Ratlosigkeit ihr das Herz schwer machten. Die anderen redeten mittlerweile über die Mobilmachung, Marie aber bekam kaum etwas von dem Gespräch mit.

»Du bist ja so still, Marie«, stellte ihr Vater fest. »Fehlt dir etwas?«

»Nein, Papa.« Sie zwang sich zu einem Lächeln. Ihre Augen suchten und fanden Pjotr, der ihren Blick kurz erwiderte, bevor er sich von ihr wegdrehte.

*

Auch beim Diner kreiste das Gespräch hauptsächlich um die Ermordung des Erzherzogs und den bevorstehenden Krieg. Marie hörte kaum hin. Lustlos stocherte sie in ihrem Essen, brachte aber keinen Bissen herunter.

Pjotr, der neben Hermann Kulbas saß, schaute mehrmals verstohlen zu ihr, wandte sich aber sofort ab, wenn ihre Blicke sich begegneten. Marie fühlte sich immer elender und wünschte sich inständig, der Abend möge bald zu Ende gehen.

Nach dem Essen zogen sich die Herren in den Salon zurück, um Zigarren zu rauchen und Brandy zu trinken.

»Darf ich mich entschuldigen, Mama?«, fragte Marie.

»Fühlst du dich nicht wohl? Du hast dein Essen kaum angerührt.«

»Nichts Ernstes«, wich Marie aus. »Ich habe nur ein bisschen Kopfweh und würde mich gerne hinlegen.«

Im Vestibül erhaschte sie einen Blick auf ihren Vater, der Pjotr soeben in die Bibliothek bat. Kurz bevor die beiden hinter der Tür verschwanden, drehte ihr Vater sich um, erblickte Marie und warf ihr über die Schulter ein Lächeln zu. Überrascht, dass Nikolai nicht bei den beiden Männern war, machte Marie sich auf die Suche nach ihm und fand ihn im Salon, wo er Zeitung las und eine Zigarette rauchte.

»Warum bist du nicht bei Papa und Pjotr?«, wollte sie wissen.

Nikolai wandte sich zu ihr um. »Komm rein«, sagte er. »Und mach die Tür hinter dir zu.«

Marie gehorchte und trat zu ihm.

»Papa wollte unter vier Augen mit Pjotr sprechen.«

Sie sah ihn fragend an. »Warum?«

Nikolai zuckte die Achseln, aber sein Lächeln verriet, dass er mehr wusste, als er preisgab.

»Veralbere mich nicht, Kolja«, sagte Marie. »Du musst mir sagen, was Papa mit Pjotr zu besprechen hat.«

»Warum sollte ich? Du hast den ganzen Abend reichlich teilnahmslos gewirkt.« Nikolai tat so, als würde er weiter in der Zeitung lesen.

Sie kniff ihn in den Arm. »Sag’s mir!«

»Schon gut, schon gut!« Er lachte, drückte seine Zigarette aus und führte Marie zu einem Sofa. »Ich bin mir nicht ganz sicher, aber ich weiß, dass Papa heute ein Telegramm aus St. Petersburg erhalten hat. Kurz darauf hat er mich in die Bibliothek kommen lassen.«

»Von wem war das Telegramm?«

»Von Pjotr.«

Maries Herz machte einen Satz. »Und was stand drin?«

»Das hat er mir nicht gesagt. Aber er hat mich gefragt, was ich über Pjotr weiß.«

Marie packte seine Hand. »Und was hast du geantwortet?«

»Die Wahrheit. Ich habe ihm gesagt, dass Pjotr der Sohn einer Fürstin aus einer unbedeutenden Adelslinie und eines Spielers ist, dem es im Lauf der Jahre gelungen ist, das Familienvermögen praktisch auf null schrumpfen zu lassen.«

Marie ließ die Hände sinken. »Kolja, wie konntest du? Pjotr ist nicht wie sein Vater, ganz und gar nicht!«

Nikolai hob eine Hand. »Lass mich ausreden …«

»Soll das heißen, du hattest noch mehr zu sagen? Nach allem, was du Papa erzählt hast, wundert es mich, dass er Pjotr noch nicht vor die Tür gesetzt hat.« Marie, die mit den Tränen kämpfte, kehrte ihrem Bruder den Rücken zu.

Er fasste sie an den Schultern und drehte sie zu sich um. »Es ist auch für dich wichtig, das zu hören, Mascha. Alles, was Pjotrs Familie geblieben ist, ist das Stadthaus, das seiner Mutter gehört, und die Ländereien im Ural, die bis zu Pjotrs Volljährigkeit von seinem Vater und einem Verwalter bewirtschaftet wurden.«

»Seine finanzielle Situation interessiert mich nicht. Ich liebe ihn, egal ob er reich ist oder arm!« Marie wandte sich zum Gehen, aber Nikolai legte eine Hand auf ihren Arm.

»Ich habe außerdem gesagt, dass ich keinen anständigeren Mann als Pjotr kenne und dass er die Verwaltung der Güter übernommen hat, sodass sie allmählich wieder Gewinne abwerfen. Und was dich angeht … ich habe Papa gesagt, ich zweifle keine Sekunde dran, dass Pjotr dich glücklich machen wird.«

Marie blickte ihren Bruder überrascht an. Ihr Gesicht wurde weich. »Das alles hast du gesagt?«

Er lächelte. »Ihr zwei seid wie füreinander geschaffen.«

*

Später am Abend spazierten Pjotr und Marie Arm in Arm durch den Obstgarten. Eine milde Brise raschelte in den Ästen, die sich unter der Last der Früchte neigten. Schatten tanzten um sie her. Doch auch wenn sie jetzt endlich allein waren, wirkte Pjotr immer noch unruhig und zerstreut. Marie suchte verzweifelt nach einem passenden Gesprächsthema, aber ihre Bemühungen brachten ihr nur einsilbige Antworten ein.

»Ich halte das nicht aus, Petja«, sagte sie schließlich. »Morgen verlässt du uns, und ich werde dich vielleicht lange Zeit nicht mehr sehen. In deinem Brief schreibst du, dass du mich liebst, aber du hast seit deiner Ankunft kaum ein Wort mit mir gewechselt.«

»Mach mir keine Vorwürfe.« Pjotr nahm Maries Gesicht zwischen beide Hände. »Ich würde lieber sterben, als dir Kummer zu bereiten.«

Seine Hände lagen glatt und warm auf Maries Haut und riefen bei ihr ein Prickeln hervor. Sie und Pjotr waren vor einem der Rosensträucher am hinteren Ende des Gartens stehen geblieben, und die Luft war schwer vom Duft der Blumen. Marie wusste nicht, ob es an diesem Duft oder an Pjotrs Berührung lag, dass ihr auf einmal schwindlig wurde.

Ihre Verwirrung schien sich auf ihrem Gesicht zu spiegeln, denn Pjotr ließ die Hände sinken.

»Entschuldige bitte.«

»Petja.« Marie lächelte. In seiner Uniform sah er ganz anders aus als der belesene junge Mann, der sie in St. Petersburg jeden Sonntag besucht hatte. Sie nahm seine Hände in ihre. »Sag mir bitte, warum du so reserviert bist.«

»Offen gestanden«, begann er unsicher, »bin ich mit der Absicht nach Narva gekommen, um deine Hand anzuhalten. Ich … ich bin verliebt in dich«, stammelte er. »Aber ich habe Angst, dass ich deiner nicht würdig bin.«

»Das ist doch Unsinn, Petja.« Marie war auf einmal außer Atem. Sie sah ihm in die Augen, bemüht, ihn von ihrer Liebe zu überzeugen. »Ganz und gar!«

Pjotr zog sie an sich und drückte seine Lippen auf ihre. Marie schmiegte sich in seine Arme und wünschte sich, es könnte ewig so bleiben.

Nach dem Kuss brachten beide einige Zeit kein Wort hervor. Hand in Hand schlenderten sie durch den Garten und warfen einander gelegentlich verstohlene Blicke zu. Wenn sie sich dabei ertappten, lachten sie und senkten verlegen den Kopf.

»Es gibt da etwas, was ich dir sagen muss«, begann Pjotr schließlich, »und ich weiß nicht, ob es dir gefallen wird.«

»Psst.« Marie legte ihm einen Finger auf die Lippen. »Falls du mir deine alten Affären beichten willst … mir wäre es lieber, du könntest sie für alle Zeiten begraben.«

»Darum geht es nicht.« Er küsste ihre Hand. »Ich kann nicht fassen, dass ich das Glück gehabt habe, einen so wundervollen Menschen wie dich zu finden.«

Marie lächelte über die Worte und die Bescheidenheit, die daraus sprach. »Worum geht es dann, Liebster?« Plötzlich fiel ihr etwas ein, und sie fragte erschrocken: »Hat Papa seine Zustimmung verweigert?«

Pjotr schüttelte den Kopf. »Nein, nein.« Wieder schloss er sie sanft in die Arme. »Dein Vater hat seine Zustimmung unter der Bedingung gegeben, dass du dir über meine Umstände im Klaren bist, bevor du meinen Antrag annimmst.«

Er führte Marie zu einer Bank, holte tief Luft und erzählte ihr von seinem Vater, von dem Glücksspiel, dem er verfallen war, von seinen Mätressen und von der Schande, dass er, Pjotr, die beweglichen Güter seiner Familie und den Schmuck seiner Mutter verkaufen musste, um die Schulden seines Vaters zu begleichen.

»Ich habe den guten Namen meiner Mutter, aber sonst kaum etwas. Mein Großvater, der sich der Schwächen meines Vaters bewusst war, hat einen Treuhandfonds eingerichtet, der mir siebenhundert Rubel im Jahr einbringt. Verglichen mit dem, was andere Männer zu bieten haben, ist das keine große Summe, aber ich konnte in den letzten Jahren genug beiseitelegen, um ein kleines Stück Land zu kaufen. Ich hoffe, ich kann nach dem Krieg noch mehr Grundbesitz erwerben. Mit der Zeit werde ich dir einen Lebensstil bieten können, wie du ihn gewöhnt bist.«

Marie, die aufmerksam zuhörte, küsste sein Gesicht, als er von seiner demütigenden Lage sprach, und malte sich aus, zusammen mit ihm seine Träume zu verwirklichen. Als er fertig war, blieben sie noch eine Zeit lang sitzen, während allmählich die Dämmerung hereinbrach. Schließlich sagte Marie: »Ich liebe dich und werde dich immer lieben. Geld und Land bedeuten mir nichts, wenn du nur meine Liebe erwiderst. Ich verspreche dir, auf dich zu warten, Petja, und du musst mir versprechen, zu mir zurückzukommen.«

Sie küssten sich zum zweiten Mal an diesem Abend – mit all der Leidenschaft von Liebenden, die einander gerade erst ihre Gefühle gestanden haben und schon bald wieder getrennt werden.

4.

An der deutschen Front

27. August 1914

n

Würziger Tabakgeruch und beißender Rauch schlugen Alexei entgegen, als er den fensterlosen Raum betrat. General Alexander Samsonow, Kommandeur der Zweiten Armee, hatte in der Offiziersbaracke eine Sitzung einberufen, um strategische Fragen zu erörtern. Auf der großflächigen Militärkarte, die ausgebreitet auf dem Mahagonitisch lag, waren die Positionen der russischen und deutschen Armeen markiert.

»Meine Herren«, dröhnte Samsonows sonore Stimme, »wir haben soeben die Information erhalten, dass unsere Erste Armee die Deutschen bei Gumbinnen geschlagen hat.« Er zeigte auf einen Punkt in der rechten oberen Ecke der Landkarte, nahe an der russischen Grenze. »Sie flitzen wie die Ratten in den Schutz der umliegenden Wälder.«

Die Männer brachen in lauten Jubel aus.

»Sieht so aus, als wären wir noch vor Wintereinbruch wieder im Geschäft«, bemerkte ein Oberst und zwirbelte die Enden seines Schnurrbarts.

»Wir werden die Deutschen das Fürchten lehren«, rief eine Stimme aus dem Hintergrund. »Kein Heer der Welt kann sich mit der Stärke der Imperialen Russischen Armee messen!«

»Was meinen Sie, mein Freund?« Ein vergnügter Generalmajor klopfte Alexei auf die Schulter. »Wir werden den Deutschen einiges zeigen, bis wir mit ihnen fertig sind.«

»Lang lebe Zar Nikolaus!«, ertönte es.

Alexei sagte nichts. Stattdessen trat er näher an den Tisch heran und studierte auf der Karte die Aufstellungen beider Armeen.

Samsonow gebot mit einer Handbewegung Schweigen. »Gumbinnen ist ein entscheidender Sieg für unser Land. Jetzt sollte auch unser Regiment einen entscheidenden Sieg erringen, um unseren Mut unter Beweis zu stellen.« Die Offiziere nickten zustimmend. »Wir bewegen uns von hier und hier«, Samsonow zeigte auf der Landkarte die entsprechenden Stellen, »auf die deutsche Armee zu, um ihr den Rückweg abzuschneiden.«

Alexei beugte sich vor. Die Deutschen würden den Vorteil haben, in ihrem eigenen Land zu kämpfen, stellte er fest.

»Wie groß ist die Armee, mit der wir es aufnehmen müssen?«, fragte er.

»Die Deutschen mussten empfindliche Verluste an Soldaten und Artillerie hinnehmen. Sie stellen keine Bedrohung für uns dar.«

»Dann sollten unsere Männer einen Tag Pause bekommen.«

Samsonow blickte sich um. »Wer hat das gesagt?«

Alle Köpfe wandten sich einem jungen Leutnant mit eckigem Gesicht und hellblauen Augen zu, der sich erhoben hatte.

»Viele von ihnen kämpfen schon seit Tagen«, erklärte der Offizier, der unter dem bohrenden Blick Samsonows unsicher zu werden schien. »Unsere Versorgungslinien sind überlastet. Die Männer bekommen kaum genug Brot oder Suppe, um sich auf den Beinen zu halten. Wir brauchen mindestens einen Tag, damit unsere Leute sich ausruhen und auf frische Vorräte warten können.«

»Sie können ausruhen, sobald sie die Deutschen geschlagen haben«, gab Samsonow knapp zurück. »Was das Essen angeht, hat man mir versichert, dass für jede Division ausreichende Mengen vorhanden sind.«

Der junge Leutnant nahm die unausgesprochene Rüge hin und verbeugte sich kurz. »Jawohl, General.«

Damit war die Besprechung beendet.

*

Nach dem Souper setzten sich einige Offiziere zu einem Kartenspiel zusammen. Die Augen des Leutnants funkelten im fahlgelben Licht vor Zorn. »Es ist Wahnsinn, unsere Leute Welle auf Welle rauszuschicken und abschlachten zu lassen«, erklärte er. »Wir müssen uns zurückziehen, umformieren und einen neuen Angriffsplan entwickeln.«

Alexei teilte die Meinung des jungen Mannes, auch wenn dessen Vorschlag, dass die Soldaten sich zurückziehen sollten wie Feiglinge, unannehmbar war.

»Wir haben in den letzten Tagen zahlreiche Siege errungen«, sagte er. »Ich bin überzeugt, die Deutschen können zurückgedrängt werden, wenn die Kavallerie Gelegenheit bekommt, ihr Geschick unter Beweis zu stellen. Gleichzeitig muss die Infanterie tiefer in feindliches Territorium vordringen, um es der Kavallerie zu ermöglichen, die Sache zu einem Ende zu bringen.«

Der Leutnant schnaubte. »Bei allem Respekt, aber die Kavalleristen stellen vor allem den meisterhaften Umgang mit Pferden und Säbeln zur Schau. Das ist ja alles sehr romantisch, aber das Pferd, das eine Kugel aufhalten kann und dabei nicht getötet wird, möchte ich sehen.«

Grigori stand abrupt auf. »Muss ich Sie daran erinnern, dass Sie mit einem ranghöheren Offizier sprechen, Mann?«

Der Leutnant senkte beschämt den Kopf. »Ich war unhöflich«, entschuldigte er sich bei Alexei. »Das war nicht meine Absicht. Ich wollte nur klarstellen, wie unsinnig es ist, mit Pferden gegen deutsche Gewehre anzutreten.«

Alexei deutete mit einer Handbewegung an, dass er die Entschuldigung annahm. »Ich versichere Ihnen, dass wir alle genauso erpicht darauf sind wie Sie, den Kaiser zu schlagen. Aber es ist undenkbar, dass General Samsonow gerade jetzt, nachdem sein alter Rivale von der Ersten Armee einen Sieg errungen hat, den Befehl zum Rückzug gibt. Um einen guten Eindruck auf das russische Volk zu machen, braucht der General einen Triumph.«

»Aber zu welchem Preis? Unsere Männer sind hungrig und erschöpft.«

»Wir haben erfahren, dass die neuen Einheiten nur noch einen Tagesmarsch entfernt sind. Und eine Verstärkung der ersten Angriffslinie bedeutet, dass unsere Flanken geschützt sind, sodass wir im Zentrum Druck machen können.« Alexei ließ den Blick über die Gesichter der anderen schweifen, um festzustellen, ob sie mit ihm übereinstimmten. »Meine Herren«, sagte er dann und bedeutete Grigori, ihm seinen Mantel zu bringen, »es war ein langer Tag. Ich schlage vor, wir ziehen uns zurück.«

*

Leutnant Sergej Bogolew trat hinaus in die kühle Nachtluft. Er ärgerte sich über sich selbst. Der Meinung seiner Vorgesetzten zu widersprechen konnte seine Karriere gefährden.

Bogolew war der Sohn eines Lehrers. In der Hoffnung, seine bescheidene Herkunft hinter sich zu lassen und in den inneren Kreis der Männer mit Macht und Einfluss zu gelangen, war er bei der Infanterie eingetreten. Er war ehrgeizig und hatte sein Augenmerk auf weit höhere Ziele gerichtet, als seine wohlhabenden Kollegen ihm zubilligen wollten. Seit er sich zur Armee gemeldet hatte, war er bei Beförderungen mehr als einmal übersehen worden, während weniger befähigte Männer aus der Oberschicht in den Rängen aufgerückt waren.

Jede Zurücksetzung war Öl ins Feuer, das in seinem Inneren brannte. Und davon hatte Bogolew mehr als genug. Die Überheblichkeit seiner Kommandeure machte ihn rasend. Die Armee hatte genug Männer und Artillerie, um die Deutschen zu schlagen, aber die Kommandierenden hielten stur an veralteten Strategien fest. Auf ihren sicheren Positionen hinter den Linien hielten Samsonow und Konsorten endlose Einsatzbesprechungen, verschickten verschlüsselte Meldungen, die niemand verstand, und stritten darüber, wer schuld sei, wenn etwas schiefging.

Geduld, ermahnte Bogolew sich. Er musste Geduld haben und abwarten. Eines Tages würde seine Chance kommen, und dann würde er eine Machtposition haben. Eines Tages würde ihm der Respekt zuteilwerden, den er verdiente.

Bogolew ging mit raschen Schritten an den grauen Zelten vorbei, die von der untergehenden Sonne in Rosa- und Bronzetöne getaucht wurden. Die Soldaten, die sich von den Grabenkämpfen ausruhten, saßen vor ihren Zelten. Wohin er auch blickte, sah Bogolew die angespannten Mienen von Männern, deren Kräfte bis an die Grenzen strapaziert waren. Es verbitterte den Leutnant, die stumpfen Augen in den erschöpften Gesichtern zu sehen. Wie konnte Samsonow von diesen Männern erwarten, Schlachten zu gewinnen, wenn sie sich kaum noch auf den Beinen halten konnten?

Er ging zu einer Gruppe, die um ein Lagerfeuer hockte, und setzte sich dazu. Männer, die Wassereimer schleppten, füllten Feldflaschen und legten immer wieder tröstend eine Hand auf die Schulter eines Soldaten, der einen Bruder oder guten Freund verloren hatte.

»Zum Teufel mit ihnen!« Einer der Soldaten spuckte ins Feuer. Als er sah, dass Bogolew sie beobachtete, entschuldigte er sich. »Nichts für ungut, Herr Leutnant. Ich habe mich vergessen.«

»Sie können offen sprechen«, versicherte Bogolew ihm.

»Ich bin ein einfacher Mann. Ich weiß wenig über Taktik und Kriegsführung.

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