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Das Mädchen aus Mantua

Charlotte Thomas



DAS MÄDCHEN
AUS MANTUA

Historischer Roman

BASTEI ENTERTAINMENT

Für meinen Bruder

Das grundlegende Prinzip der Medizin ist die Liebe.
(Paracelsus)

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Teil I

Padua, Mai 1601

Streitlustiges Geschrei übertönte das Rumpeln der Räder. Celestina blickte aus dem Fenster der Kutsche. Ungefähr ein Dutzend Männer hatten sich auf dem großen Platz versammelt. In zwei Gruppen standen sie einander gegenüber, und alles ließ darauf schließen, dass es Ärger geben würde. Wütende Schreie schallten hin und her, Fäuste wurden geschüttelt. Mindestens zwei der Männer hatten ihre Degen gezogen, einer schwang einen Knüppel, ein anderer hatte seinen Dolch gezückt.

Die meisten von ihnen waren jung, aber Celestina sah auch einige, die bereits in die Jahre gekommen waren. Das Gebrüll, mit dem die Männer der beiden feindlichen Lager einander bedachten, verhieß Mord und Totschlag. Anders ließen sich Drohungen wie »Ich spieß dich auf!« oder »Komm nur her, dann wirst du lernen, ohne Eier herumzulaufen!« kaum deuten.

»Gleich wird Blut fließen«, sagte Celestina.

Ihre Stiefschwester Arcangela, die seit mindestens einer Stunde tief und fest neben ihr geschlafen hatte, erwachte nur langsam. »Sind wir schon da?«

»Weit kann es nicht mehr sein, wir sind bereits mitten in Padua. Wir müssen nur noch an dieser Prügelei vorbei.«

»Welche Prügelei?« Arcangela beugte sich vor und schob sich an Celestina vorbei, um aus dem Wagenfenster zu blicken. »Ach, du lieber Gott!«

Von einem Augenblick auf den nächsten hatte sich die Piazza in eine Kampfarena verwandelt, auf der wildes Getümmel herrschte. Zwei der jüngeren Kontrahenten fochten einen Degenkampf aus, einer ging auf seinen Gegner mit dem Knüppel los, weitere hieben mit Fäusten aufeinander ein. Einer hatte gar eine Pistole gezogen und fummelte an der Ladevorrichtung herum, was einen anderen dazu veranlasste, eine Handvoll Pferdeäpfel vom Pflaster aufzuklauben und dem Pistolenbesitzer ins Gesicht zu drücken. Der verhinderte Schütze ließ darauf die Waffe fallen und stürzte sich auf den Feind, worauf sich beide im nächsten Augenblick, heftig miteinander ringend, auf dem Boden wälzten.

Gebannt beobachtete Celestina die Kämpfenden, die einander paarweise attackierten. Hier und da floss wirklich bereits Blut. Einer hatte eine Rapierwunde davongetragen, auf seinem Ärmel breitete sich helles Rot aus. Ein anderer blutete aus der Nase, ein Dritter hatte eine große Platzwunde über dem Auge. Man würde sie mit mindestens acht Stichen nähen müssen, wie Celestina mit geschultem Blick erkannte.

Arcangela stieß einen erschreckten Schrei aus und deutete aus dem Fenster auf die Piazza. »Da! Dieser Kerl da mit der Pistole! Er schießt auf uns!«

Der Waffenbesitzer, das Gesicht immer noch voller Pferdemist, hatte die Oberhand gewonnen und sich wieder seiner Pistole bemächtigt, und er schien grimmig entschlossen, sie zu benutzen. Tatsächlich sah es auf den ersten Blick so aus, als würde er auf das offene Wagenfenster zielen. Celestina duckte sich unwillkürlich und dabei sah sie das wirkliche Ziel: einen Mann in den Vierzigern mit goldfarbener Samtweste, an dem die Kutsche soeben vorbeirollte und der damit beschäftigt war, einen anderen Mann mit roten Haaren zu erwürgen.

»Lass ihn los, Bertolucci, oder ich schieße dir den Kopf weg«, schrie der Bursche mit der Pistole. Mit der hochgewachsenen Gestalt, dem wild zerrauften Haar und dem mistverschmierten Gesicht sah er aus wie ein urzeitlicher Krieger, dem jemand versehentlich ein ordentliches Wams und feine Strumpfhosen angezogen hatte. Als er mit großen Schritten auf die beiden Kämpfenden zulief, war zu sehen, dass er ein Bein leicht nachzog. Offenbar war auch er bereits verwundet worden, doch seiner Angriffslust tat das keinen Abbruch. Celestina konnte sehen, wie sich sein Finger um den Abzug der Steinschlosspistole krümmte. Seine Hand zitterte nicht. Er hatte den Mann mit der goldfarbenen Weste genau im Visier.

»Verflixt«, murmelte Celestina. Waren hier alle verrückt geworden? Was um Himmels willen konnte es wert sein, dass diese Männer einander nach dem Leben trachteten?

Doch es kam nicht zum Schuss, denn im selben Moment gingen die Pferde durch und versperrten dem Schützen die Sicht. Durch den Ruck, mit dem die Kutsche sich in Bewegung setzte, wurde Celestina zurück in den Sitz geworfen und dann nach vorn auf die gegenüberliegende Bank geschleudert. Arcangela schrie auf, ebenfalls vom Schwanken der Kutsche hin und her geworfen. Auch der Kutscher schrie, jedoch nicht vor Schreck, sondern im Befehlston, um die aufgescheuchten Pferde zu beruhigen. Vergebens, denn die Kutsche wurde noch schneller, und das Rattern der Räder geriet zu einem Donnern, während das Gefährt bedrohlich schwankte und schließlich so stark in Schieflage geriet, dass es umkippte.

Celestina spürte, wie sich die Kutsche unaufhaltsam zur Seite neigte. Dann erfolgte krachend der Aufschlag. Celestina versuchte instinktiv, sich irgendwo festzuhalten, konnte aber nicht verhindern, dass sie schmerzhaft mit ihrem Allerwertesten auf der Kutschenseite, die nun den Boden bildete, aufschlug. Zum Glück blieben ihr ärgere Blessuren erspart, denn unmittelbar darauf kam die Kutsche zum Stillstand. Leider traf dasselbe nicht auf Arcangela zu, die ebenfalls erdwärts purzelte und mit ihrem vollen Gewicht auf Celestina landete. Diese kämpfte sich mit zusammengebissenen Zähnen zwischen strampelnden Gliedmaßen und gebauschten Röcken hervor. Endlich gewann sie in der umgestürzten Kutsche einen aufrechten Stand, der sie in die Lage versetzte, sich zu orientieren.

Arcangela jammerte und schimpfte, war aber allem Anschein nach unverletzt.

Genau wie der Mann mit der goldfarbenen Samtweste, der eben noch versucht hatte, den Rothaarigen zu erwürgen und um ein Haar erschossen worden wäre. Er öffnete die nun zum Himmel weisende Tür der Kutsche und beugte sich ins Wageninnere.

»Alles in Ordnung da drinnen?«

»Es geht uns gut«, sagte Celestina.

»Davon kann keine Rede sein!«, widersprach Arcangela.

»Kommt, ich helfe Euch. Gebt mir die Hand, dann ziehe ich Euch heraus.«

Er streckte die Hand aus, und Celestina, die ihm am nächsten war, ergriff sie, um sich ins Freie hieven zu lassen. Doch dazu kam es nicht, denn unversehens wurde ihr Helfer zurückgerissen, von dem Rothaarigen, der sich offenbar wieder hochgerappelt hatte. Er nutzte nun die Gelegenheit, Gleiches mit Gleichem zu vergelten, und schlang erbittert beide Hände um den Hals seines Gegners.

Daraufhin machte sich Celestina ungeachtet der lautstarken Proteste ihrer Stiefschwester daran, aus eigener Kraft aus der Kutsche zu klettern, was ihr nach einigen Mühen gelang. Sie ließ sich von einem der in die Luft ragenden Räder aufs Pflaster gleiten.

Der Kampf auf der Piazza war immer noch in vollem Gange. Überall um sie herum wurde geprügelt, getreten, gefochten und gebrüllt. Celestina sah sich genötigt, mit zwei großen Sätzen einem messerschwingenden Raufbold auszuweichen, dem sie bei der Verfolgung eines flüchtenden Gegners im Weg stand.

Der Kutscher war vom Bock des Wagens geschleudert worden. Er rappelte sich vom Pflaster hoch und kam mit schmerzverzerrter Miene zurück zum Gespann, um die schnaubenden Pferde von einem erneuten Durchgehen abzuhalten.

»Seid Ihr verletzt?«, fragte Celestina.

»Ich werd’s überleben.« Er packte die beiden Kutschgäule beim Zügel und redete beruhigend auf sie ein, bevor er über die Schulter zu Celestina sagte: »Was ist mit Eurer Begleiterin?«

»Es geht ihr gut.«

Das war leicht übertrieben, denn aus dem Wageninnern hörte man Arcangelas empörtes Zetern.

Der Mann mit der goldfarbenen Weste rang immer noch mit seinem rothaarigen Widersacher, wobei es schien, dass diesmal der Jüngere die Oberhand gewann.

»Diesmal kriegst du Saures, Bertolucci«, stieß er hervor.

Bertoluccis Gesicht war rot angelaufen, die Augen quollen hervor, während der Rothaarige ihn aus Leibeskräften würgte. Doch Bertolucci hatte sein Pulver noch nicht verschossen. Er hieb dem anderen den Ellbogen in die Rippen, worauf dieser mit einem Ächzlaut zusammenknickte. Bertolucci, von dem Würgegriff befreit, hob einen Knüppel auf, wurde aber von einem lauten Schrei zurückgehalten. »Versuch es nur, Bertolucci!« Der große junge Mann mit der Pistole hatte wieder die Bildfläche betreten. Aus dem mistverschmierten Gesicht leuchteten seine Augen durchdringend blau. »Diesmal rettet dich kein durchgehendes Pferdegespann!« Mit gezückter Waffe trat er auf Bertolucci zu. Dieser warf sofort den Knüppel weg, der übers Pflaster rollte und vor Celestinas Rocksäumen liegen blieb.

»Ich bin unbewaffnet, Timoteo Caliari. Siehst du?« Der Ältere hob beide Hände. »Du willst doch keinen unbewaffneten Mann erschießen, oder?«

Das Gesicht des Schützen war starr vor Zorn. »Das fragt ausgerechnet ein Bertolucci? Wer von euch hatte denn je Hemmungen, einen hilflosen Gegner zu töten?«

Er hob die Pistole und legte an. Celestina schien es, als zögere er, sie tatsächlich abzufeuern, doch in Anbetracht der Umstände war es zu riskant, auf die Vernunft dieses jugendlichen Heißsporns zu vertrauen. Sie hob den Knüppel auf und schlug zu. Der Getroffene verlor die Besinnung und fiel zu Boden.

»Seid bedankt, junge Dame!« Bertolucci deutete eine Verbeugung an, eine Hand auf das Vorderteil der Goldweste gelegt. »Ich bin Euch sehr verbunden! Gentile Bertolucci, immer zu Euren Diensten!«

Sein Lächeln gefiel Celestina nicht, es war eindeutig unangebracht. »Ich tat es nicht für Euch, sondern für Euren Gegner. Es wäre ihm übel bekommen, wegen Mordes belangt zu werden.«

»Da sprecht Ihr weise Worte aus.« Bertolucci blickte den am Boden liegenden Mann nachdenklich an. »Wäre doch den Caliari nur ein winziger Teil Eurer Klugheit gegeben!«

Celestina achtete nicht auf ihn. Sie beugte sich über den Bewusstlosen, um nachzusehen, ob sie etwa zu fest zugeschlagen hatte, doch er kam bereits wieder zur Besinnung. Stöhnend rollte er sich zur Seite und betastete seinen Hinterkopf, wo ihn der Knüppel getroffen hatte.

Bertolucci zog es vor, das Feld zu räumen. Eilig drängte er an Celestina vorbei und verschwand in der Schar der immer noch aufeinander einprügelnden Männer.

»Celestina, was geschieht denn hier?« Arcangela schob den Kopf aus der umgestürzten Kutsche. »Um Himmels willen!« Sie duckte sich vor einem vorbeifliegenden Stein und verschwand wieder im Inneren der Kutsche.

Der Rothaarige, der versucht hatte, Gentile Bertolucci zu erwürgen, kam schwankend auf die Beine. »Wo ist das Schwein?« Sein Blick fiel auf den am Boden liegenden Caliari. »Timoteo! Meine Güte!« Er wandte sich an Celestina. »Sah es gerade nur so aus, oder wart Ihr das, die meinen Freund niedergeschlagen hat?«

»Es war nur zu seinem Besten«, erklärte Celestina.

Er starrte sie mit offenem Mund an. Wie sein soeben aufwachender Freund Timoteo war er ordentlich gekleidet, mit gefälteltem Seidenkragen und gut geschnittenem Wams. Beide sahen nicht danach aus, als seien sie Raufbrüder aus Leidenschaft.

»Timoteo! Wach auf!« Er tätschelte die Wangen seines Freundes und kniff ihm dann hart in die Nase, was zwar sofort den gewünschten Effekt hatte, aber auch zu unbeabsichtigten Nebenfolgen führte. Timoteo kam schlagartig zu sich und verpasste seinem Freund einen Fausthieb.

»Was zum Teufel sollte das?!«, beschwerte dieser sich, beide Hände ächzend gegen die malträtierten Rippen drückend.

»Ach, du warst das«, sagte Timoteo benommen. »Du hättest mich nicht kneifen sollen.«

Gleichzeitig tauchte Arcangela abermals aus dem sicheren Gehäuse der Kutsche auf und lugte heraus. »Du solltest vielleicht lieber wieder reinkommen«, sagte sie zu Celestina. »Zumindest, bis dieser Aufruhr hier vorüber ist!«

Celestina achtete nicht auf ihre Stiefschwester, sondern streckte die Hand aus, um Timoteo auf die Beine zu helfen. »Seid Ihr wohlauf?«, fragte sie. »Tut es sehr weh? Für den Fall empfehle ich dringend einen kalten Wickel.«

Er starrte sie an und rieb sich den Hinterkopf. »Wo kommt Ihr denn auf einmal her?«

»Aus Mantua«, sagte Celestina. Dann hielt sie inne. »Oh, ich verstehe. Ihr meint, wo ich vorhin herkam. Nun, ich war in der Kutsche. Sie stürzte um, und ich kletterte hinaus.«

Nähere Auskünfte brauchte er offenbar nicht. »Dann müsst Ihr den Mistkerl gesehen haben, der mir diesen Schlag verpasst hat. Wo ist er hin?« Suchend blickte er sich um.

Celestina räusperte sich. »Oh, nun ja, also …« Sie verstummte und war sich unangenehm der Tatsache bewusst, dass dieser Timoteo zwar vermutlich kaum älter war als sie, aber dafür ziemlich groß und kräftig. Und der Zorn, der von ihm ausging, war fast mit Händen zu greifen.

Sie sann über eine Erklärung nach, die sie weniger gewalttätig dastehen ließ, als sie sich beim Anblick der rasch anschwellenden Beule hinter seinem linken Ohr fühlte, doch ihr fiel nichts ein.

»Wenigstens wissen wir jetzt, dass es wirkt«, sagte er verärgert, während er sich mit dem Ärmel den Pferdemist aus dem Gesicht wischte.

»Das was wirkt?«, fragte sie irritiert.

»Das Kneifen in die Nase«, sagte der Rothaarige.

»Oh, wirklich?«, meinte sie höflich.

»Ja. Es hilft Ohnmächtigen oft rasch ins Leben zurück. Professor Fabrizio erwähnte es erst neulich in der Vorlesung.« Er blickte zu Arcangela hinauf, die abermals den Kopf oben aus der Kutsche streckte und die Umgebung beäugte. »Wir sollten der jungen Dame aus der Kutsche helfen«, schlug er vor.

Das trug ihm ein strahlendes Lächeln von Arcangela ein. »Wie galant Ihr seid!«

Er verbeugte sich. »Galeazzo da Ponte, zu Euren Diensten, Madonna! Und dieser Edelmann dort ist mein bester Freund, Timoteo Caliari. Er sieht sonst manierlicher aus, für gewöhnlich trägt er keinen Pferdemist im Gesicht.«

Timoteo Caliari achtete nicht auf ihn. Seine Miene war unbewegt, als er die Pistole aufhob, die ihm vorhin aus der Hand gefallen war. Mit verengten Augen betrachtete er das Kampfgeschehen. Dieses hatte stark nachgelassen, weil mehrere der Kontrahenten verwundet waren. Einer von ihnen hockte am Rande der Piazza und presste ein Tuch auf eine blutende Kopfverletzung, ein anderer lag reglos im Säulengang des großen Gebäudes, das den Platz zu einer Seite hin begrenzte. Es war nicht zu erkennen, ob er noch lebte, aber die Blutpfütze, die unter seiner Schulter hervorquoll, verhieß nichts Gutes. Ein Dritter saß mit dem Rücken an eine Mauer gelehnt und hatte sich die Arme um den Leib geschlungen. Einige weitere hatten es vorgezogen, den Ort des Geschehens zu verlassen. Ein paar Männer hielten jedoch die Stellung und droschen, wenn auch weniger kraftvoll als zu Beginn der Auseinandersetzung, unter Wutgeschrei aufeinander ein. Unter ihnen war auch der Mann mit der goldfarbenen Samtweste, Gentile Bertolucci.

»Da ist der verfluchte Hurensohn!«, rief Timoteo, auf Bertolucci deutend, der soeben mit Fausthieben einem bartlosen Jüngling zu Leibe rückte. »Er schlägt William zusammen!«

Mit gezückter Pistole stürzte Timoteo Caliari auf die Kämpfenden zu. Wieder zog er dabei das rechte Bein nach, doch diese Verwundung hinderte ihn nicht daran, ein verblüffendes Tempo vorzulegen. Den Bruchteil eines Augenblicks überlegte Celestina, ihm ein zweites Mal den Knüppel über den Schädel zu ziehen und ihn so vor einer Dummheit zu bewahren, die zweifellos sein Leben ruinieren würde. Doch dann war der Moment vertan und Timoteo Caliari zu weit entfernt, als dass sie ihn noch hätte aufhalten können.

Unmittelbar darauf krachte der Schuss.

Celestina hielt die Luft an, als sie Bertolucci zusammenzucken sah. Er machte jedoch keine Anstalten, tot zusammenzubrechen, sondern ließ lediglich die Fäuste sinken und trat einen Schritt zurück, ebenso wie sein junger Widersacher. Auch alle anderen Kämpfer hielten inne, wie von Zauberhand berührt. Niemand regte sich mehr.

Das Echo des Pistolenknalls schien immer noch über der Piazza zu schweben, es hallte in den Ohren nach und trug den schwefligen Dunst sich ausbreitenden Pulvergestanks mit sich. Gleich darauf war zu erkennen, dass nicht Timoteo Caliari geschossen hatte, sondern ein anderer. Mehrere Männer waren aus dem großen, von Säulengängen gesäumten Gebäude gekommen und davor stehen geblieben. Einer davon hielt eine noch rauchende Pistole, deren Lauf zum Himmel wies. Bei dem Schützen handelte es sich um einen untersetzten, höchst erzürnt dreinblickenden Mann, dessen Amtstracht ihn als städtischen Würdenträger auswies. Seine ganze Körperhaltung signalisierte Entrüstung. Rechts und links von ihm hatten sich mit Spießen und Harnischen bewehrte Ordnungshüter aufgebaut, die drohend in die Runde blickten und damit die Autorität des Mannes unterstrichen.

»Als hätte ich es geahnt!«, donnerte er. »Sind es doch immer dieselben Schuldigen! Die Bertolucci und die Caliari! Wird Padua jemals ein Jahr erleben, in dem diese beiden Sippen kein Blutvergießen veranstalten?« Seine aufgebrachte Stimme hallte über die Piazza. Die Autorität seines Auftretens wurde nur geringfügig dadurch gemildert, dass sein Gesicht einen ungesunden rötlichen Farbton angenommen hatte. Celestina ging es flüchtig durch den Sinn, dass sein Herz es ihm eines Tages sehr übel nehmen würde, wenn er sich öfters so aufregte.

Wortreich schleuderte er den Männern der Bertolucci und Caliari entgegen, welch unermesslichen Schaden sie der Stadt Padua zufügten. Durch ihre bloße Existenz seien sie zu einer unerträglichen Last für den Frieden und die öffentliche Ordnung geworden. Was überdies nicht nur für die Mitglieder der beiden Sippen gelte, sondern auch für ihre Verbündeten, die sich nicht entblödeten, jenen immer wieder mit Schwert und Faust beizuspringen, gleichviel, wie nichtig der Anlass auch sein möge.

Die geharnischte Ansprache nahm ihren Fortgang, der Redner war zweifellos ein Meister des Wortes. Die Anschuldigungen gingen ihm nicht aus, im Gegenteil, sie wurden immer schwerwiegender, bis zur Überzeugung aller Zuhörer feststehen musste, dass die Bertolucci und die Caliari vor keinem Verbrechen zurückschreckten, sofern es nur dazu taugte, ihre unsägliche Feindschaft zu festigen.

Celestina hörte gebannt zu, versäumte dabei aber nicht, die Umstehenden zu betrachten, um zu sehen, wie die Standpauke aufgenommen wurde. Die meisten der Angesprochenen standen mit demütig gesenktem Haupt da und bemühten sich redlich um einen reuigen Gesichtsausdruck, doch einige hatten den Kopf auch trotzig erhoben und versuchten gar nicht erst, einsichtsvoll zu wirken.

Zu Letzteren gehörte eindeutig Timoteo Caliari. Er schaute unbewegt geradeaus, als ginge ihn das alles nichts an.

Sein Pech war, dass es nicht nur Celestina auffiel.

»Ich rede auch und vor allem mit Euch, Timoteo Caliari!«, donnerte der Amtsträger. »Die Geduld des Rats ist nicht unerschöpflich! Ihr fallt nicht das erste Mal unliebsam auf! Zu viele Raufhändel finden unter Eurer Beteiligung statt! Das Wohlwollen, das ihr mit Eurem kämpferischen Einsatz im Dienste der Republik verdient habt, ist längst aufgezehrt!« Er machte eine bedeutungsvolle Pause und fuhr dann mit schneidender Stimme fort: »Beim nächsten Zwischenfall, und sei er noch so unbedeutend, ist Euch die Verbannung gewiss, Caliari. Und damit meine ich keineswegs bloß Euch, sondern alle Caliari! Euren Vater, Euren Bruder, Eure Tante – die ganze Sippschaft! Und jeden anderen, der sich öffentlich zu Euch bekennt! Ich schwöre es hier vor allen, beim Grab des heiligen Antonius: Ihr und die Euren werdet bis zum letzten Atemzug vom Boden der Serenissima verbannt werden!«

Absolutes Schweigen senkte sich über das weite Rund der Piazza. Verbannung war unter allen denkbaren Strafen für die Bürger der Dogenrepublik eine der schlimmsten. Für viele war sie sogar schlimmer als der Tod.

Der Amtsträger wartete einige Augenblicke, bis jeder der Umstehenden die Bedeutung seiner Worte verstanden hatte, und tatsächlich schien sogar Timoteo Caliari zu begreifen, was ihm drohte, denn er war sichtlich erblasst und blickte zu Boden. Die Pistole hatte er längst weggesteckt.

»O je, das klingt gar nicht gut«, hörte Celestina hinter sich Galeazzo murmeln, der sich aus unerfindlichen Gründen immer noch bei der umgestürzten Kutsche aufhielt.

»Wer ist das?«, fragte sie ihn leise.

»Ihr meint den Herrn, der geschossen hat und nun die schrecklichste Strafpredigt aller Zeiten hält? Das ist Messèr Gradenigo, oberster Ratspräsident von Padua. Seine Stimme im Senat hat höchstes Gewicht. Wenn er Verbannung androht, sind das keine leeren Worte.«

»Was ist der Grund für diese Fehde zwischen den beiden Sippen?«

»Das weiß niemand so recht«, behauptete Galeazzo. Sein jungenhaftes Gesicht unter dem rostroten Haarschopf wirkte aufrichtig, doch Celestina glaubte ihm kein Wort.

Abrupt wechselte sie das Thema. »Vorhin fiel der Name Fabrizio. Meintet Ihr damit Girolamo Fabrizio?«

»Girolamo Fabrizio d’Acquapendente, so lautet sein voller Name. Unser Professor. Wir studieren bei ihm, Timoteo und ich. Und William Harvey, das ist der englische Junge, den dieser unselige Bertolucci vorhin niederschlagen wollte.«

Celestina starrte ihn an. »Ihr meint, Ihr studiert Medizin? Ihr und Euer Freund Timoteo Caliari? An der Universität von Padua?«

Galeazzo zuckte die Achseln. »Nun ja, das tun wir. Seit über zwei Jahren bereits. Ganz ehrbar und fleißig. Wenn möglich, wollen wir noch dieses Jahr promovieren. Prügeln tun wir uns nur höchst selten. Jedenfalls bei Weitem nicht so oft, wie wir Vorlesungen besuchen. Warum fragt Ihr danach?«

»Ach, es war nur beiläufiges Interesse, ich meinte bloß, den Namen schon einmal gehört zu haben.«

»Den von Professor Fabrizio? Ja, er ist sehr berühmt, beinahe wie der große Vesalius.«

»Und so befehle ich allen, die sich hier geschlagen haben, augenblicklich diesen Platz zu räumen und mir möglichst lange nicht unter die Augen zu kommen!«, schloss Ratspräsident Gradenigo. Seine Stimme klang kaum weniger zornig als zu Beginn seiner Rede. Die Ordnungshüter schwärmten mit drohend gereckten Spießen aus, worauf alle noch in Reichweite befindlichen Kampfhähne eilends das Weite suchten. Nur die Verwundeten blieben an Ort und Stelle.

Galeazzo warf ein werbendes Lächeln in Arcangelas Richtung, während er sich bereits rückwärtsgehend entfernte. »Ich fürchte, es wird heute nichts mehr daraus, dass ich Euch aus dieser Kutsche helfe, da ich mich nun empfehlen muss. Wobei ich jedoch inständig hoffe, Euch in Bälde wiederzusehen. Schon weil Ihr ebenso rotes Haar habt wie ich. Wir Rothaarigen müssen zusammenhalten! Darf ich Euren Namen erfahren sowie den Ort, wo Ihr Quartier nehmt, schönes Fräulein?«

»Gewiss. Ich heiße Arcangela. Und das ist meine Schwester Celestina. Wir besuchen unsere Verwandten. Sie heißen Bertolucci, falls Euch das etwas sagt. Unser Onkel ist Lodovico Bertolucci, bei ihm werden wir wohnen.«

»Ähm … Wirklich?« Galeazzo schaute betreten drein. Dann beeilte er sich zu verschwinden, denn ein martialisch dreinblickender und ausgesprochen muskulöser Offizier näherte sich der Kutsche. Im Laufschritt schloss Galeazzo sich Timoteo Caliari und seinem Kommilitonen William Harvey an, die gerade um die Ecke eines Gebäudes verschwanden.

Arcangela blickte ihm nach und wandte sich dann an Celestina. »Da fällt mir ein … Sprach dieser Amtsherr da drüben nicht eben auch von Leuten, die Bertolucci heißen? Ob die etwas mit unseren Verwandten zu tun haben?«

Der Offizier gab sich den Frauen gegenüber weit freundlicher, als er auf den ersten Blick gewirkt hatte. Umsichtig half er Arcangela aus der Kutsche und stellte sich dann formvollendet als Capitano Manzini vor. Seine Hilfsbereitschaft hing erkennbar damit zusammen, dass Arcangelas Bluse verrutscht war, als er ihr aus der Kutsche geholfen hatte, und sie seither keine Anstalten gemacht hatte, sie wieder zurechtzuziehen. Stattdessen ließ sie keine Gelegenheit aus, den Mann bei jeder Gelegenheit strahlend anzulächeln und sich das Haar aus dem Gesicht zu streichen. Die Haube war ihr beim Verlassen der Kutsche vom Kopf gefallen, sodass ihre langen kastanienroten Locken in der Nachmittagssonne ihren vollen Schimmer entfalten konnten.

Capitano Manzini rief einige Wachen herbei. Mit vereinten Kräften hievten die Männer die Kutsche wieder auf die Räder, von denen allerdings eines gebrochen war. Eine Weiterfahrt kam demnach vorerst nicht infrage. Capitano Manzini erklärte, dass der Radwechsel eine Weile dauern werde, weshalb die Damen die restliche Wegstrecke besser mit einem anderen Wagen fortsetzen sollten.

Der Kutscher half trotz seiner vom Sturz schmerzenden Glieder dabei, die Reisekisten der Frauen abzuladen, bevor er die erschöpften Pferde abschirrte und sie zum nächstgelegenen Stall führte. Die nutzlose Kutsche blieb derweil mitten auf dem Platz stehen, während der gut aussehende Capitano sich erbot, ein anderes Gefährt zu organisieren.

Celestina sah unterdessen nach den Verwundeten. Der Verletzte im Säulengang lag unverändert da, nur die Blutpfütze hatte sich vergrößert. Celestina legte ihm die Fingerspitzen an den Hals und tastete nach dem Puls. Es gab keinen. Der Mann war tot.

»Ich hatte schon nach ihm gesehen«, rief jemand. »Da kommt jede Hilfe zu spät!«

Sie blickte auf. Ein Mönch stand bei dem Verwundeten mit der Bauchverletzung. Er war um die dreißig und von kräftiger Statur, mit kurz gelocktem dunklem Haar, einem schmalen Oberlippenbart und weißen Zähnen. Seine Ordenstracht wies ihn als Franziskaner aus.

Celestina ging zu ihm und betrachtete den Verletzten zu seinen Füßen, der sich nach wie vor stöhnend den Leib hielt. Sein Gesicht war weiß wie Kreide, die Lippen blutig gebissen vor Schmerz.

»Kann ich helfen, Frater

Er musterte sie neugierig. »Blut und Tod scheinen Euch nichts auszumachen, Madonna. Befasst Ihr Euch mit der Heilkunde?«

»Mein verstorbener Gatte war Chirurg und ließ mich gelegentlich assistieren.«

»Ein hiesiger Arzt? Ich sah Euch bisher nicht hier in der Stadt.«

»Jacopo praktizierte zuerst in Bologna, später in Venedig und die letzten Jahre in Mantua. Hier in Padua war er nie.«

»Und Ihr habt ihm bei seiner Arbeit geholfen, Monna …?«  

»Celestina Ruzzini.«

»Ihr seid die Witwe von Jacopo Ruzzini?«, fragte der Mönch überrascht.

»Ihr kennt ihn?«

»Nicht persönlich. Aber sein Name ist mir ein Begriff. Mit manchen seiner Operationen hat er von sich reden gemacht. Es wurde nur Gutes über ihn gesprochen.«

Das war Celestina nicht neu, dennoch erfüllte es sie mit Stolz, dass man von Jacopo sogar in Städten gehört hatte, in denen er nie gewesen war.

Der Mönch deutete auf den Verwundeten zu seinen Füßen. »Nun, ich fürchte, auch diesem armen Menschen kann nicht mehr geholfen werden. Allenfalls kann man es ihm mit Mohnsaft ein wenig erträglicher machen. Ich werde ihn ins Klosterhospital bringen lassen.« Er deutete eine Verbeugung an. »Seht mir meine Unhöflichkeit nach, Monna Celestina. Bisher versäumte ich, mich vorzustellen. Ich bin Frater Silvano.«

»Seid Ihr ein Medicus, Frater?«

»Falls Ihr damit meint, ob ich je die Doktorwürde der Medizin erworben habe – nein.« Silvano lächelte. »Die praktischen Kenntnisse der Krankenbehandlung eignete ich mir durch Zusehen und Nachmachen an.«

»Genau wie ich«, entfuhr es Celestina. »Ich wünschte, ich wäre ein Mann, dann könnte ich …« Gerade noch rechtzeitig brach sie ab und merkte, wie sie errötete. Wenn sie damit fortfuhr, auf diese Weise Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, wäre ihr Vorhaben bereits zum Scheitern verurteilt, bevor sie überhaupt begonnen hatte, es in Angriff zu nehmen.

Der verletzte Mann hatte das Bewusstsein verloren und fiel schlaff zurück. Nun war seine klaffende Bauchwunde deutlich zu sehen, mitsamt der hervortretenden aufgeschlitzten Darmschlinge. Es stank nach Blut und Exkrementen.

Frater Silvano zögerte. »Ich hörte, dass Euer Mann einen Menschen mit so einer Verletzung durch eine Operation retten konnte.«

»Ja, das stimmt.«

»Wie hat er es genau gemacht?«

Celestina erinnerte sich an jeden Handgriff. »Er hat das verletzte Darmstück beidseitig abgeklemmt und es herausgeschnitten. Sodann hat er die beiden Enden über ein passend gestutztes Stück Holunderrohr gestülpt und wieder zusammengenäht. Bauchfell und Haut wurden ebenfalls vernäht.«

»Und der Patient wurde gesund?«

»Völlig gesund«, bestätigte Celestina. »Was mein Mann aber rückblickend als glücklichen Zufall wertete, denn bei den nächsten drei Operationen dieser Art verstarben die Patienten.«

»Das kann kein Grund sein, es nicht immer wieder zu versuchen«, sagte der Mönch. »Und dabei möglichst den Grund für das Misslingen herauszufinden. So lange, bis es irgendwann glückt.«

Dennoch gab es keine Rettung für den Verletzten mit der Bauchwunde. Er atmete nicht mehr.

Der Mönch bekreuzigte sich und murmelte ein Gebet.

Timoteo befingerte die Beule an seinem Hinterkopf und verzog das Gesicht. Sie fühlte sich so groß an wie das Ei einer Gans. Und sie schmerzte gewaltig.

»Es würde weniger wehtun, wenn du die Finger davon ließest«, sagte William. Er war außer Atem vom schnellen Gehen, und sein englischer Akzent war stärker als sonst. Die Aufregung über den vorangegangen Kampf war ihm deutlich anzumerken, zumal er nicht ungeschoren davongekommen war: Er hatte eine blutig geschlagene Lippe, weil ihn Bertoluccis Faust im Gesicht getroffen hatte.

Galeazzo, der zwischen Timoteo und William ging, stöhnte bei jedem Schritt wegen der Schmerzen in seinem Brustkorb. Er war davon überzeugt, dass Timoteos Hieb ihm mindestens eine Rippe gebrochen habe, was Timoteo bisher nur mit einem unwilligen Brummen kommentiert hatte.

Wenigstens zwei der Bertolucci-Anhänger hatte es wohl übel erwischt. Gefallen waren sie William zufolge durch die Hand einiger bewaffneter Scholaren. Was diese dazu bewogen hatte, auf Seiten der Caliari zu kämpfen, blieb freilich unerfindlich. Timoteo kannte sie nicht einmal. Er wusste lediglich, dass sie der Juristenfakultät angehörten und außerdem Mitglieder einer fremden Natio waren, laut William entweder Ungarn oder Polen. William, der die blutige Attacke aus nächster Nähe mit angesehen hatte, war der Meinung, sie seien nur zufällig vorbeigekommen und hätten einfach nur ihre Degen in einem echten Kampf ausprobieren wollen, und ebenso schnell seien sie auch wieder weg gewesen, noch bevor der Schuss gefallen war.

»Der eine, den sie abstachen, ist mit Sicherheit tot«, sagte der blonde junge Engländer. »Und der andere hat bestimmt auch nicht mehr lange zu leben, ich sah seine Gedärme.«

»Zwei Anhänger der Bertolucci weniger auf der Welt«, meinte Timoteo. Dennoch verspürte er keinerlei Genugtuung, im Gegenteil, es bedrückte ihn, dass Menschen so sinnlos gestorben waren. Dabei hätte er sich freuen sollen, denn jeder Freund der Bertolucci war ein Feind der Caliari und somit überflüssig.

Gesunden Zorn empfand er jedoch über den Schlag auf den Hinterkopf. Kein Gegner hatte ihn je auf so perfide Weise angegriffen, noch nicht einmal während der beiden Jahre, in denen er seinen Waffendienst im Heer der Dogenrepublik geleistet hatte. Richtig gekämpft hatte er zwar nur in wenigen kleinen Scharmützeln, doch feige Attacken von hinten hatte es dabei nie gegeben. Aber so waren die Bertolucci eben. Hinterhältigkeit war ihre zweite Natur.

Timoteo platzte mit seinem Ärger heraus. »Verbannung hin oder her – bei der nächsten Gelegenheit zahle ich es Gentile Bertolucci heim!«

Galeazzo warf ihm einen Blick von der Seite zu. »Weil er mich erwürgen wollte? Sei versichert, das habe ich ihm schon selbst heimgezahlt, und mein Griff war härter als seiner. Sein Kehlkopf wird ihm auch in ein paar Wochen noch das Gefühl geben, eine fette Kröte im Hals sitzen zu haben!«

»Ich habe ihn ebenfalls ziemlich heftig erwischt«, sagte William zufrieden. »Seine Nase hat unter meiner Faust sehr laut geknackt.«

»Das ist ja gut und schön«, sagte Timoteo barsch. »Trotzdem wird er den Schlag auf meinen Kopf noch sehr bereuen.«

»Oh.« Galeazzo grinste. »Das kannst du ja nicht wissen, weil du ohnmächtig warst. Aber ich erzähle es dir mit Freuden. Nicht er hat dich niedergeschlagen. Die junge Dame aus der Kutsche hat den Knüppel gegen dich geschwungen.«

»Das Mädchen aus Mantua?«, fragte Timoteo ungläubig. »Dieses kleine dünne Ding? Bist du sicher?«

Galeazzo nickte und blieb stehen. Sie hatten das Hospizium erreicht, in dem er und William wohnten. »Sie meinte, es sei zu deinem Besten gewesen. Und ich hörte sie zu Gentile Bertolucci sagen, sie habe es nicht seinetwegen getan, sondern um dich davor zu bewahren, zum Mörder zu werden.«

»Das finde ich vernünftig von ihr«, erklärte William.

»Nun ja, eine kleine Einschränkung will ich nicht unerwähnt lassen«, sagte Galeazzo. »Sie und ihre wirklich reizende Stiefschwester Arcangela besuchen ihre Verwandten hier in Padua. Die Bertolucci. Lodovico Bertolucci ist ihr Onkel.«

Timoteo fehlten die Worte. Erst, nachdem Galeazzo und William im Studentenwohnheim verschwunden waren, hatte er sich so weit gesammelt, dass er seinem Zorn auf gebührende Weise Ausdruck verleihen konnte: Er trat hart gegen die nächstbeste Mauer. Dummerweise mit dem falschen Fuß. Das versehrte rechte Bein brannte auf dem ganzen restlichen Nachhauseweg wie Höllenfeuer.

Das Haus der Caliari befand sich nur einen Steinwurf vom Botanischen Garten entfernt. An schönen Tagen ging Timoteo auf dem Weg zur Universität gern auf einen kurzen Abstecher dorthin, um die exotischen Pflanzen zu betrachten. Die meisten davon erschienen ihm wegen ihrer Fremdartigkeit bemerkenswert, und oft fragte er sich beim Anblick eines dieser sonderbar gefärbten oder gefiederten Gewächse, wie es wohl in jenem Teil der Welt aussehen mochte, aus dem es stammte. Manche dieser seltsamen Bäume oder Sträucher waren so empfindlich, dass sie nur in eigens dafür aufgestellten Glashäusern gediehen. Botaniker hatten sie von ihren Reisen aus tropischen Gefilden mitgebracht, oft als kleine Ableger, herangezüchtet in Kisten und sorgsam vor Wind und Wetter geschützt, in der Hoffnung, sie könnten in Europa Wurzeln schlagen. Sofern ein solches Unterfangen überhaupt glückte, dann in Padua, wo sich die fähigsten Gärtner der Republik um die Pflanzen bemühten, in einem Garten, der seinesgleichen noch nicht gefunden hatte. Jedenfalls hörte man das allenthalben, und Timoteo sah keinen Anlass, daran zu zweifeln.

Gelegentlich kam ihm auch in den Sinn, dass zwischen der Universität und dem Botanischen Garten erstaunliche Parallelen bestanden, und das nicht etwa nur, weil über die zahlreichen dort wachsenden Heilkräuter regelmäßig Vorlesungen in ärztlicher Pflanzenkunde gehalten wurden. Die Ähnlichkeit zwischen Garten und Alma Mater lag vielmehr hauptsächlich darin begründet, dass sich in beidem so viel Fremdes fand. In der Botanik die vielen exotischen Pflanzen aus nur teilweise erforschten Gegenden jenseits der großen Ozeane, und in der Universität die Studenten aus aller Herren Länder. Sie kamen von überallher und bildeten innerhalb ihrer Fakultäten eigenständige Nationes, von denen es Dutzende gab. Wer etwas gelten wollte, studierte in Padua. Und versäumte dabei nicht, an den zahlreichen Freizeitvergnügungen teilzunehmen, zu denen unbedingt ein Besuch des Botanischen Gartens gehörte.

Was an diesem Tag selbstverständlich nicht im Entferntesten infrage kam. Timoteos Bemühungen, sich mit bedeutungslosen Gedanken an Gärten und Studenten von seinen Schmerzen und seiner sonstigen Misere abzulenken, endeten jäh, als er die Stimme seines Bruders hörte. Hieronimo stand mit verkniffener Miene vor dem Haus und schaute ihm entgegen. Er hatte an dem Kampf teilgenommen, war aber sofort verschwunden, als Gradenigo in die Luft geschossen hatte. Die Ansprache des Ratspräsidenten hatte er daher nicht mehr mitbekommen und brannte nun sichtlich darauf, Timoteos Bericht zu hören.

Timoteo rieb sich das rechte Bein und folgte Hieronimo ins Haus, während er darüber nachdachte, wie er mit möglichst schonenden Worten seine Familie von der drohenden Verbannung in Kenntnis setzen konnte.

Sein Bruder betrat den Wohnraum, wo der Vater darauf wartete, in allen blutigen Einzelheiten von der Schlägerei zu erfahren. Je härter es die Bertolucci getroffen hätte, desto besser würde es ihm gefallen.

Alberto Caliari saß in dem Rollstuhl, den Hieronimo für ihn hatte zimmern lassen. Er ermöglichte es ihm, sich ohne fremde Hilfe im Erdgeschoss frei zu bewegen und über eine eigens gebaute Rampe auch in den Garten hinauszurollen. Vorher hatte er sich mühsam mit Krücken fortbewegt, von einem Sessel zum anderen, und das hatte in den letzten Jahren häufiger zu Stürzen geführt. Alberto Caliari wurde nicht jünger, dafür aber immer eigensinniger, und jedes Mal, wenn er fiel, erzitterte das Haus von seinem Wutgebrüll.

»Berichte!«, sagte er zu Timoteo. Nur dieses eine Wort.

»Zwei der Bertolucci-Anhänger werden diesen Tag nicht überleben«, sagte Timoteo. »Und Galeazzo gelang es beinahe, Gentile Bertolucci zu erwürgen.«

Er hatte mit Bedacht zuerst die Nachricht erzählt, die seinem Vater gefallen würde. Dann würde ihn der Rest vielleicht nicht so hart treffen, obwohl Timoteo das stark bezweifelte. Präsident Gradenigo war kein Mann der leeren Worte. Was immer er in Aussicht stellte, würde er verwirklichen, daran zweifelte Timoteo keinen Moment. Schon mancher hatte sein Leben gelassen, weil er sich Gradenigos Unmut zugezogen hatte, und von mindestens zwei Edelmännern war bekannt, dass er persönlich für ihre Verbannung gesorgt hatte. Beide führten den Verlautbarungen nach irgendwo auf Sizilien ein unwürdiges Leben in irgendeinem primitiven Dorf, aller Besitztümer und Titel beraubt. Sollten sie je wieder wagen, einen Fuß auf den Boden der Republik zu setzen, würde man sie am nächsten Baum aufknüpfen und dort zur Abschreckung hängen lassen, bis ihnen das Fleisch von den Knochen faulte. Nicht einmal die Ehre des Richtschwerts würde ihnen zuteilwerden.

An einer Verbannung würden sowohl sein Vater als auch sein Bruder zugrunde gehen. Beide hingen mit ganzem Herzen an ihren Ländereien, mochten diese seit etlichen Jahren auch nur noch das Nötigste abwerfen, um der Familie ein standesgemäßes Leben zu ermöglichen. Vor allem Hieronimo war förmlich verwachsen mit der Scholle, es verging kein Tag, an dem er nicht hinausritt und auf den Pachthöfen nach dem Rechten schaute. Wo es nur ging, packte er mit an, reparierte Dächer, schirrte Ochsen vor Pflugscharen, half bei der Olivenernte. Ihm das Land wegzunehmen, das seit Generationen den Caliari gehörte, wäre gleichbedeutend mit vollständiger Vernichtung.

Fraglich war nur, ob diese Einsicht ihm half, seinen Hass auf die Bertolucci zu zügeln. Von diesem Hass hatte er deutlich mehr aufzubieten als Timoteo, was schon einiges heißen wollte, da Timoteo oft meinte, selbst förmlich davon bersten zu können. Im Gegensatz zu Timoteo konnte Hieronimo sich noch sehr gut an ihrer beider Mutter erinnern. Bei ihrem Tod war Timoteo erst drei Jahre alt gewesen, Hieronimo dagegen bereits zehn. Seitdem war kein Tag vergangen, an dem ihr Vater ihnen nicht klargemacht hatte, wer für den Tod der Mutter verantwortlich war.

»Hast du die Sprache verloren?«, fragte Alberto Caliari ungeduldig mitten in seine Gedanken hinein. »Ich will wissen, wer die Männer der Bertolucci tötete!«

»Keine Ahnung. Irgendwelche Scholaren, die ich nicht kenne.«

»Und kennst du wenigstens die Toten?«

»Das konnte ich in der Eile nicht mehr herausfinden. Gradenigo hat uns alle zusammengestaucht und dann befohlen, dass wir verschwinden. Er hat die Büttel ausschwärmen lassen, also haben wir die Beine in die Hand genommen.«

Alberto Caliari verzog unwillig das Gesicht. »Der alte Schweinehund. Warum muss er sich immer einmischen?«

»Er hat die Macht dazu«, gab Timoteo vorsichtig zu bedenken.

Hieronimo, der an der Wand lehnte, hatte mit unbewegter Miene zugehört. »Und jetzt erzähl den Rest.«

»Ähm … wie?«

»Ich sehe dir doch an der Nasenspitze an, dass du dir die schlechte Nachricht bis zum Schluss aufheben willst.«

»Du hättest eben nicht gleich beim Knall des Schusses verschwinden müssen«, begehrte Timoteo auf. »Dann wüsstest du es jetzt selbst!«

»Was wüsste er selbst?« Brodata Caliari kam ins Zimmer und trat neben den Rollstuhl, erpicht darauf, die letzten Neuigkeiten zu erfahren. Die Nachricht vom Kampf auf der Piazza delle Erbe hatte bereits die Runde gemacht, während er noch im Gange war.

»Verbannung«, platzte Timoteo heraus. »Gradenigo hat es vor allen Leuten geschworen, beim heiligen Antonius. Ein Zwischenfall noch, gleichviel wie unbedeutend, und wir werden alle verbannt. Unsere ganze Familie.«

»Das hat er so nur so dahergesagt«, erklärte Brodata impulsiv. Wütend fügte sie hinzu. »Und warum nur wir? Warum nicht die Bertolucci? Oder sagte er, dass auch die Bertolucci verbannt werden sollen?«

»Von ihnen war nicht die Rede.«

»Was für eine empörende Ungerechtigkeit!«

Timoteo räusperte sich. »Vielleicht hat es damit zu tun, dass nicht sie jedes Mal anfangen, sondern wir. Heute ja auch wieder.«

»Wie fing es denn an?«, wollte sie wissen.

»Daran erinnere ich mich nicht mehr so genau«, meinte Timoteo ausweichend.

»Es fing damit an, dass ich Gentile Bertolucci einen schwanzlosen Versager nannte«, mischte sein Bruder sich wütend ein. Er reckte sich. »Er hätte mich eben nicht so frech angrinsen sollen.«

»Oh, das hast du wirklich zu ihm gesagt?«, fragte Brodata. Sie runzelte die Stirn. »Eine veritable Beleidigung, alles was recht ist.«

Brodata Caliari war die Tante von Timoteo und Hieronimo und führte den Haushalt mit harter Hand. Sie war zweiundvierzig und damit zehn Jahre jünger als ihr Bruder Alberto, sah aber nach allgemeiner Ansicht nicht älter aus als fünfunddreißig. Ihr bernsteinfarbenes Haar zeigte keine Spur von Grau, und ihre Figur war füllig und fest und zog immer noch viele Männerblicke auf sich. Allerdings hatte sie nie geheiratet. Das sowie ihre harsche Art hatten ihr mancherorts den Beinamen Eiserne Jungfrau eingetragen.

Alberto sagte nichts. Sein hageres Gesicht war bleich geworden, und seine Kiefer mahlten. Er wusste genau, dass Gradenigo bisher noch immer sein Wort gehalten hatte, im Guten wie im Schlechten.

Timoteo räusperte sich abermals. »Ich muss dann wieder los«, sagte er. »Das Repetitorium fängt gleich an.«

In Wahrheit fing es erst in einer Stunde an, es gab keinen Grund zur Eile. Außer jenem, dass er es keinen Augenblick länger hier aushielt. Bevor jemand Einwände erheben konnte, eilte er aus dem Zimmer. Nur schnell fort von hier!

Celestina und Arcangela hielten sich immer noch auf der Piazza auf. Eine Ersatzkutsche ließ sich auf die Schnelle nicht beschaffen, stattdessen rückte der hilfsbereite Capitano Manzini mit einem Handkarren an. »Der wird später sowieso noch benötigt, um die Leichen fortzuschaffen.«

Arcangela zog zuerst ein Gesicht, lächelte ihn dann jedoch lieblich an, denn es brauchte nicht viel Sachverstand, um zu erkennen, dass sie auf seine Hilfe angewiesen waren.

»Wie stark Ihr seid«, flötete sie. »Eure Schultern sind unglaublich breit und kräftig! Diese Uniform kleidet Euch wahrhaftig gut!«

Manzini warf sich in die Brust und lud mit Schwung die Reisekisten auf den Karren. Anschließend legte er sich wie ein Ochse ins Zeug, das rumpelnde Gefährt über das Pflaster der Piazza zu ziehen. Seinem Rang entsprechend, hätte er die Arbeit leicht delegieren können, doch es schien ihm nichts auszumachen, den Karren allein zu ziehen.

Unterdessen nutzte Celestina die Gelegenheit, mehr über die Bertolucci und die Caliari herauszufinden. »Dieser schreckliche Kampf vorhin – was war eigentlich die Ursache?«

Der Capitano wandte ihr sein schwitzendes Gesicht zu. »Hieronimo Caliari hat Gentile Bertolucci beleidigt. Sie trafen einander zufällig auf der Piazza. Wenn es denn überhaupt Zufall war. Meine Meinung dazu ist, dass sie einander gar nicht oft genug treffen können. Sonst hätten sie ja keine Gelegenheit, sich zu beschimpfen und zu prügeln. Und tatsächlich waren dann ja auch in Windeseile alle Beteiligten zugegen, als hätten sie nur auf die große Prügelei gewartet.« Er hob die Schultern. »Nur dass es diesmal übel endete, weil welche draufgegangen sind. Meist bleibt es bei blutigen Nasen oder ein paar blauen Flecken. Den letzten Toten gab es vor vier Jahren, und das war eigentlich eher ein Versehen, der hatte einen Herzschlag. Aber heute – gleich zwei! Abgestochen wie Tiere!« Er wiegte den Kopf. »Das lässt für die Zukunft Böses ahnen.«

»Das ist ja schrecklich«, sagte Arcangela betroffen. »Dieser Gentile Bertolucci – er hat doch nichts mit unserem Onkel Lodovico Bertolucci zu tun, zu dessen Haus Ihr uns gerade führt?«

»Aber ja doch. Die beiden sind Brüder.« Ächzend zog er den Karren um die nächste Ecke. »Und da drüben wohnen sie.«

Das Haus sah ganz harmlos aus, sogar regelrecht einladend. Es war ein ansehnlicher, zweieinhalbgeschossiger Stadtpalast, der vor vielleicht fünf Jahrzehnten erbaut worden war. Kutschenhaus und Stallungen befanden sich als Anbauten ein wenig versetzt daneben. Mit hellem Sandsteinputz, in der Sonne leuchtenden Butzenfenstern und eleganten kleinen Balkonen strahlte das Gebäude Wohlstand und Sicherheit aus. Eine angrenzende mannshohe Mauer schirmte einen Garten zur Gasse hin ab. Baumwipfel lugten hinter der Mauerkrone hervor, und an der seitlichen Fassade des Hauses wuchsen blühende Ranken in die Höhe.

»Das ist hübsch«, sagte Arcangela erleichtert. Der Anblick des Hauses schien sie für die möglicherweise mörderische Veranlagung der gastgebenden Verwandtschaft zu entschädigen. Ihr Blick tat kund, was auch Celestina durch den Sinn ging: Jemand, der ein so freundlich wirkendes Anwesen sein Eigen nannte, konnte nicht von durch und durch schlechtem Charakter sein.

»Geschafft«, sagte Manzini, während er keuchend stehen blieb.

»Niemand hätte den Karren so zügig und kraftvoll ziehen können wie Ihr«, sagte Arcangela bewundernd, und Celestina fragte sich wieder einmal, wie ihre Stiefschwester es schaffte, dass es derart ehrlich klang. Vielleicht, so überlegte sie, meinte Arcangela es ja wirklich so. Das wäre zumindest eine plausible Erklärung, dass keiner der vielen Männer, mit denen sie schäkerte, je an ihrer Aufrichtigkeit zweifelte.

Ein junges Mädchen mit hellblonden Haaren öffnete ihr. Für eine Dienstmagd war sie zu fein angezogen, mit Seidenkleid und Rüschenhaube. Offensichtlich war sie im Begriff auszugehen. Ein männlicher Begleiter tauchte hinter ihr auf, flachsblond wie das Mädchen und genauso hübsch, auch er höchst edel gekleidet.

»Gott zum Gruße«, sagte Celestina.

Das Mädchen verzog das Gesicht. »Es ist verboten, an den Haustüren zu betteln!«

Celestina blickte an sich hinab. Am Mittag hatte das Kleid noch ordentlich ausgesehen. Jetzt war es schmutzig, zerknittert und reichlich mit Blutflecken besudelt. Als sie sich über den Toten gebeugt hatte, war sie wie üblich nicht sonderlich vorsichtig gewesen.

»Das ist ein Missverständnis«, sagte sie.

Hinter ihr baute sich Arcangela auf, eine der kleineren Truhen in den Armen. »Wir sind es«, sagte sie.

»Wer genau ist wir?«, erkundigte sich der junge Mann.

»Die Cousinen aus Mantua«, sagte Celestina.

»Oh«, sagte das junge Mädchen, dem soeben ein Licht aufging. »Mama sprach davon. Seid ihr etwa …«

»Ich bin Celestina, und das ist Arcangela. Und ihr zwei seid sicher Chiara und Guido. Ich hoffe, wir kommen nicht zu unpassender Zeit.«

Chiara musterte stirnrunzelnd das befleckte Kleid, bevor sie Arcangelas ebenfalls ziemlich zerzauste Erscheinung betrachtete. »Willkommen«, sagte sie langsam und nicht allzu enthusiastisch. »Gab es auf der Reise … Probleme?«

»Wir hatten einen kleinen Unfall auf der Piazza delle Erbe«, erklärte Celestina. »Aber es ging alles gut aus.«

»Wart ihr beiden in der umgestürzten Kutsche?«, fragte der junge Mann neugierig. Guido Bertolucci war vielleicht zwei oder drei Jahre älter als seine Schwester, also um die zwanzig und damit im selben Alter wie Celestina und Arcangela. Celestina erinnerte sich, ihn ebenfalls auf der Piazza gesehen zu haben.

Sie nickte. »Du warst auch dort.«

Er zog die Schultern hoch. »Es ließ sich nicht vermeiden.«

Jetzt sah Celestina auch die aufgeschürften Fingerknöchel. Offenbar hatte er ordentlich ausgeteilt. Und auch eingesteckt: Unter seinem rechten Auge wuchs ein Veilchen heran.

»Besteht die Möglichkeit, dass wir hineingebeten werden?«, meldete sich Arcangela.

Guido besann sich auf seine Manieren. Hastig riss er die Tür auf und begann, mithilfe des Wachmanns die Reisekisten ins Haus zu tragen.

»Hatte ich mich eigentlich schon vorgestellt?«, wandte Manzini sich mit werbendem Lächeln an Arcangela.

»Capitano Manzini, wenn mich nicht alles täuscht.«

»Oh. Ja, das stimmt. Vitale Manzini.«

»Mein Name ist Arcangela.«

»Ich weiß.« Er errötete. »Ich hörte es eben.«

Er ließ es sich nicht nehmen, mindestens drei Mal nachzufragen, ob er noch irgendetwas für Arcangela tun könne, und erst, als sie ebenso oft beteuert hatte, dass er sich mehr als genug aufgeopfert habe, fand er sich zögernd bereit, zu seinen angestammten Diensten zurückzukehren.

»Vielleicht sieht man sich einmal wieder«, sagte er über die Schulter.

»Gewiss«, erklärte Arcangela, mittlerweile stark abgelenkt, da sie vollauf damit beschäftigt war, ihre neue Umgebung zu begutachten. Das, was sie sah, fand fraglos ihren Beifall, denn an der Einrichtung des Hauses gab es nichts auszusetzen. Celestina sah, wie Arcangelas Augen aufleuchteten. Ihre Stiefschwester hatte schon immer einen Hang zum Luxus gehabt und fand nun ihre kühnsten Träume übertroffen.

Vestibül und Halle waren mit poliertem Terrazzo ausgelegt und die Wände mit edlem, geprägtem Leder bespannt. Eine geschwungene Treppe mit geschnitztem Lauf führte zu einer Galerie im ersten Obergeschoss, die mit aufwändig gerahmten Porträts geschmückt war.

»Mama meinte, ihr kämt erst übermorgen«, sagte Chiara. Es klang ein wenig quengelnd.

»Wir sind früher aufgebrochen, weil es sich so ergab.«

»Sie ist leider nicht da. Mama, meine ich. Und Papa auch nicht. Und Guido und ich wollten auch gerade weg.«

»Das macht nichts«, sagte Celestina. »Keinesfalls möchten wir euch aufhalten. Ihr könnt uns einfach unser Zimmer zeigen, dann warten wir dort, bis Onkel Lodovico und Tante Marta zurück sind.«

»Ich weiß gar nicht, ob schon alles für euch hergerichtet ist.«

»Doch«, warf Guido ein. »Ich hörte die Mägde vorhin darüber reden.« Er ging zu einem Durchgang neben der Treppe und rief: »Morosina! Margarita!«

Fragend wandte er sich zu Celestina um. »Stimmt es, dass du bereits Witwe bist?«

»Mein Mann Jacopo starb voriges Jahr«, bestätigte sie.

»Er war viel älter als du, oder?«, wollte Chiara wissen. Ihre hellblauen Augen funkelten vor Neugier.

»Zwanzig Jahre. Er war vierzig, als er starb.«

»Oh! Das ist aber sehr alt! Da war er ja fast so alt wie Papa!«

»Wenn der Mann älter ist als die Frau, macht es nicht so viel aus wie im umgekehrten Fall«, belehrte ihr Bruder sie. »Stimmt es nicht, Celestina? Oder fandest du ihn zu alt?«

Celestina bemühte sich um einen gelassenen Ton. »Nein, ich fand ihn nicht alt.«

»Und er war Arzt, oder?«, wollte Chiara wissen. »Ein sehr guter und tüchtiger, sagt Mama.«

»Das war er«, sagte Celestina, und diesmal war nichts Bemühtes in ihrer Stimme.

Zwei Dienstmädchen erschienen und begannen auf Guidos Geheiß, gemeinsam die Reisekisten nach oben zu schleppen.  

»Ihr könnt Morosina und Margarita einfach sagen, was sie tun sollen«, erklärte Guido. »Sie richten euch auch etwas zu essen her, wenn ihr wollt. Oder bereiten euch ein Bad zu. Nur müssen Chiara und ich leider jetzt fort. Unter anderen Umständen würden wir sicher hierbleiben und euch ordentlich willkommen heißen, aber unser Vorhaben duldet keinen Aufschub.«

»Wir müssen wirklich sehr dringend weg«, bestätigte Chiara.

Und schon waren sie draußen. Arcangela starrte auf die zufallende Tür. »Besonders gastfreundlich waren die aber nicht, was?« Sie drehte sich im Kreis und nahm ihre Umgebung in Augenschein. »Um so besser. Dann können wir uns hier in Ruhe umsehen.« Und schon setzte sie diesen Plan in die Tat um. Sie inspizierte die für den Besuch vorbereiteten Gemächer und war beeindruckt von deren Größe und Ausstattung. Es handelte sich um zwei Räume im zweiten Obergeschoss, die durch eine Tür verbunden waren. Das größere Zimmer diente als Schlafraum, es verfügte über eine Kommode mit Handspiegel und Waschschüssel, einen Wandschirm mitsamt Nachtstuhl dahinter, sowie über zwei Betten, die bereits frisch bezogen waren. Arcangela ließ sich auf eines davon fallen und quietschte entzückt, als die Matratze federte. Sie betastete die Kissen und überzeugte sich von der Qualität der Füllung. Anschließend sprang sie auf und probierte das andere Bett aus, um sich sodann für das zu entscheiden, welches ihr weicher vorkam.

Das zweite Zimmer diente als Wohnraum. Vor dem Kaminofen standen zwei Lehnstühle und ein Tisch mit zierlichen Beinen. Seidene Vorhänge zierten einen geräumigen Fensteralkoven, der zum Garten wies.

Eines der Dienstmädchen öffnete die Fenster, und Celestina sah hinaus, entzückt von dem Anblick, der sich ihr bot. Noch nie hatte sie in einem Raum mit direktem Blick auf einen Garten logiert. Von ihrem Zimmer im Haus ihrer Eltern in Venedig hatte sie auf einen Kanal geblickt, und von ihrer Ehewohnung in Mantua aus auf einen stinkenden kleinen Hinterhof. Hier jedoch reichte ein breites, mit blühenden Ranken bewachsenes Holzspalier direkt bis an ihr Fenster und ließ frischen Duft von draußen hereinwehen, und unten im Garten wuchsen Jasmin, Flieder und Mandelbäumchen.

Die neue Umgebung ließ kaum zu wünschen übrig.

Arcangela betrachtete sich in dem großen Spiegel, der neben der Kommode im Schlafraum hing. Mit beiden Fingern fuhr sie sich durchs Haar. »Ich könnte ein Bad vertragen, bevor ich mich umziehe. Und ich habe Hunger. Du auch?«

»Hm«, machte Celestina geistesabwesend. Ihr Blick wurde von einem weiß blühenden Fliederbaum angezogen. Ein Hauch des Duftes stieg ihr in die Nase und erinnerte sie daran, dass Jacopo und sie sich damals unter einem Flieder das erste Mal geküsst hatten. Dort hatte er ihr auch den Heiratsantrag gemacht. War das wirklich erst zwei Jahre her? Es kam ihr vor, als sei seitdem eine Ewigkeit verstrichen. Sie rieb sich hastig über die Augen, damit ihr gar nicht erst die Tränen kamen. Sie hasste sich, wenn sie heulte, und sie hatte es bisher noch fast immer vermeiden können, deshalb würde sie hier und jetzt bloß wegen eines Fliederbaums nicht damit anfangen.

Arcangela hatte das Gemach verlassen. Celestina hörte, wie sie sie nach den Dienstmädchen rief. Ihre Stiefschwester zögerte nicht, sich die neue Umgebung untertan zu machen, das war ihre Art.

Celestina machte sich ans Auspacken. Es traf sich gut, dass niemand sie dabei beobachten konnte. Vor Arcangela hatte sie keine Geheimnisse, doch vor den Verwandten und dem Gesinde galt es, gewisse Umstände unbedingt zu verbergen.

Da war zunächst die kleine Truhe mit den besonderen Kleidungsstücken. Ein Vorhängeschloss sorgte dafür, dass niemand außer ihr sie öffnen konnte, sei es aus Versehen oder Neugier. Celestina schob sie kurzerhand unter ihr Bett, bevor sie die andere Truhe heranzog, die ungleich größer und schwerer war. Morosina und Margarita hatten sie vorhin unter Aufbietung aller gemeinsamen Kräfte kaum die Treppe hinaufbefördern können. Diese Truhe war ebenfalls mit einem Schloss gesichert. Der Inhalt war nicht so geheim wie jener in der anderen Kiste, aber von hohem persönlichem Wert.

Celestina zog die Kette mit den Schlüsseln aus ihrem Ausschnitt und beugte sich vor, um die Truhe zu öffnen.

Als sie die Bücher sah und ihren staubigen Geruch einatmete, wollten ihr wieder die Tränen kommen, und abermals fuhr sie sich unwillig mit dem Handrücken über die Augen, bis der dumme Drang zu heulen aufhörte. Mit der anderen Hand nahm sie einen der Bände heraus und prüfte, ob er den Kutschenunfall gut überstanden hatte. Es war eine zerlesene Ausgabe des Operum Galeni, Jahrzehnte alt und unzählige Male durchgeblättert. Auf vielen Seiten hatte Jacopo Anmerkungen an den Rand gekritzelt, eigene Beobachtungen, teilweise vom Inhalt des Buchs abweichende, teils ihn bestätigende, manchmal auch Querverweise zu den Schriften des Andreas Vesalius, der sich kritisch mit dem Werk von Galenus auseinandergesetzt hatte. Vesalius’ Fabrica gehörte ebenfalls zur Büchersammlung, genauso zerfleddert wie die übrigen Bände, desgleichen eine kostbare, erst im vergangenen Jahr erschienene Ausgabe von Girolamo Fabrizio d’Acquapendentes De formatu foetu, ein reich bebildertes Werk der Embryologie. Jacopo hatte es erst kurz vor seinem Tod erworben, er war nicht mehr dazu gekommen, es zu lesen. Celestina schob es zur Seite und holte stattdessen weitere Bände hervor. Schriften des Falloppio, des Pozzo und des Montanus und einige andere. Sie kannte sie allesamt in- und auswendig, trotzdem wurde sie nie müde, darin zu lesen. Jacopo hatte ihren Eifer oft nachsichtig belächelt, doch nie hatte er versucht, sie davon abzuhalten, im Gegenteil. Sooft es seine Mittel erlaubten, hatte er neue Bücher gekauft.

»Eines Tages kannst du wohl selbst eines schreiben«, hatte er einmal gutmütig gemeint. »Das Buch der Bücher, die Essenz dessen, was alle wichtigen Ärzte je niedergeschrieben haben.« Lachend hatte er hinzugesetzt: »Natürlich ohne deren Fehler.«

Arcangela kam zurück ins Zimmer und legte frische Kleidung bereit. Summend schüttelte sie ein Gewand aus und legte es zusammen mit einem Unterkleid aufs Bett. Über die Schulter meinte sie zu Celestina: »Und, haben deine kostbaren Schätze den Sturz gut überstanden?«

Celestina nickte, dann klappte sie die Truhe zu und verschloss sie wieder.

»Dieser Galeazzo da Ponte vorhin auf der Piazza – das war ein bemerkenswerter Mann«, sagte Arcangela.

»Da bin ich deiner Meinung.«

»Was er wohl macht? Von Hause aus, meine ich.«

»Er studiert Medizin.«

»Oh. Ich verstehe.« Das klang bereits deutlich weniger enthusiastisch. Für Ärzte interessierte Arcangela sich nicht. Sie hatte zwei Jahre im Haushalt eines Arztes gelebt und dabei herausgefunden, dass er oft nach Blut und Eiter stank und dass seine Arbeit vergleichsweise wenig eintrug. Eher fanden geschäftstüchtige Kaufleute Gnade vor ihren Augen, oder auch schneidige Offiziere.

»Dieser Vitale war übrigens ebenfalls sehr ansehnlich«, meinte Arcangela. »Reichlich verschwitzt, aber gut aussehend.«

Eines der Dienstmädchen erschien und erklärte, der Badezuber sei gefüllt, und eine kleine Mahlzeit sei ebenfalls angerichtet.

Arcangela schloss schwärmerisch die Augen, dann wandte sie sich strahlend zu Celestina um. »Sind wir gestorben und in den Himmel gekommen, oder haben wir uns das einfach verdient?«

»Wir hätten es schlechter treffen können«, räumte Celestina ein. Doch während Arcangela fröhlich summend nach unten ging, konnte sie nicht umhin, an ein altes Sprichwort zu denken. Ihre Mutter hatte es immer dann parat gehabt, wenn Celestina meinte, einen Grund zur Freude zu haben.

Man soll den Tag nicht vor dem Abend loben.

Ihre Gastgeber kehrten allerdings noch vor dem Abend heim. Kurz nach dem Vesperläuten trafen Lodovico und Marta Bertolucci ein, was zeitlich bestens passte, denn Celestina und Arcangela waren soeben damit fertig geworden, sich frisch anzukleiden und ihre Sachen auszupacken, abgesehen von den beiden verschlossenen Truhen Celestinas.

Celestina und Arcangela gingen nach unten, um die Verwandten in der Eingangshalle zu begrüßen.

»Meine liebe Nichte! Mein armes verlassenes Lämmchen, komm an die Brust deiner lieben Tante!«

Marta Bertolucci ging mit ausgebreiteten Armen auf Celestina zu und zerrte sie in eine heftige Umarmung. Sie roch nach Parfüm und Kräuterrauch und etwas anderem, Undefinierbaren, mit dem Celestina sich nicht auf Anhieb anfreunden mochte. Genauso wenig wie mit ihrer Tante selbst. Marta Bertolucci war ungefähr so breit wie hoch, und die blond bewimperten, leicht hervortretenden Augen in dem feisten rosa Gesicht zwinkerten beständig, als wäre das, was sie den ganzen Tag zu sehen bekam, schlicht zu viel für sie. Ihr fehlten unten zwei Schneidezähne, was sie beim Sprechen lispeln ließ und was in Verbindung mit der zum Quieken neigenden Stimme den Eindruck naher Hysterie noch verstärkte.

»Wie sehr ich mich freue, dich endlich einmal wieder in meine Arme schließen zu dürfen! Nach so vielen Jahren! Was für eine Schande, dass wir uns so lange nicht sehen durften!«  

Das klang, als hätte man ihr die Nichte aus böser Absicht vorenthalten, was jedoch nach allem, was Celestina wusste, nicht zutraf.

Marta Bertolucci war die Schwester von Celestinas verstorbenem Vater. Celestina hatte sie als kleines Kind zuletzt gesehen, sie erinnerte sich kaum daran.

»Weißt du, Marta und ich konnten uns nie besonders gut leiden«, hatte ihre Mutter die Vergangenheit zusammengefasst. »Es fing schon an, als sie ihren zweiten Ehemann heiratete, Lodovico. Dein Vater und ich waren zur Hochzeit eingeladen, und er wagte es, den Bräutigam zu kritisieren. Er nannte ihn einen habgierigen Schönling. Später reisten wir nur noch einmal nach Padua, das war zur Taufe deiner kleinen Cousine Chiara. Du kamst auch mit, aber du wirst dich kaum noch erinnern, du warst ja noch so klein.«

»Ich erinnere mich, dass Chiara brüllte, als der Priester sie mit Wasser übergoss.«

»Stimmt, sie war gut bei Stimme. Davon abgesehen, sah sie aus wie ein kleiner blonder Engel, und ich sagte zu deinem Vater, aus ihr werde gewiss einmal eine Schönheit werden, doch dein Vater meinte, auch Marta habe als Säugling so ausgesehen, und wenn man sie nun näher betrachte, müsse man zugeben, dass sie einem Schwein mit hellen Borsten ähnele. Dummerweise hat Marta es mitbekommen und es leider nicht verwunden. Sie hat uns nie wieder eingeladen, und ich für meinen Teil hatte auch keine Lust, je wieder hinzufahren. Aber erstaunlicherweise besteht Marta nun nach dem Tode deines Gatten darauf, dass du nach Padua kommst, um deine Trauer im liebevollen Kreis der Familie zu überwinden. Du sollst ihr Zuhause als dein Zuhause betrachten und so lange dort bleiben, wie es dir beliebt. Ach ja, und Arcangela darf auch mitkommen, weil du so an ihr hängst. Das macht das Ganze noch erfreulicher. Wenn es nicht sogar als Geschenk des Himmels zu werten ist!«

Celestina war davon überzeugt, dass es andere, wesentlich triftigere Motive für die Einladung gab als eine plötzlich erwachende familiäre Verbundenheit. Doch das Angebot hatte einfach zu gut gepasst, um es auszuschlagen.

Celestina begrüßte auch ihren Onkel Lodovico, einen zur Körperfülle neigenden Mittvierziger mit teigigen Gesichtszügen, der zum Glück davon absah, sie zu umarmen. Vermutlich hatte er in früheren Jahren besser ausgesehen. Anders war nicht zu erklären, was Celestinas Vater mit Schönling gemeint haben könnte.

Die Sache mit der Habgier erklärte sich einfacher: Tante Marta war äußerst wohlhabend. In erster Ehe war sie mit einem Weinhändler vermählt gewesen, der nach kurzer Zeit gestorben war und ihr ein beträchtliches Vermögen sowie sein gut gehendes Handelsgeschäft hinterlassen hatte. Im Jahr darauf hatte sie den mittellosen Lodovico Bertolucci geheiratet.

Celestinas Mutter hatte dazu ihre eigene Meinung. »Auch wenn sie noch so betucht ist – sie sieht trotzdem aus wie ein Schwein. Aber vielleicht will sie an dir wiedergutmachen, was sie bisher an familiären Verpflichtungen versäumt hat.«

Daran glaubte Celestina nicht so recht. Die wenigsten Menschen handelten aus reiner Nächstenliebe.

»Kind, du bist aber groß geworden«, sagte Lodovico Bertolucci zu Celestina. »Natürlich nicht im Sinne von groß. Da bist du eigentlich eher klein. Ich meinte es im Sinne von erwachsen.«

»Lodovico, sie ist bereits Witwe«, sagte Marta.

»Richtig. Du warst ja verheiratet. Armes Ding.« Er lachte jovial. »Natürlich meinte ich, dass du ein armes Ding bist, weil du deinen Gatten verloren hast. Nicht etwa, weil du verheiratet warst.«

Celestina rang sich ein Lächeln ab, während die allgemeine Begrüßung bei Arcangela weiterging.

»Was bist du für ein hübsches Geschöpf«, sagte Lodovico zwinkernd.

»Seid bedankt, Messèr Bertolucci«, sagte Arcangela mit unbewegter Miene.

»Nicht doch. Für dich bin ich Lodovico.« Er bemerkte den scharfen Seitenblick seiner Frau und fügte hinzu: »Natürlich im Sinne von Onkel Lodovico.«

Marta musterte mit merklichem Missfallen Arcangelas glänzend gebürstete rote Locken, den tiefen Ausschnitt und die vollen Lippen. »Du bist also Celestinas neue Schwester.«

»So neu nun auch wieder nicht«, sagte Arcangela.

»Wie kam noch gleich die Verwandtschaft zustande?«, fragte Lodovico. »Heiratete hier nicht irgendwer irgendjemanden?«  

»Celestinas Mutter meinen Vater, in zweiter Ehe«, erläuterte Arcangela freundlich die Verwandtschaftsverhältnisse. »Vor zehn Jahren.«

»Aha«, sagte Lodovico. »Ich hoffe, es gefällt euch beiden in Padua und ihr fühlt euch rasch heimisch.« Er wandte sich an seine Frau. »Ist es nicht schon Zeit zum Abendessen?«

Der Speisesaal befand sich wie die anderen repräsentativen Räume des Hauses im ersten Obergeschoss. Der Tisch war für acht Personen gedeckt. Nachdem Lodovico und Marta sowie Celestina und Arcangela Platz genommen hatten, gesellte sich kurz darauf noch eine alte Frau dazu. Marta stellte sie als Tante Immaculata vor. Wie sich herausstellte, war sie eine weitläufige Verwandte von Lodovico, die in längst vergangenen Tagen seine Kinderfrau gewesen und später als Mitglied seines Haushalts der Familie erhalten geblieben war. Sie sah aus wie ein alter, aber immer noch flugfähiger Raubvogel, ein Eindruck, der durch die krächzende Stimme und die starren Blicke, mit denen sie Celestina und Arcangela beäugte, noch verstärkt wurde.

»Es heißt, dein Mann war ein fähiger Arzt«, sagte sie. »Und es heißt auch, du selbst habest ihm darin kaum nachgestanden.«

»Wer sagt das?«, fragte Celestina, obwohl sie eine Ahnung hatte.

»Deine Mutter schrieb es in ihren Briefen«, warf Marta ein. Glühender Eifer zeigte sich in ihren rundlichen Zügen. »Sie schilderte mir die Zeit, in der sie zu Besuch bei dir in Mantua weilte, nach dem Tode deines Gatten.«

»Sie war nur zwei Wochen bei uns«, warf Arcangela ein.

Marta nahm es nicht zur Kenntnis. »Sie sagte, du habest heilende Hände und wärest du ein Mann, würdest du zweifelsfrei eines Tages der Leibarzt eines Königs werden.«

»Mutter übertreibt maßlos. Ich durfte Jacopo manchmal bei seiner Arbeit helfen. Ich tat nichts weiter als jede beliebige Wundpflegerin. Ein Medicus bin ich nicht. Zumal es Frauen nicht gestattet ist.«

Marta überging auch das. »Wie sehr ich deine Mutter beneidet habe! Täglich jemanden um sich zu haben, der einen von Schmerzen und Krankheiten heilen kann!«

Bevor Celestina Einwände erheben konnte, fuhr Marta verachtungsvoll fort: »Was taugen denn die meisten Ärzte schon? Sie stolzieren herum und schwafeln lateinischen Unfug, dann verschreiben sie widerlich schmeckende Tränke oder stinkende Salben, von denen man nur noch kränker wird. Und ist man am Ende dem Tode nah, fällt ihnen nichts weiter ein als zu behaupten, man bilde sich alles nur ein.«

»Sicher gibt es in Padua viele gute Ärzte.«

Marta lachte schrill. »Gute Ärzte? Ha! Glaub mir, ich kenne sie alle!«

»Sie gehen in unserem Haus sozusagen ein und aus«, warf Lodovico ein. »Nicht in dem Sinne, wie es Gäste tun. Sondern eher wie Schmarotzer, die sich am Leid anderer laben.«

»Ich verstehe«, sagte Celestina. Und das tat sie wirklich. Wenigstens war damit geklärt, wieso Marta so darauf erpicht gewesen war, sie in ihr Haus einzuladen. Und ihre Mutter hatte es eingefädelt, um der einzig vertretbaren Alternative zu entgehen. Welche darin bestanden hätte, ihre verwitwete Tochter und ihre ledige Stieftochter zurück ins heimatliche Venedig zu beordern. Sie weiterhin ohne männliche Aufsicht in Mantua zu belassen kam nicht infrage, also gebot die elterliche Verantwortung entsprechende Maßnahmen. Celestinas Mutter war jedoch überaus zufrieden mit dem ungestörten und ruhigen Leben, das sie in zweiter Ehe mit Arcangelas Vater führte. Nach häuslichem Familienzuwachs in Gestalt zweier störrischer, unberechenbarer Frauenzimmer – so ihre Worte – stand ihr nicht der Sinn. Diese Einstellung wiederum wurde von Celestina und Arcangela, denen ihrerseits nicht der Sinn nach einem Leben unter elterlicher Herrschaft stand, vorbehaltlos geteilt.

Der Aufenthalt in Padua konnte natürlich nur eine Zwischenlösung sein, die jedoch von allen Seiten bereitwillig angenommen worden war.

Die Dienstmädchen trugen die Speisen auf, und während sich die Tischrunde schweigend dem Essen widmete, traf ein weiteres Familienmitglied ein. Celestina erkannte ihn sofort wieder. Es war Gentile Bertolucci, der Mann, den Timoteo Caliari hatte erschießen wollen. Nach der Prügelei am Nachmittag sah er übel aus. Seine Nase war fast auf die doppelte Größe angeschwollen, der rechte Mundwinkel von einem Faustschlag eingerissen.

Von ihrer Mutter wusste Celestina, dass es sich um Lodovicos jüngeren Bruder handelte. Er war um die vierzig und sah trotz seiner leicht verlebt wirkenden Gesichtszüge gut aus, mit straffer Körperhaltung und vollem Haar.

»Na so was«, sagte er. »Welch Glanz in unserer Hütte!« Seine Stimme klang, als müsse er durch Kies sprechen, was zweifellos daher kam, dass Galeazzo da Ponte ihn so hart gewürgt hatte. »Der erwartete Verwandtenbesuch, nehme ich an.« Er verneigte sich galant. »Seid von Herzen gegrüßt, Cousinen! Hätte ich das heute Nachmittag gewusst, hätte ich euch auf der Piazza nicht einfach eurem Schicksal überlassen.«

»Ach, ihr wart auf der Piazza?«, wollte Lodovico wissen.

»Wir kamen zufällig vorbei«, sagte Celestina.

»Und dann gingen die Pferde der Kutsche durch, in der wir saßen«, fuhr Arcangela ungerührt fort. »Woraufhin sie umstürzte und wir deshalb jetzt von Glück sagen können, dass wir noch leben.«

»Dasselbe gilt für mich«, meinte Gentile. Er blickte Celestina an, und sie hatte den deutlichen Eindruck, dass er sich über die Situation amüsierte. »Ich läge jetzt mit ein paar anderen im Leichenhaus, wenn nicht diese mutige junge Dame hier den hitzköpfigen Timoteo Caliari daran gehindert hätte, mich totzuschießen.«

Marta stieß einen spitzen Schrei aus und sank auf ihrem Stuhl zusammen. Ihr Gatte fächelte ihr Luft zu, bis sie stöhnend wieder zu sich kam. »Immer diese Ohnmachten«, klagte sie, und dabei sah sie Celestina an, als erwarte sie schnellstmögliche Gegenmaßnahmen.

»Wie hat sie ihn daran gehindert?«, wollte Lodovico wissen.

»Sie hieb ihm einen Knüppel über den Kopf«, teilte Gentile ihm mit.

»Das hast du gut gemacht!«, rief Marta aus. »Ein weiterer Beweis für deine Umsicht und Klugheit!«

»Sie tat es nicht für mich«, sagte Gentile belustigt. »Sondern für den jungen Burschen. Um zu verhindern, dass er zum Mörder wird.«

»Oh«, sagte Marta. Sie dachte kurz nach, dann nickte sie. »Das zeugt von Mitgefühl. Jemand, der heilend wirkt, braucht viel davon. Mitgefühl ist die wichtigste Charaktereigenschaft eines guten Heilers.«

»Mitgefühl gegenüber einem Caliari ist schwachsinnig«, widersprach die alte Immaculata. »Sie hätte ihn totschlagen sollen. Nur tote Caliari sind gute Caliari.«

»Da hast du unbedingt recht«, sagte Marta nachdrücklich.

Celestina fand, dies sei eine passende Gelegenheit für einige Fragen. »Wie kam es überhaupt zu dem Zerwürfnis zwischen den Bertolucci und den Caliari?«

»Das ist eine ganz alte Geschichte«, sagte Immaculata. »So alt, dass keiner sie mehr kennt.«

Marta wandte sich unruhig zur Tür. »Wo sind eigentlich die Kinder? Sollten sie nicht längst wieder zu Hause sein?«

Celestina ließ sich nicht so schnell vom Thema abbringen. »Mir erschien die Feindschaft heute Nachmittag sehr frisch. Es gab sogar Tote.«

»Das war Zufall«, erklärte Gentile. »Ein paar ausländische Studenten wollten ihr Mütchen kühlen und brachten ihre Degen ins Spiel. Mit den Bertolucci oder den Caliari hatten sie im Grunde nichts zu tun.«

»Aber ihr müsst doch wissen, warum die Familien miteinander in Fehde liegen!«

»Manche Streitigkeiten haben ihre Ursprünge so tief in der Vergangenheit, dass der eigentliche Grund nebensächlich geworden ist«, sagte Gentile mit lakonischem Unterton. Er sah dabei Lodovico an, der seinen Blicken rasch auswich. »Es geht dann nur noch ums Streiten an sich«, fuhr Gentile fort. »So ähnlich wie bei den Venezianern und den Osmanen. Sie hassen einander seit ewigen Zeiten, also führen sie Krieg bei jeder sich bietenden Gelegenheit.«

Gentile legte sodann eingehend die Gründe dar, warum Venezianer und Osmanen sich seit jeher bekriegt hatten. Lodovico schenkte derweil den Frauen Wein nach, und Marta rief nach den Hausmädchen, damit diese den nächsten Gang auftrugen. Es war nicht zu übersehen, dass sich niemand näher über die Feindschaft zwischen den Caliari und den Bertolucci auslassen wollte.

Bis zum Eintreffen der beiden Sprösslinge der Familie Bertolucci wurde das Mahl ohne weitere Fragen fortgesetzt. Guido und Chiara kamen rechtzeitig zum Hauptgang nach Hause. Sie nahmen ihre Plätze bei Tisch ein und sprachen mit Appetit dem Essen zu. Beide waren in sichtlich aufgekratzter Stimmung. Chiaras Wangen waren rosig durchblutet, ihr blondes Haar auf kleidsame Weise zerzaust. Ihr Bruder Guido sah ganz ähnlich aus. Sie hatten eine Bootsfahrt auf der Brenta unternommen und waren anschließend im Botanischen Garten spazieren gewesen.

»Es war wundervoll«, schwärmte Chiara. »Die vielen Blumen!«

»Ja, es war ein Traum!«, stimmte Guido zu. »Es geht nichts über einen Ausflug im Mai!«

Celestina fragte sich, wieso dieser Ausflug einen so eiligen Aufbruch erfordert hatte. An Arcangelas irritierten Seitenblicken bemerkte sie, dass es ihrer Stiefschwester ebenfalls aufgefallen war.

Später, als sie nach dem Vespermahl in ihre Gemächer zurückkehrten, sprachen sie darüber.

»In diesem Haus scheint jeder seine Geheimnisse zu haben«, meinte Arcangela.

»Uns eingeschlossen«, antwortete Celestina.

»Damit hast du recht«, sagte Arcangela, während sie vor dem Wandspiegel ihr Haar ausbürstete, das im Schein der Abendsonne die Farbe von Flammen hatte. Das Haarebürsten gehörte zu ihren Lieblingsbeschäftigungen, je öfter, desto lieber. Sie behauptete, es helfe ihr beim Denken, weil es das Hirn stimuliere. Celestina war allerdings der Meinung, dass es Arcangela dabei eher darum ging, in den Spiegel zu schauen, ebenfalls eine Lieblingsbeschäftigung von ihr.

»Immerhin eines der Geheimnisse haben wir gelüftet«, fuhr Arcangela fort. »Wir wissen jetzt, warum wir eingeladen wurden. Genauer, warum du eingeladen wurdest. Diese schweinsgesichtige Tante Marta hat eine hypochondrische Ader. Sie strebt nach kostenloser medizinischer Dauerbehandlung. Da sehe ich einiges auf dich zukommen.«

Celestina bewunderte einmal mehr den Scharfblick ihrer Stiefschwester. Keiner machte Arcangela so schnell etwas vor. Außer natürlich, wenn es um Männer ging. Damit brachte sie sich regelmäßig in Schwierigkeiten, was auch der Grund für die überstürzte Abreise gewesen war. Nur ein Tag länger in Mantua, und es wäre womöglich zu einer Katastrophe gekommen.

Arcangela zupfte die Falten ihres Gewandes zurecht und prüfte den Sitz ihres Unterkleides. »Ob wir auch noch einen Spaziergang unternehmen? Das Wetter ist so herrlich, ich mag nicht bis zum Schlafengehen drinnen hocken! Wir könnten uns ein wenig von der Stadt ansehen.«

Celestina blickte sehnsüchtig aus dem Fenster. »Lust hätte ich schon, aber Tante Marta wird nicht gestatten, dass wir am Abend ohne männliche Begleitung das Haus verlassen. Wie ich Mama kenne, hat sie entsprechende Instruktionen erteilt.«

»Lass uns Cousin Guido fragen. Wenn du die Wehwehchen seiner Mutter heilen sollst, kann er sich zum Ausgleich durchaus als Begleiter aufopfern. Außerdem geht er gern spazieren, er hat es selbst gesagt.« Arcangela legte die Bürste zur Seite und lächelte sich im Spiegel zu. »Und wir könnten bei der Gelegenheit versuchen, ihm ein oder zwei Geheimnisse zu entlocken.«

Eine Woche später, Samstagnacht

Die Schenke war zum Bersten voll. An den Tischen wurden reihenweise Trinksprüche ausgebracht, die Krüge ein ums andere Mal gehoben und geleert. Die Bedienung kam kaum nach mit dem Zapfen und Servieren, so groß war der Durst und so übermütig die Stimmung. Einige der Männer zeigten schon deutlich Schlagseite, zwei oder drei waren bereits von den Bänken gesunken und lagen schnarchend auf dem Boden. Mitternacht rückte näher, doch in einer lauen Nacht wie dieser wurde gern bis in die frühen Morgenstunden gefeiert, vor allem, wenn der kommende Tag ein Sonntag war.

Fast alle Männer in der Schenke waren Scholaren, die sich regelmäßig zu abendlichen Trinkgelagen hier zusammenfanden und über die Freuden und Leiden des Studentenlebens palaverten. Und natürlich über die Liebe und das Leben an sich, unerschöpfliche Themen, wenn nicht gerade ein gutes Kartenspiel die Aufmerksamkeit beanspruchte.

Timoteo Caliari war indessen vom Kartenspiel bedient. Er hatte sich nicht konzentrieren können. Vielleicht hätte er früher mit dem Trinken aufhören sollen, dann hätte er nicht verloren. Viel war es nicht, denn er achtete auf sein Geld, schließlich war er Student und musste mit kargen Mitteln auskommen. Aber doch genug, um sich darüber zu ärgern, und das, obwohl es schon reichlich anderen Ärger gab.

Trübsinnig blickte er in sein Bier und dachte über die Ungerechtigkeit des Lebens nach. Wieso musste er ausgerechnet Chiara lieben, die schöne, blonde, zauberhafte Chiara? Hätte nicht eine andere sein Herz entflammen können? Eine, die nicht Bertolucci hieß! Doch welche andere hatte solche Augen, in denen sich der Himmel spiegelte, und eine Haut, die so weiß und zart war wie Alabaster?

»Bi-bierher!«, schrie Galeazzo in Richtung der Bedienung, die sich schwitzend und mit fleckigen Röcken zwischen den Tischen durchschob.

»Du hast eigentlich genug«, sagte William. »Dir wird wieder schlecht. Das weißt du doch.«

»Sch-scheißdrauf«, sagte Galeazzo rülpsend.

William lachte gutmütig. »Das täte ich, aber dann wäre ich der Dumme, denn das letzte Mal hast du in mein Bett gekotzt.«

»Passchonauf«, versprach Galeazzo. Sein rotes Haar war verschwitzt und stand wie Stacheln nach allen Seiten vom Kopf ab. Er wandte sich an Timoteo. »Waschlos? Bisso still.«

Er wartete die Antwort nicht ab, sondern legte den Kopf auf die Arme und schlief ein.

Das war das endgültige Zeichen für den Aufbruch. William und Timoteo zahlten die Zeche, dann packten sie Galeazzo unter den Armen und zerrten ihn nach draußen, wo sie ihn in die Mitte nahmen und mit vereinten Kräften heimwärts beförderten.

Kaum hatten sie ein paar Schritte getan, begegnete ihnen in der Gasse jemand, der hellen Zorn in Timoteo wachrief. Um ein Haar hätte er Galeazzo losgelassen, weil seine Hand plötzlich einen eigenen Willen bekam und zur Waffe greifen wollte.

Gentile Bertolucci sah im Licht der Laterne, die ein Bediensteter vor ihm hertrug, immer noch ziemlich lädiert aus. Seine Nase war auf befriedigende Weise angeschwollen und der Riss an der Lippe noch nicht vollständig verheilt. Doch das war auch schon das einzig Gute, das Timoteo dem Anblick dieses Kerls abgewinnen konnte.

Er spannte sich an.

»Nicht«, sagte William leise.

»Wen haben wir denn da?«, spottete Gentile. »Ein Caliari und seine Freunde auf dem Heimweg. Ziemlich angeschlagen, wie mir scheint.« Seine Stimme hatte ebenfalls gelitten, wie Timoteo feststellte. Doch seine grimmige Genugtuung verflog sofort, als Gentile stehen blieb und spöttisch fortfuhr: »Ob das noch die Nachwirkungen von voriger Woche sind? Oder ob es eher vom Schnaps kommt? Zu meiner Zeit waren die jungen Burschen trinkfester. Allerdings waren wir auch Männer, keine hilflosen kleinen Knaben, die sich aneinander festklammern mussten.«

Timoteo merkte erst, dass er Galeazzo losgelassen hatte, als dieser auf dem Pflaster landete und von dem rüden Aufprall wach wurde.

»Wasch?«, nuschelte er.

William hatte Galeazzo ebenfalls losgelassen, um Timoteo in den Arm fallen zu können.

»Verbannung«, sagte Gentile freundlich. Nur dieses eine Wort. Dann schlenderte er mit aufgeräumtem Lächeln davon.

Timoteo blickte ihm zähneknirschend nach und nahm die Hand vom Degenknauf. Hatte er eben beim Verlassen der Schenke noch gemeint, einen über den Durst getrunken zu haben, fühlte er sich nun schlagartig ernüchtert.

»Das ging gerade noch mal gut«, sagte William besorgt. »Du darfst dich nicht von denen provozieren lassen. Ich bin nicht immer dabei, um dich zurückzuhalten.«

»Es war ein Fehler«, sagte Timoteo. Sein Herz klopfte hart.

»Von dir oder von mir?«

»Von mir. Ich hätte mich zusammenreißen müssen.«

»Wenigstens siehst du es ein. Beim nächsten Mal passt du besser auf. Versprichst du es?«

»Wo bin ich?«, wollte Galeazzo wissen. Er lag auf dem Rücken und blickte zum Sternenhimmel hinauf. »Haschu mein Bett rausgetragn, Gu-guglielmo?«

William klaubte den Freund vom Pflaster und legte sich dessen Arm über die Schultern. Timoteo fasste mit an, und gemeinsam traten sie den Heimweg an.

Timoteo brachte die beiden bis vor die Tür des Hospiziums. Während William sich anschickte, den bezechten Galeazzo ins Haus zu schleppen, sagte Timoteo zögernd: »Danke, William. Wahrscheinlich hast du mir vorhin das Leben gerettet.«

»Gern geschehen. Gute Nacht.«

Die Tür des Wohnheims fiel ins Schloss, und Timoteo ging weiter. Von der Wut, die ihn beim Auftauchen Gentiles gepackt hatte, spürte er nichts mehr. Stattdessen machte er sich Vorwürfe, weil er um ein Haar die Beherrschung verloren hatte. Und dabei hatte er sich beim Grabe seiner Mutter geschworen, dass es nicht dazu kommen würde! Unter keinen Umständen wollte er dafür verantwortlich sein, dass seine Familie des Landes verwiesen wurde. Mochten doch sein Bruder oder sein Vater die Verantwortung übernehmen, wenn sie beim Anblick eines Bertolucci nicht an sich halten konnten. Natürlich würde man ihn mit ihnen zusammen verbannen, aber wenigstens konnte man die Katastrophe dann nicht ihm anlasten.

Vielleicht, so sinnierte er, lief letzten Endes ohnehin alles auf dieses schmähliche Ende hinaus. Das Schicksal schien sich bereits auf das kommende Unheil auszurichten, wie bei einer klassischen griechischen Tragödie, bei der zum Schluss alle Mitspieler der Vernichtung anheimfielen. Denn nur in Vernichtung und Tod konnte es enden, dass er sich in Chiara verliebt hatte.

Merkwürdigerweise hatte das seinen Hass auf die Bertolucci eher geschürt als gemildert. Schließlich war es ihre Familie, die zwischen ihr und ihm stand. Gäbe es ihren Vater, ihren Onkel und ihren Bruder nicht, hätte ihn nichts daran gehindert, offen Chiaras Nähe zu suchen.

Nun ja, vielleicht nicht ganz offen. Schließlich war zu berücksichtigen, dass seine Familie ebenfalls nichts davon erfahren durfte, oder genauer: erst recht nicht. Sein Vater und sein Bruder sähen ihn lieber tot als in Liebe zu einer Bertolucci entbrannt. Womöglich würden sie ihn schneller umbringen, als es die Bertolucci täten.

Folglich musste er Chiara heimlich treffen, eine unerträgliche Demütigung. Die umso schlimmer war, als Chiara zu den beiden letzten Verabredungen nicht erschienen war und er trotz aller Mühen den Grund dafür nicht herausfand. Beim ersten Mal hatte sie ihm über Galeazzo mitgeteilt, ihr sei etwas dazwischengekommen. Timoteo hatte wieder und wieder den flüchtig gekritzelten Zettel angestarrt und sich keinen Reim darauf machen können. Mit Galeazzos Hilfe hatte er ihr wenig später eine Botschaft gesandt und sie zu einem weiteren Treffen bestellt, doch wieder war sie nicht erschienen. Das war in der vergangenen Woche gewesen, am Vorabend des blutigen Kampfes. Seither wartete er ungeduldig auf ein Zeichen von ihr.

Ob sie ihm böse war? Immerhin hatte er ihren Onkel erschießen wollen.

Mittlerweile gestand er sich allerdings ein, dass er es wohl letztlich nicht fertiggebracht hätte. Was vermutlich auch gut so war, denn sonst hätte er eine Bluttat begangen, die Chiara und ihn auf immer entzweit hätte. So widerwärtig Gentile Bertolucci auch war – seine Nichte mochte ihn.

Dieses Mädchen aus Mantua, Chiaras Cousine, hätte sich also getrost sparen können, ihn unter Einsatz des Knüppels daran zu hindern, Gentile ein Leid zuzufügen. Timoteos Groll auf sie hatte kaum nachgelassen. Tagelang hatte ihm der Kopf gebrummt, und die Beule war immer noch deutlich zu fühlen.

Er überquerte einen kleinen Platz, schritt an einem verwitterten Denkmal vorbei und näherte sich dann der Gasse, in der sich das Haus der Bertolucci befand.

Dort blieb er stehen, obwohl es besser gewesen wäre, rasch weiterzugehen. Der Himmel allein wusste, warum er auf einmal hier stand. Nun ja, wenn er ehrlich war, wusste es nicht nur der Himmel, sondern auch er selbst. Und zwar sehr genau.

Er hoffte, einen Blick auf Chiara zu erhaschen.

Der Balkon von ihrem Zimmer war von der Gasse aus zu sehen. Einmal, vor etwa vier Wochen, hatte er sie bei Nacht dort stehen und in den Garten blicken sehen, das helle Haar und das feengleiche Antlitz in Mondlicht gebadet. Sie hatte ihn ebenfalls gesehen und ihm zugelächelt. In dem Augenblick war seine Liebe zu ihr erwacht.

Das zweite Mal hatte er sie im Botanischen Garten getroffen, in der Woche darauf, ganz zufällig, als er mit einer Gruppe Studenten unter Anleitung des Professors für Heilpflanzenkunde das Areal mit den medizinischen Kräutern besichtigt hatte. Sie hatte mit ihrem Bruder und einem anderen Burschen, den Timoteo nicht kannte, unter einem großen Tropenbaum gestanden. Und ihm abermals zugelächelt. Bis es ihrem Bruder auffiel und dieser sich mit feindseliger Miene vor seine Schwester schob. Timoteo hatte so getan, als bemerke er es gar nicht, obwohl er an einem anderen Tag bestimmt nicht gezögert hätte, Guido Bertolucci eine Beleidigung an den Kopf zu werfen. Sein Herz hatte bis zum Hals geschlagen, er hatte danach in jeder stillen Minute an sie denken müssen. An ihre zarte Haut, die himmelblauen Augen und das seidige Haar.

Die nächste Begegnung hatte nicht der Zufall bestimmt. Sie war sorgfältig von Timoteo herbeigeführt worden. Er hatte herausgefunden, dass der Bursche, der mit ihr und ihrem Bruder im Park gestanden hatte, ein Maler war, der die Geschwister porträtierte. Gemeinsam mit Guido suchte sie ihn zwei Mal in der Woche auf. Ihr Bruder blieb jedoch nicht zu den Sitzungen dort. Er begleitete seine Schwester zwar regelmäßig ins Haus des Malers, kam aber jedes Mal kurz darauf wieder heraus und ging seiner Wege. Chiara verließ das Haus meist eine gute Stunde später und wartete anschließend in einem versteckten Winkel hinter der nahen Kirche auf ihren Bruder.

Dort hatte Timoteo sie das erste Mal allein getroffen, von Angesicht zu Angesicht. Ihre erschrockenen Blicke hatte er mit einem besänftigenden Lächeln erwidert, ihre Furcht mit einer höflichen Begrüßung zerstreut. Sie hatten sich unterhalten, ganz unverfänglich, über das Wetter, die Pflanzen im Botanischen Garten, die Kutsche mit dem prächtigen Gespann, die sie vorbeifahren sahen. Die ganze Zeit hatte sie verschämt zu Boden geblickt, doch er hatte ihre Neugier und ihre freundliche Hinwendung gespürt und vor lauter Glücksgefühlen kaum atmen können.

Drei weitere Male hatte er Chiara dort getroffen, immer wenn sie von dem Porträtmaler kam. Er hatte sie gefragt, wo sich ihr Bruder während dieser Zeit herumtrieb, doch sie war nur errötet und hatte irgendetwas gestammelt, bis er sich schließlich ein Herz gefasst und nach ihren Händen gegriffen hatte. Diese erste Berührung war ihm durch und durch gegangen, und hätte in diesem Augenblick nicht ein Hund angefangen, ohrenbetäubend zu bellen, hätte Timoteo vielleicht sogar gewagt, Chiara zu küssen. Die ganze Zeit hatte er es schon vorgehabt und sich dabei ausgemalt, wie es wohl wäre, seinen Mund auf den ihren zu legen. Doch dieser vermaledeite Kläffer hatte alles verdorben. Und dann schlug die Uhr zur vollen Stunde, womit das Treffen vorbei war, denn danach dauerte es immer nur wenige Minuten, bis Guido auftauchte, um seine Schwester abzuholen. Timoteo achtete stets darauf, vorher zu verschwinden. Nicht etwa aus Feigheit, sondern aus Rücksicht auf Chiara.

Seit jenem Nachmittag hatte er sie nicht mehr gesehen. Sie war nicht mehr zu dem Maler gegangen.

Jetzt wagte er doch einen Blick auf das Haus. Im Licht einer Fackel, die an der Einmündung der Gasse brannte, war der Balkon zu sehen, nicht aber Chiara. Enttäuscht wollte er sich wieder abwenden und weitergehen, als er die Gestalt bemerkte, die sich im Schatten der Gasse zu schaffen machte. Jemand war im Begriff, die Mauer zu erklimmen, die das Anwesen der Bertolucci umgab!

Er dachte nicht groß nach. So schnell er konnte, rannte er zu dem Haus, ohne Rücksicht auf die stechenden Schmerzen in seinem Oberschenkel. Er bekam den Burschen, der sich an der Mauer hochzog, am Wams zu fassen und zerrte ihn herunter.

Dem unterdrückten Schreckenslaut zufolge war es noch ein Knabe, was sich gleich darauf bestätigte, als der Kerl sich hochrappelte und ängstlich die Mütze in die Stirn zog. Ein bartloser Jüngling, und überdies von so schmächtiger Statur, dass Timoteo sich nicht die Mühe machte, ihn länger festzuhalten. Stattdessen stieß er ihn gegen die Mauer.

»Was hast du hier verloren, eh?«, fragte er drohend. »Wieso wolltest du über die Mauer steigen?«

Er stieß den Jungen abermals gegen die Mauer. Dabei merkte er, dass er dem Burschen schon begegnet war, doch ihm fiel nicht ein, wo. Das ärgerte ihn, denn im Normalfall ließ sein Gedächtnis nichts zu wünschen übrig. Es konnte nicht lange her sein, er war sogar sicher, dass es erst vor ein paar Tagen gewesen war. Diese Stupsnase, die erschrockenen großen Augen in dem schmalen Gesicht …

Ihm platzte der Kragen, er schubste den Burschen erneut. »Du wolltest einbrechen, gib es zu!«

»Ich bin kein Einbrecher, edler Herr, wirklich nicht!«, presste der Junge hervor.

»Was hast du mit den Bertolucci zu schaffen?« Ein plötzlicher Verdacht ließ Timoteo zusammenzucken, er packte den Burschen beim Kragen. »Du wolltest zu Chiara! Zu einem nächtlichen Stelldichein! Du widerwärtiger Halunke!«

»Ich … Nein!«, behauptete der Junge mit erstickter Stimme.

Timoteo schüttelte ihn, außer sich vor Wut. »Lüg mich nicht an! Wer bist du, und was hast du hier verloren?«

»Mein Name ist … Marino. Ich bin hier mit meiner … Schwester!«

»Mit welcher Schwester?«

»Sie heißt Celestina! Wir beide weilen zu Besuch bei den Bertolucci! Sie ist seit einer Woche hier, ich traf erst gestern ein. Mein Onkel erlaubt nicht, dass ich nachts allein ausgehe, also habe ich mich fortgeschlichen. Und wollte gerade auf demselben Weg zurück. Bitte verratet mich nicht!«

Timoteo war so verblüfft, dass er den Kerl auf der Stelle losließ. Ein dummer Fehler, denn der Junge war schnell und wendig wie eine Katze. Blitzartig duckte er sich unter Timoteos Arm hindurch und war gleich darauf um die nächste Ecke verschwunden.

Timoteo setzte an, den Flüchtenden zu verfolgen, doch der Impuls verging so rasch, wie er gekommen war. Für diese Nacht hatte er seinem Bein genug zugemutet.

Er blieb noch eine Weile bei der Mauer stehen und dachte angestrengt nach. Wenigstens wusste er jetzt, warum der Bursche ihm so bekannt vorgekommen war. Er war dem Mädchen aus Mantua förmlich wie aus dem Gesicht geschnitten. Also hatte er nicht gelogen, sie war tatsächlich seine Schwester. Doch damit war keineswegs sichergestellt, dass der Junge auch beim Rest die Wahrheit gesagt hatte. Vor allem nicht, was Chiara betraf. Es musste einen Grund geben, warum sie ihm aus dem Weg ging. Hatte da womöglich dieser Marino seine Hände im Spiel? Er war noch jung, der Stimmbruch hatte noch nicht bei ihm eingesetzt, von Bartwuchs ganz zu schweigen. Aber Timoteo wusste, dass manche milchgesichtigen Schönlinge einen guten Schlag bei Frauen hatten. Er hatte schon mehr als einen halbwüchsigen Scholaren in traulicher Zweisamkeit mit willigen Schankmädchen beobachtet.

Voller Groll und Misstrauen machte er sich auf den Heimweg.

Celestina wartete in der dunklen Gasse, in die sie sich geflüchtet hatte. Es dauerte eine Ewigkeit, bis seine Schritte sich entfernten. Erst, als kein Laut mehr zu hören war, wagte sie, zum Haus der Bertolucci zurückzukehren. Sie ging auf Zehenspitzen und hielt immer wieder inne, bereit, notfalls sofort wieder das Weite zu suchen.

Sie wagte kaum zu atmen, bis sie endlich die Mauer erreicht hatte. Ein Sprung in die Höhe, und sie bekam mit beiden Händen die Krone zu fassen. Ihr rechter Fuß fand Halt auf einem winzigen Vorsprung, der linke auf einem weiteren. Einen angstvollen Moment gab es dann noch, als sie sich hochzog. Vorhin hatte er sie genau in dieser Stellung gepackt und herabgezerrt. Diesmal lauschte sie angespannt, ob er sich womöglich abermals näherte, doch es war nichts zu hören außer ihrem angestrengten Atmen. Dann war es geschafft, sie hatte sich hochgehievt und ließ sich auf der anderen Seite der Mauer wieder hinab. Bis zum Spalier waren es nur wenige Schritte, vorbei an den Büschen, deren Lage sie sich gut eingeprägt hatte. Es war reichlich finster hier im Garten, man sah kaum etwas. Nur der entfernte Widerschein einer Fackel auf der Piazza und das blasse Mondlicht halfen ihr, den Weg zu finden. In Windeseile war sie über das Spalier nach oben geklettert und drückte das Fenster auf. Arcangela war wach und half ihr hinein.

»Gott im Himmel, Celestina!«, sagte sie entsetzt.

Celestina zog sich die Mütze vom Kopf und ließ sich schwer atmend auf ihr Bett fallen. »Ich weiß«, sagte sie. »Das gehörte nicht zum Plan!« Sie rieb sich die Schulter. Er hatte sie ziemlich grob gegen die Mauer geschubst. Sie würde blaue Flecken davontragen.

»Ich wusste, dass es eines Nachts so kommt«, sagte Arcangela außer sich. »Ich war drauf und dran, Zeter und Mordio zu schreien! Ich konnte zwar nicht hören, was er sagte, aber dass er dir nicht gerade freundlich gesonnen war, konnte einem unmöglich entgehen. Wer war der Kerl?«

»Timoteo Caliari.«

Arcangela blickte sie erstaunt an. »Der große zornige Bursche mit dem Pferdemist im Gesicht, der vorige Woche auf der Piazza Onkel Gentile erschießen wollte?«

»Genau der.«

»Jetzt ist klar, wieso er wütend auf dich war«, sagte Arcangela lakonisch. »Als er dich sah, fiel ihm die Sache mit dem Knüppel wieder ein. Wie hast du ihn daran gehindert, dir das heimzuzahlen?«

»Gar nicht. Genauer gesagt: Ich gab mich für meinen Bruder aus.«

Arcangela klappte den Mund auf. »Du tatest was

»Ich sagte, mein Name sei Marino und ich sei mit meiner Schwester hier zu Besuch.« Sie bemerkte Arcangelas fassungslosen Gesichtsausdruck und fügte eilig hinzu: »Mir blieb nichts anderes übrig. Irgendwas musste ich sagen. Etwas, das ihn überzeugte.« Celestina setzte sich im Bett auf und streifte sich die Schuhe ab. »Er hatte mich am Schlafittchen.«

Arcangela stöhnte, doch dann meinte sie widerwillig: »Eine schlaue Ausrede.«

»Ich hab nicht drüber nachgedacht.«

»Was hatte der Bursche ausgerechnet hier beim Haus seiner Erzfeinde verloren? Hieß es nicht, beim nächsten Streit müssten alle Caliari in die Verbannung? Was bringt einen Caliari dazu, ein solches Risiko einzugehen und ausgerechnet hier aufzutauchen, vor der Höhle des Löwen?«

»Ich habe eine Vermutung«, sagte Celestina zögernd. Sie löste ihr Haar, das sie zu einem festen Nackenknoten zusammengerollt hatte. Vor ein paar Tagen hatte sie es auf knappe Schulterlänge gestutzt, damit es besser unter Mützen und Kappen passte und, sobald sie die Mütze vom Kopf zog, nötigenfalls als Haartracht eines jungen Mannes durchging. Für eine damenhafte Frisur war es immer noch lang genug, da sie es als Witwe ohnehin aus Gründen der Schicklichkeit zusammengesteckt unter einer Haube verbergen musste. Nur unverheiratete junge Mädchen trugen das Haar offen. Von daher war sie, ihre Pläne betreffend, als Witwe klar im Vorteil. Bis sie beginnen würde, diese Pläne in die Tat umzusetzen, übte sie Nacht für Nacht, sich in Männerkleidung zu bewegen. Sich zu bewegen wie ein Mann, zu sprechen wie ein Mann, dreinzuschauen wie ein Mann. Zu denken wie ein Mann – nein, das würde ihr wohl nie gelingen. Zu sehr ließen Männer sich von ihren Trieben steuern. Das konnte keine Frau einstudieren, egal wie oft sie Hosen trug.

Der Rest ließ sich leichter erlernen. Celentina ging in Schenken und bestellte Bier, und wenn neugierige Blicke sie trafen, grinste sie überheblich und tat so, als schaute sie den Schankweibern in den Ausschnitt.

»Deine Vermutung«, erinnerte Arcangela sie ungeduldig.

»Ach so, richtig. Ich glaube, Timoteo Caliari ist in unsere Cousine Chiara verliebt.«

Am Dienstag darauf

Im Teatro Anatomico war es an diesem Morgen brechend voll. Timoteo, William und Galeazzo hatten Mühe, einen freien Platz zu ergattern. Sie mussten bis in den obersten Rang des hölzernen Theaters im Obergeschoss der Universität hinaufsteigen und sich an mehreren Kommilitonen vorbeizwängen, um zu einer Lücke vorzustoßen, die ihnen Platz bot.

In den steil aufsteigenden Rängen unter ihnen drängten sich die Zuschauer dicht an dicht. Die besten Plätze in den unteren Reihen hatten sich wie üblich die von der Verwaltung bevorzugten zahlenden Zuschauer gesichert, etwa die anatomisch interessierten Fachleute, vornehmlich praktizierende Ärzte und Chirurgen, sowie daneben nicht wenige vornehme Bürger, die es als besonderen Zeitvertreib betrachteten, einer öffentlichen Sektion beizuwohnen. Sogar einige Frauen befanden sich im Publikum.

Es kam nicht allzu oft vor, dass es eine frische Leiche gab, was zugleich den Andrang erklärte. Nur Hingerichtete oder Selbstmörder ohne Anrecht auf christliches Begräbnis durften öffentlich seziert werden, denn ihre Seelen waren verdammt, sodass auf ihre Körper keine Rücksicht mehr genommen werden musste.

Selbstmorde und erst recht Hinrichtungen waren allerdings nicht gerade an der Tagesordnung; zudem durfte nicht seziert werden, wenn die Verblichenen anerkannte venezianische Bürger gewesen waren. Deshalb gab es für den Anatomieunterricht weit weniger Anschauungsmaterial, als Professoren und Studenten sowie andere Interessierte sich wünschten. Nach dem Willen etlicher Anatomiebegeisterter hätte es deutlich mehr Schwerverbrecher geben können. Dabei konnten sich die Anatomen der Universität Padua bereits glücklich schätzen, dass jene armen Teufel, die man aufgeknüpft hatte, nicht auf Geheiß der Obrigkeit erst tagelang zur Abschreckung öffentlich am Galgen hängen blieben, so wie es andernorts vielfach gehandhabt wurde. Hier bewies die Verwaltung immerhin einen fortschrittlichen Geist und stellte die Verblichenen leidlich frisch der Anatomie zur Verfügung.

Die Leiche, die an diesem Morgen ihren Weg auf den großen Tisch im Teatro Anatomico gefunden hatte, war in mehrfacher Hinsicht bemerkenswert. Zum einen handelte es sich um eine Frau, noch dazu um eine junge. Die meisten zum Tode Verurteilten waren Männer, sodass die anatomische Sektion einer weiblichen Leiche eine höchst ungewöhnliche Abwechslung darstellte, die sich keiner entgehen lassen wollte.

Zum anderen war diese Leiche weder entstellt noch verstümmelt. Der Hals war völlig intakt, also nicht durch Einwirkung eines Strangs in die Länge gezogen.

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