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Das Mädchen auf dem Zauberberg

Anmerkung der Autorin

Meine Geschichte beruht auf wahren Ereignissen. Einige Namen habe ich geändert, um die Identität dieser Personen zu schützen.

Ähnlichkeiten mit noch lebenden Personen sind rein zufällig. Meine Kindererzählung besteht aus Erinnerungen, Erzählungen und Informationen aus der Kinderklinik – und an manchen Stellen aus meiner Fantasie. Meine Gedichte, die hier erscheinen, entstanden zuerst auf Englisch. Ich habe sie auf Deutsch übersetzt.

Kerstin Elisabeth White

Das Mädchen
auf dem Zauberberg

Meine Geschichte von
Tuberkulose und Heilung

Im Gedenken an

Erich Horndasch

Akademischer Kunstmaler

* 22. Juni 1926

† 1. Mai 2010

»Alles, was wir sehen, ist in Wirklichkeit farblos!

Nur wir selbst produzieren die Farben in die Welt hinein.«

»Ich glaube, es ist an der Zeit, wieder zu lernen, was wir verlernt haben. Wir sollten den Versuch wagen, wieder mehr selbst hineinzuhorchen und hineinzusehen. Wir sollten uns die Gefühle – und wer wollte bestreiten, dass diese nicht real sind – ins Wachbewusstsein rufen, ebenso wie das tiefere Wissen um unsere Seele …«

Erich Horndasch

Inhalt

Prolog: Botschaft

Kapitel 1: Kinderheilstätte

Kapitel 2: Schutzengel

Kapitel 3: Diagnose

Kapitel 4: Abschied

Kapitel 5: Herbst

Kapitel 6: Überraschung

Kapitel 7: Weihnachten

Kapitel 8: Malen

Kapitel 9: Frühling

Kapitel 10: Sommer

Kapitel 11: Kindheitstrauma

Kapitel 12: Rückkehr

Kapitel 13: Künstler

Kapitel 14: Winterbild

Kapitel 15: Altarbild

Kapitel 16: Sandspiel

Kapitel 17: See

Kapitel 18: Schatzkiste

Epilog: Fügung

Dank

Quellen

Klinikbriefe

Prolog: Botschaft

An einem kühl-grauen Samstagmorgen im November 1996 fahre ich auf der New Jersey Turnpike Richtung Süd nach Brooklyn zu meiner ersten poesietherapeutischen Gruppe. Sie wird von einer Sozialarbeiterin namens Robin geleitet, die sich auf diesen therapeutischen Ansatz spezialisiert hat.

Vor nicht langer Zeit bin ich siebenunddreißig geworden und kann die Stimmen, die sich schon lange in meiner Seele regen, nicht mehr ignorieren. Ich bin an einem Wendepunkt angelangt. Wie soll ich mein Leben weiter gestalten? Was gibt meinem Leben Sinn? Jetzt bin ich neugierig und möchte herausfinden, was es mit der Poesietherapie auf sich hat.

Zu meiner Linken erstrecken sich die Startbahnen des Newark International Airport. Eine Lufthansa-Maschine kreist und setzt zur Landung an. Unwillkürlich denke ich an den Abschied meiner Eltern vor ein paar Wochen nach ihrem jährlichen Besuch bei uns.

Zur Jahreswende 1980/81 war ich von Deutschland mit einem work-study Programm in die USA gekommen und dort, wie manch andere, hängen geblieben. Seit 1983 bin ich mit einem Amerikaner glücklich verheiratet. Mit meinem Mann Richard und meinen Kindern Janine (10), Lisa (9) und Eric (3) wohne ich seit neun Jahren in Madison, New Jersey.

Ich hatte meine Eltern also zum Flughafen gebracht. Mein Vater, im Jackett und mit einer Aktentasche unter dem Arm, überprüfte die Tickets. Meine Mutter – in Jeans, die ihre schlanke Figur betonten, einer weißen Bluse und bequemer, dunkelblauer Jacke – stand vor mir. Um den Hals hatte sie ein hellblaues Tuch mit Blümchen gebunden, das gut zu ihrem kurzen, grauen Haar passte. Ihre Augen schimmerten feucht. Beim Abschied umarmte ich sie, konnte jedoch kein Wort herausbringen, auch sie nicht. Mit meiner ganzen Kraft hielt ich die Tränen zurück – ohne genau zu wissen, warum ich so tieftraurig war. Dass mich dieser Abschied an andere Trennungen vor langer Zeit erinnerte, sollte ich erst später erfahren.

Ich gebe Gas und folge den Schildern zur Verrazano-Narrows Bridge. Sei nicht so emotional, ermahne ich mich, konzentriere dich auf den Verkehr. Mit feucht-kalten Händen klammere ich mich an das Lenkrad. Die erhabenen Stahlbögen der Brücke schieben sich in mein Blickfeld. Ich lenke von der Flanke weg auf die mittlere Fahrbahn, da fühle ich mich sicherer. Flüchtig nehme ich die imposante Skyline Manhattans wahr, dann zieht es meinen Blick in die Tiefe. Unter der Brücke wirbelt das Wasser kleine Schaumkronen auf.

Schau geradeaus! Das Motto unserer Familie kommt mir in den Sinn.

Gleich hast du es geschafft, gleich bist du über die Brücke …

Auf der Abfahrt nach Brooklyn entspannt sich mein Griff endlich. Seit der Geburt meiner ersten Tochter leide ich an Höhenangst. Vielleicht sind meine eigenen alten Verlustängste aufgebrochen, als ich selbst Mutter wurde.

Wenige Minuten später befinde ich mich wieder auf festem Boden und durchquere ein Wohnviertel mit Hochhäusern. Betonklötze, die von kleinen Rasenflächen umgeben sind. Auf einem mit Draht eingezäunten Spielplatz rennen einige Kinder umher. Eine alte Frau in einem schwarzen Mantel geht mit ihrem Hund an der Leine spazieren.

Als ich vor Robins Bürogebäude aussteige, trete ich beinahe in eine kleine braune Pfütze neben einem umgekippten Kaffeebecher aus Styropor. Der Unterschied zu Madison – einem pittoresken Vorort an der Bahnlinie nach New York, mit seinem hübschen Ortskern und gepflegten Einfamilienhäusern mit Gärten – hätte nicht größer sein können. Aber irgendwie bin ich froh, hier in Brooklyn zu sein.

Robin, eine mittelgroße Frau, scheint etwas älter zu sein als ich. Sie empfängt mich im Vorzimmer ihres Büros mit einem gewinnenden Lächeln und führt mich in einen großen, hellen Raum. Dort nehme ich auf einer Ledercouch Platz. Um mich herum sitzen schon ein paar Frauen auf gemütlichen Sesseln mit ihren bunten Tagebüchern auf dem Schoß.

»Bitte bedient euch«, sagt Robin und zeigt mit einladender Geste auf einen Tisch mit Bagels und verschiedenen Sorten von Frischkäse, Kaffee und Tee. Dann stellen wir uns gegenseitig vor. Die meisten Teilnehmerinnen kennen sich schon.

Zuerst bin ich noch etwas nervös, doch dann sprudeln die Worte aus mir heraus: Ich hätte zwar keine Erfahrung im Kreativen Schreiben, doch aufgrund meines Literaturstudiums in Französisch und Englisch hätte ich viel gelesen und Texte analysiert. Seit der Geburt meines Sohnes vor drei Jahren hätte ich das Unterrichten aufgegeben und sei jetzt offen für einen persönlicheren Bezug zum Schreiben. Ich suchte nach etwas Tieferem und Erfüllendem in meinem Leben. Genaue Vorstellungen hätte ich aber noch nicht.

Die Frauen hören aufmerksam zu; eine lächelt mich freundlich an und nickt zustimmend. Ich fühle mich schnell in dieser Runde aufgenommen.

»Du bist hier an der richtigen Stelle«, sagt Robin verständnisvoll. Dann erklärt sie die Grundlagen der Poesietherapie: Ein Gedicht könne eine Brücke zur inneren Welt darstellen. Je nach Anliegen der Gruppe würde sie ein paar Gedichte aussuchen, die wir zuerst zusammen lesen würden. Durch Assoziationen mit Symbolen, Metaphern und Bildern der poetischen Sprache könnten oft schnell eigene Themen hervorgerufen und tiefe, bis dahin abgegrenzte Emotionen ausgelöst werden. Sie würde uns Schreibimpulse geben, die sie oft aus dem mitgebrachten Gedicht ableiten würde. Dabei könnten wir die Heilkraft des eigenen Schreibens erfahren, Gefühle besser ausdrücken und traumatische Ereignisse verarbeiten und integrieren.

Für mich klingt das alles noch etwas theoretisch. Aber ich bin jetzt gespannt, was ich in den kommenden monatlichen Gruppensitzungen über mich entdecken und erfahren werde.

An diesem Nachmittag beginnen wir mit dem Malen einer life map, einer Landkarte unseres Lebens. Dazu benutzen wir bunte Filzstifte und einen großen Bogen Papier. An die Einzelheiten kann ich mich nicht mehr erinnern – nur, dass die Stationen meines Lebens skizzenhaft entlang eines sich windenden blauen Flusses erschienen.

Irgendetwas scheint Robin aufgefallen zu sein. Als wir uns verabschieden, regt sie an, dass ich zu Hause ein Gedicht schreiben soll. Ich habe noch nie ein Gedicht geschrieben, ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll.

An diesem Abend sitze ich – noch erschöpft von meiner abenteuerlichen Reise nach Brooklyn – im Bett. Im Haus ist es ruhig. Die Kinder schlafen schon lange. Ich nehme Bleistift und Block zur Hand und schreibe, ohne nachzudenken oder zu pausieren und wie von selbst, ein Gedicht auf Englisch …

Heimkehr

Mit einem lachenden Gesicht, tanzend auf der Lauer,
steht sie auf dem Bahnsteig der Freude und Trauer.
Wie ein kleiner Clown, der tanzt und funkelt,
vermeidet sie eine Stirn, die runzelt.

Endlose Stunden vergehen
mit glänzenden Augen in den Himmel sehen.
Berge liegen weit in der Ferne
zurück in die Heimat möchte sie gerne.

Schwebende Wolken am Himmel wagen
ihre Geschichte zu Schreiben, ohne zu klagen.
Hoffnung liegt in der frischen Bergesluft,
doch Tränen und Schmerz eine tiefe Gruft.

Tausend Lichter brennen in der Nacht,
eine starke Hand hält sie mit voller Macht.
Getragen in einem Zug, bald ist sie daheim,
in offene Arme läuft sie, nie wieder allein.

Sie geht zu Bett spät in der Nacht,
ordentlich gefaltete Kleider halten die Wacht.
Der nächste Morgen kommt und wird bringen
ein Kind, das lebt von außen nach innen.

Ich muss das Gedicht immer wieder lesen, erst leise, dann laut für Richard. Dabei laufen die Tränen ununterbrochen. Die Tür zu meinem Kindheitstrauma hat sich einen Spalt geöffnet.

Im Alter von drei und vier Jahren (1963/64) musste ich fünfzehn unendlich lange Monate – und mit sehr sporadischem Kontakt zu meinen Eltern – in einer Kinderheilstätte im Allgäu verbringen. Wie meine Mutter war auch ich schwer an Tuberkulose (TB) erkrankt. Ein Jahr später musste ich noch einmal für drei Monate zur Nachbehandlung in die Klinik.

Jahrelang hat mein Unterbewusstsein diese Zeit ausgeklammert. Doch jetzt wage ich mich langsam und behutsam daran. Die Wunde ist fast so alt wie ich. Der Schmerz sitzt tief. Durch das Schreiben gelingt es mir zum ersten Mal in meinem Leben, eine Verbindung zu meinem inneren Kind herzustellen, zu dem verlassenen Mädchen von damals.

In den folgenden Poesietherapiesitzungen tritt meine Kindheitsgeschichte wieder in den Hintergrund; doch ich lerne, mich kreativ auszudrücken und zu entfalten. Dass mein Gedicht schon jetzt in mir etwas bewegt hat, das mich auf einen spirituellen Weg führen wird, erfahre ich ein Jahr später.

Im Juni 1997 sitze ich mit Richard, wie an vielen Sonntagen, zum Gottesdienst in unserer Kirche in Madison. Mein Mann ist mit einem offenen Poloshirt lässig gekleidet. Seine braunen Haare sind kurz geschnitten. Mit seinen ebenso dunkelbraunen Augen schaut er mich liebevoll an. Die Orgelmusik ertönt. Sonnenstrahlen fallen sanft durch die hohen gewölbten Kirchenfenster. Sie sehen aus wie goldene Bänder, die sich zu einer strahlenden Decke zusammenweben, die mich umhüllt. Noch etwas schläfrig bin ich in meiner Gedankenwelt versunken.

Meine Tagträume werden von unserem Assistenzpfarrer Eric unterbrochen: »Heute geht meine Zeit in dieser Gemeinde zu Ende«, beginnt er seine Abschiedspredigt. »Meine Frau und ich werden euch alle sehr vermissen.«

Eric hat sein Studium in Theologie an der Drew University beendet und wird bald eine neue Stelle in Pennsylvania antreten. Ich mochte Eric immer gerne, nicht nur, weil er den Namen meines Sohnes trägt, sondern auch, weil er mich an einen alten Schulfreund in Deutschland erinnert. Eric greift nach seiner Bibel und liest aus Matthäus 9:20-22:

»Unterwegs trat eine Frau, die seit zwölf Jahren
an schweren Blutungen litt, von hinten an Jesus heran
und berührte einen Zipfel seines Gewandes.

Denn sie sagte sich: »Wenn ich nur das Gewand berühre,
werde ich gesund.« Jesus drehte sich um, sah sie an und sagte:
»Hab keine Angst! Dein Vertrauen hat dir geholfen.«

Im selben Augenblick war die Frau geheilt.«

»Die Frau symbolisiert alle, die sich einsam, vom Rest der Gesellschaft ausgesetzt fühlen. Schmerz und Scham sind in ihr verkörpert«, verkündet Eric von der Kanzel. »Sie erinnert mich an Menschen hier, die während der Jahrhundertwende an Tuberkulose erkrankt waren. Ihre Krankheit hatte sie zu Außenseitern gemacht, die in abgeschiedene Sanatorien in Pennsylvania und im Staat New York geschickt wurden, um dort zu heilen. Sie wurden verstoßen, da man Angst hatte, sich bei ihnen anzustecken …«

Bei dem Stichwort »Tuberkulose« werde ich hellwach. Außenseiter zu sein ist ein Gefühl, mit dem ich innigst vertraut bin. Schon in jungen Jahren spürte ich oft so etwas wie eine unsichtbare Wand, die mich von anderen Kindern trennte. Irgendwie fühlte ich mich anders und hatte keine Ahnung, warum. Dieses Gefühl verfolgt mich noch heute in meinem Erwachsenenleben im Umgang mit anderen Menschen. Trotz meines nach außen hin glücklichen Lebens, sitzt in mir eine Zerrissenheit, die ich mir nicht richtig erklären kann. Ich komme mir vor wie ein abgehacktes Tannenbäumchen, strahlend geschmückt, doch im Inneren entwurzelt. Ich konnte nur erahnen, dass sie vielleicht mit meinem langen Klinikaufenthalt zusammenhing. Vielleicht hatte ich nie aufgehört, das Leben aus den Augen des einsamen Mädchens zu betrachten.

Noch in der Kirchenbank sitzend, fließen schon wieder die Tränen. Jeder Versuch mich zu fangen scheitert. Das Gedicht vom vergangenen November hatte schon eine Öffnung in den Damm gebohrt, doch jetzt ist er aufgebrochen.

Richard legt seinen Arm um mich, und es gelingt mir mühsam, die letzte Hymne zu singen. Nach der Predigt stelle ich mich in eine Reihe von Mitgliedern der Gemeinde, um mich von Eric zu verabschieden.

Ich möchte ihm mitteilen, warum mich seine Predigt so berührt hat. Doch vor lauter Schluchzen bekomme ich kaum ein Wort heraus. Meine Kehle ist wie zugeschnürt. Richard steht mir zur Seite und füllt die Lücken zwischen meinen Worten. Eric umarmt mich herzlich – doch hinter mir hat sich schon eine Menschenschlange gebildet. Er wendet sich den nächsten Gemeindemitgliedern zu. Unser Gespräch ist beendet.

Zu Hause angekommen habe ich mich wieder etwas gefasst. Die Kinder lenken mich ab mit ihrem freudigen Geplapper und ihren Plänen für den Rest des Tages. Wie automatisch erledige ich, was zu tun ist. Doch ich bin noch tief mit meinen Gedanken in der Kirche.

Ich spüre, dass das Weinen und Erinnern mir gut getan haben. Ich empfinde es, so schmerzhaft es auch war, fast wie eine Gnade. Mein Herz hat sich geöffnet. Zum ersten Mal in meinem Leben spüre ich Gottvertrauen in mir. Ich bin mir sicher, dass die Hand Gottes mich an diesem Morgen zu unserer Kirche geführt hat.

Beinahe hätten wir die Predigt verpasst. Die Sonne schien so schön, und wir wollten eigentlich eine Fahrradtour mit den Kindern machen. Im letzten Moment erinnerte mich Richard an Erics Verabschiedung von der Gemeinde, die wir nicht verpassen sollten.

Ich weiß nicht, was Eric dazu bewegt hat, von der TB-Epidemie zu sprechen. Doch durch diese Fügung hat sich mir eine höhere Macht offenbart.

An diesem Sonntagmorgen fühle ich intuitiv, dass auch ich – so, wie die blutende Frau aus der Bibel – heilen werde. Ich weiß, dass ich irgendwie den Weg in die Vergangenheit zurück finden werde. Diese Gewissheit spüre ich im tiefsten Innern. Dabei kann ich noch nicht wissen, welch langer Weg vor mir liegt. Eine physische, psychische und seelische Reise, die mich zu vielen neuen Orten führt.

Es umhüllt mich ein Licht. Ich sehe und spüre es in diesem Moment und auch noch tagelang danach. Es gibt meiner Welt einen neuen Glanz, und ich folge ihm. Mit dem Gedicht und der Botschaft habe ich auf dem Weg zu mir einen Schlüssel für das schwere Tor gefunden und beginne zu schreiben ...

Kapitel 1: Kinderheilstätte

»Glocken hallten durch das Haus und riefen die Schwestern zum Gebet«

»Angekommen. Hier ist die Kinderklinik«, knurrt der Taxifahrer. »Das macht fünf Mark!«

Erschrocken setze ich mich gerade hin. Tante Rosi streckt ihre Hand aus. Sie hilft Jörgi und mir, über die vorgeklappten Lehnen nach draußen zu klettern.

Es ist dunkel und ruhig, ganz unheimlich. Ich zittere. Tante Rosi schwingt ihren Rucksack auf den Rücken und gibt dem Fahrer das Geld. Er steckt es gleich in die Hosentasche. Er stellt unser Gepäck an der Steinmauer vor einem zugeriegelten Tor ab und zeigt auf einen langen Draht, der oben an einer Glocke befestigt ist. Dann dreht er sich um und geht zum Auto zurück.

»Der war aber nicht sehr freundlich«, flüstert Tante Rosi.

Meine Zähne klappern. Tante Rosi setzt mir eine Mütze auf. Wir stehen vor dem Tor im schwachen Licht. Wann zieht sie endlich an dem Draht? Die Glocke klingt laut und schrill.

Ein großer Mann öffnet das Tor. Er lächelt uns an. Sein Gesicht ist braungebrannt. Die Ärmel seiner grauen Arbeitsjacke sind hochgekrempelt. »Grüß Gott! Wir haben schon auf Sie gewartet«, sagt er. »Ich bin der Hausmeister. Haben Sie eine gute Reise gehabt?« »Ja, wir hatten eine gute Reise«, sagt Tante Rosi und unterdrückt ein Gähnen, das kann ich sehen. »Aber jetzt sind wir froh, dass wir endlich angekommen sind.« Ich weiß nicht, ob ich auch froh sein soll. Eigentlich bin ich gar nicht froh.

Tante Rosi, die jüngere Schwester meines Vaters, war erst einundzwanzig Jahre alt. Da meine Mutter schon ein paar Wochen zuvor in eine Lungenheilstätte im Schwarzwald eingewiesen worden war und mein Vater dienstliche Verpflichtungen hatte, war ihr die schwere Aufgabe zugefallen, uns zur Kinderklinik zu begleiten.

Im Gegensatz zu mir hatte mein damals vierjähriger Bruder eher unklare TB-Symptome aufgewiesen. Doch um weitere Infektionen auszuschließen, hatte das Gesundheitsamt uns beide in eine Kinderheilstätte im Allgäu eingewiesen. Auch wir Kinder waren ein »Risiko für die Bevölkerung«.

Wie weit entfernt von unserem Zuhause die Kinderklinik wirklich war (über 350 Kilometer), konnten mein Bruder und ich uns nicht vorstellen. Weit weg war schlimm genug.

Hans, ein Student und Rosis Freund, fuhr uns an einem sonnigen Tag im Mai 1963 mit seinem beigen Goggo nach Worms. Mit dem Zug ging es dann weiter nach Lindau am Bodensee. Um unser ungeduldiges Umherhüpfen im Abteil im Griff zu halten, steckte unsere Tante uns immer wieder Gummibärchen zu und versorgte uns mit Fleischwurst- und Käsebrötchen.

Es war schon spät am Abend, als wir schließlich in Lindau ankamen und in einem Bus den langen Serpentinenweg zum Dorf hinauf kurvten. Ich war in den Armen meiner Tante eingeschlafen und erst durch das Quietschen der Busbremsen wieder aufgewacht. Die letzte Etappe waren wir dann mit einem Taxi den steilen Berg hinauf durch hohe Tannenwälder zur Kinderklinik gefahren.

Der Hausmeister führte uns einen Weg entlang und trug unsere beiden kleinen Koffer. Ein paar Laternen flackerten, Schatten tanzten auf dem Weg. Mein Bruder und ich hielten Tante Rosi fest an der Hand. Dabei ging ich sehr vorsichtig und passte auf, nicht auf die gepflegten Blumenbeete zu treten, die den Weg einfassten. Mein fester Kinderglaube: Wenn ich nichts falsch mache, darf ich bald wieder nach Hause fahren.

Meine Tante Rosi ging sehr aufrecht und schaute mit eisernem Blick nach vorne. Wir liefen auf das dreigeschossige, weiße Gebäude der »Prinzregent-Luitpold-Kinderheilstätte« zu.

Symmetrische Gebäudeteile winkelten sich beiderseits des Mittelbaus wie Arme nach vorne. Tannen warfen ihre steilen Schatten bis hinauf zum Ziegeldach. Der Wind sauste leise in den Bäumen. Im Licht einer silbernen Mondsichel sah man die Umrisse der hölzernen Terrassen, die sich an der Fassade als zwei dunkle Streifen abzeichneten. Dahinter reihten sich große Fenster. Hohe Glastüren führten in die Zimmer. In manchen schien noch das Licht.

Doch nach und nach erloschen sie. Befremdliche Geräusche unterbrachen die Stille der Nacht: Kinderhusten, trocken und laut.

Der Hausmeister brachte uns in eine Eingangshalle, wo wir eine Schwester antrafen. Ihr Gesicht war lang und blass, ihre Augen dunkel, doch sie sah nicht unfreundlich aus.

Meine Hände sind feucht. Ich klammere mich an Jörgi. Ich merke etwas in meinem Herzen, wie ein kleiner Stein, der dort auf einmal liegt. Vor uns steht eine Frau mit einem weißen langen Kleid. Jörgi und ich starren auf ihre weiße Haube. Sie fällt nicht runter, wenn sie den Kopf bewegt.

»Ich bin Schwester Finaria«, sagt sie. »Du musst Kerstin sein.« Sie beugt sich zu mir hinunter. Ihre Hand ist kalt.

»Guten Abend.« Ich mache einen Knicks, wie ich es gelernt habe. »Und du bist bestimmt der große Bruder, Hans-Jörg.«

Jörgi rückt näher an Tante Rosi. Sie holt aus ihrem Rucksack eine Ledermappe. »Sie können ihn ruhig Jörgi nennen«, sagt Tante Rosi. Sie gibt der Schwester die Mappe. Jörgi steckt der Schwester seine Hand hin und macht einen Diener.

»Guten Abend, Schwester Finaria«, sagt er ganz leise.

Ich lasse Tante Rosis Hand nicht los.

Schwester Finaria lobte unsere Höflichkeit, was unsere Tante, trotz ihrer Müdigkeit, stolz lächeln ließ. Schwester Finaria erklärte ihr, dass das Schriftliche morgen erledigt werden sollte. Die Überweisungspapiere und ärztlichen Unterlagen würde der Chefarzt bis dahin schon in der Hand haben. Um neun Uhr früh am Morgen solle sie mit ihm sprechen. So spät am Abend wären die Kinder und ihre Tante doch sicher müde nach der langen Reise. Hausmeister Finkelstein bringe sie zur Übernachtung zum Bauernhof hinter der Klinik.

Wir hingen mit unseren Augen an unserer Tante, als wollten wir sie nie wieder loslassen. Sanft ermahnte sie uns, dass wir alles tun sollten, was die Schwester uns sagte. An der Tür drehte sie sich noch einmal kurz um und winkte uns zu.

»Ihr müsst ganz leise sein, wenn wir die Treppe hochgehen«, sagt die Schwester und legt den Zeigefinger auf ihren Mund.

»Die anderen Kinder schlafen schon.«

Jörgi und ich klettern hinter ihr her die Treppe rauf. Meine Beine wollen nicht mit. Ich muss ständig gähnen. Das weiße Kleid vor mir wippt immer höher. Die Gummisohlen der Schwester quietschen auf dem Boden.

Jörgi flüstert in mein Ohr: »Nur eine Nacht, morgen fahren wir wieder nach Hause.« Auf Station 2 A öffnet uns eine neue Schwester eine Tür aus Glas wie Milch. Sie führt uns einen ganz langen Flur entlang. Alle Türen sind zu. Schwester Finaria klopft leise an eine Tür. Eine andere Schwester steht vor mir. Sie sieht alt aus, mit vielen Falten im Gesicht wie meine Uromi. Ihre Lippen sind fest zusammengepresst. Meine Wolljacke und mein Mantel zittern mit mir.

»Schwester Maria, hier ist Kerstin«, flüstert Schwester Finaria. »Sie kommt in Ihr Zimmer.«

Jörgi hält meine Hand so fest, dass es mir weh tut. Schwester Finaria zerrt Jörgi von mir weg. »Er wird auf der Station 2 B schlafen, dort ist gestern ein Bett freigeworden.«

Schwester Maria nimmt mich auf den Arm und geht schnell mit mir in den Schlafsaal. Sie macht die Tür zu. Jörgis Stimme kann ich immer noch hören. Er weint sogar ein bisschen: »Ich will bei Kerstin bleiben.« Meine Stimme wimmert: »Jörgi, Jörgi!«

»Du musst ruhig sein!«, flüstert Schwester Maria.

Sie ist nett, aber streng. Ich bin gleich still vor Angst und bewege mich nicht. Sie hält mich in ihren Armen. Ich bin schlaff, wie ohne Knochen. Sie holt meinen Schlafanzug aus dem Koffer. Mir ist jetzt alles egal. Ich lasse mich von ihr ausziehen. Ich bin so müde. Im Bett dreht sich alles im Kreis. Weit weg höre ich Jörgi immer wieder rufen: »Kerstin! ... Kerstin! ...«

Warme Sonnenstrahlen streicheln am nächsten Morgen meine Wangen. Im Schlafsaal ist es ruhig. Ich reibe meine Augen und höre, wie meine Mutti leise lacht und sagt:

»Das Sandmännchen war da. Kerstin, steh auf!«

Doch dann weiß ich es wieder: Mutti ist gar nicht da, sie ist krank und weit weg! Fast alle Kinder neben mir schlafen noch. Ein paar sind schon wach und ziehen sich alleine an. Schwester Maria läuft herum und macht ihre Bettdecken glatt.

Ich schaue mich um. Wo sind die Märchenfiguren an der Wand und der blaue Wandbehang mit den Katzen? Aber ich bin ja gar nicht zu Hause! Über den Gitterstäben von meinem Bettchen hängt ein Bild mit einem Mädchen. Es steht neben einem riesigen roten Pilz mit weißen Tupfen. Der sieht aus wie der Drehpilz auf dem Spielplatz daheim. Ich darf nicht weinen. Hier müssen alle Kinder ruhig und brav sein. Die Schwestern werden sonst böse.

Viele weiße Metallgitterbettchen reihten sich links und rechts von meinem. Und in jedem Bett lag ein Kind. Neben den Betten standen Stühle, darauf ordentlich zusammengefaltete Kleiderpäckchen.

Über der Tür des Schlafsaals hing ein kleines schwarzes Kreuz. Sonst war alles weiß. Weiße Gardinen, weiße Wände, weiße Betten, weiße Laken und Bettdecken. Der Boden war weiß und blank poliert, und die Schwestern trugen alle weiße Flügelhauben und Gewänder.

»Kinder! Aufwachen!«, ruft Schwester Maria und klatscht in die Hände. Sie kommt auf mich zu: »Kerstin, du musst dich jetzt anziehen.«

Mein Herz pocht. Ich kann mich nicht bewegen. Ich will mich unter die Decke verkriechen. So viele fremde Kinder. Alles ist fremd. Mein Hals wird eng. Ich will weinen. Aber ich muss tapfer sein, hat mein Vati gesagt. Ich rutsche aus dem Bett.

Auf dem Stuhl liegt mein Koffer. Er ist offen, und ich hole das Steiff-Äffchen heraus.

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