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Das Locken der Sirene

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Alle Rechte, einschließlich das der vollständigen oder auszugsweisen Vervielfältigung, des Ab- oder Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten und bedürfen in jedem Fall der Zustimmung des Verlages.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

Tiffany Reisz

Das Locken der Sirene

Erotischer Roman

Aus dem Amerikanischen von
Jule Winter

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Für Jason Isaacs – auch bekannt als
der schönste Mann, den es gibt.
Danke, dass du mein Zachary bist und meine Muse.
Für Alyssa Palmer – mon Canard.
Wenn du die Einzige wärst, die meine Bücher liest,
würde ich dennoch nur für dich schreiben.
Und für B
.

1. KAPITEL

Es gab nichts, das sich mit dem Londoner Nebel vergleichen ließ – hatte es nie gegeben. Und dennoch gehörte der berühmte Londoner Nebel in das Reich der Legenden. In der Realität bestand er nämlich vor allem aus Smog, und auf dem Höhepunkt der industriellen Revolution hatte er Tausende getötet. Er hatte die Stadt mit seinen giftigen Händen erstickt. Zach Easton wusste, dass man ihn in den Büros von Royal House Publishing den Nebel von London nannte. Der abfällige Spitzname stammte von einem Lektorenkollegen, dem Zachs mürrische Art missfiel. Zach hatte nicht viel übrig für diesen Spitznamen und schon gar nicht für den Kollegen, der ihn geprägt hatte. Aber heute war er durchaus bereit, sich diesen Beinamen zu verdienen.

Es war schon nach Feierabend, aber er wusste, er würde John Paul Bonner, den Cheflektor von Royal House Publishing, noch hart arbeitend in seinem Büro antreffen. Und tatsächlich saß J. P. auf dem Fußboden, um ihn herum lauter Manuskriptstapel aufgetürmt wie ein Miniatur-Stonehenge aus Papier.

Zach blieb in der Tür zum Büro stehen und lehnte sich in den Rahmen. Er starrte seinen Cheflektor an und sagte kein Wort. Das brauchte er auch nicht, denn J. P. wusste, warum er hier war. Das wussten sie beide.

„Der Tod reitet zu mir auf dem Easton-Nebel“, sagte J. P. vom Boden, während er sich durch den nächsten Stapel Manuskripte wühlte. „Eine sehr poetische Art zu sterben. Du bist hier, um mich umzubringen, nehme ich an.“

Mit vierundsechzig Jahren, grauem Bart und Nickelbrille war J. P. die fleischgewordene Literatur. Gewöhnlich genoss Zach es, sich mit ihm auf Geplänkel und Wortspiele einzulassen. Heute war er aber nicht in der Stimmung, sich eine Retourkutsche auszudenken. Deswegen war seine Antwort auch nicht lyrisch, sondern beschränkte sich auf ein lakonisches „Ja.“

„Ja?“, wiederholte J. P. „Nur ‚ja‘? Nun, in der Kürze liegt die Würze. Sei so gut und hilf einem alten Mann vom Boden auf, ja, Easton? Wenn ich sterben soll, möchte ich dem Tod aufrecht ins Gesicht blicken.“

Seufzend betrat Zach das Büro, streckte die Hand aus und half J. P. aufzustehen. J. P. tätschelte ihm dankbar die Schulter und sank erschöpft in den Stuhl hinter seinem Schreibtisch.

„Ich bin ohnehin ein toter Mann. Kann ums Verrecken nicht diese verfluchte Druckfahne von Hamlet für John Warren finden. Die hätte ich ihm schon gestern per Post zuschicken müssen. Aber wie sagt man so schön? Glücklich ist, wer eine gute Gesundheit und ein schlechtes Gedächtnis hat. So gesehen bin ich ein sehr, sehr glücklicher Mann.“

Zach betrachtete J. P. einen Augenblick und verfluchte ihn im Stillen, weil er so ein netter Kerl war. Seine Bewunderung für seinen Chef würde dieses Gespräch sicher noch viel unangenehmer machen. Er trat an eines der Bücherregale, die die Wände säumten, und fuhr mit der Hand über das oberste Regalbrett. Er kannte J. P.s Angewohnheit, wichtige Papiere immer dort zu lagern, wo er sie nicht finden konnte. Zachs Finger stießen gegen ein Manuskript. Er holte es herunter und warf es auf J. P.s Schreibtisch, wo sich eine kleine Staubwolke daraus erhob.

„Ich danke dir.“ J. P. hustete und legte eine Hand aufs Herz. „Du hast mein Leben gerettet.“

„Und jetzt werde ich derjenige sein, der dich umbringt.“

J. P. betrachtete Zach nachdenklich. Dann zeigte er einladend auf den Stuhl vor seinem Schreibtisch. Nur widerstrebend setzte Zach sich und zog seinen grauen Mantel enger um die Schultern, als handle es sich um seine Rüstung.

„Easton, schau“, begann J. P., aber weiter ließ Zach ihn nicht kommen.

„Nora Sutherlin?“ Zach sprach den Namen so verächtlich aus, wie er nur konnte. Und im Moment empfand er eine Menge Verachtung. „Das soll wohl ein Scherz sein.“

„Ja, Nora Sutherlin. Ich habe lange darüber nachgedacht. Habe mir ausgiebig ihre Verkaufszahlen angeschaut. Ich finde, wir sollten sie abwerben. Und ich will, dass du mit ihr arbeitest.“

„Das werde ich auf keinen Fall tun. Sie schreibt Pornografie.“

„Es ist keine Pornografie.“ J. P. blickte Zach streng über das Halbrund seiner Brillengläser an. „Es ist Erotik. Sehr gute Erotik.“

„Ich hatte ja keine Ahnung, dass es so etwas gibt.“

„Ich sage dazu nur zwei Worte: Anaïs Nin“, konterte J. P.

„Dann sage ich zwei weitere Worte: Booker Prize.“

J. P. atmete hörbar aus und lehnte sich in seinem Stuhl zurück.

„Easton, ich kenne deine Erfolgsgeschichte. Du bist eines der größten Talente, die es derzeit in der Verlagsbranche gibt. Wenn dem nicht so wäre, hätte ich nicht so viel Geld bezahlt, um dich nach New York zu holen. Und ja, es stimmt. Deine Autoren haben den Booker Prize gewonnen.“

„Und Whitbreads, Silver Daggers …“

„Aber der Erfolg von Sutherlins letztem Buch hat den von deinem Whitbread-Autor und deinem Silver-Dagger-Autor zusammen übertroffen. Wir stecken gerade in einer Rezession, falls dir das noch nicht aufgefallen ist. Bücher sind ein Luxusgut. Was man nicht essen kann, kauft im Moment kaum jemand.“

„Und Nora Sutherlin soll die Antwort sein?“, wollte Zach wissen.

J. P. grinste. „Janie Burke von der Times hat ihr letztes Buch als ‚höchsten Genuss‘ bezeichnet.“

Zach schüttelte den Kopf und blickte verärgert zur Decke. „Sie ist allenfalls eine Gossenschreiberin“, sagte er. „Ihr Verstand kommt aus der Gosse, ihre Bücher gehören in die Gosse. Ich wäre nicht überrascht, wenn ihr letztes Verlagshaus seine Büros in der Gosse hätte.“

„Sie ist vielleicht ein Gossenkind. Aber jetzt ist sie unser Gossenkind. Nun ja, dein Gossenkind.“

„Wir sind hier nicht bei My Fair Lady. Ich bin nicht Professor Henry Higgins, und sie ist keine verfluchte Eliza Doolittle.“

„Wer sie auch ist, eines steht fest: Sie ist eine verflixt gute Autorin. Das würdest du wissen, wenn du dir die Mühe gemacht hättest, eines ihrer Bücher zu lesen.“

„Ich habe für diesen Job England verlassen“, erinnerte Zach ihn. „Ich habe einen der angesehensten Verlage Europas hinter mir gelassen, weil ich hier mit den besten jungen Autoren Amerikas arbeiten wollte.“

„Sie ist jung. Und Amerikanerin.“

„Ich habe doch nicht England und mein Leben …“ Zach hielt inne, ehe er sagen konnte: und meine Frau zurückgelassen. Schließlich hatte seine Frau ihn zuerst verlassen.

„Dieses Buch hat echtes Potenzial. Sie hat es uns vorgelegt, weil sie bereit für einen Wechsel ist.“

„Gib ihr zwei Zehner für ’nen Zwanziger, wenn sie was wechseln will. Ich gehe in sechs Wochen nach L. A. Ich kann einfach nicht glauben, dass ich alles stehen und liegen lassen soll, um meine letzten sechs Wochen an Nora Sutherlin zu verschenken. Keine Chance!“

„Ich habe deinen Posteingang gesehen, Easton. Der ist nicht so voll, als dass du nicht mit Sutherlin arbeiten kannst, während du deine anderen Sachen hier abwickelst. Also erzähl mir nicht, du hättest keine Zeit dafür. Wir wissen beide, dass es nicht an Zeit fehlt, sondern an der Lust.“

„Also gut. Ich habe weder Zeit noch Lust, Erotik zu lektorieren. Nicht einmal gute Erotik, wenn es so etwas überhaupt gibt. Ich bin nicht der einzige Lektor hier. Gib das Manuskript doch Thomas Finley“, sagte Zach. Thomas Finley war der Kollege, den er am wenigsten mochte und dem er seinen Spitznamen zu verdanken hatte. „Oder meinetwegen Angie Clark.“

„Finley? Diesem Weichei? Er wird versuchen, sich an Sutherlin ranzumachen, und sie wird ihn bei lebendigem Leib verspeisen. Wenn man ihm ins Gesicht schlagen würde, wüsste er nicht einmal, wie man anständig blutet.“

Zach hätte fast zustimmend gelacht, ehe ihm wieder einfiel, dass er sich gerade mit J. P. stritt. „Und was ist mit Angie Clark?“

„Sie ist im Moment zu beschäftigt. Außerdem …“

„Was außerdem?“, wollte Zach wissen.

„Clark fürchtet sich vor ihr.“

„Kann ich ihr kaum verdenken“, erklärte Zach. „Ich habe gehört, sogar erwachsene Männer flüstern ihren Namen auf gewissen Partys nur, statt ihn laut auszusprechen. Es gibt das Gerücht, sie habe sich ihren ersten Buchvertrag durch Sex erkauft.“

„Das Gerücht habe ich auch gehört. Aber für diesen Buchvertrag hat sie sich nicht hochgeschlafen. Leider“, fügte J. P. verschmitzt grinsend hinzu.

„In Rachel Bells Blog habe ich gelesen, sie trägt außerhalb ihres Hauses immer nur Rot. Sie sagt, Sutherlin hat einen sechzehnjährigen Jungen bei sich wohnen, der als ihr persönlicher Assistent arbeitet.“

J. P. lächelte ihn an. „Ich glaube, sie nennt ihn lieber ihren ‚Praktikanten‘ als ihren ‚persönlichen Assistenten‘.“

Zach wäre beinahe an seiner eigenen Enttäuschung erstickt. Er war eigentlich schon auf dem Weg nach Hause gewesen und hatte bereits den Mantel angezogen, als ihm ein Teufelchen einflüsterte, er solle lieber noch mal seine E-Mails checken. Darin hatte sich eine Nachricht von J. P. befunden, in der er schrieb, er denke darüber nach, die Erotikautorin Nora Sutherlin und ihr letztes Buch als Spitzentitel für den Herbst unter Vertrag zu nehmen. Und da Zach in den paar Wochen, bevor er nach L. A. ginge, nicht mehr allzu viel zu tun habe …

„Ich brauche dich für diese Aufgabe. Dich und keinen anderen“, erklärte J. P.

„Warum bin ich der Einzige, der mit ihr auskommt?“

„Mit ihr auskommt?“ J. P. gluckste, ehe er plötzlich sehr ernst wurde. „Hör mir zu. Niemand kommt mit Nora Sutherlin aus. Nein, du bist einfach der Einzige, den ich zur Hand habe und der ihr wenigstens auf Augenhöhe begegnet. Easton … Zach. Bitte, hör mich an.“

Zach schluckte und zwang sich, wenigstens einen Augenblick zu entspannen. Es passierte wirklich sehr selten, dass John Paul Bonner jemanden mit dem Vornamen ansprach.

„Sie schreibt Liebesromane, J. P.“, erklärte Zach ruhig. „Ich hasse Liebesromane.“

Mitfühlend erwiderte J. P. seinen Blick.

„Ich weiß, du hast im letzten Jahr die Hölle durchgemacht. Ich habe deine Grace mal kennenlernen dürfen, weißt du noch? Ich weiß also, was du verloren hast. Aber Sutherlin … Sie ist gut. Wir brauchen sie.“

Zach atmete ganz langsam tief durch.

„Hat sie den Vertrag bereits unterzeichnet?“, fragte er.

„Nein. Wir verhandeln noch.“

„Gibt es wenigstens schon eine mündliche Vereinbarung?“

J. P. musterte ihn misstrauisch. „Noch nicht. Ich habe ihr erklärt, wir müssten erst die Zahlen sehen und würden uns dann bei ihr melden. Aber wir tendieren zu einem Ja. Warum?“

„Ich muss erst mit ihr reden.“

„Das ist doch schon mal ein Anfang.“

„Und ich werde das Manuskript lesen. Wenn ich denke, es gibt irgendeine Möglichkeit, dass sie – wir – etwas Anständiges aus ihrem Buch machen können, schenke ich ihr meine letzten sechs Wochen in New York. Aber das Buch geht erst dann in Druck, wenn ich es abgesegnet habe.“

J. P.s Blick bohrte sich in Zachs, aber er weigerte sich, zu blinzeln oder den Blick abzuwenden. Er war es gewohnt, bei all seinen Büchern das letzte Wort zu haben. Er würde diese Macht nicht aufgeben. Nicht für J. P., nicht für Nora Sutherlin. Für niemanden.

„Easton, hör mal. Ein Buch von Dan Brown wird sich in einem Monat häufiger verkaufen als alle Bücher in der Lyrikabteilung einer Buchhandlung in fünf Jahren. Sutherlins ‚Pornografie‘, wie du es nennst, könnte diesem Verlag eine Menge Lyrik finanzieren.“

„Ich will den Vertrag in den Händen haben, J. P. Sonst werde ich mich nicht einmal mit ihr treffen.“

J. P. lehnte sich im Bürostuhl zurück und seufzte schwer.

„Also gut. Sie gehört dir. Sie hat ein hübsches Haus drüben in Connecticut. Nimm den Zug. Nimm meinetwegen mein Auto, es ist mir egal. Sie ist am Montag wieder zu Hause, hat sie gesagt.“

„Also gut, dann ist es beschlossen.“ Zach wusste, dass er damit höchstwahrscheinlich gerettet war. Wenn er es darauf anlegte, konnte Zach zu seinen Autoren gnadenlos sein und ihnen ohne Rücksicht auf Verluste alle Schwächen ihres Buches aufzählen. Die großen Autoren nahmen diese Kritik an und machten etwas daraus. Die Schreiberlinge konnten nicht mit ihr umgehen. Wenn er nur hart genug mit ihr ins Gericht ging, würde sie schon bald um einen anderen Lektor betteln.

Da ihr Streit jetzt vorerst beigelegt war, erhob Zach sich müde vom Stuhl und marschierte mit hängenden und schmerzenden Schultern Richtung Tür.

Ein leises Hüsteln sorgte dafür, dass Zach an der Tür innehielt und sich noch einmal umdrehte. J. P. wich seinem Blick aus. Seine Hand fuhr über die erste Seite des Hamlet-Manuskripts, das als Druckfahne vor ihm lag. „Du solltest das Buch wirklich lesen, wenn es herauskommt“, sagte er und tippte mit einem Finger auf die Seite. „Es enthält wahrlich faszinierende neue Erkenntnisse über den vorgetäuschten Wahnsinn Hamlets … ‚Ich bin nur toll bei Nordnordwest …‘“

„Aber wenn der Wind südlich ist, kann ich einen Falken von einem Reiher unterscheiden“, vollendete Zach das berühmte Zitat.

„Sutherlin ist genauso verrückt, wie Hamlet es einst gewesen sein soll. Glaub nicht alles, was du über sie gehört hast. Diese Lady kann ihre Falken von den Reihern unterscheiden.“

„Lady?“

J. P. schloss das Buch und gab auf diese implizierte Beleidigung keine Antwort. Zach wandte sich wieder zum Gehen.

„Weißt du, irgendwann solltest du das mal ausprobieren, Easton.“

„Was? Den Wahnsinn?“, fragte Zach.

„Nein. Glücklich sein.“

„Glücklich sein?“ Zach erlaubte sich ein verbittertes Grinsen. „Ich fürchte, dafür ist mein Gedächtnis einfach zu gut.“

Zach ließ J. P. zurück und kehrte in sein eigenes Büro zurück. Seine Assistentin Mary hatte ihm ein Paket auf den Schreibtisch gelegt. Er öffnete den großen Umschlag, und Nora Sutherlins Manuskript fiel zusammen mit einem dünnen Schnellhefter heraus. Auf die Vorderseite des Hefters hatte Mary eine Notiz geklebt: Chef, hier ist das Buch nebst Bio von N. S.

Zach öffnete den Schnellhefter und überflog Sutherlins Biografie. Sie war dreiunddreißig Jahre alt, also ungefähr zehn Jahre jünger als er. Ihr erstes Buch hatte sie mit neunundzwanzig veröffentlicht. Seither waren fünf weitere Bücher gefolgt. Ihr zweites Buch, das den schlichten Titel Rot trug, hatte für eine kleine Sensation gesorgt – großartige Verkaufszahlen, ein ordentlicher Medienrummel. Zach schaute sich die Zahlen an, die dem Hefter beigefügt waren. Jetzt verstand er, warum J. P. so sehr darauf drängte, sie unter Vertrag zu nehmen. Mit jeder folgenden Veröffentlichung hatten sich ihre Verkaufszahlen beinahe verdoppelt. Zach dachte an das wenige, was er über Erotikautorinnen wusste. Aktuell war Erotik so ziemlich der einzige Wachstumsmarkt in der Buchbranche. Aber beim Verlegen sollte es nicht ums Geld gehen. Sondern um die Kunst.

Zach warf Sutherlins Biografie und ihre Verkaufszahlen in den Papierkorb. Seine Philosophie, was das Lektorieren anging, hatte er sich von der alten New-Criticism-Bewegung abgeschaut. Es ging allein ums Buch. Nicht um den Autor, nicht um den Markt, nicht um den Leser – ein Buch wurde allein anhand des Buches beurteilt. Er sollte ihm also egal sein, dass Gerüchte besagten, Nora Sutherlins Privatleben wäre genauso heiß und sinnlich wie ihre Prosa. Einzig ihr Buch zählte. Und dafür hegte er keine allzu großen Hoffnungen.

Skeptisch musterte er das Manuskript. Mary wusste, er bevorzugte es, Bücher gedruckt zu lesen. Aber dieses Mal spürte er förmlich den Spaß, den es ihr bereitet hatte, die Seiten inklusive Deckblatt für ihn auszudrucken. Quer über das scharlachrot gehaltene Cover erstreckte sich in greller Gothikschrift der Titel Der Trostpreis. Fast ausnahmslos alle Lektoren änderten den Titel eines Buchs vor seinem Erscheinen noch. Aber er musste zugeben, dass es eine interessante Wahl für einen Erotikroman war. Er schlug das Manuskript auf und las den ersten Satz: Ich will diese Geschichte ebenso wenig aufschreiben, wie du sie lesen willst.

Zach hielt inne, als er den Schatten von etwas Altem und Vertrautem spürte, das sich flüsternd über seine Schulter schob. Er verdrängte das Gefühl und las den Satz ein zweites Mal. Dann den nächsten und den nächsten …

3. KAPITEL

Betäubend.

Als Lektor zwang Zach seine Autoren oft, tief zu graben, das Offensichtliche beiseitezuschieben und das perfekte Wort für jeden Satz zu finden. Und das perfekte Wort für diese Buchpräsentation, die zu besuchen man ihn gezwungen hatte? Betäubend.

Zach durchquerte den Raum mit steifen Schritten und sagte kaum mehr als ein gelegentliches Hallo zu dem einen oder anderen bekannten Gesicht. Er war nur gekommen, weil J. P. ihm die Daumenschrauben angelegt hatte und Rose Evely – der Ehrengast – nun seit dreißig Jahren Autorin bei Royal House war. Was war das nur für eine lächerliche Feier. Jemand hatte die Lichter gedimmt, um eine Atmosphäre wie im Nachtclub zu schaffen, aber keine noch so geschickte Lichtspielerei würde aus dem banalen Bankettsaal des Hotels jemals etwas anderes machen als einen beigefarbenen Kasten. Er ging zu der Wendeltreppe in der Ecke des Raumes und schaute immer wieder auf die Uhr. Wenn er zwei Stunden auf dieser Feier überleben würde, reichte das vielleicht, um den sozialen Schmetterling, der sich sein Boss nannte, zu befriedigen.

Er ließ seinen Blick über die Menge schweifen und sah seine achtundzwanzig Jahre alte Assistentin, die gerade versuchte, ihren frisch angetrauten Ehemann zu überreden, mit ihr zu tanzen. In seiner ersten Woche bei Royal hatte er mit freudiger Überraschung erfahren, dass seine temperamentvolle Assistentin genau wie er jüdisch war. Er hatte sie damit aufgezogen, noch nie zuvor eine Jüdin namens Mary kennengelernt zu haben, und nannte sie ab da seine Pseudoschickse. Mary nannte ihn trotz ihrer liebreizenden Schroffheit immer nur Boss.

J. P. stand mit Rose Evely zusammen. Beide waren seit Jahrzehnten glücklich mit ihren jeweiligen Ehepartnern verheiratet, aber das hielt J. P. nicht davon ab, mit jeder Frau zu flirten, die die Geduld hatte, seinen literarischen Ausschweifungen zuzuhören. Auf dieser miserablen Party schienen sich tatsächlich alle zu amüsieren. Warum konnte er das nicht?

Ein weiterer Blick auf die Uhr.

„Ich kann Sie retten, wenn Sie wollen.“ Die Stimme kam von über ihm.

Zach wirbelte herum und schaute nach oben. Dort, am oberen Ende der Treppe, stand Nora Sutherlin und lächelte ihn an.

„Mich retten?“ Er hob fragend eine Augenbraue.

„Vor dieser Party.“ Sie lockte ihn mit ihrem Zeigefinger.

Zachs gesunder Menschenverstand warnte ihn, dass die Treppe hinaufzusteigen eine ganz schlechte Idee war. Doch seine Füße überstimmten seinen Geist, und er stieg die paar Stufen hinauf und gesellte sich zu Nora auf die Plattform. Er ließ seinen missbilligenden Blick über ihre Kleidung gleiten. Am Morgen in ihrem Haus hatte sie einen unförmigen Pyjama getragen, der abgesehen von ihrer überbordenden Persönlichkeit alles von ihr verborgen hatte. Jetzt sah er in voller Pracht, was er sich zuvor nur hatte vorstellen können.

Natürlich trug sie Rot. Blutrot. Allerdings nicht sehr viel davon. Das Kleid fing direkt an ihren Brustwarzen an und endete im oberen Viertel ihrer Oberschenkel. Sie hatte wundervolle Kurven, die auch der dramatische, bis zum Boden reichende rote Mantel, den sie über dem Kleid trug, nicht verbergen konnte. Ihre schwarzen geschnürten Lederstiefel reichten bis zum Knie. Piratenstiefel und ein schelmisches Lächeln an einer wunderschönen schwarzhaarigen Frau – zum ersten Mal seit langer Zeit fühlte Zach sich nicht wie betäubt.

„Woher wussten Sie, dass ich von dieser Party errettet werden musste, Ms Sutherlin?“ Zach lehnte sich rücklings gegen das Geländer und verschränkte die Arme vor der Brust.

„Ich habe Sie seit Ihrer Ankunft von meinem kleinen Krähennest hier beobachtet. Sie haben vielleicht fünf Wörter mit vier Leuten gewechselt, dreimal in genauso vielen Minuten auf die Uhr geschaut und J. P. etwas zugeflüstert, was, wenn ich seine Miene richtig deute, eine Todesdrohung gewesen ist. Sie sind gegen Ihren Willen auf dieser Feier. Und ich kann Sie hier rausbringen.“

Zack schenkte ihr ein selbstironisches Lächeln.

„Unglücklicherweise haben Sie recht. Ich bin gegen meinen Willen hier, und ich frage mich, wieso Sie hier sind. Hatte ich Ihnen nicht eine Hausaufgabe gegeben?“ Er erinnerte sich an die überhastete Entscheidung heute Morgen, ihr die Chance zu gewähren, ihn zu beeindrucken.

„Das haben Sie. Und ich war ein gutes Mädchen und habe sie gemacht. Sehen Sie?“

Er versuchte, nicht hinzusehen, als sie mit zwei Fingern in ihr Dekolleté fuhr und ein zusammengefaltetes Stück Papier herausholte, doch es gelang ihm nicht. Sie reichte ihm den Zettel. Er war noch ganz warm von ihrer Haut.

„Das ist es?“ Er sah nur drei Absätze auf der Seite.

„Beurteilen Sie ein Buch nicht anhand seiner Verfasserin. Lesen Sie einfach.“

Zach schaute sie noch einmal an und wünschte, er hätte es nicht getan. Jedes Mal, wenn er sie ansah, fand er etwas anderes, was ihn anzog. Ihr Mantel war über ihre Schulter gerutscht und gab den Blick auf ihre blasse definierte Schulter frei. Definiert? Seinem kleinen Autor wurde bei ihren Kurven ganz schwummerig. Sie war zäher, als sie aussah.

Zach riss sich zusammen, wandte sich von ihr ab und hielt den Zettel so ins Licht, dass er etwas lesen konnte.

Das Erste, was sie an ihm bemerkte, waren seine Hüften. Die Augen mochten das Fenster zur Seele sein, aber die Lenden eines Mannes waren der Sitz seiner Kraft. Sie bezweifelte, dass er seine Kleidung selber ausgesucht hatte – die perfekt sitzende Jeans und das schwarze T-Shirt, das seinen straffen Bauch bedeckte und so die Aufmerksamkeit auf seinen Unterkörper lenkte. Doch er trug sie, und nun verlor sie sich in dem Gedanken, mit ihren Lippen diese köstliche Kuhle zu liebkosen, die sich zwischen der weichen Haut und dem elegant hervorstehenden Hüftknochen bildete.

Schließlich musste sie ihm in die Augen schauen. Nur widerstrebend ließ sie den Blick zu seinem Gesicht gleiten, das so elegant und kantig war wie der Rest von ihm. Blasse Haut und dunkles, raspelkurz geschnittenes Haar standen im Kontrast zu den Augen, die die Farbe von Eis hatten. Seine Augen sind aus Gletschereis, dachte sie. Sie sprachen von verborgenen Tiefen. Er war ein schöner Mann, dazu gemacht, von einer intelligenten Frau bewundert zu werden.

Schlank und groß mit dem Körper eines Athleten, war er für sie der Inbegriff von Männlichkeit. Die Welt verblasste in seiner Gegenwart, und jetzt, wo er nicht mehr da war, blieb ihr nichts als die ebenso machtvolle Leere, die er hinterlassen hatte.

Zach las den Text noch einmal und versuchte dabei das verstörend angenehme Bild einer Nora Sutherlin zu verscheuchen, die seine nackten Hüften mit ihren Lippen liebkoste.

„Mir ist aufgefallen, dass Sie in Ihren Büchern normalerweise von langen beschreibenden Szenen Abstand nehmen“, sagte er.

„Ich weiß, die Leute denken, bei Erotika handelt es sich um nichts anderes als schlichte Liebesromane, in denen es etwas rauer zur Sache geht. Das stimmt aber nicht. Wenn sie überhaupt einem Subgenre zugeordnet werden kann, dann dem Horror.“

„Horror? Ist das Ihr Ernst?“

„Liebesromane bestehen aus Sex plus Liebe. Erotikromane sind Sex plus Angst. Sie haben doch Angst vor mir, oder nicht?“

„Ein wenig“, gab er zu und rieb sich den Nacken.

„Ein kluger Horrorautor wird nie zu viel über das Monster schreiben. Die Vorstellungskraft des Lesers ist viel besser darin, eigene Dämonen heraufzubeschwören. In Erotikromanen wünscht man sich daher die Protagonisten nie zu genau beschrieben. So können die Leser sowohl ihre eigene Fantasie als auch ihre eigenen Ängste einfließen lassen. Erotik ist immer eine Gemeinschaftsarbeit von Autor und Leser.“

„Inwiefern?“, fragte Zach. Er war fasziniert, dass Nora Sutherlin ihre eigenen Theorien über Literatur hatte.

„Erotik zu schreiben ist, als würde man jemanden zum ersten Mal ficken. Man ist nicht so ganz sicher, was er gerne mag, und deshalb versucht man, ihm alles zu geben, was er wollen könnte. Alles und mehr …“ Sie zog die Worte genießerisch in die Länge, wie eine Katze, die sich in der Sonne rekelt. „Man berührt jeden Nerv, und vielleicht gelingt es schließlich, den einen Nerv zu treffen. Habe ich bei Ihnen bisher irgendwelche getroffen?“

Zach biss die Zähne zusammen. „Keinen von denen, auf die Sie gezielt haben.“

„Sie wissen ja gar nicht, worauf ich gezielt habe. Aber zurück zu meinen Hausaufgaben: Was halten Sie davon?“

„Könnte besser sein.“ Er faltete das Papier wieder zusammen.

„Es ist ja nur ein erster Entwurf.“ Sie sagte es, ohne dass es wie eine Entschuldigung klang. Dann schaute sie ihn mit dunklen, erwartungsvollen Augen an.

„Die letzte Zeile ist die stärkste. Blieb ihr nichts als die ebenso machtvolle Leere, die er hinterlassen hatte.“ Zach wusste, dass er ihr das Blatt zurückgeben sollte, aber aus irgendeinem ihm unerfindlichen Grund steckte er es in seine Jackentasche. „Das ist gut.“

Sie schenkte ihm ein träges, gefährliches Lächeln.

„Das sind Sie.“

Zach schaute sie einen Moment lang an, dann holte er den Zettel noch einmal heraus.

„Das bin ich?“ Er wurde rot.

„Jeder einzelne, schlanke Zentimeter von Ihnen. Ich habe es geschrieben, sobald Sie heute mein Haus verlassen haben. Unnötig zu sagen, dass Ihr Besuch mich inspiriert hat.“

Zach schluckte und faltete das Blatt erneut auseinander. Raspelkurz geschnittenes Haar … eisfarbene Augen … Jeans, schwarzes T-Shirt … Das war er tatsächlich.

„Entschuldigen Sie …“ Zach versuchte die Kontrolle über die Unterhaltung zurückzugewinnen. „Aber habe ich Sie heute früh nicht wiederholt beleidigt?“

„Ja, das war sehr anregend. Ich mag Männer, die gemein zu mir sind. Ihnen kann ich eher vertrauen.“

Sie neigte den Kopf, und ihr widerspenstiges schwarzes Haar fiel ihr in die Stirn und verbarg ihre grünschwarzen Augen.

„Verzeihen Sie, ich bin gerade sprachlos.“

„Es war doch Ihr Befehl“, erwiderte sie. „Sie haben mir gesagt, ich soll aufhören, über das zu schreiben, was ich kenne, und anfangen, darüber zu schreiben, was ich kennenlernen will. Und ich will Sie kennenlernen.“

Sie trat einen Schritt näher, und Zachs Herz sackte nach unten und landete irgendwo in der Nähe seiner Leiste.

„Wer sind Sie, Ms Sutherlin?“ Er wusste selber nicht genau, was er mit dieser Frage meinte.

„Ich bin nur eine Autorin. Eine Autorin namens Nora. Und so können Sie mich auch nennen, Zach.“

„Gut, Nora. Es tut mir leid. Ich bin es nicht gewohnt, von meinen Autoren angebaggert zu werden. Vor allem nicht, nachdem ich sie verbal missbraucht habe.“

Noras Augen blitzten vergnügt auf.

„Verbal missbraucht? Zach, wo ich herkomme, ist ‚Schlampe‘ ein Kosename. Wollen Sie sehen, woher ich komme?“

„Nein.“

„Schade.“ Sie klang weder überrascht noch enttäuscht. „Wo sollen wir denn jetzt mal hingehen? Ich habe Ihnen doch versprochen, Sie vor dieser Party zu retten, oder nicht?“

„Ich sollte lieber nicht mitgehen.“ Was würde geschehen, sobald er mit Nora allein wäre? Er sollte es wohl lieber bleiben lassen.

„Kommen Sie, Zach. Diese Party ist öde. Ich hatte schon PAP-Tests, die mehr Spaß gemacht haben.“

Zach verbarg sein Lachen hinter einem vorgetäuschten Husten.

„Ich muss zugeben, Sie können mit Worten umgehen.“

„Also werden Sie mein Lektor? Bitte!“ Sie klimperte in gespielter Unschuld mit den Wimpern. „Sie werden es nicht bereuen.“

Zach schaute zur Decke, als stünde dort ein Hinweis, worauf er sich gerade einließ. Nora Sutherlin … Ihm blieben nur noch sechs Wochen in New York, ehe er seine Zelte abbrechen und nach L. A. gehen würde. Warum dachte er überhaupt darüber nach, sich mit Nora Sutherlin und ihrem Buch zu befassen? Er wusste es. Weil es in seinem Leben im Moment sonst nichts anderes gab. Er mochte Mary und genoss es, für J. P. zu arbeiten. Doch er hatte in New York keine Freundschaften geschlossen, war keine wie auch immer gearteten Bindungen eingegangen. Er hatte sich nicht einmal erlaubt, auch nur darüber nachzudenken, sich mit Frauen zu verabreden. In einem Anfall von Wut hatte er eines Tages seinen Ehering abgenommen und danach keinen Grund mehr gefunden, ihn wieder anzustecken. Er dachte gar nicht daran, sich in seinem jetzigen Zustand irgendeiner Frau aufzudrängen. Die Arbeit mit Nora Sutherlin würde ihn wenigstens von seinem eigenen Elend ablenken. Sie schien der Typ Frau zu sein, der einem half, die Kopfschmerzen zu vergessen, indem sie dein Bett in Flammen setzte.

Er würde es nicht bedauern? Das tat er bereits.

„Sie wissen aber schon, dass eine Zusammenarbeit mit Ihnen sich negativ auf meine Karriere auswirken könnte“, sagte Zach. „Ich stehe für literarische Fiktion, nicht für …“

„Literarische Friktion?“

„Ich kann nicht glauben, dass ich das wirklich tue.“ Zach schüttelte den Kopf.

Nora beugte sich zu ihm herüber. Er war sich plötzlich nur zu sehr der langen, nackten Kurve ihres Halses bewusst. Sie duftete nach Treibhausblumen, die in voller Blüte standen.

„Ich schon.“ Sie hauchte die Worte in sein Ohr.

Zach atmete langsam aus.

„Ich bin ein brutaler Lektor.“

„Ich mag es brutal.“

„Ich werde Sie das ganze Buch neu schreiben lassen.“

„Jetzt versuchen Sie mich heißzumachen, oder? Sollen wir dann mal?“

„Na gut“, gab er endlich nach. „Retten Sie mich.“

„Wenn J. P. Ihnen Ärger macht, weil Sie die Party mit mir gemeinsam verlassen haben, sagen Sie ihm, es war die Idee, dass wir uns an die Arbeit an meinem Buch machen. Mir wird J. P. nicht den Popo versohlen.“

„Da wäre ich mir nicht so sicher.“

„Ich wusste doch, dass es einen Grund gibt, warum ich den Mann so mag.“

„Ich muss noch ein paar Leuten Tschüss sagen, bevor wir gehen.“ Zum Beispiel J. P. Und Mary. Und er war noch gar nicht ihrem Ehemann vorgestellt worden. Und Rose Evely natürlich auch.

„Nein. Das geht nicht“, sagte Nora. „Man verabschiedet sich niemals, wenn man eine Party verlässt. So bleibt immer ein kleines Geheimnis an Ihrer Stelle zurück. Sie werden so viel mehr Spaß daran haben, über uns zu reden, als mit uns zu reden. Können Sie sie schon hören? Zach Easton ist gerade gemeinsam mit Nora Sutherlin gegangen. Sind sie … Sicher nicht … Natürlich sind sie …“

„Sind wir nicht“, sagte Zach bestimmt.

„Ich weiß das. Sie wissen das. Aber die Leute hier wissen es nicht.“

Zach schaute sich im Raum um. Wo er auch hinschaute, sah er Augenpaare, die immer wieder in seine Richtung blickten. Der intensivste Blick kam von Thomas Finley, dem Kollegen, den er am wenigsten leiden konnte. Zach entging nicht, dass Finley weniger ihn als vielmehr Nora anstarrte. Und der Ausdruck in seinen Augen war nicht gerade freundlich.

„Ich ziehe es vor, nicht Gegenstand von allgemeinem Klatsch und Tratsch zu sein“, sagte Zach.

„Zu spät. Aber mit mir zusammen wird es wenigstens richtig guter Klatsch sein.“ Mit kühnem Schritt und erhobenem Haupt ging sie die Wendeltreppe hinunter.

Zach folgte ihr. Die Menge teilte sich, als sie eine blutrote Schneise mitten durch den Raum zog.

Endlich befreit von der erstickenden Party, zog Zach seinen Mantel über und atmete tief die stechend kalte Winterluft ein.

Wenige Sekunden nachdem Nora auf die Straße getreten war, hielt ein Taxi vor ihnen an. Sie glitt mit einer eleganten Bewegung hinein. Zach atmete scharf ein, als ihre Beine mit den schwarzen hohen Stiefeln im Taxi verschwanden. Ein letztes Mal fragte er sich, was, zum Teufel, er da eigentlich tat, bevor er sich neben sie setzte.

Nora sagte nichts, als er sich zu ihr gesellte. Sie drehte nur ihren Kopf zur Seite und schaute in die Nacht hinaus. Sie schien zu versuchen, die Stadt mit ihrem Blick niederzuringen. Er hatte das Gefühl, die Stadt würde als Erste blinzeln.

Nervös rieb Zach die leere Stelle an seinem Finger, wo früher sein Ehering gesteckt hatte. Nora streckte den Arm aus, schloss ihre Hand um seinen Ringfinger und schaute ihn fragend an.

„Grace“, sagte er.

Nora nickte. „Sie haben eine Prinzessin geheiratet.“

Princess Grace – so hatte ihre Mutter sie genannt.

„Sie hasste es, Prinzessin genannt zu werden.“ Zach hörte den Kummer in seiner Stimme.

Nora hob seine Hand und legte sie an ihren Hals. Sie drückte seine Fingerspitzen an ihre Kehle. Unter der warmen weichen Haut war das Klopfen ihres Pulses eindeutig zu spüren.

„Søren“, sagte sie und schaute ihm in die Augen. In deren dunklen gefährlichen Tiefen sah er etwas Menschliches schimmern – nicht nur Mitleid, sondern Mitgefühl. Und er spürte, dass sich in ihm etwas ganz und gar nicht Menschliches regte – nicht Leidenschaft, sondern pure animalische Lust. Einen kurzen Augenblick stellte er sich vor, wie seine Finger sich in ihre Schenkel krallten und ihre Lederstiefel ihm den Rücken zerkratzten. Er riss seinen Blick von ihr los, bevor sie dank ihrer unheimlichen Fähigkeit, in ihm wie in einem offenen Buch zu lesen, dieses Bild in seinen hungrigen Augen sah.

Sie ließ seine Hand in dem Moment los, als das Taxi vor Zachs Apartmenthaus anhielt. Er öffnete die Tür und stieg aus. Er wollte sie hinaufbitten, wollte ein paar Stunden lang seinen Schmerz und die Gründe dafür vergessen. Aber er konnte es nicht, oder? Wegen Grace – obwohl es ihr nichts mehr ausmachte. Zach öffnete den Mund, doch bevor er Nora hineinbitten konnte, streckte sie die Hand aus, um die Tür zu schließen. „Sehen Sie, Zach. Ich hatte Ihnen doch versprochen, Sie zu retten.“

Nora sah, dass Zach dem Taxi noch lange hinterherschaute, bevor er sich umdrehte und in dem Gebäude verschwand. Was für ein wunderbares Wrack von einem Mann. Kingsley sagte immer, wunderschöne Wracks wären ihre Spezialität. Er musste es wissen. Er war ja selber eines.

„Wohin soll es gehen, Lady?“

Nora dachte einen Moment darüber nach. Während der nächsten sechs Wochen würden sie und Zach ihr Buch umschreiben. Wenn er morgen anfangen würde, sie anzutreiben, wäre es vielleicht kathartisch, das heute Nacht schon einmal selber zu tun.

„Lady?“, fragte er Fahrer.

Nora ratterte die Adresse eines New Yorker Stadthauses herunter und hätte beinahe gelacht, als sie im Rückspiegel den erstaunten Blick des Fahrers sah.

„Sind Sie sicher? Das ist kein Ort, an dem ein nettes Mädchen sich nach Einbruch der Dämmerung aufhalten sollte. Oder überhaupt jemals.“

Dieses Mal lachte Nora laut auf. Jeder Taxifahrer in der Stadt kannte Kingsleys Adresse. Niemand, der etwas zu verlieren hatte, würde dort jemals in seinem oder ihrem eigenen Auto vorfahren. Gut, dass sie nicht mehr zu denen gehörte, die etwas zu verlieren hatten.

Nora schaute in die Nacht hinaus. Søren würde sie vermutlich umbringen, wenn sie sich mit einem Typen wie Zach einließe. Einem Mann, der technisch gesehen noch verheiratet war. Aber Søren wütend zu machen war einfach nur ein weiterer Anreiz, es drauf ankommen zu lassen.

„Machen Sie sich keine Sorgen.“ Sie schlug die Beine übereinander und lehnte sich zurück. Dafür, dass er sie zum Lachen gebracht hatte, würde sie dem Taxifahrer einen Hunderter Trinkgeld geben. „Ich bin kein nettes Mädchen.“

4. KAPITEL

Alles tat ihr weh. Rücken, Arme, Handgelenke, Finger, Nacken – einfach alles. Seit Jahren hatte Nora sich nicht mehr so zerschunden gefühlt. Nicht mehr seit der guten alten Zeit. Zach hatte nicht übertrieben – er war ein brutaler Lektor. Und sie hatte auch recht behalten: Er trat ihr ordentlich in den Arsch. Sie lächelte. Sie hatte ganz vergessen, wie sehr sie es liebte, in den Arsch getreten zu werden.

Sie las noch einmal die Anmerkungen durch, die Zach zu ihrem ersten Kapitel gemacht hatte. Es gefiel ihr, dass er eine ziemlich sadistische Ader zu haben schien. Natürlich konnte sie sich nicht vorstellen, wie er sie im echten Leben auspeitschte – was sie sehr schade fand. Aber er war auf jeden Fall sehr geübt darin, jemanden mit Worten zu verletzen. Er war erst seit drei Tagen ihr Lektor, und bisher hatte er sie bereits eine „Schmierenautorin“ genannt, deren Bücher „melodramatisch“, „wahnsinnig“ und „unhygienisch“ waren. Unhygienisch gefiel ihr bisher am besten.

Nora streckte gerade ihren schmerzenden Rücken, als Wesley das Büro betrat und in den Sessel sank, der ihrem Schreibtisch gegenüberstand.

„Wie geht’s mit dem Umschreiben voran?“, fragte er.

„Entsetzlich langsam. Wir sind seit drei Tagen dabei, und ich habe genau … nichts umgeschrieben.“

„Nichts?“

„Zach hat das Buch völlig auseinandergenommen.“ Nora hielt einen Stapel Papier hoch. Am Morgen nach der Buchparty hatte Zach ihr allein für die ersten drei Kapitel ein Dutzend Seiten mit Anmerkungen geschickt.

„Bist du sicher, dass dieser Typ der richtige Lektor für dich ist? Kannst du nicht mit einem anderen arbeiten?“

Nora nahm ihren Teebecher und nippte daran. Sie wollte mit Wesley lieber nicht über die aktuelle Vertragssituation reden. J. P. hatte ihr erklärt, Zach habe das letzte Wort, ob ihr Buch überhaupt veröffentlicht würde. Diesen Teil hatte sie Wesley wohlweislich verschwiegen. Der arme Junge machte sich ohnehin schon viel zu viele Sorgen um sie.

„Anscheinend nicht. John Paul Bonner hat Zach selbst förmlich anflehen müssen, damit er sich überhaupt mit mir trifft.“

Wesley zuckte mit den Schultern und verschränkte die Arme.

„Ich bin nicht sicher, ob ich ihn mag. Er war irgendwie so … ich weiß nicht …“

„Ein Arschloch? In meiner Gegenwart darfst du ruhig Arschloch sagen. Das steht schon in der Bibel“, erinnerte sie ihn mit einem Zwinkern.

„Er hat sich dir gegenüber wie ein Wichser verhalten. Wie klingt das?“

„Zach ist ein Sklaventreiber. Aber das mag ich ja so an ihm. Das bringt gewisse Erinnerungen zurück.“ Sie lehnte sich in ihrem Schreibtischstuhl zurück und lächelte in ihren Tee.

Wesley stöhnte. „Musst du ausgerechnet jetzt Søren erwähnen?“

Nora verzog das Gesicht. Wesley hasste es, wenn sie über ihren früheren Liebhaber sprach.

„Tut mir leid, Kleiner. Aber selbst wenn Zach ein Arschloch ist, macht er immer noch einen verdammt guten Job. Ich habe bei ihm einfach das Gefühl, endlich zu lernen, wie man ein Buch schreibt. Bei Libretto waren Bücher nur Handelswaren. Royal behandelt seine Autoren wie Künstler. Ich glaube, dieses Buch verdient mehr als das, was Libretto ihm geben kann.“

Nora erwähnte nicht, dass Libretto das Buch selbst dann nicht veröffentlichen würde, wenn sie es wollte. Sobald Mark Klein herausgefunden hatte, dass sie auf der Suche nach einem neuen Verlag war, hatte er bis auf den vertraglich erforderlichen Kontakt alle Verbindungen gekappt. Wesley brauchte nicht zu wissen, dass Royal House das einzige angesehene Verlagshaus war, das überhaupt gewillt war, mit ihr zu arbeiten. Trotz des etwas holprigen Starts freute sie sich auf die Zusammenarbeit mit Zach. Er genoss in der Verlagsbranche einen sehr guten Ruf. Außerdem war er umwerfend, und es machte ihr großen Spaß, mit ihm zu flirten. Vor allem weil er so tat, als hasste er sie dafür.

„Worum geht’s eigentlich in diesem Buch?“, wollte Wesley wissen.

„Oh, es ist so etwas wie eine Liebesgeschichte. Nicht meine übliche Junge-trifft-Mädchen-Junge-schlägt-Mädchen-Geschichte. Meine beiden Hauptfiguren lieben sich sehr, aber sie gehören einfach nicht zusammen. Das ganze Buch handelt davon, wie sie sich – gegen ihren Willen – voneinander trennen.“

Wesley zupfte an einem losen Faden, der sich aus dem ramponierten Sesselbezug löste.

„Aber sie lieben sich? Warum gehören sie denn dann nicht zusammen?“

Nora seufzte wehmütig. „Das kann auch nur ein Neunzehnjähriger fragen.“

„Ich mag Happy Ends. Ist das ein Verbrechen?“

„Nein, nur unrealistisch. Du glaubst doch nicht allen Ernstes, zwei Leute könnten sich trennen und irgendwann trotzdem glücklich werden?“

Wesley zögerte. Er neigte dazu, erst zu handeln und dann nachzudenken, aber er dachte stets gründlich nach, ehe er etwas sagte. Sie betrachtete ihn, während er über ihre Frage nachdachte. Wunderschöner Junge. Mit diesen großen braunen Augen und dem süßen hübschen Gesicht konnte er sie auf die Palme bringen. Zum sicher millionsten Mal, seit sie ihn gebeten hatte, bei ihr einzuziehen, fragte sie sich, was, um alles in der Welt, sie sich bloß dabei gedacht hatte, dieses Unschuldslamm in ihre Welt zu zerren.

„Du hast ihn verlassen“, sagte Wesley schließlich. Ihn – Søren.

„Ja.“ Sie biss sich auf die Unterlippe, eine Angewohnheit, die Søren achtzehn Jahre lang versucht hatte, ihr abzugewöhnen. „Das habe ich.“

„Bist du ohne ihn glücklich?“ Wesley schaute sie wieder an.

„An manchen Tagen ja. An anderen fühle ich mich, als hätte man mir einen Arm weggeschossen. Aber in diesem Buch geht es nicht um Søren.“

„Darf ich es lesen?“

„Auf keinen Fall. Vielleicht wenn ich es überarbeitet habe. Oder vielleicht …“

Nora grinste ihn an, und Wesley wirkte plötzlich sichtlich nervös.

Sie stand auf, setzte sich auf die Kante ihres Schreibtischs und stellte je einen Fuß auf die Armlehnen seines Sessels.

„Wir könnten ein Spiel spielen“, schlug sie vor und beugte sich weiter vor. Wesley saß sehr aufrecht im Sessel und drückte den Rücken in die Lehne. „Ich gebe dir mein Buch, wenn ich dafür deinen Körper bekomme.“

„Ich bin dein Praktikant. Das gilt als sexuelle Belästigung.“

„Es steht aber in deiner Jobbeschreibung, dass du sexuell belästigt wirst, schon vergessen?“

Wesley rutschte nervös auf der Sitzfläche herum. Ihr gefiel es, wie nervös sie ihn auch nach über einem Jahr gemeinsamen Wohnens noch machen konnte. Eine dunkelbraune Locke fiel ihm in die Stirn. Sie streckte die Hand aus, um sie zurückzustreichen.

Bevor sie ihn berühren konnte, war Wesley schon unter ihrem Bein hindurchgetaucht und stand nun außer Reichweite.

„Feigling“, neckte sie ihn.

Wesley wollte etwas erwidern, aber sie erstarrten beide, als vom Schreibtisch ein ohrenbetäubendes Klingeln ertönte.

Das Lächeln in Wesleys Augen verschwand, als Nora unter einem Papierstapel ihr Handy hervorholte.

„La Maîtresse am Apparat“, meldete sie sich.

„Das Buch“, sagte Wesley lautlos. Seine Augen flehten sie an.

Das Telefon gegen das Ohr gedrückt, ging Nora auf Wesley zu. Sie kam ihm so nahe, dass er unwillkürlich zurückwich. Sie machte noch einen Schritt auf ihn zu, und wieder wich er zurück.

„Geh, und mach deine Hausaufgaben, Junior“, sagte sie, wofür sie von Wesley das erntete, was für ihn am ehesten einem bösen Blick nahekam.

„Du hast auch Hausaufgaben zu erledigen“, erinnerte er sie.

„Ich studiere aber nicht im Hauptfach Biochemie an einem verflucht brutalen geisteswissenschaftlichen College. Ab mit dir. Die Erwachsenen haben etwas zu besprechen.“

Sie schloss die Tür vor seiner Nase.

„Kingsley“, sagte sie ins Telefon. „Ich hoffe für dich, dass es wichtig ist.“

„Wie immer noch spät am Abend bei der Arbeit.“

Zach schaute von den Notizen zu Noras Buch auf. J. P. stand vor seinem Bür, eine Zeitung unter den Arm geklemmt. Er schaute auf die Uhr.

„Es ist schon nach acht?“ Zach war erschüttert, dass er plötzlich gar nicht mehr mitbekam, wie die Zeit verging. „Guter Gott.“

„Du scheinst da etwas Gutes zu lesen.“ J. P. betrat Zachs Büro und setzte sich.

„Gut möglich. Hier, hör dir das an.“ Zach schlug das Manuskript an einer Stelle auf, die er zuvor markiert hatte, und las laut vor:

Es ist ein Vergnügen, ihr bei der Arbeit zuzusehen. Wenn ich im Büro an meinem Schreibtisch sitze, muss ich nur mit dem Stuhl etwa fünfzehn Zentimeter nach rechts rutschen und kann im Flurspiegel sehen, was in der Küche vor sich geht. Alles ist so unmittelbar und nah, dass ich das Gefühl habe, als Geist mit ihr im selben Raum zu sein.

Und das sehe ich: Caroline, die mit zwanzig immer noch die fohlenhaft schlanken Beine eines viel jüngeren Mädchens hat, schiebt einen Hocker dicht an die Anrichte. Der Hocker wackelt nervös unter ihren Knien, als sie sich daraufkniet und tief durchatmet. Sie öffnet die Vitrine, in der meine Weingläser stehen. Jene mit Absicht völlig willkürliche Sammlung nicht zusammenpassender Gläser, die allesamt älter sind als sie. Ein oder zwei sind sogar noch älter als dieses heranwachsende Land. Sie nimmt die Gläser einzeln vom Regalbrett; ihre zerbrechlichen Stiele beben in ihren zarten Fingern.

Ich habe diesen Augenblick mit Absicht herbeigeführt. Ich hätte sie mit zahllosen Aufgaben traktieren können, mit mühseligen Dienstleistungen. Stattdessen hatte ich beschlossen, sie mit Langeweile zu quälen, weil ich neugierig war, was der Teufel mit ihren untätigen Händen machen würde. Interessant war, dass vor allem die Dinge meines Haushalts, die am leichtesten zerbrechen, ihre Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Mit einem weichen, sauberen Tuch poliert sie jedes Glas. Sie hält die Schale wie ein Vögelchen, streichelt den Stiel wie den Rücken einer sich wohlig rekelnden Katze, wischt jedes alte Flüstern von den Rändern. Ich sehe, wie sie mit den Augen die Gläser abzählt. Ich zähle mit. Dreizehn. Letzte Nacht habe ich ihr die Peitsche gezeigt, doch ich habe sie noch nicht benutzt. Dreizehn – einen Hieb für jedes Glas, das sie ohne meine Erlaubnis berührt hat.

Dreizehn – ich glaube, heute Nacht werde ich sie zuerst auspeitschen und danach den Grund dafür nennen.

Zach schloss das Manuskript und wartete auf J. P.s Reaktion. J. P. pfiff anerkennend, und Zach schaute ihn fragend an.

„Ich glaube, das hat mich gerade ziemlich erregt. Muss ich mir jetzt Sorgen machen?“ J. P. grinste verwegen.

„Da ich die einzige andere Person im Raum bin, sollte ich mir vermutlich sehr viel mehr Sorgen machen“, erwiderte Zach. „Es ist ziemlich gut, nicht wahr? Der Inhalt ist ein bisschen verstörend, aber ihr Schreibstil …“

„Sie hat Talent, das hab ich dir doch gesagt. Ich hoffe, das bedeutet, dass du nicht länger vorhast, mich umzubringen.“

„Dich umbringen?“

J. P. schmunzelte. „Ja, weil ich dich überredet habe, mit Sutherlin zu arbeiten.“

Zach lachte auf. „Nein, ich werde dich nicht umbringen. Aber sag mal – war ich wirklich der einzige Lektor, der mit ihr arbeiten konnte oder wollte?“

„Ich vermute, ich hätte auch jemand anderen dazu überreden können. Allerdings niemanden, der auch nur annähernd so gut ist wie du. Ist auch unwichtig, denn Sutherlin hat nach dir gefragt.“

Zach blickte überrascht auf.

„Wirklich?“

„Nun, nicht direkt nach dir.“ J. P. wirkte etwas verlegen. „Sie hat mir gesagt, ich solle sie mit dem Lektor zusammenbringen, der sie am härtesten rannehmen würde. Dein Name war der erste, der mir einfiel. Und wenn ich ehrlich bin, auch der einzige.“

„Ich nehme sie wohl kaum hart ran.“

„Wie würdest du es denn nennen?“ J. P.s Augen funkelten verräterisch.

„Ich glaube nicht, dass ich die Anspielung in deinem Ton mit einer Antwort würdigen werde. Wir sprechen hier schließlich über das Buch.“

„Ja, ein ziemlich umwerfendes Buch, mit dem du da am Montagabend von Roses Buchparty verschwunden bist.“

„Ich bin Profi“, gab Zach ruhig zurück. „Ich vögle meine Autoren nicht.“

Er behielt aber lieber für sich, wie schmählich nah er davorgestanden hatte, Nora nach der Taxifahrt mit nach oben in seine Wohnung zu bitten. Er konnte es immer noch nicht glauben, dass sie ihn so schnell gepackt hatte. In den zehn Jahren seiner Ehe war er Grace nicht ein einziges Mal untreu gewesen. Er hatte es nie sein wollen. Und dann hatte Nora Sutherlin es innerhalb eines Tages geschafft, Gedanken in seinem Kopf zu wecken, die er jahrelang nicht zugelassen hatte.

„Ich habe sie gesehen. Ich könnt’s dir jedenfalls nicht verdenken, wenn du’s getan hättest. Aber es ist nur der Schock, der aus mir spricht. Ich bin ja von Postfeministen und Neufreudianern umgeben. Was aber ist mit deiner Philosophie Vergiss den Autor, es geht allein ums Buch passiert?“

„Eine Taxifahrt und ein gutes Gespräch machen mich wohl kaum zu einem Freudianer. Ich gebe zu, anfangs war ich ihr gegenüber etwas eingebildet. Sie ist eine gute Autorin, und das Buch hat echtes Potenzial. Wenn ich mit ihr langsam warm werde, dann liegt das nur daran, dass ich mit dem Buch langsam warm werde. Aber sie ist vollkommen irre. Damit habe ich recht gehabt.“

„Sie ist eine Schriftstellerin. Sie muss verrückt sein.“

„Wenigstens arbeitet sie auch wie eine Verrückte. Sie hat mir bereits eine vollständige Synopsis für jedes einzelne Kapitel und das neue Exposé geschickt, das ich angefordert habe.“

„Wie ist das neue Exposé?“

„Besser“, sagte Zach und schaute in seine Notizen. „Trotzdem enthält es immer noch mehr Sex als Substanz. Ich denke, sie ist durchaus in der Lage, dieses Buch mit Inhalt zu füllen. Sie fürchtet sich bloß davor.“

„Sie scheint mir sehr mit ihrer Rolle als böses Mädchen verheiratet zu sein“, sagte J. P., und Zach nickte zustimmend. „Es verleiht ihr Glaubwürdigkeit, wenn die Leute denken, dass sie so lebt, wie sie schreibt. Es wird nicht leicht, sie dazu zu bringen, ihre sprichwörtliche Peitsche im Schrank zu lassen und sich ganz aufs Schreiben zu konzentrieren.“

„Aber wenn sie das täte …“ Zach schaute auf das Manuskript und erinnerte sich wieder an seine Reaktion, als er sich Dienstagmorgen gezwungen hatte, es ein zweites Mal ohne jegliche Vorurteile zu lesen. Die Worte hatten auf den Seiten geflirrt, waren zum Leben erwacht und hatten förmlich gebrannt. Er hatte sich so sehr von der Geschichte einnehmen lassen, dass er ganz vergessen hatte, sie zu lektorieren. „Wenn sie das tut, könnte sie die Welt in Flammen setzen und bräuchte dafür nicht einmal eine Kerze. Und wage es bloß nicht, ihr auch nur ein Wort von dem zu erzählen, was ich dir gerade gesagt habe. Wenn sie am Ball bleiben soll, muss sie weiterhin Angst vor mir haben.“

J. P. lachte leise in sich hinein. Zach starrte ihn an.

„Was ist?“, wollte er wissen.

J. P. nahm die Zeitung unter seinem Arm heraus und faltete sie auf. Es war eine Ausgabe von New Amsterdam Noteworthy, einem New Yorker Magazin, in dem alle zwei Wochen die wichtigsten Neuigkeiten aus dem Verlagswesen standen. J. P. warf die Zeitung auf Zachs Schreibtisch. Auf der Titelseite war ganz unten ein kleines Foto von ihm und Nora, wie sie auf der Treppe standen und Rose Evelys Buchparty beobachteten.

Zach hatte gar nicht gemerkt, dass sie fotografiert worden waren. Offensichtlich hatte der Fotograf weit genug entfernt gestanden, dass er den Blitz nicht bemerkt hatte.

Auf dem Foto lehnte Nora sich zu Zach herüber. Ihr Mund war ganz dicht an seinem Ohr. Es sah so aus, als wollte sie ihn im nächsten Moment auf den Hals küssen. Zach wusste genau, welcher Moment da festgehalten worden war. Es war der Augenblick, als er ihr sagte, er könne nicht glauben, dass er das hier tat, und sie hatte darauf mit einem verführerischen „Ich schon“ geantwortet. Unter dem Foto war eine kurze Notiz darüber, dass Royal House die berüchtigte Nora Sutherlin unter Vertrag genommen habe – die einzige Autorin, die Anaïs Nin zum Erröten bringen könnte, wie es im Artikel hieß.

„Auf mich macht sie keinen besonders verängstigten Eindruck“, bemerkte J. P. „Du hingegen wirkst jedoch etwas versteinert.“

„J. P., ich …“

„Ich will nicht nach einem anderen Lektor für Sutherlin suchen. Aber wenn es sein muss, tue ich es. Mir ist es egal, ob sich das Buch nur verkauft, weil es so viel Sex enthält. Aber ich will nicht, dass irgendwer da draußen glaubt, dass Autoren mehr tun müssen, als zu schreiben, wenn sie bei Royal einen Vertrag haben wollen.“

Zach rieb sich die Stirn.

„Ich schwöre dir, es geht wirklich nur ums Buch. Und nein, du musst keinen anderen Lektor für sie suchen. Ich weiß, dass wir gemeinsam etwas Großartiges erschaffen können.“

„Das denke ich auch. Wenn du dich auf die Arbeit konzentrierst.“ J. P. klang skeptisch.

„Ich bin konzentriert.“

„Easton, du weißt, ich bin ein alter Mann. Mein Gehör lässt nach, und ich habe zwei Knie, die es nicht mehr lange machen. Aber meine Augen sind immer noch hervorragend. Seit dem Tag, an dem du hier angekommen bist, hast du nicht ein einziges Mal gelächelt und es auch so gemeint. Und als ich eben in dein Büro kam und dich bei der Lektüre ihres Buches erwischt habe, hast du gestrahlt wie ein Junge, der gerade die versteckte Playboy-Sammlung seines Vaters gefunden hat. Ich habe auch schon versucht, im Bett zu schreiben, doch weit gekommen bin ich damit nie.“

Zach öffnete den Mund zum Protest, aber J. P. brachte ihn mit erhobener Hand zum Schweigen.

„Du kannst erst einmal weiter mit Sutherlin arbeiten. Nimm einfach den Rat eines alten Mannes an …“

„Lieber nicht.“

J. P. streckte die Hand aus und nahm sich das Manuskript. Er schlug es willkürlich irgendwo auf und pfiff leise durch die Zähne. Zweifellos hatte er gerade eine der zahllosen erotischen Begegnungen erwischt, die es in diesem Buch gab.

„Um mit den Worten von Charlotte Brontë zu sprechen“, begann J. P. „Das Leben ist so beschaffen, dass das Ereignis den Erwartungen nicht entsprechen kann, will und wird. Oder in meinen eigenen Worten – pass auf, dass es auf dem Papier bleibt, Easton.“

Zach biss die Zähne zusammen und schwieg. J. P. schnappte sich die Zeitung mit Zachs und Noras Foto und ließ ihn mit ihrem Buch allein.

Zach schloss die Augen und beschwor ein Bild von Grace herauf. Gott, er war so froh, dass sie in England war, wo sie dieses Foto nicht zu Gesicht bekam. Er war nicht sicher, warum er sich überhaupt ihretwegen sorgte. Selbst wenn sie das Foto zu Gesicht bekäme, wenn sie ihn mit einer anderen Frau sähe, würde es ihr etwas ausmachen? Natürlich nicht. Wenn dem so wäre, wäre sie jetzt hier bei ihm in New York.

Mit einem erschöpften Seufzen blätterte er zur nächsten Seite, die er mit einer Büroklammer markiert hatte. Caroline schläft nach einem heftigen Streit mit ihrem Liebhaber in einem anderen Zimmer. William wacht auf und schleicht auf leisen Sohlen zu ihrer Tür. Öffnet sie nur einen Spalt, zögert und lauscht, bis er sie atmen hört. Dieses Bild quälte Zach. Sein letztes Jahr mit Grace war ein Albtraum aus geschlossenen Türen und getrennten Zimmern gewesen. Trotzdem verging keine Nacht, ohne dass er wenistens einmal nach seiner schlafenden Frau geschaut hatte. Bis zu diesem grauenhaften Abend, als er ihre Tür verschlossen vorfand. Am nächsten Tag hatte J. P. angerufen und ihn nach New York eingeladen, um für Royal House zu arbeiten. Er hatte ihm den Posten als Cheflektor im Büro in L. A. versprochen, sobald der dortige Cheflektor in den Ruhestand ging. Zach hatte nicht einmal nach seinem Gehalt gefragt, sondern gleich zugesagt.

Warum ließ er zu, gerade jetzt daran zu denken? Er musste dem Buch und seiner geheimnisvollen Autorin gegenüber objektiv bleiben. Dieser Autorin mit dem dunklen Haar, dem roten Kleid und den brennenden Worten.

Pass auf, dass es auf dem Papier bleibt, Easton …

Leichter gesagt als getan.

5. KAPITEL

Das Telefon klingelte um sieben Uhr abends, und der Anruf selbst bestand aus lediglich sieben Worten – ihr „Hallo“, gefolgt von seinem „Um neun im Club. Mit Augenbinde“.

Mit zitternden Händen legte sie auf und ging unter die Dusche.

Sie traf um 8.46 Uhr im Club ein. In den meisten Bereichen ihres Lebens kam sie aus Gewohnheit immer fünf Minuten zu spät. Aber sie hatte auf die harte Tour gelernt, ihn niemals warten zu lassen.

Er war eines von nur sieben Mitgliedern, die im Club ihr eigenes Zimmer hatten. Und sie war eine von nur zwei Leuten, die einen Schlüssel zu seinem Zimmer besaßen.

Der Raum war spärlich, aber elegant eingerichtet, wenn man bedachte, welchem Zweck er diente. Abgesehen von den drei auf dem Boden stehenden Kerzenständern gab es kaum Dekoration. Weiße und schwarze Bettwäsche. Weiße Laken, die nur darauf warteten, befleckt zu werden.

Sie zog sich komplett aus und fand den schwarzen Seidenschal. Mit dem Rücken zur Tür kniete sie sich aufs Bett, schloss die Augen und wickelte sich das Tuch um den Kopf. Diesen Teil hasste sie. Sie hasste es, ihm ihr Augenlicht zu opfern. Das hatte weniger mit Angst zu tun als vielmehr mit Gier. Sie wollte ihn sehen. Wollte sehen, wie er ihr wehtat, wollte sehen, wie er in ihr war. Er wusste, dass sie das wollte. Darum befahl er ihr so oft, die Augenbinde zu tragen.

Während sie auf seine Ankunft wartete, begann sie mit der tiefen, langsamen Atmung, die er ihr vor so langer Zeit beigebracht hatte. Sie atmete durch die Nase ein und ließ die Luft in ihren Bauch strömen, ehe sie durch den Mund ausatmete. Diese Atmung diente nicht bloß dazu, sie zu entspannen, obschon sie ihr die schlimmste Nervosität nahm. Das hypnotische Atmen lullte sie ein und half ihr, leichter in die Zwischenwelt zu schlüpfen, jenen sicheren Ort, an den sich ihr Verstand zurückzog, während ihr Körper woanders gefoltert wurde. Es gab noch einen dritten Grund für die Atemübung, den er ihr zwar nie genannt hatte, den sie aber trotzdem kannte. Sie machte es, weil er es ihr befohlen hatte. Die Luft, die in ihre Lungen strömte, tat das allein auf sein Geheiß.

Sie atmete aus, als sie hörte, wie die Tür leise geöffnet wurde. Angestrengt versuchte sie zu hören, was er tat. Er sprach nicht. Er sprach in diesen ersten Momenten selten. Sie lauschte und hörte mit Erleichterung nur die Schritte einer Person.

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