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Das Lied von Mond und Sonne

Inhalt

  1. Cover
  2. Über die Autorin
  3. Titel
  4. Impressum
  5. In Memoriam
  6. Liste der handlungstragenden Personen
  7. Prolog
  8. Kapitel 1
  9. Kapitel 2
  10. Kapitel 3
  11. Kapitel 4
  12. Kapitel 5
  13. Kapitel 6
  14. Kapitel 7
  15. Kapitel 8
  16. Kapitel 9
  17. Kapitel 10
  18. Kapitel 11
  19. Kapitel 12
  20. Kapitel 13
  21. Kapitel 14
  22. Kapitel 15
  23. Kapitel 16
  24. Kapitel 17
  25. Kapitel 18
  26. Kapitel 19
  27. Kapitel 20
  28. Kapitel 21
  29. Kapitel 22
  30. Kapitel 23
  31. Kapitel 24
  32. Kapitel 25
  33. Kapitel 26
  34. Kapitel 27
  35. Kapitel 28
  36. Kapitel 29
  37. Epilog
  38. Nachwort

Über die Autorin

Vonda N. McIntyre wurde 1948 in Kentucky geboren. 1970 nahm sie an einem Workshop für angehende Science-Fiction-Schriftsteller teil, der den Grundstein für ihre Karriere legte. Sie wurde für ihr Werk mit allen wichtigen Literaturpreisen für Fantasy und Science Fiction ausgezeichnet, darunter der Hugo Award, der Locus Award und der Nebula Award, den sie sogar mehrfach gewann.

Vonda N. McIntyre

DAS LIED VON
MOND
UND SONNE

Roman

Aus dem amerikanischen Englisch übersetzt
von Eva Bauche-Eppers
als Gast des
Europäischen Übersetzer-Kollegiums
in Straelen

Liste der handlungstragenden Personen

(in der Reihenfolge ihres Auftretens)

Père Yves de la Croix, SJ, 27, Jesuit und Naturphilosoph, älterer Bruder von Marie-Josèphe

Marie-Josèphe de la Croix, 20, Yves’ Schwester, Hofdame bei Mademoiselle; erst vor kurzem aus der französischen Kolonie Martinique nach Versailles gekommen (über Mme. de Maintenons Schule in Saint-Cyr)

Madame*, Herzogin von Orleans, Elisabeth Charlotte (›Liselotte‹) von der Pfalz, 41, Monsieurs zweite Gemahlin

Monsieur*, Philippe, Herzog von Orleans, 53, jüngerer Bruder von Ludwig XIV.

Mademoiselle*, Elisabeth Charlotte d’Orléans, 17, Tochter von Madame und Monsieur, Nichte Ludwigs

Chevalier de Lorraine*, Monsieurs Liebhaber, 55

Lucien de Barenton, Comte de Chrétien, 28, einer der wenigen französischen Adligen, die Ludwig beraten durften

Philippe II., Herzog von Chartres*, 19, Sohn von Monsieur und Madame, verheiratet mit Françoise Marie, Mlle. de Blois, »Madame Luzifer«

Louis Auguste, Duc du Maine*, 23, für legitim erklärter leiblicher Sohn von Ludwig XIV. und seiner ehemaligen Mätresse, der Marquise de Montespan

Die legitimen Enkelsöhne Seiner Majestät:

Louis, Duc de Bourgogne* (11)

Philippe, Duc d’Anjou* (10)

Charles, Duc de Berry* (7)

Ludwig XIV.*, 55, Ludwig der Große, der Sonnenkönig, Allerchristlichster König von Frankreich und Navarra

Madame de Maintenon* (geborene Françoise d’Aubigné; später Mme. Scarron), Ludwigs morganatische zweite Frau, 58

Monseigneur*, Louis, der Grand Dauphin, 32, Ludwigs einziger überlebender legitimer Sohn

Das Seeungeheuer

Monsieur Boursin, Angehöriger der königlichen Hofhaltung

Père de la Chaise*, Ludwigs Beichtvater

Odelette (auch genannt Haleed), 20, Marie-Josèphes türkische Sklavin (am selben Tag geboren wie Marie-Josèphe)

Dr. Fagon*, Leibarzt des Königs

Dr. Felix*, Hofchirurg

Innozenz XII.*, nach dem Tod von Alexander VIII. 1691 zum Papst gesalbt

James II.* und Maria von Modena*, König und Königin von England im Exil

Die ausländischen Prinzen Leopold-Joseph von Lothringen und Bar* sowie die Herzöge von Conti* und Condé*

Madame Luzifer*, Herzogin von Chartres, 16, Tochter (Mlle. de Blois) Ludwigs XIV.

Alessandro Scarlatti*, Musiker, Komponist, maestro di capella am Hof des Vizekönigs von Neapel, Marquis del Carpio

Domenico Scarlatti*, 8, Signor Scarlattis Sohn, Wunderkind, Musiker und Komponist

Mlle. d’Armagnac*, ›Mlle. Future‹

Mlle. de Valentinois*, ›Mlle. Passé‹

Juliette d’Auteville, Marquise de la Fère, ›Mme. Présente‹

Antoine Galland*, erster abendländischer Übersetzer von ›Tausendundeiner Nacht‹

Kardinal Ottoboni*, rechte Hand von Innozenz XII.

Haleed (Odelette), Marie-Josèphes Adoptivschwester

Duke of Berwick, James Fitzjames, natürlicher Sohn James’ II.

Der Prinz von Japan, der Schah von Persien, die Königin von Nubien und die Kriegshäuptlinge der Huronen; deren Gefolge

* historische Personen

Prolog

Die Sonne des Mittsommertages stand weißglühend im Zenit eines Himmels, der sich gleißend blau bis zum Horizont spannte. Das Flaggschiff des Königs, Le Soleil Royal, glitt übergangslos von dem Grün flachen Wassers in das dunkle Indigo bodenloser Tiefen.

Der Kapitän der Galeone brüllte Befehle, die Matrosen beeilten sich zu gehorchen. Rauschend entfalteten sich die Segel an den Masten, blähten sich im Wind. Die Fahne Ludwigs XIV. flatterte, schrieb Nec Pluribus Impar, den Wahlspruch des Königs, quer über den Himmel. Auf dem Vormastsegel leuchtete sein Wappen: eine Sonne in goldenem Strahlenkranz.

Den tückischen Untiefen entronnen durchschnitt das stolze Schiff in schneller Fahrt die Wogen. Die vergoldete Galionsfigur am Bug streckte die Arme in Sonnenschein und Gischt. Regenbogenfunken sprühten von den bekrallten Pranken und den Flossen des zweigeteilten Fischschwanzes – das geschnitzte Seeungeheuer säte eine Bahn aus schillerndem Licht, Seiner Allerchristlichsten Majestät zu Ehren.

Yves de la Croix ließ den Blick über die Wasserfläche wandern bis zur Kimm. Er spähte mit zusammengekniffenen Augen in den Mittagsglast, suchte sein Wild am Wendekreis des Krebses, genau unterhalb der Sonne. Die Galeone bewegte sich mit dem Wind, deshalb blieb die Luft an Deck stickig und heiß. Die Sonne tränkte Yves’ schwarze Soutane mit Hitze und brannte auf sein dunkles Haar. Das Flimmern und Glitzern des tropischen Meeres blendete den jungen Jesuiten.

»Démons!«, rief der Ausguck.

Yves hielt Ausschau nach dem, was der Mann entdeckt haben mochte, aber die Sonne war zu grell, die Entfernung zu groß. Das Schiff pflügte voran, am Bug rauschte und schäumte das Wasser und der Horizont hob und senkte sich mit der Dünung.

»Dort!«

Voraus, wohin der Bugspriet wie ein Finger wies, schien das Meer zu kochen. Leiber schnellten aus den Fluten, tauchten wieder ein, geschmeidige Geschöpfe tummelten sich Delfinen gleich in der Gischt.

Das Flaggschiff hielt auf den brodelnden Hexenkessel zu. Sirenengesang erfüllte die Luft. Die Matrosen verstummten in abergläubischer Furcht.

Yves beherrschte seine Erregung. Er hatte gewusst, er würde sein Wild finden, an diesem Ort, an diesem Tag, nie hatte er im Geringsten an der Richtigkeit seiner Hypothese gezweifelt. Nun musste er nur noch Würde und Gelassenheit bewahren.

»Das Netz!« Die Stimme von Kapitän Desheureux übertönte den Gesang. »Das Netz, ihr Tagediebe!«

Sein Befehl riss die Männer aus ihrer Starre. Sie fürchteten ihn mehr als alle Seeungeheuer der Welt, mehr als den Leibhaftigen. Einige sprangen an die Winde, stemmten sich gegen die Spaken. Metall kreischte, Holz und Taue ächzten. Das Netz glitt prasselnd über die Kante. Ein Matrose murmelte ein unfrommes Gebet.

Die Geschöpfe bemerkten in ihrer Ausgelassenheit die nahende Galeone nicht. Ihre übermütigen Kapriolen wühlten das Wasser auf, sie liebkosten einander, umschlangen sich gegenseitig mit ihren Schwänzen, sangen ihre animalische Lust.

Yves’ Erregung wuchs, durchflutete seinen Verstand und seinen Körper, überwand seinen Willen. Erschreckt von der Gewalt seiner Empfindungen schloss er die Augen, neigte den Kopf und suchte im Gebet, seine Fassung wiederzugewinnen.

Das Klatschen, mit dem das Netz auf die Wasseroberfläche schlug, das Pochen der dicken Taue gegen die Bordwand, holten ihn in die Wirklichkeit zurück. Desheureux fluchte. Yves ignorierte es, wie er während der ganzen Fahrt Profanitäten und Lästerungen ignoriert hatte.

Wieder Herr seiner selbst, beobachtete er in kalter Ruhe das weitere Geschehen, registrierte nüchtern die Einzelheiten: Größe und Farbe des Wildes, die Anzahl, um vieles geringer als in früheren Berichten, die er studiert hatte.

Die Galeone bahnte sich einen Weg durch die Schar der Seeungeheuer. Wie Yves geplant und gehofft hatte, erwartet aufgrund seiner Forschungen, waren die Geschöpfe in ihrem Sinnentaumel blind und taub für alles andere ringsum. Sie wurden sich der Gefahr erst bewusst, als es kein Entrinnen mehr gab.

Der Sirenengesang zersplitterte zu einem misstönenden Gewirr gellender Schmerzensschreie und Klagelaute. Gejagte Tiere schrien immer, wenn man sie schließlich fing. Yves bezweifelte, dass diese Ungeheuer fähig waren, Furcht zu empfinden, doch er nahm an, dass sie Schmerz fühlen konnten.

Die Galeone bahnte sich einen Weg mitten durch sie hindurch, ertränkte sie in ihren eigenen Schreien. Das Netz schleppte durch die aufgewühlten Fluten.

Desheureux brüllte Schmähungen und Befehle. Die Matrosen drehten die Winde, die Taue strafften sich. Unter Wasser warfen sich kraftvolle Wesen tobend gegen den Schiffsrumpf, ihre Stimmen schlugen die Planken wie eine Trommel.

Das Netz hob die Kreaturen aus dem Meer und die Sonne glänzte auf ihren nassen, dunklen, ledrigen Leibern.

»Lasst die Tauben fliegen.« Yves sagte es mit vollkommen ruhiger Stimme.

»Es ist zu weit«, flüsterte der Gehilfe des königlichen Taubners. »Sie werden sterben.« Vögel gurrten und flatterten in ihren Weidenkäfigen.

»Lass sie fliegen!« Wenn von diesem ersten Schwarm gefiederter Boten keiner Frankreich erreichte, dann eben von dem nächsten oder dem übernächsten.

»Ja, mon père.«

Ein Dutzend Brieftauben erhob sich in den Himmel, flog davon. Schon bald verlor sich das Geräusch ihrer Flügelschläge in der Weite. Yves warf einen Blick über die Schulter. Eine der Tauben schwang sich höher hinauf. Die Kapsel an ihrem Bein blinkte silbern in der Sonne, Signal seines Triumphs.

Kapitel 1

Die Kolonne der fünfzig Kutschen wand sich durch die kopfsteingepflasterten Straßen. Zu beiden Seiten drängten sich die Bürger von Le Havre, jubelten dem König und seinem Gefolge zu, staunten über die Pracht der Karossen und Geschirre, bewunderten die prunkvolle Kleidung, die Juwelen und Spitzen, den Samt und Goldbrokat und die breitkrempigen Federhüte der jungen Edelmänner, die ihrem Souverän hoch zu Ross das Geleit gaben.

Marie-Josèphe de la Croix hatte davon geträumt, in einem solchen Zug mitzufahren, aber die Wirklichkeit übertraf ihre Träume noch bei weitem. Sie reiste im Wagen des Herzogs und der Herzogin von Orleans, einer Karosse, die an Pracht nur der des Königs nachstand. Ihr gegenüber saßen der Herzog, Bruder des Königs, Monsieur genannt, und seine Gemahlin, Madame. Die Tochter des herzoglichen Paares, Mademoiselle, saß neben ihr, Marie-Josèphe. Auf der anderen Seite rekelte sich müßig der Freund von Monsieur, der Chevalier de Lorraine, gutaussehend, träge und sichtlich gelangweilt von der eintönigen Fahrt von Versailles nach Le Havre. Lotte – Ich muss immer daran denken, sie Mademoiselle zu nennen, sagte Marie-Josèphe zu sich, da ich jetzt doch ihre Hofdame bin – beugte sich aufgeregt aus dem Fenster.

Der Chevalier streckte seine langen Beine quer durch die Kutsche, sodass sie sich vor Marie-Josèphes Füßen kreuzten.

Trotz Staub und den Gerüchen des Hafens und dem Lärm der Pferde und Reiter und Wagen bestand Madame darauf, dass Fenster und Vorhänge offen waren. Sie hatte eine große Vorliebe für frische Luft, wie Marie-Josèphe auch. Ungeachtet ihres Alters – sie war über vierzig! – ließ Madame es sich nicht nehmen, bei den königlichen Jagden mitzureiten, und sie hatte mehrmals angedeutet, möglicherweise könne auch Marie-Josèphe einmal dazu eingeladen werden.

Monsieur hielt es für gesünder, sich vor dem von draußen hereinziehenden Miasma und sonstigen schädlichen Einflüssen zu schützen. Mit einem seidenen Taschentuch wedelte er den Staub von den Samtärmeln und der Goldspitze seines Rocks und hielt sich eine nelkengespickte Orange an die Nase, um mit ihrem Duft den Pesthauch der Straße zu bekämpfen. Je näher sie dem Hafen kamen, desto stärker wurde der Gestank von faulendem Fisch und Tang.

Der Zug geriet ins Stocken. Der Kutscher brüllte die Pferde an, ihre eisenbeschlagenen Hufe klirrten auf dem Kopfsteinpflaster. Menschen strömten auf die Straße, prallten gegen die Seiten des Wagens, schrien, hoben mit heischender Gebärde die Hände.

»Ihr müsst das auch sehen, Mademoiselle de la Croix!« Lotte zog Marie-Josèphe zu sich heran, damit sie beide aus dem Fenster schauen konnten. Marie-Josèphe wollte alles sehen, wollte sich jede Einzelheit der Fahrt einprägen. Zu beiden Seiten der Straße winkten zerlumpte Menschen und jubelten, riefen: »Lang lebe der König!«, oder schrien: »Gib uns Brot!«

Ein Reiter bewegte sich unbeeindruckt durch das Gedränge. Marie-Josèphe dachte erst, es sei ein Knabe, ein Page auf einem Pony. Dann bemerkte sie, dass er das Justaucorps à brevet trug, den goldbestickten blauen Schoßrock, der die engsten Vertrauten des Königs auszeichnete. Vor Scham über den Irrtum stieg ihr das Blut in die Wangen.

Die aufgeregten Menschen drängten sich um den Reiter, griffen nach seinen Spitzenvolants, seinem Sattel. Statt sie mit der Peitsche zu vertreiben, waltete er seines Amtes als Almosenier des Königs. Den Zunächststehenden drückte er Münzen in die Hand, warf sie denen am Rand der Menge zu, den alten Frauen, den gebrechlichen Männern, den in Lumpen gekleideten Kindern. Bald war er das Zentrum eines Strudels, kraftvoll und unentrinnbar, schmutzig wie das Wasser im Hafen von Le Havre.

»Wer ist das?«, fragte Marie-Josèphe.

»Lucien de Barenton«, antwortete Lotte. »Der Comte de Chrétien. Kennt Ihr ihn nicht?«

»Ich wusste nicht …« Sie stockte. Es stand ihr nicht zu, sich über Monsieur de Chrétiens Status bei Hofe zu äußern. »Er hat im Auftrag Seiner Majestät die Expedition meines Bruders organisiert, aber ich hatte keine Gelegenheit, ihm zu begegnen.«

»Er ist den ganzen Sommer über fort gewesen«, äußerte Monsieur. »Doch ich sehe, der Wertschätzung, die mein Bruder, der König, für ihn hegt, hat dies keinen Abbruch getan.«

Die Kutsche hielt, eingekeilt, von Scharen Volks umdrängt. Monsieur wedelte mit seinem Taschentuch gegen den Gestank von schwitzenden Pferden, schwitzenden Menschen und totem Fisch an. Die Soldaten schrien, versuchten, die Massen zurückzutreiben.

»Nach dieser Fahrt wird man die Kutsche neu lackieren müssen«, bemerkte Monsieur erschöpft. »Und zweifellos wird die Hälfte der Vergoldung abhandengekommen sein.«

»Ludwig, unser aller Sonne, sucht die Nähe seiner Geschöpfe«, sagte Lorraine. »Um sie mit seinem Glanz zu beglücken.« Er lachte. »Was soll’s, Chrétien wird sie unter den Hufen seines Streitrosses zerstampfen.«

M. de Chrétien könnte ebenso wenig ein Streitross regieren wie ich, dachte Marie-Josèphe. Lorraines heiterer Sarkasmus, im ersten Augenblick amüsant, hatte sie peinlich berührt.

Sie bangte um den Comte, doch niemand außer ihr schien besorgt zu sein. Die Reittiere der übrigen Höflinge stammten von den Schlachtrossen der Kreuzritter ab, doch Comte Lucien ritt einen kleinen, leichten Apfelschimmel.

»Sein Pferd ist nicht größer als ein Zelter!«, rief Marie-Josèphe aus. »Die Menschen könnten ihn herunterziehen!«

»Keine Sorge.« Lotte tätschelte ihr den Arm, beugte sich zu ihr und flüsterte: »Wartet ab, und seht gut hin. Monsieur le Comte weiß sich zu behaupten.«

Der Comte zog seinen federgeschmückten Hut vor der Menge, und die Menschen erwiderten die höfliche Geste mit Beifall und Winken. Sein Pferd stand keinen Augenblick still, ließ sich nicht einkreisen. Es tänzelte, bog den Nacken, schnaubte und schwenkte den Schweif wie eine Fahne, bewegte sich zwischen den Menschen hindurch wie ein Fisch durch Wasser. Minuten nur, und Chrétien hatte sich aus dem Getümmel befreit. Gefolgt von Jubelrufen ritt er hinter dem König die Straße entlang. Ein Trupp Musketiere teilte die Menge ein zweites Mal. Monsieurs Karosse und Leibwache folgten in Comte de Chrétiens Kielwasser.

Eine glanzvolle Schar junger Edelleute kam herangaloppiert. Neben der Kutsche zügelte Lottes Bruder Philippe, Herzog von Chartres, seinen großen Braunen, um mit dem goldbeschlagenen Zaumzeug zu prahlen. Er selbst schmückte sich mit Federn und Samt und trug einen edelsteinbesetzten Degen. Kürzlich erst von den Sommerfeldzügen heimgekehrt gefiel er sich mit einem dünnen Schnurrbart, wie Seine Majestät ihn als Jüngling getragen hatte.

Madame lächelte ihrem Sohn zu, Lotte winkte dem Bruder. Chartres zog schwungvoll seinen Hut und verbeugte sich lachend aus dem Sattel vor ihnen allen. Wie es jetzt Mode war, trug er um den Hals ein Tuch à la Steenkerke, lose geschlungen, die Enden in das Knopfloch seines Rocks gesteckt.

»Es ist eine solche Erleichterung, Philippe wieder zu Hause zu haben«, meinte Lotte. »Daheim und in Sicherheit.«

»Aufgeputzt wie ein Liederjan.« Madame sprach freiheraus und mit einem deutschen Akzent, obwohl sie vor mehr als zwanzig Jahren aus der Kurpfalz nach Frankreich gekommen war. Sie schüttelte den Kopf und seufzte in liebevoller Besorgnis. »Und Manieren aus dem Heerlager. Er muss sich daran gewöhnen, dass er wieder bei Hofe ist.«

»Erlaubt ihm eine kurze Spanne, um seinen Triumph auf dem Schlachtfeld zu genießen, Madame«, sagte Monsieur. »Ich bezweifle, dass mein Bruder, der König, unserem Sohn ein weiteres Kommando übertragen wird.«

»Dann ist er wenigstens in Sicherheit.«

»Auf Kosten seines Ruhms.«

»Es gibt nicht genügend Ruhm für alle, cher ami.« Lorraine beugte sich vor und legte die Hand auf Monsieurs ringblitzende Finger. »Nicht genug für des Königs Neffen. Nicht genug für des Königs Bruder. Nur genug für den König.«

»Ihr vergesst Euch, Lorraine!«, tadelte Madame. »Ihr sprecht von Eurem Souverän!«

Lorraine lehnte sich zurück. Sein Arm, muskulös unter der sinnlichen Weichheit des Sammetrocks, drückte gegen Marie-Josèphes Schulter.

»Ihr äußertet Euch in gleicher Weise, Madame«, bemerkte er. »Ich glaubte, es sei der einzige Punkt, in dem wir einer Meinung sind.«

Seiner Majestät natürlicher Sohn, der Duc du Maine, glitzernd vor Rubinen und goldenen Litzen, tummelte sein schwarzes Ross neben Monsieurs Kutsche, bis Madame ihn mit einem ungnädigen Blick maß, durch die Nase schnaubte und ihm deutlich die kalte Schulter zeigte. Der Herzog lachte und galoppierte zur Spitze des Wagenzugs.

»Verschwendung eines guten Streitrosses«, schimpfte Madame und ignorierte Lorraine. »Was versteht ein Mausdreck mit einem solchen Pferd anzufangen?«

Monsieur und Lorraine tauschten einen Blick. Beide Männer lachten.

Chartres Pferd trug seinen Reiter hinter du Maine her. Die jungen Prinzen machten im Sattel eine ausgezeichnete Figur, ungeachtet ihrer Gebrechen. Chartres’ rollendes, blindes Auge gab ihm einen Anstrich von Verwegenheit, du Maines’ Lahmheit war nicht zu merken. Überdies war du Maine so schön von Angesicht, dass man seinen krummen Rücken fast vergaß. Der König hatte ihn für legitim erklärt, nur für Madame blieb er der Bastard.

Die legitimen Enkelsöhne Seiner Majestät galoppierten vorüber. Die drei Knaben trommelten mit den Hacken gegen die Flanken ihrer gefleckten Ponys und versuchten, ihren illegitimen Halbonkel Du Maine und ihren legitimen Cousin Chartres einzuholen.

»Hab dich in acht vor der Sonne, Tochter«, sagte Monsieur warnend zu Lotte. »Sie verdirbt deinen Teint.«

»Aber Herr Vater …«

»Und deine neue Toilette, die sehr kostspielig gewesen ist«, fügte Madame hinzu.

»Ja, Monsieur. Ja, Madame.«

Auch Marie-Josèphe lehnte sich zurück in den Schatten. Auf keinen Fall wollte sie, dass ihr schönes neues Kleid von der Sonne ausgebleicht wurde, bei weitem das schönste, das sie je besessen hatte. Was machte es, dass es ein abgelegtes von Lotte war? Sie strich über die gelbe Seide und verstand es so einzurichten, dass man etwas mehr von dem silbernen Jupon sah.

»Und Ihr, Mlle. de la Croix«, fuhr Monsieur fort, »Ihr seid nahezu so dunkel wie die Huronen. Man wird anfangen, Euch das junge Indianermädchen zu nennen, und Madame de Maintenon wird die Rückgabe ihres Spitznamens verlangen.«

Lorraine lachte in sich hinein, Madame runzelte die Stirn.

»Das wird die alte Hutzel niemals tun«, bemerkte sie. »Sie will, dass man glaubt, sie wäre in Maintenon geboren und hätte ein Anrecht auf den Titel Marquise!«

»Madame …« Marie-Josèphe wollte Mme. de Maintenon verteidigen. Als sie in Frankreich eingetroffen war, frisch aus dem Konvent auf Martinique, hatte die Marquise sich ihrer freundlich angenommen. Mit zwanzig Jahren war Marie-Josèphe zu alt, um als Schülerin in Mme. de Maintenons Schule für unvermögende Edelfräulein in Saint-Cyr einzutreten, doch hatte ihr die Marquise ermöglicht, den jüngeren Mädchen Unterricht in Arithmetik zu erteilen. Wie Marie-Josèphe war Mme. de Maintenon seinerzeit völlig mittellos von Martinique nach Frankreich gekommen.

Mme. de Maintenon erzählte ihren Schülerinnen, ihren Protegés, oft von Martinique, von dem harten Leben in der Neuen Welt. Sie versicherte den Töchtern aus adligen, jedoch verarmten Häusern, wenn sie, ihrem Beispiel folgend, fromm und gehorsam wären, würde Seine Majestät sie mit einer Mitgift versehen, und auch sie hätten dann die Möglichkeit, ihren bedrückenden Lebensumständen zu entfliehen.

Monsieur schnitt Marie-Josèphe das Wort ab. »Macht Ihr Gebrauch von der Hautcreme, die ich Euch gegeben habe?« Er musterte sie über seinen Pomander hinweg. Sein Gesicht, ängstlich vor der Sonne behütet, war weiß gepudert; Schönheitspflästerchen auf den Wangenknochen und neben dem Mund betonten die vornehme Blässe. »Sie ist ganz ausgezeichnet, aber sie hilft nicht, wenn Ihr darauf besteht, Euch der Sonne auszusetzen.«

»Papa, seid nicht so streng«, sagte Lotte. »Marie-Josèphes Teint ist längst nicht mehr so dunkel wie in der ersten Zeit nach ihrer Ankunft.«

»Dank meiner Hautcreme«, sagte Monsieur.

»Lasst das Kind in Ruhe«, warf Madame ein. »Es ist keine Schande, ein kleines Rauschenblattknechtchen zu sein, ich war auch so. Wie Seine Majestät sagt, niemand am Hof erfreut sich mehr an den Gärten. Nur ich und nun Mlle. de la Croix. Was wolltet Ihr eben sagen, meine Liebe?«

»Nichts von Bedeutung, Madame.« Marie-Josèphe war dankbar, dass Monsieur sie unterbrochen hatte, bevor sie etwas über Mme. de Maintenon sagen konnte. Am Hof seine Meinung zu äußern kam einem Glücksspiel gleich, und in Madames Gegenwart freundlich über Mme. de Maintenon zu sprechen war in höchstem Maße töricht.

»Ho!«, rief der Kutscher. »Brrr!« Die Karosse kam ruckweise zum Halten. Marie-Josèphe wäre fast von der Bank gerutscht. Ihre Knöchel berührten die langen, wohlgeformten Beine des Chevaliers de Lorraine, welcher galant ihren Arm ergriff und sie festhielt, bis die Kutsche stillstand. Er lächelte auf sie hinunter. Marie-Josèphe erwiderte das Lächeln, dann schlug sie die Augen nieder, beschämt wegen ihrer Gedanken. Der Chevalier war ein schöner Mann, trotz seines fortgeschrittenen Alters. Mit seinen fünfundfünfzig Jahren war er ebenso alt wie der König. Er trug eine lange schwarze Perücke, genau wie Seine Majestät. Seine Augen waren strahlend blau. Marie-Josèphe rückte zur Seite, um ihm Platz zu machen. Er setzte sich bequemer zurecht und klemmte dabei mit seinen ausgestreckten Beinen ihre Füße am unteren Teil der Sitzbank ein.

»Ihr vergesst Euch, Chevalier!«, sagte Madame scharf. »Niemand hat Euch erlaubt, in meiner Gegenwart zu liegen.«

Monsieur tätschelte Lorraines Knie.

»Ich gebe ihm die Erlaubnis, sich auszustrecken, meine Teure«, sagte er. »Mein Freund ist zu groß für meine Kutsche.«

»Und ich bin zu dick dafür«, erwiderte Madame. »Aber ich beanspruche deswegen nicht den ganzen Platz.«

Lorraine richtete sich auf, der Scheitel seiner Perücke streifte die Decke.

»Ich bitte Madame um Vergebung.« Er ergriff seinen Hut und öffnete den Schlag. Beim Aussteigen zog er den Panasch aus Reiherfedern über Marie-Josèphes Handgelenk.

Monsieur beeilte sich, ihm zu folgen.

Marie-Josèphe atmete tief ein und wandte ihre Aufmerksamkeit wieder Madame und Lotte zu, wie es sich geziemte. »Ich werde mit Yves nach Versailles zurückfahren«, bot sie an. »Dann haben auf der Heimreise alle mehr Platz.«

»Liebes Kind«, sagte Madame, »das hatte nichts zu tun mit der Größe der Kutsche.« Sie erhob sich und stieg aus. Monsieur war ihr dabei behilflich, Lorraine reichte Lotte die Hand. Marie-Josèphe folgte ihr rasch. Sie konnte es kaum erwarten, ihren Bruder wiederzusehen. Lorraine wartete auf sie, er benahm sich ihr gegenüber, als gäbe es keinen Rangunterschied zwischen ihr und der Familie des Bruders Seiner Majestät. Seine Galanterie schmeichelte ihr und brachte sie gleichzeitig in Verlegenheit. Er beunruhigte sie. Nichts hatte sie je beunruhigt, während sie auf Martinique ein zurückgezogenes Leben führte, ihres Bruders Haus versah, ihm bei seinen Experimenten half und Bücher über alle möglichen Themen las.

Sie kam neben Madame zu stehen, die viel zu erhaben war, um den Schmutz und die Gerüche zur Kenntnis zu nehmen. Der König wünschte, seine heimkehrende Expedition am Hafen zu empfangen, und Madame war Teil seines Hofstaats. Also begleitete Madame ihn und beschwerte sich nicht.

Marie-Josèphe lächelte in sich hinein. In der Öffentlichkeit beachtete Madame die Etikette, im privaten Kreis allerdings befleißigte sich die Pfalzgräfin einer unverblümten Ausdrucksweise und hielt nur selten mit ihrer Meinung über irgendetwas hinter dem Berg.

Monsieur berührte Lorraine am Ellenbogen. Der Comte beugte sich über Marie-Josèphes Hand. Dann gesellte er sich zu Monsieur, doch Madame hatte bereits den Platz an der Seite ihres Gatten eingenommen. Chartres sprang vom Pferd, gab die Zügel einem Bediensteten und bot seiner Schwester den Arm.

Marie-Josèphe knickste und trat zurück. Ihr Platz war ganz am Ende der strengen Hierarchie.

»Ihr kommt mit uns, Mlle. de la Croix«, verkündete Madame. »Der Chevalier wird Euch begleiten.«

»Aber Madame …!«

»Ich weiß, wie es ist, auf seine Familie verzichten zu müssen. Ich habe meine nicht mehr besucht, seit ich vor zwanzig Jahren nach Frankreich kam. Begleitet uns, und Ihr werdet Euren Bruder nicht länger vermissen als nötig.« Von Dankbarkeit und Staunen erfüllt bückte sich Marie-Josèphe und küsste die Schleppe von Madames Robe. Lorraine, neben ihr, verbeugte sich vor Madame und Monsieur. Marie-Josèphe richtete sich auf und sah zu ihrer großen Überraschung, dass er Monsieur die Hand küsste, nicht Madame. Der Comte bot ihr den Arm und lächelte sein charmantes, gewinnendes Lächeln.

Ehe sie sich besonnen hatte, fand Marie-Josèphe sich an der Spitze der vornehmen Prozession wieder, wo zu sein sie nicht das Recht hatte, und an der Seite eines der bestaussehenden Männer bei Hofe.

Die Karosse des Königs war die erste in einer Reihe von fünfzig Kutschen. Auf der Tür leuchtete die goldene Sonne. Acht Pferde stampften und schnaubten, und ihr Geschirr klingelte. Sie waren weiß mit münzgroßen schwarzen Flecken. Der Kaiser von China hatte seinem königlichen Vetter diese Ban-Pferde für seine Kutsche gesandt und gefleckte Ponys für seine Enkelsöhne.

»Nehmt Euch in acht, Mlle. de la Croix«, sagte Lorraine halblaut, als sie an dem prachtvollen Gespann vorbeigingen. Die scharfen Ausdünstungen der Pferdeleiber vermischten sich mit dem Gestank nach Fisch und Seetang. »Diese Geschöpfe stammen zur Hälfte von Leoparden ab und fressen Fleisch.«

»Das ist absurd«, antwortete Marie-Josèphe. »Kein Pferd kann mit einem Leoparden Nachkommen zeugen.«

»Dann glaubt Ihr nicht an Greife …«

»Die Welt beherbergt unbekannte Kreaturen, aber sie sind natürliche Geschöpfe …«

»… oder Chimären …«

»… keine Kreuzungen von Adlern und Löwen …«

»… oder Seeungeheuer?«

»… oder Dämonen und menschlichen Wesen!«

»Ich vergaß, Ihr befasst Euch mit Alchimie wie Euer Bruder.«

»Nicht Alchimie, Chevalier! Er studiert Naturphilosophie.«

»Und überlässt die Alchimie Euch – die Alchimie der Schönheit.«

»Wirklich, Monsieur, weder er noch ich befassen uns mit dergleichen. Er studiert Naturphilosophie. Ich versuche mich am Studium der Mathematik.«

Lorraine lächelte wieder. »Ich sehe keinen Unterschied.« Sie hätte gern erklärt, dass im Gegensatz zum Alchimisten ein Naturphilosoph sich nicht für die Frage der Unsterblichkeit interessierte oder für die Verwandlung von unedlem Metall in Gold, aber Lorraine tat die Angelegenheit mit einem Schulterzucken ab. »Ich habe eben nicht den Kopf dafür. Mathematik – Ihr meint Arithmetik? Wie gefährlich. Wenn ich etwas von Arithmetik verstünde, müsste ich all meine Schulden zusammenzählen.« Er schauderte, beugte sich zu ihr und flüsterte: »Ihr seid so schön, dass ich vergesse, mit welchen ungewöhnlichen Dingen Ihr Euch beschäftigt.«

Marie-Josèphe errötete. »Seit ich Martinique verlassen habe, hatte ich noch keine Gelegenheit, meinem Bruder zu assistieren.« Und auch keine Gelegenheit, meine Mathematikstudien fortzusetzen, dachte sie bekümmert.

Die jungen Edelleute sprangen von ihren Pferden, ihre Väter, Mütter, Schwestern stiegen aus den Kutschen. Die Herzöge und Grafen und Herzoginnen von Frankreich, die ausländischen Prinzen, die Höflinge von Versailles in ihrem großen Staat, nahmen der Rangfolge entsprechend Aufstellung, um ihrem Souverän zu huldigen.

Neben der Karosse des Königs glitt der Comte de Chrétien von seinem grauen Araber. Die anderen Männer seines Standes trugen Degen, an seinem Gürtel hing ein kurzer Dolch. Auch in anderer Hinsicht folgte er nicht der herrschenden Mode. Trotz seines goldbestickten blauen Schoßrocks, den sechzig Auserwählten des Königs vorbehalten, schmückten weder Spitzen noch Bänder seinen Hals, er begnügte sich mit einer schlichten Steinkirchner, locker um den Hals geschlungen und die Enden durch das linke obere Knopfloch des Justaucorps gezogen. Auch durch seinen kleinen Schnurrbart, in der Art eines Armeeoffiziers, unterschied er sich von den anderen. Bis auf Chartres, der sich noch in seinem auf dem Flandernfeldzug erworbenen Ruhm sonnte, zeigten alle übrigen Höflinge sich dem Beispiel des Königs folgend glattrasiert. Comte Luciens Perücke war kastanienbraun, nach militärischer Sitte im Nacken zusammengebunden. Richtig hätte sie schwarz sein müssen, wie die des Königs, und in imposanten Locken auf seine Schultern fallen. Marie-Josèphe nahm an, dass jemand, der die Gunst des Königs genoss, sich derlei Eigenwilligkeiten leisten konnte, doch sie fand es töricht, sogar lächerlich, dass Comte de Chrétien sich kleidete und frisierte wie ein Kriegsmann.

Auf seinen Gehstock aus Ebenholz gestützt, winkte der Comte sechs Bediensteten, die daraufhin einen Seidenteppich in Gold und Purpur auf dem Kai ausrollten, sodass Seine Majestät nicht Gefahr lief, seine Schuhe mit Unrat oder Fischabfällen zu besudeln.

Die Höflinge standen Spalier, links und rechts des persischen Teppichs. Sie lächelten und ließen sich nichts von ihrem Neid auf Comte Lucien anmerken, dem der König seine Huld schenkte, der zum engsten Kreis der Vertrauten Seiner Majestät gehörte.

Durch Madames Güte würde Marie-Josèphe einen Platz ganz oben in der Reihe einnehmen, nur durch die Mitglieder der engsten Familie des Königs von der Staatskarosse getrennt. Seine legitimen Nachkommen standen ihm selbstverständlich zunächst. Madame marschierte resolut an Du Maine, seiner Gemahlin und seinem Bruder vorbei und betonte damit den Vorrang ihrer Familie vor den Kindern, die Seine Majestät für legitim zu erklären geruht hatte.

Comte Lucien rief nach den Tragsesseln. Vier Träger in der Livree des Königs brachten seine Portechaise, vier weitere die von Mme. de Maintenon. Der Comte öffnete den Kutschenschlag, um Seine Majestät aussteigen zu lassen.

Marie-Josèphe schlug das Herz bis zum Hals hinauf. Sie stand so nah, dass sie den König hätte berühren können, wäre die Tür mit dem goldenen Sonnenemblem nicht im Weg gewesen. Sie erhaschte einen Blick auf den Ärmel von des Königs dunkelbraunem Rock, die weißen Federn an seinem Hut, auf die hohen roten Absätze seiner blanken Schuhe. Seine Majestät grüßte die jubelnde Menge.

Ein zerlumpter Kerl drängte sich nach vorn. »Gebt uns Brot!«, schrie er. »Wegen deiner Steuern müssen wir hungern!«

Die Musketiere spornten ihre Pferde in seine Richtung, aber die Kumpane des Mannes hatten ihn schon zurückgerissen. Er verschwand in der Menge, seine wütenden Rufe endeten mit einem erstickten Fluch. Der König schenkte ihm keine Beachtung; seinem Beispiel folgend tat die ganze Hofgesellschaft, als hätte es den Vorfall nicht gegeben.

Seine Majestät bestieg den Tragsessel, ohne auf den Boden oder den Perserteppich zu treten.

Mme. de Maintenon, unscheinbar in einem schwarzen Kleid und mit kunstlos frisiertem Haar, nahm in dem zweiten Sänftenstuhl Platz. Allgemein hieß es, sie sei eine große Schönheit gewesen und überaus geistreich, als der König sich heimlich mit ihr vermählte oder – wie manche behaupteten und wovon Madame überzeugt war – sie zur Maîtresse en titre machte. Marie-Josèphe fragte sich, ob man ihr schmeichelte, weil man hoffte, so ihre Gunst zu erringen. Soweit Marie-Josèphe es beurteilen konnte, war Mme. de Maintenon an niemandes Gunst gelegen, außer an der des Königs und Gottes des Herrn, was auf ein und dasselbe herauskam, und sie hatte keine Günstlinge, ausgenommen den Duc du Maine, den sie wie einen Sohn behandelte.

Comte Lucien ging vor den Tragsesseln die Rampe zum Pier hinunter. Er hinkte leicht, sein Stock pochte einen gedämpften Takt auf den Perserteppich.

Mme. de Maintenons Träger warteten mit ihrem Sessel an der Seite, um sich an der ihr zukommenden Stelle in den Zug einzureihen. In der Öffentlichkeit war die zweite Gemahlin des Königs nur eine Marquise.

Die Doppelreihe der Höflinge ordnete sich, um dem König zu folgen. An der Spitze ging selbstverständlich der verwitwete Grand Dauphin, Monseigneur, Seiner Majestät einziger überlebender Nachkomme aus der ersten, standesgemäßen Ehe, dicht hinter ihm kamen seine drei Söhne, die Herzöge von Bourgogne, Anjou und Berry, alle drei noch im Knabenalter.

Als nächste schlossen sich Monsieur und Madame, Chartres und Mademoiselle d’Orléans sowie Lorraine mit Marie-Josèphe der Prozession an. Die Höflinge begleiteten ihren König unter strikter Beachtung der Rangfolge, einzig Marie-Josèphe befand sich an einem Platz, der ihr nicht zustand. Einerseits war sie Madame dankbar, andererseits fühlte sie sich unbehaglich wegen des Verstoßes gegen das Protokoll, besonders als sie an der Herzogin du Maine vorbeikam, die ihr einen giftigen Blick zuwarf.

Das Flaggschiff des Königs wiegte sich am Ende des Piers, die armdicken Taue an den Pollern strafften sich knarrend. Apollos Pferde der Morgenröte, schimmerndes Gold, schienen sich vom Heck emporzuschwingen, die Bewegung des Schiffes verlieh ihnen den Anschein von Lebendigkeit.

Ein leichter Windstoß vom Hafen wehte die Gerüche von Salz und Tang heran, spielte mit dem königlichen Wimpel am Mast und erstarb. Die Luft war still und heiß. Matrosen luden Yves’ Besitztümer aus: Kisten mit Gerätschaften, persönliches Gepäck, ein Bündel, das an einen Toten in einem Leichentuch denken ließ.

Yves kam mit großen Schritten die Gangway hinunter. Marie-Josèphe erkannte ihn augenblicklich wieder, obwohl er ein Jüngling gewesen war, als sie von ihm Abschied genommen hatte. Jetzt war er ein erwachsener Mann, stattlich, vornehm und feierlich in seiner langen, schwarzen Soutane. Es drängte sie, ihm entgegenzulaufen, um ihn zu begrüßen, doch Saint-Cyr und Versailles hatten sie damenhafteres Benehmen gelehrt.

Ein halbes Dutzend Matrosen folgten ihm, gebeugt unter dem Gewicht der merkwürdigen Last, die sie trugen: Zwischen Tragestangen hing ein Netz, in dem sich ein vergoldetes Becken in der Form einer Badewanne befand. Yves wartete am Fuß der schmalen Planke, legte die Hand auf den Rand des Beckens und hielt es fest, bis es aufhörte hin und her zu schwanken. Kapitän Desheureux trat zu ihm, und gemeinsam schritten sie den Pier entlang. Yves ließ die Hand auf dem Becken liegen, schützend und besitzergreifend.

Eine betörende Melodie, gesungen von einer Stimme, rein und kalt wie Silber, erhob sich schwerelos über der Prozession. Der unerwartete Wohlklang des Gesanges überraschte Marie-Josèphe so sehr, dass sie fast gestolpert wäre. Niemand aus des Königs Entourage käme auf den Gedanken zu singen, hier, jetzt, unaufgefordert. Es musste jemand auf der Galeone sein, jemand, dem die Harmonien fremder Länder vertraut waren.

Yves steckte die Hand in das goldene Becken. Das Lied brach ab, mit einem Schnauben, einem Knurren.

Die Schar der Höflinge versammelte sich um Seiner Majestät Portechaise. Marie-Josèphe stand neben Madame, die ihre Hand ergriff und drückte.

»Euer Bruder ist sicher heimgekehrt, er ist gesund«, flüsterte sie aufmunternd. »Nur das ist wichtig.«

»Er ist zu Hause und gesund, Madame, und er hat recht behalten.« Marie-Josèphe sprach so leise, dass nur Madame sie verstehen konnte. »Das ist wichtig für meinen Bruder.«

Der König und Yves’ kleiner Trupp trafen sich am Ende des Perserteppichs. Die Seeleute setzten keinen Fuß auf den Teppich, die Sänftenträger taten keinen Schritt hinunter. »Monsieur le Père«, sagte Comte Lucien.

»Monsieur de Chrétien«, entgegnete Yves.

Sie verbeugten sich. Hinter Yves’ Miene demütiger Bescheidenheit leuchteten Stolz und Triumph hervor. Sein Blick schweifte über das glanzvolle Empfangskomitee. Der Adel Frankreichs stand auf diesem schmutzigen Pier versammelt, als wäre es der Cour de Marbre in Versailles – seinetwegen. Marie-Josèphe lächelte, sie freute sich über seine Stellung als des Königs Forscher und Entdecker. Sie erwartete, dass er ihr Lächeln erwiderte, anerkennend, erstaunt vielleicht über ihren Erfolg in der kurzen Zeit in Versailles.

Doch Yves stutzte nicht einmal, als sein Blick über sie hinwegwanderte. Madame drängte nach vorn, um zu sehen, was sich in dem Becken befand.

Der Gesang hub von neuem an. Ein Raunen steigerte sich zu einem Schrei, einem schrillen Ausbruch von Wut und Verzweiflung.

Das Wesen in dem Becken regte sich heftig, Wasser spritzte auf Yves und die Matrosen. Die Matrosen zuckten zusammen. Man sah, wie von innen etwas gegen die Plane wütete, die über das Becken gespannt war.

Comte Lucien öffnete die Tür der Sänfte. Der König beugte sich hinaus. Sein Hofstaat grüßte ihn, die Herren mit einer Verneigung, die Damen mit einem tiefen Knicks. Sogar die Matrosen versuchten, ihren Respekt zu erweisen, trotz ihrer Last und in Unkenntnis der Etikette. Das Geschöpf stieß wieder einen Schrei aus und Strähnen seines schwarzgrünen Haares flogen über den Rand des gefährlich schwankenden Beckens.

»Es lebt«, sagte Ludwig.

»Ja, Euer Majestät.« Yves zog eine Ecke des nassen Segeltuchs beiseite. Das Geschöpf zappelte, ein Wasserschwall traf den seidenen Rock des Königs, der zurückwich und einen Pomander vor das Gesicht hob. Yves verhüllte das Geschöpf wieder.

Seine Majestät wandte sich an den Kapitän. »Wir sind erfreut.« Damit lehnte er sich in seine Sänfte zurück. Comte Lucien schloss die Tür, die Träger machten kehrt und entfernten sich im Gleichschritt. Marie-Josèphe knickste erneut. Die Höflinge wichen auseinander und verbeugten sich, als der König in seinem Palankin vorbeigetragen wurde.

Comte Lucien reichte dem Kapitän der Galeone einen kleinen, schweren Lederbeutel, dann folgte er der Sänfte.

Desheureux öffnete die Börse, schüttete den Inhalt in seine Hand und lachte hochzufrieden. Er war mit zwei Hand voll Louisdor belohnt worden, Münzen aus Gold mit dem Konterfei des Königs. Für einen Mann wie den Kapitän stellte die Summe ein Vermögen dar.

»Untertänigen Dank, Euer Majestät!«, rief der so Beschenkte hinter des Königs Sänfte her. »Untertänigen Dank, königlicher Narr!«

Die Umstehenden taten flüsternd und mit leisen Aufschreien ihr Entsetzen kund. Der Chevalier de Lorraine kicherte und bückte sich, um Monsieur etwas ins Ohr zu flüstern. Monsieur verbarg seine Belustigung hinter Pomander und Spitzenvolants.

Comte Lucien musste die Beleidigung gehört haben, doch er ließ sich nichts anmerken. Bei jedem Schritt die Rampe hinauf stieß sein Gehstock mit dumpfem Pochen auf den Teppich.

Yves legte Desheureux mahnend die Hand auf den Arm. »Seine Exzellenz Lucien de Barenton, Comte de Chrétien!«

»Nein, nein!« Der Kapitän lachte und schüttelte den Kopf. »Jetzt spielt Ihr den Narren, mon père.« Er verneigte sich. »Eine profitable Reise. Stets zu Euren Diensten, falls Ihr mich brauchen solltet – selbst für die Jagd auf Seeungeheuer.«

Er schlenderte zu seinem Schiff zurück.

Madame gab Marie-Josèphe einen Stoß. »Geht und begrüßt Euren Bruder.«

Marie-Josèphe dankte mit einem flüchtigen Knicks, raffte die seidenen Röcke, damit sie nicht über die silbrigen, stinkenden Fischschuppen schleiften, und lief auf Yves zu. Immer noch schien er sie nicht kennen zu wollen.

Befremdet verlangsamte sie ihren Schritt. Ist er zornig auf mich?, fragte sie sich. Aber weshalb? Ich bin nicht zornig auf ihn, und dabei hätte ich einigen Grund dazu.

»Yves …?«

Yves schaute sie an. Er hob die schwarzen, halbmondförmigen Augenbrauen. »Marie-Josèphe!«

Seine Miene wandelte sich. Eben noch der ernsthafte, asketische, erwachsene Jesuit, war er jetzt ihr hocherfreuter älterer Bruder. Mit drei langen Schritten war er bei ihr, schloss sie in die Arme, schwang sie herum wie ein Kind. Sie umarmte ihn und drückte die Wange gegen den schwarzen Wollstoff seiner Soutane.

»Ich erkenne dich kaum wieder – ich habe dich nicht wiedererkannt! Du bist eine erwachsene Frau!«

So viel hatte sie ihm zu erzählen, dass sie gar nichts sagte, aus Angst, die Worte könnten alle auf einmal aus ihr heraussprudeln. Er stellte sie hin und schaute sie an. Sie lächelte zu ihm auf. Seine Haut war von der Tropensonne noch tiefer gebräunt worden, während ihr Teint sich allmählich dem Ideal der höflichen Blässe annäherte. Sein schwarzes Haar war ein Schopf wirrer Locken – im Gegensatz zu den Männern bei Hofe trug er keine Perücke –, während Nadeln und Brenneisen Marie-Josèphes rotgoldene Mähne zu Confidantes, Crèvescœur und Favorites gebändigt hatten, passend zu den Spitzen und Rüschen und Schleifen ihrer kunstvollen Fontange.

Seine Augen waren noch dieselben, ein wunderschönes, strahlendes Dunkelblau.

»Lieber Bruder, du siehst so gut aus – die Reise muss dir gut bekommen sein.«

»Sie war furchtbar«, wehrte Yves ab. »Aber ich war zu beschäftigt, um darunter zu leiden.«

Er legt ihr den Arm um die Schultern und führte sie zu dem goldenen Bassin. Die Kreatur darin wand sich und schrie.

»Zum Kai«, ordnete Yves an. Die Matrosen eilten den Pier hinauf. Die Muskeln an ihren tätowierten Armen wölbten sich unter dem Gewicht des wassergefüllten Beckens und Yves’ lebender Beute darin.

Marie-Josèphe versuchte einen Blick in das Bassin zu werfen, aber es war mit feuchtem Segeltuch zugedeckt. Sie schmiegte sich an Yves, den Arm um seine Taille gelegt. Bestimmt würde sie noch reichlich Gelegenheit haben, seinen Fang zu betrachten.

Sie schritten durch das Spalier der Höflinge. Alle, sogar Madame und Monsieur und die Prinzen und Prinzessinnen von königlichem Blut reckten die Hälse, um das Ungeheuer zu sehen, das Yves für den König gefangen hatte.

Und dann, als Yves vorüberging, erwiesen sie ihm ihre Reverenz.

Im ersten Moment verdutzt zögerte Yves. Marie-Josèphe dachte daran, ihm die Finger zwischen die Rippen zu bohren – Yves war immer kitzlig gewesen –, um ihm auf die Sprünge zu helfen. Als Junge hatte er sich mehr um seine Sammlung von Vogelbälgen gekümmert als um seine Manieren. Zu ihrer Überraschung und Freude jedoch verneigte Yves sich vor Monsieur, vor Madame, mit vollendeter Courtoisie und der Zurückhaltung, die seiner Stellung gebührte.

Marie-Josèphe knickste vor Monsieur. Sie hob die Schleppe von Madames Kleid an die Lippen und küsste sie. Die stattliche Herzogin schenkte ihr ein freundliches Lächeln und nickte zufrieden.

Yves verbeugte sich vor den Mitgliedern der königlichen Familie, schritt durch die Doppelreihe der Höflinge und dankte mit Kopfnicken für ihre Respektsbezeigungen.

Auf halbem Weg zum Kai, zwischen den Herzögen und Herzoginnen, den Grafen und Gräfinnen, überholten Marie-Josèphe und Yves den zweiten Tragsessel. Seine Fenster waren fest geschlossen, die Vorhänge hinter den Scheiben ebenfalls. Die bedauernswerte Madame de Maintenon, deren einzige Funktion darin bestand, dem König von Versaille nach Le Havre zu folgen und wieder zurück, zeigte kein Interesse an der Kreatur und ihrem gefeierten Jäger.

»Ich wünschte, ich hätte dich begleiten können«, sagte Marie-Josèphe. »Ich wünschte, ich hätte die wilden Seeungeheuer gesehen!«

»Es war nass und kalt und trostlos. Entsetzliche Stürme sind über uns hereingebrochen, sodass wir fast gesunken wären. Man hätte dir die Schuld gegeben – auf einem Kriegsschiff ist eine Frau in etwa so willkommen wie ein Seeungeheuer.«

»Alberner Aberglaube.« Marie-Josèphes Seereise von Martinique nach Frankreich war unbequem, aber aufregend gewesen.

»Im Konvent warst du viel besser aufgehoben.«

Marie-Josèphe hielt den Atem an. Er wusste nichts über den Konvent. Nein, wie sollte er. Wenn er Bescheid gewusst hätte, dann hätte er ihr niemals zugemutet, dort zu bleiben, verurteilt zu Langeweile, Schweigen und Einsamkeit.

»Ich habe dich so vermisst«, sagte sie. »Ich habe mir Sorgen gemacht.«

»Immer, wenn ich an dich dachte, hörte ich deine kleinen Melodien. Komponierst du noch?«

»Versailles hat nicht viel Raum für Amateurkomponisten«, antwortete sie. »Aber du wirst bald etwas von mir hören.«

»Ich habe oft an dich gedacht, Marie-Josèphe, und dich vor mir gesehen, wenn auch nicht in einem solchen Kleid.«

»Gefällt es dir?«

»Es ist unschicklich.«

»Es ist durchaus schicklich«, verteidigte sie sich, ohne zu erwähnen, wie bestürzt sie selbst erst über die schmale Taille und das Dekolleté gewesen war. Damals hatte sie noch nichts gewusst von dem Leben und der Mode bei Hofe.

»Es ist deiner Stellung nicht angemessen. Erst recht nicht der meinen.«

»Es mag nicht angemessen sein für ein Mädchen aus den Kolonien. Aber nun bist du des Königs Naturphilosoph, und ich bin Mademoiselles Hofdame. Ich muss in großer Toilette erscheinen.«

»Und ich dachte«, sagte Yves, »dass du hier unter Mme. de Maintenons Aufsicht junge Mädchen in Arithmetik unterrichtest.«

Sie stiegen vom Pier auf den Kai hinauf.

»Ich konnte nicht in Saint-Cyr bleiben«, erklärte Marie-Josèphe. »Alle Lehrerinnen dort müssen den Schleier nehmen.«

Yves schaute sie an, verwirrt. »Dann wärst du gut versorgt gewesen.«

Der Aufbruch des Königs hinderte sie an einer scharfen Erwiderung. Sie und Yves und alle anderen verneigten sich, als ihr Souverän in seine Kutsche stieg. Umringt von Musketieren fuhr er davon. Die Menschenmenge strömte hinterdrein, jubelnd, rufend, winkend.

Marie-Josèphe hielt hoffnungsvoll nach dem Chevalier de Lorraine Ausschau, doch er stieg zu Monsieur in die Kutsche. Die übrigen Höflinge eilten zu ihren Equipagen oder Pferden und beeilten sich, ihre entschwindende Sonne einzuholen.

Nur Comte Lucien, etliche Musketiere, der Mâıtre de Colombier, die Frachtwagen und eine einfache Kutsche blieben auf dem verlassenen Kai zurück.

Der Mâıtre eilte seinem Gehilfen entgegen, der mit den beladenen Matrosen vom Pier heraufkam. Der Junge verschwand beinahe hinter einem verschachtelten Turm von meist leeren Weidenkörben. Sein Meister nahm ihm die Körbe ab, die noch Tauben beherbergten.

»Das Bassin dorthin«, sagte Yves zu den Matrosen. Er deutete auf den ersten Wagen. »Und vorsichtig …«

»Ich möchte einen Blick …«, begann Marie-Josèphe.

Die letzte Kutsche fuhr ratternd über das Kopfsteinpflaster.

Das Klappern, das Rufen, das Peitschenknallen versetzten die Kreatur in Angst und Schrecken. Sie begann, in ihrem Gefängnis zu toben. Ihr durchdringender Aufschrei wie berstender Kristall schnitt Marie-Josèphe das Wort ab und entsetzte wiederum die Zugpferde, sodass sie fast durchgegangen wären.

»Vorsichtig!«, wiederholte Yves beschwörend.

Marie-Josèphe beugte sich über das Bassin und versuchte hineinzusehen. »Nun benimm dich!«, sagte sie. Das Wesen stieß ein schrilles Kreischen aus.

Die Matrosen ließen das Becken fallen, Wasser schwappte auf das Kopfsteinpflaster. Das Seeungeheuer stöhnte. Bei ihrer Flucht zurück zum Schiff hätten die Matrosen fast die Taubner umgerannt. Der Gehilfe ließ die leeren Käfige fallen. Der Maitre, Tauben in seinen großen, sanften Händen, auf Kopf und Schultern, barg seine Lieblinge unter dem Hemd, damit ihnen kein Leid widerfuhr.

»Kommt zurück …«, schrie Yves den Matrosen hinterher. Sie hörten nicht auf ihn. Ihre Kameraden, beladen mit Yves’ restlichem Gepäck, ließen Kisten und Bündel und die in Tücher gewickelte Gestalt zurück und flohen ebenfalls zu ihrem Schiff.

Marie-Josèphe bemühte sich, nicht über Yves’ Bredouille zu lachen. Die Fuhrknechte hatten alle Hände voll damit zu tun, die Pferde zu beruhigen: Sie konnten nicht helfen. Die Musketiere dünkten sich erhaben über grobe Arbeiten, und man konnte schwerlich von Comte Lucien erwarten, dass er sich als Gepäckträger betätigte.

Yves, wütend und ratlos, versuchte das Becken zu heben, doch er brachte kaum ein Ende vom Boden hoch. Ein paar zerlumpte Bengel, Nachzügler der Menschenmenge, saßen auf der Kaimauer und feixten.

»Ihr da, Bürschchen!«, rief Comte Lucien. Die Jungen sprangen auf, bereit, wegzulaufen, doch er sprach in freundlichem Ton zu ihnen und warf jedem eine Münze zu. »Hier ist ein Sou. Ihr könnt euch noch einen verdienen. Helft Monsieur le Père, seine Wagen zu beladen.«

Sofort hatte Yves bereitwillige Helfer. Sie waren schmutzig und abgerissen und barfuß und zeigten keine Furcht vor den seltsamen Lauten der Kreatur. Die Jungen hätten für einen Kanten Brot gearbeitet. Sie hoben das Bassin mit dem Seeungeheuer in den ersten Wagen, Yves’ Habseligkeiten in den zweiten und Lucien das mannslange Tücherbündel in den Wagen voll Eis.

Ein Exemplar zum Sezieren, dachte Marie-Josèphe. Mein kluger Bruder hat ein Seeungeheuer für den König gefangen und ein weiteres für sich selbst.

»Begleite mich, Yves«, bat sie ihn.

»Unmöglich.« Er stieg in den ersten Wagen. »Ich muss bei dem Seeungeheuer bleiben.«

Enttäuscht ging Marie-Josèphe über den Kai zu der ärmlich aussehenden Kutsche. Der Lakai öffnete die Tür, und Comte Lucien war zur Stelle, um ihr beim Einsteigen behilflich zu sein. Die Kraft seiner Hand versetzte sie in Erstaunen. Statt kurz, wie sie erwartet hatte, waren seine Finger unverhältnismäßig lang. Er trug weiche Kalbslederhandschuhe. Sie fragte sich, ob er ihr erlauben würde, seine Hände zu zeichnen.

Weshalb er wohl noch verweilte, nachdem alle anderen fort waren? Sie hatte Hemmungen, ihn anzusprechen, denn er war bedeutend, sie war es nicht. Und sie wusste auch nicht recht, ob sie sich zu ihm niederbeugen sollte oder aufrecht stehen und auf ihn hinunterschauen. Sie befreite sich aus der Situation, indem sie in die Kutsche stieg.

»Ich danke Euch, M. de Chrétien«, sagte sie.

»Es war mir ein Vergnügen, Mlle. de la Croix.«

»Habt Ihr das Seeungeheuer gesehen?«

»Ich habe kein Interesse an Monstrositäten, Mademoiselle. Vergebung, ich bin in Eile.«

Die Hitze der Verlegenheit stieg ihr ins Gesicht. Sie hatte den Comte beleidigt, ohne es zu wollen, und vermutete, dass er ihr mit gleicher Münze zurückgezahlt hatte.

Der Comte sagte ein Wort zu seinem grauen Araber. Das Pferd beugte ein Knie und Chrétien stieg in den Sattel. Sobald er sich zurechtgesetzt hatte, erhob sich das edle Tier, und den Schweif wie ein Banner tragend sprengte es davon, um Comte Lucien zu seinem Herrn und König zu bringen.

Kapitel 2

Das Licht der Abenddämmerung lag über dem Park von Versailles. Der Mond näherte sich seinem höchsten Stand. Den Stall witternd legten die Pferde sich noch einmal ins Geschirr und trabten schwerfällig den Waldweg entlang.

Marie-Josèphe lehnte den Kopf an die Seitenwand der Kutsche. Sie wünschte sich, sie wäre mit Madame gefahren, in Monsieurs überfüllter Karosse, und könnte jetzt Madames freimütige Kommentare zu den Ereignissen des heutigen Tages anhören, die freundschaftlichen Wortgeplänkel zwischen Monsieur und Lorraine … Vielleicht würde Chartres neben der Kutsche herreiten und ihr von seinem letzten chemischen Experiment berichten. Denn bestimmt war sie die einzige Frau, möglicherweise sogar die einzige Person am Hof, die verstand, wovon er redete. Seine Gemahlin verstand es gewiss nicht, und es interessierte sie auch nicht. Die Herzogin von Chartres tat, was ihr beliebte. Es hatte ihr nicht beliebt, aus dem Palais Royal herauszukommen, um sich des Königs – ihres Vaters – Fahrt nach Le Havre anzuschließen.

Wenn Chartres sich herabließ, mit ihr zu plaudern, dann vielleicht auch der Duc du Maine. Und dann würden auch der Enkelsohn des Königs, Bourgogne, und seine kleinen Brüder einen Anteil von ihrer Aufmerksamkeit fordern.

Maine und Chartres waren verheiratete Männer, Bourgogne, Anjou und Berry noch Kinder. Davon abgesehen, sie alle standen himmelhoch über ihr, ebenso gut hätte sie nach den Sternen greifen können. Ihre Galanterien führten zu nichts.

Nichtsdestoweniger bereiteten sie ihr Vergnügen.

Gelangweilt und einsam und ruhelos schaute Marie-Josèphe aus dem Fenster auf die vorüberziehenden Bäume am Wegrand. Hier, noch weit entfernt von Seiner Majestät Residenz, beließ man die Wälder in einem ursprünglichen Zustand. Abgebrochene Äste ragten aus dem Unterholz, grazile Farnwedel wölbten sich auf die Straße. Die untergehende Sonne übergoss die Welt mit zerfließenden rotgoldenen Strahlen. Wäre sie allein unterwegs gewesen, hätte sie anhalten können und dem Wald lauschen, dem Abendlied der Vögel, dem huschenden Wispern von Fledermausschwingen. Stattdessen rollte die Kutsche in die Dämmerung hinein; der Fahrer, die Fuhrknechte, sogar ihr Bruder – alle taub für die Musik.

Das Unterholz verschwand, die Bäume standen weiter auseinander, keine herabgefallenen Äste lagen mehr auf dem Boden. Jäger konnten in voller Karriere durch diesen zahmen, aufgeräumten Wald galoppieren. Marie-Josèphe malte sich aus, wie sie inmitten der glanzvollen Jagdgesellschaft hinter dem König dem Wild folgte, das die Treiber aufgescheucht hatten.

Ein Brüllen, Wut und Kampfansage, hallte durch den abenddämmrigen Forst. Marie-Josèphe umklammerte die Tür und den Rand ihrer Sitzbank. Die Pferde scheuten und schnaubten und fielen in Galopp. Die Kutsche schwankte und schlingerte, als die müden Tiere versuchten, vor dem furchtbaren Geräusch zu fliehen. Der Kutscher fluchte und brachte nach und nach das Gespann wieder in seine Gewalt.

Der Schrei des Tigers versetzte all die exotischen Tiere in Seiner Majestät Menagerie in Erregung. Schrilles Trompeten, dumpfes Brüllen und Knurren antworteten ihm.

Das Seeungeheuer sang eine Herausforderung.

Die wilde, fremdartige Melodie ließ Marie-Josèphes Herz schneller schlagen. Die gläsernen Töne waren so ursprünglich, so leidenschaftlich wie die Rufe von Adlern. Noch einmal schwang sich die neue Stimme empor. Die Menagerie verstummte. Der Gesang des Seeungeheuers verebbte zu einem Wispern.

Die Kutsche umrundete den Arm des Grand Canal. Weißsilberne Nebelschleier schwebten über dem Wasser, kleine Wellen plätscherten gegen die Flanken der Miniaturschiffe Seiner Majestät. Die Räder gruben sich knirschend in den Kies der Allée de la Reine; während die Frachtwagen zum Bassin d’Apollon abbogen, fuhr Marie-Josèphes Kutsche geradeaus in Richtung des Schlosses von Versailles und des petit parc.

»Kutscher!« Marie-Josèphe beugte sich aus dem Fenster. Der schwere, heiße Atem der erschöpften Pferde stieg in weißen Wolken in die kühle Abendluft. Ringsum erstreckte sich still und fremd der Park, die Wasserspiele ruhten.

»Folge er meinem Bruder!«

»Aber Mam’selle …«

»Und dann ist er für heute entlassen.«

»Sehr wohl, Mam’selle!« Er zog das Gespann herum.

Yves eilte von einem Wagen zum anderen und bemühte sich, zwei Arbeiten auf einmal zu beaufsichtigen.

»Ihr da … nehmt dieses Becken … es ist schwer. Halt, ihr da drüben, nicht das Eis anfassen!«

Marie-Josèphe öffnete den Kutschenschlag. Bevor der Kutscher steifbeinig vom Bock geklettert war, um ihr zu helfen, lief sie schon auf die Frachtwagen zu.

Ein riesiges Zelt überdeckte das Bassin d’Apollon. Lichtschein drang von innen durch das Seidentuch; das Zelt glomm wie eine übergroße Laterne.

Reihen von Kerzen verzauberten mit ihrem sanften Licht den Weg hügelauf zum Schloss, entlang der Ränder der Königsallee. Die makellose Rasenfläche, wie ein grüner Teppich – die Allée du Tapis Vert –, trennte den Brunnen der Latona vom Brunnen des Apoll, flankiert von Kieswegen und den Marmorstatuen von Göttern und Helden.

Die Röcke gerafft eilte Marie-Josèphe zu den Wagen. Das Bassin für das Seeungeheuer und der Tote in Eis – beides verlangte Yves’ Aufmerksamkeit.

»Marie-Josèphe, sie sollen den Kadaver in Ruhe lassen, bis ich wiederkomme.« Yves warf den Befehl über die Schulter, als hätte er nie Martinique verlassen, um dem Orden der Jesuiten beizutreten, als führte sie immer noch seinen Haushalt und assistierte bei seinen Experimenten.

Er verschwand hinter den Zeltvorhängen, die das Sonnenemblem des Königs schmückte. Zwei Musketiere hielten davor Wache.

»Räumt vorsichtig das Eis beiseite«, ordnete Marie-Josèphe an. »Legt das Bündel frei.«

»Aber M. le Père hat befohlen …«

»Und jetzt befehle ich.«

Immer noch zögerten die Arbeiter.

»Es ist gut möglich, dass mein Bruder dieses Exemplar vergisst und erst morgen wieder daran denkt«, sagte Marie-Josèphe. »Dann wartet ihr hier die ganze Nacht.«

Sie gehorchten schweigend, wenn auch sichtlich ungern, und begannen, mit den Händen die verhüllte Gestalt auszugraben. Eissplitter und -brocken fielen zu Boden. Marie-Josèphe achtete darauf, dass die Männer keinen Schaden anrichteten. Seit Yves zwölf Jahre alt gewesen war und sie ein kleines Mädchen, hatte sie ihm bei seiner Arbeit geholfen; beide lernten sie Griechisch und Latein, lasen Herodot – leichtgläubiger alter Mann! – und Galen und studierten Newton. Natürlich hatte Yves stets die erste Wahl unter den Büchern, doch er protestierte nie, wenn sie sich mit den Principia davonmachte oder gar damit unter dem Kopfkissen schlief. Sie trauerte um den Verlust des Buches, wünschte sich sehnlich ein neues Exemplar und fragte sich, was er in den vergangenen Jahren über das Licht, die Planeten und die Schwerkraft herausgefunden haben mochte. Die Arbeiter hoben das Bündel aus seinem kalten Bett und hinterließen auf dem Weg zum Zelt eine Spur aus schmelzendem Eis. Marie-Josèphe folgte ihnen. Sie wollte endlich einen Blick auf ein Seeungeheuer werfen, auf das lebende oder auf das tote.

Das riesige Zelt überdeckte den Brunnen des Apoll und einen Streifen Erde rundherum. Das eigentliche Wasserbecken wurde von einem eisernen Zaun umschlossen. Im Innern dieses neu geschaffenen Käfigs erhoben sich Apoll in seinem Wagen und sein feuriges Viergespann aus dem Wasser als Bringer der Morgenröte, begleitet von Delfinen und trompetenblasenden Tritonen.

Apollo fährt von Westen nach Osten, entgegen dem Lauf der Sonne, dachte Marie-Josèphe.

Drei flache, breite Holzstufen führten vom niedrigen Rand des Beckens zu einer hölzernen Plattform in Wasserhöhe. Das Zelt, der Käfig, Treppe und Plattform waren für Yves gebaut worden, obwohl es dadurch unmöglich war, die herrliche Brunnenanlage zu genießen.

Außerhalb des Gitters hatte man auf einer Unterlage aus festen Brettern die Laboreinrichtung aufgebaut. Zwei Fauteuils, etliche Polsterstühle und mehrere Kanapees sollten offenbar der Bequemlichkeit von Zuschauern dienen.

»Legt das Bündel auf den Seziertisch«, wies Marie-Josèphe die Arbeiter an. Sie gehorchten bereitwillig, froh darüber, die scharf und übelriechende Last los zu sein.

Yves, lang und mager in seiner schwarzen Soutane, stand am Eingang des Käfigs. Seine Männer wuchteten das vergoldete Bassin auf den Rand des Wasserbeckens.

»Nicht fallen lassen … abstellen … vorsichtig!«

Das Seeungeheuer schrie und tobte. Das Bassin knirschte gegen Stein. Einer der Arbeiter fluchte laut, ein anderer versetzte ihm einen Stoß mit dem Ellenbogen und schaute mit einem warnenden Blick zu Yves. Marie-Josèphe kicherte hinter vorgehaltener Hand. Yves war der letzte von allen Geistlichen, der Anstoß an derber Ausdrucksweise nahm.

»Lasst es die Treppe hinuntergleiten …«

Das Bassin polterte die Stufen hinunter und auf die Plattform. Yves kniete nieder, um das Netz zu entfernen. Marie-Josèphe, die ihre Neugier nicht mehr zu beherrschen vermochte, eilte zu ihm. Die Seide ihrer Röcke raschelte über die polierten Bretter, so leise und flüsternd, als schritte sie über den Marmorfußboden des Spiegelsaals.

Bevor sie den Käfig erreichte, wurde der Vorhang am Zelteingang noch einmal zur Seite geschlagen. Ein Mann brachte einen Korb mit frischem Fisch und Seetang, stellte ihn ab und floh. Andere Arbeiter schleppten Eis und eine Tonne voll Sägemehl herein.

Um die Befriedigung ihrer Neugier gebracht kehrte Marie-Josèphe zu dem toten Exemplar zurück. Zu gerne hätte sie die Umhüllung geöffnet, hielt es aber für besser, den müden, ohnehin schon verängstigten Arbeitern den Anblick zu ersparen.

»Ihr zwei, bedeckt das Bündel mit Eis, dann streut Sägemehl darüber. Ihr anderen, holt Gerätschaften von M. le Père aus dem Wagen.«

Sie gehorchten. Beim Hantieren mit dem Kadaver verzogen sie das Gesicht, denn er roch nach Konservierungsflüssigkeit und Verwesung.

Yves wird sich mit dem Sezieren beeilen müssen, dachte Marie-Josèphe. Oder es ist nichts anderes mehr übrig als verfaultes Fleisch an einem Gerippe.

Marie-Josèphe hatte sich im Lauf der Jahre als rechte Hand ihres Bruders an den Geruch gewöhnt, er störte sie nicht im Geringsten. Die Männer jedoch atmeten in kurzen, gepressten Zügen durch den Mund und warfen gelegentlich furchtsame Blicke auf Yves und das klagende Ungeheuer.

Die Männer bedeckten den Seziertisch mit einer isolierenden Schicht Sägemehl.

»Bringt jeden Tag frisches Eis«, sagte Marie-Josèphe. »Versteht ihr – es ist sehr wichtig.«

Einer der Männer verbeugte sich. »Ja, Mam’selle, Monsieur de Chrétien hat es uns bereits aufgetragen.«

»Verlasst uns.«

Sie flohen aus dem Zelt, abgestoßen von dem Leichengeruch und dem Lamento des lebenden Seeungeheuers. Der melancholische Gesang lockte Marie-Josèphe an. Yves’ Helfer schoben das Becken von der Plattform, bis es sich langsam senkte. Wasser strömte hinein.

Marie-Josèphe lief die letzten Schritte. »Yves, lass mich sehen …«

Als Yves die Schnüre der Abdeckung löste, erschütterte das Knarren und Malmen der Pumpen die Nacht. Die Düsen des Springbrunnens gurgelten, fauchten und spien Wasser. Die Fontänen hatten die Form einer Fleur-de-lys, der mittlere Strahl schoss empor bis zum Zeltdach. Ein Tropfenregen ging auf Apollos Streitwagen nieder, kräuselte die Wasseroberfläche und spritzte auf das Seeungeheuer, das kreischte und zappelte und mit den Schwanzflossen schlug. Yves taumelte zurück.

»Den Brunnen abstellen!«, schrie er.

Knurrend befreite das Geschöpf sich aus dem Bassin. Yves sprang zur Seite, um den Zähnen und Krallen und Schwanzschlägen auszuweichen. Die Arbeiter sputeten sich derweil, Yves’ Befehl auszuführen.

Die Kreatur schlängelte sich davon und stürzte ins Wasser, entkam in ihr Gefängnis im Bassin d’Apollon.

Marie-Josèphe umklammerte den Arm ihres Bruders. Eine Welle schwappte über die Plattform, durchnässte seine Schuhe und den Saum der Soutane.

Die Fontänen sanken in sich zusammen, die Fleur-de-lys welkte, verging. Das Quietschen der Pumpen verstummte. Die Oberfläche des Teichs war spiegelglatt, keine Wellen, nicht einmal Luftblasen waren zu sehen.

Yves wischte sich mit dem Ärmel über das Gesicht. Marie-Josèphe, zwei Stufen über ihm, war jetzt fast so groß wie er. Sie legte ihrem Bruder die Hand auf die Schulter.

»Es ist gelungen«, sagte sie.

»Ich hoffe.«

Marie-Josèphe beugte sich vor und spähte in den Teich. Eine dunkle Gestalt lag auf dem Grund. Die Spiegelungen des Kerzenscheins auf dem Wasser verzerrten ihre Umrisse.

»Noch lebt es«, meinte Yves. »Aber wie lange wir es am Leben erhalten können …« Er verstummte.

»Es braucht ja nicht für sehr lange sein«, sagte Marie-Josèphe. »Ich will es sehen. Ruf es her!«

»Es wird nicht kommen. Es ist ein Tier, es versteht mich nicht.«

»Meine Katze versteht, wenn ich sie rufe. Hast du es nicht dressiert, während all dieser Wochen auf See?«

»Dazu hatte ich keine Zeit.« Yves runzelte die Stirn. »Es wollte nicht fressen – ich musste es zwingen.« Er verschränkte die Arme und schaute finster auf die glänzende Wasserfläche, unter der das Seeungeheuer trieb, stumm und bewegungslos. »Doch ich habe den Wunsch Seiner Majestät erfüllt. Ich habe getan, was seit vierhundert Jahren niemand getan hat. Ich habe ein lebendes Seeungeheuer an Land gebracht.«

Marie-Josèphe beugte sich weiter vor und bemühte sich, etwas zu erkennen. Die Kreatur war lang und schlank, größer und schmaler als die Delfine, die sich vor der Küste von Martinique tummelten. Das wirre Haar wogte um ihren Kopf.

»Wer hat je von einem Fisch mit Haaren gehört?«, rief sie aus.

»Es ist kein Fisch«, berichtigte Yves. »Es atmet Luft. Wenn es nicht bald an die Oberfläche kommt …«

Er stieg auf den Rand des Brunnens und dann auf den Boden. Marie-Josèphe blieb auf der Plattform zurück und betrachtete das Wesen.

Es begegnete ihrem Blick aus Augen, die nichts widerspiegelten als das Licht. Es streckte die Arme aus, Hände mit Schwimmhäuten zwischen den Fingern.

Yves’ Schatten fiel über das Seeungeheuer, und es ließ sich zurücksinken, schloss die goldenen Augen. Yves hielt einen Stachelstock in der Hand.

»Ich werde nicht zulassen, dass es ertrinkt.« Er stieß mit dem Stock nach dem Seeungeheuer, damit es sich bewegte. »Schwimm, verdammt noch mal! Komm an die Oberfläche!«

Das Haar wogte über das Gesicht der Kreatur, die Schwanzflossen bebten. Das Wesen zitterte.

»Hör auf, du erschreckst es, du wirst ihm wehtun!« Marie-Josèphe kniete auf der Plattform nieder und streckte die Hände ins Wasser. »Komm zu mir, hier bist du in Sicherheit.«

Die durch Schwimmhäute verbundenen Finger umfassten ihre Handgelenke und drückten Wärme gegen ihre Haut. Die Krallen berührten sie wie Messerspitzen, doch ohne zu verletzen, und plötzlich zog es sie in den Teich.

Yves schrie auf und stieß mit dem Stock zu, aber das Ungeheuer befand sich außerhalb seiner Reichweite. Marie-Josèphe kämpfte sich auf die Füße, hustend und durchnässt. Ihre weiten Unterröcke schwammen auf dem Wasser wie die Blätter einer Seerose, und sie drückte sie nach unten, wo sie als schwere Masse Stoff an ihren Beinen klebten.

»Schnell, nimm meine Hand …«

»Nein, warte«, sagte sie. Die Kreatur schlüpfte an ihr vorbei, flüchtend, machte kehrt. Ihre Stimme berührte sie durch das Wasser. »Erschreck es nicht wieder.« Sie streckte dem Seeungeheuer die Hand entgegen. »Komm her, komm zu mir …«

»Sei vorsichtig. Es ist stark, es ist grausam …«

»Es hat Angst!«

Die Stimme der Kreatur streifte ihre Fingerspitzen. Ihr Lied erhob sich über das Wasser wie Nebel. Mit kaum wahrnehmbaren Bewegungen paddelnd, treibend, näherte sich das Seeungeheuer Marie-Josèphe.

»Gutes Seeungeheuer. Braves Seeungeheuer.«

»Seine Majestät ist auf dem Weg hierher.«

Erschreckt schaute Marie-Josèphe über die Schulter. Der Comte de Chrétien hatte das Zelt betreten und den Bretterboden überquert, ohne dass sie auf ihn aufmerksam geworden war. Yves befand sich auf der Plattform im Wasser, Comte Lucien auf der Teicheinfassung. Die beiden Männer standen Auge in Auge.

Auf der anderen Seite des Zeltes hielten die Musketiere den Vorhang beiseite. Eine lange Reihe von Fackeln näherte sich auf der Königsallee dem Bassin d’Apollon.

»Ich bin noch nicht bereit«, sagte Yves.

Marie-Josèphe wandte ihre Aufmerksamkeit wieder dem Seeungeheuer zu. Es verharrte unmittelbar außerhalb ihrer Reichweite. Wenn sie es zu greifen versuchte, würde es zurückscheuen wie ein junges Fohlen.

»Wenn der König bereit ist«, sagte Comte Lucien, »seid auch Ihr bereit.«

»Ja.« Yves nickte. »Selbstverständlich.«

Das Seeungeheuer streckte die Arme aus. Seine Krallen berührten Marie-Josèphes Fingerspitzen.

»Mlle. de la Croix«, bemerkte Comte Lucien, »Ihr solltet in diesem derangierten Zustand nicht von Seiner Majestät gesehen werden.«

Marie-Josèphe hielt den Atem an, erschreckt von der Vorstellung, sie könnte Seiner Majestät Missfallen erregen. Unbeholfen watete sie auf die Plattform zu, behindert von den nassen Röcken und den hohen, spitzen Absätzen ihrer Schuhe.

Das Seeungeheuer umkreiste sie, schnitt ihr den Weg ab und schnellte vor ihr in die Höhe. Es holte tief Atem. Marie-Josèphe starrte es an, voller Grausen und doch fasziniert. Es fiel ins Wasser zurück, lag still und schaute sie an.

Obwohl Arme und Hände den Gliedmaßen eines Menschen glichen, hatte es weniger Menschenähnlichkeit als ein Affe. Der Fischschwanz war zweigeteilt, sodass man glauben konnte, es hätte Beine. Schwimmhäute spannten sich zwischen den langen Fingern, die als Nägel starke, scharfe Krallen hatten. Das lange, strähnige Haar wirrte sich um Kopf und Schultern und Brust – um die Brüste, denn es hatte flache, breite Brüste mit kleinen, dunklen Warzen. Wasser perlte auf der mahagonifarbenen Haut, die im Schein der Kerzen glänzte.

Die Meerfrau betrachtete Marie-Josèphe aus leuchtend goldenen Augen, dem einzig Schönen an ihr. Das Gesicht prägten gewundene, scharfgratige Wülste an Stirn und Wangen – lebendiges Modell für einen Maskaron, grotesk und zugleich großartig. Die Nase war flach mit schmalen Nüstern, raubtierhafte Reißzähne ragten über die Unterlippe.

»Fantastisch. Fantastisch und monströs.« Die Stimme Seiner Majestät, sonor und wohlklingend. Comte Lucien und Yves verneigten sich vor ihrem Monarchen. Der König, in neuen Kleidern, neuen Spitzen und neuer Perücke, betrachtete sein Seeungeheuer, Marie-Josèphe schien für ihn nicht vorhanden zu sein. Sein gesamter Hofstaat, von Monsieur und Madame bis zu Mme. de Maintenon, starrte auf den Teich. Einige schauten das Seeungeheuer an, andere schienen Marie-Josèphes Anblick noch erstaunlicher zu finden. Die verängstigte Kreatur stieß ein Knurren aus und tauchte unter.

Wenn Marie-Josèphe aus dem Teich stieg, stand sie dem König genau gegenüber; er konnte sie nicht übersehen. Ein solcher Verstoß gegen die Etikette konnte zur Folge haben, dass sie ihre Stellung als Lottes Dame d’honneur verlor. Vielleicht musste sie den Hof verlassen. Ratlos, kurz davor, in Tränen auszubrechen, bewegte sie sich rückwärts, um Zuflucht im Halbdunkel zu suchen. Beinahe wäre sie über ihre Unterröcke gestolpert.

Comte Lucien warf seinen Hut zu Boden, nahm den Umhang von den Schultern und hielt ihn zwischen Marie-Josèphe und den König.

Nun den Blicken Seiner Majestät verborgen, blieb Marie-Josèphe in dem kalten Wasser stehen. Das Seeungeheuer, ein dunkler Schatten, schwamm davon. Es umfasste die Stäbe seines Käfigs, rüttelte daran, wendete mit einem zornigen Schlag seines geteilten Schwanzes und kehrte zurück zu der Plattform, wo es innehielt und aus dem Wasser schaute. Nur die Augen und das wirre, dunkelgrüne Haar waren zu erkennen.

Für die meisten Anwesenden war Marie-Josèphe deutlich zu sehen, aber darauf kam es nicht an. Von Bedeutung war einzig und allein, dass Seine Majestät vor einem dem Auge unerfreulichen Anblick bewahrt blieb.

Madame fing Marie-Josèphes Blick auf und schüttelte tadelnd den Kopf. Aber ihre Lippen zuckten vor heldenhaft unterdrücktem Lachen. Monsieur, als Kavalier, vermied es, sie anzusehen, doch Lorraine schaute unverhohlen zu ihr hin und lächelte. Sie schlang die Arme um den Leib und wäre am liebsten ganz versunken vor Scham, in diesem Zustand ausgerechnet von dem berühmtesten Elegant am Hof gesehen zu werden.

Wahrscheinlich würde ich ebenfalls lachen, dachte sie. Wenn mir nicht so kalt wäre.

»Wir sehen das Vertrauen gerechtfertigt, das Wir in Euch gesetzt haben, M. le Père.« Seine Majestät trat zu Yves auf die Plattform im Teich. »Ein lebendiges Seeungeheuer!«

»Euer Seeungeheuer, Majestät«, sagte Yves.

»Monsieur Boursin, wie lautet Euer Urteil?«, fragte Ludwig. »Wird die Kreatur eine Zierde Unseres Banketts?«

M. Boursin, unscheinbar, wie es seiner Stellung im königlichen Haushalt zukam, eilte herbei. Er verneigte sich und rieb sich dabei die Hände, groß und dünn und knochig wie der Engel des Todes.

»Ist es fett? Frisst es tüchtig?«

Boursin spähte in den Teich. Das Seeungeheuer schwamm um die Skulptur des Apollo und sang ein melancholisches Lied.

»Es nimmt nur wenig Nahrung zu sich«, antwortete Yves.

»Dann müsst Ihr es mästen.«

»Ihr seid ein Jesuit«, meinte Ludwig spaßend. »Ihr seid klug genug, um es dazu zu bringen, dass es isst.«

Das Seeungeheuer warf sich erneut gegen das Gitter, wühlte das Wasser auf, rüttelte an den Stäben.

»Macht, dass es damit aufhört«, verlangte M. Boursin. »Das Fleisch darf keine blutunterlaufenen Stellen haben.

Marie-Josèphe hätte dem Seeungeheuer gern gut zugeredet, damit es sich beruhigte, aber sie wagte nicht, die Stimme zu erheben.

»Das kann ich nicht«, sagte Yves. »Es ist ein wildes Tier, es hört nicht auf Befehle.«

»Es wird sich beruhigen«, meinte Ludwig, »wenn es sich an seinen Käfig gewöhnt hat.«

Der König kehrte auf festen Boden zurück, die hohen Absätze seiner Schuhe klapperten auf den hölzernen Stufen. Yves und M. Boursin folgten ihm.

»M. de Chrétien«, grüßte Seine Majestät, als er an Comte Lucien vorbeikam.

»Euer Majestät.«

»Mlle. de la Croix.« Ludwig hatte den Käfig verlassen und stand mit dem Rücken zu ihr.

Marie-Josèphe hielt den Atem an. »J-ja, Euer Majestät?«

»Hofft Ihr auf einen Besuch Apollos?«

Die Höflinge lachten, und Marie-Josèphe errötete über die Anspielung. Das Gelächter erstarb.

»N-nein, Euer Majestät.«

»Kommt heraus, bevor Ihr Euch den Tod holt.«

»Ja, Euer Majestät.«

Sie kämpfte sich auf die Plattform hinauf, vom Mantel des Comte vor Blicken geschützt. Mittels seines Gehstocks hob er ihn höher, als sie zur Einfassung hinaufstieg. Das Wasser war kalt, die Luft auf ihrer nassen Haut noch kälter. Fröstelnd stieg sie über die Einfassung, schlüpfte an den Höflingen vorbei und verbarg sich in den Schatten zwischen den Laborgeräten.

Der König gesellte sich zu Mme. de Maintenon. »Wie gefällt Euch mein Seeungeheuer, Madame?«

Der Chevalier de Lorraine schritt an Comte Lucien vorbei auf Marie-Josèphe zu und schwang im Gehen seinen langen schwarzen Umhang von den Schultern. Darunter trug er einen blauen Schoßrock im selben Farbton wie Comte Lucien, allerdings mit weniger Stickerei und goldenen Besätzen. Der Rock wies ihn als einen ebenfalls den sechzig Auserwählten Zugehörenden aus, Ludwigs innerem Zirkel. Monsieur folgte Lorraine mit verstohlenen Blicken; er bemühte sich, seine Aufmerksamkeit auf den König zu richten, doch es gelang ihm nicht.

»Die Kreatur ist furchtbar hässlich, Sire«, antwortete Mme. de Maintenon.

»Nicht hässlicher als ein wilder Eber, Madame.«

Lorraine legte Marie-Josèphe seinen Mantel um die Schultern. Der pelzgefütterte Samt, die Wärme seines Körpers und der Duft seines Parfüms hüllten sie ein.

»Ich danke Euch, Chevalier.« Ihre Zähne klapperten.

Lorraine verneigte sich und kehrte zu Monsieur zurück, der ihm die Hand auf den Arm legte. Diamantringe blitzten im Kerzenschein. »Ich denke, es ist ein Dämon, Sire«, sagte Mme. de Maintenon.

»Euer Gnaden, es ist ein natürliches Geschöpf«, warf Yves ein. »Die Heilige Mutter Kirche hat diese Spezies einer Überprüfung unterzogen und befunden, dass es sich lediglich um ein Tier handelt. Wie Seiner Majestät Elefant oder Seiner Majestät Krokodil.«

»Nichtsdestoweniger, Monsieur le Père«, bemerkte Ludwig, »Ihr hättet ein schönes Exemplar fangen können.«

Yves begab sich zu seinem Seziertisch, wodurch Marie-Josèphe gezwungen wurde, sich noch weiter in den Hintergrund zurückzuziehen. Comte Lucien fuhr fort, sie gegen Seine Majestät abzuschirmen. Lorraines Umhang verbarg ihr durchnässtes Kleid, doch auch ihre Coiffure wäre eine Beleidigung für des Königs Auge gewesen. Das Haar hing ihr in zerzausten Locken ins Gesicht, die Fontange saß schief, Drähte und Nadeln hatten sich gelöst.

Yves schlug die Tücher zurück, die das tote Exemplar einhüllten. Eisbrocken fielen auf die Bretter.

»Die Seeungeheuer sind ausnahmslos hässlich, Euer Majestät«, antwortete Yves. »Männchen wie Weibchen.«

Die Höflinge scharten sich um ihn, begierig darauf, die tote Kreatur zu sehen. An der Zeltwand wetteiferten Schatten um einen Platz möglichst dicht bei dem Schatten von Marie-Josèphes Bruder. Yves war der Mond zu des Königs Sonne, und man hoffte, etwas von dem reflektierten Licht einzufangen.

»Welch ein abscheulicher Gestank!«

Marie-Josèphe lugte über den Kragen von Comte Luciens Mantel hinweg. Monsieur hielt sich das Taschentuch vor die Nase. Man konnte niemandem, der nicht an Sektionen gewöhnt war, übel nehmen, wenn er sich wünschte, er hätte seinen Pomander mitgebracht.

»Zügelt Eure Neugier, Mademoiselle«, sagte Comte Lucien mit einem Anflug von Gereiztheit. Selbstverständlich hätte er es vorgezogen, sich an seinem angestammten Platz an der Seite des Königs zu befinden. Ludwig war so großmütig, über seine Abwesenheit hinwegzusehen.

Marie-Josèphe schrak zurück hinter den bergenden Umhang, der ihr nur erlaubte, die Ereignisse als Schattenspiel auf der Zeltleinwand wahrzunehmen.

»Die konservierenden Essenzen haben einen starken Geruch, Sire«, sagte Yves.

»Wir bekennen – falls Unser Beichtvater gewillt ist, Uns einen Augenblick der Untreue ihm gegenüber nachzusehen …« Ludwigs Schatten nickte Père de la Chaise zu, seinem Beichtvater, und sein Ton enthielt nur die geringste Andeutung von Ironie. Der Geistliche verneigte sich tief. »Wir bekennen, dass Wir an Euren Behauptungen gezweifelt haben, M. le Père«, sagte der König. »Doch tatsächlich habt Ihr diese Geschöpfe gefunden, in den wilden Gewässern der Neuen Welt. Eure Vorhersagen waren richtig.«

»Alle Beweise deuteten auf einen bestimmten Ort hin, an dem sie zu einer bestimmten Zeit zu finden sein müssten«, erläuterte Yves bescheiden. »Ich war nur der Erste, der alle Berichte gesammelt und verglichen hat. Die Ungeheuer kommen im Schutz der Insel Exuma zusammen, wo die Mittsommersonne über einen großen Meeresgraben wandert. Dort paaren sie sich, in tierischer Wollust.«

Ein erwartungsvolles Schweigen trat ein.

»Darüber brauchen wir nichts Genaueres zu erfahren«, äußerte die Marquise de Maintenon nachdrücklich.

»Ein Naturphilosoph muss alle Dinge erforschen, kein Gebiet darf ihm verschlossen sein!«, warf der Herzog von Chartres mit der fanatischen Begeisterung ein, derentwegen man ihn bei Hofe mit hochgezogenen Augenbrauen und bei den unteren Klassen mit Argwohn betrachtete. »Wie sonst sollen wir je das wahre Wesen der Dinge begreifen?«

»Was für einen Naturphilosophen geeignet ist, mag für andere ein Quell der Beunruhigung sein«, sagte der König. »Oder sie irreleiten.«

»Aber die Wahrheit …«

»Sei still, Junge!« Madames Stimme war leise, aber drängend.

Marie-Josèphe hatte Mitleid mit Chartres. Seine Stellung vertrug sich nicht mit seinem Hunger nach Wissen. Er wäre als einfacher Mann glücklicher gewesen.

Glücklicher vielleicht, dachte Marie-Josèphe, aber er hätte nicht all die besten wissenschaftlichen Geräte.

»Seit der Zeit des heiligen Ludwig«, bemerkte Seine Majestät, »hat niemand mehr ein lebendiges Seeungeheuer nach Frankreich gebracht. Wir sprechen Euch Unsere Anerkennung aus, Père de la Croix.«

Der König hatte geschickt das Thema gewechselt, und die Atmosphäre entspannte sich.

»Die Ermutigung, die Euer Majestät mir zuteilwerden ließ, hat mir zu meinem Erfolg verholfen«, sagte Yves.

»Wir werden Euch Unserem ehrwürdigen Vetter, Papst Innozenz, ans Herz legen.«

»Ihr seid zu gütig, Sire.«

»Und Wir werden dabei sein, wenn Ihr die Sektion an dem toten Ungeheuer vornehmt.«

»Ich … ich …«

Marie-Josèphe betete stumm, ihr Bruder möge mit angemessener Würde und Dankbarkeit antworten.

»Euer Majestät Anteilnahme ehrt meine Arbeit über alle Gebühr«, sagte Yves.

Seine Majestät wandte sich an Comte Lucien. Sie berieten einen Augenblick.

Dann nickte der König.

»Morgen. Nach der Messe dürft Ihr mit Euren Untersuchungen beginnen.«

»Morgen, Sire? Aber es ist unbedingt … der Kadaver ist bereits in Verwesung begriffen.«

»Morgen«, wiederholte Seine Majestät ruhig, als hätte Yves nichts gesagt. »Nach der Messe.«

Marie-Josèphe wäre am liebsten hinter Comte Luciens Mantel hervorgetreten und hätte sich den Bitten ihres Bruders angeschlossen, um Seiner Majestät zu erklären, dass dieser Aufschub den Erfolg von Yves’ Arbeit gefährdete. Doch sie konnte nicht wagen, sich eines weiteren Verstoßes gegen die Etikette schuldig zu machen. Sie durfte dem König nicht unter die Augen treten, und sie durfte ihn nicht ansprechen, es sei denn, er hätte zuerst das Wort an sie gerichtet.

An der Zeltwand sah sie Yves’ Schatten sich tief verneigen.

»Ich bitte Euer Majestät um Vergebung für meine Ungeduld. Es wird geschehen, wie Ihr es wünscht. Morgen.«

Die Schatten bewegten sich und verschmolzen und sonderten sich zu Paaren.

»Ich erinnere mich«, sagte Ludwig, »als ich jung war wie M. le Père, konnte ich auch im Dunkeln sehen.«

Die Schar der Höflinge lachte beflissen.

Als der König und Mme. de Maintenon an der Spitze ihrer Entourage das Zelt verließen, senkte Comte Lucien seinen Mantel und warf ihn sich um die Schultern. Er ballte und öffnete die Fäuste.

Lorraine blieb vor Marie-Josèphe stehen. »Behaltet einstweilen meinen Umhang, Mlle. de la Croix –«

Sie antwortete mit klappernden Zähnen. »Ich danke Euch.«

»… und vielleicht habt Ihr eine Belohnung für mich, wenn ich komme, um ihn mir wiederzuholen.«

Verlegenheit durchflutete sie heiß, ohne jedoch die Kälte aus ihren Gliedern zu vertreiben.

Monsieur legte die Hand um Lorraines Ellenbogen und zog ihn mit sich fort. Sie folgten dem König. Monsieur flüsterte etwas, Lorraine antwortete und lachte. Mit einem zaghaften Lächeln schaute Monsieur an seinem Begleiter auf. Der Mechanismus der Wasserspiele knirschte und gluckerte. Das Wasser im Bassin d’Apollon blieb unbewegt, aber der Brunnen der Latona am oberen Ende des Tapis Vert ließ seine Fontänen springen, um den König zu ergötzen.

»Comte Lucien«, sagte Marie-Josèphe, »ich bin Euch zu Dank verpflichtet …«

»Seine Majestät muss vor unziemlichen Anblicken bewahrt werden.«

Der Comte verneigte sich kühl und begab sich dann dorthin, wo Yves stand. Er benutzte seinen Gehstock so geschickt, dass sein leichtes Hinken kaum auffiel. Frierend rieb sich Marie-Josèphe die Arme.

Comte Lucien offerierte Yves einen Lederbeutel, doppelt so groß wie der, den der Kapitän der Galeone erhalten hatte.

»Mit Seiner Majestät Wertschätzung.«

»Meinen tiefempfundenen Dank, Comte, aber ich kann das Geschenk nicht annehmen. Zu meinen Gelübden gehört auch das der Besitzlosigkeit.«

Comte Lucien hob verwundert die Brauen. »Wie bei Euren Brüdern im Glauben, die sich ungeachtet dessen bereichern …«

»Seine Majestät hat meine Schwester vor dem Krieg in Martinique gerettet. Er gab mir die Mittel, meine Arbeit fortzusetzen. Ich verlange nicht mehr.«

Marie-Josèphe trat zwischen die beiden Männer und streckte die Hand aus. Comte Lucien legte die Börse hinein, schwer von Gold. Sein Handschuh streifte ihre Fingerspitzen.

Er zog die Hand, schmaler, feinknochiger als die ihre, zurück, als hätte keine Berührung stattgefunden, und auf einmal schämte sich Marie-Josèphe ihrer rauen Haut.

Er hat nie den Boden eines Konvents scheuern müssen, dachte sie. Sie konnte ihn sich nicht anders als in luxuriöser Umgebung vorstellen.

»Vielen Dank, Comte Lucien«, sagte sie rasch. »Dies wird meinem Bruder in der Tat eine Hilfe bei seinen Forschungen sein. Nun können wir ein neues Mikroskop anschaffen.« Vielleicht sogar eins von Mijnheer van Leeuwenhoek und zu einem Preis, dass noch etwas übrig blieb für Bücher.

»Ihr solltet von Eurer Schwester lernen, M. le Père«, sagte Chrétien. »Aller Reichtum und alle Privilegien kommen von unserem allergnädigsten König. Seine Wertschätzung – in jeder Form – ist zu kostbar, um sie zurückzuweisen.«

»Ich bin mir dessen bewusst, Comte, doch ich strebe weder nach Reichtum noch nach Privilegien. Ich wünsche mir einzig die Freiheit, mit meinen Studien fortzufahren.«

»Was Ihr Euch wünscht, ist gänzlich ohne Belang. Die Wünsche Seiner Majestät sind uns allen Befehl und Verpflichtung. Was Euch anbetrifft, so wünscht der König Eure Anwesenheit beim Lever. Morgen seid Ihr aufgefordert, Euren Platz im Fünften Entree einzunehmen.«

»Meinen Dank, Monsieur de Chrétien.« Yves verneigte sich. Im Bewusstsein der Ehre, die ihrem Bruder zuteilgeworden war, versank Marie-Josèphe in einem tiefen Knicks.

Der Comte verneigte sich vor dem Bruder, der Schwester und verließ das Zelt.

»Weißt du, was das bedeutet?«, rief Marie-Josèphe aus.

»Es bedeutet das Wohlwollen des Königs.« Yves lächelte schief. »Und dass das Hofzeremoniell mir Zeit stiehlt, die ich lieber für meine Studien verwenden würde. Doch ich darf den König nicht verärgern.« Er legte ihr den Arm um die Schultern. »Du frierst.«

Sie lehnte sich an ihn. »Frankreich ist zu kalt.«

»Und Martinique ist zu fern.«

»Bist du froh, dass Seine Majestät dich nach Versailles gerufen hat?«

»Hat es dir leidgetan, Fort-de-France zu verlassen?«

»Nein! Ich …«

Das Seeungeheuer raunte eine Melodie.

»Die Kreatur singt«, sagte Marie-Josèphe. »Die Kreatur singt wie ein Vogel.«

»Ja.«

»Gib ihr einen Fisch. Vielleicht ist sie ebenso hungrig wie ich.«

»Sie wird nicht fressen.« Yves nahm eine Hand voll Tang aus dem Korb und warf ihn zwischen den Stäben des Käfigs hindurch, danach einen Fisch. Er rüttelte am Tor, um sich zu vergewissern, dass es fest geschlossen war.

Das Lied des Seeungeheuers mit seinen fremdartigen Harmonien hüllte sie in die balsamische Luft der Karibik. Es verstummte abrupt, als der Fisch klatschend ins Wasser fiel.

Marie-Josèphe fröstelte heftig.

»Du musst ins Warme«, sagte Yves mit plötzlicher Strenge. »Du wirst dich erkälten.«

Kapitel 3

Das Seeungeheuer trieb unter der Oberfläche dahin und summte eine leise, klagende Melodie. Von den Rändern des Bassins hallten die Töne wider.

Ein toter Fisch fiel in den Teich. Das Seeungeheuer schoss davon, kehrte in einem Bogen zurück, schnüffelte daran, nahm ihn und warf ihn hinaus. Er flog zwischen den kalten schwarzen Stäben hindurch und landete mit einem flachen, lakonischen Klatschen.

Das Seeungeheuer sang.

Marie-Josèphe ging vor Yves die schmale, schmutzige Treppe zum Dachgeschoss von Versailles hinauf und den düsteren, mit einem abgetretenen Läufer ausgelegten Flur entlang. Die Nässe war aus ihrem Kleid in das Pelzfutter von Lorraines Mantel gezogen. Sie konnte nicht aufhören zu zittern.

»Hier sollen wir wohnen?«, fragte Yves bestürzt.

»Wir haben drei Zimmer!«, rief sie. »Bei Hofe versucht man mit Intrigen und Ränken und Bestechung ein solches Quartier zu ergattern.«

»Eine schnöde Dachkammer.«

»Im königlichen Schloss!«

»Meine Kabine auf dem Schiff war sauberer.«

Marie-Josèphe öffnete die Tür zu der dunklen, kalten, schäbigen Mansarde. Licht strömte heraus. Sie riss erstaunt die Augen auf.

»Und mein Zimmer in der Universität war geräumiger. Guten Abend, Odelette.«

Eine junge Frau von außerordentlicher Schönheit erhob sich von dem Stuhl, auf dem sie bei Kerzenschein gesessen und genäht hatte.

»Guten Abend, M’sieur Yves«, sagte Marie-Josèphes türkische Sklavin, mit der sie den Geburtstag teilte und mit der man ihr seit fünf Jahren nicht mehr zu sprechen erlaubt hatte.

Sie lächelte ihre Herrin an, als wäre inzwischen keine Zeit vergangen. »Guten Abend, Mam’selle Marie.«

»Odelette!« Marie-Josèphe lief zu ihr hin und warf sich in ihre Arme. »Wie … wo … Oh, ich bin so froh, dich zu sehen!«

»Mam’selle Marie, Ihr seid durchnässt!« Odelette wies auf die Tür des Ankleidezimmers. »Geht hinaus, M. Yves, damit ich Mam’selle Marie von diesen nassen Kleidern befreien kann.« Odelette hatte noch nie Respekt vor Yves gezeigt.

Yves antwortete mit einer spöttischen Verbeugung und ging, um seine Unterkunft zu inspizieren.

»Wo kommst du her? Wie bist du hergekommen?«

»War es nicht Euer Wunsch, Mam’selle?« Odelette begann, Marie-Josèphes Robe aufzuhaken.

»Schon, aber ich wagte nie zu hoffen, dass man dich herschicken würde. Bevor mein Schiff ging, schrieb ich an die Mutter Oberin, ich schrieb an den Priester, an den Gouverneur …« Die klamme, feuchte Seide glitt von ihren Schultern und setzte ihre bloßen Arme der kalten Nachtluft aus. »Und in Saint-Cyr bat ich Mme. de Maintenon um Hilfe – ich schrieb sogar an den König!« Sie schlang frierend die Arme um den Leib. »Obwohl ich nicht glaube, dass er meinen Brief je zu Gesicht bekommen hat.«

»Vielleicht war es der Gouverneur. Ich habe seiner Tochter während ihrer Überfahrt als Zofe gedient, obwohl die Mutter Oberin mich behalten wollte.«

Odelette zupfte die Nesteln an dem ebenfalls durchnässten Korsett auf, und schließlich stand Marie-Josèphe nackt und zitternd auf dem abgetretenen Teppich. Um ihre Füße häuften sich das nasse Kleid und die vollgesogenen Unterröcke. Odelette hängte den Mantel des Chevaliers auf den Kleiderständer. »Ich werde ihn ausbürsten, vielleicht trocknet er ohne Flecken. Aber Euer wunderschöner Rock …« Odelette fiel in ihre alte Rolle zurück, als wären sie nie getrennt gewesen. Sie rieb Marie-Josèphe mit dem Stück einer alten Decke trocken und massierte ihre Finger und Arme, um das Blut zum Kreisen zu bringen. Herkules, der Kater, beobachtete alles von seinem Platz auf der Fensterbank aus.

Marie-Josèphe weinte Tränen des Zorns und der Erleichterung. »Sie hat mir verboten, dich zu besuchen …«

»Nicht doch, Mam’selle Marie. Es hat sich ja alles zum Guten gewendet.« Odelette brachte ein fadenscheiniges Nachtgewand aus einfachem, dünnem Musselin. »Ins Bett, bevor Ihr Euch den Tod holt und ich nach einem Arzt schicken muss.«

Marie-Josèphe ließ sich das Hemd über den Kopf ziehen. »Ich brauche keinen Arzt. Ich will keinen Arzt. Mir ist nur kalt. Es ist ein langer Weg vom Bassin d’Apollon bis hierher, wenn man ein nasses Kleid trägt.«

Odelette löste Marie-Josèphes langes, rotgoldenes Haar, sodass es in wirren Locken auf ihre Schultern fiel. Marie-Josèphe schwankte, sie konnte sich vor Müdigkeit kaum noch auf den Beinen halten.

»Nun wird es höchste Zeit«, mahnte Odelette. »Ihr zittert ja am ganzen Leib. Legt Euch hin, und ich kämme Euch das Haar, während Ihr einschlaft.«

Immer noch zitternd kroch Marie-Josèphe zwischen die Federbetten.

»Herkules!«

Der getigerte Kater auf dem Fenstersims blinzelte, gähnte, erhob sich, streckte sich ausführlich und grub die Krallen in das samtbezogene Polster. Ein Satz auf den Boden, ein Satz aufs Bett, und er war bei ihr. Er beroch ihre Finger, sprang auf ihren Bauch, wanderte hin und her und fing an zu treteln. Das Plumeau schützte sie vor seinen Krallen und verwandelte seine Bewegungen in eine rhythmische Massage. Dann rollte er sich zusammen, warm und schwer, und schlief wieder ein.

»Steckt Eure Arme unter das Deckbett«, befahl Odelette.

»Nein, das ist sündhaft …«

»Unfug, wenn Ihr Euch nicht ordentlich zudeckt, bekommt Ihr es am Ende auf der Brust.« Odelette zog ihr das Plumeau bis unter das Kinn und stopfte es fest. Dann nahm sie einen Kamm und machte sich daran, Marie-Josèphes Haar zu entwirren. »Ihr solltet nicht hinausgehen, ohne gehörig frisiert zu sein.«

»Ich trug eine Fontange.« Marie-Josèphe gähnte. »Aber dann hat das Seeungeheuer mich in den Teich gezogen und …« Sie verlor den Faden. »Du solltest das Seeungeheuer sehen. Du wirst es sehen.«

Eben noch hatte Marie-Josèphe gedacht, sie wäre viel zu aufgeregt, um schlafen zu können, aber dann, im nächsten Augenblick, legte ihr Odelette den schweren Zopf über die Schultern. Also war sie bereits eingedämmert und hatte nicht bemerkt, wie Odelette ihr Haar zu Ende kämmte. Odelette blies die Kerze aus und ging im Dunkeln zum Fenster.

»Lass es offen«, sagte Marie-Josèphe im Halbschlaf.

»Es ist aber kalt, Mam’selle Marie.«

»Wir müssen uns daran gewöhnen.«

Odelette schlüpfte zu ihr ins Bett, ein vertrauter Quell willkommener Wärme. Marie-Josèphe schloss sie in die Arme.

»Ich bin so froh, dass du wieder bei mir bist.«

»Ihr hättet mich verkaufen können«, flüsterte Odelette.

»Nie und nimmer!« Marie-Josèphe wollte vor Odelette nicht zugeben, wie man sie im Konvent dazu gebracht hatte, zu bereuen, dass sie eine Sklavin besaß. Sie bereute es wirklich. Die Argumente hatten sie überzeugt, und seither plagten sie Schuldgefühle, auch wenn ihr im Lauf der Zeit klar geworden war, dass die schönen Worte sie dazu bringen sollten, Odelette zu verkaufen, nicht etwa, sie freizulassen. Die Schwestern fanden Odelettes Fähigkeiten zu exquisit für die Arbeit in einem Konvent und liebäugelten mit dem Geld, das ihr Verkauf eingebracht hätte.

Ich muss sie freilassen, dachte Marie-Josèphe. Aber wenn ich es jetzt tue, schicke ich sie mit leeren Händen in die Welt hinaus; eine junge Frau, allein und völlig mittellos. Wie ich, jedoch ohne den Schutz einer guten Familie oder eines Bruders, ohne das Wohlwollen eines Königs. Ihr einziges Kapital ist ihre Schönheit.

»Ich werde dich nie verkaufen«, sagte sie laut. »Du wirst mir gehören oder frei sein, aber niemals soll dich ein anderer besitzen.«

Das Bruchstück einer Melodie, filigran, wehmütig, schwebte durch das Fenster herein und erfüllte die Luft mit Traurigkeit.

»Nicht weinen, Mam’selle Marie«, flüsterte Odelette. »Jetzt kommen wieder bessere Tage.«

»Hörst du den Gesang?«, fragte Marie-Josèphe, dann dachte sie: Habe ich die Frage gestellt? Oder habe ich nur geträumt? Höre ich den Gesang des Seeungeheuers, oder ist auch das nur ein Traum?

Das Dröhnen schwerer Stiefeltritte, Degengerassel und laute Stimmen rissen Marie-Josèphe aus dem Schlaf. Sie versuchte sich einzureden, es sei ein Traum, doch es passte nicht zu dem, den sie gerade hatte. Herkules blickte starr zur Tür, seine Augen leuchteten wie grünes Glas, sein Schwanz zuckte ungehalten.

»Mam’selle Marie?« Odelette setzte sich auf.

»Schlaf weiter. Ich bin sicher, es hat nichts mit uns zu tun.« Odelette verkroch sich unter dem Deckbett und lugte neugierig über den Rand.

»Monsieur le Père! Père de la Croix!«

Jemand hämmerte an die Tür der Kammer, in der Yves schlief. Marie-Josèphe warf das Plumeau zurück und riss Lorraines Umhang vom Kleiderständer. Sie öffnete die Tür zum Flur.

»Ruhe! Ihr weckt meinen Bruder auf!«

Zwei Musketiere des Königs standen in dem schmalen Gang und füllten ihn aus mit ihren breiten Schultern, den Hüten und den langen Degen, die überall anstießen. Auf dem Teppich lagen Erdklumpen von ihren Stiefeln. Der Qualm ihrer Fackel schlug sich als Ruß an der Decke nieder, brennendes Pech überlagerte den Geruch von Urin und Schweiß und Moder.

»Wir müssen ihn aufwecken, Mademoiselle.« Der kleinere der beiden war immer noch einen Kopf größer als Marie-Josèphe. »Das Seeungeheuer – das Zelt ist voller Dämonen!« Weil er sich im Innern eines Gebäudes befand und in Gegenwart einer Dame, nahm der Musketier den Hut vom Kopf.

Yves’ Tür ging auf. Schlaftrunken erschien er im Rahmen, mit zerzaustem Haar und schief zugeknöpfter Soutane. »Dämonen? Dummes Zeug!«

»Wir haben es gehört – das Schlagen von riesigen Fledermausflügeln …«

»Nach Schwefel hat es gestunken!«, fügte der größere Musketier hinzu.

»Wer ist zurückgeblieben, um das Seeungeheuer zu bewachen?«

Die beiden schauten sich an.

Yves stieß einen ärgerlichen Laut aus, schlug die Tür hinter sich zu und schritt den Flur hinunter, die Musketiere im Schlepptau.

»Mam’selle Marie …« Marie-Josèphe winkte Odelette zu schweigen. Sie wartete, damit Yves sie nicht bemerkte und ihr befahl, im Zimmer zu bleiben. Sobald die Männer nicht mehr zu sehen waren, folgte sie ihnen.

Sie eilte die Hintertreppe hinunter und durch das geheimnisvolle und verlassene und dunkle Chateau. Angehörige des königlichen Haushalts hatten die mehr oder weniger heruntergebrannten Kerzen eingesammelt, ein Vorrecht ihres Amtes. Mit tastend ausgestreckten Händen bewegte sie sich durch das kleine Jagdschloss Ludwigs des XIII., das Herz von Ludwigs XIV. großartiger, weitläufiger Residenz.

In Lorraines Umhang gehüllt trat sie auf die Terrasse hinaus. Der Mond war bereits untergegangen, aber die Sterne spendeten ein wenig Helligkeit. Die Windlichter entlang der Königsallee waren heruntergebrannt, die Fontänen abgestellt. Marie-Josèphe lief über die kalten, taufeuchten Steinplatten, zwischen den Wasserparterres hindurch und die Treppen zum Fer à cheval mit dem Bassin der Latona hinunter. Weiter voraus warf die Fackel des Musketiers einen Teich aus flackerndem Licht auf die fast schwarze Rasenfläche.

Bewegung im Finstern und ein aus dem Augenwinkel wahrgenommener schwankender, bedrohlicher Schatten erschreckten sie so sehr, dass sie wie gelähmt stehen blieb.

Die weißen Blüten eines Orangenbaums bebten und leuchteten in der Dunkelheit. Gärtner, die sich vor die Karren mit den Bäumen gespannt hatten, ließen die Zugseile von den Schultern gleiten, um sich vor Marie-Josèphe zu verneigen.

Sie erwiderte den Gruß und dachte bei sich: Selbstverständlich müssen sie nachts arbeiten; dem König sollen sich ...

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