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Das Lied des blauen Mondes

Informationen zum Buch

Ein Lied für dich

Juliette hat gerade ihre unglückliche Beziehung beendet und will jetzt vor allem eins: in Ruhe Möbel restaurieren. Doch plötzlich taucht ihre kapriziöse Tante Manon auf, die in den 60ern eine erfolgreiche Chansonnière war. Sie ist nach Paris zurückgekehrt, um ein Erbe anzutreten, das Erinnerungen an eine Zeit voller Leidenschaft und Musik weckt. Und an ihre eine, große Liebe. An die glaubt Juliette schon lange nicht mehr. Doch dann tritt Gérard in ihr Leben, und Manon zeigt ihr, dass es sich lohnt, für die Liebe zu kämpfen.

Eine zauberhafte Liebesgeschichte, leicht wie ein Chanson und très français!

Eins

Die Boulangerie Dupont hatte das beste Baguette rund um die Bastille, nein eigentlich in ganz Paris. Davon war Juliette Blandfort fest überzeugt. Monsieur Dupont, der mürrische Boulanger, backte noch selbst. Seine Backstube lag hinter dem Verkaufsraum mit der hohen Decke und den gekachelten Wänden.

Beim Betreten der kleinen Boulangerie hörte Juliette gerade noch, wie Madame Dupont sagte: »Je reste. Ich bleibe. Paris gehört allen, auch denen, die nicht so viel Geld haben.«

»Bonsoir, Mesdames«, begrüßte Juliette die resolute Bäckerin und ihre Nachbarin, Madame Gobertier, die sich gerade eine Tarte aux Fraises einpacken ließ.

»Bonsoir, Mademoiselle«, antworteten die beiden Frauen, um sich dann sofort wieder in ihr Gespräch zu vertiefen.

Juliette freute sich. Außer Madame Dupont und Madame Gobertier nannte sie kein Mensch mehr Mademoiselle. Sie jedoch blieben unbeirrbar dabei, seit Juliette vor einigen Jahren hierhergezogen war. Madame Dupont war so etwas wie die Zeitung im Viertel. Überhaupt war die Boulangerie ein beliebter Treffpunkt, und auch Juliette kam gern hierher.

»C’est scandaleux! Am Ende wird es hier nur noch Boutiquen, teure Friseure und Schnickschnack-Läden für Touristen geben«, empörte sich Madame Gobertier gerade.

Erstaunt sah Juliette sie an. Madame Gobertier war sonst eher zurückhaltend und entsprach damit so gar nicht dem Bild einer Pariser Concierge. Und das, obwohl sie seit über vierzig Jahren das Haus betreute, in dem Juliette ihre kleine Wohnung und ihre Möbelwerkstatt hatte.

»An der Bastille, direkt am Eingang zur Metro, hat schon wieder ein Schuhladen eröffnet. Turnschuhe in allen Farben. Neongelb bis dunkellila, mit oder ohne Plateau. Ich frage mich, wer so etwas trägt?«

»Eh bien, pas nous en tout cas.« Die beiden lachten und auch Juliette fand die Vorstellung, dass Madame Dupont in Sneakers mit bunten Schnürsenkeln hinter der Ladentheke stehen und Baguettes und Croissants verkaufen würde, absurd.

»Können Sie denn gar nichts gegen die Kündigung tun, Madame?«, hakte Madame Gobertier nach.

»Ich weiß es nicht. Ich habe meinem Mann den Brief noch gar nicht gezeigt. Er regt sich immer so furchtbar auf. Aber hinnehmen werde ich das auf keinen Fall.«

Schulterzuckend wandte sich Madame Dupont jetzt doch wieder Juliette zu »Une demi-baguette, Mademoiselle? Wie immer?«, und holte bereits ein Baguette aus dem Korb, um es schwungvoll auf einem großen Holzbrett durchzuschneiden. Das Brot war noch warm und hatte eine wunderbare goldbraune Kruste. Beim Schneiden gab es leicht nach und verursachte ein Geräusch, wie es nur Brot mit einer ganz dünnen Kruste konnte.

»Oui, comme toujours. S’il vous plaît«, antwortete Juliette mehr der Form halber, denn Madame Dupont wusste von jedem Kunden, was er kaufte. Bei Juliette war es fast täglich ein halbes Baguette, seltener Pâtisserie. Sie liebte gutes Essen, ohne jedoch große Ambitionen beim Kochen zu haben. Deshalb hatte sie immer eine Auswahl an Käse im Haus und dafür brauchte sie frisches Baguette. Ihre beste Freundin Betty behauptete, dass ihre Liebe zum Käse ihr normannisches Erbe sei. Vielleicht hatte sie recht. Für Juliette war es aber auch der perfekte Vorwand, ein Glas Rouge zu trinken und sich nicht an den Herd stellen zu müssen.

Ob sie heute ausnahmsweise auch noch ein Éclair au Chocolat nehmen sollte?

»Erst wurde mit dem Bau der Oper an der Bastille das halbe Viertel zerstört und jetzt soll es immer so weitergehen«, fuhr Madame Dupont fort, während sie das Brot in dünnes Papier wickelte. »Die Mieten steigen und steigen. So viel Baguette können wir gar nicht verkaufen, um die Kosten wieder reinzuholen.«

Juliette runzelte die Stirn. Die Oper? War die nicht schon vor über zwanzig Jahren eingeweiht worden?

»Meine Wohnung ist auch wieder teurer geworden. Winzige vierzig Quadratmeter und dunkel. Mit meinem Gehalt komme ich so schon kaum über die Runden«, seufzte Madame Gobertier.

Juliette hörte nur mit halbem Ohr zu. Es ging wieder um steigende Mieten und wie sehr sich ihr Viertel rund um die Bastille und den Faubourg Saint-Antoine verändert hatte. Es stimmte, auch sie hatte in den letzten Jahren schon diverse Mieterhöhungen bekommen. Im Moment wollte sie sich damit jedoch nicht beschäftigen. In Gedanken war sie immer noch bei dem Besuch von Xavier an diesem Nachmittag.

Sie hatte Xavier heute zum ersten Mal wiedergesehen, nachdem sie sich vor drei Monaten von ihm getrennt hatte. Das Treffen hatte ihr Bauchschmerzen bereitet, denn Xavier hatte die Trennung nicht gewollt. Aber Juliette hatte sich nach zwei Jahren eingestehen müssen, ihn nicht zu lieben. Zumindest nicht genug zu lieben, um ihr Leben mit ihm zu verbringen. Und halbe Sachen wollte sie nicht. In der Liebe nicht und auch sonst nicht.

Vor einer Ewigkeit hatten sie beide an der Sorbonne studiert, Juliette Kunstgeschichte, Xavier Innenarchitektur. Juliette war gerade nach Paris gekommen, ihre Kindheit und Schulzeit hatte sie in der Normandie verbracht. Xavier war Pariser durch und durch, ein bisschen älter und erfahrener, so dass ihre Beziehung für Juliette ein großes Abenteuer wurde. Er nahm sie mit in die billigen Bars und Kneipen rund um die Place de la Bastille und in die Rue de Lappe, lange bevor dieses Quartier schick wurde. Im Morgengrauen liefen sie dann nach Belleville, um sich auf dem schmalen Bett in Xaviers Studentenbude zu lieben. Sie waren einige Monate zusammen, dann war das Semester zu Ende, und Xavier ging zum Studium nach Bologna. Und zu ihrem Erstaunen stellte Juliette fest, dass sie ihn schon bald nicht mehr vermisste.

Anschließend hatten sie sich aus den Augen verloren. Juliette hatte Paul kennengelernt, der jedoch kurz nach dem Studium zum Reifenhersteller Michelin nach Clermont-Ferrand ging. Juliette konnte sich nicht vorstellen, in Clermont zu leben, wo sich – wie sie behauptete – alles nur um Autoreifen drehte. Sie lebten sich mehr und mehr auseinander, Paul lernte eine Frau bei Michelin kennen und heiratete. Sie blieben gute Freunde und Paul rief sie jedes Jahr zum Geburtstag an.

An Verehrern mangelte es Juliette nicht. Sie hatte ab und zu eine hitzige Affäre, es wurde jedoch nie wirklich Ernst daraus. Sehr viel später traf sie dann Xavier bei einem Semestertreffen wieder. Ohne genau zu wissen, wie ihr geschah, waren sie wieder zusammengekommen. Es war kein coup de foudre, eher vertraut und diesmal fast ein bisschen langweilig.

Trotzdem brauchte Juliette zwei Jahre, um sich wieder zu trennen. Xavier war erst gekränkt und dann schnell wieder liiert. Ihre Freundinnen hatten Juliette nicht verstanden, für sie war Xavier der ideale Partner für Familie, Kinder und ein Haus auf dem Land.

Non merci, dachte Juliette. Ich will etwas anderes. Eigentlich will ich mich noch gar nicht festlegen. Aber genau das ist das Problem. Xavier weiß einfach zu genau, was er will. Er hat Karriere gemacht, verdient viel Geld. Jetzt will er eine passende Frau und zwei Kinder. Kinder will ich auch und ich weiß auch, dass ich mit Ende dreißig nicht mehr ewig Zeit habe. Aber er ist einfach nicht der Richtige.

Was Juliette jedoch viel schlimmer fand, war, dass aus dem rauen, kantigen Typ aus der Cité ein snobistischer Langweiler geworden war.

Heute Nachmittag war Xavier nun mit seiner neuen Freundin in den Faubourg Saint-Antoine gekommen. Er hatte vor ein paar Tagen angerufen und behauptet, er müsse noch einige Sachen abholen, die sich im Laufe der zwei Jahre bei ihr angesammelt hätten. Viel war es nicht gewesen. Sie hatten nie zusammen gewohnt und waren die meiste Zeit in der großen Wohnung von Xavier am bürgerlichen Boulevard Raspail gewesen.

»Dass du immer noch hier wohnst. Ich bekäme hier Platzangst«, hatte er gleich zur Begrüßung gesagt. Tatsächlich war Juliettes Wohnung über ihrer Werkstatt winzig. Und dass sie jetzt dort wohnte und arbeitete, wo sie sich in ihrer Studentenzeit die Nächte um die Ohren geschlagen hatten, war reiner Zufall. Aber Juliette liebte ihr petit quartier, die kleinen Passagen, die vielen Hinterhöfe. Dass es immer noch etwas schmuddelig und heruntergekommen war. Es war Xavier, der sich verändert hatte und als angesagter Innenarchitekt lieber Wohnungen in der Avenue Foch für die oberen Zehntausend einrichtete. Dort, wo Geld keine Rolle spielte, weil genug da war. Xavier hatte keinen Spaß mehr mit einem günstigen Bordeaux von Monoprix.

Als sie ihn vor einer knappen Stunde wiedergesehen hatte, war Juliette erstaunt gewesen, wie wenig sie sich zu sagen hatten. Die Situation wäre banal gewesen, wäre da nicht Xaviers Neue, die alles mit Argusaugen beobachtete.

»Chéri« hier und »Chéri« da. Er nannte sie »ma puce«. Mein Floh, wie blöd war das denn?

»He, ich bin keine Gefahr«, hätte Juliette dem Floh am liebsten gesagt. Sie war sich ziemlich sicher, dass Xavier das Ende ihrer Beziehung anders dargestellt hatte, als es war. Letztendlich war es ihr egal, wenn ihre Nachfolgerin sie für eine verlassene Klette hielt. Der Floh musste schließlich mit den Ängsten und der Eifersucht leben.

Schweren Herzens entschied sich Juliette gegen das Éclair au Chocolat und bezahlte ihr halbes Baguette. Beim Hinausgehen hörte sie noch, wie Madame Gobertier sagte: »Paris sera toujours Paris.«

Unschlüssig blieb sie auf dem Bürgersteig vor der Boulangerie Dupont stehen und fragte sich, ob sie schon zurück in ihre Wohnung gehen oder lieber doch noch einen Wein besorgen sollte. Wo sie schon auf das Éclair verzichtet hatte!

»J-u-l-i-e-t-t-e!«

Das konnte nur Chafik sein. Es fehlte nur noch, dass er pfiff. Juliette überquerte die Straße. Er stand vor seinem kleinen Lebensmittelladen Alimentation générale – Chez Fassil und lachte sie an.

»Chafik, das gesamte Viertel weiß jetzt, wie ich heiße. Wie soll ich da die mysteriöse Unbekannte spielen?«

»Juliette, red keinen Unsinn. Probier lieber diese Mangos und vergiss nicht, zu uns zum Essen zu kommen. Du hast es versprochen, und Fatima besteht darauf.«

Juliette hatte Chafiks Tochter Malika in den vergangenen Monaten Nachhilfe in Physik und Chemie gegeben, damit sie jetzt bei den anstehenden Prüfungen zum Abitur so gut wie möglich abschneiden würde.

»Merci, Chafik. Das ist nicht nötig.« Sie wollte die knallroten Mangos wieder auf den Stapel legen.

»Doch, doch. Nimm. Es sind nur ein paar Mangos. Wenn Malika so weitermacht, wird sie studieren, Ärztin oder Apothekerin werden.«

Das war Chafiks Traum. Seine Söhne studierten bereits, und auch Malika sollte es schaffen. Keines seiner Kinder sollte so wie er und seine Frau Fatima tagein, tagaus hinter der Ladenkasse stehen. Malika, das Nesthäkchen der Familie, träumte allerdings einen anderen Traum. Sie wollte Schauspielerin werden und hatte auch durchaus Talent. Das wusste sie, seit sie heimlich Kurse nahm. Sie hoffte, ihren Vater umstimmen zu können, wenn sie ihr Abi in der Tasche hatte. Auch da baute sie auf Juliettes Hilfe.

Chafik hielt große Stücke auf Juliette. Nur, warum sie sich mit so viel Inbrunst um die alten Möbel fremder Leute kümmerte, konnte er nicht verstehen.

»Also, was meinst du?«, hakte Chafik noch einmal nach. »Nur ein kleines Abendessen.«

»D’accord. Spätestens, wenn wir Malikas Abi feiern. Du weißt ja, wie sehr ich Fatimas Couscous liebe«, versprach Juliette. Sie freute sich jetzt schon. Die Abende bei Chafik und Fatima waren heiter, und da Fatima eine begnadete Köchin war, gab es immer la bonne bouffe.

»Très bien. Du kannst auch gern jemanden mitbringen.«

Warum versuchte nur alle Welt, sie zu verkuppeln? Juliette wollte einfach nur in Ruhe Möbel restaurieren. Und sonst gar nichts.

»Oder ich lade meinen Cousin aus Aubervilliers ein. Jetzt, wo du diesen netten jungen Mann in die Flucht geschlagen hast.«

Woher wusste er das denn schon wieder? Juliette verdrehte die Augen.

»Non, Chafik. Du musst mich nehmen, wie ich bin. Toute seule.« Beide lachten, es war ein oft wiederholtes Ritual. Chafik raufte sich die Haare.

»Wie kann eine so schöne Frau alleine sein?«

»Ich bin nicht alleine!«

»Si, si. Kein Mann, keine Kinder«, stöhnte Chafik.

»Papa!«, mischte sich Malika ein. Sie war gerade dabei, hinten im Laden Regale auszuwischen und Dosen neu zu sortieren.

»Quoi? Du bist siebzehn. Du hast von nichts eine Ahnung!«, wies Chafik seine Jüngste zurecht. Obwohl er sich nicht sicher war, ob das so stimmte.

Malika fand ihren Vater einfach nur rückständig und peinlich. Sie sagte aber wohlweislich nichts, sondern warf Juliette nur einen verzweifelten Blick zu. Diese zwinkerte sie vergnügt an und war schon wieder auf dem Sprung.

»Chafik, Malika, ich muss los. Heute Abend lösen wir diese Frage sowieso nicht mehr.«

Juliette bog in ihren Torweg ein. In der kleinen Passage dahinter lagen mehrere Handwerksbetriebe. Lieferwagen, Autos und Motorroller parkten bunt durcheinander. Die Gebäude waren zum größten Teil dreigeschossig und stammten aus dem 19. Jahrhundert. Einige waren noch älter. Es war gleich viel ruhiger als in der stark befahrenen Rue du Faubourg Saint-Antoine. Ihre Werkstatt mit der Wohnung darüber lag ganz hinten rechts. An der Brandmauer des Nachbarhauses blühte jetzt ein mächtiger Jasmin. Jedes Jahr im Frühjahr hatte er seinen großen Auftritt. Juliette zog ihre dünne Jacke enger um sich. So richtig warm war es noch nicht.

Zwei

Mit gemischten Gefühlen sah Manon Monnier von ihrem Platz im Erste-Klasse-Abteil aus dem Zugfenster; gerade fuhren sie in den Bahnhof Saint-Lazare ein. Irgendwie glaubt man ja immer, die Zeit würde stehenbleiben, wenn man nicht Zeuge der Veränderung wird. Aber da hatte sie sich wohl getäuscht. Meine Güte, sie war ja auch vor über vierzig Jahren zum letzten Mal in Paris gewesen! Seitdem hatte sich definitiv einiges verändert: Jede fensterlose Fassade entlang der Bahnstrecke war mit riesigen Werbeplakaten für das neue iPhone 6 zugehängt, die Mauern waren mit schreiend bunten Graffiti bemalt.

Aber dazwischen ragten die typischen Pariser Bürgerhäuser mit ihren verzierten Balkonen auf. Und ab und zu sah sie einen großen Kastanienbaum. Die Stadt empfing sie zwar mit Regen, aber sogar der Frühlingsregen war etwas Besonderes in Paris. Er ließ die Dächer der Häuser silbern aufleuchten und verstärkte das junge Grün der Bäume, die gerade ausgeschossen waren. Manon seufzte beglückt auf. Paris hatte sich zwar verändert, aber es war immer noch die schönste Stadt der Welt. Sie öffnete das Zugfenster, um den unnachahmlichen Duft nach Frische und Reinheit in sich aufzunehmen. Mit geschlossenen Augen gab sie sich für einen Augenblick der Erinnerung an die junge, verliebte Frau hin, die sie damals gewesen war.

Der Zug kam mit einem Ruck zum Stehen. Manon wuchtete ihr Gepäck auf den Bahnsteig und sah sich verwundert um. Aus der dunklen Bahnhofshalle, in deren Ecken es nach Abfall roch und unter deren Dach die Tauben kreisten, war ein modernes Shoppingcenter geworden.

Leider gehörten auch die Gepäckträger der Vergangenheit an. Also stellte sich Manon in die Schlange für die Gepäckwagen und hievte ihren Koffer sowie die Reisetasche auf den nächsten freien Wagen. Dann bahnte sie sich ihren Weg durch die dichtgedrängte Menschenmenge. Wenn sie jemandem mit ihrem Wagen zu nahe kam, entschuldigte sie sich mit einem reizenden Lächeln, dem sie eine Prise Verwirrtheit hinzufügte. In solchen Momenten zahlte sich aus, dass sie früher auf der Bühne gestanden hatte.

Zehn Minuten später wartete sie vor dem Bahnhof am Taxistand und versuchte, sich vor dem rauschenden Regen zu schützen. Wenn es in Paris regnete, dann brach der Verkehr zusammen. Das war früher so gewesen, und das war offensichtlich auch heute noch so. Vor ihr auf der Straße drängelten die Autos lärmend und hupend vorüber, alle paar Sekunden vibrierte der Boden, weil eine Metro unter ihr dahindonnerte. Aber direkt vor ihr auf dem Fußweg lärmte eine Schar Spatzen und nahm ein Bad in den Pfützen. Die Vögel genossen den Regen offensichtlich sehr. Sie überlegte fast schon, die Metro zu nehmen, aber nach einem Blick auf ihr Gepäck entschloss sie sich dagegen. Aus einer Seitenstraße schoss in diesem Augenblick eine Ambulanz mit dem typischen, abgerissenen Dreiklang des Martinshorns.

Ein freies Taxi näherte sich dem Stand. Sie machte einen Schritt in Richtung Straße und verließ dabei das schützende Vordach des Bahnhofs. Tropfen klatschten ihr ins Gesicht. Indigniert schüttelte sie den Kopf, als ein Mann sich auf das Taxi stürzte. Er bedachte sie mit einem mitleidigen Blick und knallte ihr die Tür vor der Nase zu. Das Taxi fuhr los.

Früher wäre mir das nicht passiert, dachte Manon grimmig. Aber früher wussten die Männer auch, wie man sich benimmt. Als sich zwei Taxis hintereinander näherten, presste sie entschlossen ihre Handtasche an sich und platzierte sich vor der hinteren Tür des zweiten Wagens. Dann blieb sie seelenruhig stehen, bis der Fahrer schließlich ausstieg und den Kragen gegen den Regen hochschlug.

»Kann ich Ihnen helfen?«, brummte er.

»Sehr gern, junger Mann. Sehen Sie dort drüben mein restliches Gepäck? Bitte seien Sie doch so gut.« Damit öffnete sie die Tür und setzte sich schon mal.

Der Fahrer sah auf den Schalenkoffer und die gobelinbestickte Reisetasche, die noch unter dem Vordach standen. Achselzuckend holte er sie und bugsierte beides unsanft in den Kofferraum.

»Was haben Sie da drin, Ihre Bettflaschen?«, fragte er mürrisch über die Schulter, als er sich auf den Fahrersitz warf. Das Wasser tropfte ihm aus dem Haar hinten in den Kragen.

Sie schenkte ihm ihr unwiderstehliches Ganz-reizend-junger-Mann-Lächeln.

Während der Taxifahrer ziemlich rasant anfuhr, musste sie wieder an den Grund ihrer Reise denken und seufzte tief. Doch nicht einmal der traurige Anlass oder das Wetter konnten sie davon abhalten, sich am Anblick der geliebten Stadt zu erfreuen. Der Regen war mittlerweile so stark, dass die Scheiben des Taxis ganz beschlagen waren. Sie wischte mit dem Ärmel darüber, und es quietschte leise. Die Fassaden der Gebäude verschwanden fast hinter einem Schleier aus Feuchtigkeit. Auf der linken Seite gab eine Querstraße den Blick auf Sacré-Cœur frei. Für eine Sekunde war die weiße Kuppel der Kirche leicht verschwommen zu sehen. Dann bog der Fahrer nach rechts in Richtung der Seine ab. Bevor sie die Rue de Rivoli kreuzen konnten, mussten sie einige Rotphasen abwarten, weil immer nur zwei Autos über die Ampel kamen. Wie schön!, dachte Manon, weil es ihr die Gelegenheit gab, in Ruhe auf die Tuilerien und den dahinterliegenden Fluss zu sehen. Sie fuhren über die Seine, und am anderen Ufer kam das Musée d’Orsay in den Blick. Als Manon das letzte Mal in Paris gewesen war, war dieser wuchtige Bau, der längs zur Seine stand, noch kein Museum gewesen.

Sie lehnte sich zurück und schloss für einen Moment die Augen, um all die Eindrücke auf sich wirken zu lassen.

Morgen hatte sie einen Tag für sich, um sich wieder an Paris zu gewöhnen. Wenn sie ehrlich mit sich war, dann erschöpfte sie der Ansturm der Gefühle doch mehr, als ihr lieb war. Schließlich waren in dieser Stadt die wirklich wichtigen Dinge in ihrem Leben passiert, auch wenn das alles lange her war. Und übermorgen stand dann der Termin in der Kanzlei an.

Vor vier Tagen hatte ein Notar, der sich als Maître Lavalle vorstellte, bei ihr angerufen. Ob sie Manon Monnier, geboren am 19. Dezember 1941 in Blainville-sur-Mer sei? Ob sie einen Jean-Claude Valadon kenne? Bei dieser Frage hatte sie Bescheid gewusst. Ihr Herz hatte einen kleinen Aussetzer gehabt.

»Er ist gestorben, nicht wahr?«, fragte sie in den Hörer.

»Ich fürchte, ja, Madame. Mein Beileid. Er hat Sie in seinem Testament bedacht. Ich möchte Sie bitten, zur Verlesung nach Paris zu kommen. Ich schicke Ihnen alles zu, damit Sie Bescheid wissen. Kann ich Ihnen bei der Suche nach einer Unterkunft behilflich sein?«

Manon überlegte kurz. »Nein, vielen Dank.«

»Werden Sie kommen?«

Sie zögerte, bevor sie antwortete: »Ja.« Sie wollte auflegen, dann fiel ihr etwas ein. »Wann ist die Beerdigung?«

»Ich bedaure, die hat bereits stattgefunden. Vor …«, sie hörte ihn mit Papieren rascheln, »vor drei Tagen.«

»Vielen Dank.«

Dieser Anruf hatte sie nach so vielen Jahren bewogen, ihren Schwur zu brechen und wieder nach Paris zu kommen. Sie hatte ja gewusst, dass Jean-Claude irgendwann sterben würde, wahrscheinlich vor ihr, denn er war sieben Jahre älter, dennoch hatte die Nachricht sie tief getroffen. Seit fast fünfzig Jahren hatte sie ihn weder gesehen noch gesprochen, und doch konnte sie das Gefühl, wenn sie ihre Hand an seine Wange legte, und den Blick aus seinen grauen Augen, die die Farbe von in der Sonne gebleichten Steinen hatten, jederzeit abrufen, als hätte sie ihn erst gestern verlassen.

Sie seufzte so tief, dass der Taxifahrer sie fragend im Rückspiegel ansah. Fast wäre er auf ein Auto aufgefahren. Mit einem heftigen Ruck brachte er fluchend den Wagen zum Stehen.

Auf der Rive Gauche bogen sie nach links Richtung Saint-Germain ab und nahmen die mehrspurige Uferstraße.

Kurz darauf bremste der Taxifahrer abrupt vor dem Hotel. Belle Époque stand über dem imposanten Portal, aber Manon wusste aus Erfahrung, dass Pariser Hotels oft von außen prächtig aussahen, sich hinter der Fassade aber häufig abgeblätterter Putz und ausgetretene Treppenstufen verbargen. Eigentlich war sie auch bereit gewesen, sich den Luxus der Zimmerpreise im berühmten Lutetia zu leisten, das nur eine Straßenecke weit entfernt lag. Aber als sie dort buchen wollte, erfuhr sie, dass das Hotel für die nächsten drei Jahre wegen Renovierungen geschlossen sei. Nun also das Belle Époque. Sie hielt dem Fahrer zehn Euro Trinkgeld unter die Nase, damit er ihr die beiden Gepäckstücke bis vor die Rezeption trug.

Der Eingangsbereich gefiel ihr. Tiefe, bequeme Ledersessel, dezente Farben, frische Blumen. Eine Treppe, die den Namen verdiente und nicht nur eine Stiege war, und ein Fahrstuhl. Es hatte sich gelohnt, ein Vier-Sterne-Haus zu wählen. Die Rezeptionistin war freundlich und professionell, im Nu wurde ihr Gepäck nach oben gebracht.

Das Zimmer ging auf einen begrünten Hinterhof hinaus, war entsprechend ruhig und einigermaßen geräumig. Sogar ein Sessel stand vor dem Fenster. Manon ließ sich hineinfallen und streckte dabei genüsslich die Beine aus. Aber dann sprang sie gleich wieder auf. Sie war schließlich nicht nach Paris gekommen, um hier herumzusitzen. Sie packte nur rasch ihren Koffer aus und räumte ihre Sachen in den Schrank. Dann legte sie routiniert Lippenstift auf, nahm das passende rote Foulard und ging wieder auf die Straße hinunter, um ein Restaurant für den Abend zu suchen. Es hatte aufgehört zu regnen, die ersten Fetzen blauen Himmels waren zu sehen. Das Pflaster der Trottoirs war schon wieder trocken und die Straßen voller Menschen, die von der Arbeit kamen und für das Abendessen einkauften. Die Sonnenstrahlen trafen die Mauern und die Dächer und ließen sie silbern aufleuchten. Bei dem Anblick fühlte Manon, wie eine Art Heimweh nach der Stadt in ihr aufstieg, ein Gefühl, das sie all die Jahre unterdrückt hatte.

Sie setzte sich in ein Lokal, das ihr wegen der gestärkten weißen Tischdecken einladend erschien, ohne auf die Karte zu sehen, und bestellte das Tagesgericht, Rote Linsen mit Merguez und Salat, dazu ein Glas kräftigen Weißwein von der Loire. Während sie aß, füllte sich das Lokal schnell bis auf den letzten Platz. Als die Patronne hinter dem Tresen hervorkam und unter Applaus ein Chanson anstimmte, sah Manon sich überrascht um. Jetzt erst bemerkte sie die Plakate, die für diesen Tag einen Liederabend ankündigten. Die Gäste waren aufgefordert, ebenfalls ein Lied zum Besten zu geben. Manon lehnte sich auf ihrem Stuhl zurück und gab sich der Musik hin. Die Patronne hatte eine tiefe, volle Stimme, und sie sang ein Stück, das Manon nur zu gut kannte, weil es auch zu ihrem Repertoire gehört hatte.

»Elle n’est pas belle, mais elle a du chien« … Sie ist nicht schön, aber sie hat das gewisse Etwas …

Manon summte leise mit und verfiel in den Rhythmus, in dem sie selbst das Chanson früher gesungen hatte, schmelzend und mit einem leichten Timbre. Die füllige Patronne dagegen gab dem Text etwas Freches und Anzügliches, das ihr gut gefiel. Als das Lied zu Ende war, klatschten die Zuhörer amüsiert. Am Nebentisch stand ein Mann auf und gab dem Akkordeonspieler ein Zeichen. Dann stimmte er ein Chanson an, das Manon ebenfalls nach den ersten beiden Takten erkannte. Und zu allem Überfluss ähnelte die Stimme des Mannes der von Jean-Claude. Sofort hatte sie ein Bild vor Augen: Jean-Claude am Klavier, nach einem Konzert, die Fliege hing ihm nachlässig um den Hals, die oberen Knöpfe des weißen Hemdes waren geöffnet. Und er sang dieses Lied, und sein samtener Blick sagte ihr, dass er den ganzen Abend nur für sie gespielt hatte.

Manon hatte plötzlich das Gefühl, dass der Raum begann, sich um sie zu drehen. Sie griff nach ihrer Tasche, stand hastig auf und ging an den Tresen, um zu bezahlen. Dieses Lied jetzt zu hören, ging über ihre Kräfte. In ihrem Hotelzimmer legte sie sich aufs Bett und lehnte sich mit dem Rücken an das Kopfteil. Ein Roman lag aufgeschlagen auf ihren Knien, aber sie wusste, dass ihr zu viel durch den Kopf ging, um sich konzentrieren zu können. Die Szene gerade eben in dem Café, als das Lied sie so berührt hatte, zeigte ihr, wie verwundbar sie war. Verwundbar und gleichzeitig verwundert über die Intensität ihrer Gefühle. Die nächsten Tage würden nicht leicht werden. Sie seufzte bei dem Gedanken an die Testamentseröffnung, von der sie nicht wusste, was sie bringen würde. Außer einer Menge schmerzlicher Erinnerungen.

Es wäre tröstlich gewesen, jetzt mit Juliette zu sprechen. Sie bereute, ihrer Nichte nicht gesagt zu haben, dass sie schon in Paris war. »Nein, nein, du musst mich nicht abholen«, hatte sie deren Vorschlag abgewehrt. Sie sah nachdenklich auf ihr Handy, das auf dem Nachttisch lag, dann auf die Uhr. Es war noch nicht zu spät, um sie anzurufen. Sie streckte die Hand nach dem Telefon aus, doch dann schüttelte sie energisch den Kopf. Nein, sie würde Juliette erst morgen anrufen, so wie sie es abgemacht hatten. Juliette hatte bestimmt Besseres zu tun, als sich mit ihrer alten Tante den Abend um die Ohren zu schlagen. Den morgigen Tag hatte Manon für sich reserviert. Sie hatte etwas zu erledigen, und das konnte sie nur allein tun.

Am nächsten Morgen stand sie zeitig auf. Ein Blick aus dem Fenster in den Hof zeigte ihr einen vielversprechend blauen Himmel. Sie ließ die frische Frühlingsluft in ihr Zimmer und lauschte dem Lärm der Autos, der durch die Häuser gedämpft war. Von der Müdigkeit, die sie am Tag zuvor überfallen hatte, war nichts mehr geblieben. Stattdessen verspürte sie fast so etwas wie Neugierde oder Ungeduld. Im Frühstücksraum des Hotels trank sie einen schnellen Kaffee und aß ein Croissant. An den Blicken der anderen Gäste konnte sie ablesen, dass sie trotz ihrer gut siebzig Jahre immer noch Aufmerksamkeit erregte. Sie war eine attraktive Frau. Ihr Haar war dunkelgrau, aber sehr dick, und sie trug es modisch kurz geschnitten. Sie war schlank und bewegte sich auf eine grazile Art. Ihr Gang war ausgreifend und schnell, fast energisch. Ihre Kleidung elegant und zeitlos, in schlichten Farben und Mustern. Nur die bunten Tücher und Schals aus edler Wolle oder Seide stachen aus ihrer Garderobe heraus. Sie besaß an die dreißig dieser Foulards, für die sie beträchtliche Summen ausgab, und ging selten ohne aus dem Haus. An diesem Morgen wählte sie ein großes Kaschmirtuch in einem leuchtenden Blau, in das beigefarbene Blumen eingewebt waren. Sie schlang es um ihren Oberkörper, weil sie fröstelte, dann verließ sie ihr Hotelzimmer.

Zum Friedhof Père Lachaise nahm sie ein Taxi. Sie ließ den Fahrer einige Straßen vorher anhalten, weil sie noch ein wenig zu Fuß gehen wollte. In der halben Stunde, die die Fahrt gedauert hatte, war es spürbar wärmer geworden. Paris präsentierte sich von seiner frühlingshaften Seite, die ersten Blumen sprossen in den Gärten und Parks, die Frauen zeigten Bein und nackte Unterarme, die Luft war mild und vielversprechend.

Manon spazierte los. Mein Gott, wie oft war sie diesen Weg früher gegangen! Sie fühlte sich in andere Zeiten zurückversetzt, als sie mit schnellen Schritten die leicht ansteigende Straße hinaufging. An der nächsten Ecke musste das Nähatelier von Madame de Franche sein. Sie hatte damals ihre Kleider für die Auftritte umgeändert, denn meistens waren sie ihr zu weit gewesen. Aber das Schaufenster war mit Zeitungspapier zugeklebt, über der Tür hing ein »Geschlossen«-Schild, das schon ganz verwittert war. Das Nachbarhaus, das sie immer für seine schöne Fassade bewundert hatte, stand nicht mehr. An seiner Stelle befand sich ein nüchterner Neubau mit viel Glas. Aber die winzigen Häuser in den kleinen Passagen, die rechts und links von den Straßen abgingen, existierten noch. Zum großen Teil waren sie frisch renoviert. An den vielen Fahrrädern, den Blumen und Vogelkäfigen in allen Farben vor den Haustüren las sie ab, dass junge Leute die Wohnungen der Alten übernommen hatten. Manon kam an kleinen einfachen Cafés vorüber, die von der Kreativität ihrer Betreiber zeugten. Und auch die Abkürzung durch den kleinen Park gab es noch. Kinder der umliegenden Schulen und Kindergärten hatten hier einen Gemüsegarten angelegt. Manon bückte sich, um die handbemalten Schilder zu lesen, auf denen stand, was wo gesät worden war.

Auf der anderen Seite des Parks erreichte sie die Place de la Réunion. Der Platz war licht und hell geworden, die neu gepflanzten Pinien und Ginkgobäume trieben bereits helle Blätter, darunter waren Bänke aufgestellt. Rund um den Platz waren Rasenflächen und eingezäunte Spielplätze entstanden. Autos waren ausgesperrt. Sie fuhren außen um den Platz herum, um in eine der sechs abgehenden kleinen Straßen einzubiegen.

Manon setzte sich auf eine freie Bank in der Sonne. Vor ihr lag die Rue de la Réunion, die geradewegs zum Friedhof führte. Parallel dazu verlief die Rue de Lesseps. Aber dort würde sie nicht vorbeigehen, nicht jetzt. Dort lagen zu viele schmerzliche Erinnerungen begraben. Zuerst wollte sie Jean-Claude an seinem Grab die letzte Ehre erweisen. Vielleicht auf dem Rückweg … Für ein paar Minuten genoss sie die Ruhe noch, dann stand sie auf.

Sie fand das Grab schnell, denn der Notar hatte ihr die Lage genau beschrieben. Nachdem sie durch das riesige Tor am Ende der Straße den Friedhof betreten hatte, wandte sie sich nach rechts und ging ein Stück die ansteigende Hauptallee hinauf. Neben ihr zog sich die hohe Mauer aus dicken Feldsteinen, die den Friedhof umschloss. Als sie an der Stelle vorbeikam, auf deren Höhe das Haus stand, blieb sie einen Moment stehen, dann ging sie entschlossen weiter. Über die hohe Mauer hinweg war es ohnehin nicht zu sehen. Ein paar Eichhörnchen flitzten über den Weg, hielten erschrocken inne, als sie sie bemerkten, und rannten dann weiter. Von dieser Allee aus konnte man das Grab von Edith Piaf sehen. Vierzigtausend Menschen waren dem Sarg damals, 1963, gefolgt. Natürlich war Edith Piaf ihr großes Vorbild gewesen, sie hatte sogar einige ihrer Lieder interpretiert. Manon ging die paar Meter bis zu ihrem Grab. Auf der schweren dunklen Marmorplatte lag ein gekreuzigter Jesus, an seinem Kopf stand eine Steinvase mit den Initialen »EP«. Auf der Platte und rund herum lagen Blumen in allen Farben und Stadien der Verwesung.

Die verwelkten Blumen machten sie traurig, und auf einmal verspürte sie das dringende Bedürfnis, Jean-Claude nahe zu sein. Sie sah sich um, ob sie sein Grab von hier aus finden könnte, ging dann aber wieder zurück zum Weg, um der Beschreibung von Maître Lavalle zu folgen.

Als sie fast das Ende der Allee erreicht hatte, dort, wo die Mauer einen scharfen Knick nach links machte, lag in der vierten Reihe Jean-Claude.

Ihr stockte der Atem, als sie vor dem Grab stand. Die Platte war bereits wieder aufgelegt, auch seine Lebensdaten waren schon eingraviert.

»Jean-Claude«, flüsterte sie.

Oben auf dem Grabstein standen die Namen seiner Eltern, die beide in den siebziger Jahren gestorben waren. Und direkt über seinem Namen stand der von Lilly. Manon legte die Hand auf die Brust, als sie das Sterbedatum las: der 6. April 1999. Mein Gott, so viele Jahre war Lilly schon tot! Jean-Claude war die letzten fünfzehn Jahre Witwer gewesen. Sie wagte kaum sich vorzustellen, was das für sie beide hätte bedeuten können: Nach Lillys Tod war Jean-Claude endlich frei gewesen. Warum bist du nicht zu mir gekommen?, fragte sie sich in einem plötzlichen Anfall von Verzweiflung. Warum hast du mich allein gelassen? Waren deine Gefühle für mich erkaltet? Hast du mich nicht mehr geliebt? Eine wilde Wut überfiel sie. Dann schüttelte sie den Kopf und wischte den Gedanken fort. Für ihre Liebe hatte es definitiv keine Chance gegeben, weder ganz am Anfang noch später.

Sie öffnete ihre Handtasche und nahm das Foto heraus. Seit einer Ewigkeit trug sie es in ihrer Geldbörse bei sich. Sie hatte einige Male versucht, es wegzulegen, es war ihr nicht gelungen. Sie hatte sich unbeschützt gefühlt und über ihren Aberglauben gelacht, aber dann doch wieder das Foto in das Fach mit den Ausweispapieren gesteckt.

Auf der leicht verblassten Fotografie war Jean-Claude dreißig Jahre alt. Das wusste sie so genau, weil es an seinem Geburtstag aufgenommen war. Sie waren bei einem Fotografen in der Rue des Pyrénées gewesen und hatten sich beide fotografieren lassen. Kurze Zeit später hatte er das Haus in der Rue de Lesseps gekauft. Das Haus, an dem sie eben nicht vorbeigegangen war, weil sie nicht den Mut dazu gefunden hatte.

Sie stand vor dem Grab, das Foto in der Hand, und merkte nicht, wie ihr die Tränen über die Wangen liefen.

»Pardon, Sie waren aber nicht bei der Beerdigung dabei«, hörte sie eine Stimme hinter sich. Es war mehr eine Frage als eine Feststellung.

Sie drehte sich um und sah einen älteren Mann in der Uniform der Friedhofsgärtner, der einige Schritte entfernt stand. Der unterste Knopf seiner Jacke war schlecht angenäht. Er ist bestimmt nicht verheiratet, dachte Manon und wunderte sich über diesen Gedanken.

»Wissen Sie, ich kenne die meisten, die hierher kommen. Aber Sie habe ich hier noch nie gesehen«, fuhr der Alte fort.

Manon schüttelte den Kopf. Irgendwie war sie dem Mann dankbar, dass er sie aus ihrer trüben Stimmung herausholte und sie zwang, mit ihm zu reden. Sie frage sich, wie lange sie hier schon stand.

»Sie stehen schon ziemlich lange hier«, sagte der Mann, als hätte er ihre Gedanken gehört. »Das ist manchmal gar nicht gut, wissen Sie.«

»Ach«, sagte Manon.

»Ist die Liebe nicht ein furchtbares Ding? Furchtbar und schön?« Er kam vorsichtig einen Schritt näher. »Darf ich Ihnen eine Geschichte erzählen?«

»Eine Geschichte?« Manon sah ihn zweifelnd an, aber der Gärtner machte ein so rührend unschuldiges Gesicht, dass sie nickte.

»Da hinten ist eine Bank. Von dort können Sie das Grab immer noch sehen«, sagte er, als wüsste er, wie wichtig das für sie war, und hielt ihr den Arm hin, den sie aber ignorierte.

Er ging mit festen Schritten vor ihr her, und Manon balancierte vorsichtig in ihren halbhohen Wildlederpumps zwischen den Grabeinfassungen hindurch, die teilweise nur zentimeterbreit auseinanderlagen und mit Laub aus dem letzten Winter bedeckt waren. Sie musste genau hinsehen, wo sie ihre Füße hinsetzte. Die Wurzeln der alten Bäume hatten den Boden aufgeworfen und einige Grabplatten der Länge nach gesprengt.

Dann hatten sie wieder einen festen Weg erreicht. Auf der anderen Seite stand die Bank. Der Gärtner nahm ein Stofftaschentuch aus der Hosentasche und fuhr damit über ihre Seite des Holzes.

»Voilà«, sagte er einladend.

»Und was ist das jetzt mit Ihrer Geschichte?«, fragte Manon, nachdem sie sich vorsichtig gesetzt hatte. Sie streckte ihre Beine aus, um einen Blick auf ihre Schuhe zu werfen.

»Eine? Hier gibt es zig Geschichten zu erzählen. Wenn man seit zwanzig Jahren hier arbeitet, so wie ich, dann bekommt man das eine oder andere mit. Und wenn man unglücklich liebt, dann interessieren einen die Liebesnöte der anderen umso mehr«, fügte er mit einem treuherzigen Blick hinzu.

»Also gut. Die traurigste.«

»Sie meinen die traurigste Geschichte?«

Manon nickte.

Der Mann lehnte sich nach vorn, stützte die Ellenbogen auf die Knie und rieb sich mit der Hand das Kinn. Dann wies er mit dem Finger nach rechts. »Sehen Sie da drüben das Grab mit dem Tulpenstrauß? Es sind fünfzig, ich habe sie gezählt. Jede Woche bringt eine Frau einen dieser üppigen Sträuße an das Grab. Ein Mann liegt dort begraben, er war ein ziemlich hohes Tier in der französischen Politik. Aber er war nicht ihr Mann. Die Sträuße müssen ein Vermögen kosten, und die Frau sieht nicht so aus, als wäre sie besonders wohlhabend.«

»Was ist daran traurig?«, fragte Manon leicht ungeduldig.

»Das Traurige an der Geschichte ist, dass exakt zwei Stunden später die Ehefrau des Toten hier erscheint und die schönen Blumen in den Müll wirft. Und stattdessen einen eigenen Strauß auf das Grab legt.«

»Hm«, machte Manon.

»Der Mann ist vor zwanzig Jahren gestorben«, sagte der Gärtner mit einem winzigen Lächeln. »Vielleicht verstehen Sie jetzt, was ich meine.«

»Sie sind ein Romantiker«, antwortete Manon.

Drei

Als Juliette am nächsten Morgen in ihr Atelier kam, hatte Guy bereits Kaffee gemacht. Juliette liebte die Werkstatt. Den Geruch nach Holz, Leim und Politur. Ab dem späten Vormittag fiel die Sonne direkt in den großen Werkraum und blieb bis in den frühen Nachmittag. Im Sommer konnte es recht heiß werden, dann ließen sie die Tür zum Hof offen. An der rückwärtigen Wand hingen die Werkzeuge: Hobel, Fräsen, Sägen, Stemmeisen in allen Größen. Darüber in drei Reihen Stuhlbeine, direkt unter der Decke Stuhlrahmen aus allen Epochen. In einer halbhohen Kommode, die die gesamte Querseite des Raums einnahm, lagerten Schleifpapiere, Polsternadeln, Messer, Scheren, Polsterhammer sowie Stoffmuster.

Genau genommen war es Guys Atelier. Und davor hatte es seinem Vater und vor ihm dem Großvater gehört. Die Rousseaus waren schon seit Generationen Möbeltischler und die Ébénisterie Rousseau bekannt für das Aufarbeiten wertvoller Möbel. Guys Vater hatte sogar noch auf Bestellung hochwertige Möbel getischlert.

Die Familienlegende besagte, dass einer von Guys Urururahnen ein Toilettentischchen mit kunstvollen Intarsien für die Comtesse de Trémolières getischlert und es höchstpersönlich in das Palais der Comtesse im nahe gelegenen Marais geliefert hatte. Beim Aufbau des kostbaren Möbelstückes im Boudoir der Auftraggeberin sei er vom Ehemann überrascht worden und konnte gerade noch richtigstellen, dass er nur der Tischler war. Juliette zweifelte insgeheim an der Geschichte. Als wenn eine Comtesse sich mit einem Tischler aus dem Faubourg Saint-Antoine einlassen würde. Andererseits liebte sie die Anekdoten, die die Möbelstücke umgaben und wollte selbst immer ganz genau wissen, was sie gerade restaurierte.

»Monsieur Mourisson-Fécamp hat heute Morgen schon zweimal angerufen, und auf dem Anrufbeantworter war auch schon eine Nachricht von ihm. Was meinst du, schaffst du es, seinen Sessel heute zu beziehen?«, erkundigte sich Guy.

»Monsieur Mourisson-Fécamp ist die Pest. Aber ja, ich werde heute fertig.«

Dies war eindeutig der Nachteil ihres Berufes, dachte Juliette. Je wertvoller das Möbel, desto kapriziöser der Kunde. Juliette band sich flink ihre langen braunen Haare hoch und griff nach der groben Arbeitsschürze. Zu einem blauen Overall, wie Guy ihn trug, konnte sie sich nicht überwinden. Dafür war sie dann doch zu eitel.

»Brauchst du meine Unterstützung?«, fragte Guy.

»Du könntest mir beim Spannen des Stoffes helfen.« Juliette schmunzelte. Sie hatte viel, sehr viel von dem alten Meister gelernt. Jetzt brauchte sie ihn vor allem für sein feines Gespür, sein treffsicheres Urteil und sein Verhandlungsgeschick. Guy war fast siebzig und wollte es eigentlich allmählich ruhiger angehen lassen. Sein größter Kummer war, dass seine Söhne kein Interesse an der Ébénisterie Rousseau hatten und es damit keinen Nachfolger aus der Familie gab.

Guy hatte Juliette vor einigen Jahren bei einem befreundeten Antiquitätenhändler auf der Île Saint-Louis kennengelernt. Juliette arbeitete nach ihrem kunsthistorischen Studium in dem exquisiten Antiquitätengeschäft. Die meiste Zeit war sie mit Provenienzforschung beschäftigt und hockte über Katalogen. Die Herkunft und der Wert der seltenen Stücke interessierten sie durchaus, aber ihr fehlte etwas die praktische Seite. Daher interessierte sich Juliette sehr für Guys Arbeit und besuchte ihn immer häufiger in seinem Atelier. Als Guy sich beim Abziehen eines alten Polsters mit einem scharfen Messer die Hand verletzt hatte, sprang Juliette ein, lernte peu à peu das Restaurieren und entdeckte ihre Liebe für kostbare Stoffe und alte Muster. Guy und Juliette ergänzten sich perfekt: Er tischlerte lieber, sie übernahm die Wahl der Stoffe und das Polstern. Als die Wohnung über Guys Werkstatt frei wurde, griff Juliette zu.

Für seinen Belle-Époque-Sessel hatte Monsieur Mourisson-Fécamp sich einen dunklen Gobelin gewünscht. Juliette hatte einen Stoff gefunden, der fast dem Original entsprach. Dunkelrote Rosen waren in zwei Schichten gewebt, was dem Stoff fast etwas Schwülstiges gab und so gar nicht zu Monsieur passte. Aber wer wusste das so genau, Juliette hatte schon die erstaunlichsten Dinge mit ihren Kunden erlebt. Nie würde sie den schmächtigen Greis, Chevalier de la Légion d’Honneur und wer-weiß-noch-was, vergessen. Er hatte die Chaiselongue einer berühmten Kurtisane aufarbeiten lassen. Bei der Lieferung wollte er die Qualität mit ihr, Juliette, prüfen. Im Liegen, versteht sich. Hätte er nicht gewirkt, als sei er direkt aus einem Roman von Balzac in die heutige Zeit gefallen, hätte Juliette ihn angezeigt.

Guy hatte in der letzten Woche den Rahmen aufgearbeitet, Juliette anschließend den Sessel mit neuen Gurtbändern versehen, Sprungfedern eingesetzt, Rosshaar aufgefüllt und die Füllung mit Fassonleinen bedeckt. Das Spannen und Vernähen des Stoffs waren für Juliette der Höhepunkt ihrer Arbeit. Es verlangte Konzentration und Sorgfalt.

»Juliette, setz die Nägel enger, sonst verrutscht der Stoff.« Guy hatte recht, sie war heute Morgen nicht bei der Sache.

»Entschuldige. Ich habe schlecht geschlafen, ich hole mir noch einen Kaffee.«

Als Juliette mit ihrem frischen Kaffee zurückkam, war Guy in seine tägliche Zeitungslektüre der Libération vertieft. Ohne Libé ging bei Guy gar nichts. Juliette zog ihn manchmal auf, dass er nicht nur das Talent zum Tischlern geerbt hatte, sondern auch seine sozialistische Grundhaltung.

Lesend und betont beiläufig fragte er sie jetzt nach Xavier.

»Nein, nein, das ist es nicht. Dir entgeht aber auch nichts.«

Guy wohnte über Juliette in einer ebenfalls winzigen Wohnung, über der es noch einen Dachboden gab. Guys Allerheiligstes, wo auch sie nicht rein durfte. Manchmal wünschte sich Juliette ein bisschen mehr Anonymität. Gleichzeitig war sie selber auch neugierig.

»Dann lass uns diesen Sessel fertig machen, damit wir diesem Schnösel Mourisson-Fécamp eine saftige Rechnung stellen können«, brummte Guy, der sich eh nicht über Herzensangelegenheiten unterhalten wollte. Das hatte er nicht einmal mit seiner verstorbenen Frau Simone, die er jeden Tag schmerzlich vermisste, gekonnt.

»Gib mir doch mal die große Rundnadel, damit ich meinem Meister eine perfekte, unsichtbare Naht vorführen kann.«

Schweigend arbeitete Juliette weiter, doch ihre Gedanken gingen immer wieder zurück zu dem Anruf von ihrem Vater gestern Abend. Obwohl sie ein sehr enges Verhältnis hatten, rief ihr Vater sie nur selten an und noch seltener bat er sie um einen Gefallen. Georges Blandfort lebte in Cherbourg, in der Stadt, in der Juliette ihre Kindheit verbracht hatte. Er war Lehrer für Geschichte und Französisch am dortigen Gymnasium gewesen.

Seit seiner Pensionierung hatte Georges Blandfort endlich genug Zeit, sich ganz der Geschichte der Normandie, zu widmen. Mittlerweile war er Experte, was die Klostergründungen im 7. und 8. Jahrhundert betraf. Dazu gehörte natürlich auch das berühmte Kloster Mont-Saint-Michel. Erbaut auf einer Felseninsel direkt vor der Küste der Normandie, war es das umfangreichste, schwierigste und kostspieligste Bauprojekt des gesamten Mittelalters gewesen. Als Kind hatte Juliette das Kloster nur im Winter besucht, da ihr Vater an diesem spirituellen Ort möglichst alleine und ohne Busladungen voller Touristen sein wollte. Und es war tatsächlich beeindruckend gewesen, im eiskalten Januar oder Februar den Weg hoch zum Kloster zu laufen und dann vom zugigen Kreuzgang in der obersten Ebene über das Watt und die versandete Bucht zu schauen.

Ab und zu besuchte Georges Juliette in Paris und verschwand dann ganze Tage in den Archives nationales. Das Nationalarchiv war in zwei alten Stadtpalästen, dem Hôtel de Soubise und dem Hôtel de Rohan, im Marais untergebracht. In Juliettes winziger Wohnung hatte er nur das erste Mal übernachtet, seitdem logierte er lieber in einem kleinen Hotel in der Nähe der Place des Vosges. So wohnte er genau in der Mitte zwischen dem Archiv und Juliettes Zuhause. Zu ihrem festen Ritual gehörte, dass sie am ersten Abend bei Guy einen deftigen Eintopf, einen Pot-au-Feu, aßen. Pot-au-Feu war auch das einzige Gericht, das Guy kochen konnte. Dafür aber in unendlich vielen Variationen. Bei einem hochsommerlichen Besuch ihres Vaters hatte Juilette einmal zaghaft versucht, auf leichtere Kost umzuschwenken, war aber auf wenig Gegenliebe gestoßen. Es blieb also beim Pot-au-Feu mit Ochsenbein, Steckrüben und reichlich Zwiebeln. »Um den Magen aufzuräumen«, hatte ihr Vater immer eine gute Flasche Calvados dabei, sodass der Abend meistens recht lustig endete.

Juliettes Mutter war gestorben, als Juliette noch ein Teenager war. Agnès Blandfort hatte den verzweifelten Kampf gegen den Krebs nach zwei Chemotherapien verloren. Juliette und ihr acht Jahre jüngerer Bruder Francis hatten stark unter dem Verlust ihrer fröhlichen und zärtlichen Mutter gelitten. Und mit ihrem Tod hatten sie auch, zumindest für einige Zeit, den Vater verloren. Georges Blandfort brauchte ein Jahr, um den Verlust seiner Frau zu akzeptieren und zu erkennen, dass er für seine Kinder weiterleben musste. Er gab sich Mühe und sie kamen auch allmählich zurecht, aber so wie vor der Krankheit von Agnès wurde es nie wieder.

Juliette hatte sich in dieser Zeit viel um Francis gekümmert, obwohl sie vorher oft eifersüchtig gewesen war, da sie das Gefühl hatte, ihre Mutter würde das Nesthäkchen bevorzugen. Francis hing sehr an Agnès und war ihr wie aus dem Gesicht geschnitten. Juliette dagegen kam mehr nach ihrem Vater. Sie hatte lange mit ihrem Wunsch gehadert, nach Paris zum Studium zu gehen, da sie das Gefühl hatte, sie könne ihren Bruder nicht allein lassen. Aber ihr Vater hatte sie in ihrem Wunsch bestärkt und sie regelrecht gezwungen, in die Hauptstadt zu gehen. Dafür war ihm Juliette bis heute dankbar.

Die ersten Jahre war sie trotzdem mindestens einmal im Monat und in den Ferien nach Cherbourg gefahren. Francis hatte sich nach dem Abitur entschieden, an der Universität von Le Havre Logistik zu studieren. Seit seinem Abschluss arbeitete er dort im Hafen, dem zweitgrößten in Frankreich. Francis liebte das Meer, den Schiffbau und vor allem das Segeln. Auch Frauen gab es in seinem Leben, jedoch keine auf Dauer.

Juliette fragte sich manchmal, ob es bei ihnen beiden eine unbewusste Angst vor dem Verlust eines geliebten Menschen gab, die sie daran hinderte, sich mit Haut und Haaren für immer und ewig auf jemanden einzulassen. Meine Güte, bist du pathetisch und sentimental, dachte sie dann. Die große, einmalige Liebe ist etwas fürs Kino, aber nicht fürs Leben.

»Juliette, du fältelst den Stoff zu stark!«

Juliette hörte sehr wohl den ungeduldigen Unterton. »Papa hat gestern Abend noch angerufen.«

»Gibt es schlechte Nachrichten?«

»Nein, mit ihm ist alles in Ordnung. Ich soll dich grüßen, das habe ich ganz vergessen.«

»Was ist es denn? Ich würde nämlich gern diesen Fauteuil fertig bekommen, bevor Monsieur Mourisson-Fécamp hier auf der Matte steht.«

»Es geht um meine Tante.«

»Tante? Hat denn Monsieur Blandfort eine Schwester?«

Die beiden Herren waren über die Jahre hartnäckig beim Sie und Monsieur geblieben, was Juliette altmodisch, aber sehr charmant fand. Außerdem sorgte es für Distanz. Hätten sie sich auch noch verbrüdert, wäre ihr das doch etwas zu eng geworden.

»Sie ist die Stiefschwester meines Vaters und ein paar Jahre älter. Stiefschwester hört sich so nach bösem Märchen an. Also Halbschwester. Die beiden haben eine gemeinsame Mutter.«

»Komisch, dein Vater hat sie nie erwähnt.«

»Da gibt es auch nicht viel zu erwähnen. Ihr Verhältnis ist nie sehr eng gewesen. Meine Tante wuchs bei den Großeltern auf und blieb auch dort, als ihre Mutter später heiratete.«

»Du meinst deine Oma?«

»Ja. Meine Oma hat nach dem Krieg meinen Opa geheiratet, und dann kam einige Jahre später mein Vater. Er ist 1949 geboren.«

»Familiengeschichten!« Guy schüttelte den Kopf. »Wenn etwas kompliziert ist, dann sind es Familiengeschichten.«

»Das stimmt. Ich steige da selbst kaum durch.«

Sehr viel mehr wusste Juliette tatsächlich nicht über ihre Tante. Manon, die Schwester ihres Vaters, war der dunkle Fleck in der Familiengeschichte. Es wurde kaum über sie gesprochen, über ihre Herkunft nur getuschelt. Irgendwann hatten Francis und Juliette bei einem Familientreffen ein Gespräch belauscht. Dass Manon unehelich war und dass ihr Vater irgendetwas Schreckliches verbrochen hatte. Manons Mutter Joséphine sei früher ein fröhliches Mädchen gewesen, aber als sie schwanger geworden war, sei sie mit Schimpf und Schande überzogen worden. Und aus dem jungen Mädchen wurde innerhalb von drei Jahren eine gebrochene Frau.

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