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Das Lied des Wüstenvogels: Roman

Michael Krause-Blassl

Das Lied des Wüstenvogels: Roman





BookRix GmbH & Co. KG
81675 München

DAS LIED DES WÜSTENVOGELS

von Michael Krause-Blassl

Ein CassiopeiaPress E-Book

© 2012 by Michael Krause-Blassl

© der Digitalausgabe 2014 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen

www.AlfredBekker.de

www.postmaster@alfredbekker.de

EDITION BÄRENKLAU, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius

DIE INFO-SEITE RUND UM DIE PRODUKTE DES VERLAGES FINDEN SIE UNTER:

www.editionbaerenklau.de

Die Krähen schrei´n

und ziehen schwirren Flugs zur Stadt

bald wird es schnei´n

wohl dem, der jetzt noch – Heimat hat!

Nun stehst du starr

schaust rückwärts, ach, wie lange schon

was bist du Narr

vor winters in die Welt entfloh´n?

Die Welt – ein Tor

zu tausend Wüsten stumm und kalt

wer das verlor

was du verlorst, macht nirgends halt.

Nun stehst du bleich

zur Winter-Wanderschaft verflucht

dem Rauche gleich

der stets nach kälter´n Himmeln sucht.

Flieg, Vogel, schnarr

dein Lied im Wüstenvogel-Ton

versteck, du Narr

dein blutend Herz in Eis und Hohn!

Die Krähen schrei´n

und ziehen schwirren Flugs zur Stadt

bald wird es schnei´n -

weh dem, der keine Heimat hat.

( Zitat: Vereinsamt von Friedrich Nietzsche )

1.Kapitel: Altes und neues Leben

Am Abend nach der Auseinandersetzung mit dem Vater irrte er stundenlang ziellos durch die Stadt, erfüllt mit unzähligen Fragen. Die Kälte der klaren Winternacht schien ihm nichts auszumachen, denn in ihm brannte es.

Irgendwie fand er es sonderbar, dass alles wegen seiner langen Haare geschehen war, einer bloßen Äußerlichkeit, die ihm aber so wichtig war, dass er verbissen und fanatisch daran festhielt. Vielleicht zum ersten Mal in seinem jungen Leben wollte und konnte er nicht nachgeben, musste er seine eigenen Vorstellungen durchsetzen und war bereit, den hohen Preis dafür zu zahlen.

Seine langen Haare, durch die er sich bestätigen und verwirklichen wollte, hatten nicht nur die Trennung von seiner Familie, sondern auch eine starke Entfremdung von der übrigen sozialistischen Gesellschaft bewirkt. Von den Erwachsenen befand sich fast niemand auf seiner Seite, keiner von ihnen konnte oder wollte ihn verstehen.

Plötzlich wurde ihm kalt und er knöpfte die Jacke zu.

All die bürgerlichen, marxistischen oder christlichen Ideale, von denen oft in der Schule oder im Hause des Vaters erzählt worden war, hatten sich als Lügen entpuppt. In der Gesellschaft, an deren Rand er sich nun befand, schien nur das Äußere und Materielle wichtig zu sein, Wert zu haben.

In der Schule hatte man oft versucht, ihn davon zu überzeugen, dass der Kapitalismus Schuld an allem Bösen und Schlechten dieser Welt wäre. Man führte die Diskriminierung der Schwarzen in den Vereinigten Staaten, die Judenverfolgung in Nazi-Deutschland und die unsozialen Verhältnisse zwischen den Armen und Reichen als Beispiel an. Doch er war weder ein Schwarzer in Amerika noch ein Jude im Deutschland des Zweiten Weltkriegs, aber Benachteiligungen und Beschimpfungen hatte auch er schon erdulden müssen, schon viel zu oft. Er musste erkennen, dass Ungerechtigkeiten weder vor politischen noch vor nationalen Grenzen Halt machten, dass Menschenverachtung an keine bestimmte Gesellschaftsordnung gebunden ist.

Eine eisige Angst ergriff ihn. Vielleicht war es in diesem Augenblick, als er seine Heimat verlor. Es sollte lange dauern, bis er sich wieder heimisch fühlen konnte.



Im Morgengrauen begann es leicht zu schneien. Erst jetzt bemerkte Wladimir, dass er die ganze Nacht durch die Straßen gelaufen war, gehetzt und getrieben von einer merkwürdigen inneren Unruhe. Erste Menschen kamen ihm entgegen, ohne ihn zu beachten.

Kurze Zeit später saß er im warmen Abteil eines Schnellzugs, der von Zagreb nach Karlowatz fuhr. Er hatte sich überlegt, zu seinem Großvater zu gehen, einem einfachen, meistens freundlich gestimmten 83jährigen. Er war der einzige Erwachsene in der Familie, mit dem Wladimir immer gut ausgekommen war.




Großvater zeigte sich zunächst überrascht, aber dann erhellte sich sein Gesicht und er lächelte. Er kam seinem Enkel entgegen, drückte ihn kurz und hieß ihn willkommen. Im ersten Moment war Wladimir etwas verwirrt von diesem warmherzigen Empfang, dann erwiderte er die Umarmung. Die echte Freude seines Großvaters übertrug sich auf ihn und er fühlte sich erleichtert.

Einige Minuten später saßen sie in der Küche und frühstückten zusammen. Sie sprachen zunächst über belanglose Dinge: Was es Neues in Zagreb gäbe, ob die Mutter aus Deutschland geschrieben habe …

Dann aber hielt es Wladimir nicht mehr aus und sagte hastig: „Ich habe mich mit dem Vater gestritten. Er hat mich aus dem Haus gejagt.“

Merkwürdigerweise reagierte sein Großvater ziemlich gelassen und fragte nur: „Wie soll es denn jetzt mit der Schule weitergehen?“

Er wusste nicht, dass sein Enkel nicht mehr zur Schule ging und auch keine Lehrstelle gefunden hatte. Offensichtlich war seinem Großvater nicht bewusst, dass man für eine gute Berufsausbildung nicht nur Glück, sondern auch kurze Haare haben musste. Wladimir erklärte: Ich werde meinen Schulabschluss später nachholen.“

Großvater meinte: „Du kannst bei mir bleiben, so lange du willst.“

Da wurde Wladimir bewusst, wie einsam sein Großvater war, dass er ihn trotz seiner geringen Rente bei sich wohnen lassen wollte. Ein Mischung aus Mitleid und Dankbarkeit durchströmte ihn. Wladimir antwortete: „Ich werde gleich der Mutter nach Deutschland schreiben, dass sie das Geld für mich jetzt hierher schicken soll.“


Als er mit dem Frühstück fertig war, fühlte sich Wladimir seit längerer Zeit wieder ausgezeichnet. Die Wärme der Küche und die Bereitschaft seines Großvaters, ihn hier aufzunehmen, versetzten ihn in eine gehobene Stimmung. Er nahm sich fest vor, sich viel Mühe zu geben um gut mit Großvater auszukommen und ihm so viel wie möglich zu helfen.


Die Tage vergingen. Großvater und er gewöhnten sich schnell an die neue Situation. Ihr Zusammenleben gestaltete sich ohne größere Konflikte, manchmal sogar recht harmonisch. Jeden Morgen ging Wladimir hinunter in den Hof, hackte Holz, trug es in einem alten Weidenkorb hinauf und machte Feuer im Ofen. Großvater kochte und beide erledigten den Rest der Hausarbeit gemeinsam. Wladimir ging nur in die Stadt um einzukaufen, so dass er die Beschimpfungen und Beleidigungen wegen seiner langen Haare nur selten ertragen musste.


Häufig erzählte der Großvater von früheren, weit zurückliegenden Tagen, als Kroatien noch Teil der österreichisch-ungarischen Monarchie war. Dann schwärmte er von dem besseren Leben, das man damals geführt habe. Außerdem behauptete er, dass die Menschen in seiner Jugendzeit viel ehrlicher und bescheidener gewesen seien.



Wladimir bezweifelte das stark, konnte seinem Großvater natürlich nicht das Gegenteil beweisen. Er war fest davon überzeugt, dass die damaligen Spießbürger die heutigen bei weitem übertroffen hätten. Was ihn jedoch immer wieder verwunderte und in freudiges Erstaunen versetzte, war die ausgeprägte Zufriedenheit und Toleranz des Großvaters, der aus einer längst verblichenen Epoche stammte. Denn dieser war ja auch ein Erwachsener, von denen fast alle Wladimir feindlich gesonnen waren. Trotzdem akzeptierte er die langen Haare und den Musikgeschmack seines Enkels. Ein einziges Mal hatte der alte Mann gesagt, dass ihm die langen Haare nicht gefielen, dass aber Wladimir sie tragen müsse und nicht er. Auch die Musik des Jüngeren war nicht nach seinem Geschmack, aber da er schlecht hörte, störte sie ihn nur wenig.


Wladimir begann viel zu lesen. Die Mutter hatte eine Menge Bücher angeschafft und bei Großvater gelassen. Oft besorgten sie sich Zeitungen und Zeitschriften, die voll waren mit Berichten über imperialistische Kriege und die Auswirkungen des europäischen und amerikanischen Kapitalismus. Nicht selten wurden auch gewaltsame Haarschneideaktionen bei jugoslawischen Langhaarigen beschrieben.

Abend pflegte Großvater oft mit einer Nachbarin Karten zu spielen. Dann hörte Wladimir Radio Luxemburg und wurde unaufhaltsam von der unerlässlichen Beatmusik mitgerissen, davongeschwemmt in eine andere, friedlichere Welt.


Einmal gingen die Beiden zum Friedhof, um das Grab der Großmutter zu besuchen.

Dieser kurze Ausflug war begleitet von vielen Entrüstungen und Zurufen vorbeigehender Leute wegen Wladimirs langer Haare. So beschloss er, nur noch so selten wie möglich in die Stadt zu gehen. Diese Leute sollten sich gefälligst jemand anderen suchen, auf dessen Kosten sie ihre Langeweile überwinden konnten.

In den Zeitungen und im Fernsehen wurde jedoch weiterhin von Rassendiskriminierungen in den USA und in Südamerika berichtet, und fast immer wurde dem Kapitalismus und nicht der menschlichen Dummheit und Intoleranz die Schuld dafür gegeben.


Sein Großvater war in Slowenien geboren, das früher ebenfalls einmal zur österreich-ungarischen Monarchie gehört hatte. Im Laufe seines langen Lebens hatte er vier Staaten und vier Kriege erlebt. In frühester Jugend hatte er sich freiwillig gemeldet, um an den Balkankriegen teilzunehmen. Dort hatte er viele seiner Kameraden verloren, beinah sogar das eigene Leben, so dass er, wie er sich ausdrückte, seine jugendliche Torheit bald bereut hatte.


Kurz nach Beendigung dieser beiden Kriege brach der 1. Weltkrieg aus und Großvater wurde sofort in die österreichisch-ungarische Armee eingezogen.




Er hatte an der Belagerung von Belgrad und an manch anderen Schlachten teilgenommen, die ihm sonderbarerweise viele schöne Erinnerungen beschert hatten. Das Kriegsende vier Jahre später war gezeichnet durch große Flüchtlingsströme und den Zerfall der österreichisch-ungarischen Armee und Monarchie. Noch immer konnte der Großvater nicht begreifen, wie ein zu Kriegsanfang so mächtiger Staat eine solche Niederlage erleiden konnte.

Während des 2. Weltkriegs wurde Kroatien unabhängig und nach diesem Krieg wurde es Teil des sozialistischen Jugoslawiens.

Gebannt lauschte Wladimir seinem Großvater, als dieser erzählte, wie er einmal während des 1. Weltkriegs mit zwei anderen Soldaten Wache gehalten hatte. Er saß zwischen den beiden auf einer Bank. Plötzlich knallten zwei Schüsse und seine beiden Kameraden fielen tot um. Ihm war nichts geschehen.

Von allen Kriegsgeschichten seines Großvaters beeindruckte eine Wladimir besonders stark und er musste oft über sie nachdenken:

Während der Besetzung Belgrads durch die österreichisch-ungarische Armee im 1. Weltkrieg erhielten alle Soldaten der Besatzungsarmee den Befehl, in der Stadt für Ordnung zu sorgen und bei der kleinsten Unruhe sofort zu schießen.

Es war kaum möglich, Ruhe herzustellen, weil die Bewohner Belgrads die Niederlage nicht hinnehmen wollten. Immer wieder wurde aus Fenstern und von Dächern auf die Besatzer geschossen. So gerieten eines Tages auch Wladimirs Großvater und zwei andere Soldaten, gute Freunde von ihm, unter Gewehrfeuer. Die Schüsse kamen aus dem ersten Stock eines nahegelegenen Hauses. Sofort stürmten die Drei hinein. Dort erblickten sie eine Frau mit einem kleinen Kind auf dem Arm. Die Frau weinte und flehte die Soldaten an, sie zu verschonen. Da drehten sie sich um und wollten wieder gehen. Die Frau jedoch griff nach einem versteckten Gewehr und erschoss einen der beiden Freunde Großvaters. Wie von Sinnen fielen die anderen Zwei über die Frau und ihr Kind her und stachen mit ihren Bajonetten auf sie ein, bis sich beide nicht mehr rührten.

Vielleicht hätte Großvaters Kamerad das Ende des Krieges noch erlebt, wenn sich die Drei an die Order gehalten hätten und mitleidlos, ohne viel nachzudenken, die Frau und das Kind sofort erschossen hätten. Wie so oft in kriegerischen Auseinandersetzungen gab es auch hier nur die Möglichkeit, sich falsch zu entscheiden, vielleicht, weil jeder Krieg eine falsche Entscheidung ist?


Viele kleine und große Erlebnisse aus längst verflossenen Tagen hatte Großvater noch immer in lebhafter Erinnerung behalten. Sein Leben war wie ein langer Roman, aus dem er immer wieder gern vorlas. Manches bekam Wladimir öfter zu hören, doch es langweilte ihn nie. Während er dem Großvater zuhörte, versuchte er oft, sich die geschilderten Ereignisse vorzustellen und in eine der beteiligten Rollen zu schlüpfen. Dann fragte er sich nicht selten, wie er wohl reagiert hätte.




Viele Erfahrungen, die Großvater gemacht hatte, waren untrennbar mit Hass und Gewalt verbunden. Trotzdem behielt er große Teile seines Lebens, vor allem seiner Jugend, in schöner, fast verklärter Erinnerung. Das konnte Wladimir überhaupt nicht verstehen. Wie wundervoll und unvergleichlich erscheint manchem die Jugend – wenn sie lange vorbei ist. Wladimir hätte viel dafür gegeben zu erfahren, wie Großvater wirklich als Jugendlicher gelebt hatte, wie sich damals das Leben für ihn angefühlt hatte. Dann wäre es möglich, so dachte er, diese längst vergangene und versunkene Zeit besser zu ergründen und zu verstehen.

Er bemerkte, dass sich jüngere Menschen gerne älter machten und ältere versuchten, jünger auszusehen. Das kam ihm seltsam vor.

Aber fast alle erwachsenen Menschen, die er kannte, malten ihre zurückliegende Jugendzeit in den leuchtendsten Farben. Doch wie sollte er glauben, dass die Zeit der Jugend das beste Lebensalter sei, wenn er selbst, als junger Mensch, das ganz anders erlebte und empfand? Er konnte keine Vorteile darin sehen, jung zu sein. Überall stieß er auf Gesetze, Verbote, Zwänge, ausgedacht von der Generation der Erwachsenen, um ihn und seinesgleichen zu unterdrücken, in ihrer Entfaltung und Entwicklung zu behindern.


Allmählich ging der Winter zu Ende. Der Schnee taute und hinterließ matschige Wiesen und Felder. Auch die Erde schien auf neues, frisches, unverdorbenes Leben zu warten, sich vorzubereiten. Wladimirs Tage verliefen im gewohnten Rhythmus, ohne größere Zwischenfälle. Er bemerkte nicht viel vom Wechsel der Jahreszeiten, außer dass er nicht mehr so viel heizen musste. Die meiste Zeit hielt er sich in der Wohnung auf.

Doch plötzlich verschlimmerte sich der Gesundheitszustand des alten Mannes und Wladimir pilgerte mit ihm zu verschiedenen Gesundheitsämtern und Ärzten.

Überall stießen sie auf eine übermächtige, von sich selbst sehr eingenommene Bürokratie. Dennoch gelang es den beiden, sich irgendwie zurechtzufinden. Eine ärztliche Untersuchung folgte der nächsten. Wieder zeigten sich viele Erwachsene entrüstet über Wladimirs lange Haare.

Eines Morgens fühlte sich der Großvater so schlecht, dass er im Bett bleiben musste. Wladimir rief im Krankenhaus an und kurz darauf wurde Großvater abgeholt. Sein Enkel begleitete ihn. Im Krankenhaus musste Wladimir viele Fragen über den alten Mann beantworten. Dann wurde dem langhaarigen, jungen Mann mitgeteilt, dass sein Großvater für längere Zeit im Krankenhaus bleiben müsse, vielleicht für den Rest seiner Tage....

Beim Abschied sagte Wladimir: „Mach dir keine Sorgen. Hier können sie dir bestimmt helfen. Ich werde mich so lange um die Wohnung kümmern, bis du wieder nach Hause kommst. Etwas Geld von der Mutter ist auch noch da. Machs gut.“

Auf dem Weg nach Hause musste er immer wieder an den Großvater denken und an seine vielen kleinen Geschichten. Die meisten spielten in Kriegszeiten.


Je länger Großvaters Erlebnisse zurücklagen, desto deutlicher und eindringlicher vermochte er sie zu schildern. Immer häufiger lebte er in der Vergangenheit, erlebte sie wieder. Ist es so, dachte Wladimir, dass sich das Leben am Ende wieder dem Anfang zuneigt, dass sich so der Lebenskreis schließt?

Voller Liebe, erfüllt von Dankbarkeit und Mitleid, erinnerte sich Wladimir an den einzigen erwachsenen Menschen seiner Verwandtschaft, der ihn nicht wegen seiner langen Haare verachtet und beschimpft hatte, der ihn als jungen Menschen akzeptiert und toleriert hatte, der ihn freudig aufgenommen hatte, ohne Bedingungen zu stellen.


Als er in die Wohnung zurückgekehrt war, begegnete ihm eine ungewöhnliche Stille. Er setzte sich auf die Bank neben dem großen Ofen, auf der Großvater so oft gesessen und aus seiner Vergangenheit erzählt hatte. Das Feuer im Ofen war erloschen, doch er fror nicht.

Seine treue Begleiterin, die Einsamkeit, meldete sich wieder bei ihm. Wladimir rieb sich die Augen. Er dachte an die zurückliegenden Monate und fragte sich, was er die ganze Zeit über getan hatte. Viel war es nicht gewesen. Als ob er eine Art Winterschlaf gehalten hätte, aus dem er nun langsam erwachte.


Er stand auf und verließ die Wohnung. Draußen streichelte ihn ein warmer Frühlingswind. Viele Büsche trugen schon frische, grüne Blätter, die ersten Frühlingsblumen blühten. In einem nahegelegenen Park spielten einige Kinder lautstark Fußball. Es musste doch auch für ihn irgendeinen Platz geben unter Menschen, bei denen er sich wohlfühlen, mit denen er ausgelassen und fröhlich sein konnte.

Erst auf der Hauptstraße rief ihm jemand hinterher: „Schwuler!“, doch er drehte sich nicht um und ging weiter. Er wollte sich diesen schönen Frühlingstag nicht verderben lassen. An der Bushaltestelle, von der auch Busse nach Zagreb fuhren, hielt er kurz an. Dann setzte er seinen Spaziergang fort, kam an einer Milizstation vorbei, durchquerte einen weiteren Park mit einem Denkmal der „Volksrevolution“. Ziellos schlenderte er weiter.

Da fiel ihm plötzlich ein Plakat auf, das in bunten Lettern verkündetete, dass die „Elektronen“, eine Karlowatzer Beatband, jeden Mittwoch, Samstag und Sonntag im „Kroatischen Heim“ zu Tanzabenden aufspiele. Das „Kroatische Heim“ war ein großes Gebäude, in dem verschiedene Veranstaltungen stattfanden und befand sich in der Nähe des Korana-Flusses. Es enthielt zwei geräumige Tanzsäle.

Da gerade Mittwoch war, beschloss er sofort, am Abend dorthin zu gehen.

Vor dem Eingang standen viele Jugendliche, einige drängten schon hinein. Als er sich der Kasse näherte, strömte ihm schon die wundervolle Beatmusik entgegen. Er flog gegenüberfast hinein. Drinnen schlug die laute, aufregende Musik donnernd über ihm zusammen. Er betrat einen großen, quadratischen Saal.



Auf der rechten und linken Seite waren Tische und Stühle aufgestellt, an denen einige Jungen und Mädchen saßen, die in dem schwachen Licht kaum zu sehen waren. Ganz vorne, dem Eingang gegenüber, spielten vier Musiker auf einer kleinen, hell angestrahlten Bühne. Direkt davor bewegten sich viele junge Menschen im Rhythmus der peitschenden Musik, die ihn so begeisterte und sein Inneres erfüllte.

Plötzlich erblickte er neben sich einen alten, jungen Bekannten namens Tomislav.

Dieser wohnte in derselben Straße wie Wladimir und war ungefähr in seinem Alter. Als Kinder hatte sie oft zusammen auf der Straße gespielt. In der Nähe standen noch zwei weitere Bekannte aus Wladimirs Kindertagen, Zdenko und Radowan. Freudig begrüßten sie sich.

Von da an verbrachten die Vier den Rest des Abends zusammen. Es gab so viel zu erzählen, zu fragen, zu lachen. Immer wieder tranken sie Bier und gingen ab und zu tanzen. Wie weggeblasen war Wladimirs Einsamkeit.

Gegen halb elf hörten die Musiker auf zu spielen. Der Tanzabend war zu Ende.

Draußen auf der Straße stimmte Wladimir mit seinen Freunden einen lustigen Gesang an. Er schlug vor, sich einige Flaschen Wein zu besorgen und mit zu ihm zu gehen.

Begeistert stimmten die Anderen zu.

Kurze Zeit später hockten sie in Großvaters Wohnung und setzten ihre fröhliche, unbeschwerte Unterhaltung fort. Aus dem Radio dröhnte der Sender Luxemburg, der einen Hit nach dem anderen brachte.

Während sich die Flaschen allmählich leerten, drehten sich die Gespräche immer mehr – um Mädchen. Tomislav prahlte mit seinen vielen Erfahrungen, vor allem in sexueller Hinsicht. Es war unmöglich festzustellen, was der Wahrheit entsprach und was ins Reich der Phantasie und Wunschträume gehörte. Er meinte: „Du hast doch jetzt eine eigene Bude. Wie wärs? Wollen wir nicht demnächst mal eine kleine Party feiern? Ich lade einige Mädchen ein und du besorgst die Getränke.“

Natürlich waren alle sofort einverstanden.


Als Wladimir am späten Vormittag des nächsten Tages erwachte, hatte er heftige Kopfschmerzen und ihm war übel. Außerdem war er wütend – wütend auf sich selbst, weil er zum ersten Mal in seinem Leben richtig betrunken gewesen war. Denn er hegte eine tiefe Abneigung dem Alkohol gegenüber. Früher hatte er einige Male im Dachzimmer seines älteren Bruders in Zagreb etwas getrunken, doch immer nur kleinere Mengen. Bei den Saufpartys, die sein Bruder regelmäßig mit einigen Freunden veranstaltete, hatte Wladimir sorgfältig auf jeden einzelnen Schluck geachtet. Sein Bruder pflegte bei diesen Gelegenheiten ziemlich viel zu trinken und wurde dann immer ausgelassener und fröhlicher. Wladimir jedoch musste an den Vater denken, der auf dem besten Wege war, sich mit dem Alkohol zugrunde zu richten. Er wollte nicht, dass mit ihm und seinem Bruder dasselbe geschah.




Er wünschte es niemandem. Immer wenn der Vater betrunken war, verhielt er sich hemmungslos und oft aggressiv. Er schrie die Menschen in seiner Umgebung an und wurde nicht selten auch handgreiflich.

Die Partys seines Bruders waren ein beliebter Nährboden für Gerüchte aller Art. Einige behaupteten, es würden wilde Sexorgien gefeiert, andere meinten, dass viele Drogen eingenommen würden. Es war und ist schon immer einfacher gewesen, sich Zerrbilder von anderen Menschen zu machen, als selbst in den Spiegel zu schauen und die eigene Leere zu ertragen, sie ein kleines Stück weit auszufüllen.

Als er gerade am Tisch saß und versuchte, etwas zu essen, schreckte ihn ein Klopfen an der Tür auf. Er öffnete und vor ihm stand Frau Irena P., eine Nachbarin und gute Freundin der Mutter. Erstaunt begrüßte er sie und bat sie herein.

Die Mutter hatte, nachdem sie von seinem Aufenthalt in Karlowatz erfahren hatte, Frau P. gebeten, ab und zu nach ihrem Sohn zu schauen. Sie war wohl der Ansicht, dass Großvater zu alt und zu nachgiebig sei, um „richtig“ auf Wladimir aufzupassen.

Er bot seiner Besucherin einen Platz an, und sie sagte: „Ich habe gehört, dass dein Großvater im Krankenhaus liegt. Ich werde ihn bald mal besuchen. Wie kommst du denn ohne ihn zurecht? Brauchst du irgend etwas?“

„Nein, vielen Dank, ich brauche nichts. Ich komme ganz gut klar.“

„Ist es nicht schwer für dich, so ganz allein zu leben, Du bist doch noch gar nicht so alt.“

Wladimir merkte, wie er langsam wütend wurde, doch er drängte seine aufsteigenden Gefühle zurück, versuchte zu lächeln und erklärte: „So schwer ist es nicht. Außerdem werde ich bald siebzehn. Ich denke, ich kann schon ganz gut für mich selbst sorgen. Aber vielen Dank, dass Sie sich solche Sorgen um mich machen.“

Nach einer Weile erhob sich Frau P. und ging. Die nächtliche Feier hatte sie mit keinem Wort erwähnt.

Als er wieder allein in der Wohnung war, begann er sofort, über den Besuch nachzudenken und er fragte sich, welchen Eindruck er wohl auf sie gemacht hatte. Bei jemand anderem wäre ihm das ziemlich egal gewesen, aber er dachte an ihre Tochter Wesna, und die war ihm nicht egal. Er hatte sie im letzten Sommer kennengelernt und betrachtete sie als eine gute Freundin. Sie gefiel ihm vor allem als Mensch. In einigen Dingen war sie ihm sehr ähnlich, in anderen jedoch stellte sie das genaue Gegenteil von ihm dar, vor allem in ihrer ruhigen, aufmerksamen, unauffälligen Art. Vielleicht lebte sie in besseren Familinverhältnissen als er, vielleicht erregte sie als weibliches Wesen mit langen Haaren nicht die Aufmerksamkeit und den Hass der intoleranten Gesellschaft um sie herum.


Es gab so vieles in dieser Zeit, was ihn interessierte, so viele Dingen, denen er auf den Grund gehen, die er verstehen wollte. Doch die Zeitungen und die Spießbürger meinten, das Leben der Langhaarigen würde sich nur um Drogen und Beatmusik drehen.



Wie sie darauf kamen, war ihm völlig schleierhaft. Für ihn wiederum bewegten sich fast alle Erwachsenen in einem engen Kreis von Egoismus, Boshaftigkeit und skrupelloser materieller Besitzgier – im Osten wie im Westen. Die meisten dieser Leute, so glaubte er damals felsenfest, hätten keinen Sinn und keine Zeit für humane Ideale. Wladimir hingegen war voll glühender, unkritischer Bewunderung für den unschuldigen und naiven Humanismus der Hippie-Bewegung. Die Welt muss und kann nur durch Liebe verändert und verbessert werden, so dachte er damals, wenn auch nur für kurze Zeit. Liebe, das war etwas, das ihm fehlte, das er kaum erfahren hatte, das er nicht kannte, etwas, wovon er oft, viel zu oft, träumte....


Am darauffolgenden Samstag kam Frau P. Wieder vorbei und erklärte: „Wladimir, ich muss dir leider mitteilen, dass deine Nachbarn sich bei mir beschwert haben. Neulich hättest du mit ein paar Freunden die ganze Nacht durchgezecht. Ihr wart so laut, dass sie nicht schlafen konnten.“

Er entgegnete, wobei er wieder versuchte, ruhig und gelassen zu bleiben: „So schlimm war es gar nicht. Ja, wir habe ein bisschen getrunken und geredet, aber laut waren wir wirklich nicht.“

Frau P. Ließ sich nicht anmerken, ob sie ihm glaubte oder nicht. Sie lud ihn für Sonntag Mittag zum Essen ein. Wladimir sagte sofort zu.

Am nächsten Tag stand er um zwölf Uhr vor der Wohnungstür von Familie P. Und klingelte. Wesna öffnete und lächelte sofort, als sie ihn sah. Sie war schlank und hatte kurze, braune, lockige Haare. „Ich freue mich, dich mal wieder zu sehen, Wladimir“, begrüßte sie ihn und bat ihn herein. Drinnen wurde er von den anderen Familienmitgliedern begrüßt, die ihn sofort mit Fragen überschütteten. Fragen nach der Mutter in Deutschland, dem Vater und seinem Bruder in Zagreb, dem Großvater...

Nachdem er sich bemüht hatte, jede Frage irgendwie zu beantworten, führte ihn Wesna in ihr Zimmer, um dort gemeinsam mit ihm auf das Mittagessen zu warten.

Sie meinte: „Es ist schade, dass du schon so lange hier bist, ohne deine alte Freundin besucht zu haben. Ich habe erst vor Kurzem gehört, dass du in Karlowatz bist.“

Wladimir antwortete: „Es tut mir leid, aber jetzt können wir uns ja ab und zu mal treffen. Vielleicht hast du Lust, nach dem Essen einen kleinen Spaziergang zu machen.“ Wesna willigte sofort ein.

In der Küche erwartete sie ein vornehm gedeckter Tisch, viel zu vornehm nach seinem Geschmack. Er fühlte sich unwohl, weil er den Eindruck hatte, dass alle ihn beobachten würden. Wladimir pflegte zu essen, weil er Hunger hatte und nicht, um „gutbürgerliches Benehmen“ vorzuzeigen (oder vorzutäuschen).

Nach dem Essen blieben alle noch eine Weile sitzen, um miteinander zu „reden“. Wieder stellte man ihm Fragen über Fragen, wieder versuchte er, zu jeder Frage irgendeine Antwort zu geben. Er spürte, dass alle am Tisch das Eine dachten und das Andere sagten, auch er. Nur Wesna schwieg die ganze Zeit....




Die Straßen waren überfüllt mit Menschen, die von den ersten warmen Sonnenstrahlen ins Freie gelockt worden waren. Die meisten von ihnen zeigten sich fröhlich und gut gelaunt. Von vielen Seiten hörte man Menschen lachen. Wesna und Wladimir unterhielten sich über ganz andere Themen als noch vor Kurzem.

Innerhalb weniger Minuten waren beide ganz andere Menschen geworden, denn irgend etwas war in ihnen erwacht. Ab und zu drang eine boshafte Bemerkung über Wladimirs lange Haare bis zu ihnen durch, aber sie nahmen es kaum wahr. Diese Worte schienen aus einer unbekannten Welt zu kommen und für andere, fremde Menschen gedacht zu sein.

Denn ein wunderschönes, lebendiges Mädchen befand sich an seiner Seite, und die Karlowatzer Straßen wurden zu verzauberten, blühenden Waldwegen und die grauen, eintönigen Häuserreihen zu strahlenden Palästen....

Als sie durch einen Park kamen, setzten sie sich auf eine Bank und betrachteten zufrieden das frische Grün der Natur um sie herum, diese alljährlich wiederkehrende Verheißung neuen Lebens.

Wesna fragte: „Was willst du denn jetzt mit deinem Leben anfangen, Wladimir? Willst du wieder zur Schule gehen?“

„Nein, danke“, entgegnete dieser, „im Moment kann ich gut darauf verzichten. Ich denke, ich werde erst mal eine Weile in Großvaters Wohnung bleiben und von dem Geld der Mutter leben.“

„Das hört sich ja ganz gut an“, erwiderte Wesna und fügte nach einer Weile hinzu: „Ich soll noch mindestens zwei Jahre zur Schule gehen. Wie gerne würde ich mit dir tauschen.“

Spontan musste Wladimir lachen: „Wünsch dir das lieber nicht.“ Dann erzählte er von den Auseinandersetzungen mit seinem Vater, ausgelöst durch seine langen Haare.


Als die Abenddämmerung langsam hereinbrach, stand Wesna auf und sagte: „Ich muss jetzt gehen.“ Wladimir erhob sich ebenfalls, um sie zu begleiten.

Unterwegs schlug er vor, sich heute Abend mit ihr im „Kroatischen Heim“ zu treffen. Vor ihrem Haus verabschiedete er sich von ihr.

Auf dem Weg nach Hause war er mit den schönsten Gedanken und Vorstellungen erfüllt. Sein ganzes Denken und Fühlen drehte sich um Wesna, um ihr Lachen, ihre Ernsthaftigkeit, ihre Liebenswürdigkeit. Ja, sie war würdig, geliebt zu werden....


Urplötzlich erhielt er einen harten Schlag in den Rücken und stürzte zu Boden. Im ersten Augenblick blieb ihm die Luft weg, dann spürte er heftige Schmerzen. Neben ihm lang ein faustgroßer Stein, von dem er getroffen worden war. Langsam erhob er sich und sah eine Gruppe von Leuten auf der anderen Straßenseite stehen.

Lachend und johlend schrien sie zu ihm herüber: „Lass dir die Haare schneiden, du schwule Sau!“ In Wladimir meldete sich wieder das altvertraute Gefühl aus Wut, Elend und Hass. Einen Augenblick lang sah er die Leute an, dann wandte er sich ab und ging langsam weiter. Einige kleinere Steine trafen ihn noch, dann verschwand die Gruppe um eine Straßenecke.


In der Wohnung angekommen, zog er sofort Jacke und Hemd aus und betrachtete die Verletzung im Spiegel. Die schmerzende Stelle war leicht angeschwollen und hatte sich lila verfärbt. Er legte ein feuchtes, kaltes Tuch auf die Wunde. Die Lust, ins „Kroatische Heim“ zu gehen, war ihm gründlich vergangen.

Nach einiger Zeit ließen die Schmerzen nach und er entschloss sich, doch noch hinzugehen. Er wollte sich die Freude, Wesna wiederzusehen, nicht von einigen Spießern verderben lassen.

Doch als er hinkam, war es beinah zehn Uhr und die meisten Gäste waren gerade dabei, aufzubrechen. So sehr er auch suchte, er konnte Wesna nirgends entdecken.

Sie war wohl auch schon gegangen.


Einige Tage später besuchten ihn Tomislav und Zdenko. Am Abend brachen sie ins „Kroatische Heim“ auf. Laute Musik donnerte ihnen entgegen, und der Saal war wie immer angefüllt mit jungen Leuten. Sie setzten sich in einer Ecke auf drei freie Plätze. Wladimir nahm sich fest vor, dieses Mal keinen Alkohol zu trinken.

Etwas später kamen drei Mädchen und ließen sich in der Nähe der Jungen nieder. Alle Drei waren bunt gekleidet und sahen sehr gut aus, so weit man das in dem dämmrigen Licht beurteilen konnte. Die drei Jungen begannen, sich lautstark über ihre Nachbarinnen zu unterhalten, so dass sie es hören mussten. Eines der Mädchen gefiel Wladimir besonders. Sie trug lange, blonde Haare und hatte ein kindliches, anmutiges Gesicht. Ein eng anliegendes, blaues T-Shirt betonte ihre zierliche Figur.

Als nach einiger Zeit die Beatgruppe eine langsame Melodie spielte, nahm Wladimir all seinen Mut zusammen, stand schnell auf und forderte das Mädchen zum Tanzen auf. Sie erhob sich und betrat zusammen mit ihm die Tanzfläche. Es war sein erster Tanz mit einem Mädchen, und am Anfang bewegte er sich ziemlich verkrampft und unbeholfen. Doch bald fühlte er sich sicherer und presste den herrlichen, weichen, nachgiebigen Körper an sich. Zum ersten Mal in seinem Leben spürte er einen weiblichen Körper so dicht an seinem und versuchte, mit diesem zu verschmelzen.


Nach dem Tanz stellten sie sich vor. „Ich heiße Sonja, aber alle nennen mich Sonny,“,

erklärte sie lachend. Dann fragte sie: „Bist du aus Zagreb?“ Als Wladimir das bejaht hatte, meinte sie: „Das merkt man an deiner Aussprache.“ Doch weiter kam Sonny nicht, denn ein neues, langsames Stück begann, er fasste sie wieder um die Hüften und sie schmiegte sich an ihn.

Als der Tanzabend zu Ende war, waren die Beiden sich schon viel näher gekommen. Zdenko und Tomislav hatten sich schon verabschiedet.

Er erfuhr, dass Sonny 16 Jahre alt war und das Gymnasium besuchte. Sie erklärte: „Ich finde es toll, wenn Jungen lange Haare haben.“ Später erzählte sie noch von ihren Zukunftsplänen: „Nach der Schule will ich studieren und dann viel reisen.“

Auf ihren Wunsch hin wollte er sie nach Hause begleiten. Eng umschlungen liefen sie durch die nächtlichen Straßen.

Und wieder einmal geschah etwas, das dieses gerade erst zart keimende Glück gewaltsam und gewalttätig beendete.



Plötzlich tauchten vor ihnen drei ältere, betrunkene Männer auf und versperrten den beiden den Weg. Einer schrie ihn an: „Was suchst du denn hier auf der Straße? Warum läufst du rum wie ein Affe?“ Dann fielen sie über ihn her und riefen höhnisch: „Komm her, wir wollen dir deine Haare schneiden!“

Der erste Schlag schleuderte ihn auf das Steinpflaster. Dann traten sie nach ihm und er rollte über die Straße, bis er in einem Graben landete. Jetzt hatte er für einen kurzen Augenblick Zeit, sich aufzurichten und nach Sonja zu sehen. Sie kniete auf der anderen Straßenseite und versuchte, ihr Gesicht vor den Schlägen eines der Typen abzuschirmen. Dieser rief: „Du Hure, mit so einem treibst du dich rum. Warte nur, ich werde dir das ausprügeln!“ Da wurde Wladimir von einer unbändigen Wut gepackt. Er rannte über die Straße, griff nach einem langen Stock und schlug damit auf Sonjas Peiniger ein. Jedoch nicht lange, dann wurde er von den beiden Anderen wieder geschlagen und getreten.

Da schnitt der Pfiff einer Milizpfeife durch die Nacht, und die Schläge und Tritte hörten auf. Wie durch einen Nebel bemerkte er, dass die Angreifer von ihm abließen und sich zur Flucht wandten. Einige Milizionäre rannten auf sie zu und riefen: „Halt! Stehenbleiben!“

Sofort sprang er auf und lief davon. Ihm war klar,dass die Milizionäre kein Verständnis und Mitgefühl für ihn aufbringen würden. Wahrscheinlicher war, dass sie ihm auf der Milizstation einen „Haarschnitt“ verpassen würden und damit zu Ende brachten, was den Angreifern nicht gelungen war. Mit einem kurzen Blick vermochte er noch Sonja zu erfassen, die im Schlamm neben der Straße hockte und weinend ihr Gesicht mit den Händen bedeckte.

So schnell er konnte, hetzte er durch den Park und bemerkte schon bald, dass er verfolgt wurde. Laute Rufe erschollen hinter ihm. Seine Angst steigerte sich und damit auch seine Geschwindigkeit. Er kam aus dem Park heraus, überquerte eine Straße und gelangte in einen anderen Park. Langsam verebbten die Schritte und auch die Zurufe wurden leiser.

Allmählich beruhigte er sich, rannte langsamer, blieb ab und zu stehen und schaute sich von Zeit zu Zeit um. Kein lebendes Wesen war zu hören oder zu sehen, überall nur Dunkelheit und Stille. Er kroch unter einen großen Busch und lauschte angestrengt in die Nacht hinein.

Irgendwann schob er sich leise unter dem Busch hervor und machte sich auf den Heimweg. Jedes kleinste Geräusch erschreckte ihn zutiefst, weil er befürchtete, dass die Milizionäre im Hinterhalt auf ihn lauern könnten. Seine Augen und Ohren arbeiteten voller Anspannung. So erreichte er schließlich die Wohnung.

Im Badezimmer betrachtete er sich im Spiegel.Sein Gesicht war stark angeschwollen, um den Mund herum und am Hals erblickte er geronnenes Blut. Die Jacke war überall zerrissen und voller Schlamm. Wütend warf er sie in den Mülleimer. Auf den Rippen hatte er blaue Striemen. Vorsichtig wusch er sich das Blut und den Schlamm vom Körper. Ihm war schlecht und er zitterte am ganzen Leib, unfähig, einen klaren Gedanken zu fassen.



Der nächste Tag war zum Verzweifeln – trüb und leer, nur angefüllt mit Fieber, Rippenschmerzen und Kopfweh.

Gegen Abend dröhnte laute Beatmusik durch die ganze Wohnung. Er versuchte, sich mit den Ereignissen der vergangenen Nacht auseinanderzusetzen. Wieder mal war

ihm offener Hass und brutale Gewalt entgegengeschlagen und er fragte sich zum wiederholten Male, wieso ihn diese Menschen nicht leiden konnten. Was hatte er ihnen getan? Warum konnten sie ihn nicht in Ruhe lassen? Diese Leute kamen ihm vor wie verfluchte Sklaven ihrer dummen, uniformierten, kurzhaarigen sogenannten Männlichkeit. Seine idealistischen Vorstellungen von Liebe und Harmonie schmolzen dahin und wurden ersetzt von Wut und Hass auf die Spießbürger seiner Umgebung.


Ein paar Tage später lag im Briefkasten ein Brief von der Mutter aus Deutschland. Er war an Großvater adressiert. Wladimir öffnete den Brief und las:


Lieber Vater!

Ich hoffe, dass du bald wieder gesund bist. Ich habe in Deutschland eine andere, besser bezahlte Arbeit gefunden und es geht mir ganz gut. Natürlich denke ich oft an meine Familie und an das Land, das ich verlassen musste, um in der Fremde eine Arbeit zu finden. Ich habe von Frau P. erfahren, dass Wladimir lange Haare trägt. Sorge bitte dafür, dass er sie sich so schnell wie möglich schneiden lässt. Es ist mir unverständlich, wie du als erwachsener Mensch ihm erlauben konntest, mit seinen langen Haaren bei dir zu wohnen. Damit macht er dich und mich vor allen Menschen lächerlich. Sein Vater konnte es auch nicht ertragen und hat Wladimir deswegen zu dir geschickt. Ich vertraue darauf, dass du meinen Sohn zur Vernunft bringst.

Weiterhin gute Besserung!

Deine Tochter


Im Briefumschlag steckte noch ein Blatt, das Wladimir zugedacht war. Die Mutter schrieb, dass sie sich seinetwegen Sorgen mache und wir schwer es ihr falle, in Deutschland zu sein.

Gegen Ende wurde ihr Ton plötzlich ganz anderes, als sie berichtete, wie sie von seinen langen Haaren erfahren habe. Sie forderte ihn auf, unverzüglich zum Friseur zu gehen. Er blamiere sie vor allen Leuten, während sie sich im Ausland abrackere.

Am Ende des Briefes stand: Mit viel Liebe zu dir, deine Mutter


Als er die beiden Briefe gelesen hatte, begann er lauthals zu fluchen. Wieder fragte er sich, wieso allen Erwachsenen, ausgenommen Großvater, die Länge seiner Haare so wichtig war. Je wichtiger seine kurzen Haare für die Anderen war, umso wichtiger waren für ihn die langen Haare....




Am Abend dachte er wieder über sein Leben nach. Konnten seine Ideale, seine Wünsche, jemals Wirklichkeit werden? Alle seine Gedanken und Hoffnungen steckten in ihm selbst fest. Wie konnte es hier in Karlowatz weitergehen, in dieser verdammten Stadt und ihren verfluchten Bewohnern?

Vielleicht sollte er diese Stadt verlassen, weggehen, irgendwo anders hin. Es musste doch irgendeinen Platz geben, wo sich niemand an seinem Äußeren störte, wo er so akzeptiert würde, wie er ist. Dann könnte er diese Menschen auch akzeptieren....


Am nächsten Morgen stand er früh auf und begann sofort zu packen. Sein Gesicht war noch nicht ganz verheilt, aber das war ihm egal. Zu seinen Kleidungsstücken stopfte er noch eine warme Decke und nahm auch noch einige Lebensmittel mit. Zuletzt steckte er noch ein Klappmesser ein.

Als die Wohnungstür hinter ihm ins Schloss gefallen war und er mit Reisetasche und Rucksack auf die Straße trat, schien ihm die Sonne warm ins Gesicht. Es versprach, ein schöner Tag zu werden.

Er ging in Richtung Bahnhof, da er mit dem Zug nach Zagreb fahren wollte. Vielleicht auch noch weiter, das wusste er jetzt noch nicht.

Nachdem der Zug langsam aus Karlowatz hinausgerollt war, hegte er die leise Hoffnung, nie mehr zurückkehren zu müssen....




2. Kapitel: Reise durch Jugoslawien

Am Zagreber Hauptbahnhof herrschte das übliche Gedränge. Er stellte seine Reisetasche und seinen Rucksack in einem Schließfach unter und trat auf den „Tomislav-Platz“ hinaus. Zielstrebig lenkte er seine Schritte zum „Lebensbrunnen“, einem kleinen Springbrunnen am „Platz des Marschalls Tito“. Dort trafen sich damals die „Hippies“ - Jugendliche, die fast alle lange Haare hatten. Vor einem halben Jahr, als er noch in Zagreb gelebt hatte, war er nur selten dorthin gegangen. In den Zeitungen wurde jetzt oft von diesem Platz berichtet - als Treffpunkt von Langhaarigen, Faulenzern, Schmutzfinken, Drogensüchtigen und Kriminellen - und das hatte ihn stark motiviert, da mal vorbeizuschauen.

Kaum angekommen, traf er auf etwas dreißig langhaarige Jungen und Mädchen und wurde sofort von einer inneren Zufriedenheit erfasst. Die meisten Jugendlichen saßen auf der niedrigen Mauer, die kreisförmig um den Springbrunnen herum angelegt war.

Soeben wusch gerade einer seine Füße im Wasserstrahl des Brunnens. Die Anderen unterhielten sich leise, rauchten, lachten manchmal oder schwiegen und starrten vor sich hin. Niemand beachtete seine Ankunft.

Da trat der Junge, der gerade seine Füße im Brunnen gewaschen hatte, auf ihn zu und bat ihn um eine Zigarette. Sofort kamen sie ins Gespräch. Der Junge hieß Slobodan, hatte langes, leicht gewelltes, braunes Haar, war neunzehn Jahre alt und stammte aus Belgrad. Seit einigen Monaten war er auf der Reise. Ziel: Unbekannt!


Am Tag zuvor war er von Ljubljana nach Zagreb gekommen, davor war er in Paris gewesen.

Nachdem Wladimir einiges von sich erzählt hatte, erwiderte Slobodan: „Ich glaube, wir sind beide auf demselben Gleis.“ Auch er war auf der Suche, und das verband die Beiden sofort.

Etwas später verließen sie den „Lebensbrunnen“. Da sie Hunger hatten, kauften sie in einem Lebensmittelladen etwas Brot, Salami und einen Liter Milch. Sie aßen im Gehen, worüber sich einige Passanten sehr entsetzten.

Kauend meinte Slobodan: „Ich kenne nicht weit weg von hier zwei Leute, bei denen wir übernachten können. Wladimir willigte sofort ein. Er hatte nicht vorgehabt, zu seinem Vater zu gehen, der ja hier lebte.

Die zwei Bekannten von Slobodan wohnten in einem alten, baufälligen Hinterhaus, das aus zwei Zimmern bestand. Im ersten Raum waren von der einen bis zur anderen Seite Wäscheleinen gespannt, an denen feuchte Wäschestücke hingen. An der gegenüberliegenden Tür klopfte Slobodan an und nannte seinen Namen. Als sich die Tür öffnete, erblickte Wladimir einen kleineren, bärtigen Mann mit langen, dunklen Haaren und einer schwarzen Nickelbrille. Sein prüfender Blick blieb eine Weile an Wladimir hängen, als Slobodan seinen neuen Freund vorstellte und kurz berichtete, wer er sei und woher er kommen. Da fing der Kleinere an zu lachen und sagte: „Die Revolution hat wieder einen neuen Konterrevolutionär erschaffen.“ Dann ließ er die Beiden reinkommen. Sie betraten einen ziemlich großen Raum, der mit dicken Teppichen ausgelegt war. An der rechten Wand befand sich ein Fenster, das auf den Hof hinausging. Vor dem Fenster stand ein Tisch mit drei Stühlen. Sie setzten sich und Wladimir erzählte zum zweiten Mal an diesem Tag, warum er aus Karlowatz weggegangen war. Ihr Gastgeber schaute Wladimir lächelnd an – sicher bemerkte er die kaum verheilten blauen Flecken auf dessen Gesicht.

Dieser erklärte: „Jetzt kannst du sicher verstehen, warum ich in dieser widerlichen Kleinstadt nicht bleiben will.“

Pjotr – so hieß ihr Gastgeber – entgegnete: „Hier in der Großstadt ist es auch nicht viel besser. Ihr könnt für ein paar Tage hierbleiben.“

Als es zu dämmern begann, ging Wladimir zum Hauptbahnhof, um seine Sachen zu holen. Wieder zurück in der Wohnung, stellte er sogleich die Reisetasche auf den Tisch, öffnete sie und holte alles Essbare heraus.

Im Zimmer brannten einige Kerzen und verstrahlten ein trübes Licht – Strom gab es keinen. Kurz darauf kam der zweite Bewohner nach Hause. Er hieß Boris. Nun saßen sie zu viert um den Tisch und aßen zu Abend.

Nach dem Essen brachten Pjotr und Boris einige Flaschen Wein herbei und schenkten ein. Dann begann eine Unterhaltung, die Wladimir noch lange in lebhafter Erinnerung bleiben sollte. Denn nach dieser Unterhaltung begann er zum ersten Mal ernsthaft an seinen Hippie-Idealen zu zweifeln. Sie hatten sich gerade über die Diskriminierung von Langhaarigen unterhalten, wozu jeder einige Beispiele nennen konnte, als Wladimir meinte: „Eines Tages werden all diese Diskriminierungen verschwunden sein. Das ist nur eine Frage der Zeit. Täglich gibt es auf dieser Welt mehr Langhaarige und die Spießbürger sterben langsam aus. Alle neuen Entwicklungen in der Geschichte der Menschheit sind immer zuerst auf den erbitterten Widerstand der Konservativen gestoßen.

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