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Das Lied der weißen Wölfin

Inhalt

  1. Cover
  2. Über die Autorin
  3. Titel
  4. Impressum
  5. 1. Kapitel
  6. 2. Kapitel
  7. 3. Kapitel
  8. 4. Kapitel
  9. 5. Kapitel
  10. 6. Kapitel
  11. 7. Kapitel
  12. 8. Kapitel
  13. 9. Kapitel
  14. 10. Kapitel
  15. 11. Kapitel
  16. 12. Kapitel
  17. 13. Kapitel
  18. 14. Kapitel
  19. 15. Kapitel
  20. 16. Kapitel
  21. 17. Kapitel
  22. 18. Kapitel
  23. 19. Kapitel
  24. 20. Kapitel
  25. 21. Kapitel
  26. 22. Kapitel
  27. 23. Kapitel
  28. 24. Kapitel
  29. 25. Kapitel
  30. 26. Kapitel
  31. 27. Kapitel
  32. 28. Kapitel
  33. 29. Kapitel
  34. 30. Kapitel
  35. 31. Kapitel
  36. 32. Kapitel
  37. 33. Kapitel
  38. 34. Kapitel
  39. 35. Kapitel
  40. 36. Kapitel
  41. 37. Kapitel

Über die Autorin

Claire Bouvier wurde 1970 als Tochter einer Deutschen und eines Kanadiers in Quebec geboren. Im Alter von neun Jahren siedelte sie mit ihren Eltern nach Deutschland über. Als sie ihren kanadischen Wurzeln nachging, enstand die Idee zu ihrem ersten Roman IM LAND DES ROTEN AHORNS. Die Autorin lebt und arbeitet in Berlin.

1. Kapitel

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KANADA 1882

Versonnen blickte Marie Blumfeld von der Ladekante des Planwagens gen Himmel, wo ein perfekt gerundeter Vollmond über den dunklen Tannen schwebte. Nachtvögel huschten vorüber, während ein geheimnisvolles Rascheln den gleichförmigen Hufschlag der Pferde begleitete. Es ist fast wie damals, als ich mit Peter in der Fliederlaube gesessen habe und wir uns Märchen erzählten, dachte Marie traurig, während sie die Decke um ihre Schultern enger zog …

Obwohl sie mittlerweile vierundzwanzig Jahre zählte, waren die alten Geschichten in ihr noch immer lebendig. Auf dem Dampfschiff hatte Marie sie oft den Kindern erzählt, wenn sie sich vor dem Seegang und den Unwettern fürchteten. Auch jetzt, wo der Auswanderertreck immer tiefer ins kanadische Hinterland vordrang, reiste sie in Gedanken oft zu den Helden ihrer Kindheit zurück. Nur so ließ sich das Heimweh lindern, das in ihrer Seele brannte. Obwohl es in ihrer norddeutschen Heimat sonst nichts gab, für das sich das Bleiben gelohnt hätte, vermisste Marie die weiten Landschaften, die sanft gerundeten Hügel und die Wälder, die sie durchwandert hatte, wann immer ihr Zeit dafür geblieben war …

Marie schob den Gedanken entschlossen beiseite und wandte sich zu ihren Mitfahrerinnen um. Die vier Frauen, mit denen sie sich diesen Planwagen teilte, hätten nicht unterschiedlicher sein können. Die temperamentvolle Ella und die burschikose Marthe waren mit ihr auf dem Auswandererschiff gekommen; die noch etwas kindliche Klara war in Boston zu ihnen gestoßen. Während alle anderen vor sich hin schnarchten, als lägen sie in gemütlichen Daunenbetten und nicht auf kratzigen Armeedecken, fand Marie wie so oft keine Ruhe. Das Schaukeln des Wagens riss sie immer wieder aus dem Schlummer, sodass sie sich erst hinlegte, wenn ihre Müdigkeit groß genug war.

Drei Wochen lagen nun schon hinter ihnen. Wochen, die aus einigermaßen ordentlich gekleideten Frauen eine Horde Landstreicherinnen mit notdürftig geflickten Kleidern und wirren Haaren gemacht hatten. Obwohl sie regelmäßig rasteten, um sich zu waschen, reichte die Zeit oftmals nicht aus, um sich wieder ordentlich herzurichten.

Marie griff nach ihrem langen blonden Zopf, aus dem die abgebrochenen Spitzen wie Stroh aus einem Ballen hervorstachen. Ich werde es abschneiden müssen, wenn ich in Selkirk bin, dachte sie ein wenig traurig. Gleichzeitig freute sie sich auf das Ende der Reise, denn an ihrem Ziel wartete ein neues Leben auf sie.

Vorsichtig zog sie ihre Teppichstofftasche näher zu sich heran, in der ihre gesamte magere Habe verstaut war. Viel Gepäck war ihnen nicht erlaubt worden. Einige Frauen hatten zusätzlich noch Kochgeschirr dabei, das während der Fahrt leise vor sich hin klapperte. Da sie die Töpfe und Pfannen unterwegs brauchten, hatte der Treckchief nichts dagegen, doch auf unnötige Last wurde verzichtet, damit sie so schnell wie möglich vorankamen.

Marie hatte nur Kleider, Unterröcke und einen Mantel mitgenommen, denn ihr war gesagt worden, dass die kanadischen Winter hart werden konnten. Außerdem befanden sich noch ein paar Toilettenartikel sowie Schreibzeug in der Tasche. Schmuckstücke oder andere Wertgegenstände besaß sie nicht, denn ihr Vater hatte den Schmuck ihrer Mutter im Krieg von 1870 für wohltätige Zwecke gespendet und war nicht der Ansicht gewesen, dass sie irgendwelche Schmuckstücke besitzen müsste.

Zielsicher fand ihre Hand unter ihren Einwanderungspapieren den Zettel, der vom dauernden Hervorziehen und Betrachten schon ganz knittrig und dünn geworden war. Damit rückte sie an die Ladekante des Wagens.

Ehefrauen für wohlsituierte Männer in Kanada gesucht, verkündeten die dicken Lettern der Überschrift. Der darunter folgende Text unterbreitete ledigen oder verwitweten Frauen das Angebot, im fernen Kanada ein neues Leben zu beginnen, an der Seite eines Goldgräbers, Pelzhändlers oder Farmers.

Als sie den Aushang zum ersten Mal an der Tür des Bürgermeisterhauses entdeckt hatte, war als Erstes die spöttische Frage in ihr aufgestiegen, warum kanadische Männer gerade eine deutsche Frau heiraten sollten. Gab es in dem großen Land denn keine Frauen, die sie wollten? Doch als sich ihr Leben von einem Tag auf den anderen verändert hatte, war ihr die Anzeige gar nicht mehr so lächerlich vorgekommen. Im Gegenteil, sie war für Marie zu einer Rettungsleine geworden, der letzten, von der sie hoffte, sie würde sie aus der Dunkelheit des Leids ziehen.

Jetzt allerdings fragte sie sich, ob sie das Richtige tat. Was würdest du dazu sagen, Peter?, dachte sie, und wie als Antwort spürte sie ein schmerzhaftes Ziehen in ihrer Brust. Auch noch ein Jahr nach dem großen Unglück konnte sie nicht ohne körperliche und seelische Pein an ihn denken.

Als sie den Zeitungsausschnitt wieder einsteckte, berührten ihre Finger das kleine Buch, das sie sich in Boston gekauft hatte. Eine Frau auf dem Auswandererschiff hatte ihr geraten, ihre Erlebnisse in einem Tagebuch festzuhalten. Angesteckt von der Begeisterung der Mitreisenden war sie in einen kleinen Laden nahe des Hafens gegangen und hatte von ihrem ersten umgetauschten Geld eine kleine, in marmoriertes Papier eingeschlagene Kladde erstanden, und sei es nur, um Naturbeobachtungen festzuhalten oder Pflanzen hineinzuzeichnen. Für den Fall, dass ich wieder als Lehrerin unterrichten darf, war es ihr durch den Sinn gegangen, als sie das Büchlein in der Tasche verstaute.

Doch nun kam ihr ein anderer Einfall. Bisher hatte sie vom Tagebuchschreiben nicht viel gehalten. Tagebücher waren etwas für zartbesaitete Mädchen, die vor Emotionen überflossen. Wie so vieles hatte sich Maries Meinung darüber inzwischen geändert.

Ich sollte mich von den Schatten der Vergangenheit befreien, dachte sie. Wenn ich sie auf Papier gebannt habe, können sie mir vielleicht nichts mehr anhaben. Behutsam schlug sie das Heft auf und strich mit dem Finger über die leeren cremefarbenen Seiten.

Fast glaubte Marie dabei wieder die Stimme ihres Bruders zu vernehmen. Nur Mut, Mariechen, was soll dir schon passieren? Als ihr klar wurde, dass nur der Nachtwind durch den Wald raunte, zog sie einen Bleistift aus ihrer Tasche und begann zu schreiben.

Peter behauptete immer, er hätte sich in dem Augenblick, als er mich zum ersten Mal sah, unsterblich in mich verliebt. Eigentlich hatte er, der damals drei Jahre alt war, sich einen Bruder gewünscht, mit dem er spielen konnte. Dementsprechend enttäuscht war er, als unser Vater ihm eröffnete, dass die Mutter ihm eine Schwester geschenkt hätte. Beinahe hätte Peter sich geweigert, mich überhaupt anzusehen, wie ich da in meiner Wiege lag. Doch dem sanften Ruf meiner Mutter konnte er sich nicht entziehen. Er schob sein Gesicht über das rote, in Windeln und Tücher gewickelte Bündel und von dem Augenblick an wusste er, dass er seinen heimlichen Plan doch nicht in die Tat umsetzen würde. Insgeheim hatte er nämlich vorgehabt, mich mit dem neugeborenen Sohn der Nachbarin auszutauschen.

Wir wuchsen im Herzen Mecklenburgs auf, in einer ländlichen Gegend, die von Ackerbau, Weidewirtschaft und Gütern geprägt war. Sobald ich selbstständig laufen konnte, nahm er mich mit in den Garten oder auf die Wiesen. Wir müssen ein seltsames Pärchen abgegeben haben: ein schlaksiger Junge mit viel zu großem Kopf neben einem etwas pummeligen Mädchen mit viel zu kurzen Armen und Beinen.

Obwohl ich als kleines Kind wahrlich keine Schönheit war, war ich nur selten den Neckereien anderer Kinder ausgesetzt, denn mein Bruder stand mit Eifer und glühendem Herzen für mich ein, auch wenn ich den Streit vom Zaun gebrochen hatte, wie es später oft der Fall war.

Als Kinder des Dorfpfarrers Martin Blumfeld führten wir ein privilegiertes Leben, in dem uns Kunst und Literatur offenstanden. Unseren Vater liebevoll zu nennen, wäre übertrieben gewesen, doch er sorgte gut für uns und eröffnete uns Horizonte, die für die Kinder der Landarbeiter und Bauern verschlossen blieben.

Als meine Mutter mit ihrem dritten Kind schwanger war und darunter körperlich sehr zu leiden hatte, duldete er es sogar, wenn wir uns in seiner Bibliothek aufhielten. Ich erinnere mich noch gut an die hohen Regale, die mit ledergebundenen Folianten und Büchern in verschiedenen Farben gefüllt waren. Viele dieser Schriften handelten von der Bibel und ihrer Auslegung, einige von ihnen beschäftigten sich mit Naturwissenschaft. Einen Sinn für Prosa hatte mein Vater nie entwickelt.

Damals, als ich auf dem gemusterten Teppich saß, war mir der Inhalt der Bücher allerdings noch gleichgültig. Nachdem ich sie bewundernd angesehen hatte, wandte ich mich meinem Bruder zu, der stets seinen hölzernen Kreisel mit in die Bibliothek nahm. Wenn ihm mein Juchzen und Klatschen zu viel wurde, schickte uns unser Vater fort und übergab uns der Fürsorge seiner Haushälterin. Luise, eine kräftige und viel zu jung verblühte Frau, erzählte uns alle möglichen Märchen und überzeugte uns zuweilen davon, dass es die genannten Wesen wirklich gab, was uns dazu brachte, nachts aus dem Haus zu schleichen und nachzuprüfen, ob wirklich Wichtel in unserem Garten lebten und Feen über den Wasserpfützen tanzten.

Eines Nachts hockten wir unter einem Fliederbusch nahe beim Haus. In meinem Eifer, eine Fee zu sehen, hatte ich mir keine Jacke übergezogen, und auch Peter war dermaßen von Erwartung erhitzt, dass er nur seine Hose über das Nachthemd gezogen hatte. Zähneklappernd schmiegte ich mich an ihn, während wir Stunde um Stunde in unserem Versteck verharrten. Die Kälte der Frühlingsnacht durchdrang mich völlig, und schon bald hatte ich das Gefühl, zu einem Eiszapfen zu erstarren. Aber die Hoffnung, dass die Fee doch noch kommen könnte, ließ mich aushalten. Außerdem wollte ich gegenüber meinem Bruder, der ohnehin schon von seinen Spielkameraden geneckt wurde, dass seine Schwester ihm ständig am Jackenzipfel hing, nicht schwach erscheinen.

Je weiter sich der Morgen näherte, desto enttäuschter wurden wir, denn die Fee blieb aus, und es erschienen auch keine Wichtel oder Zwerge. Als wir uns am Morgen in unsere Betten verkrochen, fühlte ich mich krank. Tatsächlich wurde ich nur einen Tag später von einer furchtbaren Erkältung heimgesucht. Die Fieberträume zeigten mir tatsächlich tanzende Elfen, und erst viel später erfuhr ich, dass ich in jenen Nächten dem Tode nahe gewesen war. Peter war darüber so zerknirscht, dass er sich nicht nur weigerte, von meinem Krankenlager zu weichen – als ich wieder genesen war, schenkte er mir seinen schönsten Zinnsoldaten, einen mit blau-goldener Jacke und blauem Barett. Auch wenn er später in Vergessenheit geriet, trug ich die liebevolle Geste, die dahintersteckte, stets in meinem Herzen.

2. Kapitel

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Marie schreckte hoch, als der Planwagen zum Stehen kam. Erstaunt stellte sie fest, dass sie sich nicht mehr im Wald befanden, sondern auf einer weiten Ebene, die nur an den Rändern von einem dunkelgrünen Waldband gesäumt wurde. Die Nacht war von einem strahlenden Morgen vertrieben worden.

Mein Tagebuch! Erschrocken tastete sie neben sich und atmete auf, als sie die Kladde unter ihren Fingern spürte. Kurz nach Beendigung ihrer Niederschrift musste sie eingeschlafen sein. Der Bleistift war ein Stück durch den Wagen gerollt, bis er von Ellas Gepäck gestoppt worden war.

Marie steckte ihn in die Tasche und verstaute die Kladde unter ihrem abgewetzten Korsett, das in den vergangenen Wochen um einiges lockerer geworden war. Obwohl das Buch hart gegen ihre Rippen drückte, dachte sie nicht daran, es im Wagen zurückzulassen. Sie kannte die weibliche Neugier nur zu gut. Auch wenn sie Ella gut leiden mochte, traute sie ihr doch zu, sich für Dinge zu interessieren, die sie nichts angingen.

Nachdem sie das Korsett zurechtgezogen hatte, kletterte sie aus dem Wagen und strebte dem Wasserloch zu, das beinahe die Größe eines Sees hatte. Malerisch spiegelte sich der rosafarbene, leicht bewölkte Morgenhimmel in den dunklen Fluten, als die ersten Frauen mit hochgezogenen Röcken aufjuchzend hineinwateten.

Marie reckte sich und atmete dabei tief die Morgenluft ein. Neben dem sumpfigen Geruch des Wassers nahm sie auch eine Spur von Tannenharz, Gras und Blüten wahr. Flügelschlagen lenkte ihren Blick auf die kleine Wiese neben dem Wasserloch. Die Tauben, die von dort aufgeflattert waren, kreisten kurz über dem See und verschwanden dann im Wald. Die Blumen, die in der Nähe des Wasserloches einen Großteil des Bodens überwucherten, ähnelten den Lupinen, die es zu Hause an jedem Wegrand gab. Leuchtend rot wie kleine Flammen wiegten sie sich sanft in der Morgenbrise.

Zögernd zog Marie ihren Rock hoch und trat ebenfalls ins Wasser. Als sich ihre Beine an die Kälte gewöhnt hatten, bemerkte sie ein paar Männer hinter den Wagen, Treckbegleiter, die für ihre Sicherheit sorgten. Reverend Willoghby, der Geistliche, der den Treck begleitete, hatte Mühe, die bunt zusammengewürfelte Truppe davon abzuhalten, neugierig nach den Frauen zu spähen.

»Meine Herren!«, wetterte er, während er wie ein General vor ihnen auf und ab schritt. »Wenn unkeusche Gedanken Sie plagen, sollten Sie an das Wort des Herrn denken!«

»Sie müssen es ihnen nachsehen, Reverend«, sagte Angus Johnston begütigend, der sich jetzt zu ihnen gesellte. Der Treckchief, ein grobknochiger, stämmiger Schotte, wurde von seiner Mannschaft hoch geschätzt und von beinahe allen Frauen bewundert. Sein Wort galt; allerdings war er auch kein Unmensch und achtete die Bedürfnisse seiner Leute. »Die Männer haben schon lange nicht mehr so viele Frauen auf einem Haufen gesehen. Es grenzt doch schon an ein Wunder, dass sie sich so wacker auf den Beinen halten und nicht vor lauter Staunen aus den Stiefeln kippen.«

Wie zur Bestätigung reckten einige von ihnen die Hälse. Ihre Blicke trafen auch Marie, die allerdings nicht vorhatte, sich weiter zu entblößen. Sie wusch sich rasch Gesicht, Hände und Füße und versuchte, das Plappern der Frauen in ihrer Nähe auszublenden.

Ihre Kameradinnen schienen nichts daran zu finden, dass die Männer einen Blick auf ihre nackten Beine und ihre Unterwäsche werfen konnten. Ungeniert bespritzten sie sich mit Wasser, sodass Marie nichts weiter übrig blieb, als ein Stück von ihnen abzurücken.

»Ich habe mir sagen lassen, dass die Kerle hier zwar ziemlich ausgehungert sind, dafür aber mächtig schüchtern«, vernahm sie auf der anderen Seite die Stimme der robusten Elisabeth Meyerfeld, die von allen nur Betty genannt wurde und deren Mieder ihre beträchtliche Oberweite kaum zu bändigen vermochte. »Wie gut, dass auf uns bereits Männer warten. Ehe diese Kerle hier uns fragen, sind wir vertrocknet.«

»Ja, aber wer weiß, was man uns da angedreht hat«, wandte Lisa ein, für die die Ehe mit einem kanadischen Farmer die zweite sein würde. »Am Ende sind es alte Kerle, bei denen das Ehebett kalt bleibt.«

Schockiert schnappte Marie nach Luft und versuchte, ihre Schamesröte mit einem kräftigen Wasserguss ein wenig zu mildern. Wieder einmal fühlte sie sich deplatziert unter den Frauen, die redeten, wie ihnen der Schnabel gewachsen war. Wie sie recht schnell herausgefunden hatte, konnten die wenigsten von ihnen lesen und schreiben. Die meisten stammten aus recht ärmlichen Verhältnissen und versprachen sich von dieser Reise eine bessere Zukunft.

Und was verspreche ich mir von meinem weiteren Leben?, fragte sie sich, während sie sich das Gesicht mit dem Saum ihres Unterrocks abtrocknete. Nur einen Mann, der für mich sorgt? Oder doch noch etwas anderes?

Bei der Vorbereitung für die Ausreise hatte sie gehört, dass Frauen hier auch einem Beruf nachgehen konnten. Groß war ihre Freude gewesen, als sie hörte, dass man für sie einen gebildeten Mann ausgesucht hatte, einen, der mit Büchern etwas anfangen konnte und sicher kultiviert genug war, um nicht wie ein ausgehungerter Wolf über sie herzufallen. Und der ihr vielleicht erlaubte, ihrem früheren Beruf nachzugehen.

Jemand tippte ihr auf die Schulter. Erschrocken wandte sich Marie um. Auf dem Gesicht von Ella Wagner, mit der sie sich während der Überfahrt angefreundet hatte, breitete sich ein schadenfrohes Lächeln aus.

»Hab ich dich erschreckt?«

»Ein bisschen«, gab Marie zu, während sie ihre Röcke wieder ordnete.

»Wie war deine Nacht?«, fragte Ella, die nun ihrerseits mit hochgerafftem Rock ins Wasser stieg. »Ich hab dich im Wagen rumoren gehört.«

»Ich bin gegen Mitternacht wach geworden und konnte nicht mehr einschlafen.« Dass sie die Zeit genutzt hatte, um ihr Tagebuch zu führen, verschwieg Marie.

Mit geübten Griffen öffnete sie ihren Zopf und kämmte ihr Haar mit den Fingern durch, bevor sie es wieder zusammenflocht.

»Dafür, dass du kaum Schlaf bekommen hast, siehst du aber ganz gut aus«, entgegnete Ella bewundernd; dann schweifte ihr Blick hinüber zu den Wagen, wo die Männer zwar immer noch standen, aber jetzt eine Predigt von Reverend Willoghby zu hören bekamen. »Ein paar von den Männern sollen angeblich über dich reden.«

Marie zog die Augenbrauen hoch. Obwohl sie es eigentlich nicht wollte, blickte sie hinüber zu den Burschen, die gerade wieder von dem Geistlichen in die Mangel genommen wurden.

»Über mich? Wer erzählt denn so was?«

»Ja, über dich«, bestätigte Ella, während sie ihre dunklen Locken löste und über die Schultern schüttelte. Damit wäre wohl eher sie Gesprächsstoff für die Treckbegleiter, ging es Marie durch den Kopf, während sie sie beobachtete. Der mit ihr verlobte Warenhausbesitzer konnte sich glücklich schätzen, eine solche Frau zu bekommen. »Elisabeth hat es erzählt.«

»Sie hat sich bestimmt verhört!«, winkte Marie verlegen ab. »Du weißt es doch selbst, ihr Englisch ist nicht besonders gut.«

»Aber dafür reicht es, glaube ich.« Ella kicherte schadenfroh, als sie sah, dass sich Maries Wangen tiefrot verfärbten.

Unter den Männern waren einige, die ihr durchaus hätten gefallen können. Doch die Tatsache, dass sie verlobt war, hatte sie davon abgehalten, sich schwärmerischen Fantasien hinzugeben.

»Nein, sie sprachen von dem blonde german girl. Und wie du siehst, bist du die einzige Blonde hier.«

»Das stimmt nicht!«, protestierte Marie. »Katty und Elvira haben ebenfalls blonde Haare.«

»Katty ist rotblond, das nennen sie hier ginger. Jedenfalls wenn du mir keinen Unsinn erzählt hast.«

»Ginger ist rotblond, das stimmt«, entgegnete Marie.

»Und Elviras Dunkelblond würde ich eher für Brünett halten. Wenn die Jungs von einer Blonden sprechen, dann werden sie schon dich meinen.« Lächelnd streckte Ella die Hand nach Maries Zopf aus, der ein wenig unordentlich über ihre Schulter fiel.

Verwirrt drehte sich Marie zur Seite. »Wie du weißt, bin ich verlobt.«

»Mit einem Geistlichen!«, entgegnete Ella neckend. »Vielleicht sieht er aus wie Reverend Willoghby. Dann wird in der Hochzeitsnacht kein Feuer brennen.«

»Er ist noch jung!«, protestierte Marie, die den Lebenslauf ihres Verlobten gründlich studiert hatte. »Und die Pastoren zu Hause haben alle ziemlich viele Kinder! Das war bei euch in Hamburg doch nicht anders, oder?«

»Nein, war es nicht«, entgegnete Ella. »Bei uns kannten die Pastoren keine Zurückhaltung; einige von ihnen hatten zehn Kinder und mehr.«

»Na siehst du!«

»Aber ich weiß trotzdem nicht, wie es um ihre Liebeskünste bestellt ist. Wahrscheinlich zieht er alle Vorhänge zu und löscht das Licht, bevor er zu dir kommt.«

Marie spürte, wie ihr das Blut in die Wangen schoss. Nicht zum ersten Mal hörte sie von dem, was Mann und Frau in der Hochzeitsnacht und danach – und manchmal auch davor – taten. Viele der Mädchen hatten bedenklich viel Ahnung, ganz zu schweigen von den Frauen, die bereits verheiratet gewesen waren. So ungeniert wie auf dem Schiff und nun auf dem Treck hätten sie zu Hause sicher nicht darüber sprechen können.

»Letztlich ist es doch egal, wie, oder?«

»Nein, das ist es nicht!« Ellas Augen blitzten vergnügt. Sie amüsierte sich köstlich über Maries Schüchternheit. »Spaß machen soll es doch auch! Jedenfalls meint Lisa das. Aber wenn dein Reverend noch jung ist, wird er jede Nacht zu dir kommen, bis du einen dicken Bauch hast. Und kaum ist das Kind raus, ist er wieder bei dir.«

Marie wusste nicht, was sie von solchen Reden halten sollte. Freude angesichts dieser Aussichten überkam sie nicht. Dass Frauen Kinder bekamen, war die natürlichste Sache der Welt; dennoch verspürte sie Unbehagen.

Vielleicht verfliegt es, wenn ich erst einmal meinen Mann kennen- und vielleicht auch lieben gelernt habe, dachte sie im Stillen. »Du solltest dir lieber Gedanken um deinen Warenhausbesitzer machen«, sagte sie dann laut. »Hoffentlich hat er nicht so viel Arbeit, dass er nicht in dein Bett will.«

Ella lächelte verschmitzt und winkte ab. »Und wenn schon! Schlimmstenfalls ist er alt. Und bestenfalls hat er einen netten Boy in seinem Laden, der aushelfen kann.«

»Ella!«, rief Marie entrüstet, doch die kniff ihr lachend in die Wange, sodass sie auch nicht anders konnte, als zu kichern.

Nachdem die Frauen ihre Wäsche beendet hatten, strebten sie wieder den Wagen zu. Auf einer Feuerstelle wurde derweil das Frühstück vorbereitet. Bevor auch sie im Wagen verschwand, um ihr Essgeschirr zu holen, ließ Marie den Blick über ihren Lagerplatz schweifen. Zu gern hätte sie in der üppigen Vegetation einen kleinen Spaziergang unternommen, um sich die Pflanzen von Nahem zu besehen. Doch auf dem Treck gab es keine Extratouren.

Ich werde später Gelegenheit haben, mir alles anzusehen, tröstete sie sich, während sie Blechnapf und Löffel aus ihrer Tasche holte.

3. Kapitel

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Nach einem Frühstück aus Kaffee, Zwieback und Porridge, den eine der Frauen zubereitet hatte, zog der Treck weiter. In der Mittagshitze hielten sich die Wagen im Schatten der hohen Nadelbäume. Marie nutzte die Kühle, um sich auf den hinteren Seiten ihrer Kladde ein paar Notizen zur Vegetation zu machen. Um mit ihren Erinnerungen fortzufahren, brauchte sie Ruhe, also sah sie jetzt davon ab.

Als sie fertig war, blickte sie zu den anderen. Während Ella vor sich hin döste, beschäftigte sich Marthe mit ihrem Strickzeug. Klara steckte die Nase in ein zerlesenes Buch.

Ein spitzer Schrei brachte Marie dazu, aus dem Wagen zu spähen. Über ihnen kreiste mit weit ausgebreiteten Schwingen ein Adler. Der vor ihm fliehende Vogelschwarm huschte tief an dem Wagen vorbei. Vor den Pferden hatten die Vögel anscheinend weniger Angst als vor dem gefiederten Räuber.

Die frische Brise war ein Genuss. Marie schloss die Augen und lauschte den Geräuschen ringsherum. Das Kreischen des Adlers wurde vom leisen Klappern der Töpfe übertönt, die am Planwagen festgebunden waren. Als der Untergrund holpriger wurde, juchzte weiter vorn jemand auf.

Wenig später rumpelte ihr Wagen über dieselbe Bodenwelle, die wohl auch den vorherigen Wagen zum Schwanken gebracht hatte. Erschrocken schrie Marie auf, als sie gegen Ella geschleudert wurde. Diese lachte nur, als sie sie auffing.

»Du solltest weniger träumen und dich besser festhalten.«

»Ich habe nicht geträumt, sondern nachgedacht«, wehrte Marie ab, als sie sich wieder zurechtsetzte. Um nicht noch einmal nach vorn zu kippen, griff sie jetzt aber doch nach dem Seil, das unterhalb der Plane angebracht war.

Wenig später schweiften ihre Gedanken wieder in die Ferne. Geschichten kamen ihr in den Sinn, die sie vor ihrer Abreise gelesen hatte. Die Reiseberichte und Romane strotzten geradezu vor Naturwundern, Wildwasserfahrten und Abenteuern mit Indianern und Pelzhändlern. Doch davon hatten sie bisher noch nicht viel mitbekommen. Das einzige, was mit den Schilderungen der Schriftsteller übereinstimmte, waren die hohen tiefen Wälder, die kein Ende zu nehmen schienen.

Wann werden wir wieder einmal eine Stadt sehen?, fragte sie sich. Und wird es dort tatsächlich Trapper wie Lederstrumpf geben?

Am Abend machte der Zug schließlich auf einer Lichtung Halt. Wie Marie von den Männern aufschnappte, waren sie mit dem Fortschritt der Reise sehr zufrieden.

»In ein paar Tagen erreichen wir Dryden, dort können wir frisches Wasser und Proviant aufnehmen«, erklärte Mr Johnston, während er auf seine schon ziemlich zerschlissene Karte tippte. »Dann beginnt der längste Abschnitt Richtung Selkirk.«

»Bloß gut!«, rief da einer der Wagenlenker. »Eines der Mädchen auf meinem Wagen schwächelt und sollte mal zum Arzt. Wir wollen sie doch alle lebend ans Ziel bringen.«

Das Schnaufen des Treckchiefs klang alles andere als begeistert, doch er nickte.

»Frauen sind kostbar. Wir können nicht zulassen, dass einer der Jungs da draußen im Hinterland keine Frau bekommt.«

Diese Worte brachten Marie dazu, den Anführer des Trecks zum ersten Mal ein wenig genauer zu betrachten. Er war hochgewachsen und kräftig; die langen Aufenthalte im Freien hatten seine Haut gebräunt, und die Zeit hatte ihre Spuren darauf hinterlassen. Dennoch wirkte er sehr attraktiv, was besonders an seinen hellen Augen lag, die noch die eines jungen Mannes zu sein schienen, immer noch voller Hoffnungen und Träume. Ob er den Männern in Selkirk neidete, dass sie eine Frau bekamen? Aber er hatte doch sicher selbst eine?

Nein, bestimmt nicht, sagte Marie sich, denn sie hatte gehört, dass der Job eines Treckbegleiters ziemlich gefährlich sein konnte. Neben Indianern und marodierenden Soldaten, die sich mit Diebstählen und Überfällen über Wasser hielten, gab es auch Mädchenhändler, denen eine Fuhre Frauen ganz recht kam.

Marie erschauderte immer wieder, wenn sie die Gewehre und Revolver sah und auf den Gesichtern der Männer die Entschlossenheit, sie auch zu benutzen. Das war in Deutschland anders gewesen. Nicht einmal alle Soldaten hatten die nötige Entschlossenheit besessen, auf einen anderen Menschen zu schießen.

»Na, schaust du dir jetzt doch die Jungs an?«, wisperte es amüsiert hinter ihr. Marie zuckte zusammen. Ohne dass sie es bemerkt hatte, war Ella hinter sie getreten.

»Willst du, dass mir das Herz stehen bleibt?«, flüsterte sie, während sie sich die Hand auf die Brust presste.

»Dein Herz bleibt schon nicht stehen, Marie Blumfeld. Ich würde sogar sagen, dass du eines der stärksten Herzen hast, die in diesem Treck unterwegs sind.«

Als eine der wenigen hier kannte Ella ihre Geschichte. Doch Marie war nicht gewillt, jetzt darüber nachzudenken.

»Ich habe mir angehört, was die Männer über den Treck erzählen. Offenbar geht es einem der Mädchen nicht gut.«

»Ja, das habe ich auch schon gehört. Einer im zweiten Wagen ist ständig schlecht. Ich sage dir, die ist schwanger.«

»Wie das denn?« Marie überlegte. Ihre Überfahrt hatte gut ein halbes Jahr gedauert. »Sie wird sich den Magen an dem Trockenfleisch verdorben haben. Oder …« Dass sie vielleicht die Cholera oder die Ruhr haben könnte, darüber wollte Marie gar nicht nachdenken. Auf dem Schiff hatte es hin und wieder auch Verdachtsfälle gegeben, die sich allerdings als haltlos erwiesen hatten. Ansonsten würden sie wohl immer noch im Hafen von Boston unter Quarantäne stehen.

»Ich sage dir, sie hat einem der Männer in Boston mehr als schöne Augen gemacht.«

»Aber sie ist doch verlobt!«

»Na und? Noch weiß sie nicht, was für einen Mann sie kriegt. Vielleicht ist er alt und krank. So hat sie dann wenigstens noch einmal ein bisschen Vergnügen gehabt!«

Als ob es einer Frau anstünde, nach Vergnügen zu suchen. Marie meinte auf einmal wieder die strenge Stimme ihres Vaters zu hören, doch sie schob sie schnell beiseite.

»Ich glaube nicht, dass sie so leichtfertig …«

»Sch!«, machte Ella, denn sie hatte bemerkt, dass die Männer verstummt waren.

Doch es war zu spät. Der Treckchief kam mit langen Schritten zu ihnen und faltete dabei eine Landkarte zusammen.

»Gibt es ein Problem, Ladys?«, fragte er freundlich lächelnd. Marie entging nicht, dass seine Augen auf ihr wesentlich länger ruhten als auf Ella.

Sei nicht albern, schalt sie sich, konnte aber nicht verhindern, dass sie wie ein ertapptes Kind errötete.

»Ich habe Sie reden gehört und wollte ein bisschen zuhören«, gestand sie, denn von ihnen beiden sprach sie das bessere Englisch. Während der Überfahrt hatte sie Ella ein paar Worte und Phrasen beigebracht, mit denen sie sich unter den Einheimischen zurechtfinden konnte. Sie selbst empfand ihre Kenntnisse allerdings alles andere als ausreichend und nutzte jede Gelegenheit zuzuhören, denn dies war, wollte man den Seeleuten auf dem Dampfschiff glauben, die beste Methode, den Wortschatz zu erweitern.

»Sie wollen wissen, wie es mit der Reise vorangeht.« Der Treckchief lächelte verständnisvoll. »Ich kann Ihnen versichern, dass es keinen Grund zur Besorgnis gibt.«

»So hat es sich auch nicht angehört. Aber Sie verstehen sicher, dass wir neugierig sind. Immerhin sind wir meist unter uns, und die meisten von uns sprechen noch kein Englisch.«

»Sie werden es lernen, ein paar Meilen haben wir ja noch vor uns. Sie können sich auf den Besuch in der Stadt freuen. Dryden mag für einen Großstädter vielleicht ein kleines Nest sein, aber für Reisende ist es das Paradies.«

Marie lächelte breit. »Dann ist es ja gut, dass ich eine Reisende bin und nicht aus einer großen Stadt komme. Ich bin sicher, dass es mir dort gefallen wird. Und wenn nicht, sind wir ja nicht lange dort.«

Johnston lachte auf. »Sie haben die richtigen Ansichten, Miss. Ich bin sicher, dass Sie dort etwas finden werden, das Sie mögen. Ich werde Sie mit der Besitzerin des Warenhauses bekannt machen, die hat das Herz am richtigen Fleck, genau wie Sie.«

Bevor Marie etwas darauf erwidern konnte, wurde Johnston schon wieder von einem seiner Männer gerufen.

»Entschuldigen Sie mich bitte, meine Damen.« Johnston tippte an seinen Hut, dann wandte er sich um. Als er mit langen Schritten zu den anderen ging, knuffte Ella Marie leicht in die Seite.

»Was ist?«, flüsterte Marie, als ihre Freundin sie breit anlächelte.

»Er mag dich.«

»Das bildest du dir nur ein.« Marie ärgerte sich, als sie die Hitze auf ihren Wangen spürte. Dass sie errötete, zeigte nur, wie sehr sie sich insgeheim über Ellas Behauptung freute. »Wir sollten lieber wieder zu den anderen zurückgehen, sonst sagt man uns noch nach, dass wir uns an die Männer heranmachen wollen.«

Ella zuckte mit den Schultern. »Und wenn schon. Die anderen zerreißen sich den ganzen Tag lang das Maul; was macht es für einen Unterschied, ob wir das Thema sind oder nicht? Wahrscheinlich sehen wir einander niemals wieder. Aber meinetwegen, gehen wir zu den anderen. Heute Abend soll es ein Lagerfeuer geben, und wir werden zum ersten Mal beim Schlafen nicht unterwegs sein. Das bedeutet, dass du heute wohl auch ein Auge zubekommen wirst.«

»Das hoffe ich.«

»Natürlich!«, entgegnete Ella und hakte sich bei ihr unter. Für ein paar Momente gingen sie schweigend nebeneinander, dann fragte Maries Begleiterin plötzlich: »Was würde mit uns geschehen, wenn wir es uns vor dem Altar anders überlegen?«

»Wie bitte?«

»Du hast mich schon verstanden. Und bestimmt hast du auch schon darüber nachgedacht.«

Marie schüttelte den Kopf. Bisher hatte sie die geschlossene Verlobung als eine Art geschäftliche Vereinbarung gesehen, die man nicht brechen durfte. Gefühle hatten damit wenig zu tun. Die romantische Vorstellung, dass der fremde Mann, der ihr die Reise bezahlte, ihre große Liebe sein würde, hatte sie sich von vornherein aus dem Kopf geschlagen.

»Das ist nicht dein Ernst!«, flüsterte Ella entrüstet. »Sag bloß, du hast dir noch nie den Mann vorgestellt, den du eines Tages heiraten willst. Und ich meine nicht deinen Verlobten aus der Annonce.«

»Nein, das habe ich tatsächlich nicht«, entgegnete Marie. »Bisher habe ich nur für meine Arbeit gelebt. Es wird nicht gern gesehen, wenn Lehrerinnen heiraten; meist bedeutet es, dass sie ihre Arbeit aufgeben müssen.«

»Dann wolltest du also eigentlich gar nicht heiraten? Wieso hast du dich dann auf die Anzeige gemeldet?«

»Ich wollte heiraten«, entgegnete Marie, die Ella nicht von ihrem Bruder und den Vorfällen in ihrem Elternhaus erzählt hatte. »Und ich wollte ein neues Leben anfangen.«

»Und deine Arbeit? Willst du nicht wieder unterrichten?«

»Natürlich! Wenn es mir mein Mann erlaubt.«

»Glaubst du wirklich, das wird er tun? Du wirst dich um seinen Haushalt kümmern und seine Brut großziehen müssen. Das kannst du nicht, wenn du dich um die Kinder anderer Leute kümmerst.«

Auf einmal kam sich Marie vor, als hätte sie einen dicken Stein im Magen. Auch Vater hielt nichts davon, dass ich arbeiten gehe, ging es ihr durch den Sinn.

Doch dieser Reverend war jung. Und er war nicht ihr Vater.

4. Kapitel

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Kurz vor Einbruch der Dunkelheit begannen die Männer mit dem Vorbereiten eines Lagerfeuers. Wie alle anderen Frauen suchte auch Marie im nahen Wald nach brauchbarem Holz. Hin und wieder beobachtete sie dabei Eidechsen oder Eichhörnchen, die sich durch ihre graue Fellfarbe deutlich von ihren europäischen Artgenossen unterschieden. Unweit von ihr murmelten einige Frauen etwas von Bären und Wölfen, vor denen man sich in Acht nehmen sollte. Doch die Frauen und Männer vom Treck machten offenbar genug Lärm, um die gefährlichen Braunpelze fernzuhalten.

Als genug Kleinholz vorhanden war, wurde es aufgeschichtet und angezündet. Schon bald wehte der Kaffeeduft über dem Lager, und als zwei Männer mit einer jungen Hirschkuh auftauchten, brach beinahe der gesamte Treck in Jubel aus. Gehäutet und mit Wildkräutern gewürzt briet das Tier bald über dem Feuer.

Zum ersten Mal seit Langem fühlte sich Marie rundherum wohl. Der Kaffee und das Fleisch stärkten ihre Lebensgeister, und das Geschwätz der Frauen und die Gesprächsfetzen der Männer vertrieben die Gedanken für eine Weile. Sie erfreute sich am Knistern des Holzes, den Figuren, die die Flammen bildeten, und den hin und wieder aufstiebenden Funken, die für einen kurzen Moment über der Feuerstelle schwebten.

Als die Dunkelheit hereinbrach und die meisten Frauen sich zu Bett begaben, blieb Marie noch ein Weilchen bei den Resten des Lagerfeuers sitzen und beobachtete, wie die Abendbrise ein paar Ascheflöckchen vom verkohlten Holz wehte. Dabei dachte sie über das nach, was Ella gesagt hatte.

»Sie sprechen ein sehr gutes Englisch«, tönte es von der Seite.

Als Marie herumfuhr, erkannte sie Mr Johnston. Jetzt, wo er keinen Hut trug, bemerkte sie, dass sich sein rotbraunes Haar ein wenig wellte. Es war für Männer nicht mehr in Mode, die Haare länger als bis kurz über dem Ohr zu tragen, doch Johnston würde mit langen Haaren sicher umwerfend aussehen. Wie ein Ritter aus einer der alten Sagen, dachte Marie und war froh, dass die Dunkelheit ihr Erröten etwas abschwächte.

»Danke, das ist sehr freundlich von Ihnen«, antwortete sie unbeabsichtigt ein wenig steif. »Ich hatte das Glück, es während meiner Ausbildung zu lernen.«

»Ihr Lehrer hat einen guten Job gemacht. In meiner Heimat lernen nur sehr reiche Leute Fremdsprachen.«

Marie zögerte. Sollte sie ihm etwas über sich erzählen? Immerhin würde er sie nur einige Wochen begleiten. »Mein Vater hat mich aufs Lyzeum geschickt. Tatsächlich ungewöhnlich, aber er …« Sie stockte. Den Grund, weshalb er sie allein in die Fremde geschickt hatte, brauchte er nicht zu wissen.

»Er wollte, dass aus seiner Tochter etwas wird«, beantwortete Johnston die Frage an ihrer Stelle. Die Güte in seinem Blick ließ Maries Augen plötzlich feucht werden. Wären die Beweggründe ihres Vaters nur halb so edel gewesen, wie Johnston vermutete, wäre sie vermutlich nicht hier.

»Setzen Sie sich doch ein bisschen zu mir«, sagte sie, klopfte neben sich auf den Baumstamm, der ihr als Sitzgelegenheit diente, und stocherte dann mit einem Zweig in der Asche herum.

Auf diese Aufforderung schien der Mann nur gewartet zu haben, denn sogleich ließ er sich vor ihr nieder. Trotz des respektvollen Abstandes begann Maries Herz ein wenig heftiger zu pochen. Johnston musste ein Bad im nahen Waldsee genommen haben, seinem Körper und seinen Kleidern entströmte der milde Duft von Lavendelseife. Den Gedanken, dass er diese extra für sie benutzt haben könnte, verdrängte sie schnell wieder, denn sie spürte, dass er sie auf seltsame Weise beunruhigte.

Eine Weile saßen sie schweigend voreinander und lauschten den Geräuschen der Nacht. In der Ferne raschelte es, ein Vogel stieß einen erschrockenen Ruf aus.

»Halten Sie mich nicht für unverschämt«, begann er ein wenig verlegen.

»Was haben Sie auf dem Herzen?«, fragte Marie freundlich.

»Sie … sie sind anders als die anderen Frauen«, antwortete Johnston errötend.

»Wirklich?«, fragte Marie ein wenig spöttisch. »Und woran sehen Sie das? Ich bin wie alle anderen auf diesem Treck und werde einen Mann heiraten, den ich nicht kenne. Ich glaube, ich bin ziemlich genauso wie alle anderen.«

»Nein, glauben Sie mir, Sie sind nicht so«, gab Angus kopfschüttelnd zurück. »Sie sind gebildet und sprechen Englisch. Auch in Ihrem Land sind das sicher nicht übliche Eigenschaften bei einer Frau. Ich beobachte Sie manchmal, wenn Sie einfach neben dem Wagen sitzen und etwas in Ihr Büchlein schreiben. Sie kommen gut mit den anderen Frauen aus, aber besonders gesellig sind Sie nicht. Manchmal wirken Sie regelrecht in Gedanken versunken.«

Eine Gänsehaut überlief Marie angesichts der Worte des Mannes. So gut hatte er sie beobachtet? Es ärgerte sie ein wenig, das nicht mitbekommen zu haben.

»Sagen Sie, sind Sie wirklich wegen eines Ehemannes hier? Oder haben Sie etwas anderes im Sinn?«

Marie, die sich durchschaut fühlte, als sei ihr Körper aus Glas, zog ihr Schultertuch enger vor der Brust zusammen, als könnte sie sich so vor weiteren Einblicken in ihre Seele schützen.

»Ich will ein neues Leben beginnen«, gestand sie, denn es hatte wohl keinen Zweck, Mr Johnston vorzumachen, dass sie nur wegen des Mannes hier war. Die Verlobung mit Reverend Plummer war in ihren Augen eine geeignete Möglichkeit gewesen, neu anzufangen. Ihre romantischen Mädchenfantasien hatte sie ohnehin in den hintersten Winkel ihrer Seele verbannt. Aber vielleicht würde sie bei ihm ein Zuhause, Achtung und Verständnis für den geheimen Wunsch erlangen, den sie schon seit ihrer Kindheit hegte.

»Ein neues Leben mit Mann und Kindern?«

»Warum nicht?«

Angus kicherte kurz, besann sich dann aber wieder darauf, dass die Leute in den Wagen schlafen wollten. »Verzeihen Sie mir, Miss, aber das kaufe ich Ihnen nicht ganz ab. Ich sehe etwas Bekanntes in Ihren Augen. Etwas, das mir schon einmal begegnet ist.«

Trotz ihres Unbehagens war Maries Interesse geweckt. »Und was soll das sein?«

»Vor ein paar Jahren war ich in New York. Einen Freund besuchen. Eigentlich bin ich ein Sohn der Wildnis und reise mit den Trecks durchs Land. Doch er hatte sich erfolgreich im Nachbarland niedergelassen und wollte seine Freude mit mir teilen. Auf dem Weg vom Bahnhof sah ich dann sie.«

»Eine Frau?« Vielleicht sollte ich doch besser Müdigkeit vorschützen und in meinen Wagen zurückklettern, huschte es ihr durch den Sinn, doch Johnstons eindringlicher Blick nahm ihr die Kraft, den Gedanken in die Tat umzusetzen.

»Mehrere. Eine ganze Horde Frauen, wie ich sie noch nie zuvor gesehen habe.«

»Und was haben diese Frauen mit mir zu tun?«

»Eigentlich gar nichts. Und doch sehr viel. Sie demonstrierten auf offener Straße und mit nicht einmal knöchellangen Röcken dafür, wählen zu dürfen.«

»Sie meinen, Sie haben Suffragetten gesehen?«

»Heißen die so? Ich weiß es nicht. Da waren nur diese Frauen, die mit Bannern im Kreis herumliefen und lauthals ihre Parolen riefen. Die meisten Leute schüttelten den Kopf über dieses Verhalten, einige forderten, dass man diese Frauen ins Irrenhaus bringen sollte. Irgendwann sind Polizisten aufgetaucht.«

»Und die haben sie verhaftet?«

»Das wollten sie. Doch etwas hat sie davon abgehalten. Diese Frauen, obwohl sie gegen einen Mann nicht viel aufzubieten hatten, stellten sich Rücken an Rücken und sahen die Polizisten unerschrocken an. Fast war es, als würden sie versuchen, sie mit ihren Blicken zu bannen. Und so einen Blick haben Sie auch drauf, Miss Blumfeld.«

Was erzählte er da nur für einen Unsinn? Marie schnupperte unauffällig nach seinem Atem, doch sie machte keine Alkoholfahne aus.

»Ich bin wohl kaum mit einer Suffragette zu vergleichen, und ich würde nie …«

»Es geht nicht darum, was Sie tun würden, Miss«, fiel ihr Johnston ins Wort, senkte dann aber peinlich berührt den Blick. »Es geht um den Willen, etwas zu tun. Diese Frauen dort wurden letztlich von den Polizisten auseinandergeknüppelt, aber für einige Momente siegte ihr Wille über die Gewalt. Mit dem Willen, der aus ihren Augen strahlte, hatten sie die Männer im Griff.«

Marie wollte schon anmerken, dass der Wille dieser Frauen nicht besonders groß gewesen sein konnte, wenn sie letztlich doch angegriffen worden waren. Doch Johnston fügte hinzu: »Ich glaube, Sie haben diesen Willen auch. Vielleicht noch mehr als die Suffragetten. Wenn Sie wollen, können Sie Berge versetzen, glauben Sie mir. Und egal, welches Ziel Sie auch haben, Sie werden es erreichen.«

Der Mann faltete die Hände vor dem Körper, als wollte er beten, dann schüttelte er den Kopf, als sei er fassungslos über das, was er soeben gesagt hatte.

»Die Nacht macht uns manchmal zu Schwätzern, nicht wahr?«

Marie antwortete nicht darauf. Seine Worte hatten ihre Gedanken in Bewegung gesetzt. Nach einer Weile erreichte sie wieder den Punkt, an dem sie sich fragte, ob sie im Begriff war, das Richtige zu tun. Wollte sie denn überhaupt heiraten? Oder wollte sie eigentlich etwas ganz anderes?

Mit einem tiefen Durchatmen vertrieb Angus schließlich ihre Gedanken. »Aber wer weiß, wie alles kommt, Miss Blumfeld«, sagte er, als wollte er auf einen seiner eigenen Gedanken antworten. »Nur wenigen Menschen ist es vergönnt, die Zukunft zu kennen.«

»Ich glaube nicht, dass auch nur ein Mensch weiß, welche Zukunft auf ihn zukommt.«

Der Treckchief wirkte durchaus ernst, als er entgegnete: »Meiner Großmutter wurde nachgesagt, hellsehen zu können. Es heißt auch, dass die Fähigkeiten einer Hellseherin auf ihren ersten Enkel übergehen.«

»Sie können einem Menschen also die Zukunft vorhersagen?«

Johnstons Lächeln verriet, dass er es nicht ernst meinte, doch in diesem Augenblick reizte es Marie, das Spiel mitzuspielen. Auch wenn es sich nicht gehörte. Wer sah ihnen schon zu?

»Wenn mir dieser Mensch seine Hand gibt, sicher.«

Johnston streckte seine Hand aus. Obgleich sie kräftig wirkte und den Umgang mit der Waffe verriet, sah sie nicht rau oder abstoßend aus. Der Gedanke, sie zu berühren, ließ Marie angenehm erschaudern.

»Kommen Sie, Miss, ich beiße nicht. Außerdem, was ist schon dabei? Ich will Ihnen doch nur die Zukunft voraussagen.«

Nach kurzem Zögern legte Marie ihre rechte Hand in seine.

Johnston zog eine gewichtige Miene, während er die Linien in ihrer Handfläche betrachtete.

»Sie haben in der Vergangenheit viel durchmachen müssen, jedenfalls deutet das Durcheinander der Linien im oberen Bereich der Lebenslinie darauf hin.«

»Das haben Sie sich ausgedacht, oder?« Marie lachte unsicher. Sicher hat er geraten. Jeder, der ein neues Leben beginnen wollte, hatte in seinem bisherigen Leben etwas Unangenehmes durchgemacht.

»Und es stehen Ihnen noch viele Prüfungen ins Haus.«

Das hätte mir auch ein Jahrmarktswahrsager erzählen können, ging es Marie durch den Kopf; dann beschloss sie, das Ganze als das Spiel zu nehmen, das es war.

»Steht in meiner Hand auch, wann ich heirate und wie viele Kinder ich bekommen werde?«

»So etwas verrät die Lebenslinie nie. Aber auf jeden Fall werden Sie kein geruhsames Leben führen. Die Verästelungen weiter unten zeigen an, dass Sie kämpfen müssen. Und sehr viel Abwechslung haben werden.«

Vielleicht besteht die Gemeinde des Reverends aus einem Haufen unverbesserlicher Sturköpfe, dachte sie, wagte es aber nicht laut auszusprechen, denn sie wollte Johnston nicht in eine längere Diskussion verwickeln. Auf einmal wurde ihr unwohl, und sie wünschte sich, im Wagen geblieben zu sein. Der Mann hielt noch immer ihre Hand in seiner und betrachtete sie aufmerksam.

»Sehen Sie noch etwas?«, fragte Marie in der Hoffnung, dass er von ihr ablassen würde.

»Vieles«, antwortete Angus gedankenverloren, während er den Finger seiner freien Hand kurz über ihre Lebenslinie gleiten ließ. »Aber um das genau deuten zu können, müsste ich meine Großmutter sein.«

Gänsehaut überlief Maries Rücken. Unvermittelt zog sie ihre Hand zurück.

Der Treckchief sah sie beinahe erschrocken an. »Verzeihen Sie, Miss, ich wollte Sie nicht erschrecken.«

»Das haben Sie nicht.« Dass er andere Gefühle als Erschrecken in ihr hervorgerufen hatte, wollte sie ihm nicht offenbaren. »Es ist schon spät, vielleicht sollten wir uns zur Ruhe begeben.«

Johnston seufzte fast ein wenig enttäuscht. »Sie haben recht. Ich sollte meine Runde machen. Angenehme Nachtruhe, Miss.«

Er rang sich ein Lächeln ab, dann ging er an ihr vorbei.

»Angenehme Nachtruhe, Mr Johnston«, entgegnete sie, ohne sich umzuwenden. Erst einige Atemzüge später stand sie selbst auf. Als sie sich nach Johnston umsah, war er verschwunden.

Was für ein seltsames Gespräch! Stimmte am Ende gar, was Ella behauptete? Dass einige der Männer sich in sie verguckt hatten?

Marie schüttelte den Kopf. Nein, er wollte sicher nur höflich sein. Und er ist bestimmt auch froh, unter den Frauen eine zu wissen, die seine Sprache spricht. Wie sie bemerkt hatte, konnte von den Wagenbegleitern niemand Deutsch, lediglich der Geistliche fungierte als Dolmetscher, aber er konnte nicht überall sein.

Gerade als sie ihren Blick wieder auf ihre Hände richten wollte, raschelte es in ihrer Nähe. Marie blickte auf. Da sie zunächst nichts sah, glaubte sie, dass das Geräusch von einem Fuchs oder Hasen verursacht wurde. Dann brach etwas Weißes aus dem Unterholz hervor. Erschrocken fuhr Marie in die Höhe.

Ein Wolf! Ein weißer Wolf!

Drei Armlängen von ihr entfernt machte das Tier halt und fixierte sie, das Maul leicht geöffnet, die Augen gelb wie Bernsteine.

Marie zwang sich, so flach wie möglich zu atmen. Auf einmal fühlte sie sich wieder zurückversetzt in ihre Kindheit, wo sie auf dem Dorfplatz unvermittelt einem tollwütigen Hund gegenübergestanden hatte. Das Tier hatte sie mit halb gequältem, halb wahnsinnigem Blick fixiert, während der Schaum nur so von seinen Lefzen lief. Obwohl sie damals erst acht Jahre alt war, hatte sie fest damit gerechnet zu sterben. Ihr Bruder war es gewesen, der den Hund mit dem Jagdgewehr ihres Vaters erlegt und ihr das Leben gerettet hatte …

An dem Wolf vor ihr deutete allerdings nichts darauf hin, dass er tollwütig war. Er fixierte Marie, hechelte und entblößte eine feuchte rosa Zunge. Nach einigen schier endlosen Augenblicken neigte das Tier seinen Nacken. Marie hielt die Luft an. Was sollte sie tun, wenn er sprang? Würde sie schnell genug den Ast erreichen, den sie von hier aus sehen konnte?

Der Wolf stieß ein leises Winseln aus und auf einmal – machte er kehrt! Marie beobachtete verwundert, wie er ihr den Rücken zukehrte und mit hängendem Schweif wieder im Unterholz verschwand.

Erst einige Momente nachdem das weiße Leuchten verschwunden war, wagte sie wieder zu atmen.

Was war das? Warum hat er keine Anstalten gemacht anzugreifen?

Marie ließ sich mit pochendem Herzen wieder auf den Baumstumpf sinken. Dass es hier Wölfe gab, wusste sie, aber bislang hatte sie keinen zu Gesicht bekommen. Und nun hatte ein weißer Wolf vor ihr gestanden!

War er eine Gefahr für das Lager? Marie rang den Impuls nieder, Johnston Bescheid zu geben. Er würde sich sicher auf die Jagd nach dem Tier machen und mit seinem hellen Fell hätte es denkbar schlechte Karten.

Er hat mich nicht angegriffen. Ich sollte ihm dieselbe Chance geben.

Während sie noch eine Weile auf das Unterholz blickte, beruhigte sich ihr Herzschlag wieder.

Ich erinnere mich noch gut an jenen seltsamen Tag, an dem mich mein Bruder auf den Arm hob und mit hinaus in den Garten nahm. Im Haus herrschte große Aufregung, als käme ein besonderer Gast.

»Warum sind hier alle so aufgeregt?«, fragte ich, während ich mich nach den fremden Frauen umsah, die gerade durch den Haupteingang des Hauses traten.

»Erinnerst du dich, dass Kinder nicht vom Storch gebracht werden?«

Ich nickte. Diese Geschichte war mir damals sehr gut im Gedächtnis, weil ich sie so schockierend gefunden hatte.

Nachdem ich mitbekommen hatte, dass sich der Leib meiner Mutter in den vergangenen Monaten immer mehr rundete, hatte mein Bruder es mir erklärt.

»Kinder wachsen im Bauch der Mutter heran und werden nicht vor der Tür abgelegt. So war das jedenfalls bei dir.«

Ich hatte ihm zunächst nicht glauben wollen. Doch unsere Martha hatte es mir nach einigem Zögern bestätigt. Das hatte die Bewunderung für meinen Bruder noch gesteigert, denn er wusste Dinge, die sonst nur die Erwachsenen wussten!

»Und was ist heute los?«, fragte ich nach.

»Heute wird das Kind geboren.«

»Aus Mamas Bauch?«

Peter nickte, dann zog er mich unter unseren Fliederbusch, unter dem ich mir im vergangenen Jahr beinahe den Tod geholt hatte. Dort, wo die Triebe aus einer Laune der Natur zu einem Bogen wuchsen, nahmen wir Platz und blickten hinüber zum Haus. Hin und wieder huschte eine der Frauen an den Fenstern vorbei; das, was im Haus gesprochen wurde, war allerdings zu leise, um es verstehen zu können.

»Können wir denn nicht hingehen und es uns ansehen?«

Peter schüttelte den Kopf. »Nein, Mariechen, der Vater hat es verboten.«

»Aber warum?« Wütend schlug ich die Hände auf meinen Rock.

»Weil die Mama sonst denkt, dass sie sich um uns kümmern muss. Darüber vergisst sie vielleicht, das Kind zu bekommen.«

Diese Erklärung erschien mir damals schon nicht glaubhaft, auch wenn ich nichts von den Vorgängen bei einer Geburt wusste. Um mich abzulenken, zog Peter ein paar Murmeln aus seiner Hosentasche und spielte mit mir. Im Haus tat sich derweil so einiges, doch das blieb unseren Blicken verborgen. Ermüdet vom Spielen kuschelten wir uns schließlich aneinander.

»Wie wird das neue Kind wohl sein?«, fragte ich, während mich Peters Wärme schützend einhüllte. Bienen summten über unsere Köpfe hinweg, hin und wieder erblickten wir eine Hummel. In den nahen Lindenbäumen sang eine Amsel.

»Keine Ahnung«, antwortete Peter nach kurzem Überlegen. »Ich wusste ja auch nicht, wie du wirst. Du hättest auch blöd werden können.«

»Aber das bin ich nicht, oder?«

Ein Schrei übertönte Peters Antwort. Er kam aus dem Haus und ließ uns beide in die Höhe fahren. Dass die Äste des Fliederbusches über meinen rechten Arm schrammten, merkte ich kaum.

»Was war das?«, fragte ich, mich an Peters Wolljacke klammernd.

»Das muss so«, antwortete er, obwohl er ebenfalls aufgesprungen war, als hätte ihn eine Hummel gestochen. »Frauen schreien, wenn sie Kinder bekommen.«

»Hat Mama das bei mir auch gemacht?«

Peter nickte. »Ja, das hat sich genauso angehört.«

Während meine Mutter erneut herzzerreißend aufschrie, drückte er mich an sich und küsste meine Stirn. »Alles gut, Mariechen, es hört gleich auf.« Damit hatte er aber nur teilweise recht, denn kurz nachdem es still geworden war, flammten die Schreie wieder auf. Noch nie hatte ich mich so sehr gefürchtet!

Irgendwann wurde es dann still. Während ich keine Besorgnis fühlte, wirkte Peters Miene plötzlich angespannt, und sein Blick klebte am Haus, als könnte er durch die Mauern betrachten, was vor sich ging.

»Es schreit nicht«, murmelte er dann.

»Was soll schreien?«, fragte ich, die Hände fest um seinen Arm gekrallt.

»Das Kind. Es schreit nicht. Eigentlich sollte es schreien.«

»Vielleicht hat es keine Lust dazu.« Ich wusste keinen Grund, aus dem ein neuer Mensch schreien sollte. Die Welt ringsherum war doch wunderschön.

»So was gibt es nicht«, behauptete mein kluger Bruder, der schon bald die Dorfschule besuchen würde. »Kinder schreien immer, wenn sie geboren wurden. Du hast wie am Spieß geschrien.«

»Woher willst du wissen, dass sie immer schreien?«, fragte ich zurück. »Du hast doch nur mich als deine Schwester. Vielleicht schreien Jungs nicht, wenn sie geboren sind. Du weinst ja auch fast nie.«

Peter antwortete nichts darauf, was ich als Zustimmung wertete. Nachdem wir weitere Augenblicke schweigend unter dem Busch verharrt hatten, näherten sich Schritte unserem Versteck. War Luise geschickt worden, um uns zu holen?

Als der Lutherrock unseres Vaters vor uns erschien, schnürte sich in meinem Innern etwas zusammen.

»Was ist mit Mama?«, fragte ich, als sein strenger Blick auf mich fiel.

»Mama geht es gut«, sagte er wie versteinert. »Euer Bruder ist jedoch von Gott zu sich in den Himmel geholt worden.«

Ich blickte zu Peter, der Vater wie versteinert ansah. Sagen konnte auch er nichts.

»Ich habe ihn getauft, und er wird noch heute Abend begraben. Geht am besten wieder ins Haus.«

Als wir uns erhoben und zur Haustür liefen, fragte ich mich, ob ich weinen sollte oder nicht. Natürlich hatte ich mich auf meinen Bruder gefreut, doch ich empfand – nichts. Keine Traurigkeit, wie sie vielleicht angebracht gewesen wäre. Peter hingegen wirkte sehr traurig. Trauriger jedenfalls als unser Vater, der sich wie immer beherrscht gab. Gott hatte ihm seinen erhofften Spielkameraden weggenommen.

Auf halbem Weg kam uns Luise entgegen, die sich schluchzend die Hand auf den Mund presste. Kreidebleich um Nase und Mund versuchte sie sich zu beherrschten, als sie uns sah.

»Geht nur in eure Kammer, es wird alles gut«, presste sie hervor, doch ich hörte kaum hin. Wie gebannt starrte ich die Blutschlieren auf ihrer Schürze an. Erst als Peter mich mit sich zur Treppe zog, löste ich mich davon und begriff, dass eine Geburt etwas Gefährliches war, das manchmal die Mutter und manchmal auch das Kind das Leben kostete.

5. Kapitel

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Obwohl die Begegnung mit dem weißen Wolf schon zwei Tage zurücklag, ging sie Marie nicht aus dem Kopf. War das Tier ein Omen? Wenn ja, wofür? Während die Wagen weiter westwärts rumpelten, fragte sie sich, warum das Tier sie nicht angegriffen hatte. Wegen seiner Fellfarbe hatte der Wolf doch sicher Schwierigkeiten, an Beute zu kommen. Warum hatte er die Chance nicht genutzt? Weil Johnston in der Nähe gewesen war?

Zu gern hätte Marie den Treckchief gefragt, doch sie wagte nicht, ihm näher zu kommen. Seine Blicke, die er ihr zuwarf, sobald er Gelegenheit dazu hatte, verwirrten sie und ließen unbekannte Gefühle in ihrem Herzen erwachen. Du wirst dich doch wohl nicht in ihn verlieben!, schalt sie sich selbst, aber ihr Herz hörte nicht auf sie. Deshalb sorgte sie dafür, dass die wenigen unvermeidbaren Begegnungen kurz und distanziert ausfielen.

In den nächsten Tagen kamen sie gut voran. Die Stimmung unter den Frauen war noch immer gut, auch das Mädchen von Wagen zwei erholte sich wieder. Die Gerüchte um die Schwangerschaft blieben jedoch.

»Ihr könnt doch so was nicht einfach behaupten«, warf Marie ein, als sie zufällig mitbekam, dass sich die Frauen wieder das Maul zerrissen.

»Bist wohl eine Pastorentochter, dass du nicht weißt, wie die Welt läuft!«, schnarrte eine der Frauen sie an, die die anderen mit ihren offenherzigen Bemerkungen oftmals in Verlegenheit brachte.

Dass sie mit ihrer Vermutung, ihr Vater sei Pastor, richtig lag, brachte Marie zum Erröten. Natürlich hätte ihr Vater nicht geduldet, dass sie über solche Dinge Bescheid wusste. Erfahren hatte sie sie trotzdem, von den anderen Mädchen im Dorf. Die Angst vor dem Zorn ihres Vaters hatte sie allerdings stets davon abgehalten, das zuzugeben. Auch jetzt antwortete sie nur: »Ihr solltet dennoch nicht über eine Sache reden, bevor ihr nicht genau Bescheid wisst.«

Lisa schnaufte, als brauchte sie keine Gewissheit mehr; dann war das Gespräch beendet und alle kehrten in ihre Wagen zurück.

Nach ein paar Tagen wurde aber auch die vermeintlich Schwangere uninteressant, denn der Wagenzug näherte sich Dryden, das mitten in der Wildnis lag und das Ziel etlicher Glücksritter war.

Die Frauen gerieten in helle Aufregung, denn auch wenn sie nur wenige Mittel zur Verfügung hatten, wollten sie sich die Gelegenheit zum Stadtbummel doch nicht nehmen lassen.

»Ich bin schon sehr gespannt, was sie in den Läden anbieten«, sagte Ella begeistert zu Marie, die gerade ihre Haare zusammensteckte. Auch wenn ihre Kleider nicht mehr im besten Zustand waren, wollte sie doch einen guten Eindruck auf die Stadtbewohner machen.

»Aber wir haben doch kaum Geld«, gab sie zurück, während sie den Sitz ihrer Frisur in der halb blinden Spiegelscherbe überprüfte, die Ella gehörte.

»Na und?« Ella verschränkte die Hände vor der Brust. »Allein das Anschauen würde mir im Moment reichen. Bisher hatten wir nur uns, und ich bin neugierig, wie die Frauen dort herumlaufen, welche Kleider in Mode sind. Sobald wir unsere Männer haben, werden wir uns auch neue Kleider und andere Dinge leisten können.«

Marie war da nicht ganz sicher. Würden sie ihre frischgebackenen Ehemänner gleich mit Forderungen überhäufen können? Immerhin waren diese Männer für ihre Überfahrt und den Treck aufgekommen. Es würde sicher keinen guten Eindruck machen, wenn sie kurz nach der Ankunft schon Geld für irgendwelchen Tand verlangten.

Während sich alle halbwegs ordentlich herrichteten, tauchte die Stadt am Horizont auf. Froh darüber, nach Wochen in der Wildnis endlich wieder mit der Zivilisation in Berührung zu kommen, warfen die Begleitreiter ihre Hüte in die Luft und jubelten.

Als die Wagen die Hauptstraße hinaufrumpelten, blieben viele Passanten stehen und beäugten den Treck neugierig. Hin und wieder schlossen sich ein paar junge Burschen auf Pferden an, die einen Blick unter die Planen werfen wollten. Die weniger schüchternen Frauen winkten ihnen fröhlich zu.

Da sie sich im letzten Wagen befand, erfreute sich Marie an einer Horde Kinder, die kreischend hinter ihnen herlief. Während einige Kinder von ihren Müttern zur Seite gezogen wurden, folgte ihnen der Kern der Rasselbande bis zum Marktplatz, wo sie haltmachten.

Angus Johnston ritt neben jeden Wagen und sprach kurz mit dem Wagenlenker und den Frauen. Schließlich erreichte er auch den letzten Wagen.

»Sie haben drei Stunden Zeit für einen Spaziergang oder was Sie sonst tun wollen. Spätestens wenn es fünf läutet, sollten Sie sich wieder bei den Wagen einfinden.«

»Bleiben wir heute Nacht in der Stadt?«, erkundigte sich Marie.

»Nein, wir werden die Nacht auf rollenden Wagen verbringen, damit wir die Zeit für den Aufenthalt hier wieder einholen.«

Johnston lächelte sie breit an, dann wendete er sein Pferd und ritt wieder nach vorn.

»Was war denn das?«, fragte Ella, die dem Treckchief durch die Staubwolke nachsah.

»Was meinst du?«, fragte Marie ein wenig abwesend.

»Das Lächeln. Er hat dich angelächelt, als hätte er seine Braut vor sich.«

»Das bildest du dir nur ein.« Um einem weiteren Gespräch aus dem Weg zu gehen, kletterte Marie vom Wagen herunter und strich Kleid und Frisur glatt. Dabei spürte sie noch immer die Blicke auf sich. Auf den hölzernen Sidewalks steckten ein paar Frauen die Köpfe zusammen. Männer in staubigen Hosen und groben Hemden lehnten neben den Hausecken und kauten auf Grashalmen herum, während sie sie beobachteten.

Es wird besser sein, wenn ich mit den anderen gehe, dachte Marie verunsichert, obwohl sie eigentlich vorgehabt hatte, die Stadt allein zu erkunden.

Zusammen mit Ella und zwei anderen Frauen vom vorherigen Wagen strebten sie der Main Street zu, die von zahlreichen Geschäften gesäumt wurde. Die schaulustige Menschenmenge hatte sich inzwischen zerstreut.

»Eine hübsche Stadt, findet ihr nicht?«, fragte Ella, die es sichtlich genoss, wieder in einer Stadt zu sein. »So ganz anders als die Städte bei uns zu Hause.«

Damit hatte sie recht, Dryden war wirklich ganz anders. Während in Deutschland Gebäude aus Stein vorherrschten, wurden die Straßen hier hauptsächlich von Holzhäusern gesäumt. Einige von ihnen waren mit prachtvollen Schnitzereien verziert, andere wiederum wirkten sehr schlicht. In den Vorgärten wucherten bunte Blumen; Hunde und Katzen schlichen um die Zäune.

Auch die Auslagen der Geschäfte waren ganz anders. In manchen Schaufenstern waren recht seltsame Dinge zu finden: Medikamente, von denen Marie noch nie etwas gehört hatte, außerdem seltsame Gewürze, Schlangengiftsalben und abenteuerlich anmutende Apparaturen.

»Wozu braucht man denn eine Kopfstütze für Langzeitreisende?«, wunderte sich Ella, als sie vor einem sogenannten Drugstore haltmachten, der ein seltsames Gebilde aus Seilen und Stoff als neueste Attraktion anpries.

»Damit du gemütlich bei der Reise schlafen kannst, ohne deinem Mitreisenden auf den Schoß zu fallen«, übersetzte Marie, was sie dem Prospekt zu Füßen der Vorrichtung entnahm.

»Hier gibt es auch Rosenwasser!«, rief eine ihrer Begleiterinnen begeistert aus, worauf sie und ihre Wagengenossin in dem Drugstore verschwanden.

»Irgendwas läuft zwischen euch«, bemerkte Ella, als das Läuten der Ladenglocke wieder verstummt war.

»Wovon redest du denn?«

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