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Das Lied der Pferde

INHALT

  1. COVER
  2. ÜBER DIESES BUCH
  3. ÜBER DIE AUTORIN
  4. Titel
  5. IMPRESSUM
  6. DAS SPIEL
    1. KAPITEL 1
    2. KAPITEL 2
    3. KAPITEL 3
    4. KAPITEL 4
    5. KAPITEL 5
    6. KAPITEL 6
    7. KAPITEL 7
    8. KAPITEL 8
  7. DAS GESCHENK
    1. KAPITEL 1
    2. KAPITEL 2
    3. KAPITEL 3
    4. KAPITEL 4
    5. KAPITEL 5
    6. KAPITEL 6
    7. KAPITEL 7
    8. KAPITEL 8
    9. KAPITEL 9
    10. KAPITEL 10
    11. KAPITEL 11
  8. DER CAMPEADOR
    1. KAPITEL 1
    2. KAPITEL 2
    3. KAPITEL 3
    4. KAPITEL 4
    5. KAPITEL 5
    6. KAPITEL 6
    7. KAPITEL 7
    8. KAPITEL 8
    9. KAPITEL 9
    10. KAPITEL 10
  9. STREIT UND VERSÖHNUNG
    1. KAPITEL 1
    2. KAPITEL 2
    3. KAPITEL 3
    4. KAPITEL 4
    5. KAPITEL 5
    6. KAPITEL 6
    7. KAPITEL 7
    8. KAPITEL 8
    9. KAPITEL 9
  10. DER FEENRITTER
    1. KAPITEL 1
    2. KAPITEL 2
    3. KAPITEL 3
    4. KAPITEL 4
    5. KAPITEL 5
    6. KAPITEL 6
    7. KAPITEL 7
    8. KAPITEL 8
    9. KAPITEL 9
  11. DAS GLÜCK
    1. KAPITEL 1
    2. KAPITEL 2
    3. KAPITEL 3
    4. KAPITEL 4
    5. KAPITEL 5
    6. KAPITEL 6
    7. KAPITEL 7
    8. KAPITEL 8
    9. KAPITEL 9
  12. NACHWORT
  13. EUROPA 1035

Über dieses Buch

Cöln, 1072: Die Kaufmannstochter Aenlin kennt nur eine Leidenschaft: Pferde. Sie besitzt die besondere Gabe, jedes Pferd mit einem Lied besänftigen zu können. Ihr Herz gehört der Stute Meletay, die ihrem Zwillingsbruder zum Geschenk gemacht wurde. Als dieser mit Meletay seine erste große Handelskarawane gen Süden führen soll, tauscht Aenlin kurzentschlossen mit ihrem Bruder die Rollen und tritt in Männer-kleidung die abenteuerliche Reise an. Doch im Königreich León werden sie überfallen und ausgeraubt. Aenlin droht das Leben einer Haremssklavin. Wird der spanische Ritter Rodrigo Diaz de Vivar, bekannt als El Cid, sie vor diesem Schicksal bewahren? Ist es der Beginn einer großen Liebe? Oder hat das Schicksal andere Pläne? Ricarda Jordan verbindet auf wunderbare Weise ihre Begeisterung für Pferde mit einem mitreißenden Mittelalterroman.

Über die Autorin

Ricarda Jordan ist das Pseudonym einer erfolgreichen deutschen Schriftstellerin. Sie wurde 1958 in Bochum geboren, studierte Geschichte und Literaturwissenschaft und promovierte. Sie lebt als freie Autorin in Spanien. Unter dem Autorennamen Sarah Lark schreibt sie mitreißende Neuseeland- und Karibikschmöker, die allesamt Bestseller sind und auch international ein großes Lesepublikum erfreuen. Als Ricarda Jordan entführt sie ihre Leser ins farbenprächtige Mittelalter.

Ricarda Jordan

DAS LIED DER
PFERDE

Historischer Roman

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DAS SPIEL

Cöln, León, Al Andalus

Frühjahr – Herbst 1072

KAPITEL 1

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»Seid gegrüßt, Don Alvaro! Ich freue mich, Euch erneut in meinem Hause begrüßen zu dürfen! Ihr seid nur etwas früh, mein Sohn ist noch nicht vom Reiten zurück. Darf ich Euch die Wartezeit mit einem Becher Wein verkürzen? Ihr könnt mir dann auch gleich von Endres’ Fortschritten im Umgang mit dem Schwert berichten.«

Meister Linhard, ein fülliger Mann mit schon leicht ergrautem Haar, der seine Figur unter einer locker sitzenden Tunika aus leichtem Brokatstoff verbarg, nahm den Waffenmeister seines Sohnes am Eingang seines Hauses in Empfang. Er war erst am Tag zuvor von einer langen Geschäftsreise aus Kiew nach Cöln zurückgekehrt und schien wirklich erfreut, den Kastilier zu sehen.

Aenlin, die dem Gespräch versteckt hinter einem Fellstapel lauschte, atmete auf, als Don Alvaro, ein großer sehniger Mann mit stechendem Blick, üppigem schwarzem Haar und gewaltigem Schnurrbart, den Gruß ihres Vaters höflich erwiderte und dessen Angebot annahm. Sie hatte ihren Ausritt mit Endres’ Pferd zwar längst beendet, es war abgesattelt und gefüttert. Ihr Zwillingsbruder hatte sich jedoch nicht wie verabredet in dem Gelass hinter den Ställen eingefunden, das die Geschwister für ihre Heimlichkeiten nutzten. Aenlin würde in den Garten laufen, ihn aufspüren und zum schnellen Wechsel von Wams und Beinkleid bewegen müssen. Wobei das Wort »schnell« in Endres’ Sprachschatz eine eher untergeordnete Bedeutung hatte. Er war bedächtig und gelassen, pflegte die Dinge nicht zu überstürzen.

Äußerst wachsam schob sich Aenlin hinter dem Fellstapel vor. Bei aller Eile wollte sie ihre Deckung auf keinen Fall verlassen, bevor die Männer im Haus verschwunden waren. Don Alvaro verdankte sein Überleben in zahllosen Schlachten und Zweikämpfen zweifellos dem Umstand, dass er seine Umgebung stets genau im Blick behielt, und auch ihr Vater hatte ein aufmerksames Auge auf alles, was in seinem Haus vor sich ging. Wenn Aenlin von einem von ihnen entdeckt würde, gäbe es peinliche Fragen – schließlich gab es keinerlei Grund für Endres, sich vor seinem Vater und seinem Waffenmeister zu verstecken.

Aenlin seufzte. Es war nicht immer leicht, das Spiel zu spielen, mit dem ihr Bruder und sie selbst die Erwachsenen seit Jahren narrten. Andererseits war es so reizvoll, dass sie es auf keinen Fall ohne Not aufgeben würde, und Endres wollte erst recht nicht auf die Freiheiten verzichten, die es ihm bot. Aenlin blieb also vorsichtig.

Mit wenigen raschen Schritten durchquerte sie den Innenhof des Handelshauses und schlüpfte durch eine kleine Pforte in den Garten, den ihre Mutter Gudrun hinter dem Küchenbereich angelegt hatte. Er war nicht groß, sie zog hier hauptsächlich Nutzpflanzen: Heilkräuter, Gewürze und Gemüse. Ordentlich in Reih und Glied gesetzt reckten sich die Pflanzen der Sommersonne entgegen. Unkraut hatte dabei keine Chance, der Garten war äußerst gepflegt. Ganz hinten, nahe der begrenzenden Mauer, wucherten allerdings Brombeerranken, die der Herrin des Hauses seit Jahren ein Dorn im Auge waren. Aenlins Mutter hasste Wildwuchs und hätte sie gern entfernen lassen – aber sie trugen in jedem Herbst reichlich Früchte, die zu ernten sich lohnte und über die sich besonders die Kinder freuten. So hatte sie Aenlins und Endres’ stürmischen Bitten, das Dornengestrüpp stehen zu lassen, bislang nachgegeben, ohne zu ahnen, dass die beiden dabei weniger an die Früchte dachten als an die schattige Höhle, die sich auftat, wenn man zwischen den mannshohen Büschen hindurchschlüpfte.

Irgendwann, bevor ihr Vater das Haus hatte errichten lassen, musste hier ein älteres Gebäude oder eine Mauer gestanden haben. Der Boden lag voller Trümmer, um die herum die Brombeeren gewuchert waren. Von außen wirkte das Gestrüpp wie eine dichte Hecke, aber wenn man den Einstieg kannte, gelangte man rasch in Aenlins und Endres’ geheimes Refugium. Die Kinder konnten sich hier verstecken, wenn sie etwas angestellt hatten, und Endres war hinter der Brombeerhecke sicher, wenn Aenlin wie so oft seinen Platz beim Reiten oder bei der Arbeit mit seinem Waffenmeister einnahm. Auch jetzt hockte er gemütlich auf einem der Steine, ein dickes Buch aufgeschlagen, über dem er wie so oft die Zeit vergessen haben musste.

Liber Evangeliorum – Aenlin erkannte die Bibeldichtung des Otfrid von Weißenburg. Immerhin kein Buch, das ihr Vater vermissen würde, wenn er zwischen seinen Reisen Zeit fand, in seiner umfangreichen Bibliothek zu schmökern.

»Endres, was machst du denn?«, wandte Aenlin sich nun verärgert an ihren Bruder. »Don Alvaro ist bereits eingetroffen, du solltest längst in der Halle sein.«

Endres hob den Kopf, und Aenlin sah in klare grüne Augen. Wie immer hatte sie beim Anblick ihres Bruders das Gefühl, in einen Spiegel zu sehen. Sie besaß einen wertvollen Glasspiegel, der ihr Aussehen fast gespenstisch genau wiedergab – nicht verschwommen und ungenau wie die gängigen Kupferspiegel. Nichts kam jedoch dem Blick ins Gesicht ihres Bruders gleich, kein Spiegel konnte das helle Grün ihrer beider Augen und die goldblonden Wimpern so klar abbilden. Die Haut der Zwillinge war zwar von Natur aus hell, bräunte aber überraschend schnell, und da beide viel an der frischen Luft waren, bot ihr Teint einen reizvollen Kontrast zu ihrem hellen, feinen, doch üppigen Haar. Wenn Aenlin ihr Haar nicht flocht, sondern mit der weichen Bürste entwirrte, die ihr Vater ihr wie den Spiegel aus Venezien mitgebracht hatte, bauschte es sich wie eine Wolke um ihr Gesicht. Endres pflegte das seine mit einem groben Kamm und Wasser zu glätten und ließ es länger wachsen, als Bürgerkinder es gewöhnlich taten. Wenn er es kürzte, umspielte es sein Gesicht wie ein Heiligenschein.

Aenlin fand, dass die Rolle eines Heiligen ihrem Bruder eigentlich gut stand – so durchgeistigt, wie er jetzt schon wirkte. Unschuldig und überrascht blickte er von seinem Buch zu ihr auf.

»Ich dachte, du gehst für mich zu Don Alvaro«, entschuldigte er sich. »Du machst das doch gern, das … Fechten …«

Endres selbst war schon der Gedanke an das Waffenhandwerk zuwider. Er hasste den Umgang mit dem Schwert und war insofern froh, wenigstens nicht als Sohn eines Ritters geboren zu sein. Doch auch als Kaufmannssohn kam er nicht darum herum, die Grundbegriffe der Kampfkunst zu erlernen. Als Händler würde er viel auf Reisen sein, und nur wenige Straßen waren vollkommen sicher. Zum Schutz der Waren heuerten die Kaufleute zwar meist fahrende Ritter an, sie selbst mussten allerdings ebenso fähig sein, sich ihrer Haut zu wehren.

Aenlin seufzte wieder. Endres hatte natürlich recht – im Gegensatz zu ihm machte es ihr Spaß, sich von Don Alvaro in den Gebrauch der Waffen einweisen zu lassen. Ebenso wie es ihr gefiel, sich im Reiten zu üben und Pferde zu pflegen. Besonders Letzteres war ihr die größte Freude. Sie liebte Pferde und war deshalb Meister Linhards Stallmeister, dem Klepper-Hans, schon als kleines Mädchen nicht von den Fersen gewichen. Dabei war es ihr egal, ob es die schweren Pferde oder Maultiere waren, die vor die Frachtwagen gespannt wurden, oder die edleren Reitpferde. Aenlin kannte nichts Schöneres, als ihr glänzendes Fell zu striegeln, ihre weichen Nasen zu streicheln, den Atem ihrer Nüstern auf ihrer Haut zu spüren. Wenn niemand hinsah, vergrub sie ihr Gesicht in ihren Mähnen, um diesen ganz besonderen Duft einzuatmen, der die Pferde von allen anderen Tieren unterschied.

Und so hatte das Spiel angefangen, das Endres und Aenlin seit vielen Jahren spielten. Als ihr Vater dem sechsjährigen Endres ein kleines Pferd geschenkt und Hans angewiesen hatte, ihm beizubringen, das Tier zu reiten, hatte Aenlin geschrien und getobt. Sie konnte und wollte nicht einsehen, dass Endres ein Pony bekam, während man erwartete, dass sie sich über die zierliche, reich verzierte Spindel freute, die der Vater für seine Tochter im Gepäck gehabt hatte. Ungläubig hatte sie den Worten ihrer Eltern gelauscht, die sich von ihrem Auftritt natürlich nicht hatten beeindrucken lassen. »Du bist ein Mädchen, Aenlin. Du wirst lernen, wie man einen Haushalt führt, wie man kocht und backt, strickt und webt und näht. Eines Tages wirst du einen guten Mann finden und ihm Ehre machen. Deinem Bruder wird die Leitung des Handelshauses obliegen. Darauf muss er sich vorbereiten, und dazu gehört, das Reiten und Fechten zu erlernen …«

»Aber ich bin die Ältere!«, hatte Aenlin protestiert. Nach Erzählungen ihrer Mutter war sie eine Viertelstunde vor Endres zur Welt gekommen. »Also sollte ich doch das Handelshaus erben. So wie … so wie bei Esau und Jakob …«

Gudrun hatte ihren Kindern die Geschichte der biblischen Brüder erzählt. Über Aenlins diesbezüglichen Einwand hatten die Eltern jedoch nur gelacht.

»Esau und Jakob waren Jungen«, hatte Linhard lächelnd erklärt. »Und ihre Geschichte zeigt uns, dass man das Erstgeburtsrecht nicht verhandelt. Also gib dich zufrieden mit dem Platz, auf den Gott dich gestellt hat, Aenlin.«

Aenlin hatte sich nichtsdestotrotz schluchzend in die Brombeerhöhle verzogen, wo Endres sie kurz darauf aufgesucht hatte. »Von mir aus kannst du das gern haben, das … das Erstgeburtsrecht«, hatte er ihr tröstend zugeflüstert. »Und das Pferd sowieso. Ich mach mir da nicht viel draus …«

Tatsächlich hatte Endres sich schon damals sehr viel mehr aus dem Studieren gemacht als aus dem Geschäft seines Vaters. Wie Aenlin dem Klepper-Hans gefolgt war, so war er dem jungen Kaplan, der mehrmals wöchentlich ins Haus kam, um die Zwillinge im Lesen und Schreiben zu unterrichten, nicht von der Seite gewichen. Dem Priester hatte er tausend Fragen gestellt. Die Geheimnisse des Glaubens hatten ihn ebenso fasziniert wie die Kraft des geschriebenen Wortes. Am liebsten wäre er schon damals in ein Kloster eingetreten – zunächst um zu lernen, doch später auch, um sein Leben gänzlich Gott zu weihen. Daran war für den einzigen Sohn des erfolgreichen Fernhandelskaufmanns Linhard von Cöln jedoch nicht zu denken. Linhard ließ seine Kinder zu Hause unterrichten und achtete darauf, dass der Geistliche nicht zu viel Einfluss auf seinen weichlichen Erben nahm. Über all die Dinge, die er zu lernen hatte, um sich auf sein künftiges Leben vorzubereiten, hätte der Junge nie genug Zeit gefunden, seine Bücher zu lesen und seinen Träumen nachzuhängen.

Bis die Zwillinge schließlich ihr Spiel erfanden: Aenlin hatte Endres’ Angebot, sein Pferd mit ihr zu teilen, gern angenommen, und tatsächlich fiel es nie jemandem auf, wenn sie in Endres’ Beinlinge und Stiefel schlüpfte, sich in seinen Mantel hüllte und zum Reiten in den Stall ging. Endres verkroch sich inzwischen in der Brombeerhecke und vertiefte sich in alte Schriften. Im Laufe der Zeit hatten die Geschwister sich immer mehr getraut. Aenlin vertrat ihren Bruder auch gern beim Fechten mit Don Alvaro.

An diesem Tag jedoch …

»Endres, heute geht es nicht! Vater trinkt Wein mit Don Alvaro. Er wird deinem Unterricht zusehen wollen. Und da kann ich nicht …« Aenlin machte Anstalten, sich ihres Wamses und ihrer Beinlinge zu entledigen. Endres trug über den seinen eine lange Tunika. Sie glich einem der Überkleider, die Mädchen über ihre Hemden zogen. Aenlin konnte sie rasch anlegen.

»Du bist viel besser als ich!«, bekannte Endres. Es war ihm erkennbar unangenehm, sich vor seinem Vater beweisen zu müssen. »Vater würde …«

»Es geht nicht. Vater würde es merken!«, wiederholte Aenlin entschieden.

Endres runzelte die Stirn. »Wenn nicht mal Don Alvaro es merkt?«

Aenlin verzog das Gesicht. »Endres, Don Alvaro argwöhnt auch schon, wenn du mich fragst. Er hat mich nur nie lange genug angesehen, um zu wissen, wie ähnlich wir uns sehen, es übersteigt zudem schlicht seine Vorstellungskraft, ein Mädchen könnte ein Schwert schwingen. Doch Vater kennt uns. Er wird uns nicht am Kampfstil auseinanderhalten, aber an unseren Gesten, unserem Gesichtsausdruck, daran, dass wir nicht gleich schnell wütend werden … Im Sattel könnte ich ihn täuschen, Endres. Wenn ich Don Alvaro mit dem Schwert gegenüberstehe, allerdings nicht. Und nun mach schon, Endres, zieh dich um, es wird Zeit. Zeig ein wenig Eifer! Fass das Schwert nicht wieder an, als … als hättest du es eben aus dem Schmiedefeuer gezogen …«

Endres gehorchte schließlich, und Aenlin begab sich aufatmend in ihre Gemächer, um sich möglichst schnell und unauffällig wieder in ein Mädchen zu verwandeln. Wie alle Wohn- und Schlafräume der Familie lagen diese im ersten Stockwerk, Kontor und Wirtschaftsräume waren zu ebener Erde angelegt. Aenlin erreichte den Fachwerkaufbau über eine Stiege, und zum Glück begegnete ihr niemand. Ihre Mutter war um diese Zeit entweder in der Küche beschäftigt oder im Kontor. Sie führte die Aufsicht über die Buchführung im Handelshaus ihres Mannes. Wie viele Kaufmannsfrauen war sie hochgebildet und gedachte, ihr Wissen an Aenlin weiterzugeben. So brauchte das Mädchen wenigstens keine Heimlichkeiten, wenn es darum ging, Rechnen und Buchführung zu erlernen. Aenlin nahm zudem ganz selbstverständlich am Unterricht teil, wenn Endres in den wichtigsten Sprachen der Handelspartner ihres Vaters unterrichtet wurde. Die Zwillinge waren erst dreizehn Jahre alt und sprachen bereits annehmbar Italienisch und Kastilisch sowie ein bisschen Arabisch.

Linhard betrachtete das mit Wohlgefallen und pflegte Aenlin mit der Überlegung zu necken, sie vielleicht eines Tages nach Kastilien oder Venetien zu verheiraten. »Oder gar in den Orient! Da brauchtest du nicht mal eine Mitgift, im Gegenteil. So mancher Scheich würde mir eine ganze Herde Kamele für dich geben!«

Aenlin pflegte pflichtschuldig darüber zu lachen, obwohl ihr allein der Gedanke, in absehbarer Zeit einen Mann zu finden, schlaflose Nächte bereitete. Wenn sie erst mal verheiratet wäre – egal ob mit dem Erben eines Cölner oder eines venezianischen Handelshauses –, wäre es aus mit dem Umgang mit Pferden. Als Frau eines Bürgers würde ihr nicht mal ein Zelter gestattet sein, den sie zum Vergnügen reiten konnte wie die adligen Frauen auf den Burgen. Bürger jagten nicht, und ihre Frauen reisten selten. Aenlin würde ans Haus gebunden sein und nichts anderes zu tun haben, als das Gesinde zu beaufsichtigen und die Kinder zu erziehen.

Außerdem schmerzte sie die Vorstellung, von Endres getrennt zu werden. Aenlin liebte ihren Bruder, er war wie ein Teil ihres Selbst. Und sie hatte das Gefühl, dass er ihren Schutz brauchte. Wie sollte er ohne ihre Hilfe in der rauen Welt der Händler und Ritter bestehen? Auch jetzt machte sie sich Sorgen um ihn. Ob er den Unterricht im Schwertkampf unter dem gestrengen Blick ihres Vaters bestand?

Aenlin drängte es, sich so schnell wie möglich in den Nebenbau der Remise zu begeben, in dem der Unterricht stattfand, um Endres wenigstens moralisch Beistand leisten zu können. Sie griff also in die hübsche, mit feinen Schnitzereien verzierte Truhe, in der sie ihre Kleidung aufbewahrte. Die Räumlichkeiten der Familie waren luxuriös ausgestattet. Als erfolgreicher Fernhandelskaufmann war ihr Vater reich, ein geachteter Bürger der Stadt Cöln. Als solcher nahm er sich die Freiheit, sein Haus so kostbar und behaglich einzurichten wie die Burgen der Adligen, es war wie die Wohnungen der meisten Bürger, nur moderner und leichter zu beheizen. Es gab Holzfußböden und Teppiche, in Aenlins Zimmer befand sich ein Gebetspult, zwei gepolsterte Sessel standen vor dem Kamin. Mit Pergament bespannte Fensteröffnungen ließen Licht ein, und am Abend sorgten Öllampen aus dem Orient und dicke Kerzen in prächtigen Leuchtern für ausreichend Helligkeit, sodass Aenlin sogar lesen konnte. Meister Linhard verwöhnte seine Tochter.

Aenlin legte Hemd und Überkleid an, beides aus feinstem Leinen. Das helle Grün des Kleides passte zu ihren Augen, am Ausschnitt war es von Goldfäden durchzogen, eine feine Stickerei. Das Surkot, wie man diese Gewänder nannte, war französischen Ursprungs, ihr Vater hatte es aus Paris mitgebracht. Da die Mode zurzeit weite Kleider vorschrieb, konnte Aenlin es schnell ohne Hilfe überziehen. Sie musste nun nur noch ihr Haar flechten. Viel Geschick bewies sie dabei nicht. Aenlin bürstete die Locken ungeduldig und brachte dann nur ziemlich zottelige Zöpfe zustande. Sie hoffte, dass ihr Vater und erst recht Don Alvaro nicht allzu genau hinsehen würden.

Und tatsächlich hatten die beiden nur Augen für Endres, der in der Halle seinem Waffenmeister gegenüberstand. Immerhin grüßte Meister Linhard seine Tochter freudig, er schien sich darüber zu freuen, dass sie sich ihm zugesellte. Wenn er sich darüber wunderte, wie viel Interesse Aenlin für den Schwertkampf aufbrachte, so ließ er sich das zumindest nicht anmerken.

Endres atmete auf, als er seine Schwester bei den Männern sah. Auf seine Darbietung hatte das jedoch keinen Einfluss. Wie immer schwang er die Waffe nur halbherzig und zog es vor, sich zurückzuziehen, statt einem Angriff standzuhalten. Sein Waffenmeister war denn auch der Verzweiflung nahe.

»Endres, por favor …« Don Alvaro hielt den Unterricht in seiner Muttersprache. »Was machst du denn? Das sah letzte Woche doch schon viel besser aus! Du kannst es, Endres, ich weiß, dass du es kannst! Warum hältst du das Schwert heute schon wieder wie ein Mädchen?«

Aenlin hätte über die Bemerkung fast gelacht, aber natürlich war das nicht komisch. Auf die Dauer musste der Ritter ja argwöhnisch werden, wenn ihre und Endres’ Leistungen in seinem Unterricht so sehr auseinanderklafften. Hilflos sah sie zu, wie der Kastilier ihren Bruder immer aggressiver attackierte, um ihn endlich aus der Reserve zu locken. Endres geriet jedoch nicht in Wut.

Ihr Vater wirkte darüber enttäuscht und verärgert. »Endres, wirklich … du musst kämpfen!«, spornte er seinen Sohn an. »Wir machen das doch hier nicht zum Spaß. Wenn du dich vor Don Alvaro zurückziehst, passiert nichts, genauso wenig, wie dir etwas passiert, wenn du seine Schläge nur halbherzig parierst. Doch irgendwann, das kann ich dir versichern, wirst du einem leibhaftigen Straßenräuber gegenüberstehen. Einem Mann, der keine Skrupel kennt und keine Ehre. Du musst dann zuschlagen können! Versuch es noch einmal, Junge, und jetzt mit mehr Schwung!«

Endres stand die Furcht vor dem imaginären Straßenräuber jetzt schon im Gesicht geschrieben. Aenlin tat er wieder mal leid. Ihr Bruder war ein gehorsamer Sohn, er würde sich nicht gegen sein Schicksal auflehnen, sondern ein so guter Kaufmann werden, wie es ihm nur eben möglich war. Aber er eignete sich so gar nicht zum Kämpfen, zum Verhandeln, er hasste es, Risiken einzugehen. In Endres steckte ein Gelehrter, kein Mann der Tat. Während Aenlin selbst …

Sie ballte die Faust, spannte die Muskeln an – alles in ihr lechzte danach, Endres das Holzschwert abzunehmen, das als Übungswaffe diente, und Don Alvaros Angriffen Paroli zu bieten.

Ihr Vater schien das zu erspüren. »Oder ich muss das Handelshaus doch noch an meine Tochter vererben«, drohte er scherzhaft, als er Aenlins grimmige Miene sah. »Ihr könnt es nicht wissen, Don Alvaro, aber meine Aenlin hier, die pocht auf ihr Erstgeburtsrecht. Und wahrlich, sie könnte uns jetzt schon die Bücher führen. Ich fürchte, sie würde sogar die Pferde selbst anspannen, wenn’s auf Reisen geht.«

Linhard lachte, aber Aenlin war auf der Hut. Ihrem Vater war nicht entgangen, dass es sie immer noch in die Ställe zog, so brav sie sich auch gab, wenn ihre Mutter sie im Rechnen unterrichtete und ihr Aufgaben im Haushalt zuwies. Er duldete im Stillen, dass sie dem Klepper-Hans bei der Zubereitung von Pferdearzneien half und schon mal ein Pferd hielt, wenn er ihm ein verlorenes Eisen wieder aufschlug oder einen Verband anlegte. Ihrer Mutter war das allerdings ein Dorn im Auge, und Aenlin fürchtete stets, dass sie ihren Mann eines Tages dahingehend beeinflussen würde, es zu unterbinden.

»Ich werde sie bald mit einem tüchtigen Kaufmann verheiraten«, sprach ihr Vater wohlwollend weiter, »der sie auch ein bisschen einspannt, so wie meine Gudrun mir hier hilft, im Kontor. Ein reines Drohnenleben wie ein adliges Burgfräulein ist nichts für sie.«

Immerhin das hatte er eingesehen. Mit einem Anflug von Galgenhumor dachte Aenlin mal wieder daran, ihren Vater zu bitten, sie mit einem kinderlosen Greis zu verheiraten. Sie würde sich ehrlich bemühen, ihm noch einen Sohn zu schenken – für den sie sein Erbe dann bis zu seiner Volljährigkeit verwalten könnte. Sie würde sich durchaus zutrauen, ein Geschäft wie das ihres Vaters zu führen, doch das wäre allenfalls als Witwe möglich. Alleinstehende Jungfern, die selbst für ihren Lebensunterhalt sorgten, gab es nicht in Cöln – zumindest nicht in den Kreisen, in denen Meister Linhard und seine Familie sich bewegten.

Endres bemühte sich weiter nach Kräften, Don Alvaros Schläge abzufangen. Er parierte langsam und ungeschickt, aber er zog sich wenigstens nicht mehr zurück. Dann wurden die Kämpfer und ihre Zuschauer abgelenkt. Draußen vom Hof her erklangen Stimmen. Rufe und Hufgeklapper wurden laut, und jemand öffnete das große Tor, wohl um schwere Wagen einzulassen.

»Das muss die Fracht aus Kiew sein!« Aenlins Vater wandte sich aufgeregt um. Er war am vorhergehenden Abend zunächst allein mit kleiner Eskorte eingetroffen. Voller Ungeduld, endlich wieder nach Hause zu kommen, und wohl auch, die Errungenschaft dieser Reise, eine unschätzbar wertvolle Reliquie, schnell in die Sicherheit der Cölner Stadtmauern zu bringen, war er seinen Männern vorausgeritten. Nun schienen die drei schweren Frachtwagen ebenfalls eingetroffen zu sein, beladen mit Pelzen aus dem fernen Russland. »Ich muss mich kümmern, Don Alvaro – entschuldigt mich. Oder … nein, wisst Ihr, kommt mit. Da ist nämlich etwas, das ich Euch zeigen wollte. Und auch dir, Endres, vor allem dir. Es ist ein Geschenk, Junge. Und ich würde gern Eure Meinung dazu hören, Don Alvaro …«

Aenlin platzte vor Spannung, während Endres einen wenig erwartungsvollen Eindruck machte. Die Mitbringsel seines Vaters erfreuten ihn selten – eigentlich nur, wenn es dem Vater gelungen war, irgendwelche seltenen Bücher oder Schriftrollen für seine Bibliothek einzuhandeln. Die brachte er dann jedoch nicht ausdrücklich als Geschenk für seine Kinder mit – erst recht nicht für seinen Sohn. Und da er nun Don Alvaro um seine Meinung bat, handelte es sich bei diesem Geschenk wahrscheinlich um eine Waffe.

»Ein Schwert aus dem Russischen?«, erkundigte sich denn auch der Kastilier. »Sie schmieden seltsame Krummsäbel …«

Ihr Vater schüttelte den Kopf und lachte. »Nein, nein«, erklärte er. »Ihr wisst doch selbst, dass mein Sohn kein großer Kämpfer ist. Ihm jetzt noch ein Krummschwert zuzumuten, wäre Unsinn. Eine einfache Waffe zur Selbstverteidigung reicht. Für Endres wird es allerdings bald Zeit, sich auf seine ersten Handelsreisen zu begeben. Und was er dazu braucht, ist ein gutes Pferd …«

KAPITEL 2

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»Ein Pferd aus Russland?« Verwundert folgte der Kastilier Linhard auf den Hof, auf dem bereits reges Treiben herrschte. Knechte schirrten die Pferde aus, andere begannen, die Wagen zu entladen. Gudrun und ein paar Mägde bewirteten die Fahrer der Wagen und ihre aus fahrenden Rittern bestehende Eskorte mit einem Trunk. »Holt man Reitpferde nicht eher aus den Reichen der Mauren? Und aus meinem Heimatland, wo man prächtige Rösser züchtet, wie Ihr wisst?«

Linhard zuckte mit den Schultern. »Schlachtrosse holt man aus Kastilien, das ist schon richtig«, räumte er ein. »Auch erstklassige Maultiere. Das Gespann hier …« Er wies auf zwei kräftige Mulis, denen ein Knecht eben den Schweiß abwusch, bevor er sie in den Stall führte, »… kommt zum Beispiel aus hispanischen Landen. Und die Pferde der Mauren sind als schnell und mutig bekannt. Angeblich zog ja schon ihr Prophet Mohammed mit ihnen in den Kampf. Ein Kaufmann ist jedoch kein Krieger. Er braucht ein zähes Pferd: schnell, wenn es sein muss, aber vor allem ausdauernd, genügsam. Und in Russland gibt es eine Rasse, die nicht ihresgleichen hat. Pferde so anspruchslos wie brave Saumtiere, doch so feurig wie die Renner der Wüste. Das haben mir die slawischen Händler zumindest versichert. Und weiß Gott, selbst wenn’s denn der Wirklichkeit nicht gänzlich standhält – das Pferd, das ich für Endres mitgebracht habe, ist so außergewöhnlich … Ich kam schlicht nicht daran vorbei.«

Damit führte er den Ritter sowie seine aufgeregte Tochter und seinen schicksalsergebenen Sohn zum letzten Wagen des Zuges, an den seine Neuerwerbung angebunden war. Beifall heischend vermerkte er, dass allen dreien der Atem stockte.

»Ein Pferd aus Gold!«, flüsterte Don Alvaro. »Madre de Dios! Das ist … das ist unglaublich …«

Aenlin konnte es ebenfalls kaum fassen. Die zweifellos noch junge Stute, die verloren und verängstigt auf das Treiben auf dem Hof blickte, sah tatsächlich aus, als hätte man sie aus Gold gemeißelt, das Fell hatte einen metallischen Glanz. Aenlin wusste nicht, ob man sie als Fuchs oder Falbe bezeichnen sollte – wohl eher Letzteres, denn ihr schütteres Schweif- und Mähnenhaar war dunkel. Das Pferd war recht groß, allerdings zartgliedrig, die Beine lang und trocken, der Hals schlank. Viel geritten hatte man das Tier sicher noch nicht, die Bemuskelung sprach nicht für regelmäßige Arbeit.

Don Alvaro sah das ebenfalls. »Wie alt ist sie? Zwei?«, erkundigte er sich.

»Drei, sagte man mir«, gab Aenlins Vater Auskunft. »Und sie hat auch schon einen Reiter getragen. Zum Glück nicht oft, was gut ist, wie man mir ebenfalls versicherte. Denn diese Tiere sind sehr menschenbezogen. Sie stellen sich auf einen Reiter ein und sind diesem treu … Du hast also eine besondere Aufgabe, Endres! Du wirst die Stute zähmen müssen.«

Ihr Vater wandte sich an seinen Sohn, der das Pferd zwar bewundernd, doch eher misstrauisch betrachtete. Ein so junges und so hochblütiges Tier hatte er bisher nie geritten. Endres mochte ruhige Pferde, auf deren Rücken er seinen Gedanken nachhängen konnte. Dieses hier sah dagegen aus, als forderte es seine gesamte Aufmerksamkeit.

»Na, zahm wird sie ja wohl schon sein!« Das war Hans, der Stallmeister. Auch er hatte inzwischen von dem Neuerwerb seines Herrn gehört und stand ebenso beeindruckt vor dem goldenen Pferd wie alle anderen. »Wenngleich sie ziemlich verschreckt wirkt. Ist wohl ein bisschen viel für sie, der Lärm hier und die Menschen und Pferde. In den slawischen Ländern … gibt’s da nicht mehr … Steppe? Weites Land? Ich denk, die Hübsche braucht Ruhe. Ich bringe sie mal in den Stall.« Damit griff er beherzt nach dem Strick, mit dem das Pferd an den Lieferwagen gebunden war, und löste ihn. »Wie heißt sie denn, Meister Linhard? Hat sie einen Namen?«, erkundigte er sich gutmütig.

Aenlins Vater überlegte kurz. »Sie heißt Meletay«, erklärte er, »ein seltsamer Name. Ich weiß nicht, was er bedeutet, aber so wurde sie mir vorgestellt.«

Hans nickte ergeben. »Na, dann mal los, Millie … oder wie auch immer man dich hier rufen wird …«

Der Stallmeister machte Anstalten, das Pferd vom Wagen wegzuführen, doch die Stute verharrte wie versteinert. Der vierschrötige Mann an ihrem Führstrick machte ihr wohl Angst. Auf keinen Fall wollte sie ihm folgen.

Aenlin konnte sich kaum bezähmen einzugreifen. Sie meinte, Meletays Angst zu spüren, ihren rasenden Herzschlag, ihre angespannten Muskeln … und sie wünschte sich nichts mehr, als diesem Pferd beruhigend zuzusprechen, seinen glänzenden Hals zu streicheln …

Meletay … Aenlin prägte sich der Name sofort ein. Fremdartig und dennoch sanft – wie gemacht für dieses Zauberpferd, das immer noch wie erstarrt mit panischem Blick hinter dem Wagen stand.

Hans murmelte ein paar beruhigende Worte, doch die junge Stute schien ihn nicht zu hören. Sie schaute nur aus ihren riesigen schwarzen Augen durch ihn hindurch, und als er den Strick schließlich annahm, riss sie den Kopf hoch und wich vor ihm zurück. Hans verlor die Geduld, nahm den Strick kürzer und forderte das Pferd energisch auf, ihm zu gehorchen. Meletay ließ das endgültig explodieren. Hans’ kräftiges Rucken am Führstrick quittierte sie mit einem Steigen, rannte dann los, kaum dass sie wieder mit allen vier Hufen auf dem Boden stand, und schleifte Hans ein paar Ellen mit, bevor auch er wieder festen Stand erlangte und sie bremsen konnte.

Aenlin war von ihrem Vater in Deckung gezerrt worden, er befürchtete wohl, das Pferd könnte sich losreißen und seine Tochter verletzen. Endres flüchtete hinter einen Stoffballen. Nur Don Alvaro behielt die Ruhe. Er wollte Hans beispringen, der hatte die Situation allerdings schon wieder unter Kontrolle.

»Ich werd dir gleich geben, mich umzurennen!«, schimpfte der Stallmeister, brachte es jedoch nicht über sich, das verängstigte Geschöpf zu schlagen, das er da am Führstrick hielt. Die langbeinige, goldfarbene Stute stand jetzt still, zitterte jedoch am ganzen Körper.

Aenlin konnte nicht länger an sich halten. Sie verließ die Deckung und näherte sich dem Mann und dem Tier. »Nicht anschreien! Sie hat doch Angst!« Vorsichtig schloss sie auf zu Hans und dem Pferd. Meletay fuhr erneut zusammen, als sie das Mädchen in seinen wallenden langen Kleidern sah. Und wieder verfluchte Aenlin ihr Geschick: Warum musste sie sich in weite Ober- und Untergewänder hüllen, wo die Beinkleider und Tuniken der Männer so viel praktischer waren? »Nicht fürchten«, flüsterte sie der Stute zu. »Ich tu dir nichts. Wie könnte ich? Wie kann überhaupt jemand einem so schönen Geschöpf wie dir etwas antun?«

Sie hob langsam die Hand, um das seidige Fell zu streicheln. Die Stute ließ es zitternd geschehen. Aenlin ließ die flache Hand auf ihrem Hals ruhen und begann, ihr Pferdelied für sie zu summen. Sie hatte sich die ruhige, getragene Melodie vor langer Zeit ausgedacht – aus unerfindlichen Gründen wirkte sie beruhigend auf die Tiere. Selbst Hans hatte das schon bemerkt. Einmal hatte Aenlin ihn ertappt, wie er die Melodie für einen aufmüpfigen Hengst brummte. Von Aenlin intoniert, entfaltete sie jedoch eine deutlich bessere Wirkung. Ihre Stimme war hoch und rein, sie traf jeden Ton leicht, und sie liebte es zu singen.

Auch was das anging, haderte sie mit ihrem Schicksal: Wäre sie ein Mädchen von Adel, hätte sie ein Instrument erlernen dürfen, und ihre musikalische Begabung wäre gefördert worden. Eine Kaufmannsfrau würde allerdings höchstens Befremden ernten, wenn sie Gäste durch das Lautenspiel unterhielte. Aenlin wurde von Frau Gudrun sogar gerügt, sobald sie außerhalb der Kirche die Stimme erhob. Lediglich Endres freute sich am Gesang seiner Schwester, und er führte ihr immer wieder die einzige Möglichkeit vor Augen, etwas aus ihrer Stimme zu machen. »Wenn du singen willst, musst du ins Kloster gehen. Die Schwestern singen viel, es gibt Klöster, die für ihre Chöre berühmt sind. In Italien gibt es eines, das nähme dich glatt ohne Mitgift, wenn die Oberin dich einmal singen hörte.«

Aenlin wollte jedoch nicht für Gott singen, und erst recht zog es sie nicht in klösterliche Abgeschiedenheit. Lieber sang sie für die Pferde.

Wie erwartet beruhigte sich auch die Stute aus Kiew bei Aenlins Lied. Sie stellte die Ohren auf, die sie vorher angstvoll verspannt zur Seite gerichtet hatte, und senkte schließlich den Kopf.

»Nun komm!«, forderte Aenlin sie daraufhin sanft auf, und tatsächlich folgte ihr das Pferd in Richtung Stall. Hans hielt ihnen die Tür auf und bedachte das Mädchen mit einem anerkennenden Nicken. Aenlin wollte ihm zulächeln, doch dann sah sie Endres, der inzwischen zwar hinter dem Stoffballen hervorgekommen war, aber immer noch an die Hauswand gedrückt dastand. Der Schrecken spiegelte sich in seinem Gesicht. Er wirkte alles andere als erfreut über sein erlesenes Geschenk. Aenlin führte die Stute auf ihn zu. »Bring du sie in den Stall!«, forderte sie ihren Bruder auf. »Sie soll ja dir gehören. Oh, Endres, ich wünschte so sehr, ich wäre an deiner Stelle! Solch ein Pferd zu besitzen! Es ist so wunderschön.«

»Meletay trägt ein Gewand wie das deine«, bemerkte Endres und wies auf die goldenen Fäden, mit denen der Ausschnitt von Aenlins Überkleid durchwoben war. »Und sie mag dich. Du solltest sie haben.«

Aenlin seufzte. »Das sag mal Vater«, murmelte sie. »Aber nun komm, führ sie in den Stall!« Sie merkte gar nicht, dass sie ihren Bruder mit ähnlichen aufmunternden Worten ansprach wie eben die Stute. Hier zeigten sie jedoch nicht annähernd dieselbe Wirkung.

»Sie ist wild …«, murmelte Endres und näherte sich dem Tier, als hätte er es mit einem schwelenden Feuer zu tun, das jederzeit wieder auflodern konnte.

Die goldfarbene Stute registrierte seine Angst und wich nervös zurück. Aenlin reichte ihrem Bruder nichtsdestotrotz den Führstrick. Endres ergriff ihn mit zitternden Fingern und ließ ihn gleich wieder los, als das Pferd vor einer Katze scheute, die neugierig hinter einem Stoffballen hervorsprang.

»Endres!« Aenlin und Hans gaben gleichermaßen ihrem Missfallen Ausdruck. »Du kannst sie doch nicht einfach laufen lassen!«

Die Stute hatte ihre Freiheit zum Glück noch gar nicht bemerkt. Sie stand erneut wie erstarrt mit hoch erhobenem Kopf da und fixierte ängstlich schnaubend das Wagenrad, hinter dem sich das Kätzchen jetzt versteckte.

»Hierher!« Aenlin schob sich zwischen das Pferd und den Wagen und rief die Stute mit schmeichelnder Stimme. »Komm zu mir! Die Miez tut dir nichts. Keiner tut dir etwas, am allerwenigsten ich. Komm zu mir, meine Schöne, Goldene, ich sing dir auch ein Lied.«

Sie begann wieder zu summen, und tatsächlich setzte sich das Pferd in ihre Richtung in Bewegung. Aenlin legte Meletay die Hand auf die Stirn, und sie gab ein erleichtertes Schnauben von sich.

»Da hast du es, sie liebt dich«, erklärte Endres.

Aenlin führte die Stute in den Stall. Sie wusste nicht, ob das Tier sie bereits liebte, doch sie selbst, das spürte sie tief in ihrem Herzen, war verloren. Sie war der Stute verfallen, sie wollte sie reiten, sie beschützen, die Welt mit ihr erobern. Wenn es nur irgendeine Möglichkeit dazu gäbe …

Immerhin erlebte sie eine Überraschung, als sie schließlich aus dem Stall kam. Don Alvaro, der spanische Caballero, verbeugte sich vor ihr.

»Respekt, Señorita! Ich habe von Menschen gehört, die eine solche Wirkung auf Pferde haben wie Ihr. Ihr verzaubert sie, sie vertrauen Euch. Sie würden Euch bis in die Hölle folgen. Wäret Ihr nur ein Mann, Señorita. Ihr könntet es weit bringen!«

Aenlin errötete und hoffte, dass er nicht noch weitere Schlüsse aus ihren für ein Mädchen ziemlich ungewöhnlichen Begabungen zog. Dann dankte sie ihm schüchtern. Sie musste sich jetzt zurückziehen. Sie hatte Endres schon genug in Schwierigkeiten gebracht, sicher würde der Vater ihm gleich vorhalten, um wie viel mutiger als er selbst seine Schwester sich eben gezeigt hatte.

Mit einem bedauernden Blick auf das immer noch lebhafte Treiben auf dem Hof, dem sie gern weiter beigewohnt hätte, verzog sich Aenlin in ihre Räume. Sie war es so leid, ein Mädchen zu sein!

KAPITEL 3

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Endres hatte sich schon durch viele Aufgaben überfordert gefühlt, vor die sein Vater ihn gestellt hatte, doch nichts war bislang an die Arbeit mit der Stute Meletay herangekommen. Dabei musste das russische Pferd keineswegs gezähmt werden – Aenlin bedauerte im Stillen die unglückliche Wortwahl ihres Vaters. Tatsächlich benahm sich Meletay ganz manierlich, nachdem sie sich von den Strapazen und Schrecken der Reise erholt und sich etwas an die Abläufe in Meister Linhards Stall gewöhnt hatte. Meletay ließ sich brav aufhalftern, aus dem Stall führen und anbinden, doch sie erinnerte Aenlin dabei an eine gespannte Sehne. Das Pferd war von Angst erfüllt, ständig fluchtbereit. Bei jeder kleinsten Irritation schreckte es zusammen, und besonders in den ersten Tagen zerrte es immer wieder am Strick, es zerriss sogar ein Halfter.

Meletay hätte einen Betreuer gebraucht, der ihr Sicherheit gab, der ihr beruhigend zusprach, sie sanft, aber doch entschieden an all das Neue heranführte, das in ihrem neuen Zuhause auf sie einströmte. Endres war für all das völlig ungeeignet. Zwar holte er sein Pferd weisungsgemäß aus dem Stall, wenn sein Vater oder Hans ihn dazu aufforderten, rechnete dabei aber ständig damit, dass die Stute sich losriss und ihn dabei überrannte, und war deshalb nicht weniger ängstlich als das Tier selbst. Wenn er mit ihm sprach, zitterte seine Stimme, wenn er es führte, ergriff er den Strick am äußersten Ende und ließ ihn los, sobald Meletay scheute. Den Striegel führte er so vorsichtig über ihr Fell, dass er das sensible Tier kitzelte, woraufhin die Stute erschauerte, zurückwich – und Endres erneut Angst machte.

So oft wie möglich tauschte er die Rollen mit Aenlin, wenn die Stallarbeit anstand. Dabei erkannten natürlich beide die Risiken: Aenlins Umgang mit Meletay unterschied sich so sehr von Endres’ ängstlichem Vorgehen, dass der Stallmeister argwöhnisch werden musste. Zumal er das Mädchen weit besser kannte als etwa Don Alvaro. Es würde ihm leichtfallen, die richtigen Schlüsse zu ziehen.

Aenlin hielt ihrem Bruder dies immer wieder vor und versuchte verzweifelt, ihn zu einem etwas beherzteren Umgang mit Meletay zu bewegen. Allerdings brachte sie es nicht über sich, den Jungen einfach öfter mit dem Pferd allein zu lassen und ihn damit zu zwingen, der Stute näherzukommen. Im Gegenteil – während sie bislang zwar vage Neidgefühle entwickelt hatte, aber niemals wirkliche Ressentiments gegen ihren Bruder, regte sich jetzt schon die Eifersucht in ihr, wenn Meletay sich nur einem Knecht oder dem Stallmeister freundlich zuwandte. Am liebsten hätte Aenlin die Stute aus Kiew ganz für sich gehabt, und sie ging weitere Risiken ein, entdeckt zu werden, indem sie sich auch in ihren Mädchenkleidern so oft wie möglich in den Stall schlich, um Meletay zu füttern und zu streicheln. Sie sang für die Stute, während Endres sie putzte und sattelte.

Ihren Bruder schien die gleichmäßige Tonfolge ebenfalls zu beruhigen. Er handhabte den Striegel nicht mehr gar so ungeschickt und warf den Sattel nicht ganz so ängstlich auf den Rücken der sensiblen Stute. Eigentlich hätte man ihn vorsichtig auf Meletays Rücken gleiten lassen müssen, doch Endres brachte es noch nicht über sich, dem Tier dazu ausreichend nahe zu kommen.

»Wie willst du sie denn reiten, wenn du schon Angst hast, ihr nur den Sattel richtig aufzulegen?«, fragte Aenlin ärgerlich, als er sich auch noch zwei Wochen nach Ankunft des Pferdes kaum dazu überwinden konnte, den Sattelgurt anzuziehen.

Endres biss sich auf die Lippen. »Ich will sie nicht reiten!«, erklärte er verzweifelt. Bisher hatte er sich darauf beschränkt, das Pferd an einer langen Leine um sich herumtraben zu lassen, um es zu bewegen. Hans fand das eine gute Maßnahme, um sowohl das junge Tier an den Sattel zu gewöhnen, als auch seinen ängstlichen Schüler mit der Stute vertraut zu machen. »Sie erschrickt doch immer noch vor jeder Kleinigkeit. Und wer weiß, ob sie wirklich schon mal einen Reiter getragen hat. Sie wird mich abwerfen.«

Aenlin bezweifelte das. Meletay musste mit dem Sattel vertraut sein – und sie öffnete bereitwillig das Maul, um ein Gebiss zu nehmen. Die Stute neigte auch nicht zum Buckeln. Aenlin glaubte nicht, dass sie versuchen würde, sich eines Reiters durch Bocksprünge zu entledigen. Eher würde sie fortlaufen. Wenn Meletay sich vor etwas fürchtete, verspannte sie sich entweder und erstarrte, oder sie trat die Flucht nach vorn an.

»Aber du musst sie reiten!«, wandte sie sich jetzt wieder an ihren Bruder, obwohl ihr Herz blutete. »Du hast doch gehört, Vater plant, dich mit der nächsten Handelskarawane nach Süden zu schicken. Mit der Reliquie … zu dieser Prinzessin.«

Ihr Vater hatte seinem Sohn seine Pläne am Tag zuvor eröffnet. Das Ziel der nächsten Reise sollte Zamora sein, eine Stadt im Königreich León auf der spanischen Halbinsel. Linhard beabsichtigte, Endres mit einigen Knechten loszuschicken, Don Alvaro hatte sich bereit erklärt, den Zug zu begleiten. Sie würden flandrisches Tuch und slawische Pelze mitnehmen, doch vor allem sollte die Reliquie, die ihr Vater in Kiew erstanden hatte, in die Hände der Prinzessin Urraca gelangen. Urraca, neben ihrer Schwester Elvira die einzige weibliche Erbin des einige Jahre zuvor verstorbenen Königs Ferdinand von León, herrschte über die Handelsstadt an der Grenze zum maurischen Al Andalus. Bislang war sie nicht in die Erbfolgekriege verwickelt, die seit Ferdinands Tod in Kastilien, Galicien und León wüteten, nachdem sich ihre Brüder Alfons und Sancho gegenseitig das Erbe streitig machten. Um sich weiterhin göttlichen Schutzes zu versichern, sammelte Urraca Reliquien, bevorzugt von weiblichen Märtyrern, die sich ihren männlichen Widersachern nicht hatten beugen wollen.

Für den Hautfetzen der heiligen Barbara, der sich angeblich in dem kunstvoll gearbeiteten Gefäß verbergen sollte, das Linhard in Kiew erstanden hatte, würde sie eine hohe Summe zahlen – und obendrein würde die Lieferung dieses Schatzes Endres als jungem Kaufmann die Türen zu ihrem Land öffnen. Zweifellos würde Urraca Endres persönlich empfangen, er könnte mit seinen Sprachkenntnissen glänzen … Linhard fand diese Reise ideal als Einstieg in eine erfolgreiche Karriere als Kaufmann. Der Weg nach Zamora galt zudem als recht sicher. König Alfons VI., Urracas Bruder, bot den Händlern freies Geleit durch seinen Herrschaftsbereich.

»Ich mag noch gar nicht dran denken …« Endres seufzte. »Es sind fast tausend Meilen, Aenlin! Wir werden wochenlang unterwegs sein … und wer weiß, ob die Leute da wirklich alle so friedlich sind. Immerhin bekriegen sich diese Fürsten. Keiner weiß, wo in ein paar Wochen welches Heer stehen wird.«

Aenlin machte das weniger Angst. »Eher musst du mit Straßenräubern rechnen«, bemerkte sie, »Heere kann man wahrscheinlich leicht umgehen … oder sich freikaufen … Und du hast Don Alvaro, dir wird schon nichts passieren. Vater wird allerdings darauf bestehen, dass du dein Pferd reitest. Du musst jetzt mal in den Sattel, Endres, daran geht kein Weg vorbei!«

Endres biss weiter auf seiner Unterlippe herum. »Mach du es«, verlangte er dann. »Wenigstens das erste Mal. Damit ich … also wenn ich sehe, dass sie nichts anstellt …«

»Wenn sie mich runterbuckelt, wäre das also nicht so schlimm?«, neckte Aenlin ihren Bruder, fühlte sich aber dennoch geschmeichelt. Sie hatte es zwar als ihre Pflicht erachtet, Endres zu ermahnen, trotzdem brannte sie darauf, die Erste zu sein, die sich auf Meletays Rücken schwang. »Also gut«, sagte sie schließlich, als sie sah, dass Endres schon wieder ängstlich das Gesicht verzog, da er sich um seine Schwester ebenso zu ängstigen schien. »Ich mache es. Allerdings nur ein Mal. Danach musst du selbst drauf.«

»Wann?«, fragte Endres nervös.

Aenlin nickte. »Gleich morgen. Vater ist auf der Stoffbörse, und Hans muss zu Hause bleiben, er kriegt eine Getreidelieferung. Also wird mich ein Knecht begleiten. Ich frag den Fritz. Der reitet zwar ganz furchtlos, aber sonst hat er nichts im Kopf. Ich glaub nicht, dass der argwöhnt.«

Der Stallmeister lamentierte etwas, als »Endres« ihm am nächsten Tag vorschlug, mit der Stute Meletay auszureiten. Er hätte seinen ängstlichen Reitschüler wohl lieber selbst beim ersten Ritt auf dem neuen Pferd begleitet. Letztlich war er jedoch so froh über Endres’ plötzlich erwachten Mut, dass er keine ernsthaften Einwände äußerte. Wie erwartet befahl er dem Stallburschen Fritz ein älteres, braves Pferd zu satteln und den jungen Reiter damit zu begleiten.

»Vielleicht führt Ihr sie erst mal durch die Stadt, junger Herr …«, überlegte Hans, als Aenlin die tänzelnde Stute auf den Hof brachte. »Es ist viel los auf den Straßen. Wenn sie Euch da durchgeht …«

Aenlin fragte sich, ob es die Stute war, der Hans nicht vertraute, oder ob er argwöhnte, dass Endres im Zweifelsfall eher abspringen, als das Pferd beruhigen und kontrollieren würde.

Sie schüttelte den Kopf. »Ach was, Hans, vom Boden aus werde ich sie auch nicht halten, wenn sie wirklich davonstürmt. Im Gegenteil, vom Sattel aus kann ich viel besser einwirken. Außerdem wird sie nicht von der Liese weglaufen. Pferde kleben doch aneinander, gerade in beängstigender Umgebung. Und die Liese kennt sie ja.«

Tatsächlich hatte Hans die alte Stute von Anfang an neben den schüchternen Neuzugang gestellt. Die Pferde verstanden sich sehr gut, Liese würde Meletay zweifellos Vertrauen einflößen. Hans wirkte dennoch skeptisch – er wunderte sich wohl auch über Endres’ plötzliche Beherztheit. Während er Meletay festhielt, brummelte er beruhigende Worte.

Aenlin glitt vorsichtig und geschmeidig in den Sattel der Stute. Sanft streichelte sie den Hals des Pferdes, bevor sie die Zügel aufnahm, ein Gefühl, als glitte ihre Hand über reinste Seide. Es war berauschend, auf diesem großen Pferd zu sitzen, den goldenen, hoch aufgerichteten Hals vor sich …

»Meletay …« Aenlin flüsterte den Namen der Stute. Sie wünschte sich, ihn singen zu dürfen.

Meletay richtete ihre schmalen Ohren nach hinten. Sie wirkte nicht nervös, sie erkannte ihre Reiterin.

»Können wir dann mal?«, fragte Fritz, ein kleiner, hagerer Bursche mit einem spitzen Gesicht wie ein Mäuserich. Er verstand ganz offensichtlich nicht, warum der Stallmeister und sein junger Herr ein solches Gewese um das neue Pferd machten.

Aenlin nickte. Hans ließ Meletays Zügel los und machte Anstalten, den Reitern das Tor zu öffnen. Liese, eine mittelgroße Braune, stapfte unbeeindruckt auf die Straße vor dem Handelshaus, auf der wie erwartet reger Betrieb herrschte. Meister Linhards Geschäft lag zentral zwischen Domplatz und Stadtmauer, die Straße davor war breit genug, um auch schweren Gespannen Platz zu bieten. Tatsächlich führte sie direkt von einem der Stadttore zum Dom und war entsprechend stark befahren. Es gab leichtere und schwere Wagen, bespannt mit Pferden und Maultieren. Männer und Frauen schoben mit Obst und Gemüse beladene Handkarren, offenbar auf dem Weg zum Markt. Zwei Ritter auf ungeduldig tänzelnden Streithengsten versuchten vergeblich, sich schnelleren Durchgang zu schaffen.

Meletay blickte verwirrt auf das Durcheinander. Sie blieb zunächst stehen, anscheinend besorgt, den inzwischen vertrauten Hof des Handelshauses zu verlassen. Als Aenlin ihr sanft die Hilfen zum Antreten gab, entschloss sie sich aber doch, Liese zu folgen. Angespannt wie eine Feder machte sie kurze, staksige Schritte. Aenlin, die ihre Aufregung spürte, musste sich ihrerseits anstrengen, gelassen zu bleiben. Sie saß locker im Sattel, entlastete den Rücken der Stute eher, als tief einzusitzen, hielt aber leichten Zügelkontakt, um Meletay Sicherheit zu geben. Immer wieder sprach sie beruhigend auf die Stute ein oder summte das Lied für sie. Sie ritt hoch konzentriert, versuchte jede Regung, jede Angst ihres Pferdes zu erspüren, um Meletay beruhigen zu können, bevor sie vor irgendetwas scheute und wegsprang.

Von dem Verkehr um sie herum bekam Aenlin kaum etwas mit, auch nicht von den bewundernden Blicken und begeisterten Ausrufen, die Meletays Anblick den Passanten entlockte. Selbst die Ritter verhielten ihre Pferde und starrten fasziniert auf das goldfarbene Tier.

»Schade, dass es so spillerig ist«, meinte einer von ihnen. »Und eine Stute. Wenn das ein starker Hengst wäre … der wäre eines Königs würdig!«

Aenlin lächelte den beiden schüchtern zu und bedankte sich, als sie Liese und Meletay vorbeiließen. Sie begann, etwas zu entspannen. Vor ihnen lag das Stadttor, bald würden sie auf dem Treidelweg am Rhein sein. Da gab es mehr Platz, vielleicht konnte sie die Stute traben lassen.

Meletay tänzelte nervös, als sie das Stadttor passierten und die bewaffneten uniformierten Wachen nah an sie herantraten – zweifellos eher aus Neugier bezüglich des schönen Pferdes denn mit der Absicht, Aenlin zu kontrollieren. Ihr Vater, Meister Linhard, war hier wohlbekannt, und natürlich ebenso sein Sohn und seine Knechte.

Meletay scheute ein wenig, als einer der Büttel Anstalten machte, sie zu streicheln, doch sie blieb am Zügel. Aenlin war stolz auf sie, als sie endlich das Tor durchschritten hatten und die Stute die Hufe auf unbefestigten Boden setzte. Vor ihnen lag der Rhein. Meletay starrte verwirrt auf den breiten Fluss, in dessen leichten Wellen sich die Sonne brach. Aenlin hätte sie jetzt am liebsten gleich antraben lassen – sie sollte ihre Erregung in Bewegung umsetzen. So kurz vor der Stadt waren jedoch immer noch recht viele Leute unterwegs. Ängstlich blickte Meletay auf die Rute eines Anglers und ging nervös seitwärts, als sie eine Gruppe Goldwäscher im seichten Wasser ihre Pfannen schwingen sah. Die Menschen reagierten nicht minder verwundert auf das goldene Pferd.

»Meiner Treu!«, rief eine Frau. »Wir mühen uns hier ab um ein paar Plättchen, und andere haben so viel Gold, dass sie ihre Pferde daraus schmieden.«

Fritz lenkte seine Liese stromabwärts, und Meletay folgte brav – bis ihnen ein Flussschiffer mit einem Gespann schwerster Kaltblüter entgegenkam, das ein mit Holzstämmen beladenes flaches Schiff flussaufwärts zog. Das war zu viel für Meletay! Die Stute erschrak, warf sich blitzschnell herum und floh über einen Grasweg, der in den Pfad am Flussufer mündete. Sie galoppierte mit riesigen Sprüngen – Aenlin brauchte ein paar Herzschläge, um ihren Sitz zu ordnen und die Stute unter Kontrolle zu bekommen. Meletay war sensibel, ihre früheren Reiter hatten sie offensichtlich nicht mit Kraft gebändigt.

Sobald Aenlin die Zügel wieder aufnahm und sich tief in den Sattel setzte, wurde die goldene Stute langsamer. Doch nun stach Aenlin der Hafer. Der Weg führte zwischen Feldern und Wiesen her, wahrscheinlich zu irgendeinem Bauerngehöft. Auf jeden Fall war er kaum befahren und obendrein ging es leicht bergauf. Noch bessere Bedingungen, Meletay rennen zu lassen, gab es nicht. Aenlin lehnte sich leicht im Sattel nach vorn, legte die Schenkel an und gab die Zügel frei.

»Lauf, Schöne!«, flüsterte sie. »Zeig mir, wie schnell du bist!«

Meletay ließ sich das nicht zweimal sagen. Ihre Galoppsprünge wurden sofort weiter, sie streckte sich, und schließlich rannte sie – schneller, als Aenlin es sich je hatte träumen lassen. Es war ein unglaubliches Gefühl, das leichte Pferd unter sich zu spüren. Meletay schien den Boden kaum noch zu berühren, und Aenlin meinte, fliegen zu können, meinte eins mit dem Gras und der Sonne und den Wolken zu werden, den Himmel erstürmen zu können. Die Stute wurde nicht müde, sie gab Aenlin das Gefühl, ewig so weiterjagen zu können.

Ein paar Bauernhäuser brachten Aenlin zurück in die Wirklichkeit. Endlich fielen ihr Fritz und Liese wieder ein, die sie am Rhein zurückgelassen hatte. Hoffentlich machte sich der Knecht keine Sorgen und ritt womöglich zurück nach Hause, um Hilfe zu holen! In dem Fall befürchtete sie ernsthafte Vorwürfe von ihrem Vater. Obwohl der vielleicht ganz glücklich wäre, dass Endres endlich mal etwas gewagt hatte. Aber was würde Hans sagen, wenn ihr Bruder sich morgen wieder kaum mit der Stute vom Hof traute?

Aenlin musste jetzt jedenfalls schnell zurück. Sie wendete Meletay, die ihren Hilfen brav folgte, und setzte die Stute in Trab – wobei sie beinahe in den nächsten Rausch der Begeisterung verfallen wäre. Meletays Trab war lang und weich, gut zu sitzen, gleichmäßig … Das Pferd aus Kiew war nicht nur schön, es war auch reiterlich eine Offenbarung. Aenlin klopfte ihm den Hals und flüsterte lobende Worte. Der Gedanke, sich jemals von Meletay trennen zu müssen, zerriss ihr das Herz, doch bevor sie darüber weiter nachdenken konnte, erkannte sie Fritz und Liese auf dem Grasweg. Der junge Knecht hatte sich offensichtlich gar nichts dabei gedacht, dass Aenlin Meletay hatte weiterrennen lassen, sondern war ihr einfach gemächlich gefolgt.

»Da seid Ihr ja«, begrüßte er sie gelassen. »Das kann wohl rennen, Euer Pferd. Da kam die Liese nicht mit. Aber nun müssen wir zurück, junger Herr. Der Hans sagt, wir sollten nicht länger ausbleiben als bis zur Mittagsstunde.«

Daran schien Fritz auch persönlich etwas zu liegen. Um die Mittagsstunde gab es in der Küche des Handelshauses eine Vesper, und die mochte der magere junge Knecht nicht verpassen. Also machte er seiner Liese jetzt Beine. Meletay war nach dem langen Galopp vollständig entspannt und trug Aenlin in raschem, weitem Schritt zurück in die Stadtmauern.

»Und, war sie brav?«, fragte Hans, als die Reiter das Tor des Handelshauses durchritten. Meletay tänzelte jetzt nicht mehr, sondern bewegte sich ganz gelassen.

»Sie war wundervoll!«, sagte Aenlin strahlend. »Sie war einfach wundervoll!«

KAPITEL 4

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»Es war entsetzlich! Es war einfach nur schrecklich!« Endres wirkte mitgenommen, als er am nächsten Tag endlich von seinem eigenen ersten Ritt auf Meletay nach Hause kam. Er traf Aenlin im Garten an, wo sie Kräuter erntete. Als sie sein Gesicht sah, fand sie allerdings, es wäre besser, den Korb stehen zu lassen und sich in das Brombeerdickicht zu verziehen. Endres zitterte und war kurz davor, in Tränen auszubrechen. Auf keinen Fall sollten ihn ihre Eltern oder gar Don Alvaro, der in Kürze zum Schwertkampfunterricht erwartet wurde, in diesem Zustand sehen. »Ich kann das Pferd nicht reiten, Aenlin, ich kann nicht!«, stieß Endres hervor, kaum dass sie beide ihr Refugium erreicht hatten. »Das hat ja den Teufel im Leib! Keinen Herzschlag lang kann es still stehen, es trippelte schon auf der Stelle, als ich nur aufstieg. Und dann der Weg zum Rhein hinunter … vor jedem Handkarren hat die Stute gescheut, hätte einen Bettler fast umgerannt. Das Stadttor … Sie ist gestiegen, als ihr einer der Büttel zu nahe kam, und losgestürmt, zwischen all den Leuten hindurch, die rein- und rauswollten, und am Rhein entlang … Ich bin … ich bin irgendwann abgesprungen …«

»Du bist was?«, fragte Aenlin entsetzt. Das musste lebensgefährlich gewesen sein, so schnell, wie Meletay am Vortag gewesen war.

»Ich bin abgesprungen, als sie plötzlich stehen blieb, weil uns ein Eselskarren entgegenkam. Einen Esel hat sie wohl noch nie gesehen … oder was weiß ich, was sie daran so aufgebracht hat … Jedenfalls hat sie die Beine in den Boden gerammt, ich wäre beinahe über ihren Kopf rübergeschossen und gefallen, aber ich konnte mich gerade noch halten und …«

Endres berichtete atemlos weiter, wobei Aenlin kaum glauben konnte, dass er von dem Pferd sprach, das ihr den Ritt ihres Lebens beschert hatte.

»Du bist hingefallen?«, fragte sie mit einem kundigen Blick auf sein schmutziges Reitzeug.

Endres nickte. »Aber nicht schlimm. Bloß in eine dumme Pfütze. Das war mir egal, ich …«

»Und Meletay?« Aenlin sorgte sich auch um die Stute.

»Die ist zurück zur Liese, Fritz hat sie eingefangen. Dann bin ich natürlich wieder drauf. Musste ich ja …« Der Schrecken, der sich in Endres’ Gesicht widerspiegelte, wich Resignation.

Aenlin war froh, dass ihr Zwillingsbruder zumindest nicht darauf bestanden hatte, mit dem Knecht die Pferde zu tauschen. Fritz’ grobe Fäuste am Zügel der sensiblen Stute mochte sie sich gar nicht vorstellen.

»Zurück war sie sicher ruhiger«, meinte sie begütigend.

Endres hob die Schultern. »Ich weiß nicht. Ich weiß gar nichts mehr. Nur, dass ich sie irgendwie zurückgebracht habe. Und ich will nie wieder auf dieses Pferd, Aenlin. Nie! Egal, was passiert … Und jetzt muss ich auch noch zu Don Alvaro. Ich …«

Aenlin seufzte. »Ich gehe für dich zu Don Alvaro«, erklärte sie. »So zittrig, wie du bist, kannst du kein Schwert führen. Ich muss nur sehen, dass ich rasch in dein Zimmer komme, um mir saubere Sachen zu holen. Und du bleibst hier und beruhigst dich. Denn natürlich musst du Meletay wieder reiten. Sie ist doch dein Pferd!«

Aenlin brachte den Korb mit den Kräutern rasch in die Küche und war erleichtert, dass sie ihre Mutter nicht antraf. Die hätte ihr sonst womöglich weitere Aufgaben übertragen. Rasch schlich sie sich in den Wohntrakt des Hauses, lief in Endres’ Schlafraum, der sehr viel weniger prächtig eingerichtet war als der ihre, und nahm saubere Beinlinge und ein Wams aus seiner Truhe. Das Lederwams spannte etwas. Sehr lange würde sie nicht mehr ignorieren können, dass ihre Brüste sich entwickelten. Auf Dauer würden sie sich nicht mehr einschnüren lassen.

Aenlin war nahe daran, Endres’ Verzweiflung zu teilen. Wie sollte all das weitergehen?

Sie lief hinaus und unterhielt Don Alvaro erst mal bestens mit dem Bericht von ihrem Ritt auf der russischen Stute. Begeistert schilderte sie Meletays lange Galoppsprünge, ihren weichen Trab und ihre Ausdauer.

»Und dabei ist sie noch nicht einmal richtig trainiert«, erklärte sie. »Wenn sie einmal voll ausgewachsen und gut bemuskelt ist …«

»Es freut mich jedenfalls, dass Ihr endlich Freude an ihr findet, Señor Endres«, bemerkte der Ritter. »Und Muskeln wird sie schon entwickeln. Bis nach Zamora ist es ein langer Ritt.«

Auch in den nächsten Tagen versuchte Endres, sich vor Ausritten auf Meletay so oft wie möglich zu drücken. Aenlin war hin- und hergerissen. Einerseits hatte sie nie etwas so genossen wie die langen Galoppaden auf der russischen Stute, mit der sie sich immer mehr eins fühlte. Andererseits ging kein Weg daran vorbei, dass Endres lernen musste, mit seinem Pferd zurechtzukommen. Der Zeitpunkt für den Ritt nach León stand nun fest. Der Zug der Händler würde mehrere Wochen unterwegs sein, und es war bereits Juni. Wenn man den Aufbruch zu lange aufschob, musste mit Regen, in den Pyrenäen womöglich mit Schnee gerechnet werden. In Hispanien sollte das Wetter dann zwar besser sein, allerdings lag Zamora im Norden. Laut Don Alvaro war die Gegend längst nicht so sonnenverwöhnt wie etwa die Levante oder gar das maurische Al Andalus. In den ersten Julitagen sollte es also losgehen, und Endres war alles andere als bereit für den großen Ritt. Im Gegenteil, je näher die Abreise rückte, desto fahriger, blasser und nervöser wurde er. Tatsächlich hatte er sogar an Gewicht verloren, was Aenlin ihrerseits nervös machte. Wenn Endres abmagerte, wenn seine Haut an Bräune verlor und seine Augen an Glanz, würde das Spiel nicht mehr funktionieren.

Wobei das Spiel eigentlich gar keins mehr war. Für Endres war es inzwischen ein Akt der Verzweiflung, seine Pflichten an sie abzugeben, Aenlin fürchtete sich täglich mehr vor Entdeckung.

Eines Abends – Endres hatte sich am Morgen endlich mal wieder auf Meletays Rücken gewagt und war prompt heruntergefallen, als die Stute vor der flatternden Plane eines Wagens gescheut hatte – erschien ihr Bruder in ihrer Kemenate.

»Aenlin, ich hab mir was überlegt«, erklärte er, nachdem er sich in einen der kleinen Sessel vor dem Kamin hatte fallen lassen. »Das mit León, mit dieser Reise … mit diesem Pferd … das schaffe ich nicht.«

Aenlin verdrehte die Augen. »Endres, das haben wir doch schon tausend Mal beredet«, bemerkte sie. »Ich weiß, dass du es dir nicht zutraust, ich kann dir nur nicht helfen. Um die Reise kommst du nicht herum. Wenn du Meletay so gar nicht reiten willst … wenn du solche Angst vor ihr hast … dann musst du Vater eben bitten, dir ein anderes Pferd zu kaufen.« Aenlin zerriss allein der Gedanke das Herz, denn in diesem Fall würde Meletay wahrscheinlich gegen das neue Pferd eingetauscht werden. Für Endres war dies jedoch die einzige Lösung. Und sie selbst musste sich ja so oder so von der Stute trennen. »Vater wird natürlich enttäuscht sein, andererseits muss ein guter Kaufmann nicht auch ein guter Reiter sein. Denk an Meister Roland, der reitet einen Zelter …« Meister Roland, ein ebenso erfolgreicher Fernhändler wie ihr Vater Linhard, war recht beleibt und hatte es gern bequem. Er besaß deshalb einen kleinen, kräftigen Wallach, der über einen besonders weichen Gang verfügte. Dass Zelter eigentlich nur Damen oder Geistliche trugen, war ihm egal. »Oder an Meister Abraham mit seinem Maultier …«

Der jüdische Händler hatte wahrscheinlich keine Angst vor einem feurigen Ross. Allerdings war es Juden in vielen Gegenden verboten, Pferde zu besitzen, und so begnügte er sich von vorneherein mit einer sanften und sehr edlen Maultierstute.

Endres schüttelte jedoch den Kopf. »Ich will auch kein Händler sein, Aenlin. Ich will die Stute nicht, und ich will nicht nach León.« Er atmete tief durch, bevor er schließlich mit seinem eigentlichen Anliegen herauskam. »Du musst für mich gehen, Aenlin. Du ziehst meine Sachen an, nimmst dieses Pferd – bei dir ist es doch sanft wie ein Lamm …«

»Und du?«, fragte Aenlin verwirrt. Eine so kühne Idee hätte sie ihrem Bruder niemals zugetraut. Tatsächlich hatte sie nicht einmal selbst gewagt, sich solch verwegenen Träumen hinzugeben. »Was machst du?«

»Ich gehe in ein Kloster«, erklärte Endres bestimmt. »Ich sage dir nicht, in welches, dann kannst du es Vater nicht verraten. Egal, wie sehr er dich bedrängt. Irgendwann werde ich dir schreiben, natürlich erst, wenn ich die Ewigen Gelübde abgelegt habe … wenn mich ganz sicher niemand mehr zurückholen kann.«

»Aber du kannst da nicht einfach so hingehen und begehren, Mönch zu werden«, wandte Aenlin ein. Es war das Erste, was ihr einfiel. Über all die anderen Schwachpunkte dieses Plans konnte sie so schnell nicht nachdenken. »Jedenfalls nicht, wenn du studieren und vielleicht zum Priester geweiht werden willst oder was dir sonst vorschwebt. Wenn sie dich ausbilden sollen, erwarten die Klöster eine Mitgift … du musst Geld einbringen oder etwas Ähnliches von Wert. Außer du denkst an ein Dasein als Laienbruder. Dann könntest du dich allerdings auch gleich irgendwo als Knecht verdingen.«

Endres schüttelte den Kopf. »Ich werde die Reliquie einbringen«, sagte er mit fester Stimme. »Die Haut der heiligen Barbara. Ein Schatz für jede Klosterkirche.«

Aenlin starrte ihn an. »Du willst die Reliquie stehlen? Bist du von Sinnen? Also selbst wenn man mal davon absieht, wie verwerflich es wäre, sich mit einer gestohlenen Reliquie in ein Kloster einzukaufen – es würde auffallen, wenn sie plötzlich verschwindet. Sie soll doch mit auf die Reise. Vater wird sie dir oder Don Alvaro anvertrauen. Er wird merken, wenn sie nicht mehr da ist.«

»Ich werde sie austauschen«, erklärte Endres verzweifelt. »Ich hab sie mir genau angesehen. Sie sieht aus wie ein winziges Stück Leder, Aenlin. Und sie ist in einem fest verschlossenen Schrein verborgen, den sicher niemand öffnen wird. Weder in León noch im Kloster. Wenn wir also stattdessen das hier auf die Reise schicken …«

Er zog ein fein gearbeitetes Gefäß aus der Tasche, ganz ähnlich dem kleinen Schrein, in dem die Reliquie ruhte. Darin lag ein Fetzen Haut oder Leder, der laut Endres genauso wenig irgendeinem Menschen oder Tier zuzuordnen war wie das Original.

»Das sieht wirklich echt aus«, musste Aenlin zugeben. »Betrug ist es trotzdem … Und obendrein musst du das Zertifikat fälschen. Ist das nicht gar Ketzerei?« Besorgt sah sie auf den vorgeblichen Reliquienschrein.

Endres zuckte mit den Schultern. »Aenlin, die heilige Barbara ist vor siebenhundert Jahren gestorben. Das Zertifikat zu dieser Reliquie ist gerade mal vier Jahre alt. Wer sagt uns denn, ob das nicht auch gefälscht ist? Du hast Vater gehört …«

Wie die meisten Fernhändler zweifelte Meister Linhard grundsätzlich an der Echtheit der Reliquien, die ihm angeboten wurden, umso mehr, wenn sie aus heidnischen Ländern stammten. Besonders die Mauren in Al Andalus machten sich gern einen Spaß daraus, ihren christlichen Handelspartnern willkürlich ausgewählte Knochen als Körperteile von Heiligen unterzuschieben und damit Geld zu verdienen. Die Kirche wusste schon, warum sie Reliquienhandel grundsätzlich verurteilte. Das Geschäft war allerdings so lukrativ, dass die meisten Händler Mittel und Wege fanden, die Verbote zu umgehen.

»Mir ist es jedenfalls egal«, setzte Endres trotzig hinzu. »Ich weiß, ich begehe eine schwere Sünde, und ich verspreche dir, ich werde sie irgendwann beichten. Wenn der Abt des Klosters die Reliquie dann nicht mehr will, wende ich mich an das nächste Kloster. Irgendeiner wird mich schon nehmen. Ich bin verzweifelt, Aenlin. Ich kann Vaters Nachfolge nicht antreten. Ich bin nicht zum Kaufmann geboren – und auch nicht zum Ritter, zum Reisenden, zum Kämpfer. Ich will ein Mann Gottes werden, Aenlin, und ich denke, Gott hat Vater diese Reliquie zugespielt, um mir zu helfen, meiner Berufung zu entsprechen. Aenlin, der Drang, ins Kloster zu gehen, ist stärker als alles andere.«

Aenlin legte die Arme um die Schultern ihres Bruders. Wenn sie etwas verstand, dann war es diese Sehnsucht nach einem anderen Leben. Sie wusste, dass sie Endres nicht würde aufhalten können. Und plötzlich wurde ihr klar, welch ungeahnte Möglichkeiten sich auch ihr damit boten.

»Und ich?«, fragte sie. »Ich soll an deiner statt mit den Männern reiten?«

Endres nickte. »Nicht weit«, sagte er tröstend. »Du brauchst auf keinen Fall über die Berge, nach Frankreich … oder gar León … Gib mir einfach ein oder zwei Tage Vorsprung, und offenbare dich dann Don Alvaro. Ich bin sicher, er wird dich sofort zurückschicken. Natürlich wird Vater schimpfen, doch in Gefahr wirst du nicht geraten.«

Aenlin schüttelte den Kopf. »Ich will nicht zurück!«, sagte sie mit fester Stimme. »Wenn ich das tatsächlich für dich tue, werde ich es auskosten. Ich will Meletay, und ich will etwas von der Welt sehen. Zumindest will ich es versuchen. Wenn die Täuschung herauskommt, habe ich eben Pech gehabt. Dann werden wir sehen, was Don Alvaro mit mir macht. Vielleicht lässt er mich ja weiter mitreiten, obwohl ich ein Mädchen bin. Wenn wir erst über die Berge sind, kann er mich kaum noch zurückschicken. Also, Endres: Alles oder nichts! ›Endres‹ wird mit den Männern reiten, und ›Aenlin‹ wird ins Kloster gehen, weil sie unbedingt ihre schöne Stimme ausbilden lassen will. Sie wird ihren Eltern einen Brief hinterlassen, sich tausendmal entschuldigen, aber ihre Berufung ist stärker als alles andere. Bist du einverstanden?«

Endres biss sich auf die Lippen. »Aber die Gefahren der Reise, Aenlin! Ich werde vor Angst um dich umkommen. Und … irgendwann wirst du doch zurückkommen. Du musst zurückkommen. Und dann kommt der Betrug ans Licht.«

Aenlin zuckte mit den Schultern. »Was irgendwann ist, werden wir irgendwann sehen. Jetzt gehst du deinen Weg, und ich gehe den meinen.« Sie hielt ihrem Bruder die Hand hin. »»Wenn du zu große Angst um mich hast, musst du selbst reiten«, erklärte sie. »Und wenn nicht, Endres, schlag ein!«

Endres rieb sich die Stirn, schließlich legte er langsam seine Hand in ihre. »Gott möge uns beiden gnädig sein«, sagte er leise.

KAPITEL 5

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Endres hielt an seiner Entscheidung fest. Von diesem Abend an ritt er Meletay nie wieder und stellte sich Don Alvaro zu keiner Unterrichtsstunde im Waffenhandwerk. Aenlin übernahm all seine Verpflichtungen und traf Vorbereitungen für die Abreise, nicht ohne sich dabei mehr als mulmig zu fühlen. Endres’ Plan war nämlich keineswegs so unfehlbar, wie er es hoffte. So gab es zweifellos Nonnenklöster, die außergewöhnliche Stimmen für ihre Chöre suchten und dafür in Ausnahmefällen auf die Mitgift begabter Novizinnen verzichteten, sie lagen allerdings nicht in Cöln, und auch nicht in Mainz, Trier oder anderen Gemarkungen, die von Cöln aus verhältnismäßig leicht erreichbar waren. Um in eines dieser Klöster zu gelangen, hätte man sich bis nach Venetien oder Florenz durchschlagen müssen – gänzlich unmöglich für ein alleinreisendes Mädchen ohne Eskorte. Wenn »Aenlin« also in keinem der näher gelegenen Klöster ankam – was ihr Vater nach wenigen Tagen überprüfen lassen würde –, mussten die Eltern davon ausgehen, dass der irrwitzige Plan ihres Kindes, dem Schicksal zu entfliehen, in einer Katastrophe geendet war. Aenlin schämte sich jetzt schon für den Kummer, den sie und ihr Bruder Vater und Mutter bereiten würden. Linhard und Gudrun hatten das nicht verdient. Aenlin haderte zwar mit ihrem Schicksal, ein Mädchen zu sein, aber sie liebte ihre Eltern und war ihnen dankbar für die relative Freiheit, die sie in ihrem Hause genossen hatte.

Dennoch brachte Aenlin es nicht über sich, ihre Pläne zu ändern. Zu sehr lockte das Abenteuer, vor allem Meletay, mit der sie sich täglich tiefer verbunden fühlte. Um keinen Preis wollte sie die Stute aufgeben, und sie zu behalten, wenn sie tatsächlich nach wenigen Tagen heimkehrte und ihre Rolle als Mädchen wieder einnahm, wie Endres es ursprünglich vorgesehen hatte, war undenkbar. Ihr Vater würde sie sofort verkaufen, um Aenlin nicht zu weiteren Dummheiten zu verleiten, und wahrscheinlich würde er seine Tochter auch umgehend verheiraten. Die Zwillinge feierten kurz vor dem Aufbruch nach León ihren vierzehnten Geburtstag, und Aenlin blutete schon seit einem halben Jahr monatlich. Sie war damit eine Frau, wie ihre Mutter ihr stolz erklärt hatte. Sie konnte einem Mann Kinder schenken.

Für die Reise waren die Monatsblutung und die damit verbundenen körperlichen Veränderungen natürlich sehr lästig. Aenlin sammelte Stofffetzen, die sie in ihre Bruoch stecken konnte, um das Blut aufzufangen. Sie würde äußerst achtsam sein müssen, denn die Unterhosen, an denen die Beinlinge ihrer Reitbekleidung befestigt wurden, waren aus ungefärbtem Leinen. Ein Blutfleck würde sofort zu sehen sein. Aenlin dachte auch daran, Leinenbandagen einzupacken, mit denen sie ihre Brüste einschnüren konnte, wenn diese noch weiter wuchsen. Die Reise würde lang werden, nicht auszuschließen, dass sich ihre Figur weiter weiblich rundete. Es würde schwierig werden, in einer reinen Männergesellschaft nicht erkannt zu werden. Aenlin wusste noch nicht, wie sie sich herausreden würde, wenn sie und ihre Mitreisenden an Flüssen oder Seen rasteten, die zum gemeinsamen Baden einluden.

Schließlich war es so weit. Meister Linhard und Frau Gudrun verabschiedeten ihren »Sohn« sowie die Knechte und Meister Hildebrand, einen älteren Schreiber, der die Expedition leiten sollte, auf dem Hof. Linhard überreichte Aenlin, die bereits auf dem Pferd saß, feierlich den gut gepolsterten Lederbeutel, in dem die kostbare Reliquie aufbewahrt wurde, und wies Don Alvaro noch einmal an, nicht nur auf seinen Schützling, sondern auch auf das wertvolle Handelsgut zu achten. Drei angeworbene Fahrende würden den kleinen Tross begleiten.

»Du wirst mir zweifellos Ehre machen, Endres!«, erklärte Meister Linhard und bedachte seinen vermeintlichen Sohn mit warmen Blicken. »Du bist jetzt noch ein Junge, doch wenn du zurückkehrst, wirst du ein Mann sein, geachtet von der Kaufmannschaft. Ein würdiger Nachfolger für dieses Haus.«

»Du … du wirst dem Haus noch viele Jahre selbst vorstehen«, murmelte Aenlin. »Du brauchst so bald gar keinen Nachfolger.«

Ihr Vater hob die Arme. »Das hoffen wir, mein Sohn, die Pläne des allmächtigen Gottes kennen wir allerdings nicht. Natürlich hoffe ich auf ein langes Leben, auf Enkel, die ich aufwachsen sehen werde … doch Gott kann sich jederzeit anders besinnen. Wenn es ihm beliebt, kann er mich morgen schon zu sich rufen. So lass dich noch einmal umarmen, Endres. Es mag das letzte Mal sein …«

Aenlin ergab sich befangen in die Umarmung ihres Vaters, sie kämpfte erneut mit ihrem schlechten Gewissen.

»Wo ist denn überhaupt Aenlin?«, fragte ihre Mutter. »Ich hatte gedacht, sie würde hier Abschied von dir nehmen. Und eigentlich hatte ich mit Tränen gerechnet. Es ist für euch ja die erste Trennung.«

Aenlin biss sich auf die Lippen. »Eben deshalb, Mutter«, sagte sie. »Wir … wir sind beide untröstlich. Wir konnten uns kaum aus den Armen lassen an diesem Morgen … Aber ich … ich soll doch dieser Reisegesellschaft vorstehen. Und da … da wollte ich nicht, dass die Knechte und Ritter mich weinen sehen.«

Linhard lächelte. »Das ist löblich, mein Sohn!«, erklärte er. »Und wie vernünftig von deiner Schwester, es zu respektieren.«

Aenlin nickte. »Dann … dann richtet ihr bitte aus …«, sagte sie mit brechender Stimme, »… dass … dass mein letzter Gedanke vor dem Abritt ihr galt.«

Tatsächlich dachte sie voller Sorge und Trauer an Endres, der zweifellos in seinem Versteck in den Brombeerbüschen hockte und heiße Tränen weinte. Ihren Eltern würde er sich nicht mehr zeigen. Sobald es möglich war, wollte er sich aus dem Garten stehlen und seinerseits auf den Weg machen. Aenlin konnte ihm nur wünschen, dass Gott und das Glück mit ihm waren und dass sich seine Wünsche erfüllten.

Sie lenkte Meletay durch die Stadt und das westliche Stadttor in Richtung Aachen. Dort vereinigte sich die Reisegesellschaft Meister Linhards mit der zweier anderer Cölner Kaufleute, die ebenfalls in die hispanischen Lande zogen. Meister Ruprecht führte seinen Tross nach Kastilien, Meister Helwig fuhr Aragon an. Durch die belgischen und französischen Lande und über die Berge hatten alle denselben Weg, da lag es nahe, sich zu einem Zug zusammenzufinden. Insgesamt waren fünf Planwagen mit Gütern unterwegs, geschützt durch sechzehn schwer bewaffnete Ritter, Letztere natürlich beritten. Auch Meister Ruprecht und Meister Helwig bevorzugten zu reiten und ließen ihre Wagen von Knechten lenken. Beide ritten stämmige, ruhige Pferde und bewunderten lächelnd die lebhafte Meletay.

»Da habt ihr ja ein wahrhaft außergewöhnliches Pferd, mein junger Herr Endres«, bemerkte Meister Ruprecht. »Ich anstelle Eures Vaters hätte kein so auffälliges Tier gewählt. Wir laufen hier ja Gefahr, dass uns Wegelagerer nur auflauern, um Eurer Stute habhaft zu werden.«

Aenlin zuckte mit den Schultern. »Das werden unsere Herren Ritter doch wohl zu verhindern wissen«, meinte sie. »Und sonst … ich kann mich selbst wehren!« Sie wies auf das Schwert, das sie stolz am Gürtel trug. Ein richtiges Schwert, keine Übungswaffe. In den letzten Wochen vor der Reise hatte Don Alvaro sie blanken Stahl ziehen lassen.

»Das Pferd soll ja windschnell sein«, fügte Meister Helwig hinzu. »Hat’s Euch nicht schon mehr als einmal abgesetzt, Herr Endres?«

Die Kaufleute lachten gutmütig, und Aenlin biss sich auf die Lippen. Die diversen Missgeschicke ihres Bruders hatten sich also herumgesprochen. Sie überlegte, ob sie die Bemerkung unkommentiert lassen sollte, doch sie wollte nicht den Duckmäuser spielen. Also lächelte sie.

»Da waren wir beide noch jünger, Meister Helwig«, sagte sie freundlich. »Jetzt ist sie brav wie ein Lamm.«

Die Reise der Kaufleute führte von Aachen in Richtung Lüttich, beides große, angesehene Handelsstädte, in denen die Männer und ihr Tross Aufnahme in den Handelshäusern befreundeter Kaufleute fänden. Zwischendurch würden sie in den teils dichten Wäldern in Zelten kampieren. Aenlin hatte sich zunächst darum gesorgt, ob ihr diese Nachtlager genügend Intimität bieten würden, die Täuschung aufrechtzuerhalten. Tatsächlich sollte sich das nicht als sehr schwierig erweisen. Endres besaß sein eigenes Zelt, und nun würde Aenlin zugutekommen, dass ihr Bruder sich nie mit den Männern seines Vaters gemein gemacht hatte. Meister Linhards Sohn war stets als Sonderling betrachtet worden, der zu viel betete und sich oft abseits hielt, und so fand es niemand verwunderlich, dass Aenlin sich nun zurückzog, wo immer es ging.

Auch unterwegs blieb sie meist für sich. Die Unterhaltung der Kaufleute interessierte sie wenig, zumal die Männer sie merken ließen, wie wenig sie Endres ernst nahmen. Immer wieder kam es zu Sticheleien darüber, ob ein so junger Handelsherr den ihm gestellten Aufgaben wohl schon gewachsen sein würde. So machte Meister Ruprecht eine Bemerkung dazu, dass Aenlin keine Sporen anschnallte, bevor sie Meletay ritt.

»Die habt Ihr Euch wohl noch nicht verdient, Meister Endres«, sagte er eines Tages.

Aenlin musste sich auf die Zunge beißen, um nicht heftig zu reagieren, sondern gute Miene zum bösen Spiel zu machen, indem sie darauf hinwies, dass sie ja nun kein Ritter sei.

»Als Kaufmann muss ich nicht hauen und stechen können«, fügte sie hinzu, »keinen Feind und auch kein Pferd. Mein Vater sagte stets, die Stärke eines Kaufmanns liege in der Verhandlung. Beim Abschluss eines Geschäfts sollte ich bekommen, was ich wollte – und alle anderen müssten damit zufrieden sein. Wie Ihr seht, trifft das bei Pferden ebenso zu. Meletay gehorcht mir gern.«

Es machte Aenlin Spaß, ihren Wortwitz an dem der älteren Kaufleute zu messen, doch sie ahnte langsam, wie unbehaglich Endres sich bei jedem Treffen mit der Kaufmannschaft gefühlt hatte. Die hier herrschende Konkurrenz, die Sticheleien und Winkelzüge, das kluge Taktieren, das einen einmal einen Transport gemeinsam mit einem anderen Kaufmann zusammenstellen ließ, während man ihn beim nächsten Mal mit einer überteuerten Ladung Waren übervorteilte, waren dem Jungen wesensfremd. Endres war schüchtern und geradeheraus, schlagfertige Erwiderungen, Feilscherei oder gar das Spinnen von Intrigen lagen ihm fern.

Auch Aenlin konnte während dieser Reise gut darauf verzichten und lenkte Meletay nur selten neben die Reittiere der Kaufleute. Lieber hätte sie sich den Rittern zugesellt, doch das war gänzlich unmöglich – einmal, weil diese sich gewöhnlich verteilten, um den Tross von allen Seiten zu sichern, und zum anderen, weil sie keinem Bürgerlichen, schon gar nicht einem halbwüchsigen »Knaben«, die geringste Aufmerksamkeit zollten. In den ersten Tagen waren zwar ein paar bewundernde Worte zu Endres’ ungewöhnlichem Reitpferd gefallen, ansonsten nahmen die Männer keine Notiz von ihr.

Don Alvaro behielt Aenlin zwar im Auge, doch wenn abends die Lagerfeuer entzündet wurden, blieb er bei seinesgleichen. Aenlin fiel auf, dass er unter den Rittern ihrer Eskorte große Achtung genoss. Den Wortfetzen, die sie gelegentlich aufschnappte, entnahm sie, dass er in seiner Heimat schon in vielen Schlachten gekämpft und sich um diverse Könige und Heerführer verdient gemacht hatte. Was den Kastilier schließlich nach Cöln verschlagen hatte, blieb offen. Die Ritter munkelten, er würde vielleicht nicht zurückkehren, sondern sich einem der Heere der Könige Sancho oder Alfons anschließen, die in Kastilien, Galicien und León um die Erbfolge kämpften.

Vorerst nahm Don Alvaro seine Aufgabe allerdings äußerst ernst. Gemeinsam mit den anderen Rittern organisierte er Wachdienste, und Aenlin vermerkte beruhigt, dass er ihr in weitem Abstand folgte, wenn sie sich nachts entfernte, um ungesehen ihre Notdurft zu verrichten oder in der Dunkelheit Badestellen an Flüssen oder Seen zu nutzen. Die Reisenden schlugen ihr Lager gern an einem Ufer auf, um ausreichend Wasser für die Pferde zur Verfügung zu haben. Nach einer anstrengenden Tagesetappe tauchten die Ritter und Knechte zur Erfrischung ins kühle Nass, alberten miteinander herum und dachten sich nichts bei ihrer Nacktheit. Aenlin konnte natürlich nicht mitmachen – die Männer deuteten ihre Zurückhaltung lachend als Ziererei. Sie musste sich so manche Neckerei über Endres’ mönchische Prüderie anhören. Nur Don Alvaro beteiligte sich nie an den Schmähungen, er schien »Endres’« Schamhaftigkeit zu respektieren.

Ansonsten schaffte Aenlin es gut, in keiner Weise negativ aufzufallen. Im Gegenteil, nach ein paar regnerischen Tagen, in denen der Weg hauptsächlich durch dichte Wälder und über verschlammte Wege geführt hatte, belauschte sie ein Gespräch zwischen Meister Helwig und Meister Ruprecht, das sie vor Stolz fast bersten ließ.

»Findet Ihr nicht, dass sich unser kleiner Herr Endres ganz erstaunlich gut macht?«, fragte Meister Helwig seinen Freund. Die beiden saßen abends am Feuer und bemerkten nicht, dass sich Aenlin ihnen mit einem Armvoll gesammelten Feuerholzes näherte. »Kein Murren, kein Maulen übers Wetter oder die sonstigen Widrigkeiten der Reise … Dabei war der Knabe früher eine rechte Memme.«

Meister Ruprecht nickte. »Und mit dem Pferd kommt er gut zurecht«, fügte er hinzu. »Dabei hat mein Stallmeister mich gewarnt, sodass ich schon Böses ahnte. Es hieß ja in Cöln, der Jüngling fürchte sich zu Tode vor dem Tier. Jedes zweite Mal, das er sich draufsetzte, warf es ihn ab. Jetzt dagegen …«

»Tadellos!«, fügte Helwig hinzu. »Und fleißig und anstellig ist er auch, der Kleine. Scheint sich für nichts zu schade …«

Tatsächlich bemühte sich Aenlin, niemals als Schwächling aufzufallen, bewahrte sie das doch am ehesten davor, als Mädchen enttarnt zu werden. Sie half also auch nach anstrengenden, stundenlangen Ritten durch den Regen beim Aufstellen der Zelte und Entzünden der Lagerfeuer, ging mit zur Jagd, sofern Knechte oder Ritter Zeit fanden, am Rand des Weges Hasen, Rebhühnern oder Kaninchen nachzustellen, und mühte sich bis zur Erschöpfung zu helfen, wenn wieder einmal ein Wagen im Schlamm stecken blieb. Schließlich – sie waren bereits einige Tage unterwegs und hatten die Grenze nach Frankreich überquert – bewährte Aenlin sich sogar im Gefecht. Zwar wären die Ritter mit den zerlumpten Straßenräubern, die sich in einem dichten Waldstück mit dem Mut der Verzweiflung auf die Reisenden stürzten, auch mühelos allein fertiggeworden, aber sie zog doch tapfer ihr Schwert wie die anderen Kaufleute und zeigte großen Eifer dabei, die rasch gebildete Wagenburg zu verteidigen. Mit einem der Angreifer kreuzte sie sogar kurz die Klingen, bis Don Alvaro eingriff und den Gauner entschlossen in die Flucht schlug.

»Gut gemacht, Junge«, bemerkte der Kastilier, und Aenlin war wie berauscht von ihrem Abenteuer.

Sie genoss die Reise, egal ob die Sonne so heiß auf sie herunterschien, dass die Pferde schon nach der ersten Stunde schweißnass waren, oder ob es in Strömen regnete, bis nicht mal mehr Endres’ schwerer Reitmantel die Feuchtigkeit abhielt. Es war einfach schön, sich von Meletay tragen zu lassen und ihr ab und zu ein paar Worte zuzuflüstern, was lebhaftes Spiel ihrer langen, schlanken Ohren auslöste. Das goldfarbene Pferd setzte, auf festem Boden wie im Sumpf, auf Gras wie auf Stein, sicher seine Hufe. Lediglich anspannen ließ Meletay sich nicht. Wenn sich einer der Wagen festfuhr, halfen nur Meister Ruprechts und Meister Helwigs kräftige Reittiere, das Fahrzeug aus dem Schlamm zu ziehen. Zu Gespanndiensten wurden auch die Streithengste der Ritter nicht herangezogen, obwohl diese sicher mehr Kraft aufbrachten als die zierliche Stute aus Russland.

Die Reise führte die Kaufleute immer wieder durch Städte, von denen Aenlin oft gehört, von denen sie jedoch nie geglaubt hatte, sie jemals sehen zu dürfen. Wann gelangte ein Mädchen aus Cöln schon mal nach Lüttich, Orléans oder gar Paris?

Aenlin brannte darauf, sich so viele Städte wie möglich anzusehen, allerdings musste sie dafür ein paar Klippen umschiffen. Die Herbergen für Handelsreisende lagen meist etwas außerhalb der Städte, sie boten sichere Unterkunft für die Waren und gewährleisteten die Versorgung der Zugtiere. Für die Männer boten sie Gemeinschaftsunterkünfte, und Aenlin graute es aus naheliegenden Gründen davor, darin mit anderen Schläfern eine Bettstatt zu teilen. Sie redete sich schließlich damit heraus, aus Sorge um ihr wertvolles Pferd im Stall übernachten zu wollen, und stand dort tausend Ängste aus, da die Stallanlagen weniger geschützt waren als die festen Behausungen. Zudem fiel sie auf, wenn sie nicht mit den Knechten und Rittern in die Stadt zog, um dort Badehäuser und Hurenwirte aufzusuchen.

Wieder einmal musste »Endres« sich Neckereien anhören, und Aenlin fürchtete um ihre Tarnung. Zum Glück fanden es zumindest Meister Helwig und Meister Ruprecht löblich, wenn ihr junger Begleiter sich mehr für die Bauten und Häfen der Städte interessierte als für Wein, Weib und Gesang. Sie ermunterten Aenlin sogar dazu, sich die oft noch im Bau befindlichen repräsentativen Kirchen und Bischofssitze anzusehen und die Märkte zu erkunden. So streifte Aenlin oft stundenlang durch die Gassen, bestaunte die Wunder der Architektur und das Angebot der Händler aus aller Welt, obwohl ihr die meisten Waren nicht allzu fremd waren, schließlich stapelten sich auch in ihrem Vaterhaus in Cöln Seidenstoffe und Garne, Tuche aus den Niederlanden und Silber aus Böhmen.

Am interessantesten fand Aenlin die verschiedenen Sprachen, in denen die Händler ihre Waren feilboten, ihre lebhafte Mimik und Gestik, die zum Teil fremdländische Kleidung und Kopfbedeckung – und die ungewöhnlichen Speisen, die in Garküchen oder an Marktständen feilgeboten wurden. Sie kostete feines Weizenbrot statt des groben Brotes daheim, probierte Käse und kostete Gerichte, die durch Gewürze aus dem Orient so scharf waren, dass ihre Zunge brannte. Ihre Ausflüge führten sie in Häfen und über breite Brücken, auf denen Gaukler ihre Künste zeigten, doch sie machte auch Bekanntschaft mit den dunkleren Seiten der großen Städte. Schaudernd passierte sie Plätze, auf denen Menschen am Pranger standen, mitunter hing dort sogar noch der gemarterte Leichnam des letzten, auf grausamste Weise hingerichteten Gauners.

Mitunter verlief Aenlin sich in verwinkelten Straßen und Gassen und hätte sich gewöhnlich gefürchtet – hätte sie nicht schon bei ihren allerersten Alleingängen bemerkt, dass Don Alvaro ihr stets unauffällig folgte. Der Ritter ließ sich selten sehen, er wollte sich wohl nicht aufdrängen. Dennoch hielt er Aenlin im Auge. Wäre sie in Gefahr geraten, hätte er zweifellos eingegriffen. Aenlin fragte sich, ob ihr Vater ihn damit beauftragt hatte, oder ob er das von sich aus tat, aber sie stellte ihn nicht zur Rede.

Nach etlichen Wochen der Reise wurden die Wälder lichter, die Wege jedoch nicht breiter, sondern eher steiler und steiniger. Das Gebirge rückte näher, die Gegend war hier nur dünn besiedelt. Gelegentlich streiften die Fernstraßen verschlafene Bergdörfer, in denen man sich verproviantieren konnte, nur selten gaben sie den Blick auf trutzige Festungen frei, die meist auf Bergkuppen lagen und in denen sich, wie Meister Helwig und Meister Ruprecht besorgt anmerkten, gefährliche Ketzer verschanzten. Aenlin beunruhigte das nicht. Sie hatte in Cöln schon von den Albigensern gehört, und ihr Vater hatte sie nicht als sonderlich gefährlich eingeschätzt. Die Ritter achteten jedoch darauf, den Tross voll gerüstet und stets kampfbereit zu begleiten.

»Sind es denn Raubritter, diese Leute in den Burgen?«, fragte Aenlin verwundert.

Don Alvaro, der sie gehört hatte, schüttelte den Kopf. »Verblendete Träumer, wenn Ihr mich fragt«, brummte er. »Die enden alle irgendwann auf dem Scheiterhaufen. Also hält man sich besser von ihnen fern.«

Die Kaufleute hätten auf den Burgen ohnehin nicht um Aufnahme bitten können – das stand nur Adligen offen, und natürlich konnten Ritter, die zur Bewachung einer Handelskarawane angestellt waren, diese Möglichkeiten nicht nutzen. Das Lager der Händler wurde also wieder unter freiem Himmel aufgeschlagen, und zum ersten Mal fror Aenlin jämmerlich unter ihren Decken. Besorgt dachte sie an Meletay und ihr feines, seidiges Fell, und tatsächlich wirkte auch die Stute am Morgen verfroren und übel gelaunt.

»Gleich wird ihr wieder warm«, versprach Don Alvaro. »Das wird heute ein harter Ritt.«

Tatsächlich führte die Tagesetappe die Reisegesellschaft zunächst über eine Hochebene, dann über Pässe, die größtes fahrerisches Können von den Wagenlenkern erforderten, und schließlich hinunter in ein enges Tal. Dabei war die Landschaft erstaunlich abwechslungsreich. Mitunter war das Vorgebirge bewaldet, und die Straßen schienen völlig sicher – dann plötzlich gaben sie die Aussicht auf spektakuläre Schluchten frei. Oft fiel die Landschaft neben der Straße steil ab.

»Hier bricht immer mal wieder was weg«, bemerkte Meister Ruprecht besorgt, der den Pass wohl schon mehrmals beritten hatte. »Kalkstein. Der kann aufweichen, wenn es regnet und schneit.«

Aenlin schauderte es allein bei dem Gedanken, aber ihre Reisegesellschaft war vom Glück begünstigt. Es war kalt, meist schien jedoch die Sonne, und die Temperaturen waren erträglich. Erst gegen Abend sanken sie erneut. Aenlin wappnete sich für eine weitere eiskalte Nacht, trennte sich aber nichtsdestotrotz von einer ihrer Decken, um sie Meletay überzuwerfen. Sie selbst stärkte sich wie ihre Reisebegleiter mit heißem Würzwein und war schließlich ein wenig berauscht, als sie in ihr Zelt kroch. Das ließ sie schnell einschlafen. Sie erwachte am nächsten Tag steif, doch nicht gar so verfroren wie am Morgen zuvor.

»Heute geht’s ins Hochgebirge«, verkündete Meister Helwig, als die Gruppe wieder reisefertig war. »Aber keine Angst, die Alpenpässe auf dem Weg nach Italien sind sehr viel schwieriger. Und weitaus gefährlicher! Die Pyrenäen sind dagegen ein Spaziergang.«

Tatsächlich empfand Aenlin in den folgenden Tagen selten Furcht. Die Aufstiege waren beschwerlich, doch die Straßen sicher. Fasziniert genoss sie die Ausblicke in weite Täler und auf schneebedeckte Gipfel und schließlich sogar weit über das Meer.

»Sind wir schon in Hispanien?«, fragte Aenlin schüchtern Don Alvaro, der ihr freundlich zulächelte.

»So ist es, junger Herr«, erklärte er. »Willkommen im Königreich Navarra. Wobei sich die Bewohner dieses Landes nicht als Untertanen des Königs fühlen. Sie nennen sich ›Basken‹, sprechen eine seltsame Sprache und sind auch sonst ein raues, wehrhaftes Völkchen. Wir bringen ihr Gebiet lieber rasch hinter uns. Wer weiß, ob sie sich um Freibriefe und Handelsabkommen scheren …«

Don Alvaro schienen die Bergbewohner wesentlich mehr Respekt einzuflößen als die Albigenser. Es kam allerdings zu keiner Begegnung zwischen ihnen und der Reisegesellschaft. Die Kaufleute kamen nun schneller voran, es ging bergab. Das Gelände wurde wieder bewaldet, die Temperaturen stiegen, und Meletay brauchte Aenlins Decke nicht mehr, um es bei Nacht warm genug zu haben.

In nur wenigen Tagen, so bemerkte Meister Ruprecht, werde sich die Reisegesellschaft trennen. Wie geplant ritt Meister Helwig nach Aragon, Meister Ruprecht nach Kastilien. Lediglich die Gesandten Meister Linhards würden bis nach León reiten – nach Ansicht Meister Helwigs ein ziemliches Wagnis.

»Die Gegend da ist unruhig. Einmal die Nähe zu den Mauren – schlimm genug – und jetzt auch noch dieser unselige Bruderzwist.«

»Den Sancho inzwischen gewonnen hat, oder?«, fragte Meister Ruprecht. »Die Brüder sind im Exil, hörte ich.«

»Aber die Schwester hält sich noch in Zamora«, bemerkte Helwig. »Was Sancho lange geduldet hat. Jetzt scheint es wieder Unruhen zu geben …«

»Wir haben freies Geleit von König Alfons zugesichert bekommen …«, mischte sich Aenlin ein, was mit Hohnlachen quittiert wurde.

»Der hat bloß nichts mehr zu sagen«, erklärte Meister Helwig. »Was Euer Vater natürlich nicht wissen konnte, wir haben es erst in Paris gehört. Alfons sitzt in Toledo bei einem dieser Maurenherrscher und leckt sich die Wunden. Ich wär vorsichtig, mein kleiner Herr Endres. Ihr wäret besser beraten, kämet Ihr mit uns nach Aragon oder ginget mit Meister Ruprecht nach Kastilien. Die Gegenden sind sicher befriedet.«

Aenlin biss sich auf die Lippen. Sie glaubte nicht, dass die beiden Kaufleute es uneingeschränkt gut mit ihr meinten, andererseits klangen ihre Argumente plausibel. Wenn sie nur ein bisschen mehr von den ganzen Angelegenheiten verstünde! Wer um Himmels willen waren Sancho und Alfons? Warum kämpften sie und um welches Land?

KAPITEL 6

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Am Abend vor der endgültigen Trennung der Reisegesellschaften – man rastete in einem Tannenwald, und zwischen den Knechten und Rittern kreisten die Weinschläuche zur Feier des Abschieds – schob sich Aenlin unsicher an Don Alvaro heran.

»Don Alvaro, dürfte … dürfte ich Euch vielleicht etwas fragen?«

Don Alvaro, der eben mit einem anderen Ritter gesprochen hatte, wandte sich leicht unwillig zu ihr um. Aenlin hätte sich ohrfeigen können. Sie hatte es lange vor sich hergeschoben, den Ritter um Rat zu fragen, und jetzt erwischte sie ihn gerade in einem ungünstigen Augenblick. Die Züge des Kastiliers entspannten sich jedoch, als er sah, wer es da wagte, ihn zu stören.

»Aber natürlich, mein junger Herr Endres«, sagte er freundlich. »Was habt Ihr auf dem Herzen? Sprecht nur frei heraus!« Aenlin atmete auf. »Ihr könnt Euch auch setzen«, lud Don Alvaro sie ein und füllte einen Becher Wein. »Hier, trinkt. Ein Wein aus Kastilien. Großmütige Gabe unseres Herrn Ruprecht.«

Aenlin nahm gern einen Schluck. »Don Alvaro, ich … ich wollte wissen … Kennt Ihr Euch wohl ein wenig aus mit all diesen Königen in dieser Gegend? Und ihren Kämpfen? Ich hab … ich hab doch die Verantwortung für unsere Ware und unsere Leute zu tragen. Und mein Vater hat mir versichert, hier könne uns nichts passieren. Aber nun … Ist es wahr, dass ein Krieg tobt im Land um Zamora?« Sie sah den Ritter sorgenvoll an. »Und wer streitet sich da um was für ein Erbe?«

Don Alvaro hob die Schultern. »Wie es zurzeit um León steht, kann ich Euch nicht sagen, Herr Endres. Da ändert sich die Lage ja ständig. Ich hörte nur, König Sancho sei mit seinem Heer in der Gegend.« Er machte es sich bequem, als bereitete er sich darauf vor, eine lange Geschichte zu erzählen. »Allgemein geht es um das Erbe von Ferdinand I. Er war ein großer König und herrschte über León, Kastilien und Galicien. Damit war er der mächtigste christliche König der spanischen Halbinsel. Vor einigen Jahren, im Dezember 1065, hat ihn der Herr allerdings zu sich gerufen. Er hinterließ fünf Kinder, drei Söhne und zwei Töchter, denen er jeweils Teile seines Herrschaftsgebietes vererbte. Die Töchter erhielten die Städte Zamora und Toro, was weiter nicht umstritten war. Bei den Söhnen sah das anders aus. Alfons, der als Lieblingssohn des Königs galt, hinterließ er das Königreich León, das Kernland des Reiches, erheblich größer und mächtiger als Kastilien, welches Ferdinand seinem ältesten Sohn Sancho vermachte. Der jüngste Bruder, García, bekam das noch weniger bedeutende Galicien zugewiesen. Solange deren Mutter, die Königin Sancha, noch lebte, gaben sie sich damit zufrieden, nach ihrem Tod entlud sich der Groll. Alfons griff García an, da Galicien seiner Ansicht nach nur ein Unterkönigreich Leóns darstellte und somit eigentlich ihm gehörte. Sancho seinerseits erhob als Ältester Anspruch auf León.«

»Und darum kämpfen sie jetzt immer noch?«, fragte Aenlin.

Don Alvaro gebot ihr mit einer Handbewegung Schweigen und sprach weiter. »Alfons verteidigte sich zuerst erfolgreich, dann verbündete er sich mit Sancho gegen García … Das alles war und ist kompliziert, doch wie es zurzeit aussieht, geht Sancho aus der unleidigen Geschichte als Sieger hervor. García ist längst im Exil, auch Alfons wurde im letzten Frühjahr besiegt. Er flüchtete sich mit dem Segen seines Bruders nach Toledo, wo ihm der Maurenherrscher Asyl gewährt. Leider scheint der gute Sancho unersättlich zu sein. Es heißt, er begehre nun auch noch das Erbe seiner Schwestern, und da Urraca sich im Zwist der Geschwister auf Alfons’ Seite geschlagen hat, ist Zamora nun wohl das erste Ziel. Ob es da allerdings zu einer Schlacht kommt, ist fraglich. Urraca könnte sich niemals gegen die Truppen von León, Kastilien und Galicien verteidigen. Ich denke, die werden sich friedlich einigen – vielleicht auf Tributzahlungen, Zamora ist ja reich.«

»Und wie steht es mit dem Risiko, dorthin zu reiten?«, fragte Aenlin. »Können wir das wirklich wagen, oder begeben wir uns womöglich zwischen die Fronten?«

Der Ritter hob erneut die Schultern. »Ich kann mir nicht vorstellen, dass Sancho friedliche Handelsdelegationen angreift. Er schnitte sich da ja ins eigene Fleisch. Wenn der Handelsplatz Zamora in schlechten Ruf gerät, hat er keinen Nutzen von dem Ort. Jedenfalls spricht nichts ernstlich dagegen, den Anweisungen Eures Vaters zuwiderzuhandeln, Herr Endres.« Er lächelte. »Glaubt mir«, fügte er dann in seiner Muttersprache hinzu, während er vorher Deutsch gesprochen hatte, um den neben ihm sitzenden Ritter nicht auszuschließen, »wenn der Ritt nach Zamora gefährlich wäre, hätten sich die Ritter Eurer Eskorte längst den Gesellschaften der Meister Helwig oder Ruprecht angeschlossen. Sie reden jedoch davon, Euch bis Zamora zu bringen, dann wollen sie sich König Sanchos Heer anschließen. Da ist wohl mehr Ruhm und Ehre zu gewinnen als im eher friedlichen Rheinland.«

Aenlin nickte. So recht beruhigte sie das zwar nicht, aber sie war bereit, auf Don Alvaros Einschätzung der Lage zu vertrauen. Schließlich war der Ritter mit den Gepflogenheiten im eigenen Land vertraut, und umkehren konnten sie immer noch.

Aenlin dankte ihm und sah noch einmal nach Meletay.

»Was würdest du machen, meine Schöne?«, fragte sie das Pferd, das an dem spärlichen Gras knabberte, das zwischen den Nadelbäumen wuchs. »Ist diese komische Reliquie es wert, sich in die Höhle eines Löwen zu trauen?«

Meletay blies ihr sanft ihren duftenden Atem ins Gesicht. Sie sorgte sich offenbar nicht.

Aenlin lächelte. »Du bist schnell, du bringst mich im Zweifelsfall in Sicherheit«, interpretierte sie die tröstliche Geste der Stute. »Ich vergaß, du kannst fliegen …«

Am nächsten Morgen machten sich die Vertreter des Linhard von Cöln dann tatsächlich auf den Weg nach Zamora. Don Alvaro ritt mit Aenlin an der Spitze des Zuges, was das Mädchen sehr stolz, aber auch nervös machte. Wenngleich die anderen Kaufleute sie während der bisherigen Reise oft verärgert hatten, so hatte sie doch auf deren größere Erfahrung und ihre Führungsqualitäten vertrauen können. Entscheidungen waren bisher ganz selbstverständlich von Meister Helwig oder Meister Ruprecht gefällt worden. Jetzt dagegen lag die Befehlsgewalt über ihren kleinen Tross von sechs Rittern, dem Schreiber und vier Knechten allein bei Aenlin. Das Abenteuer wurde zur Bürde.

Immerhin waren die Wege im Königreich León gut ausgebaut und ordentlich instand gehalten, und das Land hatte nichts Exotisches. Im Gegenteil, Aenlin hatte sich die hispanischen Lande sehr viel heißer und wüstenähnlicher vorgestellt, doch die Vegetation stellte sich nicht sehr viel anders dar als im Rheinland, und es regnete auch recht oft.

Don Alvaro lächelte, als sie ihm das vortrug. »Vergesst nicht, dass wir im Norden der Halbinsel sind und immer noch recht nah am Gebirge«, erklärte er. »Zudem ist es Herbst …« Sie befanden sich in den ersten Oktobertagen. »Das Wetter ist um diese Jahreszeit mit dem bei uns vergleichbar. Im Sommer dagegen regnet es deutlich weniger als in Eurer Heimat, und in Zamora kann es sehr warm werden. Die Stadt liegt schließlich an der Grenze zu Al Andalus.«

In Al Andalus, dem Land der Mauren, sollte es beinahe so heiß sein wie in Afrika.

»Mit Al Andalus liegt die Herrin Urraca aber nicht im Streit?«, erkundigte sich Aenlin vorsichtig.

Don Alvaro hob die Schultern. »Soweit ich weiß, gerade nicht. Doch da geht es ständig hin und her. Hier stützen die Christen einen maurischen Herrscher, da bekämpfen sie einen anderen. Vor gut hundert Jahren wurde Zamora bei einem Angriff der Mauren zerstört, dann wieder aufgebaut von König Ferdinand. Insgesamt sind die Mauren wohl schwächer als die Christen, mag sein, dass Gott die Hand über uns hält.« Der Kastilier bekreuzigte sich rasch. »Viele Maurenherrscher zahlen den Königen von León, Kastilien und Galicien inzwischen Tribute oder stellen ihnen Truppen gegen ihre Feinde. Dafür dürfen sie die Herrschaft über ihre Ländereien behalten.«

Aenlin runzelte die Stirn. »Ist das denn Gott wohlgefällig?«, erkundigte sie sich.

Der Ritter lachte. »Die Frage wird nicht gestellt. Wahrscheinlich hat einfach niemand Lust, von einem Tag auf den anderen die gesamte maurische Bevölkerung zu taufen. Oder die Könige Alfons, Sancho und García befürchten, dass es beim Versuch einer Christianisierung zu Aufständen käme, die sie erst niederschlagen müssten. Und dann läge womöglich das ganze Land in Trümmern. Statt Tribute einzustreichen, müsste man Aufbauarbeit leisten. Jedenfalls dulden die Herren einander. In den maurischen Landen leben auch viele Christen – anscheinend recht gut, sie werden nicht verfolgt. Und nun weilt ja selbst König Alfons am Hofe des Herrschers von Toledo. Das alles ist sehr undurchsichtig, Herr Endres.«

Das fand Aenlin ebenso, und sie fühlte sich alles andere als wohl dabei.

Im Laufe der nächsten Tage wurde es wärmer, die Sonne schien viele Stunden lang. Aenlin hätte den Ritt genießen und sich unbeschwert fühlen können, hätte die Sorge nicht an ihr genagt. Wann immer sie Dörfer oder Städte wie das malerische Valladolid durchquerten, erkundigte sie sich nach der Lage.

Was sie hörte, trug nicht unbedingt dazu bei, sie zu beruhigen. Sancho, so berichteten die Menschen, war tatsächlich mit einem Heer durchs Land gezogen – wobei sich die Plünderungen und Zerstörungen am Weg in Grenzen hielten. León war kein Feindesland, und Sanchos Streitmacht nicht so groß, als dass er sie nicht auf legalem Wege verproviantieren konnte. Inzwischen musste er Zamora erreicht haben. Von direkten Kampfhandlungen war allerdings nichts bekannt.

»Ich bin dafür, dass wir Kundschafter aussenden«, bemerkte Aenlin Don Alvaro gegenüber, als die Reisegesellschaft nur noch zwei bis drei Tagesetappen von Zamora entfernt in einem lichten Waldstück lagerte. »Ich wüsste gern, was uns erwartet, wenn wir der Handelsstraße folgen …«

Don Alvaro nickte. »Ein kluger Entschluss, Herr Endres«, lobte er. »Wenn es Euch recht ist, kann ich morgen gemeinsam mit Herrn Waldemar reiten.« Herr Waldemar war einer der Cölner Ritter. »Wenn wir ohne den Tross unterwegs sind, sollten wir gut an einem Tag hin- und zurückkommen. Wir können Euch dann am Abend berichten, wie es aussieht.«

Aenlin biss sich auf die Lippen. »Ihr selbst, Don Alvaro?«, fragte sie nervös. Sollte dem Ritter etwas passieren, würde sie ihren einzigen kompetenten Ratgeber verlieren. »Kann nicht jemand anderes …?«

Don Alvaro lächelte. »Ihr könntet höchstens selbst reiten«, neckte er sie. »Denn außer uns versteht ja wohl keiner das Idiom der Hispanier. Bis Herr Waldemar oder Herr Friedbert in Zamora jemanden gefunden haben werden, mit dem sie sich verständigen können, ist der halbe Tag um.«

Aenlin beruhigte es immerhin, dass der Ritter annahm, ungestört bis Zamora durchreiten zu können, während sie befürchtete, er könnte von König Sanchos Truppen abgefangen werden.

Schließlich stimmte sie dem Plan zu und sah die beiden Ritter am nächsten Morgen herzklopfend davonreiten. Sie selbst würde mit den anderen Rittern und den Knechten an diesem Lagerplatz warten, was ihr recht gut gefiel. Mit dem milderen Klima wechselte die Vegetation. Sie waren zwischen Orangen-, Mandel- und Feigenbaumhainen hindurchgeritten. Aenlin hatte zum ersten Mal in Öl eingelegte Oliven gegessen und die Bäume bestaunt, an denen sie wuchsen. Der Wald, in dem sie lagerten, wurde von knorrigen Bergeichen bestimmt, ein klarer Bach floss hindurch – Aenlin gedachte, die Rast zu nutzen, um ihre Kleidung zu waschen und die edlen Gewänder aus den Truhen zu holen und zu lüften, die »Endres« beim Besuch am Hofe der Herrin Urraca tragen sollte.

Der Tag verging also durchaus geschäftig, die Reisenden waren verwundert, als die Ritter bereits am frühen Nachmittag wieder ins Lager sprengten.

»Ihr habt recht gehabt, Herr Endres«, berichtete Don Alvaro, sobald er vom Pferd gestiegen war. »Es ist nicht so leicht, nach Zamora durchzukommen, wie wir dachten. Tatsächlich belagert König Sancho die Stadt, bisher ist es jedoch nicht zu einem Ausfall oder einem Angriff gekommen. Lediglich von ein paar kleinen Scharmützeln wurde berichtet, Sancho hat wohl einige Ritter Urracas gefangen genommen … Ich denke, die belauern sich gegenseitig ein paar Tage, und dann wird verhandelt.«

»Habt Ihr mit irgendjemandem darüber gesprochen, was mit uns werden soll?«, fragte Aenlin, wohl wissend, dass dies nicht zu den Aufgaben eines Ritters gehörte, der ja nicht als Unterhändler, sondern nur als Eskorte eines Handelsunternehmens für eine Reise angestellt worden war.

Zu ihrer Verwunderung nickte Don Alvaro. »Ich habe mich beim König melden lassen und ihm von Eurem Vorhaben berichtet, in Zamora Handel zu treiben«, erklärte er.

Aenlin starrte ihn an. »Ihr habt was? Ihr … Ihr habt den König gesprochen? Persönlich? Aber das …«

»Ich diente einst am Hofe seines Vaters«, enthüllte Don Alvaro wie nebenbei. »Insofern kenne ich König Sancho, und auch er hat sich an mich erinnert. Er hat mich sehr gastlich aufgenommen und ist Eurem Ansinnen gegenüber offen. Tatsächlich hat er Interesse bekundet, besagte Reliquie, die Euer Vater seiner Schwester zugedacht hat, selbst zu erwerben. Er meint, sie könne ein Pfand bei künftigen Verhandlungen sein. Vielleicht ein Geschenk für seine Schwester, falls die beiden sich versöhnen. Jedenfalls würde er Euch gern treffen, er erwartet uns in seinem Feldlager und garantiert Euch, dass Euch und Euren Waren dort nichts geschieht. Ich habe ihm gesagt, dass wir wahrscheinlich übermorgen dort eintreffen werden, und es ist ihm recht.«

Aenlin kam aus dem Staunen nicht mehr heraus. Das hier schien sehr viel einfacher zu werden, als sie es sich hatte träumen lassen! Ob König Sancho oder seine Schwester die Reliquie erwarb, war ihr egal. Und was die anderen Waren anging … vielleicht konnten sie den Friedensschluss zwischen Sancho und Urraca einfach abwarten. Oder sie machten sich erst mal auf den Rückweg und wandten sich irgendeinem anderen Handelsplatz zu. Näher am Gebirge war das Interesse an den Fellen, die das Gros der Warenladung bildeten, wahrscheinlich sowieso größer. In der Gegend um Zamora erschien es Aenlin viel zu warm, als dass jemand Interesse an pelzgefütterten Mänteln haben könnte.

Dankbar nickte sie dem Ritter zu. »Das war sehr … sehr großmütig von Euch, Don Alvaro«, erklärte sie. »Mein Vater wird Euch sicher dafür belohnen. Ich denke, wir ziehen morgen früh weiter. Was meint Ihr?«

Der Ritter überlegte einen Moment. »Es sind noch etwa fünfzehn Meilen bis zum Lager des Königs. Wenn wir morgen in der Nähe lagern, sollten wir es übermorgen um die Mittagszeit erreichen.«

Aenlin fand in dieser Nacht zum ersten Mal wieder Ruhe, seit sie sich von Meister Helwig und Meister Ruprecht getrennt hatten. Schließlich sah es nun aus, als würde sich ihr Wagnis auszahlen, es war gut, nicht auf die anderen Kaufleute gehört zu haben.

Am Morgen sattelte sie glücklich ihr Pferd und freute sich daran, dass Meletay in den Sonnenaufgang hineintänzelte.

Es war der 7. Oktober im Jahre 1072.

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