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Das Lied der Nebelinsel

Inhalt

  1. Cover
  2. Weitere Titel der Autorin bei beHEARTBEAT
  3. Über dieses Buch
  4. Über die Autorin
  5. Titel
  6. Impressum
  7. Zitat
  8. Vorbemerkung
  9. Prolog
  10. Erstes Buch
  11. I.
  12. II.
  13. III.
  14. IV.
  15. V.
  16. VI.
  17. VII.
  18. VIII.
  1. Zweites Buch
  2. IX.
  3. X.
  4. XI.
  5. XII.
  6. XIII.
  7. XIV.
  8. XV.
  9. XVI.
  10. XVII.
  11. XVIII.
  12. XIX.
  13. XX.
  14. XXI.
  15. XXII.
  1. Drittes Buch
  2. XXIII.
  3. XXIV.
  4. XXV.
  5. XXVI.
  6. XXVII.
  7. XXVIII.
  8. XXIX.
  9. XXX.
  10. XXXI.
  11. XXXII.
  12. XXXIII.
  13. XXXIV.
  14. XXXV.
  15. XXXVI.
  1. Epilog
  2. Historische Anmerkung

Weitere Titel der Autorin
bei beHEARTBEAT

Die Normannen-Trilogie:

Band 1: Tochter des Nordens

Band 2: Kinder des Feuers

Band 3: Meisterin der Runen

Ebenfalls lieferbar:

Distel und Rose

Über dieses Buch

Eine fesselnde Geschichte von Liebe, Freundschaft und Verrat

Schottisches Hochland, im Jahr 1306: Am Vorabend ihrer Hochzeit wird die junge Adlige Flora Zeugin, wie ihr Bräutigam David einen Barden niedersticht. Offenbar hat sein Lied über ein Liebespaar auf der Insel Skye die Attacke heraufbeschworen. Welches dunkle Geheimnis verbirgt sich hinter dieser alten Geschichte? Nur auf Skye kann Flora mehr über das unheilvolle Lied und somit Davids Bluttat erfahren. Zusammen mit dem jungen Ailean macht sie sich auf die Reise durch ein zerrissenes Schottland voll tödlicher Gefahren …

E-Books von beHEARTBEAT – Herzklopfen garantiert.

Über die Autorin

Julia Kröhn wurde 1975 in Linz an der Donau geboren. Heute lebt die Fernsehjournalistin und Autorin in Frankfurt am Main. Sie veröffentlicht unter verschiedenen Pseudonymen sehr erfolgreich Kinder-, Fantasy- und Historische Romane. Unter dem Pseudonym Carla Federico erhielt die Bestsellerautorin im Jahr 2010 den internationalen Buchpreis CORINE für ihren Roman »Im Land der Feuerblume«.

Besuchen Sie die Autorin unter www.juliakroehn.de im Internet.

Thig crioch air an t-saoghal,
ach mairidh gaol is ceòl.

Die Welt wird zu Ende gehen,
aber Liebe und Musik bleiben bestehen.

Vorbemerkung

Die Isle of Skye ist die größte Insel der Inneren Hebriden, sie liegt vor der schottischen Westküste. Nachdem sie von keltischen Schotten besiedelt wurde, suchten Wikinger die Isle of Skye seit dem 8. Jahrhundert heim und machten sie zu einer Art norwegischem Außenposten.

Im 13. Jahrhundert kämpfte die schottische Krone darum, den Einfluss über die Hebriden zurückzugewinnen, es drohte ein Krieg mit Norwegen …

Frieden herrschte in Schottland auch zu Beginn des 14. Jahrhunderts nicht. Ein Teil des Adels unterwarf sich dem englischen König Edward, der das Land unter seine Verwaltung stellte, ein anderer schloss sich der Rebellion von Robert the Bruce an, der sich 1306 zum König von Schottland krönen ließ und die Unabhängigkeit von England anstrebte.

Im damaligen Schottland sprachen die meisten Menschen Gälisch – eine sehr komplexe Sprache. Viele Konsonanten, die im geschriebenen Wort auftauchen, werden nicht ausgesprochen oder nur gehaucht. Die Namen der Protagonisten im vorliegenden Buch spricht man wie folgt aus, wobei Großbuchstaben auf die betonte Silbe verweisen: »Eilidh« klingt wie »EH-lih«, »Magaidh« wie »Maggie«, »Scáthaigh« wie »SCA-tai«, »Ailean« wie »AI-len« und »Farquhar« wie »FAR-ah-chahr«.

Prolog

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SKYE – 1266

Hinter ihr hatte sich eine Horde wütender Männer versammelt, vor ihr lag nur das Meer. Die Männer forderten ihren Tod, dem Meer war es gleichgültig, ob sie starb. Verschlingen würden die schwarzen Fluten sie gleichwohl, sobald sie sich hineinstürzte, und auf den spitzen Steinen, die herausragten, würde ihr Körper zerschmettern.

Die junge Frau atmete tief durch. Sie hatte keine Angst vor den Männern – und erst recht keine vor dem Meer. Sein Rauschen erzählte viele Geschichten, so auch, woher die Insel ihren Namen bekommen hatte. Die Norweger hatten sie Nebelinsel genannt, weil nicht nur die spitzen Berge, sondern auch das flache Land oft von grauem Dunst verhüllt wurde. Für die Gälen war sie die Flügelinsel, weil das Meer tiefe Fjorde in das Land geschnitten hatte und die einzelnen Teile wie Flügel aussehen ließ.

Wenn ich die Arme ausbreite, habe ich vielleicht Flügel wie sie. Und falls sie mich nicht tragen, kann ich auf dem Nebel gehen, der sich über dem Wasser zusammenbraut …

Wohin der Nebel sie tragen würde, wusste sie nicht, aber das machte ihr nichts. Sie wollte nur das wütende Gebrüll nicht länger hören müssen.

»Umkreist sie!«

»Der Nebel! Sie beschwört ihn! Sie ist eine Zauberin!«

»Sie hat die Insel verflucht!«

Es klang nicht menschlich, dieses Geschrei, eher wie das Kreischen aufgeschreckter Vögel oder wie das Grunzen eines wilden Ebers.

Erstickt am Schaum, der sich vor euren Lippen bildet! Ich aber werde das Tor zu Andernwelt überschreiten, ich werde leben.

Kaum mehr ein Schritt trennte sie vom Abgrund. Die Klippen waren dunkel vor Nässe, das Meer war tiefschwarz.

»Sie darf nicht davonkommen, diese verfluchte Gotteslästerin, diese Hexe, diese Heidin! Sie hat Unglück über die Insel gebracht.«

Der Nebel wurde dichter, dämpfte die Stimmen dennoch nicht. Kurz war sie versucht, sich umzudrehen und ihren Verfolgern ins Gesicht zu lachen.

Wenn jemand Unglück gebracht hat, wart ihr das mit eurem Geifern, mit euren kleinen Herzen, mit eurer Angst! Ihr Mönchlein habt in euren dunklen Kirchen gebetet, bis ihr heiser wart, aber Christus ist nicht vom Kreuz gestiegen. Seit Jahrhunderten hängt er schlaff da, sein Fleisch ist längst verwest. Nur weil ihr es aus Stein nachformt, stinkt es nicht. Betet, betet nur weiter, freut euch über meinen Tod. Wird das kräftige Gras darob weniger grün wachsen? Werden die rötlichen Berge erbeben? Werden die dichten Wälder ihr Laub verlieren? Gewiss nicht. Das Meer wird nicht lauter oder leiser rauschen, und ihr … ihr werdet sein Lied immer noch nicht verstehen, das Lied dieser Insel.

Ja, all das wollte sie ihnen sagen und den Triumph auskosten, ihre vom Zorn verzerrten Gesichter noch tiefer erröten zu sehen. Doch als sie sich über die rauen Lippen leckte, wusste sie plötzlich, dass sich kein Wort lohnte und sie nie wieder eines sprechen würde. Anstelle eines letzten Grußes an die hiesige Welt hob sie schweigend die Arme und breitete sie weit aus.

»Ergreift sie! Sie wird für alles zahlen!«

Umarme mich, Nebel! Liebkose mich, Meer! Räche mich, Insel!

Ehe einer der Männer seine Hand nach ihr ausstrecken konnte, trat sie ins Nichts.

Erstes Buch

DIE LETZTE DRUIDIN

Tha sinn uile air cuan,
stiùireadh cùrs’ tro ar beatha,
a’ seòladh geòla dhorch,
air chall an grèim na mara.
A’ mhuir, tha i ciùtin, tha i fiadhaich,
tha i farsaing, tha i àlainn,
tha i diamhair, tha i gamhlasach is domhainn.
O, ach sinn, tha sinn dall,
’s chan eil againn ach beatha.

Wir alle treiben auf einem Ozean,
steuern durch unser Leben,
auf einem schwarzen Boot segeln wir,
ausgeliefert an die See.
Die See ist ruhig, sie ist wild, sie ist weit,
sie ist schön, sie ist geheimnisvoll,
sie ist boshaft, sie ist tief.
Aber wir, wir sind blind
und haben nichts außer unserem Leben.

I.

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APPLECROSS
1306

Der junge Barde war betrunken, daran bestand kein Zweifel.

Eine Weile umkreiste Flora ihn, stapfte heftig auf den Boden, um ihn zu wecken, und als das nichts fruchtete, beugte sie sich über ihn, zog erst zögerlich an seinen rötlich blonden Locken und stupste dann mit den Zehenspitzen seine Schultern an. Die einzige Antwort, die sie bekam, war ein röchelnder Laut, der eher von einem wilden Tier zu stammen schien als von einem stattlichen jungen Mann, gefolgt von einer Woge säuerlichen Gestanks und einem Tropfen Speichel, der über sein erschlafftes Kinn floss. Er musste Aqua vitae zu sich genommen haben. Das Gebräu wurde aus hiesigen Kräutern gebrannt und belebte den müden Geist – vorausgesetzt, man nahm es nur in kleinen Mengen zu sich.

Floras Verzweiflung wuchs. »Wach auf!«, schrie sie ungeduldig. »So wach doch endlich auf!«

»Müh dich nicht«, spottete einer der Wachmänner, die am Hof um ein Feuer saßen, »bis morgen früh gibt der keinen Laut von sich.«

»Aber er soll doch heute Abend singen!«

»Na, wenn das so ist …«

Der Mann trat näher, weniger von Hilfsbereitschaft getrieben als von dem Wunsch, die junge Frau ausgiebig zu betrachten – die rotbraunen Zöpfe, die sich an den Enden lockten, ebenso das Gesicht, das fein genug war, um als schön zu gelten.

Flora ignorierte den aufdringlichen Blick. »Wir könnten ihm einen Eimer kalten Wassers ins Gesicht schütten«, schlug sie vor.

»Bin ich etwa ein Weib, das Wasser schleppt?«

Trotz der rüden Worte beugte sich nun auch der Wachmann über den Betrunkenen. »Mir würde da schon etwas einfallen, das den wieder munter macht«, erklärte er spöttisch.

Ehe Flora sichs versah, schob er sein ledernes Wams über die Hüften und machte sich an seinen Beinkleidern zu schaffen.

»Du willst doch nicht …«, setzte Flora entsetzt an.

»Ein Schwall stinkender Pisse, und der hier ist wieder wie neu! Und außerdem hat er dann für den Rest des Lebens gelernt, dass man nicht zu viel saufen soll.«

Dem Wachmann selbst schien noch niemand eine ähnliche Lektion erteilt zu haben, sonst wären seine Augen nicht so blutunterlaufen und seine Nase wäre nicht von so vielen Äderchen übersät. Allein sein absonderlicher Vorschlag war ein Beweis dafür, dass sein Geist nicht minder benebelt war als der des jungen Barden.

»Nicht!«, rief Flora.

»Ach, Lämmchen! Wenn du den Anblick eines Mannes nicht erträgst, dann dreh dich um und sieh weg.«

»Hör sofort auf!«

Der Mann ließ seine Hände sinken, ehe er sein Geschlecht hervorgezerrt hatte. »Dann piss eben selbst auf ihn, Lämmchen. Wenn du dich über ihn hockst, hat er gewiss Freude dran.«

Er lachte dreckig und trabte wieder davon.

Flora blickte ihm entsetzt nach. In den letzten Wochen war sie oft gekränkt oder verärgert gewesen, wenn die Mädchen von Perth über die wilden Hochländer getuschelt und sie mit falschem Mitleid überschüttet hatten, weil sie einen von ihnen heiraten musste, doch nun gestand sie sich ein, dass nicht all ihre Schauergeschichten Übertreibungen waren. Die Männer waren zwar nicht so stark, um allein mit Daumen und Zeigefinger Bäume auszureißen, die Frauen mähten nicht wie Schafe und, was noch wichtiger war, rochen auch nicht wie sie, doch dass die Burg von Applecross im äußersten Westen der Grafschaft Ross auch Barbaren ohne jedwede Lebenskultur beherbergte, konnte sie nun nicht länger leugnen.

Der Anblick des betrunkenen Barden stimmte sie zunehmend verzagter. Flora sah sich vergebens nach Moira um, ihrer treuen Dienerin, die für sie sorgte, seit sie denken konnte, und die sie auf der beschwerlichen Reise von Perth im südlichen Flachland Schottlands hierher begleitet hatte. Sie kam zu dem Schluss, dass Moira immer noch unter ihren wehen Knochen litt und sich ausruhte. Vertrauenerweckender als die Wachtposten im Hof waren die Damen, die sich für gewöhnlich in der großen Halle um den Kamin versammelten, doch Flora zögerte dennoch eine Weile, ehe sie sich zu ihnen aufmachte. Die Damen hatten bei ihrer Begrüßung zwar Französisch mit ihr gesprochen, edle Gewänder und Kopfbedeckungen aus italienischer Seide getragen, doch noch war keiner ihrer Blicke wohlwollend genug ausgefallen, als dass sie sich in ihrer Gegenwart so ungezwungen wie im Kreise echter Freundinnen gefühlt hätte. Flora war darum auf der Hut und hätte wohl geschwiegen, hätte nicht eine sie kommen sehen und gefragt, ob sie helfen könne, denn ihre Miene war offenbar vor Sorgen umwölkt.

»Der Barde ist betrunken!«, rief Flora.

Bedauerlicherweise konnte sie nur auf Neugier zählen, nicht auf Anteilnahme. Das Kichern, das jetzt ertönte, glich zwar weniger dem Mähen eines Schafes als dem Meckern einer Ziege – kränkend war es so oder so.

»Nun, dein Bräutigam ist noch nüchtern, nur das ist wichtig. Schließlich musst du morgen ihn und nicht den Barden heiraten. Und im Brautbett zählt etwas anderes als ein hübsches Lied.«

»Aber der Barde hätte heute Abend singen sollen!«, rief Flora.

Obwohl der Mann aus Irland stammte, war ihr versichert worden, dass er auch die französischen Lieder der Troubadoure beherrschte, doch in seinem jetzigen Zustand würde er wohl nicht einmal den eigenen Namen richtig aussprechen. Was sie maßlos enttäuschte, bekümmerte die anderen Damen nicht länger. Schon nahmen sie das Gespräch wieder auf, das Flora unterbrochen hatte.

»Stellt euch vor! Nicht nur Elizabeth, die Frau von Robert the Bruce, und seine Tochter Marjorie wurden gefangen genommen – auch seine Schwestern befinden sich in den Händen der Engländer.«

»Und vergiss Isabella von Buchan nicht, dieses dumme Weib, das sich gegen Bruder und Gatten stellte und Robert eigenhändig krönte.«

»Sie ist nicht nur dumm! Sie ist eine Verräterin!«

»Ich habe gehört, dass sie in einen Käfig gesperrt wurde wie ein wildes Tier. Wie aber konnte sie sich auf Roberts Seite stellen? Ein gottloser Mörder ist er, nichts weiter!«

Kurz stießen die Frauen Laute der Empörung aus, dann begannen sie schrill zu kichern, was nicht nur schadenfroh, sondern auch eitel klang.

»Wir können sehr stolz auf unseren Grafen William sein, weil er zu der Gefangennahme dieser Frauen beigetragen hat.«

Flora unterdrückte ein Seufzen. In Perth sprachen Frauen nie über Politik, hier jedoch andauernd. Weil sie noch nicht wusste, um wessen Wohlwollen es sich zu buhlen lohnte und wem sie offen die Meinung sagen konnte, schwieg sie lieber, anstatt laut zu bekunden, dass ihr Robert the Bruce – ob nun mit oder ohne weibliche Verwandtschaft – herzlich egal war. Was sie sich nicht verkneifen konnte, war, die Nase zu rümpfen, etwas, das die Frauen prompt falsch deuteten. Erstmals triefte der Blick, der auf sie fiel, nicht vor heimlicher Herablassung.

»Ganz recht, so ein Gesicht setzt man am besten auf, wenn von den Frauen eines Verräters und gemeinen Mörders die Rede ist. Sollen sie alle im Kerker oder im Käfig schmachten, bis sie grau sind, bis ihre Knochen knirschen und die Haut zu schimmeln beginnt. Sie haben nichts Besseres verdient.«

»Aber, aber …« Die Stimme, die die Damen jäh schweigen ließ, kam vom Eingang der Halle. »Mir scheint, ihr urteilt zu hart. Trotz allem sind es Frauen, manche sogar noch Mädchen, denen der Geschmack von Milch vertrauter ist als der von Wein. Überdies stammen sie alle von namhaften Schotten ab, die ihre Ehre und ihre Tapferkeit schon zu Zeiten bewiesen, da unser Land noch Alba hieß. Es ist ein Unrecht, sie wie Tiere zu behandeln.«

Die Frau, die zu ihnen trat, war Floras künftige Schwiegermutter Margaret MacIver – von allen Peg genannt. Ihre Stimme war stets wohltönend, gleichwohl sehr leise. Zu überhören wagte sie auf der Burg von Applecross dennoch niemand, für gewöhnlich verstummte man sogar und nickte, wenn sie ihre Sicht der Dinge kundtat. Nur an diesem Tag war es anders.

»Ein Unrecht war es vor allem, dass Robert nicht nur in der Kirche, sondern gar vor dem Hochaltar einen Mann ermordet hat. Heißt du, liebe Peg, etwa nicht gut, dass er vom Bischof aus der Gemeinschaft der Gläubigen ausgeschlossen wurde?«

»Robert mag gern den Preis für seine Schandtaten bezahlen, doch seine Angehörigen haben nichts verbrochen, was eine harte Strafe verdient. Allerdings, an einem Tag wie heute gibt es lohnenswertere, vor allem aber schönere Gespräche zu führen als solche über Könige, Verräter und Kriege.«

Flora war sich bisher nicht sicher gewesen, was sie von der Mutter ihres künftigen Gemahls halten sollte. So wach und neugierig ihr Blick zumeist war, so stechend wurde er, wenn er noch die kleinste ihrer Gesten einer strengen Prüfung unterzog. Heute schien ihr Lächeln jedoch ehrlich gemeint zu sein.

»Der Barde ist betrunken!«, platzte Flora nun heraus.

Ehe Peg etwas dazu sagen konnte, meldete sich wieder die Frau mit dem Ziegenlachen zu Wort. »Ich fürchte, daran wird unsere liebe Peg nichts ändern können. Mag sie auch mit ihren Kräutern viele kranke Menschen heilen – es gibt nur zwei Mittel, um Betrunkene wieder nüchtern zu machen, und das sind Zeit und Schlaf.«

»Wollen wir ihm beides gönnen«, sagte Peg und legte Flora dann tröstend den Arm um die Schultern. »Es gibt jemand anderen, der singen kann. Der Barde ist nicht allein gekommen, sondern mit seinem noch erfahreneren Meister. Dessen Schatz an Liedern mag reicher sein und seine Stimme ob all der Jahre, da er sie schulte, samtiger.«

»Das … das ist mir entgangen«, stammelte Flora.

»Kein Wunder bei all der Aufregung.« Das Lächeln war weiterhin gütig, aber Flora glaubte, aus den Worten der Älteren leisen Tadel herauszuhören. Frauen mit einem so wachen Blick erwarteten wohl, dass jeder der Umwelt gleich viel Aufmerksamkeit zuteilwerden ließ wie sie selbst. »Wir wollen gleich mit diesem Iain sprechen.«

Peg hakte sich bei ihr unter, doch Flora entging nicht, dass sie sie etwas auf Abstand hielt, dass sich nur ihre Arme, nicht ihre Leiber berührten. Gleichwohl folgte sie ihr willig aus der Halle. Die Entscheidung, ob sie ihre Schwiegermutter mochte oder nicht, konnte sie auch noch treffen, wenn das Fest vorüber war und man im fernen Perth davon schwärmte.

Wie Flora es sich gewünscht hatte, wurde am Abend ein ganzer Schwan serviert. Sein Gefieder war kunstvoll um das Fleisch drapiert worden, und Kopf und Hals, die gleichfalls im Braten steckten, sahen so lebendig aus, als würde er eben noch lautlos übers Wasser gleiten und eine silbrige Bahn hinterlassen. Leider waren die Spitzen der Federn verbrannt und ließen eher an einen Raben als einen stolzen weißen König denken. Flora gab sich alle Mühe, kein schlechtes Omen darin zu sehen und das erhoffte Lebensglück nicht vom unglücklichen Koch abhängig zu machen, desgleichen wie kein trunkener Barde Macht darüber hatte. Schwarze Schwanenfedern hin oder her – Meister Iain, der für seinen besinnungslosen Schüler einsprang, machte seine Sache gut.

Mittlerweile trug der Barde schon das dritte Lied in tadellosem Französisch vor und bewies damit, dass er tatsächlich bei den Troubadouren im Süden gelernt und dafür die weite Reise samt aller Gefahren auf sich genommen hatte. Gewiss, seine Hände waren nicht die eines jungen Mannes, aber sie zupften die Harfe so sanft, dass Flora kurz vermeinte, ihr Streicheln am eigenen Leib zu spüren. Und seine Stimme, mal flüsternd sanft, mal laut und erregt, klang wohltönend, als triefte Honig von seinen Lippen.

Erst gab Iain einige Sagen von Iren und Gälen zum Besten, in denen diese Heldentaten vollbrachten und nicht nur von Mut und Kraft zum Sieg geführt wurden, sondern überdies von Klugheit und List. Später besang er die Tugenden des Grafen von Ross und all der Clanführer, die diesem treu ergeben waren, darunter auch Bearnard MacIver, Pegs Mann und Floras künftiger Schwiegervater. Leider folgte danach nicht das von Flora erhoffte Hochzeitslied, sondern der verhasste Robert the Bruce wurde in etlichen Versen verspottet.

Nun, Floras Bräutigam David schien es zu gefallen, wenn man denn das leichte Zucken seiner Mundwinkel als Zeichen des Wohlwollens wertete. Flora kannte ihn zu kurz, um in seiner Miene lesen zu können, und an Worten, die mehr über seinen Gemütszustand verrieten, sparte er. Eigentlich hatten sie seit der förmlichen Begrüßung kaum welche gewechselt, aber Männer, das wusste ein jeder, redeten nun mal weder viel noch gern, und Flora wollte sich damit begnügen, dass David ihr – wie jeder kultivierte Mann es handhabte – das Fleisch klein schnitt. Er tat es mit dem edlen Dolch, den er an seinem Gürtel trug, schnitt so lange, bis keine Bissen mehr auf dem Brot lagen, wie Krieger sie in sich hineinstopften, sondern winzige Stückchen, wie nur edle Damen sie zu sich nahmen.

Flora brachte vor Aufregung kaum etwas von dem Fleisch herunter, obwohl es weich war und die Freundinnen aus Perth, die behauptet hatten, dass man im Hochland nur verkohlte Schafe esse, einmal mehr der Lüge strafte. Sie ließ den Blick über die Tafel kreisen, und wenn auch nicht ihr Appetit, so wurde doch ihr Triumphgefühl davon angeregt. Gewiss gab es ebenfalls Schaffleisch, aber dieses war nicht verbrannt, sondern weich gekocht, außerdem wurde Braten vom Hasen und Rothirsch serviert, Kalbsmagen und Kutteln. Noch mehr gefiel Flora, dass nicht etwa nur Bannoka – schottischer Haferkuchen – aufgetischt wurde, sondern weiches Weizenbrot, außerdem gab es Feigen und Weintrauben, mit denen selbst in reichen Städten wie Perth gespart wurde. Auch die Ausstattung der Halle mit den Wandbehängen, den dunklen Stühlen und Bänken und den Malereien über den Fenstern war edel.

»Also, was meinst du?«

Flora zuckte zusammen. Ausgerechnet jetzt, da sie in Gedanken versunken war, hatte der bislang schweigsame David das Wort an sie gerichtet.

»Ich … ich …«, stammelte sie.

Als er sie erwartungsvoll anblickte, fiel ihr zum ersten Mal auf, dass seine Augen grün waren und sich in ihnen die Farbe seines Plaids spiegelte.

»Ich …«, setzte sie wieder an.

Ein anderer hätte seine Frage vielleicht wiederholt, doch David wandte sich ab, ehe sie mehr hervorbrachte. Zum Glück kam ihr der Barde zu Hilfe.

»Ich wollte nur wissen, worüber ich als Nächstes singen soll«, wandte er sich an sie. »Und ich dachte, dass die schöne Braut vielleicht einen Vorschlag machen will.«

Ganz still wurde es im Saal, als die Gäste ihrer Antwort harrten. Flora nahm all ihre Willenskraft zusammen, um sich nicht verlegen zu winden. »Sing über die Liebe!«, forderte sie selbstbewusst.

David war weiterhin maulfaul, Iain, der Barde, lächelte hingegen väterlich. »Über die Liebe also …«

Nun richteten sich alle Blicke auf ihn, und Flora war so erleichtert darob, dass sie kaum zuhörte, als er das Lied anstimmte.

Hält David mich für ein unbeholfenes, schüchternes Mädchen?, fragte sie sich. Freut er sich auf morgen, wenn wir heiraten werden? Gefalle ich ihm überhaupt?

David hatte wieder begonnen, Fleisch zu schneiden, diesmal in große Stücke, die wohl für ihn selbst gedacht waren, nicht für sie. Flora verkrampfte sich der Magen. Undenkbar war es, erneut den Blick seiner grünen Augen zu suchen, stattdessen hielt sie nach Peg MacIver Ausschau, die ihr freundlich zunickte, und nach Moira, ihrer treuen Dienerin. Diese saß am anderen Ende der Tafel im Kreise der Gäste niedrigeren Standes, schien sich von den Strapazen der Reise erholt zu haben und aß hungrig – ob vom Schwanen- oder vom Schafbraten konnte Flora aus der Entfernung nicht erkennen. Als ihre Blicke sich trafen, lächelte Moira.

Dann sang der Barde weiter, sang – und diesmal hörte Flora zu – von einem Raben und einer Wölfin, der eine ein stolzer Herr der Lüfte, die andere vom Rudel verstoßen und darum einsam ihrer Wege gehend. Die beiden Tiere begegneten sich, erkannten sich, liebten sich, doch den Göttern gefiel es nicht, weil dem einen schließlich der Tag gehörte und der anderen die Nacht. Sie forderten die Trennung, aber Rabe und Wölfin trotzten den Göttern, trotzten auch Tag und Nacht und trafen sich in jenen gestohlenen Stunden, da die Sonne auf- und untergeht und sich Licht und Dunkelheit kurz küssen, ehe die Umarmung des einen für den anderen tödlich wird. Diese Zeit genügte, um ein Kind zu zeugen, und dieses wurde nicht etwa ein absonderliches Mischwesen mit Fell und Federn, Flügeln und Krallen, Schnabel und Maul, sondern ein rosiges Menschenkind, das sich von anderen seiner Art unterschied, weil es das Heulen der Wölfe und das Krächzen der Raben ebenso verstand wie die menschliche Sprache, vor allem aber, weil es unbesiegbar und folglich unsterblich war.

Welch merkwürdiges Lied, dachte Flora, und wie unpassend auch, da ich doch eines über Liebe gefordert habe!

Auch in den Gesichtern der anderen stand Befremden – nur in einem nicht.

Moiras Augen, die für gewöhnlich von den Lidern halb bedeckt waren und immer den Eindruck erweckten, sie würde schlafen oder stünde kurz davor, waren weit aufgerissen. Das Stück Fleisch, an dem sie kaute, hatte sie ausgespuckt, die Hände, die für gewöhnlich ständig in Bewegung waren, vor das bleiche Gesicht geschlagen. Ihr Leib, eigentlich rundlich und vom Alter gebeugt, war gespannt wie eine Saite von Iains Harfe. Sie lächelte nicht mehr – ihr Blick war erfüllt von tiefstem Entsetzen.

Flora wusste nicht viel über Moira. Wenn man deren eigenen Worten traute, gab es auch nicht viel zu wissen. Irgendwie war Moira immer schon alt gewesen, und irgendwie war sie immer da gewesen. Sie umsorgte sie seit ihrer Geburt, ohne sie zu verzärteln, sie redete viel, ohne dass ihre Worte Gewicht hatten, sie spann und webte und nähte ständig, ohne dass man das Gefühl hatte, sie täte es sonderlich gern. Kaum je hatte Flora sie so lange betrachtet wie jetzt. Und niemals hatte sie gedacht: Sie ist ja wie eine Fremde …

Ehe die junge Frau in Moiras Zügen Vertrautes wiederentdeckte, war diese, ansonsten langsam und träge, schon erstaunlich wendig aufgesprungen und hatte den Saal verlassen. Außer Flora hatte wohl niemand bemerkt, wie sehr sie das Lied aufwühlte. Iain zupfte gerade ein letztes Mal an den Saiten der Harfe, ehe er eine leichte Verbeugung andeutete. Die anderen Gäste schienen erleichtert, dass der melancholische Gesang ein Ende hatte, und forderten ein fröhlicheres Lied. David sagte nichts, sondern kaute an seinem Fleisch. Noch bevor er es geschluckt hatte, erhob sich Flora.

»Erlaub mir doch …«

Mit vollem Mund starrte er sie fragend an, aber sie brachte ihren Satz nicht zu Ende. Sie hatte Moira unter dem Vorwand nachgehen wollen, die Latrinen aufzusuchen, doch die menschlichen Bedürfnisse, die dorthin trieben, waren nichts, worüber man mit einem künftigen Ehemann sprach.

David nickte auch so. Das Stück Fleisch, an dem er kaute, musste besonders zäh sein. Saft rann über sein Kinn. Auf dem Weg hinaus traf Flora Pegs Blick, doch anders als befürchtet, folgte diese ihr nicht, wirkte lediglich nachdenklich und – für eine ansonsten umtriebige Frau – sehr steif. Es schien, als hätte sich der Lauf der Welt verkehrt, die Regen wurden langsam, die Müden erstaunlich flink …

Flora beschleunigte den Schritt. Kaum verließ sie die Halle, musste sie das Tempo jedoch drosseln. Mittlerweile fand sie sich auf der Burg von Applecross zwar zurecht, wusste aber nicht, wo sie Moira zuerst suchen sollte. Sie entschied, die schiefe Treppe nach unten zu nehmen, die in eine Halle so groß wie der Palas führte, nur ohne Fenster, mit schmutzigem Boden und schweren Holzbalken an der Decke, die von Säulen gestützt wurden. Sie stieß auf Leere und Finsternis.

Draußen im Hof tat sich etwas mehr, wenngleich auch hier von Moira nichts zu sehen war. Der betrunkene Barde schlief immer noch röchelnd seinen Rausch aus, der Mann, der ihn mit seinem Urin hatte wecken wollen, wärmte sich immer noch am Feuer. Bevor er sie entdeckte, zog Flora sich wieder zurück, nahm nun, erneut über eine schiefe Treppe, den Weg nach oben. Vom Festsaal aus ging es hoch in den zweiten Stock, wo sich die Wohnräume befanden, kleine Kammern allesamt und niedriger als der Palas, aber mit zahlreichen Fenstern, deren bogenförmige Wölbungen mit Farben in kunstvollen Mustern ausgemalt waren. Im größten der Räume, in dem Flora bis zur Hochzeit schlafen sollte, hatte sich Moira gern aufgehalten – vor dem verstörenden Lied hierhergeflüchtet war sie jedoch nicht. Auch dieser Raum war verwaist.

Während Flora verweilte, nachdenklich auf und ab ging, auf Schritte lauschte, aber keine vernahm, wuchs nicht nur ihre Verwirrung, sondern auch ihr Ärger. Warum hatte Moira mit ihrem sonderlichen Verhalten das Fest gestört? Und warum hatte sie sich selbst stören lassen? Moira war alt, und alte Menschen benahmen sich manchmal wunderlich. Anstatt sie weiter zu suchen, sollte sie an die Seite des Bräutigams zurückkehren, ehe der sein ganzes Fleisch gegessen hatte und sich wunderte, wo sie blieb.

Langsam nahm Flora die Treppe hinunter. Aus dem Festsaal tönten keine Lieder mehr, stattdessen Gelächter, wie es nur zotige Witze hervorzurufen vermochten. Die Männer grölten, die Frauen kicherten, und beides war so laut, dass Flora beinahe den Schrei nicht gehört hätte. Doch gerade als sie eintreten wollte, hielt sie inne.

Moira!

Plötzlich war sie sich sicher, dass diese und keine andere geschrien hatte. Und ihr ging auf, dass sie sie noch nie so laut hatte schreien hören.

So schnell, dass sie beinahe über die schiefen Stufen gefallen wäre, lief sie hinunter in die dunkle Halle, nur dass diese nicht länger dunkel war. Zwei Männer standen da, und einer von ihnen hielt eine Fackel, die bedrohliche Schatten auf die Wände warf. Dann nahm Flora einen dritten wahr, der einen Dolch hielt. Den Dolch, mit dem er ihr vor einigen Augenblicken noch das Fleisch geschnitten hatte …

David!

Was Flora am meisten entsetzte, war nicht, dass Moira wieder und wieder schrie, auch nicht, dass David den Dolch drohend erhoben hatte, sondern vielmehr, auf wen er die Klinge richtete.

»Ich bitte Euch! Tut das nicht!«

Es war Iain, der Barde, der wohl kurze Zeit nach ihr den Saal verlassen haben musste und nun inständig um sein Leben flehte. Seine Stimme klang nicht schön und sanft, sondern voller Panik, doch die Worte konnten ebenso wenig ausrichten wie die erhobenen Hände. David stürzte auf ihn zu, traf seine Brust, zog den Dolch zurück, wollte wieder auf den Fassungslosen einstechen. Der Blick seiner Augen war leer, aus den Mundwinkeln floss immer noch der Saft des gebratenen Fleisches.

»Nein!«, schrie Flora, »nein!«

So laut, wie ihre Stimme von den Wänden widerhallte, war Flora überzeugt, dass jemand sie hören musste, aber oben im Saal wurde weiter gelacht und gescherzt, getrunken und gegrölt. Niemand konnte ahnen, dass der Barde blutüberströmt zusammenbrach, niemand wissen, dass ihr Bräutigam ein Mörder war. David ließ den Dolch sinken, doch sein Gesicht glich einer Maske. Sie hatte Hass immer für ein hitziges Gefühl gehalten, lodernd wie ein Feuer, auch gefräßig und versengend wie dieses, doch jetzt erkannte sie, dass Hass kalt wie eine Klinge war und die Seele tötete.

Als David den Dolch in seinen Gürtel steckte, wischte er noch nicht einmal das Blut davon ab. Er wandte sich um und musterte Flora.

»Geh wieder in die Halle!«, befahl er knapp. »Du solltest nicht hier sein!«

Und sie sind doch Barbaren …

»Wie konntest du nur!«, schrie sie.

»Flora …« Erstmals flackerte sein Blick. »Wenn du wüsstest, was er getan hat! Er war doch …«

Ehe er weiterreden konnte, trat der Mann mit der Fackel dazwischen, in dem Flora nun Cinead erkannte, Davids jüngeren Bruder. Er packte David an den Schultern und zwang ihn, ihn anzusehen.

»Du darfst es ihr nicht sagen, David, das weißt du doch! Es ist … es ist zu gefährlich! Komm, lass uns verschwinden.«

In Cineads Zügen stand kein Hass, wie sie ihn an David wahrgenommen hatte, jedoch Genugtuung, und Flora war sich sicher, dass er notfalls selbst auf den Barden eingestochen hätte.

Der letzte Blick, den David ihr zuwarf, wirkte schuldbewusst, doch das änderte nichts daran, dass er dem Befehl seines Bruders sofort gehorchte. Schon stieg er über Iain hinweg und folgte Cinead nach draußen.

Ein kalter Luftzug traf Flora, die Hände, die die ihren umfassten, waren hingegen warm. Richtig, Moira war auch noch da, Moira, die sie an sich zog, sie so inniglich wie nie zuvor umarmte.

Warum, warum, warum?

Später wusste sie nicht mehr, wie lange sie so dagestanden hatte. Die Schritte der beiden Männer verhallten, in der Halle wurde es finster, und das Blut auf Iains Brust leuchtete nicht mehr rot, sondern war nun pechschwarz.

»Du darfst nicht hierbleiben«, murmelte Moira. »Es ist zu gefährlich. Du musst fort von hier!«

Ihre Worte brachen den Bann. Flora riss sich von Moira los, stürzte auf Iain zu und wäre beinahe über die Harfe gestolpert. Der Barde hatte sie in den Händen gehalten, als der Dolch ihn traf, und sie war ihm entglitten, ehe er selbst zu Boden gegangen war. Eine Saite war gerissen.

Tot, die Harfe ist tot, dachte Flora benommen, und er …

Sie beugte sich über den Mann und hörte zu ihrer Verblüffung, dass er stoßweise atmete.

»Er lebt noch!«, schrie sie.

Moira rührte sich nicht. »Bitte, Flora, du musst Applecross sofort verlassen!«

Flora achtete nicht auf die Ältere. »Warum … warum wollten sie dich töten?«, wandte sie sich an den Barden.

Es war zu finster, um zu erkennen, ob er sich dem Tod ergab oder gegen ihn kämpfte. In jedem Fall rang er um Worte.

»Der Rabe … die Wölfin …«

Floras Geist schien vom Blutdunst wie betäubt. Erst als Iain ihre Hand packte, erstaunlich kraftvoll, war ihr kurz, als könnte sie seine Gedanken lesen.

Das Lied … er will mir sagen, dass er wegen des Liedes sterben muss …

Der Griff seiner Hand erschlaffte, das Röcheln wurde leiser.

»So tu doch etwas!«, schrie Flora Moira an.

Die schien wieder ganz die Alte zu sein. Die Augen waren nicht länger weit aufgerissen, sondern halb von den schweren Lidern bedeckt, der Rücken war gebeugt.

»Du kannst ihn nicht retten. Das Einzige, was jetzt zählt, ist, dass du dich selbst …«

»Was ist passiert?«, fiel Flora ihr harsch ins Wort. »Warum hat David das getan?«

»Ich weiß es nicht. Ich wollte mit dem Barden sprechen … Das Lied, das er sang, kenne ich aus meiner Kindheit, und ich wollte wissen, wer es ihn gelehrt hat. Kaum traf ich ihn hier, waren auch schon David und sein Bruder da … Das andere hast du mit eigenen Augen gesehen …«

Ihre Worte waren eben verklungen, als sich Schritte näherten.

Flora erstarrte. Kurz war sie sich sicher, dass David zurückkehrte und den Dolch erneut ziehen würde, um sein Werk zu vollenden. Nicht minder stark als der Drang, den Barden zu beschützen, war der, Moiras Rat zu folgen und aus Applecross zu fliehen. Sie wollte sich nicht fragen müssen, was passiert war. Sie wollte nie wieder in Davids vom Hass entstelltes Gesicht schauen. Vor allem wollte sie ihn nicht heiraten.

Die Schritte verstummten. Wer vor ihr stand und sich über Iain beugte, war nicht David.

Die Kerzen warfen flackernde Schatten auf die Statuen der Evangelisten, die um den Altar standen, und schienen sie erbeben zu lassen. Sie waren nicht sonderlich groß, doch ihre dunklen Umrisse auf den steinernen Wänden konnten von Riesen stammen. Wie die Schatten zitterte auch der Mönch – nicht aus Entsetzen über eine schändliche Bluttat, wie Flora zunächst vermeinte, sondern aus Angst um sich selbst.

»Warum habt ihr ihn ausgerechnet hierher gebracht?«, fragte er verzweifelt.

Mit vereinten Kräften war es Peg, Moira und Flora gelungen, Iain aus der Halle zu zerren. Der Verwundete selbst hatte so gut es ging mitgeholfen, doch mit jedem seiner Schritte war das Ächzen lauter geworden, und kaum hatten sie die Kirche erreicht, war er ohnmächtig auf den Boden gesunken.

»Wir befinden uns auf heiligem Grund und Boden. Hier findet jeder Schutz, der ihn sucht«, erklärte Peg MacIver mit scharfer Stimme.

Sie selbst hatte die Entscheidung getroffen, den verletzten Barden hierherzubringen, und Flora war so erleichtert darüber gewesen, dass eine andere die Anordnungen übernahm, dass sie ihr gedankenlos gehorchte. Ob dem Barden noch zu helfen war, wusste sie nicht. Derart reglos, wie er da auf dem Boden lag, würde er nicht lange leben, und der Priester schien dasselbe zu denken.

»Ich bete gern für seine Seele«, murmelte er, »aber … aber ich will keine Schwierigkeiten bekommen. Das Kloster … es untersteht Graf William von Ross …«

»Das Kloster untersteht Gott, und Gott lädt jeden ein, der an seiner Tür klopft.«

Flora war froh, dass Peg mit ihr noch nie so streng gesprochen hatte. Solch scharfen Worten hätte sie nur Gestammel entgegensetzen können, und dem Mönch ging es wohl ähnlich. Er sagte nichts mehr, nickte nur widerwillig und beugte sich auch Pegs weiteren Befehlen, die sie ihm nun erteilte.

»Du musst mir einige Dinge bringen, damit ich sein Leben retten kann. Ich brauche etwas Kerbel, um die Blutung zu stillen. Hol mir auch Wermut, um das Fieber einzudämmen, das den Armen womöglich bald peinigen wird. Mehr Kerzen brauche ich auch. Nur mit genügend Licht kann ich überprüfen, wie tief die Wunde ist.«

Der Mönch machte sich gleich auf, das Gewünschte zu holen, indessen sich die Blutlache um Iain immer weiter ausbreitete. Das Blut schien nicht aus dem Körper eines Mannes zu fließen, der eben noch kraftvoll zu singen vermocht hatte, sondern aus einem verdreckten Tümpel. War es überhaupt möglich, den Verlust von so viel Lebenssaft zu überleben?

Peg folgte Floras Blick und schien ihre Gedanken zu lesen. »Zwei Arten von Blut fließen in den Adern des Menschen«, erklärte sie. »Die eine bringt Lebenskraft, die zweite ernährt den Körper. Wenn die Blutung erst gestillt ist, er das Bewusstsein wiedererlangt und ausreichend zu essen und zu trinken bekommt, dann wird er leben.«

Flora zweifelte daran, dass man dem Barden alsbald auch nur Flüssigkeit würde einträufeln können, aber sagte nichts. Sie verkniff sich ebenso die Frage, die ihr seit geraumer Zeit auf den Lippen lag – warum ausgerechnet Peg dem Barden half, wenn es doch ihr eigener Sohn gewesen war, der versucht hatte, ihn zu töten.

»Gib mir ein Stück von deinem Kleid!«

»Aber …«

»Wir müssen die Wunde zunächst bedecken, um sie vor gefährlichen Dämpfen zu schützen. Man sieht sie nicht, sie lauern dennoch überall.«

Das Reißen des Stoffes hallte durch die Kirche und blieb für eine Zeit lang das einzige Geräusch. Flora wagte nicht, laut zu beklagen, dass sie ihr schönstes Kleid ruinieren musste, das dunkelgrüne, das so gut zu den rotbraunen Haaren passte, und auch der Mönch schwieg, als er wenig später wiederkehrte. Gleich darauf schickte ihn Peg noch einmal fort, diesmal, um Nadel und Fäden zu holen, um die Wunde zu nähen – einen dünnen aus Seide und einen festeren, der aus einer Sehne gemacht war.

Flora wandte sich ab, als Peg kurz darauf damit begann, und dankte Gott, dass Iain nichts zu spüren schien und niemand genötigt war, einen sich windenden, schreienden Verwundeten zu beruhigen. Der Mönch betete, und die Schatten zitterten noch mehr, weil er so heftig in Richtung der Kerzen atmete.

»Noch mehr Stoff!«, befahl Peg.

Wieder ertönte das Reißen. Wieder hatte Flora das Gefühl, dass es ihr Leben war, von dem nur Fetzen blieben.

Die Heirat mit David … unmöglich … Nicht nach dem, was geschehen ist … schon gar nicht morgen … Warum hat er das getan … was wird nun aus mir?

Immerhin, als sie einen vorsichtigen Blick auf Iain wagte, stellte sie fest, dass die Blutlache nicht größer geworden war.

»Du musst dich in den nächsten Tagen um ihn kümmern«, wandte sich Peg an den Mönch, nachdem sie die Wunde notdürftig verbunden hatte. »Wenn er erwacht, darf er fürs Erste nur ungesüßten Wein trinken. Nach ein paar Tagen sollte er auch weich gekochtes Fleisch und Eier bekommen.«

Flora musste unwillkürlich würgen. Sie konnte sich nicht vorstellen, dass der Verletzte jemals wieder feste Nahrung herunterbringen würde. Und sie konnte sich auch nicht vorstellen, selbst etwas zu essen, ohne an den Bissen Fleisch zu denken, an dem David gekaut hatte, ehe er auf den Barden einstach.

Peg fuhr ungerührt zu reden fort. »Der Verband sollte drei Tage lang nicht gewechselt werden, es sei denn, der Mann blutet stark und leidet an Schmerzen. Die Wundränder dürfen nicht getrennt werden.«

Der Mönch tat, als würde er weiterhin beten, doch dass er nicht widersprach, wertete Peg wohl als ausreichendes Zeichen, dass er sich fügte, denn sie wiederholte ihre Worte nicht, sondern wandte sich an Flora.

»Wo ist Moira?«

Verständnislos starrte Flora sie an. Sie war so beschäftigt gewesen, das Würgen zu unterdrücken, auf die Blutlache zu starren und dem Geräusch des reißenden Stoffes zu lauschen, dass ihr das Offensichtliche entgangen war. In der Kirche befanden sich Peg, der Mönch, die Statuen, sie und Iain – aber Moira nicht. Vage konnte sie sich erinnern, dass sie ihnen geholfen hatte, Iain zu stützen, doch kaum war er auf den Boden niedergesunken, musste sie verschwunden sein. Ihre warnenden Worte – Du darfst nicht hierbleiben. Es ist zu gefährlich. Du musst fort von hier! – hatte sie weder wiederholt noch erklärt.

»Du weißt es nicht«, stellte Peg fest, ehe Flora etwas sagen konnte. »Wie merkwürdig. Sie hätte vielleicht gewusst, warum David …«

Als sie abbrach, machte sich ein Gefühl der Enttäuschung in Flora breit. Peg war eine vernünftige Frau, und sie hatte sich von ihr eine vernünftige Erklärung erhofft, warum David Iain töten wollte – eine, die es vielleicht sogar möglich machte, in den Saal zurückzukehren, sich zu David an den Tisch zu setzen, sich wieder Fleisch von ihm klein schneiden zu lassen und morgen seine Frau zu werden. Das zerrissene Kleid könnte man ja nähen – genauso wie Iains Wunde.

Doch dass Peg offensichtlich keine Ahnung hatte, was den eigenen Sohn umtrieb, schien ihr ein Zeichen dafür zu sein, dass der Barde wahrscheinlich sterben würde – und ihr Kleid für immer zerstört war.

»Was soll ich denn jetzt tun? Ich … ich kann doch nicht zurück nach Perth … Mein Vater hat mich dorthin geschickt, als er nach dem Tod meiner Mutter zum zweiten Mal heiratete. Ich sollte dort erzogen werden, nicht mein Leben verbringen … Und bei ihm selbst kann ich auch keine Zuflucht finden. Er ist vor zwei Jahren gestorben, und seine Witwe kenne ich kaum …«

Noch stärker als der Drang zu würgen, war der zu weinen. Nur Pegs nachdenklicher Blick hielt sie davon ab.

»Und du hast nicht gehört, worüber David mit Iain gesprochen hat?«

Flora schüttelte den Kopf. »Sein Gesicht, es war so starr, seine Augen, sie waren so kalt … Er hat den Dolch in den Gürtel gesteckt, obwohl er noch voller Blut war.«

Peg zuckte die Schultern. »Männer ziehen in diesen Tagen schnell ihre Messer. Überall wittern sie Verräter, die gemeinsame Sache mit Robert the Bruce machen.«

Das war kein Name, den Flora jetzt hören wollte. »Verschon mich mit Politik!«, zischte sie. »Was geht es mich an, wer König von Schottland ist oder sein will?«

Nie hatte sie so schroff zur künftigen Schwiegermutter gesprochen, doch die lastete es ihr nicht an, betrachtete sie vielmehr nachdenklich.

»Was soll ich jetzt tun?«, fragte Flora ein zweites Mal.

Peg vermochte vielleicht, den Tod zu verjagen, zumindest für ein Weilchen – diese Frage beantworten konnte sie jedoch nicht.

»Ich werde mit David und Cinead reden«, entschied sie lediglich nach kurzem Nachdenken. »Es muss eine vernünftige Erklärung für all das geben. Warte hier!«

Nichts auf der Welt hätte Flora dazu bewogen, Peg zu ihren Söhnen zu begleiten. Ihr nachsehen zu müssen, wie sie durch das Portal die Kirche verließ, fiel ihr gleichwohl schwer. Sie wusste, sie sollte Moira suchen oder sich zumindest zu Iain knien, vielleicht die Hand des Verwundeten halten und tröstend auf ihn einreden, doch sie konnte sich nicht dazu überwinden, ließ sich nur auf den kalten Boden fallen und umschlang ihre Knie. Still und dunkel wurde ihre Welt, als sie den Kopf dazwischen vergrub. Der eigene Atem war das Einzige, das sie vernahm. Er klang heiser, aber immerhin beruhigte er sich ein wenig.

Der Mönch hörte zu beten auf und verließ die Kirche, sie blickte nicht hoch. Ein Luftzug traf sie, Schritte ertönten, sie blickte immer noch nicht hoch.

»Schau mich an!«

Die Stimme war zu streng, um sich ihr zu widersetzen. Peg stand vor ihr und starrte auf sie herab. In ihrer Gesellschaft befanden sich nicht wie befürchtet die beiden Söhne, sondern ein fremdes Mädchen stand bei ihr. So grau wie sein Kleid war, war es wohl eine Dienstmagd.

»Und …?«

Peg antwortete erst, nachdem sie Iains Stirn befühlt hatte. »Noch kein Fieber, das ist gut«, stellte sie fest, um dann finster fortzufahren: »Weit weniger gefällt mir, dass ich meine Söhne nirgendwo finden kann. Sie müssen zur Burg Delny im Osten geritten sein, wo Graf William residiert. Ich nehme an, dass sie ihm von den Ereignissen berichten, ehe ihnen jemand zuvorkommt. Wenn ich nur wüsste, was es damit auf sich hat! Es sieht David gar nicht ähnlich, so unbeherrscht …«

Sie brach ab.

Flora hatte aufstehen wollen, aber sank wieder zurück.

Keine Erklärung, keine tröstenden Worte.

»Das heißt, wir können nichts tun, außer zu warten«, stellte sie fest.

»Was Iains Genesung betrifft, ja«, gab Peg zurück. »Falls du allerdings wissen willst, warum David sich zu dieser grausamen Tat hat hinreißen lassen …«

Flora blickte sie fragend an.

»Nun«, fuhr Peg fort, »dieses Lied, das Iain sang … es muss ein altes sein, sonst würde deine Dienerin es nicht kennen. Was immer heute geschehen ist, hat also mit etwas längst Vergangenem zu tun.«

»Aber wie sollen wir mehr darüber herausfinden, wenn Moira ebenso verschwunden ist wie deine Söhne und Iain nicht in der Lage ist, uns zu antworten?«

Peg nickte der jungen Frau zu, die sie begleitet hatte. Bislang hatte sie sich im Hintergrund gehalten, als ginge das alles sie nichts an, doch nun trat sie zu Flora.

»Ich bin Glynis«, sagte sie mit einem Lächeln.

Es wirkte zwar freundlich, aber dennoch fehl am Platz. Um nichts auf der Welt konnte Flora es erwidern, sie konnte Glynis nur verständnislos anstarren.

»Glynis hat das zweite Gesicht«, erklärte Peg. »Für gewöhnlich bitten die Menschen sie, in die Zukunft zu schauen, doch wer die Gesetze der Zeit außer Kraft setzen kann, zumindest für ein paar gestohlene Augenblicke, der vermag den Weg des Lebens nicht nur voran-, sondern auch zurückzugehen. Glynis könnte die Flammen befragen, aber ich warne dich. Vielleicht erfährt sie etwas, das dir nicht gefällt.«

Flora hatte keine Angst vor der Vergangenheit. Sie war eine junge Frau von siebzehn Jahren, in eine namhafte Familie hineingeboren und gewohnt zu tun, was andere ihr rieten. Was die Zukunft anbelangte, bereitete ihr diese weit größere Furcht, aber sie würde nicht schwinden, wenn sie klagend in der Kirche stand, den Verletzten und die Statuen der Evangelisten betrachtete und vergebens auf eine gütige Stimme wartete, die alles erklärte oder – was sie sich insgeheim noch mehr wünschte – sie alles vergessen ließ.

Sie wandte sich an Glynis. »Tu es«, murmelte sie. »Finde heraus, was all das zu bedeuten hat.«

Das ganze Leben ist ein Lied, hatte Iain oft zu Ailean gesagt. Und wer alle Tonarten beherrschte, die lauten und die leisen, die süßen und die traurigen, führe ein meisterhaftes Leben, da ein solches schließlich auch aus Gegensätzen bestehe, aus Höhen ebenso wie aus Tiefen.

Wie so oft hatte Ailean diesen Worten hingebungsvoll gelauscht und sie in sich aufgesogen wie Verszeilen. Er kannte keinen Barden, der so gut sang wie Iain, und keinen Mann, der so klug war wie er. Nicht nur das Singen wollte er an seiner Seite lernen, sondern auch das Leben auszukosten.

Auf eine Erfahrung hätte er allerdings verzichten können – und was das Auskosten anbelangte, wollte er künftig in einen ganz bestimmten Becher nie wieder zu tief blicken.

Das Letzte, an das er sich erinnern konnte, war das dreiste Lachen der Männer, die ihn zum Aqua vitae eingeladen hatten. Dann folgte Schwärze, namenlos und tief, und als er daraus erwachte, hatte er einen Brummschädel, der sich nicht bloß wie ein Misston im großen Lied des Lebens anfühlte, sondern so, als wäre seine Harfe gerissen und er, obwohl die Zuschauer begierig darauf warteten, unfähig, darauf zu spielen.

Genau betrachtet wartete allerdings niemand auf den nächsten seiner Töne. Er wurde nicht einmal beachtet, als er sich ächzend aufrichtete, sein Kopf zu platzen schien und er beharrlich versuchte, den säuerlichen Geschmack herunterzuschlucken. Es gelang ihm nicht, und noch klebriger als der Speichel war die Einsicht, dass er versagt hatte.

Eine Ode auf den Grafen von Ross und Bearnard MacIver hatte er vortragen wollen, ein Lied auf das Brautpaar und eine Geschichte über irische Helden, doch anstatt die Hochzeitsgäste zu erfreuen, war sein Gesang im Dreck des Bodens versickert.

Das Licht des frühen Morgens schnitt wie kalter Stahl in seine Augen, die Stimmen, die plötzlich näher kamen, dröhnten in seinen Ohren.

»Ja … die beiden sind schon losgeritten … Graf William von Ross muss unverzüglich davon erfahren … Was, wenn dieser Barde nicht der Einzige ist, der …«

Ehe er sich einen Reim auf die Wortfetzen machen konnte, brach der Mann ab. Seiner einfachen Kleidung zufolge musste er ein Pferdeknecht sein. Der, zu dem er gesprochen hatte und der nun nachdenklich seine Stirn runzelte, war ungleich prächtiger gekleidet – sein Plaid war in kunstvollen Falten über Schulter und Hüften drapiert, in die Kordeln, die um seine Stiefel gewunden waren, hatte man Fäden gewoben, die silbrig schimmerten.

»Wer weiß von dem Vorfall?«, fragte er knapp.

»Wenn ich es recht verstanden habe, Eure werte Gattin Peg. Anscheinend ist sie in der Kirche.«

»Sie soll fürs Erste dortbleiben. Wir hingegen müssen in der Zwischenzeit jeglichen Klatsch eindämmen. Das fehlte noch, dass wilde Gerüchte in Umlauf kommen!«

Erst als die beiden sich entfernt hatten, fiel Ailean ein, wer der fein gekleidete Mann gewesen war: Bearnard MacIver, der Vater des Bräutigams, dessen Taten er am Tag zuvor hätte besingen sollen. Er wusste nicht mehr über ihn, als dass er ein enger Freund und Verbündeter von Graf William von Ross war und als ebenso streng wie gerecht galt.

Am liebsten hätte Ailean sich aufstöhnend zurückfallen lassen, doch dann traf ihn ein Tritt.

»Du hast deinen Rausch lange genug hier ausgeschlafen, Bürschchen. Mach, dass du weiterkommst, sonst tritt dich noch ein Pferdehuf zu Brei!«, fauchte ein Mann, ein Wachtposten, wie das Kettenhemd und das Schwert an seinem Gürtel verrieten.

Scham überwog den Schmerz. Nicht dass er ohne zu wanken gehen konnte, aber immerhin schaffte er es, aufrecht stehen zu bleiben und dem anderen ins Gesicht zu schauen.

»Iain …«, setzte er an. »Wo ist mein Meister?«

»Du weiß nicht, was passiert ist?«

Ailean wollte den Kopf schütteln, befürchtete aber, dass sich das so anfühlen würde, als hätte ihm der Mann seine Waffe zwischen die Augen gerammt.

Auch so erhielt er Auskunft. Wenn man dem nächtlichen Getuschel trauen könnte, berichtete ihm der Mann, verstecke sich Iain in der Kirche. Er zeigte ihm die Richtung.

Das Lächeln des Wachmanns war mitleidig, was nicht minder verwirrend war als seine Worte selbst.

Iain war niemand, den man oft in einem Gotteshaus antraf. Natürlich glaubte er an Gott. Aber er behauptete auch, dass, wer die Engelschöre singen hören wollte, sich nicht hinter kalten Mauern verstecken sollte, sondern sich unter Birken stellen, um ihr silbriges Rauschen zu vernehmen, ans Meer, um dessen feuchtem Gesang zu lauschen, auf eine Wiese, um dem Knistern des Windes nachzuspüren.

Als Ailean sich allerdings erst einmal darauf konzentrierte, Schritt vor Schritt zu setzen, versiegten alle Gedanken, und sobald er – mit vielem Ächzen und Gestöhne, das aus dem Mund eines Barden noch unwürdiger klang als aus dem eines geübten Trinkers – die Kirche erreichte, war er nicht länger erstaunt.

Natürlich, heute ist doch die Hochzeit, nur darum hat Iain die Kirche betreten!

Dass der Vater des Bräutigams im Hof aufgeregte Worte mit einem Knecht wechselte, war zwar merkwürdig, desgleichen, dass das Portal verschlossen war, und nicht minder, dass keine anderen Gäste auf dem Weg zum Gotteshaus waren, aber diese Gedanken waren noch zu träge, um neuen Zweifel zu säen.

Ailean stöhnte erneut, als er das Tor öffnete. Abgestandene Luft hüllte ihn ein, nicht nur rauchig, sondern faulig, und das Licht im Inneren des Gotteshauses war so trübe, dass er nur Konturen erkannte. Diese allerdings genügten, um festzustellen, dass hier etwas sehr Merkwürdiges geschah.

Drei Frauen waren da, eine alt, zwei jung. Wobei die eine der jungen auch alt wirkte. Von ihren Augen war nur das Weiße zu sehen, was bedeutete, dass sie entweder blind war oder ohnmächtig oder eine Seherin. Keine der drei bemerkte, dass das Portal hinter Ailean zufiel und der Luftzug die Kerzen ausblies.

In die Stille, die folgte, sagte die mit den weißen Augen: »Das Lied … es stammt von der Nebelinsel …«

»Von der Nebelinsel?«, rief die zweite junge Frau aufgeregt. »Was … was meint sie damit?«

»Sie spricht von Skye«, erklärte die Ältere. »Das ist eine Insel im Westen. Aber hör weiter zu.«

Das tat die junge Frau und Ailean auch. Mit jedem Wort wuchs seine Verwirrung.

»Die Wölfin und der Rabe … sie waren zwei Liebende. Du musst von ihnen lernen und …«

»Was soll ich denn von ihnen lernen?«

»Pssst! Jetzt lass sie doch erst mal ausreden!«

»Aber das Kind? Im Lied war von einem Kind die Rede, das den beiden geboren wurde.«

»Ja«, sagte die Weißäugige, »ich sehe ein Kind … Wer seine Eltern sind, weiß ich nicht, nur dass das Kind … verschwunden ist. Such es, du musst es suchen.«

»Aber …«

»Erst wenn du das Kind gefunden hast, findest du deine Bestimmung.«

Ailean trat noch näher an die Frauen heran. Die alte kümmerte sich nicht weiter um ihn, die eine der jungen bemerkte ihn jedoch und musterte ihn ob der Störung vorwurfsvoll. Die Seherin, jetzt war er sicher, dass sie eine solche war, schlug indes kurz die Augen zu, und als sie sie wieder öffnete, waren sie nicht länger ins Weiße verdreht, sondern wasserblau. Sie blickte Ailean an, als erwachte sie aus einem langen Traum und wüsste nicht mehr, wohin die Schwingen der Nacht sie getragen hatten.

Doch auch wenn sie ihn nun sehen konnte – Ailean wurde blind für sie. Die Frauen waren nicht allein in der Kirche. Ein Mann war da, lag reglos auf dem Boden, blutbefleckt …

Iain!

Er lebte, stöhnte gar und schlug die Augen auf. Zum Reden war Iain jedoch zu schwach, obwohl Ailean ihn mit Fragen bestürmte.

Bis er einsah, dass er vergebens auf Antwort wartete, verging geraume Zeit. Die Frau mit den weißen Augen war verschwunden, die ältere redete tröstend auf die jüngere ein, und diese weinte.

Erst jetzt ging ihm auf, dass es Flora war, die Braut.

»Was ist passiert?«, fuhr er sie an.

Selten hatte er so barsch zu einer Frau gesprochen, aber er konnte sich des Eindrucks nicht erwehren, dass alles ihre Schuld war. Auch nachdem sie, stockend und unter neuen Tränen, von den Ereignissen am letzten Abend berichtete, wich sein Ärger nicht Verständnis oder gar Mitleid.

Warum hockte sie da und weinte, während Iain zu sterben drohte?

Warum saß er selbst da und stellte Fragen?

Ailean beugte sich über den Barden. Sein Atem war noch schwächer, als er vermutet hätte, was ihm umso schmerzlicher auffiel, als dass er niemanden kannte, der so lange Töne halten konnte wie Iain.

Flora trat zu ihm. »Das Lied … Kennst du es?«

Entgeistert starrte er sie an.

»Nun, das Lied vom Raben und der Wölfin … es … es war doch der Grund von allem. Iain hat es gesungen, und dann …«

Ailean schüttelte verhalten den Kopf, obwohl er nur ungern eingestand, dass ihm eines von Iains Liedern fremd war.

»Wie hat es denn geklungen?«, fragte er.

Flora zögerte, ehe sie zu summen begann. Ihre Stimme war ähnlich kraftlos wie das Flackern der Kerzen, die Peg MacIver wieder entzündet hatte.

»Du kannst nicht singen«, erklärte er einmal mehr sehr barsch, als sie geendet hatte.

»Alle, die mich singen hören, beteuern stets, ich hätte eine wunderschöne Stimme!«

»Pah, eine Frau kann nie und nimmer mit einem echten Barden mithalten.«

»Ich will ja auch kein Barde sein«, entgegnete sie gereizt. »Du hingegen bist einer. Aber du warst so betrunken, dass du nicht hast auftreten können. Hättest du das getan, wäre all das nicht passiert.«

Ihre Stimme war laut und giftig geworden, doch anstatt es ihr mit gleicher scharfer Zunge heimzuzahlen, musste Ailean sich eingestehen, dass sie recht hatte. Wenn er nicht so viel getrunken hätte …

Flora schwieg wieder, doch ihre vorwurfsvolle Miene vergrößerte seine Schuldgefühle – und noch mehr tat es der Blick von Iain. Von ihm unbemerkt hatte er die Augen geöffnet und sah ihn so gütig an, so voller Liebe. In all den Monaten, da Ailean ihn begleitete, war Iain ihm fast ein Vater geworden. Am liebsten hätte er ihn jetzt auch so genannt, seinen Kopf auf seine Brust gelegt und ihm den eigenen Lebensodem eingehaucht.

Doch es steckte noch mehr davon in Iains Leib als vermutet. Überraschend legten sich seine Hände um die von Ailean, so sanft, als würde er auf seiner Harfe spielen, und er schaffte es doch noch, Worte hervorzubringen.

»Skye«, presste er über die Lippen, »das Lied … die Nebelinsel …«

»Was meinst du damit?«

Iain schloss die Augen. »Skye«, sagte er wieder, »alles hat auf Skye seinen Anfang genommen … die letzte Strophe des Liedes … finde heraus, was es damit auf sich hat … Geh, geh nach Skye!«

Flora zuckte nur die Schultern, als er sie fragend ansah, doch Peg MacIver hatte eine Erklärung.

»An klaren Tagen kann man Skye von Applecross aus sehen. Die Insel gehört zur Grafschaft Ross, William bestimmt, wer dort als Sheriff herrscht. Um nach Skye zu gelangen, muss man entweder ein Schiff nehmen oder einige Tagesmärsche an der Küste entlanggehen. Gegenüber der Burg Maol ist das Meer kaum breiter als ein Fluss. Es reicht ein kleines Boot, um das Wasser zu überqueren.«

Für sie schien es selbstverständlich, dass er Iains Bitte folgen würde.

»Aber ich kann doch nicht …«, setzte Ailean an.

»Sein Leben liegt in Gottes Hand«, sprach Peg, »wenn ich es recht verstehe, bist du einer, der singen kann, nicht Kranke und Verletzte heilen. Lieder haben nun mal keine Macht, den Tod zu bannen. Ich hingegen kann es zumindest versuchen.«

Sosehr ihn Floras Tränen verärgert hatten, so beruhigend wirkte nun diese dunkle Stimme auf sein aufgewühltes Gemüt und brachte sogar die Frage zum Verstummen, warum er ausgerechnet der Frau vertrauen sollte, deren Sohn für Iains Zustand verantwortlich war. Iain selbst nickte bekräftigend, ehe der Druck seiner Hand, die immer noch die von Ailean hielt, schwächer wurde und er ihn schließlich losließ.

»Warum soll ich denn auf diese Insel?«, schrie Ailean. »Bitte! Sag doch etwas!«

Es war nur mehr ein Wort, das Iain flüsterte, ehe sein Geist im Schattenreich versank – ein Name, den Ailean noch nie gehört hatte.

Er barg sein Gesicht in den Händen und fühlte sich mutlos und verlassen wie nie. Am liebsten hätte er wie Iain die Augen geschlossen, bis der Albtraum vorüber war, doch auf einmal legte sich eine Hand auf seine Schulter und zupfte an seinem Gewand.

»Ich … ich will mit.«

Floras Tränen waren getrocknet, nur die roten, verquollenen Augen erinnerten daran, wie zahlreich sie geflossen waren.

Verständnislos starrte er sie an.

»Ich will mit!«, beharrte sie. »Nach Skye! Ich will wissen, warum das alles passiert ist. Und außerdem kann ich nicht in Applecross bleiben – nicht, solange ich nicht weiß, warum das alles passiert ist. Moira … sie hat auch gesagt, dass ich fliehen müsse!«

Schlimm genug, bei der bevorstehenden Reise auf Iains Geleit verzichten zu müssen! Eine jammernde junge Frau mitzuschleppen war das Letzte, was er brauchte!

Doch ehe er rüde den Kopf schütteln konnte, fuhr Flora fort. »Du stammst nicht von hier, sondern aus Irland, nicht wahr? Und das bedeutet, dass du nichts von diesem Land weißt und auch das schottische Gälisch kaum beherrschst.«

In der Tat hatte er bis jetzt nur Inglés gesprochen – eine Variante des Englischen, wie es sich nicht nur im Flachland, sondern auch in jenen Teilen des Hochlands verbreitet hatte, wo man dem englischen König Edward die Treue schwor. Außerdem konnte Ailean Französisch, obwohl er bezweifelte, dass ihm das außerhalb dieser Burg weiterhelfen würde.

»Also … du brauchst mich«, schloss Flora.

Er brauchte Iain! Er brauchte Antworten!

»Die Sprache der Musik ist überall verständlich«, grummelte er.

Flora ging nicht auf seine Worte ein, sondern wandte sich an Peg. »Glaub nicht, dass du mich aufhalten kannst! Ich kann nicht bleiben und warten, bis dein Sohn zurückkommt!«

Ailean hoffte, dass ihre Worte auf Widerspruch stoßen würden, doch Peg starrte Flora nur nachdenklich an und nickte – und das noch nicht einmal sonderlich unwillig.

»Du bist sehr mutig, wenn du wirklich nach Skye aufbrechen willst«, sagte sie anerkennend. »Ich denke auch, dass es der einzige Weg ist, die Wahrheit herauszufinden. Gewiss, ich will nichts Schlechtes über meine Söhne sagen, aber ich kann mir vorstellen, dass David und Cinead mit Erklärungen geizen werden, wenn sie von Delny zurückkehren.«

Obgleich sie ermutigt wurde, regte sich in Floras Miene Zweifel. »Nur, was ist mit Moira? Ich kann sie doch nicht einfach …«

»Ich werde mich um sie genauso kümmern wie um Iain.«

Flora nickte zögerlich, indessen Ailean so erbost über die Entscheidung war, die die beiden über seinen Kopf hinweg trafen, dass er sich wortlos umdrehte und zum Portal ging. Auf diese Weise fiel ihm zumindest der Abschied von Iain leichter. Als er einen letzten Blick auf ihn werfen wollte, war sein Leib bereits von den beiden Frauen verstellt.

Hastig trat er ins Freie. Wieder tat ihm das Licht weh, und die Kopfschmerzen, die er in all der Aufregung vergessen hatte, kehrten zurück. Das Leben sollte ein Lied sein, aber die wenigen Töne, die zusammenpassten, verhießen eine so traurige Melodie. Weder wollte er sie hören noch singen! Und am allerwenigsten wollte er, dass Flora ihn begleitete!

Diese aber folgte ihm aus der Kirche, heftete sich an seine Fersen, und als er den Schritt beschleunigte, begann auch sie zu laufen. Eine Weile tat er, als würde er sie nicht bemerken, doch auch wenn er sich blind zu stellen versuchte, ihren heftigen Atem konnte er nicht einfach überhören.

»Du bist ja immer noch da«, stellte er fest.

»Und du kannst immer noch kein Schottisch«, erwiderte sie schnippisch.

Er konnte ein Seufzen unterdrücken, nicht aber die Erinnerung an Worte, die Iain einmal zu ihm gesagt hatte.

Besser man ist zu zweit, wenn man aufs offene Meer fährt – dann kann der eine rudern und der andere steuern.

Für einen Marsch durchs Hochland galt gewiss dasselbe.

Anstatt sie wegzuschicken, ergab sich Ailean dem Schicksal, doch auch wenn er den Ärger über die ungewünschte Begleitung unterdrücken konnte – die Verwirrung blieb.

»Der Name …«, murmelte er, »… ich habe diesen Namen noch nie gehört.«

»Welchen Namen?«

»Er war das Letzte, was Iain zu mir sagte.«

»War es der Name eines Mannes?«

»Nein, der einer Frau.« Ailean hielt einen Moment inne. »Sie hieß offenbar … Eilidh«, sagte er dann.

So sanft, wie Iain diesen Namen ausgesprochen hatte, hatte er wie Musik geklungen.

II.

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SKYE
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Eilidh hatte viele Geschichten über die Insel Skye gehört, und fast alle von ihnen waren beängstigend. Seit Menschengedenken hatten kriegerische Völker dort gelebt, blutrünstig und grausam. Da waren die Goten unter ihrem Anführer Hubba, dem es nicht genügte, König der Inseln im Westen zu sein, er benannte diese auch nach sich. Da waren die Pikten, die sich die Leiber blau anmalten, ehe sie in den Kampf zogen, und die Gälen aus Irland, die die Frauen der Pikten schändeten, sodass sie keine schwarzhaarigen Söhne mehr gebaren, sondern rotlockige. Als Letztes kamen – und sie waren ohne Zweifel die schlimmste Heimsuchung – die Eroberer aus dem Norden, die man Wikinger nannte. Anfangs blieben sie nur kurz, um zu stehlen, später entschieden sie, sich niederzulassen, Kühe zu halten, Felder zu beackern und die Gälinnen zu ihren Ehefrauen zu machen, sodass diese keine rotlockigen Söhne mehr gebaren, nein, blonde.

Die Inseln nannte man jetzt nicht mehr Hebriden, um König Hubba zu gedenken, sondern Rí Innse Gall, die Inseln der Fremden, gleichwohl die Wikinger nicht lange Fremde waren. Sie vergaßen ihre nordische Sprache bald ebenso wie ihre Götter. Grausam jedoch blieben sie, und wann immer Eilidh von den Gall-Ghaedil hörte – jenem Volk, in dessen Adern das Blut der Goten, der Pikten, der Iren und der Wikinger floss –, stellte sie sich diese als Riesen vor, die auf den Hügeln saßen, sich dort Schlachten lieferten und dann und wann ins Meer spuckten. Die Flutwellen, die sie damit verursachten, drohten sämtliche Inseln zu verschlucken, und nur die ganz Mutigen und ganz Starken ertranken nicht. Ein kleines blondes Mädchen von neun Jahren, wie sie eines war, zerquetschten diese Riesen mit dem nackten Daumen wie Ungeziefer – zumindest, wenn sie es überhaupt bemerkten.

Eilidh hatte nicht vor, die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, und machte darum keinen Mucks, als das Schiff ins Loch Eishort einlief, das sich tief in den südlichsten Zipfel der Insel schnitt. Ob sich die Geschichten von den Riesen als Legenden herausstellten oder nicht – da waren keine grausamen Männer zu sehen, nur dichte grüne Wälder, von deren Blättern es tropfte, hohe Berge, die spitzer waren, als sie sie kannte, satte Wiesen, deren Gras höher und dichter wuchs als in ihrer Heimat.

Und da war ein Mädchen, so alt wie sie.

Das Mädchen hüpfte am Strand zwischen den Steinen umher, betrachtete kurz das ankommende Schiff, aber schien keine Angst vor den Männern zu haben, die wenig später an Land gingen. Eilidh selbst bemerkte es anscheinend gar nicht.

Ich würde fliehen, dachte sie nicht ohne Neid und überlegte, was ihr das Mädchen wohl voraushatte, um keine Furcht zu zeigen. Es war etwas größer als sie, aber viel kleiner als die Männer, sehr sehnig, und verglichen mit den muskelbepackten Armen der Ruderer spindeldürr. Sein Haar war von einem dunklen Rotton, wie Eilidh ihn noch nicht gesehen hatte, und es war ebenso dicht wie glatt und reichte bis zu den Hüften. Das Blau seiner Augen glich dem ihrer eigenen, das konnte man sogar aus dieser Entfernung erkennen, wenngleich die Augen des Mädchens nicht schreckgeweitet waren. Sommersprossen übersäten die Stirn, ein paar hockten auch auf Nasenrücken und Wangen, obwohl sie nicht darüber hinwegtäuschten, dass die Haut ansonsten weiß wie Milch war.

Eilidh klammerte sich an ihren Vater, als der sie aus dem Schiff hob.

»Es gibt ja gar keine Riesen hier«, murmelte sie.

»Ach, Eilidh, du darfst nicht alles glauben, was man dir sagt. Deine blühende Fantasie lässt Irrgärten wachsen …«

Malcolm strich ihr über den Kopf, gedankenverloren und blind für das rothaarige Mädchen, was Eilidh bedauerte. Sie hätte gern gewusst, was er über dieses furchtlose Wesen dachte. Allerdings, die Reise war wichtig für ihn, weitaus wichtiger als ein Kind. Eilidhs Vater war nicht nur als Kaufmann unterwegs wie sonst, sondern kam mit einer Botschaft, die er den Bewohnern der Insel Skye überbringen wollte. Wenn sie mehr über das Mädchen erfahren wollte, musste sie schon selbst zu ihm gehen.

Noch wagte Eilidh es nicht, sie blickte sich neugierig um. Der Strand war voller Steine, zwischen denen Seegras wuchs, vollgesogen mit brackigem Wasser, sodass es aufgedunsenem Gewürm glich, und übel riechend, als hätte das Meer über Jahre seinen Unrat hier ausgespuckt. Die Pfützen zwischen den Steinen hatte nicht erst die letzte Flut vergessen. Sie wirkten so trübe, dass sich wohl schon lange kein Gesicht mehr darin gespiegelt hatte, und selbst wenn, dann war es kein schönes gewesen.

Über den fischigen Gestank erhaben waren nur die Berge. Eilidh erschienen sie vom Ufer aus besehen noch spitzer als vom Schiff aus, und sie dachte unwillkürlich, dass es wohl keinen saubereren Ort gab als diesen – sämtlicher Unrat würde sofort über die steilen Hänge in die Tiefe stürzen.

Stolz wie die Berge waren die Möwen. Sie staksten auf den Steinen umher, als wären diese Burgen und sie ihre Besitzer, bereit, sie mit ihren spitzen Schnäbeln zu verteidigen. Dass die Steine von Moos überzogen waren – in Meeresnähe nicht saftig grün, sondern gelblich, als wären sie verwundet worden und hätten geeitert –, störte sie nicht, zumindest nicht alle. Eine breitete nicht weit von Eilidh entfernt die Flügel aus, flog dicht über das Wasser und verschwand im Nebel, den die Wellen einem weißen Hauch gleich auszustoßen schienen.

Eilidh hatte kaum gewagt, einen Schritt zu machen, doch nun hob das rothaarige Mädchen seinen Kopf und starrte sie durchdringend an. Ob der Blick feindselig oder neugierig war, wusste Eilidh nicht zu sagen, in jedem Fall nahm sie ihren ganzen Mut zusammen, kletterte über die Steine und betete, nicht auszurutschen. Als sie wieder hochblickte, erkannte sie die Überreste einer Kapelle, die so klein war, dass sie sicher nur einem oder zwei Mönchen Platz zum Beten gelassen hatte, vorausgesetzt natürlich, dass diese dabei knieten.

Das rothaarige Mädchen hüpfte um die zerstörten Wände herum, als vollführte es einen sonderlichen Tanz.

»Ehrst du damit Gott?«, fragte Eilidh misstrauisch.

»Bist du verrückt?« Das Mädchen hörte nicht zu hüpfen auf, und jeder Sprung zerhackte seine Sätze, sodass Eilidh es kaum verstand. »Kirche … Jungfrau Maria geweiht … erst später … früher ein Ort … wo Druiden … Feste feiern …«

Eilidh hatte schon einmal von Druiden gehört. Offenbar waren sie Zauberer und bestimmt so gefährlich wie Riesen. Sie brauchten nicht mit dem Daumen zuzudrücken, um lästige Wesen wie sie zu zerquetschen – es gelang ihnen mit der Macht bloßer Gedanken.

»Warum springst du denn so?«

Das Mädchen hielt erstmals inne. »Ich habe Haselnüsse mitgenommen. Jetzt muss ich mindestens drei Mal in Richtung Sonnenaufgang darum herumtanzen. Später werde ich sie essen, und sie werden mich weise machen … weise wie die Druiden. Irgendwann werde ich auch eine Druidin sein.«

Eilidh erkannte tatsächlich Haselnüsse inmitten der Ruine. Sie wirkten so armselig, dass sie eher Mäusekot als etwas Essbarem glichen.

»Man wird Druidin, indem man Haselnüsse isst?«, fragte sie verständnislos.

»Unsinn!«, sagte die Rothaarige so barsch, dass Eilidh ängstlich zurückwich. »Man muss eine lange Ausbildung machen, die über zwanzig Jahre lang währt. Es gibt viel zu lernen – magische Formeln, religiöse Zeremonien, die gesamte Stammesgeschichte.«

»Gibt es denn hier Druiden, die dich unterrichten?«

»Nicht mehr. Die Mönche haben sie längst vertrieben.« Die Stimme klang plötzlich dunkel wie das Grollen von Gewitter. »Aber einige alte Frauen und Männer erzählen noch Geschichten über sie, die sie wiederum von ihren Eltern gehört haben. Ich werde all die Geschichten sammeln und keine vergessen, und irgendwann werde ich Druidin sein, die erste seit langer Zeit. Und vielleicht für ebenso lange Zeit die letzte, aber das ist meine Bestimmung.«

Eilidh hatte bis jetzt immer nur Männer von ihrer Bestimmung reden hören, meistens Krieger, die sich ihrerseits Königen unterwarfen, mit denen das Schicksal große Pläne hatte. Das Mädchen deuchte sie bei Weitem nicht so bedeutend wie diese, doch um es nicht zu kränken, schwieg sie.

Die Rothaarige sprang eine weitere Runde im Kreis, ehe sie fragte: »Wie heißt du, und was machst du hier?«

Ein Befehlston lag in ihrer Stimme, als gälte es, ein störrisches Schaf in den Stall zu treiben. Eilidh hätte auch ohne diese forsche Art bereitwillig Antwort gegeben.

»Eilidh heiße ich, und mein Vater ist Händler«, sagte sie nicht ohne Stolz. »Er ist oft auf Reisen, manchmal in fernen Ländern, in denen Frauen Stoffe weben, die feiner und leichter sind als alles, was man hierzulande fertigt. Wenn man sie trägt, fühlt es sich an, als würde man vom Sommerwind gestreichelt werden. Und der Wein, den er mitbringt, ist so süß, dass erwachsene Männer weinen, wenn sie ihn trinken.«

Das Mädchen machte ein misstrauisches Gesicht – offenbar hatte es keine sehr hohe Meinung von weinenden Männern.

»Allerdings«, fuhr Eilidh etwas kleinlauter fort, »ist mein Vater nicht hier, um Stoff und Wein zu verkaufen, sondern weil der schottische König ihn gesandt hat. Er soll Leod Geschenke bringen – und eine Botschaft.«

Eilidh war sich nicht sicher, wer Leod war, ob ein Riese, Druide oder einfach nur ein Krieger. In jedem Fall war er wohl sehr mächtig, wenn der schottische König ihm Geschenke zukommen ließ.

»Leod lebt viel weiter im Norden«, meinte das Mädchen immer noch misstrauisch.

»Unser Schiff ist in einen Sturm geraten, deswegen müssen wir hier eine Rast einlegen.«

Eilidh zitterte immer noch, wenn sie an das knirschende Holz und die fluchenden Männer dachte, die salzigen Böen, die in ihren Augen gebrannt hatten, und die Fässer, die ins Wasser geworfen wurden, um Ballast loszuwerden. Das Mädchen aber lachte auf, als wäre das ungemein komisch. Rasch wurde es allerdings wieder ernst.

»So oder so, ein Gesandter des schottischen Königs hat hier nichts verloren. Die Insel Skye gehört zu Norwegen.«

»Ja, aber Norwegen liegt so weit weg, Schottland hingegen ganz nah, deswegen will der König …« Eilidh seufzte, sie wusste selbst nicht genau, was der König wollte und warum, und entschied deshalb, das Thema zu wechseln. »Wie heißt du?«, fragte sie.

»Scota.«

»Dann heißt du ja wie Schottland.«

»Unsinn! Ich bin nicht nach Schottland benannt, sondern nach Scátaigh … Weißt du etwa nicht, wer sie ist?

Eilidh zuckte die Schultern.

»Sie war eine Kriegerkönigin, unglaublich stark und unbesiegbar. Sie konnte besser kämpfen als alle Männer. Cú Chulainn, ein Held aus Irland, kam eigens hierher, um sich davon zu überzeugen. Er war sich sicher, dass er sie im Zweikampf schlagen würde, aber es gelang ihm nicht. Am Ende haben sie gemeinsam Haselnüsse gegessen, Frieden geschlossen und fortan aller Welt bezeugt, dass der andere so unbesiegbar sei wie man selbst.«

Eilidh fröstelte bei dem Gedanken, dass auf dieser Insel sogar Frauen Kriegerinnen waren.

»Sie lebte auf Dunscaith«, fuhr Scota fort, »einer Burg gleich in der Nähe von hier. Sie hat sie mit ihren eigenen Händen erbaut, und das in einer einzigen Nacht. Ich bin dort aufgewachsen, ich gehöre zum Clan der Askills.«

Eilidh war nicht länger verwundert, dass Scota so stark, so entschlossen, so furchtlos war. So wurde man wohl, wenn man auf einer Burg lebte, die in einer Nacht von Frauenhänden erbaut worden war.

»Allerdings«, fuhr Scota fort, »werde ich meine Heimat bald verlassen. Ich bin jetzt acht Jahre alt und damit alt genug, dass Leod mich als Ziehkind aufnimmt. Seine Männer werden noch heute kommen, um mich abzuholen.«

Ihr Vater würde sich gewiss dafür interessieren, doch es fiel Eilidh schwer, sich von Scotas Seite zu lösen. Diese wirkte so stark und gar nicht traurig.

»Hast du denn gar keine Angst, deine Heimat zu verlassen?«, fragte Eilidh.

Ihr selbst war es unendlich schwergefallen, die Reise mit ihrem Vater anzutreten, das vertraute Haus und ihr kleines Häschen zurückzulassen, umso mehr, da erst kürzlich ihre Mutter gestorben war. Über Wochen war Edana krank gewesen, hatte Blut gehustet und sich nach dem Frühling gesehnt. Als endlich wieder die Sonne schien, hatte sie ihre Strahlen nicht mehr genießen können, sondern ihren letzten Atemzug getan. Eilidhs Vater hatte erst geweint, Edana später schweigend begraben und schließlich mit trauriger Stimme beschlossen, Eilidh auf die nächste Reise mitzunehmen.

Scota zuckte die Schultern. »Vielleicht erfahre ich im Norden der Insel mehr über die Druiden.« Und nach einer Weile fügte sie hinzu: »Du hast eine schöne Stimme. Sie klingt wie das Plätschern eines klaren Bachs.«

Eilidh war nicht sicher, ob Scota sie verspottete oder sie lobte. Wenn ein Mädchen mit so glasklaren blauen Augen von einem Bach sprach, war es aber vermutlich ein Beweis ihrer Anerkennung.

»Ich singe gern«, murmelte sie.

»Die Druiden waren großartige Musiker. Wenn ich singe, kommt leider nur ein Krächzen heraus.«

Eilidh überlegte kurz, ob sie einen Beweis für ihre Worte antreten und ein Lied singen sollte, aber seit dem Tod der Mutter fiel ihr das schwer. Den Vater erfüllten ihre Lieder mit Kummer, und das kleine Häschen schien taub dafür zu sein. Genau genommen hatte sie seit Wochen auch nicht mehr so viele Worte gesprochen wie an diesem Tag.

Scota schien ohnehin weder an ihrem Gesang noch an einem weiteren Gespräch interessiert, denn sie wandte sich ihren Haselnüssen zu, und im gleichen Moment rief der Vater nach Eilidh.

Wieder balancierte sie vorsichtig über die glitschigen Steine, um nicht auszurutschen. »Ich habe ein Mädchen kennengelernt, das eine Druidin werden will, und …«

Mit einer Handbewegung brachte der Vater sie zum Schweigen. Als sie näher kam, entdeckte sie eine tiefe Falte auf seiner Stirn. In den letzten Wochen hatte diese oft sein Gesicht gefurcht – ein Zeichen für den Kummer um die Ehefrau. Jetzt verriet die Falte seine Anspannung, und Eilidh sah alsbald, was diese bedingte: Ihr Schiff war nicht länger das einzige, das in der Bucht ankerte. Eben legte ein anderes an. Am Bug stand ein Mann, und auch wenn er nicht groß wie ein Riese war und sein Daumen sicher zu klein, um jemanden zu zermalmen, entging Eilidh nicht das große Schwert, das er am Gürtel trug. Noch ehe sie in seiner Miene lesen konnte und darin eine ähnliche Falte erspähte wie im Gesicht des Vaters, wusste sie, dass er gefährlich war.

Plötzlich bedauerte sie, nicht selbst um die Haselnüsse gesprungen zu sein. Weise wollte sie zwar nicht werden, aber als die Männer von Bord gingen und langsam näher traten, hätten etwas mehr Mut und etwas mehr Kraft wohl den Drang besiegt, unter den Umhang des Vaters zu schlüpfen. Auf der Reise hatte sie das oft getan, warm und dunkel war es dort, die Luft schwer und salzig von seinem Schweiß. Malcolm hatte es ihr nicht nur gestattet, sondern wohlwollend gelacht.

Jetzt herrschte er sie ungewohnt streng an, dass sie auf ihn warten solle, während er auf die Männer zuging. Eilidh erwog, sich bei Scota in der alten Ruine zu verstecken, aber als sie nach ihr Ausschau hielt, stellte sie fest, dass das Mädchen verschwunden war.

Anders als sie schien Malcolm nicht länger besorgt. Seine Stirn war wieder glatt, er lächelte und deutete eine Verbeugung an, als der Mann mit dem Schwert auf den Boden sprang. Er war so groß und schwer, dass er das faulige Seegras mit den Füßen zerdrückte, anstatt darauf auszurutschen. Sein ganzes Gesicht war mit roten Haaren bedeckt, und diese wuchsen so dicht, dass Eilidh nicht sicher war, was zum Haupthaar und was zum Bart gehörte. Beides schien miteinander verflochten zu sein und glich einer dichten roten Hecke, die nicht erkennen ließ, ob er das Lächeln des Vaters erwiderte.

Immerhin, der Fremde trug die gleiche Kleidung wie Malcolm – ein bunt gefärbtes dickes Wolltuch, das man zunächst auf dem Boden ausbreitete, in Falten legte und dann mit einem Gürtel um die Taille festband. Der Vater war geschickt und wendig, wenn er sich ankleidete, der Fremde jedoch so unförmig, dass Eilidh Mühe hatte, sich vorzustellen, wie er auf dem Boden lag und den Stoff um sich drapierte.

Was er nicht trug, waren eng anliegende Hosen. Auf den westlichen Inseln ritt man offenbar wenig und hielt es für wichtiger, ein Schiff zu besitzen – eines, das ungleich größer als das eines Händlers war. Obwohl man bei ihrem Vater, anders als bei dem Fremden, keine nackten Beine sah, kam er ihr nackt vor. Nicht nur das Schwert hatte der andere ihm voraus, auch einen Köcher mit mehreren Pfeilen und einen Schild. Die Männer, die sich hinter ihm aufgestellt hatten, trugen sogar Speere und Wurfäxte.

Angstschauder liefen Eilidh über den Rücken, die Stimme des Vaters zitterte jedoch nicht.

»Ich heiße Malcolm«, begann er, »und ich reise im Auftrag des schottischen Königs Alexander II. nach Skye. Skye fällt in das Hoheitsgebiet der Insel Man, diese wiederum in das Hoheitsgebiet von Norwegen, und mit Norwegen hat Alexander vergebens Verhandlungen aufgenommen. Doch auch wenn der norwegische König wenig davon hält, die Inseln der schottischen Krone zu überlassen – ihr, die ihr hier lebt und sterbt, sät und erntet, jagt und fischt, seht es vielleicht anders.«

Als er geendet hatte, war es kurz still und Eilidhs Furcht noch kälter. Der Fremde legte unvermittelt den Kopf in den Nacken, atmete tief ein und … lachte. Das Echo dröhnte in Eilidhs Kopf, als würde jemand sie schütteln. Der Boden schien zu erzittern, selbst die spitzen Berge muteten an, so stark zu beben, dass sie die Wolken zerfetzten. Eilidhs Brust wiederum schmerzte, als hätte sie eine scharfe Klinge zu spüren bekommen.

Ihr Vater war nicht entsetzt, nur verwirrt. Anstatt auf sein eigentliches Anliegen zurückzukommen, fügte er schnell hinzu: »Eigentlich bin ich gekommen, um Leod zu sprechen. Große Teile der Insel, so heißt es, fallen in seinen Besitz. Nur wegen eines Sturms bin ich hier gestrandet. Kennst du Leod?«

Das Lachen erstarb. »Das kann man wohl sagen, ich bin sein Vetter.« Seine Stimme klang grummelnd und bedrohlich.

»Kannst du uns zu ihm bringen? Und denkst du, die Botschaft des schottischen Königs …«

»Du bist kein Krieger!«, unterbrach der Rotbärtige Malcolm scharf und machte einen Schritt auf ihn zu.

Wieder glaubte Eilidh, dass die Erde erzitterte, doch ihr Vater blieb ganz ruhig stehen.

»Das stimmt, ich bin Kaufmann, und ich …«

»Du bist kein Krieger«, wiederholte der Fremde, »und du hast auch kein Schiff, das schnell ist wie das eines solchen. Während du auf dem Weg nach Skye warst, um für deinen König zu spionieren, haben wir uns auf den Weg zum Festland gemacht, um unsererseits die Lage zu prüfen. Und während du nicht einmal dein Ziel erreicht hast, sind wir schon wieder zurück auf Skye.« Er schnalzte mit der Zunge. »Deshalb weiß ich mehr als du.«

Da war sie wieder – die steile Falte auf der Stirn des Vaters. Tiefer wurde sie, immer tiefer, als der Fremde zu reden fortfuhr.

»Euer Alexander wollte mit dem norwegischen König nicht nur verhandeln. In den Krieg ziehen wollte er gegen ihn. Doch kaum hat er sein Heer gesammelt und ist aufgebrochen, packte ihn bei der Insel Kerrera ein Fieber, das seinen Leib verbrannte.«

Wieder lachte er, doch Eilidh fühlte nicht länger ein Beben den Körper durchdringen. Alles in ihr erstarrte. Die spitzen Berge versteckten sich hinter den Wolken, anstatt sie zu zerschneiden, selbst das Meer schien zu verstummen – genauso wie der Vater.

»Verstehst du denn nicht?« Der Rotbärtige brüllte jetzt. »Dein König ist tot! Und das bedeutet, dass du wieder gehen kannst … Deine Geschenke hingegen lässt du hier.«

»Geschenke?«, fragte Malcolm unsicher.

»Oh, ich bin sicher, du bist mit reichen Gaben gekommen. Alexander versuchte, uns zu blenden – seit Jahren umwarb er die Herren der Inseln. Aber wir sind nicht dumm. Alexander wollte sie doch nur haben, um England zu zeigen, was für ein mächtiger Mann er ist. Offenbar dachte er, es genügte, so lange Hetzreden gegen Norwegen zu führen, bis wir selbst uns gegen König Hakon IV. auflehnten. Gewiss, wenn das Fieber nicht in ihm gelodert hätte wie ein gefräßiges Feuer, hätte der Plan aufgehen können. Empörend allerdings ist, dass er zu diesem Zweck einen Kaufmann schickte. Einen Händler! Ein Krieger mit gezogenem Schwert hört nie auf einen solchen, und wenn er es täte, wäre er am Ende kein Held, sondern nur ein Verräter.«

»Ihr sollt doch nicht Verrat üben!« Die Stimme des Vaters klang flehentlich. »Ihr sollt lediglich eine vernünftige Entscheidung treffen. Die Zukunft der Inseln liegt in Schottland. Wollt ihr nicht frei von Norwegen sein?«

»Freiheit ist nichts, was man uns schenkt. Wir nehmen sie uns selbst.« Noch einen Schritt machte er, und diesmal wich der Vater zurück. Er war ja so viel kleiner als der rote Riese. »Mit dem Silberschmuck, den du uns bringst, wollte Alexander Ketten fertigen und uns daran legen. Aber die Männer von Skye sind so stark, dass sie sämtliche Ketten zersprengen.« Er hielt inne, strich sich über den Bart, und erstmals glaubte Eilidh, seine schmalen Lippen zu sehen. »Was nicht bedeutet, dass wir dein Silber nicht trotzdem haben wollen. Gib es mir, und dann geh und betrauere deinen König.«

Tu, was er sagt, Vater!, dachte Eilidh. Und vor allem: Sag nichts mehr, sondern schweig!

Malcolm schwieg nicht.

»Du kannst doch nicht einfach …«

»Dein König ist tot, sein Sohn noch ein Kind. Verschwinde!«

Tu, was er sagt!, dachte Eilidh wieder. Geh!

Malcolm ging nicht.

Er war ein guter Händler, er liebte es zu feilschen. Er dachte wohl, dass er – wenn er schon vergebens gekommen war und sich bestehlen lassen musste – irgendeinen Vorteil daraus schlagen konnte, und war der noch so klein.

»Ich kann dir anbieten …«, setzte er an.

Der Bärtige wollte nicht feilschen, er wollte nicht einmal mehr reden. In seiner Miene stand Überdruss, als er blitzschnell das Schwert zog und Malcolm mit einem einzigen Schlag den Kopf abtrennte. Dann kam ein Laut aus seinem Mund, den Eilidh nicht zu deuten vermochte. Vielleicht war es wieder Gelächter, vielleicht ein Zeichen von Bedauern, dass er sich von seinem Temperament hatte hinreißen lassen. Vielleicht war es aber einfach nur ein Rülpser, weil er zu viel Met getrunken hatte, ehe er das Schiff verlassen und ihren Vater getötet hatte.

Ihr Vater hatte es gewiss nicht kommen sehen. In seiner Miene stand kein Ausdruck von Angst, nicht mal von Überraschung zu lesen, nur die Frage: Wie gelingt es mir, das Beste aus der Lage herauszuholen? Er war gar nicht auf die Idee gekommen, dass er sich am Ende nichts anderes einhandelte als einen schnellen, blutigen Tod.

Eilidh hatte während des Wortwechsels ungleich größeres Unbehagen empfunden als er, doch dass es so schnell zum Schlimmsten kommen könnte, hatte auch sie nicht erwartet.

Es ist nicht wahr … es kann nicht wahr sein …

Sie schloss die Augen, öffnete sie wieder. Der Kopf, der Rumpf, das Blut.

Es ist wahr.

Auch der bärtige Mann brauchte eine Weile, um das Geschehene zu begreifen. Er starrte mit so ungläubigen Augen auf sein Schwert, als könnte er nicht fassen, dass er zugeschlagen hatte.

Einer seiner Männer blickte nicht überrascht, sondern nur verdrossen. »War es notwendig, ihn zu töten, Sigurd?«, fragte er, wirkte aber eher gereizt als entsetzt.

»Notwendig! Notwendig! Wenn jeder Tod Sinn ergeben müsste, würden die Menschen auf Skye von den Klippen ins Meer fallen, weil ihnen kein Platz mehr bliebe. Der schottische König hat kein Recht, über die westlichen Inseln zu bestimmen.«

»Der König ist tot! Und der da nun auch!«

»Er hat mich geärgert, das ist alles.«

Es stimmte. Das war alles. Und für Malcolm war es sein ganzes Leben, sein ganzes Blut. Und falls noch etwas von Letzterem durch seine Glieder floss, war es nicht mehr warm und würde nie wieder warm werden.

Der Fremde, nein, der Mörder, nein, der Mann, der Sigurd hieß, erblickte Eilidh. Mit der einen Hand hielt er noch das Schwert, mit der anderen strich er sich über seinen struppigen Bart. Als er gemächlich auf sie zutrat, war sich Eilidh sicher: Jetzt wird er auch mich töten! Jetzt wird auch mein Kopf über den Strand kullern!

Doch Sigurd steckte sein Schwert in die Scheide. Das Blut ihres Vaters haftete noch daran, als er sagte: »Was bist du für ein hübsches Mädchen!«

Sein Mund verzog sich zu einem breiten Grinsen. Wohlwollen lag in seinem Blick, auch ein wenig Mitleid, jedoch keine Reue.

»Das war dein Vater, nicht wahr?«, stellte er dennoch fest.

Eilidh konnte nichts sagen, nicht einmal nicken.

Jetzt wird er mich töten, dachte sie wieder und wusste nicht, ob sie sich davor fürchten oder darauf hoffen sollte. Eine Welt ohne ihren Vater war keine, auf der sie gern leben wollte, und durch das Schwert starb man zumindest schnell.

Als Sigurd allerdings nach seinem Gürtel tastete, zog er nicht wieder seine Waffe hervor, sondern ein Ledersäckchen, das dort neben dem Trinkhorn hing. Er band es auf, und da seine Finger dick und ungelenk waren, dauerte es eine Weile, bis er den Knoten gelöst hatte. Schließlich schüttete er den Inhalt des Säckchens, es waren Spielsteine, auf seine große Handfläche. Er konnte das ganze Dutzend fassen. Die Steine waren gelblich verfärbt und wohl aus dem Knochen oder dem Geweih eines erjagten Tieres gemacht worden.

»Damit hat meine Tochter gern gespielt«, sagte er gedankenverloren.

Eilidh war nicht sicher, was unbegreiflicher war – dass ein Mann wie er freundlich zu ihr war, dass er eine Tochter hatte oder dass er sich jetzt schwerfällig auf den Boden kniete und die Spielsteine dort verstreute, wo das Seegras wie Würmer wuchs und das Blut des Vaters versickerte.

Eifrig begann er das Spiel zu erklären, doch Eilidh verstand weder, was er sagte, noch bemerkte sie, was hinter ihrem Rücken vorging. Erst später gewahrte sie, dass die Männer ihres Vaters aufs Schiff geflüchtet und eilig davongesegelt waren, ohne sich ein einziges Mal nach ihr umzublicken. Malcolms in Kisten verstaute Geschenke hatten sie am Ufer zurückgelassen, wo sie wiederum von Sigurds Männern in Augenschein genommen und dann auf dessen Schiff gebracht wurden.

»Was sollen wir denn nun mit dem Leichnam machen?«, fragte der Verdrossene.

Sigurd brauchte eine Weile, bis er die Spielsteine wieder eingesammelt und sich laut schnaufend hochgekämpft hatte. Schnell töten konnte zwar auch ein wuchtiger Mann wie er – ansonsten geschah alles, was er tat, sehr langsam.

»Die Tiere werden ihn sich schon holen«, verkündete er.

Wieder wandte er sich Eilidh zu. Auch wenn sie nicht mehr erwartete, dass er sie töten würde, schlotterte sie am ganzen Leib. Er bemerkte es nicht, lächelte noch breiter.

»Was für ein hübsches Mädchen du bist«, sagte er wieder.

Ich habe niemanden mehr, ging es Eilidh durch den Kopf. Ich bin ganz allein auf der Welt. Meine Eltern sind tot, ich werde verhungern, ich werde erfrieren, ich werde …

»Ich hatte auch ein Mädchen«, erklärte Sigurd. »Es starb vor ein paar Wochen. Mein Weib kann eine neue Tochter gut gebrauchen.«

Eilidhs Worte gingen Scota nicht aus dem Kopf. Ob sie ihre Heimat vermissen würde, hatte diese wissen wollen, und auch wenn sie es abgestritten hatte, begannen Zweifel an ihr zu nagen, als sie Sigurds Schiff bestieg. Nie hatte sie etwas anderes gesehen als Dunscaith, die Wiesen, Wälder und Buchten in unmittelbarer Nähe, die winzigen Steininseln davor und das höchste Gebirge von Skye, die Cuillins. Ihre Neugier auf den Nordwesten der Insel war groß, die Furcht, das Vertraute hinter sich zu lassen, allerdings auch.

Ach was, sagte sie sich trotzig, die Menschen werde ich nicht vermissen.

Ihre Mutter war lange tot, ihr Vater schien nicht genau zu wissen, ob er fünf, sechs oder sieben Töchter hatte – auch seine Söhne waren so zahlreich, dass ihm das Fehlen von einem nicht aufgefallen wäre –, und ihre einstige Amme riss an ihren Haaren oder kniff sie in den Arm, wann immer Scota erklärte, sie werde dereinst eine Druidin sein. Es hielt Scota nicht davon ab, es dennoch zu behaupten, und insgeheim malte sie sich Strafen für all die blauen Flecke, Schläge, Kratzer und Brandwunden aus, die die Amme ihr zugefügt hatte. Vielleicht aber würde sie die Amme und ihre Gemeinheiten bald schlichtweg vergessen, und das war die größte Strafe von allen.

Lange währte der Triumph ob dieses Gedankens nicht. Sigurd, der Vetter des großen Leod, dem fast alles Land auf der Insel und die Freundschaft der anderen Clans gehörte, wirkte wenig vertrauenerweckend. Seine Flüche erschreckten sie, sein lautes Lachen noch mehr. Obwohl sie seit Monaten wusste, dass sie als Pflegekind auf Burg Dunvegan im Nordwesten von Skye leben würde, damit die Treue ihres Clans dem Leods gegenüber unter Beweis gestellt wurde, war ihr mulmig zumute, als das Schiff ablegte und der Strand, wo sie eben noch um die Haselnüsse gehüpft war, kleiner wurde.

Die Haselnüsse werden verrotten, dachte sie. Ich hätte sie alle essen sollen.

Doch dann entdeckte Scota, dass sie nicht das einzige Mädchen auf dem Schiff war, das sich fürchtete. Eilidh schien sich sogar noch elender als Scota zu fühlen.

Sie saß zusammengekrümmt neben einer der Kisten, die Sigurds Männer aufs Schiff geschafft hatten, und klammerte sich daran fest, als wäre sie ein menschliches Wesen. Von ihrem Vater war nichts zu sehen.

Scota vergaß, stillen Abschied von Dunscaith zu nehmen, und trat näher.

»Nicht!« Sigurd stellte sich ihr in den Weg. »Lass sie besser in Ruhe.«

Erst jetzt bemerkte Scota, dass sein Plaid voller Blut und auch sein Gesicht befleckt war. Scota hatte keine Ahnung, woher es kam, doch das mulmige Gefühl verstärkte sich, und rasch wandte sie sich von Eilidh ab, um ihr Gesicht in den Wind zu halten.

Sobald sie den Fjord verlassen hatten, der tief ins Land schnitt, nahm das Schiff an Fahrt auf. Vögel umkreisten es und bekoteten die Segel – nicht nur die kreischenden Möwen, auch Zwergfalken, Spatzen und Tauben. Weit über ihnen spannte ein Bussard seine Flügel aus und drehte weite Kreise, schien aber unschlüssig, ob er niederstürzen sollte, als ahnte er, dass es auf dem Schiff keine Mäuse gab. Allerdings, so zart Eilidh im Schatten der Kiste wirkte, war sie aus der Höhe betrachtet wohl nicht viel größer als eine Maus. Vielleicht wäre der Bussard sogar stark genug, sie in die Lüfte zu reißen. Scota zweifelte daran, dass das Mädchen für Sigurd wichtig genug war, um es an den Füßen zu packen und festzuhalten.

Würde sie selbst es versuchen?

Scota wollte nicht darüber nachdenken, genau wie sie den Abschiedsschmerz schluckte. Das Meer war so gewaltig wie nie, die kleinen Inseln Egg und Rhum so nah wie nie, doch die Küste von Skye zeigte sich in vertrauter Weise mit ihren sattgrünen Wiesen und Wäldern, und auch die Cuillins waren, selbst wenn zum ersten Mal von der anderen Seite betrachtet, immer noch so spitz, wie sie sie kannte. Erst nach vielen Stunden, als das Dämmerlicht die Grenze zwischen den rötlichen Gipfeln und dem blauen Himmel verwischte, sah Scota Berge von unbekannter Form, flach nämlich, als hätte ein Riese ein Schwert geschwungen und sie enthauptet …

Erst jetzt ging Scotas Blick wieder zu Eilidh, und als sie diesmal zu ihr trat und sich auf die Kiste setzte, hielt Sigurd sie nicht davon ab.

»Schau«, sagte Scota, »wie der Ginster blüht.«

Die gelben Blumen bildeten üppige Teppiche am Ufer. Jetzt am Abend nahmen sie die Farbe Bronze an, doch am Tag waren sie tiefgelb.

»Unter der Erde sitzen die Trolle, sie schmelzen Gold, und der Dunst, der hochsteigt, lässt den Ginster wachsen.«

Eilidh blickte hoch, und in ihrem Gesicht stand nackte Angst. »Trolle?«, hauchte sie.

»Ja«, erwiderte Scota. »Man kann sie nicht sehen, aber … aber sie sind gefährlich.«

Besser, Eilidh fürchtete sich vor diesen unsichtbaren Wesen als vor Sigurd …

Als sie wenig später an einem Fjord entlangfuhren, erklärte sie, dass die Landzunge zur rechten Seite Waternish hieß, dass die Wälder hier dichter standen als anderswo auf der Insel und kaum je Sonne auf den Boden fiel. Und dass sich hier am längsten die Druiden vor den Mönchen versteckt hatten.

»Die Mönche haben später ein Kloster gegründet und die Druiden endgültig vertrieben. Wen sie nicht so leicht loswerden können, sind die Wölfe. Jede Nacht hört man sie heulen, manchmal wagen sie sich nahe an Siedlungen heran und reißen Schafe … oder kleine Kinder.«

Scota hatte dieses Heulen noch nie selbst gehört, war nur mit Geschichten darüber groß geworden, aber Eilidh glaubte ihr. Ihre Augen weiteten sich noch mehr, als sie anstelle der Wölfe Sigurds neuerliche Flüche vernahmen. Loch Phallort, das sie durchkreuzten, war voller kleiner Inseln, nur ein geübter Seemann konnte sie umschiffen, und manchmal nicht einmal ein solcher. Doch die Männer kämpften verbissen gegen die Strömung an, zogen schließlich sogar das Segel ein und ruderten um eine besonders gefährliche Klippe. Sigurd grinste wieder.

»Wir saufen schon nicht ab!«, rief er Scota zu.

Eilidhs Gesicht wurde grün. Sie sah aus, als ob sie sich gleich übergeben müsste.

»Schau!«, sagte Scota. »Das ist Dunvegan!«

Anders als Dunscaith war die Burg weder von Frauenhänden errichtet worden noch in einer einzigen Nacht, aber ein eindrucksvoller Bau war sie trotzdem. Sie schien aus der Klippe zu wachsen – als Werk der Feinns, der Riesen, die die schweren Steine fast so mühelos, wie einst die Kriegerkönigin Scátaigh es getan hatte, übereinandergestapelt hatten. Jahrhundertelang hieß es, dass Dunvegan uneinnehmbar war, denn die Einzigen, die den steilen Hang und die Mauer hochklettern konnten, waren Moos und Flechten. Leod, Scotas künftiger Ziehvater, hatte es dennoch geschafft, sie in seinen Besitz zu bringen, und damit Eilidhs Gesicht nicht noch grüner wurde, lenkte Scota sie von Sigurds Grinsen ab und erzählte ihr eine weitere Geschichte.

Von Leod handelte sie, einem stolzen jungen Mann, Ziehsohn eines Norwegers namens Paul Balkeson. Leod erbte nach dessen Tod viele Ländereien von ihm, begnügte sich damit aber nicht. Er wollte nicht nur Land, er wollte eine Burg wie Dunvegan. Dunvegan gehörte allerdings einem gewissen Harold, und der hatte eine Tochter namens Amrunn.

Ich will sie heiraten, erklärte Leod.

Ich werde sie dir nicht geben, setzte Harold seinem Trachten entgegen.

Da fuhr Leod mit mehreren Schiffen am Loch Phallort entlang. Harold schloss das große Tor, und auf den Türmen der Burg ließ er Feuer entzünden. Da sie keine Dächer hatten, stieg der Rauch hoch und verkündete allen Nachbarn, die auf ähnlichen Burgen residierten, dass Feinde nahten und dass man sie gemeinsam zurückschlagen müsse. Doch niemand kam Harold zu Hilfe. Er war alt, er hatte nur eine Tochter, Leod war der Mann, dem die Zukunft gehörte, und Leod besaß eine stattliche Flotte, die nun die Burg umkreiste. Noch furchterregender als die Drachenköpfe an den Schiffen waren die vielen Männer.

Was hatte Amrunn wohl gedacht, als sie diese Flotte sah? Ob sie geahnt hatte, dass Leod nicht nur ein mutiger Krieger, sondern auch ein Betrüger war?

Er befahl seinen Männer nämlich, sich in einer Reihe aufzustellen, und erweckte damit den Eindruck, dass sich dahinter noch weitere Massen von Kriegern verbargen. So dicht war das Gedränge, dass einer der Krieger ins Wasser fiel und ertrank. Als Harold dessen Todesschreie vernahm, besiegte die Angst seinen Trotz und Stolz. Er entschied, Leod seine Tochter zu geben, was ihm leichtfiel, und die Burg Dunvegan, was ihm schwerfiel. Was Amrunn dabei fühlte und dachte – darüber wurde nichts erzählt. Scota vermutete, dass sie genauso grün im Gesicht wie Eilidh war, als sie Leod zum ersten Mal gegenübertrat.

Als sie Dunvegan immer näher kamen, das Dach des großen Langhauses innerhalb der Mauern sichtbar wurde und auch die Siedlung davor, sprang Eilidh auf, lehnte sich über die Reling und übergab sich. Es dauerte lange, bis der gräuliche Schaum von den Wellen verschluckt worden war.

Scota spürte Mitleid und legte den Arm auf ihre Schulter.

»Mein Vater … mein Vater …«, stammelte Eilidh. »Er ist tot …«

Scota sah das andere Mädchen eine Weile an. »Er ist nicht tot«, sagte sie dann leise. »Die Druiden würden sagen, dass er nur in Andernwelt ist.«

»Was ist Andernwelt?« Eilidhs Wangen nahmen langsam eine etwas gesündere Farbe an.

»So nennen die Kelten das Jenseits, doch es befindet sich nicht im Himmel, sondern inmitten unserer Welt. Einmal im Jahr, zu Samhuinn, stehen die Tore offen.«

»Wann ist Samhuinn?«

»Erst im Herbst, es sind noch einige Monate bis dahin.«

Eilidh schien kurz so verzweifelt, dass Scota erwartete, sie würde in Tränen ausbrechen, doch dann deutete sie auf Sigurd und fragte: »Ist seine tote Tochter auch in … Andernwelt?«

»Alle Lebewesen gehen nach dem Tod nach Andernwelt, Menschen wie Tiere.«

»Selbst Schmetterlinge?«

Weit und breit war kein Schmetterling zu sehen, aber Scota nickte, da der Gedanke die andere zu trösten schien. Sie drückte ihre Hand.

»Wir werden uns künftig oft sehen.«

Sie überlegte, ob sie noch hinzufügen sollte: Du bist nicht allein. Und ich werde auch nicht allein sein. Ich weiß nicht, ob ich dich mag, aber da du so große Angst hast, muss ich keine mehr haben.

Letztlich erschien ihr das dann doch zu viel an Worten. Auch Eilidh sagte nichts mehr.

Als sie anlegten, hörte Eilidh Sigurd wieder fluchen, aber wenig später ertönte ein dröhnendes Lachen, das ihr durch Mark und Bein ging. Obwohl sie ihn kaum kannte, hatte sie doch schon gelernt, dass seine Launen zu rasch wechselten, um sie ernst zu nehmen.

Später erfuhr sie, dass die Trauer um seine Tochter zwar tief und heftig gewesen war, dass aber auch sie nicht lange sein Gemüt verdunkelt hatte. Nachdem die kleine Ilva ihren letzten Atemzug getan hatte, war Sigurd in den Wald gegangen. Er hatte ein Wildschwein erlegt, zwei Hasen und einen Fuchs, doch das war ihm nicht genug gewesen. Auch ein Hirsch musste sterben, und er weidete ihn aus und häutete ihn eigenhändig. Obwohl er danach vor Erschöpfung ächzte, war sein Geist so wenig betäubt wie sein Schmerz. Er half mit Met nach, und da er viel vertrug, floss der Inhalt etlicher Trinkhörner die Kehle hinunter, ehe er endlich die Herrschaft über seine Sinne verlor. Auf der Suche nach seiner Bettstatt taumelte er und fiel auf einen Knecht, ohne es zu merken. Als ein anderer kam, um ihn darauf aufmerksam zu machen, war Sigurd trotz des Rausches kräftig genug, um ihm einen Faustschlag zu versetzen. Danach schlief er endlich ein. Die Nase des Mannes, der den Faustschlag abbekommen hatte, war gebrochen und später, nachdem sie zusammengewachsen war, doppelt so breit wie vorher. Der Knecht wiederum, auf dem er unwissentlich geschlafen hatte, war erstickt. Sigurd tat es von Herzen leid – nur weil er manchmal gedankenlos tötete, bedeutete das nicht, dass er es gern tat –, und er befand, dass es mit der Trauer jetzt genug war.

Seiner Frau, die keinen Hirsch ausgeweidet und keinen Mann erstickt hatte, ging es anders. Ihr Blick war stumpf, das Gesicht grau vor Gram, innerhalb kürzester Zeit war ihr Leib abgemagert. Schön anzuschauen war Ilisa dennoch, was weniger an ihren feinen Zügen lag als am prächtigen Schmuck und dem edlen Gewand, das sie trug.

Eilidh lernte sie kennen, als Sigurd sie in eines der kleineren Langhäuser brachte. Es war Teil der Siedlung, die sich außerhalb der Burgmauern befand und unter Leods Schutz stand. Das Feuer, vor dem Ilisa hockte, verbreitete einen süßlichen Geruch, da die Flammen nicht nur von Holz und Torf, sondern auch von duftenden Kräutern genährt wurden. Trotz der Wärme trug Ilisa einen Umhang, der auf der Brust von einer Platte aus Walknochen zusammengehalten wurde. Im flackernden Licht wirkte sie wächsern. An einer funkelnden Bronzeschnalle an ihrem Gürtel hingen weitere Kostbarkeiten, gleichfalls aus Bronze, nicht aus dem viel billigeren Blei – eine Schere, ein Behälter mit Eisennadeln, eine Webvorrichtung und eine kleine Sichel, außerdem ein Kästchen aus Holz, in dem sich, wie Eilidh später erfuhr, ...

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