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Das Lied der Maori

Inhalt

  1. Cover
  2. Über die Autorin
  3. Titel
  4. Impressum
  5. Karten
  6. DIE ERBIN
  7. 1
  8. 2
  9. 3
  10. 4
  11. 5
  12. 6
  13. 7
  14. 8
  1. DES MENSCHEN WILLE …
  2. 1
  3. 2
  4. 3
  5. 4
  6. 5
  7. 6
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  9. 8
  10. 9
  11. 10
  12. 11
  1. FLUCHT
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  11. 10
  1. HEILUNG
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  11. 10
  1. DIE STIMMEN DER GEISTER
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  12. 11
  1. NACHWORT

Über die Autorin

Sarah Lark, geboren 1958, arbeitete lange Jahre als Reiseleiterin. Ihre Liebe für Neuseeland entdeckte sie schon früh. Seine atemberaubenden Landschaften haben sie seit jeher magisch angezogen.

Sarah Lark ist das Pseudonym einer erfolgreichen deutschen Schriftstellerin. Sie lebt in Spanien und arbeitet zurzeit an ihrem nächsten Roman. Unter dem Autorennamen Ricarda Jordan entführt sie ihre Leserinnen auch ins farbenprächtige Mittelalter (Die Pestärztin).

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1

»Sie sind Mrs. O’Keefe?«

William Martyn schaute verdutzt auf das rothaarige, zierliche Mädchen, das ihn an der Rezeption des Gästehauses willkommen hieß. Die Männer im Goldgräberlager hatten ihm Helen O’Keefe als ältere Dame geschildert, ja als eine Art weiblichen Drachen von der Sorte, die mit zunehmendem Alter Feuer spie. In Miss Helens Hotel herrschten strenge Sitten, hieß es. Das Rauchen sei verboten, ebenso Alkohol, erst recht das Mitbringen von Gästen anderen Geschlechts, sofern keine Heiratsurkunde vorlag. Die Erzählungen der Goldgräber hatten eher ein Gefängnis als ein Gasthaus erwarten lassen. Immerhin gäbe es keine Flöhe und Wanzen in Miss Helens Etablissement, dafür aber ein Badehaus.

Letzteres hatte William endgültig davon überzeugt, alle Warnungen seiner Bekannten in den Wind zu schlagen. Nach drei Tagen auf dem Gelände der alten Schaffarm, die sich die Goldgräber als Unterschlupf gesichert hatten, war er zu allem bereit gewesen, um dem Ungeziefer dort zu entrinnen. Sogar den »Drachen« Helen O’Keefe wollte er über sich ergehen lassen.

Nun aber begrüßte ihn hier keineswegs ein Drache, sondern dieses ausnehmend hübsche, grünäugige Geschöpf, dessen Gesicht von einer unbezähmbaren rotgoldenen Lockenpracht eingerahmt war. Alles in allem der erfreulichste Anblick, seit William in Dunedin, Neuseeland, das Schiff verlassen hatte. Seine Laune, seit Wochen auf dem Tiefpunkt, hob sich beträchtlich.

Das Mädchen lachte.

»Nein, ich bin Elaine O’Keefe. Helen ist meine Großmutter.«

William lächelte. Er wusste, dass er damit Eindruck machte. In Irland hatte sich stets ein aufmerksamer Ausdruck auf die Gesichter der Mädchen geschlichen, wenn sie den Schalk in seinen blauen Augen aufblitzen sahen.

»Das tut mir ja fast leid. Sonst hätte ich nämlich glatt eine Geschäftsidee gehabt: ›Wasser aus Queenstown – entdecken Sie den Jungbrunnen!‹«

Elaine kicherte. Sie hatte ein schmales Gesicht und eine kleine, vielleicht ein bisschen zu spitze Nase mit unzähligen Sommersprossen.

»Sie sollten sich mit meinem Vater zusammentun. Der macht ständig solche Sprüche: ›Spaten gut, alles gut. Goldgräber, kauft eure Ausrüstung im O’Kay Warehouse!‹«

»Ich werde es beherzigen«, versprach William und merkte sich den Namen tatsächlich. »Wie ist es jetzt? Bekomme ich ein Zimmer?«

Das Mädchen zögerte. »Sie sind Goldgräber? Dann … na ja, es gibt schon noch freie Zimmer, aber die sind ziemlich teuer. Die meisten Goldgräber können sich die Unterkunft hier nicht leisten …«

»Sehe ich so aus?«, fragte William mit gespielter Strenge. Dabei runzelte er die Stirn unter seinem blonden, üppigen Haarschopf.

Elaine musterte ihn jetzt ungeniert. Auf den ersten Blick unterschied er sich nicht allzu sehr von den anderen Goldgräbern, die sie in Queenstown täglich zu sehen bekam. Er wirkte ein wenig schmutzig und abgerissen, trug einen Wachsmantel, blaue Denimhosen und feste Stiefel. Auf den zweiten Blick jedoch erkannte Elaine – als Tochter eines Kaufmanns – die Qualität seiner Ausstattung: Unter dem offenen Mantel war eine teure Lederjacke zu sehen; an den Beinen trug er lederne Chaps; die Stiefel waren aus hochwertigem Material, und das Hutband um seinen breitkrempigen Stetson war aus Pferdehaar geflochten. Das kostete ein kleines Vermögen. Auch seine Satteltaschen – er hatte sie zunächst lässig über seine rechte Schulter gehängt, jetzt aber zwischen seinen Beinen auf dem Boden deponiert – schienen eine solide und teure Arbeit zu sein.

Das alles war keineswegs typisch für die Glücksritter, die nach Queenstown kamen, um in den Flüssen und Bergen nach Gold zu suchen, denn nur die wenigsten wurden reich. Die große Mehrheit verließ die Stadt früher oder später so arm und abgerissen, wie sie gekommen war. Das lag auch daran, dass die Männer die Erträge ihrer Minen in der Regel nicht sparten, sondern gleich in Queenstown wieder verprassten. Wirklich zu Geld gekommen waren nur die Zuwanderer, die sich hier angesiedelt und ein Geschäft gegründet hatten. Zu ihnen gehörten Elaines Eltern, Miss Helen mit ihrer Pension, Stuart Peters’ Schmiede und Mietstall, Ethans Post- und Telegrafenamt – und vor allem natürlich der verrufene, aber allgemein beliebte Pub in der Main Street und das darüberliegende Freudenhaus namens Daphne’s Hotel.

William erwiderte Elaines abschätzenden Blick geduldig mit leicht spöttischem Lächeln. Elaine schaute in ein jungenhaftes Gesicht, in dessen Wangen Grübchen erschienen, wenn er den Mund verzog. Und er war frisch rasiert! Auch das war ungewöhnlich. Die meisten Goldgräber griffen höchstens am Wochenende zum Rasiermesser, wenn bei Daphne Tanz war.

Elaine beschloss, den Neuankömmling ein bisschen zu necken und damit vielleicht aus der Reserve zu locken. »Sie riechen zumindest nicht so streng wie die meisten.«

William lächelte. »Bislang bietet der See ja auch kostenlose Bademöglichkeit. Aber nicht mehr lange, hat man mir gesagt, und es wird kalt. Außerdem scheint das Gold Körpergeruch zu mögen. Wer am seltensten badet, holt die meisten Nuggets aus dem Fluss.«

Elaine musste lachen. »Daran sollten Sie sich aber kein Beispiel nehmen, sonst gibt’s Ärger mit Grandma. Hier, wenn Sie das ausfüllen würden …« Sie schob ihm ein Anmeldeformular zu und versuchte, nicht allzu neugierig über den Tresen zu linsen. Möglichst unauffällig las sie mit, während William schwungvoll seine Eintragungen machte. Auch das war ungewöhnlich; die wenigsten Goldgräber schrieben so flüssig.

William Martyn … Elaines Herz schlug höher, als sie seinen Namen las. Ein schöner Name.

»Was soll ich denn hier eintragen?«, fragte William und wies auf das Feld, das nach seiner Heimatadresse fragte. »Ich bin gerade erst angekommen. Das ist meine erste Adresse in Neuseeland.«

Elaine konnte ihr Interesse jetzt nicht mehr verbergen. »Wirklich? Wo kommen Sie denn her? Nein, lassen Sie mich raten. Das tut meine Mutter bei neuen Kunden auch immer. Man hört es am Akzent, woher jemand kommt …«

Bei den meisten Einwanderern war es einfach. Natürlich irrte man sich hin und wieder. Für Elaine beispielsweise klangen Schweden, Niederländer und Deutsche fast gleich. Aber Iren und Schotten konnte sie meist ohne Schwierigkeiten auseinanderhalten, und Leute aus London waren besonders leicht zu erkennen. Experten konnten sogar den Stadtteil benennen, aus dem jemand kam. William allerdings war schwer einzuschätzen. Er klang wie ein Engländer, doch irgendwie sprach er weicher, dehnte die Vokale ein bisschen mehr.

»Sie sind aus Wales«, riet Elaine auf gut Glück. Ihre Großmutter mütterlicherseits, Gwyneira McKenzie-Warden, war Waliserin, und Williams Aussprache erinnerte ein bisschen an sie. Allerdings sprach Gwyneira keinen ausgeprägten Dialekt. Sie war die Tochter eines Landadeligen, und ihre Erzieherinnen hatten stets Wert auf akzentfreies Englisch gelegt.

William schüttelte den Kopf, doch ohne dabei zu lächeln, wie Elaine gehofft hatte. »Wie kommen Sie denn darauf?«, meinte er. »Ich bin Ire aus dem County Connemara.«

Elaine wurde rot. Darauf wäre sie nie gekommen, obwohl es viele Iren auf den Goldfeldern gab. Die aber sprachen meist einen ziemlich plumpen Dialekt, während William sich eher gewählt ausdrückte.

Wie um seine Herkunft zu unterstreichen, setzte er jetzt seine letzte Adresse mit großen Buchstaben in das Kästchen: Martyn’s Manor, Connemara.

Das klang nicht nach dem Hof eines Kleinbauern, das klang nach einem Landgut …

»Dann zeige ich Ihnen jetzt Ihr Zimmer«, sagte Elaine. Eigentlich sollte sie die Gäste nicht selbst hinaufbegleiten, erst recht keine männlichen. Grandma Helen hatte ihr eingeschärft, für diese Aufgabe stets den Hausdiener oder eins der Mädchen zu rufen. Aber bei diesem Mann machte Elaine gern eine Ausnahme. Sie kam hinter der Rezeption hervor und hielt sich dabei so gerade, wie ihre Großmutter es ihr als »damenhaft«, beigebracht hatte: den Kopf mit natürlicher Anmut erhoben, die Schultern zurück. Und bloß nicht in den aufreizenden, wiegenden Gang verfallen, den Daphnes Mädchen so gern zur Schau trugen!

Elaine hoffte, dass ihr gerade erst halbwegs zur Reife gelangter Busen und ihre seit neuestem geschnürte, sehr schmale Taille zur Geltung kamen. Eigentlich hasste sie es, sich zu schnüren. Aber wenn dieser Mann dadurch auf sie aufmerksam wurde …

William folgte ihr und war froh, dass sie ihn dabei nicht im Blick hatte. Konnte er sich doch kaum bezähmen, ihre zierliche, an den richtigen Stellen aber schon sanft gerundete Figur lüstern anzustarren. Die Zeit im Gefängnis, dann acht Wochen Überfahrt und jetzt der Ritt von Dunedin zu den Goldfeldern bei Queenstown … insgesamt war er seit fast vier Monaten keiner Frau mehr auch nur nahegekommen.

Eigentlich undenkbar lange. Es wurde Zeit, hier Abhilfe zu schaffen! Die Jungs im Goldgräberlager hatten natürlich von den Mädchen bei Daphne geschwärmt; angeblich waren sie ziemlich hübsch und die Zimmer sauber. Doch die Vorstellung, dieser süßen kleinen Rothaarigen den Hof zu machen, gefiel William erheblich besser als der Gedanke an eine schnelle Befriedigung in den Armen einer Prostituierten.

Auch das Zimmer gefiel ihm, das Elaine jetzt für ihn aufschloss. Es war ordentlich und mit Möbeln aus hellem Holz schlicht, aber liebevoll möbliert. Es gab Bilder an den Wänden, ein Krug mit Wasser zum Waschen stand bereit.

»Sie können auch das Badehaus benutzen«, erklärte Elaine und wurde dabei ein bisschen rot. »Aber da müssen Sie sich vorher anmelden. Fragen Sie Grandma, Mary oder Laurie.«

Mit diesen Worten wollte sie sich abwenden, doch William hielt sie sanft zurück.

»Und Sie? Sie kann ich nicht fragen?«, erkundigte er sich mit weicher Stimme und blickte sie aufmerksam an.

Elaine lächelte geschmeichelt. »Nein, ich bin meist nicht hier. Nur heute vertrete ich Grandma. Aber ich … also, normalerweise helfe ich im O’Kay Warehouse. Das Geschäft gehört meinem Vater.«

William nickte. Also war sie nicht nur hübsch, sondern auch aus gutem Hause. Das Mädchen gefiel ihm immer besser. Und diverse Utensilien zum Goldgraben brauchte er sowieso. »Ich schau bald mal vorbei«, sagte William.

Elaine schwebte förmlich die Treppe hinunter. Es war ein Gefühl, als hätte ihr Herz sich in einen Heißluftballon verwandelt, der sie nun in lebhaftem Aufwind über alle Erdenschwere hinweghob. Ihre Füße berührten kaum den Boden, und ihr Haar schien im Wind zu wehen, obwohl sich im Haus natürlich kein Lüftchen regte. Elaine strahlte; sie hatte das Gefühl, am Beginn eines Abenteuers zu stehen und dabei so schön und unbesiegbar zu sein wie die Heldinnen in den Romanheften, die sie heimlich in Ethans Kramladen las.

Mit diesem Ausdruck im Gesicht tanzte sie in den Garten des großen Stadthauses, das Helen O’Keefes Pension beherbergte. Elaine kannte es gut; sie war in diesem Haus geboren. Ihre Eltern hatten es für ihre wachsende Familie errichten lassen, als das Geschäft erste Gewinne machte. Dann aber war es ihnen mitten in Queenstown zu laut und zu städtisch geworden. Vor allem Elaines Mutter, Fleurette, die von einer der großen Schaffarmen in den Canterbury Plains stammte, vermisste das freie Land. Deshalb hatten Elaines Eltern auf einem traumhaften Grundstück am Fluss neu gebaut, dem eigentlich nur eines fehlte: Goldvorkommen. Elaines Vater hatte es ursprünglich als Claim abgesteckt, doch gleich wie viele Talente Ruben O’Keefe auch besaß – als Goldsucher war er ein hoffnungsloser Fall. Zum Glück hatte Fleurette das schnell erkannt und ihre Mitgift deshalb nicht in das aussichtslose Unternehmen »Goldmine« investiert, sondern in Warenlieferungen. Hauptsächlich Spaten und Goldpfannen, die sich die Goldgräber aus den Händen rissen. Später war daraus das O’Kay Warehouse entstanden.

Das neue Haus am Fluss nannte Fleurette scherzhaft »Goldnugget Manor«, doch irgendwann hatte der Name sich eingebürgert. Elaine und ihre Brüder waren dort glücklich aufgewachsen. Es gab Pferde und Hunde, sogar ein paar Schafe, ganz wie in Fleurettes Heimat. Ruben fluchte, wenn er die Tiere alljährlich scheren musste, und auch seine Söhne Stephen und George fanden wenig Gefallen an der Farmarbeit. Ganz im Gegensatz zu Elaine. Für sie kam das kleine Landhaus nie an Kiward Station heran, die große Schaffarm, die ihre Großmutter Gwyneira in den Canterbury Plains leitete. Zu gern hätte sie auch auf so einer Farm gelebt und gearbeitet, und so war sie ein bisschen neidisch auf ihre Cousine, die den Hof später erben sollte.

Elaine war allerdings kein Mädchen, das lange grübelte. Sie fand es fast genauso interessant, im Laden zu helfen oder ihre Großmutter in der Pension zu vertreten. Dagegen hatte sie wenig Lust, aufs College zu gehen wie ihr älterer Bruder Stephen, der nun in Dunedin Jura studierte und damit den Traum seines Vaters erfüllte, der sich als junger Mann selbst gewünscht hatte, Anwalt zu werden. Ruben O’Keefe war seit fast zwanzig Jahren Friedensrichter in Queenstown, und für ihn gab es nichts Schöneres, als mit Stephen über juristische Themen zu fachsimpeln. Elaines jüngerer Bruder, George, ging noch zur Schule, schien aber der Kaufmann in der Familie zu sein. Schon jetzt half er mit Feuereifer im Laden und hatte tausend Verbesserungsideen.

Helen O’Keefe, die von der Hochstimmung ihrer Enkelin und deren Ursprung, dem Neuankömmling William Martyn, vorerst nichts ahnte, füllte mit eleganten Bewegungen Tee in die Tasse ihrer Besucherin Daphne O’Rourke.

Diese Teeparty in aller Öffentlichkeit bereitete beiden Damen ein diebisches Vergnügen. Sie wussten, dass halb Queenstown über die seltsame Beziehung zwischen den beiden »Hotel«-Besitzerinnen tuschelte. Helen hatte jedoch keine Berührungsängste. Ungefähr vierzig Jahre zuvor war die damals erst dreizehnjährige Daphne unter ihrer Aufsicht nach Neuseeland geschickt worden. Ein Londoner Waisenhaus wollte sich einiger Zöglinge entledigen, und in Neuseeland wurden Hausmädchen gesucht. Auch Helen reiste damals in eine ungewisse Zukunft mit einem ihr noch unbekannten Mann. Die Church of England bezahlte ihr die Überfahrt als Aufsichtsperson der Mädchen.

Helen, bislang Gouvernante in London, nutzte die dreimonatige Reise, um den Kindern ein wenig gesellschaftlichen Schliff beizubringen, wovon Daphne heute noch zehrte. Ihre Anstellung als Dienstmädchen war dann allerdings zu einem Fiasko geworden – genau wie langfristig Helens Ehe. Beide Frauen fanden sich in unerträglichen Verhältnissen wieder, aber beide hatten das Beste daraus gemacht.

Nun sahen sie auf, als sie Elaines Schritte auf der hinteren Terrasse hörten. Helen hob ihr schmales, von tiefen Falten durchzogenes Gesicht, dessen spitze Nase die Verwandtschaft mit Elaine verriet. Ihr Haar, ursprünglich dunkelbraun mit kastanienfarbenem Schimmer, war inzwischen von grauen Strähnen durchzogen, aber immer noch lang und kräftig. Helen steckte es meist zu einem großen Knoten im Nacken auf. Ihre grauen Augen leuchteten lebensklug und immer noch neugierig – vor allem jetzt, da sie den strahlenden Ausdruck auf Elaines Gesicht bemerkte.

»Nanu, Kind! Du sieht aus, als hättest du eben ein Weihnachtsgeschenk bekommen. Gibt’s was Neues?«

Daphne, deren katzenartige Züge selbst dann ein wenig hart wirkten, wenn sie lächelte, schätzte Elaines Ausdruck weniger unschuldig ein. Sie hatte ihn auf den Gesichtern Dutzender leichter Mädchen gesehen, die meinten, unter ihren Freiern den Märchenprinzen gefunden zu haben. Und dann hatte Daphne jedes Mal lange Stunden damit verbracht, die Mädchen zu trösten, wenn der Traumprinz sich schließlich doch als Frosch oder gar als widerwärtige Kröte erwies. In Daphnes Gesicht spiegelte sich deshalb Wachsamkeit, als Elaine jetzt so vergnügt auf sie zukam.

»Wir haben einen neuen Gast!«, erklärte sie eifrig. »Einen Goldsucher aus Irland.«

Helen runzelte die Stirn. Daphne lachte, und ihre leuchtend grünen Augen blitzten spöttisch.

»Hat der sich nicht verlaufen, Lainie? Irische Goldsucher landen sonst eher bei meinen Mädchen.«

Elaine schüttelte heftig den Kopf. »Es ist nicht so einer … Verzeihung, Miss Daphne, ich meine …« Sie verhaspelte sich. »Er ist ein Gentleman … glaube ich.«

Die Falten auf Helens Stirn wurde noch tiefer. Mit Gentlemen hatte sie so ihre Erfahrungen.

»Schätzchen«, sagte Daphne lachend, »irische Gentlemen gibt es nicht. Alles, was da von Adel ist, kommt ursprünglich aus England, denn die Insel ist seit Urzeiten in englischem Besitz – ein Umstand, über den die Iren immer noch heulen wie Wölfe, wenn sie ein paar Gläser getrunken haben. Die meisten irischen Clanvorsteher wurden abgesetzt und von englischen Adligen verdrängt. Und die tun seitdem nichts anderes, als sich an den Iren zu bereichern. Zuletzt ließen sie ihre Pächter zu Tausenden verhungern. Echte Gentlemen! Aber dazu dürfte dein Goldsucher kaum gehören. Die hängen an ihrer Scholle.«

»Woher wissen Sie denn so viel über Irland?«, erkundigte Elaine sich neugierig. Die Besitzerin des Freudenhauses faszinierte sie, aber leider hatte sie nur selten Gelegenheit, ausführlich mit ihr zu sprechen.

Daphne lächelte. »Süße, ich bin Irin. Zumindest auf dem Papier. Und wenn die Einwanderer bei mir ihren Moralischen kriegen, tröstet sie das ungemein. Ich hab sogar den Akzent geübt …« Daphne verfiel in breites Irisch, und jetzt lachte auch Helen. Tatsächlich war Daphne irgendwo im Londoner Hafenviertel geboren. Sie lebte allerdings unter dem Namen einer irischen Einwanderin. Bridie O’Rourke hatte die Überfahrt nicht überlebt, ihr Pass jedoch war über einen englischen Matrosen in die Hände der jungen Daphne geraten.

»Komm, Paddy, darfst mich Bridie nennen.«

Elaine kicherte.

»So redet er aber nicht … William, der neue Gast.«

»William?«, fragte Helen indigniert. »Der junge Mann hat sich mit dem Vornamen vorgestellt?«

Elaine schüttelte rasch den Kopf, um ja keine Ressentiments gegen den neuen Mieter aufkommen zu lassen.

»Natürlich nicht. Ich hab’s auf dem Meldezettel gesehen. Er heißt Martyn. William Martyn.«

»Nicht gerade ein irischer Name«, bemerkte Daphne. »Kein irischer Name, kein Akzent … Wenn das mal alles mit rechten Dingen zugeht. Wenn ich Sie wäre, würde ich dem Knaben erst mal gründlich auf den Zahn fühlen, Miss Helen!«

Elaine warf ihr einen feindseligen Blick zu. »Er ist ein feiner Mann, das weiß ich! Er wird sogar sein Goldgräberwerkzeug bei uns im Laden kaufen …«

Der Gedanke tröstete sie. Wenn William in den Laden kam, würde sie ihn wiedersehen, egal, wie Grandma über ihn dachte.

»Das macht ihn natürlich zu einem Ehrenmann!«, spottete Daphne. »Aber kommen Sie, Miss Helen, lassen Sie uns über etwas anderes sprechen. Ich habe gehört, Sie bekommen Besuch aus Kiward Station. Ist es Miss Gwyn?«

Elaine hörte dem Gespräch noch ein Weilchen zu, zog sich dann aber zurück. Über den Besuch ihrer anderen Großmutter und ihrer Cousine war in den letzten Tagen schließlich schon ausgiebig geredet worden. Wobei Gwyneiras Stippvisite keine Sensation war. Sie besuchte ihre Kinder und Enkel öfter und war vor allem mit Helen O’Keefe eng befreundet. Wenn sie in ihrer Pension logierte, plauderten die Frauen oft nächtelang. Außergewöhnlich war eher, dass Gwyn diesmal von Elaines Cousine Kura begleitet werden sollte. Das war bisher noch nie vorgekommen, und es schien ein bisschen … ja, skandalumwittert! Elaines Mutter und Großmutter senkten meist die Stimmen, wenn es um dieses Thema ging, und sie hatten die Kinder auch Gwyneiras Brief nicht lesen lassen. Kura schien sich sonst nämlich nicht viel aus Reisen zu machen, zumindest nicht zu ihrer Verwandtschaft nach Queenstown.

Elaine kannte Kura kaum, obwohl die beiden im gleichen Alter waren. Kura war gerade ein gutes Jahr jünger als Elaine. Trotzdem hatten die Mädchen sich bei Elaines seltenen Besuchen auf Kiward Station nie viel zu sagen gehabt. Die Unterschiede im Wesen der beiden waren einfach zu groß. So hatte Elaine nichts anderes im Kopf als Reiten und Schafe zu treiben, sobald sie Kiward Station erreichte. Die Weite des endlosen Graslandes und die Aberhunderte von Wolllieferanten, die darauf grasten, faszinierten sie. Hinzu kam, dass ihre Mutter Fleurette auf der Farm richtiggehend aufblühte. Es war aufregend für sie, mit Elaine um die Wette zu reiten, in Richtung der schneebedeckten Gipfel der Alpen, die trotz des verwegenen Galopps keinen Zoll näher zu rücken schienen.

Kura dagegen saß am liebsten im Haus oder im Garten und hatte nur Augen für das neue Klavier, das mit einem Warentransport für die O’Keefes von England nach Christchurch gekommen war. Elaine hatte sie deshalb für ein reichlich dummes Ding gehalten; aber natürlich war sie damals erst zwölf Jahre alt gewesen. Und sicher spielte auch der Neid eine Rolle. Kura war die Erbin von Kiward Station. Ihr würden einmal all die Pferde, Schafe und Hunde gehören – und sie wusste es kein bisschen zu schätzen!

Nun, inzwischen war Elaine sechzehn und Kura fünfzehn. Bestimmt gab es mittlerweile mehr Gemeinsamkeiten zwischen den Mädchen, und diesmal würde Elaine der Cousine ihre Welt zeigen können! Sicher gefiel ihr die quirlige kleine Stadt Queenstown am Lake Wakatipu, die den Bergen so viel näher war als die Canterbury Plains und die sehr viel aufregender war, mit den vielen Goldsuchern aus aller Herren Länder und einem Pioniergeist, der sich nicht auf pures Überleben beschränkte. Queenstown hatte eine florierende Laientheatergruppe unter Leitung des Pfarrers, es gab Squaredance-Gruppen, und ein paar Iren hatten sich zu einer Band zusammengeschlossen und spielten im Pub oder im Gemeindezentrum Irish Folk.

Elaine überlegte, dass sie das auch William unbedingt einmal erzählen musste – vielleicht hatte er ja Lust, mit ihr zum Tanz zu gehen! Jetzt, da sie die skeptischen Damen im Garten verlassen hatte, kehrte das verklärte Leuchten in Elaines Gesicht zurück. Hoffnungsvoll begab sie sich erneut an die Rezeption. Vielleicht kam William ja noch einmal vorbei …

Zunächst allerdings erschien Grandma Helen. Sie dankte Elaine freundlich für die Vertretung und gab ihr damit zu verstehen, dass ihre Anwesenheit nicht länger vonnöten war. Inzwischen wurde es fast schon dunkel – sicher ein Grund, weshalb Helen und Daphne ihr Treffen nicht weiter ausdehnten. Gegen Abend öffnete der Pub, und Daphne musste dort nach dem Rechten sehen. Helen drängte es, einen Blick auf die Anmeldung des neuen Gastes zu werfen, der einen so nachhaltigen Eindruck auf ihre Enkelin gemacht hatte.

Daphne, bereits im Aufbruch, schaute ihr dabei über die Schulter.

»Er kommt von Martyn’s Manor … hört sich nobel an«, meinte sie. »Also doch ein Gentleman?«,

»Das werde ich sehr schnell herausfinden«, erklärte Helen resolut.

Daphne nickte und lächelte in sich hinein. Dem jungen Mann standen inquisitorische Befragungen bevor. Für emotionale Beziehungen hatte Helen wenig Gespür.

»Und passen Sie auf die Kleine auf!«, bemerkte Daphne deshalb noch im Hinausgehen. »Die ist diesem irischen Wunderknaben nämlich schon verfallen, und das kann Folgen haben. Gerade bei Gentlemen.«

Zu Helens Verwunderung fiel die Begutachtung ihres neuen Gastes aber gar nicht so negativ aus. Im Gegenteil – als der junge Mann sich ihr erstmals zeigte, war er sauber gewaschen, rasiert und ordentlich gekleidet – auch Helen erkannte, dass sein Anzug aus bestem Tuch gefertigt war. Höflich erkundigte er sich, wo man hier zu Abend essen könne, und Helen bot ihm den Beköstigungsservice an, den sie für ihre Pensionsgäste bereithielt. Eigentlich musste man sich dazu anmelden, doch ihre eifrigen Köchinnen, Mary und Laurie, würden schon ein zusätzliches Essen zaubern. William fand sich also in einem geschmackvoll gestalteten Esszimmer an einem fein gedeckten Tisch wieder, gemeinsam mit einer etwas steifen jungen Dame, die als Lehrerin an der neu eröffneten Schule tätig war, sowie zwei Bankangestellten. Die Bedienungen irritierten ihn zunächst: Mary und Laurie, zwei fröhliche dralle Blondinen, entpuppten sich als Zwillinge, die William auch bei genauestem Hinsehen nicht auseinanderhalten konnte. Die anderen Gäste versicherten ihm jedoch lachend, das sei ganz normal. Lediglich Helen O’Keefe könnte Mary und Laurie auf einen Blick unterscheiden. Helen lächelte dabei. Sie wusste, dass Daphne es ebenfalls konnte.

Das gemeinsame Essen bot natürlich den idealen Rahmen, William Martyn auszuhorchen. Helen brauchte ihn nicht einmal selbst zu befragen, das besorgten schon die neugierigen anderen Gäste.

Ja, doch, er sei wirklich Ire, bestätigte William mehrmals und ein bisschen unwirsch, nachdem ihn auch die beiden Banker auf seinen fehlenden Akzent angesprochen hatten. Sein Vater habe eine Schafzucht in der Grafschaft Connemara. Diese Auskunft bestätigte die Annahme, die Helen gleich hegte, seit sie William das erste Mal hatte sprechen hören: Er war ein bestens erzogener junger Mann, dem man breites Irisch niemals hätte durchgehen lassen.

»Aber Sie sind englischstämmig, nicht wahr?«, erkundigte sich einer der Banker. Er stammte aus London und schien sich mit der irischen Frage ein wenig auszukennen.

»Die Familie meines Vaters kam vor zweihundert Jahren aus England!«, erklärte William gereizt. »Wenn Sie da noch von Einwanderern reden wollen …«

Der Banker hob beschwichtigend die Hände. »Schon gut, mein Freund! Wie ich sehe, sind Sie Patriot. Was hat Sie denn von der grünen Insel fortgetrieben? Ärger über die Sache mit der Home Rule Bill? Es war zu erwarten, dass die Lords das abschmettern. Aber wenn Sie doch selbst …«

»Ich bin kein Großgrundbesitzer«, bemerkte William eisig. »Geschweige denn ein Earl. Es mag sein, dass mein Vater in gewisser Hinsicht mit dem House of Lords sympathisiert, aber …« Er biss sich auf die Lippen. »Verzeihen Sie, das gehört nicht hierher.«

Helen beschloss, das Thema zu wechseln, bevor dieser Heißsporn noch heftiger reagierte. Was sein Temperament anging, war er zweifellos Ire. Obendrein hatte er sich mit seinem Vater überworfen. Gut möglich, dass dies ein Grund für das Auswandern war.

»Und nun wollen Sie Gold suchen, Mr. Martyn?«, erkundigte sie sich beiläufig. »Haben Sie schon einen Claim abgesteckt?«

William zuckte die Schultern. Er wirkte mit einem Mal sehr unsicher.

»Nicht direkt«, erwiderte er verhalten. »Mir wurden ein paar Stellen avisiert, die vielversprechend sind, aber ich kann mich nicht entscheiden …«

»Sie sollten sich einen Partner suchen«, riet der ältere der beiden Banker. »Am besten einen erfahrenen Mann. Es sind doch genug Veteranen auf den Goldfeldern, die schon beim Goldrausch in Australien dabei gewesen sind.«

William schürzte die Lippen. »Was soll ich mit einem Partner, der seit zehn Jahre schürft und immer noch nichts gefunden hat? Diese Erfahrung kann ich mir sparen.« Seine hellblauen Augen blitzten verächtlich.

Die Banker lachten. Helen dagegen fand Williams herrische Attitüde eher unpassend.

»Ganz Unrecht haben Sie nicht«, meinte der ältere Banker schließlich. »Aber hier macht kaum einer ein Vermögen. Wenn Sie einen ernsthaften Rat wollen, junger Mann: Vergessen Sie die Goldsucherei. Unternehmen Sie lieber etwas, von dem Sie was verstehen. Neuseeland ist ein Paradies für Gründer. Praktisch jeder normale Beruf verspricht mehr Einkommen als die Goldgräberei.«

Fragt sich nur, ob dieser Jüngling einen vernünftigen Beruf erlernt hat, dachte Helen. Ihr erschien er bisher als zwar ordentlich erzogener, aber ziemlich verwöhnter Spross aus reichem Hause. Man würde ja sehen, wie er reagierte, wenn er sich bei der Goldsuche die ersten Blasen an den Fingern holte.

2

»Was macht ihr denn hier?«

James McKenzies ohnehin gereizte Stimmung entlud sich über seinem Sohn Jack und dessen zwei Freunde Hone und Maaka. Die drei hatten einen Korb an einem der Cabbage Trees befestigt, die der Auffahrt zum Herrenhaus von Kiward Station ein exotisches Flair verliehen, und übten sich im zielsicheren Bällewerfen. Jedenfalls bis Jacks Vater erschien, dessen verärgerte Miene die Jungen innehalten ließ.

Sie verstanden gar nicht, warum er sie so heftig anging. Gut, der Gärtner wäre vielleicht nicht begeistert von der Umgestaltung der Auffahrt zum Spielplatz. Schließlich machte es große Mühe, den hellen Kies gleichmäßig zu harken und die Blumenrabatten zu pflegen. Auch Jacks Mutter legte Wert auf eine repräsentative Gestaltung der Front von Kiward Station, und sie mochte unwillig reagieren, wenn sie hier einen Basketballkorb und zertretenes Gras sah. Doch Jacks Vater waren solche Äußerlichkeiten im Grunde ziemlich gleichgültig. Die Jungs hätten eher erwartet, dass er den Ball auffing, der eben vor seinen Füßen gelandet war, und ebenfalls einen Korbwurf versuchte.

»Solltet ihr um diese Zeit nicht in der Schule sein?«

Ah, daher wehte der Wind! Erleichtert strahlte Jack seinen Vater an.

»Eigentlich schon, aber Miss Witherspoon hat uns frei gegeben. Sie muss noch packen und so … für die Reise. Dabei wusste ich gar nicht, dass sie mitfährt.«

Den Gesichtern der Jungen – sowohl Jacks sommersprossigen Zügen als auch den breiten braunen Gesichtern der Maori-Jungs – war die Freude anzusehen, dass ihnen damit offensichtlich weitere freie Tage vergönnt sein würden. James dagegen stand kurz vor der Explosion. Heather Witherspoon, die junge Erzieherin, bot ein weitaus gefälligeres Ziel für seinen Zorn als die drei Basketballspieler.

»Das ist mir allerdings auch neu!«, grollte McKenzie. »Ihr solltet euch keine voreiligen Hoffnungen machen. Der Dame werde ich die Reisepläne sehr schnell austreiben!«

Er hob den Ball jetzt wirklich auf, warf ihn zum Korb und landete zu seiner eigenen Verblüffung einen Volltreffer.

Monday, seine Hündin, die ihm überall auf dem Fuße folgte, sprang aufgeregt nach dem Ball. Jack hatte Mühe, ihr zuvorzukommen. Nicht auszudenken, wenn sie den echten Basketball zerbiss, dem er wochenlang entgegengefiebert hatte, bis er endlich aus Amerika geliefert worden war. Christchurch, von Kiward Station aus gesehen die nächste größere Ansiedlung, mauserte sich zwar langsam zu einer richtigen Stadt, doch eine Basketballmannschaft gab es noch nicht.

James grinste seinen Sohn an, während Monday dem Ball mit einem ebenso beleidigten wie begehrlichen Blick in ihrem hübschen, dreifarbigen Collie-Gesicht nachsah.

Jack rief die Hündin zu sich, streichelte sie und erwiderte James’ Lächeln erleichtert. Offensichtlich war alles wieder in Ordnung. Vater und Sohn hatten selten Streit; sie waren einander nicht nur wie aus dem Gesicht geschnitten – lediglich den Rotstich seines Haares und die Neigung zu Sommersprossen hatte Gwyneira ihrem Sohn vererbt –, sondern auch charakterlich ähnlich. Schon als ganz kleiner Junge folgte Jack seinem Vater wie die Welpen seiner Hütehunde durch die Ställe und Scherschuppen, saß vor ihm im Sattel, wobei es ihm gar nicht schnell genug gehen konnte, und balgte sich mit den Hunden im Stroh. Inzwischen war der Dreizehnjährige durchaus schon eine Hilfe auf der Farm. Beim letzten Abtrieb der Schafe von den Sommerweiden hatte er erstmals mitreiten dürfen und war unbändig stolz darauf, hier »seinen Mann« zu stehen. James und Gwyneira McKenzie ging es ebenso. Beide waren jeden Tag aufs Neue glücklich über das Wunder dieses spät geborenen Kindes. Hatte doch keiner von ihnen mehr an Kinder gedacht, als sie sich nach endlosen Jahren der unglücklichen Liebe, der Trennungen, Missverständnisse und widrigen Umstände endlich das Jawort gaben. Gwyneira hatte ihr vierzigstes Lebensjahr damals bereits überschritten, und kein Mensch rechnete noch mit einer weiteren Schwangerschaft. Der kleine Jack hatte sich allerdings nicht darum gekümmert, sondern es fast etwas zu eilig gehabt: Sieben Monate nach der Hochzeit erblickte er das Licht der Welt, nach einer völlig unproblematischen Schwangerschaft und verhältnismäßig leichten Geburt.

Trotz seiner gereizten Stimmung, die ihn die Auffahrt zum Haus jetzt in langen Schritten erklimmen ließ, lächelte James zärtlich beim Gedanken an Jack. Alles, was mit diesem Kind zu tun hatte, war einfach: Jack war unkompliziert, aufgeweckt, schlug bei der Farmarbeit hervorragend ein und wäre wohl auch ein sehr guter Schüler gewesen, wenn diese Miss Witherspoon sich nur ein kleines bisschen angestrengt hätte!

James runzelte die Stirn. Schon der Gedanke an die junge Lehrerin, die Gwyneira zwei Jahre zuvor vor allem für ihre Enkelin Kura ins Haus geholt hatte, ließ seine Wut wieder aufflammen. Wobei er seiner Frau keinen Vorwurf machte: Kura-maro-tini, die Tochter ihres Sohnes aus erster Ehe und dessen Maori-Frau Marama, benötigte dringend eine Erzieherin von außerhalb. Gwyneira – erst recht ihrer Mutter Marama – war das Mädchen längst über den Kopf gewachsen. Dazu war zumindest Gwyn nicht gerade die begnadetste Pädagogin. So viel Geduld sie mit Pferden und Hunden aufbrachte, so schnell verlor sie die Nerven, wenn sie jemanden beim ungelenken Zeichnen von Buchstaben beaufsichtigen sollte. Marama war da gelassener, doch sie hatte zwei Jahre zuvor wieder geheiratet und daher andere Interessen. Außerdem hatte sie selbst nur Helens improvisierte Schule im »Busch« besucht – und für die Erbin von Kiward Station wünschte Gwyneira sich denn doch eine umfassendere Bildung.

Heather Witherspoon schien die ideale Wahl gewesen zu sein – auch wenn James argwöhnte, dass Gwyn sich vor allem deshalb für diese Gouvernante entschieden hatte, weil ihr Vorname »Heather« ein bisschen wie »Helen« klang. James hätte Gwyneira jederzeit zugetraut, die komplette Mannschaft für eine Schererkolonne zusammenzustellen. Aber was die Beurteilung der Qualifikation von Lehrpersonal anging, fehlten ihr die Kenntnisse und das Interesse. Die Entscheidung war denn auch schnell und flüchtig gefallen – und nun hatten sie diese Heather am Hals, die zwar sicher hochgebildet war, aber im Grunde selbst noch ein halbes Kind, nicht minder verwöhnt als ihr Zögling Kura. James hätte sich längst wieder von ihr getrennt; heute war es nicht mehr so, dass eine Passage nach Neuseeland eine Reise fürs Leben sein musste. Seit es Dampfschiffe gab, war die Überfahrt kürzer und sicherer. Binnen acht Wochen hätte Miss Witherspoon ihre Talente wieder in England entfalten können. Damit hätte man jedoch gegen den ausdrücklichen Willen Kura-maro-tinis gehandelt, die sich gleich mit ihrer neuen Gouvernante angefreundet hatte. Und einen Wutanfall dieses Kindes hätten weder Gwyneira noch Marama riskiert!

James knirschte vor Zorn mit den Zähnen, während er seinen Mantel im Eingangsbereich des Hauses ablegte. Ursprünglich war es die Diele eines noblen Empfangszimmers gewesen, mit einer Silberschale auf einem kleinen Beistelltisch zum Ablegen von Visitenkarten. Inzwischen hatte Gwyneira das Schälchen längst entfernt. Sowohl sie als auch die Maori-Hausmädchen empfanden es als überflüssig, ständig das Silber zu putzen. Stattdessen stand dort nun eine Blumenvase mit Zweigen des einheimischen Rata-­Strauches und machte den Raum heimelig.

James konnte der Anblick an diesem Tag allerdings nicht besänftigen; nach wie vor hegte er Groll auf die junge Lehrerin. Seit nun schon zwei Jahren schauten die McKenzies zu, wie Miss Witherspoon ihre Pflichten gegenüber Jack und den anderen Kindern sträflich vernachlässigte! Dabei sah ihr Vertrag ausdrücklich vor, dass sie neben den Privatstunden für Kura auch für die grundlegende Bildung der Kinder im Maori-Dorf zu sorgen hatte. Sie sollte dort täglich Unterricht halten. Jack hätte es nichts ausgemacht und Kura ganz sicher nichts geschadet, an den Stunden teilzunehmen. Doch Heather Witherspoon drückte sich darum, so oft sie nur konnte. Die erwachsenen Eingeborenen, sagte sie, machten ihr Angst und deren Kinder könne sie nicht leiden. Wenn sie sich trotzdem dazu herabließ, Unterricht zu erteilen, richtete sie die Unterrichtsinhalte ganz auf das Mädchen Kura aus – was die meisten Kinder im Dorf überforderte und somit langweilte. Heather Witherspoon las zum Beispiel ausschließlich reine Mädchenbücher, vorzugsweise solche, in denen kleine Prinzessinnen geduldig das Schicksal eines Aschenputtels durchlitten, bis sie endlich für all ihre guten Taten belohnt wurden. Den Maori-Mädchen sagte das gar nichts. Es war ihrer Wirklichkeit völlig fremd, und Heather unternahm keine Anstrengungen, es ihnen näherzubringen. Die Maori-Jungen trieb es schier zum Wahnsinn: Duldsame Prinzessinnen interessierten sie nicht. Sie wollten Geschichten über Piraten, Ritter und Abenteurer hören.

James warf einen raschen Blick in das einstige Empfangszimmer, das Gwyneira nun als Büro diente. Seine Frau war nicht anwesend, deshalb durchquerte er den mit teuren englischen Möbeln eingerichteten Salon, noch immer vor sich hin grummelnd. Konnte diese Miss Witherspoon nicht einmal die »Schatzinsel« vorlesen oder die Geschichten über Robin Hood oder Ritter Lancelot, die Fleurette und Ruben in ihrer Kindheit so entzückt hatten?

Aus dem früheren Herrenzimmer – nunmehr in eine Art Schul- und Musikzimmer umgewandelt – drang Klaviermusik in den Salon. James schaute auch hier kurz hinein, denn theoretisch war es ja möglich, dass sein Opfer Kura gerade eine Stunde erteilte. Doch das Mädchen saß allein vor ihrem vergötterten Klimperkasten und spielte selbstvergessen Beethoven. Im Grunde hatte James nichts anderes erwartet. Es war typisch für Kura, ihrer Großmutter und ihrer Gouvernante sämtliche Reisevorbereitungen zu überlassen, während sie selbst ihren Vergnügungen nachging. Später beschwerte sie sich dann darüber, dass man nicht die richtigen Kleider eingepackt hatte.

James ließ die Tür wieder zufallen, ohne das schlanke, schwarzhaarige Mädchen anzusprechen. Er hatte keinen Blick für Kuras auffallende Schönheit, die sonst eigentlich jeder rühmte, der dieses exotisch anmutende Geschöpf zum ersten Mal sah. Besonders seit Kura zur Frau heranreifte, stockte den Betrachtern oft der Atem. James McKenzie sah nach wie vor nur das Kind in ihr – ein verzogenes Kind, dessen Launen seine Familie und die Hausangestellten von Kiward Station oft zur Verzweiflung trieben.

James stieg die breite Treppe hinauf, die das Obergeschoss mit den Gesellschafts- und Wirtschaftsräumen im unteren Trakt verband, als er aus Kuras Zimmern zornige Stimmen hörte. Gwyneira und Miss Witherspoon. James grinste. Anscheinend war seine Frau ihm zuvorgekommen.

»Nein, Miss Heather, Kura braucht Sie keineswegs. Sie wird durchaus ein paar Wochen ohne Gesangsstunden auskommen – zumal ich mich ohnehin nicht erinnern kann, Sie als Gesangslehrerin angestellt zu haben. Sie jammern doch sowieso dauernd, dass Sie Kura hier kaum noch etwas beibringen können! Und was die Klavierstunden und die sonstige Bildung angeht … wenn Kura wirklich ohne das alles, wie Sie sagen, vertrocknet wie eine Blüte in der Wüste, wird meine Freundin Helen einspringen. Helen hat in ihrem Leben mehr Kindern das ABC beigebracht, als Sie sich vorstellen können, und sie spielt seit Jahren in der Kirche die Orgel.«

James lächelte in sich hinein. Gwyneira verstand sich fabelhaft darauf, Leute abzukanzeln. Er hatte das oft am eigenen Leib erfahren müssen – und war immer hin und her gerissen zwischen Zorn und Bewunderung. Allein schon, wie Gwyn sich bei einer Schimpftirade vor ihm aufzubauen pflegte! Sie war eher klein und sehr schlank, aber ungemein energisch. Wenn sie wütend war, schien sich ihr rotes Haar elektrisch aufzuladen, und ihre aufregend azurblauen Augen sprühten Funken. Nach wie vor sah man ihr auch ihr Alter nicht an. Zwar versuchte sie neuerdings, ihre Locken in einem Knoten zu bändigen, statt sie wie früher einfach im Nacken zusammenzubinden, aber ein paar Strähnen schafften es immer, sich zu befreien. Natürlich hatten die Jahre ein paar Fältchen in ihr Gesicht gegraben. Gwyn hatte nie viel von Sonnenschirmen gehalten, ebenso wenig von Regenschutz – sie setzte ihre Haut seit jeher ungeschützt der Natur der Canterbury Plains aus. Doch James hätte nicht eins ihrer Lachfältchen missen wollen oder die steile Falte, die sich zwischen ihren Augen bildete, wenn sie verärgert war, so wie jetzt.

»Nichts aber!«

Heather Witherspoon musste etwas erwidert haben, das James entgangen war.

»Der Platz, an dem Sie wirklich gebraucht werden, Miss Heather, ist hier! Einige Maori-Kinder können noch immer nicht lesen und schreiben. Und mein Sohn könnte eine altersgemäßere Förderung brauchen. Also packen Sie das Zeug wieder aus, und begeben Sie sich an Ihre eigentliche Arbeit. Die Kinder sollten jetzt Schule haben. Stattdessen spielen sie draußen Ball!«

Das war Gwyn also auch nicht entgangen. James applaudierte ihr, als sie jetzt aus dem Zimmer rauschte.

Gwyneira erschrak über ihren Zusammenstoß; dann lachte sie ihn an.

»Was machst du denn hier? Warst du auch auf dem Kriegspfad? Die Eigenmächtigkeiten unserer Miss Heather sind wirklich die Höhe!«

James nickte. Wie stets besserte sich seine Laune, wenn Gwyneira bei ihm war. Inzwischen waren sie seit sechzehn Jahren kaum einen Tag getrennt gewesen, aber ihr Anblick machte ihn immer noch glücklich. Umso schlimmer, dass er sie jetzt, möglicherweise für Wochen, nicht um sich haben würde.

Gwyneira merkte ihm die Verstimmung sofort an.

»Was ist los mit dir? Du rennst schon den ganzen Tag mit einer Miene herum wie drei Tage Regenwetter! Passt es dir nicht, dass wir wegfahren?«

Gwyneira wollte ihrem Mann zunächst die Treppe herab folgen, hörte dann aber Kuras Klavierspiel. Beide bogen wie auf ein unsichtbares Kommando in Richtung ihrer Privaträume ab. Im Salon mochten die Wände Ohren haben.

»Ob es mir ›passt‹, ist wohl kaum von Belang«, meinte James mürrisch. »Ich weiß einfach nicht, ob diese Reise das Richtige ist …«

»Um Kura in den Griff zu kriegen?«, fragte Gwyn. »Leugne es nicht. Ich hab gehört, wie du im Stall mit Andy McAran darüber gesprochen hast. Nicht gerade diskret, wenn du mich fragst …«

Gwyneira nahm ein paar Sachen aus ihrem Schrank und packte sie in einen Koffer. Ihre Reise, so signalisierte sie damit, war beschlossene Sache. James’ Unbehagen wuchs zu echtem Zorn aus.

»Es war Andys Ausdruck. Wenn du’s genau wissen willst, sagte er: ›Ihr müsst sehen, dass ihr die Kleine in den Griff kriegt, sonst verkuppelt Tonga sie mit dem nächsten Maori-Bengel, der ihm hörig ist.‹ Wie hätte ich da deiner Ansicht nach reagieren sollen? Andy McAran entlassen? Wo er nichts anderes sagt als die Wahrheit?«

Andy McAran gehörte zu den ältesten Arbeitern auf Kiward Station. Ebenso wie James war Andy schon hier gewesen, bevor Gwyneira als Braut des Hoferben, Lucas Warden, nach Neuseeland geschickt worden war. Zwischen Andy, James und Gwyn gab es eigentlich keine Geheimnisse.

Gwyneira behielt ihren provozierenden Tonfall somit auch nicht bei. Stattdessen ließ sie sich mutlos auf der Kante ihres Bettes nieder. Monday schmiegte sich sofort an ihre Beine, um gekrault zu werden.

»Was sollen wir denn sonst tun?«, fragte sie, die Hündin streichelnd. »›In den Griff kriegen‹ hört sich einfach an, aber Kura ist kein Hund oder ein Pferd. Ich kann ihr nicht einfach befehlen …«

»Gwyn, deine Hunde und Pferde haben dir immer gern gehorcht, auch ohne Gewalt. Weil du sie von Anfang an richtig erzogen hast. Liebevoll, aber konsequent. Nur Kura lässt du alles durchgehen! Und Marama war da auch nie eine Hilfe.« James hätte seine Frau gern in die Arme genommen, um seinen Worten die Schärfe zu nehmen, überlegte es sich dann aber anders. Es wurde Zeit, dass die Sache ernsthaft zur Sprache kam.

Gwyneira biss sich auf die Lippen. Sie konnte es nicht leugnen. Niemand hatte Kura-maro-tini, der Erbin von Kiward Station und Hoffnungsträgerin sowohl des örtlichen Maori-Stammes als auch der weißen Gründer der Farm, jemals wirklich Grenzen gesetzt. Weder von den Maoris, die ihre Kinder ohnehin nicht streng erzogen, sondern ihre Disziplinierung getrost dem Land überließen, in dem sie überleben mussten, noch von Gwyneira, die es eigentlich besser hätte wissen müssen. Schließlich hatte sie schon bei ihrem Sohn Paul, Kuras Vater, allzu sehr die Zügel schleifen lassen. Aber das war etwas anderes gewesen. Paul entstammte einer Vergewaltigung; Gwyneira hatte ihn nie wirklich lieben können. Das Ergebnis waren erst ein schwieriges Kind und dann ein zorniger, streitsüchtiger junger Mann gewesen, dessen Fehde mit dem Maori-Häuptling Tonga ihm schließlich den Tod gebracht hatte. Tonga, intelligent und gebildet, triumphierte letztendlich mit einem Beschluss des Gouverneurs: Der Ankauf des Landes für Kiward Station war nicht rechtens gewesen. Wollte Gwyneira die Farm behalten, müsste sie die Ureinwohner entschädigen. Doch Tongas Forderungen waren unannehmbar gewesen. Erst Marama hatte schließlich den Friedensschluss erwirkt. Ihr Kind, von pakeha- und Maori-Blut, sollte Kiward Station erben, und das Land würde somit allen gehören. Niemand machte den Maoris das Recht streitig, hier zu lagern, andererseits würde Tonga keinen Anspruch auf das Kernland der Farm erheben.

Gwyneira und die meisten Mitglieder des Maori-Stammes waren mit dieser Regelung mehr als zufrieden – nur in dem jungen Häuptling schwelte immer noch der Zorn auf die pakeha, die verhassten weißen Siedler. Paul Warden war zeitlebens sein Rivale gewesen, nicht nur um den Landbesitz, sondern auch um das Mädchen Marama. Nach Pauls Tod hatte Tonga sicher gehofft, die schöne junge Frau würde sich ihm nach einer angemessenen Trauerzeit doch noch zuwenden. Aber zunächst suchte Marama gar keinen neuen Partner, sondern zog ihr Kind im Herrenhaus auf. Und dann entschied sie sich nicht für Tonga oder einen anderen Mann aus seinem Stamm, sondern verliebte sich Hals über Kopf in einen Schafscherer, der im Frühjahr mit seiner Kolonne nach Kiward Station kam. Dem jungen Mann ging es mit ihr nicht anders, und die beiden wurden sich schnell einig. Rihari war ebenfalls Maori, gehörte aber einem anderen Stamm an. Trotzdem entschloss er sich zu bleiben. Er war umgänglich und freundlich und erkannte Maramas außergewöhnliche Situation sofort: Weder konnte man ihre Tochter Kura von Kiward Station fortholen, noch würde sie ihm allein zu seinem Stamm nach Otago folgen. So bat er um Aufnahme bei ihren Leuten, was Tonga zähneknirschend gewährte. Das Paar lebte nun im Maori-Dorf; Kura war auf eigenen Wunsch im Herrenhaus geblieben.

Doch in letzter Zeit führte ihr Weg sie immer häufiger zu der Siedlung am See, wobei der Besuch bei ihrer Mutter nur vorgeschoben war. Kura hatte die Liebe entdeckt. Der junge Tiare machte ihr den Hof – und das leider nicht so unschuldig, wie es unter pakeha-Kindern im gleichen Alter üblich war.

Gwyneira, die einstmals die Verliebtheit ihrer Tochter Fleur und Ruben O’Keefe gelassen geduldet hatte, war jetzt alarmiert. Schließlich wusste sie um die lockere Sexualmoral der Maoris. Mann und Frau durften hier beliebig miteinander verkehren. Eine Ehe galt erst als geschlossen, wenn zwei im Gemeinschaftshaus des Stammes das Lager teilten. Was vorher geschah, war dem Stamm egal, und Kinder waren stets willkommen. Kura schien sich an diesen Sitten orientieren zu wollen – und Marama machte keine Anstalten einzuschreiten.

Gwyneira, James und alle anderen denkenden Menschen auf Kiward Station befürchteten allerdings Tongas Einflussnahme. Natürlich hoffte Gwyneira auf eine Eheschließung Kuras mit einem Weißen ihrer Gesellschaftsschicht – eine Sache, von der Kura vorerst nichts hören wollte. Die Fünfzehnjährige hatte sich in den Kopf gesetzt, Sängerin zu werden, und ihre außergewöhnlich schöne Stimme und ausgeprägte Musikalität boten sicher das Potenzial dafür. Doch eine Opernkarriere in diesem jungen Land, das obendrein puritanisch geprägt war? In Christchurch baute man erst mal eine Kathedrale, im restlichen Land Eisenbahnen … kein Mensch dachte an ein Theater für Kura Warden! Heather Witherspoon hatte Kura natürlich die Idee von Konservatorien in Europa in den Kopf gesetzt, von Opernhäusern in London, Paris und Mailand, die nur auf eine Sängerin ihres Kalibers warteten. Aber selbst wenn Gwyneira – und Tonga – dies befürwortet hätten: Kura war zur Hälfte Maori, eine exotische Schönheit, die jeder bewunderte, aber würde man sie ernst nehmen? Würde man sie als Sängerin sehen, nicht als Kuriosum? Wo würde das verwöhnte Kind landen, wenn Gwyneira es tatsächlich nach Europa schickte?

Tonga schien das Problem jetzt auf seine Weise lösen zu wollen. Nicht nur Andy McAran vermutete seine Fäden ziehende Hand hinter Kuras junger Liebe. Tiare war Tongas Cousin; eine Verbindung mit ihm hätte die Stellung der Maoris auf Kiward Station erheblich gestärkt. Und der Junge war erst sechzehn, dazu nach Gwyneiras Dafürhalten nicht der Klügste. Tiare als Herr auf Kiward Station, neben einer an allen Belangen der Farm desinteressierten, nur auf dem Klavier klimpernden Kura – für Tonga wäre das zweifellos der Höhepunkt seines Lebens, aber undenkbar für Gwyn.

»Es wird nichts helfen, Kura jetzt ein paar Wochen nach Queenstown zu schaffen«, meinte James. »Im Gegenteil. Da werden nur Dutzende von Goldsuchern vor ihr auf den Knien liegen. Sie wird in Komplimenten baden, jeder wird sie hinreißend finden – und am Ende hat sie noch mehr Oberwasser. Und wenn sie zurückkommt, ist Tiare immer noch da. Und falls du daran denkst, ihn hier irgendwie wegzuloben – Tonga findet einen anderen. So bringt das nichts, Gwyn.«

»Sie wird immerhin älter und verständiger«, wandte Gwyneira ein.

James verdrehte die Augen. »Gibt es dafür irgendwelche Anzeichen? Bis jetzt wird sie nur immer verrückter! Und diese Heather Witherspoon macht es auch nicht besser. Die würde ich als Erstes nach England zurückschicken, ob es der kleinen Prinzessin passt oder nicht.«

»Aber wenn Kura sich sturstellt, ist auch nichts gewonnen. Damit treiben wir sie den Maoris in die Arme …«

James hatte sich zu Gwyn aufs Bett gesetzt, und sie schmiegte sich trostsuchend an ihn.

»Dass das aber auch alles so schwer sein muss«, seufzte sie schließlich. »Ich wünschte, Jack wäre der Erbe, dann müssten wir uns keine Gedanken mehr machen.«

James zuckte die Achseln. »Die bräuchten wir uns auch nicht zu machen, wenn Fleurette die Erbin wäre. Aber nein, dieser Gerald Warden musste ja unbedingt noch einen männlichen Nachkommen zeugen, und sei es mit Gewalt. Es bereitet mir immerhin eine gewisse Genugtuung, dass er sich jetzt zweifellos im Grabe herumdreht! Sein Kiward Station nicht nur in der Hand eines halben Maori, sondern obendrein eines Mädchens!«

Gwyneira musste lächeln. Was Erbschaftsangelegenheiten anging, waren die Maoris jedenfalls entschieden vernünftiger. Hier hatte es keine Probleme gegeben, als Marama ein Mädchen zur Welt brachte; Männer und Frauen waren in der Erbfolge gleichberechtigt. Schade nur, dass Kura so völlig aus der Art schlug und von der tatkräftigen und weniger musisch als praktisch orientierten Gwyneira nicht mehr geerbt hatte als die azurblauen Augen.

»Jetzt nehme ich sie erst mal mit nach Queenstown«, sagte Gwyn schließlich entschieden. »Vielleicht kann Helen ihr ja den Kopf zurechtsetzen. Manchmal findet ein Außenstehender eher Zugang. Helen spielt immerhin Klavier. Die wird Kura ernst nehmen.«

»Und ich muss ohne dich zurechtkommen«, schmollte James. »Der Viehtrieb …«

Gwyneira lachte und legte ihm die Arme um den Hals. »Der Viehtrieb sollte dich ausgiebig beschäftigt halten. Jack freut sich schon darauf. Und du könntest Miss Heather mitnehmen – auf dem Küchenwagen. Vielleicht geht sie hinterher freiwillig!«

Es war März, und vor dem kommenden Winter mussten die halbwild lebenden Schafe im Bergland zusammengesucht und zurück zur Farm getrieben werden. Jedes Jahr eine mehrtägige Beschäftigung, die alle Arbeiter einer Farm in Anspruch nahm.

»Sei vorsichtig mit deinen Ratschlägen!« James streichelte ihr übers Haar und küsste sie zärtlich. Ihre Umarmung hatte ihn erregt. Und was war auch gegen ein bisschen Liebe am Vormittag einzuwenden? »Ich habe mich schon mal in eine Frau verliebt, die auf dem Küchenwagen mitfuhr!«

Gwyneira lachte. Auch ihr Atem ging jetzt schneller. Geduldig hielt sie still, während James die Haken und Ösen an ihrem leichten Sommerkleid löste.

»Aber nicht in eine Köchin«, erklärte sie. »Ich erinnere mich noch gut, wie du mich gleich am ersten Tag herausgeschickt hast, um versprengte Schafe einzutreiben.«

James küsste ihre Schulter, dann ihre immer noch recht festen Brüste.

»Das diente der Lebensrettung der Truppe«, bemerkte er lächelnd. »Nachdem wir deinen Kaffee probiert hatten, musste ich dich aus dem Weg schaffen …«

Während Gwyneira und James die ruhige Stunde genossen, begab sich Heather Witherspoon zu ihrem Zögling Kura. Sie traf das Mädchen am Klavier an – und würde ihr jetzt vom Beschluss ihrer Großmutter berichten müssen, die Lehrerin nicht mit nach Queenstown zu nehmen. Kura nahm es erstaunlich gelassen auf.

»Ach, sehr lange werden wir sowieso nicht bleiben«, bemerkte sie. »Was sollen wir bei diesen Hinterwäldlern? Wenn es noch Dunedin wäre. Aber dieses Goldgräberkaff? Und mit den Leuten da bin ich kaum verwandt. Fleurette ist so etwas wie meine Halbtante und Stephen, Elaine und George sozusagen meine Viertelcousins, oder? Was hab ich mit denen zu tun?«

Kura wandte ihr hübsches Gesicht wieder den Noten zu. Glücklicherweise stand auch in Queenstown ein Klavier, dessen hatte sie sich versichert. Und vielleicht verstand diese Miss Helen ja wirklich etwas von Musik, womöglich mehr als Miss Heather. Tiare würde sie sowieso nicht vermissen. Natürlich war es nett, sich von ihm bewundern, küssen und streicheln zu lassen, aber sie würde doch niemals riskieren, schwanger zu werden! Vielleicht hielt Grandma Gwyn sie ja für dumm, und Miss Heather lief sowieso immer gleich rot an, wenn es irgendwie um »Geschlechtliches« ging. Aber Kuras Mutter war nicht so prüde; das Mädchen wusste durchaus, wie Kinder entstanden. Und in einem war sie sich sicher: Von Tiare wollte sie keins. Im Grunde hielt sie nur deshalb an der Beziehung zu ihm fest, um Grandma Gwyn ein bisschen zu ärgern.

Wenn sie es recht bedachte, wollte Kura überhaupt keine Kinder. Das Erbe von Kiward Station war ihr herzlich egal. Sie war bereit, jeden und alles hinter sich zu lassen, wenn sie damit ihrem eigentlichen Ziel näherkam. Kura wollte Musik machen, sie wollte singen. Und egal, wie oft Grandma Gwyn das Wort »unmöglich« sagte – Kura-maro-tini würde an ihren Wünschen festhalten!

3

William Martyn hatte Goldwaschen bisher stets für eine ruhige, ja kontemplative Tätigkeit gehalten. Man hielt ein Sieb in einen Bach, schüttelte es ein wenig – und dann blieben Goldnuggets darin hängen. Vielleicht nicht gleich und jedes Mal, aber doch genug, um auf die Dauer Millionär zu werden. In Queenstowns Realität gestaltete sich die Sache jedoch ganz anders. Genau genommen hatte William überhaupt kein Gold gefunden, bis er sich mit Joey Teaser zusammengetan hatte. Und das, obwohl er sich für die hochwertigsten Gerätschaften aus dem O’Kay Warehouse entschieden und dabei erneut das Vergnügen genossen hatte, mit Elaine O’Keefe zu plaudern. Die Kleine hatte sich dabei vor Begeisterung kaum halten können, ihn wiederzusehen, und je länger dieser erste Tag des Goldschürfens mit Joey voranschritt, desto intensiver überlegte William, ob in der Bekanntschaft mit diesem Mädchen nicht vielleicht die wahre Goldader schlummerte. Sofern er überhaupt zum Überlegen kam. Joey, ein erfahrener Goldsucher von fünfundvierzig Jahren, der aber wie sechzig aussah und sein Glück vorher schon in Australien und an der Westküste versucht hatte, begutachtete Williams frisch abgesteckten Claim nur kurz, erklärte ihn für durchaus aussichtsreich und fing sofort an, Holz für den Bau einer Waschrinne zu schlagen. William hatte dabei ein wenig verwirrt dreingeschaut, worauf Joey ihm eine Säge in die Hand drückte und den Befehl erteilte, die Stämme zu Brettern zu schneiden.

»Kann man … kann man die Bretter nicht kaufen?«, erkundigte William sich unglücklich, nachdem der erste Versuch kläglich gescheitert war. Wenn sie tatsächlich eine zwanzig Meter lange Rinne selbst bauen wollten, wie Joey vorzuhaben schien, würden sie mindestens zwei Wochen brauchen, bevor das erste Gold darin hängen blieb.

Joey verdrehte die Augen. »Man kann alles kaufen, Junge, wenn man Geld hat. Aber haben wir welches? Ich zumindest nicht. Und du solltest deins auch zusammenhalten. Lebst sowieso auf ganz schön großem Fuß, mit deiner Pension und dem ganzen Kram, den du da gekauft hast …«

Neben den wichtigsten Gerätschaften zum Goldschürfen hatte William auch in eine ordentliche Campingausrüstung und ein paar Jagdwaffen investiert. Konnte schließlich sein, dass man hier auf dem Claim mal die Nacht verbringen musste – spätestens dann, wenn es Gold zu bewachen galt. Und dann wollte William sein Lager auf keinen Fall unter freiem Himmel aufschlagen.

»Hier jedenfalls haben wir Bäume, eine Axt und eine Säge. Da bauen wir die Waschrinne doch am besten selbst. Greif dir jetzt die Axt. Beim Umhauen von Bäumen kannst du nichts falsch machen. Ich nehme die Säge und mach die Feinarbeit!«

Seitdem fällte William Bäume, wenn auch nicht sonderlich schnell; er hatte gerade mal zwei mittelgroße Südbuchen geschafft. Aber die Arbeit war schweißtreibend. Während die Männer morgens noch beim Paddeln zu ihrem Claim gefröstelt hatten, schufteten sie jetzt, gegen zehn Uhr, schon mit bloßem Oberkörper. Und William konnte kaum glauben, dass nicht einmal der halbe Tag zu Ende war.

»Versuchen Sie es lieber mit einer Arbeit, die Ihnen wirklich liegt.« Die Bemerkung des Bankers ging William im Kopf herum. Zunächst hatte er das als Phrasendrescherei eines risikoscheuen Bürohengstes abgetan, aber jetzt erschien ihm das Leben eines Goldsuchers gar nicht mehr so abenteuerlich. Natürlich war man an der frischen Luft – und die Landschaft hier um Queenstown war fantastisch. Nachdem William seine erste Missstimmung überwunden hatte, kam er nicht umhin, das festzustellen. Allein die majestätischen Berge rund um den Lake Wakatipu, die das Land zu umarmen schienen, und das Farbenspiel, das die üppige Vegetation vor allem jetzt im Herbst in einem Kaleidoskop von Rot-, Lila-und Brauntönen aufgehen ließ. Die Pflanzen schienen teils exotisch wie der palmähnliche Cabbage Tree, teils seltsam verfremdet wie die violetten Lupinen, die der Gegend um Queenstown besonders um diese Jahreszeit ihre besondere Note gaben. Die Luft war klar wie Kristall, desgleichen die Bäche. Aber wenn William noch ein paar Tage mit Joey arbeiten sollte, würde er zweifellos bald anfangen, zumindest die Bäume und Wasserläufe zu hassen.

Joey entpuppte sich im Laufe des Tages als wahrer Sklaventreiber. Mal war William ihm zu langsam, mal machte er zu oft Pausen, und dann rief er ihn selbst von seiner Holzfällertätigkeit weg, weil er Hilfe beim Sägen brauchte. Und dazu fluchte er auf die unflätigste Weise, wenn etwas schiefging – was leider vor allem dann passierte, wenn William zur Säge griff.

»Aber das lernst du noch, Junge!«, meinte der Alte letztlich ermunternd, sobald er sich wieder beruhigt hatte. »Zu Hause haste wohl nicht so viel mit den Händen geschafft.«

William wollte ihm zunächst wütend widersprechen, aber dann überlegte er, dass der Alte damit nicht ganz Unrecht hatte. Gut, er hatte auf den Feldern gearbeitet. Zusammen mit den Pächtern, gerade in den letzten Jahren, nachdem ihm die schreiende Ungerechtigkeit aufgegangen war, die auf den Ländereien seines Vaters herrschte. Frederic Martyn verlangte viel und gab wenig – der Pachtzins war für die Bauern kaum aufzutreiben, und nicht nur, dass ihnen in guten Jahren wenig zum Leben blieb, sie hatten auch keinerlei Hilfe zu erwarten, wenn die Ernte schlecht ausfiel. Bis jetzt hatten die Familien sich kaum von der großen Hungersnot in den Sechzigerjahren erholt. Praktisch jede hatte Opfer zu beklagen. Dazu fehlte hier fast eine ganze Generation – kaum ein Bauernkind in Williams’ Alter hatte die Jahre der Kartoffelfäule überlebt. Heute lag die Arbeit auf den Feldern also hauptsächlich in den Händen der ganz Jungen und ganz Alten; praktisch jeder war überfordert, und eine Verbesserung schien nicht in Sicht.

Frederic Martyn berührte das in keiner Weise – und auch Williams Mutter, obwohl Irin, machte keine Anstalten, sich für die Leute einzusetzen. William hatte dann erst in stummem Protest begonnen, den Pächtern bei der Landarbeit zu helfen. Später engagierte er sich in der Irischen Landliga, die ihnen zu fairen Zinsen verhelfen wollte.

Frederic Martyn schien die soziale Attitüde seines jüngeren Sohnes zunächst eher unterhaltsam als besorgniserregend zu finden. William würde auf seinen Ländereien ohnehin nie viel zu sagen haben, und sein älterer Sohn, Frederic junior, zeigte keine menschenfreundlichen Anwandlungen. Doch als die Landliga erste Erfolge verbuchen konnte, wurden seine Spöttereien und Frotzeleien über Williams Engagement immer bösartiger und trieben den jungen Mann noch tiefer in die Opposition.

Als er schließlich einen Aufstand unter den Pächtern unterstützte – wenn nicht gar anzettelte –, kannte der Alte kein Pardon. William wurde nach Dublin geschickt. Sollte er ein bisschen studieren, wenn es sein musste Jura, um seinen geliebten Pächtern später mit Rat und Tat zur Seite zu stehen. Was das anging, war Martyn großzügig. Hauptsache, der Junge wiegelte ihm nicht mehr die Leute auf!

Zunächst hatte William sich begeistert in die Arbeit gestürzt, aber schon bald erschien es ihm zu langwierig, sich mit den Feinheiten des englischen Rechts auseinanderzusetzen, wo doch ohnehin bald eine Irische Verfassung zu entwerfen war. Aufgeregt verfolgte er die Debatten um die Home Rule Bill, die den Iren erheblich mehr Mitspracherechte bieten sollte, wenn es um die Belange ihrer Insel ging. Und als das Oberhaus sie dann wieder ablehnte …

Aber darüber wollte William nicht weiter nachgrübeln. Die Sache war zu peinlich gewesen und die Folgen fatal. Aber immerhin hätte es für ihn viel schlimmer enden können als hier in der lieblichen Umgebung des friedlichen Queenstown.

»Was haste überhaupt gemacht, drüben in Irland?«, fragte Joey jetzt. Die beiden hatten ihr Tagewerk endlich beendet und paddelten müde heimwärts. Auf William wartete das Badehaus und ein gepflegtes Nachtmahl in Miss Helens Pension – auf Joey ein whiskygeschwängerter Abend am Lagerfeuer der Goldgräberkolonie Skippers.

William zuckte die Achseln. »Auf einer Schaffarm gearbeitet.«

Im Wesentlichen entsprach das der Wahrheit. Das Land der Martyns war weitläufig und bot erstklassige Weidegründe. Deshalb hatte Frederic Martyn auch kaum Einbußen durch die Kartoffelfäule erlitten. Die betraf nur seine Pächter und Landarbeiter, die sich auf kleinen Anbauflächen selbst ernährten.

»Wolltste dann nich’ lieber in die Canterbury Plains?«, erkundigte Joey sich gemütlich. »Da gibt’s Millionen Schafe.«

Das hatte William auch gehört. Aber seine Anteile an der Farmarbeit hatten eigentlich eher Verwaltertätigkeiten beinhaltet als tatsächliches Zugreifen. Er wusste zwar theoretisch, wie man ein Schaf schor, aber tatsächlich hatte er es noch nie getan und erst recht nicht in Rekordzeit wie die Männer der Schererkolonnen in den Canterbury Plains. Die besten sollten achthundert Schafe am Tag von ihrer Wolle befreien! Das waren kaum weniger Tiere, als die Farm der Martyns insgesamt beherbergte! Andererseits hätte vielleicht mancher Farmer im Osten einen fähigen Verwalter oder Aufseher gebraucht – ein Job, den William sich durchaus zutraute. Nur reich werden konnte man dabei wohl kaum. Und bei allem sozialen Engagement: Auf die Dauer hatte William nicht vor, bei der Lebensqualität Abstriche zu machen!

»Vielleicht kauf ich mir ’ne Farm, wenn wir hier genug Gold gefunden haben«, meinte William. »So in ein, zwei Jahren …«

Joey lachte. »Sportsgeist haste jedenfalls! So, hier kannste aussteigen …« Er lenkte das Boot ans Ufer. Der Fluss schlängelte sich im Osten an Queenstown vorbei und mündete dann im Süden der Stadt, unterhalb des Goldgräberlagers, in den See. »Ich hol dich morgen wieder hier ab, sechs Uhr früh, frisch und munter!«

Joey winkte seinem neuen Partner vergnügt zu, während William sich ein wenig mühsam auf den Weg in die Stadt machte. Nach der Ruhepause im Boot schmerzten ihn jetzt alle Knochen. An einen weiteren Tag Holzfällen mochte er gar nicht denken.

Immerhin begegnete ihm gleich auf der Main Street etwas Erfreuliches. Elaine O’Keefe kam mit einem Korb Wäsche aus der chinesischen Wäscherei und steuerte Miss Helens Pension an.

William schenkte ihr ein Lächeln. »Miss Elaine! Ein schönerer Anblick als ein Goldnugget! Kann ich Ihnen das abnehmen?«

Trotz schmerzender Muskeln griff er, ganz Gentleman, nach dem Korb. Elaine zierte sich nicht. Erfreut lud sie ihre Last bei ihm ab und schlenderte dann unbeschwert neben ihm her. Sofern man sich gleichzeitig damenhaft und unbeschwert bewegen konnte! Mit dem schweren Korb am Arm wäre ihr das kaum möglich gewesen. Wie hatte Miss Daphne mal ketzerisch erwähnt: »Eine Dame zu sein muss man sich leisten können.«

»Haben Sie denn heute schon so viele Nuggets gefunden?«, erkundigte sich Elaine. William überlegte, ob sie nur naiv war oder ob sie es ironisch meinte. Dann beschloss er, die Sache als Neckerei zu nehmen. Elaine verbrachte schon ihr ganzes Leben in Queenstown. Sie musste wissen, dass man auf den Goldfeldern nicht so schnell reich wurde.

»Das Gold in Ihrem Haar ist das erste an diesem Tag«, gab er zu und verband das Geständnis so immerhin mit einer Schmeichelei. »Aber das hat ja leider schon eine Besitzerin. Sie sind reich, Miss Elaine!«

»Und Sie sollten sich bei den Maoris einführen. Die würden Sie glatt zum tohunga erklären. Ein Meister des whaikorero …«, kicherte Elaine.

»Des was?«, fragte William. Maoris, die Eingeborenen Neuseelands, waren ihm bisher noch kaum begegnet. Es gab Stämme am Wakatipu wie in ganz Otago, aber die aufstrebende Goldgräberstadt Queenstown war den Maoris zu hektisch. Nur selten verirrte sich einer von ihnen in die Stadt, auch wenn sich inzwischen ein paar Männer den Goldsuchern angeschlossen hatten. Sie hatten ihre Dörfer und Familien meist nicht ganz freiwillig verlassen, sondern waren Versprengte und Verlorene – so wie die Mehrzahl der weißen Männer, die hier ihr Glück versuchten. Sie unterschieden sich im Verhalten auch kaum von ihnen, und keiner bediente sich so seltsamer Worte.

»Whaikorero. Das ist die Kunst der schönen Rede. Und tohunga heißt ›Meister‹ oder ›Experte‹. Mein Vater ist einer, sagen die Maoris. Sie lieben seine Urteilsbegründungen …« Elaine öffnete William die Tür zur Pension. Der weigerte sich jedoch, vor ihr hindurchzugehen und hielt die Pforte geschickt mit dem Fuß für Elaine offen. Das Mädchen strahlte.

William erinnerte sich, dass ihr Vater hier als Friedensrichter tätig war und ihr Bruder Stephen Jura studierte. Vielleicht sollte er seine eigenen Bemühungen in dieser Richtung auch einmal erwähnen.

»Nun, so weit bin ich mit meinen juristischen Studien nicht gediehen«, bemerkte er wie nebenbei. »Und Sie sprechen Maori, Miss Elaine?«

Elaine zuckte die Achseln. Doch bei der Anspielung auf sein Jurastudium hatten ihre Augen wie erwartet aufgeleuchtet.

»Nicht so gut, wie ich sollte. Wir haben immer ziemlich weit weg vom nächsten Stamm gewohnt. Aber meine Mutter und mein Vater können es gut; die sind in den Plains mit Maori-Kindern zusammen zur Schule gegangen. Ich sehe aber eigentlich nur Maori, wenn es mal Streitigkeiten zwischen ihnen und den pakeha hier gibt und mein Vater schlichten muss. Und das kommt zum Glück selten vor. Sie haben wirklich Jura studiert?«

William berichtete sehr vage von seinen drei Semestern in Dublin. Aber jetzt mussten die beiden sich sowieso trennen. Beim Betreten der Pension brachte der Luftzug einen melodischen Windfang zum Klingen, woraufhin umgehend sowohl Mary als auch Laurie erschienen und fröhlich auf William und Elaine einzwitscherten. Ein Zwilling nahm William die Wäsche ab und wusste sich vor Begeisterung über seine Mithilfe kaum zu halten; der andere erklärte ihm, dass sein Bad bereitet sei. Er müsse sich bloß beeilen, weil das Essen bald auf dem Tisch stünde; die anderen Kostgänger seien alle schon da, und bestimmt wollte keiner warten.

William verabschiedete sich höflich von Elaine, der die Enttäuschung deutlich anzumerken war. Er musste hier unbedingt einen weiteren Vorstoß in Angriff nehmen.

»Was tut man denn in Queenstown, wenn man eine junge Dame zu einem ehrbaren Vergnügen einladen möchte?«, erkundigte er sich kurze Zeit später vor dem Essen beim jüngeren der beiden Banker.

Am liebsten wäre ihm gewesen, Miss Helen hätte nicht mitgehört, aber die alte Dame hatte wohl noch scharfe Ohren. Jedenfalls schien sie ihre Aufmerksamkeit unauffällig, aber doch erkennbar auf die Unterhaltung der beiden Männer zu lenken.

»Kommt darauf an, wie ehrbar«, seufzte der Banker. »Bezogen auf die Dame. Es gibt Ladys, denen praktisch kein Vergnügen tugendhaft genug ist …« Der Mann wusste, wovon er redete. Er versuchte seit Wochen, seiner Hausgenossin, der jungen Lehrerin, den Hof zu machen. »Die kann man dann höchstens am Sonntag zur Kirche begleiten … was wiederum nicht unbedingt ein Vergnügen ist. Aber normale junge Damen kann man wohl zum Gemeindepicknick einladen, wenn gerade eins stattfindet. Oder vielleicht sogar zum Squaredance, wenn der Hausfrauenverein ein Tanzvergnügen anregt. Bei Daphne gibt es das natürlich jeden Samstag, aber das ist wiederum nicht ehrbar …«

»Lassen Sie sich doch einfach von der kleinen Miss O’Keefe die Stadt zeigen«, bemerkte der ältere Banker. »Das macht sie bestimmt gern, sie ist doch hier aufgewachsen. Und ein Spaziergang ist auf jeden Fall eine unschuldige Angelegenheit.«

»Wenn er nicht in die Wälder rundum führt«, warf Miss Helen trocken ein. »Und wenn es sich bei der fraglichen jungen Dame tatsächlich um meine Enkelin handelt, also eine ganz besondere junge Dame, sollten Sie vorher vielleicht die Genehmigung ihres Vaters einholen …«

»Was weißt du Genaues über diesen jungen Mann?«

Es war ein anderes Dinner, aber das Thema war das gleiche. In diesem Fall examinierte Ruben O’Keefe seine Tochter. Denn obwohl William bislang noch nicht gewagt hatte, eine Einladung auszusprechen, hatte Elaine ihn doch gleich am nächsten Tag wieder getroffen. Erneut »ganz zufällig«, diesmal vor dem Eingang zum Bestattungsinstitut. Ein schlecht gewählter Treffpunkt, denn Elaine fiel bei aller Fantasie nichts ein, was sie dort dringend hätte erledigen müssen. Außerdem war Frank Baker, der Totengräber, ein alter Freund ihres Vaters, und seine Frau war eine schwatzhafte Dohle. Von Elaine O’Keefes Beziehung zu William Martyn – »einem Kerl aus dem Goldgräberlager«, wie Mrs. Baker es zweifellos darstellen würde – wusste deshalb schon der ganze Ort.

»Er ist ein Gentleman, Daddy. Wirklich. Sein Vater hat ein Gut in Irland. Und er hat sogar Jura studiert!«, verkündete Elaine, Letzteres nicht ohne Stolz. War es doch ein echter Trumpf im Blatt ihres Schwarms.

»Aha. Und dann ist er ausgewandert, um Gold zu suchen? Gibt’s in Irland zu viele Anwälte, oder was?«, erkundigte sich Ruben.

»Du wolltest auch mal Gold suchen!«, erinnerte ihn seine Tochter.

Ruben lächelte. Elaine wäre wohl auch keine schlechte Anwältin geworden. Im Grunde fiel es ihm schwer, ihr gegenüber streng zu sein, denn sosehr er seine Söhne liebte – seine Tochter vergötterte er. Elaine glich aber auch zu sehr seiner geliebten Fleurette. Abgesehen von ihrer Augenfarbe und dem vorwitzigen Näschen kam sie ganz nach ihrer Mutter und Großmutter. Der Rotton ihres Haares wich ein bisschen von der ihrer weiblichen Verwandten ab. Elaines Haar war dunkler und vielleicht noch feiner und krauser als Fleurettes und Gwyneiras. Ruben selbst hatte seine ruhigen grauen Augen und sein braunes Haar nur seinen Söhnen vererbt. Besonders Stephen galt als »ganz der Vater«. Sein Jüngster, Georgie, war unternehmungslustig und immer zu Streichen aufgelegt. Im Grunde passte es hervorragend: Stephen würde in Bezug auf die Juristerei in Rubens Fußstapfen treten, Georgie interessierte sich für den Handel und träumte von Filialen des O’Kay Warehouse. Ruben war ein glücklicher Mann.

»Es gab einen Skandal um William Martyn«, bemerkte Fleurette beiläufig, während sie einen Auflauf auf den Tisch stellte. Das Gleiche gab es heute in Helens Pension; Fleurette hatte also nicht gekocht, sondern bei Laurie und Mary ein »Dinner zum Mitnehmen« bestellt. Im Laden war sie allerdings nicht gewesen.

»Woher weißt du das denn?«, fragte Ruben, während Elaine vor Verblüffung fast ihre Gabel fallen ließ.

»Wieso Skandal?«, murmelte sie.

Über Fleurettes immer noch elfenhaftes Gesicht ging ein Strahlen. Sie war stets eine begnadete Spionin gewesen. Ruben konnte sich noch gut daran erinnern, wie sie ihm einst das »Geheimnis um O’Keefe und Kiward Station« enthüllt hatte.

»Nun, ich habe heute Nachmittag die Brewsters besucht«, meinte sie jetzt leichthin. Ruben und Fleurette kannten Peter und Tepora Brewster seit ihrer Kindheit. Peter war Import-Export-Kaufmann und hatte zunächst einen Wollhandel in den Canterbury Plains aufgebaut. Aber dann hatte seine Frau Tepora, eine Maori, in Otago Land geerbt, und die beiden waren hierher gezogen. Sie lebten nun in der Nähe von Teporas Stamm, zehn Meilen westlich von Queenstown, und Peter dirigierte den Weiterverkauf des hier geförderten Goldes in aller Herren Länder. »Sie haben gerade Besuch aus Irland. Die Chesfields.«

»Und du bist der Meinung, dieser William Martyn sei in ganz Irland bekannt wie ein bunter Hund?«, erkundigte sich Ruben. »Wie kamst du auf die Idee?«

»Nun, ich hatte Recht, oder?«, erwiderte Fleurette spitzbübisch. »Aber ohne Scherz, wissen konnte ich das natürlich nicht. Doch Lord und Lady Chesfield gehören zweifellos zum englischstämmigen Adel. Und nach dem, was Grandma Helen schon herausgefunden hat, stammt der junge Mann aus ähnlichen Kreisen. Und sooo groß ist Irland ja auch wieder nicht.«

»Und was hat Lainies Schatz jetzt angestellt?«, fragte Georgie neugierig und grinste schadenfroh zu seiner Schwester hinüber.

»Er ist nicht mein Schatz!«, brauste Elaine auf, verkniff sich aber weitere Bemerkungen. Auch sie wollte schließlich wissen, welcher Skandal sich um William Martyn rankte.

»Nun, so genau weiß ich das auch nicht. Die Chesfields ergingen sich da in Andeutungen. Jedenfalls ist Frederic Martyn ein durchaus gewichtiger Landlord, da hat Lainie schon Recht. William hat allerdings nichts zu erben, er ist der jüngere Sohn. Und außerdem das schwarze Schaf der Familie. Er sympathisierte mit der Irischen Landliga …«

»Das spricht ja eher für den Knaben«, warf Ruben ein. »Was die Engländer sich da in Irland leisten, ist ein Verbrechen. Wie kann man die Hälfte der Bevölkerung verhungern lassen, wenn man selbst auf gefüllten Kornspeichern sitzt? Die Pächter arbeiten für einen Hungerlohn, und die Landlords werden dick und fett. Ist doch schön, wenn der junge Mann sich für die Bauern einsetzt!«

Elaine strahlte.

Ihre Mutter hingegen blickte eher besorgt. »Nicht, wenn der Einsatz in terroristische Aktivitäten ausartet«, bemerkte sie. »Und genau so etwas hat Lady Chesfield angedeutet. William Martyn soll an einem Attentat beteiligt gewesen sein.«

Ruben runzelte die Stirn. »Wann denn? Soweit ich weiß, fanden die letzten größeren Aufstände in Dublin 1867 statt. Und von Einzelaktivitäten der Fenier oder ähnlicher Vereinigungen stand nichts in der Times.« Ruben erhielt englische Zeitungen zwar meist mit einer Verspätung von einigen Wochen, doch er las sie aufmerksam.

Fleurette zuckte die Achseln. »Wahrscheinlich wurde es früh genug vereitelt. Oder es war nur geplant, was weiß ich. Schließlich sitzt dieser William ja auch nicht im Gefängnis, sondern macht hier ganz offen und unter seinem richtigen Namen unserer Tochter den Hof. Ach ja, in der Angelegenheit fiel übrigens noch ein Name. Es ging um einen John Morley …«

Ruben lächelte. »Dann ist es sicher ein Irrtum. John Morley of Blackburn ist Chief Secretary for Ireland und residiert in Dublin. Er unterstützt die Home Rule. Das heißt, er ist auf Seiten der Iren. Es läge ganz und gar nicht im Interesse der Landliga, ihn umzubringen.«

Fleurette begann die Teller zu füllen. »Ich sag’s ja, die Chesfields drückten sich nicht sehr klar aus«, meinte sie dabei. »Kann durchaus sein, dass an der Sache gar nichts dran ist. Eins steht jedenfalls fest: William Martyn ist jetzt hier und nicht in seinem geliebten Irland. Seltsam für einen Patrioten. Wenn die aus eigenem Antrieb auswandern, dann doch höchstens nach Amerika, wo sie Gleichgesinnte treffen. Ein irischer Aktivist auf den Goldfeldern von Queenstown scheint mir ungewöhnlich.«

»Aber doch nichts Schlimmes!«, erklärte Elaine eifrig. »Vielleicht will er Gold finden und dann seinem Vater das Land abkaufen und …«

»Sehr wahrscheinlich«, sagte Georgie. »Warum kauft er nicht gleich ganz Irland von der Queen?«

»Wir sollten uns den jungen Mann auf jeden Fall mal ansehen«, beendete Ruben schließlich das Thema. »Wenn er wirklich mit dir spazieren gehen sollte«, er zwinkerte Elaine zu, der bei dieser Aussicht beinahe der Atem stockte, »und das ist eine von ihm geäußerte Absicht, die mir ein Vögelchen gezwitschert hat, darfst du ihn zum Abendessen einladen. So, und nun zu dir, Georgie. Was hörte ich heute Morgen von Miss Carpenter über deine Mathematikarbeit?«

Während ihr Bruder sich möglichst um nähere Auskünfte herumwand, konnte Elaine vor Aufregung kaum etwas essen. William Martyn interessierte sich für sie! Er wollte mit ihr spazieren gehen! Vielleicht auch mal tanzen! Oder erst mal zur Kirche. Ja, das wäre fabelhaft! Jeder würde sehen, dass sie, Elaine O’Keefe, eine umschwärmte junge Dame war, die es geschafft hatte, den einzigen britischen Gentleman, der sich je nach Queenstown verirrt hatte, für sich zu interessieren. Die anderen Mädchen würden platzen vor Neid! Und erst ihre Cousine. Diese Kura-maro-tini, von der alle erzählten, wie schön sie sei. Und um deren Besuch in Queenstown es ein dunkles Geheimnis gab, das bestimmt mit einem Mann zu tun hatte! Was gab es schließlich sonst für dunkle Geheimnisse? Elaine konnte kaum abwarten, dass William sie fragte. Und wohin ging er wohl mit ihr spazieren?

Elaine ging schließlich mit William spazieren – nachdem er sie artig gefragt hatte, ob sie Lust hätte, ihn einmal durch Queenstown zu führen. Elaine fragte sich allerdings, wozu er eine Führung nötig hatte. Schließlich bestand Queenstown nach wie vor praktisch nur aus der Main Street, und der Friseurladen, die Schmiede, das Postamt und der General Store benötigten eigentlich keine weiteren Erklärungen. Spannend war höchstens Daphne’s Hotel, aber um dieses Etablissement würden Elaine und William natürlich einen großen Bogen machen. Elaine entschloss sich schließlich, den Begriff »Stadt« ein bisschen weiter zu fassen und ihren Schwarm über die Uferstraße zum See zu führen.

»Der Wakatipu ist riesig, auch wenn er wegen der Berge im Umland gar nicht so groß wirkt. Aber tatsächlich misst er hundertfünfzig Quadratmeilen. Und er ist dauernd in Bewegung. Ständig steigt und fällt das Wasser. Die Maoris sagen, das sei der Herzschlag eines Riesen, der am Boden des Sees schläft. Aber das ist natürlich nur eine Geschichte. Die Maoris kennen viele solcher Märchen, wissen Sie.«

William lächelte. »Mein Land ist ebenso reich an Geschichten. Von Feen und Seelöwen, die bei Vollmond menschliche Gestalt annehmen …«

Elaine nickte eifrig. »Ja, ich weiß. Ich habe ein Buch, in dem irische Märchen erzählt werden. Und mein Pferd ist nach einer Fee benannt. ›Banshee.‹ Möchten Sie Banshee mal kennen lernen? Sie ist ein Cob! Meine andere Großmutter hat Banshees Vorfahren aus Wales mitgebracht …«

William tat, als höre er ihr aufmerksam zu, interessierte sich aber nicht sonderlich für Pferde. Banshee wäre ihm auch egal gewesen, hätte Gwyneira Warden ihre Ahnen aus Connemara importiert. Viel wichtiger fand er den Umstand, dass er am Abend, nach diesem Spaziergang, Elaines Eltern, Ruben und Fleurette O’Keefe, kennen lernen sollte. Natürlich hatte er beide bereits gesehen und sich kurz mit ihnen unterhalten. Schließlich tätigte er alle Einkäufe in ihrem Laden. Aber nun war er bei ihnen zum Dinner geladen, würde also private Kontakte knüpfen. Und das war bitter nötig, wie es aussah. Schließlich hatte Joey ihm am Morgen ihre Zusammenarbeit aufgekündigt. Während der alte Goldsucher in den ersten Tagen noch geduldig gewesen war, ging ihm Williams »mangelnder Biss«, wie er es nannte, schon nach einer knappen Woche auf die Nerven. Dabei fand William es ganz normal, die Sache mit der Goldrinne nach den ersten Tagen Schwerstarbeit ein bisschen langsamer angehen zu lassen. Schließlich musste sein Muskelkater erst mal nachlassen. Und man hatte ja Zeit. William zumindest war nicht in Eile. Joey dagegen hatte ihm unmissverständlich klargemacht, dass für ihn jeder Tag ohne Goldfunde ein verlorener Tag war. Wobei er nicht von murmelgroßen Nuggets träumte, sondern nur von ein bisschen Goldstaub, der ihm seinen Whisky und seine tägliche Portion Stew oder Hammelfleisch am Lagerfeuer sicherte.

»Mit so ’nem verwöhnten Bürschchen wie dir gibt das nie was!«, hatte er William entgegengeschleudert. Anscheinend hatte sich ein anderer Partner gefunden, der einen mindestens ebenso vielversprechenden Claim vorzuweisen hatte und bereit war, mit Joey zu teilen. Joeys eigener Claim war längst ausgebeutet; er hatte bei der Zuteilung wenig Glück gehabt.

William jedenfalls musste nun allein weitermachen oder sich eine andere Beschäftigung suchen. Wobei er Letzteres vorgezogen hätte. Denn schon jetzt boten die frühen Morgen- und späten Abendstunden einen Vorgeschmack des Winters in den Bergen. Queenstown sollte im Juli und August völlig verschneit sein, was sicher sehr hübsch aussah. Aber Goldwaschen an vereisten Flüssen? William konnte sich Schöneres vorstellen. Vielleicht hatte Ruben O’Keefe ja eine Idee.

William hatte das Haus der O’Keefes bereits beim Vorbeifahren auf dem Fluss gesehen. Verglichen mit Martyn’s Manor war es nicht sehr beeindruckend – ein heimeliges Holzhaus mit Garten und ein paar Ställen. Aber hier in diesem neuen Land musste man wohl Abstriche machen, was herrschaftliches Wohnen anging. Und abgesehen von der etwas primitiven Architektur hatte Goldnugget Manor durchaus einiges mit den Wohnsitzen englischer Landadeliger gemeinsam – zum Beispiel die Hunde, die auf einen zusprangen, sobald man das Grundstück betrat. Williams Mutter hatte Corgies gehabt, hier verlegte man sich auf eine Art Collie. Hütehunde, und, wie Elaine gleich darauf begeistert ausführte, ebenfalls ein Import aus Wales. Elaines Mutter Fleurette hatte die Hündin Gracie aus den Canterbury Plains mitgebracht, und Gracie hatte sich eifrig vermehrt. Wozu man die Tiere hier brauchte, war William ein Rätsel, doch für Elaine und ihre Familie gehörten sie wohl einfach dazu. Ruben O’Keefe war noch nicht eingetroffen, und so musste William denn auch noch eine Führung durch die Ställe über sich ergehen lassen und Elaines wunderbare Banshee kennen lernen.

»Sie ist etwas Besonderes, weil sie ein Schimmel ist! Das hat man ganz selten unter Cobs. Meine Großmutter hatte sonst nur Rappen und Braune. Aber Banshee geht auf ein Welsh Mountain Pony zurück, das Mutter bekam, als sie ein Kind war. Es ist unheimlich alt geworden, ich bin sogar selbst noch darauf geritten …«

Elaine plapperte unaufhörlich, aber das störte William nicht sonderlich. Er fand das Mädchen entzückend, ihr übersprudelndes Temperament hob seine Stimmung. Elaine schien niemals stillstehen zu können. Ihre roten Locken wippten im Rhythmus jeder Bewegung. Heute hatte sie sich außerdem für ihn hübsch gemacht. Sie trug ein grasgrünes Kleid, abgesetzt mit brauner Klöppelspitze. Ihr Haar versuchte sie mit Samtbändern in einer Art Pferdeschwanz zu halten, aber das war hoffnungslos; schon bevor Elaine ihre Stadtführung beendet hatte, war es so zerzaust, als hätte sie es gar nicht frisiert. William begann darüber nachzudenken, wie es wäre, diesen Wildfang zu küssen. Er hatte Erfahrungen mit vielen mehr oder weniger käuflichen Mädchen in Dublin sowie den Töchtern seiner irischen Pächter; einige der Mädchen waren sehr entgegenkommend gewesen, wenn dafür ein paar Vergünstigungen für ihre Familien heraussprangen, andere gaben sich äußerst tugendhaft. Elaine allerdings weckte Beschützerinstinkte. William sah sie zumindest vorerst eher als reizendes Kind denn als Frau. Sicher eine faszinierende Erfahrung – aber was war, wenn das Mädchen die Sache ernst nahm? Zweifellos war es verliebt bis über beide Ohren. Elaine konnte sich nicht verstellen; die Gefühle, die sie für William hegte, waren unverkennbar.

Fleurette O’Keefe blieb das natürlich auch nicht verborgen. Sie war nicht wenig besorgt, als sie die beiden jungen Leute jetzt auf ihrer Veranda begrüßte.

»Willkommen auf Nugget Manor, Mr. Martyn!«, sagte sie lächelnd und streckte William die Hand entgegen. »Kommen Sie herein, und nehmen Sie einen Aperitif mit uns. Mein Mann kommt auch gleich, er zieht sich nur noch um.«

Zu Williams Überraschung war die Hausbar der O’Keefes gut bestückt. Fleurette und Ruben schienen Weintrinker zu sein. Elaines Vater entkorkte als Erstes einen Bordeaux, um den Wein vor dem Essen atmen zu lassen, aber es gab auch erstklassigen irischen Whisky. William ließ ihn in seinem Glas kreisen, bis Ruben mit ihm anstieß.

»Auf Ihr neues Leben in einem neuen Land! Ich bin sicher, dass Sie Irland vermissen, aber dieses Land hat Zukunft. Wenn Sie sich darauf einlassen, ist es nicht schwer, es zu lieben.«

William stieß mit ihm an. »Auf Ihre wunderschöne Tochter, die mir den Einzug in die Stadt so märchenhaft erscheinen ließ!«, gab er zurück. »Vielen Dank für die Stadtführung, Elaine. Von heute an werde ich dieses Land nur noch mit Ihren Augen sehen.«

Elaine strahlte und nippte am Wein.

Georgie verdrehte die Augen. Na, die sollte noch mal leugnen, verliebt zu sein!

»Waren Sie wirklich bei den Feniern, Mr. Martyn?«, fragte der Junge neugierig. Er hatte von der irischen Unabhängigkeitsbewegung gehört und lechzte nach Abenteuergeschichten.

William wirkte plötzlich alarmiert. »Bei den Feniern? Ich verstehe nicht …«

Was wusste diese Familie über sein Vorleben?

Ruben war die Sache sichtlich unangenehm. Auf keinen Fall sollte der junge Mann gleich in den ersten fünf Minuten ihrer Bekanntschaft von Fleurettes Spionageaktionen erfahren! »Georgie, was soll das? Selbstverständlich war Mr. Martyn kein Fenier. Die Bewegung ist in Irland praktisch aufgelöst. Als es zu den letzten Aufständen kam, muss Mr. Martyn noch in den Windeln gelegen haben! Entschuldigen Sie, Mister …«

»Sagen Sie William!«

»William. Aber mein Sohn hat Gerüchte gehört … Für die Jungs hier ist jeder Ire ein Freiheitsheld.«

William lächelte. »Jeder ist es leider nicht, George«, wandte er sich an Elaines Bruder. »Sonst wäre die Insel längst frei … aber lassen wir das. Ein wunderschönes Anwesen haben Sie hier …«

Ruben und Fleurette erzählten ein bisschen von »Nugget Manor«, wobei Ruben die Geschichte seiner erfolglosen Goldgräberei durchaus launig vortrug. William machte das Mut. Wenn Elaines Vater selbst in den Minen versagt hatte, würde er bestimmt Verständnis für seine Probleme aufbringen. Vorerst brachte er diese jedoch nicht zur Sprache, sondern ließ die O’Keefes während des gesamten Dinners die Themen bestimmen. Wie nicht anders zu erwarten horchten sie ihn dabei gründlich aus, aber das brachte William nicht ins Schleudern. Artig gab er weitgehend zutreffende Auskünfte zu seiner Herkunft und Ausbildung. Letztere entsprach der Norm für seine Gesellschaftsschicht: ein Hauslehrer für die ersten Jahre, dann ein elitäres englisches Internat und schließlich College. Letzteres hatte William nicht beendet, doch die Geschichte ließ er aus. Er gab auch über seine Mitarbeit auf dem Hof seines Vaters nur vage Auskünfte. Das Jurastudium in Dublin schmückte er dagegen aus. Er wusste, dass Ruben O’Keefe sich dafür interessierte, und da Ruben das Gespräch dann gleich auf die Home Rule Bill brachte, konnte William gut mitreden. Gegen Ende des Dinners war er ziemlich überzeugt, einen guten Eindruck gemacht zu haben. Ruben O’Keefe wirkte entspannt und freundlich.

»Und was macht nun die Goldgräberei?«, fragte er schließlich. »Sind Sie dem Reichtum schon etwas nähergekommen?«

Das war die Gelegenheit. William setzte eine bekümmerte Miene auf. »Ich fürchte, das war ein Fehlgriff«, bemerkte er. »Wobei ich nicht sagen kann, dass man mich nicht gewarnt hätte. Schon Ihre reizende Tochter machte mich bei unserem ersten Treffen darauf aufmerksam, dass Goldschürfen wohl doch mehr etwas für Träumer als für ernsthafte Siedler ist.« Er lächelte Elaine zu.

Ruben blickte verwundert. »Letzte Woche klangen Sie aber noch ganz anders! Haben Sie nicht die gesamte Ausrüstung erstanden, einschließlich Campingzelt?«

William machte eine entschuldigende Geste. »Manchmal lässt man sich seine Irrwege einiges kosten«, meinte er bedauernd. »Aber ein paar Tage auf den Claims haben mich schnell ernüchtert. Der Ertrag steht einfach nicht im Verhältnis zum Aufwand …«

»Das kommt darauf an!«, warf Georgie eifrig ein. »Meine Freunde und ich waren letzte Woche Gold waschen, und Eddie – das ist der Sohn vom Schmied – hat ein Goldkorn rausgeholt, für das er achtunddreißig Dollar gekriegt hat!«

»Aber du hast den ganzen Tag geschuftet und hattest nicht mal einen Dollar!«, erinnerte ihn Elaine.

Georgie zuckte die Achseln. »Das war eben Pech!«

Ruben nickte. »Womit das Problem um den Goldrausch auch schon zusammengefasst wäre. Es ist ein Glücksspiel, und nur selten fällt ein echter Hauptgewinn ab. Meistens geht es auf und ab. Die Männer halten sich mit den Erträgen ihrer Claims gerade so über Wasser, aber jeder hofft auf das große Glück!«

»Ich glaube, das Glück wartet anderswo«, erklärte William und streifte Elaine mit einem kurzen Blick. Elaines Gesicht leuchtete auf – schließlich waren all ihre Sinne nur auf den jungen Mann neben ihr konzentriert. Aber auch Ruben und Fleurette blieb der Blickkontakt nicht verborgen.

Fleurette wusste nicht, was sie störte, aber trotz der untadeligen Vorstellung, die der junge Einwanderer hier gab, hatte sie ein ungutes Gefühl. Ruben schien es nicht zu teilen. Er lächelte.

»Und was planen Sie dann stattdessen, junger Mann?«, fragte er freundlich.

»Tja …« William machte eine wirkungsvolle Pause, als hätte er sich diese Frage bisher kaum gestellt. »Am Abend meiner Ankunft sagte mir einer der hiesigen Bankmitarbeiter, ich sollte mich besser auf die Dinge konzentrieren, die ich wirklich kann. Na ja, und die beziehen sich natürlich am ehesten auf die Leitung einer Schaffarm …«

»Also wollen Sie wegziehen?«, Elaine klang erschrocken und enttäuscht, obwohl sie versuchte, unbeteiligt zu tun.

William zuckte die Achseln. »Ungern, Elaine, äußerst ungern. Aber das Zentrum der Schafzucht sind natürlich die Canterbury Plains …«

Fleurette lächelte ihm zu. Sie fühlte sich seltsam erleichtert.

»Vielleicht könnte ich Ihnen da eine Empfehlung geben. Meine Eltern haben eine große Farm bei Haldon und erstklassige Kontakte.«

»Aber das ist so weit weg …« Elaine versuchte, ihre Stimme zu kontrollieren, doch Williams Ankündigung hatte sie getroffen wie ein Dolch ins Herz. Wenn er jetzt wegzog und sie ihn womöglich niemals wiedersah … Elaine spürte, wie das Blut aus ihrem Gesicht wich. Gerade jetzt, gerade er …

Ruben O’Keefe registrierte sowohl die Erleichterung seiner Frau als auch die Enttäuschung seiner Tochter. Fleurette würde diesen jungen Mann lieber heute als morgen von Elaines Seite bannen, auch wenn ihm der Grund dafür nicht ganz klar war. Bis jetzt machte William Martyn schließlich einen guten Eindruck. Ihm eine Chance in Queenstown zu geben bedeutete schließlich noch keine Verlobung.

»Nun … vielleicht beschränken Mr. Martyns Fähigkeiten sich ja nicht allein auf das Schafezählen«, meinte er launig. »Wie steht es mit Buchhaltung, William? Ich könnte im Laden jemanden brauchen, der mir die leidige Schreiberei abnimmt. Aber wenn Sie natürlich gleich eine leitende Stellung anstreben …«

Rubens Ausdruck machte deutlich, dass er das für illusorisch hielt. Weder Gwyneira Warden noch die anderen Schafbarone im Osten warteten auf einen unerfahrenen jungen Schnösel aus Irland, um ihnen zu sagen, wie ihre Farm zu führen war. Ruben selbst interessierte sich zwar nicht übermäßig für Schafe, aber er war in einem entsprechenden Betrieb aufgewachsen und nicht dumm. Viehzucht und Viehhaltung in Neuseeland hatte mit der Landwirtschaft in Britannien und Irland nur wenig zu tun – Gwyneira Warden hatte immer wieder darauf hingewiesen. Schon die Farm seines Vaters war zu klein gewesen, um Profit abzuwerfen, und der hatte immerhin dreitausend Schafe besessen. Gwyneiras Vater in Wales hatte nicht einmal tausend Tiere gehabt und galt trotzdem als einer der größten Züchter des Landes. Überdies traute er William kaum zu, die Raubeine, die in Neuseeland als Viehhüter oder in den Schafschererkolonnen arbeiteten, in den Griff zu bekommen.

William lächelte ungläubig. »Heißt das, Sie bieten mir einen Job an, Mr. O’Keefe?«

Ruben nickte. »Wenn Sie interessiert sind. Reich werden können Sie als mein Buchhalter nicht, aber immerhin sammeln Sie Erfahrungen. Und wenn mein Sohn die Sache mit den Filialen in anderen Kleinstädten wirklich mal in Angriff nimmt«, er nickte Georgie zu, »gibt es Aufstiegsmöglichkeiten.«

William hatte kaum die Absicht, irgendwann als Filialleiter in einer Kleinstadt Karriere zu machen. Eher dachte er an eine eigene Ladenkette oder eine Einheirat in diese, wenn die Dinge sich weiterhin so erfreulich entwickelten. Doch Rubens Angebot war immerhin ein Anfang.

Erneut schenkte er Elaine einen diesmal um Sekundenbruchteile längeren, strahlenden Blick, den sie selig erwiderte, abwechselnd rot und blass werdend. Dann stand er auf und hielt Ruben O’Keefe die Hand entgegen.

»Ich bin Ihr Mann!«, erklärte er gewichtig.

Ruben schlug ein. »Auf gute Zusammenarbeit. Wir sollten das mit einem weiteren Whisky begießen. Diesmal mit einem hiesigen. Schließlich wollen Sie sich ja für längere Zeit in diesem Land einrichten.«

Elaine brachte William nach draußen, als der schließlich aufbrach. Die Gegend um Queenstown zeigte sich heute von ihrer schönsten Seite. Die gewaltigen Berge wurden vom Mondlicht erhellt, und am Himmel funkelten Myriaden Sterne. Der Fluss schien aus flüssigem Silber zu bestehen, und der Wald war erfüllt von den Rufen der Nachtvögel.

»Es ist seltsam, dass sie im Mondlicht singen«, sinnierte William. »Als wäre man in einem Zauberwald.«

»Nun ja, singen würde ich das Gekrächze nicht nennen …« Elaine hatte im Grunde wenig Sinn für Romantik, aber sie tat ihr Bestes. Unauffällig schob sie sich neben ihn.

»Für ihre Weibchen ist das Gekrächze der lieblichste Gesang«, bemerkte William. »Die Frage ist nicht, wie gut man eine Sache macht, sondern für wen.«

Elaines Herz strömte über. Natürlich, er hatte es für sie getan! Nur ihretwegen hatte er auf einen gut bezahlten Job in der Leitung einer Schaffarm verzichtet, um bei ihrem Vater Hilfstätigkeiten zu leisten. Sie wandte sich ihm zu.

»Sie hätten … ich meine, Sie mussten das nicht tun«, sagte sie vage.

William blickte in ihr offenes, vom Mondlicht erhelltes Gesicht, das sie ihm mit einem Ausdruck zwischen Unschuld und Erwartung entgegenhob.

»Manchmal hat man keine Wahl«, flüsterte er und küsste sie. Für Elaine explodierte die Nacht in diesem Kuss.

Fleurette beobachtete ihre Tochter vom Fenster aus.

»Sie küssen sich!«, bemerkte sie und schüttete den Rest des Weins so heftig in ihr Glas, als könnte sie mit der Flasche auch Elaines Gedächtnis leeren.

Ruben lachte. »Was hast du anderes erwartet? Sie sind jung und verliebt.«

Fleurette biss sich auf die Lippe und leerte das Glas dann mit einem Schluck. »Wenn wir das bloß nicht mal bereuen …«, murmelte sie.

4

Gwyneira McKenzie hatte vor, sich mit Kura einem Warentransport für Ruben O’Keefe anzuschließen und in dessen Schutz nach Queenstown zu reisen. Ihr Gepäck konnten sie dann auf die Frachtwagen laden und selbst in einer leichten Chaise fahren. Zumindest Gwyneira empfand das als die angenehmste Art des Reisens; ihre Enkelin äußerte sich nicht dazu. Kura stand der Fahrt nach Queenstown nach wie vor mit einem fast beunruhigenden Gleichmut gegenüber.

Das Schiff mit der Lieferung für Ruben ließ allerdings auf sich warten, sodass der Aufbruch sich immer weiter verzögerte. Offensichtlich machten erste Herbststürme die Überfahrt schwierig. So ging der Abtrieb der Schafe vorbei, bevor Gwyneira endlich fahren konnte – was die besorgte Züchterin jedoch eher beruhigte als ärgerte.

»So habe ich wenigstens meine Schäfchen im Trockenen«, scherzte sie, als ihr Mann und ihr Sohn das letzte Gatter hinter den heimgekehrten Herden schlossen. Jack hatte sich auch diesmal wieder ausgezeichnet. Die Arbeiter lobten ihn als »ganzen Kerl«, und der Junge schwärmte vom Lager in den Bergen und hellen Nächten, in denen er sich aus dem Schlafsack schälte und hinausging, um Vögel und andere Nachtgeschöpfe zu beobachten. Davon gab es viele auf Neuseelands Südinsel. Auch der Kiwi, der seltsam plumpe Vogel, der als Symboltier der Siedler galt, war nachtaktiv.

James McKenzie zeigte sich ebenfalls erfreut, dass er Gwyneira noch antraf, als er vom Viehtrieb zurückkehrte. Die beiden feierten ein ausgiebiges Wiedersehen. Dabei brachte Gwyn ihre wachsende Sorge um Kura zur Sprache.

»Sie zieht immer noch ganz ungeniert mit diesem Maori-Jungen herum, obwohl Miss Witherspoon sie dafür rügt. Wenn es um Schicklichkeit geht, hat sie Augen im Hinterkopf! Und Tonga wandert mal wieder über die Farm, als ob sie bald ihm gehört. Ich sollte ihm nicht zeigen, dass es mich rasend macht, das weiß ich, aber ich fürchte, man sieht es mir an …«

James seufzte. »Wie es aussieht, musst du das Mädchen bald verheiraten, egal an wen. Sie wird immer Ärger machen. Sie hat dieses … Ich weiß nicht. Aber sie ist sehr sinnlich.«

Gwyn warf ihm einen indignierten Blick zu. »Du findest sie sinnlich?«, fragte sie misstrauisch.

James verdrehte die Augen. »Ich finde sie verwöhnt und unausstehlich. Aber ich kann durchaus erkennen, was andere Männer in ihr sehen. Und zwar eine Göttin.«

»James, sie ist fünfzehn!«

»Aber sie entwickelt sich atemberaubend schnell. Selbst in den paar Tagen des Viehtriebs ist sie gereift. Sie war immer eine Schönheit, aber jetzt wird sie eine Schönheit, die Männer verrückt macht. Und sie weiß das. Wobei ich mir über diesen Tiare die geringsten Sorgen machen würde. Einer der Maori-Viehhüter hat sie wohl vorgestern belauscht, und angeblich hat sie ihn behandelt wie ein ungezogenes Hündchen. Kein Gedanke, dass sie mit ihm das Lager teilt. Der Junge wird beneidet, muss sich von Kura und den anderen Männern aber auch einiges anhören. Der wird froh sein, wenn er das Mädchen los ist.« James zog Gwyneira noch einmal in die Arme.

»Und du meinst, es findet sich dann gleich ein anderer?«, fragte Gwyn verunsichert. »Einer? Du machst Witze! Wenn sie auch nur mit dem kleinen Finger winkt, steht die Schlange bis Christchurch!«

Gwyneira seufzte und schmiegte sich in seine Arme.

»Sag mal, James, war ich eigentlich auch … hm … sinnlich?«

Dann endlich trafen die Frachtwagen in Christchurch ein. Rubens Fahrer lenkten prachtvolle Kaltblutgespanne vor schweren Planwagen.

»Da drin ist auch Platz zum Schlafen«, erklärte einer der Fahrer. »Wenn wir unterwegs kein Quartier finden, können wir Männer in einem Wagen schlafen, und Ihnen lassen wir den zweiten, Madam. Wenn Sie damit vorliebnehmen wollen …«

Gwyneira wollte gern. Sie hatte in ihrem Leben schon weniger komfortabel genächtigt, und eigentlich freute sie sich sogar auf das Abenteuer. Deshalb war sie bester Laune, als sie die Chaise, bespannt mit einem braunen Cob-Hengst, hinter den Planwagen einreihte.

»Owen kann da oben ein paar Stuten decken«, erklärte sie die Entscheidung, den Hengst anzuspannen. »Damit Fleurette die reinrassigen Cobs nicht ausgehen!«

Kura, an die sie diese Worte gerichtet hatte, nickte gleichmütig. Wahrscheinlich hatte sie gar nicht darauf geachtet, welches Pferd ihre Großmutter gewählt hatte. Umso interessiertere Blicke warf Kura den jüngeren Fahrern der Frachtwagen zu – Blicke, die nicht minder begehrlich erwidert wurden. Die beiden Jungen begannen sofort, Kura zu hofieren oder besser noch: anzubeten. Doch offen mit der kleinen Schönheit zu flirten, wagte keiner.

Gwyneira kam noch mehr in Reisestimmung, als sie Haldon, den nächsten Ort, endlich hinter sich ließen und auf die Alpen zuhielten. Die schneebedeckten Gipfel, vor denen sich das schier endlose Grasland der Canterbury Plains wie ein Meer erstreckte, faszinierten sie seit ihrer Ankunft in der neuen Heimat. Sie konnte sich noch genau an den Tag erinnern, an dem sie zum ersten Mal den Bridle Path zwischen dem Hafen Lyttelton und der Stadt Christchurch überquert hatte. Zu Pferd statt per Maultier, wie die anderen Damen, mit denen sie auf der Dublin aus London gekommen war. Sie wusste noch, wie ihr Schwiegervater sich darüber aufgeregt hatte. Doch ihre Cob-Stute Viviane hatte sie sicher durch eine Landschaft getragen, die anfangs so kalt, felsig und unwirtlich wirkte, dass ein Wanderer sie mit den »Hills of Hell« verglichen hatte. Aber dann hatten sie den höchsten Punkt erreicht, und in der Ebene vor ihnen lagen Christchurch und die Canterbury Plains. Das Land, zu dem sie gehörte.

Gwyneira hielt locker die Zügel, als sie ihrer Enkelin von dieser ersten Begegnung mit dem Land erzählte, was Kura jedoch kommentarlos an sich abprallen ließ. Lediglich die Erwähnung der »Hills of Hell« aus dem Lied Damon Lover schien sie aus der Reserve zu locken. Sie begann sogar, das Lied zu summen.

Gwyneira hörte zu und fragte sich, von welchem Zweig der Familie Kura wohl ihre ausgeprägte Musikalität geerbt hatte. Ganz sicher nicht von den Silkhams, Gwyneiras Familie. Gwyns Schwestern hatten zwar mit größerer Begeisterung Klavier gespielt als sie selbst, aber auch mit ähnlich geringer Begabung. Deutlich mehr Talent hatte Gwyns erster Mann. Lucas Warden war ein Schöngeist, der exzellent Piano spielte. Aber das hatte er sicher von seiner Mutter, und mit der wiederum war Kura nicht blutsverwandt … Nun, über die verwandtschaftlichen Verwicklungen innerhalb der Familie Warden dachte Gwyneira lieber nicht länger nach. Wahrscheinlich war es allein Marama, die Maori-Sängerin, die ihr Talent an Kura weitergegeben hatte. Es war Gwyns eigene Schuld, dem Mädchen das vermaledeite Klavier gekauft zu haben, nachdem sie Lucas’ Instrument vor Jahren verschenkt hatte. Andernfalls hätte Kura sich vielleicht auf die traditionellen Instrumente und die Musik der Maoris beschränkt.

Die Fahrt nach Queenstown dauerte mehrere Tage, wobei die Reisenden fast immer auf irgendeiner Farm ihr Nachtlager fanden. Gwyneira kannte fast alle Schafzüchter der Gegend, aber auch Fremde wurden im Allgemeinen gastlich aufgenommen. Viele Farmen lagen sehr abgelegen an selten befahrenen Wegen, und die Besitzer freuten sich über jeden Besucher, der Neuigkeiten brachte oder gar Post beförderte – so wie die Fahrer des O’Kay Warehouse es taten, die diese Route seit Jahren immer wieder nahmen.

Die Reisenden waren schon fast in Otago, als ihnen dann doch keine andere Wahl blieb, als in der Weite des Landes ihr Lager im Planwagen aufzuschlagen. Gwyneira versuchte, daraus ein Abenteuer zu machen, um Kura endlich aus der Reserve zu locken; sie hatte während der gesamten Reise meist unbeteiligt neben ihr gesessen und offenbar auf nichts anderes gehört als auf die Melodien in ihrem Kopf.

»James und ich haben in solchen Nächten oft wach gelegen und den Vögeln gelauscht. Hör mal, das ist ein Kea. Die hört man nur hier in den Bergen, bis runter nach Kiward Station kommen sie nicht …«

»In Europa soll es Vögel geben, die richtig singen«, bemerkte Kura mit ihrer melodischen Stimme, die an die Stimme Maramas erinnerte; aber während diese eher hell und süß klang, war Kuras Stimme voll und samtig. »Richtige Melodien, sagt Miss Heather.«

Gwyn nickte. »Ja, ich erinnere mich. Nachtigallen und Lerchen … es klingt hübsch, wirklich. Wir könnten eine Schallplatte mit Vogelstimmen kaufen, die kannst du dann auf deinem Grammophon abspielen.« Das Grammophon war Gwyns letztes Weihnachtsgeschenk für Kura gewesen.

»Ich würde die Stimmen lieber in der Natur hören«, seufzte Kura. »Und ich würde lieber nach England reisen und singen lernen als nach Queenstown. Ich weiß doch gar nicht, was ich da soll.«

Gwyneira nahm das Mädchen in den Arm. Eigentlich mochte Kura das seit Jahren nicht mehr, doch hier, in der grandiosen Einsamkeit unter der Sternen, war sogar sie zugänglicher.

»Kura, ich hab’s dir schon tausendmal erklärt. Du hast eine Verantwortung. Kiward Station ist dein Erbe. Du musst es übernehmen oder an die nächste Generation weitergeben, wenn es dich schon so nicht interessiert. Vielleicht hast du ja mal einen Sohn oder eine Tochter, der es wichtig ist …«

»Ich will keine Kinder, ich will singen!«, stieß Kura hervor.

Gwyneira strich ihr das Haar aus dem Gesicht. »Wir bekommen aber nicht immer, was wir wollen, Kleines. Zumindest nicht gleich und nicht jetzt. Finde dich damit ab, Kura. An ein Konservatorium in England ist nicht zu denken. Du wirst etwas anderes finden müssen, das dich glücklich macht.«

Gwyneira war heilfroh, als der Lake Wakatipu endlich vor ihnen auftauchte und die Stadt Queenstown in Sicht kam. Die Reise mit der mürrischen Kura war ihr in den letzten Tagen zunehmend lang geworden, und zum Schluss hatten sie gar keine Gesprächsthemen mehr gefunden. Doch der Anblick der sauberen kleinen Stadt vor der Bergkulisse und dem riesigen See stimmte sie gleich wieder optimistischer. Vielleicht brauchte Kura ja nur gleichaltrige Gesellschaft. Mit ihrer Cousine Elaine würden sich bestimmt Gemeinsamkeiten finden, und Elaine war Gwyn immer vernünftig vorgekommen. Vielleicht würde sie Kura ja den Kopf zurechtsetzen. Gut gelaunt überholte Gwyn die Frachtwagen und führte Owen, den eleganten Hengst, auf die Main Street. Tatsächlich wurde ihr einige Aufmerksamkeit zuteil, und viele Siedler, die sie von früheren Aufenthalten kannten, riefen ihr Grüße zu.

Gwyn verhielt den Hengst schließlich vor Daphne’s Hotel, als sie Helens früheren Zögling davorstehen und mit einem Mädchen plaudern sah. Auch sie kannte Daphne seit über vierzig Jahren und hatte keine Berührungsängste. Daphnes Anblick beunruhigte sie allerdings ein wenig; sie schien ihr seit ihrem letzten Besuch gealtert. Zu viele Nächte in verqualmten Bars, zu viel Whisky und zu viele Männer – in Daphnes Gewerbe alterte man schnell. Das Mädchen neben ihr war dagegen eine Schönheit mit langem schwarzem Haar und schneeweißer Haut. Schade nur, dass sie sich zu stark schminkte und dass ihr Kleid mit all den Rüschen und Volants derart überladen wirkte, dass ihre natürliche Schönheit nicht unterstrichen, sondern eher unterdrückt wurde. Gwyn fragte sich, wie dieses Mädchen in einem Etablissement wie Daphnes gelandet war.

»Daphne!«, grüßte sie. »Eins muss man dir lassen, du hast einen Blick für hübsche Mädchen! Wo holst du die bloß immer her?«

Gwyn stieg aus und gab Daphne die Hand.

»Die finden mich, Miss Gwyn.« Daphne lächelte und erwiderte den Gruß. »Es spricht sich herum, wenn die Arbeitsbedingungen stimmen und die Zimmer sauber sind. Glauben Sie mir, es erleichtert den Job ungemein, wenn nur die Kerle stechen und nicht auch noch die Flöhe. Aber meine Mona hier ist ja wohl nichts im Vergleich mit Ihrer Begleitung! Ist das die Maori-Enkelin? Donnerwetter!«

Daphne hatte eigentlich nur einen kurzen Blick in Gwyneiras Chaise werfen wollen; dann aber saugten ihre Blicke sich gleichsam an Kura fest, wie es sonst nur bei den Männern der Fall war. Kura jedoch blickte ungerührt geradeaus. Daphne gehörte sicher zu den Frauen, vor denen Miss Heather sie stets gewarnt hatte.

Nach der ersten Begeisterung schlich sich aber auch Besorgnis in Daphnes Katzengesicht.

»Kein Wunder, dass Sie mit diesem Mädchen Probleme haben«, bemerkte sie leise, bevor Gwyn wieder in den Wagen stieg. »Die sollten Sie ganz schnell verheiraten!«

Gwyn lachte ein wenig gezwungen und ließ ihr Pferd wieder antreten. Sie war ein bisschen verärgert. Daphne war zweifellos diskret, aber wem mochten Helen und Fleurette wohl noch davon erzählt haben, dass Gwyneira und Marama sich mit Kura hoffnungslos überfordert fühlten?

Ihr Zorn schwand allerdings, als sie die Fassade des O’Kay Warehouse passierten und Ruben und Fleurette mit den Fahrern ihrer Frachtwagen sprechen sah. Die beiden wandten sich ihr zu, als sie Owens kräftige Hufschläge hörten, und gleich darauf konnte Gwyn ihre Tochter wieder in die Arme schließen.

»Fleur! Du hast dich kein bisschen verändert! Und ich habe immer noch das Gefühl, eine Zeitreise angetreten und dann in den Spiegel gesehen zu haben, wenn ich dir gegenüberstehe.«

Fleurette lachte. »So alt siehst du auch noch nicht aus, Mommy. Es ist nur ungewohnt, dich nicht vom Pferd steigen zu sehen. Seit wann reist du per Kutsche?«

Wenn James und Gwyneira ihre Tochter gemeinsam besuchten, pflegten sie einfach zwei Pferde zu satteln. Proviant und die anderen notwendigen Dinge passten in die Satteltaschen – und Gwyn und James genossen die gemeinsamen Nächte unter dem Sternenzelt noch immer. Allerdings pflegten sie auch im Sommer zu reisen, nach der Schur und dem Auftrieb der Schafe, und dann war das Wetter deutlich beständiger.

Gwyn verzog das Gesicht. Fleurettes Bemerkung erinnerte sie an die eher unerfreuliche Reise.

»Kura reitet nicht«, sagte sie und versuchte, nicht enttäuscht zu klingen. »Wo sind denn George und Elaine?«

Elaines und Williams Beziehung hatte sich in den letzten Wochen gefestigt. Kein Wunder, schließlich sahen sie sich praktisch täglich. Elaine half ja ebenfalls im O’Kay Warehouse. Und auch nach der Arbeit oder in der Mittagspause gab es immer irgendeinen Grund, zusammen zu sein. Elaine überraschte ihre Mutter durch plötzliche, hausfrauliche Aktivitäten. Immer wieder musste eine Pastete gebacken werden, von der man William dann zwanglos in der Mittagspause etwas anbieten konnte, oder sie lud ihn nach dem Sonntagsgottesdienst zum Picknick ein und verbrachte den gesamten Samstag mit der Vorbereitung verschiedenster Leckereien. William küsste sie jetzt auch häufiger, was der Sache allerdings keineswegs den Reiz nahm. Noch immer schien Elaine vor Glück zu vergehen, wenn er sie in den Arm nahm, und wenn sie seine Zunge in ihrem Mund spürte, schmolz sie in seinen Armen dahin.

Ruben und Fleurette duldeten die Romanze zwischen ihrer Tochter und ihrem neuen Buchhalter mit gemischten Gefühlen. Fleurette war immer noch besorgt, während Ruben die Angelegenheit inzwischen mit einem gewissen Wohlwollen betrachtete. William hatte sich in seinem neuen Job hervorragend eingeführt. Er war intelligent und verstand sich auf Kontoführung und Buchhaltung; die Unterschiede zwischen der Verwaltung einer Farm und eines Warenlagers lernte er schnell. Außerdem nahm er die Kunden mit seinen guten Manieren und seinem zuvorkommenden Wesen für sich ein. Besonders die Damen ließen sich gern von ihm bedienen. Gegen einen solchen Schwiegersohn hätte Ruben nichts einzuwenden gehabt – wäre er nur ein paar Jahre später aufgetaucht. Vorerst musste Ruben O’Keefe seiner Frau zustimmen. Elaine war zu jung für eine engere Bindung; er würde ihr auf keinen Fall erlauben, jetzt schon zu heiraten. Insofern würde es auf die Bereitschaft des jungen Mannes ankommen, auf sie zu warten. Brachte William ein paar Jahre Geduld auf, war es gut; wenn nicht, würde Elaine bitter enttäuscht werden. Während Fleurette genau dies befürchtete, sah Ruben die Sache gelassener. Mit wem sollte William seiner Tochter denn schon davonlaufen? Die anderen ehrbaren Mädchen im Ort waren noch jünger als Elaine. Und irgendeine Neusiedlertochter von den umliegenden Farmen kam für William sicher nicht in Frage: Ruben schätzte William nicht so ein, als würde er sich Hals über Kopf in ein mittelloses Mädchen verlieben, mit dem er dann irgendwo neu anfangen musste. Der Junge machte sich schließlich kaum Illusionen, wem er seine Stellung im O’Kay Warehouse verdankte.

Insofern ließ Ruben die Zügel locker – und Fleurette schloss sich zähneknirschend an. Schließlich wussten die beiden aus eigener Erfahrung, dass eine junge Liebe kaum zu kontrollieren war. Ihre eigene Geschichte war sehr viel komplizierter gewesen als Elaines und Williams Liebelei und der Widerstand ihrer Väter und Großväter viel größer als Fleurettes Ressentiments. Trotzdem waren sie zusammengekommen. Das Land war groß und die gesellschaftliche Kontrolle gering.

Am frühen Morgen des Tages von Gwyneiras Ankunft in Queenstown waren Elaine und William gemeinsam zu einer größeren Tour aufgebrochen. William hatte sich erboten, eine Warenlieferung zu einer entfernten Farm zu bringen; Elaine begleitete ihn mit einer Kollektion Kleider und Kurzwaren aus der Damenabteilung des Store. Die Farmersfrau konnte dann in Ruhe auswählen, anprobieren und sich von Elaine beraten lassen – ein Service, den Fleurette seit den Anfängen des Unternehmens anbot und der gern genutzt wurde. Bot er den abgeschieden lebenden Frauen doch nicht nur die Möglichkeit zum Einkauf, sondern obendrein zum Austausch von Klatsch und Neuigkeiten aus der Stadt, die aus weiblichem Mund stets anders klangen, als wenn nur der Fahrer sie verbreitete.

Natürlich hatte Elaine außerdem ein Picknick für William organisiert und dafür sogar eine Flasche leichten australischen Wein aus den Beständen ihres Vaters mitgehen lassen. Die beiden hatten an einem idyllischen Hang am See fürstlich gespeist und dabei dem Herzschlag des Riesen gelauscht, der das Wasser steigen und sinken ließ. Und zum Schluss hatte Elaine geduldet, dass William ihr Kleid ein Stück öffnete, den Ansatz ihres Busens liebkoste und mit kleinen Küssen bedeckte. Jetzt war sie erfüllt von dieser neuen Erfahrung, hätte vor Glück die ganze Welt umarmen können und ließ kaum die Hände von William, der – ebenfalls zufrieden mit dem Verlauf des Tages – gelassen die Zügel ihres Gespannes führte. Zumindest, bis die beiden Stuten interessiert die Köpfe hoben und einem dunkelbraunen Pferd vor dem Laden zuwieherten. Elaine erkannte den Hengst sofort.

»Das ist Owen! Grandma Gwyns Zuchthengst! Oh, William, dass sie den mitgebracht hat! Banshee kann ein Fohlen haben! Und Caitlin und Ceredwen wollen sofort flirten. Ist das nicht wundervoll?«

Caitlin und Ceredwen waren die Cob-Stuten vor dem leichten Frachtwagen, die sich jetzt nur mit einiger Mühe auf Linie halten ließen. Die vierbeinigen Damen wussten eindeutig, was sie wollten. William verzog indigniert den Mund. Elaine war zweifellos gut erzogen, aber manchmal benahm sie sich wie eine derbe Farmerstochter! Wie konnte sie so ungeniert und in aller Öffentlichkeit von Zucht sprechen? Er überlegte, ob er sie tadeln sollte, doch Elaine war schon vom Wagen gesprungen und eilte auf die lässig-elegant gekleidete ältere Dame zu, in der man unschwer ihre Großmutter erkannte. Wenn man Fleurette betrachtete, wusste man, wie Elaine mit vierzig aussehen würde, und Gwyneira gab einen Ausblick auf ihre Gestalt mit sechzig.

William schwankte zwischen Lächeln und Seufzen. Das war der einzige Wermutstropfen bei seiner Werbung um Elaine: Wenn er sich für dieses Mädchen entschied, hielte das Leben keinerlei Überraschungen mehr für ihn bereit. Beruflich und privat würde er sich vorwärtsbewegen wie ein Zug auf Schienen.

Er parkte sein Gespann hinter einem der schweren Wagen ein und achtete darauf, seine Zugpferde gut festzubinden. Dann machte er sich gemessenen Schrittes auf den Weg, um sich Elaines Großmutter und der Cousine vorstellen zu lassen. Wahrscheinlich eine weitere Auflage von Rotschopf mit Wespentaille.

Elaine begrüßte derweil Gwyneira, die soeben Fleurette aus ihren Armen entließ. Offensichtlich war sie gerade erst eingetroffen.

Gwyneira küsste Elaine, drückte sie und hielt sie dann ein Stück weit von sich, um sie anschauen zu können.

»Da bist du ja, Lainie! Und hübsch bist du geworden, eine richtige Frau! Siehst genauso aus wie deine Mutter in dem Alter. Hoffentlich bist du genauso ein Wildfang. Falls nicht, habe ich das falsche Geschenk für dich mitgebracht … Wo steckt es überhaupt? Kura, hast du den Hundekorb? Was machst du überhaupt noch im Wagen? Steig aus, und sag deiner Cousine guten Tag!« Gwyn klang jetzt ein wenig gereizt. Kura musste nicht so deutlich zeigen, dass dieser Besuch in Queenstown ihr im Grunde egal war.

Aber das Mädchen hatte wohl nur auf eine Aufforderung gewartet. Gelassen und mit geschmeidigen, anmutigen Bewegungen erhob sich Kura-maro-tini Warden, um Queenstown in Besitz zu nehmen. Und sie bemerkte mit Genugtuung, dass ihr Auftritt seine Wirkung nicht verfehlte. Selbst auf dem Gesicht ihrer Tante und ihrer Cousine stand Bewunderung, beinahe Ehrfurcht.

Elaine hatte sich selbst eben noch hübsch gefunden. Die Liebe zu William tat ihr gut. Sie strahlte von innen heraus; ihre Haut war rein und rosig, ihr Haar glänzte, und ihre Augen schienen wacher und ausdrucksvoller als zuvor. Doch vor dem Anblick ihrer Cousine schrumpfte sie sofort zum hässlichen Entlein – wie wahrscheinlich jedes Mädchen, das die Natur nicht mit so vielen Vorzügen überhäuft hatte wie Paul Wardens Tochter. Elaine erblickte ein Mädchen, das sie um eine halbe Haupteslänge überragte, was sicher nicht nur daran lag, dass es sich natürlich gerade hielt und mit katzenhafter Anmut bewegte.

Kuras Haut besaß die Farbe von Kaffee, in den man großzügig dicke weiße Sahne gerührt hatte. Ihre Haut hatte einen leichten Goldglanz, der sie warm und einladend wirken ließ. Kuras glattes, hüftlanges Haar war tiefschwarz und schimmernd, sodass es aussah, als fiele ein Vorhang aus Onyx über ihre Schultern. Auch ihre langen Wimpern und ihre weich geschwungenen Augenbrauen zeigten dieses tiefe Schwarz, was ihre Augen, die groß und azurblau leuchteten wie die ihrer Großmutter Gwyn, umso bemerkenswerter machte. Ihre Augen neigten allerdings nicht, wie bei Gwyn, zu spöttischem oder mutwilligem Aufblitzen, sondern wirkten ruhig und verträumt, beinahe ein wenig gelangweilt, was dieser exotischen Schönheit einen geheimnisvollen Anstrich verlieh. Auch ihre schweren Lider unterstrichen den Eindruck einer Träumerin, die nur darauf wartete, erweckt zu werden.

Kuras Lippen waren voll, von dunklem Rot, und schimmerten feucht. Ihr Zähne waren klein, vollkommen ebenmäßig und schneeweiß, was sie unwiderstehlich wirken ließ. Ihr Gesicht war schmal, der Hals lang und schön geschwungen. Sie trug ein dunkelrotes, schlichtes Reisekleid, doch ihre Körperformen hätten sich wohl auch unter einer Kutte abgezeichnet. Ihre Brüste waren fest und voll, ihre Hüften breit. Sie schwangen lasziv bei jedem ihrer Schritte, doch es wirkte nicht eingeübt, wie bei Daphnes Mädchen, sondern war Kura angeboren.

Ein schwarzer Panther … William hatte einmal eines dieser Tiere im Londoner Zoo gesehen; die geschmeidigen Bewegungen dieses Mädchens und ihre rassige Schönheit weckten sofort Erinnerungen daran. William konnte nicht umhin, Kura zuzulächeln, und es verschlug ihm den Atem, als sie das Lächeln erwiderte. Ganz kurz natürlich nur, denn was kümmerte diese Göttin das Gesicht eines jungen Mannes am Straßenrand?

»Du … äh … bist Kura?« Fleurette fing sich als Erste und lächelte dem Mädchen ein wenig gezwungen zu. »Ich muss gestehen, ich hätte dich nicht wiedererkannt … Woran man sieht, dass wir sträflich lange nicht auf Kiward Station gewesen sind. Kennst du Elaine noch? Und Georgie?«

Gerade eben war die Schule zu Ende, und George hatte sich dem Laden genähert, als Kura ihren Auftritt inszenierte, den er mit ebenso dümmlich-gaffendem Gesichtsausdruck verfolgt hatte wie der Rest der männlichen Zuschauer. Jetzt aber nutzte er gleich seine Chance, schob sich an seine Mutter und damit auch an die wunderschöne Cousine heran. Wenn er nur wüsste, was er zu ihr sagen könnte!

»Kia ora«, rang er sich schließlich ab und kam sich dabei ausgesprochen weltgewandt vor. Kura war schließlich Maori; es würde ihr gefallen, wenn sie in ihrer Sprache begrüßt wurde.

Kura lächelte. »Guten Tag, George.«

Eine Stimme wie ein Lied. George erinnerte sich, diese Beschreibung einmal irgendwo gehört und unglaublich albern gefunden zu haben. Aber das war, bevor er Kura-maro-tini Warden »Guten Tag« hatte sagen hören …

Elaine bemühte sich, ihren Frust abzuschütteln. Zugegeben, Kura war schön, aber vor allem war sie ihre Cousine. Ein ganz normaler Mensch also und obendrein jünger als sie. Es bestand absolut kein Grund, sie anzugaffen. Elaine lächelte und versuchte, Kura ganz normal zu begrüßen. Aber ihr »Hallo, Kura« klang ein wenig gepresst.

Kura machte Anstalten, etwas zu erwidern, aber dann stahl ihr ein Fiepen und Heulen aus dem Wagen die Schau. In dem Hundekorb, den Kura natürlich nicht mit herausgebracht hatte, kämpfte ein Welpe heroisch um seine Freiheit.

»Was ist das denn?«, fragte Elaine. Sie hörte sich gleich wieder natürlich an. Aufgeregt näherte sie sich der Kutsche und hatte Kura fast schon vergessen.

Gwyneira folgte ihr und öffnete den Korb. »Ich dachte, ich tue was zur Traditionspflege. Gestatten – Kiward Callista. Eine Ururenkelin meiner ersten Border-Collie-Hündin, die mit mir aus Wales kam.«

»Für … mich?«, stammelte Elaine und blickte in ein winziges, dreifarbiges Hundegesicht mit großen wachen Augen, die gleich bereit schienen, ihre Befreierin anzubeten.

»Als ob wir noch nicht genug Hunde hätten!«, rief Fleurette. Doch auch sie fand das vierbeinige neue Familienmitglied interessanter als die kühle Kura.

Für Ruben, George und vor allem William galt das jedoch nicht. George rang immer noch um eine kluge Bemerkung, und sein Vater raffte sich jetzt erst dazu auf, Kura förmlich in Queenstown willkommen zu heißen.

»Wir freuen uns sehr, dich näher kennen zu lernen«, sagte er. »Miss Gwyn meinte, du interessierst dich für Musik und Kunst. Da wird es dir in der Stadt vielleicht besser gefallen als oben in den Plains.«

»Wenngleich das Kulturangebot in unserer kleinen Stadt noch zu wünschen übrig lässt.« William hatte seine Fassung endlich wiedergefunden und damit auch seine Begabung zum whaikorero. »Doch ich bin sicher, alle werden zu großer Form auflaufen, wenn Sie, Kura, im Publikum sitzen. Oder es wird ihnen die Stimmen verschlagen, damit müssen wir natürlich auch rechnen …« Er lächelte.

Kura reagierte nicht so prompt wie die meisten Mädchen. Statt ihm ein spontanes Lächeln zu schenken, blieb ihre Miene ernst. Doch Interesse war vorhanden, das sah er in ihren Augen.

William versuchte einen weiteren Vorstoß. »Sie machen selbst Musik, nicht wahr? Elaine hat es mir erzählt. Sie sind eine begnadete Pianistin. Was bevorzugen Sie, Klassik oder Folklore?«

Das war offensichtlich die richtige Strategie. Kuras Augen leuchteten auf.

»Meine Liebe gilt der Oper. Ich möchte Sängerin werden. Ansonsten sehe ich auch keinen Hinderungsgrund, klassische und folkloristische Elemente zu verknüpfen. Ich weiß, das gilt als gewagt, aber es kann durchaus auf hohem Niveau geschehen. Ich habe versucht, einige der alten Maori-Gesänge mit einer konventionellen Klavierbegleitung zu unterlegen, und das Ergebnis ist ganz reizvoll …«

Elaine bemerkte den Wortwechsel zwischen Kura und William nicht. Sie hatte nur Augen für den kleinen Hund. Doch Fleurettes und Gwyns Blicke trafen sich.

»Wer ist der Jüngling?«, erkundigte sich Gwyn. »Großer Gott, ich sitze jetzt seit einer Woche neben ihr und versuche, ein Gespräch anzufangen, aber sie hat während der ganzen Reise keine drei Sätze gesagt. Und nun …«

Fleurette verzog den Mund. »Tja, unser William versteht es eben, die richtigen Fragen zu stellen. Der Mann arbeitet seit einigen Wochen für Ruben. Ein heller Kopf mit klarer Zukunftsplanung. Er wirbt heftig um Elaine.«

»Elaine? Aber sie ist doch noch ein Kind …« Gwyn brach ab. Elaine war fast zwei Jahre älter als Kura. Und bei der dachte alles an eine baldige Verheiratung.

»Wir finden auch, sie ist zu jung. Ansonsten aber würde es passen. Ein irischer Landadeliger …«

Gwyneira nickte mit leicht verwundertem Ausdruck. »Donnerwetter. Was macht der denn hier, statt in Irland seine Scholle zu pflegen? Oder haben seine Pächter ihn rausgeschmissen?« Auch in Haldon kamen inzwischen gelegentlich englische Zeitungen an.

»Eine lange Geschichte«, meinte Fleurette. »Aber lass uns jetzt erst mal dazwischengehen. Wenn Kura sich gleich damit einführt, Lainie eifersüchtig zu machen, sehe ich schwarz für eine glückliche Familienzusammenführung.«

William hatte sich inzwischen vorgestellt und ein paar kluge Bemerkungen zum altirischen Liedgut gemacht, das sich anschickte, die Welt zu erobern.

»Es gibt eine Fassung von The Maids of Mourne Shore zu einem Text von William Butler Yeats. Wir Iren mögen es eigentlich nicht, wenn man alte gälische Lieder auf Englisch neu textet, aber in diesem Fall …«

»Ich kenne das Lied. Heißt es nicht Down by the Sally Gardens? Meine Hauslehrerin hat es mir beigebracht.«

Kura unterhielt sich offensichtlich prächtig, was inzwischen auch Ruben aufging.

»William, möchten Sie sich nicht wieder um den Laden kümmern?«, fragte er freundlich, aber bestimmt. »Meine Familie und ich werden gleich nach Hause fahren, aber Miss Helen schickt Ihnen bestimmt gern einen Zwilling als Hilfe herüber. Sie müssen ja die neuen Waren aufnehmen … Und es wird bestimmt weitere Gelegenheiten geben, sich mit meiner Nichte über Musik auszutauschen.«

William verstand den Wink, verabschiedete sich und fühlte sich mehr als geschmeichelt, als Kura enttäuscht zu sein schien. Elaine hatte er über der Begegnung mit ihr ganz vergessen, aber jetzt, als er sich abwenden wollte, machte sie sich bemerkbar.

»William, sieh mal, was ich habe!« Strahlend hielt sie ihm ein hechelndes Wollknäuel vor die Nase. »Das ist Callie. Sag guten Tag, Callie!« Sie nahm ein Hundepfötchen und winkte damit. Das Hündchen bellte leise, aber empört. Elaine lachte. Noch vor ein paar Stunden hätte William dieses Lachen unwiderstehlich gefunden, aber jetzt … neben Kura wirkte Elaine kindlich.

»Ein niedlicher kleiner Hund, Lainie«, sagte er ein wenig gezwungen. »Aber ich muss jetzt gehen. Dein Vater will sich frei nehmen, und es gibt viel zu tun.« Er zeigte auf die Ladung, die abgeladen und registriert werden musste.

Elaine nickte. »Ja, und ich muss mich jetzt wohl um diese Kura kümmern. Hübsch ist sie ja, aber sonst wohl ziemlich uninteressant.«

Georgie kam zu dem gleichen Ergebnis, nachdem er auf dem ganzen Weg nach Nugget Manor versucht hatte, Kura in ein Gespräch zu verwickeln. Das Mädchen kam von einer Schaffarm, also versuchte er es zunächst mit Viehzucht.

»Wie viele Schafe habt ihr denn jetzt wohl auf Kiward Station?« Kura gönnte ihm keinen Blick.

»Um die zehntausend, Georgie«, antwortete stattdessen Gwyn. »Aber die Zahl schwankt. Und wir konzentrieren uns auch mehr und mehr auf Rinder, seit es diese Kühlschiffe gibt, die Fleischexporte ermöglichen.«

Kura zeigte keine Regung. Aber sie war Maori. Sicher wollte sie über ihr Volk sprechen.

»Habe ich kia ora eigentlich richtig ausgesprochen?«, erkundigte er sich. »Du sprichst sicher fließend Maori, Kura?«

»Ja«, entgegnete sie einsilbig.

George zermarterte sich das Hirn. Kura war schön, und schöne Menschen sprachen bestimmt am liebsten von sich selbst.

»Kura-maro-tini ist ein ungewöhnlicher Name!«, sagte der Junge. »Hat es eine besondere Bedeutung?«

»Nein.«

George gab es auf. Es war das erste Mal, dass er sich für ein Mädchen interessierte, doch scheinbar war dieser Fall hoffnungslos. Sollte er jemals heiraten, dann zumindest eine Frau, die mit ihm sprach, egal wie sie aussah!

Fleurette, die kurz darauf Tee servierte, war auch nicht viel erfolgreicher, was Konversation anging. Kura hatte das Haus betreten, die relativ schlichte Möblierung – die O’Keefes hatten örtliche Schreiner damit betraut, statt sich Möbel aus England kommen zu lassen – mit einem undefinierbaren, aber zweifellos eher ungnädigen Blick bedacht und seitdem geschwiegen. Ab und zu fixierte sie begehrlich das Klavier in einer Ecke des Salons, doch sie war zu gut erzogen, um einfach dorthin zu gehen. So knabberte sie stattdessen missmutig an einem Teekuchen.

»Schmecken dir die Plätzchen?«, erkundigte sich Fleurette. »Elaine hat sie selbst gebacken, wenn auch nicht für uns, sondern für ihren Freund …« Sie zwinkerte ihrer Tochter zu, die allerdings nach wie vor ganz auf ihren Welpen konzentriert war.

Gwyneira seufzte. Grundsätzlich war das Geschenk ja ein voller Erfolg, doch in Anbetracht der Zielsetzung, die beiden Cousinen einander näherzubringen, war das Hündchen eher hinderlich.

»Ja, danke«, sagte Kura.

»Möchtest du noch Tee? Du bist bestimmt durstig nach der Reise, und wie ich deine Großmutter kenne, gab es unterwegs nur schwarzen Kaffee und Wasser wie beim Viehtrieb.« Fleurette lächelte.

»Ja, bitte«, sagte Kura.

»Wie ist denn so dein erster Eindruck von Queenstown?« Fleurette versuchte verzweifelt, eine Frage zu formulieren, auf die man weder mit Ja noch mit Nein, danke oder Ja, bitte antworten konnte.

Kura zuckte mit den Schultern.

Ein bisschen mehr Glück hatte später Helen, die gemeinsam mit Ruben eintraf. Er hatte sie abgeholt und mitgebracht, sobald sie sich im Hotel freimachen konnte.

Nun unterhielt sie sich recht flüssig mit Kura über ihre musikalischen Studien, die Stücke, die sie auf dem Klavier einübte, und ihre Vorlieben für verschiedene Komponisten. Dabei machte die äußere Erscheinung des Mädchens auf Helen nicht den geringsten Eindruck; sie ging völlig natürlich mit ihr um. Kura schien das zunächst befremdlich zu finden, taute dann aber auf. Leider konnte niemand anders mit den Gesprächsthemen der beiden etwas anfangen, sodass Kura es im Grunde auch diesmal schaffte, jedes Tischgespräch zum Erliegen zu bringen. Außer Elaine, die mit dem Hündchen beschäftigt war, langweilten sich alle zu Tode.

»Vielleicht möchtest du uns etwas vorsingen …?«, regte Helen schließlich an. Sie spürte, dass sich besonders bei Gwyn und Fleurette Spannung aufbaute. Georgie war schon auf sein Zimmer geflohen, und Ruben schien irgendwelchen juristischen Überlegungen nachzuhängen. »Elaine könnte dich begleiten.«

Elaine spielte ordentlich Klavier. Sie war musikalisch deutlich begabter als Gwyneira, deren Musikerziehung in Wales eine Qual gewesen war. Helen unterrichtete Elaine seit Jahren und war stolz auf ihre Erfolge. Sicher ein Grund für ihren Vorschlag. Kura sollte bloß nicht denken, alle anderen Neuseeländer seien Kulturbanausen.

Elaine stand bereitwillig auf. Kura hingegen blickte eher skeptisch drein und wirkte regelrecht entsetzt, als Elaine die ersten Takte gespielt hatte, denn Callie stimmte ein und heulte in den höchsten Tönen. Der Rest der Gesellschaft fand den Gesang des Welpen urkomisch. Elaine lachte Tränen, sperrte das Hündchen dann aber weisungsgemäß weg. Natürlich heulte Callie nun herzzerreißend im Nebenzimmer und störte damit die Konzentration ihrer jungen Herrin. Wahrscheinlich war das der Grund dafür, dass Elaine sich mehrmals verspielte. Kura verdrehte die Augen.

»Wenn du nichts dagegen hast, begleite ich mich lieber selbst«, sagte sie. Elaine hatte das Gefühl zu schrumpfen, wie zuvor, als Kura aus der Chaise gestiegen war. Dann aber warf sie trotzig den Kopf zurück. Sollte ihre Cousine das Klavier doch haben! Dann konnte sie sich wenigstens wieder um Callie kümmern.

Die Musik, die dann aber durch die geschlossene Tür zu ihr drang, ließ Elaine noch kleiner werden.

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