Logo weiterlesen.de
Das Licht von Shambala

Inhalt

  1. Cover
  2. Über den Autor
  3. Titel
  4. Impressum
  5. Widmung
  6. PROLOG
  7. 1. Buch
  8. 1.
  9. 2.
  10. 3.
  11. 4
  12. 5
  13. 6.
  14. 7.
  15. 8.
  1. 2. Buch
  2. 1.
  3. 2.
  4. 3.
  5. 4.
  6. 5.
  7. 6.
  8. 7.
  9. 8.
  10. 9.
  11. 10.
  1. ZWISCHENBERICHT
  2. ANMERKUNG
  3. 1.
  4. 2.
  5. 3.
  6. 4.
  7. 5.
  1. 3. Buch
  2. 1.
  3. 2.
  4. 3.
  5. 4.
  6. 5.
  7. 6.
  8. 7.
  9. 8.
  10. 9.
  11. 10.
  12. 11.
  1. EPILOG
  2. Nachwort des Verfassers
  3. Fußnoten

Michael Peinkofer, Jahrgang 1969, studierte in München Germanistik, Geschichte und Kommunikationswissenschaft. Seit 1995 arbeitet er als freier Autor, Filmjournalist und Übersetzer. Unter diversen Pseudonymen hat er bereits zahlreiche Romane verschiedener Genres verfasst. Bekannt wurde er durch die Bestseller DIE BRUDERSCHAFT DER RUNEN (Bd. Nr. 15249) und DIE ERBEN DER SCHWARZEN FLAGGE (Bd. 15417). Nach DER SCHATTEN VON THOT (Bd. 15648), DIE FLAMME VON PHAROS (Bd. 15838) und AM UFER DES STYX (Band 15975) ist dies das vierte und – abschließende Abenteuer um die Archäologin Sarah Kincaid. Michael Peinkofer lebt mit seiner Familie im Allgäu.

Image

PROLOG

NEW ORLEANS
VEREINIGTE STAATEN VON AMERIKA
JULI 1853

Er konnte die grässlichen Laute hören, die durch die schwüle Nacht hallten.

Die Schreie der Sterbenden.

Das Wehklagen der Trauernden.

Und den dumpfen Klang der Totenglocke.

Keine Stunde verging, in der sie nicht geläutet wurde. Ihr schauriger Ton war zum ständigen Begleiter geworden, der die Bewohner von New Orleans unablässig daran erinnerte, dass das Ende nahe war.

Lemont setzte einen Schritt vor den anderen. Er achtete weder auf die Schreie, die aus den Häusern drangen, noch auf die dunklen Gestalten, die hin und wieder an ihm vorüberhuschten und sich feuchte Tücher vor die Gesichter geschlagen hatten, um sich vor dem allgegenwärtigen, durchdringenden Gestank zu schützen, der wie ein Leichentuch über der Stadt lag.

Das Gelbfieber grassierte.

Und es schlug unbarmherzig zu.

Als es Anfang Juli die ersten Todesopfer zu beklagen gegeben hatte, war man in New Orleans noch guter Dinge gewesen und hatte gehofft, dass »Yellow Jack« die Stadt diesmal weitgehend verschonen würde. Schon Mitte des Monats war die Zahl der Todesopfer jedoch auf über tausend angewachsen – und bereits wenige Tage später war zur grausigen Gewissheit geworden, dass die Geißel des Südens New Orleans einmal mehr in den Klauen hatte.

Lemont kannte die Symptome nur zu gut.

Es fing immer mit heftigem Kopfschmerz und Fieber an, dem oftmals eine Rötung des Gesichts folgte. Der Ausfluss von Sekret und das darauf folgende Delirium sowie die gelblichen Flecken, die den Körper des Befallenen übersäten und der Seuche ihren Namen gaben, ließen innerhalb weniger Tage keinen Zweifel mehr daran, dass Yellow Jack zugeschlagen hatte. Trat in diesem Stadium keine Besserung ein, so war jede Hoffnung verloren. Die Haut wurde fahl, die Lippen wirkten blutleer, Verzweiflung sprach aus den Augen. Wenn schließlich blutiger Schaum aus den Mundwinkeln der Opfer trat, war der Tod nur noch eine Frage von Stunden …

Dunkelheit herrschte in den Straßen.

Die Laternen wurden nicht mehr entfacht, aus den Häusern drang kein Licht. Die Läden und Jalousien waren geschlossen, manche Fenster gar mit Holzbrettern verbarrikadiert worden, damit niemand hineinsehen konnte. In diesen Tagen genügte oftmals schon der Anblick einer warmen Mahlzeit, um einen Raub zu provozieren. Und da sich die Gesetzeshüter vor Ansteckung fürchteten, herrschte Anarchie in der Stadt. Nur jene, die Hunger und Not aus ihren Häusern trieben, waren auf den finsteren Gassen anzutreffen – bis zur Unkenntlichkeit vermummte Schatten, die an Lemont vorüberhuschten. Jene, die ihr Vermögen mit Baumwolle und Zuckerrohr gemacht und sich kleine Königreiche erworben hatten, verschanzten sich in ihren vier Wänden, gaben sich rauschenden Festen und ausgiebigen Gelagen hin und betrogen sich mit der Illusion, sich von der Seuche loskaufen zu können. Die Wahrheit – dass die Stadt am Abgrund stand und dass die prunkvollen Bälle der Totentanz eines zu Ende gehenden Zeitalters waren – wollte niemand sehen.

Lemont hingegen war genau aus diesem Grund nach New Orleans gekommen: um der Wahrheit willen.

Just an dem Tag, da er von Bord gegangen war, hatte das Gelbfieber das erste Opfer gefordert. Während in den beiden darauf folgenden Wochen die Zahl der Erkrankten sprunghaft angestiegen war und jene, die es sich leisten konnten, panisch die Flucht ergriffen, war Lemont geblieben. Inzwischen lag die Stadt unter Quarantäne; Schiffe aus Übersee machten kehrt, noch ehe sie den Hafen erreichten. Der Schiffsverkehr auf dem Fluss war zum Erliegen gekommen, und in den Sümpfen lauerte der Tod durch Hunger und Durst oder das gefräßige Maul eines Krokodils.

Doch Lemont hatte nicht vor zu fliehen; er war überzeugt davon, dass es nicht sein Schicksal war, an diesem verkommenen und bis ins Mark verdorbenen Ort einen ebenso grausamen wie sinnlosen Tod zu sterben. Seine Ambitionen gingen weiter.

Viel weiter …

Er folgte dem Weg, den man ihm beschrieben hatte, und nahm eine der schmalen Gassen, die sich durch schmutzige Hinterhöfe zum Armenviertel wanden. Wo Sklaven und Tagelöhner hausten, hoffte er zu finden, was er an keinem anderen Ort dieser Welt gefunden hatte.

Inmitten der engen Backsteinwände war die Schwüle noch drückender und der Odem des Todes noch beißender. Lemont zog das Halstuch enger, das er um Mund und Nase trug. Von den bis zu vierhundert Menschen, die Yellow Jack täglich zum Opfer fielen, wurden die wenigsten beigesetzt. Aus Furcht wurden sie einfach liegen gelassen oder nur mit wenigen Schaufeln Erde bedeckt, die der Regen der Sommermonate jedoch sogleich wieder abtrug. Mehr als zweitausend Tote häuften sich inzwischen auf den Friedhöfen der Stadt und sorgten für einen unerträglichen Geruch, der sich in der sengenden Julihitze ausbreitete und bis in den letzten Winkel kroch. Mancher Wohlhabende suchte ihn mit Unmengen von Parfum und anderen duftenden Essenzen zu vertreiben, aber dieses Ansinnen war ebenso lächerlich wie die Versprechungen, mit denen Wunderheiler und Wahrsager in diesen Tagen aus der Not der Menschen Profit zu schlagen suchten. In einer Stadt, die dem Untergang ins Auge blickte, war es nicht schwierig, ein Medium zu finden – die Herausforderung bestand darin, unter all den Scharlatanen jene auszusieben, die tatsächlich die Gabe besaßen und bereit waren, ihr Wissen mit einem blanc, mit einem Weißen zu teilen …

Prag.

Alexandria.

Konstantinopel.

Basra.

Singapur.

Kanton.

Die Namen der Städte, die Lemont in den vergangenen Jahren bereist hatte, reihten sich beinahe endlos aneinander. Universitäten und Schulen, Bibliotheken und Klöster – an zahllosen Orten, an denen altes Wissen bewahrt und gelehrt wurde, hatte er nach Erleuchtung gesucht, jedoch ohne sie zu finden; bis ihm irgendwann die Erkenntnis aufgegangen war, dass es nicht die Wissenschaft, nicht die Schärfe des menschlichen Verstandes war, die ihm verborgenes Wissen erschließen würden, sondern dass nur übernatürliche Kräfte dazu in der Lage waren; jene Dinge, die außerhalb rationalen Begreifens lagen.

Lemont glaubte fest daran, aufgrund seiner Herkunft und des Gegenstands, der sich in seinem Besitz befand, von der Geschichte zu Höherem ausersehen zu sein, aber sein Glaube allein war wertlos. Es hatte ihn wertvolle Jahre seines Lebens gekostet, die Zusammenhänge zu rekonstruieren. Nun wollte er Gewissheit, und um dieser Gewissheit willen war er nach New Orleans gekommen. Die Stadt am Mississippi, seit zwei Generationen Inbegriff des Fortschritts, des Überflusses, aber auch des Lasters, war die letzte Station seiner Reise und gleichzeitig die letzte Hoffnung auf Erkenntnis, und keine Seuche der Welt würde ihn aufhalten.

Vor der grob gezimmerten Holztür, die mit einem rätselhaften Zeichen bemalt war, blieb er stehen. Wieder drang ein gellender Schrei durch die Nacht, wieder läutete die Totenglocke. Doch Lemont nahm es kaum noch wahr. Er war am Ziel seiner Reise angelangt.

Mit bebenden Händen klopfte er an die Tür.

Zweimal, wie es vereinbart worden war.

»Herein«, tönte es von drinnen.

Er drückte die rostige Klinke. Knarrend schwang die Tür auf, und unter dem niederen Sturz hindurch trat Lemont ein.

Das Haus, dessen Wände windschief und brüchig waren, bestand nur aus einem einzigen Raum. Über einem Kamin, in dem ein Feuer prasselte und flackernden Schein verbreitete, hing ein eiserner Kessel. Die Mitte der Kammer nahm ein einfacher Tisch ein. Dahinter saß eine junge Frau mit langem schwarzem Haar, deren buntes, nach karibischer Mode geschneidertes Kleid angesichts des allgegenwärtigen Todes fremd und deplatziert wirkte.

Lemont löste das Gesichtstuch. »Bist du die Seherin?«, fragte er.

Die junge Frau schaute wortlos zu ihm auf. Sie war Kreolin, und auch wenn er es sich nicht gerne eingestand, war sie eine Schönheit. Große schwarze Augen blickten aus einem ebenmäßigen Gesicht, dessen Teint die Farbe von dunklem Honig hatte, und die vollen Lippen weckten in ihm Gefühle, die er lange nicht empfunden hatte. Französische Frauen mochten anmutig sein und ihre Haut die Farbe von Porzellan haben – nicht eine von ihnen jedoch verströmte jene Aura animalischer Wildheit, die von der Kreolin ausging. Lemont ertappte sich dabei, dass sein Blick immer wieder an ihrem bunten, rüschenbesetzten Kleid emporwanderte, in den Ausschnitt kroch und sich an den Ansätzen ihrer vollen Brüste festsog. Französische Frauen hätten ihre Reize niemals auf derart schamlose Weise offen gelegt und so die Begehrlichkeit eines rechtschaffenen Monsieurs geweckt.

Aber dies war die Neue Welt.

Eine neue Zeit.

Mit neuen Gesetzen …

Lemont hatte nicht vor, sich mit Vorreden aufzuhalten. Viel zu lange hatte er schon gewartet. »Man hat dir gesagt, warum ich hier bin«, kam er direkt zur Sache. »Wirst du tun, was ich von dir verlange? Verstehst du überhaupt, was ich sage?«

Die Kreolin musterte ihn nicht weniger unverwandt. Wenn sie eingeschüchtert war, so verbarg sie es gut. Es war kaum zu glauben, wie rasch die Standesunterschiede in diesen Tagen schwanden. Im Angesicht des Gelben Todes waren alle Menschen gleich, unabhängig von ihrer Hautfarbe, ihrer Herkunft und ihrem Besitz. Gleichwohl hielt sich unter den Weißen das hartnäckige Gerücht, Yellow Jack würde die Farbigen und Mischlinge verschonen …

»Ich verstehe Sie gut«, versicherte die Kreolin und strich eine Strähne ihres blauschwarzen Haars zurück. Ihr Französisch war flüssig und nahezu akzentfrei, ihre Stimme tiefer und rauer, als er es erwartet hatte. »Und ich weiß, warum Sie hier sind.«

»Man hat mir gesagt, du verfügst über das zweite Gesicht«, erwiderte er. »Kannst du wirklich in die Zukunft sehen?«

»Ich sehe Dinge«, verbesserte sie. »Manchmal die Zukunft, manchmal auch die Vergangenheit.«

»Ich bin an beidem interessiert«, stellte Lemont klar.

»Was wollen Sie wissen?« Spott schwang in ihrer Stimme mit. »Ob Sie die Seuche überleben werden? Die meisten fragen mich das.«

»Ich nicht.« Lemont schüttelte den Kopf. »Vielmehr bin ich an diesem hier interessiert.« Er griff unter seinen Umhang und zog einen Gegenstand hervor, den er vor der Kreolin auf den Tisch stellte. Es war ein metallener Würfel, dessen

Kantenlänge etwa eine halbe Handspanne betrug. Die Oberfläche war von leichtem Rost überzogen. In die Seitenflächen des Kubus waren griechische Schriftzeichen eingraviert; in die Oberfläche ein stilisiertes Symbol, das ein Auge darstellte.

»Was ist das?«, fragte sie und berührte das Gebilde zaghaft mit dem Finger. »Es ist sehr alt.«

»In der Tat«, bestätigte Lemont. »Dieser Würfel hatte schon viele Besitzer und ebenso viele Namen. Einer davon lautet Codicubus.«

»Codicubus«, echote sie und legte vorsichtig ihre Handfläche darauf. Ein leichtes Beben schien ihren Körper daraufhin zu durchlaufen, wie Lemont irritiert feststellte.

»Woher haben Sie diesen Gegenstand?«, wollte sie wissen.

»Das braucht dich nicht zu interessieren.« Er schüttelte den Kopf, während von draußen erneut das schaurige Läuten der Totenglocke zu hören war, zum ungezählten Mal in dieser Nacht. »Wirst du mir das Geheimnis dieses Gegenstands offenbaren? Ja oder nein?«

»Wer sagt Ihnen, dass es ein Geheimnis gibt?«

»Du solltest nicht versuchen, Spiele mit mir zu treiben«, warnte er. »Bei feisten Plantagenbesitzern, die um ihr jämmerliches Leben bangen, mag dies verfangen, aber nicht bei mir. Wirst du mir helfen oder nicht?«

»Warum sollte ich?«

»Wer weiß? Vielleicht, weil ich dich reich dafür belohnen werde.«

»Ich habe, was ich brauche«, erwiderte sie. »Sie können mir nichts geben, was ich nicht schon habe.«

»Dann eben nicht«, konterte er. »Aber wenn du das bist, was die Leute behaupten, wirst du diesen Gegenstand ganz von selbst untersuchen wollen. Denn dieser Würfel ist ein echtes Mysterium, die Pforte zu einer anderen Welt.«

Die Kreolin blickte überrascht zu ihm auf, und einmal mehr war er gebannt von ihrer Schönheit. Er musste auf der Hut sein, durfte sich nicht einnehmen lassen von den Reizen eines Weibes, dessen Blut so unrein war wie das Brackwasser unten im Hafen. Dennoch konnte er den Blick nicht von ihr wenden, und auch sie schien auf eigenartige Weise fasziniert zu sein.

»Sie wissen es«, stellte sie fest.

»Was?«, fragte er ungehalten.

»Dass dies kein gewöhnlicher Gegenstand ist«, erwiderte sie vorsichtig. »Er ist sehr alt.«

»Das habe ich dir gesagt«, erwiderte er unbeeindruckt.

»Er wurde weitergegeben über Generationen«, fuhr die Kreolin in ihrem rauen Alt fort, »und er gehört Ihnen nicht.«

»Was fällt dir ein, Weib?«, fauchte Lemont.

»Er stammt von jemandem, der ihn widerrechtlich in seinen Besitz gebracht hat«, beharrte die Kreolin unbeirrt – und Lemont wusste, dass seine Wahl richtig gewesen war.

Die junge Frau konnte unmöglich wissen, wie er an den Würfel gelangt war, denn er hatte noch nie jemandem davon erzählt. Also verfügte sie tatsächlich über die Gabe. Lemonts Neugier erwachte. Nun würde sich zeigen, ob die Kreolin ihren Vorgängern überlegen war, die wie sie versucht hatten, dem Geheimnis des Würfels auf die Spur zu kommen, dabei jedoch allesamt den Verstand verloren hatten.

»Mehr«, verlangte er ungerührt, »ich will mehr wissen, hörst du? Ich will alles erfahren!«

Sie schien sich zu besinnen. Mit geschlossenen Augen wandte sie sich erneut dem Würfel zu und berührte ihn, worauf sie wiederum ein Beben durchlief, als hätte sie ihre Hand nicht an ein kaltes Stück Metall gelegt, sondern an einen feurigen Liebhaber. Schweißperlen traten ihr auf die Stirn, so sehr schien sie sich anzustrengen, und ihre Brust, die sich unter tiefen Atemzügen hob und senkte, zog einmal mehr Lemonts Aufmerksamkeit auf sich. Die Beleuchtung war gedämpft, nur das Feuer verbreitete lodernden Schein. Die Stille im Raum wog zentnerschwer, nur hin und wieder drang ein entsetzter Schrei durch die Nacht.

Plötzlich begannen sich die Lippen der Kreolin zu bewegen. Sie formten lautlose Worte – eine Beschwörungsformel, eine Verwünschung, vielleicht auch ein Gebet.

»Ist das alles?«, fragte Lemont fast enttäuscht. »Keine Tarot-Karten? Keine Federn? Keine Knochen?«

Ihre Antwort fiel anders aus, als er es erwartet hatte. Jäh öffnete sie ihre Augen wieder, aber die Pupillen waren nicht zu sehen. Nur das Weiße starrte Lemont entgegen, sodass er erschrocken zurückfuhr. »Verflucht, was tust du da?«, rief er aus, aber die junge Frau reagierte nicht, so, als wäre sie in tiefe Trance versunken.

»Der Würfel«, verkündete sie mit monotoner, fast leiernder Stimme, »gibt sein Geheimnis nicht freiwillig preis. Viele starben, um es zu hüten. Wächter mit nur einem Auge.«

»Mit nur einem Auge?«, fragte Lemont. »Was faselst du da?«

»Nur die Erbin«, fuhr die Seherin fort, »darf den Inhalt des Codicubus kennen.«

»Erbin? Was für eine Erbin?«

»Auf ihren Schultern ruht die Verantwortung … Aber sie ist alt und schwach … Erneuerung … In der Einsamkeit soll sie leben, verborgen vor den Augen der Welt, bis sie stark genug ist, den Schatten zu trotzen … Schatten … die Schatten …«

Ihre Stimme war lauter geworden. Die Kreolin bewegte sich auf ihrem Stuhl, als wiege sie sich zum Rhythmus einer Musik, die nur sie zu hören vermochte. »Sie kommen«, fuhr sie flüsternd fort. »An einem weit entfernten Ort … durch Schnee und Eis … zu ergründen, was verborgen bleiben muss …«

»Wer?«, wollte Lemont wissen. »Von wem sprichst du, Weib?«

»Ihr Anführer ist ein Mann, der Wissen sucht, aber er weiß es noch nicht … stattdessen wird er den Pfad des Krieges beschreiten, schon sehr bald … Ich sehe Blut, viel Blut … einen Acker des Todes …«

»Und die Schatten?«, verlangte Lemont zu erfahren. »Was ist mit ihnen? Und wer sind die Einäugigen, von denen du gesprochen hast? Hat es etwas mit dem Symbol auf dem Würfel zu tun?«

»Ein Vermächtnis, Jahrtausende alt … Es wird Verderben über die Menschheit bringen, Verderben, hörst du …?« Zu Lemonts Entsetzen richtete sich der Blick ihrer pupillenlosen Augen direkt auf ihn. »Die Schatz und Gold begehren, auf den fernen Gipfeln, wo alles begann. Die Diener, die Arimaspen, im Zeichen des Einen Auges …«

»Was?« Lemont verstand kein Wort. Nicht nur, dass ihre Stimme immer leiernder wurde, es schienen auch nicht ihre Worte zu sein, die sie sprach. Erlaubte sie sich einen Scherz mit ihm? Oder hatte sich ihr Geist tatsächlich für eine Ebene geöffnet, die anderen Menschen verschlossen blieb? Lemont fühlte spontane Eifersucht. Er war kein Medium, dabei hätte er in diesem Moment alles dafür gegeben, zu sehen, was sie sah.

Im nächsten Moment jedoch veränderten sich ihre Züge. Falten gruben sich in ihre Miene und ließen sie um Jahre altern, Furcht verzerrte plötzlich ihre Mundwinkel.

»Was ist?«, fragte Lemont. »Was hast du?«

»Das Auge«, stieß die Kreolin hervor. »Das Eine Auge! Es beobachtet uns! Das Eine Auge …«

Sie begann am ganzen Leib zu zittern. Panik hatte von ihr Besitz ergriffen, aber sie schien nicht in der Lage zu sein, sich aus dem Sog des Entsetzens zu lösen. Lemont wusste, was das bedeutete – so war es auch bei den anderen gewesen, die versucht hatten, das Geheimnis des Würfels zu ergründen, und die letztendlich im Wahnsinn versunken waren. Keiner von ihnen war auch nur annähernd so weit gekommen wie die Kreolin – nun jedoch schienen auch ihre Fähigkeiten zu versagen.

Sie gab einen heiseren Schrei von sich und warf den Kopf hin und her, sodass ihre wilde Mähne ihr Gesicht wie dunkles Feuer umloderte. Lemont war wie gebannt von ihrem Anblick. Was immer mit ihr vorging, schien sie zu enthemmen und ihr animalisches Wesen vollends zu entfesseln. Ihr Haar stand wirr vom Kopf ab, die Ärmel ihres Kleides rutschten herab und entblößten ihre Schultern. Schweiß rann über ihre Schläfen, ihr Atem ging rasch und stoßweise wie beim Liebesakt – und auch Lemont fühlte plötzlich die sengende Hitze.

Immer schneller atmete sie, immer lauter wurden ihre Schreie, und mit einem Mal erfüllte ihn der Wunsch, sie ganz zu besitzen. Nicht nur ihr Wissen, nicht nur ihre Gabe, sondern auch ihren Körper. Es war, als begehrte das Leben gegen den Tod auf, der draußen regierte, und als mündete alles, was Lemont je getan, jede Anstrengung, die er je unternommen hatte, in diesen einen Augenblick.

»Genug!«, rief er aus, griff nach ihren Händen und riss sie vom Codicubus los. Die Schreie der Kreolin verstummten, ihr Blick schien ins Hier und Jetzt zurückzukehren, während sie staunend zu ihm emporblickte – und in diesem Moment erkannte er die roten Adern, die ihre weißen Augäpfel durchzogen.

Das Fieber!

Auffallend geäderte Augen waren eines der Erkennungszeichen, die Yellow Jack zu hinterlassen pflegte. War die Kreolin auch befallen? Hatte sich Lemont, ohne es zu ahnen, ins Haus des Todes begeben? Wenn ja, so war es ihm einerlei. Sein Verlangen war erwacht, und noch war weder sein Drang nach Wissen befriedigt noch die Begierde, die die Kreolin in ihm geweckt hatte.

Die junge Frau, deren Namen er noch nicht einmal kannte, saß vor ihm und starrte ihn an. »Schnee und Eis«, versuchte sie in Worte zu fassen, was sie gesehen hatte, »eine ferne Bedrohung auf den Gipfeln der Welt«, und immer wieder: »Das Eine Auge! Es folgt uns! Es kann uns sehen!«

Lemont triumphierte innerlich.

Es stimmte also.

Das Geheimnis, das ihm sein Vater auf dem Sterbebett anvertraut hatte, schien tatsächlich zu bestehen, ein kosmisches Rätsel, eingebettet in die Mysterien der Vergangenheit!

Die Euphorie des Augenblicks beflügelte sein Verlangen. Sein Pulsschlag beschleunigte sich. Er ergriff die junge Frau und riss sie zu sich empor. Schon auf die Distanz hatte die Kreolin eine eigenartige Faszination auf ihn ausgeübt. Sie jedoch zu spüren, ihre grazilen Formen und weiblichen Rundungen, ihren Herzschlag zu fühlen und ihren bebenden Körper, den Duft von Schweiß und Magnolien zu riechen, raubte ihm fast den Verstand.

Sich seiner überlegenen Körperkraft bedienend, warf er sie rücklings auf den Tisch, und noch ehe sie richtig zu sich finden konnte, waren seine Hände bereits dabei, sich unter die bunten Rüschen ihres Kleides zu wühlen und das Ziel seiner Begierde zu suchen. Sie wehrte sich nicht dagegen, schien noch zu sehr unter dem Eindruck dessen zu stehen, was sie gesehen hatte. Lemont gedachte es in seinen Besitz zu nehmen, zusammen mit ihrem grazilen Körper.

Es war sein beherrschender Wunsch.

Das Ziel, das er verfolgte.

Fieberhaft …

Weder der Gedanke an ihre Hautfarbe noch an die Gefahr der Ansteckung vermochten ihn abzuschrecken. Oder war es in Wahrheit bereits zu spät? Hatte das Fieber, dem täglich Hunderte zum Opfer fielen, auch von ihm Besitz ergriffen? War das, was er erlebte, nicht die Wirklichkeit, sondern nur ein Fiebertraum? War er in Wahrheit gar nicht hier, sondern lag in seinem Bett, und die Ärzte hatten schon alle Hoffnung aufgegeben?

Nein!

Noch lebte er, und er hatte sich selten so überlegen und mächtig gefühlt. Auch die Kreolin schien es zu spüren, denn sie leistete ihm keinen Widerstand. Schweigend ließ sie alles über sich ergehen, während ihre Augen durch ihn hindurch und in weite Ferne blickten. Und in dem Moment, als ihre Körper eins wurden, ein Fanal des Lebens in der Dämmerung des Todes, wiederholte sie mit heiserer Stimme ihre Worte:

Die Schatz und Gold begehren,

auf den fernen Gipfeln,

wo alles begann.

Die Diener, die Arimaspen,

im Zeichen des Einen Auges.

Konstantinopel

1. BUCH

KONSTANTINOPEL

1.

32 JAHRE SPÄTER

Schatten …

Verschwommene Gestalten, die ihr nach dem Leben trachteten; Nachtmahre, die sich aus der Vergangenheit erhoben, um ihren Schlaf zu verfinstern; dunkle Stimmen, die zu ihr sprachen, die sie jedoch nicht verstand. Und über allem die finstere Vermutung, dass all diese Stimmen und Gestalten, diese verschwommenen Bilder einen tieferen Sinn ergaben, dass sie auf geheimnisvolle Weise miteinander verbunden sein mussten. Es war, als würde man ein Bühnenstück durch den geschlossenen Vorhang betrachten. Man konnte Geräusche hören und schemenhaft die Silhouetten der Darsteller durch den Samt erkennen – der Inhalt des Stücks jedoch blieb verborgen.

Solange Sarah Kincaid zurückdenken konnte, hatte das Rätsel sie begleitet. Früher, als sie noch ein Kind gewesen war, hatte sie fast jede Nacht von jenen Schatten geträumt, war schweißgebadet erwacht und hatte bei ihrem Vater Gardiner Schutz gesucht. Später dann, als sie eine junge Frau wurde, waren die Träume seltener geworden, und schließlich hatte Sarah sie fast vergessen.

Bis sie zurückgekehrt waren …

Seit dem Tag, da Gardiner Kincaid in den Katakomben der versunkenen Bibliothek von Alexandria gestorben war, hinterrücks ermordet von Verräterhand, waren die Träume wieder da – dunkler, erschreckender und bedrohlicher als je zuvor. Noch vor einiger Zeit hatte Sarah geglaubt, dass dies mit dem Tod Gardiner Kincaids zusammenhinge, dass der Schock über sein gewaltsames Ableben die Ängste ihrer Kindheit wieder ans Licht gebracht hätte.

Inzwischen wusste sie es jedoch besser.

Denn was Sarah in ihren Träumen sah, waren keine Trugbilder. Es waren Spiegelungen der Vergangenheit, ihrer Vergangenheit, die aus ihrem Gedächtnis gelöscht worden war, als sie im Alter von acht Jahren das aqua vitae zu sich genommen hatte, das Wasser des Lebens. Alles, was sie davor gesehen und erlebt hatte, die ersten acht Jahre ihres Daseins, waren wie ausgelöscht. Nur jene verschwommenen Eindrücke waren geblieben, die sie wieder und wieder vor Augen sah, jede Nacht – und das Wissen, dass es kein anderer als Gardiner Kincaid gewesen war, der ihr jenen Trunk verabreicht hatte.

Tempora atra hatte er die Zeit genannt, die vor jenen Tagen lag, vor dem Fieber und der totenähnlichen Starre, in die Sarah damals verfallen war und aus der sie nur die erneute Einnahme des Lebenswassers hatte retten können.

Die Dunkelzeit …

Wie sehr wünschte sich Sarah, die Hand auszustrecken, um jenen Schleier des Vergessens zu zerreißen und zu sehen, was sich dahinter verbarg! Nur ein einziges Mal war es ihr gelungen, und auch nur für einen kurzen Augenblick – aber das Bild einer fernen, von verschneiten Gipfeln umgebenen Festung ergab keinen Sinn. Sarah dürstete danach, mehr zu erfahren, denn es stand längst außer Frage, dass ein Zusammenhang bestand zwischen der Dunkelzeit und dem, was ihrem Geliebten Kamal widerfahren war.

Auch ihm war das Wasser des Lebens eingeflößt worden, auch er war in jenem Niemandsland zwischen Leben und Tod gefangen gewesen. Vom fernen England aus war Sarah aufgebrochen, um ihren Geliebten den Klauen des Jenseits zu entreißen. Von Prag aus hatte ihre Reise sie über den Balkan nach Griechenland geführt, wo sie auf den Spuren Alexanders des Großen gewandelt war und den Totenfluss Styx gesucht hatte. Das Wasser des Lebens hatte sie gefunden, alles andere jedoch, das je von Bedeutung für sie gewesen war, hatte sie dabei eingebüßt.

Zuerst hatte sie ihren Vater verloren – in mehr als einer Hinsicht. Der Mann, der ihn in den Katakomben von Alexandrien hinterrücks ermordet hatte, hatte nämlich später auch noch die Behauptung aufgestellt, Gardiner Kincaid wäre nicht Sarahs leiblicher Vater gewesen. Nun hatte Sarah gewiss keinen Anlass, Mortimer Laydon Glauben zu schenken, der sich sowohl ihr Vertrauen als auch das ihres Vaters erschlichen und sich in Wahrheit als Agent der Gegenseite erwiesen hatte. Aber etwas tief in ihrem Innern sagte ihr, dass Laydon zumindest in dieser einen Hinsicht nicht gelogen hatte, und sie ahnte, dass auch die Antwort auf dieses Rätsel in der Dunkelzeit verborgen lag.

Der nächste Verlust, den Sarah erlitt, hatte ihren treuen Freund Maurice du Gard betroffen. Nicht nur seine hellseherische Gabe war ihr auf ihren Reisen von Vorteil gewesen, sondern auch sein freundschaftlicher Rat und seine Unterstützung, und als er in ihren Armen starb, war es Sarah vorgekommen, als würde ein Teil von ihr mit ihm gehen.

Was ihr danach noch geblieben war, Sarahs weltlicher Besitz, der sich im Wesentlichen aus dem ländlichen Anwesen in Yorkshire sowie aus der umfassenden Bibliothek zusammensetzte, die Gardiner Kincaid ihr hinterlassen hatte, war ihr ebenfalls genommen worden. Ein verheerendes Feuer hatte in Kincaid Manor gewütet und den Hausverwalter das Leben gekostet – ein Feuer freilich, das nicht von einer Laune des Schicksals, sondern von der Hand ruchloser Brandstifter gelegt worden war, damit Sarah in England keine Zufluchtsstätte mehr haben sollte.

Verzweifelt darum bemüht, nicht auch noch ihren geliebten Kamal zu verlieren, hatte Sarah alles darangesetzt, das Wasser des Lebens zu beschaffen, das sein rätselhaftes Fieber heilen und ihn ins Dasein zurückholen sollte – doch einmal mehr hatte sie feststellen müssen, dass sie manipuliert und hintergangen worden war. Zwar war es ihr gelungen, das Elixier zu beschaffen, das Kamal den Klauen des Todes entrissen hatte, jedoch hatten andere daraus Nutzen gezogen. Denn auch die Gräfin Ludmilla von Czerny, mit deren Hilfe Sarah ursprünglich auf die Spur des aqua vitae gelangt war, hatte sich als Verräterin erwiesen, die im Dienst jener ebenso mächtigen wie geheimnisvollen Organisation stand, deren Umtriebe Sarah seit geraumer Zeit zu entwirren suchte. Die Ermordung ihres Vaters, der Tod Maurice du Gards, die Zerstörung von Kincaid Manor – die Fäden liefen hier zusammen, bei jener verschwörerischen Gruppierung, die sich »Bruderschaft des Einen Auges« nannte und deren erklärtes Ziel es zu sein schien, sich der Vergangenheit zu bedienen, um die Gegenwart zu beherrschen.

Auch die Vergiftung Kamals hatte letztlich diesem Ziel gedient, wenngleich Sarah die wahren Gründe noch immer schleierhaft waren. Warum hatten die Gräfin Czerny und ihre Spießgesellen den letzten Rest des Lebenswassers aufgebraucht, um Kamal zu vergiften? Wieso hatten sie um jeden Preis gewollt, dass sich Sarah auf die Suche nach dem Elixier machte? Hoch über den Ebenen Nordgriechenlands, auf dem einsamen Felsen eines meteorons, hatte sich Kamals Schicksal entschieden. Man hatte ihm das Lebenswasser verabreicht, und er war zu sich gekommen – doch genau wie Sarah, die die Schleier der Dunkelzeit nicht zu lüften vermochte, hatte auch er sich nicht an das erinnern können, was vor seinem Fieber gewesen war, und so war es der Verräterin Czerny ein Leichtes gewesen, sich sein Vertrauen zu erschleichen. Zuletzt hatte Sarah ihn an Bord eines Fesselballons gesehen, der vor ihren Augen aufgestiegen und gen Osten entschwunden war. Mit dabei war auch die Czerny gewesen, in der Sarah eine Schwester gesucht und ihre Nemesis gefunden hatte.

Und als wäre all dies noch nicht Verlust genug, hatte Sarah noch eine weitere Niederlage erlitten, die beinahe noch schwerer wog als alle anderen zusammen – auch wenn sie lange ahnungslos gewesen war.

Sie war schwanger gewesen …

Nach den glücklichen Monaten, die Kamal und sie in Yorkshire verbracht hatten, hatte Sarah, ohne es zu wissen, das Kind ihres Geliebten unter dem Herzen getragen. Doch auch dieses Leben war ihr brutal genommen worden. Infolge der Strapazen, denen sie im Zuge ihrer Abenteuer ausgesetzt gewesen war, hatte sie eine Fehlgeburt erlitten.

Zuerst hatte sie es nicht glauben mögen, als ein jovialer Schiffsarzt namens Garribaldi ihr davon berichtet hatte, aber schon sehr bald hatte sie die Wahrheit mit jeder einzelnen Pore ihres Körpers gespürt. Denn auch wenn ihre Mutterschaft ihr nicht bewusst gewesen war – der Verlust war so wirklich, wie er es nur sein konnte, und obwohl jene Ereignisse inzwischen mehr als vier Monate zurücklagen, fühlte Sarah noch immer eine erschreckende Leere.

Ihr erster Impuls war es gewesen aufzugeben.

Sie war geschlagen und besiegt, ihre Feinde hatten in jeder nur erdenklichen Hinsicht triumphiert. Welchen Sinn hatte es noch, gegen diese Einsicht anzugehen und sich selbst zu betrügen? Sarah hatte gekämpft und verloren. Wie der alte Gardiner hatte auch sie versucht, dem Einen Auge Widerstand zu leisten – aber genau wie er war auch sie am Ende gescheitert.

Oder?

Dass sie nicht verzweifelt war und sich in Venedig, wohin die Schiffspassage geführt hatte, von einer der unzähligen Brücken gestürzt hatte, hatte nur einen einzigen Grund – und dieser Grund war würfelförmig, hatte eine Kantenlänge von etwa vier Inches und war ganz aus Metall. »Codicuben« wurden diese eigentümlichen Gebilde genannt, die auf ihren sechs Seiten die Buchstaben des Siegels Alexanders des Großen sowie das Zeichen des Einen Auges eingraviert trugen und deren einziger Daseinszweck darin bestand, abdere, quod omnia tempora manendum – zu verbergen, was alle Zeiten überdauern sollte. Im Grunde handelte es sich dabei um winzige Panzerschränke, die aus antiker Zeit datierten und von einem geheimnisvollen magnetischen Mechanismus zusammengehalten wurden. Wer nicht wusste, wie sie sich öffnen ließen, dem gelang es nicht, ohne dabei deren Inhalt zu zerstören – Notizen, Zeichnungen, Auszüge alter Handschriften oder auch verschollen geglaubte Pinakes1.

Ein Codicubus war es gewesen, der Sarah auf die Spur der versunkenen Bibliothek von Alexandrien geführt hatte. Damals hatte sie geglaubt, dass dieser Würfel der einzige seiner Art wäre, war später aber eines Besseren belehrt worden. Denn auf höchst sonderbare Weise war sie in den Besitz eines weiteren Würfels gelangt, und hätte sie nicht allen Grund zu der Annahme gehabt, dass ihr der Inhalt dieses Würfels über Kamals Verbleib Aufschluss geben könnte, hätte sie ihre Suche schon längst aufgegeben. So jedoch bestand noch immer Hoffnung, wenn auch nur ein winziger Funke …

Sarah schwang sich aus dem Bett. Auch wenn es noch früher Morgen war – die Nacht war für sie zu Ende. Sobald sie den Klauen ihrer Albträume entronnen war, ergriff tiefe Unruhe von ihr Besitz, und ihre Gedanken begannen einander zu jagen. Wieder und wieder grübelte sie über das, was geschehen war und fragte sich, ob sie es hätte verhindern können. Eine Antwort jedoch fand sie an diesem Morgen ebenso wenig wie an allen anderen.

Barfuß schlich sie über den kalten Marmorboden des Hotelzimmers zum Sekretär. Noch herrschte Ruhe draußen auf dem Gang; erst in einer guten Stunde würden die Zimmerkellner mit ihren Servierwagen erscheinen, um den Gästen ihr Frühstück zu bringen. Dann würde der Geruch von Mokka und frischem Backwerk das Hotel durchdringen, und Sarah würde sich dazu zwingen, ein wenig zu essen. Ohnehin hatte sie in den letzten Wochen abgenommen. Sie aß ebenso wenig wie sie schlief, und wenn, dann nur, weil sie sich mit aller Macht dazu überwand. Sarah wusste, dass sie bei Kräften bleiben musste, wenn sie sich erneut auf die Suche nach Kamal begeben wollte.

Auf dem Weg zum Sekretär passierte sie den Spiegel und erschrak fast über das, was sie darin sah: eine junge Frau mit blassen, ausgemergelten Zügen, die von langem dunklem Haar umrahmt wurden und aus denen ein stumpfes Augenpaar blickte. Einst hatten diese Augen vor Forscherdrang gebrannt, hatte Sarah es kaum abwarten können, sich von einem Abenteuer in das nächste zu stürzen und der Vergangenheit ihre Geheimnisse zu entreißen.

Das war lange vorbei.

Inzwischen wäre sie froh darüber gewesen, ein einfaches, durchschnittliches Leben zu führen, auch wenn es für eine Frau ihres Standes bedeutete, sich mit dem Platz zu begnügen, den eine von Männern beherrschte Gesellschaft ihr zuwies. Sarah hätte beinahe alles darum gegeben, ihr Kind zurückzubekommen und ihren Geliebten wieder in die Arme schließen zu können. Doch ihr war klar, dass das eine unmöglich und das andere in weite Ferne gerückt war. Und obwohl sich Sarah weigerte, die Hoffnung ganz fahren zu lassen, kam sie nicht umhin, sich einzugestehen, dass die letzten Monate an ihren Kräften gezehrt hatten. Der Verlust, die Trauer, die Schussverletzung, die sie davongetragen hatte – all das hatte Narben hinterlassen, und beim Blick in den Spiegel hatte Sarah das Gefühl, dass jede einzelne davon in ihrem Gesicht zu sehen war.

Sie fröstelte in ihrem Nachthemd und wandte sich ab. Die Morgendämmerung hatte inzwischen eingesetzt, und sanftes Licht sickerte durch die geschlossenen Fensterläden, während die Stadt draußen zum Leben erwachte. Der Muezzin auf dem Minarett der nahen Nusretiye-Moschee rief zum Gebet, und schon in Kürze würden die Straßen überquellen mit Fuhrwerken und Kulis, die nach Süden zum Basarviertel drängten, das auch Sarahs Ziel an diesem Tag war.

Auf der schmalen Tischfläche des Sekretärs lagen nur zwei Gegenstände. Das eine war ein Revolver der Marke Colt Frontier 1878, den Sarah in einem Laden unweit des Gewürzbasars erstanden hatte. Eine Waffe dieser Bauart hatte auch der alte Gardiner einst benutzt, und sie hatte Sarah stets gute Dienste geleistet. Der zweite Gegenstand war ein leicht rostiger Metallwürfel, dessen ungeheurer Wert auf den ersten Blick kaum zu erkennen war.

Der Codicubus.

Sarah setzte sich auf den mit dunkelgrünem Samt beschlagenen Stuhl und nahm den Würfel zur Hand, dessen Oberseite fehlte. Sie griff hinein und zog ein Stück Pergament hervor, das sie entrollte, um zum ungezählten Mal einen Blick darauf zu werfen.

Nachdem sie den Herbst in Italien verbracht und mehr oder weniger vergeblich versucht hatte, sich von den Strapazen der Balkanreise zu erholen, hatte Friedrich Hingis nach den Weihnachtstagen ein Schiff bestiegen, das von Venedig über Sizilien nach Malta gefahren war. Längst hatte Sarah den Schweizer gedrängt, in seine Heimat zurückzukehren und sich nicht länger um ihre Belange zu kümmern. Aber Hingis hatte betont, dass ein Eidgenosse ein Mann von Ehre sei, der seine Freunde nicht im Stich lasse, und darauf bestanden, bei ihr zu bleiben. Dass der Gelehrte aus Genf einst ihr erbitterter Gegner gewesen war und es eine Zeit gegeben hatte, da sie ihn am liebsten in einen Kanonenlauf gesteckt und in Vernescher Manier auf den Mond geschossen hätte, war inzwischen kaum noch vorstellbar. Genau wie sie selbst hatte auch Friedrich Hingis sich verändert, und wie bei ihr war es Verlust gewesen, der diese Veränderung bewirkt hatte – in seinem Fall der seiner linken Hand.

Als Sarahs Berater und Vertrauter hatte Hingis sie während ihres Aufenthalts in Prag begleitet; er war ihr auf den Balkan gefolgt und auf den Gipfel des meteorons, und auch danach war er bei ihr geblieben – vielleicht auch, weil er sich für das Geschehene mitverantwortlich fühlte. Kein anderer als er war es gewesen, der die Begegnung mit der Gräfin Czerny eingefädelt und sie Sarah als treue und zuverlässige Verbündete empfohlen hatte. Sarah war jedoch weit davon entfernt, ihm deswegen Vorhaltungen zu machen. Schließlich wusste sie selbst am besten, zu welchen Manipulationen die Bruderschaft fähig war.

Von Malta aus war Hingis zu jenem Ort aufgebrochen, der die einzige bekannte Möglichkeit barg, einen Codicubus zu öffnen: eine Burgruine auf der der Südküste Maltas vorgelagerten Felseninsel Fifla. Die Ritter des Johanniterordens, die über viele Jahrhunderte im Besitz eines Codicubus gewesen waren, hatten dort eine von magnetischer Kraft durchwirkte Stele errichtet, die den Würfel zu öffnen vermochte. Zusammen mit Maurice du Gard hatte Sarah dies einst herausgefunden, und zu gerne wäre sie selbst auf die Insel gereist. Hingis jedoch hatte sie überzeugt, dass es besser war, wenn sie in Venedig blieb und sich schonte. Enthielt der Codicubus das, was sie vermuteten, so würde sie ihre Kräfte noch dringend brauchen. So hatte Sarah also der Vernunft gehorcht und abgewartet – quälende Wochen lang, bis der Schweizer endlich zurückgekehrt war, im Gepäck den geöffneten Codicubus …

… und ein weiteres Rätsel.

Sarah vermochte nicht zu sagen, wie oft sie in den vergangenen Wochen auf jenes Stück Papier gestarrt hatte, das der Würfel preisgegeben hatte. Sie hatte erwartet, darin eine Landkarte oder eine wie auch immer geartete Beschreibung vorzufinden, in jedem Fall einen Hinweis auf Kamals Verbleib.

Aber sie war bitter enttäuscht worden.

Die alte Sarah Kincaid, jene unbekümmerte junge Frau, die nicht an die Kraft des Übernatürlichen geglaubt und das Prinzip der wissenschaftlichen Vernunft über alles andere gestellt hatte, hätte daraufhin wohl die Suche aufgegeben. Die dramatischen Ereignisse der Vergangenheit jedoch hatten Sarah erkennen lassen, dass außer der menschlichen ratio noch andere Kräfte am Wirken waren. Darauf hoffend, dass es so etwas wie Vorsehung tatsächlich gab, hatten sie und ihr Begleiter Venedig Mitte Februar den Rücken gekehrt und waren zum Bosporus aufgebrochen, um zu erfahren, was es mit dem rätselhaften Pergament auf sich hatte.

Darauf war eine einfache Zeichnung abgebildet: ein Dreieck mit einem Turm darüber, über dem wiederum ein Kreis zu sehen war, der ebenso gut ein Auge wie eine Sonne darstellen mochte.

Darunter vier Wellenlinien.

Wäre das nicht ausgeschlossen gewesen, hätte Sarah es für die ungelenke Zeichnung eines Kindes gehalten, in jedem Fall aber für einen schlechten Scherz, den sich jemand mit ihr erlaubte; denn die Darstellung unterschied sich grundlegend von allen anderen, die Sarah jemals gesehen hatte. Weder konnte sie darin einen griechischen noch sonst einen abendländischen Stil erkennen, und die Symbolik folgte auch nicht jener der altorientalischen Kulturen.

Dennoch war die Zeichnung echt, ebenso wie das Rätsel, das mit ihr verbunden war. Und dieses Rätsel zu ergründen war die einzige Hoffnung, die Sarah Kincaid geblieben war.

Hoffnung für sie … und für Kamal.

2.

TAGEBUCH SARAH KINCAID

Byzanz

Konstantinopel.

Stambul.

Schon viele Namen hatte die Stadt am Bosporus seit ihrer Gründung. Und noch mehr Herren. Und jeder von ihnen hat dort seine Spuren hinterlassen: in antiker Zeit die Griechen, später die Römer, die Ostgoten, die Seldschuken, die Genueser und schließlich die Osmanen. In jungen Jahren schien sie mir deshalb ein Spiegel der Geschichte zu sein, in dem Altertum, Mittelalter und Neuzeit gleichermaßen gegenwärtig sind. Während das Osmanenreich, in westlichen Kreisen oftmals abschätzig als ›kranker Mann vom Bosporus‹ bezeichnet, andernorts in seinen Todeszuckungen liegt, hat sich der Glanz der Sultane hier erhalten. Die Moscheen und Paläste sind vom Geist einer großen Vergangenheit durchdrungen, in den Gassen und auf den Basaren drängt sich das Leben. Doch während ich früher der Überzeugung war, dass es kaum einen abenteuerlicheren Ort auf Erden geben kann, habe ich in diesen Tagen keinen Blick für die orientalischen Wunder. Nur ein einziger Grund hat mich hierher geführt.

Die Suche nach meinem geliebten Kamal.

Unabhängig davon, ob Gardiner Kincaid mein leiblicher Vater gewesen ist oder nicht – als mein Lehrer hat er mir beigebracht, dass in der Hauptstadt des Osmanenreichs viele der alten Traditionen bis zum heutigen Tag bewahrt werden und es noch immer Gelehrte gibt, die die altpersischen Künste der Sterndeutung, der Weissagung und der Schriftkunde pflegen. Obwohl ich als Archäologin in erster Linie der ratio verpflichtet bin, habe ich in den vergangenen Monaten viele Dinge erlebt und erfahren, die mich an der reinen Wissenschaft haben zweifeln lassen. Wenn ich Kamal finden will, werde ich dazu mehr brauchen als die bloße Kraft des Verstandes.

Was ich brauche, ist ein Wunder …

GROSSER BASAR
KONSTANTINOPEL
18. MÄRZ 1885

Die Luft über dem Kapali Çarşi, dem Großen Basar, war erfüllt von fremdartigen Düften. Unterschiedlichste Gerüche drangen in die Nasen der Besucher und riefen Bilder und Vergleiche verschiedenster Art hervor – von Gewürzen wie Zimt und Anis, die an Weihnachten erinnerten, über den süßen Duft von Türkischem Honig, der das Morgenland erahnen ließ, über den strengen Geruch von frisch gegerbtem Leder bis hin zum lieblich-herben Geschmack erlesener Tabaksorten.

Die Nischen, die sich in nicht enden wollender Anzahl unter den bunt bemalten Dächern des Basars aneinander reihten, quollen über vor Waren, die von Händlern in bunten Seidengewändern feilgeboten wurden. Streng nach Zunftordnungen gegliedert, wie sie bis ins späte Mittelalter hinein auch in Europa gegolten hatten, buhlten die Handwerker um die Gunst der Kunden, die sich zu Hunderten in den Gassen drängten: Hier boten die Weber bunte Tuchwaren zum Kauf, in einer anderen Gasse konnte man von den Kerzenmachern gefertigte Wachslichter erstehen, wieder in einer anderen waren die Töpfer und Glasbläser zahlreich vertreten. Entsprechend groß war die Vielfalt an unterschiedlichen Farben und Formen, in der es Krüge und Töpfe, Becher und Kelche, Öllampen und Kerzenständer, Töpfe und Pfannen, Messer und Dolche, Polster und Kissen, Decken und Teppiche zu erstehen gab. Die türkische nargile2 wurde ebenso zum Kauf angeboten wie die klassische Tabakpfeife aus geschnitztem Meerschaum; orientalisch anmutende Schatullen mit Intarsien aus Rosenholz sowie Pantoffeln aus chinesischer Seide; Gürtel und Sättel aus feinem Leder und grüne Keramik aus Kale-Sultanie. An den Lebensmittelständen wurden Gewürze unterschiedlichster Art verkauft, dazu gedörrte Datteln und Aprikosen, Maulbeeren und Kichererbsen, süßer Honig, getrocknete Auberginen und Marmeladen aus Zitronen, Birnen und wilden Mohrrüben. Und hier und dort betätigte sich ein Derwisch vor staunenden Zuhörern als meddah3.

Der Lärm, der dabei die Luft erfüllte, war unbeschreiblich, ein Stimmengewirr, das von der gewölbten Überdachung des Basars zurückgeworfen und noch verstärkt wurde. Der Vergleich mit einem Bienenstock drängte sich förmlich auf. Allenthalben versuchten die Händler, die Kunden in ihre Läden zu locken, die oftmals wenig mehr waren als bis unter den Rand mit Gütern vollgestopfte Höhlen; und nicht selten kam es vor, dass arglose Basarbesucher, die sich vom Glanz der Waren blenden ließen, mit Dingen nach Hause kamen, für die sie keine Verwendung hatten.

Die meisten Menschen, die sich auf dem Basar drängten, waren Türken, die nach osmanischem Brauch gekleidet waren, aber es fanden sich auch viele Europäer darunter, die in der Osmanenhauptstadt zahlreich vertreten waren und von denen die meisten in den Hotels und Mietshäusern von Pera lebten; dazu kamen Inder, Perser, Menschen aus Pakistan und Chinesen. Der Toleranz entsprechend, die im Reich der Sultane eine lange Tradition hatte, waren Fremde stets willkommen und wurden bereitwillig geduldet, auch wenn es von Seiten der muslimischen Gastgeber immer wieder Versuche gab, als verloren angesehene christliche Seelen zum wahren Glauben zu bekehren. Diese Versuche waren aber durchweg gut gemeint und wurden in der Regel in aller Höflichkeit vorgetragen. Anders verhielt es sich, wenn jemand gegen geltende Regeln verstieß und sich beispielsweise nicht an den Grundsatz der Geschlechtertrennung hielt, der eine mindestens ebenso lange Tradition hatte. Vorwurfsvolle Blicke waren in diesem Fall das Mindeste, worauf sich der Besucher einstellen durfte – so wie jene, denen sich Sarah Kincaid und Friedrich Hingis ausgesetzt sahen, als sie das Kaffeehaus im Herzen des Basars betraten …

»O-oh«, machte der Gelehrte in seinem unnachahmlichen Schweizer Akzent. »Das ist nicht gut.«

»Was meinst du?«, fragte Sarah und gab sich ahnungslos, was in Anbetracht der Situation allerdings ziemlich unglaubwürdig wirkte. Denn kaum hatte sie ihren Fuß über die Schwelle des Kaffeehauses gesetzt, waren die Gespräche verstummt, und buchstäblich alle Augen hatten sich auf sie gerichtet.

Sarah ließ ihren Blick über die Männer gleiten, die auf großen Kissen um kleine Tische saßen und sich – jedenfalls noch bis vor wenigen Augenblicken – angeregt unterhalten hatten, während sie stark gesüßten Mokka aus kleinen Tässchen tranken. Aus dem Hintergrund des Lokals erhob sich eine groß gewachsene, vierschrötige Gestalt, die drohend näher kam, zweifellos der Besitzer.

»Ich habe dir gesagt, dass das Ärger geben wird«, raunte Hingis Sarah zu, wobei sich seine Lippen kaum bewegten. »Warum musstest du auch unbedingt mitkommen?«

»Weil ich es satt habe zu warten«, entgegnete Sarah schlicht und trat noch einen Schritt vor.

Schon in England hätte es einen Affront ohnegleichen bedeutet, hätte sich eine Frau ungebeten Zugang zu einem der exklusiven Herrenclubs verschafft, die sich an der Londoner Pall Mall aneinander reihten. Für die Männer im Kaffeehaus war es ein Tabubruch, der als Angriff auf die bestehende Gesellschaftsordnung angesehen werden musste, und dies umso mehr, da sich Sarah den lokalen Gepflogenheiten angepasst hatte und osmanische Kleidung trug, also nicht auf den ersten Blick als Europäerin zu erkennen war: Über einem weit geschnittenen Hemd, gömlek genannt, und den obligatorischen Pluderhosen trug sie den traditionellen entari, ein aus Samt geschneidertes Kleid, über das sie wiederum eine lange Jacke gezogen hatte, den dolaman. Schon der alte Gardiner hatte Sarah beigebracht, dass man gut daran tat, sich in fernen Ländern nach einheimischem Brauch zu kleiden, da die lokale Kleidung den klimatischen Erfordernissen stets am besten angepasst war.

Als Kopfbedeckung hatte Sarah einen Fes aus Filz gewählt, wie ihn auch viele einheimische Frauen trugen. Daran war ein zweiteiliger Schleier befestigt, der die Stirnpartie sowie die untere Hälfte ihres Gesichts bedeckte. Nur ein schmaler Sehschlitz blieb dazwischen frei, durch den Sarah in die ebenso staunenden wie vorwurfsvollen Gesichter blickte. Sie beendete das Versteckspiel, indem sie den Schleier lüftete und sich als Ausländerin zu erkennen gab.

Die allgemeine Entrüstung legte sich daraufhin ein wenig. Wenn europäische Frauen sich renitent und ungebührlich verhielten, so schienen die sich wieder entspannenden Mienen zu sagen, war das vorrangig das Problem der europäischen Männer …

»Wir suchen jemanden«, rief Sarah auf Arabisch, das sie fließend beherrschte, sicher, dass sie von vielen im Lokal verstanden wurde. Hingis, der neben ihr stand, trat von einem Bein auf das andere und knetete nervös die Krempe des Zylinders, den er beim Eintreten abgenommen hatte. Anders als Sarah hatte er es vorgezogen, bei seiner westlichen Kleidung zu bleiben. Den angespannten Zügen des drahtigen Schweizers war zu entnehmen, dass er am liebsten im Boden versunken wäre.

»Wen?«, fragte jemand mit rauer Stimme. Es war der Wirt, der jetzt unmittelbar vor ihnen stand und in seiner weiten Kleidung noch einmal so breit und eindrucksvoll wirkte. Seiner verkniffenen Miene war zu entnehmen, dass seine Geduld einer harten Prüfung ausgesetzt war.

»Einen jungen Turkmenen«, erklärte Sarah kurzerhand. »Sein Name ist Ufuk. Habt ihr von ihm gehört?«

Der Wirt reckte sein bärtiges Kinn vor. »Und wenn?«, erwiderte er angriffslustig.

»Er wollte uns treffen. Draußen vor dem Lokal. Vor einer halben Stunde«, sagte Sarah.

»Achtundzwanzig Minuten«, verbesserte Hingis, der eine Taschenuhr aus der Innentasche seines Gehrocks gezogen hatte und ein wenig verlegen auf das Zifferblatt deutete.

»Und?«, fragte der Wirt nur.

»Ich habe das Warten satt«, erklärte Sarah schlicht. »Wenn Sie Ufuk kennen, dann sagen Sie ihm, dass ich keine Lust mehr habe, Spiele zu spielen. Wenn er die Belohnung noch immer will, dann weiß er, wo er mich finden kann. Wenn nicht, soll er sich von mir aus in die djehenna scheren.«

Der Blick, mit dem sie den Wirt aus ihren tiefblauen Augen anstarrte, war kalt und ließ keine Gefühlsregung erkennen. Dann schloss sie den Schleier vor ihrem Gesicht wieder und wandte sich zum Gehen. Wie sie jedoch feststellen musste, wurde der Weg nach draußen versperrt. Ein breitschultriger Hüne stand ihr im Weg, in dessen Augen es begehrlich blitzte. Seiner Kleidung und Hautfarbe nach war er kein Türke, sondern stammte wohl eher aus Pakistan. Als Kopfbedeckung trug er einen schmutzigen Turban, der auf Paschtunenart gebunden war.

»Belohnung?«, hakte er nach.

»Ganz recht.« Sarah nickte ungerührt. »Kennst du Ufuk? Weißt du, wo wir ihn finden?«

»Naram4«, erklärte der Paschtune, und ein Grinsen breitete sich auf seinen Zügen aus. »Ich bin Ufuk.«

»Wohl kaum«, entgegnete Sarah, und noch ehe der Koloss oder einer der anderen Anwesenden auch nur reagieren konnte, hatte sie unter die Falten ihres dolaman gegriffen und den Colt Frontier gezückt, dessen langer Lauf geradewegs auf die Brust des Paschtunen zielte.

»Wie, Weib?«, schrie dieser. »Bist du von Sinnen?«

»Du hast nicht richtig aufgepasst«, beschied sie ihm schlicht. »Ich sagte, Ufuk stamme aus Turkestan. Also verschone uns mit deinen Späßen und geh uns aus dem Weg.«

Einige der Türken, die im Kaffeehaus zu Gast waren, lachten. Zwar waren sie nicht unbedingt erfreut darüber, von einer Engländerin in ihrer Ruhe gestört zu werden, aber deren kaltschnäuzige Art nötigte dem einen oder anderen doch Respekt ab. Für den Paschtunen hingegen kam es einer schallenden Ohrfeige gleich, vor seinen Geschlechtsgenossen verspottet zu werden. Seine Züge verkrampften sich, und er fletschte die Zähne, während seine rechte Hand in Richtung des Dolchs zuckte, der in seiner Schärpe steckte.

»Das ist nicht zu empfehlen«, sagte Hingis auf Englisch. »Ich versichere Ihnen, werter Herr, dass Lady Kincaid nicht nur eine hervorragende Schützin ist, sondern dass sie auch keinen Augenblick zögern wird, den Abzug zu betätigen.«

Der Mann aus Pakistan schien genug Englisch zu verstehen, um zu begreifen, was Hingis meinte. Resignierend ließ er die Hand wieder sinken, die Ablehnung in seinem Gesicht jedoch blieb bestehen. Und er machte auch keine Anstalten, den Ausgang freizugeben.

Entschlossen trat Sarah auf ihn zu, den Revolver noch immer in ihrer Rechten. Sie wusste, dass in diesem Teil der Welt großer Wert auf Duktus und Gesten gelegt wurde, auf die Art, wie sich jemand nach außen präsentierte. Deshalb bemühte sie sich, nicht einen Hauch von Furcht oder Unruhe zu zeigen – obwohl sie ahnte, dass ein geladener Revolver das Problem nicht lösen würde. Sie hatte die izzat, die Ehre des Mannes beleidigt, was bedeutete, dass er den Weg nicht freimachen konnte, ohne vor den anderen das Gesicht zu verlieren; und Sarah wiederum wusste genau, dass sie einen Menschen nicht erschießen würde, nur weil ihn sein Schöpfer mit der Sturheit eines Kamelbullen in der Brunftzeit ausgestattet hatte. Eine andere Lösung musste gefunden werden, und zwar rasch. Sie hatte das Warten satt.

Unendlich satt!

Noch einen Augenblick stand sie unbewegt vor dem Mann, der sie um einen ganzen Kopf überragte und mindestens doppelt so breit und kräftig war wie sie. Dann handelte sie, und zwar so blitzschnell, dass weder der Paschtune noch Hingis oder sonst jemand genau mitbekam, was geschah. Mit einem Trick, den ihr der alte Gardiner beigebracht hatte, ließ sie den Colt Frontier in ihrer Hand wirbeln, sodass nicht mehr der Lauf, sondern der perlmuttbesetzte Griff auf den Koloss zeigte – und schlug mit aller Kraft zu.

Die Nase des Mannes, die ohnehin schon ziemlich unansehnlich gewesen war, brach mit einem hässlichen Geräusch. Blut stürzte hervor, das den Bart und das Hemd des Paschtunen besudelte. Der jähe Schmerz ließ Tränen in seine Augen schießen, zu einer Gegenwehr war er nicht mehr fähig. Jammernd ging er nieder, beide Hände auf den Fleischberg gepresst, zu dem sein Riechorgan umgestaltet worden war.

Ohne erkennbare Regung blickte Sarah auf ihn herab. Zwar war wegen des Schleiers ohnehin nicht zu erkennen, was in ihrem Gesicht vor sich ging, aber sie empfand tatsächlich weder Genugtuung noch Reue. Der Mann war nur ein Hindernis gewesen. Ein weiteres Hemmnis, das es auszuräumen galt auf dem Weg zu Kamal …

Die Reaktionen der anderen Kaffeehausbesucher fielen unterschiedlich aus. Einige lachten, andere schüttelten verständnislos den Kopf, wieder andere schienen keineswegs einverstanden, hielten sich jedoch bedeckt, aus Furcht, die offenbar verrückte Britin könnte auch ihnen alafranga5 die Nase zertrümmern. Friedrich Hingis hingegen machte kein Hehl aus seinem Missfallen.

»Liebe Freundin«, entrüstete er sich, »ich muss doch sehr bitten! Was hat der Mann dir getan, das einen solchen Gewaltausbruch rechtfertigt?«

»Er war mir im Weg«, erklärte sie schlicht.

»Was du nicht sagst. Und gedenkst du, alle Hindernisse auf diese Weise zu beseitigen?«

»Wenn es sein muss«, bestätigte sie nickend. Sie wollte endlich zur Tür hinaus, aber der sich noch immer am Boden windende Paschtune hinderte sie daran, jetzt nicht weniger als zu dem Zeitpunkt, da er noch auf beiden Beinen gestanden hatte. Ein hagerer junger Mann, der sich bislang unauffällig im Hintergrund gehalten hatte, eilte zu dem gefällten Koloss und untersuchte ihn.

»Seine Nase ist gebrochen«, sagte er auf Englisch mit leichtem türkischem Akzent, während der Blick seiner dunklen Augen Sarah mit unverhohlenem Vorwurf taxierte. »Er braucht dringend einen Arzt.«

»Dann geben Sie ihm etwas Geld, damit er sich verbinden lassen kann, Friedrich«, wies Sarah ihren Begleiter an. »Und dann lassen Sie uns endlich weitergehen, wir haben hier ohnehin schon zu viel Zeit verschwendet. Wir müssen diesen Ufuk finden, sonst …«

»Geben Sie sich keine Mühe, Lady Kincaid«, sagte der Junge, der, wie Sarah jetzt feststellte, höchstens fünfzehn oder sechzehn Jahre alt war. Er trug osmanische Kleidung. Seinem dunklen Teint, dem blauschwarzen Haar und dem singenden Akzent nach stammte er aus Turkestan. »Ich bin Ufuk.«

»Du?«

Sarah musterte den Jungen von Kopf bis Fuß – und war enttäuscht.

Seit rund einem Monat hielten Hingis und sie sich nunmehr in Konstantinopel auf, und während dieser ganzen Zeit war es ihr einziges Bestreben gewesen, jemanden zu finden, der beschlagen genug war, ihnen die Zeichnung auf dem Pergament zu deuten. Ein ganzes Dutzend selbsternannter Seher und Gelehrter hatten sich bereits die Zähne daran ausgebissen, ohne dass sie einen wirklich brauchbaren Hinweis bekommen hätten. Die wahren Weisen, so hieß es, gingen mit ihrem Wissen nicht hausieren; sie biederten sich nicht bei reichen Ausländern an und buhlten um deren Gunst, sondern hatten ihr Leben in den Dienst der Studien und der Wahrung alter Mysterien gestellt. Entsprechend schwierig war es, an einen jener hakim6 heranzukommen. Über einen türkischen Gelehrten, der an der Universität von Konstantinopel altorientalische Geschichte unterrichtete (und damit dasselbe Fach, das auch Gardiner Kincaids Fachgebiet gewesen war), waren sie schließlich an einen der Kuratoren der erst im vergangenen Jahr in Betrieb genommenen Kutuphanei Osmaniye gelangt, der ersten türkischen Staatsbibliothek, der ihnen wiederum die Adresse eines gewissen Mehmed Alcut gegeben hatte, eines Antiquitätenhändlers in Galata, der auf dem Bücherbasar altarabische Handschriften zum Kauf anbot. Nach mehreren Besuchen hatte sich ein freundschaftliches Verhältnis zwischen Friedrich Hingis und Alcut entwickelt, der ein leidenschaftlicher »Rauchtrinker« war und die Empfehlungen des Schweizers, guten Tabak betreffend, überaus zu schätzen wusste; und über einen Schwager Alcuts, der sich für seine Dienste großzügig hatte entlohnen lassen, waren Sarah und Hingis schließlich auf den Namen Ufuk gestoßen.

Fortan hatten sie alles darangesetzt, den Mann zu treffen, der angeblich in alten Mysterien beschlagen war, freilich in der Annahme, es mit einem Menschen zu tun zu haben, der deutlich mehr als sechzehn Lenze zählte. Nicht nur, dass ihre Erwartung ins Leere lief; Sarah fühlte sich schlechterdings verhöhnt bei der Vorstellung, wertvolle Zeit damit vergeudet zu haben, einem Halbwüchsigen nachzuspüren, der vermutlich nichts als ein Scharlatan war.

Wenn auch ein sehr gewitzter … »Du bist Ufuk«, wiederholte sie.

»Allerdings.« Der Junge erhob sich und nickte. Der Blick seiner ebenso dunklen wie schmalen Augen war unverfälscht und ehrlich, sodass Sarah, anders als bei dem Paschtunen, nicht umhinkam, ihm zu glauben. »Warum hast du dich nicht gleich gemeldet?«, fragte sie. »Und warum hast du uns so lange warten lassen?«

»Ich wollte Sie beobachten«, erklärte der Junge mit entwaffnendem Lächeln. »Du wolltest – uns beobachten?«

»Nein, Lady Kincaid.« Er schüttelte den Kopf. »Ich wollte Sie beobachten. Bisweilen verraten die Menschen mehr durch ihr Handeln als durch ihre Worte.«

Sarah war wie vom Donner gerührt. Sie hatte diese Worte schon einmal gehört. An einem anderen Ort, in einer anderen Stadt, zu einer anderen Zeit. »Woher weißt du, wer ich bin?«, fragte sie forschend. Bei allen Recherchen, die er angestrengt hatte, hatte Hingis stets beteuert, ihren Namen außen vor gelassen zu haben. Schließlich wollten sie nicht die Aufmerksamkeit ihrer Feinde wecken. »Wir wissen vieles«, erklärte Ufuk achselzuckend. »Ihr?«, fragte Sarah skeptisch. »Mein Meister und ich.«

»Dein Meister?« Sarah schöpfte Hoffnung. »Soll das heißen, dass du nicht …?«

»Dass ich nicht derjenige bin, den Sie suchen?«, brachte der Junge den Satz in seinem singenden Englisch zu Ende. »Aber ja, Lady Kincaid. Genau das bedeutet es. Nicht ich bin es, den Sie treffen wollen, sondern mein Meister – und er gab mir den Auftrag, Sie zu beobachten und ihm dann Bericht zu erstatten.«

»Und?«, fragte Sarah einigermaßen verblüfft. »Was hast du gesehen?«

»Nichts Gutes, fürchte ich«, entgegnete Ufuk, und seine eben noch so unbekümmerten Züge verfinsterten sich. »Da ist Licht, aber auch viel Schatten. Viel Zorn und Hass … keine Geduld …«

»Bursche!« Friedrich Hingis fühlte sich an dieser Stelle bemüßigt einzugreifen. »Es steht dir nicht an, Lady Kincaid auf diese Weise zu kritisieren. Willst du dir anmaßen, beurteilen zu können, was sie durchgemacht hat? Oder glaubst du, in ihr Herz sehen zu können?«

»Nein«, gab der Junge zu, »das kann niemand. Das Auge kann nur beurteilen, was es sieht …«

»So ist es«, knurrte der Schweizer.

»… was bedeutet, dass wir wohl noch einige weitere Tage abwarten müssen, bis sich Lady Kincaids wahre Gesinnung zeigt«, brachte Ufuk seinen Satz zu Ende. »Was?«, fragte Sarah aufgebracht.

»Wir warten noch eine Woche«, sagte der Junge mit einer Entschiedenheit, die keinen Widerspruch duldete. »In dieser Zeit werde ich Sie weiter beobachten. Treffen Sie mich in einer Woche wieder hier, dann werde ich Sie zu meinem Meister …«

»Nein!«, schnitt Sarah ihm das Wort ab. »Ich werde keinesfalls noch eine weitere Woche warten.«

»Lady Kincaid.« Ein unschuldiges Lächeln glitt über die Züge des Jungen. »Ich fürchte, Sie haben keine andere Wahl.«

»Das sehe ich anders«, schnaubte sie. »Sag deinem Meister, dass er nicht versuchen sollte, Spiele mit mir zu spielen, wenn er die Belohnung haben will.«

»Lady Kincaid«, sagte Ufuk noch einmal, und sein Lächeln nahm einen fast mitleidigen Ausdruck an. »Meinem Meister ist nicht an Ihrem Gold gelegen. Sein Leben ist der Anhäufung von Wissen gewidmet, nicht der von weltlichem Besitz. Sie sehen also, es gibt nichts, womit Sie seine Entscheidung beeinflussen könnten. Leben Sie wohl.«

Damit wandte er sich um und verließ das Kaffeehaus, und schon im nächsten Moment hatte die Menge ihn verschluckt.

»Also so was!«, entrüstete sich Hingis und stemmte die Arme in die Hüften. »Das ist doch unerhört! Wenn ich gewusst hätte, dass dieser Lümmel … Sarah?«

Der Schweizer brauchte einen Moment, um festzustellen, dass seine Begleiterin gar nicht mehr neben ihm stand. Stattdessen sah er sie plötzlich draußen auf dem Basar, wo sie die Verfolgung des Jungen aufnahm.

»Sarah! Warten Sie …!«

Rasch setzte er sich den Zylinder wieder auf und stürzte ebenfalls nach draußen – der Paschtune hatte sich längst aus dem Staub gemacht. Ob er das Geld, das Hingis ihm zugesteckt hatte, dafür ausgeben würde, sich die Nase verbinden zu lassen, war fraglich. Wahrscheinlich würde er es nur in eine der zahlreichen Opiumhöhlen tragen, von denen es in der Hauptstadt der Osmanen mindestens ebenso viele gab wie im Londoner East End.

Es fiel dem von Natur aus nicht gerade groß gewachsenen Schweizer alles andere als leicht, Sarah auf den Fersen zu bleiben. Ein gutes Stück vor sich sah er ihren Fes aus dem Meer der Köpfe ragen, doch ein zweirädriger Karren, auf dem sich frisch geschlachtetes Hammelfleisch türmte, hinderte ihn daran, zu ihr aufzuschließen. Endlich bog der Metzgergeselle, der den Karren zog, in einen Seitengang ab, und Hingis hatte freies Feld. Wieselflink stieß er in die entstandene Bresche vor und holte auf, sodass ihn nur noch wenige Armlängen von der Freundin trennten.

»Sarah!«, rief er abermals. »Sarah …!«

Abermals hörte sie nicht auf ihn. Hingis beschleunigte seinen Schritt – um im nächsten Moment gegen einen hochgewachsenen Anatolier zu prallen. Indem er seinen Stock, den er als Gentleman stets bei sich zu tragen pflegte, geschickt als Werkzeug einsetzte, hebelte sich der Schweizer den Weg frei – und sah gerade noch, wie Sarah in eine Nebengasse des Basars abbog. Da dieser weniger frequentiert war als der Hauptweg, gelang es Hingis, mit wuselnden Schritten zu ihr aufzuschließen.

»Ich muss doch sehr bitten«, stieß er keuchend hervor.

»Was meinst du?«, fragte Sarah, dabei geradeaus starrend, um den jungen Ufuk, der ihnen ein gutes Stück voraus war, im Blick zu behalten. Angesichts seiner osmanischen Kleidung grenzte es ohnehin an ein Wunder, dass sie ihn nicht längst aus den Augen verloren hatte.

»Du handelst eigensinnig«, warf Hingis ihr zwischen geräuschvollen Atemzügen vor. »Du bist impulsiv und wütend und schlägst Menschen ohne erkennbaren Grund.«

»Ich weiß«, erwiderte sie beiläufig und machte damit klar, dass der junge Türke sie wesentlich mehr interessierte als das Lamento des Schweizers.

»Du musst aufpassen«, fuhr er dennoch fort.

»Worauf?«

»Du weißt, dass du gelegentlich dazu neigst, dich in Dinge zu verrennen, Sarah«, brachte Hingis in Erinnerung. »Lass es nicht enden wie damals, als ich dich vergeblich warnte und du …«

Abrupt blieb sie stehen, schaute ihm streng ins Gesicht. »Das hat nichts mit dem hier zu tun«, stellte sie klar.

»Da wäre ich mir nicht so sicher«, konterte er. »Auch damals hast du geglaubt, Kamal retten zu können, indem du alle Vorsicht in den Wind geschlagen hast. Und was ist dabei herausgekommen?«

Die Brille auf seiner Nase hatte zu beben begonnen, wie sie es immer tat, wenn er sich über etwas echauffierte. Einen Augenblick lang hatte es den Anschein, als würde Sarah etwas erwidern wollen, aber sie besann sich anders und wollte die Verfolgung fortsetzen. Ufuk jedoch war verschwunden.

»Wo ist er hin?«, fragte sie und blickte suchend die Ladengasse hinab, zu deren Seiten Keramik aus Kutahia, Kacheln aus Nikaia, Steingut aus Thrakien und chinesisches Porzellan zum Kauf angeboten wurden – nur von dem jungen Türken war nichts mehr zu sehen.

»Verschwunden«, sagte Hingis leise.

»Verdammt.«

»Oh, Sarah, das tut mir leid«, versicherte der Schweizer. »Das wollte ich nicht, ich …«

»Schon gut«, knurrte sie und eilte weiter, vorbei an kunstvollen Vasen und blauweiß glasierten Fliesen. Das Ende der Gasse bildete eine Ladenfassade aus dunklem Zedernholz. Der Eingang wurde von einem dunklen Vorhang verschlossen, kafesler7 verhinderten den Blick durch die schmalen Fenster. »Dort hinein muss er gegangen sein«, meinte sie überzeugt.

»Und?«, fragte er atemlos. »Was willst du tun? Ihn an den Ohren herauszerren und mit vorgehaltener Waffe zwingen, uns zu seinem Meister zu führen?«

»Wenn es sein muss.«

»Nimm Vernunft an, Sarah! Wir sind nicht so weit gekommen, um jetzt alles zu gefährden …«

»So weit gekommen?« Sie schaute ihn durchdringend an. »Wie weit sind wir denn gekommen, Friedrich? Ganz abgesehen davon, dass wir eine Niederlage nach der anderen, einen Verlust nach dem anderen hinnehmen mussten? Was haben wir gewonnen außer ein paar fragwürdigen Rätseln und Anspielungen?«

»Nun, ich …«

»Ich will endlich Antworten«, stellte sie klar, »und ich will sie jetzt!« Und ohne ihrem Begleiter auch nur die Gelegenheit zu einer Antwort zu geben, schlug sie den Vorhang beiseite und betrat den Laden. Hingis folgte ihr, wenn auch nur unter Protest.

Noch ehe sich ihre Augen an das spärliche Licht gewöhnt hatten, verrieten ihre Nasen ihnen bereits, wohin sie geraten waren. Der süßliche Geruch von Tabak, Minze und getrockneten Früchten tränkte die rauchgeschwängerte Luft, dazu war das charakteristische Blubbern zu hören, mit dem eine nargile ihren Betrieb zu untermalen pflegte. Ein bauchiges Gefäß stand neben dem anderen aufgereiht, dahinter saßen Männer auf bequemen Polstern und nippten den Rauch von den Mundstücken. Die entrückten Gesichter, die einige von ihnen machten, ließen darauf schließen, dass es nicht nur gewöhnlicher Tabak war, der in den Köpfen der Pfeifen glomm.

Sarahs Züge verzerrten sich vor Abscheu. Zum einen entsann sie sich lebhaft, in jungen Jahren heimlich an Gardiner Kincaids nargile gesogen und daraufhin ein höchst unerfreuliches Zwiegespräch mit ihrem Magen geführt zu haben. Zum anderen erinnerte sie der betäubende, leicht süßliche Geruch von Opium an Maurice du Gard, den treuen Freund, den sie verloren hatte.

Je tiefer es in das Rauchhaus hineinhing, desto entrückter wurden die Gesichter und desto lebloser die Gestalten, die auf den Polstern lagen. Lautlose Schatten huschten zwischen ihnen umher, die ihre Pfeifen am Brennen hielten, während ein Saz-Spieler leise, fast ätherische Klänge auf seinem Instrument zupfte. Es war eine gespenstische Szenerie, durch die Sarah und Hingis huschten, während sie sich weiter nach dem verschwundenen Jungen umblickten. Doch von Ufuk fehlte nach wie vor jede Spur.

Sie erreichten den Hinterausgang, der in ein geräumiges hanlar8 führte. Ein türkischer Lagerist, der sich ihnen protestierend in den Weg stellen wollte, verstummte, als Sarah ihm den Revolver unter die Nase hielt. »Ist hier jemand durchgekommen?«, fragte sie. »Ein Turkmene mit dunkler Haut und schmalen Augen? Etwa fünfzehn Jahre alt?«

Sie war sich nicht sicher, ob der Mann Arabisch verstand, denn aus seinen Augen sprach Unverständnis. Dennoch nickte er und deutete zwischen den mit Tabakballen vollgestopften Regalreihen hindurch zum Hinterausgang des Lagers.

Sarah nickte und eilte weiter, gefolgt von Hingis, dem die Sache noch immer nicht behagte. »Ich weiß nicht, Sarah«, versuchte er seinen Bedenken flüsternd Ausdruck zu verleihen. »Die Sache gefällt mir nicht. Was, wenn es eine Falle ist?«

Sarah musste zugeben, dass auch ihr dieser Gedanke schon gekommen war, aber sie hatte ihn verscheucht wie ein lästiges Insekt. Sie glaubte nicht, dass der junge Ufuk ein Agent der Gegenseite war. Und selbst wenn, würde sie ihren Weg gehen. Denn mehr als alles andere wollte sie Antworten …

Sie erreichten die hölzerne Tür, durch deren Ritzen grelles Tageslicht fiel. Sarah versuchte, einen Blick nach draußen zu erheischen, aber alles, was sie sah, waren sandiger Boden und eine kahle Mauer. Offenbar befand sich hinter der Tür ein kleiner Hof.

Den Revolver im Anschlag, stieß Sarah die Tür auf. Sonnenlicht blendete sie, sodass sie die Augen abschirmen musste, als sie hinaus ins Freie trat. Sie hörte das Knirschen ihrer Stiefel im Sand, dann einen scharfen Luftzug von Friedrich Hingis – und fuhr alarmiert herum.

Hinter ihr, an der Wand des Lagerhauses aufgereiht, sodass sie von drinnen nicht zu sehen gewesen waren, stand ein halbes Dutzend Männer. Es waren Osmanen in typischer Kleidung, die ihre Turbane jedoch gelöst und so um die Köpfe geschlungen hatten, dass ihre Gesichter nicht zu erkennen waren. In ihren Händen lagen Steinschlosspistolen, die altertümlich anmuten mochten, jedoch schussbereit geladen waren und auf Sarah und ihren Begleiter zielten. Und der kalte Blick ihrer Augen ließ vermuten, dass sie nicht zögern würden, die Abzüge zu betätigen.

Friedrich Hingis ließ ein tiefes Seufzen vernehmen, während er langsam die Hände hob. »Früher«, kommentierte er trocken, »habe ich alles darangesetzt, auf jeden Fall immer Recht zu behalten. Was für ein Idiot ich gewesen bin.«

»Nein«, widersprach Sarah, während sie angesichts der drückenden Übermacht den Colt Frontier sinken und schließlich fallen ließ. »Der Idiot bin ganz zweifellos ich.«

»Selbsterkenntnis ist ein erster Schritt auf dem langen Weg zur Besserung«, sagte plötzlich jemand, der hinter ihnen stand und dessen Kommen sie nicht bemerkt hatten. In Anbetracht der schussbereiten Mündungen wagten Sarah und Hingis nicht, sich umzudrehen, aber sie erkannten die Stimme auch so. Sie gehörte keinem anderen als Ufuk …

»Ich wusste, dass Sie mir folgen würden, Lady Kincaid«, sagte der Junge, während er sie umrundete und in ihr Blickfeld trat, ein Lächeln im Gesicht. »Mein Meister hat es mir gesagt.«

»So«, schnaubte Sarah. »Hat er dir auch gesagt, dass du uns auf einen einsamen Hinterhof locken und uns ausrauben sollst?«

»Ich? Sie ausrauben?« Aus seinen schmalen Augen sprach pures Unverständnis. »Wo denken Sie hin? Ich habe nur den Auftrag, Sie auf die möglichen Folgen unbesonnenen Handelns aufmerksam zu machen.«

»Danke, das ist dir gelungen«, erwiderte Sarah trocken und mit einer Spur von Spott. »Und nun? Was willst du tun, nachdem du uns diese Lektion erteilt hast? Uns wieder laufen lassen?«

»Wenn Sie gehen möchten, dürfen Sie das natürlich«, räumte der Junge zu ihrer Überraschung ein. »Wenn Sie allerdings noch immer meinen Meister treffen wollen, dann sollten Sie bleiben und mit mir kommen. Denn ohne meine Hilfe werden Sie ihn niemals finden.«

»Du – du willst uns zu deinem Meister führen?«

»Gewiss.« Ufuk nickte.

»Aber – wieso auf einmal? Vorhin sagtest du …«

»Lady Kincaid«, sagte der Junge mit ruhiger Besonnenheit, die weit jenseits seiner Jahre zu liegen schien, »nicht unsere Worte sind es, die uns zu dem machen, was wir sind, sondern allein unsere Taten.«

»Und das heißt?«, wollte Sarah wissen, die wenig Verlangen danach verspürte, sich von einem Halbwüchsigen Rätsel aufgeben zu lassen.

»Es war eine Prüfung«, gab Hingis instinktiv die Antwort. »Er hat uns auf die Probe gestellt.«

»Ist das wahr?«

»Ja und nein«, erwiderte der Junge frohgelaunt. »Im Grunde haben Sie sich selbst auf die Probe gestellt, Lady Kincaid. Ich habe nur getan, was mein Meister mir aufgetragen hat.«

»Was führt dein Meister im Schilde?«, wollte Sarah wissen und machte eine ausladende Handbewegung, die die Vermummten und den Hinterhof, ja, den ganzen Basar einzuschließen schien. »Was soll das alles? Warum hast du uns so lange vor dem Kaffeehaus stehen lassen? Warum sagtest du, dass wir noch eine weitere Woche warten müssten? Warum dieses alberne Versteckspiel?«

»Ich sagte es Ihnen schon, Lady Kincaid – um Sie zu prüfen. Mein Meister wollte wissen, wie ernst es Ihnen ist.«

»Und jetzt weiß er es?«, fragte Sarah kritisch.

»Offensichtlich«, bemerkte Hingis süffisant.

»Folgen Sie mir also, wenn Sie meinen Meister treffen möchten.« Ufuk nickte ihnen zu und deutete auf den Revolver, der herrenlos auf dem Boden lag. »Und stecken Sie Ihre Waffe wieder ein, Lady Kincaid. Man weiß nie, wann man es mit echten Räubern zu tun bekommt.«

»Witzig«, kommentierte Hingis, dem der Schrecken noch immer in den Gliedern saß, und rang sich ein freudloses Lächeln ab. »Das Kerlchen ist wirklich witzig.«

»Ja«, bestätigte Sarah, während sie den Colt vom Boden auflas und wieder unter ihrem doloman verschwinden ließ. »Die Ringling-Brüder hätten ihre wahre Freude an ihm.«

Wie sie erst jetzt bemerkten, hatte der Hof einen zweiten Ausgang. Zwischen zwei einander überlappenden Mauern führte ein schmaler Weg hindurch, der zurück ins Labyrinth der Verkaufsgassen führte. Die Vermummten waren noch immer bei ihnen, allerdings hatten sie die Steinschlosspistolen unter ihren Umhängen verschwinden lassen, um nicht die Aufmerksamkeit der Polizei zu wecken.

»Wie heißt dein Meister?«, erkundigte sich Sarah, während sie den Basar durch das Mehmet-Pascha-Tor verließen.

»Er hat viele Namen«, antwortete der Junge ausweichend. »So wie die Weisheit selbst auch viele Namen hat. In meinem Land wird sie irfan genannt, in Persien dânâyy, in Hindustan gyana …«

»Was du nicht sagst«, entgegnete Sarah säuerlich. »So genau wollte ich es gar nicht wissen.«

»Haben Sie Geduld, Lady Kincaid«, riet Ufuk. »Sie werden alles erfahren, was Sie zu wissen begehren.«

»Junge«, erwiderte sie, »du hast keine Ahnung, was ich zu wissen begehre …«

Sie verließen die von Läden gesäumte Straße und bogen in eine der weniger frequentierten Gassen des Basarviertels ein. Sarah gab es auf, nach dem Ziel ihres Marsches zu fragen, und auch Friedrich Hingis schien beschlossen zu haben, sich überraschen zu lassen.

Sehr lange zu warten brauchten sie nicht.

Nachdem sie einem Gewirr von Gassen gefolgt waren, die immer enger und dunkler geworden waren, erreichten sie einen weiteren Hof, der von hohen Lehmmauern umgeben wurde. Die Stirnseite wurde von einem Gebäude eingenommen, dessen Bauweise der eines traditionellen konak9 entsprach, mit einem aus Stein gemauerten Erdgeschoss und oberen Stockwerken, die in Fachwerktechnik errichtet waren, mit den charakteristischen schmalen, von hölzernen Läden verschlossenen Fenstern. Das Gebäude jedoch war schmaler als üblich, und statt der gemeinhin verbreiteten drei Etagen hatte es viereinhalb, wenn man die strohgedeckte Dachkuppel mitrechnete, sodass es ein gutes Stück aus dem Meer der umgebenden Häuser ragte.

»Das Heim meines Meisters«, erklärte Ufuk dazu. »Er nennt es den ›Turm der Weisheit‹.«

»Darf ich eintreten?«, fragte Sarah.

»Natürlich. Mein Meister erwartet Sie.«

»Wie kann er das?«, fragte Sarah. »So weise und gelehrt dein Meister auch sein mag, er konnte doch nicht wissen, dass ich die Geduld verlieren und dir folgen würde …«

Ufuk begnügte sich mit einem Lächeln als Antwort. Durch die sich öffnende Tür aus dunklem Eichenholz betrat Sarah das Haus. Für einen Sekundenbruchteil fühlte sie sich an einen anderen Ort, an einen anderen Turm erinnert, in dem ebenfalls ein weiser Mann gewohnt hatte. Als sie jenen anderen Turm das erste Mal betreten hatte, war sie noch ein Kind gewesen, nun war sie eine erwachsene Frau. Ihre Befangenheit, als sie in das ungewisse, von exotischen Gerüchen durchsetzte Halbdunkel trat, war dennoch dieselbe.

Die unterste Etage des Hauses war, den orientalischen Gepflogenheiten entsprechend, der Vorratshaltung gewidmet. Der nächste Stock, in den man über eine schmale Treppe gelangte, beherbergte die Küche und einen Aufenthaltsraum. Darüber befanden sich die Unterkünfte der Bediensteten, zu denen offenbar die Vermummten zählten. Bevor Sarah die nächste Treppe hinaufstieg, deren dunkles Holz mit Teppichen beschlagen war, entledigte sie sich ihrer Schuhe – keine Pantoffeln, wie Osmaninnen sie trugen, sondern Stiefel aus Filz. Erst dann erklomm sie langsam die knarrenden Stufen, wohl ahnend, dass sie jeden Augenblick dem Herrn des Hauses gegenübertreten würde.

Als sie das Ende der Treppe erreichte, war ihr, als würde sie in eine andere Welt eintreten, in eine andere Zeit. Dass Hingis und Ufuk ihr folgten, bekam sie kaum mit. Viel zu gebannt war sie vom Anblick der Wunder, die sich ihrem Auge präsentierten. Inmitten all der Folianten und Schriftrollen, der Gefäße und Figuren, der Glücksbringer und Talismane, der Globen und Sternkarten, der Planetenmodelle und Öllampen, die von der niedrigen Decke hingen, fühlte sie sich tatsächlich wieder wie ein staunendes Kind. Überwältigt von der Macht der Erinnerung und einem Gefühl alter Vertrautheit, wandte sie sich um – und war kaum überrascht darüber, in ein Gesicht zu blicken, das sie nur zu gut kannte.

Die Anzahl der Falten, die die von Sonne und Wetter gegerbten Züge zerfurchten, hatte sich seit der letzten Begegnung noch vervielfacht. Dünn und ausgemergelt waren sie. Die Augen waren leer und blicklos wie einst, und genau wie damals trug der alte Mann einen Turban und eine gestreifte djellabah10. Sarah trat näher, um sicherzugehen, dass sie sich nicht irrte. Aber es bestand kein Zweifel. Dort auf den Kissen, inmitten all seiner Wissensschätze, saß kein anderer als Ammon El-hakim. Der Weise von Mokattam …

3.

»Salam aleikum, Sarah«, sagte der alte Ammon und hob sein Haupt, als könnte er die Besucherin sehen. Dabei war sein Augenlicht schon vor langer Zeit verloschen, geblendet vom Glanz der Sterne.

»El-aleikum salam«, hörte Sarah sich selbst den Gruß erwidern. Sie hatte sich noch immer nicht von ihrer Überraschung erholt.

Zuletzt hatte sie den Alten, dessen Name übersetzt »der Weise« bedeutete, in Kairo gesehen, in der alten Sternwarte auf dem Djebel Mokattam. Damals war sie auf der Suche nach dem Buch des Thot gewesen, und Ammon, der der letzte Spross aus dem Geschlecht des Hammurabi war, hatte Sarah auf die richtige Spur gebracht. Danach jedoch war er spurlos verschwunden, wohin, das wusste niemand.

Bis zu diesem Tag …

»Wie lange ist es her, mein Kind?«, fragte Ammon mit jener brüchigen, aber noch immer kraftvollen Stimme, aus der alle Weisheit des Orients zu sprechen schien. In jungen Jahren hatte Sarah den Alten, der ein enger Freund Gardiner Kincaids gewesen war, deshalb für einen Zauberer gehalten, für einen magischen Mann. Doch die Wirklichkeit, das hatte sie später festgestellt, war beinahe noch faszinierender.

»Mehr als zwei Jahre«, erwiderte Sarah flüsternd. Am liebsten wäre sie auf den Weisen zugerannt und hätte ihn umarmt, aber sie wollte nicht respektlos erscheinen, und so blieb sie an der Treppe stehen, den Oberkörper und das Haupt leicht gesenkt.

»Eine lange Zeit, nicht wahr?«

»In der Tat.« Sarah nickte fassungslos. »Ich glaubte Euch verloren, Meister. Ich dachte, Ihr wärt längst …«

»… tot?«, fiel er ihr ins Wort und lächelte dünn. »Noch nicht, mein Kind. Obschon es Tage gibt, da meine alten Knochen schmerzen und ich mir wünschte, Allah möge mich in seiner Weisheit abberufen aus dieser Welt. Aber er tut es nicht. Noch nicht …«

»Ein Glück«, hauchte Sarah und gönnte sich ein Lächeln, obwohl sie in diesem Moment ein beunruhigender Gedanke beschlich. El-Hakim schien nie einen Zweifel daran gehegt zu haben, dass sie ihre Schritte zu ihm lenken würde. Waren ihre Handlungen so einfach vorherzusehen? Wenn der Weise sie vorauszusagen vermochte, dann ganz sicher auch ihre Feinde …

»Du denkst zu viel nach, Sarah«, sagte der Alte unvermittelt. »Das war schon früher so.«

»Und ich bin wie ein offenes Buch für Euch, Meister«, entgegnete Sarah ergeben. »Das war auch schon früher so.«

Dasselbe Gefühl von Demut überkam sie, das sie auch schon als Zwölfjährige vor dem Weisen verspürt hatte. Sie kam sich töricht und unwissend vor, aber gleichzeitig verspürte sie auch Hoffnung. Wenn überhaupt jemand das Rätsel lösen konnte, das der Codicubus barg, dann war es el-Hakim, dessen Ahnenwurzeln bis ins alte Babylonien reichten und in dem sich das Wissen ungezählter Sternendeuter, Geschichtskundiger und Philosophen vereinte.

»Ihr also seid der geheimnisvolle Gelehrte, den wir so lange gesucht haben«, sagte sie leise.

»Hat dein Herz es dir nicht gesagt?«

»Nein.« Sie schüttelte den Kopf. »Mein Herz ist blind vor Sorge, Meister. Nicht weniger blind als Eure Augen.«

»Ich weiß, mein Kind, denn ich habe dich beobachtet. Mein treuer Ufuk, den ich mir nach dem Tod des armen Kesh als Diener genommen habe, hat mir stets berichtet. Aber zürne ihm deswegen nicht. Nicht seine Idee war es, deine Geduld auf eine so lange Probe zu stellen, sondern meine.«

»Warum, Meister?«

»Ich wollte dich prüfen, Sarah. Ich wollte wissen, ob du noch die bist, die ich einst kannte, und ob du noch immer auf der Seite des Lichts stehst. Worte können täuschen, nur unser Handeln offenbart unsere wahren Beweggründe.«

»Und?«, fragte Sarah. »Was habt Ihr über mich herausgefunden?«

»Dass du dich verändert hast, Sarah«, eröffnete der Weise ihr hart. »Wo ist deine Geduld geblieben, wo die Güte, die dich dein Vater gelehrt hat? Der Duft von Lavendel eilt dir nicht mehr voraus.«

»Nein, Meister«, gab sie zu. »Die Zeit der Lavendelblüten ist vorbei.«

»Was ist geschehen?«

»Ich bin aufgewacht«, sagte sie nur, und die Trauer, die sie für einen Moment überkam, war so überwältigend, dass sie blinzeln musste.

»Setz dich«, sagte er, auf eines der Kissen deutend, die seinen eigenen Sitz umlagerten. »Ufuk wird uns Minztee zubereiten, und wir werden ihn mit viel Zucker süßen. In meinem Alter«, fügte er hinzu, auf seinen zahnlosen Mund deutend, »ist dies eine der wenigen Freuden, die mir geblieben sind.«

»Gerne, Meister«, erwiderte Sarah und verbeugte sich respektvoll. »Darf ich Euch meinen Begleiter vorstellen? Sein Name ist …«

»… Friedrich Hingis«, vervollständigte Ammon ohne Zögern. »Mein Augenlicht mag ich verloren haben, aber ich habe gelernt, auf andere Weise zu sehen. Viele der Menschen, an die ihr euch auf eurer Suche gewandt habt, sind mir in Freundschaft verbunden: der Kurator der Bibliothek, Alcut der Antiquitätenhändler …«

»Friedrich ist ein guter Freund«, stellte Sarah den beherzten Schweizer vor. »Wo andere längst die Flucht ergriffen hätten, ist er bei mir geblieben. Und er hat mir das Leben gerettet. Ohne ihn würde ich nicht hier vor Euch stehen.«

»Dann ist er auch mir willkommen«, sagte Ammon nur. »Nun setzt euch, meine Kinder, und dann berichtet, was euch in die Stadt Konstantins geführt hat.«

Sarah und Hingis leisteten der Aufforderung Folge, und auf bequeme Seidenkissen gebettet, begann Sarah zu berichten: Von ihrer Suche nach dem Buch des Thot, auf dessen Spur der Hinweis des Weisen sie gebracht hatte; von ihrem Abenteuer in der libyschen Wüste und dem Kampf um das Feuer des Re; von Kamal, dem jungen Fürsten der Tuareg, den sie kennen und lieben gelernt hatte und mit dem sie in England eine glückliche Zeit verbracht hatte, bis dunkle Mächte in ihr Leben eingegriffen hatten; von ihrer Suche nach dem Wasser des Lebens, das sie benötigte, um Kamal von dem rätselhaften Fieber zu heilen, das ihn befallen hatte; von ihrem Besuch beim Totenorakel von Ephyra und schließlich von den dramatischen Ereignissen, die sich hoch über Nordgriechenland in einem Meteora-Kloster abgespielt hatten. Sarah schonte sich nicht dabei; weder verschwieg sie den Tod ihres Freundes du Gard noch verhehlte sie die Fehler, die sie begangen hatte, oder die Opfer, die diese Fehler gefordert hatten.

Als die Rede auf das Kind kam, das sie im Leib getragen hatte, versagte ihr die Stimme. Als sie sich wieder gefasst hatte, berichtete sie von den Verbündeten, die sie im Lauf der vergangenen beiden Jahre gefunden hatte, aber auch von den Gegnern, die ihr erwachsen waren. Und sie erzählte Ammon auch von den Zyklopen, jenen hünenhaften, nur mit einem einzigen Auge ausgestatteten Kriegern, denen sie erstmals in der Bibliothek von Alexandria begegnet war.

Damals hatte Sarah noch angenommen, dass es nur einen gab, was sich als Irrtum herausgestellt hatte. Es schien viele Einäugige zu geben, und längst nicht alle waren Sarah feindlich gesonnen. Einer von ihnen, Polyphemos, hatte gar sein Leben geopfert, um sie zu beschützen, wenngleich Sarah noch immer nicht wusste, welche Rolle genau die Einäugigen spielten.

Und schließlich berichtete sie dem alten Ammon auch von jener Organisation, in deren Diensten sowohl ein Teil der Zyklopen als auch die verräterische Gräfin von Czerny standen: der Bruderschaft des Einen Auges, deren Wurzeln angeblich Jahrhunderte, ja sogar Jahrtausende in die Vergangenheit reichten …

Nachdem sie ihre Erzählung beendet hatte, kehrte für eine Weile Schweigen in der Turmkammer ein. Längst hatten sie den Pfefferminztee, den Ufuk ihnen in kleinen Holzschälchen serviert hatte, getrunken, und da sich der Tag dem Ende neigte, hatte der Junge einige der Öllampen entzündet, die an Messingketten von der Decke hingen. Das Sonnenlicht, das in dünnen Scheiben durch die geschlossenen Fensterläden fiel, hatte die Farbe von Bernstein angenommen, und von draußen war der Ruf des Muezzins zu vernehmen.

Allah ak-barr …

Gott ist groß.

Der alte Ammon schien es nicht zu hören. Reglos kauerte er auf seinen Kissen, gleichmäßig atmend und mit geschlossenen Augen, sodass man hätte meinen können, er wäre eingeschlafen.

»Das Eine Auge«, sagte er nach einer endlos scheinenden Weile. »Also ist es auch dir begegnet.«

»›Auch‹?«, hakte Sarah nach. »Wollt Ihr damit sagen, dass …?«

»In jener Nacht am Mokattam«, erklärte der Alte, »wurde mir klar, dass ein Kreis im Begriff war, sich zu schließen. Die letzte Strophe eines Gesangs, der vor langer Zeit angestimmt worden war, hatte begonnen. Grausame Mächte aus ferner Vergangenheit waren dabei, sich wieder zu regen, die Kräfte des Bösen.«

Er öffnete die Augen, und obwohl Sarah wusste, dass er blind war, hatte sie das Gefühl, dass er ihr auf den Grund ihrer Seele blickte. »Nach dem Überfall jenes vermummten Attentäters, dem der arme Kesh zum Opfer fiel, war mir klar, dass ich nicht länger auf der alten Sternwarte bleiben konnte. Mit Hilfe treuer Freunde gelang mir die Flucht nach Damaskus, wo ich mich eine Weile versteckte. Ich hoffte, dass du das mir gegebene Versprechen halten und das Feuer des Re vernichten würdest.«

»Was ich auch getan habe«, ergänzte Sarah.

»Ich weiß.« Ammon nickte. »Ich konnte es spüren, selbst über die weite Entfernung hinweg. Aber die Erben Meherets haben damit nicht zu existieren aufgehört, oder?«

»Nein«, gab Sarah zu. »Damals wusste ich es noch nicht, aber jene Macht, die die verschollene Bibliothek von Alexandria zu finden hoffte, und jene, die danach trachtete, das Feuer des Re in ihren Besitz zu bringen, waren ein und dieselbe. Sie gab sich verschiedene Namen und bediente sich immer neuer Gehilfen, aber die treibende Kraft, die hinter allem stand, war die des Einen Auges.«

»Und dieses Auge«, pflichtete el-Hakim ihr bei, »beobachtete mich. Bei Nacht konnte ich es in meinen Träumen sehen, bei Tag spürte ich seinen suchenden Blick über mir – und schließlich entdeckte es mich. Die Schergen des Bösen stellten mir abermals nach, und ich musste wieder fliehen, diesmal in die Hauptstadt der Osmanen. Dank der Hilfe vermögender Freunde fand ich in diesem Hause Unterschlupf und in Ufuk einen verlässlichen Diener. Und bis zum heutigen Tag bin ich dem Blick des Einen Auges entgangen.«

»Dann sollten wir sofort gehen«, sagte Sarah und schickte sich an, sich zu erheben. »Durch unsere Anwesenheit hier bringen wir Euch nur in Gefahr, Meister. Genau wie damals.«

»Bleib«, sagte der Alte nur.

»Aber wir können nicht ausschließen, dass unsere Feinde uns aufspüren werden, und wenn sie das tun, wird sie das auch zu Euch führen …«

»Deine Sorge um mich ehrt dich, mein Kind«, erwiderte Ammon. »Dennoch ist es meine Entscheidung und nicht deine. Oder glaubst du, du wärst hier, wenn ich es nicht gewollt hätte?«

»Nein«, gab Sarah zu. »Wahrscheinlich nicht.«

»Also sei ganz beruhigt. Ihr seid hier, weil ich es so wollte. Und weil ich denke, dass ich noch eine Aufgabe zu erfüllen habe, ehe ich diese Welt verlasse.«

»Eine Aufgabe?«, fragte Sarah. »Was meint Ihr damit, Meister?«

»Ich wünschte, ich könnte es dir sagen, mein Kind. Alles, was ich weiß, ist, dass sich etwas verändert hat. Eine Verschiebung im Gefüge des Kosmos ist im Gang …« Er verstummte, und für einige Sekunden schien er sich in seinen Gedanken zu verlieren. Sarah nutzte die Pause, um für Hingis zu übersetzen, aber auch der Schweizer konnte sich keinen Reim auf die Worte des Alten machen.

Ammon el-Hakim hatte schon viele, sehr viele Sommer und Winter kommen und gehen sehen. Wie viele es genau waren, wusste Sarah nicht. Aber war es möglich, dass das Alter allmählich seinen Tribut forderte? Von ihrem letzten Treffen hatte sie den Weisen als ebenso klugen wie scharfsinnigen Denker in Erinnerung. Konnte es sein, dass …? Sie errötete innerlich und verbot sich, den Gedanken weiter zu verfolgen. Aber es war schon zu spät. Der alte Ammon, der sie in mancher Hinsicht besser zu kennen schien als sie sich selbst, hatte sie einmal mehr durchschaut.

»Du zweifelst an meinem Verstand«, stellte er fest. Kein Vorwurf lag in seiner Stimme, es war eine einfache Feststellung.

»Nein, Meister«, beteuerte Sarah schnell, »ich …«

»Auch ich habe gezweifelt«, versicherte der Alte zu ihrer Verblüffung. »Wieder und wieder habe ich mich gefragt, ob jenes Auge, dessen Blick mich bis in den Schlaf verfolgte, nicht viel eher aus jenem Abgrund starrte, den wir selbst in uns tragen und in den wir all das werfen, was uns im Lauf unseres Lebens an Dunkelheit begegnet. Du kannst mir glauben, mein Kind, dass es viel Dunkelheit in meinem Leben gegeben hat, und nicht erst, seit ich mein Augenlicht verlor. Aber nicht jene Schwärze ist der Ursprung der Furcht, die mich quält, sondern die lange Nacht, die am Horizont der Zeit heraufzieht und die kein morgen kennt. Ihre Schatten sind bereits auf die Welt gefallen, aber das ist erst der Anfang.«

»Erst der Anfang?« Unruhe ergriff von Sarah Besitz. »Was genau meint Ihr damit, Meister?«

»Auch das kann ich dir nicht sagen, mein Kind. Aber ich fühle, dass all jene Dinge, von denen du mir berichtet hast – das Feuer des Re, das Wasser des Lebens – lediglich die Vorboten von etwas gewesen sind, das noch kommen wird. Etwas Großes, Bedeutendes – und sehr Gefährliches«, fügte Ammon hinzu, dessen blicklose Augen einen entrückten Ausdruck angenommen hatten.

Sarah merkte, wie sich ihr Magen verkrampfte, und sie spürte wieder jene dumpfe Panik, die ihr ständiger Begleiter war, seit sie Griechenland verlassen hatte. Bislang hatte sie geglaubt, dass ihre Sorge um Kamal dieser Angst zugrunde läge. Aber in diesem Moment erkannte sie, dass sie dasselbe fühlte wie Ammon.

Etwas war im Begriff, sich zu verändern.

Etwas näherte sich.

Etwas Dunkles.

Böses …

»Es ist die Vergangenheit«, flüsterte der Alte mit einer Stimme, die sie schaudern ließ. Die Flammen der Öllampen spiegelten sich in seinen Augen. »Sie erhebt sich aus den Tiefen der Zeit, um die Welt zu verderben. Ein Geheimnis, das der Menschheit niemals offenbart werden darf …«

»Wie das Buch von Thot?«, fragte Sarah zweifelnd. »Auch damals hieß es, die Menschen wären noch nicht reif für das Feuer des Re – dabei setzt die moderne Elektrizität Kräfte frei, die durchaus vergleichbar sind.«

»Und?«, fragte der Weise forschend. »Ist die Menschheit reif dafür?«

»Wohl nicht«, kam Sarah nicht umhin zuzugeben. Die Geschichte hatte gezeigt, dass der Mensch jede noch so nutzbringende Erfindung früher oder später als Waffe missbrauchte – vom Rad über das Schwarzpulver bis zum Dynamit. Und nun sprach el-Hakim von einem neuen Geheimnis aus ferner Vergangenheit …

»Die Flammen des ägyptischen Sonnengottes sind nicht zu vergleichen mit jener neuen Waffe«, gab er flüsternd bekannt. »Weder weiß ich, worin sie besteht noch was sie vermag, aber das Eine Auge sucht nach ihr, fieberhaft, um die Welt in ein Schlachtfeld zu verwandeln. Und du, Sarah Kincaid, bist der Schlüssel dazu …«

»Ich?«, fragte Sarah erschrocken und deutete auf sich selbst.

»Auch du fühlst die Bedrohung, nicht wahr? Die dunkle Furcht in deinem Herzen, die dich verfolgt und dich kaum atmen lässt.«

»Das ist wahr«, räumte Sarah ein. »Meine Furcht um Kamal …«

»Das allein ist es nicht«, beharrte der Alte. »Deine Liebe zu Kamal mag der Anlass deines Handelns sein, aber nicht seine Ursache. Große Verantwortung ruht auf dir, mein Kind, mehr, als selbst mein Freund Gardiner je geahnt hat.«

Sarah biss sich auf die Lippen. Noch vor einigen Jahren hätte sie ohne Zögern erwidert, dass sie nicht an die Kraft der Vorsehung glaubte. Doch dafür war inzwischen zu viel Unerklärliches passiert. Anstatt etwas zu erwidern, griff sie in die weiten Falten ihres Kleides und zog das Pergament aus dem Codicubus hervor.

»Was hast du da?«, fragte Ammon, als die Haut beim Entrollen leise knisterte – das Gehör des Alten war das eines Luchses.

»Ein Stück Pergament«,

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Das Licht von Shambala" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen






Teilen