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Das Licht in meinem Dunkel

Inhalt

  1. Cover
  2. Über dieses Buch
  3. Über die Autorin
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Widmung
  7. Zitat
  8. Erstes Kapitel
  9. Zweites Kapitel
  10. Drittes Kapitel
  11. Viertes Kapitel
  12. Fünftes Kapitel
  13. Sechstes Kapitel
  14. Siebtes Kapitel
  15. Achtes Kapitel
  16. Neuntes Kapitel
  17. Zehntes Kapitel
  18. Elftes Kapitel
  19. Zwölftes Kapitel
  20. Dreizehntes Kapitel
  21. Vierzehntes Kapitel
  22. Fünfzehntes Kapitel
  23. Sechzehntes Kapitel
  24. Siebzehntes Kapitel
  25. Achtzehntes Kapitel
  26. Neunzehntes Kapitel
  27. Zwanzigstes Kapitel
  28. Einundzwanzigstes Kapitel
  29. Zweiundzwanzigstes Kapitel
  30. Dreiundzwanzigstes Kapitel
  31. Vierundzwanzigstes Kapitel
  32. Fünfundzwanzigstes Kapitel
  33. Sechsundzwanzigstes Kapitel
  34. Siebenundzwanzigstes Kapitel
  35. Achtundzwanzigstes Kapitel
  36. Neunundzwanzigstes Kapitel
  37. Dreißigstes Kapitel
  38. Einunddreißigstes Kapitel
  39. Zweiunddreißigstes Kapitel
  40. Dreiunddreißigstes Kapitel
  41. Vierunddreißigstes Kapitel
  42. Fünfunddreißigstes Kapitel
  43. Epilog
  44. Danksagung

Über dieses Buch

Ein berührendes Debüt über eine Liebe, die alle Verletzungen heilt

Als die lebenslustige Cate einen tragischen Unfall verursacht, flieht sie vor ihren Schuldgefühlen zu ihrer Tante, die auf einer entlegenen Farm im Westen Australiens lebt. Dort trifft sie auf einen Fremden — den verschlossenen, grüblerischen Henry, der mit seinen eigenen Dämonen zu kämpfen hat.

Zwei Menschen, die unterschiedlicher nicht sein könnten - und doch wird das Schicksal sie miteinander verbinden. Bis sie erkennen müssen, dass ihre Liebe nur eine Chance hat, wenn sie sich erneut dem Leben und dem Tod stellen.

Über die Autorin

Anthea Hodgson stammt aus West-Australien, wo sie auf einer Farm aufwuchs. Später zog sie nach Perth, wo sie zunächst als Radio–Produzentin arbeitete. Inzwischen lebt sie dort mit ihrem Mann und ihren Kindern und nutzt ihre Liebe zu Kaffee dazu, immer wach genug zu sein, um ihre Bücher schreiben zu können.

ANTHEA HODGSON

DAS LICHT
IN MEINEM
DUNKEL

Roman

Aus dem australischen Englisch von
Frauke Lengermann

Für meinen geliebten Vater Colin,
den ich immer im Herzen tragen werde.

»Am Leben zu sein, bedeutet nicht einfach nur zu atmen, Liebes –
das wäre zu einfach. Es bedeutet, hier zu sein. Mit dir.«

Erstes Kapitel

Schon beim Verlassen der Stadt hatte Cate Christie gewusst, dass es schiefgehen würde. Als sie in ihrem winzigen Auto an riesigen Weizenfeldern und Schafweiden vorbeifuhr, wurde ihr klar, dass sie nicht bleiben würde. Das hier war nur vorübergehend. Ganz gleich, wie weit sie die hellen glitzernden Lichter der Stadt hinter sich ließ – Brigit war immer noch tot und würde es bleiben.

Cate gehörte genauso wenig aufs Land wie Brigit. Es war staubig, und alles wirkte wie tot; die eine Jahreszeit war vorüber, ohne dass die nächste angefangen hätte. Es war eine unfruchtbare Zeit – das Gras war vertrocknet, die Stoppeln der abgeernteten Weizenfelder waren niedergetrampelt, und die Rosenkakadus jammerten in den Bäumen über die Hitze. Als Cate den Wagen die Auffahrt hinaufsteuerte, stellte sie fest, dass die Farm kaum Kindheitserinnerungen in ihr weckte; das alte Haus schien in sich zusammengesackt und Teil der Gartens geworden zu sein. Kaum, dass sie den Motor abgestellt hatte, kroch die Stille durch die Autofenster herein. Einen Moment lang saß sie reglos da, betrachtete das Haus und die sich gelb verfärbenden Pflanzen und lauschte auf das Geräusch des Wellblechs, das über das leere Lehmziegelhaus kratzte. Ihr Urgroßvater hatte es vor langer Zeit erbaut.

Aufseufzend ließ sie die Hand eine Sekunde auf dem Türgriff liegen, ehe sie die Autotür öffnete und ausstieg. Sie schnappte sich den Karton mit den Lebensmitteln, die sie im Coop in der Stadt erstanden hatte, marschierte den kleinen Weg zur Haustür hinauf und klopfte.

Zuerst herrschte Stille im Inneren, dann hörte sie, wie sich jemand bewegte, und es erklang ein schlurfendes Geräusch. Cate wartete schweigend und hoffte, dass ihre Großtante bei ihrem Anblick sehen würde, was alle sahen: die energiegeladene, fröhliche junge Frau statt der nervösen unsicheren Person, in die sie sich seit der Beerdigung verwandelt hatte.

Während das Tageslicht stetig abnahm, trat Cate ungeduldig von einem Fuß auf den anderen. Sie glaubte, Radiostimmen im Hausinneren zu hören, und schließlich ertönte die Stimme ihrer Tante: »Einen Moment bitte, ich komme sofort!«

Ihre Stimme klang älter als in Cates Erinnerung. Natürlich tat sie das. Immerhin hatte Cate Ida jahrelang nicht gesehen. Die Reise nach Perth war für ihre Tante zu beschwerlich geworden, und Cate wiederum kostete es zu viel Überwindung, in den australischen Busch zu fahren. Bis jetzt.

Als die Tür endlich aufging, lächelte Cate tapfer. Einen Moment lang wirkte ihre Tante verwirrt, ihr kurzes weißes Haar hatte sie hastig aus dem Gesicht gestrichen. Ida war eine kleine Frau, kompakt gebaut und pragmatisch veranlagt. Sie trug einen ausgeblichenen blauen Hausanzug, der aussah, als hätte er bessere Zeiten gesehen. Pergamentartige, schlaffe Haut umrahmte ihre hellgrauen Augen. Idas Blick glitt zu einem Punkt hinter Cates Schulter, als stünde dort jemand, der ihr sagen konnte, wen sie vor sich hatte.

»Tante Ida. Ich bin’s – Cate«, sagte Cate mit zusammengepressten Lippen. »Dereks Tochter«, fügte sie hinzu. »Ich wollte herkommen und dir eine Weile Gesellschaft leisten, weißt du noch?«

Idas Gesicht blieb ausdruckslos.

»Du hast gesagt, dass du dich freuen würdest …«

Ida nickte langsam, als wäre sie bereit, alles zu glauben. »Oh! Wie schön! Ich muss da ein paar Termine durcheinandergebracht haben, das ist alles!« Ihre Tante machte eine vage Geste ins Innere des Hauses. »Es ist leider sehr unordentlich bei mir, Liebes. Es ging mir nicht so gut, und ich konnte nicht …« Nachdem sie kurz geschwiegen hatte, beeilte sich Ida, die Tür hinter Cate zu schließen, damit die Hitze draußen blieb. »Bitte komm rein, Liebes.«

Cate folgte ihr durch das dunkle Haus in die Küche, stellte den Karton mit den Lebensmitteln auf den Esstisch und gab ihrer Tante, die sich allmählich mit der Situation anzufreunden schien, einen Kuss. »Ziemlich heiß da draußen«, sagte sie.

Ida nickte. »Oh ja. Hinter uns liegen ein paar extrem heiße Tage, so viel ist sicher. Tagsüber halte ich die Türen geschlossen, nur nachts mache ich alles auf, um die kühle Nachtluft reinzulassen.« Sie sah sich um. »Die Hitze hat mich so angestrengt, dass ich es nicht geschafft habe, aufzuräumen«, erklärte sie entschuldigend. »Tut mir leid, dass es hier so chaotisch ist.«

Cate winkte ab. »Mach dir keine Gedanken. Du solltest mal sehen, wie es bei mir aussieht! Überall Klamotten, alte Kaffeetassen, Schminkkram. Es ist …«, sie zögerte, »eine richtige Müllkippe.«

»Nun ja. Magst du auch einen Tee?«, fragte ihre Großtante und ging Richtung Teekessel.

»Ähm, nein. Ich trinke nie Tee, ich hab nie verstanden, was die Leute daran finden.« Cate nahm sich ein Glas und füllte es mit Leitungswasser. »Ein Glas Wasser reicht mir vollkommen. Aber setz dich doch, Tante Ida. Ich mach dir eine Tasse, und wir unterhalten uns darüber, was in der Zwischenzeit passiert ist.«

Ihre Tante wirkte erfreut. Für Tee war es nie zu heiß.

Im Haus sah es katastrophal aus. Als Cate sich schließlich auf den Weg in ein überzähliges Zimmer machte, versuchte sie die Panik zu unterdrücken. Überall lagen Stapel mit uralten Zeitungen herum, die aussahen, als wären sie nie gelesen worden. Alle Oberflächen waren mit einer dicken Staubschicht bedeckt, die Zimmer und der lange Hausflur waren völlig vermüllt. Die Fenster waren grau von Schmutz, und im Wäscheraum und im Gästezimmer türmte sich meterhoch Gerümpel, das höchstwahrscheinlich noch von ihrem toten Onkel Jack stammte. Ihre Tante lief aufgeregt hinter ihr her.

»Das hier ist das richtige Zimmer, Liebes«, sagte sie. »Wir müssen nur ein bisschen aufräumen, dann wirst du es richtig gemütlich finden, versprochen.«

»Es ist perfekt, Tante Ida«, sagte Cate. »Es dauert keine fünf Minuten, hier ein bisschen Platz zu schaffen«, behauptete sie, ließ ihre Handtasche auf das alte Bett fallen und drehte sich zu ihrer Tante um. »Danach helfe ich dir mit dem Rest des Hauses. Das wird ein Spaß«, fügte sie optimistisch hinzu.

Ida wirkte leicht verdattert. »Oh. Ich will dir nicht zur Last fallen, Liebes. Es ist gut so, wie es ist. Du brauchst dich nicht um meinen Kram zu kümmern. So weiß ich immer, wo alles ist.«

Cate nickte. »Natürlich, das verstehe ich … es ist nur so, dass ich zurzeit nichts mit mir anzufangen weiß und mich gern irgendwie beschäftigen würde. Würde es dir etwas ausmachen, wenn wir deine Schätze mal zusammen durchsehen? Alte Dinge faszinieren mich«, versicherte sie ihrer Großtante.

Was nicht stimmte. Wesentlich besser gefielen ihr neue, glitzernde Dinge wie Parfumflakons, glänzender Nagellack und die Bläschen in der Champagnerflasche, wenn die Korken knallten und die Party losging. Aber sie würde tun, was auch immer nötig war, um ihre Tante zu überzeugen. Vor einem Monat hatte sich Cates Leben von Grund auf verändert, und sie schaffte es einfach nicht, die Bitterkeit abzuschütteln. Es fühlte sich an, als wäre ihr Leben ein schlecht erzogenes Schoßhündchen, das nicht aufhörte, über ihr Gesicht zu lecken und Häufchen auf ihren Teppich zu machen. Deshalb hatte sie sich eine Auszeit genommen – um wieder durchatmen und sich vormachen zu können, dass sie ihr Leben unter Kontrolle hatte. Dass sie kein schlechter Mensch war. Dass sie nicht das größte Miststück aller Zeiten war.

Als ihre Tante gegangen war, durchwühlte Cate ihre Reisetasche nach ihren Klamotten und stapelte sie auf der staubigen Frisierkommode. Ein paar alte Avon-Flaschen kippten um und fielen scheppernd übereinander. Cate inspizierte sie genauer, dann öffnete sie die oberste Schublade in der Hoffnung, dass sie leer war. Fehlanzeige. Die oberste Schublade war ein Friedhof für alte Toilettenartikel. Vorgebeugt studierte Cate die Etiketten. Die meisten Produkte wurden nicht mehr hergestellt, und der muffige Lavendelgeruch löste Brechreiz bei ihr aus. Sie versuchte es mit der zweiten Schublade, schob ein paar Stoffservietten mit Känguru-Motiv zur Seite und quetschte ihre Klamotten in die entstandene Lücke. Beim Betrachten ihrer Designer-T-Shirts, hautengen Jeans und Dessous kam sie zu dem Schluss, dass ihre Sachen an diesem Ort völlig fehl am Platz waren. Mit diesem Gefühl kannte sie sich aus.

Erleichtert und etwas melancholisch begrüßte Cate später das Hereinbrechen der Nacht. Sie ging nach draußen, um den Rosenkakadus zu lauschen, die in der warmen Luft kreischten, und um den in Richtung Staudamm laufenden Schafen zuzusehen, die mit ihren kantigen Hufen kleine Staubwölkchen aufwirbelten.

Als die Sonne untergegangen und das schwindende Tageslicht dem Grau der Dämmerung gewichen war, schaltete ihre Tante die Küchenlampe an und öffnete die Türen, um die kühle Abendluft hereinzulassen. Etwas berührte Cate am Bein, und sie schrak zusammen. Als sie nach unten sah, entdeckte sie das fröhliche Gesicht eines Border Collies, der sie erwartungsvoll musterte.

»Hallo, Mac«, flüsterte sie und ging in die Knie. »Natürlich erinnere ich mich an dich. Wo treibst du dich an so heißen Tagen herum?«

Sein Blick schien Richtung Maschinenschuppen oder vielleicht auch zum in sich zusammensinkenden Lehmziegelhaus zu schweifen. Wahrscheinlich gab es dort irgendwo einen tiefen kühlen Graben, in dem ein alter Hund dösend den heißen Tag verbringen konnte. Vermutlich war er den ganzen Tag in der Nähe des Staudamms unterwegs. Cate strich Mac übers Fell, bevor sie der Nacht den Rücken zukehrten und auf die Lichter des Hauses zugingen.

Zum Abendessen bereitete Cate ein paar anständige Omeletts zu.

»Das Essen ist gleich fertig, Tante Ida«, rief sie.

Ihre Tante lächelte. »Das riecht köstlich, Liebes. Wollen wir uns zusammen die Nachrichten anschauen?«

Cate nickte. »Na klar.«

Gemeinsam setzten sie sich ins Wohnzimmer. Die Omeletts waren ziemlich gut gelungen, fand Cate. Sie hatte mal einen Mitbewohner gehabt, der in einem beliebten Café gearbeitet hatte und der ihr gezeigt hatte, wie man mit Eiern umging. Mit diesen Rezepten hatte sie schon eine Menge Katerfrühstücke bestritten.

Während sie den Blick durch das Zimmer schweifen ließ, entdeckte sie zahlreiche Erinnerungsstücke an Großonkel Jack. In der Ecke war sein Sessel, und hinter der Tür standen immer noch seine Golfschläger. Das Bücherregal enthielt Bücher über den Zweiten Weltkrieg und über Viehzucht, außerdem lag dort das ramponierte Banjo, das er auf der Hintertreppe für sie gespielt hatte, als sie noch klein gewesen war. Sie warf einen Blick auf ihre Tante, die entspannt die Nachrichten schaute, um sie herum das Gerümpel vieler Jahre. Wahrscheinlich sah sie nicht mehr besonders gut, denn hin und wieder blinzelte sie den Bildschirm an und musterte skeptisch den Fußboden, bevor sie aufstand, um in der Küche Tee zuzubereiten.

»Tee, Tante Ida?«, fragte Cate und erhob sich eilig.

Ida hielt inne. »Ja, bitte, Liebes. Wie nett von dir.« Sie ließ sich auf ihren Stuhl zurücksinken, und Cate sammelte die Teller ein, bevor sie in die Küche ging.

Das Bett war furchtbar. Richtig furchtbar, und Cate hatte im Alkoholrausch schon an den abenteuerlichsten Orten Schlaf gefunden. Schließlich entfernte sie das Laken und schlief auf dem Matratzenschoner, Fenster und Vorhänge weit geöffnet, um überhaupt irgendwie atmen zu können. Kurz nach Mitternacht hörte sie ihre Tante den Flur hinunterschlurfen, erst Richtung Toilette und danach Richtung Küche.

Der Wasserkessel zischte, dann wurde das Radio eingeschaltet. Cate lag reglos da und versuchte, wieder einzuschlafen. Aber es ging nicht. Auf ABC lief ein Quiz. Ein Lkw-Fahrer aus Wagga Wagga schlug sich ziemlich gut. Cate erwischte sich dabei, dass sie im Geiste die Fragen ebenfalls beantwortete: Mandy Thursday. Bob Hawke. Independence Day. Zimmer mit Aussicht. Stöhnend zog sie das Kissen übers Gesicht.

In der plötzlichen Stille begannen ihre Gedanken zu wandern, und sie sah Brigit vor sich, die ihr die Tür öffnete, einen selbst erfundenen Cocktail in der Hand.

Hey, Cate, koste mal! Ich hab Dattelpflaumen reingetan! Dattelpflaumen und drei verschiedene Sorten Alkohol! Komm schon, Cate! Es ist gerade mal Mitternacht. Sei keine Langweilerin – lass uns ins Apple Grove feiern gehen!

Ihr Lachen hallte immer noch in Cates Ohren wider, wie ein fast unhörbares Echo. Cate drehte sich auf die Seite. Brigit war fort, und Cate war den weiten Weg nicht gefahren, um sie zu finden, sondern um sie hinter sich zu lassen. Irgendwie musste sie versuchen, mit sich selbst ins Reine zu kommen, den verborgenen Sinn hinter alldem zu entdecken.

Als sie sich auf die andere Seite drehte, wurde das Radio abgestellt, sodass die letzte Quizfrage unbeantwortet blieb. Ihre Großtante schlurfte den Flur hinunter, um endlich wieder ins Bett zu gehen, und nebenan in dem verlassenen Lehmziegelhaus erwachte ein kleines Licht zum Leben.

Zweites Kapitel

Die ersten Sonnenstrahlen wanderten bereits vor fünf Uhr morgens über die Farm und überraschten die Hühner, die drollige Geräusche vor Cates Fenster machten, sich aufplusterten und beim Aufwachen gegenseitig anglucksten. Cate gähnte einige Male laut, um sich selbst dafür eine Lektion zu erteilen, dass sie in der vergangenen Nacht keinen Schlaf bekommen hatte. Sich der Fantasie hingebend, dass sie in der Küche ein heißer Kaffee erwartete, setzte sie sich auf, stellte die Füße auf den Boden voller kleiner Steinchen und durchquerte den kühlen Flur.

»Guten Morgen, Liebes«, begrüßte sie ihre Tante, »Tee?«

Cate schüttelte den Kopf. »Nein danke, Tante Ida. Hast du gut geschlafen?«

Ida lächelte. »Oh, ich schlafe nicht mehr so gut. Ich bin alt«, fügte sie hinzu. »Ich bin heute Nacht wach gewesen – ich hab dich hoffentlich nicht geweckt?«

»Nein, keine Sorge. Ich habe einen festen Schlaf«, versicherte Cate.

Ida sah erleichtert aus. »Oh, das ist gut. Es gibt da einen zauberhaften Triel, der nachts für mich singt. Es klingt sehr traurig. Sein Gesang ist mir erst nach Onkel Jacks Tod aufgefallen. Manchmal gehe ich nachts raus, um zu schauen, ob ich ihn sehen kann, und trinke noch eine Tasse Tee … du weißt, was ich meine.«

Cate nickte und steckte zwei Toastscheiben in den Toaster, während ihre Tante ein altes Glas mit Vegemite aus dem Schrank holte.

»Ich hab mich gefragt, ob du letzte Nacht den Geist gesehen hast … aber offenbar schläfst du wie ein Stein und bekommst solche Sachen gar nicht mit.«

Cate horchte auf. »Ein Geist?« Innerlich sackte sie auf ihrem Stuhl in sich zusammen und ließ den Kopf auf die Tischplatte sinken. Heilige Scheiße. Tante Ida war offenbar nicht mehr ganz richtig im Kopf. Das klang ziemlich schräg. Sie würde es noch bereuen, dass sie es sich als Buße auferlegt hatte, hierher rauszufahren. Cate hatte schon genug Geister im Schlepptau, mit denen sie sich herumschlagen musste.

»Oh ja. Manchmal höre ich ihn, wenn er nachts im Schuppen herumläuft, Mac zu sich pfeift und mit irgendwelchen Sachen klappert. Ich glaube, dass er vor ein paar Wochen das Holzgatter zum Hühnerhof repariert hat.«

»Tatsächlich?« Cate biss von ihrem Toast ab. »Das klingt wirklich interessant.« Sie brauchte einen starken Kaffee – und zwar genau jetzt.

Ida bestrich ihren Toast mit Butter. »Alles in allem ist es ein guter Geist. Ich hab nie Angst, wenn ich ihn nachts höre.«

»Klingt prima«, brummte Cate. »Wenn das so ist …«

Ihren Toast musternd fragte sie sich, wie lange sie bleiben würde. Das hier passte so gar nicht zu ihr. Sie saß bei ihrer Tante am Tisch und aß Vegemite, weil sie dem dämlichen Impuls gefolgt war, einer bejahrten Verwandten zu helfen, über die sie nur wenig wusste. Nur um sich zu beweisen, dass sie etwas tun konnte, das die Mühe wert war. Sie biss noch einmal von ihrem Toast ab – jede Wette, dass es diesen Geist gar nicht gab.

Nach dem Frühstück kehrte Cate in ihr Zimmer zurück, um das ganze alte Zeug zusammenzuräumen und Platz für ihre Sachen zu schaffen. Als sie die Tür zu dem Zimmer öffnete, kam ihr eine Welle abgestandener Luft entgegen. Durch das Fenster strömte warme Luft herein, zusammen mit einer Staubwolke, die im Zimmer hängen blieb. Cate stellte einen großen Pappkarton auf den Boden und sah sich um. Pack einfach ein paar Sachen in den Karton, wenn sie dir im Weg sind, Liebes, hatte Ida gesagt. Cate seufzte. Es war mehr als ein Karton nötig. Da war ein Stapel mit Nähzeug, den seit Jahren niemand mehr angefasst hatte und der zweifellos darauf wartete, dass Tante Ida zurückkam und das Projekt beendete. Das wird nicht passieren, sagte sich Cate und kniete sich auf den Boden, um alte Stoffe, Gummibänder, Garn und Nähmuster einzusammeln. Tante Ida war eine begeisterte Näherin gewesen. Cate erinnerte sich an das von Ida genähte bunte Kindergartenkleid, als wäre es erst gestern gewesen. An die Freude, die sie empfunden hatte, wenn sie sich damit in einem Wirbel aus Pink, Lila und Gold um sich selbst gedreht hatte. Ihre Mutter war es irgendwann müde geworden, es ständig zu waschen und zu flicken, damit Cate es schnell wieder anziehen und das nächste Publikum damit begeistern konnte. Cate hatte schon vor langer Zeit aufgehört, sich ein zweites Kleid aus Idas Nähmaschine zu wünschen, Idas schlechter werdende Augen erlaubten ihr schon seit Jahren nicht mehr, etwas zu nähen. Dennoch stand die alte Janome-Nähmaschine immer noch mit dem Pedal verbunden auf dem Boden und wartete auf Arbeit. Cate stapelte alles in den Karton, was hineinpasste, und überlegte, was sonst noch vom Boden und aus dem Kleiderschrank ausgemustert werden konnte.

Auf der Veranda fand sie weitere Kartons, die sie ebenfalls vollpackte, danach füllte sie einen Eimer mit heißem Wasser und Desinfektionsmittel und fing an, jede einzelne Oberfläche des Gästezimmers damit zu bearbeiten. Im Zimmer roch es nun wie im Krankenhaus, und Cate würde das Fenster den ganzen Tag über geöffnet lassen müssen, damit der unechte Kiefernduft wieder verflog.

»Tante Ida«, wandte sie sich einige Zeit später an ihre Tante. »Das Angebot von gestern war ernst gemeint – ist es in Ordnung, wenn ich dir helfe, ein paar Sachen auszusortieren?« Sie lächelte hoffnungsvoll.

Idas Blick schweifte durch das Zimmer, vielleicht dämmerte ihr schon länger, dass sie die Kontrolle über ihre Besitztümer verloren hatte.

»Ich weiß nicht, Liebes – du hast sicher Besseres zu tun, als Onkel Jacks alte Sammlungen in Kisten zu verstauen?«

Cate schüttelte langsam den Kopf. Nein, das hatte sie nicht. »Ich würde dir wirklich gern helfen. Vielleicht mustern wir ein paar Dinge aus, und in ein paar Tagen schauen wir, wie es dir damit geht? Ich werfe wirklich nur die Sachen weg, die du nicht mehr willst«, versprach sie.

Ida zögerte einen Moment. »Vielen Dank, Liebes. Einige Dinge empfinde ich tatsächlich als Belastung – wahrscheinlich ist es Zeit für ein Großreinemachen.«

Cate grinste und umarmte sie kurz. Endlich hatte sie eine Aufgabe.

Wie sich herausstellte, befanden sich in einer der geheimnisvollen Kisten im Gästezimmer uralte Quittungen. Warum nicht mit ihnen anfangen? Cate holte einen Karton und eine Mülltüte aus dem hinteren schattigen Teil der Veranda und machte sich an die Arbeit. Eine Staubsaugerquittung von 2004. Weg damit. Eine Zahnarztrechnung aus dem darauffolgenden Jahr. Cate fuhr damit fort, Quittungen durchzusehen und auszusortieren, während ihre Gedanken zurück nach Perth wanderten.

Also gut, Cate. Sprechen wir noch einmal über die Unfallnacht. Wir fangen mit der Bar an, in der Sie mit Brigit zusammen etwas getrunken haben. Können Sie mir in Ihren eigenen Worten erzählen, was damals genau passiert ist …

Es gab eine Handvoll Lebensmittelquittungen aus Corrigin. Cate fragte sich, ob ein Freund oder eine Freundin Idas Einkäufe für sie erledigt hatte. Eine Überprüfung des Datums zeigte, dass die Quittungen sechs Jahre alt waren.

Und jetzt, Cate, würde ich gern noch mal auf Ihren Alkohol- und Drogenkonsum an jenem Abend zu sprechen kommen, das müssen wir uns noch mal genauer ansehen …

Sie starrte auf eine Ausgabe des Narrogin Observers von 2003.

Na schön, Cate, dann sind Sie also auf der Welshpool Road nach Osten gefahren – wie schnell waren Sie da Ihrer Meinung nach?

Die Kiste mit den Quittungen war immer noch voll, und Cate glaubte nicht, dass sie jemals fertig werden würde.

Können Sie mir sagen, warum Sie den Wagen gefahren haben, Cate? Schließlich war es das Auto Ihrer Freundin Brigit, die ebenfalls unter Drogeneinfluss stand – wie kam es dazu, dass Sie diejenige waren, die am Steuer saß?

Cate schnappte sich einen Stapel bedeutungsloser Papiere, den niemand vermissen würde, und stopfte ihn mit einer energischen Handbewegung in den dunkelgrünen Plastiksack.

Na schön, vielen Dank für Ihre Zeit. Ihre Eltern haben die Kaution übernommen. Sie können fürs Erste gehen, um sich zu gegebener Zeit vor dem Amtsgericht von Perth zu verantworten …

Cate kippte den Rest des Kartoninhalts in die Plastiktüte und ging zurück ins Haus.

Die Nachtluft war völlig unbewegt, und es duftete. Ida besaß eine gewaltige Anzahl alter Mary-Stewart- und Agatha-Christie-Romane, die sich im Flur stapelten. Cate amüsierte sich eine Zeit lang mit Tod auf dem Nil, ließ das Buch aber dann zu Boden sinken und nahm ein weiteres Mal den Kampf mit ihrem Bett auf. Ida hatte ihr erzählt, dass früher die Schafscherer darin geschlafen hatten. Die armen Schweine. Kein Wunder, dass sie inzwischen eigene Unterkünfte in Bullaring hatten. Draußen rief Onkel Jacks Triel, was bei Cate Gänsehaut auslöste, außerdem lief ihr ein Schauer über den Rücken.

Sie ging zum Fenster und redete sich ein, den Vogel sehen zu können. Vielleicht wollte sie in Wirklichkeit den Mond auch einfach mal nüchtern betrachten, aber dann war es nicht der Mond, der ihre Aufmerksamkeit auf sich zog. Drüben im Schuppen brannte gedämpftes Licht. Cate erstarrte und überlegte, ob es sich um die Reflexion eines Lichtscheins handeln könnte, aber das kam ihr unwahrscheinlich vor. Hastig suchte sie nach ihren Klamotten. Sie war schon immer ein impulsiver und neugieriger Mensch gewesen, und sie wollte vor Ort sein, bevor der oder die Unbekannte wieder verschwunden war.

Leise ging sie den Flur hinunter und trat hinaus in die Nacht, wobei sie unwillkürlich zusammenzuckte, als die Fliegentür beim Öffnen quietschte. Dann schlich sie barfuß über den rauen Sandboden und sog jedes Mal zischend die Luft ein, wenn sie auf eine Felskante oder einen kleinen Stein trat. Vielleicht wäre es besser gewesen, eine Waffe mitzunehmen, nur welche? Zu spät. Irgendwie hoffte Cate, dass es sich tatsächlich um einen Geist handelte – sie hatte keinen Schimmer, was sie sagen sollte, wenn sie einen echten Menschen im Haus vorfand.

Wären nur ihre Schritte auf dem trockenen Sand nicht so laut! Im Schuppen brannte Licht, und sie glaubte, eine Bewegung wahrzunehmen. Beim Näherkommen verließ sie einen Moment lang der Mut. Mac kam herausgelaufen und begrüßte sie. Mac. Natürlich. Er wirkte sehr zufrieden. Sie fragte sich, über wen oder was er sich so freute, und ging in die Hocke.

»Schhh …«, machte sie, die Nase in sein Fell gedrückt, wobei sie unwillkürlich die Muskeln anspannte. Mac schnaufte zufrieden, drehte sich um und marschierte gelassen zurück in den Schuppen. Cate folgte ihm. Drinnen standen der Traktor und ein alter Mähdrescher. Auf Zehenspitzen schlich sie hinein und widerstand der Versuchung, Ist jemand hier? zu flüstern. Sie war sich nicht sicher, ob eine Antwort etwas Gutes bedeuten würde.

Sekunde … wieder blitzte Licht auf, dieses Mal in der Ruine des Lehmziegelhauses. Vom Dach war kaum etwas übrig geblieben, und es beherbergte inzwischen nur noch Spinnen und Kaninchen, aber heute Nacht schien es dort noch einen Gast zu geben.

Cate blieb stehen. Wer immer dort war, es würde sich wohl kaum um einen Axtmörder handeln. Trotzdem hatte sie ein ungutes Gefühl, als sie das alte Gebäude betrat und hoffte, dass es nicht über ihr zusammenbrach. Die untergehende Sonne färbte die Ruine dunkelrot und schmutzig-schwarz, es roch nach Erde und Staub. Obwohl die Ruine unheimlich war, schien Mac sich dort wohlzufühlen – das musste der Ort sein, an dem er seine Nächte verbrachte. Sie lugte um die Ecke in die alte Küche, die noch am besten gegen Wind und Wetter geschützt war. Auf dem Holzofen brannte eine kleine Gaslampe, doch ihr Licht wurde von der Schwärze um sie herum verschluckt, sodass das Zimmer in ein gespenstisches Grau getaucht war.

»Hallo«, erklang plötzlich eine tiefe Stimme hinter ihr.

Cate schnappte nach Luft und machte vor Schreck einen kleinen Hopser, dann fuhr sie herum und entdeckte hinter sich einen hochgewachsenen Mann mit verfilztem Haar und einem langen, besorgniserregend dichten Bart, der sie beobachtete. Vermutlich hatte er auf dem alten Formica-Tisch in der Ecke gegenüber gesessen. Mac wirkte völlig unbekümmert; als er sich schwer zu Boden sinken ließ, verriet das dumpfe Geräusch, das er dabei machte, sein Alter. Cate starrte den bärtigen Fremden an und wartete auf eine Eingebung. Nichts.

»Was zum Teu… wer sind Sie?«, flüsterte sie aufgebracht.

Sein Gesicht blieb ausdruckslos. Stattdessen erwiderte er ihren Blick, als hätte er sie auf seinem Grundstück erwischt. Vor ihrem inneren Auge ließ sie die Ereignisse noch einmal Revue passieren. Nein, sie war sich sicher, dass sie das Recht hatte, hier zu sein – im Gegensatz zu ihm. Aber der Fremde schien anderer Meinung zu sein, er musterte sie, als schuldete sie ihm eine Erklärung.

Cate stand reglos da, verkniff sich nervöses Gebrabbel und betrachtete ihn stattdessen eingehend. Sein Alter war schwer einzuschätzen. Vielleicht dreißig? Der Bart ließ ihn älter wirken, und das strähnige Haar machte es nicht besser. Er trug schwarze Fußballshorts und ein altes Arbeitshemd, von dem sie annahm, dass es ihrem Onkel Jack gehört hatte. Jeans wären ihr lieber gewesen. Oder dass er ganz verschwand, wenn sie schon mal dabei war, darüber nachzudenken.

Keine Antwort.

»Also?«, hakte sie nach.

Sein Blick wanderte ein weiteres Mal verächtlich an ihr hoch und runter, um sie wissen zu lassen, dass er ihr nichts schuldig war.

»Ich bleibe ein Weilchen«, sagte er, als wäre das das Normalste der Welt.

»Warum?«

»Leeres Haus. Einsam gelegen.« Er hob eine Augenbraue. »Verhältnismäßig einsam.«

Cate sah zu Mac, der ganz offensichtlich nicht begriff, was das Problem war. Er mochte Herumtreiber. Sie hatten denselben Friseur und machten sich beide wenig aus Körperhygiene.

»Ihnen ist aber schon klar, dass das hier unsere Farm ist?«, zischte sie.

»Ihre? Sie sind doch gerade erst angekommen.«

»Genau wie Sie.«

»Ich wohne schon eine ganze Weile hier, Blondie«, korrigierte er sie.

Sie entschied sich für eine neue Strategie. »Wie heißen Sie?«

»Henry.«

»Wirklich.«

»Nein, nicht wirklich.«

Sie zuckte mit den Achseln. Na schön. »Wie auch immer, ich bin der Meinung, dass Sie jetzt verschwinden sollten.«

»Wohin?«

»Irgendwohin.«

»Kaum. Mac und ich sind Freunde. Ich will der alten Dame nichts Böses. Ich bin ohnehin bald wieder weg.«

»Nein! Morgen früh verschwinden Sie von hier!« Sie hielt inne. »Woher kennen Sie Macs Namen?«

Sein Blick wanderte zu dem Hund, als würde er mit ihm ein Geheimnis teilen. »Die alte Dame ruft ihn abends, um ihn zu füttern.«

Na schön.

Der Fremde deutete auf die Küche, und da sie davon ausging, dass ihr keine unmittelbare Gefahr drohte, folgte sie ihm in den kleinen nicht überdachten Raum, in dessen Ecke ein Feuer brannte.

»Sie wissen, dass offene Feuer zurzeit verboten sind?«

Er nickte. »Ich bin vorsichtig. Ich benutze es nur zum Kochen und stelle immer einen Wassereimer daneben. Davon abgesehen sind wir hier von vier hohen Wänden umgeben.«

»Kuschelig.«

»Es ist nicht viel, aber es ist mein Zuhause.«

»Das ist es verdammt noch mal nicht!«

Er lächelte beinahe, seine dunklen Augen leuchteten amüsiert auf, und dann war da noch etwas, das sie nicht einordnen konnte. Ein paar Sekunden lang starrten sie sich wortlos an. Seine dunklen haselnussbraunen Augen verschluckten das Dämmerlicht; im Sonnenlicht schimmerten sie wahrscheinlich in einem weichen Grün- und Bronzeton – es waren unergründliche Augen, dunkel und tief.

»Okay, Sie haben mich erwischt. Und was machen Sie hier?«

Cate deutete auf das Haupthaus. »Ich besuche meine Tante. Sie ist schon etwas gebrechlich, und ich dachte, dass sie meine Hilfe gebrauchen könnte.«

»Für wie lange?«

»Länger als Sie hier sein werden, darauf können Sie wetten.«

Der Unbekannte lehnte sich gegen die Wand. »Besucher sind Ihnen nicht willkommen, wenn ich Sie richtig verstehe. Ich mache Ihnen keine Schwierigkeiten. Ignorieren Sie mich einfach.«

Cate verschränkte die Arme vor der Brust. »Ist Ihnen klar, dass Tante Ida von Ihrer Anwesenheit weiß?«

»Tut sie das?«

»Ja. Haben Sie das Holzgatter zum Hühnerhof repariert?«

»Ja, ich war es leid, die Hühner ständig wieder einzusammeln, um zu verhindern, dass der Fuchs sie holt.« Er sah zu Mac. »Ich glaube, mein Kumpel hier hat eins erwischt.«

Mac wirkte beschämt. Cate runzelte die Stirn.

»Es gefällt mir nicht, dass ein … Herumtreiber in der Nähe meiner alten Tante lebt«, erklärte sie. »Das ist nicht gegen Sie persönlich gerichtet. Sie sind ja nicht auf der Flucht vor dem Gesetz oder so.«

»Nein, das bin ich nicht. Ich habe private Gründe.«

Sie betrachtete ihn ein weiteres Mal, und er sah sie auf eine Weise an, die ihr aus irgendeinem Grund Vertrauen einflößte. Es schien ihm nichts auszumachen, dass sie ihn in dem verlassenen Haus erwischt hatte, und er hatte guten Willen gezeigt, indem er das Tor reparierte. Möglicherweise lag es an seinen Augen, die im Dunkeln freundlich wirkten, und an seiner sanften Stimme. Aus diesem Grund zögerte sie. Dennoch spürte Cate das wohlbekannte Ziehen im Magen, das sie jedes Mal hatte, wenn sie dabei war, eine schlechte Entscheidung zu treffen.

»Eine Minute«, brummte sie und trat hinaus in die milde Nachtluft.

Schweigend lief sie im Kreis, seufzte schwer und fluchte leise. Er hat irgendwas an sich, dachte sie und sah hinauf zu den glitzernden Sternen, irgendwas, das gut ist. Lag es daran, dass sie müde war, oder war Henry wirklich jemand, dem man vertrauen konnte? Vielleicht hatte es mit seiner Stimme zu tun, die klang, als wäre es ihm egal, was sie von ihm dachte, oder es lag an seinem traurigen Gesichtsausdruck. Sie kannte das Gefühl, an einem Ort zu leben, wo man nicht hingehörte, und sie wusste, wie sich Trauer anfühlte. Sie selbst hatte auch Fehler gemacht, so viel war sicher, und sie wollte ebenfalls eine zweite Chance. Vielleicht sollte sie ihm einfach erlauben, zu bleiben – wenigstens für eine Weile. Er sah stark aus, und in den nächsten Wochen konnte sie zweifellos jemanden gebrauchen, der ihr tatkräftig zur Seite stand. Außerdem war er ein Mann und besaß wahrscheinlich handwerkliches Geschick.

Sie schlug ein paarmal mit der Faust in ihre offene Hand, denn sie wusste, dass sie wieder einmal dabei war, etwas Dummes zu tun. Aber dann kehrte sie in die Ruine zurück, wo er auf sie wartete. Der Unbekannte war sehr groß und machte einen sehr lebendigen Eindruck. Trotz der Dunkelheit konnte Cate seine Anwesenheit spüren, was ein beunruhigendes Gefühl war. Er stand immer noch an derselben Stelle und verschränkte die Arme vor der Brust.

»Was halten Sie davon, wenn ich Ihnen erlaube, hierzubleiben? Niemand wird Sie stören – außer Mac vielleicht …«

»Und?«

»Und dafür erledigen Sie für Tante Ida und mich ein paar Arbeiten auf der Farm.«

»Warum trauen Sie mir?«

»Das tue ich nicht. Aber ich weiß, wo der Schlüssel zum Waffenschrank liegt, und ich werde schon eins der Gewehre in Gang bringen, wenn Sie mir einen Grund dazu geben.«

»Ach, tatsächlich.«

Sein Gesichtsausdruck war skeptisch. Er musterte sie einige Sekunden lang, und sie bereute es, überhaupt gefragt zu haben. Er sah sehr kräftig aus, aber jahrelanger Alkohol- und Drogenkonsum hatten ihn vermutlich geschwächt. Funktionierte das nicht so? Man entschied sich für das Vagabundenleben, klaute ein paar nicht besonders coole Klamotten, betrank sich mit Modegetränken wie Raspberry Bacardi Breezer und vergaß für den Rest des Lebens, sich die Haare zu schneiden. Mithilfe der neuen Haarpracht hielt man die Leute davon ab, einem zu nahe zu kommen und zu riechen, was einem sonst noch wichtig war: den Kontakt mit Wasser zu vermeiden. Sie schnüffelte vorsichtig. Jep. Männlicher Schweißgeruch. Aber nicht so schlimm, wie sie es sich vorgestellt hatte – vielleicht hatte er sich in letzter Zeit doch mal gewaschen.

Er verschränkte immer noch die Arme vor dem Körper, sein Blick war wachsam. Vermutlich war er diese Reaktion gewöhnt.

»Was ist?«, fragte sie. »Haben wir eine Abmachung? Für ein paar Wochen?«

Er zögerte, schien dann aber einen Entschluss zu fassen. »Einverstanden«, bestätigte er und hielt ihr seine große Hand hin.

Cate schloss die Augen und nahm sie; sie war rau und warm und trocken. Sie schüttelten sich die Hände.

»Kennen Sie sich mit Landwirtschaft aus?«, fragte sie hoffnungsvoll und kämpfte gegen den Impuls an, sich die Hand an der Hose abzuwischen. Es war immer noch zu warm.

»Nein. Ich bin kein Farmer.«

»Ach was.«

Sein Bart bewegte sich. Wahrscheinlich hatte er Flöhe.

»Na schön«, sagte sie mit großer Bestimmtheit, während sie die Ruine verließ, »aber halten Sie sich bitte mit dem Stehlen zurück. Ein paar Eier hier und da sind okay. Und versuchen Sie nicht, Mac zur Kaninchenjagd anzustiften. Er ist alt und hat ein kaputtes Knie.«

»Ich weiß«, erwiderte er ruhig.

»Na dann«, schloss sie ihre kleine Ansprache. »Man sieht sich. Tante Ida lernt Sie am besten so schnell wie möglich kennen. Ich möchte nicht, dass sie einen Schreck bekommt.«

»In Ordnung.«

Sie war fast draußen.

»Schlafen Sie gut«, sagte er zum Abschied.

Der Mann hatte Nerven.

Es stellte sich schnell heraus, dass das mit dem Schlafen nicht klappte. Die Hitze war erdrückend, und Cate schaffte es nicht, Henrys tiefe, weiche Stimme aus ihrem Kopf zu verbannen. Seine Hand auf ihrem Arm war groß und warm gewesen, und es hatte sich gut angefühlt. Ehe sie wusste, wie ihr geschah, ehe sie auch nur Luft holen konnte, wanderten ihre Lippen über seine breite nackte Brust, labten sich an seiner heißen, weichen Haut und dem kratzigen Haar. Seine Hände erforschten ihren Körper, streichelten ihren Rücken, registrierten, dass sie keinen BH trug, wanderten langsam zu ihren Brüsten und liebkosten sie. Auch wenn seine dunklen Augen ihr Rätsel aufgaben – seine Hände weckten den süßen Schmerz der Begierde in ihr. Er legte eine Hand unter ihr Kinn und drehte ihr Gesicht zu sich, um sie zu küssen …

Cate rollte sich auf die Seite, fiel aus dem Bett und landete mit einem dumpfen Geräusch auf dem Fußboden. Sie riss die Augen auf. Sie war allein. Mist. Aber selbst wenn sie gerade dabei war, den Verstand zu verlieren – sie war noch am Leben.

Drittes Kapitel

Auch der nächste Tag war klar und sonnig. Cate wachte auf und fand sich ein weiteres Mal in der ländlichen Einöde wieder. Was genau war in der vergangenen Nacht passiert? Im Lehmziegelhaus wohnte ein hochgewachsener haariger Kerl. Abgesehen von seiner Frisur und dem selbst gewählten Lebensstil wirkte er ganz normal. Vielleicht konnte er wirklich eine Hilfe sein, wenn ihr die Farm etwas abverlangte, worauf sie keine Lust hatte. Tante Ida musste ihn kennenlernen. Später.

Nachdem sich Cate etwas angezogen hatte, ging sie auf Zehenspitzen in die Küche, um sich einen Instantkaffee zu machen. Allein den Kaffeebehälter zu öffnen brachte sie auf die Palme. Während sie das Wasser im Kessel erhitzte, sah sie sich um und überlegte, was sie als Nächstes anpacken sollte.

Als ihre Tante wenig später die Küche betrat, drehte Cate sich zu ihr um. Ida sah müde aus. Vielleicht hatte sie genauso wenig Schlaf bekommen wie Cate.

»Möchtest du einen Tee?«, fragte Cate und griff nach einer Tasse.

»Oh ja, bitte, Liebes – das ist genau das, was ich frühmorgens brauche«, erwiderte Ida mit einem Blick durch die ausgeblichenen Gardinen. »Sieht aus, als würde es wieder ein heißer Tag werden.«

Cate ließ einen Teebeutel in die Tasse fallen und schaltete den Toaster ein.

»Ich hatte überlegt, mit dem Geländewagen rauszufahren und auf der Farm nach dem Rechten zu sehen«, sagte sie. »Ich könnte auch gleich die Wassertröge überprüfen.«

»Das ist eine großartige Idee, Cate. Ich habe es nicht geschafft, mich ausreichend darum zu kümmern. Die meisten Schafe habe ich verkauft, sie machen eine Menge Arbeit, wenn man es richtig machen will. Bei diesem Wetter ist es einfach zu beschwerlich für mich, da draußen unterwegs zu sein.« Mit einem Nicken nahm sie den Tee entgegen und schaute durch die verschmierte Fensterscheibe. »Trotzdem, solange ich noch ein Zuhause habe, möchte ich an keinem anderen Ort sein.«

Neben dem Küchentisch stand eine große Tiefkühltruhe. Darauf befand sich eine staubige, vertrocknete Banksia in einer orangefarbenen Vase, an die sich Cate noch aus ihrer Kindheit erinnerte. Die Truhe war mit Papierkram bedeckt, von dem einiges auf den Tisch und auf die Stühle unterm Fenster geflattert war. »Was sind das eigentlich für Unterlagen?«, fragte Cate und deutete auf die Papierstapel.

Ida guckte schuldbewusst. »Oh. Nun ja. Das sind ein paar Dinge, um die ich mich eigentlich kümmern wollte … Briefe, Spendenanfragen, und ein paar Rechnungen werden auch dabei sein.«

Stirnrunzelnd musterte Cate das Durcheinander. »Hast du dir die Unterlagen in letzter Zeit mal angesehen? Es sieht so aus, als würde der Berg immer größer werden.«

»Oh ja, ich hab reingeschaut. Ich erledige, was schnell erledigt werden muss, Liebes. Wenn ich zu lange warte, um eine Rechnung zu begleichen, dann rufen sie in der Regel an, und ich zahle per Kreditkarte übers Telefon.«

»Meinst du nicht, dass du das alles mal in Ruhe durchgehen solltest?«, fragte Cate sanft. Ida wirkte besorgt und ging zur Spüle, wo sie nervös den Wasserhahn auf- und wieder zudrehte, als wäre sie auf einmal sehr beschäftigt.

Cate seufzte. Offensichtlich war so einiges liegen geblieben. Wie schlimm die Situation inzwischen war, war schwer zu sagen, da Ida nicht zugeben wollte, dass es ein Problem gab. Das Haus war nicht einfach nur zugemüllt und unordentlich, es war auch dreckig und muffig. Idas nachlassende Sehkraft verhinderte, dass sie sah, was alles zu erledigen war, und ihre altersbedingte Gebrechlichkeit raubte ihr die Kraft, es zu tun. Vielleicht war Ida früher kein Messie gewesen – zurzeit war sie allerdings auf dem besten Weg, einer zu werden. Die im Flur aufgereihten Kartons enthielten alte Briefe, Zeitungen und Erinnerungsstücke, die teilweise an die zwanzig Jahre alt waren. Die Tür zum Büro hatte Cate gerade weit genug aufbekommen, um den unbenutzten Computer, die Einkaufstüten voller Zeugs, die alten Drucker, Faxgeräte und Schreibmaschinen sehen zu können. Es wurde immer schwieriger, Rechtfertigungen dafür zu finden, dass Tante Ida weiter allein hier draußen lebte, aber sie wollte einfach nicht weg, auch wenn sie in der Stadt ein viel komfortableres Leben hätte führen können. Cate hingegen würde hier sofort abhauen, wenn sie könnte. Himmel – sie wäre in Sekundenschnelle aus der Tür und würde die Einfahrt hinunterrasen. Der Kaffee schmeckte furchtbar. Sie tötete ihn mit ihren Blicken.

»Hast du jemanden, der dir auf der Farm hilft?«, fragte sie.

Ida nickte. »Ja, ich habe ein paar Nachbarn, die Land von mir pachten und dort selbst etwas anbauen – es hilft mir, den Kopf über Wasser zu halten.«

Das klang zwar nicht nach einer guten Dauerlösung, würde aber vermutlich noch eine Weile funktionieren.

»Huch, wer ist denn das?«, hörte sie Ida fragen, die auf diese Weise Cates Aufmerksamkeit auf ihr Gespräch zurücklenkte.

»Mh? Was meinst du?« Cate stellte ihre Kaffeetasse hin und sah aus dem Fenster. Henry kam in einem alten T-Shirt, zerschlissener Jeans und mit einer dunklen Sonnenbrille auf der Nase den Pfad hinauf. Sein wild wucherndes Haar und sein Bart sahen bei Tageslicht genauso schlimm aus wie in der vergangenen Nacht. Er klopfte.

»Oh. Ähem … Tante Ida?« Cate ging zur Tür. »Letzte Nacht habe ich diesen Mann kennengelernt, er wohnt im alten Lehmziegelhaus. Er heißt Henry und hat zurzeit eine Pechsträhne.« Das klang okay. »Ich dachte, er könnte uns ein paar Tage helfen, die eine oder andere Arbeit erledigen, wenn es dir recht ist. Danach zieht er weiter.«

Cates Worte schienen Ida nicht weiter zu interessieren, stattdessen öffnete sie die Tür.

»Guten Morgen«, begrüßte sie Henry, als handelte es sich um einen altbekannten Nachbarn und keine bärenähnliche Kreatur, die in ihrem Schuppen hauste und ihre Eier klaute. »Möchten Sie hereinkommen?«

Cate musterte ihre Tante schockiert. Im Ernst? Sie lud den Fremden ins Haus ein? Den wurden sie doch nie wieder los.

Aber er schüttelte den Kopf. »Nein, vielen Dank. Ich heiße …ähem … Henry. Ich bin hergekommen, um mich dafür zu entschuldigen, dass ich ohne Ihre Erlaubnis in dem alten Lehmziegelhaus geschlafen habe. Außerdem wollte ich fragen, ob Ihre Freundin startklar ist, um gemeinsam nach den Schafen zu sehen.«

Ida wirkte erfreut. Ihr gefielen Männer, die zupacken konnten, und wenn dabei die Gesichtsbehaarung vernachlässigt wurde, scherte sie das nicht weiter.

»Cate? Ja, ich bin mir sicher, dass sie fertig ist. Ich heiße Ida, und es macht mir überhaupt nichts aus, wenn Sie in der alten Hütte wohnen. Der Großvater meines Mannes hat sie vor vielen Jahren gebaut. Ich bin mir sicher, dass er sich freuen würde, wenn er wüsste, dass sie hin und wieder von einem Tagelöhner genutzt wird.«

Cate verdrehte die Augen. Im Ernst jetzt?

Henry bedachte ihre Tante mit einem respektvollen Nicken. »Ich weiß das zu schätzen«, sagte er schlicht, wobei sein Blick zu Cate wanderte, die wie das fünfte Rad am Wagen hinter ihrer Tante stand und das schlimmste Blind Date (falls sie sich jemals dazu entschließen sollte, ein Blind Date mit einer anderen Spezies zu wagen) ihres Lebens auf sich zukommen sah. Henry wirkte etwas ungeduldig, allerdings konnte sie sein Gesicht durch die ganzen Haare hindurch nicht wirklich sehen. Dies war einer der Tage, an denen ihr ihre selbst auferlegte Buße ganz besonders schwerfallen würde.

»Na schön«, seufzte sie. »Wo sind die Schlüssel für den Geländewagen, Tante Ida?«

»Im Zündschloss«, erwiderte ihre Tante, als wäre ihre Nichte geistig nicht ganz auf der Höhe.

»War ja klar«, brummte Cate leise und schnappte sich ihren Hut. »Kommen Sie, Mister ›Tagelöhner‹.«

Die frühmorgendliche Sonne brannte bereits vom Himmel, als sie zum Geländewagen marschierten. Henry hob Mac auf die Rückbank, dann setzte er sich hinters Steuer. Cate stieg ebenfalls ein.

»Aha. Sie fahren, wie’s aussieht«, sagte sie.

Er nickte. »Sie können die Tore öffnen, Cate.«

Großartig. Sie versuchte sich in Erinnerung zu rufen, wo überall welche waren, während er den Wagen aus dem Schuppen steuerte und den Treibgang hinauflenkte. Die Zäune waren größtenteils intakt, auch wenn einige der in die Jahre gekommenen Zaunpfähle splitterten und brachen. Sie würden irgendwann ersetzt werden müssen, aber noch war es nicht so weit. Vielleicht hielten sie länger durch als Tante Ida.

Cate warf einen Blick auf den Mann neben ihr. Seine Miene verriet nichts, er sah einer Schafherde hinterher, die vor dem Geländewagen in den Busch flüchtete. Ob er sich wohl mit Schafen auskannte? Oder mit Geländewagen? Er wusste einiges über Hunde. Und Haare. Angeekelt betrachtete sie seinen Vollbart und sah dann weg.

Schließlich erreichten sie das Ende des Treibgangs. Cate sprang aus dem Wagen und entriegelte das Gatter, dann stemmte sie sich dagegen und öffnete es. Henry passierte das Tor und wartete, bis sie wieder eingestiegen war.

»Sie kennen sich hier aus?«, fragte er und legte den Gang wieder ein.

»Jep. Ich bin hier aufgewachsen. Es gab zwei Brüder, Jack und Brian – Letzterer war mein Großvater. Sie arbeiteten viele Jahre zusammen auf der Farm, aber irgendwann kam heraus, dass mein Vater sich nichts aus Landwirtschaft machte. Die Farm brachte ohnehin nicht genug ein, um zwei Familien zu ernähren. Als mein Großvater in Rente ging und nach Perth zog, verkauften wir die Hälfte unseres Besitzes und verließen die Farm. Ich war noch ein Kind.« Die Hitze im Wageninneren nahm zu, also kurbelte sie das Fenster herunter.

»Ihr Onkel und Ihre Tante blieben auf der Farm.«

»Ja. Onkel Jack wollte nicht weg, und sie hatten keine Kinder – ich nehme an, dass sie einfach nicht viel Geld brauchten.«

Die kleine Schafherde auf der Weide hatte sich um einen Trog versammelt. Henry hielt an.

»Und jetzt ist nur noch Ihre Tante übrig geblieben.«

»Ja. Sie ist sehr stur.«

Henry öffnete die Tür und betrachtete die traurigen Gesichter der Schafe, die sich um den Trog versammelt hatten. »Und warum sind Sie hier? Wirklich, meine ich«, fragte er mit einem Seitenblick.

Cate zuckte mit den Achseln und stieg aus dem Geländewagen. »Ich mag Schafe«, sagte sie. Möglicherweise zog er die Augenbrauen hoch, aber ganz sicher war sie nicht.

»Wirklich.«

»Oh ja«, bekräftigte sie enthusiastisch. »Sie sind so herrlich flauschig.« Er nickte langsam, kniete sich in den Matsch und schob die Betonabdeckung des Trogs beiseite, um den Zufluss zu inspizieren. Der Mechanismus, der die Öffnung mit einer Kugel freigab und verschloss, funktionierte, aber der Trog hatte sich mit Schlamm und Schleim gefüllt, und irgendwo auf der halben Länge der Betonrinne schien es ein kleines Leck zu geben. Die Schafe hatten bei dem Versuch zu trinken so lange im Matsch gescharrt, dass ein Graben entstanden war. Cate studierte die schleimige Szenerie mit einem Blick, von dem sie hoffte, dass er Interesse ausdrückte. Sie schob die Hand unter die Abdeckung, um nach der Kugel zu greifen und den Wasserzufluss so lange zu stoppen, bis Henry am anderen Ende fertig war. Aber dieser griff mit einer schnellen Bewegung nach ihrer Hand.

»Ich würde meine Finger da nicht reinstecken«, sagte er und ließ ihre Hand rasch wieder los.

»Mh?«

»Schwarze Witwen, Prinzessin. Jede Wette, dass da eine ganze Familie unter der Abdeckung haust.« Cate zog die Hand weg und rieb damit hektisch an ihrem Shirt herum.

Ihr Herz klopfte wie verrückt, und sie wusste nicht, warum. Wenn sie tatsächlich mit einer Giftspinne in Berührung gekommen war, dann würde sie ohnehin jede Sekunde einen Herzanfall erleiden. Vielleicht waren es die Spider-Man-artigen Reflexe des haarigen Giganten an ihrer Seite, die ihren Adrenalinspiegel in die Höhe trieben. Ihr Handgelenk prickelte.

Henry drehte den Betonblock herum, und da waren sie, vier oder fünf Schwarze Witwen, die ins Sonnenlicht blinzelten.

Als Cate erneut damit anfing, ihre Hand am Shirt abzureiben, beachtete er sie nicht weiter, sondern ging zum anderen Ende des Trogs, wo sich etwas befand, das wie ein großer badewannenartiger Stöpsel aussah. Nachdem er ihn inspiziert hatte, ging er zum Geländewagen und schnappte sich einen Schraubenschlüssel.

Cate kam zu dem Schluss, dass ihr keine unmittelbare Todesgefahr drohte und beobachtete die Schafe, die aus sicherer Entfernung zusahen. Henry schien zu wissen, was er tat – er entfernte den Stöpsel, sodass der Rest des grünbraunen Wassers aus dem Trog abfließen konnte und im Boden versickerte. Dann begann er mit gewölbten Händen den Schleim aus dem Trog zu schieben. Cate sah ihm mit einer Mischung aus Ekel und Befriedigung zu. Sein Arm musste inzwischen ziemlich stinken, und sie würde neben ihm im Auto sitzen müssen. Das Wasser strömte laut zischend durch das Loch unter der Kugel in den Trog und trug Staub und Schlamm mit sich fort.

»Kommen Sie, Prinzessin«, sagte Henry. »Helfen Sie mit.«

Cate betrachtete das Wasser, das durch den Trog strömte. »Bei der nächsten Tränke«, versprach sie. »Und eine Prinzessin bin ich auch nicht.«

Sein Bart zuckte, sein Gesicht hing tief über dem Wasser. »Was Sie nicht sagen.«

Im Anschluss widmeten sie sich dem Rest der Farm auf die gleiche Weise, inspizierten Zäune, sahen nach den Schafen und überprüften die Wasserversorgung. Einige Schafherden mussten auf andere Weiden transportiert werden, da ihre Wasserstellen austrockneten. Davon abgesehen waren ein paar Zäune reparaturbedürftig oder mussten ersetzt werden. Der Sommer schritt weiter voran, und die nach Futter suchenden Tiere hatten die Weide in eine graue Steppe verwandelt. Die Schafe ernährten sich von Kleewurzeln, und bald würde es nichts mehr außer Sand zu fressen geben. Henry parkte den Geländewagen im Schuppen und stellte den Motor ab.

»Sie brauchen zusätzliches Futter«, brummte Cate.

»Wir könnten uns den Getreidespeicher ansehen, gucken, ob genug Futter da ist. Hat es Sinn, Ida danach zu fragen?«

Cate zuckte mit den Achseln. »Ich weiß nicht. Aber irgendjemand wird mir schon helfen können, das Zeug zu identifizieren. Wie schwer kann das sein?«

Henry nickte.

»Was fressen Schafe? Hafer?«

»Ich glaub schon … und vielleicht Süßlupinen?«

Sie wechselten ratlose Blicke. »Ich recherchiere das mal auf meinem Mobiltelefon – vorausgesetzt, ich bekomme irgendwo eine Internetverbindung.«

»Ich glaube nicht, dass Sie hier draußen eine Verbindung kriegen«, sagte er und hob Mac aus dem Geländewagen. Er kniete sich hin und streichelte dem Hund den Bauch, was diesem ein begeistertes Schnaufen entlockte.

»Wie halten Sie denn die Verbindung zur Außenwelt?«

»Tu ich nicht.«

»Und was ist, wenn Ihnen was zustößt?«

»Das ist es schon.«

Er sprach zu Mac und mied ihren Blick, aber sie sah ihm an, dass es stimmte. Falls der Bart eine Botschaft an seine Mitmenschen war, dann besagte sie so viel wie: »Bleib weg!« Cates Blick wanderte zum weit entfernten Horizont, an dessen Rändern die Farben verblassten, während sich der Himmel in die Erde brannte. Das Land erstreckte sich flach, leer und endlos vor ihnen. Wenn Henry etwas Schlimmes passiert war und er sich vor der Welt verstecken wollte, dann war Tante Idas Farm genau der richtige Ort dafür.

Viertes Kapitel

Den Rest des Tages verbrachte Cate damit, die Küche so gut es ging in Ordnung zu bringen, sie schrubbte jede Oberfläche und entfernte halbherzig den Staub von den Fenstern. Hin und wieder kam ihre Tante herein, um ihr zu helfen, meistens jedoch, um auf etwas hinzuweisen, das sie für wichtig hielt.

»Sieh dir diesen alten Stuhl an. Der gehörte meiner Großmutter, weißt du. Das war, bevor sie und mein Großvater aufs Land zogen … Sie war eine so beeindruckende Frau!«

Cate nickte und lächelte und brühte Tee auf. Nach einer Weile fing sie an, die Papiere durchzusehen, stapelte alle Rechnungen und Quittungen auf einen Haufen und versuchte herauszufinden, welche schon bezahlt waren. Dann heftete sie die Unterlagen in einer leeren Aktenmappe ab, die sie in Idas Büro gefunden hatte. Für diesen Raum war später auch noch Zeit.

Als sie wieder zusammen im Wohnzimmer saßen, deutete Cate auf einen am Boden liegenden Teppich. Es war ein strahlend blauer Teppich, der aussah, als würde ein Mitglied der Rolling Stones herausfallen, wenn man ihn zu sehr schüttelte.

»Wie lange hast du den schon?«, fragte sie.

Ida lächelte. »Ach, dieses alte Ding? Der ist von 1973. Ich wollte einen braunen mit Blumenmuster, den wir in Narrogin gesehen hatten, aber Jacks Wahl fiel auf einen in einem hellen Orangeton, den es dort ebenfalls zu kaufen gab. Nun ja. Wir diskutierten endlos und entschieden uns schließlich für den braunen, da man darauf den Schmutz weniger sieht. Wie auch immer, ich fühlte mich schrecklich, weil ich Jack meinen Wunsch aufgezwungen hatte, deshalb rief ich in dem Laden an und änderte die Bestellung.« Sie trank einen Schluck von ihrem Tee. »Du kannst dir denken, was als Nächstes passierte!« Sie lachte. »Der knallblauste Teppich, der je hergestellt wurde, kam bei uns an! Wir lachten, und obwohl wir ihn schrecklich fanden, entschlossen wir uns, ihm ein Zuhause zu geben. Wie wichtig ist so was schon?« Ida strich liebevoll mit dem beschuhten Fuß darüber. »Es gibt wichtigere Dinge, über die man sich den Kopf zerbrechen kann! Und hier ist er also, unser knallblauer Teppich.«

Cate grinste. Sie selbst hätte das hässliche Ding wahrscheinlich zurückgeschickt, verstand aber die Einstellung ihrer Tante. Der Teppich krallte sich am Boden fest, als wüsste er, dass er sich glücklich schätzen konnte, ein Zuhause gefunden zu haben. Cate strich ebenfalls mit dem Fuß darüber. Wenn es um zweite Chancen ging, war sie eine Befürworterin.

Als das Telefon klingelte, wusste Cate sofort, dass es ihre Mutter war. Ihr überstürzter Aufbruch und ihre Entschlossenheit, Perth zu verlassen, hatten ihre Eltern überrascht. Sie verstanden Cate nicht. Das würden sie nie, und das war ihr Glück. Cate ertrug es einfach nicht, in ihrem früheren Kinderzimmer zu schlafen. An dem Ort aufzuwachen, an dem sie und Brigit so oft ihr zukünftiges Leben geplant hatten. Brigit war dort so lebendig.

»Wie geht es dir, mein Schatz?«, fragte ihre Mutter.

»Danke, gut, Mom. Ich soll dich von Tante Ida grüßen.«

»Und wie geht es Tante Ida? Alles in Ordnung?«

»Ja, ich glaube schon.« Ihre Tante las zwar in einer alten New Idea, saß aber immer noch auf demselben Platz in der Küche, hörte also ganz offensichtlich zu. »Sie ist sehr nett zu mir – ich habe ein eigenes Zimmer, und wir verbringen viel Zeit miteinander. Es ist schön hier.«

»Nun ja, eine Luftveränderung tut immer gut, mein Schatz.« Ihre Mutter zögerte. »Trotzdem, ich muss mit dir über diese Sache sprechen.«

»Tut mir leid, Mom, aber das müssen wir verschieben. Tante Ida und ich trinken gerade eine Tasse Tee zusammen. Ich ruf dich später noch mal an.«

»Oh, natürlich, mein Liebling, wie du meinst. Ich wollte dir nur erzählen, dass Helen Dowling angerufen hat, sie würde wirklich gern mit dir sprechen.«

»Okay. Danke, Mom. Ich melde mich bei ihr.«

»Versprochen?« Ihre Stimme klang hoffnungsvoll.

»Na klar.« Cate war gut darin, anderen etwas vorzumachen. Als sie auflegte, stellte sie fest, dass Ida sie beobachtete.

»Wie geht es deiner Mutter?«

Cate zuckte mit den Achseln. »Wie immer, Tante Ida. Schwer damit beschäftigt, aller Welt zu helfen.«

»Und du sollst dich bei einer Freundin melden?«, erkundigte sich Ida.

Cate hielt inne. Nicht wirklich. »Oh ja, ich rufe meine Freundin später an. Sie ist jetzt ohnehin nicht zu Hause«, sagte sie. Außerdem war Helen Dowling nicht ihre Freundin, sondern ihre Anwältin.

Cate war müde und ihr schmerzte der Rücken von der körperlichen Arbeit, die sie seit sechs Uhr morgens verrichtet hatte. Sie bereitete einen Salat mit viel Spinat zu, grillte Gemüse und Feta und briet ein paar Steaks auf dem alten Holzofen.

Ida lächelte, als sie nach ihrem Nickerchen in die Küche kam und vom Geruch brutzelnden Fleischs empfangen wurde. »Du hast ganz schön geackert, meine Liebe«, sagte sie. »Die Küche ist viel heller geworden.« Cate hatte unzählige Staub- und Fettschichten von den Schrank- und Tischoberflächen geschrubbt, Spinnweben beseitigt und uralte Schmierflecken von den Wänden und der Decke gewischt. Es war ein guter Anfang. »Und sieh dir all das Essen an, du musst wirklich hungrig sein.«

Ida setzte sich und ließ sich von Cate ein Abendessen servieren. Dann aßen sie in schöner Eintracht am Tisch, während Ida so viele Fragen bezüglich der Farm beantwortete, wie sie konnte. Ja, es gab irgendwo eine Ausrüstung, um die Zäune zu reparieren, und ja, im Getreidespeicher war Hafer für die Schafe.

Cate fing an, den nächsten Tag zu planen. Sie fragte sich, wo die Futtertröge sein mochten, und wie sie die Förderschnecke in Gang bringen sollte, um den Hafer aus dem Speicher zu bekommen. Als Kind hatte sie ein paarmal die Schulferien damit verbracht, ihrem Großonkel Jack bei der Farmarbeit über die Schulter zu schauen, doch schon bald hatte sie keine Lust mehr auf das gemächliche Tempo der Farmarbeit und den Mangel an Spielkameraden gehabt. Deshalb hatte sie Ausreden erfunden, um nicht wieder hinfahren zu müssen, und ihrem Vater war es nur zu recht gewesen, dass Cate ihre Ferien näher bei ihrem Zuhause verbrachte. Sie hatte nicht viele Erinnerungen an die Besuche hier, außer daran, dass ihr Onkel ihr mit seiner ruhigen Stimme langsam und sorgfältig erklärt hatte, wie er die Farm führte und in welcher Reihenfolge die Arbeiten erledigt werden mussten. Sie erinnerte sich auch, dass es sie im darauffolgenden Jahr überrascht hatte, dass sich die Aufgaben endlos wiederholten – beinahe, als hätte die Farm vergessen, dass Onkel Jack sie schon längst erledigt hatte.

Sie fragte sich, ob ihr neuer »Tagelöhner« ihr dabei helfen konnte, die Förderschnecke in Gang zu bringen. Welche Art von Treibstoff benötigte die Förderschnecke? Hatten sie überhaupt welchen? Vielleicht machte sie besser eine Liste. Sie war nie gut im Erstellen von Listen gewesen, exakte Planung war ihr ein Gräuel. Meistens hatten ihre Freunde den Ort für ein Treffen vorgeschlagen, und Cate war dort aufgetaucht, häufig etwas zu leicht angezogen, in High Heels und mit einem Lächeln auf den Lippen. Niemand hatte von ihr erwartet, dass sie sich viele Gedanken über irgendwas machte. Sie konnte Kaffee kochen, relativ gut tippen, Telefonate annehmen. Sie blieb nie lange an einem Arbeitsplatz, denn normalerweise tauchte ein Freund mit einer großartigen neuen Möglichkeit auf, wenn ihr Job sich nach drei Monaten als Reinfall erwies, und rettete sie vor Langweile und endlosen Stunden am Fotokopierer.

Dass Tante Ida ihre Hilfe so dringend benötigen würde, hatte Cate nicht vorausgesehen. Wenn sie es gewusst hätte, wäre sie womöglich gar nicht erst hergekommen. Sie hatte sich auf ein bisschen Putzen und Bügeln eingestellt und darauf, ein oder zwei Bücher zu lesen. Hauptsache, sie war weg von zu Hause und konnte jemandem helfen. Ganz egal, wem.

»Cate, Liebes? Hörst du mir noch zu?« Ihre Tante versuchte, ihre Aufmerksamkeit auf die Gegenwart zu lenken.

Cate musterte den Speck, den sie mit der Gabel aufgespießt hatte und der ihren Blick zu erwidern schien, als wünschte er sich, dass sie irgendetwas vorzuweisen hätte – und wäre es eine Herzkrankheit.

»Tut mir leid, Tante Ida. Ich hab nachgedacht.«

»Das hab ich auch, und ich fände es gut, wenn du rausgehen würdest, um dem jungen Mann draußen einen Teller von dem leckeren Abendessen zu bringen. Er hat heute gut gearbeitet, und ich nehme an, dass er schon lange nichts Vernünftiges mehr zwischen die Zähne gekriegt hat.«

Cate hob den Blick. »Wer? Henry? Der kommt schon zurecht«, wehrte sie ab und ging zum Wasserkessel. Auf dem Land schienen alle Mahlzeiten mit einer Tasse Tee zu enden. Bäh.

Ihre Tante war unbeeindruckt. »Ja, Henry. Tust du mir den Gefallen, Liebes? Kannst du noch ein Steak braten und es ihm zusammen mit etwas Salat rausbringen? Wir schulden dem armen Jungen ein bisschen Gastfreundschaft.«

»Er ist kein Junge«, grummelte Cate und erhitzte Fett in der Pfanne.

»Natürlich ist er das, Liebes. Wenn du erst mal so alt bist wie ich, dann wirst du feststellen, dass alle Männer hin und wieder kleine Jungs sind.« Ida stand auf und griff nach der Teetasse. »Und genau das bricht einem das Herz.«

»Cate! Cate! Lass den Wagen stehen, dann sind wir schneller!« Brigit hing aus dem Autofenster wie ein aufgeregtes Hündchen, seit zehn Minuten rührte sich die lange Schlange roter Rückscheinwerfer auf der Landstraße vor ihnen nicht von der Stelle. Cate warf einen Blick über die Schulter auf die hinter ihnen wartenden Autos und sah dann zum jenseits der Weingärten von Yallingup gelegenen Wildwood Vineyard, wo die Vorgruppe bereits losgelegt hatte. »Komm schon! Die Hauptband spielt schon, bis wir endlich da sind!« Brigit ließ den Rest vom Joint in ihren Piccolo fallen, wo er leise zischend erlosch. Sie öffnete die Tür und warf Cate einen hoffnungsvollen Blick zu.

»Na schön.« Cate lachte. »Dann los!« Sie steuerte den Wagen zum Randstreifen, wo die anderen Besucher ebenfalls aus ihren Autos stiegen, zu aufgeregt, um für den Parkplatz Schlange zu stehen. Kichernd rannten sie durch die dunklen Korridore zwischen den Weinreben, der kiesige Boden knirschte unter ihren Schuhen, und die weiche Brise strich über ihre Haut. Der hämmernde Bass der Vorgruppe zog sie magisch Richtung Bühne, die von Flutlichtern erhellt wurde. Sie hörten das Klatschen und die Pfiffe, und dann waren sie auch schon da, ein Teil der Menge, umgeben von Licht und Schatten.

Das ist das wahre Leben, dachte Cate, kippte den schnell warm werdenden Champagner von der Bar herunter und schnorrte sich Kippen und Joints von gut aussehenden Männern. Das Leben – das war Musik und Lachen und die nie endende Möglichkeit, sich zu verlieben, geküsst zu werden. Der tiefe dunkle Himmel wurde von unten her erleuchtet, nicht nur von den Flutlichtern, sondern auch von den Tanzenden und dem Gejubel, der Energie, dem Feuer und der Lebensfreude der Konzertbesucher. Das war das Leben. Mit Fremden tanzen, der Musik folgen, zu spüren, wie die weiche, warme Luft die Haut liebkoste, und das willkommene Kratzen des Alkohols in der Kehle.

Als Cate sich nach Brigit umsah, knutschte diese leidenschaftlich mit einem blonden Typen neben dem Mikrofon. Brigit deutete auf den Typen und rief Cate zu: »Er gehört zur Band!«

Cate verließ das Haus rückwärts und schob die Fliegentür mit dem Hintern auf, am Kreischen der Angeln konnte sie hören, wie weit sie sich öffnete. Nachdem sie sich vorsichtig umgedreht hatte, hielt sie auf das alte Lehmziegelhaus zu; sie hatte es eilig hinzukommen, ehe das letzte Tageslicht erloschen war. Sie stapfte extra laut in die Ruine, immerhin musste man mit giftigen Schlangen oder haarigen – und womöglich unbekleideten – Tagelöhnern rechnen. Gott allein wusste, was für seltsame Dinge Männer anstellten, wenn sie ungestört waren. Schon das, was sie in der Öffentlichkeit trieben, war häufig ziemlich interessant.

Henry war nicht da. Sie überprüfte jeden Raum, wobei das in diesem Fall ein weit gefasster Begriff war. Wo war er nur? Schließlich kehrte sie in die Küche zurück und suchte nach einem Ort, an dem sie das Essen deponieren konnte, ohne dass es von den Ratten gefressen wurde. Oder von Mac, der ihr neugierig folgte. Ihr fiel auf, dass ein mindestens dreißig Jahre alt aussehender Kühlschrank in der Ecke stand; vermutlich kam er aus dem Scherschuppen. Das alte Gerät hing an einem Verlängerungskabel.

»Der Kerl hat Nerven«, brummte sie und stellte Steak und Salat hinein. Henry hatte den Kühlschrank nicht wirklich gestohlen, er stand immer noch auf dem Grundstück. Mac gab das Abendessen an diesem Punkt verloren und lief wieder nach draußen. Cate folgte ihm, überrascht, dass er Richtung Schafweide statt nach Hause lief. Bald wurde ihr klar, dass er zum Staudamm unterwegs war. Nachdem sie ein paar Minuten gelaufen waren, kletterte sie langsam den Uferdamm hinauf und sah hinunter zum Wasser. Ein paar Enten schwammen in der flachen, schlammigen Brühe herum, und an der Uferlinie sah sie umherflatternde Gartenfächerschwänze, die kleine Insekten jagten.

»Bier?«, erscholl eine dunkle Stimme aus der Richtung einiger Heuballen, die zu einer niedrigen Sitzgelegenheit zusammengeschoben worden waren. Auf den Ballen lagen alte Decken, damit der stachelige Untergrund nicht zu sehr pikste. Henry sah aus, als fühlte er sich pudelwohl, in der Hand hielt er ein gekühlt aussehendes Redback-Bier.

»Ich trinke kein Bier«, erwiderte sie.

»Für die Prinzessin muss es Champagner sein, wie?«

Cate verdrehte die Augen. »Genau. Meine Vorliebe für bestimmte Getränke macht mich garantiert zu einem besseren Menschen.«

Henry zuckte mit den Achseln und wandte sich wieder der Beobachtung der Gartenfächerschwänze zu. Die Sonne hatte sie inzwischen ihrem Schicksal überlassen. Es war sehr still. Henry machte sich nicht die Mühe, Cate einen weiteren Blick zu schenken.

»Ich hab Ihnen Abendessen in den Kühlschrank gestellt«, sagte sie.

»Machen Sie sich keine Mühe«, sagte er. »Mir geht’s prima.«

»Kommen Sie wieder runter, Samson – ich hab ja nicht damit gedroht, Ihnen die Haare zu schneiden.«

Er ließ beide Hände sinken und drehte sich langsam zu ihr um. Als er sie einige Sekunden lang reglos musterte, begann ihr Herz zu rasen, und ihr Körper bereitete sich unwillkürlich auf die Flucht vor. Auch wenn sie nicht glaubte, dass ihr das helfen würde. Guter Gott, hatte sie wirklich sein Äußeres kommentiert? Womit klar war, dass ihr sein Aussehen nicht entgangen war. Als er die Muskeln seiner langen Arme anspannte und wieder entspannte, wirkte sein hochgewachsener Körper auf einmal sehr kräftig. Cate schluckte und rieb sich die Schultern, über denen ihr die Haare quasi zu Berge standen.

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