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Das Licht der Toten

Impressum

ISBN 978-3-8412-0641-1

Aufbau Digital,

veröffentlicht im Aufbau Verlag, Berlin, September 2013

© Aufbau Verlag GmbH & Co. KG, Berlin

Die Originalausgabe erschien 2013 bei Aufbau, einer Marke der Aufbau Verlag GmbH & Co. KG

Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Jegliche Vervielfältigung und Verwertung ist nur mit Zustimmung des Verlages zulässig. Das gilt insbesondere für Übersetzungen, die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen sowie für das öffentliche Zugänglichmachen z.B. über das Internet.

Umschlaggestaltung Sabine Kwauka

unter Verwendung einer Illustration von Timo Kümmel

E-Book Konvertierung: le-tex publishing services GmbH, www.le-tex.de

www.aufbau-verlag.de

JOHANNES, ELF-ZEHN

»Wer aber des Nachts wandelt, der stößt sich; denn es ist kein Licht in ihm.«

PROLOG

Du warst schon einmal hier in dieser Stadt, in einem anderen Körper, in einem anderen Leben; eingeschlossen wie ein Insekt in Bernstein ist die Zeit für dich jedoch nicht vergangen.

Hier oben auf dem Dach lockt dich der Wind, zerrt und zieht an dir wie ein ungeduldiger Spielkamerad, flüstert dir zu, dass hinter der Kante und über den Rand hinaus Trost, Freiheit, Vergessen warten.

Dein Körper wird sich von dir trennen, unnützer Ballast all die Jahre lang, du wirst ihn über Bord werfen wie einen Seesack, in dem all der Schmerz, die Scham, die Angst verschnürt sind.

Du stellst dich an den Rand, und in den wenigen Schritten von einer Kante zur anderen entledigst du dich deiner Geschichte: zuletzt nicht mehr als ein Haufen abgetragener Klamotten, an denen der üble Geruch deiner Kindheit haftet.

Blickst hinaus in die trostlose Weite und hinunter in den tröstlichen Abgrund, vergewisserst dich, dass dein Ende nicht auch das eines anderen bedeutet.

Du hast keine Angst vor dem Tod – du bist schon einmal gestorben, und dass du gerettet wurdest, war nicht dein Verdienst; all die Jahre, die darauf folgten, erschienen dir immer falsch, so als hättest du dir die unvorhergesehene Lebenszeit erschwindelt, zumindest aber nicht verdient.

Ein schon zu Lebzeiten Verlorener.

Immerhin: Du hast lange durchgehalten, viel länger, als du glaubtest, es zu können; ein Mann voller Verstecke, dunkler Winkel, verbotener Räume, ein immerzu maskierter Mann.

Dieser Mann stand morgens auf, küsste seine Frau, weckte die Kinder, duschte, kochte Kaffee, briet Eier, las Zeitung, brachte die Kinder zur Schule, fuhr zur Arbeit, arbeitete, funktionierte, fuhr nach Hause, redete über den Tag, über dieses und jenes, sammelte, sortierte Worte, achtete auf seinen Zungenschlag, tat interessiert, aufmerksam. Aber niemand wird jemals wissen, wie viel Kraft es ihn kostete, in der Sonne zu stehen, unter einem blauen Himmel, an einem Strand mit den Menschen, die ihn lieben, und dabei die Hände in den Taschen zu Fäusten zu ballen, mit dem dringenden Verlangen, sie sich in den Rachen zu stopfen, um die Schreie des Kindes dort drinnen zu ersticken.

Oder in der Rushhour panisch auszuscheren, in eine Seitenstraße hinein oder unter eine zugemüllte Autobahnbrücke zu fliehen, weil ein plötzlicher Weinkrampf über ihn hereinbrach, seine Sicht verschleierte und seine Seele verschattete.

Ein Mann, der sein Leben lang damit verbrachte, sich selbst zu vergessen, der nachts auf die sich an den Felsen brechenden Wellen sah und seinen Körper dort hineinwünschte, und über ihm zogen Sturmwolken, in denen Blitze wie grelle Schnappschüsse aus der Hölle aufleuchteten über dem Pazifik, und Schatten krochen aus der Dunkelheit, vermischten sich mit dem Schatten, den er selbst auf der Veranda seines Hauses warf, und darin starrten glühende Augen auf das Kind, das sich zitternd und geschunden in ihm verbarg.

Erinnerungen wie deine sind Terroristen der Seele, es ist ihnen egal, wo und wann sie zuschlagen.

Wer wird um dich trauern?

Deine Familie am anderen Ende der Welt. Deine Familie – und sie zu gründen, war deine Entscheidung. Nach Australien zu gehen – deine Entscheidung.

Wie viel von dem, was wir erleben, ist von uns gewählt – und wie viel geschieht uns einfach? Stand das, was dir als Kind geschah, zwischen den Sternen geschrieben, oder war es nur die grauenhafte Laune eines bösen Gottes, ein Zufall, Pech?

Da war ein wenig Glück gewesen – eine vergleichsweise unverschämt mickrige Entschädigung für das Grauen, Brotkrumen auf verbranntem Boden.

Zwei Töchter, jetzt erwachsen, jetzt außer Haus, und deine dich liebende Frau, die sich nie über deine depressive Distanziertheit, die sie irrtümlich anfangs als eine Art linkische Schüchternheit missverstand, beschwerte.

Sie werden um dich weinen, zumindest eine Zeitlang.

Aber du machst dir keine Illusionen.

Der Winter wird gehen, der Sommer kommen, und mit ihm der von ihrer Seite aus gehegte Wunsch, weiterleben zu dürfen. Was von dir bleiben wird, ist am Ende nicht mehr als dein Gesicht hinter dem dünnen Glas eines Bilderrahmens.

Und Fragen.

Manchmal endet es mit Fragen, die unbeantwortet bleiben.

Wer bleibt zurück?

Du denkst an Lydia. An eure letzte Begegnung, gestern.

Als sie die Entscheidung in deinen Augen las.

In deinen Augen lag die Wahrheit in einem scharfen, schrecklich grellen Licht, während du gleichzeitig schamlos logst. Wie gut es dir ging, wie stark du seist und bereit, ja bereit, für die letzte Konfrontation mit deiner Mutter, eurer Nemesis.

Stark aber warst du nie, bereit schon gar nicht.

Nur entsetzlich müde.

»Tu’s nicht«, sagte Lydia, als sie dir die Adresse gab. »Was auch immer du vorhast, tu’s nicht.«

Aber sie sprach bereits zu einem toten Mann.

Der letzte Mensch auf Erden. Der letzte Mensch in Berlin. Du klopfst Sturm in der Gegenwart, und ein Orkan aus der Vergangenheit öffnet dir. Du gibst ihr eine Minute, dann noch eine, bis die Erkenntnis, dass du es bist, wahrhaftig und leibhaftig wie ein Gift in sie einsickert.

»Du also … dass du noch lebst … deine Schwester war mal hier … ist lange her … hat mir nichts von dir erzählt. Wo zum Teufel bist du so lange abgeblieben? Ich hielt dich für tot, aber selbst das hast du nicht hingekriegt.«

Sie fragt nicht, was du machst. Wie du lebst. Deine Gegenwart ist unwichtig. Für sie zählt nur die Vergangenheit. Als deine Schwester nach Jahren bei ihr auftauchte, war sie bitter enttäuscht. Du warst es, den sie sehen wollte. Sie löcherte Lydia mit Fragen nach deinem Aufenthaltsort. Als Lydia dich ihr verweigerte, wurde sie so handgreiflich wie eh und je. Dabei habt ihr beide euch doch nie wirklich verloren, nicht wahr?

Und du fragst dich, ob du in ihren Träumen so weiterexistiert hast wie sie in deinen …

Und du kennst die Antwort: natürlich.

Ihr sitzt euch gegenüber, und sie lässt die Schnapsflasche kreisen. Je mehr sie in sich hineinschüttet, ungeniert, hemmungslos, außer Kontrolle, desto mehr verwandelt sie sich zurück in die Frau mit den kalten Augen. Die Erinnerung setzt mit einer effizienten Gnadenlosigkeit ein, die Hände der Zeit rücken ihr zerstörtes Gesicht zurecht, glätten die Falten, und auch du stürzt zurück in deine Kindheit. Du wirst kleiner und kleiner in ihrer Gegenwart, während sie größer und stärker wird. Und dann ist es wie gestern, als sie dich mit ihren langen spinnenartigen Fingern berührt und an sich zieht. An ihren Busen, deine Hand in ihren Schoß legt, während sie dich so küsst, wie eine Mutter ihr Kind nicht zu küssen hat. Aber dir geschah es, und es geschieht wieder. Und sie sagt die gleichen Worte, dieselben Aufforderungen, mit ihr etwas zu machen, was ihr gut tut … weil ein Junge seine Mama lieben muss … Doch je länger du ihr zuhörst, desto mehr spürst du die Dämonen in dir anwachsen wie die gerechte Wut aller misshandelten Menschen. Wie kleine, verborgene Tiere flitzen sie in dir umher. Ja, du hast ihr Gesicht noch einmal sehen wollen, die falschen Worte hören aus einem verwüsteten Mund voll fauliger Zähne. Ihr Wein- und Wodka-Atem. Ihre trüben, gelblichen Augen. Sie stinkt wie etwas, das schon vor langer Zeit gestorben ist und sich dieser Erkenntnis hartnäckig verweigert.

Eine Aussätzige, die sich wie in einem Albtraum durch die toten Zonen des Lebens bewegt.

Regungslos, rettungslos lässt du ihre Tiraden über dich ergehen. Eigentlich bist du derjenige, der abrechnen sollte, stattdessen ist es, als befreie sie sich von einer jahrelangen Last des Schweigens. Ihre Worte sind wie perfekt geformte Giftpfeile, die dich an ihre Gegenwart nageln. Sie ist Hass, sie war nie etwas anderes, und jetzt, wo sie, vom Alkohol, von der Armut gezeichnet und verwüstet, vor dir hockt und sich regelrecht erbricht, weißt du, dass du ihr niemals wirklich entkommen bist. Nicht mal am Ende der Welt. Du vergräbst das Gesicht in deine Hände. Dein Herz flattert wie ein Kolibri in deinem Brustkorb, stößt sich, schlägt an, blutet, schreit, du zitterst am ganzen Leib, zerfällst unter ihrem Blick, unter diesen Hexenaugen, die nie Liebe und Vernunft kannten, nur Desinteresse, Kälte, Wahnsinn. Alles, was du dir am Ende der Welt, in einer anderen Zeit aufgebaut hast, löst sich auf, wird nichtig, bedeutungslos, du warst ja nie weg, du warst immer hier, dein Leben war nur ein Taumeln, ein Kreiseln um den Ort des Schreckens, den du Kindheit nennst. Du tauchst wieder ein in das tiefe Schwarz.

Das Nächste, was du wahrnimmst, sind deine Hände um ihren Hals, deine Finger, die sich so stark und tief in ihre trockene, kalte Haut graben, dass sie diese beinahe wie Messerklingen durchbohren.

Und du denkst, dass du deiner Mutter niemals so nahe warst wie jetzt, nicht mal in den Stunden, in denen sie dich missbrauchte, ihren Körper über deinen wälzte, dein Schreien und deine Tränen zu Stein erstarren ließ, als wäre sie eine Gorgone, die Medusa selbst, mit einem wimmelnden Nest von Schlangen als Haar und ihr Blick ein Abgrund, der dich wie früher zu Stein erstarren lässt.

Aber du tötest sie nicht. Du bist nicht deswegen zurückgekommen. Sie röchelt, krächzt, ruft nach dir, bring es zu Ende, mach Schluss, sie liegt wie eine Tote auf dem Boden zwischen der schimmeligen Couch und dem gesprungenen Glastisch, ihre Hände zucken wie die offenen Enden eines Stromkabels, so als kratze sie magische Zeichen in die Luft, als verfluche sie dich. Du taumelst zurück, während unsichtbare Krallen an dir reißen.

Dein Gegenzauber bis zur rettenden Wohnungstür ist Lydias Gesicht. Sie sieht deiner Mutter so ähnlich, aber während das rasende, tobende Ding hinter dir aus der tiefschwarzen absoluten Essenz der Nacht besteht, ist Lydia ein warmes, helles Licht, in das du dich hineinwirfst wie in ein Rettungsboot.

Nicht, dass es reichen würde, dich von deinem Entschluss abzuhalten.

Frieden findest du erst nach dem letzten Schritt, dem Tritt ins Leere.

Dir fallen deine letzten Worte an Lydia ein.

»Niemand von denen da draußen weiß, wie es wirklich war, niemand. Was wir erlebt haben.«

Lydias flehende Stimme: »Du irrst dich. Wir haben es überwunden. Wir sind noch da.«

Und sie legte deine Hand auf ihren Körper, auf die Höhe ihres Herzens, dessen Schlag dich schon damals beruhigte und in den Schlaf leitete. Und wie damals lagt ihr nebeneinander, so eng, dass es aussah, als krieche der eine in den Körper des anderen, in ein gegenseitiges Nest gefallener Tage.

»Erzähl es ihnen, erzähl es meiner Familie, wenn sie fragen«, flüsterst du. »Wer soll sich an uns erinnern, wenn wir nicht mehr da sind?«

»Bleib«, sagte Lydia, »bleib bei mir.«

Öffne deine Augen. Es ist so weit.

Dein langer Mantel bauscht sich auf wie ein Cape, als du dich in den Himmel wirfst. Wir sind aus Staub und Tränen gemacht, wir sind Zöglinge, Pilger, die mit dem Wind gehen; wir fallen, weil das Leben manche von uns zu Stein erstarren lässt.

Du fällst, und alle Angst, jeder Zweifel fällt von dir ab.

Solange du fällst, ist noch nichts geschehen.

Es ist erst der Aufprall, der dich tötet.

Er schlug inmitten von Müllsäcken, zerbrochenem Glas, Bauschutt, Dreck und Unkraut auf. Beim Aufprall gab es ein Geräusch, dass einer der Jugendlichen, die vor dem Gebäude herumlungerten, Abraham später wie folgt beschrieb: als hätte der Teufel einen Furz gelassen, Mann. Ein zweiter dieser Komiker bemühte sich um eine konträre Sichtweise: als hätte der liebe Gott in eine Papiertüte geblasen und dann draufgeschlagen.

Das Ergebnis war allerdings in beiden Fällen dasselbe.

Es war Winter, und Menschen fielen aus dem Himmel über Berlin.

KAPITEL
EINS

Frank Abraham war Polizist in Berlin, ein großer, stiller Mann mit schweren, traurigen Augen, in denen sich ein ganzes Berufsleben widerspiegelte.

Polizist in Berlin, Mordermittler, fünfzehn lange Jahre, und jedes einzelne hatte sich in seinen Körper und in seine Seele gegraben; fünfzehn Jahre, das macht müde, es ist diese Art von Müdigkeit, die an das Ächzen alter sterbender Männer erinnert, an ihren verzweifelten Versuch, noch einmal genug Luft für einen letzten Atemzug zusammenzubekommen.

Hinter der Müdigkeit aber lauert, unerbittlich wartend, die Erschöpfung. Sie nimmt die Gestalt eines grauen, hohlen Mannes mit leeren ausgelöschten Gesichtszügen an, der einen zerschlissenen schäbigen Anzug trägt.

Dieser Typ weicht dir nicht mehr von der Seite, und irgendwann kommt der Tag, an dem du in den Spiegel blickst und ihn nicht mehr an deiner Seite siehst – weil du selbst an seine Stelle getreten bist.

Abraham war jetzt Anfang vierzig, zehn Jahre von seinen Glanzzeiten entfernt und zehn Jahre davon, das letzte Drittel zu beginnen. Die Bedeutung dieser Zahl kreiste unaufhörlich in seinem Kopf herum und beschäftigte ihn mehr und mehr – denn er war jetzt genauso alt wie sein Vater vor beinahe dreißig Jahren, als dieser in einem mörderischen Sommer drei Frauen tötete.

Das war der längste Sommer seines Lebens gewesen.

Nach der Aufdeckung der Morde und der anschließenden Verhaftung seines Vaters blieb seine Kindheit irgendwo zwischen der Hitze der Tage und der Erschöpfung durchwachter Nächte auf der Strecke.

Sein Vater, sein Ein und Alles hatte sich auf eine für ihn unerklärliche Weise in ein Monster verwandelt.

Abraham wünschte sich manchmal, er könne sagen: Das ist eine alte Geschichte, ich habe mit ihr abgeschlossen, die Dämonen meines Lebens in den Wandschrank gesperrt. Aber damit belog er sich nur selbst. Es heißt, wir selbst schreiben die Geschichte unseres Lebens, aber er hatte nach all den Jahren darauf begriffen, dass wir es sind, die von der Geschichte unseres Lebens beschrieben werden wie ein leeres Blatt Papier, das nur darauf wartet, mit Worten gefüllt zu werden.

Denn eine der Nachwirkungen der Morde, ihrer Entdeckung, der Überführung seines Vaters und des anschließenden Selbstmords seiner Mutter war, dass Abraham Polizist wurde.

Das Messer seines Vaters hatte diesen blutigen Pfad für ihn geschlagen, und nachdem Abraham den ersten Schock, das erste Zögern überwunden hatte, folgte er ihm auf dem mitternachtsdunklen Weg, folgte ihm selbst in seinen Träumen in eine unermesslich groteske Welt, die nichts anderes war als die Essenz seiner Arbeit und seiner Zeugenschaft als Mordermittler; und nur dort, an diesem geheimen, verborgenen Ort fühlte er sich ihm nah.

Das mit dem Verbrechen und ihm war also naturgemäß etwas sehr Persönliches. Deswegen war Abraham in seiner Ermittlungsarbeit so rigoros. Das Wort »diplomatisch« hatte er schon lange aus seinem Wortschatz gestrichen. Er hatte den Gestus der Straße nie abgelegt – denn dort fand das Verbrechen statt. Der Schreibtisch war nichts für ihn.

Er hatte noch nie von einem Mord gehört, der dort aufgeklärt worden wäre. Abraham konnte durchaus umgänglich sein, mitfühlend, hellwach, aber er verabscheute es zu klüngeln. Er interessierte sich nicht für aufwändige Verwaltungsakte, und er besaß keinen Sinn für die hochkomplexe, nach oben buckelnde und nach unten austretende Hausflurpolitik. Sein Umgangston, wenn er sich in der heißen Phase einer Ermittlung befand, war barsch und rau, selbst gegenüber seinen Vorgesetzten.

Ein Teil des latenten Misstrauens gegen ihn rührte auch daher, dass er der Protegé eines inzwischen verstorbenen Mordermittlers namens Martin Lohmann war, der einen zweifelhaften Ruf genossen hatte. Abraham galt als sein Bastard, weil er sich dessen einzelgängerische Vorstellungen von Polizeiarbeit zu eigen gemacht hatte, sehr zum Ärger einiger Leute, die sich in einer höheren Besoldungsstufe als er befanden und für die Polizeiarbeit in erster Linie aus Pressemitteilungen und Öffentlichkeitsarbeit bestand.

Lohmann war man inzwischen los, aber sein aufrührerischer Geist waberte in Gestalt Abrahams immer noch aufdringlich durch die Flure.

Zunehmend fühlte sich Abraham vom Verbrechen regelrecht terrorisiert. Die Zeit weigerte sich hartnäckig, ihm einen Panzer wachsen zu lassen, seine Haut war immer noch so dünn und verletzlich wie zu Anfang. Jeder Mord ging ihm nahe, und es gelang ihm immer noch nicht – und in letzter Zeit sogar immer weniger –, sich dem Grauen, das in Wohnungen, Hinterhöfen, in Seitenstraßen und Waldstücken auf ihn wartete, zu entziehen. Er hielt nur selten Distanz zu den Dingen, und das bekam weder ihm noch seiner Umgebung gut, andererseits: Waren denn nicht auch Täter und Opfer bei ihrer Begegnung weniger als einen Atemhauch voneinander entfernt? Und heißt es nicht, dass ein jeder von uns nur einen Atemzug von einer Höllenexistenz entfernt ist?

Sein letzter Fall lag gerade einmal zwei Wochen zurück, aber die Verwerfungen, die das Verbrechen in ihm aufgeworfen hatte, ließen ihn nur schwer zur Ruhe kommen.

Martin Krawczyk, ein 58-jähriger arbeitsloser Lagerist, hatte seine siebzehnjährige Tochter, die er seit ihrer Kindheit regelmäßig und ausdauernd missbraucht hatte, umgebracht, weil das Mädchen nach Jahren des Schweigens so weit war, ihn endlich anzuzeigen. Zu einer letzten Aussprache kehrte sie, die in einer Pflegeeinrichtung der Stadt lebte, in die elterliche Wohnung zurück. In der darauffolgenden Konfrontation schwang Nina ihre anklagenden Sätze wie einen gerechten Hammer und brachte mit jedem weiteren Treffer die Mauer aus Lügen und Heuchelei zum Einsturz. Zuletzt verkündete das völlig erschöpfte, aber befreite Mädchen triumphierend, dass sie von hier aus nun direkt zur nächsten Polizeiwache fahren würde.

Aber dazu kam es nicht.

Als Ninas Freund vergeblich auf ihre Rückkehr wartete und sie auch nicht ans Handy ging, fuhr er zur Wohnung ihrer Eltern, und als dort niemand auf sein energisches Klingeln hin öffnete, rief er die Polizei. Daraufhin schickte man eine Streife los. Die erfahrenen Beamten sahen Gefahr im Verzug und verschafften sich gewaltsam Zugang zu der Wohnung. Was sie dort vorfanden, veranlasste sie dazu, dem Freund den Zutritt zu verweigern und die Mordkommission zu verständigen. Denn das Erste, was sie sahen, als sie die Tür aufbrachen und den Blutspuren ins Schlafzimmer folgten, war die Gestalt eines Mannes, der nur mit Unterhose und Unterhemd bekleidet in einer Blutlache kniete und dabei war, seiner eigenen Tochter den Kopf abzutrennen, während seine Ehefrau gerade in der Absicht, jede Spur zu beseitigen, Wasser und Spülmittel in einen Eimer ließ.

Beide leisteten keinen Widerstand, als die Polizisten ihnen Handschellen anlegten.

»Die Wohnung ist völlig verwahrlost«, sagte einer der Beamten zu Abraham, als dieser zusammen mit Kleber den Tatort betrat. Er erzählte Abraham damit nichts grundlegend Neues; im Laufe seiner Dienstzeit hatte Abraham mehr als genügend Drecklöcher gesehen, ihre verkommene Unordnung, ihre chaotische Struktur entsprachen fast immer dem Geisteszustand ihrer Bewohner. Aber der Beamte verspürte einfach nur den Wunsch, irgendetwas zu sagen und sich für einen Augenblick nicht wie ein Mann in Uniform zu fühlen, sondern wie ein Familienvater, dessen Tochter nur sechs Jahre jünger als das Mordopfer war. Er war zwar erfahren, aber wie viel Erfahrung schützt einen schon vor dem massiven, komprimierten Pfeil reinsten Grauens, der irgendwann, irgendwo auf einen abgefeuert wird? Dieser Pfeil, in Herzhöhe platziert, findet immer sein Ziel, und er durchbohrt mit Leichtigkeit jede von unzähligen Dienstjahren vermeintlich gestählte Rüstung.

Alle Polizisten fürchten sich vor diesem Tag, und heute war eben er dran.

»Sie wird sicher nicht viel schöner durch die Tote«, sagte Abraham. Aber der Anblick des verstümmelten, gedemütigten Körpers des Mädchens, der im Schlafzimmer auf ihn wartete, passte in diese Szenerie; später dachte er, dass er sich ihn nicht hätte irgendwo anders vorstellen können als zwischen dem Bett und der Heizung unterm Fenster, so als wäre dieser winzige Spalt schon immer seine Bestimmung gewesen.

»Ich wünschte wirklich, jemand würde das Fenster öffnen«, sagte der Beamte, der Abraham und Kleber ins Schlafzimmer führte.

Er hatte das zweifelhafte Vergnügen, innerhalb von noch nicht einmal einer halben Stunde schon zum zweiten Mal das verstümmelte Mordopfer zu sehen, an seinem Gesicht war förmlich abzulesen, dass er sich bereits am Rand seiner Aufnahmefähigkeit befand. Gleich nachdem er die Wohnung verlassen durfte, um der Spurensicherung Platz zu machen, floh er in eine Gasse und kotzte in den Rinnstein. Im Gegensatz zu seinem Kopf war wenigstens sein Magen in der Lage, das Gesehene zu verarbeiten.

»Nein, lassen Sie das Fenster geschlossen«, sagte Abraham, weil er alles in sich aufnehmen wollte: die Bilder, die Geräusche, den Geruch; das, was der Tod hinterlassen hatte, die ganze deprimierende Angelegenheit.

Abraham ging in die Knie und betrachtete Nina Krawczyk. Die Leiche schien noch im Nachhall des Todes vor Einsamkeit und Verzweiflung zu beben.

Nina lag wie zusammengefaltet auf dem Boden. Ihr rechter Unterschenkel war unter dem Knie auf stümperhafte Weise abgetrennt, er lag verloren neben ihrem ausgestreckten rechten Arm, der tiefe Einschnitte aufwies. Das Küchenmesser hatte sich bereits durch Haut- und Muskelgewebe und Nervengeflecht geschnitten, war aber am Knochen gescheitert. Ihr Bauch war aufgeschlitzt, ihre Innereien glänzten wie die Auslage einer Metzgerei. Ihr Oberkörper war von dutzenden Messerstichen zerfetzt, eine Brust beinahe zerteilt, aber all das war nichts gegen die Verletzungen in ihrem Gesicht, es waren die schlimmsten, die Abraham und Kleber in den letzten Jahren gesehen hatten. Ein Auge war ausgestochen und hing, nur an einem dünnen Nervenstrang gehalten, wie eine surrealistische Träne auf ihrer Wange, ihr Gesicht war vom Stirnansatz bis zu den Lippen regelrecht gespalten durch einen besonders heftigen Hieb. Was Abraham noch befremdlicher, verstörender fand als die Raserei, die man ihrem Körper angetan hatte, war, dass ihre langen schwarzen Haare abgeschnitten um ihren Kopf herum lagen; verteilt wie ein makabrer Heiligenschein.

Mord, dachte Abraham, war hier nur der Weg zum eigentlichen Ziel der völligen Auslöschung des Opfers.

Der Hass und der Wahnsinn, den dieser Mord begleitet hatte, hingen wie eine Horde fetter schwarzer Vogelspinnen in jedem Winkel der Wohnung. Er spürte, wie diese Spinnen sich jetzt in Bewegung setzten, wie sich ihre Punktaugen auf ihn richteten, ihre haarigen Beine über seine Haut strichen. Abraham strauchelte innerlich, spürte, wie etwas in ihm wegsackte und sich in tieferen Schichten von Dunkelheit verlor. Etwas Heftigeres, Ursprünglicheres als Schmerz verschlang ihn, so als würde er seinem eigenen Sein entrissen. Die Erschütterung kam einem Erdbeben gleich und spaltete ihn regelrecht. Er sah sich selbst davontreiben, den Mund zu einem stummen Schrei geöffnet; ein tonloser Abgrund.

Er war nicht der Einzige.

Hinter sich hörte er Kleber beim Anblick der Toten keuchen. Fluchtartig verließ sein Kollege das Zimmer.

Abraham ging ihm nach.

Kleber war aus der Wohnung gegangen und stand im Treppenhaus, presste sich gegen die Wand, als wolle er in ihr verschwinden. Er versuchte, die Kontrolle über sein Entsetzen zurückzugewinnen, seine Hände krampften heftig und sein Blick war glasig. Er schaute kurz auf, als Abraham ihn an der Schulter berührte.

»Ich bin okay«, sagte er viel zu hastig, um ehrlich zu sein.

»Der Ausdruck in deinem Gesicht erzählt aber etwas ganz anderes.«

»Mein Gott, das tut mir leid, Boss … als sähe ich so etwas zum ersten Mal. Vielleicht bin ich zu früh zurückgekommen … vielleicht hättest du mich da draußen einfach versauern lassen sollen …«

»Du willst dich doch hoffentlich nicht dafür entschuldigen, betroffen zu sein«, sagte Abraham.

Kleber schüttelte den Kopf, atmete tief durch.

»Vielleicht habe ich nur vergessen, zu was einige von uns fähig sind. Hab’s vielleicht vergessen wollen.«

»Dann bist du in der falschen Abteilung, denn hier wirst du immer wieder daran erinnert.«

»Ja.« Ein verstohlenes, trauriges Lächeln huschte über Klebers Züge. »Du wirkst aber auch nicht gerade wie das blühende Leben«, sagte er.

»Siehst du, da geht’s uns wie den Ermordeten, also scheinen wir beide ja bestens hierher zu passen. Und jetzt lass uns zurückgehen.«

Bei der ersten Vernehmung versuchte das mörderische Ehepaar Abraham davon zu überzeugen, dass Nina im Zuge der Aussprache aggressiv geworden sei und ihren Vater mit eben dem Küchenmesser, mit dem sie dann getötet wurde, angegriffen habe. Es kam zum Kampf, bei dem Nina sich das Messer quasi selbst in den Leib rammte.

(»Ja«, sagte Abraham zu Kleber, »und das ungefähr zwei Dutzend Mal. Und danach hat sie sich noch verstümmelt.«)

Abraham hätte am liebsten ihre Fratzen in das Blut ihres Kindes gedrückt. Für ihn war alles klar – er sah Nina, die sich zur Wehr setzte, während ihre Mutter sie festhielt und ihr Vater mit sadistischer Lust auf sie einstach, bis sie so viel Blut verlor, dass auch ihr Flehen mit ihr starb.

»Was hatten Sie denn mit dem Kopf vor?«, fragte Kleber, doch die Mörder schwiegen. Sie saßen am Küchentisch, der Mann noch mit dem Blut seines Kindes am Körper wie ein archaisches Wesen aus einem antiken Drama, die Frau mit pervers zusammengefalteten Händen – die Fingerspitzen nach oben gen Himmel gerichtet, was eindeutig in die falsche Richtung wies, dachte Abraham.

»Zerstückeln und vergraben«, gab Kleber selbst die Antwort, weil ihn das Schweigen ankotzte. Ein halbes Dutzend Abfallsäcke lagen dafür nämlich auch schon bereit.

»Ob ich lebenslang bekomme?«, fragte der Mörder, es war erst sein zweiter Satz, seit ihm die Streifenbeamten Handschellen angelegt hatten. Davor hatte er sich bei Abraham darüber beschwert, dass die Fesseln ihm in die Haut schnitten. Außerdem hatte er sich an der Hand verletzt, als er mit dem Messer beim Versuch, Ninas Halswirbelsäule zu zerteilen, abgerutscht war. Bei dieser Frage jedenfalls blinzelte er unaufhörlich, so als hätte er den zukünftigen Staub des geschändeten Körpers seines toten Kindes im Auge und wollte ihn loswerden. Der Mann atmete schwer und war schweißgebadet, das Töten hatte sich als unerwartet anstrengend erwiesen, und nachdem er sein Kind niedergemetzelt hatte, wartete immer noch ihre Entsorgung auf ihn; ein Haufen Probleme für einen banalen Dienstagnachmittag.

Er hatte mit unzureichendem Werkzeug hantiert, das Fleischermesser reichte zwar aus, um Ninas Körper wie einen Sack voller Blut aufzuschlitzen, versagte aber bei Knochen, Knorpeln und Sehnen.

»Tja, wo ist die Säge im Haus, wenn man sie mal braucht«, höhnte Kleber. Er nahm kein Blatt vor den Mund – warum auch, schließlich waren sie alle ja eine exklusive, eingeweihte Gesellschaft – das Opfer, seine Mörder und die Mordermittler – und gerade so nett beisammen.

Die offiziellen Förmlichkeiten waren ausgetauscht, jetzt konnte man auf moderate Töne verzichten. Nur keine Zurückhaltung, dachte Abraham, schließlich war er noch nie einem Killer begegnet, der die Bedeutung dieses Wortes verstanden hätte.

»Nun, was die Haftstrafe angeht«, sagte Abraham, »ich bin kein Staatsanwalt, aber ich habe schon einige wie dich hochgenommen und spreche deswegen aus Erfahrung und glaub mir, es wird auf lebenslänglich hinauslaufen. Heimtücke, niedere Beweggründe, du bist ja wirklich in die Vollen gegangen. Das ganze miese Programm. Und ich hoffe, dass noch eine nette kleine Sicherheitsverwahrung extra dabei herausspringt.«

Daraufhin jammerte der Mörder: »Ich weiß schon jetzt, dass ich den Knast nicht ertragen werde. Das ist, wie lebendig begraben zu sein.«

»Ich sehe da ehrlich gesagt keinen Unterschied zu deinem jetzigen Zustand«, sagte Abraham.

Und Kleber sagte: »Die Frage ist doch, ob der Knast dich aushält.«

Der Mörder sagte: »Was werden meine Kumpels denken, wenn ich nicht mehr zum Stammtisch erscheine?«

Kleber schüttelte angewidert den Kopf. »Manche Leute haben vielleicht Sorgen.«

»Glaub mir, Freundchen, deine Kumpels werden dich gar nicht vermissen. Wer klopft schon gerne Skat mit einem Kinderschänder und Mörder. Ich kenne jedenfalls niemand Anständigen«, sagte Abraham und zu Kleber gewandt:

»Du etwa?«

»Höchstens Charles Manson. Oder Ed Kemper. Ted Bundy. Also alles Kerle mit erheblichen Problemen, was den vernünftigen Umgang mit ihren Mitmenschen angeht.«

»Das ist aber mein ganzes Leben«, schrie der Killer.

»Auch das wird aufhören«, sagte Abraham. Es war fast so, als spräche er mit einem sehr ungezogenen Kind, das wirklich rein gar nichts von dem Bösen, das es getan hatte, verstand. Davon abgesehen interessierte Krawczyk das, was er Nina angetan hatte, überhaupt nicht. Im Gegenteil; für ihn gab es sie schon nicht mehr. Er war nur über seine eigene Zukunft entsetzt; nun, im Gegensatz zu seinem Kind hatte er noch eine – wenn auch auf einem sehr beengten Raum.

»Mein Rudi ist ein feiner Mann«, schrie daraufhin seine Ehefrau. »Nina war immer schon ein Flittchen, eine Hure, ich weiß gar nicht, was mit ihr los war, ich hab sie doch gut erzogen.«

Sie glaubte sich tatsächlich jede dieser Lügen und wiegte sich wie eine Schwachsinnige vor und zurück.

(Ja, dachte Abraham später, als sie in der Rechtsmedizin an Nina die Narben alter Misshandlungen entdeckten, es ist ihr auf die Haut eingeschrieben, wie gut sie es bei euch hatte.)

»Sie hat mit Rudi rumgemacht. Sie hat ihn sich geschnappt, als er betrunken war. Dann war er schwach, wie wir alle schwach sind, wenn uns das Leben übel mitspielt. Sie hat’s auch mit anderen getrieben. Ihr letzter Freund war sogar ein Neger.«

»Das ist wirklich schlimm«, sagte Kleber zu Abraham, »wäre sie mal besser in Papas Bettchen geblieben, statt King Kong zu ficken.« Dann beugte er sich zur Ehefrau runter, die immer heftiger auf ihrem Sitz wackelte, und schob sein Gesicht so nahe wie möglich an ihres heran. Sie schien unter seinem zornigen, empörten Blick regelrecht zu schrumpfen.

»Leute wie du machen mich krank. Ich verbringe den größten Teil meines Lebens damit, eure nutzlosen mörderischen Ärsche hinter Gitter zu bringen. Aber das ist nichts im Vergleich zu den armen Seelen, die mit euch leben müssen.«

Etwas in diesem Satz, eine unverhohlene Abscheu und Verachtung, Wut, Verzweiflung, löste daraufhin eine Veränderung in dem Mörder aus. Seine weinerliche Miene löste sich auf, und ein anderes Gesicht, hässlich-verzerrt, lüstern und erbarmungslos, schob sich an dessen Stelle. Abraham sah einen Moment lang in die Fratze, in die Nina ihr ganzes kurzes Leben und ihr ganzes langes Sterben hatte blicken müssen.

»Mein Kind«, flüsterte Krawczyk, »meine Entscheidung, ich hab sie ins Leben gebracht, und ich hab sie wieder daraus entfernt. Weil ich es so wollte.«

»Ja«, sagte Abraham. »Und dabei bist du dir bestimmt wie Gott vorgekommen, nicht wahr?«

»Vielleicht. Darüber habe ich noch gar nicht nachgedacht. Aber jetzt, wo Sie es erwähnen, gefällt mir dieser Gedanke.«

»Nun, ich kenne ein paar tüchtige Psychiater, die sich schon richtig auf einen solchen Sonnenschein wie dich freuen, ganz abgesehen von dem Staatsanwalt, solche Worte aus einem solchen Mund wärmen sein kaltes Herz richtig auf.«

Einer der Streifenbeamten sagte beim Verlassen des Tatortes zu Abraham:

»Mein Gott, wie halten Sie solche Typen nur aus?«

»Gar nicht. Deswegen habe ich auch immer ein so nettes und sonniges Gemüt.«

Draußen wartete Ninas Freund auf Abraham, ein intelligenter, sanfter Junge aus dem Kongo, der seit drei Jahren an der FU Medizin studierte. Er war am Boden zerstört und wollte unbedingt den Leichnam sehen.

»Tun Sie sich das nicht an. Behalten Sie sie nicht so in Erinnerung«, sagte Abraham, »glauben Sie mir, in Ihren Träumen wollen Sie sie nicht in diesem Zustand sehen.«

»Ich hätte sie nicht alleine gehen lassen dürfen«, sagte er unter Tränen. »Ich wusste nicht, wie verrückt ihr Vater ist.«

»Sie musste das alleine hinter sich bringen«, sagte Abraham, weil er den Jungen beruhigen wollte und ihm nichts Besseres einfiel.

»Ich kann gar nicht glauben, dass ihr Körper so zugerichtet ist«, sagte Ninas Freund. Unglücklicherweise hatte er von einem der Beamten erfahren, was Nina geschehen war.

»Gestern noch haben wir miteinander geschlafen und uns versprochen, aufeinander aufzupassen«.

Jetzt machte er sich die schlimmsten Vorwürfe – er hatte das Versprechen seiner Meinung nach gebrochen.

»Wissen Sie, was das Allerschrecklichste an der ganzen Sache ist?«, fragte er Abraham und gab sich gleich selbst die Antwort darauf. »Das Schrecklichste ist, dass sie so mutig war, meine Nina. Sie war die tapferste Person, der ich jemals begegnet bin – und sehen Sie nur, wie feige, ruchlos und mörderisch ihre Erzeuger sind.«

Darauf gab es nun wirklich nichts mehr zu sagen.

Dieser Fall hatte Abraham wirklich zugesetzt. Auf dem Weg ins Büro hielt er mit seinem Toyota am Straßenrand und machte eine Zigarette nieder. Dabei dachte er an Nina, er dachte so stark und intensiv an sie, dass er sie vor seinem inneren Auge förmlich reanimierte. Ihr Körper war in dieser Vision intakt, frei von den grausamen Wunden, die man ihr zugefügt hatte. Selbst ihr Kopf befand sich an seinem Platz. Sie hatte ein hübsches Gesicht, aber ihre Augen waren trübe und traurig, weil sie den längsten Teil ihrer Wegstrecke nur Verzweiflung und Gewalt erlebt hatten.

Abraham hatte mit einem Mal schreckliche Kopfschmerzen, als er die Augen schloss und sich gleichzeitig in ihm ein Raum öffnete, in dem sich Nina Krawczyk befand. Er sah sie alleine im Zimmer ihres Wohnheimes stehen, sie hatte gebadet und betrachtete sich nackt wie sie war im Spiegel. Ihre Kleidung, es war die, die sie am Leib trug, als sie starb, und die damit zu ihrem Totengewand wurde, lag auf einem Stuhl für sie bereit. Abraham sah sie wie in einem Film, in dem er selbst nur am Rande auftauchte, eine unsichtbare Präsenz außerhalb des Bildes.

Er rief ihren Namen, und er warnte sie davor, zu ihren Eltern zu gehen, aber weder sah noch hörte sie ihn.

Stattdessen machte sie sich bereit für die letzte Konfrontation mit ihrem Vater – er hörte, wie sie zu sich selbst sprach:

»Es ist gut jetzt, ich weiß, dass ich nicht zerstört bin, auch wenn sie mir das weismachen wollen. Ich bin dabei, ein neuer Mensch zu werden. Ich bekomme einen Anfang – jetzt endlich richtig, so wie es sein sollte, denn ich liebe und werde geliebt, was kann mir da schon geschehen? Sie können mir nicht mehr antun als das, was sie immer schon getan haben.«

Aber sie sollte sich auf entsetzliche Weise täuschen.

Die Vision ließ ihn ratlos und beschädigt zurück. Abraham hatte sie nicht retten können. Er hatte nichts von ihr gewusst, obwohl ihm klar war, dass die Stadt voller Menschen war, die mit dem Rücken zur Wand lebten. Er fand diese Menschen früher oder später – einige von ihnen musste er dann verhaften, weil sie sich für die dunklen Nebenstraßen mit ihren mörderischen, selbstzerstörerischen Konsequenzen entschieden hatten; jede von ihnen war eine Sackgasse, an deren Ende Abraham und das Gesetz, dieser ewig steinerne Richter, warteten. Der größte Teil allerdings war so grau und öde geworden wie die Leben, die sie führten. Ihre Hölle bestand darin, immer weitermachen zu müssen mit einer Existenz, die ihnen inzwischen selbst ein Rätsel war und das zu lösen sie nicht mehr imstande waren. Und wenn es doch einmal gelang, dann mit verheerenden Folgen. Erkannte man erst einmal die bittere Wahrheit – dass es Liebe und Freundschaft nicht mehr gab (aber es hatte sie einmal gegeben und die Erinnerung daran war wie eine Wunde, in die man seinen schmutzigen Daumen reinsteckt), dann war man erledigt.

Was Nina betraf: Sie war nicht fort – auch die Toten haben ihre Straßen, sie streifen umher und versuchen sich zu erinnern, aber was sie einmal ausmachte, ähnelt einem Bandsalat. Verdreht und ein einziges Chaos. Da war nun wirklich nichts mehr zu machen.

Was Abraham anging: Er verstand in letzter Konsequenz weder die Toten noch ihre Mörder. Man bezahlte ihn dafür, den einen Gerechtigkeit zu verschaffen und die anderen zu verhaften. Und mit beiden war es immer dasselbe: Man bohrte sich einen Weg in sie hinein und stellte dann fest, dass sie innen alle hohl waren. Der Kern seiner Arbeit als Polizist bestand vor allem darin, Fragen zu stellen. Im Grunde waren seine Neugier, sein unerbittliches Nachstellen, wenn er das Gefühl hatte, vor einem Mörder zu stehen, seine einzige echte Waffe. Sie war, für sein Gegenüber jedenfalls, gefährlicher als seine Dienstpistole, die er noch nie benutzt hatte.

Wozu auch?

Die meisten Killer, die er festnahm, waren im Grunde erbärmliche, armselige Gestalten – stark, mächtig und grausam nur im Angesicht ihrer Opfer. Sobald sie aber vor dem Gesetz standen, wussten sie früher oder später, dass ihre Spielchen vorbei waren. Ihre mühsam aufrechtgehaltene Fassade brach zusammen – und unter den Ruinen fand sich ihre wahre Natur.

Jeder Beamte in einer Mordkommission erinnerte sich an seinen ersten Fall, an den Anblick der ersten Leiche, an den ersten Mörder, dem er begegnet, den er verhört, überführt und festnimmt. Nun, so sollte es laufen, genau in dieser Reihenfolge. Abraham jedoch konnte mit Fug und Recht behaupten, dass er einen ganz bestimmten Mörder schon sein Leben lang kannte. Über diese Tatsache kam er nicht hinweg; sie war Fluch und Antrieb zugleich. Irgendwann würden ihn diese Fliehkräfte zerreißen. Noch hielt er stand, aber es gab Anlass zur Sorge, denn sein Vater wurde aus dem Gefängnis entlassen. Sein Vater hatte ihn zu dem Mann gemacht, der er war. Da gab es nichts zu leugnen. Also ging er in seinem Schatten, der so kalt und trostlos war wie die Unermesslichkeit des Universums.

KAPITEL
ZWEI

Abraham lebte seit geraumer Zeit in einer spartanisch eingerichteten Zweizimmerwohnung in Charlottenburg. Er lebte alleine, getrennt von Tisch und Bett, wie man so sagt, in seinem Fall hieß das: getrennt von Erin, der einzigen Frau in seinem Leben, die ihm so viel bedeutete, dass er sie geheiratet hatte.

Vor ihr hatte sein Leben aus einem Strom von Gesichtern und Ein-Weg-Gefühlen bestanden, sich verschwendende, verleihende Körper, die nicht mehr als einen warmen und mit jeder weiteren Minute ihrer Abwesenheit rasch abkühlenden Abdruck auf den Laken hinterließen, geschichtslose Verbindungen, die keinen Halt boten.

Als sie sich begegneten, befand er sich immer noch auf der Flucht vor seinem Leben. Ein junger Kerl mit bereits alten Augen, der manchmal zu viel trank und einen unheilvollen Drang zum Schweigen, zum schwermütigen Brüten besaß. Er redete nicht viel, aber was er sagte, hatte Hand und Fuß, und sie hatte zuvor nicht viele Männer wie ihn getroffen. Nur manchmal war es schwer, zu ihm durchzudringen, vor allem, wenn er sich in einen Fall verbiss und alles darüber hinaus beiseiteschob, darunter auch sie. Er war ein Mann, der gerade dabei war, sich an der Hand seines Mentors Lohmann in die ungewisse Dunkelheit der Mordermittlungen vorzutasten. Schroff anmaßend, ja frech – gefangen in der Politik der Angst einer verkorksten Jugend, die er nur dank seines Bruders psychisch angeschlagen, aber noch intakt und nicht zerbrochen überstanden hatte.

Erin hingegen war die älteste Tochter eines Industriellen aus dem mittleren Westen, eine langbeinige, blonde amerikanische Schönheit, die in Europa als Model arbeitete. Sie kam auf Umwegen über Mailand und Paris nach Berlin. An einem regnerischen Montagmorgen lief sie, das Gesicht von Wind und Wetter gerötet und mit einem Regenfilm überzogen, der sie dazu zwang, sich ständig über die Augen zu wischen, in Abraham hinein und fand sich in seinen Armen wieder. Wie bei einem Fotoapparat machte es laut und deutlich »Klick«.

Sie heirateten, schnell kamen nacheinander Judith und Tyler, sie kauften ein Haus in Berlin, sie liebten sich, lachten, sprachen, und alles war gut. Sie hatten wie alle Liebenden einen Pakt miteinander geschlossen, und sie waren wie alle Liebenden von einem Leuchten umgeben.

Und dann nicht mehr.

Keine Liebe scheitert von heute auf morgen.

Abraham erschien immer öfter nur als Gast im eigenen Leben, und das Leuchten um sie herum verlor an Kraft. Wie immer in solchen Dingen waren die Gründe im Nachhinein viel komplexer, als sie während ihres Auseinanderdriftens erschienen. Abraham war ein Mann, der sich selbst wie in einem Safe einschloss. Von seiner Jugend, von ihren Schrecken und Abgründen kannte Erin nur den winzigen Teil, den er sich erlaubt hatte, ihr mitzuteilen. Den weitaus größeren Rest verbarg er rigoros in der Dunkelkammer seines Herzens, zu der er Erin keinen Zugang gewährte. Erin wusste lediglich, dass sein Vater seit Jahrzehnten im Gefängnis saß und dass sich seine Mutter kurz nach der Aufdeckung der Morde umgebracht hatte. Seine Familiengeschichte war wie ein fauler, bröckelnder Zahn, den ganz zu ziehen er nicht bereit war, so dass seine Zunge immer wieder gegen ihn stieß und neue Schmerzenswellen der Erinnerung in ihm auslöste.

Und auch das komplexe Verhältnis zu seinem Bruder hatte sie nie wirklich durchschaut.

Robert Abraham. Der Felsen.

Der seinen kleinen Bruder nach dem Verlust beider Eltern durch die darauffolgenden Jahre brachte, ihn durch Finsternis und Verwirrung half, der die Richtung vorgab. »Ohne ihn hätte ich es vielleicht nicht geschafft«, hatte Frank ihr erzählt. Auch deswegen hatte sie versucht, Robert zu mögen, aber da war etwas an ihm gewesen, das sie nicht zu ihm durchdringen ließ. Es war eine Verschlossenheit anderer Art als bei seinem kleinen Bruder, eine Unverbindlichkeit, die jede tiefer gehende Bindung scheute, eine Einsamkeit, die seiner Arroganz ebenso viel verdankte wie seiner Unfähigkeit, einem Menschen zu vertrauen und sich ihm hinzugeben.

Ein Felsen. Steinblöcke, Spalten, Verwerfungen, autonom, unnahbar. Den Gezeiten ausgesetzt.

Erin dachte: Schiffbrüchige können sich auf einen Felsen retten. Aber ihre Schiffe konnten an eben demselben Felsen auch zerschellen.

Eines Tages verschwand Robert aus Franks Leben. Sie hatten sich seit den Stürmen ihrer Kindheit und Jugend nie ganz aus den Augen verloren. Robert besaß eine Baufirma und war in den 90ern als Subunternehmer an den Arbeiten am Potsdamer Platz involviert – und in, wie sich später herausstellte, kriminelle Machenschaften. Seine Firma ging pleite, er musste Leute entlassen und blieb auf einem horrenden Schuldenberg zurück. Dann ließ er sich mit den falschen Leuten ein.

Und verschwand.

Es war die alte Geschichte von dem Mann, der eines Morgens aus der Tür geht und nicht mehr zurücksieht.

Roberts Verschwinden und Abrahams Weigerung, mit Erin darüber zu reden, waren nur ein Teil der langsamen Entfremdung zwischen ihnen. In den nächsten Jahren rief Robert immer wieder sporadisch an. Er sandte Lebenszeichen von sich, mehr nicht. Die Anrufe kamen nie von einem Festnetzgerät, sondern immer aus Telefonzellen oder von Handys, die danach beseitigt wurden, und sie kamen aus den unterschiedlichsten und unwirtlichsten Winkeln der Welt.

Und die Welt war groß, man ging so leicht in ihr verloren.

Und Abraham litt wie ein Hund unter der Ungewissheit, wo Robert war, was er machte und mit welchen Menschen er verkehrte.

Während ihrer Ehe mit Abraham wurde Erin Zeuge einer ganzen Reihe von Untergängen. Polizistenehen schienen mit einem Mindesthaltbarkeitsdatum versehen zu sein, das, zumindest in ihrer Zeit, nicht über eine Handvoll Jahre hinausreichte.

Der Verfall begann immer schleichend; Überstunden, komplizierte, belastende Ermittlungen – die Anwesenheit von Chaos, Zerstörung, Lüge und Tod als ungebetene Gäste, gegen die kein Protest, kein Gerichtsbeschluss half.

»Es sind die Toten«, sagte Erin einmal nach einem Streit, der mit einer Nichtigkeit begonnen hatte, »all deine Toten. Du misst dem Leben dieser Toten die gleiche Bedeutung zu wie dem der Lebenden. Sie bilden eine regelrechte Mauer zwischen uns, Frank. Und ich kann diese Mauer nicht durchbrechen. Sie nehmen dich mir weg, und dazu haben sie verdammt noch mal kein Recht.«

Natürlich verstand er ihre Wut, ihre Verzweiflung, sie aber verstand ihn nicht, und das war ihr Problem. Wie hätte er ihr auch den Terror erklären können, der ihn beim Anblick eines zerstörten Körper erfasste. Denn er verglich ihn unwillkürlich mit seinem eigenen unversehrten Leib und stellte sich vor, wie es wäre, selbst dort zu liegen … und Todesangst packte ihn, denn er war ebenso verletzlich und zerbrechlich wie alle Menschen angesichts ihres möglichen gewaltsamen Endes. Lohmann, sein Mentor, hatte ihn davor gewarnt: »Du wirst deine Familie und die Menschen, die du liebst, mit anderen Augen sehen, wenn du weißt, was ihnen geschehen kann.«

Abraham kam damit nicht zurecht. Er wusste einfach zu viel, weil er zu viel gesehen hatte. Was ihn plagte, war der mörderische Wissensvorsprung eines jeden Polizisten.

Denn er hatte zu oft gesehen, was einem Mädchen wie seiner Tochter Judith alleine da draußen geschehen konnte. Der falsche Freund. Die falsche Abzweigung. Das falsche Lächeln eines Fremden, der dich in Sicherheit wiegt, während seine Hand hinter dem Rücken verborgen schon den Griff des Messers liebkost.

Die Welt war groß, in ihr pulsierte ein schwarzes Herz, und die Toten riefen nach ihm.

Manchmal, wenn es zu viel wurde, blieb er nächtelang weg, streifte durch die verwahrlosten, räudigen Ecken der Stadt, suchte alte Mordschauplätze auf. Erinnerte sich stellvertretend für die Geister der Ermordeten, die ihm über die Schultern sahen.

Wenn er lieber bei seinen Opfern und Mördern ist als bei mir und den Kindern, dachte Erin, dann verliere ich ihn.

»Du fehlst mir«, sagte sie eines Nachts, als sie im Bett lagen. Er verstand sie schon lange nicht mehr, deshalb brachte er nicht mehr als ein dünnes »Ich bin doch hier« zustande.

»Nein«, sagte sie.

Er gehörte ihr nicht mehr alleine, die Toten beanspruchten ihn ebenso intensiv wie sie selbst.

Manchmal versuchte sie, seine Sicht der Dinge nachzuempfinden. Bemächtigte sich seines Blicks, ging durch seine Träume.

Ja, es gab Zeiten, in denen sie ihm an all die Orte folgte, an denen er sich verlor.

Leichen in Reihenhäusern und Villen, in Sozialbauten und Einzimmerwohnungen, unter Betten, in Schränken und Truhen, in Plastiktüten und Abfallsäcken entsorgt, seit Monaten verrottet, verwest, verflüssigt, Maden und Larvenfriedhöfe, das Sterben auf Raten, der Tod auf Abruf, aus der Welt, aus der Zeit gefallen, Schuldige, Unschuldige, Frauen, Kinder, Alte, Schwache, Kranke: mit Messern erstochen, erschossen, erdrosselt, mit Plastiktüten erstickt, angezündet und verbrannt, ihre Schädel mit Hämmern und Montiereisen zertrümmert, vergiftet, zerstückelt, aufgefunden unter Autobahnbrücken, in Flüssen, Seen, Nebenstraßen, Seitenstraßen, in Kellern und Lauben; in Hinterhöfen, auf illegalen Müllhalden und alten Industriebrachen abgeladen, entsorgt, vergraben, mit ungelöschtem Kalk oder Säure aufgelöst; manchmal waren die Körper weit entfernt davon, einmal menschlich gewesen zu sein, nunmehr Fragmente, Überreste, bloße Behauptungen.

Erin durchstreifte Räume, Plätze, glitt körperlos durch Wände, schwebte über Dächern, folgte den Spuren ihres Mannes, verließ die Außengrenze der Nekropole und fand sich innerhalb eines einzigen Augenaufschlags in einer Wüste wieder und in einer neuen Stadt, die ihr wie ein gestrandetes Relikt, ein grotesker Irrtum erschien. Der Sand der Zeit hatte ihren steinernen Bauch gefüllt, ihre Gebäude waren verfallen und verlassen – als wären sie nie bewohnt gewesen.

Was sie sah, war das Ende der Zeit selbst.

Erin zog durch diese schwarze Rückseite der Welt mit weit geöffneten Augen.

Sie suchte nach Abraham unter all den Toten, die darauf warteten, dass man ihre Sachen verhandelte. In ihren entstellten, geschändeten, zerstörten Körpern pulsierte ein dunkles Licht. Sie starrten Erin an, als sei sie ein Missverständnis, eine Fehlbesetzung, eine unwillkommene Einmischung von außerhalb.

(Und nichts anderes war sie hier.)

Sie blieben stumm, aber das Entsetzen, das sie ausstrahlten (es lag in dem dunklen Licht), drang in Erins Kopf und setzte sich dort als ein immer stärker werdendes Summen fest.

Manifestierte sich zu einer schier endlosen Abfolge von Mordbildern: Die Toten erzählten ihr so auf ihre Weise von dem, was ihnen geschehen war.

Es war ihr, als platzte ihr der Kopf. Sie marschierte durch eine Ebene, die unter einer schwarzen Sonne lag. Der Horizont war in dunkles Blau getaucht, das sich mit keinem anderen vergleichen ließ. Irgendwo vor ihr war ihr Mann – sie erkannte seine große stille Gestalt, die stur weiter vorausschritt, einem Ruf folgend, der nur für ihn bestimmt war. Sie rief ihrerseits seinen Namen, aber er war außerhalb ihrer Reichweite, und egal, wie sehr sie sich bemühte, sie kam ihm nicht viel näher. Eine Gegenkraft drückte sie permanent weg von ihm, eine Art umgekehrter Magnetismus, der stärker war als die Sehnsucht ihres Herzens, bei ihm zu sein. Dabei wusste sie, dass er ihre Hilfe brauchte. Er befand sich in großer Gefahr, aber es war nicht sein Körper, der in eine Falle lief, sondern seine Seele. Sie rief erneut nach seinem Namen, und wieder trug der Wind ihn davon. Ihre Stimme verlor sich zu nichts anderem als einem Flehen.

Abraham durchquerte die Stadt so andächtig und scheinbar ergriffen wie ein Pilger. Aus den verfallenen Gebäuden starrten ihn die Toten an. Wie auf ein gemeinsames Kommando hoben sie alle zur selben Zeit einen Arm und streckten den Zeigefinger aus. Zeigeten auf Abraham, als markierten sie ihn. Beschuldigten sie ihn? Als Erin an einem der Häuser vorbeikam, warf sie einen Blick durch seine zerstörten, offenen Wände in das Innere. Drinnen waren Möbel und Schränke, Stühle und Tische in beiläufiger Raserei beiseitegeworfen und zertrümmert, der Boden war rostrot, und in einer Ecke unter einem Bündel Zeitungen lag ein verborgener Körper. Zwei Männer, hohl und von dunklem Licht erfüllt, irrten wie die unter Schock stehenden Opfer eines Verkehrsunfalles in dem Zimmer herum. Aber nicht sie waren hier die Opfer – denn in ihren Händen hielten sie Knüppel und Messer. Im nächsten Haus das gleiche Bild sinnloser Verwüstung. Diesmal waren es mehrere Körper, die einer Mutter und ihrer zwei Töchter, die wie groteske, lebensgroße Puppen auf einem Sofa arrangiert waren. Ein Mann stand dahinter, in seiner Hand pendelte ein Fleischermesser hin und her, sein Mund zuckte unkontrolliert und lautlos, und sein Finger war auf Abraham gerichtet. Anklagend, flehend? Auch er war ein Mörder, dessen Träume ihn Nacht für Nacht hierher beförderten, es war eine beinahe philosophische Strafe jenseits der Gesetzbücher und Paragrafen, wie Erin fand. Jetzt verstand sie: Das hier waren Schauplätze von Verbrechen. Im Gegensatz zu den Orten, die sie in der Nekropole Berlin gesehen hatte, waren diese Szenerien aber bevölkert. Anstatt leerer Räume, in denen das Grauen nur nachhallte – als Gespenst der Abwesenheit –, verrichteten die Toten und Träumenden hier erneut ihr Werk. Morde waren hier geschehen, und Opfer und Täter waren dazu verdammt, auf ewig zusammen zu sein in der Parodie einer Wiederholung dessen, was sie miteinander verband.

Erin zog weiter.

Als sie wieder nach Abraham suchte, hatte dieser die Grenze der Stadt erreicht. Jenseits von ihr war nicht mehr als eine endlose Steppe. Eine andere Gestalt näherte sich ihm aus diesem Ödland, ein dunkler Wanderer. Erin beeilte sich, aber sie konnte die Distanz nicht überbrücken. Jedoch erkannte sie den Wanderer, der jetzt ihrem Mann gegenüberstand.

Es war sein Vater.

Karl Abraham trug einen teuren Anzug und sah wie der perfekte Gentleman aus. Ein Mann der Frauen, selbstsicher, fast arrogant. Wie lange er auch unterwegs gewesen sein mochte, die Strapazen des Ödlands hatten ihm nicht zugesetzt. Er sah aus, als käme er direkt aus einer Sommerfrische, aus der alten, sepiagefärbten Fotografie einer anderen Zeit. Vornehm, akkurat, kultiviert – Erin konnte sich vorstellen, wie anziehend er auf Frauen wirkte. Aber das war nur Fassade. In dieser Realität hier, in der Essenz ihres dunklen Traumes, erkannte Erin seine wahre Natur.

Seine Augen funkelten listig, und als er grinste, fletschte er dabei die Zähne wie ein Raubtier und entblößte seine ganze ordentliche bürgerliche Aufmachung als einen billigen Taschenspielertrick. Dahinter verbarg sich etwas zutiefst Verschlagenes, Grauenhaftes.

Als Karl Abraham seinen Sohn umarmte, traf sein finsterer Blick Erin wie der Bannstrahl eines Dämons.

(Sie erinnerte sich in diesem Traum an die Erzählungen eines früheren indianischen Schulfreundes. Der berichtete ihr von den Skinwalker genannten Gestaltwandlern: Dämonen, die unter die Haut von Tieren oder gar Menschen krochen, um sie bei Nacht, wenn diese sich in der Wüste aufhielten, zu holen. Abrahams Vater war ein solcher Gestaltwandler.)

Abraham ließ die dämonische Berührung seines Vaters zu – ob aus eigenem Willen oder weil er willenlos war, hypnotisiert von diesen schrecklichen Augen, konnte sie nicht sagen. Sie sah, wie der Vater den Sohn aus der Stadt und in die Steppe führte. Sie wusste, dass ihm dort draußen Grauenvolles bevorstand. Aber als sie versuchte, mit einem letzten Schwung über diese Barriere zu setzen, um ihm zu folgen, fiel sie durch den Sand und durch die Zeit und zuallerletzt aus dem Traum selbst.

Es war dies nur eine Variante von vielen Träumen ähnlicher Art, die sich wie Doppelagenten in Erins Schlaf stahlen. So plastisch sie diese Träume auch erlebte – wie einen Film, gespannt auf einer Leinwand –, so sehr zersetzten sich ihr Inhalt und ihre Form, wenn sie wieder an die Oberfläche des Erwachens trieb. Zurück blieben nur Bruchstücke, so klein, unbedeutend und verstreut wie Kiesel an einem Strand, sowie ein kalter Schauder, der sie den Rest des Tages begleitete. Mit Abraham sprach sie nie darüber, aber ihr war klar, dass er ähnlich heftige Träume dieser Art haben musste. Und seine waren sicher um ein Vielfaches schlimmer.

Der Alltag gab ihnen dann den Rest, und ihre Ehe reduzierte sich auf die täglichen Gewinn- und Verlustrechnungen.

Als sich ihr Schiff immer mehr im Sturm neigte, da redete sie sich ein, dass dies selbst den besten Leuten misslingt: Das Glück, von dem man glaubte, es in Besitz genommen zu haben, rutschte einem aus der Hand. Sie hatten nicht gut genug aufeinander aufgepasst.

Immerhin kämpfte sie, und auch er gab lange nicht auf. Sie versuchten es, auch wegen der Kinder, aber wenn Kinder als das letzte Argument herhalten müssen, um sich nicht zu trennen, ist meistens alles schon zu spät. Und weder sie noch Abraham waren die Art von Menschen, die krampfhaft versuchten, die Fassade zu wahren, wenn dahinter alles in furchtbarer Unordnung ist.

Sie bereiteten die Kinder, Gott sei Dank nicht mehr klein und selbst dabei, sich in der Welt einzurichten, langsam darauf vor. Für sie änderte sich nichts, was Liebe und Zuneigung betraf – und bald darauf ging Judith nach Paris, um Mode zu studieren, und Tyler für ein Jahr in das Land seiner Mutter, wo seine Großeltern sich um ihn kümmerten. Sobald die Kinder weg waren, packte Abraham seine Koffer. Sie sah ihm dabei zu und dachte an Robert Abraham und dass die beiden Brüder trotz unterschiedlicher Wege vieles gemeinsam hatten. Erin sah ihm nach, diesem großen stillen Mann, der ihr gemeinsames Leben verließ. Gescheitert, dachte sie bitter.

Wie alle anderen.

Und für wie einzigartig hatten sie sich doch zu Anfang noch gehalten.

Wie alle anderen.

Was folgte, war eine neue Erfahrung: die erste Nacht alleine ohne ihren Mann. Der Verlust seiner beruhigenden Nähe. Aber zugleich auch: der Verlust seiner mitunter beunruhigenden Nähe. Denn die Träume von der Totenstadt in der Wüste erschienen ihr nicht mehr. Ohne Abraham war die Verbindung gekappt. Ohne seine Nähe in ihrem Schlaf waren ihre Traumbande zerschnitten und verweigerte ihr die Nekropole schlicht den Zutritt.

Es war kein Abschied für immer.

Dann und wann begegneten sie sich auf den Trümmern ihrer Ehe, und obwohl es Papiere zum Unterzeichnen gab, ruhten diese (geladenen Waffen gleich) in den Schubladen ihrer Anwälte. Noch nicht, sagten sie sich beide; zumindest das waren sie sich schuldig. Und besaßen ihre gelegentlichen Besuche in seiner neuen Wohnung nicht sogar einen absonderlichen Reiz? Es ging ja gar nicht um Versöhnung – Versöhnung von was? Ihre Streitereien waren vergeben und vergessen. Vielmehr hatte sich der Riss zwischen ihnen, der Spalt, der Abraham langsam von der Welt entfremdete, zu einer immer größeren Kluft entwickelt.

In gewisser Weise war Abraham zu einem Autisten geworden. Wie in ihren Träumen von der Totenstadt war er ihr nahe und doch fern zugleich, und obwohl sie ihn hätte berühren können, blieb er außerhalb ihrer Reichweite. Er hatte ihr einen Zweitschlüssel für seine Wohnung überlassen wollen, aber den lehnte sie ab. Er hingegen besaß immer noch einen Schlüssel zu dem gemeinsamen Haus. Sie trafen sich, wenn ihnen danach war, im Grunde wie in einer Zeitschleife: als wäre es immer die Wiederholung des ersten Mals. Taten so, als hätte es die Jahre dazwischen nicht gegeben. Darin lagen sowohl eine gewisse Verzweiflung wie auch eine Art von Selbstbetrug, aber die Täuschung funktionierte. Ihre Körper funktionierten, und obwohl Erin klar war, dass dies nicht mehr ausreichte, um noch einmal neu zu beginnen, hielt sie sich an dem bisschen fest, solange es ging. Aber alles endet irgendwann unwiderruflich, und heute war es soweit, denn sie hatte eine endgültige Entscheidung getroffen. Sie rollte von ihm, ihr nackter Körper in eine Decke gewickelt.

Mag sein, dass wir einander nicht mehr gehören, dachte sie, aber dann hätte jemand unseren Körpern Bescheid geben sollen. Die Decke um sich gewickelt, bahnte sie sich den Weg durch das Halbdunkel des Zimmers in Richtung Bad.

Abraham sah ihr nach. Jetzt, wo ihn Erins Wärme nicht mehr beschützte, zitterte er in der Dunkelheit, das Fenster halb auf Kipp gestellt. Die Kälte strich wie mit Rasiermessern über seine Haut, und draußen riss die Morgendämmerung immer größere Fetzen aus der Nacht. Berlin erwachte wie ein schlaftrunkener Gigant aus wirren Träumen, schälte sich aus den Resten der Nacht, streifte sie ab wie einen stinkenden, klammen Anzug. Langsam baute sich seine Geräuschkulisse auf, sein mitunter hässliches, zur Fratze entstelltes Gesicht. Aus seinen Hautfalten fielen die Überreste der letzten Stunden; Betrunkene, Betrogene, Erschlagene, Verhungerte, Erfrorene. Das Leben hatte seinen Zoll entrichtet.

Abraham hörte die Dusche rauschen. Zündete sich eine Zigarette an. Dann noch eine, weil er wusste, dass Erin ebenfalls danach verlangen würde. Er stand auf, verzichtete auf die Umarmung seiner Decke, ging zum Fenster, wartete auf das erst bläuliche, dann fahle Licht. Erin trat neben ihn, nur ihr Gesicht lugte unter dem Stoff hervor. Als er ihre Hand nahm, schob sie diese weg, und er empfand fast körperliche Schmerzen dabei. Aber vielleicht war es ja besser so. Nein, nichts daran war besser. Nichts war gut. Leg deine Hand um mich, dachte er, lass sie dort liegen, bleib.

Nach einer solchen gemeinsamen Nacht waren ihre Gesichtszüge, die sich in den letzten Jahren so verhärtet hatten, aufgebrochen, endlich schienen ihre weichen Linien wieder durch. Wir leuchten immer noch, dachte er. Nicht stark, aber auch noch nicht erledigt. Kein Feuer mehr, aber das Glimmen der Glut.

»Wir waren magisch«, sagte er.

»Waren wir das?«

»Ich bin mir ziemlich sicher, dass wir es waren.« Er reichte ihr die zweite Zigarette.

»Welche Magie das auch immer war, Frank, sie war nicht stark genug. Nicht stärker als die Dinge, die uns voneinander trennen.«

Was sollte er daraufhin sagen? Sie hatte recht.

Trotzdem war da eine Vertrautheit, und sie würde immer bleiben. Unmöglich, dass Erin ihm jemals als Fremde begegnen würde – auch wenn ihre Körper so taten, als wären sie es, um sich nicht vor ihrer gescheiterten Geschichte rechtfertigen zu müssen.

Er sah sie an, lange und intensiv, und sie spürte seinen Blick, der so unerbittlich sein konnte, wenn er einem Verdächtigen gegenübersaß, und so zärtlich bei den Menschen, die er liebte. Manchmal reicht ein Blick aus, dachte sie, und wir verlieren uns darin, weil wir verloren sein wollen. Sie erinnerte sich daran, wie sie ihm das erste Mal begegnet war. Das Schicksal hatte sie ihm direkt in die Arme geworfen. Um sie herum eilten die Menschen durch den Sturm, jeder sich selbst der Nächste; kleine Fischerboote, dabei, noch rechtzeitig den schützenden Hafen zu erreichen. Sie war auf dem nassen Berliner Pflasterstein mit ihren untauglichen Pariser High Heels eingeknickt, war durchnässt und fror, und davon abgesehen war sie verdammt noch mal einsam.

Ihre letzte Beziehung zu einem Landsmann in Paris, einem Musiker, hatte sich als Rock-’n’-Roll-Schwindel entpuppt.

Der Typ dachte, er sei der neue Mick Jagger und sie Jerry Hall. Nun, er war es nicht, dafür aber der Meinung, er könne es mit jeder treiben, und sie wäre damit einverstanden.

(»Hier in Europa sind alle Bigamisten, Babe.«)

Sie sehnte sich nach Ruhe, nach Stabilität. Nach einem Gefährten, der sie festhielt, wenn sie es brauchte, und der schweigen konnte, wenn sie traurig war und nur den Wolken zusehen wollte, die über sie hinwegzogen, gen Atlantik, nach Hause. Und der sie bedingungslos liebte, wenn sie es nicht mehr mit sich selbst aushielt.

»Okay«, sagte Abraham, weil er spürte, wie sie zitterte, als die Erinnerungen sie überrannten. Egal, wie hoch wir unsere Festung bauen, wie tief wir den Schlossgraben ziehen, egal, wie stark die Mauern sind, diesem Ansturm halten wir niemals stand. Wieder griff er nach ihrer Hand. Diesmal zog sie sie nicht weg. Sein Herz stieß eine einsame Fanfare aus. Auf dem Nachttisch lag sein Handy, es vibrierte, summte, das Display leuchtete unheilvoll.

Erin vergrub ihr Gesicht in seiner Seite, seufzte, sagte:

»Das war abgesprochen, nicht?«

In der Dunkelheit flimmerte ein Lächeln über sein müdes Gesicht.

»Für so hinterhältig hältst du mich?

»Nein, nur für allzeit bereit.«

»Ich könnte ihnen sagen, regelt das selbst. Kleber ist schon ziemlich lange ein großer Junge«.

Sie schüttelte den Kopf. »Nein, du bist es, den sie brauchen. Das wird immer so bleiben, du wirst immer so bleiben, ich habe es nur zu spät verstanden.«

»Es tut mir leid«, sagte Abraham.

»Was?«

»Alles irgendwie. Ich schätze, ich hab’s irgendwann einfach vermasselt.«

»Dazu gehören immer zwei.«

Abraham sagte: »Ich vermisse dich.«

»Es wäre traurig, wenn es nicht so wäre, oder?«

»Ja, das wäre es, aber …«

»Ja?« Plötzlich stockte seine sonst so feste Stimme.

»Das heute war das letzte Mal zwischen uns, Frank. Wir können nicht für immer so weitermachen, das eine von dem anderen trennen, wir treten doch nur auf der Stelle.«

»Ich soll dich loslassen?«

»Das hast du bereits vor langer Zeit getan.«

Abraham spürte den stechenden Schmerz der Empörung (und der Schuld, denn jedem von ihnen war klar, wie die Prozente in dieser Sache verteilt waren) und versuchte sich zu rechtfertigen, aber Erin verschloss seine Lippen mit ihren Fingern und schüttelte den Kopf.

»Tu uns das nicht weiter an«, sagte sie.

Denn sie hatten sich zu oft in Nebenkriegsschauplätzen verzettelt, ihre Kräfte in Rückzugsgefechten aufgebraucht, hatten sich voreinander verborgen; weder Erin noch er ertrugen mehr davon.

Abraham dachte, dass sie in vielen Dingen so viel weiter war als er, dass ihr nüchterner, amerikanischer Pragmatismus ihren Blick für die Realität ihrer Beziehung, ihren Tief-, ihren Endpunkt weitaus mehr geschärft hatte als seine romantische Vorstellung. Und Erin hatte letztendlich begriffen, dass er ein einsamer Mann war und immer bleiben würde und dass die Intensität, mit der er dem Leben und dem Tod begegnete, dieselbe war, die sie einst angezogen und wieder von ihm abgestoßen hatte. Ein Suchender war er; auf der Suche nach den Dingen, die er verloren hatte, aber ohne Hoffnung, jemals eine Endstation für diese Suche zu finden.

Sie wollte jetzt kein weiteres Wort mehr hören oder verschwenden, sondern das mit ihm tun, was sie immer schon getan hatten, wenn sie zu erschöpft waren vom Streiten oder vom Sich-lieben, und so schwiegen sie eine Zeitlang und in diesem Schweigen, das gleichzeitig so vertraut wie verstörend war, nahmen sie voneinander stumm Abschied und sahen zu, wie der Tag sich über die weichenden Reste der Nacht schob. Wie das Leben da draußen erst ächzend und stotternd und dann zunehmend routinierter in die Gänge kam. Und wie es dann, einmal auf dem richtigen Gleis und in Fahrt, einfach immer weitermachte.

Sie waren ein Teil davon und lebendig.

KAPITEL
DREI

»Ich überlege noch, ob der alte Spruch stimmt, dass die Menschen im Sommer sterben wie die Fliegen, oder ob wir nicht stattdessen den alten grauen Griesgram einsetzen sollten«, murrte Kleber, als Abraham aus dem Toyota stieg. Abraham war müde und traurig, das wurde langsam zum Dauerzustand, aber im Gegensatz zu Kleber sah er immer noch aus wie das blühende Leben. Kleber, untersetzt und viel zu schwer, mit dem Gesicht eines Mannes Mitte vierzig, der zu viel rauchte, zu viel aß und zu viel trank, der seine früh ergrauten Haare zu einem unvorteilhaften, ungepflegten Zopf gebunden trug (was ihn noch älter machte), war erst seit ein paar Wochen wieder im Dienst, nachdem er sich vorher eine »von oben« verordnete Auszeit hatte nehmen müssen. Zurück »auf Bewährung« wie man ihm mit einem drohenden Unterton erklärte. Kleber hatte sich mit einem Kollegen namens Stieglitz aus dem Raubdezernat geschlagen, nachdem dieser vorher Abraham als »Scheißjuden« beschimpft hatte, betrunken zwar (wie sie alle am Ende eines langen, trostlosen Tages, an dem Abraham und Kleber frühmorgens die Leiche eines fünfjährigen Jungen aus einem Müllcontainer geborgen hatten), aber dennoch gewollt bösartig. Ehe Abraham sich selbst zur Wehr setzen konnte, erledigte das sein Partner für ihn.

Abraham war denen da oben ein Dorn im Auge, und Kleber, der wusste, dass man nur nach einem Grund suchte, um in Abrahams Akte einen Vermerk zu setzen, kümmerte sich dementsprechend um Stieglitz.

Die anderen Kollegen hatten entweder betreten oder betont desinteressiert zur Seite gesehen; persönliche Feindschaften, Intrigen, Gerüchte, Rivalitäten waren nichts Neues und ein Grund sich nur mit seinesgleichen zu umgeben. Und was war denn schon geschehen; nichts weiter als überreizte Nerven, Anspannung, Frustration, zu viel Alkohol.

Nichts sehen, nichts hören, nichts sagen, überall saßen die drei Affen herum; wir alle sind die Affen, dachte Abraham und dann musste er Kleber in den Schwitzkasten nehmen und von dem viel größeren und stärkeren Stieglitz wegzerren, da Kleber nicht damit aufhörte, auf den Mistkerl einzuprügeln.

Weil Kleber, der vor zwei Jahren einen Zuhälter, der eine Nutte mit einer Stahlrute brutal zusammenschlug, dieselbe Behandlung hatte zukommen lassen und deshalb noch mehr als Abraham auf der Abschussliste stand, diesmal Gefahr lief, endgültig gefeuert zu werden, musste Abraham ihn nach ein paar Wochen, in denen sein Partner diverse psychologische Eignungstests hinter sich brachte, persönlich bei »denen da oben«, den graugesichtigen, mit ihren Schreibtischen verwachsenen Stimmen zurückfordern, und er tat das, indem er drohte, den »Scheißjuden« von Stieglitz öffentlich publik zu machen – etwas, was das Präsidium nun überhaupt nicht gebrauchen konnte.

»So etwas könnte man als Erpressung bezeichnen«, bekam er zu hören.

»Ja, und das andere als Antisemitismus.«

»Ach kommen Sie, der Kollege war betrunken.«

»Das war Kleber ebenfalls, als er sich Stieglitz vornahm.«

»Kleber ist als gewalttätig bekannt.«

»Und Stieglitz als Rassist. Scheint so, als könnten wir auf beide nicht verzichten, denn abgesehen von ihren persönlichen Defiziten sind sie beide gute Ermittler, und davon gibt’s viel zu wenige in dieser Stadt und weiß Gott, wir brauchen jeden einzelnen, selbst die Arschlöcher unter ihnen, und was sagt uns das nun über den Zustand unserer Polizei?«

»Soll das eine Frage sein? Ständig Ihre Fragen. Ich wünschte, Sie würden nicht alles hinterfragen, sondern einfach Ihre Arbeit erledigen.«

»Wenn Sie damit auf meine Aufklärungsquote anspielen: Lässt die zu wünschen übrig?«

»Nein.«

»Tja, und was das Andere angeht … nehmen Sie mir meine Marke und ich bin weg.«

»So meinen wir das nicht.«

»Aber ich.«

Also kehrte Kleber zurück; und das war beileibe keine Selbstverständlichkeit. Zu viele gingen vor die Hunde, gelähmt und hilflos angesichts der Forderungen des Jobs. Es gab Kollegen, die nach einer solchen Auszeit nicht mehr in den aktiven Dienst zurückfanden. Abraham begegnete ihnen manchmal in ihren winzigen Büros, in denen sich ihre Augen über Computermonitore quälten, Anzeigen aufnahmen, Akten ordneten. Gute Männer, die sich als gescheitert ansahen, als Versager, ihre Augen hatten sich in blinde Spiegel verwandelt, und er fragte sich, ob sie morgens im Badezimmer noch den eigenen Anblick ertrugen.

Lohmann, sein Ausbilder und Mentor, hatte dies nicht mehr geschafft.

Abraham hatte ihn eines Tages in einer dieser schäbigen Absteigen gefunden, in der sie früher zusammen Drogentote, Ermordete oder Selbstmörder unter Betten hervorgezogen hatten. Lohmann hatte sich nicht in seiner Wohnung getötet, sondern an einem dieser finsteren Orte, an denen er sein ganzes Berufsleben verbracht hatte. Konsequent, dachte Abraham, und der Schmerz und die Erschütterung wirkten auf ihn ein wie ein betrunkener Kneipenschläger. Er nahm alles direkt körperlich wahr und krümmte sich, als hätte man ihm in den Unterleib getreten. Sein ehemaliger Mentor lag in der Badezimmertür, der Spiegel, in dem Lohmann sein ausgezehrtes, lebensmüdes Gesicht zum letzten Mal betrachtet hatte, war zerschossen.

Der zweite Schuss hatte dann ihn selbst ausgelöscht.

Er hatte sich die Pistole in den Mund gesteckt – »die Waffe fressen« nannten sie das untereinander, in einer Mischung aus Verzweiflung und Galgenhumor, für die jemand außerhalb ihrer Welt kein Verständnis aufbrachte.

Alles, was er je gewesen war, sein Wissen, seine Hartnäckigkeit und Unbestechlichkeit, sein Vertrauen und Verständnis, war von Einsamkeit niedergerungen und klebte trostlos an der muffigen Wand dieser hässlichen Absteige.

»Irgendetwas an meinem Haus zieht diese Typen an«, maulte der Besitzer, als er pikiert auf die Leiche starrte, »jedenfalls war das hier schon der Vierte in fünf Jahren. Wer macht mir jetzt die Wand sauber?«

Abraham packte den frechen Kerl am Kragen und sagte: »Wie wär’s, wenn du Arschloch auf deinen Tonfall achtgibst. Hier liegt ein Mensch und kein Typ, zeig ein wenig Respekt, denn dieser Mann hier hat ein solches Ende nicht verdient. Und was die Wand angeht, ja, sehr hässlich, aber irgendwie gibt das deinem Drecksloch doch ein wenig mehr Atmosphäre, meinst du nicht auch?«

Der Kerl bohrte sich daraufhin einen Finger in sein rechtes Ohr, förderte Schmalz zutage und starrte es wie einen Goldnugget an. Er sagte: »Ihr Ton gefällt mir überhaupt nicht. Vielleicht sollte ich mich über Sie beschweren.«

»Und vielleicht sollte ich mir mal deine Geschäftsbücher ansehen, vor allem die Abrechnungen über die Nutten, die ihre Freier hier bedienen, weiß das Finanzamt eigentlich davon?« Das reichte, um dem Kerl das Maul zu stopfen. Abraham versuchte, Ekel angesichts solcher Menschen zu empfinden, fand aber, dass selbst dies schon zu viel Aufmerksamkeit für dieses Arschloch war.

Lohmann war so alleine gestorben, wie er gelebt hatte. Seine Frau war schon lange tot, und sein Sohn war dabei, eine Karriere als Investmentbanker in den Staaten zu starten. Als man ihn über den Selbstmord seines Vaters informierte, wies er seiner Sekretärin nur an, einen Blumenstrauß zu schicken. Er steckte gerade in einer größeren Transaktion fest und hatte für solche ungeplanten Störungen kein Verständnis.

Es waren Abraham und einige andere Mordermittler, die das Begräbnis ausrichteten. Jemand, der mit Lohmann in den alten Tagen zusammen angefangen hatte, sprach ein paar Worte, danach begnügten sich die Wenigen, die gekommen waren, in einer Kneipe, in der Lohmann seine letzten Nachmittage verbracht hatte, einen zu heben. (Von den Vorgesetzten ließ sich übrigens keiner blicken – immerhin hatte Lohmann sich die Kugel gegeben, was nicht gerade Werbung für das Polizistendasein war und ihnen dementsprechend unangenehm. Wieso hatte er verdammt nochmal nicht wie jeder andere auch an einem Infarkt oder Krebs sterben können? »Weil er die Waffe besaß und genug Selbstachtung, sich nicht vor einen Zug zu werfen. Und davon mal abgesehen, war er einsam und ausgebrannt, und er fühlte sich nutzlos«, sagte Abraham später zu einigen Kollegen, »und keiner von uns Helden hat ihn je besucht, weil wir zu beschäftigt sind, mörderischen Scheißkerlen, die ihre Kinder totprügeln oder im Suff ihre Oma skalpieren, um den nächsten Block nachzujagen.«)

»Zumindest hat er nicht leiden müssen«, sagte einer der Kollegen, »das war ein wirklich guter Schuss, nicht wahr?«

Ja, wirklich sehr tröstend, dachte Abraham, aber woher wissen wir denn, ob seine Hand nicht gezittert hat, während sich die Sekunden vor der Entscheidung ins Unendliche ziehen, bis sie in einem letzten klaren und reinen Moment zusammenfallen.

Zuletzt hoben sie das Glas auf Lohmann, während ein belangloser Schlager von der Schönheit der Welt erzählte, was ihnen allen in diesem Moment wie ein grotesker Witz vorkam.

Kleber nun hatte einstweilen den Weg zurückgefunden, angeschlagen, mit angekratzter Ehre, ein Schiffbrüchiger, der sich auf einem Stück Treibholz über Wasser hielt. Abraham hatte sich insgeheim geschworen, auf ihn aufzupassen, denn ein nochmaliger Aussetzer wäre Klebers Ende im aktiven Dienst.

»Was bleibt mir denn dann noch? Höchstens ein Job als Wachmann, und jeder zweite Wachmann ist ein Exbulle, stell dir das mal vor, die Typen könnten glatt eine Scheißarmee aufstellen. Und das zu reduzierten Bezügen, wer braucht denn so was?«

Kleber klang dabei schnoddrig wie immer, aber seine Stimme vibrierte vor Angst und Unsicherheit.

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