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Das Lexikon der dämlichsten Erfindungen

Titel

BASTEI ENTERTAINMENT

Vorwort

Was sind Erfindungen und was heißt dämlich?

Den Floh, ein Lexikon der dämlichsten Erfindungen zu schreiben, setzte mir mein alter Freund Dirk ins Ohr. Er (der Floh, nicht Dirk) nistete sich dort aber keineswegs auf Anhieb ein. Es war gleichsam eine Liebe auf den zweiten Biss. Zuerst hielt ich das Sujet für reichlich albern und platt. Aber je mehr ich darüber nachdachte, desto stärker faszinierte es mich.

Nein, dämliche Erfindungen sind keineswegs nur Dinge wie am Fußgelenk befestigte Regenschirmchen für die teuren Pumps oder batteriebetriebene Minischeibenwischer für die Brille. Zum einen verstecken sich schon hinter dem Wort Erfindung weit mehr als nur technische Innovationen. Auch ein Märchen kann man erfinden oder etwa eine neue Strategie, um arglosen Anlegern Geld aus der Tasche zu ziehen. Erfinden lassen sich exotische Sportarten ebenso wie Methoden, alternden Diven das Nervengift Botulinumtoxin ins Gesicht zu injizieren, um ihnen jegliche Mimik zu nehmen. Das Spielfeld ist also sehr weit gesteckt.

Auch hinter dem Wörtchen dämlich verbirgt sich ein ganzes Universum. Hatte doch schon Albert Einstein gesagt: »Zwei Dinge sind grenzenlos – das Universum und die menschliche Dummheit. Bei dem ersteren bin ich mir allerdings nicht so ganz sicher.« Dämlich leitet sich nicht, wie man vielleicht vermuten könnte, von der Dame (frz. dame) ab, sondern vom mittel- und niederdeutschen Verb dämelen, das so viel bedeutet wie »nicht recht bei Sinnen sein«. Und das ist noch weit mehr als nur dumm. Nicht ganz bei Sinnen sein kann auch ein an sich hochintelligenter Mensch, etwa dann, wenn er die Atombombe erfindet, mit der man Mitmenschen im Ausland zu Hunderttausenden umbringen kann und dabei gleichzeitig ihren Lebensraum so nachhaltig radioaktiv verseucht, dass er sich auch vom kriegerischen Eroberer nicht mehr sinnvoll nutzen lässt.

Demgegenüber ist die Erfindung des Guerilla-Strickens, jener Modeerscheinung, bei der strickwütige Menschen bunte Wollkleider für Verkehrsschilder, Laternenmasten oder ganze Bäume fertigen, in einem ganz anderen Sinne dämlich. Man kann nicht gerade behaupten, dass Menschen, die so etwas tun, nicht ganz bei Sinnen sind, denn sie handeln mit Vorsatz, schaden niemandem und tun nur, was ihnen Freude bereitet oder auch gesellschaftlichen Protest ausdrückt, wovon sie also einen Gewinn haben. Dennoch sind solche Aktionen zumindest auf den ersten Blick recht dämlich, schließlich könnte ein Baum doch auch ohne sein Strickwams überwintern.

Dann ist da aber noch etwas, was nicht unbedingt darauf schließen lässt, dass wir in einer dämlichen Welt leben, in mancher Hinsicht aber in einer wahnsinnigen. 2012 war – zumindest für die USA – ein besonderes Jahr: Erstmals in der Geschichte der Menschheit kamen mehr Soldaten dieser Militärmacht durch Selbstmord ums Leben als bei irgendwelchen Kampfhandlungen. Aber auch weniger lebensbedrohliche Entwicklungen lassen einen am Verstand der Menschheit zweifeln: Weltweit bricht sich seit Jahren lawinenartig eine Art neue Volksseuche Bahn, die der renommierte Neurologe und Psychiater Manfred Spitzer völlig zu Recht digitale Demenz nennt und für die er erschreckende Zukunftsprognosen stellt.

Solche Beobachtungen rufen natürlich Reaktionen hervor, vom scheinbar hilflosen Abwehrmechanismus bis zum gezielten – zum Teil künstlerischen – Aktionismus, der das Skurrile durch Übersteigerung entlarven oder ihm etwa durch naiven esoterischen Unfug entfliehen will. Auch solche Aktionen wirken auf den ersten Blick oft ausgesprochen dämlich, lassen uns dann aber bei genauerem Hinsehen nachdenklich werden oder gar erkennend schaudern, wie etwa der Möbel-Bondage-Expressionismus von Melanie Bonajo. Ganz bewusst habe ich auch solche im Alltagsumfeld erst einmal dämlich wirkenden, auf den zweiten Blick aber eher philosophisch anmutenden Erfindungen in diesem Buch aufgenommen.

Der Bogen spannt sich von harmlosen Albernheiten, die zum Lächeln und Lachen verleiten, bis zu Aktionen, die man nicht anders als psychologische Überkompensation einer übersättigten Gesellschaft beschreiben kann – wie Extrembügeln unter Wasser oder auf einsamen schroffen Bergzinnen –, von moralisch unsauberen, betrügerischen Finanzmanövern bis zu unsinnigen Verzweiflungstaten, etwa der Entwicklung von Roboterbabys, mit denen sich unsichere Eltern auf den Umgang mit dem eigenen Säugling vorbereiten wollen. Kurzum, Das Lexikon der dämlichsten Erfindungen spiegelt das ganze Spektrum typisch menschlicher Freud’scher Fehlleistungen wider, im Spaß wie im Ernst, in Freud wie in Leid. Dämliches kann Freude bereiten, es kann traurig machen, es kann töten, kann zur Verzweiflung führen, zum positiven oder auch negativen Lebensinhalt werden, kann heilen und kann einfach eins sein: dämlich! Diese Erkenntnis faszinierte mich, und der Floh hatte sich in meinem Ohr eingenistet. Die Arbeit an diesem Buch vermittelte mir denn auch ein Wechselbad der Gefühle – von kindlicher Freude am sinnfrei Albernen über stille Nachdenklichkeit bis hin zu einer gewissen Traurigkeit über den dämlichen menschlichen Selbstzerstörungstrieb. Wenn der Leser mir auf diesen Pfaden folgen möchte, Pfaden, die tief in die menschliche Seele führen können, erfüllt das Buch seinen Zweck.

A

Amerikanismen

Fremdwörter gab es seit eh und je in der deutschen Sprache. Sie entstammen dem Griechischen, dem Lateinischen, dem Arabischen und Französischen und einem Dutzend anderer Sprachen – und natürlich auch dem Englischen. Das ist ein gesundes Zeichen dafür, dass die deutsche Sprache lebt, sich weiterentwickelt und kulturell mit anderen Kulturkreisen interagiert. Etwas ganz anderes ist es aber, wenn »Sprachdesigner« kreativ, also erfinderisch am Werke sind und die natürlich gewachsene Sprache gezielt beeinflussen, wobei sie oft selbst nicht wissen, was sie da eigentlich tun. Meist sind es Werbetexter, die potenziellen Kunden so etwas wie Fortschrittlichkeit, Internationalität und innovative Produkte suggerieren wollen. Zu den Sprachdesignern gehören aber auch die großen Verschleierer unserer ökonomisch dominierten Gesellschaft, Industriemanager und Politiker, die sich immer neue Amerikanismen einfallen lassen, um Arbeitnehmern, Steuerzahlern und Wählern Sand in die Augen zu streuen, und etwa einen schlichten Telefonisten einzig auf verbaler Ebene aufwerten: zum Call Center Agent oder zum Engagement Manager (Vertreter). Ein Testbesucher auf Messeständen wird zum Mystery Fair Visitor und ein Lagerist zum Warehouse Distribution Manager.

In den USA, dem Land der unbegrenzten (Un-)Möglichkeiten, mag man sich an solche sprachlichen Überhöhungen gewöhnt haben, aber im Herzen Europas haben sie keine Existenzberechtigung, zumal die meisten Deutsch-Muttersprachler sie ohnehin nicht verstehen. Was ist daran »hip«, wenn der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche Deutschlands, Nikolaus Schneider, seine Schäfchen mit Luther Activities, Wellness für die Männerseele oder Marriage Weeks zum Glauben führen will? Ist das »Faith for Entertainment« in einer Konsumgesellschaft, die auch vor einer Landeskirche nicht Halt macht?

Von äußerst dämlichem Erfindergeist künden die Amerikanismen in der Werbung. Das betrifft Produktwerbung (sorry: Product Placement) ebenso wie Imagewerbung. Doch was hier Weltläufigkeit vortäuschen soll, geht nicht selten satt in die Hose. Der Werbefachmann Bernd Samland ist sich der Überfrachtung seiner Branche mit Amerikanismen schmerzlich bewusst und führte vor einigen Jahren eine Recherche durch, um festzustellen, wie diese meist albernen US-orientierten Floskeln bei den umworbenen Kunden eigentlich ankommen. Gegenüber dem Spiegel erklärte er selbstironisch das Ziel der Untersuchung so: »In einem Brainstorming-Meeting kamen wir zur Conclusion, die Reception mancher Claims mal zu researchen. Der Approach des Survey war, den Consumer View einem Feedback-Check zu unterziehen, was den Marketing Value mancher Expressions angeht.«

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Der Douglas-Slogan suggerierte vielen Kunden, die Parfümeriefachmärkte seien Labyrinthe.

Das Ergebnis der Studie war, dass die meisten Anglizismen von der Mehrheit der über tausend Befragten entweder gar nicht oder völlig falsch verstanden wurden. Hier einige wenige Beispiele aus der Studie:

Come in and find out schrieb die Drogeriemarktkette Douglas einst über ihre Türen. »Kommen Sie herein und finden Sie wieder hinaus«, so verstand das die Mehrzahl der Kunden und amüsierte sich herzlich über diesen idiotischen Werbespruch. Der Werbetexter hätte dieses Desaster voraussehen müssen. Aber die Douglas-Americanizer gaben nicht auf, dämliche Amerikanismen zu erfinden. Zwar haben sie Come in and find out inzwischen gecancelt, dafür umwerben sie heute junge Kundinnen ziemlich dämlich mit Hi Girls, Du bist hip und absolut hot. Immer unterwegs in der City, beim Clubbing oder Flirten.

Noch schlimmer traf es den privaten Fernsehsender SAT.1, der zwischen seinen Filmbeiträgen immer wieder die Eigenwerbung Powered by Emotions einspielte. Was das denn bedeute, wollte das Team um Bernd Samland wissen. Nicht wenige der Befragten übersetzten den Slogan frei mit »Kraft durch Freude!«. Das Dritte Reich lässt grüßen.

Drive alive empfahl Mitsubishi potenziellen Autokäufern. Wörtlich übersetzt versteht das die Mehrzahl der Deutschen als »Fahre lebend«. Eine blöde Empfehlung – wie will man denn als Toter fahren? Oder versprach der Autohersteller gar durch die Blume einen aufregenden Nervenkitzel? »Schauen Sie mal, ob Sie es schaffen, eine Fahrt mit unserem Wagen lebendig zu überstehen!« Auch das wäre ein werbepsychologisches Eigentor.

Und schließlich empfiehlt die Firma Loewe ihren Kunden: Stimulate your Senses! – Ist das eine geheime Aufforderung zur Selbstbefriedigung oder etwa Werbung für psychedelische Drogen?

Sprachpanscherei nennt derart dämliche linguistische Erfindungen Professor Walter Krämer, selbst ernannter Wächter der deutschen Sprache und Gründer des Vereins Deutsche Sprache (VDS). Seit Jahren vergibt dieser Club, dem heute Muttersprachenenthusiasten wie Jürgen von der Lippe, Hape Kerkeling, Reinhard Mey, Nina Ruge, Bastian Sick und Dieter Wedel angehören, den Preis Sprachpanscher des Jahres. Hier sind einige der so Geehrten:

  • 2004 – Markus Schächter, Intendant des ZDF, der versuchte, durch Einführung öffentlich-rechtlicher Sendeformate wie Kiddie Contests, Webcam Nights oder Nightscreen einem vermeintlichen Zeitgeist hinterherzulaufen.
  • 2005 – Herbert Beck, Direktor des renommierten Frankfurter Städel-Kunstmuseums, der nicht nur den Goethe-Jump erfand, sondern auch seine deutschen Gäste zu Events wie Unfinished Print, Art after Work mit anschließendem Get-together inklusive Member’s Night in der Holbein’s Lounge einlud und am Family Day einen Art Talk for Families anbot.
  • 2008 – Klaus Wowereit, regierender Bürgermeister von Berlin, der zum Tag der Deutschen Einheit über dem Brandenburger Tor Fahnen mit Texten wie Power for Peace – Power for Unity – Power for Understanding flattern ließ und im Gegensatz zum ehemaligen US-Präsidenten John F. Kennedy, der auf Deutsch ausrief »Ich bin ein Berliner«, die Bürger seiner Stadt aufforderte: »Be Berlin!«

Alles in allem: Amerikanismen haben sicher dann in der modernen deutschen Sprache ihre Berechtigung, wenn es sich um neue Begriffe handelt, die ganz einfach im englischsprachigen Ausland erfundene oder entwickelte Dinge bezeichnen, wie Transistor oder Laser. Geht es aber darum, Menschen mit (meist frei erfundenen) Neoanglizismen zu überfluten und letztlich zu verdummen, dann ist das reichlich dämlich. Feel the difference!

Analogkäse, Klebeschinken und Surimi

Sonja Popovic, freie Journalistin mit dem Spezialgebiet Ernährung, stellte für die Website Zehn.de die zehn fiesesten Lebensmittellügen zusammen. Die ersten vier davon sind Käseimitate (sogenannter Analogkäse), Mogelschinken, Formfleisch und Kunstkrebsfleisch. Was versteckt sich dahinter?

Lebensmittelwissenschaftler der Universität Hamburg geben eine klare Definition dafür, was Käse ist: »Käse wird aus Frischmilch (Süßmilch) oder einem Sauermilchprodukt, zum Beispiel Buttermilch, hergestellt und ist ein wichtiges tierisches Lebensmittel. – Führt man der Milch Lab, Mikroorganismen und Säure zu, erhält man das fetthaltige Milcheiweiß. Dieses Milcheiweiß, auch Bruch genannt, kann frisch als Frischkäse wie Mozzarella und Rahmfrischkäse gegessen werden. Legt man den Bruch in Salzlauge und lässt ihn längere Zeit reifen, so erhält man Schnitt- und Hartkäse. Zur Herstellung von Edelpilzkäse, Brie und Camembert werden der Käsemasse zusätzlich Schimmelkulturen zugesetzt.« Wer nun aber in einem Supermarkt Käse kauft, vor allem aber wer in einem Restaurant Käsepizzas, Käsestangen, Toasts, Käsebaguettes, ein mit Käse überbackenes Soufflé oder Ähnliches verzehrt, wird nicht selten sagen müssen »so’n Käse!«, denn was ihm da als Käse aufgetischt wird, ist in Wirklichkeit gar kein solcher, sondern ein künstliches Gemenge aus in Wasser emulgierten gesättigten Pflanzenfetten, pflanzlichem Eiweiß und künstlichen Aromastoffen.

Analogkäse nennt der Fachmann solche klebrigen Massen pseudowissenschaftlich. Unter einem análogon verstanden die alten Griechen ursprünglich etwas Proportionales, etwas, das im gleichen Verhältnis mit etwas anderem steht. Heute bezeichnen wir auch einen ähnlichen Gegenstand mit diesem Wort. Aber der Analogkäse ähnelt einem wirklichen Käse allenfalls grob im Aussehen und im Schmelzverhalten beim Überbacken. Geschmacklich kommt er kaum an einen faden Billigmozzarella heran. Um das tatsächliche Verhältnis beider Produkte zu beschreiben, sollte man deshalb analog besser als »Anna log« übersetzen.

Felix Prinz zu Löwenstein, Vorsitzender des Bundes Ökologische Lebensmittelwirtschaft (BÖLW), kommentiert deshalb völlig zu Recht: »Der Aufschrei über solche Zustände kann gar nicht laut genug sein! Da werden Verbraucher hinters Licht geführt und die Milchbauern ausgebootet, sodass deren Erlöse weiter sinken.«

Untersuchen wir den Analogkäse und seine Vermarktung etwas genauer. Die Chemischen und Veterinäruntersuchungsämter (CVUA) in Baden-Württemberg, die regelmäßig Proben aus Gastronomie und Handel auf Fälschungen hin untersuchen, hielten für das Jahr 2006 fest, dass 23 Prozent aller Käsegerichte mit Mogelkäse zubereitet waren; vor allem Liebhaber des griechischen Salats dürften statt echtem Feta in 18 Prozent der Fälle ein Imitat gegessen haben, dessen Zusammensetzung von einem Schaf ungefähr so weit entfernt ist wie ein echtes Huhn von seinem Latexbruder auf der Bühne. An diesen Kunstprodukten wurde weder jemals ein Schaf vorbeigetrieben, noch handelt es sich dabei überhaupt um Käse. Immerhin 23 Prozent aller in Gaststätten und Imbissstuben verkauften »Käsegerichte« waren im Berichtszeitraum mit solchem Mogel»käse« zubereitet. Und daran hat sich trotz vielfältiger Kritik bis heute nicht viel geändert.

Feta, Schafs- und andere Weichkäse bezeichnet der Fachmann als weiße Käsesorten. Neben ihnen gibt es die gelben wie Gouda oder Pizzamix. Bei ihnen sieht es etwas günstiger aus. Der Kunde wird nur in 11 Prozent aller Fälle übers Ohr gehauen. Doch auch das ist Betrug. Schließlich gibt es aber auch hier so etwas wie Halbwahrheiten, Produkte, die neben dem Kunstkäse auch einen mehr oder weniger großen Anteil an richtigem Käse enthalten. Bezieht man diese Mogelprodukte mit in die Statistik ein, dann ergibt die traurige Bilanz, dass sie in Gaststätten und Imbissstuben rund 45 Prozent aller sogenannten Käsespeisen ausmachen.