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Das Leben kommt immer dazwischen

Inhalt

  1. Cover
  2. Inhalt
  3. Über dieses Buch
  4. Über die Autorin
  5. Titel
  6. Impressum
  7. Widmung
  8. KENIA
    1. Kapitel 1
    2. Kapitel 2
    3. Kapitel 3
    4. Kapitel 4
    5. Kapitel 5
    6. Kapitel 6
    7. Kapitel 7
    8. Kapitel 8
  9. DEUTSCHLAND
    1. Kapitel 9
    2. Kapitel 10
    3. Kapitel 11
    4. Kapitel 12
    5. Kapitel 13
    6. Kapitel 14
    7. Kapitel 15
    8. Kapitel 16
    9. Kapitel 17
    10. Kapitel 18
    11. Kapitel 19
    12. Kapitel 20
    13. Kapitel 21
    14. Kapitel 22
  10. ENGLAND UND KENIA
    1. Kapitel 23
    2. Kapitel 24
    3. Kapitel 25
    4. Kapitel 26
    5. Kapitel 27
    6. Kapitel 28
    7. Kapitel 29
    8. Kapitel 30
  11. Danksagung

Über dieses Buch

Auma Obama wächst in Kenia auf, studiert in Heidelberg und Bayreuth, lebt 16 Jahre in Deutschland, später in England. Der Aufstieg ihres Bruders Barack führt sie mehrfach in die USA und zu gemeinsamen Reisen durch Kenia. Das Leben in gegensätzlichen Kulturen löst Gefühle der Entfremdung und Einsamkeit in ihr aus und lässt ein Bewusstsein für afrikanische Identität erwachen. Bald steht für sie fest: Die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen in ihrer Heimat ist der Schlüssel für eine bessere Zukunft.

Über die Autorin

Auma Obama wurde im entlegenen Weiler Gendia in Kenia geboren, unmittelbar nachdem das Land seine Unabhängigkeit erkämpft hatte. Sie wuchs zunächst bei ihrer Mutter und den Großeltern väterlicherseits, später bei ihrem Vater und einer amerikanischen Stiefmutter auf. In Englisch geprägten Internaten erzogen, verließ sie schließlich Kenia, um in Deutschland zu studieren. Heute lebt Auma Obama mit Tochter und Lebensgefährten in Nairobi und engagiert sich für internationale Erziehungsprojekte.

Auma Obama

Das Leben
kommt immer dazwischen

Stationen einer Reise

Mit beratender Unterstützung
durch Maria Hoffmann-Dartevel

In liebender Erinnerung an meinen Vater,
Barack Hussein Obama,
widme ich dieses Buch meiner Familie.

KENIA

1

»Oh mein Gott! Oh mein Gott! Das darf nicht wahr sein!«

Zum zweiten Mal las sich Lucy, meine Assistentin, den Brief durch, den sie jetzt in Händen hielt. In meiner Verblüffung hatte ich ihn einfach jemandem zeigen müssen.

Ich stand neben Lucys Schreibtisch und sah ihrer Miene deutlich an, dass sie den Brief am liebsten noch einmal gelesen hätte – dieses Mal aber laut. Sofort gab ich ihr durch ein Zeichen zu verstehen, dass sie das um Gottes willen lassen sollte. Auf keinen Fall wollte ich, dass das ganze Büro vom Inhalt dieses Schreibens erfuhr, noch weniger von seinem Absender. Seit einiger Zeit gab es viel zu viel Wirbel um meine Person. Der Grund dafür war mein Bruder Barack, der, als erster schwarzer US-Amerikaner, Präsident der Vereinigten Staaten geworden war. Fast von einem Tag auf den anderen stand ich mit im Rampenlicht, als ein Teil seiner Familie in Afrika. Und nun schien sogar Lucy vor lauter Begeisterung durchzudrehen.

»Du musst den Brief unbedingt einrahmen! Unbedingt!«, rief sie. Lachend nahm ich ihr das Schreiben aus der Hand. »Wirklich Auma. Stell dir mal vor, wie viel er in ein paar Jahren wert ist.«

Jetzt musste ich erst recht lachen.

»Du Kikuyu«, antwortete ich in gespielt vorwurfsvollem Ton.

Den Kikuyu sagt man nach, sie hätten einen guten Sinn fürs Geschäftemachen. Lucy grinste. Zwar gehört sie einem anderen kenianischen Volk an, dem der Kamba, sie ist aber mit einem Kikuyu-Mann verheiratet.

»Hat wohl abgefärbt«, entgegnete sie achselzuckend und mit spitzbübischem Lächeln. Ich selbst bin eine Luo.

Ich merkte, wie die anderen Mitarbeiter im Raum neugierig wurden.

»Meinst du nicht, es wäre sinnvoller, auf den Brief zu antworten, statt ihn als Museumsstück aufzubewahren?«, fuhr ich etwas leiser fort und versuchte, nicht nur Lucy, sondern auch mich selbst wieder auf den Boden der nüchternen Realität zurückzuholen. Gleichzeitig ging mir aber eine andere Frage durch den Kopf: Wie um alles in der Welt sollte ich bloß auf den Brief von Hillary Clinton antworten?

Erst vor wenigen Minuten war mir ihr Brief übergeben worden. Ein Mitarbeiter der amerikanischen Botschaft hatte ihn gebracht.Vorausgegangen war ein Anruf in meinem Büro der US-Hilfsorganisation CARE. In diesem Telefonat kündigte man mir das Eintreffen eines Botschaftsangestellten an, und innerlich reagierte ich augenblicklich mit einer Abwehrhaltung. Oft genug fühlte ich mich wie ein Tier, das in Deckung gehen muss – die stark vermehrten Bitten von Journalisten um ein Interview hatten mich überfordert und damit meine Instinkte geweckt. Dass diese Anfragen mich grundsätzlich nur über mein Mobiltelefon erreichten und nur wenige Menschen meine Büronummer kannten, war mir für einen Moment entfallen.

Meine Handynummer hatte ich auf dem Höhepunkt des US-Wahlkampfs im Jahr 2008 all jenen gegeben, die Fragen zur Obama-Familie hatten. Als ich in Deutschland lebte, hatte ich selbst journalistisch gearbeitet, daher fühlte ich mich dem Umgang mit den Medien durchaus gewachsen.

Dass mich aber eine derartige Flut von Anrufen erreichen würde, damit hatte ich nicht gerechnet. Im Grunde wollte ich mit der Vergabe meiner Nummer lediglich vermeiden, dass insbesondere meine Großmutter, die alle nur Mama Sarah nannten, in diesen Trubel hineingezogen wurde.

Mama Sarah war nämlich nicht nur meine Großmutter, sondern auch die von Barack. Jeder wollte mit ihr sprechen. Sie sollte von seiner Familie erzählen, sie sollte die Puzzleteile zu dem Bild hinzufügen, das für die Welt noch unvollständig blieb: Wer war eigentlich Barack Obama, dieser Mann, der es als Schwarzer (und überdies Sohn eines Afrikaners) wagte, das Amt des Präsidenten der mächtigsten Nation der Welt anzustreben? Wo lagen seine Wurzeln? Wer war seine Familie?

Viele der Reporter setzten sich ins Flugzeug und reisten nach Nairobi, von dort ging es weiter zu uns aufs Land, an einen kleinen, unscheinbaren Ort in der Nähe des Viktoriasees: Alego Kogelo. Denn dort, auf dem Hof der Familie Obama, ruhen die sterblichen Überreste von Barack Hussein Obama senior (1936 – 1982) und Onyango Hussein Obama (1879 – 1975), von Vater und Großvater des 44. amerikanischen Präsidenten. Und dort lebt bis heute unsere Großmutter Sarah.

Häufig war ich an der Seite meiner Großmutter, wenn sie interviewt wurde. Mit ihren damals achtundsiebzig Jahren verstand sie die Dynamik und die Anforderungen des amerikanischen Wahlkampfs noch erstaunlich gut. Klug und humorvoll beantwortete sie die Fragen. Ohne groß abzuschweifen, beschränkte sie sich auf das Wesentliche. Aber doch wollte ich ihr nicht zu viel zumuten, ihre körperlichen Kräfte hatten Grenzen.

Hillary Clintons Brief trug ich tagelang mit mir herum. Meine Antwort musste wohlüberlegt sein. Zugleich kämpfte ich immer noch: mit meiner großen Freude über den Erfolg meines Bruders und mit der unablässigen Aufmerksamkeit, der wir anderen Obama-Familienmitglieder seitdem ausgesetzt sind. Das Schreiben der US-Außenministerin rief in mir auch eine schmerzhafte Erinnerung hervor. Damals kandidierte sie wie mein Bruder um die Nominierung. Beide waren Demokraten, aber beide waren auch schärfste Konkurrenten. Mein Bruder war vom Hillary-Lager aus mit Negativmeldungen geradezu bombardiert worden. Da ich die Regeln des politischen Kampfes nicht ganz durchschaute, schien sich für mich alles auf einer sehr persönlichen Ebene abzuspielen. Es kam mir vor, als wollte das Team seiner Rivalin nicht nur die Wahl gewinnen, sondern auch die politische Karriere meines Bruders ruinieren. Und nun bedankte sich Hillary Clinton in diesem Brief für die schönen gemeinsamen Momente in Washington und wünschte mir alles Gute. Ich konnte es kaum fassen.

Aus Anlass der Amtseinführung von Barack saßen wir um einen Tisch, Hillary Clinton, ihr Mann Bill und andere Würdenträger der US-Politik. Während wir zu Mittag aßen, sprachen wir über Baracks Vereidigung, die Weltpolitik, Entwicklungshilfe, Kenia und meine Arbeit bei CARE. Ich erhielt sogar eine Reihe weiser Ratschläge, die ich an Barack und Michelle weitergeben sollte, Tipps, wie sie trotz des vor ihnen liegenden Lebens im Weißen Haus noch ein einigermaßen »normales« Leben führen könnten.

Obwohl man mich nicht in Hillarys unmittelbare Nähe platziert hatte, ergab sich die Gelegenheit für eine kurze Unterredung. Dabei erlebte ich eine angenehme Überraschung, die ich so nicht erwartet hatte. Die einstige Senatorin des US-Bundesstaats New York war eine amüsante, sympathische und interessierte Gesprächspartnerin. Zu gern hätte ich mich länger mit dieser energiegeladenen, intelligenten Frau unterhalten. Kein Wunder, dachte ich, dass so viele Leute sie während des Wahlkampfs unterstützt und mit aller Kraft die Werbetrommel für sie gerührt haben. Aus nächster Nähe wurde mir zudem bewusst, warum insbesondere Wählerinnen Hillary dazu verhelfen wollten, die erste Präsidentin der Vereinigten Staaten zu werden. Sie strahlte einfach eine enorme »Frauenpower« aus.

Das Zwiegespräch mit Hillary – bei dem ich neben ihr in die Hocke gegangen war – wurde nun unterbrochen. Zum Nachtisch musste ich zurück an meinen Platz neben ihrem Ehemann, dem 42. Präsidenten der Vereinigten Staaten. Die Muskeln meiner Oberschenkel hatten sich auch schon schmerzhaft gemeldet.

Fast ein Monat verging, bevor ich endlich die richtigen Worte fand, um Hillary zu antworten. Leicht war mir das nicht gefallen. Einerseits wollte ich mir die Möglichkeit offenhalten, sie näher kennenzulernen – eine Reaktion im Sinne von »Danke, gleichfalls« hätte mir diese Möglichkeit verbaut. Andererseits fragte ich mich natürlich, ob dieses Kommuniqué nur eine reine Höflichkeitsgeste darstellte, ob es ein politisch-taktisches Manöver war oder tatsächlich der Beginn einer Bekanntschaft, die mein Leben bereichern würde. Seitdem mein Bruder ins Zentrum der Weltpolitik gerückt und zu einem Phänomen geworden war, verunsicherte mich das Interesse an meiner Person, »der Schwester von Barack Obama«.

2

Ich verstand nie, warum ich dies oder jenes nicht machen durfte. Wieso war es meinem Bruder Abongo, der nur zwei Jahre älter war als ich, erlaubt, mich herumzukommandieren? Ich wehrte mich heftig dagegen, kämpfte hart, wenn ich versuchte, mich als einziges und etwas eigensinniges Mädchen einer afrikanischen Familie gegen all die mich umgebenden Männer durchzusetzen. Und wenn mir alles zu viel wurde, suchte ich Zuflucht in Büchern.

Geschichten, die von Leidenschaft, Leid und heftigen Empfindungen handelten, gefielen mir am besten. Nicht nur entsprachen sie meinem Temperament, ihre packenden Inhalte gaben mir auch die Möglichkeit, meine Realität auszublenden. Als ich dann am Gymnasium in Nairobi die deutsche Nachkriegsliteratur entdeckte, begeisterte sie mich sofort. Ich war damals sechzehn Jahre alt, und wie in jedem Teenager sah es in meinem Inneren sehr turbulent aus.

Manche Bücher las ich zuerst auf Englisch, anschließend auf Deutsch. Ich verschlang Heinrich Böll, Günter Grass, Wolfgang Borchert, bewunderte Christa Wolf. Die Protagonisten dieser Autoren fühlten intensiv, und ich fühlte mit ihnen. Stundenlang vertiefte ich mich in meine Bücher, manchmal las ich sogar zwei gleichzeitig, eines vor dem Einschlafen, ein anderes tagsüber.

Kenia war einst britische Kolonie, 1963 erlangte es seine Unabhängigkeit, und heute sind die Amtssprachen Englisch und Swahili. Dass ich mit dieser deutschen Literatur in Berührung kam, hatte einen Grund: Ausnahmsweise stand an meiner Schule im Jahr 1976 Deutsch als Fremdsprache zur Auswahl. Das Fach war neu, und keine von uns Schülerinnen wusste so recht, was man damit anfangen konnte. Bislang war Französisch die einzige Fremdsprache, die als Abiturfach angeboten wurde, und da die meisten von uns zur Genüge mit ihr beschäftigt waren, meldeten sich nur wenige für den Deutschkurs an. Ich war eine davon. Damit wurde der Grundstein gelegt für meine spätere Entscheidung, nach Deutschland zu gehen, um im Land meiner Bücherhelden zu studieren.

Doch schon lange vor der Flucht in die deutsche Literatur stellte ich vieles in Frage und suchte nach einem Weg, mich von den Zwängen unserer Traditionen zu befreien. Meine Familie gehört dem Volk der Luo an, in dem der Mann die unbestrittene Rolle als Oberhaupt innehat.

Die Luo sind eine von über vierzig in Kenia lebenden Ethnien. Sie gehören zur Gruppe der Westniloten, die vor Jahrhunderten aus dem Sudan, aus der Gegend am Weißen Nil, nach Uganda und weiter nach Ostafrika wanderten und sich am Viktoriasee niederließen. Heute erstreckt sich das Gebiet der Luo sprechenden Ethnien über den südlichen Sudan, Äthiopien (Anuak), Norduganda und Ostkongo (Demokratische Republik Kongo, DRC) sowie über Westkenia bis in den Norden von Tansania. In Kenia sind die Luo das drittgrößte Volk nach den Kikuyu und den Luhya; ingesamt sollen über vier Millionen Menschen ihre Sprache sprechen.

Ich war in unserer Kernfamilie das einzige Mädchen. Während unser städtisches Leben moderne Züge trug, erlebte ich auf dem Land, bei meinen Großeltern, wo es besonders traditionell zuging, dass die Jungen stets anders behandelt wurden als die Mädchen. Frauen und Mädchen waren laufend mit irgendwelchen Tätigkeiten in Haus und Hof beschäftigt – so schien es mir zumindest –, während die männlichen Familienmitglieder so gut wie gar nichts im Haushalt taten und sich auch nur selten auf dem Hof nützlich machten.

Ich erinnere mich, dass mein Großvater Onyango nach Luo-Sitte immer gemeinsam mit den Jungen und Männern des Hauses aß, nie mit den Mädchen und Frauen, die getrennt in der Küche speisten. Wir Frauen – dazu gehörten auch Cousinen und Tanten – kochten, servierten bei Tisch, räumten auf und wuschen nach den Mahlzeiten das Geschirr ab, während die Männer und Jungen sich alles bringen ließen. Besonders wurmte es mich, dass mein älterer Bruder diese Aufgabenverteilung mir gegenüber sichtlich genoss. Mehr noch aber störte es mich, dass es den meisten Frauen und Mädchen nichts auszumachen schien, die männlichen Familienmitglieder von A bis Z zu bedienen. Ich wehrte mich heftig gegen das, was ich als Ungleichbehandlung des weiblichen Geschlechts empfand, und versuchte mich nicht unterzuordnen – allerdings ohne großen Erfolg. Ich musste mich fügen.

Jahre später, als ich mich eingehender mit den Traditionen der Luo befasste, erfuhr ich, dass in unserer Ethnie zwar eine ausgeprägte, aber auch ziemlich ausgeglichene Aufteilung der Rollen geherrscht hatte. Die Aufgaben der männlichen Angehörigen konzentrierten sich auf die Viehzucht (in der Regel hüteten sie Rinder), auf schwere körperliche Tätigkeiten in der Landwirtschaft sowie aufs Fischen, den Hüttenbau und das Anfertigen bestimmter Gegenstände. So stellten sie zum Beispiel Musikinstrumente her. Darüber hinaus übernahmen sie Metall- und Tischlerarbeiten, sie flochten Körbe und knüpften Netze für die Fischerei. Zu ihren Tätigkeiten gehörten überdies die Kräuterheilkunde und der Schutz der Gemeinde in Kriegszeiten. Mädchen und Frauen waren zuständig für den Haushalt, sie holten Wasser in Kalebassen, stellten Töpferwaren her, fertigten ebenso wie die Männer Körbe an, verputzten die Hauswände. Ihnen oblag weiterhin die Aussaat auf den Feldern, sie brachten die Ernte ein, sorgten sich um die Lagerung des Getreides. Bei den Tieren waren sie für die Ziegen, Schafe und Kälber zuständig, und für den Fall, dass die Männer in den Krieg zogen, lernten sie, die Rinder zu hüten. Und natürlich kümmerten sie sich um die Kinder und ihre Erziehung.

Mädchen und Jungen bereiteten sich mit der Aneignung dieser Tätigkeiten auf ihr künftiges Leben als Ehemänner und -frauen vor. Von klein auf zu Gehorsam, Verantwortungsgefühl und Fügsamkeit erzogen, akzeptierten sie zumeist diese Traditionen. Nur in ihrer Weitergabe sahen die Luo das wirtschaftliche und gesellschaftliche Überleben ihres Volkes gewährleistet.

Dann aber fielen die althergebrachten Strukturen, wie sie seit Jahrhunderten gegeben waren, der Kolonialisierung Kenias zum Opfer. Die Kolonialherren führten die sogenannte Hüttensteuer ein: Von einem Tag auf den anderen mussten die Einheimischen für ihre Hütten Abgaben zahlen, in Form von Geld. Dadurch waren sie gezwungen, auf den Farmen der Weißen zu arbeiten. Denn wer die Steuer nicht entrichtete, machte sich strafbar – schlimmstenfalls drohte Haft –, und da die Männer nur bei den Weißen Geld verdienen konnten, mussten sie ihren Landbesitz verlassen, um sich in den von Weißen besiedelten Gegenden Kenias Lohnarbeit zu suchen.

Während die Männer nun für die Kolonialherren tätig waren, mussten die zurückgebliebenen Frauen und Mädchen deren Arbeit mit übernehmen. Kehrten die Ehemänner nach Hause zurück, so meist nur für einige wenige Urlaubstage. Dann verfügten sie nicht über die notwendige Zeit, um sich auf sinnvolle Weise an den landwirtschaftlichen Tätigkeiten zu beteiligen. Größere Aufgaben übernahmen sie also nicht, meist ließen sie sich einzig von ihren Frauen und Töchtern bedienen, bis es wieder an der Zeit war, in die Städte oder auf die Farmen der Weißen zurückzukehren.

Die gesamte Landarbeit fiel auf diese Weise in den Verantwortungsbereich der Frauen. Bei der Heirat wurde daher auch großen Wert darauf gelegt, dass eine Braut in der Lage war, gute Feldarbeit zu leisten und alle auf dem Hof anfallenden Aufgaben zu erledigen. Was aber nichts an ihrer Stellung innerhalb der Familie änderte.

Als achtjähriges Mädchen durchschaute ich diese Entwicklung natürlich nicht. Obwohl die traditionellen Gesellschaften sich unter äußerem Druck gewandelt hatten, was auch die Erziehung zum Erwachsenenleben und die herkömmliche Rollenverteilung bei Jungen und Mädchen in Mitleidenschaft zog, behielten die Luo-Familien ihre Erziehungsprinzipien bei. Ob und wie diese noch zu den veränderten Umständen passten, danach wurde nicht groß gefragt. Und auch von mir erwartete man, dass ich mich den alten Werten widerspruchslos beugte.

Leider nahm sich aber keiner die Zeit, mir, dem wissbegierigen Mädchen, Zusammenhänge und Hintergründe zu erklären. Meine Großmutter Sarah amüsierte sich nur über meine ständige Fragerei oder schüttelte den Kopf, wenn ich zu beharrlich war. Zum Spaß drohte sie mir manchmal, mich einem alten Nachbarn, der schon über fünfzig war, zur Frau zu geben, falls ich nicht aufhören würde, alles in Frage zu stellen. Dafür würde sie sicher ein paar stattliche Kühe von ihm bekommen, fügte sie jedes Mal lachend hinzu.

Aber auch diese Sitte wollte mir beim besten Willen nicht in den Kopf: Wie war es möglich, dass ein Mann eine Frau ohne deren Einwilligung, nur mit der Zustimmung der Eltern beziehungsweise des Vaters, einfach »wegheiraten« konnte? Diese Aussicht beunruhigte mich so sehr, dass ich damals einen immer wiederkehrenden Traum hatte, in dem ein sehr alter Mann – noch älter als der Nachbar meiner Großmutter – mich zur Heirat zwang. Im Traum versteckte er sich im Gebüsch und packte mich plötzlich, als ich gerade vom Wasserholen am Fluss zum Hof zurückkehren wollte. Keiner hörte mich um Hilfe schreien, als der Mann versuchte, mich zu sich nach Hause zu schleppen. Irgendwann gelang es mir, mich von ihm loszureißen und wegzulaufen. Doch als ich endlich wieder bei meinen Eltern war, erfuhr ich, dass er meiner Familie schon viele Kühe als Brautpreis gezahlt hatte. Ich war also bereits verheiratet, und man hatte es nicht einmal für nötig gehalten, mich zu fragen oder gar darüber zu informieren. Nächtelang verfolgte mich dieser Alptraum, und jedes Mal lag ich danach stundenlang schlaflos und schwitzend in meinem Bett.

Im Allgemeinen aber verlief eine Eheschließung bei den Luo längst nicht so dramatisch wie in meinen nächtlichen Fantasien. Obwohl die Hochzeit (neben dem Tod) bei den Luo das wichtigste Ereignis im Leben eines Menschen ist – das gilt für Männer wie für Frauen –, bestand eine Heirat damals im Grunde lediglich darin, dass zwischen zwei Familien ein Vertrag geschlossen wurde.

Dabei hatte die Frau oft keine Wahl, das heißt: Sie besaß keinerlei Mitspracherecht bei den Eheverhandlungen. In den meisten Fällen legten sich die beiderseitigen Befürchtungen und Ängste der Partner jedoch rasch. Man erwartete einfach nicht, dass Heiraten unbedingt etwas mit Liebe zu tun haben musste.

So hatte meine Großmutter meinen Großvater geheiratet, als sie selbst erst neunzehn war und er schon um die fünfzig. Auf meine Frage, wie sie sich denn mit einem Mann gefühlt habe, der so viel älter war als sie selbst, antwortete sie mit der schlichten Erklärung, dass es ihr überhaupt nichts ausgemacht habe. Mein Großvater war ein angesehener, wohlhabender Mann, und für meine Großmutter war es wichtig, dass ihre Familie ihn als »gute Partie« betrachtete. Damit stand auch für sie fest, dass er der Richtige war, und das genügte ihr.

»Aber er war doch so alt!«, antwortete ich empört angesichts ihrer Erklärung. »Hast du ihn überhaupt geliebt?« Die Gründe, die sie mir für ihre Zustimmung aufgezählt hatte, ließ ich nicht so einfach gelten. Bereits mit acht Jahren war mir die Vorstellung, mir meinen zukünftigen Mann nicht selbst aussuchen zu können, unerträglich.

»Du bist wirklich eine echte Baker-Enkelin«, tadelte meine Großmutter mich oft. »Deswegen verstehst du unsere Sitten und Traditionen nicht.« Baker lautete der Mädchenname meiner nordamerikanischen Stiefmutter, die mein Vater geheiratet hatte, als ich vier Jahre alt war. Als Amerikanerin beugte sie sich, wenn überhaupt, nur in geringem Maß den Sitten der Luo. Und obwohl meine Großmutter sie niemals in meiner Gegenwart kritisierte, wusste ich, dass sie ihr Verhalten nicht immer billigte.

Auch wenn ich Großmutter Sarah über alles liebte und respektierte, nahm ich mir vor, keinesfalls ihrem Vorbild zu folgen. Niemals würde ich es zulassen, dass ein Mann über mich herrschte, nur weil ich eine Frau war, und schon gar nicht, dass irgendjemand darüber bestimmte, wen ich zu heiraten hatte. Ich war davon überzeugt, dass das Leben (und die Ehe) für eine Frau mehr bedeutete, als sich einem Mann zu unterwerfen. Und obwohl ich noch keine Ahnung hatte, wie ich es anstellen würde, war ich mir schon damals ziemlich sicher, dass ich Kenia eines Tages verlassen würde, um dieses »mehr« zu finden. Nicht für immer, denn ich liebte mein Land, aber doch für eine gewisse Zeit.

In der Tat, je älter ich wurde, umso stärker sehnte ich mich nach einem Ort, an dem ich einfach ich selbst sein konnte, ohne mich den kulturellen Zwängen und Erwartungen meiner Familie und meiner Landsleute unterordnen zu müssen. Kurzum: nach einem Ort, wo keiner von mir verlangte, dass ich mich, nur weil ich ein Mädchen war, anders verhielt als es meinem eigensinnigen und unabhängigen Wesen entsprach.

So wie die Bücher, in die ich mich stundenlang vertiefte, war auch meine Reise nach Deutschland letztlich eine Flucht. Einer Zukunft als hingebungsvolle Ehefrau, wie ich sie damals vor mir liegen sah, wollte ich um jeden Preis entgehen.

Mein Weg nach Deutschland hatte seinen eigentlichen Anfang ja in der Gymnasialzeit genommen. In Nairobi, wo ich seit meinem vierten Lebensjahr wohnte, besuchte ich die Kenya High School, ein heute noch renommiertes Mädcheninternat. Dem Namen, den die Schule in früheren Zeiten trug, European Girls High School, entsprach auch ihrer Architektur: Die gesamte Anlage war im Stil englischer Privatschulen für die Töchter europäischer Kolonialherren erbaut worden, Einheimischen war der Zugang damals verwehrt.

In der Zeit der britischen Herrschaft errichteten Missionare gesonderte Schulen für die Kinder der Afrikaner, sie waren wesentlich schlechter ausgestattet als die europäischen. Eine solche Schule, die 1906 gegründete Einrichtung für kenianische Jungen, die Maseno Boys Secondary School, hatte mein Vater seinerzeit besucht.

Doch als ich nach den bei uns üblichen sieben Grundschuljahren aufs Gymnasium wechselte, gehörte diese Ära der Vergangenheit an. Mein Internat hieß nun nicht mehr »European Girls High School«, und obwohl es neben ein paar indischen einige weiße Schülerinnen gab, waren die Afrikanerinnen eindeutig in der Überzahl. Zwar war die Kenya High School nun »afrikanisch besetzt«, was aber noch lange nicht hieß, dass die dort geltenden Regeln auch auf Afrikanerinnen zugeschnitten waren. Im Gegenteil: Wir waren es, die sich den aus der Kolonialzeit stammenden Vorschriften anzupassen hatten. Zum Beispiel durften wir unser nur schwer zu bändigendes krauses Haar nicht flechten, obwohl das Flechten uns ein gepflegteres Aussehen gab und das schmerzhafte morgendliche Kämmen ersparte. Auch durften wir in dieser Schule unsere jeweilige Muttersprache nicht sprechen. Ebenfalls war uns untersagt, den penibel gepflegten Rasen des Schulgeländes zu betreten, und ein Herumrennen war sowieso grundsätzlich überall verboten. Manchmal hatte ich das Gefühl, man wollte uns zu kleinen Engländerinnen erziehen.

Im Großen und Ganzen aber störten mich all diese Bestimmungen nicht weiter. Bereits in meiner Grundschule, der Kilimani Primary School, die genau wie die Kenya High School eine ehemalige Lehranstalt für weiße Kinder war, hatte man mich gewissermaßen darauf vorbereitet. Schon dort mussten wir Unmengen von Vorgaben befolgen, die denen später auf dem Mädcheninternat geähnelt hatten. Dies führte dazu, dass viele Kenianer und Kenianerinnen meiner Generation ihre Muttersprache nicht beherrschen oder sie sich ihre Haut und ihre Haare mit Chemikalien zerstörten, nur um ihr Aussehen der »englischen« Norm anzupassen.

Der Vollständigkeit halber soll noch erwähnt werden: Bevor ich auf die Kilimani Primary School kam, hatte ich über ein Jahr lang noch eine andere, ebenfalls vom englischen System geprägte Grundschule besucht, die Mary Hill Primary School. Das von katholischen Nonnen geführte Internat lag etwas außerhalb von Nairobi, in Thika, und galt damals als eine der besten Mädchenschulen des Landes. Dort war ich als Sechsjährige eingeschult worden, und das nicht ohne Grund: Mein Vater hatte die gleichen hohen Ansprüche wie die anderen Mitglieder der kleinen Gruppe »Auserwählter«, die damals als erste Generation von Kenianern ein Studium in den USA oder Europa absolviert hatten. Sie stellten gewissermaßen die Hoffnung der Nation dar. Und ihnen allen war es wichtig, dass ihre Kinder die bestmögliche Schulbildung erhielten.

Zur Mary Hill Primary School gingen die Töchter vieler prominenter Kenianer, zum Beispiel auch die des für die kenianische Geschichte bedeutsamen Politikers Tom Mboya. Mboya war ein führender Luo-Politiker und 1960 einer der Begründer der Kenya African National Union (KANU), jener Partei, die Kenia in die Unabhängigkeit führte. Später war er der erste Minister für »Wirtschaftsplanung und Entwicklung«. Unsere Familien waren damals eng miteinander befreundet. Zu Beginn jedes Schultrimesters fuhr ich entweder mit den Mboyas zur Schule oder wir nahmen deren Tochter mit. Auch ein paar andere Mädchen stiegen ins Auto zu, da sich unsere Eltern mit den langen Hin- und Rückfahrten zur Schule untereinander abwechselten.

Ich sehe uns Mädchen noch zu viert oder fünft zusammengepfercht in einem dieser Wagen sitzen. Vor allem ein Auto habe ich deutlich vor Augen, es war ein Citroën, ein damals hochmodernes und todschickes Modell mit langer, breiter Schnauze, das ungewöhnlich tief lag. Hinten, wo wir Kinder Platz nahmen, schien das Gefährt geradezu den Boden zu berühren. Auf der breiten Rückbank hatte ich stets das Gefühl, fast auf der Straße zu sitzen. Ich konnte kaum aus dem Fenster blicken, und mir war, als würde ich mich in einer jener großen kreisenden Tassen eines Jahrmarkt-Karussells befinden. Zugleich erinnerte mich der Citroën aber auch an die riesigen Bottiche, in denen die größeren Mädchen uns jüngere Schülerinnen täglich im großen Waschraum der Schule wuschen.

Die Mary Hill Primary School wurde von den Missionsschwestern des Ordens »Our Lady of Africa« geführt, der sich 1907 in Kenia niedergelassen hatte. Diese Bildungsstätte nahm in erster Linie Kinder aus kulturell gemischten Familien auf. Denn während in Kenia damals die einzelnen kulturellen Gemeinschaften (Europäer, Asiaten, Afrikaner) ihre eigenen Schulen hatten, wurde hier der einzigartige Versuch unternommen, sie zu integrieren.

Im Vordergrund stand in dieser Schwesternschule natürlich die religiöse Erziehung. Man war sehr darauf bedacht, brave, gläubige Katholikinnen aus uns zu machen, das verlangte schon der missionarische Anspruch. Regelmäßig mussten wir zur Kirche gehen, und kein Tag verging ohne irgendeine religiöse Verrichtung. Eine Frage bleibt für mich aber bis heute: Als was hatte mich mein Vater, der meines Wissens nie gläubig war, in dieser Schule angemeldet? Wie war es möglich, dass ich als konfessionsloses Kind dort aufgenommen wurde?

Es wurde nicht von uns Nicht-Katholiken erwartet, zur Beichte zu gehen, doch erinnere ich mich gut daran, dass die Teilnahme an der Sonntagsmesse Pflicht war. Nach der Kirche gingen wir mit dem Priester auf dem Friedhof umher, wobei wir Nüsse aufsammelten, die dort von großen Bäumen gefallen waren. Obwohl ich diese Spaziergänge in schöner Erinnerung habe, schaudere ich noch heute ein wenig bei dem Gedanken, wir könnten auf jenen Friedhofsalleen zu Nüssen gewordene Leichenreste verspeist haben.

Ganz in britischer Tradition trugen wir eine Schuluniform. Aber auch am Wochenende war Einheitskluft Pflicht: So gab es eine Samstagsuniform und eine zweite für den Kirchgang am Sonntag. Wie allen Erstklässlern wurde mir eine Schülerin aus der Oberstufe als »große Schwester« zugeteilt. Sie musste auf mich aufpassen und mir bei Alltagsdingen wie bei dem schon erwähnten Waschen oder Anziehen helfen.

Rückblickend habe ich den Eindruck, dass an der Mary Hill Primary School alles und jedes durch strenge Vorschriften geregelt war. Permanent wurden wir beaufsichtigt und laufend mit irgendetwas beschäftigt. Und mir ist, als hätten wir nicht eine Minute einfach nur das machen dürfen, was wir wollten.

Anders als in vielen westlichen Ländern ist in Kenia, seit der Einführung des britischen Schulsystems, der Besuch eines Internats besonders für Gymnasiasten üblich. Die besten kenianischen Schulen waren und sind auch heute noch Internate. Dass ich bereits als Erstklässlerin einen der heiß begehrten Plätze an einer solchen Schule bekommen hatte, wusste ich mit meinen sechs Jahren allerdings nicht zu schätzen. Ich wollte viel lieber zu Hause bleiben.

Ich brach in Tränen aus, als meine Eltern mich zum Internat brachten und sich von mir verabschiedeten. Noch lange nach ihrer Abreise konnte ich mich nicht beruhigen, und besonders in der ersten Zeit litt ich unter entsetzlichem Heimweh – sehr zur Enttäuschung meines Vaters. In vielen Nächten weinte ich mich in den Schlaf. Damals habe ich so viele Tränen vergossen, dass mein Vater mehrmals in der Schule erscheinen musste, um mir ein neues Kopfkissen vorbeizubringen. Bei diesen Kurzbesuchen aber ließ man mich nur selten zu ihm, obwohl ich mich so schrecklich nach ihm und der Familie gesehnt hatte. Ich sehe mich noch heute am Fenster des Schlafsaals stehen, sehe, wie er davonfährt und ich ihm nachschaue, erneut in Tränen aufgelöst.

Die Ursache meiner Anpassungsschwierigkeiten lag vermutlich nicht nur darin, dass ich noch so jung war. Die Tatsache, dass in dieser Zeit mein kleiner Bruder Okoth geboren wurde, muss mich sehr beschäftigt haben. Ich, die Kleinste, verlor plötzlich mit der Ankunft eines jüngeren Bruders meine Stellung als Nesthäkchen in der Familie. Durch den Umzug ins Internat hatte ich obendrein mein Zuhause verlassen. Mit Sicherheit fühlte ich mich verstoßen. Dazu kam, dass auch die Trennung von meiner leiblichen Mutter Kezia zwei Jahre zuvor – als ich erst vier Jahre alt war – ihre Spuren hinterlassen hatte. So erlebte ich den Aufenthalt in der Mary Hill Primary School als doppeltes Fortgerissenwerden aus einer vertrauten Umgebung: Ich hatte von meiner leiblichen Mutter und von meiner zweiten Mutter, der amerikanischen Ehefrau meines Vaters, fortmüssen.

Das streng geregelte Internatsdasein war für mich Furcht einflößend. Im Unterricht waren es die Nonnen, die mir Angst machten. Ich meine mich zu entsinnen, dass sie uns drohten, falls wir nicht brav seien, uns in einen »Kerker« zu sperren. Ob dieser Kerker wirklich existierte, wusste keines von uns Kindern genau, aber unsere Furcht davor war so groß, dass wir es lieber gar nicht erst herausfinden wollten. Aus lauter Panik traute ich mich oft nicht einmal während des Unterrichts zu fragen, ob ich auf die Toilette gehen dürfte. Einmal wartete ich damit so lange, bis plötzlich zu meiner Verzweiflung ein warmes Bächlein an meinen Beinen entlang auf den Boden floss.

Im Wohnbereich erging es uns aber nicht viel besser. Auch dort waren wir von Ordensschwestern umgeben, die uns mit Argusaugen überwachten. An beiden Enden des Schlafsaals hing jeweils ein Kruzifix an der Wand, und ständig wurde gebetet, was mir fremd war. Mein Vater, wie gesagt, war nicht religiös, und meine Stiefmutter Ruth war eine Jüdin, die ihren Glauben aber nicht praktizierte.

Jeden Abend vor dem Schlafengehen und jeden Morgen gleich nach dem Aufstehen mussten wir, dem gekreuzigten Heiland zugewandt, vor unseren Betten niederknien. Beim Zubettgehen achteten die Nonnen peinlich genau darauf, dass unsere Hände sittlich auf der Bettdecke lagen. Warum ihnen das so wichtig war, war mir damals schleierhaft. Von zu Hause war ich es gewohnt, mich immer bis zum Hals zuzudecken. Lagen meine Arme »im Freien«, konnte ich nicht richtig einschlafen.

Eines Nachts wurde ich von der wachhabenden Nonne mit unter der Decke liegenden Händen ertappt. Verwirrt schreckte ich aus dem Schlaf hoch, als jemand mir diese mit einem Ruck vom Körper riss. Völlig verwirrt sah ich die Schwester vor mir stehen und hörte sie schimpfen, ohne zu begreifen, was ich – in tiefstem Schlaf! – so Schlimmes getan hatte. Erst Jahre später wurde mir klar, dass die Ordensfrauen verhüten wollten, dass wir uns unter der Bettdecke versündigten, indem wir mit gewissen Körperteilen spielten – und das im Alter von sechs, höchstens sieben Jahren! Zum Schluss musste mein Vater meinen häufigen Klagen nachgeben und mich aus der Mary Hill Primary School nehmen.

Meinem älteren Bruder Abongo erging es nicht viel besser. Auch er besuchte eine erstklassige Internatsschule, die Nairobi School, die mitten in der Hauptstadt lag. Und auch er war dort vermutlich unglücklich und verabscheute das Leben in dieser Bildungsstätte. Doch er äußerte seine Abneigung auf andere Weise. Statt Tränen zu vergießen, brachte er andere Kinder zum Weinen, indem er sich mit ihnen herumprügelte. Mein Vater wurde so oft in seine Schule gerufen, bis er auch in diesem Fall einsah, dass es keinen Zweck hatte, Abongo länger dort zu lassen. So kamen wir beide – damals war ich in der zweiten, mein Bruder in der dritten Klasse – wieder nach Hause und verbrachten unsere restliche Grundschulzeit glücklich als Externe an der Kilimani Primary School. In dieser Zeit brachte meine Stiefmutter Ruth meinen Bruder Opiyo zur Welt.

Das harmonische Familienleben war nicht von langer Dauer. Noch während ich auf die Ergebnisse der Abschlussprüfungen meiner Grundschule wartete, ließen sich mein Vater und Ruth scheiden. Als die Zusage für meinen Platz an der Kenya High School kam, war meine Stiefmutter bereits ausgezogen und hatte meine zwei jüngeren Brüder, Okoth und Opiyo, mitgenommen. Mein dreizehnter Geburtstag stand kurz bevor.

Die Scheidung meiner Eltern traf mich schwer. Eine große Leere tat sich auf. Zum Glück konnte ich ihr mit dem Eintritt ins Gymnasium ein wenig entfliehen. Die neue Schule sollte sich als ein Segen für mich entpuppen.

An der Kenya High School schien man, als ich dort eintraf, schon von mir gehört zu haben. Es hieß, ich sei das Mädchen mit der komischen Ausdrucksweise (damals benutzte ich, von meiner Stiefmutter beeinflusst, viele amerikanische Begriffe). Und weil ich ziemlich selbstsicher auftrat, fand man mich anfangs arrogant. Sogar einige ältere Mädchen schauten in unserer Klasse vorbei, um nach der neuen Schülerin zu sehen. Dahinter verbarg sich natürlich die Botschaft: »Achtung, wir haben dich im Auge!« Ich sollte ja nicht glauben, ich könne mich aufführen, als sei ich etwas Besonderes, sondern mich schleunigst in die strenge Hierarchie einfügen, die in der Internatssubkultur herrschte.

Das Auftreten der Älteren schüchterte mich jedoch nicht ein. Die moderne Erziehung meiner Stiefmutter – sie hatte stets versucht, mir die Dinge ausführlich zu erklären – hatte mich zu einem ziemlich selbstbewussten jungen Mädchen gemacht, das sich von den Großen nicht beeindrucken ließ. Und so lebte ich mich in kürzester Zeit gut in der Kenya High School ein.

3

Meine Stiefmutter hatte uns verlassen – und ich fiel in ein tiefes Loch. Das Haus war plötzlich still und leer ohne sie, Okoth und Opiyo, und obwohl Ruth uns beim Abschied versichert hatte, dass sie sich nur von unserem Vater getrennt hätte und nicht von uns, wusste ich, dass dies nicht stimmte. Sie hatte sich auch von meinem älteren Bruder und mir getrennt.

Eine traurige Zeit begann. Doch da meine Verwandtschaft mich schon immer wegen meiner angeblichen Nähe zur Baker-Familie, der Familie meiner Stiefmutter, verspottet hatte, nahm ich mir fest vor, meinen Schmerz nicht zu zeigen. Aber es war nicht zu übersehen, dass ich litt.

Seit meinem vierten Lebensjahr hatte ich mit Ruth zusammengelebt. Sie war die einzige Frau gewesen, die ich bewusst als Mutter erlebt hatte. Mein Vater hatte von Anfang an darauf bestanden, dass wir sie »mummy« nannten, und tatsächlich war sie für mich in den zurückliegenden neun Jahren zu einer Mutter geworden.

Die Erinnerung an meine leibliche Mutter Kezia war größtenteils verblichen. Ich wusste nicht mehr, was ich empfunden hatte, als ich von ihr hatte Abschied nehmen müssen. Meinem Bruder und mir hatte man erzählt, mein Vater habe sehr bald, nachdem wir zu ihm und seiner neuen Frau Ruth gekommen waren, seine jüngere Schwester Zeituni zu uns geholt, damit sie auf uns aufpasste. Die Gewöhnung an die neue Mutter fiel uns schwer, und deshalb nahm man an, dass die Umstellung mit der uns vertrauten Tante schneller gehen würde.

An Tante Zeitunis Anwesenheit kann ich mich noch gut erinnern. Sie war groß, äußerst hübsch, eine sehr präsente Erscheinung. Sie wusch uns, kämmte und flocht mir die Haare und verbrachte viel Zeit mit uns. Und oft musste sie sich schützend vor mich stellen, weil Abongo leicht in Wut geriet, wenn ich etwas tat, was ihm nicht passte.

Meine leibliche Mutter kam anfangs regelmäßig zu uns nach Hause, um uns Kinder zu sehen, erinnern aber kann ich mich kaum noch daran. In meinem Gedächtnis sind nur die Süßigkeiten haften geblieben, die sie uns mitbrachte. Ihre Besuche dauerten nie lange, denn angeblich kam es regelmäßig zu Tränenausbrüchen, bis mein Vater schließlich weitere Treffen ablehnte. Ich war damals fünf oder sechs Jahre alt, und ich sollte Kezia erst als Dreizehnjährige wiedersehen.

Auch meine Stiefmutter sah ich nach ihrem Fortgang bis auf ein einziges Mal – bei einer kurzen Begegnung in ihrem Haus – erst nach vielen Jahren wieder. Da war ich bereits erwachsen.

Nachdem ich im Alter von dreizehn Jahren zum zweiten Mal das Verlassenwerden von einer Mutter zu bewältigen hatte, begann ich mich ernsthaft mit der Frage nach meiner Herkunft zu beschäftigen. Ich wollte wissen, wer ich wirklich war.

Bis dahin hatte ich, abgesehen von regelmäßigen Besuchen auf dem Land bei Großmutter Sarah, unter dem beherrschenden Einfluss meiner Stiefmutter gestanden. In den frühen Kindheitsjahren war mir nicht wirklich bewusst gewesen, dass sie nicht meine richtige Mutter war, doch als ich älter wurde, blieb mir nichts anderes übrig, als diese Realität zu akzeptieren. Abgesehen von der unübersehbaren Tatsache, dass Ruth weiß und ich schwarz war, sprach sie auch ganz offen mit mir darüber, dass sie nicht meine leibliche Mutter sei, was auch erkläre, warum sie ihre eigenen Kinder manchmal anders behandele als Abongo und mich. Als die Trennung von meinem Vater bevorstand, versuchte sie mehrmals, mir den für sie unumgänglichen Schritt verständlich zu machen.

Möglicherweise verdrängte ich damals alles, was mit meiner Mutter Kezia zu tun hatte, weil ich mir meine vertraute Welt bewahren wollte. Ich kannte ja nur meine Stiefmutter und unsere kleine Familie, und die sollte so bleiben wie sie war. Solange meine richtige Mutter fortblieb, so dachte ich damals, würde sich daran nichts ändern. Kein Wunder, dass mein Bruder, der sich noch gut an sie erinnern konnte, oft gereizt auf mich reagierte. Er betrachtete mich vermutlich als gemeine Verräterin.

Er war es denn auch, der bald nach dem Weggang unserer Stiefmutter damit anfing, von der Rückkehr unserer leiblichen Mutter zu sprechen.

Die Bemühungen meines Bruders sind am ehesten vor dem Hintergrund der Luo-Traditionen zu verstehen. In unserer Volksgruppe herrscht Polygamie, und dem Mann ist es gestattet, mehrere Frauen zu haben. Er darf, ohne sich scheiden lassen zu müssen, ein zweites, drittes oder gar viertes Mal heiraten. So waren auch mein Vater und meine Mutter Kezia, da sie traditionell geheiratet hatten, in den Augen der Kenianer, insbesondere der Luo, nicht geschieden. Zumal für die Luo nach der Übergabe des Brautpreises (meist eine bestimmte Anzahl von Rindern) und der Geburt von Kindern eine offizielle Scheidung in der Regel nicht mehr möglich ist. Selbst im Fall einer Trennung gilt das Paar weiterhin als verheiratet. Bleibt es allerdings kinderlos, so wird die Schuld daran häufig der Frau gegeben. In diesem Fall ist, wenn der Mann sich nicht einfach eine andere Frau nimmt, eine Scheidung möglich.

Die Bezahlung des Brautpreises hat zur Folge, dass bei einer Trennung alle der Ehe entstammenden Kinder dem Mann gehören. Sie gehen sozusagen in seinen Besitz über. Und seine Frau darf nur nach Rückgabe des Brautpreises in ihre eigene Familie zurückkehren. Verlässt sie den Hof ihres Mannes, aus welchem Grund auch immer, dürfen ihre beim Vater wohnenden Kinder ihre Rückkehr verlangen. Meist übernimmt dies der älteste Sohn.

Im Leben der Luo-Frau tritt mit ihrer Eheschließung eine weitere Veränderung ein. Infolge der strengen Sitten verliert sie nun ihren Platz in ihrer Ursprungsfamilie. Ein Brauch macht dies besonders deutlich: Bei den Luo ist es üblich, einen verstorbenen Angehörigen innerhalb des Hofes zu beerdigen. Eine verheiratete Frau, in Ausnahmefällen auch eine geschiedene Frau, die wieder auf dem Gehöft ihrer einstigen Familie lebt, darf nur außerhalb des Anwesens ihres Mannes bestattet werden. Denn sie gehört trotz Heimkehr nicht mehr zur Familie ihrer Eltern, sondern immer noch zu der ihres Mannes. Beide Familien sind mit dieser Tradition vertraut und halten sich daran.

Als mein Bruder mit fünfzehn anfing, sich intensiv um die Rückkehr unserer leiblichen Mutter zu bemühen, war ihm all dies bekannt. Er wandte sich an ihre Verwandtschaft, um mit ihr in Kontakt zu treten.

Eines Tages sprach mich eine Schulkameradin an und erklärte, sie sei mit mir verwandt, unsere Mütter seien Cousinen. Mir waren im Lauf der Jahre so viele nahe und ferne Verwandte vorgestellt worden, dass ich mir nichts Besonderes dabei dachte. Ab und an besuchten wir uns gegenseitig, bis meine Schulkameradin eines Tages aufgeregt zu mir lief und mich drängte, sie nach Hause zu begleiten. Ich fragte, was denn los sei, doch sie antwortete nur, ich müsse sofort mitkommen. Alles klang höchst geheimnisvoll.

Da wir nicht weit voneinander entfernt lebten, waren wir in wenigen Minuten bei ihr. Sie führte mich ins Wohnzimmer, in dem viele Leute saßen. An der Tür blieb ich verunsichert stehen, da mir bis auf meine Tante alle Personen fremd waren. Meine Cousine aber schob mich von hinten in den Raum und ihre Mutter rief mir zu:

»Komm doch rein, Kind. Wir haben eine Überraschung für dich!«

Schüchtern betrat ich das Zimmer. Ich hatte immer noch nicht begriffen, um was es eigentlich ging.

»Erkennst du sie denn nicht?«, fragte meine Tante aufgeregt.

Wortlos schaute ich mich um.

»Erkennst du denn deine Mutter nicht?«

Verwirrt blickte ich noch einmal im Raum umher. Meine Mutter? Nein, ich erkannte niemanden.

Eine Frau in der Runde schaute mich besonders eindringlich an. Verlegen begann ich zu lächeln. Da strahlte mich die Frau an, erhob sich und trat mit offenen Armen auf mich zu.

»Mein Kleines, weißt du nicht mehr, wer ich bin?«

»Hallo«, erwiderte ich unsicher und ging ihr entgegen. Was hätte ich auch sonst sagen sollen?

Dass ich eine leibliche Mutter hatte, auch wenn sie in all den Jahren nicht an unserem Leben teilgenommen hatte, war mir bewusst. Manchmal, wenn ich besonders unglücklich war oder wenn ich ein belastendes Problem mit mir herumschleppte, stellte ich sie mir als gute Fee vor, die mich jeden Moment wegzaubern und aus allen Schwierigkeiten befreien würde. Im Grunde aber betrachtete ich sie nicht als Teil unserer Familie. Ich hatte die Tatsachen schon sehr früh so akzeptiert, wie sie waren. Meine Mutter stand deshalb für mich immer außerhalb unseres Lebens. Was geschehen würde, falls sie eines Tages zurückkehrte, darüber hatte ich mir nie ernsthafte Gedanken gemacht.

Nun stand diese fremde Frau vor mir, und mir kam kein Wort über die Lippen. Und obwohl ich spürte, dass alle eine Reaktion von mir erwarteten – Aufgeregtheit, Freude, irgendeine Gefühlsäußerung –, blieb ich stumm.

»Lasst sie doch«, rief meine Tante. »Seht ihr nicht, dass sie schüchtern ist?«

Meine Mutter nahm mich bei der Hand und führte mich zu dem Stuhl neben ihrem eigenen. Danach füllte sich der Raum wieder mit Gesprächen. Tee und Saft wurden serviert und Kleinigkeiten zu essen aufgetischt.

Ich saß weiterhin schweigend neben meiner Mutter, dankbar, dass sie aus ihrer Rückkehr in mein Leben keine dramatische Szene gemacht hatte. Verstohlen betrachtete ich sie von der Seite und hörte ihr zu, wie sie zwanglos und selbstbewusst mit ihren Verwandten plauderte und lachte. Und ich fragte mich, ob jetzt, wo sie wieder da war, endlich auch alles wieder gut werden würde.

Die nächste Begegnung mit meiner Mutter fand bei uns zu Hause statt. Sie hatte eine mir unbekannte Verwandte – noch eine – mitgebracht. Ich nahm an, sie fürchtete sich womöglich davor, meinem Vater ohne Beistand gegenüberzutreten. Doch zufällig waren gerade nur mein Bruder und ich im Haus.

Nachdem wir uns begrüßt hatten, holte meine Mutter eine große silberne Dose aus ihrer Handtasche, die aussah, als sei sie geradewegs von der Fabrik ins Ladenregal gewandert, ohne dass man Zeit gehabt hatte, ihr ein Etikett aufzukleben.

»Für dich«, sagte sie und reichte mir das Behältnis. Ich nahm das mysteriöse Geschenk entgegen und sah sie fragend an.

»Für deine Haut«, erklärte sie.

Ich ging in die Küche und holte mir ein Messer, um, wie bei einer Farbdose, den fest verschlossenen Deckel zu öffnen.

»Danke«, sagte ich nach einer längeren Pause, als ich wieder bei meiner Mutter im Wohnzimmer war. Die Dose enthielt Vaseline. Plötzlich verspürte ich ein wunderbares Gefühl von Aufgehobensein. Nach dem Fortgang meiner Stiefmutter hatte ich mich vor lauter Wehmut nur noch notdürftig um mein Äußeres gekümmert. Ich hatte mich in eine Art Verweigerungshaltung geflüchtet, um auf diese Weise gleichsam die Zeit zum Stillstand zu bringen – wenn ich sie schon nicht zurückdrehen konnte. Und zugleich hatte ich mir eingeredet, dass ich, je weniger ich mich um mich selbst kümmerte, meine Stiefmutter umso weniger vermissen würde. Damals gab es niemanden mehr, der fragte, ob ich gebadet, mich eingecremt oder mir die Zähne geputzt hätte. Mein Bruder und ich redeten kaum miteinander, und mein Vater verkroch sich in seiner Arbeit und kehrte meist erst spät am Abend heim, wenn ich schon im Bett lag.

Bei unserem ersten Zusammentreffen war meiner Mutter sicherlich mein ungepflegtes Aussehen und meine trockene, glanzlose Haut aufgefallen. Während ich in ihr zunächst nur eine Fremde sah, betrachtete sie mich von Anfang an mit mütterlich sorgendem Blick. Von nun an brachte sie mir bei jedem Besuch eine Dose Vaseline mit.

Die Kampagne zur Rückgewinnung meiner Mutter führte mein älterer Bruder voller Überzeugung und Engagement. Ob er damals mit meinem Vater offen darüber sprach, weiß ich nicht. Aber er traf sich häufig mit Verwandten, und einige von ihnen unterstützten ihn tatkräftig und ermunterten ihn, nicht lockerzulassen.

Ich selbst hielt mich eher zurück und sagte nicht viel zu seinen Bemühungen. Denn obwohl ich meine leibliche Mutter endlich kennengelernt hatte, sehnte ich mich noch immer nach unserer jüngst auseinandergebrochenen Familie zurück. Meine kleinen Brüder, insbesondere Opiyo, vermisste ich entsetzlich. Doch je mehr sich Abongo für die Rückkehr unserer Mutter einsetzte, desto unwahrscheinlicher erschien mir die Möglichkeit, dass meine Stiefmutter und meine kleinen Brüder eines Tages zurückkehren würden.

4

Das für mein Leben Entscheidende ereignete sich einige Monate, bevor ich auf die Welt kam. Als meine Mutter erfuhr, dass sie zum zweiten Mal schwanger war, stand bereits fest, dass mein Vater zum Studium in die USA gehen würde.

Eine Gruppe kenianischer Studenten und Studentinnen sollte sich auf den Weg in die Vereinigten Staaten machen, um dort an einer Hochschule ausgebildet zu werden. Die meisten von ihnen erhielten dabei Unterstützung durch ein von Tom Mboya ins Leben gerufenes Stipendienprogramm. Dieses wurde von privaten Förderern finanziert, später unter anderem auch von John F. Kennedy. Der »Auszug der Studenten« in die Vereinigten Staaten, der von 1959 bis 1962 stattfand, ist seither unter dem Begriff »Airlift« bekannt.

Tom Mboya war nicht nur Politiker, sondern auch ein Gewerkschaftsführer. Er setzte sich unermüdlich für die Unabhängigkeit Kenias ein. Seine Vision eines von kolonialer Herrschaft freien Afrikas ließ sich seiner Meinung nach nur mithilfe einer ausreichenden Zahl gut ausgebildeter Afrikaner realisieren. In seinen Augen bedurfte es qualifizierter Kenianer und Kenianerinnen, die nach dem Ende des Kolonialismus – an dem er nie zweifelte – die Führung des Landes übernehmen würden. Doch zur Erlangung dieser Qualifikationen war der Weg ins Ausland unumgänglich. Die jungen Akademiker sollten nach ihrem Studium als hohe Beamte, Diplomaten und Träger des Bildungswesens die Nation in die Unabhängigkeit führen und ihre Selbstregierung gewährleisten.

Mboya lebte leider nicht lange genug, um die Verwirklichung seiner Vision mitzuerleben. 1969, sechs Jahre nach der Unabhängigkeit Kenias, wurde er erschossen. Er war achtunddreißig, und die Hintergründe für das Attentat wurden nie ganz aufgeklärt. Aber es wurde spekuliert, dass die Regierung etwas damit zu tun hatte. Auch mein Vater, den Mboyas Ermordung schwer traf, war fest davon überzeugt, dass es sich dabei um eine politisch motivierte Tat handelte.

Mein Vater war zwar keiner der Airlift-Stipendiaten, reiste aber zur gleichen Zeit mit privater amerikanischer Unterstützung in die Vereinigten Staaten. Vor Ort stieß er dann gewissermaßen zur »Airlift-Familie«. So ist aus den Akten dieses Programms zu entnehmen, dass auch er finanzielle Hilfe für den Kauf von Büchern erhielt und dass man ihn einige Male bei der Zahlung der Studiengebühren unterstützte. Die Hauptfinanzierung organisierten jedoch zwei amerikanische Frauen, die meine Großmutter heute kurioserweise nur noch als »Monika and Mary« in Erinnerung hat. Sie meinte aber Elizabeth (Mooney) und Helen (Roberts). Die beiden waren mit der Organisation World Wide Lit nach Kenia gekommen, um den Menschen dort Lesen und Schreiben beizubringen. Mein Vater machte bei diesem Programm als Lehrer mit. Beide Frauen waren beeindruckt von der Intelligenz meines Vaters und wollten ihm helfen, einen Studienplatz in den Vereinigten Staaten zu bekommen. Sie ließen sich Bewerbungsunterlagen mehrerer Universitäten schicken, und Mitglieder von Elizabeths Familie gaben Bücher mit der Post auf, damit er sich auf die Zulassungsprüfungen vorbereiten konnte. Nachdem er diese bestanden hatte, erhielt er von der Universität Honolulu die Zusage für ein Studium der Mathematik und Wirtschaftswissenschaften.

Laut Aussage meiner Großmutter lernte mein Vater die beiden Amerikanerinnen in einer Zeit kennen, als er bei den East African Railways angestellt war, jener 1948 gegründeten Bahngesellschaft der drei ostafrikanischen Staaten Kenia, Uganda und Tansania. Er und meine Mutter tanzten sehr gern, was Helen und Elizabeth wohl auch taten, denn angeblich holten sie meine Eltern häufig ab, um mit ihnen auszugehen.

Mein Großvater reagierte zunächst besorgt, als mein Vater nach Alego kam, um der Familie die frohe Botschaft seiner bewilligten USA-Reise zu übermitteln. Ein Studium in den Staaten war nicht gerade billig, und mein Vater, der erst Anfang zwanzig war, hatte bereits eine Frau und einen Sohn zu versorgen. Ein zweites Kind (ich) war unterwegs. Mit dem Verweis auf die Unterstützung durch die beiden amerikanischen Damen gelang es ihm aber, seine Eltern zu beruhigen. Das Einzige, worum er sie bat, war, sich in der Zwischenzeit um seine Frau und seine Kinder zu kümmern.

Den Kontakt zu seinen beiden Förderinnen hielt mein Vater übrigens auch nach seiner Rückkehr aus Amerika aufrecht.

Einige der jungen Studenten, die damals in die USA gingen, nahmen ihre Familien mit. Mein Vater aber wollte uns zurücklassen, um rascher das Studium absolvieren und damit früher in die Heimat zurückkommen zu können. Als er dann schließlich wieder in Kenia war, sahen die Dinge jedoch anders aus, als die Familie sie sich vorgestellt hatte.

Vor seiner Abreise suchte mein Vater mit Frau und Sohn in Begleitung meines Großvaters ein Fotostudio auf. Dort entstand ein gemeinsames Abschiedsbild. Dieses hängt noch heute bei meiner Großmutter im Wohnzimmer an der Wand. Jedes Mal, wenn ich es betrachte, geht mir durch den Kopf, dass, obwohl mich keiner sehen kann, auch ich mit auf dem Bild bin, wohlbehütet im Bauch meiner Mutter.

Nach dem Fortgang meines Vaters zog meine schwangere Mutter mit dem kleinen Abongo zu ihren Schwiegereltern nach Alego, in den kleinen Ort im Siaya District, der in der Nähe des Viktoriasees und nicht weit entfernt von der Grenze zu Uganda liegt. Dort erwartete sie die Geburt ihres zweiten Kindes. Sie war damals siebzehn Jahre alt.

Bei meinen Großeltern führten meine Mutter und Abongo – und bald darauf auch ich – ein herrliches Leben. Das Familiengut umfasste zahlreiche Felder, Weiden sowie unbebautes Land, und in der Mitte befand sich der Hof mit seinen strohgedeckten Lehmhäusern. Eine hohe Hecke aus dichten Bäumen und Büschen schützte ihn, und seinen Mittelpunkt bildete das Haus meines Großvaters, in dem er mit meiner Großmutter wohnte. Vor diesem lag auf der einen Seite eine kleine Hütte, die als Küche diente, und ein wenig davon entfernt das Gebäude meiner Mutter, das an dem traditionell für die erste Frau des ältesten Sohnes vorgesehenen Platz stand. Weitere Plätze waren reserviert für die übrigen Söhne meines Großvaters, die aber damals noch unverheiratet waren.

Mein Großvater besaß viele Kühe, Ziegen und Schafe, die in einem Gehege gehalten wurden. Meine Großmutter Sarah versorgte das Federvieh, das allabendlich in seinen Stall im hinteren Teil der Kochhütte zurückgescheucht wurde.

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