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Über den Autor

Carsten Stormer, Jahrgang 1973, wollte eigentlich Kapitän werden und die Weltmeere befahren. Stattdessen wurde er aber Speditionskaufmann, dann Barkeeper und Rucksackreisender. Später studierte er Journalistik in Bremen und Indien. Seit einigen Jahren lebt er als Asienkorrespondent auf den Philippinen und schreibt aus Asien und Afrika für Focus, Stern, Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung und andere Blätter.

 

Inhalt

  1. ERSTES KAPITEL:
    Deutschland
  2.  
  3. ZWEITES KAPITEL:
    Afghanistan 2004
  4.  
  5. DRITTES KAPITEL:
    Darfur, Sudan 2005
  6.  
  7. VIERTES KAPITEL:
    Somalia 2008
  8.  
  9. FÜNFTES KAPITEL:
    Kongo 2008
  10.  
  11. SECHSTES KAPITEL:
    Irak 2006/2007
  12.  
  13. SIEBTES KAPITEL:
    Afghanistan 2005 bis 2009
  14.  
  15. ACHTES KAPITEL:
    Burma 2009
  16.  
  17. NEUNTES KAPITEL:
    Philippinen 2008

ERSTES KAPITEL:

Deutschland

______ Mein Leben kommt mir vor wie ein Sarg, und in dem Sarg liege ich. Es ist Winter, der Himmel ist matschig-grau, es schneit ein bisschen. Eben habe ich das Eis von meinem Ford Fiesta gekratzt und überlegt, ob ich mich heute krank melden soll – mal wieder. Langsam gehen mir die Ausreden aus. Wie oft kann man Gastroenteritis bekommen, unter Übelkeit leiden oder sich den Fuß verstauchen? Also gut, ich fahre die paar Kilometer durch Suburbia am Stadtrand von München zur Arbeit und denke mal wieder, dass das Leben eigentlich schon vorbei ist, bevor es richtig begonnen hat. Ich bin 21 Jahre alt, und heute ist wieder einer dieser verdammten Tage, an dem mir alles sinnlos erscheint. Tage, an denen die Langweile einen zu erdrücken droht. Ich hoffe, dass es irgendwann besser wird.

Draußen ist alles so grau wie meine Stimmung: Himmel, Felder, Menschen. Wozu mache ich diesen Mist? Für wen? Egal, Trübsal abschütteln, die Treppe hochschlurfen, bei Herrn Schick, dem Filialleiter, reinschauen und Guten Morgen wünschen, sonst denkt der, dass der Stormer mal wieder verschlafen hat. Auf der Treppe in den zweiten Stock kommen mir Lastwagenfahrer entgegen mit einer Pulle Weißbier in der Hand, die in eine Leberkässemmel beißen und mir mit vollem Mund »Mahlzeit« ins Gesicht blubbern.

Acht Stunden Langeweile stehen mir bevor. Acht Stunden, in denen meine Gedanken in andere Länder flüchten, an die Strände Thailands, zu den Tempelruinen Kambodschas, in die Anden, nach Cartagena. An der Wand schlägt eine Uhr die Zeit in Splitter. Die Zeit staut sich, versickert nur langsam. Sekunden werden zu Minuten, Minuten zu Stunden. Ich schaue auf meine Uhr: 8.12 Uhr. Verdammt, erst zwölf Minuten vergangen. Ich starre aus dem Fenster auf den Hof, wo Gabelstapler fahren und Lastwagen beladen werden, bis mir ein Mitarbeiter auf die Schulter klopft und mich in die Realität zurückholt:

»Hey, du wirst hier nicht fürs Rumsitzen bezahlt, Azubi!«

Also gehe ich in die Küche, setze Kaffee auf – ganz langsam – und beobachte dann, wie der Kaffee in die Kanne tropft.

Ich bin angehender Speditionskaufmann, Auszubildender im zweiten Jahr und wohne im Eichhörnchenweg. Jeden Tag vergeude ich in diesem Industriegebiet mit Dingen, die mich nicht interessieren, mit Menschen, deren Leben auf Sparflamme köchelt – ohne Risiko, ohne Fehler, ohne Gewinn, ohne Niederlagen, ohne Triumphe. Es ist der kleinste gemeinsame Nenner in einem Dasein, dessen Höhepunkte die Sportschau oder zwei Wochen Vollpension am Gardasee sind. Ich will in meinem Leben keine Stechuhr, sondern Spannung und Abenteuer. Nur wie? Die meisten Menschen, die ich kenne, verbinden Spaß und Spannung mit einem Überraschungsei. Ich weiß, was ich nicht will: Speditionskaufmann werden, zum Beispiel. Leider habe ich keinen blassen Schimmer, was ich aus mir und meinem Leben machen möchte. Ich ahne, dass mir eine Zukunft bevorsteht, in der ein Tag dem nächsten gleicht und in der heute wie gestern ist, wie morgen, wie immer.

Zwei Mal habe ich schon versucht, auszubrechen aus dem Leben der Eltern, der Nachbarn, der Schulkameraden. Zwei Mal bin ich kläglich gescheitert. Ich wuchs behütet in einem Münchner Vorort auf und stellte nach dem Abitur fest, dass die Realität ganz schön scheiße aussah und Abenteuer sich auf dem Bolzplatz, im Jugendzentrum oder im Schützenverein abspielten. Vielen Dank, aber ohne mich. Ich war ein Junge, der in der Gewissheit aufwuchs, im falschen Jahrhundert geboren worden zu sein. Ich las Karl May, Jules Verne, Michael Ende und die Reiseberichte von James Cook. Meine besten Freunde hießen, neben Jürgen, Christoph oder Dirk, vor allem Winnetou, Kapitän Nemo und Atréju, und in meinen Träumen reiste ich nicht an die Nordsee, sondern nach Tahiti, in die Savannen Nordamerikas und manchmal nach Phantasialand oder in den Wilden Westen. Wenn meine Mutter mal wieder wütend war auf mich, fragte sie mich immer, warum ich nicht so sein könnte wie die anderen Kinder in der Nachbarschaft. Und sie ahnte nicht, dass ich mich wie Edmond Dantès, den Grafen von Monte Christo, im Château d’If fühlte und hoffte, meinen Abbé Faria zu finden. Die anderen Kinder spielten Volleyball oder machten Hochsprung im TSV Vaterstetten. Ich wollte Hockey spielen oder Skateboard fahren und durfte nicht. Ich ärgere mich heute, dass ich kein Instrument gelernt habe: Klavier, Geige oder Gitarre. Aber die anderen Eltern schickten ihre Kinder zum Flötenunterricht bei Frau Bracher, also musste ich auch in die Blockflöte blasen. Das ging ein paar Monate lang gut, dann schmiss ich die Flöte an die Wand und Frau Bracher mich aus ihrem Keller.

Meine Mutter hat mich in die Welt der Bücher eingeführt, aber geschenkt bekam ich immer die gleiche Lektüre wie die anderen Kinder auch. Ich wäre gerne in den Sommerferien nach Kanada gefahren, um Grizzlybären zu beobachten, stattdessen fuhren wir nach Donoratico in den Club Med. Als ich älter wurde, wollte ich Archäologe werden, Geschichte studieren oder Politik. Berufe, die man mit einem Realschulabschluss nicht ausüben kann. Stattdessen schickte man mich auf die Fachoberschule für Wirtschaft nach Wasserburg am Inn, wo ich mich mit Ach und Krach durch Rechnungswesen, Buchhaltung und Wirtschaftsmathematik quälte. Das sei besser für mich und meine Zukunft. Zum Erstaunen aller schaffte ich das Abitur doch irgendwie. Aber nun fragte mich jeder, wie es weitergehen würde. Darauf hatte ich keine Antwort. James Cook meldete sich in meinem Kopf zu Wort, und eines Tages sagte ich meinen Eltern, dass ich Kapitän werden möchte.

Ich war 19 Jahre alt, und die einfachste Möglichkeit, zur See zu fahren, war, mich bei der Bundeswehr zu verpflichten. Ich wollte U-Boote fahren, redete ich mir ein, aber ich habe keine Ahnung, wie ich auf diese Schnapsidee verfiel. Vier Jahre unterschreiben, vielleicht zwölf, wer weiß. Dass ich mich in geschlossenen Räumen nicht wohlfühle, hatte ich zu diesem Zeitpunkt völlig verdrängt. Ein paar Wochen später lag eine Einladung der Marine im Briefkasten meiner Eltern. Ich solle mich in einer Kaserne in Wilhelmshaven melden. Mein Vater war stolz auf seinen Sohn. Meine Mutter froh, dass aus ihrem Sorgenkind doch noch etwas werden würde. Ich war glücklich, die Enge zu verlassen, wo die Leute in den immer gleichen Reihenhaussiedlungen wohnen, mit genormten Vorgärten und gestutzten Hecken. Zum Glück haben die deutsche Marine und ich sehr schnell festgestellt, dass wir nicht gut zueinander passten. Ich hielt es für äußerst unhöflich, dass jemand um 4.00 Uhr in mein Zimmer platzt und mir Befehle ins Ohr brüllt, nur um mich anschließend eine Stunde lang im Kreis über den Kasernenhof zu hetzen. Der untersuchende Arzt wiederum fand es nicht besonders lustig, dass er in meinem Blut und Urin Spuren von Haschisch fand. Nach zwei Tagen lösten wir die Mission U-Boot im gegenseitigen Einverständnis auf, und ich hatte auf der Zugfahrt nach Hause acht Stunden Zeit, mir zu überlegen, welche Ausrede ich meinen Eltern erzählen würde.

Trotzdem – ich hatte mir in den Kopf gesetzt, Kapitän zu werden. Dieser Beruf sollte mein Fahrschein in eine aufregendere Welt, fremde Länder, zu Mädchen, Abenteuern, Romantik sein. Dachte ich. Also heuerte ich bei der norddeutschen Reederei Hartmann in Leer an, lebte einige Wochen in der Hamburger Seemannsmission, wo ich für die Prüfung büffelte, um mein Seemannsbuch zu bekommen. Abends machten mir die Hafennutten schöne Augen, und ich blickte jedes Mal schüchtern auf meine Schuhe. Zwei Monate später legte mein Schiff von Rostock in Richtung Bosporus ab. Ich durfte mich nun »Nautischer Offiziersassistent« nennen, Neudeutsch für Bootsjunge. Das klang sehr schön. Aber die Realität machte mir einen Strich durch die Rechnung. Ich war der Depp für alles. Der Schiffskoch nannte mich Franz-Josef, weil ich aus Bayern kam. Die Offiziere redeten kein Wort mit mir, außer, wenn ich ihre Kajüte putzen sollte, und der Kapitän war ein ehemaliger NVA-Offizier und Leuteschinder, ein moderner Kapitän Bligh, der die Besatzung bei Windstärke sieben ohne Sicherungsgurte die Kräne anstreichen ließ. Leider gab es keinen Fletcher Christian an Bord, der eine Meuterei angezettelt hätte. Wir fuhren Waffen, Panzer und Munition aus Beständen der Nationalen Volksarmee nach Griechenland, und während wir im Laderaum auf den Kisten saßen und rauchten, erzählten mir die Seeleute üble Geschichten, zum Beispiel wie der Kapitän bei einer Schießerei in Mogadischu die Gangway hochfahren ließ, obwohl die Besatzung draußen im Hafen die Außenwände des Schiffes putzte. Seefahrt hat heute nichts mehr mit James Cook zu tun. Statt in jedem Hafen eine andere Braut zu haben, in Spelunken mit Seemännern Rum zu trinken und Angriffe von Piraten abzuwehren, musste ich das Deck des Schiffes oder den Kabelgatt putzen oder Container entladen. Länger als eine Nacht lagen wir nie in einem Hafen. In Rostock schleppten mich meine Seemannskollegen in einen Puff. Ich war nie zuvor in einem Freudenhaus gewesen und schämte mich so sehr, dass mir die Puffmutter aus Mitleid eine Flasche Mineralwasser spendierte, solange sich meine Kollegen im ersten Stock vergnügten. Rotterdam und Valencia sah ich nur von der Reling aus. In Patras lief ich vor einer Seemannsprügelei davon. Es waren große, kräftige Männer, mit Oberarmen dicker als meine Oberschenkel und Tätowierungen. Einer hatte ein Messer. Ich war noch nicht reif und robust genug für diese Welt. Ein Matrose meines Schiffes, der sich Panzerfahrer nannte, hatte einem Seemann einen Bierkrug an die Stirn geknallt. In Izmir betrank ich mich mit türkischen Zuhältern in einer Hafenspelunke und tanzte mit osmanischen Nutten auf den Tischen, während ein Blinder auf dem Akkordeon spielte. Anschließend saßen wir gemeinsam auf der Gangway des Frachters und lästerten über unseren Kapitän und dessen Offiziere – ohne mitzukriegen, dass die über uns an der Reling standen und mithörten. Das brachte mir meine erste Abmahnung ein. Aber zu diesem Zeitpunkt hatte ich meine Entscheidung ohnehin schon getroffen. Nach sechs Wochen war diese Episode meines Lebens beendet. Ich kündigte und ging in Bremen von Bord. Mutter und Vater sagten mir, es wäre Zeit, langsam erwachsen zu werden, etwas Vernünftiges und Bodenständiges zu lernen. Aus Mangel an Alternativen und um der Nörgelei meiner Eltern ein Ende zu setzen, begann ich eine Lehre zum Speditionskaufmann. Abenteuer ade, hallo Bürgertum und Sicherheit. Mein Leben schien vorprogrammiert: fester Beruf in einer krisenfesten Branche, gute Aufstiegsmöglichkeiten, übertarifliches Gehalt. Ich hätte mich schnell vom Sachbearbeiter zum Abteilungsleiter hochgearbeitet, wäre vielleicht Prokurist geworden. 31 Urlaubstage, Weihnachtsgeld, Rente gesichert, Bausparvertrag.

Das war im Jahre 1994, und die folgenden drei Jahre sollten sich als die schlimmsten meines Lebens erweisen. Firma und Job waren beschissen. Statt die Weltmeere zu bereisen, tauchte ich ein in die Welt von Incoterms und Gefahrengutvorschriften, Debitoren und Kreditoren – das Highlight waren zwei Wochen bei der Mutterfirma in einem Hamburger Gewerbegebiet. Einmal gab es die Gelegenheit, den Laden zu verlassen. Die Bundeswehr wollte mich zur Wehrpflicht einziehen, Gebirgsjägerbataillon in Mittenwald, und das mitten im zweiten Lehrjahr. Kein Problem, meinte der Sachbearbeiter beim Kreisverwaltungsreferat, ich würde meine Lehrstelle behalten. Kein Problem, meinte Herr Schick, mein Chef, und sagte, dann fange ich eben wieder im zweiten Lehrjahr an. Im Klartext heißt das, ich hätte drei Viertel eines Lehrjahres vergeudet, um ein Jahr lang Briefe bei der Bundeswehr zu kuvertieren. Ich hatte meinen Eltern versprochen, die Lehre zu Ende zu bringen. »Du kannst nicht ständig etwas anfangen und es dann nicht beenden. Das ist schlecht für den Charakter. Wie willst du denn jemals einen Job finden?«, sagten sie mir. Ich hatte die Wahl zwischen Schwefelsäure und Arsen. Ein Jahr beim Bund und verlängerte Lehrzeit in der Dunkelkammer meines Lebens: Das würde ich nicht verkraften. Ich führte einen Kalender, in dem ich die Tage bis zum Ende meiner Lehrzeit ausstrich. Ich brauchte eine Lösung für mein Dilemma. Also beantragte ich eine erneute Musterung mit anschließendem Gespräch bei einem Bundeswehrpsychologen – letzte Hürde und einzige Hoffnung, mein Leben nicht vollständig in den Sand zu setzen. Das Gespräch fand an einem Montag um 9.00 Uhr morgens in einer Praxis am Münchner Maximiliansplatz statt. Ich bereitete mich gut vor: schlief zwei Tage lang nicht, trank nur Kaffee und rauchte vor dem Termin beim Seelenklempner einen Joint, um meine Geschichte plausibel erscheinen zu lassen. Der Psychologe war ein freundlicher Herr Mitte 40, und als er mich sah, musste er schlucken und bot mir sofort einen Platz auf seiner Couch an. Mein Gesicht war fahl wie eine frisch gestrichene Wand, meine Augen lagen tief in den Höhlen und wurden von dunklen Ringen umrahmt, meine Hände zitterten, als hätte ich Parkinson. Zwei Stunden lang log ich ihm vor, dass diese Lehrstelle meine letzte Hoffnung auf ein normales Leben sei, dass meine Eltern geschieden wären, meine Schwester drogenabhängig sei, und meine Freundin mich gerade verlassen habe. Er könne mich unmöglich auf die schiefe Bahn kommen lassen, was passieren würde, wenn mich die Bundeswehr einziehen würde. Ich dichtete und log vor mich hin, und während ich die erfundene Geschichte dem Arzt erzählte, fing ich an, hemmungslos zu heulen. Dann schloss er mich an verschiedene Geräte an, EKG, EEG, Stethoskop, um meine Gehirnströme und Herzschläge zu messen, die dank des Koffeins und des Haschischs völlig außer Kontrolle waren. Immer wieder hörte ich langgezogene »Aahs« und »Oohs« und musste mir auf die Lippen beißen, um nicht laut zu lachen. Zum Abschied sagte er: »Herr Stormer, machen Sie sich mal keine Sorgen.«

Ich blieb also Speditionskaufmann, aber nebenbei begann ich, in Münchner Nachtclubs und Diskotheken als Barkeeper zu jobben; eine Parallelwelt jenseits der Normalität, der Spießer und jener Menschen, die ihre Lebenslust gegen ein vorhersehbares, geplantes Leben eintauschen. Ich soll für den Freund einer Arbeitskollegin an der Bar eines Technoclubs einspringen. Ich bin ein Landei, schüchtern, und finde Techno und Drogen blöd. Um 9.00 Uhr abends beginnt die Schicht, und um 14.00 Uhr am nächsten Tag zähle ich meinen Lohn. Vierhundert Mark. Verdammt viel Geld für jemanden Anfang 20, der noch bei seinen Eltern wohnt. Und obendrein ist es großartig, hinter der Bar zu stehen. Ich bin im Paradies angekommen und will nie wieder weg. Ich fühle mich cool und verdiene einen Haufen Kohle. Drei Mal die Woche verwandelt sich für mich die Nacht zum Tag. Donnerstagabend bis Sonntagmorgen. Mein Job ist es, gut auszusehen und gut drauf zu sein, mit einem Dauerlächeln möglichst schnell Flaschen zu öffnen. Viele Flaschen, viel Umsatz. Guter Umsatz, gutes Trinkgeld.

Ich finde mich in einer Welt wieder, die ich bis dahin nur aus Erzählungen kannte, und genieße die Aufmerksamkeit, die ich hinter der Theke bekomme. Ich lade wildfremde Menschen ein, flirte, schlafe mit Frauen, deren Namen ich mir nicht merken kann – eine endlose Party. Eine Welle der Euphorie, in der man vor Glück ertrinken möchte. Wenn Leben auf der Tanzfläche zuckt, Stroboskoplicht wie Regen von der Decke fällt, Trommelwirbel aus Dancefloor, Techno und Acid House hämmern und die Welt tanzt, tanzt, tanzt … Anfangs wundere ich mich noch, warum so viele Leute gemeinsam auf die Toilette gehen oder auf der Tanzfläche zusammenbrechen. Doch schon bald war ich Teil des Ganzen und genoss dieses Leben in vollen Zügen.

Im Winter sehe ich drei Tage lang kein Tageslicht. Und jeden Sonntag sind mein Hirn und meine Seele so leer wie die Flaschen, die ich am Ende jeder Bar-Schicht einsammle. Zu wenig Schlaf, zu viel Alkohol, dazu Drogen, Fast Food, schlechte Luft. Und dann noch der Lärm, dem man stundenlang in Clubs und Diskotheken ausgesetzt ist.

Manchmal wache ich irgendwo auf und habe keine Ahnung, wie ich dort hingekommen bin: ein modern eingerichtetes Zimmer – nicht meines. Der Aschenbecher, auf dem ich geschlafen habe, gehört mir auch nicht. Ich blinzele durch das Schlafzimmerfenster in die Nachmittagssonne und versuche mich zu erinnern. Die nackte Frau neben mir kenne ich nicht. Sollte ich aber, denn ich bin auch nackt, und auf dem Parkettboden liegt ein benutztes Kondom. Ich wische mir Asche aus dem Mundwinkel und halte mir den Kopf, der zu platzen scheint. Ein normaler Sonntagnachmittag. 17.00 Uhr, Zeit fürs Frühstück, aber wo ist der Kühlschrank?

Statt auf frisch gepressten Orangensaft und Spiegeleier blicke ich auf die Aspirintablette, die sich viel zu langsam im Wasserglas vor mir auflöst. Der Magen ist verseucht von Wodka, Bier und Averna. Gegen meine Schläfen pochen die Promille, in den Ohren pfeifen noch die Dezibel der letzten Nacht nach. Ich presse meine Hände gegen die Schläfen, massiere meinen Nacken. Nichts hilft. »Herzlichen Dank für die Drinks, die du mir spendiert hast«, sagt die Frau neben mir und küsst mich. Wer bist du denn, denke ich und sage: »Keine Ursache.« Und schäme mich, weil ich ihren Namen schon wieder vergessen habe. Ich gehe in die Dusche und höre ihr dabei zu, wie sie einer Freundin am Telefon erzählt, dass der Barkeeper von gestern sie flachgelegt hat.

Die Parallelwelt des Münchner Nachtlebens macht mein Dasein in der Spedition erträglicher. Manchmal gehe ich direkt aus dem Club ins Büro, nach Rauch stinkend und mit Koksresten in der Nase. Kokain lässt sich auch wunderbar auf der Personaltoilette nehmen und macht Aktenkopieren zu einem aufregenden Erlebnis. Das Einzige, was zählt, ist der Augenblick, das Hier und Jetzt. Der nächste Tag ist weit weg. Dolce Vita.

Aber nachts liege ich wach und überlege, ob dies alles ist, was mir das Leben zu bieten hat. Es muss doch etwas geben, das mich erfüllt. Nicht nur ein Beruf, sondern eine Berufung. Ein Leben zu führen, auf das man stolz sein kann, nicht nur ein bezahlter Zeitvertreib. Etwas Eigenes erschaffen, eine Aufgabe erfüllen. Ich will Spuren hinterlassen.

Ehemalige Schulkameraden lernen Berufe wie Versicherungs- und Industriekaufmann. Als Speditionskaufmann weiß ich, was Langeweile bedeutet. Ich bin zu dem geworden, wovor mich meine Eltern gewarnt haben. Ein Penner ohne richtigen Beruf. Ein Slacker. Als mein Vater den tätowierten Drachen am Oberarm entdeckt, kommt das Attribut »kriminell« hinzu. Denn nur Knastbrüder und Seeleute lassen sich stechen. Ich solle doch endlich an meine Zukunft denken, die ich gerade versaue. Ob ich denn nicht mal Filialleiter werden möchte, Prokurist oder so was? Nein, denn die Zukunft ist jetzt, ist die nächste Party. Nachts halte ich mich mit Kokain, Speed oder LSD wach. Tagsüber zwinge ich mich mit Haschisch in den Schlaf. Das Geld geht so schnell, wie es kommt, für Drogen und Alkohol in Afterhour-Clubs drauf, Läden, die öffnen, wenn andere schließen. Mein Freundeskreis besteht aus Barkeepern, Türstehern und Menschen, die sich nachts wohler fühlen als am Tag.

Auf die plötzliche Ernüchterung bin ich nicht vorbereitet. Gespräche auf Kokspartys langweilen mich. Meine längste Beziehung hielt sechs Monate, die meisten nur wenige Stunden. Freundschaften dauern so lange, wie man gemeinsam in einem Laden arbeitet. Gespräche von mehr als ein paar Minuten sind rar. Man eilt von einem Bekannten zum nächsten: »Hi, wie geht’s? Gut? Alles klar? Dann bis später.« Bussi links, Bussi rechts.

Das Leben, das ich nachts führte, hatte nichts von dem, was ich tagsüber tat. Flaschen öffnen, koksen, Partys feiern. Und ein paar Stunden später schickte ich übermüdet Lastwagen durch Europa, lernte Gefahrengutvorschriften auswendig, starrte an die Decke, vergeudete Zeit. Irgendwann hatte ich auf beide Leben keine Lust mehr und wollte auch nicht länger darauf warten, dass mich das Schicksal anpupst. Mit dem erfolgreichen Abschluss meiner Lehrlingsprüfung knallte ich meinem Chef die Kündigung und ein Ticket nach Thailand auf den Schreibtisch. Nicht eine Minute länger würde ich in dieser Spedition verbringen. Vielen Dank für das Angebot, auf Nimmerwiedersehen.

1997 habe ich mir mit meinem letzten Lehrlingsgehalt ein Ticket nach Bangkok gekauft. An den Stränden Thailands wird meine Haut braun, und meine Haare werden blond. Ich sehe mir Vietnam an und reise durch Laos, entdecke Zauberwelten, die mich nicht mehr loslassen; will immer mehr sehen, riechen, spüren, Leben einsaugen. Nach drei Monaten ist der schöne Traum vorbei. Ich arbeite weiter als Barkeeper, um Geld zu verdienen, immer mit Asien im Kopf.

So plätschern die Jahre dahin: sechs Monate in Großstadtclubs Flaschen öffnen, sechs Monate die Welt bereisen. Langsam bekomme ich Angst, den Absprung zu verpassen. Einige meiner Gäste siezen mich inzwischen, wenn sie ihre Alkopops mit Strohhalm bestellen, um möglichst schnell und billig betrunken zu werden.

Das Nachtleben hat seinen Zauber verloren. Ein Spaß ohne Mehrwert. Ich kann nur noch maximal zwei Nächte in der Woche durchmachen, benötige literweise Espresso und vier Tage, um wieder in die Puschen zu kommen. Ab 4.00 Uhr morgens kann ich mich vor Müdigkeit kaum noch auf den Beinen halten. Das Verrückte ist Alltag geworden. Ich sehe mich plötzlich als das, was ich bin: ein immer grinsender Flaschenöffner, der sich für Trinkgelder prostituiert. Ich will nicht, dass mein Dasein sich auf die Höhe des Trinkgeldes reduziert.

Wann genau sich diese Leere in mein Leben geschlichen hat, weiß ich nicht. Von außen betrachtet war es ziemlich reich: Freunde, Party, Spaß. Mein Leben wog nicht viel, es hätte in einen kleinen Rucksack gepasst. Ich konnte ihn vollstopfen, mit allem, was ich hatte, und trotzdem war da noch Platz. Es gefiel mir, mit leichtem Gepäck zu reisen. Autos, Wohnungen, Urlaube interessierten mich nicht. Wahrscheinlich hätte es niemand bemerkt, wenn ich am nächsten Tag verschwunden wäre.

Ich sparte, wo es ging, und reiste nach Vietnam, Laos, China und in die Mongolei. Exotik wurde zu meiner Droge. In Ecuador lernte ich Spanisch, und an einem einsamen Karibikstrand in Kolumbien nahm ich das reinste Koks der Welt und tanzte im Sonnenaufgang mit einer einheimischen Schönheit Merengue. Danach war Schluss mit Rauschgift. Man soll aufhören, wenn es am schönsten ist. Ich hatte zwar immer noch keinen Plan, was ich machen wollte, aber ich wusste sehr genau, was ich nicht wollte. Das fand ich progressiv.

Ich ließ mich durchs Leben treiben, bis mir klar wurde, was ich gesucht hatte. Immer wieder werde ich gefragt, wovor ich davonlaufe. Aber ich renne vor nichts und niemandem davon. Ich bin auf der Suche, allerdings weiß ich nicht genau, wonach – aber ich will es finden. Es gibt viele Wörter dafür: Leben, Sinn, Erfüllung, Bestimmung, Glück. Miete zahlen, Sportschau gucken oder Fahrrad fahren reichen mir nicht, um mein Leben auszufüllen. Ich will mehr. Laos, Vietnam, China, die Mongolei, Burma, Nepal, Ecuador, Kolumbien bringen es irgendwann auch nicht mehr. Ich zickzacke durch die Welt – das ist mein Trip, meine Dröhnung, und die Wirkung wird mit jeder Reise geringer.

Ich habe die halbe Welt bereist und stehe an der Abschussrampe meiner Jugend und vor dem Hintereingang meiner Zukunft. Und vielleicht hat es mich deshalb nach Kambodscha getrieben an diesem sonderbaren Nachmittag, der so schön begonnen hatte. Im Land der Khmer und von Angkor Wat schlägt mir das Schicksal mit aller Wucht in die Fresse. Seit Wochen reiste ich kreuz und quer durch das Land, das die Einheimischen Kampuchea nennen. An Weihnachten schlief ich in einem der Lotustürme von Angkor Wat und teilte mir die Nacht mit Fledermäusen und einem hungrigen Polizisten, der mich vor den Roten Khmer beschützen sollte. Dann hatte ich genug von Tempeln und Stränden und wollte auf die Killing Fields, jene Felder und Dschungel, in denen noch immer Millionen von Landminen und Streubomben aus dem Vietnamkrieg herumliegen und die in unschöner Regelmäßigkeit kambodschanische Arme, Beine, Körper zerfetzen. Ich las davon in der Phnom Penh Post, jener Zeitung, für die ich ein paar Jahre später arbeiten sollte. Organisationen, die für ein Verbot von Landminen kämpften, hatten gerade den Friedensnobelpreis gewonnen. Ich war vor Ort und roch ein Abenteuer.

Also klopfe ich im Büro einer Hilfsorganisation in Phnom Penh, der Hauptstadt Kambodschas, an. Das Büro liegt in einer Seitenstraße, im Hof humpeln einige Männer auf Prothesen herum; ein absurdes Bild, das von Bougainvilleas eingerahmt wird, deren Farben in der Sonne explodieren. Ich stelle mich vor, gebe mich als Journalist aus und lüge ihnen vor, dass ich für eine große deutsche Tageszeitung arbeite und über die Gefahr von Landminen berichten möchte. Vor mir sitzt ein Schotte, lang wie ein Baum, rote Haare und Hände wie Bratpfannen. Sprengmeister sei er, erzählt er mir und fügt hinzu, dass er nicht glaube, dass ich Journalist sei, aber er mich trotzdem mit auf die Minenfelder nehmen wolle, weil es ihm sympathisch sei, dass ich mich für mehr als Tempel und Strand interessiere. Und bald darauf fahren wir gemeinsam in den Dschungel Zentralkambodschas, nahe der vietnamesischen Grenze, dorthin, wo einst der Ho-Chi-Minh-Pfad verlief, auf dem die vietnamesischen Untergrundkämpfer Waffen und Nachschub für den Krieg gegen die Amerikaner schmuggelten. Auf der Fahrt erzählt mir der Schotte, dass er früher als Söldner in Rhodesien und auf den Falklandinseln für die britische Armee Minen vergrub. Die Ironie gefällt ihm: zwei mal Geld verdienen mit der gleichen Sache – erst eingraben, dann ausgraben. Aber das Ausgraben findet er sinnvoller.

Wir laufen durch das Unterholz des Urwaldes, und ich fotografierte, wie der Schotte und seine Mitarbeiter Kriegsmüll einsammeln. Unterwegs treffen wir einen Bauern, der eine alte russische Mine in seinem Beutel mit sich trägt, und der Schotte bittet ihn, sie herauszurücken. Aber der Bauer will nicht. Die beiden fangen an zu streiten, weil der Bauer die Mine behalten will, um seine Bambushütte gegen potenzielle Diebe zu verteidigen. Jeden Morgen, erzählt er, gräbt er sie aus und am Abend an einem anderen Platz wieder ein. Der Schotte zetert noch eine Weile, dann ziehen Bauer und Landmine weiter. Stundenlang laufen wir durch den Busch, sammeln kleine gelbe Streubomben ein, die aussehen wie Tennisbälle und halb vergraben im Gestrüpp versteckt liegen. Am Rand eines Feldes schaut eine Landmine aus dem Boden. Und am frühen Nachmittag kommt über Funk die Ansage, dass wir sofort in ein Dorf in der Nähe fahren sollen. Ein Mädchen sei auf eine Mine getreten.

Das Dorf ist mit dem Jeep nur ein paar Minuten entfernt, eine Ansammlung aus wackeligen Bambushütten, ein kleiner buddhistischer Tempel; im Schlamm kühlen sich Wasserbüffel. Vor einem Brunnen haben sich die Dorfbewohner versammelt, eine Wand aus dürren Körpern. Dahinter liegt das Mädchen, sein Unterkörper eine blutige Masse; Knochen ragen heraus, wo normalerweise ein Unterschenkel sein sollte. Das linke Bein baumelt nur noch an Sehnen und Hautfetzen. Ich starre auf die Blutlache und das Bein, aus dem immer mehr Blut pumpt, und vergesse zu fotografieren. Meine Augen fixieren den Beinstumpf und das Mädchen, das stumm und unter Schock vor mir im Staub sitzt, apathisch, die Augen nach hinten gekippt, sodass nur das Weiß des Augapfels zu sehen ist. Die Kleine schreit nicht. Sie ist elf Jahre alt, und ihre Zukunft wurde von einer alten Mine zerstört. Neben ihr kauert ihre neunjährige Schwester, das Gesicht in den Händen vergraben. Zwischen ihren Fingern läuft Blut heraus. Sie hat bei der Explosion ihr Augenlicht verloren. Die Mädchen werden notdürftig verbunden und mit dem Jeep in ein Krankenhaus in Phnom Penh gefahren. Ihre Namen weiß ich nicht, aber den Anblick der beiden blutenden Mädchen habe ich nie vergessen. Es macht mich traurig, dass niemand je etwas über das Schicksal dieser beiden Mädchen erfahren wird, weil es in einem toten Winkel der Welt passiert ist. Und wütend, dass dies in der Welt geschieht, in der ich lebe. Ich schwöre mir, dass ich diese Wut in mir behalten werde. Zwei Kinder am Arsch der Welt, das Leben für immer zerstört. Dieses Bild hat sich eingebohrt in meine Seele wie ein Widerhaken. Es ist eine Art Erweckungserlebnis gewesen. Nur war mir dies damals noch nicht bewusst.

Neun Monate und sieben Länder später, mit unzähligen Erfahrungen und Erlebnissen im Gepäck, für die sich kein Arbeitgeber interessiert, bin ich wieder zu Hause in München, öffne nachts weiter Flaschen und zermartere mir tagsüber das Hirn, was ich mit meinem Leben anfangen könnte. Und schließlich bekomme ich einen Platz für den Studiengang Journalistik in Bremen. Bis dato hatte ich vielleicht mal eine Postkarte geschrieben, und meine Lesebegeisterung war irgendwo bei der Suche nach Selbsterfüllung verloren gegangen. Kurzum: Ich hatte von Journalismus keine Ahnung. Aber es klang cool. Als rasender Reporter zu den Brennpunkten der Welt, Geschichte live erleben. Ich war 27, und es war meine letzte Chance, mein Leben in die richtige Umlaufbahn zu katapultieren. Ich habe noch einen Schuss frei und ziele auf den Hauptpreis. Während des Studiums kapsle ich mich ab. Ich verzichte auf Studentenpartys und fahre stattdessen an den Wochenenden achthundert Kilometer mit dem ICE nach München, um in Nachtclubs am Tresen zu stehen, vier Jahre lang. So finanziere ich mein Studium. In den Semesterferien mache ich mehrere Praktika in Burma und Kambodscha, ein Austauschsemester verbringe ich in Südindien. Und in dieser Zeit entwickle ich eine Charaktereigenschaft, die mir bis dahin fremd war: Ehrgeiz. Mit jedem Tag wird mir deutlicher, dass dies das Leben ist, das ich führen möchte. Der Journalismus ist nur Mittel zum Zweck, aber er macht Spaß. Ich bade in fremden Kulturen, reise durch exotische Länder, treffe Menschen, die mich faszinieren und deren Einfluss mich in immer neue, unbekannte Bahnen lenkt. Das Leben ist ein nie endender Strom aus Abenteuern, Erlebnissen, Gerüchen, Erfahrungen. Ich bin glücklich und wünsche mir, dass es immer so weitergehen soll. Leider muss ich immer wieder zurück nach Bremen, in eine Welt, die immer kleiner wird. Die studentischen Rituale sind mir zuwider. Ich will keine Che-Guevara-T-Shirts tragen, ich will Che Guevara sein. Das Studentenleben lehne ich weiterhin dankend ab. Ich habe schon genügend Lebenszeit verfeiert. Flugblätter, Demonstrationen, Spruchbänder sind mir zuwider. Ich will nur raus, die Welt entdecken. Am Ende meines letzten Semesters löse ich meine Wohnung im Bremer Bahnhofsviertel auf, verbrenne meine Ikea-Möbel, bunkere meine Bücher im Keller einer Freundin und kaufe ein Ticket nach Afghanistan. Das Leben kann beginnen. Endlich!

ZWEITES KAPITEL:

Afghanistan 2004

______ Ich habe gerade mein Studium der Journalistik in Bremen beendet und bin der festen Überzeugung, dass die Medien nur auf mich warten. Ich bin bereit, denke ich. Und bin mir sicher, dass ich noch in diesem Jahr den Kisch- oder Pulitzerpreis gewinnen werde, voller Selbstvertrauen und Tatendrang. Endlich kann ich die Bücher gegen die Realität eintauschen, das echte Leben spüren. In Afghanistan herrscht Krieg. Was also liegt näher, als dort meine Karriere als Journalist zu beginnen? Ich will endlich raus und mache dass, was unzählige Männer vor mir gemacht haben: Ich ziehe in den Krieg. Ich habe ein paar tausend Euro gespart. Davon kaufe ich mir ein Ticket nach Kabul, Ariana Airlines, die afghanische Fluggesellsaft mit zweifelhaftem Ruf. Ich war froh, endlich die Uni, die Bücher und die Prüfungen hinter mir zu lassen.

Erst am Frankfurter Flughafen bekomme ich Muffe und stelle mir zum ersten Mal die Frage, ob das, was ich da vorhabe, wirklich gut ist. Krieg kannte ich nur aus dem Fernsehen. Afghanistan nur aus den Nachrichten. Ich hatte auch niemanden in meinem Bekanntenkreis, der schon mal am Hindukusch gewesen war. Alles, was ich wusste, war, dass dort ein paar verrückte Extremisten Musik, Filme, Bücher und das Denken verboten hatten und die Kultur hinter Gitter sperrten, Frauen unter die Burka zwangen und Männergesichter hinter langen Bärten versteckten. Dass Bildung generell des Teufels und somit Sünde war. Auf der anderen Seite standen die Amerikaner und ihre Alliierten und wollten die Steinzeitjungs vertreiben.

Meine Beine beginnen zu zittern, als eine Flugbegleiterin ruft, dass die Maschine nun zum Einsteigen bereit sei. Ich hasse es zu fliegen. Ich habe Flugangst. Diese Furcht soll ja völlig unbegründet sein, sagen die Schlaumeier. Weil Fliegen angeblich die sicherste Art zu reisen sei. Viel sicherer als Autofahren jedenfalls. Man kann mir mit Physik und Statistiken kommen – und ich glaube trotzdem kein Wort. Ich fühle mich in Flugzeugen hilflos, machtlos, ausgeliefert. Dieser feuchte Film auf den Handflächen, obwohl es kühl ist. Es rauscht im Kopf, sodass man keinen klaren Gedanken mehr fassen kann. Der Magen verkrampft sich, sobald dieses grausame Zeichen aufleuchtet: fasten your seatbelts. Und man hat keine Ahnung, warum. Gewitterfront, Turbulenzen, Entführung, Blitzeinschlag, oder hat der Pilot nur den falschen Knopf gedrückt? Ich kann stundenlang auf die Tragflächen starren, in der Gewissheit, dass das Triebwerk jeden Augenblick abfällt. Und der Sitznachbar sagt: »Hey, machen Sie sich keine Sorgen. So’n Ding kann auch nur mit einer Düse fliegen. Hahaha.«

Vor Haien habe ich keine Angst. Wenn ich einen sehe, schwimme ich ihm hinterher. Ich steige lieber in ein Haifischbecken als in eine Boing 737. Aber ich verstehe, wenn das jemand anders sieht. Angst ist subjektiv und irrational.

Schon Tage vor dem Abflug leide ich an sämtlichen Symptomen: Schwindel, Zittern, Schweißausbrüche, Übelkeit, Magenbeschwerden, Muskelverspannungen. Na gut, ich falle nicht in Ohnmacht, verliere nicht die Kontrolle und kann meine Panik auch ganz gut verbergen. Trotzdem kralle ich mich bei diesen Gelegenheiten immer in die Kopfstütze meines Vordermanns.

Die Fahrt zum Flughafen ist meine Via Dolorosa. Ich leide, suche nach Gründen, nicht zu fliegen, fühle mich krank und elend. Es gibt nichts, worauf man sich freuen könnte. Vor dem Abflug erwarten einen miesepetrige Damen und Herren an piepsenden Maschinen. Rucksack auf, Kamera und Laptop raus, beides anschalten, Schuhe ausziehen. Pieps. Entschuldigung, der Gürtel, oder war es die Uhr? Und dann noch dieser vorwurfsvolle Blick: »Sie wissen doch, dass man keine Flüssigkeiten über hundert ml mit an Bord nehmen darf, mein Herr.« Wie soll man sich da entspannen? Während ich mein Massenvernichtungswasser in den Mülleimer werfe, stelle ich mir vor, wie ein arabisch aussehender Typ ein Flugzeug mit vorgehaltener Evian-Flasche entführt.

Einmal wollte ich mit der russischen Fluglinie Aeroflot nach Kambodscha fliegen. Der Moskauer Flughafen versank im Schnee. Ein russisches Räumkommando schippte die Startbahn mit Schneeschaufeln frei – in Handarbeit. Ich saß in einer Iljuschin-Maschine, locker 30 Jahre alt und verbogen wie eine Banane. Als sich mein Sitznachbar zu mir gesellte, dachte ich sofort an Iwan den Schrecklichen: ein Hüne, dem die Vorderzähne fehlten, mit einer Narbe vom linken Ohr bis zum Mundwinkel. Aber er lächelte und bot mir Wodka an.

»Nein, es ist noch zu früh für Wodka, spasiba«, sagte ich. Alkohol potenziert meine Flugangst. Sonst würde ich mich vor jedem Flug ins Koma trinken. Ich kann an Bord auch nicht schlafen. Selbst auf Zwölfstundenflügen starre ich unentwegt aus dem Fenster und reibe die Handflächen an den Knien trocken. Da beruhigen mich auch fünfhundert Milligramm Xanax oder Valium nicht. Alles schon probiert. Unterhaltungen nach den Sicherheitshinweisen vermeide ich.

Das konnte Iwan natürlich nicht ahnen. Aber als ich seine Gastfreundschaft verschmähte, lächelte er nicht mehr.

»Trink!,« sagte er, und ich gehorchte.

Noch bevor die Startbahn frei geschippt war, entbrannte im Gang der erste Faustkampf zwischen betrunkenen Passagieren. Ich überlegte ernsthaft, Kambodscha zu stornieren. Aussteigen! Das hier geht nicht gut. Man muss die Zeichen deuten können, um zu überleben.

Aeroflot war eine der wenigen Gesellschaften, bei denen das Rauchverbot damals nicht allzu streng genommen wurde. Nikotin beruhigt, das weiß der Russe. Wodka auch. Aber nur im Heck. Wie toll – da standen alle Süchtigen beisammen. Aber es gab keinen Aschenbecher. Dimitri, ein lallender Bär, zeigte auf den Mülleimer, eine Luke in der Wand. Da solle ich die Kippe hineinwerfen. Hätte ich auch getan, wenn mir nicht eine Stichflamme entgegengeschlagen wäre. Im Abfall loderte es. Ich starrte eine Weile auf das Feuer und machte dann einen Flugbegleiter auf das brennende Flugzeug aufmerksam. »Njet Problem«, sagte dieser und löschte den Brand mit einer Flasche Orangensaft.

Vor meiner Afghanistanreise ist die Flugangst fast schon willkommen. Sie lenkt mich ab von den realen Gefahren, die mich in Afghanistan erwarten. Wir fliegen über Istanbul und Baku nach Kabul. Ich sage den ganzen Flug über kein Wort und versuche mich mit dem Gedanken abzufinden, dass meine erste journalistische Reise in einen fremden Krieg gleichzeitig meine letzte sein könnte. Vor meinem inneren Auge explodieren Bomben, ich werde von Extremisten entführt, erschossen, geköpft, erdrosselt. Und am liebsten würde ich wieder aus dem Flugzeug steigen, aber da sind wir schon über Budapest.

Landeanflug auf Kabul. Allein der Klang dieses Namens lässt meine Fingerspitzen kribbeln. Hier wird Weltgeschichte geschrieben. Die Briten, die Sowjets, Hekmatjar, Ahmet Schah Massud, Osama bin Laden, Mullah Omar, die Taliban und jetzt eine internationale Koalition im Krieg gegen den internationalen Terrorismus.

Links und rechts am Fenster ziehen die schneebedeckten Gipfel des Hindukusch vorbei, und als wir am internationalen Flughafen Kabuls aufsetzen, sehe ich, dass neben der Landebahn Menschen in Schutzkleidung mithilfe von Metalldetektoren Minen aus der Erde graben. Willkommen in Afghanistan.

Die folgenden zwei Monate irrlichterte ich durch das zerstörte Land, ohne viel vom Krieg zu spüren. Ich esse würzige Kebabs in Herat, der Stadt der afghanischen Dichter, und an der iranischen Grenze begleite ich wortkarge afghanische Minenräumer. Ich fahre per Anhalter nach Kundus, um die Bundeswehr zu besuchen, und stelle mir anschließend die Frage, was dieser Einsatz im sicheren Norden bewirken soll. Ich übernachte bei wildfremden Menschen am Salang-Pass, klettere auf die zerstörten Buddhas von Bamiyan und rauche dort, wo einst der Kopf des größten Buddhas gewesen ist, einen Joint, gedreht aus feinstem afghanischem Hasch, das mir ein Dorfbewohner geschenkt hat. Ich krieche durch Höhlen und bewundere jahrhundertealte buddhistische Wandmalereien. Ich springe von den Klippen in das eisige Wasser der Seenlandschaft des Band-A-Mir und wandere in Kabul durch eine gemarterte Stadt, werde von fremden Menschen zum Tee eingeladen und spiele in jenem Stadion, in dem einst die Taliban Ehebrecherinnen steinigten, mit einbeinigen Kriegskrüppeln Fußball. Ich bin fasziniert von der Schönheit, der Wildheit und der Gastfreundschaft Afghanistans, und irgendwann habe ich ganz vergessen, dass hier Krieg herrscht. Ich habe den Krieg noch nicht gefunden, zumindest nicht das, was ich für Krieg halte. Aber genau deshalb bin ich hier. Ich kann unmöglich abreisen, ohne ein bisschen Kampf gesehen zu haben.

Bei der Hilfsorganisation Handicap International bekomme ich für ein paar Dollar ein Zimmer. Ich lebe in einem schönen Haus mit Blick auf die Berge, die Kabul umgeben. Von hier aus kann man alles in der Stadt bequem zu Fuß erreichen. Ich muss zum Hauptquartier der ISAF, der internationalen Schutztruppe, um mich als Journalist zu akkreditieren. Den Eingang bewachen italienische Soldaten, die kein Englisch sprechen, aber mich nach vielen »Scusi, scusi« und endlosem Warten schließlich einlassen. Ich werde von bulgarischen Soldaten durchsucht, muss meinen Pass bei einem Holländer abgeben, werde noch mal durchsucht, bis ich schließlich vor einem britischen Hauptmann stehe, der mich für verrückt erklärt, weil ich zu Fuß zum Lager gelaufen bin. Ich erzähle ihm, dass das Schlimmste, was mir in Kabul bis dahin passiert war, die Einladung einer afghanischen Familie war, die mich mit Jasmintee abfüllte und gegrilltes Gedärm von der Kuh servierte. Sie wollten mich gar nicht mehr gehen lassen, weil der Sohn in Frankfurt arbeitet. Der Brite hat das Hauptquartier noch nie verlassen, sieht in jedem Afghanen einen Taliban und bringt mich schließlich zu einem deutschen Presseoffizier, der mir aber auch nicht weiterhelfen kann. Ich erkläre ihm, dass ich gerne den Krieg sehen wolle, und bitte ihn, mir eine Akkreditierung auszustellen. Dazu benötige ich aber ein Empfehlungsschreiben meiner Heimatredaktion, sagt er. Leider habe ich weder eine Redaktion noch einen Auftraggeber. In den Redaktionen deutscher Zeitungen oder Magazine kennt mich kein Mensch. Vielleicht hätte ich vor meiner Abreise ein paar Ressortleiter besuchen sollen. Aber das hatte ich in meiner Vorfreude und Aufregung völlig vergessen. Nichts zu machen, ’tschuldigung. Aber ich solle es mal bei den Amerikanern versuchen, die säßen gleich ums Eck in Camp Eggers, schräg gegenüber der deutschen Botschaft, und nähmen es mit dem Papierkram nicht so genau. Also laufe ich wieder den Weg zurück, grüße die italienischen, britischen und bulgarischen Soldaten, biege vor der deutschen Botschaft links ab und klopfe bei den Amerikanern in Camp Eggers an.

»Ah, from Germany!«, sagt ein Zigarre rauchender Hauptmann, der nur wenige Jahre älter sein kann als ich. Er beginnt, ein Loblied auf Deutschland zu singen: das Bier, das Essen, die »Frauleins«, er sei mehrere Jahre in Schweinfurt stationiert gewesen, tolle Stadt, tolles Land. »Du willst also den Krieg sehen?«

»Yo, das will ich, Sir!«

»No Problem«, sagt er und fragt mich, auf was ich denn Lust hätte: Wiederaufbauteams begleiten, Hubschrauber fliegen, amerikanische Ausbilder dabei beobachten, wie sie afghanische Soldaten drillen. Oder an die Front.

»Einmal Front, bitte«, sage ich.

»Alles klar, son. Komm übermorgen wieder vorbei, bring deine schusssichere Weste und einen Helm mit, dann fliegen wir dich nach Kandahar.«

Schusssichere Weste? Helm? Verdammt, das habe ich alles nicht, schießt es mir durch den Kopf. Aber das sage ich nicht und unterschreibe vorsichtshalber schon mal, dass ich die US-Armee nicht verklagen werde, sollte ich verwundet oder getötet werden.

Am folgenden Tag habe ich eine schusssichere Weste, die mir eine Nummer zu klein, und einen Helm, der mir zu groß ist, aufgetrieben. Ich fahre mit dem Taxi zum amerikanischen Stützpunkt Bagram, zwei Stunden von Kabul entfernt, und stehe bald darauf vor einer Hercules-Transportmaschine der US-Air Force und bin so aufgeregt wie vor dem ersten Sex. Zwei Stunden später setzen wir zur Landung an. Während der Pilot Täuschkörper abschießt, um Raketenangriffen zu entgehen, schraubt sich das Flugzeug in Korkenzieherspiralen hinunter auf die Landebahn des Flughafens von Kandahar, der Hochburg der Taliban.

Ich muss einige Tage im Stützpunkt Kandahar warten. Ein Sandsturm verschluckt die Welt, Hubschrauber können wegen der schlechten Sicht weder landen noch starten. Für ein paar Tage macht der Krieg, den ich nicht sehen kann, Pause. Ein Chinook-Hubschrauber, beladen mit Menschen, Trinkwasser, Munition, Klopapier und Fertiggerichten, fliegt mich schließlich in die Berge der Provinz Uruzgan; Nachschub für die Front – immer tiefer hinein ins Talibanland. Mit Krieg hat das alles irgendwie nichts zu tun, finde ich. Zumindest nicht mit meiner Vorstellung von Krieg. Ich sitze auf der offenen Heckklappe des Hubschraubers, gleich neben dem Bordschützen, meine Beine baumeln in der Luft. Neben uns fliegen zwei Apache-Kampfhubschrauber als bewaffnete Eskorte. Unter mir zieht die karge Landschaft Afghanistans vorbei. Ich sehe Bauern auf Feldern arbeiten, Kinder winken dem Hubschrauber zu, und der Bordschütze wirft hin und wieder Bonbons und Schokoriegel in die Tiefe. Eigentlich sieht alles ganz friedlich aus. Wo ist denn jetzt dieser Krieg?

Auf der Kuppe eines Berges landet der Hubschrauber. Soldaten in dreckigen Uniformen blicken mich mürrisch an und machen sich über die Paletten mit Trinkwasser her. Die Rotorblätter peitschen Staub und Kiesel in die Gesichter. Etwas verloren blicke ich mich um, wische mir Schweiß und Schmutz aus den Augen. Junge Männer sitzen in Erdlöchern, die Waffen im Anschlag. Die Kommandozentrale ist mit Tarnnetzen verhangen, neben einem Zelt steht ein Artilleriegeschütz. Das Lager befindet sich auf der Kuppe eines Berges, dessen Hänge steil abfallen. Nur ein Feldweg führt aus dem Lager heraus. Wer es angreifen will, muss über die verminten Hänge kommen. Alle fünfzig Meter sehe ich eine Maschinengewehrstellung.

Die Begrüßung fällt frostig aus. Ein junger Mann mit kahl geschorenem Kopf, nacktem Oberkörper und aufgepumpten Bizeps kommt auf mich zu, packt mich an der Schulter und sagt: »Letzten Monat war ein deutsches Filmteam hier – ZedDeeEff oder so – und hat meinen Freund beim Sterben gefilmt. Dafür habe ich dem Kameramann die Nase gebrochen.« Er hält mir seine Faust unter die Nase, seine Kumpel wiehern vor Lachen. Ich grinse etwas debil und starre auf meine Stiefel.

Seitdem begleite ich die Einheit von Leutnant Gonzales. Seit zehn Tagen schlafe ich in einer Erdgrube, über die ein Tarnnetz gespannt ist, esse Fertiggerichte, kacke in Erdlöcher, spiele mit Soldaten Karten – Spades oder Poker –, rede über Mädchen, Filme, Autos, damit die Zeit versickert, und warte darauf, dass etwas passiert. Was junge Männer eben so machen, wenn sie zu viel Zeit und zu wenig zu tun haben. Am 4. Juli, dem Unabhängigkeitstag der USA, wird zum Spaß eine Ladung TNT in die Luft gesprengt. Mir hat man davon nichts gesagt, und einen Augenblick lang denke ich, dass das Lager von einer Meute Taliban überrannt wird. Morgens krieche ich aus meinem Erdloch, schlurfe über Geröll und hartgebackene Erde, trinke eine Tasse Fertigkaffee und versuche, der Sonne aus dem Weg zu gehen, wandere mit dem Schatten. Im Lager befindet sich auch eine Kompanie afghanischer Soldaten. Wild aussehende Typen, in Uniformen, die ihnen entweder zu groß oder zu klein sind. Manchmal setze ich mich abends zu ihnen, und sie teilen Reis mit Lamm oder Kebabs mit mir. Ständig spielen sie mit ihren Kalaschnikows oder Panzerfäusten. Einmal schießt sich ein junger Afghane aus Versehen in den linken Fuß, weil er vergessen hat, seine Waffe zu sichern. Ein andermal geht eine Panzerfaust los, weil der Schütze mit seinem Finger am Abzug hängen geblieben ist. Die Granate fliegt nur knapp an unseren Köpfen vorbei und explodiert an einem Felsblock. Die Amerikaner flippen aus, es kommt fast zu einer Schlägerei, und ich denke: Meine Fresse, wenn dass die Jungs sind, die Afghanistan verteidigen sollen, dann Gute Nacht.

Ich will, dass endlich etwas passiert: ein Angriff der Taliban, ein Hinterhalt während einer Patrouille, ein Gefecht, irgendetwas. Ich habe nur noch ein paar Tage Zeit, bevor ich zurück nach Deutschland fliege. Nur einmal beschießen ein paar Gotteskrieger von einem gegenüberliegenden Berg das Lager mit Panzerfäusten und Mörsern, aber die Geschosse schlagen weit vom Lager entfernt ein. Während einer Nacht müssen wir mit Stiefeln und in schusssicheren Westen schlafen. Ein Informant aus einem nahe gelegenen Dorf hat berichtet, dass die Taliban in der Nacht einen Angriff auf das Lager planen. Ich habe ein komisches Gefühl im Magen, während ich beobachte, wie die Soldaten, mit denen ich eben noch Karten gespielt und dreckige Witze gerissen habe, nun Bajonette auf ihre Gewehre pflanzen, für den Fall, dass das Lager überrannt wird und es zum Nahkampf kommt. Ein GI sagt, dass er mich für verrückt halte, hier ohne Waffe rumzulaufen. »Its the fucking kill zone here!« Langsam bekomme ich ein Gefühl für den Krieg.

Bisher war das für mich kaum mehr als eine Kriegssafari auf Sparflamme. Aber ich will mich bewähren, und die ganze Zeit habe ich das Gefühl, dass ich nicht nah genug dran bin. Ich warte auf meine Feuertaufe, will mich beweisen, und irgendwann füllt die Routine die Zeit nicht mehr aus. Ich sitze unter meinem Tarnnetz, lese, rauche, beobachte Soldaten beim Gewehrreinigen, höre mir ihre Geschichten von Zuhause an, laufe Patrouillen und versuche, meinen Kopf auszuschalten. Mit brennender Geduld warte ich darauf, dass Aufregung die Eintönigkeit ablöst. Ich sehne mich nach einer Schlacht. Ständig stelle ich mir die Frage, wie ich im Gefecht reagieren würde. Fange ich zu heulen an? Werde ich Angst haben? Laufe ich davon?

Heute fällt die Routine aus. Um 3.00 Uhr morgens fahren wir los. Es soll nur eine Patrouille werden, wie jeden Tag. Dutzende davon bin ich schon mitgelaufen, zwei oder drei am Tag, nie ist etwas passiert. Einmal kam eine afghanische Familie in das Camp der Amerikaner. Der Sohn hatte sich ein Bein gebrochen und wurde von einem Sanitäter verarztet. An einem anderen Tag kamen wir in ein Bergdorf, und die Bewohner flohen, weil sie dachten, die amerikanischen Soldaten seien Russen. Sie wussten nicht, dass die Russen längst abgezogen waren und stattdessen George Bushs Soldaten nun durch ihre Berge zogen.

Vier Stunden, maximal fünf soll die Patrouille dauern. Dorfbewohner befragen, Gehöfte nach Waffen durchsuchen, Kindern Süßigkeiten schenken, das ist der Auftrag. Die Herzen und Köpfe der Bevölkerung im Kampf gegen die Taliban gewinnen. »Klar, machen wir, wir holen uns ihre Herzen und Köpfe«, sagt ein Soldat, und seine Kameraden lachen. Ich lege die schusssichere Weste an, setze mir den Helm auf, der zu groß ist und mir ständig in den Nacken rutscht, und packe ein paar Wasserflaschen und Fertigmahlzeiten in meinen Rucksack. Dann zünde ich mir eine Zigarette an – und warte. Ich bin einem Zug amerikanischer Soldaten zugeteilt, unter Führung von Leutnant Gonzales. Ein achtundzwanzigjähriger Hüne aus Hawaii, die Arme mit Tattoos zugepflastert. Wir fahren auf der offenen Ladefläche eines gepanzerten Lastwagens in die Berge, bis das Terrain für die Fahrzeuge zu schwierig wird. Neben mir sitzen Soldaten der afghanischen Armee, Tadschiken, Hazara, Usbeken, Paschtunen. Sie haben sich Tücher in Tarnfarben um den Kopf gewickelt und tragen Kalaschnikows oder Panzerfäuste. Als ich von der Ladefläche springe, beginnt die Schießerei. Nicht in unmittelbarer Nähe, aber auch nicht weit entfernt. Das Echo der Schüsse hallt von den Berghängen wider. Und über Funk kommt die Nachricht, dass eine Einheit Amerikaner in einem Tal eingeschlossen und von Taliban umzingelt ist. Ein Soldat habe eine Kugel im Oberschenkel stecken, ein anderer einen Bauchschuss. Leutnant Gonzales bekommt den Befehl, die Kameraden freizuschießen.

Es ist 2.00 Uhr nachmittags. Ein heißer Julitag im Jahr 2004, fünfundvierzig Grad, vielleicht fünfzig. Die Zunge klebt mir am Gaumen. Die schusssichere Weste scheuert mir die Hüfte wund und drückt am Schlüsselbein. Schweiß läuft mir in die Augen. Ich bin müde, erschöpft. Seit vier Stunden schinde ich mich von Gipfel zu Gipfel, Berg rauf, Berg runter, und das Gleiche wieder von vorne. Durch eine immer gleiche Mondlandschaft, rotbraune Geröllberge, die wie riesige Schutthaufen in der Landschaft stehen, kein Baum wächst hier, nur ein paar wenige vertrocknete Büsche. Ich dränge vor, will vorne mitlaufen, denke an nichts als den nächsten Schritt. Am Himmel stehen Schäfchenwolken, und außer den dumpfen, schweren Schritten der Soldaten ist es vollkommen still. Im Sommer ist es hier zu heiß, im Winter zu kalt, lebensfeindlich, unbewohnt. Osama bin Laden soll sich hier eine Zeit lang versteckt haben. Ich folge Leutnant Gonzales’ Männern durch diese unwegsamen, steilen, grausamen Berge. Hinter jedem Felsvorsprung kann ein Feind lauern. Ich öffne den Verschluss meiner Feldflasche, meine Hände zittern. Ich trinke den letzten Schluck Wasser. Ein afghanischer Soldat hat einen Hitzschlag erlitten, andere müssen sich übergeben. Pause, befiehlt Gonzales knapp. Lange hätte ich nicht mehr durchgehalten. Wir befinden uns auf dem Gipfel eines Berges und blinzeln ins Tal hinunter. Dort unten steht eine Moschee, umgeben von einer Lehmmauer, wie ein mittelalterliches Wehrdorf. Hier soll sich eine Gruppe Taliban-Anführer treffen. Noch immer wird geschossen.

»Deckung!«, ruft Leutnant Gonzales. Ich werfe mich zu Boden, schlage mir das Kinn an einem Stein blutig. Die Soldaten gehen hinter Geröllbrocken in Deckung. Im gleichen Augenblick pfeifen die Kugeln vorbei. Eigentlich ist es kein Pfeifen, es hört sich an wie Knallfrösche, mit denen wir als Kinder gespielt haben, die explodieren, wenn man sie auf den Boden wirft. Zapp-Zapp-Zapp. Ein Zeichen, dass die Kugeln viel zu nah über uns fliegen. Zapp-Zapp-Zapp. »Holy shit«, ruft ein Amerikaner. Dann feuern die amerikanischen Soldaten zurück. In meinen Ohren klingelt es, ein lang gezogener Pfeifton, der immer lauter wird. Der Soldat, der neben mir lief, nutzt nun meinen Rücken als Abstellfläche für sein Knie, um beim Schießen besseren Halt zu haben. Er ballert sein Magazin leer, lädt nach, feuert. Heiße Patronenhülsen fallen mir wie metallisches Konfetti in den Kragen und versengen schmerzhaft meine Haut, die schusssichere Weste drückt mir auf die Brust und schnürt mir die Luft ab. Ich halte mir die Ohren zu. Nach einer Weile bin ich wieder frei. Der Soldat sucht sich eine andere Stellung. Feuerpause. Ich gehe in die Hocke und werfe einen raschen Blick über den Felsbrocken, hinter dem ich mich verstecke. Auf der gegenüberliegenden Seite des Hanges ist kein Mensch zu sehen. Ein Sergeant neben mir blickt durch das Zielfernrohr seines Scharfschützengewehrs und kneift die Augen zusammen. Der Lauf wandert langsam von links nach rechts. Wie ein Scanner sucht er den Berg ab, seine Stirn wirft Falten – dann drückt er ab. »Fucking hell! Habt ihr gesehen, wie er gefallen ist? Mitten in die Brust.« Dann beginnt die Schießerei von Neuem. Leutnant Gonzales brüllt Koordinaten in sein Funkgerät und fordert Luftunterstützung und Artillerie an.

Ich bin seit fast drei Monaten in Afghanistan, und es ist das erste Mal, dass ich bei einem Gefecht dabei bin. Es kommt mir unwirklich vor, surreal, wie am Set eines Hollywood-Films, in dessen Proben ich zufällig geraten bin. Ich fühle nichts; keine Angst, keine Panik. Die Ballerei betäubt meine Sinne, es klingelt in meinen Ohren. Ich stelle mir nicht die Frage, ob ich in ein paar Minuten noch lebe oder was passiert, wenn eine Kugel meinen Körper trifft. Tod, Verwundung – diese Gedanken lasse ich nicht zu. Ich habe keine Zeit, Angst zu haben. Ich bin damit beschäftigt, entweder heiße Patronenhülsen aus meinem Hemd zu schütteln und gleichzeitig den Kopf unten zu halten oder über den Felsbrocken zu kucken. Hülsen prasseln auf meinen Helm.

Tausendmal habe ich mir die Frage gestellt, wie ich reagieren würde, wenn ich in so eine Situation komme – und nun wälze ich mich im Staub. Ich bin mittendrin – und fühle: nichts. Ich denke, dass ich unverwundbar bin, kugelsicher. Ich bin genau da, wo ich immer sein wollte – dort, wo die Action ist! Ganz nah dran, vielleicht zu nah.

Hollywood ist Realität geworden. Ich blicke mich um, beobachte die Soldaten, die ihre Gewehre nachladen, feuern, nachladen, feuern. Wie in Zeitlupe läuft der Film vor meinen Augen ab, ich habe jegliches Zeitgefühl verloren. Wie lange das Gefecht dauert? Keine Ahnung. Zehn Minuten? Eine Stunde? Ich weiß es nicht. Dann explodiert plötzlich etwas in der Nähe, Steine fallen auf mich herab, und ein paar Meter von mir entfernt schreit Leutnant Gonzales in sein Funkgerät, dass die Koordinaten nicht stimmen. »Friendly fire! Friendly fire!« Die amerikanische Armee feuert Artilleriegranaten auf ihre eigenen Stellungen.

Kurz darauf ertönt das Knattern zweier Apache-Kampfhubschrauber. Sie kreisen so tief über den Bergen, dass ihre Rotorblätter scheinbar die Hänge berühren. Staub und totes Gestrüpp werden durch die Luft gewirbelt, endlich beginnt das Adrenalin durch meine Adern zu pumpen. Ich spüre meinen Herzschlag am Hals, muss schlucken und ringe nach Luft. Ein Rausch, wie ich ihn bis dahin nicht kannte, mein Kopf wird leicht, und am liebsten würde ich mir ein Gewehr schnappen und den Hügel erstürmen. Stattdessen halte ich meine Kamera über meinen Kopf und fotografiere.

Die Hubschrauber drehen abrupt ab, fliegen steil in den Himmel, wenden, gehen über in einen Sturzflug, graue Rauchstreifen an ihren Flanken. Die Raketen schlagen in den Hang ein, dort, wo die Piloten die feindlichen Schützen gesehen haben. Der Donner der Explosion ist erst wenige Sekunden nach dem Einschlag zu hören. Angefeuert von den Soldaten am Boden wiederholt sich die Prozedur eine halbe Stunde lang. Dann legt sich Stille über die kargen Berge. Auf der anderen Seite wird nicht mehr geschossen. Kein Laut ist zu hören, nur das Klingeln in meinen Ohren. Ich zünde mir eine Zigarette an. Schweiß läuft unter meinem Helm hervor, ein Tropfen wandert von der Stirn an meine Nasenspitze, bleibt dort hängen und fällt dann auf meine Zigarette. Meine Hände zittern.

Gonzales kriecht als Erster aus seinem Versteck hervor und teilt seinen Zug in zwei Gruppen auf. »Erste Gruppe geht die Leichen suchen, zweite Gruppe gibt Feuerschutz.« Ich frage Gonzales, ob ich mich dem Trupp anschließen darf, der die Leichen sucht. No problem, dude. Meine Beine sind aus Wackelpudding. Sechs Männer ziehen los – und ein deutscher Journalist, der nicht begreift, was um ihn herum geschieht. Wir rutschen einen steilen Hang hinunter, halten uns an Felsen fest, um nicht abzustürzen. Alle paar Meter halten die Soldaten an, suchen den Hang mit Feldstechern ab, ob nicht doch noch ein Taliban am Leben ist. Die Männer, die auf die Amerikaner geschossen haben, hatten keine Chance. Die Raketen aus den Hubschraubern haben nichts von ihnen übrig gelassen. Vermutlich liegen sie unter Felsbrocken begraben. Nur vereinzelte Blutspritzer zeugen davon, dass hier vor Kurzem gestorben wurde.

Ich blicke lange auf das Blut und das geborstene Gestein. Darunter liegen Menschen, oder das, was von ihnen übrig ist, pulverisiert von amerikanischen Hightechwaffen. Ich bin froh, keine zerfetzten Körper zu sehen, aber der Gedanke daran macht mir zu schaffen. Das Adrenalin, die Wut darüber, dass jemand gerade auf mich geschossen hat, sind verflogen. Und zum ersten Mal an diesem Tag wird mir bewusst, dass ich mich eben in Todesgefahr befunden habe. Ganz neue Gedanken und Gefühle fahren in meinem Kopf Achterbahn. Wer waren diese Männer? Hatten sie Kinder, Frauen, Familie, die jetzt auf die Rückkehr der Männer warten? Wofür sind sie gestorben, hier in dieser Mondlandschaft mit seinen Geröllhaufen? Hier gibt es nichts, wofür es sich zu kämpfen oder zu sterben lohnt, denke ich: keine Schulen, kaum Wasser, keine Krankenhäuser oder Straßen. Nur ein paar Lehmhütten und Schafe. Wahrscheinlich waren es arme Bauern, denen man erzählt hatte, dass man die gottlosen Besatzer töten müsse. Die Stimmen der amerikanischen Soldaten neben mir klingen weit weg, wie in Watte verpackt. »Taliban … Scheißkerle … Eseltreiber …« Da ist kein Mitleid, keine Anteilnahme. Und das schockiert mich fast noch mehr. Ich zünde mir eine Zigarette an und setze mich auf einen Gesteinsbrocken. Ich will alleine sein, nachdenken. Dieser Augenblick hat nichts Glorreiches. Zurück bleibt ein schales Gefühl – und nur Verlierer. Ich lasse meine Gedanken über die Gipfel segeln, ohne sie zu vollenden. Fürs Nachdenken ist keine Zeit, wir ziehen weiter.

Patrouillen durch die afghanischen Berge sind wie ein Spaziergang über einen Boden mit vielen Falltüren. Hinter jedem Gesteinsbrocken, in jeder Höhle kann sich jemand verstecken, der einem eine Kugel in den Kopf jagen möchte. Wir sind inzwischen seit Stunden ohne Wasser, und jetzt endlich kreist über unseren Köpfen ein amerikanischer Hubschrauber und wirft Wasser, Fresspakete und Munition ab. Niemand weiß, wie lange der Einsatz noch dauert. Und vom Nachbartal hallen noch immer Schüsse zu uns herüber.

Mit Einbruch der Dunkelheit endet das Gefecht, die Taliban verziehen sich, verschwinden in den Bergen wie Geister. Zwei verletzte US-Soldaten werden zu einem Hubschrauber getragen und ins Militärlazarett in Kandahar geflogen. Afghanische und amerikanische Soldaten fallen in den Staub und schlafen sofort ein, die Weste offen, der Helm dient als Kopfkissen. Ich schäle mich aus der kugelsicheren Weste und wärme mir ein Fertiggericht auf: Tortellini mit Käse. Ich schieße noch ein paar Fotos und lege mich unter einen Lastwagen, um mich auszuruhen und zu rauchen. Die gepanzerten Militärfahrzeuge, Lastwagen, Humvees, ein paar Jeeps, in denen wir am Morgen gesessen haben, warten auf uns. Aber es ist schon spät und damit zu gefährlich, um nachts durch die afghanischen Berge zu fahren. Die Taliban beobachten uns und haben wahrscheinlich Hinterhalte geplant. Leutnant Gonzales’ Einheit erhält den Befehl, die Stellung zu halten.

7.00 Uhr abends. Die Temperatur stürzt auf gefühlte fünf Grad, Nebel senkt sich über das Tal, ich bibbere, meine Zähne klappern vor Kälte, Müdigkeit und Anstrengung. Es ist stockdunkel. Ich will mir eine Zigarette anzünden, ein Infanterist neben mir schlägt sie mir aus der Hand. »Die Taliban haben Scharfschützen, Mann«, zischt er mir ins Ohr. »Die sehen die Glut und schießen dir ins Gesicht!«

Ich komme mir vor wie ein Schuljunge, der die Fahrradprüfung nicht geschafft hat.

»Sorry!«, stammele ich und zerbrösele die Zigarette, die ich in der Hand halte. Beschämt rolle ich den Tabak in meinen Händen zu kleinen Kugeln und schlinge dann meine Arme zum Schutz gegen die Kälte um meinen Körper. Kurz darauf kommt Leutnant Gonzales zu mir und setzt sich neben mich.

»Wir haben den Funkverkehr der Taliban abgehört«, sagt er. »Die wollen uns heute Nacht angreifen, Buddy. Weißt du, wie man mit einem Gewehr umgeht?«, fragt er und legt mir ein M-14-Sturmgewehr in den Schoß.

Trübe Versatzstücke aus meinem Studium tauchen in meiner Erinnerung auf, flattern in meinen Kopf: journalistische Ethik … Distanz wahren … nicht Teil der Geschichte werden … und all die hehren Worte, die man in Büchern und Klassenräumen lernt und die in Situationen wie dieser so wenig zählen.

»Ich halte das für keine gute Idee«, sage ich. »Ich bin Journalist, Beobachter – kein Soldat.«

Leutnant Gonzales sitzt still neben mir, sagt ein paar Sekunden nichts. In der Dunkelheit kann ich sein Gesicht nicht erkennen, seine Züge nicht deuten. Dann legt er mir die Hand auf die Schulter und sagt: »Hör mal zu, wir passen auf dich auf, beschützen dich, wenn es sein muss. Du hast zwei Wochen mit uns gegessen, wir haben dich wie einen von uns behandelt. Aber jetzt haben wir zu wenig Leute hier, wir brauchen dich. Du nimmst jetzt das Gewehr und hältst Wache. Wenn irgendwas vor dir auftaucht, ein Schatten, ein Schaf, alles, was keine amerikanische Uniform trägt – dann schießt du! Verstanden?« Dann verschwindet er in der Dunkelheit.

Die nächsten Stunden starre ich in die Finsternis und befummele das kalte Metall des Gewehres auf meinen Knien. Ich will nicht einschlafen, führe Selbstgespräche, schlage mir ins Gesicht und versuche die Gedanken abzuschütteln, die mich wie Fausthiebe in den Magen treffen. Verdammt, ich bin zu nah dran, denke ich. Was habe ich hier verloren? Würde ich wirklich schießen? Was mache ich, wenn plötzlich eine Horde Afghanen vor mir auftaucht? Selbst schuld. Ich rede mir ein, dass ich nur Wache halte. Das ist ja nicht so schlimm. Aber irgendwann fließen meine Gedanken in eine andere Richtung. Ich entschließe mich, zu kämpfen, falls es hart auf hart kommt. Jedenfalls besser, als mich abknallen zu lassen – journalistische Ethik hin oder her. Ich schieße gerne Schraubenzieher und Teddybären auf dem Oktoberfest. Nicht auf Menschen. Bei dem Gedanken, es vielleicht tun zu müssen, wird mir schlecht.

Die Nacht bleibt ruhig, nichts passiert. Die Sonne kriecht langsam über die Berge der Provinz Uruzgan, und die zackigen Gipfel werfen lange Schatten ins Tal. Ich fühle mich elend, meine Beine schmerzen. Ich bin seit fast dreißig Stunden wach und will nur schlafen, schlafen, schlafen. Aber daraus wird nichts, der Krieg hat seinen eigenen Zeitplan.

Auf dem Rückweg ins Lager hält Leutnant Gonzales’ Einheit in einem Dorf. Nein, kein Dorf, eher eine armselige Ansammlung aus halb verfallenen Hütten und Lehmgehöften, die jetzt von Soldaten durchsucht werden. In einem Haus finden sie eine Kalaschnikow und ein Funkgerät, das Kriegsarsenal der Taliban. Ich bekomme von all dem nicht viel mit. Leutnant Gonzales wollte mich bei der Durchsuchung der Häuser nicht dabeihaben.

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