Logo weiterlesen.de
Das Leben ist ein Minenfeld

An einem lausig kalten, zu allem Übel auch noch verregneten Freitagnachmittag, fuhr ich nach Hildesheim, um Ingeborg zu treffen.

Zuvor hatten wir zweimal miteinander telefoniert und etliche Mails ausgetauscht.

Drei Treffen hatte Sie im letzten Moment platzen lassen. Das Rahmenprogramm für unser Kennenlernen – Wochenende wurde, ebenfalls von Ihrer Seite, mehrfach verändert.

Verändert ist in diesem Fall ein zu belangloser Ausdruck für das radikale Korrigieren des eingeschlagenen Kurses.

Ingeborgs Interessen mochten zwar vielschichtig sein, hartnäckiges Verfolgen eines Zieles sah jedoch anders aus.

Der Besuch des Mittelalter – Marktes musste der Teilnahme an einer Demonstration gegen Tierversuche weichen. Das Schicksal von Fischotter und Zwergkaninchen war plötzlich uninteressant, im Gegensatz zu einer Politiker – Talkrunde im hiesigen Rathaus.

Als wir einander trafen, überraschte Sie mich kurz nach dem ersten „Hallo“, mit der Idee, die geplante Debatten – Schlacht sausen zu lassen und stattdessen ein Ska Konzert zu besuchen.

Meine Zustimmung bereits im Vorfeld außer Frage stellend, hatte die junge Dame bereits zwei Tickets erstanden. Wollte ich nicht von vorneherein den Querulanten geben, hatte ich mich gefälligst zu beugen.

Keine Ahnung, was ich davon halten sollte.

Ich konnte mit der Musikrichtung herzlich wenig anfangen aber das hielt ich lieber für mich und mimte stattdessen den Begeisterten. In meinem Langzeit – Gedächtnis suchte und fand ich sogar noch die Namen von besonders publiken Vertretern dieses Genres. Madness und ihr unverwüstliches „A House“ und mit „Ska P“ einen weiteren Vertreter gleicher, musikalischer Wurzeln, der mich endgültig zum Experten machte.

Heute könnte ich nicht mehr mit völliger Gewissheit sagen, wer an jenem Freitagabend sein Gastspiel im „Glashaus“ gab. Ich hatte genügend Probleme, mich hinsichtlich der Bühnenshow zu orientieren.

In meinem Leben musste alles eine feste Ordnung haben und nach allgemein gültigen Regeln verlaufen. Ein Präzessionsuhrwerk, wie ein Schweizer „Maurice Lacroix“ – Wecker.

Ein musikalisches Duo bestand aus zwei Parteien, ein Trio, logischerweise aus Dreien und eine herkömmliche Band durfte zwischen vier und fünf Musikern umfassen. Idealerweise aus fünf; das kam meiner Vorstellung einer klassischen Rock - Formation am nächsten. Leadsänger, Bassist, E – Gitarre, Drummer und Keyboard. So hatte eine Combo gefälligst auszusehen.

Was aber bitte schön hatten zehn verdammte Musiker auf einer Bühne zu suchen? Das war doch hirnrissig. Davon alleine drei Trompeter. Kein Leadsänger, sondern sich abwechselnde Sänger. Eine Performance, die aus Hüpfen und Springen bestand.

Ein Alptraum für jeden konventionellen Konzertbesucher.

Ingeborg hatte schon bald Anschluss gefunden.

Nein, nicht etwa mich, ihren ausdrücklichen Besucher, sondern zwei Freunde von ihr, die sie wer weiß woher kannte.

Wenigstens hatte sie so viel Anstand, mir die beiden Paradiesvögel vorzustellen.

Die Lautstärke der Band war schuld daran, dass ich die Namen der zwei Gestalten nicht recht verstand. Irgendetwas wie „Piet“ und „Keule“.

Da ich nicht unhöflich erscheinen wollte, schrie ich dreimal gegen den Höllensound an.

„Wie bitte? Entschuldige, ich habe deinen Namen leider nicht verstanden. Kannst du ihn noch einmal wiederholen?“

Von einem der Neandertaler bekam ich eine Ladung Speichel ins Gesicht, bei dessen Versuch sich verständlich zu machen. Dankeschön auch.

Also nickte ich nur, nuschelte „Angenehm“ und wand mich wieder dem Bühnengeschehen zu.

Hoffentlich wollten die zwei nicht noch Konversation machen.

Während einer Showpause stellte ich mich an die Bar und bestellte ein alkoholfreies Bier.

„Sag bloß, du trinkst bleifrei? Willst du heute noch irgendwo hin?“

Die Worte sprach Ingeborg, irgendein Mixgetränk in der Hand. Wodka – Cola oder etwas mit Bacardi.

Wahrscheinlich war das auch nicht ihr erster Drink. Sie wirkte in einer Mischung aus Euphorie und Überdrehtheit benebelt und schwerfällig.

„Und wie findest du die Band? Geht doch gut ab, was?“

„Ähem ja, auf alle Fälle.“

Derjenige, der soeben diese dreiste Lüge ausgesprochen hatte, war meine Wenigkeit.

Ehe wir noch weitere Belanglosigkeiten austauschen konnten, setzte die Musik wieder ein.

Es schien sich bei dieser Darbietung um so etwas wie einen der Riesenhits dieser Combo zu handeln, denn das Publikum bekam sich gar nicht wieder ein, vor lauter „oh“ und „Ah“.

Da durfte auch meine feierfreudige Begleiterin nicht fehlen.

„Geil ey, hörst du das? Sie spielen das Lied“.

Noch ehe ich meine Zustimmung und ehrliche Freude zum Ausdruck bringen konnte, wurde Ingeborg von ihren beiden Primatenfreunden mitgerissen, wie von einem Hurrikan und fand sich kurz darauf auf der Tanzfläche wieder.

Keine Ahnung, ob die Tanzeinlage meiner neuen Bekannten Standartausdruck dieser Musikrichtung war oder dem zuvor konsumierten Alkohol Rechnung trug. Selten war das Wort „Fremdschämen“ angebrachter.

Ich verließ kurzzeitig den Tempel der Exzesse, um frische Luft zu schnappen.

Was ich von der ganzen Sache halten sollte? Keinen Schimmer. Ohnehin hatte ich mein Gehirn mittlerweile auf Stand-by geschaltet, so dass ich den Verlauf des Abends wie in Trance erlebte. Irgendwie unwirklich, wie durch eine Nebelwand.

Da drinnen schien die Band mittlerweile bei der Zugabe angekommen zu sein. Das Publikum gab noch einmal alles. Endlich war es geschafft. Das Konzert war vorbei.

Nur noch gedämpfter Sound war zu vernehmen. Wahrscheinlich irgendwas vom Band, um das Abbauen der PA durch die Rowdys spannender zu gestalten.

Schon kamen die ersten Konzertbesucher aus der Halle herausgeströmt. Heisere; krächzende Laute, wo man auch hin hörte. Wahrscheinlich zu viel mitgesungen, Freunde der Nacht. Haha, selbst schuld.

Mein Plan war, dass Mädchen vor der Konzerthalle abzufangen. Sie würde jeden Augenblick mit dem Pulk der anderen Musik Liebhabern ausgespuckt werden. Soweit die Theorie.

Der Menschenstrom wurde immer dünner und dann waren da nur noch einzelne Tropfen von verschwitzten Ska – Fans.

Wer nicht aus dem Gebäude kam war Ingeborg.

Das war jetzt extrem nervig – keine Frage. Ich war todmüde und gereizt und um meine Pein noch zu steigern, öffnete der liebe Gott auch noch seine Himmelspforte und ließ es regnen.

Ich hielt mich zu selten in der Natur auf. Scheinbar war es mir vollkommen entgangen, wie schnell aus Nieselregen Platzregen werden konnte.

Schon stand ich durchgeweicht bis auf die Unterwäsche da und ärgerte mich zutiefst, diese Reise heute Nachmittag angetreten zu haben.

Blöderweise hatte ich meinen Rucksack bereits in der Wohnung meiner neuen Bekannten geparkt. Noch blöder war, dass sich in dem Rucksack die Autoschlüssel meines Fords Focus befanden. Also keine Chance einfach das Weite zu suchen.

Ich begab mich noch einmal in das Konzerthaus, um nach Ingeborg zu schauen. Dabei hatte ich Glück, dass mich der renitente Türwächter überhaupt noch einmal hereinließ.

„Ey Mann, die Party ist vorbei. Hörst du schlecht? Geh mal nach Hause und schlaf deinen Rausch aus.“

Nur zur Erinnerung. Ich hatte den ganzen Abend über lediglich alkoholfreies Weißbier getrunken.

„Entschuldigen Sie, meine Bekannte ist noch da drin. Ich muss die dringend finden, sonst habe ich ein echtes Problem.“

Der Muskelheini sah mich verständnisvoll an.

„Ach so. Probleme. Sag das doch gleich. Ein Glück bist du der Einzige auf der Welt, der Probleme hat.

Also noch einmal zum Mitschreiben. Da drinnen ist jetzt kein Mensch mehr, außer den Rowdys und den Putzfrauen. Ist deine Bekannte eines von beiden?“

„Ähem; ich glaube nicht.“

Er lächelte mich mit einer vielsagenden Miene an.

„Siehst du und aus diesem Grund bleibst du draußen.“

Irgendwie gelang es mir doch noch sein Anabolikaherz zu erweichen und er ließ mich für den Bruchteil einer Sekunde einen Blick in den Konzertsaal werfen.

Dieser kurze Moment reichte bereits völlig aus, um mir ein Bild über die Lage zu machen.

„Da vorn ist sie“ rief ich ganz aufgeregt.

„Und ich hab dich noch gefragt ob deine Bekannte zu den Putzen gehört. Ist dir wohl peinlich was? Denkst bist was Besseres oder? Hör mal her, du halber Hahn. Meine Oma ist auch Putzfrau gewesen und war ’n verdammt anständiger Mensch. Typen wie du sind dermaßen zum kotzen.“

Befand ich mich gerade im falschen Film oder wirkte alkoholfreies Weißbier halluzinierend auf mich. Schlechte Hopfen Ernte dieses Jahr oder was auch immer.

Meine liebe, neue Bekannte hielt tatsächlich einen großen Kehrbesen in der Hand und war dabei Plastikbecher und achtlos weggeworfene Papiertaschentücher zusammen zu kehren.

Unterstützt wurde sie bei dieser Aktion von einer etwa gleichaltrigen Dame, die tatsächlich dem Putzgeschäft anzugehören schien. Jedenfalls vermittelte ihre Arbeitskleidung und der professionelle Arbeitsstil diesen Eindruck.

Als Ingeborg kurz den Kopf hob erblickte sie mich und winkte herüber.

Ich winkte sie zu mir und sie kam lächelnd und einer gehörigen Schlagseite angeschlendert.

„Entschuldigung, was soll das denn sein, was du da gerade machst?“

Ich versuchte meine Wut zu unterdrücken und freundlich zu klingen.

Sie deutete zu der zweiten Dame und lallte: „Das ist Ludmila. Sie kommt aus Georgien und studiert an der Uni Biologie. Leider hat sie nicht viel Geld und muss sich mit putzen über Wasser halten. Da habe ich mir gedacht, ich helfe ihr ein bisschen, damit sie schneller fertig ist und auch noch etwas vom Abend hat.“

Im sicheren Gefühl, gerade eine echte Heldentat zu begehen und zur Mutter Theresa von Hildesheim gekürt zu werden, strahlte mich Ingeborg an, wie tausend Sonnen gleichzeitig.

Inzwischen war die Dame aus Georgien hinter ihre selbstlose Helferin getreten und riss ihr mit rollenden Augen den Besen aus der Hand.

„Gib das endlich her. Ich sagte schon zwei Mal“ krächzte sie böse.

„Ich werde bezahlt für Stunden, nicht kapieren? Wenn früh Feierabend, weniger Geld. Wenn du helfen, schnell fertig. Nix gut.“

Wutentbrannt entfernte sie sich wieder und ging ihrer Arbeit nach.

Ingeborg grinste einfach weiter wie ein Honigkuchenpferd, lallte dann nur: „Na dann können wir ja jetzt gehen.“

Das war das Signal, auf das ich so lange gewartet hatte.

Zum Glück war es nicht allzu weit vom Konzerthaus zu ihrer Wohnung.

Das Mädchen, welches ich erst vor ein paar Stunden kennengelernt hatte, präsentierte sich von ihrer Schokoladenseite.

Sie hatte sich mittlerweile bei mir untergehakt, weil sie kaum noch in der Lage war, selbstständig zu laufen.

Ich schätzte sie auf 1, 75 cm, bei einem ungefähren Gewicht von 65 Kilogramm. Alleine die Locken auf ihren Kopf brachten locker zwei Kilo auf die Waage.

Da ich weder Bodybuilder noch Spitzensportler war, fiel es mir nicht wirklich leicht, dass betrunkene Mädchen, mit dem unkontrollierten Gang, zu stützen.

Wenn sie sprach, hatte ich echte Mühe sie zu verstehen. Ihre Worte waren nur noch eine Mischung aus Gekicher und zusammenhanglosen Geplapper.

Wir mussten einen wirklichen tollen Anblick abgegeben haben, wie wir mitten im Regen, durch die nächtliche Altstadt von Hildesheim umher wankten, wie zwei Zombies.

Was hatte ich mir alles von diesem Tag versprochen. Eine nette Dame treffen, unkomplizierte Konversationen führen, vor allem über unsere geplante Reise sprechen.

Stattdessen hatte ich nun einen großen, alkoholisierten Fisch am Haken, mit dem man in der augenblicklichen Lage, keinerlei Gespräche führen konnte… und wollte.

Nicht etwa, dass dies schon alles gewesen wäre. Dem seltsam konfusen Tag fehlte noch ein Häubchen Sahne als Zuschlag. Ohne Nachtisch sollte man nicht zu Bett gehen.

Endlich waren wir in Ingeborgs Heimathafen angekommen. Nichts spektakuläres, so wie erwartet.

Ein baufälliges Altstadt – Quartier aus dem vorigen Jahrhundert. An den Bürgersteigen Gebrauchtwagen, nicht über eine Wertmarke von 4000 Euronen. Hier und da rostige Klappräder ohne Schloss. Wozu auch.

Typisches Rentnerstadl oder Studentenzuflucht, aufgrund der geringen Miete.

Na für eine Nacht sollte es reichen, und nachts sind bekanntlich alle Katzen grau. Ohnehin war ich jetzt platt wie selten zuvor. Wurde Zeit das ich ins Bett kam.

Ingeborg wühlte eine gefühlte Ewigkeit in ihrer Handtasche herum, bis sie endlich den Haustürschlüssel fand.

Kaum standen wir im Flur deutete das Mädchen mit der Hand geradeaus und nuschelte: „Geh schon mal Wohnzimmer, komme gleich, muss mal dringend.“

Dann verschwand sie hinter eines der Türen, die vom langen Flur abgingen. Ich vernahm heisere Würgegeräusche und trollte mich aus Scham in die angegebene Richtung.

So, dass war also das Wohnzimmer. Stockfinster und es roch nach kalten Zigarettenqualm. Der Himmel für jeden Nichtraucher wie mich.

Ich tastete die Wand ab nach einem Lichtschalter und schon wurde der spartanisch eingerichtete

Wohnraum erleuchtet.

Na schau mal einer her, hier hatte der Innenarchitekt ganze Arbeit geleistet. Uralt Tapeten mit Steinzeitmuster, prähistorische Gardinen und, na klar, komplettiert wurde das Ganze von einem Mobiliar Experiment aus den Zeiten, als Schokoriegel noch 5 Cent kosteten.

Alles schien an seinen rechten Fleck zu stehen. Vitrine, darauf der Fernsehapparat, Ausziehtisch, zwei abgewetzte Sessel, eine Couch, auf der ein nackter Mann lag.

Also kein Grund zur…

Ein was? Ein nackter Mann in Ingeborgs Wohnzimmer???

Nein, kein lustiger Streich meines Kleinhirnes, auch keine Übermüdungserscheinungen – der Kerl war echt – und nackt dazu.

Ich stieß einen spitzen Schrei der Überraschung aus.

Schon stand Ingeborg an meiner Seite und gab mir einen beruhigenden Klaps auf den Hintern.

Sie war jetzt wieder um einiges nüchterner als zuvor. Was ein paar Spitzer Wasser ins Gesicht und ein Finger in den Hals alles bewirken können.

„Tschuldigung, hab ich vergessen zu erwähnen. Das ist Klaus, der Maurer. Ein Bekannter von mir. Der hat meinen Zweitschlüssel für die Wohnung. Ich habe ihn erlaubt hin und wieder vorbei zu kommen und hier zu pennen. Weiß auch nicht warum aber der steht total auf meine Couch. Sagt, dass er nirgendwo so gut schläft wie auf dieser Couch. Wollte sie ihm schon verkaufen aber er meint, dann würde die Couch ihren Zauber verlieren.“

„Lass mich raten. Der Zauber verfliegt ebenfalls, wenn er sich etwas anzieht oder?“

Das waren meine Worte und ich deutete beschämt auf das Adamskostüm des Eindringlings.

Dieser erwachte nun aus seinem Schönheitsschlaf und sah mich entgeistert an.

„Wer ist das denn? Verdammt, Ingeborg, du musst mir doch sagen, wenn du Besuch mitbringst. Der hätte mich fast zu Tode erschrocken.“

„Sorry“ murmelte das Mädchen „hab ich ganz vergessen.“

Irgendwie kam ich bei diesem seltsamen Beziehungsgeflecht nicht mehr mit.

Entgegen meiner sonstigen Gandhi – Natur musste ich diese Widersprüche auch spontan ansprechen.

„Moment“ wand ich mich dem Maurer zu „warum soll Ingeborg dich darüber informieren, wann sie Besuch mitbringt und das auch noch in ihrer eigenen Wohnung. Normal solltest du sie informieren, wenn du hier uneingeladen aufschlägst und dann auch noch blank ziehst.“

Der Maurer und Ingeborg starrten sich gegenseitig eine Minute an und ich sah förmlich ihre Gehirnwindungen arbeiten. Beide versuchten die Situation zu transzendieren. Scheinbar gelang ihnen dies zur gleichen Zeit, denn die zwei platzen im Duo mit einem „Stimmt“ heraus.

„Und weiter?“ fragte ich und sah den Maurer herausfordernd an.

Der etwa 55 Jahre alte Hänfling, bereits komplett weißhaarig, wusste sofort, was die Stunde geschlagen hatte.

„Okay. Ich geh ja schon. Nun zufrieden?“

Er wartete nicht erst auf eine Antwort meinerseits, schlüpfte in die am Boden liegende Arbeitskleidung, warf Ingeborg noch einen raschen Gruß zu und verließ rasch die Wohnung.

Ich warf abwechselnd einen Blick auf die leere Couch und dann auf Ingeborg. Was zum Teufel?

Ich war komplett durch den Wind. Abgründe taten sich mir auf. Mit wem hatte ich mich da nur eingelassen?

„Nette Bekannte hast du“ sprach ich endlich und versuchte dabei, so lässig wie möglich zu klingen

„ein wenig originell aber jedem das Seine.“

Das Mädchen zuckte kurz mit den Schultern und grinste dann: „Ja echt. Findest du auch? Besser als irgendwelche Langweiler, die den ganzen Abend nur uninteressanten Müll labern, was?“

„Wo hast du das Herzchen denn kennengelernt?“ fragte ich wie beiläufig.

Dabei interessierte es mich wirklich, wo man solche Exemplare für gewöhnlich antraf.

Ich selbst hatte solche Leute nie zuvor persönlich kennengelernt, aber ich trieb mich auch kaum jemals in psychotherapeutischen Einrichtungen herum.

„Ja das ist ganz einfach zu erklären. Der Klaus hatte nebenan mal einen Auftrag und weil die Mieter es noch nicht einmal für nötig hielten, ihn in der Arbeitspause mit Essen und Trinken zu versorgen, habe ich ihn halt eingeladen und ihn bei mir bekocht. Und weil er sich eine neue Couch kaufen wollte, hat er kurz auf meiner Probe gelegen und so ist der Stein ins Rollen gekommen.“

„Du schläfst aber nicht mit ihm“ platzte es aus mir heraus.

Normalerweise bewahre ich gerade bei ersten Treffen gerne die Contenance aber jetzt war meine Neugierde doch zu groß.

Ingeborg lachte kurz und heftig ab und ruderte wild mit den Armen, so als wolle sie lästige Insekten vertreiben.

„Gott bewahre, nein. Der hat mich nie an gegraben oder Avancen gemacht. Wahrscheinlich ist er sogar schwul.“

„Dass er nackt auf deiner Couch liegt, macht dir also überhaupt nichts aus. Immerhin sitzt oder liegst du doch auch hin und wieder darauf.“

Das Mädchen zuckte nur mit den Schultern.

„Ist mir wirklich egal. Ist halt seine Marotte. Außerdem gibt es schlimmeres als der Anblick eines nackten Mannes. Also dann, ich gehe ins Bett. Bin hundemüde. Was ist mit dir?“

Ich brauchte nicht eine Sekunde zu überlegen.

„Ähem, wo soll ich schlafen?“

Mein Blick wanderte hinüber zur Schlafcouch, auf der sich noch vor wenigen Augenblicken ein wunderlicher nackter Handwerker geräkelt hatte und ich schluckte schwer.

Ingeborg bemerkte die Angst in meinen Augen und kicherte.

„Nee du, ich hab ’n Gästezimmer. Erste Tür rechts und nicht verwechseln mit zweite Tür links. Das ist mein Zimmer. Nicht das du noch auf dumme Gedanken kommst. Ich meine, ich kenne dich ja kaum. Da muss ich meine Prinzipien bewahren. Gute Nacht.“

Na also. War also doch alles in Ordnung mit meiner neuen Bekannten. Ich hatte schon meine Befürchtungen. Noch besser wäre es gewesen, wenn es auch zu ihren Prinzipien gehört hätte, sich nicht gleich beim ersten Rendezvous volllaufen zu lassen und zwielichtige Gestalten Einlass zu gewähren.

Sei ’s drum. Mein ganzer Körper schrie nach Schlaf und ich war nicht bereit, ihn diesen vorzuenthalten.

Ich schaltete noch die Musikanlage aus, was eigentlich der Hausherrin Aufgabe gewesen wäre.

Musikgeschmack schienen entweder Ingeborg oder der Maurer immerhin zu besitzen. Aus den Boxen tönte leise ein echter Klassiker der Gothic – Szene. Die wunderbar melancholische Scheibe „Rainland“ von den Jesus and Mary Chain, dem musikalischen Geschwisterpaar aus Detroit.

Ich habe diese CD bis dato geliebt, doch seit diesem Abend stand sie immer im Zusammenhang mit dem mickrigen Männergenital eines schrulligen Bauarbeiters. Das hat mir dieses Album für immer verdorben. Nie wieder werde ich den herrlichen Melodien lauschen können, ohne an gewisse, für mich traumatische, Erlebnisse denken zu müssen.

Kapitel 1

Gut möglich, dass jetzt einige Leser etwas ratlos dreinblicken.

Immerhin, ein recht turbulenter Einstieg in diese heitere Literatur. Aber was sollte das Ganze?

Irgendwie klingen meine Erlebnisse in Hildesheim ziemlich zusammenhanglos oder?

Wer so denkt, hat selbstverständlich Unrecht. In der Welt der Oper nennt sich das Ouvertüre, also den Auftakt zu einer größeren Einheit.

Hier also die Auflösung auf die Frage „Wie alles begann“.

Ich gehöre, was nicht ungewöhnlich ist, zu den ca. 25 Millionen Deutschen, die betreffs ihrer Freizeitvorlieben angeben, gerne zu verreisen.

1980 waren es statistisch gesehen, noch 2 Millionen meiner Landsleute, die ins Ausland fuhren, um sich in der Sonne zu rösten, im Meer zu baden oder die Kultur der Einheimischen kennenzulernen.

1990 waren es bereits 6 Millionen und zur Milleniumswende gar 12 Millionen.

Der Trend hält unvermindert an.

Mehr als 20 Reiseanbieter buhlen um Kunden, nicht weniger als 2 Millionen Deutsche verdienen durch Reiseportale ihre Brötchen.

Mit meinen verflossenen Lebensabschnittspartnerinnen unternahm ich für gewöhnlich mindestens 2 Exkursionen pro Jahr. Rekordhalterin war Vanessa aus Bremerhaven, die es schaffte, gleich sieben Auslandsaufenthalte an meiner Seite, in nur einem Jahr zu überstehen. Das war in meiner glanzvollen Zeit als Schüler gewesen. Ich hatte massig Zeit und dank Omas finanzieller Zuwendungen genügend Kohle für all die aufwändigen Reisen.

Möglich dass dieser Länder – Marathon etwas zu viel für Vanessa gewesen war, denn kurz darauf gab sie mir den Laufpass. „Aus Gründen verschiedener Auffassungen zum Thema Beziehung“ wie sie damals sagte, beziehungsweise auf ein Stück Toilettenpapier schrieb, dass sie mir auf den Küchentisch legte, bevor sie mich verließ.

Sie ging aber meine Sehnsucht nach der Ferne blieb.

Nun war ich bereits das vierte Jahr in Folge Single, ein Umstand, der mir keine schlaflosen Nächte bereitete.

Ich kannte einige Leute, die fieberhaft auf der Suche nach einer neuen Romanze waren und dabei jeden bekannten Fehler bei der Auswahl des Partners machten, den es so gab.

Oft lässt sich schon nach relativ kurzer Beziehungsdauer abschätzen, dass die Verbindung als Rohrkrepierer enden wird, bevor das Schiff der Träume so richtig Fahrt aufgenommen hat. Zu verschieden die Charaktere, ungleiche Wertigkeiten und zu wenig ausgeprägt die Bereitschaft, sich mit und für den Anderen zu ändern. Kompromissbereitschaft? Fehlanzeige!

Trotzdem wurden es viele meiner Bekannten nicht leid, unglückliche Liaisons einem Leben als sorgenloser Junggeselle vorzuziehen.

Das Single – Dasein schien ihnen einer gefährlichen Krankheit gleich zu kommen. Ein Makel, ein Anderssein, einer Anomalie. Wie leicht wurde man im Bekanntenkreis für einen Sonderling gehalten. Jemand, der sich nicht für das andere Geschlecht interessierte, beziehungsgestört – oder unfähig war, schlicht ein Misanthrop, der archaische Verhaltensmuster unserer Gesellschaft ablehnte.

In den vier Jahren meiner amourösen Enthaltsamkeit sorgten sich ständig mein gesamter Bekannten – und Verwandtenkreis um mein Wohlergehen.

Wie oft durfte ich mir von meinen Eltern den Satz anhören: „Ach Junge, wieso findest du denn keine Freundin? Du siehst doch gut aus und bist nicht dumm.“

Kaum hatte man diese Frage mit ein paar Plattitüden abgewickelt, folgte auch schon die nächste Litanei meiner Erzeuger: „Ach warum bist du nicht wie dein Bruder. Der ist jetzt schon seit 17 Jahren in festen Händen. Wärst du nur noch mit der Anne zusammen. Das war solch ein liebes Mädel.“

‘Ja und außerdem hatte sie noch einen ziemlichen Sockenschuss mit ihrem Schlankheitswahn und ihrer ewigen Nörgelei’.

Das sprach ich gar nicht erst laut aus. Für meine Mutter war Anne eine Heilige, und jedes böse Wort über sie kam einer Kriegserklärung gleich.

Also einmal ein trauriges, schuldbewusstes Gesicht aufgesetzt und dann schnell wieder entspannenden Themen zugewandt. „Sag mal Mudder, ist das Kleid neu? Macht dich glatt 10 Jahre jünger.“

„Heinz, hast du gehört, was dein Sohn gesagt hat? Wieso kannst du nicht auch mal solche Komplimente machen.“

Schon hatte sie ein neues Opfer gefunden und ich meine Ruhe.

Mein Freundeskreis versuchte mich ebenfalls ständig zu verkuppeln. Lästig war das. Wer eine solche Horrorshow voller Peinlichkeiten nie am eigenen Leib erfahren musste, schätze sich glücklich.

Wie oft kam es vor, dass ich mich einfach nur völlig zwanglos mit einem Kumpel zum Kaffeetrinken oder Kinogehen verabredete und (was für ein Zufall) dieser dann mit einer unsicher lächelnden Dame im Schlepptau auftauchte. Der ganze, schöne Abend war dann jedes Mal für die Katz, weil immerfort das unsichtbar Motto „Bindungsversuch, die Erste“ im Raum stand.

Manchmal traute ich mich schon nicht mehr aus dem Haus, aus Angst, wieder in solch eine arglistige Falle zu tappen.

Wie schon erwähnt, war ich nicht sonderlich unglücklich mit meinem Junggesellenleben.

‘Ja und weiter’ höre ich schon die ungeduldigen Leser rufen ‘was hat dein langweiliger Single - Report mit dem Reisen zu tun?’

‘Gemach’ entgegne ich ‘seid nicht so schrecklich ungeduldig’.

Ledig, wie ich nun mal war, wollte ich trotzdem nicht auf mein geliebtes Hobby verzichten.

So machte ich aus der Not eine Tugend und fuhr erstmals allein in den Urlaub.

Keine große Sache, eine Woche Ibiza und doch hinterließ dieser Solo Trip einen faden Beigeschmack.

Es fehlte immer jemand, mit dem man die Erlebnisse, auf fremdem Territorium, teilen konnte, mit dem man sich austauschte und der eigene Ideen beisteuerte.

Ich hatte mich für Halbpension entschieden und saß allabendlich allein und isoliert an meinen Tisch und beeilte mich mit dem Essen, damit ich mich rasch wieder auf’s Zimmer trollen konnte.

Die Blicke der anderen schienen mich immer irgendwie durchbohren zu wollen und die Fragen, was ich denn wohl für ein Freak sei, standen ihnen auf der Stirn geschrieben. Wahrscheinlich war das völliger Blödsinn und die anderen genossen einfach ihren gemeinsamen Urlaub und verschwendeten nicht einen Gedanken an einen Eremiten wie mich. Trotzdem fühlte ich mich unwohl in meiner Haut.

Alleinreisende wirken immer irgendwie suspekt. Ungesellige Einzelgänger? Seltsamer Vogel, der von seiner Umwelt gemieden wurde? Ansteckungsgefahr?

Das Servicemanagement drückte mir zusätzlich noch mein Brandzeichen auf.

Die Bande wollte sicherlich besonders professionell erscheinen, denn sowohl zum Frühstück, als auch zum Abendessen, wies man mir einen festen Platz zu, auf dem stets nur ein Gedeck stand.

Stigmatisiert und zur Schau gestellt.

Wenn ich mich doch wenigstens an eines der Tische mit zwei Gedecken hätte setzen können. Ich bin überzeugt, dass die Familien und Paare, die rings umher lachten und alberten, gedacht hätten, meine Herzdame läge mit Durchfall im Hotelzimmer und daher musste ich alleine essen.

Solche Gedanken gingen mir jede Minute durch den Kopf, und das Essen wurde immer mehr zur Folter.

Aus diesem katastrophalen Reise - Misserfolg zog ich meine Schlüsse. Nie wieder alleine in andere Länder.

Das Jahr darauf zog es mich nach Kroatien. Um nicht noch einmal ausgestoßen in einer fremden Umgebung zu sein, fragte ich vorsorglich in meinem Freundeskreis nach, wer von den Herren denn Lust auf einen entspannten Trip an die Adria hätte.

Es meldeten sich Jürgen und Malte, wie ich ebenfalls Unbeweibte.

Bei meinen zwei Kumpanen sah es frauentechnisch noch viel düsterer aus als bei mir.

Während ich Single aus Überzeugung war, wurden Jürgen und Malte vom Schicksal gar nicht erst gefragt. Es war seit ungefähr ihrem 14’ten Geburtstag beschlossene Sache, dass die Jungs wahrscheinlich bis zum Ende ihres Lebens alleine bleiben würden. Ein Bann, verhängt aus lauter Boshaftigkeit.

Vielleicht hatte hier das indische Karma Prinzip seine Hände im Spiel. Im vorigen Leben schlecht gewesen zur Damenwelt, Zuhälter, Sklavenhalter etc.

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Das Leben ist ein Minenfeld" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen






Teilen