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Das Leben in Technicolor

 

HERBST

 

MEIN KÖRPER hatte das Bett unerträglich aufgeheizt, sodass ich umherwühlte wie bratender Speck in der Pfanne. Die Federn der grauenvollen Matratze bohrten sich mir in den Rücken, der schon lange im kalten Schweiß stand.

Was mich seit drei Stunden, neben meinem kochenden Bett, nicht schlafen ließ, waren die Bässe meines nachtaktiven Nachbarn, die den Abend zum Tag umformten.

In meinem kleinen, neuen Zimmer hier im Studentenwohnheim standen noch überall volle Kartons; die Bilder meiner Familie schliefen in ihnen. Das Einzige, was ich bisher eingeräumt hatte, waren meine endlos vielen Bücher. Ich weiß nicht genau, ob ich einfach keine Zeit hatte, das restliche Zeug auszupacken, oder ob mein Unterbewusstsein sich schon für den Auszug wappnete. Zwei Tage Uni lagen hinter mir sowie zwei schlaflose Nächte.

Die Musik von nebenan verstummte langsam und ich dachte schon, Frieden gefunden zu haben, doch dann begann einfach das nächste Lied, was sich genauso anhörte wie das zuvor. Ich fasste all meinen Mut zusammen. Es reichte mir. Es wurde Zeit, dass sich etwas änderte. Ich warf die Decke zurück, richtete mich auf, stürmte aus meinem Zimmer, vorbei am Gemeinschaftsbad, und legte meine Fingerknöchel, bereit zum Klopfen, an seine Tür, direkt gegenüber. Mein Skelett begann durch den Bass zu zittern. Auf einmal fühlte ich mich müde und schon vor dem Kampf geschlagen. Ganz langsam glitt meine Hand von der Tür ab und machte dabei ein kaum hörbares Geräusch des Schleifens. Ich ging zurück in mein Zimmer und schlief eine Stunde später, ohne es zu merken, ein. Zwei Stunden danach klingelte mein Handywecker mit einem Lied, das wahrscheinlich durchgängig in den Kreisen der Hölle zu hören war.

Zwar war ich wach, doch ich spürte in jedem Knochen, dass es mir nicht gut ging, was nicht mal unbedingt am fehlenden Schlaf lag. Ich hatte keine Lust aufzustehen, mich fertig zu machen, zum Campus zu schlurfen, den langweiligen Tom, den ich vorgestern kennengelernt hatte, wiederzutreffen und mit ihm zu reden und den Tag zu verbringen. Mir kam in den Sinn, dass zwangsweise etwas nicht stimmen musste, wenn man morgens nicht aufstehen wollte.

Vor einer Woche, Ende September, am letztmöglichen Termin, hatte ich mich für Maschinenbau an der Universität von Rostock eingeschrieben. Unentschlossen und ohne Begeisterung hatte ich mich im Affekt für irgendwas entschieden, für das ich glaubte, ungefähres Interesse zu besitzen. Was man nicht alles macht, wenn man keine Ahnung von der Realität hat. Jetzt, da ich neben Tom im Physikkurs 1 saß, begriff ich unmittelbar, dass das alles ein riesiger Fehler war. Ich bin zu einem dieser verbitterten 90er-Jahre Teenager geworden, der nicht weiß, was er aus seinem Leben machen will, weil er durch die Menge der Möglichkeiten erstarrt.

Aus Angst meine Eltern zu enttäuschen, tat ich das einzig vernünftige: Ich biss die Zähne zusammen und zerbrach ganz langsam und unmerklich daran. Bis zum Ende der achten Woche. Dann explodierte ich endlich. Und so begann dann alles.

HERBST

WINTER

 

8 WOCHEN SPÄTER.

Wie konnte denn im Ernst alles so beschissen sein?

Stellt euch vor, ihr steht vor einem riesigen Hörsaal, in dem jeder einzelne Stuhl mit der Elite von Morgen besetzt ist. Die Besten der Besten. Ingenieure, die dreimal nachgucken müssen, wie das Wort ›Ingenieure‹ überhaupt geschrieben wird. Für diesen Studiengang gibt es keine Einschränkungen, keinen Vortest. Der Abfall trennt sich erst viele Semester später von den wirklich studierenden Individuen. Also, ihr seht diese Leute, und findet mich nicht. Darauf würde ich wetten! Ich bin nicht der obligatorische Rasta-Typ, den man in jedem Kurs hat. Auch nicht der Tölpel, der mit dem Fahrrad zu Uni kommt, und daher sein rechtes Hosenbein den ganzen Tag hochgekrempelt lässt, obwohl draußen eine polare Kälte vorherrscht, die die Hunde auf der Straße erfrieren lässt. Ich bin auch nicht das Mädchen mit den schwarzen Haaren, den Piercings und dem Metallica T-Shirt. Ich sitz da! Ganz weit hinten. Noch ein Stück rechts. Ja, selbst jetzt guckst du noch den falschen an. Siehst du …?

Der Hörsaal war groß, und was ich von der Tafel noch sah, war geradezu lächerlich. Der Professor, ein rotgesichtiger, untersetzter Mann, schrieb kleiner, als meine Notizen groß waren. Er differenzierte diverse Drücke und alle seine Symbole – ob nun p1 oder p∞ – sahen gleich aus. Ich kniff die Augen zusammen, denn selbst meine Adleraugen begannen bei seiner ameisengroßen Handschrift zu versagen.

Dann und wann blickte ich durch die Runde und erwartete barock gekleidete Frauen mit Operngläsern zu sehen. Die könnten wenigstens erkennen, was der Typ da vorne schrieb. Im Saal war es brechend warm, obwohl uns ein Russlandtief draußen sechs Grad unter null bescherte. Die Fenster ließen sich nur elektronisch öffnen, was den in Thermodynamik promovierten Professor vollends überforderte. Vorne am Pult gab es übrigens einen Knopf zum Öffnen des Fensters, aber ich glaube, er verleugnete ihn.

Er stotterte vor sich hin, niemand hörte mehr zu, nur die Leute aus der ersten Reihe schrieben noch mit. Der Rest konnte nicht lesen, was an der Tafel stand.

»Entschuldigen Sie?« Jemand aus der zehnten Reihe, etwa siebenundzwanzig Reihen unter mir, meldete sich zu Wort. Er war etwas älter als ich, hatte schon fast lichtes Haar. Die Jacke aus seiner jugendlichen Punkerzeit, die er nie so richtig hinter sich gelassen hat, lag neben ihm auf dem Tisch.

»Ja?«, ärgerte sich der Professor sofort genervt, als hätte man ihn beim Vortragen seiner Memoiren unterbrochen. Er drehte sich langsam um, ohne dabei seine Beine zu bewegen; dabei ähnelte er einer dicken Ballerina aus einer Spieldose.

Der junge Herr aus Reihe zehn wartete erst gar nicht, bis er die Erlaubnis zum Reden erhielt. »Können Sie das vielleicht ein bisschen größer zeichnen? Man kann das schon gar nicht mehr lesen von hier.«

Der Professor sagte nichts, aber seine Wangen blähten sich auf, bis sie so unter Spannung standen, dass sie von Rot zu Weiß wechselten. Er zeigte auf seine Zeichnung, eine bis ins Detail genau Gasturbine mit mehr als 20 Verbindungen, zehn griechischen Buchstaben, diversen Vektoren aus Kräften und Geschwindigkeiten, sowie ein paar Zahlen hier und da. Professor Gutelaune zog beide Augenbrauen hoch, sodass sie unter seinem kreisrunden Haaransatz verschwanden, als wollte er fragen, ob es denn diese Zeichnung sei, die dem Studenten – metaphorisch gesprochen – ein viel zu kleiner Dorn im Auge war.

»Ja, genau«, sagt er mit der spielerischen Unschuld eines Kindes. Mehr war er für den Professor auch nicht. Ein dummes Kind, was es wagte, den alten Gelehrten in seiner Rede zu unterbrechen.

Der Professor, dessen Name natürlich nicht wirklich Gutelaune war (Das wäre zu viel des Guten), brauchte noch ein wenig, und spuckte dem Studenten dann seine Antwort vor die Füße.

»Wenn …« Er schloss seine Augen und atmete einmal so heftig aus, dass ich beinahe schon sehen konnte, wie die Haare meiner Kommilitonen aus der ersten Reihe im Wind seines Prustens wehten. »Wenn Sie das nicht lesen können, müssen Sie sich weiter nach vorne setzten.«

Er wurde sofort vom Studenten unterbrochen: »Es können sich doch nicht zweihundertvierzig Studenten nach vorne setzten! Denken Sie, ich bin der Einzige, der Ihre Tafelbilder nicht lesen kann?«

Die Stimmung wurde unerträglich. Als wäre sie eine Saite auf einer Gitarre, die jemand Unerfahrenes einfach immer weiter nach oben stimmte und so dem Zerreißen näher brachte. Einige Studenten schienen Popcorn und Eiskonfekt herauszuholen. Ich war von dem Mut des Studenten beeindruckt und auch ein wenig peinlich berührt. Wie konnte man denn so etwas zu einem Professor sagen, der für seine cholerischen Anfälle stadtbekannt war? Ich meine, hinter seinem Rücken, okay, aber doch nicht mitten in sein keksrundes Gesicht.

Gutelaune indes wurde nun wieder rot. Als Professor war er von Natur aus arrogant, denn sein Fach war schließlich nicht ohne Grund das wichtigste an der ganzen Universität. Doch trotz aller sozialen Verpflichtungen, welche die Ehre eines Professorenamts mit sich brachten, reagierte er völlig verständlich und erwachsen auf diese Bemerkung. Er schrie und betonte wie immer nur das erste Wort des Satzes: »Soll ich hier nach jeder Zeichnung die Tafel wischen?« Gutelaune hatte seine Augen so weit aufgerissen, als würde er andeuten wollen, dass das Tafelwischen ein Akt war, der das Durchschwimmen des Atlantiks erforderte. Er konnte den Schwamm natürlich auch am Waschbecken nass machen. Jemand sollte es ihm sagen – Jemand sollte es ihm ganz klein aufzeichnen, damit er es verstand.

Der Student gab nach, der Professor nicht. Er fragte ihn nun nach jeder neuen Zeichnung (Drei Stunden Vorlesung entsprachen etwa zweiunddreißig Zeichnungen), ob sie – die Zeichnungen – denn groß genug waren. Ziemlich erwachsen von ihm, wie ich fand.

Ich saß während all dessen allein in meiner Reihe, und seine leeren Worte hämmerten mir gegen den Kopf. Tom, den ich vor knapp acht Wochen kennengelernt hatte, war krank, und ich wünschte, ich wäre es auch.

Ging man zur Vorlesung, sagte man sich, dass man getrost hätte wegbleiben können. Es wurde nur aus dem Skript vorgelesen oder Sachen gemacht, die keinerlei Relevanz für die Prüfung hatten. Blieb man dann jedoch zu Hause, bekam man sofort ein schlechtes Gewissen und in den Veranstaltungen wurden die Lösungen zu allen Prüfungen auf den Tisch gelegt. Eine Zwickmühle.

Schon wieder hatte ich mein Gehirn drei Minuten lang auf Durchzug geschaltet. Ich verstand nichts von der Vorlesung. Schon seit Wochen. Ich wusste nicht mal, was das c, das in jeder Formel auftauchte, bedeutet. Fragen wollte ich auch nicht, da es scheinbar offensichtlich war.

Er preschte weiter vor. Alles schlug auf mich ein wie die Böen eines eisernen Wintersturms. Seit Wochen war diese Vorlesung für den Arsch. Montags von sieben bis zehn Uhr. Ich war allein, und die Hausaufgaben des Fachs stapelten sich auf meinem Emailkonto. Ich schaffte gerade so die Erste. Ich hatte nichts verpasst. Ich gab ihm die Schuld. Natürlich glaubte mir das keiner. Aber mit wem redete ich auch schon darüber?

Dann wischte er die Tafel, ohne noch einmal nachzufragen. Ein Raunen zog durch die Menge, Stifte wurden auf Pulte fallengelassen, Schüler warfen sich in ihre harten Sitze zurück. Ich starrte einfach mit leeren, tränenden Augen auf die saubere Tafel, meine Hand mit Stift war noch immer dabei etwas zu notieren, die andere Hand stützte meinen Kopf, die Haare fest zwischen den weißen Fingern. Mein Gehirn war nicht mehr anwesend; es dachte ununterbrochen an all das Schlechte, was in den vergangen acht Wochen passiert war. Daran wie ich ziellos umhertrieb, über die Angst, dass ich es niemals schaffen würde, mein Leben zu nutzen und an all die Einsamkeit. Auf einmal fühlte es sich an, als würde es in der Mitte meines Körpers brennen, als würde jemand Zement in meinen Magen füllen und die restlichen Gedärme kurz vorm aushärten noch zusammenknoten. Das Fass in meinem Herzen lief über, sodass ich meinen Stift, wie auch alle anderen, wegwarf und mich, entgegen aller anderen, aufrecht hinsetzte. Und jedes noch so kleine Detail der letzten acht Wochen und dieser höllenartigen Vorlesung ließ mich folgendes schreien:

»VERDAMMTE SCHEISSE!«

Mein Kreischen hallte zwischen den nackten Wänden des Hörsaals. Ich packte meine Jacke, Tasche und den Block und stürmte, alle Augen im Rücken, durch den oberen Ausgang hinaus. Bevor die Tür hinter mir zufiel, hörte ich noch, wie der Professor schon wieder in seinem Trott versunken war. Er hatte mich schon wieder vergessen. Das ›Verdammte Scheiße!‹ steckte nun in den Köpfen der anderen Studenten.

8.45 Uhr. Ich ging nach Hause, zurück ins Wohnheim.

ES WAR KALT DRAUSSEN. Und zwar so richtig. Nicht einfach ›Huh! Also langsam wird mir um die Sandalen etwas huschig‹, sondern eher ›Oh, schon wieder ein Finger an den Kältetod verloren. Hoppla!‹.

Der Dezember hatte schon einige Tage hinter sich gebracht und ich stellte immer wieder mit Erleichterung fest, dass es auf Weihnachten zuging.

Vor vielen Wochen, es fühlte sich an wie Jahre, hatte ich mich dazu entschieden, hier in Rostock zu studieren. Es war keine leichte Entscheidung gewesen, bei weitem nicht, aber die Zeit war mir ausgegangen und so auch meine Möglichkeiten.

Rostock liegt fast direkt am Meer. Im Sommer konnte man innerhalb von zwanzig Minuten zum Baden ans Meer fahren und den Sand zwischen seinen Zehen spüren. Im Winter konnte man zu Silvester auf das Meer hinaussehen und dabei zuschauen, wie die farbenfrohen Explosionen der Raketen und der kleine Leuchtturm mit seinem grünen Licht sich im Wasser spiegelten. An diesem letzten Abend im Jahr leuchtete die Promenade stolz in allen Farben.

Doch man musste gar nicht rausfahren, um die Stadt zu genießen, sie war auch so unglaublich schön, wenn man sich einmal die Zeit nahm, um sie zu beobachten. Die Einkaufsstraßen mit ihren renovierten Patrizierhäusern, die alten Kirchen, der Hafen mit seinen Schiffen und Kränen, das überschaubare aber nicht weniger gute Nachtleben. Rostock ist genau richtig, wenn man in einer Kleinstadt aufgewachsen ist und danach nicht gleich in irgendeine Weltmetropole ziehen will. Die Stadt, mein neues Zuhause, wirkt groß, ist nach näherer Betrachtung dennoch ziemlich intim. Sie war einer von vielen Gründen, warum ich hergekommen war. Der zulassungsfreie Studiengang, den man auch in letzter Minute wählen konnte, ein anderer. Ich interessiere mich für Autos, Technik und Elektronik aller Art, doch so, wie das Studium nun war, blieb jeden Tag ein weiteres, kleines Stück von mir im Wohnheim. So hatte ich es mir nicht vorgestellt und ich wunderte mich, wie die anderen Studenten es machten und offensichtlich schafften.

Ich konnte mich aber auch später noch in diese immer gleichen Gedanken vertiefen. Jetzt wollte ich einfach nur nach Hause, am ehesten mit dem Bus. Die Haltestelle befand sich zwischen meiner Uni und der Akademie der freien Künste, einer privaten Hochschule. Durch die großen, modernen Fenster konnte ich vereinzelt dabei zusehen, wie Schüler tanzten, stolperten, hinfielen, wieder aufstanden und es erneut versuchten.

Ich schnaufte und aus meiner Nase blies Rauch wie aus den Nüstern eines Drachen. Ich setzte mich auf die arschkalte Bank nahe des Unterstands und konnte sofort die Stimme meiner Großmutter in meinen Ohren hören, die mich vor Hämorriden warnte. Ich kenne niemanden, der je Hämorriden hatte … Warum warnten einen alte Leute immer davor?

Während ich noch über dieses tolle Wort nachdachte, mein miserables Leben und die vergeudete Vorlesung schon fern von meinen Gedanken, fiel der erste Stein im Bunde. Die Sache kam ins Rollen. Ich lernte Inga kennen, die gerade aus der Akademie der freien Künste herausstürmte.

Als die große Glastür zufiel, hatte sie schon eine Zigarette im Mund, die einen langen Schweif hinter sich herzog und hell im Winterlicht brannte. Sie warf sich eine tief rote Lederjacke um die Schultern, die ihrer zuvor zierlichen Statur, ein gefährliches Aussehen verlieh. Ihre rotbraune Pudelmütze verdeckte ihre Haare. Nur die Spitzen ihrer graugefärbten, lockigen Mähne schauten heraus. Sie hatte ein Piercing an der Lippe und an der Nase. Sie war blass, was kaum auffiel, da alles blass war. Auch ich. Sie ließ sich neben mir auf die Bank fallen, sodass mein Ende kurz abhob. Sie war dünn und man konnte ihre spitzen Knie durch die schwarzen Leggings erahnen.

»Diese pathetischen Fotzenaffen …«, raunte sie.

Wen sie meinte, stellte sich schnell heraus. Am oberen Fenster versammelten sich einige Leute, von denen manche deutlich älter waren als sie und ich (Ich schätzte Inga ebenfalls auf zwanzig Jahre). Die Mädchen und Jungs oben am Fenster lachten und eine von ihnen ganz besonders herzhaft, wobei mir ihre großen Zähne Angst machten. Eines Tages würde ich Bekanntschaft mit Chrystal Alexandra machen müssen. Zum Glück war dieser Tag noch nicht gekommen. Chrystal Alexandra hatte gelbes Haar. Es war fast wie Gold, Gold, welches von Kindern in kleinen, dunklen Mienen gefördert werden musste.

Inga zeigte ihnen indes den Mittelfinger, was keinen großen Eindruck auf sie machte. Bald schon zogen sie sich ins Innere des Hauses zurück und verschwanden aus unserem Sichtfeld.

Inga legte all ihre Angekotztheit in ihre Stimme und äffte jemanden nach: »Du hast als Kind keinen Kurs belegt? Und trotzdem studierst du jetzt Tanz? Ihre Mutter, ganz im ernst.«

Bei jedem Wort sprang das Piercing an ihrem Mund auf und ab.

Ich wollte sie in ihrer Wut nicht unterbrechen, also guckte ich nach oben in den stahlgrauen Himmel. Seit Wochen schon war es so irrsinnig kalt wie heute, doch Schnee schenkte man uns nicht. Ich liebe Schnee schon so lange ich denken und mich erinnern kann. Er verleiht dem Winter erst das, was er verdient. Schließlich hat der Sommer schon alle Farben bekommen.

»Dieser Sommer …«, murmelte ich ironisch, verspielt und abwesend in die Winterluft hinein. Inga schien taub vor Wut.

Als ich meinen Blick wieder senkte, hörte ich ihr Schluchzen. Sie hatte ihre Hände vor dem Gesicht verschränkt, versteckte sich hinter ihnen. Irgendwas musste ich sagen: »Ich habe gehört, dass die Kunstleute ziemlich arrogante Schnösel sind«, lamentierte ich.

»Das wäre dann wohl die heftigste Untertreibung ever. Lass uns bitte über was Schönes reden. Nicht über diese Idioten.«

»Nein, lass uns gehen. Der Bus ist sowieso irgendwo festgefroren.« Ich rechnete mit Gegenwehr und Einspruch, aber sie stand auf. Ich hatte es ihr vorgeschlagen, da oben am Fenster wieder Leute erschienen waren. »Wenn der Bus nicht kommt, stelle ich mir immer gern vor, wie der Fahrer irgendwo in einer Schneewehe steckt, der Kopf vergraben, nur die Beine gucken raus. Und niemand hilft ihm.« Sie musste ein bisschen Lachen, was kleine Rauchwölkchen erscheinen ließ.

Wir gingen die Straße entlang, die zu meinem Wohnheim führte. Unsere Beine schienen von ganz allein in diese Richtung zu laufen. Zu Fuß – wofür ich normalerweise zu faul war – dauerte es fünfundzwanzig Minuten. Der Verkehr war stetig und versetzte die Luft mit diesem Geruch, den Autos nur bei Kälte abgaben.

»Ich mag den Winter.« Ihr Gesicht schaute in den Himmel und auf ihren roten Wangen lagen noch die Spuren der kleinen Tränen. Ihre Nase war spitz und weniger blass als der Rest ihres Gesichts. So, wie sie jetzt gerade neben mir herging, und in die Wolken starrte, war sie wunderschön. Als ich das dachte, pumpte mein Herz einen besonders großen Schwall Blut durch mein Innerstes.

»Ich bin übrigens Vincent. Eigentlich nennen mich aber alle nur Fin. Ich hatte mal eine Anhörung, und am Ende hatte selbst der Richter zu mir Fin gesagt.« – »Schön dich kennenzulernen Fin. Ich hab’ Hunger … Was machst du schon so früh hier? Keinen Job, keine Uni, kein freies soziales Jahr, das du vergeuden musst?«

»Also erstens, glaube ich nicht, dass so ein Jahr vergeudet ist und zweitens, komme ich gerade von einer Vorlesung, die ich schon früher verlassen … musste.«

»Warum?« Sie schaute mich an und zeigte echtes Interesse, was ich schon seit Wochen nicht mehr genossen hatte.

»Vielleicht hatte ich keine Lust mehr. Vielleicht habe ich touretteartig verdammte Scheiße gebrüllt. Wer weiß das schon …«

»Also wenn ich dich so sehe, würde ich auf Ersteres tippen.«

»Das würde ich wahrscheinlich auch.«

»Und, Fin, was machst du so, wenn du nicht gerade Vorlesungen sprengst?«, fragte sie überspitzt.

»Lesen hauptsächlich, manchmal versuche ich auch selbst Sachen zu schreiben, aber in letzter Zeit nicht mehr.«

»Welches Buch hast du als letztes gelesen?«, fragte sie mich ohne weitere Ausführungen zu machen. Ich hatte das Gefühl, dass das ein Test war, durch den ich kaum durchfallen konnte. Dieses Gefühl hatte ich zuletzt in der zweiten Klasse, als Tannenzapfenformen abgefragt wurden, und ich am Tag zuvor vier Stunden lang gelernt hatte: alle fünf Zapfen. Ich bekam eine Drei minus und zerstörte Träume.

» Wer die Nachtigall stört«, sagte ich.

»Gute Wahl«, antwortete sie und dann sagten wir beide eine Weile erst mal gar nichts mehr. Die roten Rücklichter fuhren an uns vorbei, denn die Sonne war noch nicht mal richtig aufgegangen.

Ich wollte noch einmal auf die Leute am Fenster zu sprechen kommen. »Wusstest du, dass Arroganz meist aus Unsicherheit resultiert? Außerdem sind diese Leute immer allein, niemand will etwas mit ihnen zu tun haben.«

»Ja, außer wenn der ganze Kurs so ist und du die einzige Normale unter ihnen bist.« Sie zog Anführungszeichen in die Luft hinein.

»Autsch … aber ich weiß, was du meinst. Ich war auch schon mal bei so einer öffentlichen Prüfung für etwas Künstlerisches. Vor ein paar Monaten, aber für Schauspiel«, sagte ich, was der Wahrheit entsprach. »Ich hatte damals nicht damit gerechnet, dass es gleich so professionell werden würde und war einfach nur miserabel vorbereitet. Im Raum waren die drei Professoren und die anderen fünfzig Bewerber und ich trug Nathan der Weise vor, als würde ich in der Schule gerade ein Gedicht aufsagen. Und die anderen Bewerber saßen nur da und haben mich für verrückt gehalten. Der Typ nach mir hat irgendwas Dramatisches gemacht, geschrien, sich erstochen und noch mehr geschrien. Es gab sogar Kunstblut, wobei ich mich nicht gewundert hätte, wenn er sich für den Platz an der Hochschule wirklich in den Bauch gestochen hätte. Ich habe ihn einfach die ganze Zeit angestarrt, als würde ich ihn für verrückt halten.

Der Professor hat mich nach dem ganzen Quatsch privat zu sich gerufen und gefragt, ob ich die ganzen Leute auch so schrecklich finden würde. Er hatte es an meinem Gesicht gesehen. Er empfahl mir, etwas Anderes zu machen, zu schreiben vielleicht. Wenn man es wirklich will, kann man diese Leute aushalten lernen, meinte er. Aber man muss es wirklich wollen …«

Die Frage, die in einer heimtückischen Verkleidung daherkam, stand nun zwischen uns und wurde vom kalten Wind hin- und hergetragen. Ihre Augen schauten auf den Boden. »Ja, ich will es unbedingt.«

Sie lächelte.

Die Zuversicht in ihrer Stimme machte auch mir wieder Mut.

Ich kam zum Stehen, da wir direkt vor dem Wohnheim angelangt waren, ein gelber Briefkasten zu unserer Linken.

»Danke fürs nach Hause bringen«, hauchte ich ihr entgegen. »Bis dann.« Ich lächelte noch einmal zum Abschied und dann erwidert sie: »Übrigens, mein Name is’ Inga.« Dann drehte sie sich um und ging die ersten Schritte zurück zur Uni. Und dann rief sie noch »Bis morgen.«

Im Flur angekommen drehte ich mich perplex um.

Bis morgen?

Manchmal war ich ziemlich langsam.

84 STUFEN waren es bis zu meiner Wohnung.

Das rechteckige Treppenhaus schloss an einem Ende mit einem ewig langen Gang, der wiederum mit drei Türen endete. So sah jedes Stockwerk aus und ich wohnte im obersten, im fünften. Als ich das Licht im Flur einschaltete, saß ganz hinten, im zuvor stockdunklen Gang, eine Katze. Jedenfalls glaubte ich, dass es eine war. Ich war mir nicht ganz sicher. Sie hatte langes, braunes Fell, welches hier und da mit grauen Schleiern durchzogen war. Ihre Ohren waren Schwarz, und ihre Augen hellbraun. Doch sie starrten in verschiedene Richtungen. Nach außen, wohlgemerkt. Ihr rechter Schneidezahn – anscheinend ein wenig zu lang – guckte aus dem Maul heraus, das platt ins Gesicht gedrückt schien. So saß sie da, als gäbe es keine Finanzkrise zu lösen.

Dann ging die Tür links auf und laute, mir nur zu gut bekannte Musik begann durch das ganze Haus zu hallen. Die Katze wendete den Blick nicht von mir ab, sondern marschierte geradewegs in die leuchtende Wohnung. Eigentlich hatte ich ja keine Ahnung, ob sie mich angeguckt hatte. Die Augen von ihr machten sowieso, was sie wollten. Die Tür ging zu, die Musik wurde etwas leiser. (Wobei ich es nicht Musik nennen würde. Es waren – von dem was ich um drei Uhr nachts hörte – eigentlich nur endlose Bassschleifen.)

Der Typ von gegenüber versuchte also schon wieder mit Bässen die Fenster zu zerschmettern. Er hat es in den letzten zwei Monaten noch nicht geschafft, aber ich drückte ihm die Daumen. In meiner Wohnung, direkt gegenüber, stellte ich meine Tasche ab. Das Zimmer war rechteckig. Wenn man reinkam war da direkt die ›Küche‹, die ich tatsächliche so nannte, da man dort zum Beispiel Wasser zum Kochen bringen konnte, auch wenn es auf den ersten Blick wirklich nicht danach aussah. Daneben am Giebelfenster stand mein unbenutzter Schreibtisch, an der Wand neben der Eingangstür ein Bücherregal, welches als Raumtrenner fungierte. Dahinter das Bett. Wenn Einbrecher also nachts in das Zimmer schlichen, könnten sie mich nicht im Schlaf meucheln, da das Bücherregal die Aussicht versperrte. Das Zimmer konnte mit drei Schritten durchmessen werden, und ich ließ mich mit meinen schneenassen Schuhen an den Füßen auf das Bett fallen und lauschte den Bässen meines Nachbarn, den ich noch nie zu Gesicht bekommen hatte. Die Lichterkette, die mein Bücherregal umarmte und ganz fest hielt, wackelte leicht im Takt, was die kurzen Schatten an den Wänden tanzen ließ.

In meinem Regal standen über dreißig Bücher, die ich noch nicht gelesen hatte. Heute werde ich mich auch nicht mehr zum Lesen durchringen können, dachte ich mir. Irgendetwas Produktives musste doch zu schaffen sein! Ich stand auf und holte meinen Laptop vom Schreibtisch. Ich öffnete das Emailprogramm und hätte am liebsten im Strahl gekotzt. Prüfungsanmeldung, Hausaufgaben, Praktika, Nachhilfe, Stellenausschreibungen, Kolloquium, Vorträge, Abgabetermine, Arzttermine telefonisch machen, Bewerbungen schreiben, Bausparvertrag abschließen … Okay, gegen Ende habe ich bloß noch Sachen aufgezählt, vor denen ich Angst habe. Der Laptop fuhr sich aus Mitleid selbst herunter.

Ich nahm mir eine Tasse aus dem Schrank, füllte sie mit Wasser und gab es der einzigen Topfpflanze, die mein Zimmer zusammen mit mir teilte. Das tat ich immer, wenn ich in meiner Wohnung nicht weiterwusste. Ich nannte die Pflanze Jack, da ich sie durch das viele Wasser zum Ertrinken brachte. Ich sollte mir eine weitere holen, die ich dann Rose nennen und nicht mit Wasser ertränken würde. Aber wo bekam ich dann den hölzernen Kaminverschlag her, auf dem Rose sitzen musste? Mit solchen Überlegungen verging der Tag.

Auf meiner Anrichte entdeckte ich eine ungeöffnete Flasche Wodka, die mir eine Freundin von früher zum Einzug geschenkt hatte. Bisher hatte es keinen Anlass gegeben, sie aufzumachen und ich würde auch jetzt getrost nicht damit anfangen, Alkohol zu trinken.

Ich aß ein langweiliges Sandwich und ging schlafen. Die Sonne verbrannte zusammen mit dem jämmerlichen Rest meiner Motivation. Der leere Teller blieb, voll mit wirren Krümeln, auf meinem Teppich liegen.

Der Tiefpunkt war dann um drei Uhr nachts erreicht, als ich nicht mehr schlafen konnte und die Bässe lauter waren als mein eigener Puls.

Ich fragte mich, wann die Zeit verging.

DER WIND hackte mir wie eine Krähe im Gesicht herum, als ich am nächsten Morgen auf dem Weg zur Uni war. Ich hoffte, es ging dem Busfahrer gut. Er hatte sich seit zwei Tagen nicht blicken lassen. Wenigstens war ich jetzt mal an der frischen Luft und holte mir eine saftige Lungenentzündung. Danke lieber Busfahrer … eigentlich wollten wir uns ja nichts mehr zu Weihnachten schenken.

Ich lief an der Bank vorbei, auf der ich gestern Inga kennenlernte. Die großen Fenster der Akademie der freien Künste waren noch nicht erhellt und lagen schweigend, mit Eisblumen an den Rändern, im Dunkeln des Morgens. Die Uhren der Stadt zeigten kurz vor sieben, und nur Jesus wusste, wie ich es heute Morgen aus dem Bett geschafft hatte. Jesus wohnte eine Etage unter mir und hörte die Bässe, die mich aus meinem Bett rüttelten, ebenso deutlich wie ich.

Tom würde heute auch noch krank sein. Vermutete ich. Hoffte ich. Hölle, ich. Eigentlich kannte ich Tom kaum, was wahrscheinlich der Grund dafür war, dass ich ihn nicht besonders mochte. Ich wusste nicht mal seinen Nachnamen. Wir hatten uns vor einigen Wochen kennengelernt. Wie Laubbäume im Nadelwald standen wir beide peinlich berührt im Abseits der Massen an Studenten. Es war die Grillfeier, die das Semester für die Neuankömmlinge einleitete. In meinem Kopf war ich hin und her gerissen zwischen einfach nach Hause gehen oder ihn ansprechen, doch als die Worte erst einmal aus meinen Mund fielen und das Gespräch lebte, war alles nur noch halb so schlimm. Er wirkte sympathisch und ich hegte die Hoffnung, endlich jemanden kennengelernt zu haben, mit dem ich die Zeit hier teilen konnte. Wahrscheinlich hatten wir beide damals beschlossen, dass unsere Sozialleiste – wie in dem Spiel Die Sims – langsam alle wurde. Wir brauchten mehr als unser Spiegelbild im Badezimmerschrank. Die Gespräche, die wir bald führten, hatten jedoch nie eine größere Tiefe als die Auswertung von Filmen oder die Diskussion kommender Filme erreicht. Es machte mich fast schon krank, ihm beim Reden zuzuhören, wie die Wörter seinen Mund verließen und wie matschiger, dreckiger Schnee auf dem Boden zurückblieben, wo sie mich noch weniger interessierten als der Schmutz unter ihnen. Zu dieser Zeit trug ich eine innere, – und wie ich mir sagte – natürliche Gereiztheit mit mir herum. Sie wirkte wie eine Mauer gegen alles Schlechte, das noch hinzukommen wollte. Natürlich bewahrte sie mich auch vor allem Guten, denn einfach alles prallte an ihr ab. Nur die wirklich schmerzhaften Sachen suchten sich Risse und Lücken, zogen selbst durch die kleinsten Löcher.

Meine Kontaktlinsen fühlten sich komisch an, als ich das Unigebäude betrat. Wie kleine Katzenpfoten auf meinen geschlossenen Lidern.

Gott, war ich allein.

Als ich in den Hörsaal, in dem gleich Physik (wortwörtlich) vorgelesen werden würde, kam, hörte man nur das Stöhnen und Schnaufen und Ächzen meiner versammelten Kommilitonen. Es waren wesentlich weniger als letzte Woche und dennoch mehr als nächste Woche. Es war eine Tendenz zu erkennen.

Wie ich es vermutet hatte, konnte ich meinen suchenden Blick nach Tom schon nach wenigen Sekunden abbrechen. Sein widerspenstiger Haarschnitt und seine dunkel umrandeten Augen waren nirgendwo zu sehen. Ich setzte mich also wie immer allein nach ganz hinten. Ein Mädchen mit kurzem braunem Haar kam in den Hörsaal rein und blieb kurz vor meiner Reihe stehen. Ich sah hoch und lächelte. Keine Ahnung woher ich das Lächeln nahm. Wahrscheinlich war es schon abgelaufen, denn sie drehte sich um und setzte sich drei Reihen weit weg.

Ich bin nicht unsozial. In der Schule hatte ich früher viele Freunde. Man mochte mich, auch wenn das jetzt vielleicht großkotzig klingt. Doch nun habe ich Schwierigkeiten damit, neue Leute kennenzulernen. Irgendwie war das früher einfach passiert, und jetzt stand ich hier und würde die versammelte Zombiemannschaft am liebsten befragen, ob jemand mit mir um drei Uhr nachts gerne Disney-Filme gucken würde. Vielleicht betrunken. Wie sollte ich denn bitte schön zu jemanden hingehen und ihn einfach ansprechen? Die Wahrscheinlichkeit, dass wir grundverschieden sein würden, liegt bei vielleicht neunzig Prozent. Genauso hoch wie bei Tom.

Irgendwie ist man da früher einfach so hineingestolpert – in so eine Freundschaft, meine ich. Es wurde Zeit, mal wieder zu stolpern!

Aber ich war nicht mutig genug. Ich saß alleine meine Zeit ab.

Der Physikprof sah aus wie der Professor aus Zurück in die Zukunft. Ich suchte den fiktiven Charakter im Internet auf meinem Handy und hielt das Ergebnis gegen den echten Physikprofessor, wobei meine Augen die beiden abwechselnd scharf stellten. Das Bild sah tatsächlich aus wie sein Zwilling, oder jedenfalls wie ein Foto davon. Ceci n’est pas une pipe. Und das war auch schon das Highlight der Vorlesung. Neunzig Minuten später konnte ich gehen. Ich hatte nichts mitgeschrieben. Wozu auch? Damit muss sich dann mein Zukunftsich auseinandersetzen. (Wir hassten uns, wohlgemerkt.)

An der Bushaltestelle überlegte ich kurz, ob ich mein Glück mit meinem Lieblingsbusfahrer noch einmal versuchen sollte.

»Okay, aber das ist deine allerletzte Chance«, sagte ich wie die Mutter, die ihrem verzogenen Kind zum dreihundertsten Mal drohte. Also setzte ich mich und wartete. In der Akademie der freien Künste gegenüber brannte noch immer kein Licht. Die schienen heute auswärts zu tanzen.

Als ich mich hinsetzte, tauchte jemand aus den morgendlichen Schatten auf. Der Junge aus dem Nebel hatte braune Haare wie ich, seine hingen ihm jedoch lockig über die eine Hälfte seiner breiten Stirn und er hatte die Seiten kurzrasiert, was zurzeit wirklich jeder so trug. Manchen stand es verdammt gut und manche sahen so aus, als hätten sie es selbst geschnitten. So wie Britney damals. Ihm stand es. Er trug eine viel zu dünne Jacke und Schuhe, die sieben Nummern zu groß schienen. Die Schnürsenkel hingen drei Kilometer hinter ihm. Sein Kinn besaß den leichten Schatten eines Bartes.

Ich wollte mich gerade zurücklehnen und Musik hören, als er mich ansprach.

»Bist du nicht der Verdammte-Scheiße-Typ von gestern?«

Perplex zog ich die Kopfhörer aus meinen Ohren. Hatte er mich gerade als verdammte Scheiße bezeichnet?

»Was?!«

»Bist du nicht der Verdammte-Scheiße-Typ von gestern?«, wiederholte er mit etwas Nachdruck.

»Ich glaube, ja.« Ich war immer noch verdutzt, dass er mich einfach so ansprach.

Er setzte sich zu mir auf die Bank. Für meinen Geschmack etwas zu nahe für den ersten Kontakt. Erster Kontakt … als wäre er ein Alien oder so.

»Ich bin Pilou, und du?«

»Pilou?« Mir fiel nicht im Entferntesten auf, wie unhöflich das war. Ich wartete auf eine Antwort, aber es kam keine, also fügte ich hinzu. »Den Namen habe ich noch nie zuvor gehört.«

Er gluckste leicht. Ich war scheinbar nicht der Erste, der dies anmerkte. »Ja, den Namen gibt es. Meine Eltern kommen aus Schweden, habe ich mir sagen lassen, und wollen die Tradition scheinbar nicht aussterben lassen, ihren Kindern Namen zu geben, die sie dreimal wiederholen und dann buchstabieren müssen. Und nachdem das im Schnitt schon immer zehn Minuten dauert, kommt im Anschluss noch der Nachname dran. Schmaalstedt.« Er fuchtelte ziemlich viel mit den Armen, während er sprach. Seine Stimme war geradezu überladen mit Ironie, was mir sehr gefiel. Wenn die neunziger Jahre Jugend eines beherrschte, dann war es Ironie und Sarkasmus.

Ich schnaufte beim Kichern leicht, was kleine Nebelblasen in der kalten und trockenen Winterluft entstehen ließ, die wie ruhelose Geister im Nichts verblassten.

»Also mein Name ist Vincent, und den musste ich noch nie buchstabieren, glaube ich. Vincent Steiner.«

Scheinbar war Pilou gerade mit einatmen beschäftigt, denn er verschluckte sich dabei und prustete laut vor Lachen. »Du? Steiner? Und Vincent … Vincent Steiner?« Er verstellte seine Stimme und tat so, als sei er ein Offizier aus dem letzten Weltkrieg: »SIE! KOMMANDANT STEINER! ANGETRETEN!«

Ich lächelte, denn auch das hatte ich nicht zum ersten Mal gehört, was schon ziemlich verrückt war.

»Schön, dass wir das geklärt haben. Ich glaube es wäre besser, wenn wir bei Fin für mich bleiben würden. Ich mag meinen ganzen Namen nicht besonders …«

»Wer tut das schon?«

»Leute die Maximilian heißen bestimmt …«, sinnierte ich mit dem Blick in der Ferne. »Eingebildete Schnösel…«

Wir gingen einfach los, ohne zu wissen, wohin. Es störte mich jedoch keines Wegs. Pilou hätte mich überall mit hinnehmen können. Ich war zufrieden damit, wie unser Gespräch verlief. Wir hatten uns beide ›beleidigt‹ und noch nicht mal zehn Sätze miteinander gewechselt.

»Okay, Fin« sagte er und hielt mir seine Hand hin. Ich schüttelte sie, wobei er mir fast jegliche Knochen brach, als müsse er mir umgehend beweisen, dass er das Alpha-Erdmännchen sei. Auch er war nervös. »Schön dich und das cholerische Monster, das in dir wohnt, endlich einmal kennenzulernen.«

»Das cholerische Monster zahlt keine Miete mehr«, sagte ich, »es wird also am Ende des Monats rausgeschmissen.«

»Überleg dir das gut«, grinste er, wobei seine braunen Augen Wärme spendeten, »Es verleiht dir eine rebellierende Art.«

In den folgenden Sätzen stellten wir uns einander ein wenig vor, kamen aber nicht sonderlich weit, was ich schade, aber nicht überraschend fand. Wir redeten über Bücher, über Rockmusik (Was nicht ganz mein Steckenpferd war.), und ich stellte fest, dass sein Wissen in moderner Popkultur meines in einigen Fächern sogar schlug. Und dann sagte ich was Falsches…

»… ja, aber ich hab’ auch noch nie Star Wars gesehen.«

Man konnte hören, wie die Luft um Pilou zu kochen begann. Die Eiszapfen an der Bushaltestelle begannen merklich zu tropfen. Sie weinten um meine Kleinkrämerseele.

»Du hast … du hast … was?«, er verhaspelte sich und hechelte vor Unglaube, als hätte ich gerade erwähnt, dass ich weder lesen noch schreiben könne und die Uni nur besuchen würde, weil ich an einem Zeugenschutzprogramm teilnähme. »Wie kann ich nur ZWEI Leute kennen, die noch nie Star Wars geguckt haben.«

Ich runzelte die Stirn, da ich natürlich nicht wusste, von wem er sprach. Er fuhr fort und half mir so auf die Sprünge: »Kennst du Lisa? Bestimmt kennst du Lisa. Jeder kennt Lisa.«

»Nein.«

»Jeder. kennt. Lisa!«

Mit großen Augen und ehrfurchtsvoller Stimme flüsterte ich: »Ich bin was Besonderes.«

»Okay, Lisa ist …«, er überlegte kurz, »… ein Mädchen, über das der introvertierte Hauptcharakter eines 80er-Jahre Teenie Films einen Offmonolog halten würde. Ein bisschen zu frech und vorlaut, aber gut und gemocht. Ich bin ja eher der Typ, der Menschen nicht so gut findet, aber Lisa versteht sich einfach mit jedem, keine Ahnung, wie sie das macht. Ich hab sie hier am dritten Tag kennengelernt; da kam sie zu mir ins Herrenklo hereingeplatzt, weil sie angeblich die Schilder nicht gelesen hat.« Er lächelte breit bei dieser für beide Seiten unangenehmen Erinnerung. Seine Eckzähne lächelten am meisten.

»Lisa war heute nicht in der Uni, weil sie erkältet ist. Oder sie hat ihre Tage. Keine Ahnung. Jedenfalls hatten wir eigentlich abgemacht, dass sie mit mir zu Ikea kommt. Da hat mir die Blöde natürlich abgesagt und nun suche ich jemanden, der mit mir zusammen dort hinfährt. Ich hasse einkaufen mehr als die Prüfungsphasen im Sommer.«

Ich war ein bisschen überwältigt von den vielen Worten, da Pilou sehr schnell sprach, als würde sein Herz ihm unter der Zunge schlagen.

»Mh, okay.« Ich versuchte nicht allzu beeindruckt zu wirken, cool zu tun.

»Im Gegenzug bist du heute Abend zu uns eingeladen«, lockte er mich noch, obwohl ich schon längst am Haken saß.

Mein Herz schlug gerade ziemlich schnell und die Hände in meinen Jackentaschen wurden schweißnass. Mir ging das alles irgendwie zu einfach. Als würde ich … Als würde ich in etwas hineinstolpern.

»Warum willst du nicht allein zu Ikea?«, wollte ich noch neugierig wissen.

»Du warst anscheinend noch nie allein dort. Man zieht auch nicht ohne Brüder in einen Krieg, Kommandant Steiner! Ah! Da kommt schon die Tram«, sagte er freudig. Ich hatte gar nicht mitbekommen, dass wir zum Doberaner Platz gelaufen waren. Ich stieg bereitwillig hinter ihm ein.

IN DER STRASSENBAHN (ich hasse das Wort Tram) ließen wir uns über die Professoren aus. Bei sieben Professoren waren nur zwei gute dabei: Mr. Mathe, der auch nur gut war, weil man in seiner Vorlesung so laut reden konnte, wie man wollte … und Mr. Konstruktionslehre, der die wahrscheinlich beste Vorlesung an der ganzen Universität gestaltete und der einzige Professor mit einem Sinn für Humor auf dem Campus war.

Ausgemalt hatte ich mir damals immer eine Uni, an der die Professoren und Dozenten aus Freude und tiefster Überzeugung unterrichteten, doch in Wahrheit erfüllten sie nur ihren leidlichen Plan, den sie vollenden mussten, um Forschungsgelder zu bekommen. Jedenfalls kam es mir bei den meisten so vor. Manche hatten vielleicht auch einfach nur den falschen Job gewählt. Erschrocken stellte ich fest, dass ich vielleicht auch gerade auf diesem Weg war. Ich verschob diese Gedanken auf später.

Die Fenster der Straßenbahn waren beschlagen und man konnte nichts erkennen, was außerhalb lag. Die bunten Lichter der Stadt erhellten die milchigen Scheiben wie blasse Erinnerungen in kalter Nacht, derweil die Wärme des Weihnachtsmarkts in ihrer familiären Herrlichkeit an uns vorbeizog, während Pilou einen Penis an die beschlagene Scheibe malte. Die Oma im Sitz neben uns wurde rot, dann wurde ich rot und sie setzte sich von uns weg.

Die Straßenbahn erreichte langsam das Randgebiet der Stadt, wo sich die riesigen Logistikzentren und Baumärkte und Autohäuser und Stadtmauern und Burggräben mit Krokodilen drin und … türmten.

»Wie sieht’s bei dir mit den Prüfungsqualifikationen aus?«, fragte Pilou, als das Ikea-Schild am Himmel auftauchte. Diese Qualifikationen waren eine trickreiche Sache. Man musste im Vorfeld, bevor die Prüfungen mit ihren ekelhaften Fratzen überhaupt im Kalender zu sehen waren, Kontrollen bestehen, um sich – tatatataa! – zu qualifizieren. In der Regel waren diese kleinen Prüfungen einfach …

»Eigentlich habe ich alles bestanden. Außer …«

»Nein. Sag mir bitte nicht, dass du in Mechanik durchgefallen bist!«

»… darf ich lügen?«

»Du hättest überall durchfallen können, nur nicht da, wo es nur zwei Versuche gibt. Die machen das mit Absicht, um die Idioten auszusieben … nicht, dass du einer wärst.«

»Ja, und im Sommer gibt es den letzten Versuch, und da schüttle ich mir dann die 1,0 aus dem Ärmel«, prahlte ich, als würde es sich dabei nur um ein Springspiel zwischen Zweitklässler handeln. Jetzt wo er mich auf die zweite Qualifikation ansprach, hatte ich allerdings noch eine Frage: »Weißt du, warum die letzte Zulassungsprüfung so spät ist? Ich hatte nach dem Fehlversuch eigentlich gedacht, dass ich zwei Wochen später wieder antreten muss.«

»Da hast du bei der ersten Veranstaltung wohl nicht aufgepasst.« Pilou runzelte die Stirn, lächelte dabei aber auch. Er hatte so ein schiefes Lächeln, das von den krummen Eckzähnen ausging. Vielleicht ist das bei Schweden ja so. Verrückte Schweden. »Die Professorin meinte, dass die zweite Qualifikation so spät ist, damit man nicht noch mal für die Prüfung lernen muss. ›Alles in einem Wisch‹, meinte sie mit dieser flippigen Handbewegung. Das soll die Studenten entlasten.« Er lachte. »Als würde sie es kümmern, dass Studenten auch stressige Stoßzeiten im Jahr haben.« Pilou tat so, als wische er sich eine Träne aus den lachenden Augen. »Ach, die Alte macht mich fertig. Dabei weiß sie ganz genau, dass alle, die dort durchfallen, nie wieder etwas im Ingenieures-Bereich in Deutschland studieren dürfen. Also streng dich an!«, feuerte er mich aufmunternd an.

»Ich schaff das schon.«

»Du scheinst echt in Ordnung zu sein. Ich glaub an dich!«

Er erhob sich, lächelte noch einmal zu dem langsam verblassenden Penisbild am nassen Fenster und wir stiegen aus. Ich dachte immer noch über seine letzten Worte nach und blieb kurz sitzen, aber bevor er es merken konnte, lief ich ihm schnell hinterher. Ich war sozial so allein gewesen, dass mich das eben ein bisschen umgehauen hatte.

ICH HOFFE, dass es irgendwo ein Wörterbuch gibt, in dem Ikea als ›schwedischer Puzzlehersteller‹ verzeichnet ist. Das geheime Unternehmensmotto ist sicherlich: Wir werfen Extrateile rein, nur, um die Kunden nervös zu machen.

Die aus Schweden importierten Angestellten machten mir ein wenig Angst. Das geschmacklose Gelb ihrer Uniform und ihr Verschwinden, wenn ein Kunde sie suchte, machte sie höchst verdächtig.

Wir schritten durch die gewundenen, scheinbar unendlich langen Gänge aus gut sortierten Mobiliaren. Als ich nach einigen Minuten im Gedränge einen Blick zu Pilou hinüberwarf, wurde mir klar, warum er mich dabeihaben wollte. Seine Haut hatte nicht mehr diesen gesunden Ton, den man wahrscheinlich als Pfirsich bezeichnen würde. In diesem Moment hatte sein Gesicht die Farbe von Schmelzkäsezubereitung angenommen.

»Ist bei dir alles in Ordnung?«, erkundigte ich mich grinsend.

»Ja, ich mag einfach nicht so gerne Menschen.«

»Menschenmassen?«

»Ja, die auch.«

Er schwitzte und seine Haare klebten ihm an der Stirn, seine Fingerknöchel waren weiß und er hatte die Arme eng an den Körper gepresst, als würde er jeden Moment damit rechnen, mit kaltem Wasser übergossen zu werden.

»Okay, das ist dein voller ernst.« Ich hatte gedacht, dass er die ganze Einkaufsgeschichte übertrieb, doch ich musste nun unweigerlich feststellen, dass ihm das hier wirklich keine Freude bereitete. Er tat mir leid.

»Warum tust du dir das denn an?«, fragte ich ihn.

»Hast du eine Freundin?« Er zögert ein wenig, wartete meine Antwort ab, wollte vielleicht noch etwas hinzufügen.

»Nein, ich habe gerade, jetzt, in diesem Moment, keine Freundin.«

»Okay. Ich schon. Und sie hätte gern ein neues Regal für ihre Schallplatten. Ihr jetziges platzt schon aus …«

Ich wollte zuhören, wirklich, doch in derselben Sekunde liefen wir an einem Klapptisch mit dem Namen (Ja, warum sollte ein Klapptisch keinen Namen haben?) Ingatorp vorbei. Mein Bewusstsein wurde unweigerlich aus dem Ikea herausgerissen und gezwungen, an Inga zu denken. Vielleicht sah ich sie morgen ja wieder. Oder nächste Woche. Oder zu Chanukka.

Als Pilou fertig war mit Reden, schlenderten wir weiter durch die kunterbunt überschmückten Inspirationshallen. Jedes Mal, wenn Pilou von Jemanden angerempelt wurde, hörte ich ihn wie eine kleine Maus quietschen. Ich setzte äußerlich ein verständnisvolles Gesicht auf, doch das Geräusch, das er machte, war schon ein wenig komisch.

Wir hielten an einer Karte. (Also mal ganz ehrlich … Wenn ein Markt eine Karte bereitstellen muss, damit sich Kunden zurechtfinden können, stimmte wohl irgendwas mit dem Konzept des Ladens nicht.)

»Hast du die Abteilung schon gefunden?«, fragte er mich, während er den ausführlichen Wegweiser mit den Augen abscannte.

Da ich schon wieder vergessen hatte, wonach wir suchten, brabbelte ich irgendetwas von wegen »Nein, noch nicht.«

Meine Augen schweiften ab, und ich sah einen Stuhl in einem Wohnzimmer. Er hatte ein Gerüst aus gebogenem, dunklem Holz, graue Stoffbespannung und ein gepolstertes Kopfteil. Sein Name war Poäng.

Mein Auge lagen träumend in der Ferne und ich flüstere: »Po-eng.«

»Was?« Pilou glaubte sich verhört zu haben.

»Der Stuhl dort heißt Po-eng.« Wir lachten beide, und die Oma, die vorhin in der Straßenbahn schon neben uns saß, hörte uns und lief schnell weg.

Wir machten einige rasche Schritte durch die endlosen Hallen und blieben dann, auf Pilous Befehl, vor einem windschiefen Schrank in Billigoptik stehen. Das Holz, aus dem er bestand, sah recycelt aus. Mehrfach.

Da wir unmöglich diesen mitnehmen konnten, mussten wir alle seine Daten von einem kleinen Schildchen abschreiben. Diese Daten würden wir dann in einer Lagerhalle ausfindig machen müssen. Schweden spielen gerne Spiele. Komisch nur, dass Pilou überhaupt keine Lust darauf hatte. Ich holte einen von einer Million Gratisbleistifte, und wollte mir gerade die Daten aufschreiben, da hörte ich ein nostalgisches Fotoapparat-Geräusch. Es kam aus Pilous Handy. Ja, das ist wesentlich bequemer, dachte ich.

Ich steckte den Gratisbleistift ein und bestätigte es mit: »Jetzt hab ich den Bleistift umsonst geholt«, als wäre ich für ihn bis nach Tijuana gelaufen.

»Umsonst? Nichts ist umsonst, junger Padawan!« Und er ging zu einem Bleistiftspender hinüber, der an der Wand hing, schaute einmal über jede Schulter und holte eine Hand … eine RIESIGE Hand voller Ministifte heraus, die gleich in seine Gesäßtasche wanderten. »Wir machen ein Spiel daraus.«

Ich holte mir auch eine RIESIGE Hand voller Bleistifte.

»Es funktioniert folgendermaßen …«

Wir gingen weiter, während er mir die hochkomplexen Regeln erklärte.

» … Jeder von uns hat nun eine unbekannte Anzahl an Stifte, die in etwa gleich groß sein sollte. Nun kann jeder von uns, jederzeit, einen Stift irgendwo hinlegen oder werfen. Der Andere muss ihn dann holen-«

»Das ist bescheuert«, unterbrach ich ihn lächelnd, während wir durch eine Abteilung liefen, in der es nur Toiletten und Klobrillen gab. Pilou blieb stehen, hob eine Klobrille an, und ließ einen Stift hineinfallen. Ein klares, helles Geräusch hallte zwischen den Wänden der Keramik hin und her. Ich machte dieses milde begeisterte Gesicht, das Lehrer so gut beherrschen, und trat an die – zum Glück nicht angeschlossene – Schüssel heran. Ein Griff und ich hatte den fingerlangen Bleistift in meinen Händen.

»Geht doch.«

Er lächelte zufrieden, und ich schwor mir, es ihm heimzuzahlen … Und dann erkannte ich den Sinn des Spiels. Na das kann ja noch heiter werden, dachte ich.

Nach knapp zweiundvierzig Wegstunden erreichten wir die Hallen voller Kartons und piepender Gabelstapler. Mein neuer Freund schaute kurz die Daten auf seinem Handy nach und lief dann schnurstracks, wie gesteuert, auf eine Regalreihe zu. Pilou stemmte den kackbraunen Karton aus der Anhöhe; endlich hatte sein Gesicht wieder Farbe. Das Objekt der Begierde schien ziemlich schwer zu sein, aber er bestand darauf, es allein zu tragen.

Als wir an einer von zweiunddreißig Kassen standen, kam ich auf die beste Idee meines Lebens; mir fiel das Bleistiftspiel wieder ein – in erster Linie, weil ich das Gewicht der dreißig Bleistifte langsam an meinem Hintern spürte.

Der Laden war so brechend voll, als hätte jeder gerade Lohn bekommen; als wäre übermorgen Weihnachten (Was fast stimmte); als würden sie heute das komplette Sortiment verschenken, weil alles, nach zweiter Betrachtung, für ziemlich hässlich befunden wurde. Alles auf einmal.

Und meine Idee war, in meine hintere Tasche zu greifen, demonstrativ einen Bleistift hervorzuziehen, ihn zwischen Zeigefinger und Daumen zu spannen und einmal quer durch die ganze Lagerhalle zu feuern. Ich hatte extra viel Kraft hineingelegt, da ich eigentlich damit gerechnet hatte, wie eine Lusche zu werfen. Scheinbar hatte ich meine Kraft falsch eingeschätzt. Der Stift flog aus unserer Sichtweite heraus.

Pilou schaute mich an, als hätte ich seinen Erstgeborenen bei einem Babysitter mit Schnurrbart und undurchsichtiger Vergangenheit gelassen. Und dann machte er sich auf den Weg.

Ich feierte meinen Triumph und wartete. Und wartete.

Und wartete.

Es waren nur noch zwei Leute vor uns in der Schlange. Ich musste zugeben, dass ich das Ganze nicht vollständig durchdacht hatte. Dann war nur noch einer vor uns. Ein alter Mann mit einer Brille so dick wie die Schminke der Kassiererin. Sie war offenkundig die einzige Nichtschwedin hier im Haus. Sie war Barbie, aber nicht Mondlandung-Barbie, oder Pop-star-Barbie, sondern Clownschul-Barbie.

Der alte Herr musste schon sein Wechselgeld herausgeben, was er Barbie überließ, indem er ihr sein Portemonnaie hinhielt. Mit künstlichen Fingernägeln, die nun grotesk, wie ein Ameisenbär im Bau, in der Börse herumwühlten, gab sie ihr Bestes. Ihr Gesicht verriet dabei, dass sie sich nicht ganz sicher war, wonach sie eigentlich suchte … Oder, dass sie auf Klo musste. Keine Ahnung. Ihre Mimik war ein Rätsel. Vielleicht musste man die versteckten Zahlen und Punkte verbinden.

Dann schob der alte Herr seinen Wagen weg, und Barbie lächelte mich an, als hätte sie bei ihrem letzten Job als Zahnarzthelferin zu lange am Lachgas gesessen.

»Hiiiiiih!« Ihre Zähne blendeten mich.

Bevor ich laut Meine Augen! schreien konnte, sagte ich einfach nur verlegen und kleinlaut: »Hallo …«

Ich schob den schweren Karton langsam vor, um so viel Zeit herauszuschinden, wie nur irgendwie möglich. Ihre Nägel klapperten ungeduldig auf der Theke. Ich spürte die Leute, die nun auf mich warten mussten, unruhiger werden. Die Schlange hinter mir hätte das Volk, das Moses durch die Wüste führte, wie eine Kindergartengruppe am Ausflugtag aussehen lassen. Meine schweißnassen Hände hinterließen dunkle Schatten auf dem Karton. Wie lange kann es dauern, einen Bleistift von der Größe einer Stecknadel in dieser arschgroßen Lagerhalle zu finden ?

»Ich brauche den Barcode zum Scannen, Kleiner.« Ich war höchstens zwei Jahre jünger als sie. Der Kaugummi half bei ihrer undeutlichen Aussprache nur bedingt. Barbie stand auf, schwang sich um den Tresen und suchte den Code. Es machte Pling und ich durfte bezahlen. Zum Glück hatte ich überhaupt Geld mit. Und achtundvierzig Ikea Bleistifte, die mir am Arsch drückten.

Als ich den Karton von der Kasse wegschob, hörte ich vor mir einen Bleistift auf den Boden aufschlagen. Pilou wartete auf der anderen Kassenseite schon auf mich. Er war durchgeschwitzt und sah ziemlich fertig aus. Vielleicht hätte ich den Stift nicht in eine Menge aus dreihundert Menschen werfen sollen. Aber er lächelte jetzt und hielt das kleine Hölzchen stolz in die Luft. Ich hob meinen noch verbleibenden vom Boden auf, als er sagte: »Nun sind wir erstmal quitt.«

Erstmal, dachte ich zufrieden und gespannt auf das, was kommen mochte.

Pilou wischte sich einmal den Schweiß vom Gesicht.

»Gut, dann fahren wir jetzt zurück und trennen uns am Doberaner Platz. Du willst ja sicherlich vorher noch mal nach Hause. Hattest du mir eigentlich vorhin zugesagt für heute Abend?«

»Nein, ich glaub nicht«, lächelte ich, ohne es zu merken. »Aber ich komm liebend gern.«

Wir tauschten unsere Wohnorte aus und speicherten sie ab.

»Na dann freu dich schon auf die Anderen. Die Ganze Meute. Dann kannst du alle einmal kennenlernen!

Ich hab den Fehler gemacht, dass jeder jeden einladen konnte. Erschreck also nicht, wenn du reinkommst und eine Million Leute da sind. Hoffe mal, dass ich morgen noch eine Wohnung habe, die nicht abgebrannt ist oder von willenlosen Waschbären geplündert wurde.«

Und auf einmal sackte mir das Herz in die Hose und ich war wieder aufgeregt, als passierte das alles zum ersten Mal.

WIR TRENNTEN UNS nach dem Einkauf an der Hauptkreuzung der Stadt. Pilou mit dem Karton in der Hand, den seine Freundin unbedingt haben wollte, ich mit meinem schlagenden Herz in der Hand, da ich so aufgeregt war, was heute Abend alles passieren würde.

Ich kam leicht verfroren nach Hause, während die Sonne schon wieder unterging. Im Winter hielt sie es, wie auch die Menschen, nicht lange draußen aus. Diesmal wurde ich nicht von der Katze begrüßt. Ich schmiss meine Sachen ins Zimmer und holte frische, ungebügelte Klamotten aus dem Schrank. Als ich mein Zimmer Richtung Bad verließ, fiel gerade die Tür meines Nachbarn von gegenüber zu. Ich hatte ihn noch nie gesehen. Vielleicht war er ja ein Pirat mit Augenklappe in den späten Sechzigern, der immer nur in Victoria Secret herumlief. Ich wusste es nicht, würde es aber hoffentlich auch nie herausfinden, wenn ich tatsächlich Recht hatte mit meiner Vermutung. Was ich jedoch wusste, war, dass unsere Zimmer keine Bäder hatten. Vor mir lag die Wohnung meines Nachbars. Links das Treppenhaus und rechts die Tür, die zum gemeinsamen Bad führte. Es war klein und schlecht belüftet. Die Ahnung von Schimmel lag in der Luft. Wie in einer öffentlichen Dusche, mochte man es einfach nur hinter sich bringen. Egal wie viel Zeit man hier verbrachte, man konnte sich nicht zu Hause fühlen. Im Schnitt brauchte ich nur drei Minuten. Der Duschkopf wackelte im Takt der Musik, die mal wieder durch die Wand zu brechen versuchte. Ich glaubte, das Lied schon ein-, zwei-, siebenhundertdreißigmal gehört zu haben. Wenigstens hielt er das gemeinsame Bad sauber.

Zwei Biere hatte ich noch da. Ich packte sie in meinen von Studenten verifizierten Jutebeutel und zog in voller Wintermontur los. Zu diesem Zeitpunkt war es vollkommen still auf unserer Etage. Scheinbar hatte der Pirat auch die Segel gestrichen.

Der Schnee rieselte in faustgroßen Flocken, schlug mir gegen das Gesicht, blieb auf meinen Wimpern liegen. Die Autos krochen durch den plötzlich erschienenen Schnee, schlichen durch die Stadt wie Katzen, hinterließen graue Wolken. Meine Füße machten so ein Geräusch im Schnee, für das es kein Wort gab. Wratsch?

Der Bus, der im selben Moment ankam wie ich, trug so viel Schnee und Matsch in seinen Radkästen mit sich, dass er locker fünfzig Prozent Bus und fünfzig Prozent Schnee war. Eigentlich wollte ich dem Busfahrer dann von meiner vergangenen Woche erzählen, da wir uns ja nicht gesehen hatten, aber als ich sein Gesicht durch die Frontscheibe sah, strich ich diesen Plan gleich wieder. Als er die Tür öffnete, schlug mir eine südländische Hitzewelle entgegen. Ich grüßte wortlos und setzte mich nach hinten.

Die Fahrt war lang, denn Pilou wohnte am anderen Ende der Stadt; vielleicht auch schon ein bisschen außerhalb. Er hatte eine echte Wohnung, und nicht wie ich eine Studentenbude im Zentrum. Unabhängigkeit. Viva la Revolution.

Am Kornlager … So hieß die Straße in der Pilou wohnte. Ich war der festen Überzeugung, dass es die Nummer 36 war, die ich suchte. Ich stapfte zwischen den hohen Neubaublöcken hin und her. Die Stadt zeigte hier ihre unschöne Seite. Hier im Stadtteil Dierkow, schon fast außerhalb von Rostock, sah man des Öfteren Sperrmüllberge und vereinzelt überquellenden Mülltonnen, die zwar nun vom Schnee begraben, aber dadurch ja nicht gleich unsichtbar waren. Trotz des starken Winters konnte man sofort sehen, dass hier auch im Frühling und Sommer kaum ein Baum in voller Blüte stand. Alles war zubetoniert und versiegelt, das restliche Grün wahllos verteilt und unbeachtet zurückgelassen. Doch die Mieten waren ein Traum.

Der Schnee brannte unter meinen Füßen. Meine Finger waren blau und fast gefroren, lagen taub in meinen Taschen. Endlich sah ich die Nummer 36. Ich ging die Namensschilder neben der Tür durch. Schulz, Mi-Ko, Sandré, Hannelore, Quinn-Jea, Lapu, Mihao … Aber nicht das, was ich suchte. Ich war schon eine halbe Stunde zu spät. Meine Füße waren buchstäblich blau (Ich konnte sie zwar nicht sehen, doch bei dem nicht vorhandenen Gefühl in ihnen, musste ich das auch nicht). Ich machte mein zweites Bier auf und suchte in meinem Handy nach der Hausnummer. Meine Finger bewegten sich in Zeitlupe über das Display, doch ich fand, wonach ich suchte … es war die 136. Als ich endlich mit blauen Lippen ankam, war das Bier fast leer. Ich klingelte bei Schmaalstedt.

»*krch* Ja, hallo?!«

»Ja, hallo!«, schrie ich in die Anlage. Ich war sowohl jetzt schon angetrunken als auch ziemlich genervt.

»Hahaha … komm hoch! Fünfer Stock.« Im Hintergrund war laute Musik zu hören.

Die Wohnungstür oben ging auf und das goldene Licht breitete sich auf meinem Gesicht aus. Zuhause.

ICH ZOG MIR DIE NASSEN VERFRORENEN SCHUHE AUS und stellte sie an die Heizung, die vor Hitze geradezu glühte. Im Flur stand der Karton von Ikea. Er war unangetastet und einsam, das sah man ihm an.

Es war laut, überall waren Leute. Wie kleine Drohnen flogen sie vom einen Zimmer ins nächste, tanzten an mir vorbei, sangen und tranken. Ein Junge, den ich noch nie zuvor in meinem Leben gesehen hatte, begrüßte mich mit einem Schulterklopfen. Während ich noch meine Sachen anhob, um Pilou zu folgen, verließen ein paar Leute schon die Party; neue kamen hinzu und ich kam zu dem Schluss, dass ich unmöglich jeden hier kennenlernen konnte. Mein Namengedächtnis war ein rostiges Sieb, auf das mit einer Schrotflinte geschossen wurde.

Mein Herz schlug mir im Hals, als ich das Wohnzimmer betrat. Es war länglich und in etwa so groß wie meine ganze Wohnung. Der Tisch – mehr ein Sammelsurium aus Sachen und überhaupt nicht tischig – war das Zentrum des Raumes, um das eine Vielzahl von Sitzmöglichkeiten geringt war. Couchen, Sessel, Sitzsäcke, Klappstühle, Campingstühle. Der besagte Tisch bestand unter anderem aus Büchern, Zeitschriften, Sitzwürfeln, einem alten Computer ohne Innenleben, Plakaten, einer verwitterten, kleinen Holzbank, einer goldenen Katze, die diese abstützte, einer Bananenkiste aus den Fünfzigern, CDs die sich zu einem gewundenen Turm aufschwangen und einem Jengaturm, der in der Mitte all dessen stand.

Die Temperatur im Zimmer ließ meine Augen fast beschlagen, und als sich meine Lunge zum ersten Mal mit der warmen Luft füllte, schien sie regelrecht aufzublühen. Pilou hatte seinen Arm um mich geschlungen. »Also … das sind Tobias …« ich versuchte mir schleunigst seinen Namen und sein Gesicht einzuprägen, da bemerkte ich, dass ich den nächsten Namen schon verpasst hatte, verdammt! » … Nicole …«, ein hübsches schwarzes Mädchen mit großer Nase, rundem Gesicht und breiten Hüften lächelte mich an, »… Stephanie …«, ein blondes Mädchen mit langen Haaren reichte mir lustlos einen Becher. Der Inhalt war scheinbar warmer Kakao mit noch einer weiteren Zutat. » … Kevin …« Ich trank. Keine Ahnung wer Kevin war. Ich verlor das Spiel sowieso. Der Amaretto brannte mir im Hals, aber der Kakao tat gut. » … und Lisa.« Er war die Reihe durchgegangen und vorne bei uns angelangt. Lisa war … Lisa. Ihre Haare glühten so rot wie die Heizung im Flur. Als sie mich anlächelte, wippten ihre Augenbrauen zweimal und meine Füße waren nicht mehr blau und eingefroren. Sie hatte ein Nasenpiercing, das so klein war, dass es schon fast nicht mehr auffiel.

»Hi!« Ihre Stimme so warm wie das einsame Licht in der Ecke des Raumes. »Hi«, sagte ich zu Lisa und dann zu allen anderen. Alle starrten mich an, als würden sie von mir einen Vortrag erwarten. Ich jedoch ließ mich einfach nur in einen Sitzsack fallen. Von dieser Position aus schauten alle zu mir herunter. Besonders Stephanie mit ihren blauen Augen. Sie hielt ihre Nase Richtung Decke, als wollte sie etwas Bestimmtes in der Luft ausmachen. Pilou ließ sich zwischen ihr und Lisa fallen und sagte: »Ein paar Leute hab ich jetzt ausgelassen, aber ich kenn hier selbst nicht mal alle.« Er lachte auf seine unverkennbare Art. »Frag einfach, wenn du jemanden nicht kennst.« Er wechselte das Thema innerhalb eines Wimpernschlags: »Warum so spät? Verlaufen? Dem Yeti begegnet?«

Ein paar Leute kamen hinzu und setzten sich, um zuzuhören, aber viele machten weiter wie gehabt und tanzten durch die ganze Wohnung, ignorierten unsere geborgene Runde.

»Ja, ich hab mich irgendwie in der Hausnummer geirrt.« Ich pausierte kurz, um etwas zu trinken. Mir wurde warm und Rot um die Nase. »Und was macht ihr alle so? Ich muss mir erst mal einen Überblick verschaffen.«

Pilou sprach wieder für alle: »Also ich und Lisa sind bei dir im Kurs, auch wenn wir uns noch nie richtig gesehen haben«, grinste Pilou. »Stephanie hier ist Kulturwissenschaften … «, er berührte ihr Bein oberhalb des Knies, was mich einen Blick auf Lisa werfen ließ. Wer war hier mit wem zusammen, fragte ich mich.

»… Tobias ist zusammen mit Kevin vom Team BWL. Und Nicole ist unsere kleine Verräterin. Tanz an der A

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